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Flyer INTRO 22 update

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KurzÜbersichts<strong>Flyer</strong><br />

Update 12/20<strong>22</strong>


Erna Kronshage<br />

wird am 12. Dezember 19<strong>22</strong> in<br />

Senne II, Kreis Bielefeld (heute<br />

Bielefeld-Sennestadt) als 11. und<br />

jüngstes Kind einer Großfamilie<br />

geboren, die dort eine kleine<br />

Landwirtschaft betreibt.<br />

Nach der Schulzeit, ab 1937,<br />

arbeitet sie dort als angestellte<br />

„Haustochter im elterlichen<br />

Betrieb“, wodurch sie dann auch<br />

zwingend „kriegsdienstverpflichtet“<br />

ist, denn die Landwirtschaft wird jetzt als „kriegswichtiger Betrieb“<br />

eingestuft. Zusätzliche „Pflichtjahr-“ oder „Arbeitsdienst“-Aktivitäten<br />

werden ihr deshalb erlassen.<br />

Als Erna sich in diesen Kriegsturbulenzen ihren Dienstverpflichtungen<br />

widersetzt, wird sie deswegen von der NSV-Ortsfürsorgerin zu einer<br />

amtsärztlichen Untersuchung geschickt, um ihre Dienstfähigkeit<br />

abzuklären.<br />

Und hier nun begeht Erna den verhängnisvollen Fehler, den Amtsarzt<br />

selbst um eine Auszeit in der „Heil“anstalt in Gütersloh zu bitten:<br />

Erna‘s ältere Schwester Frieda hatte sie dazu angestiftet, die dort drei<br />

Jahre zuvor, nach einem akuten „Erregungszustand am Arbeitsplatz“,<br />

nach nur 4-wöchigem Aufenthalt erholt und vollständig genesen<br />

wiederhergestellt worden war. Genauso wünscht sich Erna das jetzt<br />

auch für sich – und provoziert deshalb - gegen den Willen der noch<br />

sorgeberechtigten Eltern - am 24. Oktober 1942 sogar ihre polizeiliche<br />

Einweisung in die Anstalt Gütersloh.<br />

Hier nun warten aber nicht die von Erna herbeigesehnten Auszeiten<br />

und Genesungsphasen: ihre Dienstverweigerungshaltungen werden<br />

von den NS-Psychiatern dort jetzt rein erbgesundheitlich mit einem<br />

extra erhobenen Familien-Stammbaum gedeutet: und wegen des<br />

Aufenthalts von Erna‘s Schwester Frieda 1939 dort in Gütersloh wird<br />

nun ad-hoc für ihre Bummelei eine „Erbkrankheit“, eine Schizophrenie,<br />

diagnostiziert. Die physischen und psychischen Überforderungs- und<br />

Belastungssituationen jetzt im Krieg für die 19-jährige Erna – als noch<br />

einzig verbliebene feste Mitarbeiterin auf dem Hof zuhause – finden<br />

dagegen keinerlei Beachtung.


Die „Behandlung“ der Schizophrenie erfolgt durch „Arbeitstherapie“ in<br />

Garten und Hauswirtschaft – aber auch mit quälenden Schockthrapie-<br />

Serien, bei denen epileptische Krampfanfälle durch Cardiazol-Injektionen<br />

zur „inneren Entspannung“ ausgelöst werden.<br />

Der Direktor der Heilanstalt Gütersloh, Dr. Hartwich, stellt den Antrag<br />

auf „Unfruchtbarmachung“ wegen dieser Schizophrenie-Diagnose,<br />

gemäß dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“,<br />

wogegen der Vater Adolf Kronshage als der Sorgeberechtigte<br />

der noch minderjährigen Erna vehement Einspruch erhebt und auch<br />

die Diagnose insgesamt bezweifelt.<br />

Das Erbgesundheitsobergericht Hamm weist jedoch die Beschwerden des<br />

Vaters am <strong>22</strong>. Juli 1943 gegen einen Beschluss des Erbgesundheitsgerichts<br />

