03.06.2022 Aufrufe

WIRTSCHAFT+MARKT Frühjahr/Sommer 2022

Wirtschaft im Osten! Ergänzend zum W+M-Onlinemagazin mit dem W+M-Newsportal unter wirtschaft-markt.de erscheinen zweimal jährlich Printausgaben des Magazins. Die nächste Ausgabe erscheint am 30.10.2022.

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WIRTSCHAFT+MARKT FRÜHJAHR / SOMMER 2022

DAS WIRTSCHAFTSMAGAZIN DES OSTENS

BUNDESTAG

Die 145 ostdeutschen

Abgeordneten

FRÜHJAHR

SOMMER

2 0

22

32. Jahrgang | Deutschland 9,50 €

ZUKUNFT

Die Folgen der

Energiewende

ENERGIE

Batterien als

Schlüsseltechnologie

STANDORT

Wandel in der

Lausitz


WIRTSCHAFT+

MARKT

Aktuelle

ostdeutsche

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EDITORIAL WIRTSCHAFT+MARKT 3

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Frank Nehring,

Chefredakteur

Erst kam die neue Regierung mit dem Grünen Robert Habeck,

der nicht wie sein Vorgänger Wirtschafts- und Energieminister

wurde, sondern Wirtschafts- und Klimaminister. Das klang nach

einer zukunftsorientierten Kombination und einer folgerichtigen

Aufwertung der Ressorts. Bei allen Bedenken gegen die oppositionserfahrenen

Grünen, die nun in Regierungsverantwortung

sind, überwog die Hoffnung auf den Turbo für eine erfolgreiche

Energiewende, die Deutschland seit Jahren bewegt und die am

Ende aufgrund ewiger Klagereien und Jahrzehnte dauernden

Planungsverfahren zu einer lahmen Ente verkam.

Die erste Regierungserklärung des neuen Wirtschafts- und

Klimaministers im Januar war dann auch ein Neustart. Ungeachtet

schlechter Ausgangsbedingungen setzte er ambitionierte Ziele:

Bis 2045 Klimaneutralität erreichen, Kohleausstieg vielleicht

schon auf 2030 vorziehen. Wenig Zeit, aber Anstrengungen

verdreifachen. Planungs- und Genehmigungsverfahren werden

optimiert, der Klimaschutz und der Ausbau der erneuerbaren

Energien haben Priorität, weil „im überragenden öffentlichen

Interesse“.

Dann überfiel am 24. Februar 2022 Russland die Ukraine und die Abhängigkeit

Deutschlands von Rohstoffimporten aus Russland ließen den Plan,

Gas aus Russland als Übergangstechnologie zu nutzen, Makulatur werden.

Unter dem Druck der Weltöffentlichkeit steigt der Druck auf Deutschland,

sich aus russischer Abhängigkeit zu befreien. Manchem kann es nicht

schnell genug gehen, die Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft

zögern, weil eine Wirtschaftskrise in Deutschland befürchtet wird, die

die Ausmaße der Corona-Krise übertreffen könnte.

Jetzt braucht es die Kraft, Aktionismus mit klarem Blick zu begegnen. Das

erwartet die Wirtschaft. Aus der Mammutaufgabe, die Wirtschafts- und

Klimaminister Habeck im Januar ankündigte, ist eine noch größere Herausforderung

geworden. Der Dreiklang der Energiewende aus Nachhaltigkeit,

Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit ist aktuell nicht im Einklang.

Hinzu kommt die Energiesouveränität.

Wir haben deshalb mit Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft zu

diesem Thema gesprochen und Energie zum Schwerpunkt dieses Heftes

gemacht.

Foto: Christine Fiedler

D.h. Klimaschutz hat Vorfahrt, auch vor Artenschutz & Co. Für die

Zeit des Umstiegs wird Gas als Brückentechnologie verwandt, um

die Versorgungssicherheit zu jeder Zeit zu gewährleisten. So der

Plan, für dessen Umsetzung ein Oster- und ein Sommerpaket an

Gesetzesnovellen den Rahmen schaffen sollen.

Bewahren Sie sich einen klaren Blick.

Herzlichst

Frank Nehring

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


4

WIRTSCHAFT+MARKT

INHALTSVERZEICHNIS

08

W+M ENERGIE

08 50Hertz-Geschäftsführer Stefan Kapferer:

„Ostdeutschland hat gute Voraussetzungen

für Industrieansiedlungen.”

12 E.DIS-Vorstandsvorsitzender Dr. Alexander

Montebauer: „Der Ausbau der Erneuerbaren

ist das Gebot der Stunde.”

14 Wer trägt die Kosten der Energiewende?

16 Das Comeback des Solar Valley

18 BWE-Präsident Hermann Albers:

„Erneuerbare Energien bringen

Impulse für die Wirtschaft.”

22

W+M MOBILITÄT

22 Brandenburg –Deutschlands neues

Zentrum der modernen Mobilität

24 Die Batterieherstellung wird zur

Schlüssel technologie in Deutschland

W+M COMEBACK 16

DES SOLAR VALLEY

28

W+M

TRANSFORMATION

W+M INTERVIEW 42

W+M-Chefredakteur Frank Nehring im Gespräch

mit Wirtschaftsminister Sven Schulze

28 OWF22-Veranstalterin Ute

Weiland: „Wir haben ein richtig

gutes Programm auf die Beine

gestellt.”

30 Think Big – Wie Ostdeutschland

gemeinsam wachsen kann

32 Ostdeutschlands Chemieindustrie

im Aufbruch

36 Die Kohle geht – der Wandel

kommt

40

W+M POLITIK – INTERVIEWS

40 Brandenburgs Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke

42 Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze

44 Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee

46 Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Reinhard Meyer

Fotos: Meyer Burger AG, W+M

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


INHALTSVERZEICHNIS

WIRTSCHAFT+MARKT5

48

W+M POLITIK – OSTDEUTSCHE

BUNDESTAGSABGEORDNETE

48 Wie Unternehmer mit der Politik kommunizieren sollten

50 Übersicht der ostdeutschen Bundestagsabgeordneten

58 Im Einsatz für die Region – ostdeutsche Abgeordnete

über ihre Ziele und Projekte für die kommende

Legislaturperiode

62

W+M INTER NATIO -

NALE MÄRKTE

62 Frankreich – Der verlässliche

Markt nebenan

66 Vereinigstes Königreich –

Chancen hinter der Zollgrenze

entdecken

67 Usbekistan – Reformprogramm

zeigt Wirkung

70

W+M RATGEBER

70 Die W+M-Leseliste

72 W+M-Experten im

Onlinemagazin

wirtschaft-markt.de

W+M BATTERIEN 24

UNVERZICHTBAR FÜR

E-MOBILITÄT

74

W+M GESELLSCHAFT

74 Berliner Golf & Country Club

Motzener See

76 Von der Bewahrung der Zeit

78 Die Herrenmodetrends im

Herbst/Winter 2022/23

80 Beachpolo im Strandbad Grünau

03

W+M WEITERE

BEITRÄGE

03 Editorial

05 Impressum

07 Das W+M-Onlinemagazin

Beiträge, die mit diesem Logo

gekennzeichnet sind, finden Sie

ausführlich im W+M-Onlinemagazin.

QR-Codes verweisen ebenso auf

Web-Content.

W+M PREMIERE 80

BEACHPOLO IN GRÜNAU

Fotos: Volkswagen AG, Polo Riviera Gunnar Rosenow

IMPRESSUM

WIRTSCHAFT+MARKT

Das Ostdeutsche Unternehmermagazin

Ausgabe: Frühjahr / Sommer 2022

Redaktionsschluss: 05.05.2022

Verlag: W+M Wirtschaft und Markt GmbH

c/o Prima Vier Nehring Verlag GmbH,

Gustav-Freytag-Str. 7, 10827 Berlin

Tel.: 030 505638-00

info@wirtschaft-markt.de

redaktion@wirtschaft-markt.de

www.wirtschaft-markt.de

Geschäftsführer:

Frank Nehring, frank.nehring@wirtschaft-markt.de

Chefredaktion:

Frank Nehring / Matthias Salm (stv.)

Autoren:

Peter Buerstedde, Thomas Einsfelder, Dr. Oliver Holtemöller,

Dr. Steffen Kammradt, Dr. Jens Katzek, Thomas Lämmer-Gamp,

Beate Lecloux, Marc Lehnfeld, Frank Nehring, Matthias Salm,

Dr. Pascal Strobel, Uwe Strohbach

Hinweis: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in

diesem Magazin auf eine durchgehende geschlechtsneutrale

Differenzierung (z. B. Teilnehmer / Teilnehmerinnen) verzichtet.

Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung

grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform

hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Service:

Abo- und Anzeigenverwaltung sowie Marketing

und Vertrieb, info@wirtschaft-markt.de

Layout & Design:

MÖLLER PRO MEDIA ® GmbH, www.moellerpromedia.de

Druck: Silber Druck oHG

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck und Kopien nur

mit vorheriger schriftlicher Genehmigung des Verlages.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht

mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Fotos

übernehmen wir keine Haftung.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


6 WIRTSCHAFT+MARKT

INHALTSVERZEICHNIS

MARKT

Wirtschaft aus dem Osten.

Das W+M-Onlinemagazin.

Das Internetmagazin der

ostdeutschen Wirtschaft

mit News, exklusiven

Beiträgen und Interviews.

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Foto: XXX

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


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(Auswahl)

Die Wirtschaftsminister Reinhard Meyer

(Mecklenburg-Vorpommern),

Sven Schulze (Sachsen-Anhalt)

und Wolfgang Tiefensee (Thüringen)

über Wirtschaftspolitik im Zeichen globaler

Krisen, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar

Woidke über den Strukturwandel in Brandenburg.

Das ostdeutsche

Wirtschaftsmagazin, das Sie

auf dem Laufenden hält.

Vertreter aus Wirtschaft (Auswahl)

50Hertz-Geschäftsführer Stefan Kapferer über

Energiewende und Versorgungssicherheit,

der Vorstandsvorsitzende der E.DIS AG,

Dr. Alexander Montebauer, über die Dringlichkeit des

Netzausbaus,

die Veranstalterin des Ostdeutschen

Wirtschaftsforums, Ute Weiland,

über die Highlights des OWF22.

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ifo Geschäftsklima Ostdeutschland,

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8

WIRTSCHAFT+MARKT

ENERGIE

„OSTDEUTSCHLAND

HAT GUTE VORAUS­

SETZUNGEN FÜR

INDUSTRIE ­

AN SIEDLUNGEN.”

Stefan Kapferer,

Vorsitzender der

Geschäftsführung

von 50Hertz

Stefan Kapferer, Vorsitzender der Geschäftsführung von 50Hertz, spricht im W+M-Interview über die

Folgen des Ukraine-Konflikts, den Fachkräftemangel in der Energiewirtschaft und den wachsenden

Strombedarf in Ostdeutschland.

W+M : Herr Kapferer, das Ende der Atomenergie,

der vorgezogene Ausstieg aus der

Braunkohle bis 2030 und das Erreichen der

Klimaneutralität bis 2045 – geraten diese

Ziele der Energiewende angesichts des Krieges

in der Ukraine und der hohen Abhängigkeit

von Gas- und Ölimporten aus Russland ins

Wanken ?

Stefan Kapferer : Die Auswirkungen des

Ukraine-Konflikts stellen sicher die größte

Herausforderung für die Sicherheit der Energie

versorgung in der bundesdeutschen

Geschichte dar. Auch deshalb, weil sie nahezu

alle Bereiche unserer Wirtschaft treffen :

den Transportsektor, den Wärmemarkt, die

Industrie, wo die Besorgnis augenblicklich

wohl am größten ist.

W+M : Wie groß ist die Gefahr für den

Strommarkt ?

Stefan Kapferer : Auf dem Strommarkt ist

die Abhängigkeit von Importen aus Russland

nicht ganz so bedeutsam. Deshalb denke ich,

dass wir die Situation gut meistern können.

Aber nun ist dringend mehr Geschwindigkeit

geboten : bei der Umstellung auf alternative

Bezugsquellen von Öl und Gas aus anderen

Ländern, beim Ausbau sowohl der erneuerbaren

Energien als auch der Stromnetze und

bei der Gewinnung von grünem Wasserstoff.

Insofern kann die aktuelle Lage auch eine

Chance für Deutschland sein, die Energiewende

noch einmal zu beschleunigen.

W+M : Bildet der Begriff der Energiewende

die augenblickliche Entwicklung eigentlich

noch richtig ab ?

Stefan Kapferer : Mit dem Begriff Energiewende

bezeichnete man ja zunächst vor allem

den Umstieg von fossilen Energieträgern auf

Erneuerbare. Jetzt kommt zu diesem Begriff

der Aspekt der Energieunabhängigkeit hinzu.

Ich spreche bewusst von Energieunabhängigkeit

und nicht von Energieautarkie, weil

ich nicht glaube, dass wir in Deutschland in

der Energieversorgung völlig autark werden

können. Wir werden beispielsweise auch weiterhin

Strom aus Skandinavien beziehen und

wir werden künftig auch grünen Wasserstoff

importieren müssen. Insgesamt wird aber

neben den bisherigen Zielen der Energiewende

auch das Ziel der Energiesouveränität an

Bedeutung gewinnen.

W+M : Bundeswirtschaftsminister Robert

Habeck hatte dem Ausbau der erneuerbaren

Energien ja schon vor dem Ukraine-Konflikt

höchste Priorität eingeräumt. Was muss nun

passieren, damit die Bundesregierung ihre

ambitionierten Ziele erreicht ?

Stefan Kapferer : Man muss der neuen

Bundesregierung zugestehen, dass sie

nicht mehr nur über ihre Ambitionen in der

Energie politik spricht, sondern auch über

konkrete Maßnahmen. Die Frage wird nun

sein, wie zügig sie diese wird umsetzen

können. Für ein Unternehmen wie 50Hertz

verbinden sich damit ganz praktische

Foto: Jan Pauls

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


INTERVIEW

WIRTSCHAFT+MARKT9

Fragen, beispielsweise : Können wir unsere

Anträge bei der Bundesnetzagentur künftig

vollständig digital einreichen ? Wird es neue

Regelungen zum Artenschutz nicht nur für

die Windkraftbranche, sondern auch für die

Netzbetreiber geben ?

W+M : Wie optimistisch sind Sie, dass solche

Fragen nun angegangen werden ?

Zuwachs speist sich u.a. aus dem steigenden

Strombedarf im Mobilitätssektor, dem

stärkeren Stromeinsatz in der Industrie und

der wachsenden Zahl von Wärmepumpen. Wir

gehen davon aus, dass wir im Jahr 2030 einen

Strombedarf von 140 Terrawattstunden in

unserem Netzgebiet abdecken müssen, das

wären rund 35 Terrawattstunden mehr als

gegenwärtig.

Stefan Kapferer : Bei Bundeswirtschaftsminister

Habeck, aber auch beim neuen

Geschäftsführer der Bundesnetzagentur,

Klaus Müller, sehe ich diesbezüglich gute

Signale. Aber es müssen sich auch im täglichen

Verwaltungshandeln die Denkweisen hin

zu mehr Geschwindigkeit ändern. Das gilt

übrigens auch für 50Hertz. Auch wir werden

unsere Prozesse beschleunigen müssen.

W+M : Sie rechnen mit einem Anstieg des

Strombedarfs im Netzgebiet von 50Hertz

um 30 bis 40 Prozent bis zum Jahr 2030. Wie

realistisch sind diese Prognosen ?

Stefan Kapferer : Ich halte diese Prognosen

für sehr realistisch. Wir hatten im Netzgebiet

von 50Hertz im letzten Jahr einen Anstieg des

Stromverbrauchs um drei Prozent. Das ist

noch eine verhältnismäßig geringe Zuwachsrate,

aber die Tendenz ist eindeutig erkennbar. Der

W+M : In welchen Regionen steigt der

Strombedarf und können Sie diesen im

Netz auffangen ?

Stefan Kapferer : Der größte Zuwachs wird

sich in der Region Berlin-Brandenburg ergeben.

Da spielt die Gigafactory von Tesla eine

große Rolle, weil sich im Südosten von Berlin

rund um Tesla weitere industrielle Wertschöpfung

ansiedeln wird. In Berlin wird der Strombedarf

durch die Elektromobilität steigen. Auch

im Großraum Leipzig, in der Chipindustrie im

Raum Dresden und in Magdeburg rund um

die neue Intel-Produktionsstätte gehen wir

von einem Wachstum der Strommengen aus.

Und nicht zuletzt wird die chemische Industrie

im mitteldeutschen Chemiedreieck viele indus

trielle Prozesse auf Strom umstellen. Wir

werden diese Strommengen in unserem Netz

integrieren können, aber dazu müssen die

Netze schneller ausgebaut werden.

W+M : Welche Rolle wird der Ausbau der

Offshore-Windenergie bei der Deckung des

wachsenden Strombedarfs spielen ?

