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ERNA KRONSHAGE . Mein Lachen ist Weinen

Digitale Online-Ausstellung

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Der Versuch einer Rekonstruktion<br />

in Bildern . Dokumenten . Fakten<br />

Eine digitale Online-Ausstellung mit authentischen,<br />

illustrierenden, gefundenen & z.T. kolorierten Materialien.<br />

Ein Versuch, den Vorstellungen von Leben & Sterben Erna<br />

Kronshages Gesicht, Gestalt & Form zu geben, die durch<br />

jahrzehntelanges Verschweigen & Vergessen immer mehr<br />

zu verblassen & zu verschwinden drohen …<br />

Der Untertitel <strong>Mein</strong> <strong>Lachen</strong> <strong>ist</strong> <strong>Weinen</strong> <strong>ist</strong> einer Episode<br />

aus der Erbgerichtsverhandlung zur Zwangssterilisation<br />

am 29.3.1943 entnommen (s. Tafeln 71/72).<br />

Es <strong>ist</strong> auch das letzte mit der Erbgesundheitsgerichts-<br />

Akte authentisch übermittelte Original-Zitat Ernas und gibt<br />

so auch dem E-Book seinen Namen.<br />

© eddywieand-sinedi.de . 2015 ff.


Wegzeichen<br />

Wo noch Lügen liegen<br />

wie unbegrabene Leichen<br />

dort <strong>ist</strong> der Weg der Wahrheit<br />

nicht leicht zu erkennen<br />

und einige sträuben sich noch<br />

oder finden ihn zu gefährlich<br />

Die Wahrheit dringt vor<br />

und schickt zugleich ihre Sucher<br />

in die Geschichte zurück<br />

und beginnt aufzuräumen<br />

mit den Verleumdungen<br />

und mit dem Totschweigen<br />

der Toten<br />

Vieles wird wehtun<br />

manches verlegen machen<br />

aber die Wahrheit <strong>ist</strong><br />

der Weg der Notwendigkeit<br />

wenn das Reich der Freiheit<br />

nicht wieder<br />

nur ein leeres Wort bleiben soll<br />

und nur ein Gespött<br />

für Feinde und für Enttäuschte<br />

Erich Fried


Im Gedenken an<br />

Hunderttausende<br />

die in unaufhaltsam abschüssige<br />

Leidenswege getrieben wurden -<br />

bis zur bitteren Neige -<br />

konzentrieren sich die Schautafeln<br />

mit Bild & Text auf Geschichten<br />

und Dokus zur Biografie und zur<br />

Ereigniskette um meine Tante Erna<br />

Kronshage (1922-1944), die ab<br />

Oktober 1942 innerhalb von 484<br />

Tagen - Schlag-auf-Schlag -<br />

eingeliefert, schocktherapiert,<br />

zwangssterilisiert, interniert - und,<br />

überzählig aussortiert und<br />

abgeschoben, schlussendlich in<br />

einer abseitsliegenden NS-<br />

Euthanasie-Tötungsanstalt<br />

außerhalb des eigentlichen<br />

Reichsgebiets im Februar 1944<br />

ermordet wird.<br />

Erna-Foto um 1938/39 - koloriert


Erna wird 2 Wochen vor Weihnachten– am 12. Dezember 1922 – in Senne II (heute „Sennestadt“) geboren.<br />

Sie <strong>ist</strong> das 11. und jüngste Kind – und wird sicherlich vornehmlich von den älteren Geschw<strong>ist</strong>ern als<br />

Nesthäkchen „erzogen“ und betüddelt und verwöhnt.<br />

Die Familie Kronshage lebt auf einem gepachteten Bauernhof, den sie auch mit vereinten Kräften bewirtschaftet<br />

– der Vater arbeitet halbtags als Schreiner in einer nahegelegenen Textilfabrik.


Die Großfamilie Kronshage ca. 1930<br />

Obere Reihe von links: Johanne (Hanna) *1913, Martha *1911, Frieda *1909, Emma *1906,<br />

Lina *1903, Heinrich (Heini) *1905, Wilhelm (Willi) *1917, Ewald *1919<br />

Untere Reihe von links: - <strong>ERNA</strong> *1922 (auch Bildausschnitt unten links), Anna *1902, Mama Anna<br />

*1879, Papa Adolf *1876, Adolf *1899<br />

7


Am Neujahrstag 1923 wird Erna in<br />

der Kirche zu Senne II getauft<br />

durch Pastor Jansen -<br />

und am 21.03.1937 (Sonntag<br />

Palmarum) wird Erna<br />

Kronshage in der Kirche zu<br />

Senne II von Pastor Holzapfel<br />

konfirmiert.<br />

Der Konfirmationsspruch lautete:<br />

"Gott <strong>ist</strong> die Liebe; und wer in der<br />

Liebe bleibt, der bleibt in Gott<br />

und Gott in ihm." (1. Joh., 4,16).<br />

8


Das Geburtshaus:<br />

„Mühlenkamp“<br />

Senne II – Nr. 6<br />

um 1940<br />

9


Einfahrt heute auf den Hof - "Mühlenkamp" im Hintergrund sichtbar<br />

(s. Ausschnitt unten rechts)<br />

Der<br />

„Mühlenkamp“<br />

heutzutage<br />

heute: Verler Straße 76<br />

Sennestadt<br />

10<br />

Das Haus – renoviert - heutzutage


A 33<br />

Erna Kronshages<br />

kleine Welt:<br />

Rotes Planquadrat:<br />

entspricht dem „Globus“<br />

– eine Seite zuvor …<br />

12


Typische Sennelandschaft bis in die 50er Jahre …<br />

Dieses Postkartenmotiv zeigt die typische Landschaft in der "alten" Senne - landwirtschaftliche Nutzflächen sind durchsetzt mit kleinen<br />

verstreuten Fichtenwäldchen, Heideplatten, Sanddünen, Sandkuhlen. Bis zum Bau der Sennestadt in den frühen 60er Jahren war die<br />

Senne nur dünn besiedelt - zume<strong>ist</strong> mit vereinzelten kleinen Höfen ...<br />

Ernas Wohnort Senne II war eine kleine Landgemeinde - südlich von Bielefeld - mit damals ca. 2.500 Einwohnern ...


Senne II – OT Kracks – Ansichtskarte aus den 20er-/30er Jahren – die Kirche und der Gasthof Ramsbrock - unten rechts - als<br />

Orts-“Zentrum“


Senne II – „Ausflugsort am Südhang des Teutoburger Waldes“ – mit dem ehemaligen Gasthof Ramsbrock - und der heute überfülltenAutobahn A 2 …<br />

15


Am 1. Mai 1933 wird am sogenannten „Verler Eck“ in Senne II eine „Hitler-Eiche“ gepflanzt – ganz in der<br />

Nähe vom „Mühlenkamp“. Erna <strong>ist</strong> jetzt 10,5 Jahre alt – und sicherlich mit dabei.<br />

Illustrierendes Bildmaterial


Kindheit & Schule<br />

Klassenfoto – ca. 1930-32 – Erna 2 Reihe von oben links (roter Pfeil)


Erna besucht die<br />

Gemeindeschule I<br />

in Senne II<br />

1929 - 1937<br />

18


Ein Klassenraum-Foto von 1935 . Illustrierendes Bildmaterial - koloriert


Rassenkunde (Eugenik) <strong>ist</strong> ab 1933 Unterrichtsfach im letzten Schuljahr<br />

Illustrierendes Bildmaterial


Kopie Original-Schulentlassungs-Zeugnis für Erna Kronshage von 1937 – (Notenschnitt 1,78) 21


Arbeit als<br />

Haustochter<br />

22


Erna Kronshage arbeitet nach der Schulzeit zu Hause als<br />

„Haustochter im elterlichen Betrieb“<br />

„Haustochter“ <strong>ist</strong> zu jener Zeit die offizielle<br />

Berufsbezeichnung für eine junge Frau, "die bis zu ihrer<br />

Verheiratung die Hausarbeit durch Mittun erlernt" - eine<br />

zu der Zeit ganz übliche und verbreitete Anlerntätigkeit<br />

in einem Fremdhaushalt oder eben auch im elterlichen<br />

Betrieb.<br />

Sie lebt dabei mit in der jeweiligen Familie – gegen<br />

Taschengeld, Unterkunft, Verpflegung und Versicherung<br />

– heute hieße das wohl: „Au-pair“, was aber me<strong>ist</strong> auch<br />

die Kinderbetreuung in einem zume<strong>ist</strong> fremden<br />

aufnehmenden Haushalt mitbeinhalten würde ...<br />

Adolf Hitler sagt zur Frauenrolle in NS-Deutschland 1934 u.a.:<br />

„Wir empfinden es nicht als richtig, wenn das Weib in die<br />

Welt des Mannes, in sein Hauptgebiet eindringt, sondern wir<br />

empfinden es als natürlich, wenn diese beiden Welten<br />

geschieden bleiben. (…) Was der Mann einsetzt an<br />

Heldenmut auf dem Schlachtfeld, setzt die Frau ein in ewig<br />

geduldiger Hingabe, in ewig geduldigem Leiden und<br />

Ertragen. Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, <strong>ist</strong> eine<br />

Schlacht, die sie besteht für Sein oder Nichtsein ihres<br />

Volkes.“<br />

Illustrierendes Propaganda-Bildmaterial<br />

23


Auf dem Bückeberg bei Hameln findet ab 1933 bis 1937 alljährlich Anfang Oktober das „Reichs-Erntedankfest“ als Massenveranstaltung<br />

der NSDAP mit dem „Reichsnährstand“, der gleichgeschalteten ständischen NS-Organisation aller<br />

Bauernschaften im Reich, und sogar den Kirchen statt. Ab 1933 in Anwesenheit des neuen Reichskanzlers Hitler, der u.a. mit<br />

Begleittross mitten durch die bis zu 1000.000 bege<strong>ist</strong>erten Teilnehmer auf einem 800 m langen „Führerweg“ langsam hinauf<br />

zur Ehrentribüne „schritt“, um mit Min<strong>ist</strong>er Goebbels u.a. dort Propaganda-Reden zu halten.<br />

Geschw<strong>ist</strong>er von Erna berichteten nach dem Krieg von Tages-Sonderzugfahrten dorthin (ca. 90 Bahnkilometer ab Bahnhof<br />

Senne II). Ob Erna mit dabei war <strong>ist</strong> zwar nicht überliefert, aber doch wahrscheinlich, gerade auch als spätere Bauernschaftbzw.<br />

“Reichsnährstand“-Bedienstete auf dem elterlichen Hof.