Bielefeld auf „Unfruchtbarmachung“ endgültig zurück, so dass<br />

die Zwangssterilisation am 4. August 1943 in einem Gütersloher<br />

Krankenhaus erfolgt.<br />

Wiederholte Aufforderungen des Vaters zur Entlassung seiner Tochter<br />

werden ignoriert: polizeilich „zwangseingewiesenen“ Patienten wird<br />

inzwischen per Erlass des Reichsinnenministers die Entlassung verwehrt,<br />

damit es „wegen der Unberechenbarkeit dieser geistig anbrüchigen<br />

Personen“ zu keinen „Unzuträglichkeiten“ in den Luftschutzräumen usw.<br />

kommt – somit ist Erna jetzt regelrecht interniert.<br />

Stattdessen wird sie mit ausgewählt<br />

für einen Deportationstransport von<br />

50 Frauen und 50 Männern am 12.<br />

November 1943 in die Gauheilanstalt<br />

„Tiegenhof“ bei Gnesen im<br />

besetzten Polen – zwingend angeordnet<br />

für alle „überzähligen“<br />

Patienten, die ihren Platz räumen müssen für die aus Berlinangeordnete<br />

„Aktion“ des Hitler-Leibarztes Dr. Brandt, zwecks Schaffung<br />

von inzwischen dringend benötigten Bettenkapazitäten für Lazarett- und<br />

Krankenhauszwecke überall in den Heilanstalten.


Die Anstalt „Tiegenhof“ ist jetzt unter dem mit den deutschen Besatzern<br />

kollaborierenden Anstaltsdirektor Dr. Victor Ratka eine der NS-Mordanstalten<br />

im deutsch besetzten Polen geworden – in der wahrscheinlich<br />

insgesamt ca. 5.000 Patienten getötet werden.<br />

Und hier verstirbt Erna Kronshage nach 100 Tagen Aufenthalt am 20.<br />

Februar 1944 an „Vollkommener Erschöpfung“, wie es die dort<br />

ausgestellte Sterbeurkunde ausweist.<br />

Das ist die damals übliche Umschreibung des gezielten „Euthanasie“-<br />

Mordes durch eine fettlose Ernährung mit einer leichten Schlafmittel-<br />

Überdosierung nach dem sogenannten „Luminal-Schema“, das<br />

von Prof. Dr. Hermann Paul Nitsche extra zum allmählichen<br />

verdeckten Töten entwickelt wurde.<br />

Der Leichnam wird auf<br />

Antrag der Eltern 630 Bahnkilometer<br />

rücküberführt<br />

zum Bahnhof Kracks –<br />

direkt auf das Rangiergleis<br />

gleich neben dem Bauernhof<br />

der Kronshages...<br />

Und am 05.03.1944 findet die<br />

Beisetzung auf dem<br />

„Alten Friedhof“ statt in Senne II/<br />

heute Sennestadt.<br />

Am 06. Dezember 2012 wird<br />

an der Bahn-/Straßen-<br />

Kreuzung Verler Str./<br />

Sender Str./Krackser Straße in<br />

Bielefeld-Sennestadt ein<br />

Stolperstein gelegt –<br />

in unmittelbarer Nähe<br />

zum Elternhaus Erna<br />

Kronshages – dort wo sie vor<br />

jetzt 100 Jahren geboren<br />

wurde …


Am 10.12.20<strong>22</strong> wurde Ernas letzte Ruhestätte auf dem 'Alten Friedhof' in BI-Sennestadt<br />

mit einem Gedenkstein in der Patenschaft des 'Sennestadtvereins' gekennzeichnet.<br />

Frau Heti Schmidt-Wissing hat zur 'Einweihung' dazu eine musikalische Sequenz aus<br />

'Schindler Liste' auf der Alt-Querflöte gespielt.<br />

Die Tonspur dazu: click here

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