Stefan Kapferer : Die Offshore-Windenergie

wird unserer Ansicht nach die Schlüsseltechnologie

bei der Umstellung auf erneuerbare

Energien sein. Der Wind auf hoher See weht

stark und zuverlässig. Deshalb besitzt Offshore-Windkraft

von allen erneuerbaren

Energien das größte Erzeugungspotenzial.

Zwar versucht Bundeswirtschaftsminister

Habeck gerade auch den Anlagenbau an Land

voranzutreiben, doch dort gibt es, wie wir alle

wissen, große Hindernisse. Bei den Solaranlagen

erleben wir geraden einen starken

Zubau, doch bei der Solarenergie fallen die

Volllaststunden im Gegensatz zur Offshore-

Windenergie eher gering aus. Bei der Offshore-Windenergie

lassen sich die Projekte

viel schneller umsetzen, sowohl technisch als

auch was die Genehmigungsprozesse betrifft.

Ein starker Ausbau der Offshore-Windenergie

in der Ostsee erhöht die Energiesouveränität

in Deutschland.

W+M : Welches sind aktuell weitere Herausforderungen,

denen sich der Netzbetreiber

50Hertz stellen muss ?

Foto: 50Hertz

Die Offshore-Windenergie muss noch stärker genutzt werden.

Stefan Kapferer : Das Thema Personalmangel

darf bei der Umsetzung der Energiewende

nicht unterschätzt werden. Dieser zeigt sich

schon jetzt in vielen Bereichen : Es fehlen

Handwerker zur Installation von Solaranlagen,

Elektrotechniker für den Netzausbau, es mangelt

an Digitalexperten für die Smartifizierung

der Netze und auch an Mitarbeitern in den

Tiefbaufirmen, um nur einige Beispiele zu

nennen. Die 50Hertz Transmission GmbH

alleine hat im letzten Jahr 200 neue Stellen

geschaffen und wir werden dieselbe Anzahl an

neuen Personen auch in diesem Jahr einstellen.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


10

WIRTSCHAFT+MARKT

ENERGIE

W+M : Tesla hat mit seiner Gigafactory in

Grünheide den Anfang gemacht, letzte Woche

hat Intel seine Standortentscheidung für Magdeburg

bekanntgegeben. Kann Ostdeutschland

zur neuen Industrieregion aufsteigen und was

bedeutet das für die Stromnetze ?

Stefan Kapferer : Die Verfügbarkeit von

grünem Strom und grünem Wasserstoff wird

künftig wesentlich die Standortfrage bei

Industrieunternehmen bestimmen. Ostdeutschland

hat deshalb gute Voraussetzungen

für neue Großansiedlungen. Das belegt

auch die überdurchschnittlich hohe Zahl an

Standort entscheidungen für Ostdeutschland

in den letzten Jahren. Wir werden als

Unternehmen durch einen vorausschauenden

Netz ausbau unseren Teil dazu beitragen,

dass auch die entsprechende Infrastruktur

für solche Ansiedlungen vorhanden sein wird.

Stefan Kapferer im Interview

W+M : Wo sehen Sie weitere Hindernisse für

das Gelingen der Energiewende ?

Stefan Kapferer : Eine weitere Herausforderung

sehe ich in der Fertigung der Produkte,

die wir für die Energiewende benötigen. Bei

den Solarzellen etwa soll uns eine heimische

Produktion nun wieder mehr Unabhängigkeit

von den internationalen Märkten ermöglichen.

Der Schweizer Konzern Meyer Burger hat mit

zwei neuen Werken zur Herstellung von Solarzellen

und Solarmodulen in Ostdeutschland

den Anfang gemacht. Auf der anderen Seite

aber will beispielsweise der Windkraftanlagenbauer

Nordex seine Produktion in

Ostdeutschland einstellen.

W+M : Viele Branchen leiden gegenwärtig

auch darunter, dass es zu massiven Störungen

in den globalen Lieferketten kommt. Wie

betroffen sind Sie als Stromnetzbetreiber von

diesen Störungen ?

Stefan Kapferer : Die Ausfälle in den weltweiten

Lieferketten machen sich bei uns nicht

so stark bemerkbar wie etwa in der Automobilindustrie.

Wir stehen immer in einem engen

Austausch beispielsweise mit den Kabelherstellern,

die aber allesamt in Mitteleuropa

produzieren. Deshalb ist für uns, verglichen

mit anderen Branchen, die Situation gut

beherrschbar.

W+M : Für den US-Autobauer Tesla war

die Geschwindigkeit des Genehmigungsprozesses

in Brandenburg von herausragender

Bedeutung. Lässt sich das auch auf andere

Vorhaben übertragen ?

Stefan Kapferer : Bei Tesla waren die

Risikobereitschaft des Unternehmens

und die besondere Aufmerksamkeit, die die

Landesregierung dem Projekt gewidmet hat,

entscheidend für das Gelingen. Ähnliches

erleben wir nun bei der Chipfabrik von Intel in

Magdeburg. Auch dort ist es wichtig, dass wir

nun gemeinsam schnellstmöglich die Energieversorgung

sicherstellen. Intels Entscheidung

zeigt, welche Attraktivität Standorte gewinnen,

wenn Klima- und Industriepolitik zusammen

gedacht werden und Unternehmen gemeinsam

mutig vorangehen.

i

Interview:

Frank Nehring / Matthias Salm

50Hertz – Stromversorgung für 18 Millionen Menschen

50Hertz betreibt das Stromübertragungsnetz im Norden und Osten Deutschlands und baut es

für die Energiewende aus. Das 50Hertz-Netzgebiet umfasst die Bundesländer Brandenburg,

Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen- Anhalt und Thüringen sowie die Stadtstaaten

Berlin und Hamburg. In diesen Regionen sichert 50Hertz mit rund 1.400 Mitarbeiterinnen und

Mitarbeitern die Stromversorgung von 18 Millionen Menschen. Dabei ist 50Hertz führend bei

der sicheren Integration erneuerbarer Energien ins Stromnetz. Bis zum Jahr 2032 sollen es

übers Jahr gerechnet 100 Prozent erneuerbare Energien sein.

Lesen Sie das

ausführliche Interview

auf W+M online

Foto: 50Hertz

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


THEMA

WIRTSCHAFT+MARKT11

Bringt mehr

Spannung

in Ihr Leben

e-dis.de/energieloesungen

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2021


12

WIRTSCHAFT+MARKT

ENERGIE

„DER AUSBAU DER

ERNEUERBAREN

IST DAS GEBOT

DER STUNDE.”

Dr. Alexander Montebaur, Vorstandsvorsitzender der E.DIS AG, spricht im Interview mit

Wirtschaft + Markt über die Folgen des Ukraine-Krieges für die Versorgungssicherheit, die

Dringlichkeit des Stromnetzausbaus und die Klimaschutzpläne der neuen Bundesregierung.

W+M : Nun steigen die Energiepreise

gegenwärtig durch die weltpolitische Lage

noch dramatischer an. Was kommt da auf die

Kunden zu ?

Dr. Alexander Montebaur : Der Strompreis

hat sich schon in der zweiten Hälfte des letzten

Jahres kontinuierlich nach oben entwickelt

und zeigte bereits erste Extremausschläge.

Jetzt sind wir durch die Ukraine-Krise in einer

Situation, in der wir uns wohl auf ein lang

andauernd hohes Preisniveau bei Strom, Gas

und Kraftstoffen einstellen müssen.

Dr. Alexander Montebaur, Vorstandsvorsitzender der E.DIS AG,

im Gespräch mit W+M-Chefredakteur Frank Nehring.

W+M : Herr Dr. Montebaur, der Ukraine-Krieg

rückt aktuell die Frage nach der Versorgungssicherheit

im Energiemarkt auch für die E.DIS AG

in den Fokus. Wie schätzen Sie als Verteilnetzbetreiber

in Brandenburg und Mecklenburg-

Vor pommern die gegenwärtige Lage ein ?

Dr. Alexander Montebaur : Was derzeit in

der Ukraine geschieht, ist schrecklich. Und es

hat auch direkte Wirkungen auf die Energieversorgung

in Deutschland, wie man nicht

zuletzt an den gestiegenen Sprit-, Strom- und

Gaspreisen sieht. Dennoch wird es für Deutschland

nicht möglich sein, kurzfristig sämtliche

Lieferungen aus Russland zu stoppen, das würde

schwere Schäden auch in Unternehmen unserer

Region verursachen.

W+M : Bei den Stromanbietern hat es erste

Insolvenzen gegeben. Das sorgt für Verunsicherung.

Zu Recht ?

Dr. Alexander Montebaur : Es hat Insolven -

zen gegeben, weil einige Stromanbieter den

Markt falsch eingeschätzt haben. Andere

Anbieter nehmen Optimierungen vor, indem

sie Ver träge kündigen und ihre Kunden zu

den Grundversorgern schicken. Sie sehen,

dass sie die Strommengen, die sie kontrahiert

haben, am Markt besser verkaufen

können, als wenn sie ihren vertraglichen

Verpflichtungen gegenüber den Endkunden

nachkommen. Das halte ich für ein unseriöses

Geschäftsgebaren.

W+M : Das Thema Versorgungssicherheit

hingegen hatte bisher in der öffentlichen

Diskussion kaum eine Rolle gespielt. Jetzt

wachsen die Zweifel : Ist die Versorgungssicherheit

aus Ihrer Sicht weiterhin gegeben ?

Dr. Alexander Montebaur : Es hat vor allem

die Frage, wie die Versorgung in Deutschland

mit eigenen Ressourcen sichergestellt werden

kann, eine neue Dimension gewonnen. Der

Ausbau der erneuerbaren Energien ist nun

das Gebot der Stunde, im Gleichklang mit

dem Netzausbau. Gleichwohl muss allen klar

sein, dass auf absehbare Zeit die erneuerbaren

Energien alleine zur Versorgung nicht ausreichen

werden. Die Szenarien für den Strommarkt

sehen für das Jahr 2030 vor, dass immer noch

20 Prozent des Strombedarfs aus anderen

Quellen gedeckt werden müssen. Wir steigen

in diesem Jahr aus der Kernenergie und spätestens

2038 aus der Kohleverstromung aus.

Fotos: W+M

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


INTERVIEW

WIRTSCHAFT+MARKT13

Dieser Übergang sollte mit der so genannten

Gasbrücke und dem Bau neuer Gaskraftwerke

abgesichert werden. Das steht jetzt in Frage.

Deshalb muss die Frage der Versorgungssicherheit

sicher neu bewertet werden.

W+M : Die neue Bundesregierung und ins besondere

Wirtschaftsminister Robert Habeck

setzen deshalb auf einen beschleunigten

Aus bau der erneuerbaren Energien durch

Vereinfachungen bei der Planung und Regulierung.

Für wie realistisch halten Sie dieses

Vorhaben ?

Dr. Alexander Montebaur : Die Investoren für

Wind- oder Photovoltaik-Anlagen stehen bereits

in den Startlöchern. Bereits heute hat die

E.DIS zwölf Gigawatt erneuerbare Energien an

ihr Netz angeschlossen. In unserem Netzentwicklungsplan

für das Jahr 2030 ist ein Ausbauszenario

von dann 30 Gigawatt vorgesehen.

Für unser Unternehmen bedeutet dies, dass

wir unser Hochspannungsnetz auf rund 1.200

Kilometern erneuern müssen. Dabei geht es

wohlgemerkt nur darum, neue Freileitungen

in bestehende Trassen zu bauen. Wenn wir

alle Anträge auf neue Anlagen für erneuerbare

Energien, vor allem für großflächige Photovoltaikanlagen,

in unserem Netzgebiet berücksichtigen

würden, kämen wir sogar auf eine

Anschlussleistung von 80 Gigawatt. Daran

sehen Sie : Der Anlagenbau wächst schneller

als der Netzausbau.

W+M : … weil sich die Anlagen angesichts der

hohen Strompreise noch stärker rentieren ?

Dr. Alexander Montebaur : In

der Tat. Die wenigsten Anlagen

in unserem Netzgebiet finanzieren

sich heute noch über eine

fixe EEG-Vergütung. Mehr als 80

Prozent der Anlagen sind in der Direktvermarktung.

Finanzielle

Anreize für Investoren in

erneuerbare Energien

sind heute sicher

nicht mehr

nötig.

W+M : Was sollte stattdessen geschehen ?

Dr. Alexander Montebaur : Zunächst muss

die Akzeptanz für den Anlagenbau in der

Bevölkerung erhöht werden. Ich nenne Ihnen

ein Beispiel : Rund um die Stadt Altentreptow

im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte

stehen unzählige Windkraftanlagen. In den

Gemeindefinanzen spiegelt sich das aber

nicht wider – sprich : die Kommune profitiert

überhaupt nicht von dem Bauboom. Daran

muss sich sicher etwas ändern. Früher waren

Kraftwerke immer auch Wirtschaftsfaktoren.

Sie haben den Kommunen Arbeitsplätze und

Gewerbesteuern garantiert und waren deshalb

in der Bevölkerung akzeptiert.

W+M : Der zweite Punkt ist die Beschleunigung

von Genehmigungsverfahren für den

Netzausbau. Was muss sich dabei ändern ?

Dr. Alexander Montebaur : Die E.DIS

investiert auch in diesem Jahr wieder rund

200 Millionen Euro in den Netzausbau. Es

liegt also nicht an den Investitionsmitteln,

unser Haupthindernis sind die Genehmigungsverfahren.

Für die Erneuerung unserer

Hochspannungsleitungen müssen wir einen

Realisierungszeitraum von acht Jahren veranschlagen.

Eine Erneuerbare-Energien-Anlage

kann dagegen innerhalb eines Jahres gebaut

werden. Für den Netzanbieter entsteht dann

das Problem, dass er den Strom dieser Anlage

voll vergüten muss, auch dann, wenn der Anlagenbetreiber

abgeregelt wird, also der Strom

nicht eingespeist werden kann. Die Vergütung

bei Netzengpässen muss deshalb dringend

überdacht werden. Es kann nicht sein,

dass neue Anlagen in bereits bestehende

Netz engpässe gebaut werden.

W+M : Welche Forderungen haben Sie

darüber hinaus, um die Verfahren zu

beschleunigen ?

Dr. Alexander Montebaur : Wir brauchen

erstens voll digitale Planungsverfahren.

Zweitens müssen für die naturschutzrechtlichen

Auflagen einheitliche Standards

gelten. Und drittens müssen die Genehmigungsbehörden

dringend personell aufgestockt

werden. Darüber hinaus muss natürlich

auch eine gesellschaftliche Diskussion über

die Abwägung von Klima schutz, Artenschutz

und Versorgungssicherheit geführt werden.

W+M : Haben wir dafür noch ausreichend Zeit ?

Dr. Alexander Montebaur : Sicher ist : Ein

Weiter so wie bisher darf es nicht mehr geben.

Eine Erneuerung einer Leitung etwa muss

für einen Stromnetzbetreiber im Genehmigungsverfahren

innerhalb von zwei Jahren

möglich sein. Ich spüre aber, dass jetzt ganz

viel Bewegung in die Politik gekommen ist,

sowohl beim Bund als auch bei den Ländern.

Diesen Schwung müssen wir nutzen, um neue

gesetzliche Regelungen zur Vereinfachung der

Genehmigungsverfahren noch in diesem Jahr

zu verabschieden.

W+M : Welche weiteren Herausforderungen

stellen sich der E.DIS ?

Dr. Alexander Montebaur : Da möchte ich vor

allem die Netzentgelte ansprechen. Die E.DIS

hat mittlerweile in ihrer Region die höchsten

Netznutzungsentgelte in ganz Deutschland,

weil die immer höheren Kosten für die Netze

durch den Ausbau der erneuerbaren Energien

auf eine weitgehend gleich bleibende Zahl

von Verbrauchern verteilt werden müssen.

Gleichzeitig schrecken diese hohen Netznutzungsentgelte

oftmals neue Großverbraucher

wie etwa Rechenzentren von einer Ansiedlung

ab. Dabei muss es doch das Ziel sein, dass sich

neue Großverbraucher dort niederlassen, wo

die Netze bereits ausgebaut sind und Erneuerbare

im Überfluss eingespeist werden. Als E.DIS

haben wir in unserem Netzgebiet beispielsweise

80 Anschlusspunkte veröffentlicht, wo

sich Unternehmen mit hohem Strombedarf

heute schon ausreichend versorgen können.

Diesen Aspekt muss auch die Politik bei der

Gewerbeansiedlung stärker berücksichtigen.

Interview: Frank Nehring

Dr. Alexander Montebaur, Vorstandsvorsitzender der E.DIS AG

Lesen Sie das

ausführliche Interview

auf W+M online

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


14

WIRTSCHAFT+MARKT

ENERGIE

WER TRÄGT DIE KOSTEN

DER ENERGIEWENDE?