Dann – im Krieg dient der „Mühlenkamp“ nach Maßgabe der<br />

NS-Verordnungen der „Sicherung der Ernährung des<br />

Deutschen Volkes“ – weshalb Erna Kronshage als<br />

„Haustochter“ nicht an anderen NS-/BDM-Dienstverpflichtungen<br />

fürJugendliche teilnehmen muss – aber so auch<br />

zur Mitarbeit „dienstverpflichtet“(!) <strong>ist</strong> …<br />

Die Brüder sind inzwischen<br />

Soldaten, und die älteren<br />

Schwestern haben<br />

geheiratet, sind aus dem<br />

Haus, und leben inzwischen<br />

in eigenen Familien. Erna <strong>ist</strong><br />

immer mehr auf sich allein<br />

gestellt


Mit dem Handwagen ging es zum<br />

"Streusel"holen: im Viehstall wurde neben<br />

Stroh auch Moos und Tannennadeln mit altem<br />

Laub vermischt als Einstreu-Material verwendet,<br />

das direkt aus Wald und Flur der Umgegend<br />

aufgeharkt und eingesammelt wurde. 26


Erna rangiert mit dem Handwagen um eine Eiche auf dem Hof und um die dort „geparkten“ Fahrräder der Pendler


Auf dem „Mühlenkamp“, dem elterlichen Hof, werden die Fahrräder der Berufspendler, die mit der Eisenbahn vom<br />

nebenanliegenden Bahnhof „Kracks“ zur Arbeit ins Umland fahren, tagsüber bewacht und „eingehütet“ …<br />

30


Der Bahnhof „Kracks“– wie er im Volksmund bis heute heißt<br />

(Bahn-Haltepunkt „Sennestadt“ – inzwischen wurde das<br />

alte Bahnhofsgebäude abgerissen) – aus Sicht der<br />

Kronshage‘schen Ländereien –<br />

Auch der Fahrplan der Reichsbahnzüge Paderborn –<br />

Bielefeld gibt auf dem „Mühlenkamp“ mit den Takt an.<br />

29


… und so ungefähr sah die Schreinerwerkstatt aus, die „Papa“ Adolf in einem Schuppen auf dem Hofgelände eingerichtet hatte 30


Die Kronshagen-Kinder waren „normale Teenager“ ihrer Zeit:<br />

Ernas Bruder Willi spielt Akkordeon vor der Deelentür – und<br />

Bruder Ewald wirkt fast wie ein „James-Dean“-Verschnitt – Erna<br />

„schmückt“ sich mit dem Militär-Käppi eines ihrer Brüder …<br />

32


Erna als Brautführerin bei der Hochzeit einer ihrer Schwestern am 28.Januar 1939…<br />

Erna und ein kleiner Neffe um 1940 …<br />

Erna Kronshage wächst zur erwachsenen Frau heran …<br />

33


Aus der ursprünglichen Groß-Familie Kronshage mit den 10 Geschw<strong>ist</strong>ern wird so nach und nach eine Klein-Familie,<br />

denn Erna wohnt nun zu Kriegsbeginn allein bei den Eltern.<br />

Sie fühlt sich deshalb immer einsamer und sehnt sich nach gleichaltrigen Freunden und Unterhaltung. Ihre Eltern sind<br />

über 40 Jahre älter als sie - und auch die alltägliche Arbeit wird für sie einfach zu schwer.<br />

Sie sehnt sich nach einer Auszeit, um sich auszuspannen. 34


Bomben-Trauma am 2. Juni 1940<br />

37


Illustrierendes Bildmaterial<br />

Wie aus heiterem Himmel: Am 2.Juni 1940 bombardiert ein einzelner englischer Flieger<br />

den Gutshof Westerwinter auf der gegenüberliegenden Straßenseite – nur 80 bis 100 m<br />

vom Konshage-„Mühlenkamp“ entfernt …<br />

36


... eine junge Nachbarin kommt beim<br />

plötzlichen Bombenangriff ums Leben -<br />

Dieses nachträglich colorierte Original-<br />

ein junger Mann dort wird schwer verletzt<br />

Foto zeigt das Ausmaß der<br />

-<br />

Bombardierung des Nachbarhofes ... die Hofgebäude liegen in Trümmern ...


Die Bombentrichter befinden<br />

sich in nur ca. 80 – 120 m<br />

Entfernung vom „Mühlenkamp“<br />

links nebenan - unter dem grauen Pfeil - gelb umkre<strong>ist</strong>:<br />

der Mühlenkamp“<br />

im Vordergrund: einer der Bombentrichter<br />

bearbeitetes Original-Foto


Das Ausmaß des Bomben-Traumas:<br />

Weiß umkre<strong>ist</strong>: der „Mühlenkamp“ – die roten Punkte markieren die Bombeneinschläge


Erna zieht die Reißleine:<br />

Sie kann nicht mehr und sie will nicht mehr – sie braucht eine Auszeit<br />

• Kriegsangst<br />

• Vereinsamung<br />

• Zukunftszweifel<br />

• Heillose Überforderung<br />

Es kommt bei Erna 1942 sporadisch zu Unpünktlichkeiten und „Widersetzlichkeiten“ / zu<br />

Auflehnungen und Arbeitsverweigerungen.<br />

Erna will nicht mehr allein zu Hause wohnen und arbeiten – sie fühlt sich schlapp und schwach<br />

und überfordert – sie benötigt dringend eine „Auszeit“.<br />

Sie befindet sich in einer Art „Torschluss-Panik“, ihr Leben zu verpassen, und sieht für sich keine<br />

Entwicklung und Zukunft.<br />

Sie sehnt sich nach „intelligenteren Menschen“ und nach angemessenen Sozialkontakten, die<br />

ihrem Alter und ihrer Entwicklung entsprechen …<br />

40


Heutige Erklärungsversuche zu<br />

den Ursachen der plötzlichen<br />

„Widersetzlichkeiten“<br />

und Arbeitsverweigerungen Ernas:<br />

•<br />

Da <strong>ist</strong> die fortschreitende „Vereinsamung“ des vormals „betüddelten“ jüngsten Kindes als das „Nesthäkchen“ einer 13-köpfigen<br />

Ursprungsfamilie, die durch den Kriegseinsätze der Brüder und dem Wegzug der älteren Geschw<strong>ist</strong>er aus dem Elternhaus in eigene<br />

Familien nach und nach zu einer 3-köpfigen Kleinstfamilie geschrumpft <strong>ist</strong> – mit einem großen Alters- und Generationsunterschied:<br />

Erna Kronshage <strong>ist</strong> noch unter 20 Jahre – ihre Eltern sind 66 und 63 Jahre alt …).<br />

•<br />

•<br />

Das „moralische Dilemma“: Erna Kronshage <strong>ist</strong> hin- und hergerissen zwischen dem Genießen der Nestwärme des „Hotels<br />

Mama“ einerseits – und den altersgerechtenAufbruchs-, Loslösungs- und Selbstständigkeitsbestrebungen andererseits …<br />

Das erlebte Trauma des Krieges: der Bombenangriff „aus heiterem Himmel“ auf den Nachbarhof – mit der Tötung einer<br />

Nachbarin und den schweren Verletzungen eines jungen Mannes dort – und der fast vollständigen Vernichtung des<br />

Nachbarhofes insgesamt … - die Wirrnisse des Krieges überhaupt – die Ängste um ihre Brüder, die teilweise an der Front<br />

stehen – der Luftschutzalarm und die Bombenangriffe ab 1941 auf eine nahegelegene Fabrik …<br />

• Zusammenfassung möglicher Ursachen aus heutiger Sicht:<br />

• körperlich überfordert / intellektuell unterfordert<br />

• „arbeitsunfähig“ - braucht eine „Auszeit“<br />

• „Nullbock“-Phase (Pubertät – Adoleszenz)<br />

• Burn-Out-Syndrom (körperliche Überlastung)<br />

• Depressive Verstimmung (keine Zukunftsperspektive – keine gleichaltrige Freundesclicke – Vereinsamung)<br />

• Posttraumatische Belastungsstörung (Bombenangriff auf Nachbarhof)<br />

• Angstsyndrom (Kriegsangst – Sorge um die Brüder an der Front)<br />

41


Ernas Eltern sind verpflichtet, die Bummeleien Ernas<br />

der NS-Ortsfürsorgerin zu melden, die kurz die „Braune<br />

Schwester“ genannt wird wegen der braunen Tracht der<br />

NSV-Schwesternschaft – die als „weibliche Elitetruppe<br />

der NSDAP“ vor Ort die jeweiligen Situationen in den<br />

Gemeinden mit ihren Kenntnissen in Erb- und<br />

Rassenpflege mit beurteilen und überwachen sollen,<br />

um etwaige „Verhaltensabnormitäten“ festzustellen und<br />

weiterzumelden.<br />

Diese dienstbeflissene Ortsfürsorgerin sieht in den<br />

Arbeitsverweigerungen Ernas tatsächlich eine<br />

„Verhaltensabnormität“, ein Dienstvergehen, denn die<br />

„Reichsnährstand“-Bauernschaft <strong>ist</strong> jetzt im Krieg<br />

zur „Sicherung der Ernährung des deutschen<br />

Volkes“ verpflichtet: jeder unvorhergesehene Ausfall einer<br />

Arbeitskraft bedeutet Ertragseinbußen – „und<br />

beeinträchtigt die Wehrkraft der Truppe an der Front“.<br />

Nur Ernas verlässliche Dienstverpflichtung dort im<br />

elterlichen Betrieb rechtfertigt ihre Fre<strong>ist</strong>ellung von<br />

anderen NS-Pflichtveranstaltungen wie die sonst<br />

üblichen BDM-Pflichteinsätze oder Arbeitsdienst.<br />

Die „Braune NSV-Schwester“ schickt Erna zum Amtsarzt<br />

Illustrierendes Bildmaterial


Amtsärztliche Untersuchung:<br />

Erna lässt sich einweisen<br />

Erna wird über die NS-Schwester zu einer Untersuchung<br />

beim Amtsärztlichen Dienst einbestellt (vergleichbar<br />

heutzutage vielleicht mit einer Überprüfung der Dienstoder<br />

Arbeitsfähigkeit durch einen Betriebs- oder<br />

Vertrauensarzt), bei der sie jedoch selbst darum bittet,<br />

in die Provinzialheilanstalt Gütersloh aufgenommen zu<br />

werden, um wieder „fit“ zu werden und zu Kräften zu<br />

kommen.<br />

Zu diesem ungewöhnlichen Schritt <strong>ist</strong> sie wahrscheinlich von ihrer Schwester Frieda angestachelt worden, die in Gütersloh drei Jahre zuvor<br />

wegen eines Erregungszustands nach Streitigkeiten am Arbeitsplatz in nur vier Wochen wiederhergestellt wurde – ohne bleibende psychiatrische<br />

Diagnosen – oder „erbgesundheitliche“ Konsequenzen.<br />

Dieser zunächst verwirrend und naiv anmutende Aufnahmewunsch Ernas in die von ihr wahrscheinlich wörtlich so verstandene „Heil-Anstalt“ <strong>ist</strong><br />

sicherlich jenen guten Erfahrungen der Schwester Frieda dort geschuldet – entpuppt sich aber dann als „Anfang vom Ende“.


Symbolabbildung<br />

Erna will nun unbedingt diesen<br />

Heilanstalts-Aufenthalt zur<br />

„Wiederherstellung ihrer<br />

Arbeitskraft“ sogar gegen den<br />

Willen der Eltern durchsetzen, die ja<br />

noch das Sorgerecht haben - und<br />

Ernas Arbeitskraft auf dem Hof<br />

weiterhin dringend benötigen.<br />

Und so macht sie - wahrscheinlich<br />

sogar auf Anraten der „Braunen<br />

Schwester“, die das<br />

formalrechtliche Prozedere dazu<br />

genau kennt - mit einem gewagten<br />

„Trick“ „Nägel mit Köpfen“:<br />

Um ihre Anstalts-Einweisung zu<br />

erreichen, schwatzt sie ihrem Vater<br />

die Einweisungs-Papiere vom<br />

Amtsarzt ab – und übergibt diese<br />

spontan einer Polize<strong>ist</strong>reife, die mit<br />

ihrem Einsatz-Fahrzeug zufällig in<br />

der Nähe parkt.


(Illustrierende Abbildung)<br />

Wahrscheinlich versucht Erna mit dieser „Aktion“ erstmals aktiv ihr Schicksal und ihre Zukunft selbst in die Hand<br />

zu nehmen, um sich gegen die Bevormundung durch die Eltern durchzusetzen – und doch tickt die Zeit anders<br />

und die äußeren Umstände sind gegen diese Art von Aufbegehren: sie <strong>ist</strong> in den tatsächlich damit verbundenen<br />

Abläufen und Konsequenzen völlig ungeübt und weltfremd – und tappt damit schnurstracks in die Falle:<br />

Sie kann so zwar die formale Zustimmung der Eltern zur Einweisung unterlaufen, doch nun bringt die Polizei<br />

Erna in Begleitung der „Braunen Schwester“ unter dem Stichwort: „Gefahr im Verzug!“ letztendlich als „Sichselbst-und-die<br />

Allgemeinheit-gefährdende-Person“ in die Heilanstalt nach Gütersloh – was formal einer „polizeilichen<br />

Zwangseinweisung“ entspricht …


Ernas Inferno<br />

1993 schuf Rebecca Horn<br />

die Installation „Inferno“<br />

aus über- und ineinander gestapelten<br />

Metallbetten, die aus einer<br />

psychiatrischen Klinik stammten.<br />

© Markus Tretter<br />

VG Bild-Kunst, Bonn 2024<br />

Lebensläufe haben ein langes Gedächtnis. Persönliche Biographien<br />

ebenso wie die gemeinsame Geschichte. Was sich an Erfahrungen<br />

in ihnen aufbewahrt, kann im Laufe der Zeit überlagert, vertuscht,<br />

verdrängt oder totgeschwiegen, nicht aber ungeschehen gemacht<br />

werden.<br />

Erinnern <strong>ist</strong> mehr als bloßes zur Kenntnis nehmen. Wer sich<br />

erinnert oder erinnert wird, dem werden Ereignisse und<br />

Erfahrungen persönlicher und kollektiver Vergangenheit ins<br />

Gedächtnis gerufen, seien sie freudvoll oder schmerzlich.<br />

Er-innern, so sagt es das Wort, geht uns innerlich an, es betrifft<br />

uns. Manches Erinnern erfordert Mut und Beharrlichkeit. Manches<br />

Erinnern <strong>ist</strong> eine Pflicht, die uns der Wille zur Gerechtigkeit und<br />

Wahrhaftigkeit gegenüber Schuld und Versagen auferlegt. ...<br />

„Das Denken an vergangene Angelegenheiten“, schreibt Hannah<br />

Arendt, „bedeutet für menschliche Wesen, sich in die Dimension<br />

der Tiefe zu begeben, Wurzeln zu schlagen und so sich selbst zu<br />

stabilisieren, so daß man nicht bei allem Möglichen – dem Zeitge<strong>ist</strong>,<br />

der Geschichte oder einfach der Versuchung – hinweggeschwemmt<br />

wird“.<br />

Dr. Hartmut Traub, Auszug aus dem Redemanuskript zur Gedenkfeier für die Opfer<br />

er NS-"Euthanasie" am 27.01. 2017 im Deutschen Bundestag


Am 24.10.1942 trifft Erna Kronshage in der Provinzial-Heilanstalt<br />

Gütersloh ein<br />

- Hier ein paar zeitgenössische Ansichts-Postkarten zur Illustrierung des sicherlich damit einhergehenden<br />

„Kulturschocks“ zwischen einer solchen „Heil-Fabrik“ im Ge<strong>ist</strong>e der NS-Psychiatrie und – zum Vergleich – das<br />

ländlich-ruhige Ambiente des elterlichen „Mühlenkamp“-Hofes …


Symbolfoto<br />

Provinzial-Heilanstalt Gütersloh


Frauen-Abteilung<br />

Symbolfoto


Symbolbilder<br />

Ernas Schlafkammer unterm „Dach-Juchhe“ zu<br />

Hause – und jetzt der Bettensaal, in dem es<br />

permanent nach einer Mischung aus Schweiß,<br />

Ausdünstungen und Sagrotan riecht –


Diagnose:„Schizophrenie“<br />

Innerhalb kürzester Zeit soll der Psychiatriearzt als Rückmeldung zu Aufnahme und Behandlung den zuständigen Pflegesatz-<br />

Kostenträger (z.B. Sozialamt, Krankenkasse, Fürsorgeverband usw.) in Kenntnis setzen über die erstellte „Erstdiagnose“ der<br />

eingewiesenen Person. Die NS-Epoche kennt ca. 3 – 5 gängige Standard-Diagnosen, die vielfach ad-hoc „per Hand“ eugenisch<br />

„angemessen“ und aus „Sippentafel“ und Familien-Anamnese regelrecht „errechnet“ und erschlossen werden.<br />

Ernas Verstimmungen und Bummeleien werden in Gütersloh überraschend als „Schizophrenie“ diagnostiziert, sicherlich auch<br />

aufgrund der vor Aufregung ungeübt flapsig wirkenden Abwehrhaltung im Aufnahmegespräch – doch auch der ominöse 4-wöchige<br />

Aufenthalt von Ernas Schwester Frieda 1939 in der Heilanstalt wird jetzt plötzlich von den NS-Psychiatern vor Ort als eine „erbliche<br />

Belastung“ gedeutet in der ad-hoc angelegten „Sippentafel“ zur Familie Kronshage. Alle Möglichkeiten von „natürlichen“ äußeren<br />

re-aktiven oder alters- und entwicklungsgemäßen Auslöse-Mechanismen für Ernas Verhaltensstörungen werden dagegen NS-<br />

Psychiatrie-ideologisch „wissenschaftlich“ zeitgemäß ignoriert …<br />

Illustrierende Abbildung


Erns Erstdiagnose: Schizophrenie …<br />

Ernas Erstdiagnose: Schizophrenie …<br />

In Gütersloh angekommen wird überraschend „Schizophrenie“ diagnostiziert, auch aufgrund der Bummeleien und der ungeübt flapsig<br />

wirkenden Abwehrhaltung im Aufnahmegespräch – aber auch der ominöse 4-wöchige Aufenthalt der Schwester Frieda 1939 in der<br />

Heilanstalt erhält jetzt von den NS-Psychiatern vor Ort einen neuen eugenisch interpretierten Stellenwert in der Sippentafel als „erbliche<br />

Belastung“ plötzlich und zugesprochen ohne äußere – alleAnlässe äußerenentwickeln möglichen re-aktiven kann. oder alters- und entwicklungsgemäßen Auslöse-Mechanismen für Ernas<br />

Verhaltensstörungen werden dagegen NS-Psychiatrie-ideologisch „wissenschaftlich“ ignoriert …<br />

Schizophrenie <strong>ist</strong> eine nach damaligem Verständnis seelisch bedingte Erbkrankheit, die sich von innen schleichend oder<br />

Bei der Schizophrenie kommt es nach heutigem Verständnis zu einem<br />

• Verlust der inneren Wahrnehmung für das, was<br />

Schizophrenie <strong>ist</strong> eine nach damaligem Verständnis seelisch bedingte Erbkrankheit, die sich von innen schleichend oder plötzlich und<br />

• Wirklichkeit oder<br />

ohne äußere Anlässe entwickeln kann.<br />

Bei<br />

• Traum oder<br />

c • Ve d r e lu r • Phantasie <strong>ist</strong> und<br />

h i<br />

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cfhürhdeausti,gwemasVerständnis zu einem<br />

h<br />

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• diese verschiedenen Zeitebenen und Wirklichkeiten fließen ineinander und vermischen sich …<br />

rn<br />

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e t h e m s u<br />

Die Möglichkeiten und Kanäle, sich selbst wahrzunehmen, auf Andere und auf die Umwelt zuzugehen - für Andere da zu<br />

sein oder Sympathien zu entwickeln, sich zu bege<strong>ist</strong>ern ... –<br />

... sind in einer Schizophrenie plötzlich und unwiederbringlich wie in viele kleine Schnipsel und Scherben ohne einen<br />

Die Möglichkeiten und Kanäle, sich selbst wahrzunehmen, auf Andere und auf die Umwelt zuzugehen - fürAndere da zu sein oder<br />

Sympathien zu entwickeln, sich zu bege<strong>ist</strong>ern ... –<br />

... direkten sind in einer äußeren Schizophrenie Anlass geradezu plötzlich und auseinandergefallen unwiederbringlich wieund in viele zersplittert kleine Schnipsel ... und Scherben ohne einen direkten äußeren<br />

Anlass geradezu auseinandergefallen und zersplittert ...<br />

Und Schizophrenie unterscheidet sich damals ausdrücklich von all den vorübergehenden manchmal eigenartig wirkenden<br />

Zuständen, die „psycho-somatisch“, reflexartig ohne eigenes Zutun, als Schutz-Re-Aktionen körperlich ausgelöst werden,<br />

Und Schizophrenie unterscheidet sich damals ausdrücklich von all den vorübergehenden manchmal eigenartig wirkenden Zuständen,die<br />

„psycho-somatisch“, reflexartig ohne eigenes Zutun, als Schutz-Re-Aktionen körperlich ausgelöst werden, wenn sich für die Seele äußere<br />

Ereignisse<br />

wenn sich<br />

als<br />

für<br />

bedrohlich<br />

die Seele<br />

oder<br />

äußere<br />

einschneidend<br />

Ereignisse<br />

darstellen<br />

als bedrohlich<br />

...<br />

oder einschneidend darstellen ...