Der jüngste Anstieg der Energie- und Kraftstoffkosten

geht zwar nicht auf die Energiewende, sondern auf den

russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zurück, aber

er macht deutlich, welcher soziale Sprengstoff mit einer

deutlichen Verteuerung fossiler Energieträger zumindest

kurzfristig verbunden ist. Doch wie können höhere Energie-

und Kraftstoffkosten gerecht verteilt werden?

VON PROFESSOR DR. OLIVER HOLTEMÖLLER

IIm Durchschnitt gaben Haushalte in Deutschland im Jahr 2018 knapp 5,5 Prozent

ihres Einkommens für Energie im Wohnbereich und etwa 3,5 Prozent für Kraftstoff

aus, für beide Gütergruppen insgesamt also neun Prozent. Unter anderem

durch die zunehmende Bepreisung von Kohlendioxidemissionen werden die Preise

für Gas und Öl im Zuge der Energiewende steigen. Nehmen wir zur Illustration des

Mechanismus einmal an, dass sich die Preise für Energie und Kraftstoff insgesamt

verdoppeln. Dann müssten bei gleichbleibender Nachfrage nicht mehr neun Prozent,

sondern 18 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens für Energie und

Kraftstoffe ausgegeben werden. Nehmen wir zusätzlich an, dass Einsparungen bei

Nahrungsmitteln, Miete und Gesundheit, auf die insgesamt 45 Prozent der Ausgaben

entfallen, nicht möglich sind; dann bleiben 46 Prozent des Einkommens, die auf sonstige

Ausgaben entfallen, übrig, um die Mehraufwendungen zu schultern.

9 in Relation zu 46 sind etwa 20 Prozent, das heißt also, für Freizeit, Unterhaltung, Kultur,

Gaststätten, Bekleidung usw. blieben 20 Prozent weniger als bisher. Das hört sich ernüchternd

an. Außerdem muss auch die Einkommensverteilung berücksichtigt werden. Haushalte

mit geringem Einkommen haben keine Möglichkeit, einen deutlichen Anstieg der Preise für

Energie, die bei dieser Haushaltsgruppe einen deutlich höheren Anteil an den Gesamtausgaben

ausmacht, durch Einsparungen an anderer Stelle auszugleichen. Sollen die Folgen der Verteuerung

von Energie für Haushalte mit unterdurchschnittlichem Nettohaushaltseinkommen

abgefedert werden, so muss die Gruppe mit überdurchschnittlichem Einkommen zusätzlich

Verzicht für den Einkommenstransfer an die unteren Einkommensgruppen leisten.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


KOMMENTAR

WIRTSCHAFT+MARKT15

Was das für diese Haushalte prozentual bedeutet, lässt sich nicht ohne weitere Berechnungen

sagen, weil dem Transfer in absoluten Euro-Beträgen gegenübersteht, dass der

Anteil des Haushaltseinkommens, der auf Freizeit, Unterhaltung, Kultur usw. entfällt,

deutlich höher ist als bei Haushalten mit niedrigem Einkommen.

Diese Rechnung erhebt nicht den Anspruch, die Prozentanteile exakt zu ermitteln.

Viel mehr geht es darum zu zeigen, dass die Haushalte mit überdurchschnittlichem

Einkommen wohl nicht nur für die Kompensation der eigenen höheren Energie- und

Kraftstoffrechnung Konsumverzicht an anderer Stelle leisten müssen, sondern

zusätzlich für den sozialen Ausgleich. Es ist eine Nebelkerze, wenn die Politik

den Eindruck zu erwecken versucht, dass auch Haushalte mit einem Einkommen

über dem durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen von gut 3.600 Euro für

höhere Energiepreise kompensiert werden könnten. Ganz im Gegenteil: Diese

Haushaltsgruppe wird doppelt zur Kasse gebeten werden müssen.

Jetzt mag man argumentieren, dass die höheren Preise für Energie das Einkommen

an anderer Stelle erhöhen und daher dort abgeschöpft und verteilt

werden kann, um alle Haushalte ein Stück weit von steigenden Energiepreisen

abzukoppeln. Das ist aber gesamtwirtschaftlich eine Illusion. Steigende

Energiepreise werden zumindest in einer Übergangsphase nicht zusätzliche

Gewinne für die Energie produzenten widerspiegeln, sondern den Aufwand

für den Umbau der Energieversorgung von fossilen Energieträgern hin zu

regenerativen. Damit sind reale Investitionen verbunden, die den gesamtwirtschaftlichen

Spielraum für Konsumausgaben schmälern.

Was hingegen hilft, ist die Reduktion des Energieverbrauchs. Die höheren

Preise werden zu einer höheren Energieeffizienz führen und die

Nachfrage nach Energie und Kraftstoffen dürfte durch Verhaltensanpassungen

sinken. Dadurch ergibt sich dann auch wieder mehr Spielraum

für die übrigen Konsum ausgaben. Die Verhaltensanpassung

hängt dabei vom Preisan stieg ab. Die Politik sollte daher zulassen,

dass sich Gas und Benzin relativ zu anderen Gütern verteuern. Nur

so lassen sich über die niedrigere Energienachfrage die Gesamtkosten

der Energiewende verringern. Ohne Konsumverzicht der

Haushalte mit überdurchschnittlichem Einkommen werden sich

die Treibhausgas-Emissionsreduktionsziele der Bundesregierung

jedenfalls nicht erreichen lassen.

DER AUTOR

Professor Dr. Oliver Holtemöller ist Leiter der

Abteilung Makroökonomik am Leibniz-Institut

für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und

stellvertretender Präsident des Instituts.

Er ist zudem Professor für Volkswirtschaftslehre,

insbesondere Makroökonomik, an der

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Foto: IWH Christian Hüller

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


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WIRTSCHAFT+MARKT

ENERGIE

DAS COMEBACK DES

SOLAR VALLEY

Deutschland will sich mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien aus der

Abhängigkeit von Gas- und Ölimporten befreien. Doch auch viele Komponenten

für Photovoltaik-Anlagen stammen aus Asien. Nun soll ein Comeback

der ostdeutschen Solarindustrie die heimische Produktion von Solarzellen

wiederbeleben.

VON MATTHIAS SALM

Anfang des Jahrtausends reiften in Sachsen-Anhalt

wahre Blütenträume. Die Solarindustrie

wurde zum Hoffnungsträger für die

gesamte ostdeutsche Wirtschaft ausgerufen.

Bei einer der Schlüsselindustrien der künftigen

Energieversorgung übernahm Ostdeutschland

augenscheinlich mühelos die Vorreiterrolle,

anstatt sich wie bisher bei den Altindustrien

nur in einem mühsamen Aufholprozess

gegenüber dem Westen aufzureiben. Mit der

Produktion der ersten Solarzelle im Jahr 2001

im Solar Valley getauften Industriegebiet in

Thalheim begann der rasante Aufstieg der

mitteldeutschen Solarindustrie – dem ein

ebenso rasanter Niedergang folgen sollte.

Doch zunächst gesellten sich zu dem Pionier

Q-Cells noch weitere Unternehmen in das

heute zu Bitterfeld-Wolfen gehörende Solar

Valley. Rund 3.500 Menschen beschäftigte die

Photovoltaik-Branche in ihren Spitzenzeiten in

der Region. Doch der Aufbau einer preisgünstigen

Massenproduktion in Asien bereitete dem

Solar Valley ab 2009 zunehmend Kopfzerbrechen.

Dann ging es Schlag auf Schlag: 2012 war

Q-Cells insolvent und wurde vom südkoreanischen

Konzern Hanwha übernommen. 2015

endete die Produktion in Sachsen-Anhalt, es

verblieben nur die Bereiche Forschung und

Innovationen am Standort. Den anderen Unternehmen

erging es nicht besser. 2019 schloss

mit Solibro der letzte Photovoltaik-Hersteller

im Solar Valley seine Pforten.

Doch der Schlusspunkt markierte zugleich

auch einen Neuanfang. Das Schweizer

Maschinenbau-Unternehmen Meyer Burger

Technology AG erklärte 2020, künftig in Thalheim

wieder Solarzellen produzieren zu wollen

Zellfertigung bei Meyer Burger in Thalheim

Abtransport der Solarzellen in Thalheim

– nach den zahlreichen herben Rückschlägen

ein vielfach kritisch beäugtes Vorhaben. Doch

die aktuellen weltpolitischen Ereignisse lassen

ein Comeback des Solar Valleys nun realistischer

denn je erscheinen. Denn auch die EU

will mit einer neuen Photovoltaik-Strategie

den Aufbau von Produktionskapazitäten in

Europa fördern.

In Thalheim wird nun die von Meyer Burger entwickelte

und patentgeschützte Heterojunction/

SmartWire-Technologie bei Solarmodulen umgesetzt.

Solarzellen auf Heterojunction-Basis

versprechen gegenüber herkömmlichen Zellen

den Vorteil, dass sie mehr Sonnenlicht in Energie

umwandeln können. Die von Meyer Burger

in der Schweiz entwickelte SmartWire-Zellverbindungstechnologie

erhöht die Leistungsfähigkeit

der Module zusätzlich und sorgt für eine

überdurchschnittlich lange Lebensdauer, so der

Hersteller.

Im hochautomatisierten Vollbetrieb sollen

täglich bis zu 200.000 Solarzellen vom Band

laufen. Sie werden dann im sächsischen

Freiberg zu Solarmodulen verarbeitet. Dort

wurde die ehemalige Solarworld-Fabrik

umgebaut und auf SmartWire-Fertigungslinien

umgerüstet. Mit der Eröffnung beider

Fabriken und dem Aufbau der Fertigungs- und

Fotos: Bundesverband Solarwirtschaft e.V. (Solarmodul), Meyer Burger AG (Zellfertigung)

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


SOLARENERGIE

WIRTSCHAFT+MARKT17

in Betrieb genommen. Es ist Europas größte

Produktionsanlage für Glas-Glas-Solarmodule.

Die Dresdner wollen bis 2023 rund 100 Millionen

Euro in die Weiterentwicklung des Unternehmens

investieren. Ein Großteil der Summe

wird in Sachsen und ganz konkret in Dresden

investiert, erklärte das Unternehmen gegenüber

W+M. Darüber hinaus fließt das Geld in zusätzliches

Personal sowie in die weitere Digitalisierung.

Mittlerweile arbeiten insgesamt mehr als

600 Personen für Solarwatt – davon mehr als

400 in Dresden. Bis 2025 soll die Mitarbeiterzahl

auf knapp 1.000 Beschäftigte wachsen.

Der Standort in Sachsen biete beste Voraus-

Fotos: Meyer Burger AG, Sölarwatt GmbH

Modulfertigung bei Meyer Burger in Freiberg

Vertriebs organisationen will Meyer Burger

seine Transformation vom reinen Anlagen- und

Technologie anbieter zum integrierten Hersteller

von Solarzellen und -modulen vollziehen. Auch

wenn der Start angesichts globaler Lieferengpässe

und pandemiebedingter Personalausfälle

nicht unter optimalen Rahmenbedingungen

verlief, wollen die Schweizer den politischen

Rückenwind nutzen und ihre Expansionspläne

noch zügiger vorantreiben. Gunter Erfurt , CEO

von Meyer Burger, prophezeit: „Meyer Burger

setzt am historischen Solarstandort Solar Valley

einen Meilenstein auf dem Weg Europas zu mehr

strategischer Unabhängigkeit bei der Schlüsseltechnologie

Photovoltaik.“

Angesichts dieser Nachrichten ging im Sommer

letzten Jahres fast schon unter, dass auch

Q-Cells in seiner globalen Forschungs- und

Entwicklungszentrale in Thalheim weitere

15,5 Millionen Euro in die Entwicklung von

Maschinen und Anlagen der nächsten Generation

der Photovoltaik-Technologie investiert.

„Der Wiedereinstieg in die Massenfertigung von

Solarzellen am Standort Deutschland stand weit

oben auf der Wunschliste der Solarwirtschaft,

ihrer Zulieferer und unserer hochkarätigen

Forschungseinrichtungen“, begrüßt Carsten

Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands

Solarwirtschaft (BSW), das Comeback

des Solar Valleys. „Durch besonders innovative

und damit konkurrenzfähige Produkte, einen

hohen Automatisierungsgrad und dadurch

sinkende Arbeitskosten sowie einen besonderen

Qualitäts-, Service- und Markenanspruch

wurde ein Comeback des Solarstandorts

Deutschland möglich,“ so Körnig.

Für Körnig zählen ein deutlich wachsender

Heimatmarkt und ein klares Commitment

der Regierung zur Solarisierung der Energieversorgung

zu den weiteren unverzichtbaren

Voraussetzungen für eine Renaissance der

heimischen Solarindustrie. Der BSW begrüßt

daher die Ziele der Ampel-Koalition für ein

„Solar-Beschleunigungspaket“ und den Abbau

von Marktbarrieren, um die installierte Solarstromleistung

in Deutschland bis 2030 mehr

als zu verdreifachen. „Der derzeit vorliegende

Gesetzesentwurf für eine EEG-Novelle muss

jedoch an wichtigen Stellschrauben unbedingt

nachgebessert werden, nicht zuletzt, um auch

heimischen Qualitätsanbietern die erforderlichen

Wachstumsperspektiven im Heimatmarkt

zu bieten“, fordert Körnig darüber hinaus.

Den aktuellen Aufwind verspüren auch südlich

des Solar Valleys die sächsischen Modulhersteller.

Die Dresdner Firma Solarwatt GmbH

hat im September letzten Jahres eine hochmoderne

Modul-Fertigungslinie mit einer

Produk tionskapazität von 300 Megawattpeak

Firmensitz der Solarwatt GmbH

setzungen, um weiter zu wachsen, so der

1993 gegründete Dresdner Photovoltaik-Hersteller.

Die Nachfrage von Kundenseite an

Photovoltaik-Lösungen für Eigenheime und

das Gewerbe steige immer mehr – und zwar

nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Für Geschäftsführer Detlef Neuhaus ist deshalb

klar: „Es ist extrem wichtig, dass wir auch

hierzulande eine starke Solarindustrie haben,

die Innovationen vorantreibt und Lösungen

anbietet, mit denen sich die Menschen möglichst

schnell und einfach mit sauberer Energie

versorgen können.“

Auch die Chemnitzer Heckert Solar GmbH

nahm 2021 für 21 Millionen Euro eine neue

Fertigungsstätte im thüringischen Langenwetzen

dorf in Betrieb, in der eine neue Heckert-Solarmodulserie

produziert werden soll.

Vom Wachstum der Solarbranche profitieren

nebenbei auch die Zulieferer, insbesondere im

Maschinenbau: Die Stringer für die Anlagen

in Langenwetzdorf lieferte die teamtechnik

Maschinen und Anlagen GmbH aus Freiberg,

der Zellcutter wurde zusammen mit dem

Chemnitzer Spezialunternehmen 3D-Micromac

entwickelt.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


18

WIRTSCHAFT+MARKT

ENERGIE

„ERNEUERBARE

ENERGIEN BRINGEN

IMPULSE FÜR DIE

WIRTSCHAFT.”

Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands WindEnergie, im Interview

mit Wirtschaft + Markt über die Energiekrise und die Folgen für den Ausbau

der erneuerbaren Energien in Deutschland.

W+M : Herr Albers, der Ausstieg aus der Atomenergie,

der vorgezogene Ausstieg aus der

Braunkohle bis 2030, die Klimaneutralität bis

2045 sind angesichts des Krieges in der Ukraine

und der hohen Abhängigkeit von Gas- und

Ölimporten aus Russland ins Wanken geraten.

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation ?

Hermann Albers : Der Krieg hat zu einem

Preisschock geführt. Aber bereits vor dem Angriffskrieg

gegen die Ukraine befanden wir uns

inmitten einer Preiskrise der fossilen Energieträger.

Deshalb steht nun die Frage, wie sich

darauf reagieren lässt und welcher Ausweg

gefunden werden kann. Der Rückfall in alte

Denkmuster führt sicher nicht zum Ziel. Kohle

und Gas sind überwiegend Importrohstoffe

aus Russland. Atomkraft konkurriert nicht

mit den erneuerbaren Energien, sondern mit

Kohle und Gas. Für eine Laufzeitverlängerung

müsste die Leistung der Kernkraft im Sommer

heruntergefahren und durch mehr Kohle und

Gas aufgefangen werden. Kernkraft ist also

wie Kohle keine Alternative. Die Abhängigkeit

würde nur weiter verstärkt. Das kann nicht

mehr gewollt sein. Die Brückentechnologie Gas

erweist sich in großen Teilen als Illusion. Die

Lösung liegt in den Potenzialen vor der eigenen

Haustür : Wind, Photovoltaik, Bioenergie und

grüner Wasserstoff.

W+M : Die steigenden Energiepreise beunruhigen

die Wirtschaft ebenso wie die privaten

Haushalte. Was ist zu tun ?