„Schizophrenie“-Diagnostik<br />

mit der „Sippentafel“<br />

Die Diagnose „Schizophrenie“ wird<br />

damals „hilfsweise“ mit den<br />

angenommenen Regelhaftigkeiten der<br />

hoch im Kurs stehenden Eugenik /<br />

Erbgesundheitslehre und einer deshalb<br />

erhobenen familienbezogenen Ahnenund<br />

Sippentafel – oft nur mit<br />

geringsten oder in der<br />

Generationenfolge weit<br />

zurückliegenden<br />

„Normabweichungen/Auffälligkeiten“<br />

geradezu "errechnet" … – und so als<br />

„wissenschaftlich erwiesene“<br />

Auslösemöglichkeit begründet ...<br />

Besonders der 4-wöchige Aufenthalt<br />

der leiblichen Schwester Frieda in<br />

Gütersloh drei Jahre zuvor wird Erna<br />

jetzt bei der Diagnosestellung zum<br />

„Verhängnis“: der damals an Friedas<br />

Arbeitsplatz ausgelöste<br />

„vorübergehende Erregungszustand“<br />

wird jetzt in der Ahnentafel im<br />

Nachhinein zu einem<br />

„psychopathischen Erregungszustand<br />

- (Schizophrenie)“ umgedeutet …


Ernas Schwester Frieda wurde nach 4 Wochen<br />

Aufenthalt (25.02-25.03.1939) aus der Anstalt als<br />

geheilt entlassen: In Friedas Krankengeschichte<br />

sind auf einem Laufzettel folgende Kriterien<br />

ausdrücklich unterstrichen:<br />

• Entlassung aussichtsvoll<br />

• nicht fortpflanzungsgefährlich<br />

• fortpflanzungsfähig<br />

= keine Erbkrankheit !!!<br />

Handschriftlichen wurde noch hinzugefügt – aber nicht ausgefüllt:<br />

•<br />

•<br />

•<br />

•<br />

Krankheitsform:<br />

Aussicht auf Genesung:<br />

Anzeige an Amtsarzt:<br />

Wiedervorlage notiert zum 4.4.39<br />

(doch – da <strong>ist</strong> Frieda aus der Heilanstalt schonwieder entlassen) –<br />

Die verwirrenden Begriffsfindungen der NS-Ärzte<br />

im Nachhinein für diesen „vorübergehenden<br />

Erregungszustand“ bei der leiblichen Schwester<br />

Frieda 1939 wurden dann in Ernas Unterlagen<br />

umgedeutet in:<br />

• „wegen Ge<strong>ist</strong>eskrankheit in Anstaltsbehandlung<br />

• „Psychopathischer Erregungszustand<br />

(Schizophrenie)“<br />

• „vorübergehende psychische Störungen, die als<br />

schizoider psychopathischer Erregungszustand<br />

gedeutet wurde“<br />

Es gibt bei Frieda definitiv keine<br />

Anhaltspunkte für eine Erkrankung an<br />

Schizophrenie …<br />

54


Eugenik (Erbgesundheitslehre)<br />

<strong>ist</strong> in der Zeit des Nationalsozialismus me<strong>ist</strong> gleichbedeutend mit „Rassenhygiene“.<br />

Sie bezeichnet die Anwendung theoretischer Konzepte der Humangenetik auf die Bevölkerungsund<br />

Gesundheitspolitik - mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und<br />

den Anteil negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern.


Tagsüber werden die PatientInnen jeweils zu den angeordneten<br />

therapeutischen Behandlungsmaßnahmen geführt:<br />

Bei „Schizophrenie“ sind um 1940 im Zuge der „Aktiveren<br />

Krankenbehandlung“ (1929 vom damaligen Gütersloher<br />

Anstaltsdirektor Dr. Simon entwickelt) die „Arbeitstherapie“ (z.B.<br />

Gartenarbeit in der „Kolonne“, Kartoffelschälküche usw.) – aber<br />

auch - „zum inneren Spannungsabbau“ - die gefürchteten<br />

„Cardiazol-Schockbehandlungs-Serien“ angesagt, in denen<br />

künstlich epileptische Krampfanfälle ausgelöst werden<br />

(späterhin als Elektro-Schocks bekannt).<br />

Für Erna sind beide dieser „Behandlungen“ verordnet...<br />

Eine Schwester führt<br />

nach Behandlungsplan<br />

die PatientInnen zu<br />

den jeweils angesagten<br />

Maßnahmen<br />

Symbolbilder<br />

Arbeitstherapie – in der Kartoffelschälküche


Arbeitstherapie<br />

- hier in der Gartenkolonne<br />

Neben dem Kartoffelschälen wird Erna zur „Therapie“ auch in die Gärtnerei-Kolonne abkommandiert – aber das kennt<br />

sie ja genauso schon von Zuhause – und davon suchte sie ja ursprünglich mal eine „Auszeit“, um sich zu „erholen“…<br />

Symbolbild


Zum „inneren Spannungsabbau“ bei<br />

Menschen mit Schizophrenie werden<br />

damals künstlich epileptische<br />

Krampfanfälle ausgelöst.<br />

Das geschieht in Gütersloh mit dem<br />

Medikament „Cardiazol“, das in die Arm-<br />

Beuge gespritzt wird.<br />

Zum Schutz vor Zungenbissen im Krampf<br />

wird eine Beißrolle aus Verbandsmull<br />

zwischen die Zähne gepfropft.<br />

Zunächst stellen sich starke Angstgefühle<br />

ein – und dann bricht der Anfall los mit<br />

Zuckungen und Verkrampfungen, in eine<br />

tiefe Bewusstlosigkeit.<br />

Hinterher fühlt sich Erna völlig matt und<br />

verwirrt und kann sich kaum mehr an<br />

irgend etwas erinnern.<br />

Nach einigen Anfalls-Serien stellt sich<br />

eine panische Angst vor weiteren Schocks<br />

ein.<br />

„Cardiazol-Schocks“ dienen deshalb im<br />

Anstaltsalltag eher einer Bestrafung bei<br />

irgendwelchen konstruierten<br />

disziplinarischen Verfehlungen als der<br />

„inneren seelischen Entspannung“ …<br />

Cardiazol-<br />

Schocktherapie


Das Cardiazol wird in einer bestimmten Dosis verabreicht<br />

Ein Krampfanfall<br />

durch Cardiazol-Injektion ausgelöst – skizziert mit<br />

illustrierenden und veranschaulichenden Film-Szenenfotos<br />

Einspritzen des Cardiazols in die Armbeugen-Vene<br />

Fixierung<br />

Durchleben der einsetzenden Anfallsphase als<br />

sogenannte „Aura“ mit oftmals inneren Horrorbildern …


1<br />

Das Gefühl der traumatisch erlebten "Aura" geht<br />

über<br />

2<br />

in einen epileptischen Krampfanfall mit allmählich<br />

einsetzendem tiefen Bewusstseinsverlust …<br />

Ablaufphasen<br />

beim<br />

epileptischen<br />

Krampfanfall<br />

3<br />

Mit wechselhaften Verkrampfungen aller Gliedmaßen –<br />

Eine „Beißrolle“, wird verabreicht, um<br />

auch der Zehen<br />

Zungenverletzungen im Krampfanfall zu verhindern<br />

5<br />

4<br />

Dann folgen stakkatoähnliche Muskelversteifungen mit<br />

Streck- und Rüttelphasen<br />

6<br />

In der sogenannten Aufwachphase müssen Patienten oft<br />

fixiert werden zum Schutz vor Fremd- und Selbstverletzungen<br />

aufgrund unwillkürlicher Handlungen im noch verwirrten<br />

Zustand


Im „Aufwachsaal“ zur allgemeinen Beobachtung und Nachsorge im Anschluss an die Cardiazolschock-„Behandlungen“.


Die Folgen und Nebenwirkungen<br />

der Cardialzol-Schock-“Therapie“<br />

Der „Erfinder“ Ladislaus von Meduna schlägt vor,<br />

»regelmäßig 30 Anfälle in dreitägigem Abstand<br />

auszulösen« — eine äußerste körperliche und<br />

psychische Belastung. ...<br />

Intravenöse Injektionen von Cardiazol bekämpfen eine<br />

Qual mit einer anderen Qual, die von den Patienten als<br />

Todes- oder Weltuntergangserlebnis erlitten werden.<br />

»Vernichtungsgefühle stellen sich ein«, konstatiert die<br />

Fachliteratur trocken. Oft genug werfen Cardiazol-Stöße<br />

die Patienten vollends aus der Bahn, die das Spritzen<br />

»wie einen elektrischen Schlag verspüren«. Andere<br />

erleben »Photismen« in Gestalt von Lichtblitzen und<br />

Rotsehen, oder »Schmerzen bis in das äußerste Ende<br />

des Körpers«.<br />

Dr. Ernst Adolf Schmorl schreibt 1938 in der<br />

»Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und ihre<br />

Grenzgebiete« über »Einwirkung der Cardiazol-<br />

Krampfbehandlung auf das klinische Bild von<br />

Psychosen« am Beispiel von 130 Fällen: Bei fast allen<br />

stellt er eine »deutliche Enthemmung« bis hin zu einer<br />

»sprachlichen Entfesselung« fest. Die Beschäftigung<br />

gehe leichter von der Hand. Eine »gewisse Grazie der<br />

Bewegung« will er bemerkt haben, allerdings auch<br />

»Faxensyndrome« mit hochgradiger Verworrenheit.<br />

Schmorl will auf Zähmung hinaus, das Krampfgift sei<br />

geeignet »ruhig zu stellen«, er empfiehlt dazu immer<br />

wieder einzelne »Cardiazolschläge«. Insbesondere<br />

dieser Effekt macht aus Sicht der Doktoren das<br />

Martyrium vertretbar.<br />

Quelle: Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland - Gerhard Richter - Das Drama<br />

einer Familie, Berliner Taschenbuch Verlag, 2007, S. 95-96<br />

„Man werfe einen sich abweichend<br />

verhaltenen Menschen vom Dach<br />

eines Hochhauses und lasse ihn bis<br />

zum letztmöglichen Eingriffspunkt<br />

das Sterbenserlebnis durchleiden<br />

und spanne erst kurz vor dem<br />

Aufprall ein Sprungtuch. Man preise<br />

diese Methode als Therapie an, die<br />

- wen wunderts eigentlich - eine<br />

Erlebnisqualität besitzt, die<br />

Menschen, zumindest auf Zeit,<br />

verändert.“ (s. dazu auch die<br />

ärztlichen Eintragungen in den<br />

Dokumenten zum teilweise spontan<br />

„läppischen und verwirrten<br />

Verhalten“ von Erna Kronshage).<br />

Mit derartigen "finalen" chemisch<br />

ausgelösten Erlebnismodellen<br />

verändert sich gewiss die<br />

biochemische Verstoffwechselung<br />

im Gehirn, also die<br />

Botenstoffübertragungen in den<br />

Neurotransmittern, die natürlich<br />

dann - positiv oder negativ -<br />

Verhaltensäußerungen<br />

beeinflussen können.<br />

Der Disziplinierungsaspekt der<br />

me<strong>ist</strong>en dieser Therapien,<br />

insbesondere der schmerzhaften<br />

und gefährlichen Zwangs-<br />

Schocktherapien, geht aus<br />

psychiatrischen Selbstzeugnissen<br />

hervor. 1988 sagte der Direktor der<br />

psychiatrischen Klinik Waldhaus in<br />

Chur, Benedikt Fontana,<br />

rückblickend über renitente<br />

Insassen seiner Institution:<br />

„Wenn sie bockten,<br />

mussten wir sie schocken.“


Manche „Behandlungen“ werden sicherlich auch gegen den Willen der Patientin durchgeführt.<br />

Symbolbild


Eine notwendige Anmerkung zur NS-Psychiatrie<br />

Wer die Psychiatrie und die Behandlung der ge<strong>ist</strong>ig und körperlich Kranken<br />

im Nationalsozialismus in etwa nachvollziehen will, muss das Menschen- und Gesellschaftsbild<br />

mit berücksichtigen, das sich in den 30er-Jahren „wissenschaftlich fundiert“ auch international<br />

durchsetzte. Die Eugenik – die Rassen-/Erblehre – war nicht nur eine deutsche „Erfindung“,<br />

sondern bestimmte das damalige - fast möchte man sagen - „globale“ Psychiatrie-Wissen …<br />

In Deutschland war es der Mythos der „Volksgemeinschaft” und eine rass<strong>ist</strong>ische Idealisierung<br />

des sogenannten „Ariertums“, sowie das Streben nach einem „gesunden Volkskörper”, der sich<br />

vermeintlich nur durch Ausschluss / Exklusion und Ausmerze der „unerwünschten“ Individuen<br />

und Erbkomponenten tatsächlich realisieren lässt.<br />

Dieser ideologischen Programmatik folgend, wurden „Kranke”, sogenannte<br />

„Asoziale”, Menschen anderer „Rassen“ oder mit Behinderungen oder „abweichendem<br />

Verhalten“ selektiert, menschenverachtend behandelt und schließlich zahlreich liquidiert und<br />

ermordet.<br />

Ärzte, Pfleger, Behördenmitarbeiter, Denunzianten, sowie zahlreiche Helfer und Helfershelfer<br />

trugen das System dieser „Tötung unwerten Lebens” mit …<br />

Erna Kronshage wusste zum Zeitpunkt ihres Einweisungswunsches nach Gütersloh von diesen<br />

Verstrickungen zwischen Krieg, Zeitge<strong>ist</strong>, Eugenik und NS-Ideologie und den tödlichen<br />

Konsequenzen der Krankenmorde anscheinend wenig oder gar nichts, oder tat das als<br />

Gerüchtebildung ab – oder verdrängte das, um sich in ihrem Streben nach Selbstständigkeit<br />

auch gegenüber den Eltern endlich durchzusetzen …<br />

66


Zwangssterilisation


Das Gesetz zur<br />

Verhütung erbkranken<br />

Nachwuchses<br />

wurde bereits kurz nach der NS-<br />

Machtergreifung am 14. Juli 1933 als erstes<br />

Rassegesetz in einer langen Reihe von<br />

Unterdrückungsmaßnahmen verabschiedet<br />

und trat im Januar 1934 in Kraft.<br />

Die Idee des Gesetzes war durch und durch<br />

rass<strong>ist</strong>isch: "Ziel der dem deutschen Volk<br />

artgemäßen Erb- und Rassenpflege <strong>ist</strong>: eine<br />

ausreichende Zahl Erbgesunder, für das<br />

deutsche Volk rassisch wertvoller,<br />

kinderreicher Familien zu allen Zeiten. Der<br />

Zuchtgedanke <strong>ist</strong> Kerngehalt des<br />

Rassengedankens. Die künftigen<br />

Rechtswahrer müssen sich über das<br />

Zuchtziel des deutschen Volkes klar sein."<br />

so der Kommentar von Gütt, Rüdin, Ruttke in:<br />

Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses<br />

vom 14. Juli 1933, München 1934<br />

68


1934 erlassen die Nazis<br />

das „Gesetz zur<br />

Verhütung erbkranken<br />

Nachwuchses“.<br />

Der damalige<br />

Anstaltsleiter von<br />

Gütersloh, Dr. Werner<br />

Hartwich, musste<br />

deshalb auch für Erna<br />

Kronshage einen Antrag<br />

auf „Unfruchtbarmachung“<br />

stellen, weil<br />

damals angenommen<br />

wurde, dass die<br />

Nachfahren der an<br />

„Schizophrenie“<br />

erkrankten Menschen<br />

ebenfalls seelisch krank<br />

oder behindert sein<br />

können - und so dieses<br />

„kranke Erbgut“<br />

weitergetragen wird.<br />

Das hat sich jedoch<br />

wissenschaftlich als<br />

unhaltbar erwiesen.


Adolf Kronshage mit seiner Lieblingskuh<br />

Da Erna noch nicht<br />

volljährig <strong>ist</strong> (damals mit<br />

21 Jahren), hat ihr Vater<br />

noch das allumfassende<br />

Sorgerecht.<br />

Er wehrt sich gegen den<br />

Antrag auf<br />

Unfruchtbarmachung<br />

seiner Tochter und legt<br />

mehrfach vehement<br />

Widerspruch ein.<br />

Gleichzeitig bittet er<br />

immer wieder darum,<br />

Erna aus der<br />

Gütersloher Anstalt zu<br />

entlassen, da er meint,<br />

Erna würde sich in ihrem<br />

Zuhause am schnellsten<br />

erholen.<br />

Deshalb entwickelt sich<br />

ein umfangreicher<br />

Briefverkehr zwischen<br />

der Anstalt, den „Erbgesundheitsgerichten“<br />

und Ernas Vater.<br />

Er kämpft bei<br />

angeschlagener<br />

Gesundheit vehement<br />

für seine Tochter – und<br />

erzwingt mit seinen<br />

Einsprüchen, dass sich<br />

zumindest zwei Erbgerichts-Instanzen<br />

nacheinander damit<br />

befassen müssen …<br />

Zum kompakt zusammengestellten Briefwechsel<br />

des Vaters Adolf Kronshage aus der Erbgerichts-Akte:<br />

>>> click zum Doku-Band "EINSPRUCH"


Illustrierende Fotomontage<br />

<strong>Mein</strong> <strong>Lachen</strong><br />

<strong>ist</strong> <strong>Weinen</strong>


Am 29. März 1943 sitzen in der Heilanstalt Gütersloh ein Amtsgerichtsrat und zwei Medizinal-Oberärzte am Tisch. Sie bilden das Bielefelder<br />

„Erbgesundheits-Gericht“und sie beschließen dort im 20-Minuten-Takt über die „Unfruchtbarmachungen“ von insgesamt 11 Patienten.<br />

Erna Kronshage wird dort als dritter „Fall“ von 8.40 bis 9.00 Uhr „vorgeführt“: Ohne Anwalt – nur mit der mitfühlend dabeisitzenden<br />

Schwester Hanna als Be<strong>ist</strong>andsperson - wird über diese endgültige Maßnahme ad-hoc entschieden.<br />

Währendder Anhörung lacht Erna vor lauter Aufregung und unsicherer Verlegenheit zwischendurch einmal auf. Auf die Frage der Herren,<br />

warum sie denn lache, antwortet sie schlagfertig mit dem eigentlich tiefgründigen Satz : „<strong>Mein</strong> <strong>Lachen</strong> <strong>ist</strong> <strong>Weinen</strong>“ …<br />

Im Sitzungs-Protokoll dazu steht : „In der mündlichen Verhandlung machte Erna Kronshage noch einen gespannten Eindruck<br />

und lachte unmotivirt [sic!] auf. Sie äußerte, ihr <strong>Lachen</strong> sei <strong>Weinen</strong>. Sie lache über ihren Charakter.“<br />

Und dieses Verhalten wird jetzt schnurstracks auch pathologisch gedeutet, um die von Ernas Vater angezweifelte „Schizophrenie“-<br />

Erkrankung noch einmal zu bekräftigen und zu unterstreichen.<br />

Doch die 20-jährige Erna lacht ja, um nicht loszuheulen, weil sie sich ihrer Tränen vor diesen Männern schämen würde – denen sie da bei<br />

einem solch heiklen Thema allein ausgeliefert <strong>ist</strong>…


Beschluss zur Zwangssterilisation ErbGesGericht Bielefeld .1.Instanz<br />

72


Beschluss ErbGesOberGericht Hamm . Berufungs-Instanz<br />

73


Die „erblichen Belastungen“, die zu Erna Kronshages Diagnose „Schizophrenie“ und damit<br />

zur „Unfruchtbarmachung“ durch Zwangssterilisation führen…<br />

Schizophrenie <strong>ist</strong> als ein „endogenes“ Geschehen definiert – also plötzlich oder schleichend von innen auftretend– und eben nicht „exogen“<br />

– als Reaktion auf „äußere Ereignisse“ … - und folglich – so die damalige <strong>Mein</strong>ung – muss dafür auch ein hoher genetisch bedingter<br />

Auslösemechanismus im „Erbgut“ vorhanden sein …<br />

Hierzu machte die Provinzialheilanstalt Gütersloh an das Erbgesundheitsgericht Bielefeld im Fall Erna Kronshage folgende Angaben:<br />

• 1. aus dem ärztl. Gutachtenzur Unfruchtbarmachung:<br />

Die bei der „älteren Schwester“ Frieda benannte „Ge<strong>ist</strong>eskrankheit“ wird im weiteren Verlauf der Erbgesundheitsakte sehr unterschiedlich<br />

beschrieben:<br />

• 2. Eintragung aus der „Sippentafel“: (der Diagnosezusatz „Schizophrenie“ bei der Schwester Frieda erfolgte erst bei Antragstellung für<br />

Erna Kronshage...)<br />

•<br />

3. aus dem Beschluss zur Unfruchtbarmachung in 2. Instanz beim „Erbgesundheitsobergericht“ Hamm wird aus Friedas<br />

„Schizophrenie“ dann wieder ein „schizoider psychopathischer Erregungszustand“ – der in 4 Wochen erfolgreich behandelt<br />

wurde …:<br />

74


Trotz aller Einsprüche des Vaters beschließt das Erbgesundheitsobergericht in Hamm als Berufungsinstanz endgültig,<br />

dass Erna am 4. August 1943 im Krankenhaus in Gütersloh von einem Dr. Stüwe operiert und damit „unfruchtbar“<br />

gemacht wird.<br />

Symbolbild


Im „Ärztlichen Bericht“ (click)<br />

steht lapidar:<br />

„Die Wunde heilte in 7 Tagen<br />

ohne Nebenerscheinungen“…<br />

Die Arbeitskopie der kompletten Original-Erbgesundheitsgerichts-Akte<br />

zur Zwangssterilisation siehst du >> hier


Zwar heilte die Unterbauchwunde der Sterilisierungs-Op. laut Arztbericht „in 7 Tagen ohne [äußere] Nebenerscheinungen“<br />

– doch Erna hat in all diesen „Behandlungs-“ bzw. disziplinarischen oder „erbgesundheitsgesetzlich<br />

vorgeschriebenen“ Torturen, die bis jetzt während des Aufenthalts in der NS-„Heil“anstalt an ihr<br />

verübt wurden, keinerlei „Stärkung“ oder gar „Heilung“ erfahren – im Gegenteil: ihre heranwachsende<br />

Persönlichkeit wurde systematisch Stück für Stück mehr und mehr zerbrochen …<br />

Symbolische Porträtmontage


Der VaterAdolf Kronshage hat ja zwischenzeitlich auch wiederholt gefordert, Erna aus derAnstalt nach<br />

Hause zu entlassen, und nach der Zwangssterilisation hätte das ja auch formal erfolgen können: Doch<br />

inzwischen gibt es Anweisungen dazu aus dem Reichsinnenmin<strong>ist</strong>erium: „Polizeilich eingewiesene“ Insassen<br />

seien nun nicht mehr nach Hause zu entlassen, weil diese „ge<strong>ist</strong>ig anbrüchigen Personen in Luftschutzräumen …<br />

sehr leicht zu Unzuträglichkeiten führen können…“. Deshalb sei die „Entlassung zu verweigern“… (click)<br />

Damit sitzt Erna Kronshage unentrinnbar in der Falle …<br />

Denn gleichzeitig sollen im Zuge der sogenannten Aktion Brandt in den Psychiatrie-Anstalten<br />