Hermann Albers : Mehr als private Haushalte

trifft die Preiskrise die kleinen Unternehmen,

Handwerk und Gewerbe. Kurzfristig ist der

Staat gefordert. Der Steueranteil an den Energiepreisen

lässt ausreichend Spielraum, um zu

handeln. Dies sehen wir in anderen europäischen

Staaten auch. Die Koalition hat mit dem

Entlastungspaket nun genau diese Schritte

vorgesehen. Dies ist sinnvoll. Ebenfalls kurzfristig

muss allerdings das bürokratische Korsett

aufgeschnürt werden, welches den Zubau

der Erneuerbaren blockiert. Im bestehenden

Anlagenpark lassen sich Potenziale heben, indem

z.B. bei der Windenergie Leistungsupgrades

zugelassen und Betriebseinschränkungen

aufgehoben werden. Repowering muss bei

Wind wie Photovoltaik zügig angetrieben werden.

Die Bioenergie braucht Flexibilisierung,

um im Stromsektor und beim Gas optimaler

eingebunden zu werden.

W+M : Bundeswirtschaftsminister Robert

Habeck hat dem Ausbau der erneuerbaren

Energien höchste Priorität eingeräumt. Was

muss passieren, dass die ambitionierten

Ziele der Bundesregierung in Erfüllung gehen

können ?

Hermann Albers : Die gesamte Koalition hat

unterstrichen, dass der Ausbau der Erneuerbaren

der Schlüssel für Energiesouveränität

Foto: XXX

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


INTERVIEW

WIRTSCHAFT+MARKT19

DIE LÖSUNG LIEGT

IN DEN POTENZIALEN

VOR DER EIGENEN

HAUSTÜR.

Hermann Albers

und Klimaschutz ist. Nun müssen den Worten

echte Taten folgen. Der Referentenentwurf des

EEG lässt an vielen Stellen sowohl Problembewusstsein

als auch Lösungsorientierung

erkennen. Nach dem russischen Überfall auf

die Ukraine ist er aber nicht mehr aktuell. Es

braucht eine strukturierte Überarbeitung. Mehr

Tempo, weniger Bürokratie und auch weniger

ideologische Schattenkämpfe sind nötig. Bund,

Länder und Kommunen müssen jetzt wirklich

an einem Strang ziehen. Wer den Zubau der

Erneuerbaren jetzt noch blockiert, provoziert

Energieknappheit. Erneuerbare Energien schaffen

Arbeitsplätze vor Ort, sie bringen Wohlstand

und Impulse für die Wirtschaft.

Hermann Albers, Präsident des

Bundesverbands WindEnergie

Foto: BWE

W+M : Der Ausbau der Windenergie wurde in

der Vergangenheit stiefmütterlich behandelt,

was zu einem geringen Ausbau führte. Nun

sind Sie im Aufwind. Spüren Sie schon etwas ?

Hermann Albers : Die Stimmung in der

Branche ist deutlich optimistisch. Aus eigener

Kraft haben wir das Zubautief der Jahre 2018

und 2019 verlassen. Genehmigungen und

Zubau ziehen sichtbar an. In den Planungen

der Bundesregierung ist eine Verdreifachung

des Zubaus angelegt. Mit effizienten moder-

nen Anlagen leisten wir unseren Beitrag

zur energetischen Unabhängigkeit Deutschlands.

Auch die Tatsache, dass die jüngsten

spektakulären Unternehmensansiedlungen in

Ostdeutschland immer mehr mit dem Hinweis

auf das Vorhandensein CO 2 -freier Energien

begründet wurden, trägt zu einer neuen Sicht

bei. Die Branche ist bereit und kann liefern.

W+M : Wie hoch ist aktuell der Anteil der

Windenergie an den erneuerbaren Energien

und wie bewerten Sie diesen Stand ?

Hermann Albers : Im vergangenen Jahr

machten erneuerbare Energien insgesamt

rund 42 Prozent der deutschen Stromversorgung

aus. Mit 21,5 Prozent war die Windenergie

dabei der Leistungsträger unter den

Erneuerbaren. Wir haben im vergangenen Jahr

gesehen, wie ein schlechteres Windjahr den

Strommix verschiebt. Dies unterstreicht, dass

es einen Erzeugungsmix und einen starken

Zubau von Kapazitäten braucht.

W+M : Wie ordnen sich darin der Ausbaustand

und die Energiepolitik in den ostdeutschen

Bundesländern ein ?

Hermann Albers : Der Osten muss sich

nicht verstecken. Bei Wind, Photovoltaik und

Bioenergie gibt es eine stabile Substanz. Bei

den Infrastrukturen im Sektor Strom und Gas

ist der Osten um Längen voraus. Und mit Blick

auf die Wärme bestehen sowohl bei Geothermie

als auch Power-to-heat gute Erfahrungen.

In den letzten Jahren fehlte allerdings trotz

eines brandenburgischen Spitzenplatzes

beim Zubau der Windenergie der notwendige

Schwung. Diesen gilt es neu anzutreiben. Vor

allem Sachsen muss sich dabei insgesamt neu

aufstellen.

W+M : Der Ausbau der erneuerbaren Energien

erfolgt schneller als der der Stromnetze. Die

Netzbetreiber wünschen, dass keine größeren

Anlagen mehr in bestehende Netzengpässe

gebaut werden. Wie bewerten Sie das Spannungsverhältnis

zwischen Anlagenbau und

Netzausbau ?

Hermann Albers : An einem starken Zubau

wird niemand vorbeikommen. Allerdings gilt es

neu zu denken. Nicht jede Kilowattstunde muss

ins Stromnetz gepresst werden. Power-to-heat

ist als Sektorenkopplung schon angesprochen.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


20

WIRTSCHAFT+MARKT

ENERGIE

ES GEHT HIER AUCH UM

DIE SICHERUNG UNSER

UNABHÄNGIGKEIT.

Hermann Albers

Hier kann die Windenergie noch mehr zur Wärmeversorgung

beitragen. Brandenburgs Wirtschaftsminister

Steinbach hatte bereits vor drei

Jahren dafür plädiert, nun auch in Elektrolyse zu

investieren. Die erzeugungsnahe und netzdienliche

Elektrolyse mit einem Link zum Gasnetz

schafft eine neue Wertschöpfungsbasis. Dafür

braucht es kurze Genehmigungsverfahren für

die Elektrolyseure.

W+M : Wie lässt sich die Akzeptanz für Windkraft

in der Bevölkerung steigern ?

Hermann Albers : Bürger und Kommunen

müssen mitmachen dürfen und sollen von der

neuen Energiewirtschaft profitieren. Die Braunkohle

hatte trotz ihrer dramatischen Eingriffe

in die Landschaft eine Grundakzeptanz, weil

die Region etwas davon hatte. Dies müssen

wir bei der Windenergie neu organisieren. Die

Bürgerwindparks in Schleswig-Holstein oder

die Energiegenossenschaften in Hessen zeigen,

was geht, wenn die Bürger dabei sein dürfen.

W+M : Welches sind die größten Herausforderungen,

denen sich Ihr Verband und die

Branche ausgesetzt sehen ?

Hermann Albers : Nach wie vor sind

Flächen bereitstellung, Genehmigungsdauer

und Artenschutz die offenen Aufgaben. Die

Flächenausweisung lässt sich mit einem Schub

für Repowering und einer Flächenvorgabe des

Bundes von mindestens zwei Prozent lösen.

Diese im Promillebereich liegende Fläche lässt

sich finden. Die Genehmigungsverfahren sind

extrem langwierig, bürokratisch und kostenintensiv.

Verfahrensdauern von sechs und

mehr Jahre können wir uns nun nicht mehr

leisten. Hier gilt es bürokratisch abzuspecken.

Schließlich muss der Artenschutz aus der

Blockadefalle herausgezogen werden. Er wird

durch Gegner der Energiewende, die sich bis

vor kurzem keinen Deut um Rotmilane, Sumpfohreulen

oder Mopsfledermäuse scherten,

massiv missbraucht. Zwei Prozent der Fläche

sind bei Rücksicht auf den Artenschutz möglich.

Diese Fläche muss bebaubar und vollständig

nutzbar sein.

W+M : Die Energiewende, über die wir seit

vielen Jahren sprechen, steht plötzlich für eine

eher behäbige Auseinandersetzung mit dem

Thema in der Vergangenheit. Brauchen wir

einen neuen Begriff für Energiewende ?

Hermann Albers : Bundeskanzler Olaf Scholz

hat den russischen Angriffskrieg gegen die

Ukraine als Zeitenwende bezeichnet. Auch die

sprachliche Verwandtschaft zeigt, dass der

Begriff „Energiewende“ einen grundsätzlichen

Wechsel beschreibt und daher angemessen

ist. Was wir in der gegenwärtigen Situation

brauchen, sind keine neuen Begrifflichkeiten,

sondern ein tatsächlicher und umfassender

Neustart der deutschen Energiepolitik. Es

geht hier auch um die Sicherung unserer Unabhängigkeit.

Bundesfinanzminister Christian

Lindner hat darum Recht, wenn er von den

Erneuerbaren als „Freiheitsenergien“ spricht.

W+M : Wie schnell werden wir merken, dass

unser Weg zu Klimaneutralität erfolgreich

sein wird ?

Hermann Albers : Brandenburg mit der

Ansiedlung von Tesla, Sachsen-Anhalt mit

Intel oder auch Sachsen mit Meyer Burger sind

sichtbare Fakten des erfolgreichen Weges.

Das Referenzkraftwerk Lausitz in Spremberg,

das Norddeutsche Reallabor mit seinen fünf

geografischen Hubs oder die Strombrücke in

Thüringen unterstreichen die positive Entwicklung.

Im Übrigen stehen die Ziele im Koalitionsvertrag

und die Zusagen im Abkommen von

Paris als Kennzahlen bereit. Wenn die Bundesrepublik

die Klimaverträge einhalten will, muss

der Zubau in Deutschland perspektivisch

verdreifacht werden. Deutschland hat mit

den erneuer baren Energien hervorragende

Chancen, nicht nur seine Klimaziele zu

erreichen, sondern gleichzeitig auch seine

energetische Autarkie zu stärken.

Interview: Frank Nehring

Lesen Sie das

ausführliche Interview

auf W+M online

Foto: XXX

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


THEMA

WIRTSCHAFT+MARKT21

Wir gestalten Transformation.

12.06. – 14.06.2022

Bad Saarow

Wirtschaft, Politik und Verwaltung zu vernetzen,

gemeinsam Themen zu diskutieren und Lösungen zu finden –

das ist das Ziel des Ostdeutschen Wirtschaftsforums OWF22.

Folgende Themen stehen in diesem Jahr im Fokus:

› Energieversorgung vs. Energiewende

› Internationale Großansiedlungen vs. Fachkräftemangel

› Langsame Verwaltung vs. schnelle, agile Prozesse

› Leadership in Zeiten der Transformation

LIVESTREAM

www.ostdeutsches

wirtschaftsforum.de

Die Konferenz kann nur auf Einladung besucht werden.

Foto: XXX

Weitere Informationen und einen Link zum Livestream finden Sie hier:

www.ostdeutscheswirtschaftsforum.de

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


22

WIRTSCHAFT+MARKT

MOBILITÄT

BRANDENBURG –

DEUTSCHLANDS

NEUES ZENTRUM

DER MODERNEN

MOBILITÄT

Am 22. März 2022 war es so weit: Nur 861 Tage nach der Entscheidung für

den Standort Brandenburg rollen die ersten Tesla „Made in Brandenburg“ auf

Deutschlands Straßen. Der Produktionsstart der Gigafactory in Grünheide ist

ein Meilenstein in der wirtschaftlichen Entwicklung Brandenburgs und in der

deutschen Automobilindustrie.

VON DR. STEFFEN KAMMRADT, GESCHÄFTSFÜHRER

WIRTSCHAFTSFÖRDERUNG LAND BRANDENBURG GMBH

Steffen Kammradt, Geschäftsführer

Wirtschaftsförderung Land Brandenburg

KKünftig sollen hier jährlich 500.000 Tesla

Model Y vom Band rollen. Das größte Investitionsprojekt

seit der Deutschen Einheit setzt

neue Maßstäbe. „Deutschland kann schnell

sein“ titelt die Süddeutsche Zeitung, „Grünheide

schreibt Auto-Geschichte“ die Frankfurter

Allgemeine Zeitung und ein „Signal für den

Standort Ostdeutschland“ ist Teslas Gigafactory

für das Handelsblatt. Deutschland wird

elektro mobil und Brandenburg zum neuen

Zentrum dieser modernen Mobilität.

Das Tesla Model Y

Schon jetzt profitiert das Land von einer

rasanten Entwicklung in der Wertschöpfungskette.

Die Lithium-Ionen-Batterie – sie ist das

Herz der Elektromobilität. In Brandenburg ist

das größte Lithiumwerk Europas geplant. Die

kanadische Firma Rock Tech Lithium hat sich

für die Industrieregion Lausitz entschieden

und will in Guben Lithium für jährlich bis zu

500.000 Elektroautos verarbeiten. 470 Millionen

Euro will Rock Tech in Guben investieren

und dabei 160 neue Industriearbeitsplätze

schaffen. Damit wird Brandenburg „eine der

ersten Regionen Europas, die fast die gesamte

Wertschöpfungskette von Elektroautos abdeckt“,

sagte Rock Tech-Chef Dirk Harbecke

bei der Vorstellung der Pläne. Und weiter:

„Wir sind in Brandenburg, weil sich hier ein

Elektromobilitäts-Cluster bildet.“

Der nächste Schritt zur Batterie ist das Kathodenmaterial.

Nicht weit von Guben entfernt

errichtet die BASF eine große Fertigung für die

Produktion von Kathodenmaterial. Neben der

Kathode braucht eine Batterie die Anode. Das

Material dafür will das australische Unternehmen

Altech herstellen, das gerade seine

Investition in die Fertigung von Anoden-Grafit

im sächsischen Teil der Lausitz angekündigt

hat. Ein Top-Investitionsprojekt in der elektromobilen

Wertschöpfungskette ist die Produktion

von Schnelllade-Akkus für LKW beim

US-Unternehmen Microvast, das zusammen

mit dem Produktionswerk auch seine Europa-Zentrale

in Ludwigsfelde angesiedelt hat.

Olaf Arndt, Regionalexperte des Prognos-Instituts,

sagt im Handelsblatt: „In Brandenburg

wird die Autoindustrie neu erfunden.“

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Tesla, Inc., Wirtschaftsförderung Brandenburg

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


BRANDENBURG

WIRTSCHAFT+MARKT23

DEKRA errichtet am Brandenburger Lausitzring ein

europäisches Testzentrum für Autonomes Fahren.

Lesen Sie den

ausführlichen Beitrag

auf W+M online

Neben innovativen, emissionsarmen Antrieben

geht die Entwicklung auch auf dem Feld

der intelligenten Steuerung weiter: Die große

deutsche Prüfgesellschaft DEKRA errichtet

am Brandenburger Lausitzring ein europäisches

Testzentrum für Autonomes Fahren.

Der erste autonome Bus auf Brandenburgs

öffentlichen Straßen hat währenddessen

in Wusterhausen/Dosse erfolgreich seinen

Testeinsatz absolviert.

Auch die Luftfahrtindustrie setzt

Zeichen

Von der Straße in die Luft: Rolls-Royce, die

Brandenburgische Technische Universität

und die Firma APUS-Aeronautical Engineering

arbeiten in Cottbus an nicht weniger

als der Zukunft der Luftfahrt – mit neuen

umweltschonenden Antriebstechnologien.

Kernforschungsfelder des Center for Hybrid

Electric Systems Cottbus (CHESCO) sollen

hybrid-elektrische und elektrische Systeme

in den Bereichen Luftfahrt, Bahn, Straße und

Off-Road sein. Als Partner mit dabei ist das

in Cottbus neu angesiedelte Institut für Elektrifizierte

Luftfahrtantriebe des Deutschen

Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

hinaus wirkt. Die Mitgliederzahl im Netzwerk

hat sich in den letzten fünf Jahren vervierfacht.

Auch auf der Schiene setzt sich die Geschichte

der modernen Mobilität in Brandenburg fort

mit dem künftigen ICE-Instandhaltungszentrum

in Cottbus, wo allein 1.200 neue Arbeitsplätze

entstehen werden. Damit bekommt

die Lausitz-Metropole das modernste und

umweltfreundlichste Bahninstandhaltungswerk

in Europa. Auch der BahnTechnologieCampus

Havelland setzt neue Akzente im

Schienenverkehr. Auf der 45 Hektar großen

Fläche rund um den großen Rangierbahnhof

Wustermark westlich von Berlin entsteht ein

Zentrum für moderne Bahntechnologien. Und

die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) sowie

die Deutsche Eisenbahn Service AG (DESAG)

testen im Norden Brandenburgs bereits den

Einsatz von Wasserstoff im Bahnbereich.