Betten freigemacht werden für die inzwischen akut benötigte Versorgung und Pflege von Bombenverletzten<br />

und Kriegsverwundeten - also für den allgemeinen Krankenhaus- und Lazarettbedarf.<br />

Die Richt- und Maßgabezahlen erhielten die einzelnen Pflege-Anstalten dazu direkt zentral aus Berlin, vom<br />

Planungs-Stab unter dem 1943 durch Hitler zum Leiter des gesamten medizinischen Vorrats- und<br />

Versorgungswesens und Koordinators der medizinischen Forschung ernannten Leibarzt Dr. Karl Brandt.<br />

Dort wurde festgelegt, wo und wieviel Kapazitäten entsprechend umzuwidmen seien - und nach welchen<br />

Auswahl-Kriterien dies zu geschehen habe.<br />

Neuere Forschungen dazu besagen, man habe vielleicht zumindest in Gütersloh bei den „Verlegungs“ und<br />

Umwidmungsbeschlüssen gar nicht so sehr auf diese Le<strong>ist</strong>ungsgruppen abgehoben oder auf "Verhalten" bzw.<br />

"Sanktionen" gegenüber einzelnen Patienten bei der Zusammenstellung der Transportl<strong>ist</strong>en – ausschlaggebend<br />

sei vielmehr ein Räumungsbedarf für geeignet erscheinende Häusertrakts im Anstaltsgebiet gewesen.<br />

Inwieweit der so angeordnete Deportations-Transport am 12.11.1943 mit den sorgeberechtigten Angehörigen<br />

kommuniziert wurde, <strong>ist</strong> nicht bekannt...<br />

80


„Aktion Brandt“<br />

Durch Bombenkrieg und Fronteinsatz kommt es zu immer mehr Toten und Schwerverletzten. Die Krankenhäuser und Lazarette sind deshalb<br />

überfüllt – und Berlin sucht ab 1943 dringend zusätzliche Bettenkapazitäten für eine angemessene Notversorgung und Behandlung.<br />

Prof. Dr. Karl Brandt, Leibarzt Adolf<br />

Hitlers und Reichsbeauftragter für das<br />

Gesundheitswesen, <strong>ist</strong> beauftragt, dieses<br />

Problem auf die Schnelle zu lösen.


Deportation


Deportation: Durchführungs-Anweisungen nach<br />

Maßgabe durch die „(Sonder-)Aktion Brandt“ *):<br />

(click)<br />

Dieses Schreiben (click) erging auch an die Anstalt Gütersloh<br />

Die „Heil“-Anstalten werden teil-“evakuiert“, um Plätze freizubekommen<br />

zur Versorgung von zivilen und uniformierten Kriegsverletzten durch die<br />

Bereitstellung und Umwandlung in Lazarett- und Krankenhaus-Betten:<br />

In diesem Verdrängungsprozess werden die je nach verbindlichen<br />

Vorgabe-Zahlen aus Berlin dafür infrage kommenden Psychiatrie-<br />

Patienten systematisch vor Ort aussortiert - und mit der Deportation<br />

dann abgeschoben und „zur Strecke gebracht“ …<br />

*) Im WIKIPEDIA-Eintrag zur „Aktion Brandt“ wird unter der Überschrift „Begriff“ gemutmaßt, die Bezeichnung „Aktion Brandt“ sei eine „willkürliche“<br />

Benennung, geprägt vom H<strong>ist</strong>oriker Götz Aly in 1985: Im Anschreiben der GEKRAT aus „Hösel bei Ratingen“ (statt Berlin) vom 28.10.43 (Abb. oben<br />

rechts) – nämlich der „zentralen“ T4-Tarn-Transportorganisation - an Direktor Hartwich aus Gütersloh, wird zur Kennzeichnung der „Abtransports“-<br />

Maßnahme am 12.11.1943 das Stichwort „Sonderaktion Brandt“ verwendet – was bereits eine überregionale und zentral gesteuerte Begrifflichkeit<br />

dieser Gesamt-Maßnahme „von höchster Stelle aus Berlin“ darstellt …<br />

Doku-Quelle: LWL–Archiv Münster


Der Mensch wird zum Stückgut:<br />

Die möglichst nicht manipulativ zu entfernende Kennzeichnung der auf den Transporten ruhiggestellten<br />

Deportations-Patienten erfolgt oft mit Leukoplast-Streifen zwischen den Schulterblättern.<br />

Demonstrations-Fotomontage


Die Transport-Busse für die Fahrten jeweils zwischen Anstalt und Bahnhof. Alle Deportations-/Verbringungstransporte<br />

werden von der GEKRAT (Tarnname: „GEmeinnützige KRAnken Transporgesellschaft“)<br />

organisiert, einer Berliner T4-Unterabteilung, die diese Kutschiererei in den Tod trotz Krieg und Luftangriffen<br />

wie ein Reisebüro punktgenau koordiniert …<br />

Illustrierendes Bildmaterial


Illustrierendes Bildmaterial<br />

Erna Kronshage wird am 12.11.1943 mit den 99 MitpatientInnen ihrer Gruppe deportiert. Es geht für sie<br />

ca. 650 Bahnkilometer über Hannover und Berlin - und dann weiter bis nach Gnesen ins besetzte Polen


Da der GEKRAT-Sonderzug nicht vor 18 Uhr aus Gütersloh abging, erreichen die insgesamt 290 Insassen mit<br />

dem Begleit- und Reichsbahnpersonal erst nach durchfahrener Nacht die erste Ausstiegs-Station Meseritz-<br />

Obrawalde – wo die dortige Landeskrankenanstalt ab 1940 zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert wurde.<br />

Symbolbild


Symbolbild<br />

Für 50 Männer und 50 Frauen <strong>ist</strong> die Ankunft am Zielbahnhof Gnesen am Vormittag. Der Zug fährt mit den<br />

verbleibenden 140 PatientInnen weiter nach Warta b. Schieratz – wo die dortige „Nervenheilanstalt“ als Tötungsanstalt<br />

der deutschen Besatzer ab 1940 fungiert.


Die GEKRAT-Busse von der Reichspost, oft mit grauem Tarnanstrich & abgedunkelten<br />

oder überstrichenen Fenstern, bugsieren die 100 PatientInnen vom Bahnhof in die<br />

vorgesehene Deportations-Endstation Gauheilanstalt "Tiegenhof".<br />

Symbolbild


Nachträglich kolorierte zeitgenössische Ansichtspostkarte


Ankunft der Deportatationszug-Insassen aus Gütersloh an der<br />

Eingangspforte zur Anstalt Tiegenhof


„Tiegenhof“/Gnesen polnisch: „Dziekanka“/Gniezno<br />

Jubiläums-Buchcover 1994


„Tiegenhof“: Frauen-Pavillon<br />

97


NS-EUTHANASIE-MORDANSTALT TIEGENHOF<br />

>>> zu einem facebook-<br />

Video<br />

>>> zum polnischen Kurzfilm<br />

„Tiegenhof“, 2011<br />

Mit dem Direktor Dr. Victor Ratka sind<br />

von Ende 1939 bis Anfang 1945 in<br />

"Tiegenhof / Dziekanka“ nach<br />

Veröffentlichungen der jetzigen<br />

Klinikleitung fast 3.600 Menschen gezielt<br />

getötet worden - also ca. 700 Personen<br />

pro Jahr – das sind durchschnittlich fast<br />

2 Tote pro Tag in einer Einrichtung mit<br />

einer Belegung ab ca. 1943 von etwas<br />

über 1.000 Patienten ... – und das<br />

entspricht einer durchschnittlichen<br />

Sterberate von mindestens 70 % pro<br />

Jahr. „Normal" war in „Dziekanka“ vor<br />

der NS-Zeit eine Sterberate von nur 1 bis<br />

2 % pro Jahr<br />

Von Ende 1939 bis 1941 wurden<br />

zunächst über 1.000 polnische Insassen<br />

in Dziekanka ermordet – z.T. in<br />

umgebauten Kleinlastern als<br />

Gaswagen, in denen die Auspuffgase<br />

auf die Ladefläche mit Patienten als<br />

„Fahrgäste“ umgeleitet wurde, um sie so<br />

zu vergiften, zu „vergasen“ … (>>> SS-<br />

Sonderkommando Herbert Lange)<br />

Neueste Forschungen zu<br />

Dziekanka/Tiegenhof gehen von 5.000<br />

und mehr Krankenmorden aus…


Bettensaal Psychiatrische Heilanstalt<br />

Zeitgenössisches Symbolbild


Dr. Victor Ratka –<br />

Anstaltsdirektor Tiegenhof T4-Gutachter<br />

DR. VICTOR RATKA - auch VIKTOR bzw. WIKTOR<br />

* 27.11.1895 Ober-Lazisk - † 05.04.1966 Heitersheim, als<br />

Oberschlesier und Direktor einer polnischen "Heilanstalt" spät<br />

anerkannter Volksdeutscher;<br />

von 1918-1921 Medizin-Studium an der Albert-Ludwigs-Universität in<br />

Freiburg;<br />

Ärztliche Vorprüfungen 1918-1921 (Archiv: B 73/51);<br />

Promotionsurkunde vom 01.10.1922 (Archiv-Bestand der Uni Freiburg<br />

unter D 11/83, D 29/27/1427);<br />

Ratka betrieb Studien im Rahmen der von einem Juden eingesetzten<br />

David Julius Wetterhan-Stiftung von 1917-1922 - (Archiv: B 1/619) ...<br />

1928 wurde Ratka Oberarzt der Anstalt Lublinitz;<br />

Ab 1934 Direktor der Anstalt DZIEKANKA im Stadtgebiet<br />

Gniezno/Gnesen (nach Okkupation 1939 "Tiegenhof" genannt), während<br />

des Krieges reine Mordanstalt;<br />

Ratka wurde als in Oberschlesien geborener und als Direktor einer<br />

zunächst polnischen Heilanstalt erst spät als "Volksdeutscher" anerkannt<br />

(„eingedeutscht“) ...<br />

Aufnahme in die SA (siehe dazu die Ablichtungen der SA-Aufnahme-<br />

Urkunden, die sich in der Personalakte Ratka in Dziekanka/Gniezno-PL<br />

befinden...).<br />

Ab 01.09.1941 als Gutachter zeitweise zur T4-Zentrale abgeordnet,<br />

Selektion von Patienten und KZ-Häftlingen ("Aktion 14f13") -<br />

Selektionsarzt in KZs zur "Aussonderung" von "asozialen Häftlingen".<br />

1943 Eintritt in die NSDAP;<br />

im Frühjahr 1945 rechtzeitiger Weggang aus Gniezno zunächst nach<br />

Thüringen - dann Absetzen Richtung der Besatzungszonen westlicher<br />

Besatzungsmächte - Entnazifizierungsverfahren in Kassel - dort lediglich<br />

als "Mitläufer" eingestuft;<br />

Gegen Ratka erging am 8. August 1961 Haftbefehl wegen seiner<br />

Beteiligung an der Aktion 14f13. Er galt als haftunfähig. Ein weiteres<br />

Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Freiburg gegen Ratka, der<br />

alle Morde in Tiegenhof bestritt, wurde nach seinem Tod eingestellt.<br />

Bis zu seinem Todam 05.04.1966 - mit 71 Jahren - Pensionär als<br />

ehemaliger Direktor einer "deutschen Heilanstalt".


Hier ein Gruppenfoto von „Euthanasie“-‘Gut‘achtern der Berliner „Tiergartenstraße 4“ bei einem gemeinsamenAusflug zum Starnberger<br />

See - Anfang September 1941 - v.l.n.r.: Fahrer Erich Bauer - sowie die Gutachter Rudolf Lonauer,Dr. Victor Ratka (Ärztl.<br />

Direktor „Tiegenhof“), Dr. Friedrich Mennecke, Prof. Dr. Paul Nitsche („Luminal-Schema“), Dr. Gerhard Wischer<br />

Foto: © Hessisches Hauptarchiv Wiesbaden, 651a – coloriert -


z.B. eine fettlose Gemüsesuppe<br />

= ergeben die „Gelbe Suppe“ als<br />

schleichendes Gift …<br />

+ aufgelöste Schlafmittel<br />

Ernas „schleichende“ Ermordung<br />

Die Massentötungen der Deportationspatienten aus dem „Reichsgebiet“ ab ca. Ende 1941 bis Anfang 1945 erfolgen zume<strong>ist</strong><br />

„schleichend“ nach dem „Luminal-Schema“ von Prof. Dr. Hermann Paul Nitsche – das er zunächst an 60 Patienten „wissenschaftlich“<br />

testet und dann nach und nach verfeinert und entwickelt – und die er den NS-“Euthanasie“-Anstaltsdirektoren für die<br />

dezentralen/“wilden“ Aktionen – nach der 1941 eingestellten ersten Tötungs-Aktion „T4“ mit Giftgas – ab August 1943 offeriert:<br />

Das Luminal-Schema besteht aus einer sogenannten Hungerkost mit „Gelber Suppe“ = die Verabreichungfettloser Speise mit<br />

aufgelösten Schlafmitteln (Barbiturate - z.B. Luminal) in nur leicht erhöhter Dosis = so dass der Tod erst nach Wochen oder Monaten<br />

eintritt. Dieser Tod <strong>ist</strong> dann letztlich ein schleichendes Vergiftungs-Syndrom bei dem durch die Hungerkost geschwächten<br />

Abwehrsystem - konkret sind so entstandene Infektionen wie Lungenentzündungoder Bronchitis die „offiziellen“ „natürlichen“<br />

Todesursachen – oder eben eine „Vollkommene Erschöpfung des Körpers“ wie bei Erna Kronshage – ohne jede äußeren<br />

Gewaltanwendungsspuren – kaum nachweisbar – ein fast „perfekter“ Mord …


Mehrmals täglich – genau nach<br />

Plan des „Luminal-Schemas“ von<br />

Dr. Hermann Paul Nitsche – wird<br />

die jeweilige Giftdosis verabreicht


Die letztlich todbringenden Medikamente wie Chloralhydrat, Luminal, Morphium oder<br />

Skopolamin gibt es dann in den Mordanstalten als Giftspritze, als „letale Injektion“ …


„Tiegenhof“:<br />

Tötungszimmer im Frauenpavillon<br />

Nach Aussageprotokollen von Zeugen bei „Euthanasie“-<br />

Prozessen in der Nachkriegszeit kommt es in „Tiegenhof“<br />

auch zu gewaltsamen Verabreichungen der todbringenden<br />

Medikamente


Erna Kronshage kommt am 19. oder am 20. Februar 1944 in Tiegenhof/Gnesen zu Tode.


Oben: in einem Sterbetagebuch der „Gauheilanstalt<br />

Tiegenhof“/Gniezno, das sich im MUZEUM<br />

MARTYRO-LOGICZNE W ŻABIKOWIE in Polen<br />

befindet, wird das Ableben von Erna Kro[h]nshage<br />

auf den „19.II. (2.) 1944“ datiert - zusätzlich <strong>ist</strong><br />

vermerkt, dass der Leichnam am „24.II.44“ in einem<br />

„Eig. Sarg [nach]Westen“ verbracht wird. Die<br />

Konfession <strong>ist</strong> mit "evgl.“ notiert.<br />

Links: die Sterbeurkunde des Sonder-<br />

Standesamtes der deutschen Besatzung in<br />

Tiegenhof/Gnesen, datiert das Datum des Ablebens<br />

auf den „20. Februar 1944, 9.30“ h.<br />

• In dieser Phase der "Euthanasie"-Ermordungen gibt<br />

es oft Zuordnungsprobleme mit den exakten<br />

Sterbedaten: Die zentrale "T4-Verrechnungsstelle" in<br />

Berlin hat nachweislich mit Kostenabrechnungen<br />

verschiedener Pflegesatz-Kassen und<br />

Versicherungsträger zu tricksen gewusst, und konnte<br />

mit gezielten Falschangaben zusätzliche Mittel für die<br />

klammen Kriegskassen generieren: (s. dazu die<br />

Stichworte: „Kostenabrechnung“ u. "Millionen-<br />

Becker" bei Wikipedia „Aktion Brandt“.


Auf Antrag und zu Kosten der Familie wird<br />

der Leichnam Erna Kronshages nach<br />

Senne II rücküberführt.<br />

Dazu wird der Sarg mit dem Leichnam in<br />

ca. 8-10 Tagen in einem Packwaggon der<br />

Reichsbahn fast 650 km von Gnesen bis<br />

auf das Gleis des Heimatbahnhofs „Kracks“<br />

rangiert – direkt neben der Hofstatt<br />

„Mühlenkamp“, in der Erna 21 Jahre zuvor<br />

geboren wurde – auf das Abstellgleis neben<br />

der Schreinerwerkstatt dort von Vater<br />

Kronshage.<br />

103


Die Familie schleppt den Sarg mit Leiche aus dem Waggon, öffnet ihn in einer heimlichen Nachtund-Nebel-Aktion<br />

- und vergewissert sich oberflächlich und laienhaft, dass keine Spuren von<br />

Gewalt-Anwendung oder Injektions-Einstiche an der Leiche sichtbar sind.


Am 5.Marz 1944 wird der Sarg mit Ernas Leichnam auf dem heutigen „Alten Friedhof“ in<br />

Senne II – heute Sennestadt – im damals neu angelegten Familien-Grab beigesetzt. Diese<br />

Grabstätte ex<strong>ist</strong>iert so nicht mehr.<br />

Links: Die damalige Todesanzeige für Erna, in der das Geschehen verklausuliert formuliert<br />

wird.


Obwohl die Todesursache am 20.02.1944 „offiziell“ mit „allgemeiner Erschöpfung“ auf der Todesurkunde angegeben<br />

wird (in der Familie spricht man auch immer mal wieder von „Lungenentzündung“) – schreibt Pfarrer Holzapfel von der<br />

Kirchengemeinde Senne II ins Sterbebuch am 05.03.1944: „Todesursache unbekannt. Sie starb in einer Anstalt für<br />

Ge<strong>ist</strong>eskranke in Tiegenhof, Kr. Gnesen.“ – Das <strong>ist</strong> vielleicht der leise Protest des Gemeindepfarrers, der an einen<br />

"natürlichen" Tod nicht glaubt ...<br />

106


NS-Euthanasie<br />

>>> click zu Wikipedia: „Krankenmorde“<br />

Hitlers sogenannter<br />

Euthanasie-Befehl


Ge<strong>ist</strong>ig und seelisch „erkrankte“ Menschen<br />

werden damals als „unnütze Esser“<br />

angesehen, die nur Geld kosten – aber<br />

nichts einbringen – und die den „gesunden<br />

Volkskörper“ beeinträchtigen.<br />

Hitler macht schonab 1939 „kurzen Prozess“ und gibt den<br />

Befehl, diese Menschen zu töten. Ihr Tod sei ein „Gnadentod“<br />

zur „Erlösung“ von ihrem „Leid“.<br />

Per Meldebogen aus den Anstalten werden am Schreibtisch in<br />

Berlin die Kandidaten für die Krankenmorde von Ärzten, den<br />

sogenannten ‚Gut‘achtern der „Euthanasie“-Zentralbehörde in<br />

der Tiergartenstraße 4 – „T4“ ausgewählt:<br />

Dabei ging es in erster Linie um folgende Kriterien:<br />

- Wer <strong>ist</strong> die kranke Person?<br />

- Wie stark sind Krankheit/Behinderung ausgebildet?<br />

- Kann und will die betroffene Personarbeiten?<br />

1941 wird die erste zentral organisierte Mord-Phase nach<br />

insgesamtweit über 70.000 Mord-Opfern (Aktion „T4“)<br />

unterbrochen aufgrund von Interventionen durch vereinzelte<br />

Kirchenleute und einer gewissen Unruhe durch Gerüchte in der<br />

Bevölkerung.<br />

Ab Ende 1942 setzen sich die „Euthanasie“-Morde weiter fort –<br />

jetzt aber hinter vorgehaltener Hand: Jede Heilanstaltbestimmt<br />

- mit Unterstützung der „T4“-Organisationen in Berlin - selbst -<br />

aus unterschiedlichsten lokalen Beweggründen - welche<br />

Patientenals Todeskandidaten per Deportationin eine der auch<br />

neu in den besetzten Ostgebieten eingerichteten Tötungsanstaltenverlegt<br />

werden.<br />

Es kommtdort zu Massenmorden mit Schlafmitteln und<br />

Verhungernlassen. Es werden nur noch einfache Wassersuppen<br />

gereicht, ohne Nährstoffe, und Trockenbrotmit zerdrückten<br />

Pellkartoffeln als Belag.<br />

Auch aus der Heilanstalt Gütersloh werden mindestens 1.017<br />

Patienten in zwei Aussonderungsschüben1941 und 1943<br />

deportiert.<br />

108


NS-Euthanasie-<br />

Phasen 1939 - 1945<br />

Prof. Dr. Karl Brandt,<br />

Chirurgischer Begleitarzt von Adolf Hitler,<br />

SS-Gruppenführer und Generalleutnant der<br />

Waffen-SS sowie Generalkommissar für das<br />

Sanitäts- und Gesundheitswesen, <strong>ist</strong> von<br />

Hitler mit der Durchführung und der<br />

Koordination der Aktionen betraut worden<br />


Welch unüberschaubar vielfältig<br />

funktionierendes arbeitsteilig<br />

organisiertes Heer<br />

von verschwiegenen und verblendeten MittäterInnen,<br />

HandlangerInnen und MitwisserInnen <strong>ist</strong> insgesamt in die<br />

Durchführung jedes einzelnen der ca. 300.000 "Euthanasie"-<br />

Verbrechen und den rund 400.000 Eugenik-Sterilisations-<br />

Verfahren involviert: z.B. Ärzte, Richter, Amtsinhaber vor Ort,<br />

Ortsfürsorgerinnen, Staatsanwälte, Poliz<strong>ist</strong>en - Beamte,<br />

Bedienstete und Sachbearbeiter in einer Vielzahl von<br />

zuständigen Ämtern und Verwaltungen der beteiligten<br />

Institutionen - Krankenpflege- und Medizinalpersonal,<br />

Fahrdienstleiter, Zugführer, Busfahrer - aber ebenso natürlich<br />

auch ängstlich-schamhafte, schweigende, gleichgültige oder<br />

abgelenkte und überforderte geplagte Angehörige, Nachbarn<br />

und sonstige Bezugspersonen - Mitmenschen also wie du<br />

und ich - aus der Mitte der Gesellschaft. Gefangen in jener<br />

"Banalität des Bösen", wie Hannah Arendt diesen Zustand<br />

apostrophiert hat - diese schockgefrorenen grausamen<br />

zombiehaft funktionierenden Alltäglichkeiten inmitten eines<br />

rundherum ablaufenden Traumas.<br />

Am jeweiligen Verfahren zur Zwangssterilisation oder<br />

zur "Euthanasie"-Ermordung waren bestimmt mindestens<br />

10 bis 15 Personen arbeitsteilig eingebunden, beteiligt oder<br />

davon betroffen. Und das rechnet sich hoch zu mehr als 3 bis<br />

4 Mio Mitwissende aus den Reihen unserer Vorfahren in<br />

jener Zeit, bei über 8 Mio eingetragenen NSDAP-Mitgliedern<br />

von knapp 80 Mio damaligen Einwohnern insgesamt. Und<br />

wie viele beteuerten und versichern, von "nichts gewusst"<br />

und "nichts mitbekommen" zu haben.