Damit fehlen nur noch die Wasserwege. Und

auch hier setzt die deutsche Hauptstadtregion

auf moderne Mobilität – in Form eines

Testfeldes zur autonomen Binnenschifffahrt

auf der Spree-Oder-Wasserstraße. Ziel ist die

Erprobung der Ver- und Entsorgung von Metropolregionen

mit autonomen Binnenschiffen,

die zudem elektrisch fahren sollen. Informationen

über die Standortorientierung liefern

Sensoren, die sowohl Signale vom Schiff an

einen Verkehrsleitstand schicken, als auch

Daten von Land empfangen können um damit

automatisch an- und abzulegen.

Zu Land, auf dem Wasser und in der Luft,

von der Tesla Gigafactory bis zur autonomen

Binnenschifffahrt – die moderne Mobilität

ist ebenso vielfältig wie faszinierend. Sie

gestaltet den Weg in die Zukunft – und ist

in Brandenburg bereits Realität.

Foto: Dekra (Testzentrum), Frank Kniestedt (Infozentrum Cottbus)

Teil der modernen Mobilität sind auch die Innovationen

in unbemannte Flugsysteme (UAS).

In Brandenburg werden Drohnen entwickelt,

produziert und mit immer neuen innovativen

Funktionalitäten verbunden bis hin zum Einsatz

in der Waldbrandbekämpfung. Drohnentests

sind auf dem großen Testzentrum der Bundesanstalt

für Materialforschung (BAM) im

brandenburgischen Horstwalde möglich. Und

mit dem Netzwerk CURPAS hat sich ein Nukleus

entwickelt, der heute weit über die Region

Auch die Lausitz wandelt sich zu einem

Mobilitätsstandort.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


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WIRTSCHAFT+MARKT

MOBILITÄT

DIE BATTERIEHERSTELLUNG

WIRD ZUR SCHLÜSSELTECH-

NOLOGIE IN DEUTSCHLAND

Der Umbau hin zur Elektromobilität hat erheblich an Fahrt aufgenommen und die Endzeit der nicht-elektrischen

Modelle ist absehbar. All dies setzt voraus, dass ausreichend Batterien zur Verfügung stehen und bietet für den

Industriestandort Deutschland enorme Chancen, sich im weltweiten Markt zu positionieren.

VON DR. JENS KATZEK, GESCHÄFTSFÜHRER DES ACOD (AUTOMOTIVE CLUSTER OSTDEUTSCH-

LAND), DR. PASCAL STROBEL, NETZWERKLEITER DES AUTOMOTIVE SAARLAND, UND THOMAS

LÄMMER-GAMP, PROJEKTENTWICKLUNG AUTOMOTIVELAND.NRW E.V.

SSpätestens seit die Entscheidung gefallen ist,

sich von der Importabhängigkeit bei Batterien

vom asiatischen Markt zu befreien, ist klar,

dass es keine Umkehr mehr von der Elektromobilität

geben wird – wenn wir es schaffen,

rasch eine attraktive Ladeinfrastruktur aufzu

bauen, die für die Kaufentscheidung des

Verbrauchers heute fast wichtiger ist als

die Frage nach der Reichweite der E-Autos.

BMW geht z.B. davon aus, dass im Jahr 2030

mindestens 50 Prozent der Fahrzeuge, die man

weltweit ausliefert, vollelektrisch sein werden.

Daimler will bis 2030 in der Lage sein, nur noch

vollelektrisch angetriebene Pkw zu verkaufen,

„wo immer es die Marktbedingungen zulassen“.

Der Volkswagen-Konzern will bis zum Jahr 2030

die Hälfte seines gesamten Modellangebots

auf Batterieautos umgestellt haben. Audi hat

erklärt, dass sie 2025 ihren letzten neuen

Verbrenner vorstellen. 2033 soll der Verkauf

von nicht-elektrischen Modellen auslaufen

(mit evtl. Ausnahme in China).

Das zentrale Leitthema des zukünftigen

industriellen Sektors „Batterie“ stellt die Kreislaufproduktion

dar – und damit die Etablierung

geschlossener Material- und Stoffkreisläufe

auf Basis skalierbarer Produktionstechnologien.

Dabei stehen aktuell drei Forschungsthemen

im Fokus :

• die Verfahrenstechnik zur Batteriematerialherstellung

und -konditionierung, nachhaltigen

Batteriemassenformulierung

sowie wissensbasierten Elektroden- und

Separator-Herstellung,

• ökologisch und wirtschaftlich nachhaltige

Batteriezellproduktion, die das Engineering,

die Parametrierung und die Bewertung

nachhaltiger Batterielebenszyklen

ermöglicht,

• umweltschonende wirtschaftliche Recyclingverfahren

als Basis für geschlossene

Stoffkreisläufe.

In diesem Strukturwandel stellt die Herstellung

der Batterien einen Schlüsselfaktor dar.

Die industriellen Entwicklungspotenziale für

Batteriezellfertigung in Deutschland werden

dabei nicht nur durch den Umstieg in die

Elektromobilität getrieben, sondern auch

durch Unternehmen in zahlreichen weiteren

Branchen, darunter der Energieversorgung

und der Luftfahrtindustrie. Studien erwarten,

dass sich der aktuelle Bedarf an Batterien in

den nächsten zwei bis drei Jahren verdoppelt.

Derzeit ist der Aufbau von 40 neuen Batteriefabriken

in Europa angekündigt.

Die Prozesse entlang des gesamten Lebenszyklus

einer Batterie ermöglichen es Unternehmen

des klassischen Maschinenbaus, der

Digitalisierungsbranche sowie von Startups,

an der Batterieproduktion teilzuhaben. Im

gesamten Batteriezellherstellungsprozess ist

nur ein kleiner Anteil wie die Elektrochemie

nicht durch den klassischen Maschinenbau

abbildbar. Eine vorausschauende Industriepolitik

unterstützt deshalb Unternehmen

des klassischen Maschinenbaus dabei zu

identifizieren, in welchen Prozessschritten

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


BATTERIEHERSTELLUNG

WIRTSCHAFT+MARKT25

des gesamten Lebenszyklus einer Batteriezelle

sie ihre herkömmlichen Fertigungsverfahren

einsetzen können.

OEM setzen bei Batterien nicht nur

auf Zulieferer

Wie oben beschrieben hat der Umbau hin zur

Elektromobilität bei den deutschen Auto mobilherstellern

erheblich an Fahrt aufgenommen.

Das VW-Werk in Zwickau hat seine Produktion

im laufenden Betrieb 2021 vollständig

von 300.000 Verbrennerautos auf 320.000

E-Autos umgestellt. Für sein Batteriegeschäft

gründet VW eine Europäische Aktiengesellschaft.

Die neue Tochter soll alle Aktivitäten von

der Rohstoffverarbeitung über die Entwick lung

der VW-Einheitszelle bis zur Steuerung der

geplanten sechs europäischen Gigafabriken

übernehmen. Zentrum der Aktivitäten wird

der Standort Salzgitter sein.

Die BMW Group produziert allein in Deutschland

an drei Standorten Hochvoltbatterien und

Batteriekomponenten : in Dingolfing, Leipzig

und Regensburg. Das BMW-Werk in Regensburg

begann im April 2021 mit der Lackierung

von Batteriezellen für Hochvoltbatterien. Ab

2022 werden dort auch Hochvolt-Batterien

produziert. Das Werk in Leipzig hat die bereits

bestehende Batteriemodulherstellung 2022

noch einmal durch eine Investition von über

100 Millionen Euro erweitert. Ab 2023 sollen

dann im Werk 350.000 Autos produziert werden

– statt der bisherigen zirka 230.000.

E-Auto- und Batterieherstellung

in Deutschland

Das Volkswagenwerk in Zwickau wurde

komplett auf E-Antriebe umgestellt.

Elektroantriebe bei BMW

In Ludwigsfelde wird von Mercedes-Benz ab

Mitte 2023 der eSprinter gebaut – mit der

Batterieproduktionsstätte von Microvast nur

wenige Kilometer entfernt. Microvast plant

zunächst eine Fertigungslinie aufzubauen. Als

Kapazität gibt der Batteriehersteller 15.000

bis 30.000 Batteriepacks und 250.000 bis

300.000 Batteriemodule an. Die vorgelagerte

Fertigung von Batteriezellen verbleibt zunächst

in China.

Batteriemodule werden von Mercedes auch

seit vielen Jahren in der 100-prozentigen

Tochter Deutsche Accumotive im sächsischen

Kamenz produziert. Und dann ist da noch

die Tesla Gigafactory in Brandenburg – die

größte Produktionsstätte für E-Fahrzeuge in

Deutschland.

Fotos: BMW Group, Volkswagen AG

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


26

WIRTSCHAFT+MARKT

MOBILITÄT

Lesen Sie den

ausführlichen Beitrag

auf W+M online

Das Bosch-Werk in Eisenach

Batterien : Ein neues Feld der

Zulieferindustrie

Aber auch für die Zulieferindustrie ist die

Batterieentwicklung interessant. Der Zulieferer

Bosch fertigt seine 48-Volt-Batterien

für Hybrid-Autos in Eisenach. Und die Firma

Dräxlmaier hat in Sachsenheim bei Stuttgart

bereits im Mai 2019 ein Produktionswerk für

das 800-Volt-Batteriesystem des Porsche

Taycan errichtet. Im Oktober 2020 feierte das

Unternehmen dann Richtfest seiner Produktionsstädte

nördlich von Leipzig, in die es

zirka 50 Millionen Euro investiert hat und

in dem rund 100 Mitarbeiter beschäftigt

werden sollen.

Lithium-Ionen-Zellen für E-Akkus investiert.

Und einen Großkunden hat CATL auch bereits :

Der bayerische Autobauer BMW ist über sein

chinesisches Joint Venture Brilliance an CATL

beteiligt. Den bisherigen Planungen zufolge

will BMW ein Drittel seines Akkubedarfs aus

deutscher Produktion decken.

Das Batteriegeschäft umfasst mehr

als nur die reine Produktion

Neben der Batteriezell- und Modulproduktion

haben sich auch andere Zuliefererdienste

eta bliert. So hat in Barleben die japanische

HORIBA Fuelcon GmbH 30 Millionen Euro investiert,

um ihren Standort mit Prüfständen

für Batterien und Wasserstoffbrennstoffzellen

auf 350 Mit arbeiter zu vergrößern. In Saarbrücken

betreibt die CTC advanced eine große

Prüfhalle für hoch kapazitive Li-Ionen-Batteriesysteme

und unterstützt Batterie- und Automobilhersteller

bei der Qualitätssicherung.

Ein weiteres Beispiel ist die Neways mit

Standorten in Neunkirchen/Saar und Erfurt,

die Batteriemanagementsysteme herstellt.

Immer mehr Zulieferer, die bisher keine Berührungspunkte

mit dem Thema Batterie hatten,

entdecken neue Geschäftsmöglichkeiten. So

bietet die WKW.Group aus Velbert ergänzend

zu ihrem traditionellen Angebot von Zier- und

Funktionsteilen nun auch Strukturbauteile

für Batterierahmen, Batteriekühlung und

Batterie gehäuse an. Die Woll Maschinenbau in

Saarbrücken entwickelt z.B. flexible Automatisierungsanlagen,

die eine intelligente

Produktion ermöglichen.

Kobaltfreie Batteriezellen zur industriellen

Serienreife zu bringen, gelang als Erstem der

SVOLT in Überherrn im Saarland. Dort werden

Lithium-Ionen-Batterien für Elektrofahrzeuge

sowie Energiespeichersysteme entwickelt und

produziert.

Auch die Altech Industries will im Lausitzer

Industriepark „Schwarze Pumpe“ einen

Produktionsstandort für die Beschichtung

von Hochleistungs-Lithium-Ionen-Batterien

errichten. Dazu sollen bis zu 500 Millionen Euro

in das Vorhaben investiert werden und rund

150 Arbeitsplätze entstehen. Etwa 50 Kilometer

weiter, in Schwarzheide, erreichtet die BASF

ihre Prototypanlage für das Batterierecycling

von Kathodenmaterialien.

Das chinesische Unternehmen CATL hat in

Arnstadt am Erfurter Kreuz rund 1,8 Milliarden

Euro in seine Zellenfabrik zur Herstellung von

Robotereinsatz bei der Batteriefertigung bei Bosch

Fotos: Robert Bosch GmbH

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


BATTERIEHERSTELLUNG

WIRTSCHAFT+MARKT27

Batterien bieten Chancen für

Startup-Unternehmen

Neue Chancen ergeben sich auch für innovative

Startup-Unternehmen wie z.B. das aus der

Schweiz kommende, 2019 im sächsischen

Döbeln angesiedelte Unternehmen Blackstone,

das mit seinem additiven Verfahren Batterieelektroden

und Separatoren für Lithium-Ionen-Batterien

in 3D drucken will, oder die

DENKweit GmbH aus Halle (Saale), die sich mit

der Qualitätskontrolle von Batteriezellen und

Batteriemodulen beschäftigt.

Ein interessantes Beispiel für die Zusammenarbeit

zwischen einem etablierten OEM

und einem Startup-Unternehmen stellt

die Cellforce Group GmbH dar, die Hochleistungs-Lithium-Ionen-Pouch-Zellen

für

Spezialanwendungen entwickelt und an der

die Porsche AG beteiligt ist. Interessant an

dieser Kooperation ist auch der dritte Partner

im Bunde. Denn die BASF wurde als exklusiver

Zellentwicklungspartner für die Lithium-Ionen-Batterien

der nächsten Generation ausgewählt.

BASF nimmt sich auch des Themas

Recycling an. Die Abfälle der zukünftigen

Cellforce Group Produktionsanlage werden

in einer BASF-Prototypen-Anlage für Batterie-Recycling

in Schwarzheide bearbeitet.

Lithium, Nickel, Kobalt und Mangan werden in

einem hydrometallurgischen Prozess recycelt

und wieder in den BASF-Produktionsprozess

für Kathodenmaterialien eingebracht.

Forschungsaktivitäten rund um

die Batterie

Auch im Forschungsbereich gibt es eine Reihe

von relevanten Playern wie das Batterieforschungszentrum

in Jena oder die Fraunhofer-Institute

in Dresden (IKTS und ISW).

In Münster hat im November 2021 die erste

Anlage des deutschen Batterieforschungszentrums

ihren Regelbetrieb aufgenommen.

Die Batterieforschung in Niedersachsen ist

wesentlich durch das Forschungszentrum

Battery Lab Factory Braunschweig (BLB) und

das Fraunhofer Projektzentrum ZESS mit

großer Expertise im Bereich der Batterieforschung

geprägt. Und in Stuttgart wurde 2021

das Zentrum für digitalisierte Batteriezellenproduktion

am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik

und Automatisierung (IPA)

eröffnet.

Mit der Lebensdauer von Batterien beschäftigt

sich ein Team an der Universität Halle um

Prof. Wolfgang Binder, das im Rahmen des

EU-Forschungsprojekts „Bat-4-Ever“ sogenannte

„selbstheilende Polymere“ entwickelt,

von denen man sich erhofft, dass sie die Speicherkapazität

von Lithium-Ionen-Batterien

erhöhen und die Lebensdauer verlängern. Mit

ähnlichen Themen beschäftigt sich die Bergische

Universität Wuppertal, die z. B. nicht nur

Alterungsprozesse von Batterien untersucht,

sondern in verschiedenen Projekten auch an

Fragen des Lademanagements sowie der

Integration von Fahrzeugbatterien als Pufferspeicher

forscht.

100 2032

Prozent bis

Neue Energie für eine starke Wirtschaft

Foto: XXX

50Hertz ist der Übertragungsnetzbetreiber im Norden und Osten Deutschlands und

sichert in diesen Regionen die Stromversorgung von 18 Millionen Menschen. Wir sind

führend bei der Integration Erneuerbarer Energien: In unserem Netzgebiet wollen wir

bis zum Jahr 2032 übers Jahr gerechnet 100 Prozent Erneuerbare Energien sicher in

Netz und System integrieren. Damit setzen wir ein klimapolitisches Zeichen und ein

Signal für eine starke Wirtschaft mit Zukunft.

50hertz.com

© Adobe Stock/Jens Ottoson

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


28

WIRTSCHAFT+MARKT

TRANSFORMATION

„WIR HABEN EIN RICHTIG

GUTES PROGRAMM AUF

DIE BEINE GESTELLT.“

W+M sprach mit der Veranstalterin des diesjährigen Ostdeutschen Wirtschaftsforums, Ute Weiland, über

den Stand der Vorbereitungen und was die Teilnehmer in diesem Jahr in Bad Saarow erwarten dürfen.

W+M : Frau Weiland, das OWF22 findet vom

12. bis 14. Juni 2022 wieder in Bad Saarow

statt. Das ist nicht mehr lange hin. Wie ist der

Stand der Vorbereitungen ?