Der H<strong>ist</strong>oriker Götz Aly<br />

hat errechnet:<br />

Ungefähr jeder achte<br />

erwachsene Deutsche<br />

sei direkt mit Jemandem<br />

verwandt, der Opfer der<br />

NS-Krankenmorde<br />

wurde.<br />

… jeder 8.<br />

erwachsene<br />

Deutsche …<br />

Und wenn man die<br />

angeheirateten<br />

Verwandten dazu zählt,<br />

würde fast jeder in den<br />

Familien jemanden<br />

finden.<br />

In den me<strong>ist</strong>en Familien<br />

wurde darüber nicht<br />

gesprochen.<br />

Die Ermordeten sind<br />

vergessen.<br />

Quelle: SPIEGEL-Gespräch<br />

vom 22.04.2013<br />

111


Proteste der Kirchen durch Eingaben, Briefe und Predigten –<br />

durch Intervention der Kirchen werden die zentral gesteuerten „T4“-Krankenmorde 1941 zunächst einmal gestoppt – aber dann ab 1942/43 dezentral regional<br />

organisiert und mit Hilfe der zentralen Seilschaften aus der Tiergartenstraße 4 hinter vorgehaltener Hand in großem Umfang und in verschiedenen Ablauf-Phasen<br />

fortgesetzt …<br />

Hier sind zwei Kirchen-Ge<strong>ist</strong>liche stellvertretend genannt für leider nur eine Handvoll von aufrichtigen Vertretern der beiden großen Konfessionen, die sich trotz der<br />

Gefahr für Leib und Leben für den mit „Euthanasie“-Maßnahmen bedrohten Personenkreis selbstlos eingesetzt haben.<br />

Pastor Paul-Gerhard Braune,<br />

Anstaltsleiter in Lobetal der v.<br />

Bodelschwinghschen Anstalten -<br />

Sein Kampf gegen die<br />

"Euthanasie" gilt als<br />

bedeutender Akt<br />

protestantischen Widerstandes<br />

im Nationalsozialismus. Ihm<br />

gelang es den Abtransport von<br />

Bewohnern der Hoffnungstaler<br />

Anstalten zu verhindern. Aus<br />

den ihm bekannten Informationen über planmäßige<br />

Verlegungen und massenhafte Todesmeldungen aus dem<br />

gesamten Reichsgebiet formulierte er eine an Hitler<br />

gerichtete „Denkschrift zur Lage der nichtarischen<br />

Chr<strong>ist</strong>en“, die in der Reichskanzlei abgegeben wurde.<br />

Braune weigerte sich, Kranke der Hoffnungstaler<br />

Anstalten auszuliefern. Auch rassisch und politisch<br />

Verfolgte sowie Deserteure fanden dort Unterstützung.<br />

Dieser Kampf gegen die „Euthanasie“ und gegen die<br />

Vereinnahmungder Inneren Mission führte am 12. August<br />

1940 zu seiner Inhaftierung durch die Gestapo. Für drei<br />

Monate wurde er im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-<br />

Albrecht-Straße inhaftiert.<br />

1943 setzte sich Braune für verhaftete homosexuelle<br />

Bewohner der HoffnungstalerAnstalten ein und schrieb,<br />

erfolglos, Gnadengesuchefür die zum Tode Verurteilten.<br />

Bischof Graf von Galen, Münster –<br />

predigte von der Kanzel, dass jetzt auch in<br />

der Provinz Westfalen aus Heil- und<br />

Pflegeanstalten Kranke abtransportiert<br />

werden und die Angehörigen nach kurzer<br />

Zeit die Mitteilung erhielten, der Kranke sei<br />

verstorben und die Leiche bereits<br />

eingeäschert. Er habe den „an Sicherheit<br />

grenzende[n] Verdacht, dass man dabei<br />

jener Lehre folgt, die behauptet,<br />

„man dürfe sogenanntes lebensunwertes Leben‘ vernichten“. ...<br />

„Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen<br />

meinetwegen!Aber haben sie damit das Recht auf das Leben<br />

verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben,<br />

solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als<br />

produktiv anerkannt werden?“ Die Predigten wurden – zume<strong>ist</strong><br />

durch Abschreiben mit der Schreibmaschine – zunächst innerhalb<br />

katholischer Kleingruppen in ganz Deutschland verbreitet,<br />

erreichten aber sehr bald über Arbeitsstätten und Luftschutzkeller<br />

eine breitere Öffentlichkeit. Insbesondere die vom Bischof<br />

sprachlich lediglich im Konjunktiv als mögliche Konsequenz<br />

dargestellte Tötung von Kriegsinvaliden wurde als<br />

Tatsachenbehauptung aufgenommen und verschärfte die<br />

Wirkung der Predigten beträchtlich.<br />

Da die Machthaber zu der Einschätzung gelangten, dass eine<br />

Geheimhaltung der Tötung von Kranken gescheitert war und die<br />

„Euthanasie“ sich als in weiten Teilen der Bevölkerung nicht<br />

konsensfähigerwies, wurde die Aktion T4 unterbrochen und erst<br />

ein Jahr später aber in weniger auffälliger Form fortgesetzt.


Digital-virtuelles Triptychon „IN MEMORIAM <strong>ERNA</strong> <strong>KRONSHAGE</strong>“ 2014/2016<br />

Gedenken<br />

113


6.12.2012:<br />

Zur 90.Wiederkehr ihres Geburtstages wird<br />

zum Gedenken an Erna Kronshage<br />

ein „Stolperstein“ gelegt<br />

Der Künstler Gunter Demnig setzt für die Gewaltopfer des NS-Regimes – jeweils in<br />

Nähe des letzten „freien Wohnortes“ – einen sogenannten „Stolperstein“ - zum<br />

Innehalten & Ge(h)-Denken<br />

Du findest ihn in Nähe des Wohnhauses „Mühlenkamp“ – am Fußgänger-Überweg Richtung<br />

Bahnhof Kracks – an der Ampel-/Schranken-Kreuzung Verler Straße | Sender Straße | Krackser<br />

Straße – in 33689 Bielefeld-Sennestadt<br />

Mühlenkamp<br />

Gunter Demnig<br />

beim Legen des<br />

Stolpersteins für<br />

Erna<br />

Stolperstein


Die links abgebildete Grabstätte der Familie Kronshage <strong>ist</strong> seit 2013 eingeebnet und völlig<br />

verschwunden. Ebenso das Mahnmal im Hintergrund. Es war insgesamt im wahrsten Sinne des<br />

Wortes Gras über die Sache gewachsen – denn der Alte Friedhof wird vornehmlich in eine parkähnliche<br />

Grünfläche ohne individuelle Grabstellenmarkierung umgestaltet.<br />

2021 hat dann der „Sennestadtverein“ eine Broschüre herausgegeben mit Aufsätzen und Bildern<br />

von 32 Grabmalen, für die er die Patenschaft übernommen hat, und die auf dem „Alten Friedhof“<br />

Aufmerksamkeit erhalten sollen, auch als Beispiel von „gelebter Heimatgeschichte“.<br />

Im Zuge einer Patenschaftsübernahme des "Sennestadtvereins" wird seit Dezember 2022 die<br />

letzte Ruhestätte Ernas mit einem Gedenkstein gekennzeichnet.<br />

Hier im Bild: Der Gedenkstein des Sennestadtvereins seit 2022<br />

Links: Seite 11 der Broschüre: „Ein Friedhof erzählt“, Sennestadtverein 2021 –


Schicksal des Deportations-Transportes vom 12.11.1943 aus der<br />

Provinzialheilanstalt Gütersloh nach Tiegenhof/Gnesen<br />

•<br />

12.11.1943: 50 Männer - 50 Frauen - Deportationszielort: Gau-Heil- und Pflegeanstalt<br />

Tiegenhof/Gnesen im Warthegau -<br />

90 Patienten (42 Männer - 48 Frauen -[darunter Erna Kronshage] werden bis zum<br />

Kriegsende in Tiegenhof getötet - 10 (5 Männer - 5 Frauen) versterben in der<br />

Nachkriegszeit ...<br />

• Die Sterberate des Deportationstransportes vom 12.11.1943 von Gütersloh nach Tiegenhof<br />

beträgt bis zum Kriegsende 90 %<br />

(Quelle: Bernd Walter:Psychiarie und Gesellschaft in der Moderne, 1996, Tabelle S. 945 - Ausschnitt)<br />

116


Leucht- und Namensband der Gedenk- und Erinnerungsstätte für 1.017 deportierte<br />

„Euthanasie“-Opfer in der LWL-Klinikkirche Gütersloh – mitgenannt: Erna Kronshage…


Zentraler Gedenk und Informationsort für die<br />

Opfer der Nationalsozial<strong>ist</strong>ischen „Euthanasie“-Morde<br />

Tiergartenstraße 4 – in Berlin<br />

118


Theaterstück Jugendvolxtheater Bethel 2018: "Ich will Leben - besonders anders"<br />

Auch auf dem Hintergrund der Leidensbiografie von Erna Kronshage haben sich 8 junge Spieler*innendes Jugendvolxtheaters Bethel<br />

2018 mit den damaligen Ereignissen, in Bezug zu eigenen Besonderheiten und mitdem „Sosein“ im Allgemeinen auseinandergesetzt:<br />

>>> click zum 60-min.-Stück


Blumen auf Ernas Ruhestätte<br />

E-Book &<br />

Memorial.Blog „<strong>Mein</strong> <strong>Lachen</strong> <strong>ist</strong> <strong>Weinen</strong>“<br />

„Edward-Wieand-Website“<br />

erna-kronshage-abstract in english<br />

Erna-Kronshage – Youtube-Playl<strong>ist</strong><br />

mit 7 Themen-Videos<br />

Stadtarchiv Bielefeld: SPURENSUCHE<br />

1933-1945<br />

Digitale Ausstellung: Krankenmorde &<br />

Deportationen aus Bielefeld und Bethel<br />

im Nationalsozialismus<br />

© eddywieand-sinedi.de

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