Ute Weiland : Die gute Nachricht vorab : Wir

sind mit den Vorbereitungen sämtlicher Gewerke

im Zeitplan. Besonders freut mich, dass

wir bei der Planung unseres Programms schon

so weit fortgeschritten sind und die Zusagen

interessanter und hochkarätiger Redner und

Panelisten haben. Gleichzeitig darf man sich

bei der Organisation einer Veranstaltung

dieser Größenordnung und Tragweite nicht

ausruhen. Insofern laufen die Organisationsmaschine

und das Team dahinter bis zur

Eröffnung am 12. Juni und darüber hinaus

kontinuierlich auf Hochtouren. Die Entspannung

wartet hinterher.

W+M : Mit „Transformation gestalten“ steht

das OWF unter einem sehr relevanten Motto.

Was hat es damit auf sich ?

Ute Weiland : Der Osten Deutschlands hat

sich in den vergangenen 30 Jahren stark

verändert und viele gute Ideen hervorgebracht,

die entsprechende Aufmerksamkeit verdienen.

Insbesondere die ostdeutsche Wirtschaft

verfügt in ihrer DNA über eine ausgeprägte

Transformationskompetenz und damit über

ein echtes Asset für die Entwicklung des

Wirtschaftsstandorts Deutschland insgesamt.

Genau dies möchten wir zukünftig mit dem

OWF noch deutlicher herausarbeiten und im

Sinne der Konferenz und der Initiative zukünftig

noch deutlicher auf die gesamtdeutsche

Agenda setzen.

W+M : Welche Programmthemen sind aus

Ihrer Sicht besonders bedeutsam und was hat

es mit den Formaten DeepDives, Expert Labs

sowie den Ideensprints auf sich ?

Ute Weiland : Für eine erfolgreiche Konferenz

ist jeder einzelne Programmbaustein

entscheidend. Und ich denke selbstbewusst

vertreten zu können, dass wir im Team und

durch die Unterstützung aller Beteiligten ein

relevantes, ausgewogenes und richtig gutes

Programm auf die Beine gestellt haben. Es

wird auch einige Neuerungen geben, die sich

insbesondere in den Formaten DeepDive,

OWF-MOTTO 2022

Expert Labs sowie den Ideensprints niederschlagen.

„TRANS-

FORMATION

GESTALTEN“

Mit den DeepDives fokussieren wir die interne

Perspektive der ostdeutschen Wirtschaft. Hier

sollen zu drei relevanten Themen in Workshops

mit Hilfe einer konkreten Fragestellung fünf

zentrale Thesen erarbeitet werden.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


OWF

WIRTSCHAFT+MARKT29

OWF-VERANSTALTERIN

UTE WEILAND

Die Expert Labs beziehen die Außenperspektive

ein und lassen unterschiedliche Experten

mit wertvollen Impulsen zu Wort kommen. Im

Rahmen der Ideensprints werden besonders

relevante Innovationen aus Ostdeutschland

den Konferenzteilnehmern kurz und prägnant

vorgestellt.

Über alle Formate hinweg ist es uns dabei

wichtig, dass die Perspektive der Teilnehmenden

von der Konferenz aufgegriffen wird

und in die jeweiligen Diskussionen unmittelbar

einfließen kann. Hierfür sind alle Bedingungen

– zeitlich und technisch – gegeben.

W+M : Mit der Übernahme des OWF.ZUKUNFT

von Land der Ideen hat sich auch gestalterisch

etwas getan. Was ist noch geplant ?

Ute Weiland : Eine Konferenzreihe, die für

sich in Anspruch nimmt, wichtige Transformationsprozesse

und Zukunftsfragen zu

verhandeln, muss sich von Zeit zu Zeit auch

selbst in den Blick nehmen und dabei immer

wieder auf den Prüfstand stellen. Über die

inhaltlichen und programmatischen Weichenstellungen

haben wir an dieser Stelle ja bereits

gesprochen. Wir haben darüber hinaus auch

das Erscheinungsbild etwas angepasst und

die zu verhandelnden Transformationsprozesse

deutlicher herausgestellt.

Und da wir bei der Programmplanung mit

einer solchen Fülle an Themen zu tun hatten,

wird es künftig auch unterjährig mit unseren

Partnern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Satellitenveranstaltungen an unterschiedlichen

Standorten in Ostdeutschland

geben. So können wir Themen für das OWF23

frühzeitig identifizieren und erproben.

W+M : Wie steht es um den Preis des Ostdeutschen

Wirtschaftsforums VORSPRUNG ?

Ute Weiland : Den VORSPRUNG wird es

selbstverständlich auch in diesem Jahr ge­

geben. Und ich kann nur sagen, dass es allen

Beteiligten, insbesondere auch der Jury sehr

viel Freude bereitet hat die Gewinner zu ermitteln.

Es ist unglaublich, wie viele innovative

Unternehmen es im Osten gibt, von denen

man noch nie etwas gehört hat. Das wollen

wir mit dem VORSPRUNG ändern. Besonders

hat mich gefreut, dass Staatsminister

Carsten Schneider die Schirmherrschaft für

den VORSPRUNG in diesem Jahr übernommen

hat und die Preisträger zur Verleihung offiziell

ins Bundeskanzleramt geladen hat. Natürlich

spielen diese auch auf der Konferenz eine

Rolle und werden den Teilnehmenden noch

einmal persönlich vorgestellt.

W+M : Worauf freuen Sie sich am meisten ?

Ute Weiland : Ganz ehrlich ? Als Veranstalterin

natürlich, wenn alles gut geklappt hat und

man sich hinterher über ein erfolgreiches

OWF 2022 freuen kann. Und bis es so weit ist

auf alles, was bis dahin noch kommen mag.

Foto: Bernd Brunnert

Lesen Sie das

ausführliche Interview

auf W+M online

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


30

WIRTSCHAFT+MARKT

TRANSFORMATION

THINK BIG:

WIE OSTDEUTSCHLAND

GEMEINSAM WACHSEN KANN

Image, Internationalisierung und Fachkräfte – dies sind die entscheidenden Stellschrauben für eine erfolgreiche

Transformation in Ostdeutschland. Das jüngste Beispiel: die Ansiedlung der MegaFab von Intel in Magdeburg.

VON THOMAS EINSFELDER, GESCHÄFTSFÜHRER DER INVESTITIONS- UND

MARKETINGGESELLSCHAFT SACHSEN-ANHALT MBH (IMG).

GGroßes beginnt oft im Kleinen. Als das Unternehmen

Intel im März 2021 bei der GTAI in

Berlin nach möglichen Standorten für seine

MegaFab anfragte, ahnten wir in Sachsen-Anhalt

noch nicht, dass sich dies zu einem der

größten Wirtschaftsdeals unserer Geschichte

entwickeln würde. Auf Bitten unserer Partner

in der Wirtschaftsförderung auf Bundesebene,

Germany Trade and Invest (GTAI), taten wir

zunächst das, was wir in so einem Fall immer

tun : eng abgestimmt und diskret mit allen

entscheidenden Akteuren zusammenarbeiten,

dem Investor genau zuhören und die Erkenntnisse

über die Bedürfnisse des Unternehmens

in ein überzeugendes Konzept gießen. In diesem

Fall war es die Idee einer Intel-City – das Bild

eines wachsenden Wirtschafts-Ökosystems,

in dem nicht nur Produktion und Wertschöpfung

betrieben werden, sondern ein pulsierender,

internationaler Ort entsteht, der Fachkräfte

anzieht und eine besondere Lebensqualität

bietet. Es scheint, als konnten wir mit dieser

Idee erfolgreich punkten.

Sie gelingt über die Vermarktung der Region

Ostdeutschland als Ganzes, denn die Stärken

sind gut verteilt und ergänzen sich. Erfolge

sind gemeinsame Erfolge und spiegeln sich

im Image der gesamten Region wider. Insbesondere

bei Themen wie der Mobilität der

Zukunft, der Energiewende, der Bioökonomie

und der Pharmaindustrie zählt Ostdeutschland

bereits zu den Vorreitern. Erfolgreich „eingeworbene“

große Ansiedlungsprojekte wirken

wie Gütesiegel für die Region und verstärken

die Investitionsanfragen.

Zukunftsweisend ist das Miteinander in

Ostdeutschland schon länger, etwa bei der

länder übergreifenden Kooperation der Metropolregion

Mitteldeutschland mit ihren

starken Forschungsstandorten oder

auch bei dem gemeinsamen

Imagegewinn für Ostdeutschland

Die „Silicon Junction“, wie Intel-CEO Pat Gelsinger

die Ansiedlung in Magdeburg nennt,

wird über die Landesgrenzen hinausstrahlen,

auch was Zulieferbetriebe und Folgeansiedlungen,

Fachkräfte und Logistik betrifft.

Bewältigt werden kann diese umfassende

Transformation nur durch ein kooperatives

Miteinander aller angrenzenden Bundesländer.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


WACHSTUM

WIRTSCHAFT+MARKT31

Foto: Andreas Lander

Wasserstoff-Netzwerk HYPOS, das an bestehende

Infrastruktur und Expertisen andockt

und das Thema grünen Wasserstoff vorantreibt.

Mit Strahlkraft, denn die in Sachsen-Anhalt

traditionsreichen Branchen Maschinenbau

und Chemieindustrie sind ebenfalls im Wandel

begriffen und begeben sich mit einem grüner

Fußabdruck und innovativen Konzepten auf

den Weg in ein neues Zeitalter. Dies gilt ebenso

für länderübergreifende Clustermanagements

sowie für die Unterstützung ansässiger mittelständischer

Firmen bei der internationalen

Markterschließung und im Technologietransfer.

Länderübergreifende Kooperation

Ein gutes Beispiel für einen länderübergreifenden

Knotenpunkt, der als Nucleus für Ansiedlungen

weit über seine infrastrukturelle Funktion

hinauswächst, ist der Flughafen Leipzig/Halle.

Ende Mai haben daher die Investitions- und Marketinggesellschaft

Sachsen-Anhalt mbH (IMG)

und die Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS)

mit der Mitteldeutschen Flug hafen AG eine

Kooperationsvereinbarung geschlossen. Deren

Ziel ist es, die Attraktivität der „Airport-Region

Leipzig/Halle“ als Investitionsstandort zu

untermauern, weitere Unternehmen und

Organisationen anzusiedeln und Arbeits plätze

zu schaffen, um die Wertschöpfung in der

Region zu steigern.

Die Basis hierfür bildete eine Ende 2020 von

der IMG in Auftrag gegebene Studie, die durch

den Dienstleister OCO Global erstellt wurde. In

der Studie, die auf Basis von eingehenden Recherchen

und Befragungen u.a. von Bestandsunternehmen

und Wirtschaftsförderungen

in der Region entwickelt wurde, werden klare

Empfehlungen zur zukünftigen internationalen

Marktbearbeitung durch die IMG im Hinblick

auf Ziel-/Quellmärkte und zu adressierende

Schwerpunktbranchen gegeben. Demnach

ergeben sich hinsichtlich der Stärken des

Standorts, des internationalen Investitionsgeschehens

und des Bezugs zur Infrastruktur

rund um den zweitgrößten Frachtflughafen in

Deutschland für die Branchen Biotechnologie

& Pharma und die chemische Industrie die

vielversprechendsten Ansiedlungspotenziale

für die Region.

Spätestens hier wurde aber auch deutlich,

dass gerade im internationalen Kontext ein

gemeinsames länderübergreifendes Auftreten

der Airport Region wesentlich erfolgversprechender

ist. Für die Wirtschaftsförderungen

ergeben sich in den Themenfeldern Flächenvermarktung

und Services für Unternehmen

wertvolle Synergien. Offen für neue Partner,

wird diese Kooperation auch einen wesentlichen

Beitrag zu neuen Perspektiven in

der mitteldeutschen Strukturwandelregion

leisten.

Fachkräfte gewinnen und halten

Im Bereich der Wirtschaftsförderung unterstützen

wir Projekte wie diese durch systematische,

partnerschaftliche Kooperation. Dabei

ist die Haltung der Partner entscheidend, Probleme

gemeinsam zu lösen und so gemeinsam

zu wachsen.

„Erfolgreich eingeworbene

große Ansiedlungsprojekte wirken

wie Gütesiegel für die Region und

verstärken die Investitionsanfragen.“

Thomas Einsfelder

Mit der Ausweitung unserer Tätigkeiten auf

Felder wie Fachkräfte, Gewerbeflächen und

Digitalwirtschaft arbeiten wir daran, die

Grundlagen für eine weitere Entwicklung

zu sichern. Vor allem das Thema Fachkräfte

haben wir als IMG erkannt und uns daher

frühzeitig im Bereich Talentservice verstärkt –

ein Ansatz, der weitere Partner wie Universitäten

oder die Bundesagentur für Arbeit

einbezieht. Fragen der Personalrekrutierung

und -verfügbarkeit waren beispielsweise auch

beherrschendes Thema in einer der finalen

Verhandlungsrunden mit Intel.

Standortvorteil Lebensqualität

Apropos Fachkräfte : Ein nicht zu unterschätzender

Erfolgsfaktor bei der Talentakquise

ist das Lebensumfeld. Infrastrukturelle

Gegebenheiten, Lebenshaltungskosten und

die Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum

oder naturräumliche Aspekte haben

an Bedeutung gewonnen. Ein Bundesland

wie Sachsen-Anhalt hat dabei viel zu bieten :

Lebenswerte Städte, einige der schönsten

Parks und Gärten Deutschlands, die größte

Dichte an Welterbestätten, Kulturangebote

und Hochkultur im Bereich Musik und Kunst

sind Aspekte, die nicht nur im Tourismusbereich

zählen, sondern zu Standortvorteilen für

Fachkräfte werden. Auch hier zeichnet sich ein

neuer Trend ab, denn das Landleben feiert sein

digitales Comeback.

Daher freut es mich, in dieser Hinsicht auf

unserer 2021 geschlossenen Kooperationsvereinbarung

mit der Wirtschaftsförderung

Brandenburg (WFBB) „Smart Country links

und rechts der Elbe“ aufbauen zu können. Das

östliche Sachsen-Anhalt und das westliche

Brandenburg sind Wirtschaftsregionen mit

starkem Zukunftspotenzial und ähnlichen

Gegebenheiten. Wir betrachten diese Räume

als Smart Country, die wir künftig länderübergreifend

in Brandenburg und Sachsen-Anhalt

unterstützen wollen.

Dank Digitalisierung eröffnen sich neue Pers

pektiven in den ländlichen Räumen – ganz

gleich ob für innovative Startups, etablierte

Unternehmen oder neue digitale Orte. Akteure

vor Ort, CoWorker, Rückkehrer und Zuwanderer

erwecken Bauernhöfe, Bahnhöfe und Fabrikgelände

zu neuem Leben. In unserer Kooperationsvereinbarung

sind Themen wie Vernetzung,

Projektunterstützung sowie Vermarktung als

gemeinsame Ziele aufgeführt. Und wir sind stolz

darauf, dass es zunehmend gelingt, gemeinsam

die Potenziale unserer „Kreativorte im Grünen“

überregional sichtbar zu machen.

Das Jahr 2022 ist ein guter Zeitpunkt, um

über den Tellerrand hinauszuschauen. Die

Trans fo r mation des Wirtschaftsstandortes

Ost deutschland ist in vollem Gange. Große

Aufgaben wie die Energiewende müssen Schritt

für Schritt gemeinsam bewältigt werden. Das

Re-Shoring nimmt aufgrund der weltweiten

Krisen Fahrt auf und beschert uns neue Chancen.

Die Dimensionen der jüngsten Hightech-Ansiedlungen

in Ostdeutschland sind enorm. Und

damit wachsen die Herausforderungen, auch

an die Wirtschaftsförderungseinrichtungen über

alle Ebenen hinweg. Ich bin davon überzeugt,

dass wir diese nur mit einem vertrauensvollen,

kooperativen Umgang – über Bundesländergrenzen

hinweg – werden meistern können.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


32

WIRTSCHAFT+MARKT

TRANSFORMATION

OSTDEUTSCHLANDS

CHEMIEINDUSTRIE

IM AUFBRUCH

Auch die ostdeutsche Chemie- und Pharmaindustrie steht vor einer Zeitenwende.

Die aktuelle Rohstoffkrise fordert sie ebenso wie der Weg zur Klimaneutralität

von morgen. Doch an den traditionsreichen Standorten in Leuna oder Schwarzheide

hat der Umbau der Chemieindustrie längst begonnen.

VON MATTHIAS SALM

Der BASF-Standort in Schwarzheide

Foto: BASF Schwarzheide GmbH

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


CHEMIEINDUSTRIE

WIRTSCHAFT+MARKT33

Etwa 95 Prozent aller Industrieerzeugnisse in

Deutschland sind direkt auf den Einsatz von

Produkten der Chemie- und Pharmaindustrie

angewiesen. Es sind Erzeugnisse des täglichen

Bedarfs : Von Autos über Computerchips bis

hin zu Wasch- und Reinigungsmitteln – ihre

tägliche Verfügbarkeit hängt unausweichlich

davon ab, dass die Leistungsfähigkeit der

chemischen Industriebetriebe in Deutschland

erhalten bleibt.

Damit rückt die Branche in diesen Tagen gleich

in zweierlei Weise in den Mittelpunkt. Auf der

einen Seite zählen die chemischen Betriebe zu

den Industrieunternehmen, die besonders auf

den Einsatz von Öl und Gas aufgebaut sind. Für

die Chemikalienproduktion ist Erdgas beispielsweise

bei weitem der wichtigste Energieträger.

Rund ein Zehntel des in Deutschland zur Energie

erzeu gung verwendeten Erdgases strömt

gegenwärtig in die energieintensiven Anlagen

der Chemie.

Zugleich fungiert Erdgas auch als wichtiger

Rohstoff : 2,8 Millionen Tonnen verwendet die

Chemieindustrie pro Jahr direkt in der Produktion.

Besonders die ostdeutsche Chemiewirtschaft

blickt deshalb mit besorgtem Blick auf

die gegenwärtige weltpolitische Lage und die

dadurch heraufbeschworene Energiekrise,

denn sie bezog ihr Öl und Gas bisher nahezu

ausnahmslos aus Russland. Dazu belasten

die immens gestiegenen Energie- und

Rohstoff kosten sowie gestörte Lieferketten

die Unternehmen in einem solchen Ausmaß,

dass einige bereits ihre Produktion jüngst

sogar zurückfahren mussten.

Dies kann die ostdeutsche Wirtschaft naturgemäß

nicht kalt lassen, denn die chemisch-pharmazeutische

Industrie zählt zu den wichtigsten

Säulen der wirtschaftlichen Kraft zwischen

Ostsee und Erzgebirge. Mag der Blick auch

oft auf die Großkonzerne wie BASF oder Bayer

fallen, so besteht die Basis der Ostchemie

laut Landesverband Nordost des Verbands

der Chemischen Industrie (VCI) zu 95 Prozent

aus kleinen und mittleren Unternehmen. Im

Vergleich : Ostdeutsche Chemiebetriebe

beschäftigen im Durchschnitt 140 Mitar -

beiter, westdeutsche 250. Aber im Vergleich

zur gesamten ostdeutschen Industrie (90 Mitarbeiter

pro Betrieb) gehört die Chemieindustrie

in den ostdeutschen Bundesländern

zu den wichtigsten Arbeit gebern im

Industriesektor.

Rund 54.500 Beschäftigte haben ihren

Arbeits platz in der Ostchemie. Ein Drittel

davon entfällt auf den traditionellen Standort

Sachsen-Anhalt, ein Fünftel auf Sachsen.

Produziert werden vor allem Pharmazeutika

und chemische Grundstoffe, darüber hinaus

Wasch- und Körperpflegemittel, Lacke und

Farben sowie Chemiefasern. Damit generierte

die im Übrigen besonders export orientierte

Ostchemie 2021 einen Umsatz von

rund 30 Milliarden Euro.

Nun tritt die chemische Industrie in einen bisher

nicht bekannten Transformationsprozess : Die

Herausforderungen des Klimaschutzes, der

Ausbau der Kreislaufwirtschaft, die Energiewende

inklusive des Ausstiegs aus der

ostdeutschen Kohleförderung, die Möglichkeiten

der Digitalisierung und der gravierende

Fachkräftemangel erfordern große Anstrengungen

der Branche, um ihre Zukunftsfähigkeit

zu sichern. Konkret muss die Recyclingfähigkeit

der Produkte maximal erhöht und

gleichzeitig müssen die fossilen Ausgangsstoffe

durch erneuerbare ersetzt werden.

Die Chemiebranche in Deutschland hat längst

Pläne erarbeitet, wie sie bis 2050 klimaneutral

produzieren könnte. Manche Chemieunternehmen

setzen sogar auf ambitioniertere Ziele

und sind überzeugt davon, schon im Jahr

2030 oder 2040 ihre Produkte klimaneutral

fertigen zu können.

75 Prozent der CO 2 -Emissionen der chemischen

Industrie werden bei der Herstellung

der Grundchemikalien Chlor, Ammoniak und

Harnstoff, Methanol, bei den Olefinen Ethylen,

Propylen und Butadien sowie den Aromaten

Benzol, Toluol und Xylol ausgestoßen. Sie

bilden die Ausgangsstoffe für die Synthese

aller weiteren chemischen Produkte. Um die

Chemieindustrie nachhaltig zu dekarbonisieren,

müssen neue Technologien und Prozesse zur

Herstellung der Grundchemikalien implementiert

werden : Alternative Rohstoffe für die

Herstellung der Grundchemikalien, den Einsatz

von grünem Wasserstoff, die direkte Nutzung

von Strom zur Erzeugung von Prozesswärme

und das chemische Recycling von Sekundärrohstoffen

im Bereich der Kunststoffe nennt

der VCI als Modernisierungsschritte in seiner

Roadmap zur Klimaneutralität.

Ostdeutsche Chemie investiert

massiv

Der Umbau der ostdeutschen Chemiewirtschaft

hat aber längst begonnen. Das belegen

auch die zahlreichen Investitionen in jüngster

Zeit. In Schwarzheide investiert BASF in

seine Produktionsanlage für Kathodenmaterialien,

um künftig Zellhersteller und

Automobilkunden mit Kathodenmaterialien

mit hoher Energiedichte zu beliefern. Mit dem

gleichzeitigen Einstieg in den Recyclingprozess

soll der CO 2 -Fußabdruck der Fertigung

der Kathodenmaterialien um insgesamt bis

zu 60 Prozent gesenkt werden. Mehr als 180

Arbeitsplätze entstehen an dem traditio nellen

Chemieindustrie wichtiger

Wirtschaftsfaktor

Foto: BASF Schwarzheide GmbH

Der Bau der BASF-Anlage für Kathodenmaterialien in Schwarzheide macht gute Fortschritte.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


34

WIRTSCHAFT+MARKT

TRANSFORMATION

die automatisierte Sichtprüfung. Die neuen

Produktionseinheiten bei IDT in Sachsen-Anhalt

dienen der Herstellung von Impfstoffen und

Biopharmazeutika. Durch die Investition wird

IDT einer der größten Produk tionsstandorte

für Impfstoffe in Europa.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ministerpräsident

Reiner Haseloff zu Besuch bei der Firma UPM in Leuna

Chemiestandort. Gleichzeitig baut BASF seine

Infrastruktur in Schwarzheide aus – inklusive

des Baus eines Solarparks zur grünen

Energieversorgung.

Auch am Chemie-Standort Leuna wird kräftig

in die zukünftige Gestaltung der chemischen

Produktion investiert. Für rund 1,3 Milliarden

Euro wird in Leuna zurzeit von Unternehmen

wie Linde, UPM oder Topas an neuen Anlagen

gebaut. Heraus ragen die Bioraffinerieanlage

des finnischen Konzerns UPM und der weltweit

größte Elek trolyseur der Linde AG.

UPM errichtet für knapp 550 Millionen Euro

die erste Bioraffinerieanlage in Deutschland

und zugleich die größte weltweit. Dort sollen

aus Holz statt aus Erdöl Chemikalien für die

Kunststoffherstellung entstehen. Die Anlage

steht im Kern eines Clusters für die Produktion

nachhaltiger, erneuerbarer Chemikalien in

Sachsen-Anhalt.

„Mit der UPM-Bioraffinerie und unseren inno vativen

Forschungseinrichtungen legen wir einen

Grundstein für den Aufbau eines Clusters für

nach haltige Chemie hier in der Region. Damit

eröffnen sich ganz neue Perspektiven für die

Weiterentwicklung der Chemie an unserem

Standort Leuna“, erklärt InfraLeuna-Ge schäftsführer

Dr. Christof Günther angesichts der

In vestition.

neutrale Industrie der Bioökonomie und Biochemie

entstehen. Auf der Hochhalde Leuna

soll zudem ein Solarpark aus der Taufe gehoben

werden. Es wäre dann das größte derartige

Projekt in der deutschen Chemie industrie.

Der Elektrolyseur der Linde AG soll ab Sommer

2022 schrittweise in Betrieb gehen und 3.200

Tonnen grünen Wasserstoff mit zertifiziertem

Ökostrom pro Jahr herstellen. Das passt zu den

Plänen der Landesregierung Sachsen-Anhalts,

das Land zu einer Wasserstoff-Modellregion

zu entwickeln.

Die Total-Raffinerie in Leuna setzt ebenfalls

auf neue Technologien, um das Methanol in

Leuna weitgehend klimaneutral herzustellen.

Künftig soll das Alkohol-Produkt mit grünem

Wasserstoff und mit ohnehin im Raffinerieprozess

anfallendem CO 2 hergestellt werden.

Mit der innovativen Herstellung von synthetischem

Methanol sollen Erdöl und Erdgas

ersetzt werden.

Chemieindustrie wächst weiter

Der Chemie- und Pharmasektor in Ostdeutsch

land rüstet aber nicht nur seine

Prozesse auf Nachhaltigkeit um, sondern

wächst parallel auch weiter. Auch andere

Unternehmen mo derni sieren gerade ihre

Produktion.

Auch die Bayer AG modernisiert und erweitert

ihren Pharma-Produktionsstandort in der

Chemiestadt Bitterfeld mit Gesamtinvestitionen

von rund 100 Millionen Euro und die

Chemiewerk Bad Köstritz GmbH hat 21 Mil ­

lionen Euro in die Hand genommen, um eine

Anlage zur Herstellung von Schwefeldioxyd

und Schwefelsäure zu errichten. Diese Anlage

ist die größte Ein ze linvestition seit Jahrzehnten

für die Chemiewerk Bad Köstritz GmbH.

Nahezu vollautomatisch werden hier nun die für

das Chemiewerk zur Produktion von Kieselsäure,

Thiosulfaten und Sulfiten benötigten

Stoffe Schwefelsäure und Schwefeldioxid hergestellt.

Auch das Chemiewerk Bad Köstritz

leidet unter den weltweit gestörten Lieferketten,

verspäteten und verteuerten Seefrachten

und steigenden Energie- und Rohstoffkosten.

Deshalb will sich das Unternehmen verstärkt

nun auch dem Thema Eigenstromerzeugung

widmen.

InfraLeuna ist Betreiber der Infra struk tur einrichtungen

am Chemie standort Leuna. Der

setzt auf Ausweitung und Modernisierung, so

werden etwa die Gleisanlagen im Chemiepark

auf den neuesten Stand gebracht. Darüber

hinaus soll am Industriegebiet Merseburg-Süd

zusätzlich ein neuer Industriepark in der Größe

von 150 Hektar Ansiedlungsfläche für klima­

Die IDT Biologika in Dessau-Roßlau etwa

erweitert derzeit die Pro duk tionskapazi täten.

IDT investiert seit mehreren Jahren in den

Pharmastandort und steigert seine Herstellkapazitäten.

Das schafft rund 350 Arbeitsplätze

sowie neue Räumlichkeiten für die

Wirkstoffherstellung, aseptische Flüssigkeitsabfüllung,

Verpackungsmöglichkeiten und

IDT Biologika ist ein führender

Impfstoffhersteller.

Fotos: InfraLeuna GmbH, IDT Biologika

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


THEMA

WIRTSCHAFT+MARKT35

MARKT

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W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


36

WIRTSCHAFT+MARKT

TRANSFORMATION

DIE KOHLE GEHT – DER

WANDEL KOMMT

Das Investitionsgesetz Kohleregionen stellt für die deutschen Braunkohleregionen Strukturhilfen

von bis zu 40 Milliarden Euro zur Verfügung. Davon profitiert vor allem die Lausitz. Im letzten Jahr

flossen allerdings weniger Mittel als geplant. Dabei stehen gerade in Brandenburg anspruchsvolle

Projekte auf dem Plan.

VON MATTHIAS SALM

BBeim Wettstreit um die führende Boomtown

Deutschlands geraten neuerdings nicht

mehr wie gewohnt Berlin oder Leipzig in den

bagger ins Flöz gruben, um das Kraftwerk

Jänschwalde mit dem Grubengold zu versorgen,

sollen sich künftig Einheimische und Touristen

gleichermaßen vergnügen. Ein Stadtquartier

in Wassernähe, Häfen in Cottbus und der Gemeinde

Teichland für die Freizeitkapitäne und

eine bis zu 18 Hektar große schwimmende

Solar-Anlage des Energieunternehmens LEAG

als Beitrag zum Ausbau der erneuerbaren

Energien in der Lausitz sind rund um und

auf dem Ostsee geplant.

Infozentrum stellt Projekte vor

Über solche und ähnliche Projekte informiert

seit kurzem ein neues Infozentrum am Cottbuser

Hauptbahnhof. Auf 150 Quadratmetern

präsentieren dort das Land Brandenburg,

die Stadt Cottbus und die Deutsche Bahn

die Palette der Maßnahmen, die das künftige

Gesicht der Lausitz nach dem Kohleausstieg

prägen sollen. Dazu gehört vor allem das

neue Instandhaltungswerk der Deutschen

Bahn für ICE-4-Züge, das bereits ab 2024

vorzeitig in Betrieb gehen wird – am Standort

des bisherigen DB-Instandhaltungswerks in

der zweitgrößten Stadt Brandenburgs.

Der Neubau von zwei Instandhaltungshallen

für elektrische Triebzüge für den Hochgeschwindigkeitsverkehr

und der Umbau der

Fokus, sondern das Zentrum der brandenburgischen

Lausitz, Cottbus – jedenfalls,

wenn man das Internet befragt. Denn die

Domain „boomtown.de“ führt den Besucher

direkt auf ein Infoportal, auf dem sich Cottbus

nicht nur als Europas Modellstadt für Klimaschutz,

Nachhaltigkeit und Wachstum rühmt,

sondern auch gleich nach qualifiziertem

Personal für die Umsetzung seiner Zukunftsvisionen

sucht.

Und Boomtown ist nicht der einzige Titel,

mit dem sich Cottbus dieser Tage schmückt :

Modellstadt, Smartcity, Digitalstadt – fast

möchte der flüchtige Betrachter glauben,

die Lausitzer hätten ihr Zentrum gleich noch

an die Gestade der Ostsee verpflanzt. Bei

genauerem Hinsehen handelt es sich aber

um den Strand des Ostsees – dem größten

künstlich angelegten Gewässer Deutschlands

im ehemaligen Tagebau Cottbus-Nord.

Durch das Fluten mit Spreewasser soll hier

bis Mitte der 2020er-Jahre aus dem vormals

kleinsten aktiven Tagebau der Lausitz

Branden burgs größtes Binnengewässer auf

1.900 Hektar entstehen. Wo sich einst seit

Beginn der 1980er-Jahre Jahre die Braun kohlederzeitigen

Kompakthalle für die Revision von

Hybridlokomotiven gelten als Hoffnungs träger

in der Region. Hoffnung auf neue Arbeitsplätze,

von denen die Deutsche Bahn an die 1.200,

allesamt Industriearbeitsplätze, verspricht.

Die Großinvestition ist eines der Zukunftsprojekte,

die auf Basis des Investitionsgesetzes

Kohleregionen finanziert werden. Es erfüllt noch

am ehesten die Zielsetzung, den Wegfall der

Arbeitsplätze in der Braunkohle zu kompensieren.

Im Bahnwerk sollen Industriemechaniker,

Mechatroniker oder Elektroniker, die bisher

beim Braunkohle-Konzern LEAG in Lohn und

Brot standen, eine berufliche Zukunft finden.

Universitäts medizin für Cottbus

Rund zwei Kilometer vom DB-Bahnwerk

entfernt liegt eine weitere Keimzelle des

Strukturwandels – die Brandenburgische

Technische Universität Cottbus-Senftenberg

(BTU). Dort plant Brandenburg den Aufbau

einer Universitätsmedizin.

Das Innovationszentrum Universitätsmedizin

Cottbus (IUC) soll den Mittelpunkt der

Modellregion Gesundheit Lausitz bilden. Denn

neben moderner Industrie und innovativer

Wirtschaft sollen Wissenschaft und Forschung

eine weitere Säule des Strukturwandels in der

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


BRAUNKOHLE

WIRTSCHAFT+MARKT37

Brandenburgs Wirtschaftsminister Prof. Dr. Jörg Steinbach (3.v.l .) bei der Eröffnung des Infozentrums Cottbus

Foto: Deutsche Bahn AG / Lisa Rolle

Lausitz formen. Eine Expertenkommission

hat empfohlen, an der BTU eine Medizinische

Fakultät zu gründen und das kommunale

Carl-Thiem-Klinikum Cottbus zu einem

Universitätsklinikum und zu einem „Digitalen

Leitkrankenhaus“ auszubauen.

Ministerpräsident Woidke zeigt sich von dem

Vorhaben überzeugt : „Der Aufbau einer

staatlichen Universitätsmedizin in Cottbus

ist – neben dem Bahnwerk – das ambitionierteste

Projekt für die Lausitz im Rahmen des

Kohleausstiegs.” Konkret veranschlagen die

Brandenburger ein Arbeitsplatzpotenzial für die

geplante Unimedizin von 1.600 Arbeitsplätzen.

Doch damit nicht genug : In den nächsten

Jahrzehnten wird universitätsnah im Nordwesten

der Stadt der Lausitz Science Park

als ein weiteres Schlüsselprojekt entstehen.

Inhaltlich soll sich im Science Park alles um die

Energie wende, die Themen Gesundheit und

Life Science, die globalen Transformationsprozesse

sowie die Künstliche Intelligenz und

Sensorik drehen. Eine Reihe von Unternehmen,

u.a. BASF, Tesla, Deutsche Bahn, LEAG

und Rolls-Royce, haben ihr Interesse bereits

bekundet.

Auch beim Thema Mobilität ist Cottbus in

Bewegung geraten : mit der Errichtung des

CHESCO (Center for Hybrid Electric Systems

Cottbus) und der Ansiedlung der Forschungseinrichtungen

der Fraunhofer-Gesellschaft

sowie des Deutschen Zentrums für Luft- und

Raumfahrt (DLR). Allein für das CHESCO-Projekt

stehen bis 2026 238 Millionen Euro bereit.

In dem Forschungs- und Kooperationszentrum

sollen klimafreundliche Flugantriebe für

Kurz- und Mittelstrecken geplant, getestet

und umgesetzt werden. Ein solches Zentrum

zur Entwicklung und Erprobung emissionsarmer

Antriebe gilt als einzigartig in Europa. Bis zu

400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen

am CHESCO arbeiten.

Auch das DLR hat mit seinen Standortentscheidungen

ein Zeichen für die Lausitz gesetzt.

Mit dem 2019 gegründeten DLR-Institut für

CO 2 -arme Industrieprozesse und dem jüngst

eingeweihten Institut für Elektrifizierte

Luftfahrtantriebe mit den Schwerpunkten

umweltverträgliche Mobilität, alternative

Treibstoffe, innovative Antriebe und elektrisches

Fliegen wurde der Forschungsstandort

Cottbus bereits enorm aufgewertet.

Mittel vom Bund und vom Land

Die Strukturentwicklung in der Lausitz

wird über zwei Förderzweige des Strukturstärkungs

gesetzes des Bundes finanziert.

Einmal stehen Brandenburg Finanzhilfen in

Höhe von 3,6 Milliarden Euro zur eigenen

Verwendung zur Verfügung. Sie fließen in das

„Lausitzprogramm 2038“ und auf der Grundlage

eines von der Wirtschaftsregion Lausitz

GmbH (WRL) gestalteten Werkstattprozesses.

Im zweiten Weg fördert der Bund mit mehr als

6,7 Milliarden Euro eigene Maßnahmen in den

Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Infrastruktur

– wie das ICE-Instandhaltungswerk,

das Innovations zentrum Universitätsmedizin

Cottbus, den Lausitz Science Park, die Technologieinitiative

Hybrid-Elektrisches Fliegen

oder wichtige Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen.

In Brandenburg sollen 75 Prozent

der gebundenen Fördermittel für die Bereiche

Wirtschaft, Forschung und Fachkräfte und

rund 25 Prozent für die so genannten weichen

Standortfaktoren aufgewendet werden.

Cottbus ist natürlich nicht der einzige Profiteur

des Strukturwandels. Brandenburg finanziert

beispielsweise auch die Erweiterung des

Industrieparks Schwarze Pumpe, um dort

weitere Ansiedlungen von Unternehmen zu

generieren. Denn bei allen staatlichen Investitionen

darf nicht vergessen werden, dass in

erster Linie Unternehmen den Strukturwandel

in den Braunkohleregionen tragen müssen.

Das gilt sowohl für die Bestandsunternehmen

in der Lausitz als auch für neue Player wie die

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


38

WIRTSCHAFT+MARKT

TRANSFORMATION

Altech Chemicals Limited. Das Unternehmen

will am Standort Schwarze Pumpe ab 2023

Aluminiumoxid produzieren und etwa 150 Arbeitsplätze

schaffen. Ab August 2022 ist die

Errichtung einer Pilotanlage in der Werkhalle

des Dock 3 Lausitz geplant, um Anodengraphit

herzustellen. Dieses wird mit hochreiner

Keramik beschichtet für Lithium-Ionen-Batterien

verwendet. Davon verspricht sich

das Unternehmen eine längere Lebensdauer

und eine höhere Leistungsfähigkeit für die

Batterien. Die Wahl fiel auf die Lausitz, so

der malaysische Investor, weil die Lage in der

Nähe der Technologiestandorte Berlin und

Dresden mit seinen namhaften Forschungsinstitutionen

vielversprechend sei.

Auch der deutsche Chemiekonzern BASF

weitet sein Engagement in der Lausitz aus

und wird in Schwarzheide eine Anlage für

Kathodenmaterialien und eine Prototypanlage

für das Batterierecycling errichten. Die neue

Anlage für Kathodenmaterialien stattet BASF

mit weltweit führender Prozesstechnologie

aus. Pro Jahr sollen rund 400.000 vollelektrische

Fahrzeuge mit BASF-Batteriematerialien

versorgt werden. Das deutsch-kanadische

Rohstoffunternehmen Rock Tech Lithium

plant unterdessen in Guben, den europaweit

ersten Lithiumhydroxid-Konverter zu bauen.

Auch Lithiumhydroxid gilt als ein wichtiger

Bestandteil von E-Auto-Akkus.

LEAG vor großem Umbau

Es steht aber nicht nur die Region vor einem

rigorosen Umbau. Naturgemäß trifft das

politische Aus für die Braunkohle die LEAG-

Unternehmen Lausitz Energie Bergbau AG

und Lausitz Energie Kraftwerke AG am

här testen. Das größte Energieunternehmen

Ostdeutschlands steht vor einem radikalen

Wandel. Auf der Suche nach neuen Geschäfts

feldern prüft der Konzern viele

neue Geschäftsideen, etwa den Einstieg

in die Ladeinfrastruktur für Elektro-Autos.

Gleichzeitig treibt es gemeinsam mit der

Mitteldeutschen Netzgesellschaft Gas mbH

den Aufbau einer Wasserstoff-Infra struktur

voran, mit der der einst Erzeugung, Transport

und Verteilung von grünem Wasserstoff an

den industriellen Kunden ermöglicht werden

soll. Wasserstoff wird eines der neuen Tätigkeitsfelder

der LEAG nach dem Kohleausstieg

werden. Die Entwick lung und wirtschaftliche

Nutzung der Wasserstoff technologie gilt als

Schlüssel projekt beim Wandel zu einem breit

aufgestellten Energie-, Infrastruktur- und

Service-Unternehmen.

Auch bei den erneuerbaren Energien will

die LEAG künftig mitmischen. Der Windpark

Forst-Briesnig soll auf einer Rekultivierungsfläche

des Tagebaus Jänschwalde mit 17 Windenergieanlagen

etwa 260.000 MWh Strom im

Jahr erzeugen – rechnerisch, so das Unternehmen,

könne damit der Jahresstrombedarf von

rund 74.000 Haushalten gedeckt werden.

Kritik an einzelnen Maß nahmen

Natürlich bergen die Planungen in den Ländern

und Kommunen auch Fallstricke : Laut Konjunkturreport

Herbst 2021 der IHK Cottbus sehen

die befragten Unternehmen der Region zu

65 Prozent den Ausbau der Infrastruktur als die

wichtigste Maßnahme, um den Strukturwandel

zu bewältigen. Für die Wirtschaft mangelt es

bisher an ausreichender Breitbandversorgung

und am Zustand des Straßennetzes. Wichtig

sind aus Sicht der Unternehmen auch Investitionen

in den Schienenverkehr.

Jenseits dessen drückt der Fachkräftemangel

die Stimmung. Für Neuansiedlungen im

Rahmen des Strukturwandels braucht es

qualifiziertes Personal. Daran fehlt es in allen

Branchen. Und der demographische Wandel

spielt der Neugestaltung der Lausitz nicht

unbedingt in die Karten. Fast jeder zweite junge

Mensch im Alter zwischen 18 und 29 Jahren

plant, die Lausitz innerhalb der nächsten

zwei Jahre zu verlassen. So das Ergebnis des

Lausitz-Monitors, einer 2021 durchgeführten

repräsentativen Bevölkerungsumfrage zum

Strukturwandel.

Zum einem weiteren Hindernis könnte sich

auch die Wasserversorgung ausweiten.

Wegen zu geringer Niederschläge und Niedrigwasser

der Spree ist schon die Flutung des

prestige trächtigen Ostsees in den letzten zwei

Jahren zeitweise immer wieder unter brochen

worden. Brandenburg zählt auch jenseits der

Auswir kungen des Klimawandels zu den niederschlags

ärmsten Regionen Deutschlands und

hat mit Trockenheit und Niedrigwasser in

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


BRAUNKOHLE

WIRTSCHAFT+MARKT39

Ladesäulen könnten ein neues Geschäftsfeld

der LEAG werden.

Blick in das bisherige

Bahnwerk in Cottbus

den Flüssen zu kämpfen. Nach Angaben des

Potsdamer Umweltminis teriums rea giert

der Wasserhaushalt sehr schnell auf Niederschlags

defizite. Die erbitterten Dis kussionen

um die Wasserversorgung der Gigafactory von

Tesla in Grünheide gaben einen Vorgeschmack

auf mögliche Verteilungskämpfe bei der Wasserversorgung.

Aber auch am Mitteleinsatz entzündet sich

immer wieder Kritik in der öffentlichen Diskussion.

Demnach waren im Bundeshaushalt

2021 bereits 508 Millionen Euro Strukturhilfen

eingeplant. Ausgegeben worden sind aber

erst 4,9 Millionen Euro. Für Ärger sorgte auch

der Umstand, dass In Wildau ein Zentrum

des Robert-Koch-Instituts für Künstliche

Intelligenz in der Forschung über öffentliche

Gesundheit gefördert werden soll. Das erhöht

zwar das wissenschaftliche Renommee

im Land, aber Wildau, so grummelten die

Kommunen in der Lausitz, sei nun mal kein

Standort der Braunkohleförderung gewesen,

sondern nur formal über seine Landkreiszugehörigkeit

in Dahme-Spreewald in die

Förderauswahl gerutscht.

Der stellvertretende Leiter des Instituts für

Wirtschaftsforschung, Joachim Rangnitz,

mahnte, nicht zu viel Geld in kleine Projekte zu

verkleckern. In seinen Augen bestehe schon

ein Grundfehler darin, dass nicht Unternehmensinvestitionen

gefördert werden. Gerade

die Mittelvergabe in Sachsen stieß auf Unmut.

„Bisher wurden für die beiden sächsischen

Braunkohlereviere 113 Projekte mit einem

Förderbedarf von rund 1,2 Milliarden Euro

ausgewählt und dem Bund zur Bestätigung

vorgelegt. Kein einziges dieser Projekte

wurde vom Bund abgelehnt“, entgegnete

Sachsens Staatsminister für Regionalentwicklung,

Thomas Schmidt, den Kritikern.

Diese bemängelten, dass in Sachsen auch

Museen oder Kitas, mithin zu viele weiche

Faktoren, gefördert werden, mit deren Hilfe

zwar die Lebensqualität in den Kohleregionen,

aber nicht die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit

gesteigert werden. Im Landkreis

Bautzen werden zum Beispiel das Kulturhaus

Bischofswerda und das Umweltbildungszentrum

in Neschwitz, im Landkreis Görlitz unter

anderem der Tierpark Görlitz und in der Stadt

Weißwasser die Sanierung des Bahnhofs

gefördert. Aber natürlich investieren auch die

Sachsen in Zukunftstechnologien . Am LEAG-

Kraftwerksstandort in Boxberg etwa wird ein

europaweit einzigartiges Forschungszentrum

für kostengünstige, grüne Carbonfasern aus

der Taufe gehoben.

Während der Umbau der Lausitz in der

öffent l ichen Berichterstattung weiten Raum

einnimmt, wird das Mitteldeutsche Kohle ­

revier oft geradezu vergessen. Aber auch

Sachsen-Anhalt ist Nutznießer der Fördermittel.

Nach Angaben der Staatskanzlei stehen dafür

bis zum Jahr 2038 rund 4,8 Milliarden Euro

zur Verfügung. Das Mitteldeutsche Revier

umfasst in Sachsen-Anhalt fünf Regionen : die

kreisfreie Stadt Halle (Saale) sowie die Landkreise

Anhalt-Bitterfeld, den Burgenlandkreis,

Mansfeld-Südharz und den Saalekreis. Auch

hier fließen die Mittel nicht nur in Forschung

und Industrieansiedlungen, sondern beispielsweise

auch in touristische Projekte.

Foto: Deutsche Bahn AG / Oliver Lang (r.), LEAG

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


40

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

„BRANDENBURG

IST FÜR DIE

ZUKUNFT GUT

AUFGESTELLT.“

Brandenburgs

Ministerpräsident

Dietmar Woidke

Dr. Dietmar Woidke, der Ministerpräsident des Landes Brandenburg, sprach im W+M-Interview über die

wirtschaftliche Entwicklung in Krisenzeiten, die Eröffnung der Tesla-Gigafabrik in Grün heide und über

Transparenz und Geschlossenheit beim Kohleausstieg.

W+M : Herr Ministerpräsident, wie steht es

um die Wirtschaft Brandenburgs im Jahr 2022

auch angesichts der Corona-Krise ?

Dietmar Woidke : Wir haben es geschafft,

die Wirtschaft weitgehend stabil zu halten

und Strukturbrüche zu verhindern. Das war

nicht von vornherein ausgemacht, aber es war

immer unser Ziel. Und ich bin froh, dass uns

die Bundesregierung von Anfang an, beispielsweise

mit der erweiterten Kurzarbeiter regelung

von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil,

aktiv unterstützt hat. Die Sorge um wachsende

Arbeitslosenzahlen hat sich nicht bewahrheitet.

Im Gegenteil : Die Quote ist sogar auf einen

Tief punkt gesunken. Das heißt aber nicht,

dass es für jeden einzelnen Betrieb ak zeptabel

gelaufen ist. Ich denke vor allem an

das Hotel- und Gaststättenwesen oder die

Veranstaltungsbranche.

Wie Brandenburgs Ministerpräsident

Dietmar Woidke den Fachkräftemangel

beurteilt und was er zur Willkommenskultur

in Brandenburg und dem neuen

Ostbeauftragten sagt, lesen Sie im

aus führlichen Interview.

Lesen Sie das

ausführliche Interview

auf W+M online

Unser Credo war immer : Nicht gegen die

Krise anzusparen, sondern die Betroffenen

aktiv zu unterstützen. Der Staat hat dafür viele

Milliarden an Steuergeld ausgegeben, aber es

ist gut investiertes Geld.

W+M : Welche Auswirkungen hat der Krieg

in der Ukraine für die brandenburgische

Wirtschaft ?

Dietmar Woidke : Brandenburg ist aus mehreren

Gründen vom Krieg betroffen. Aufgrund

seiner direkten Grenze zu Polen reist ein Großteil

der Menschen, die die Ukraine verlassen

und sich auf den Weg zu einem sicheren

Fluchtort nach Westeuropa machen, über

Brandenburg ein. Hier sehen wir jeden Tag in

den Augen der Menschen unmittelbar das von

Putin ver ur sachte Leid und es zerreißt auch

mir persönlich das Herz. Die Brandenburgerinnen

und Brandenburger haben von Anfang

an in unvergleichlicher Solidarität mit den

Menschen aus der Ukraine sofort und vielfach

durch Eigen initiativen getragene Unterstützungen

und Hilfen angeboten und bieten diese

weiterhin an. Hierfür bin ich unendlich dankbar

und auch stolz auf das Engagement unserer

Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Daneben spürt natürlich auch unsere Wirtschaft

die aktuellen Auswirkungen des furchtbaren

Krieges, auch wenn sich diese jetzt noch

nicht beziffern lassen. Wir sehen das an den

korrigierten Erwartungen für das Wirtschaftswachstum,

an unterbrochenen Lieferketten

und wir sehen es vor allem an den Fragen zur

Sicherheit unserer Energieversorgung. So ist

die Abhängigkeit insbesondere von russischem

Gas und Öl in Ostdeutschland höher als im

Bundesdurchschnitt. Deshalb finde ich den

Kurs der Bundesregierung richtig, der Sicherheit

der Energieversorgung eine hohe Priorität

einzuräumen und gleichzeitig mit Nachdruck

an der schnellstmöglichen Ablösung dieser

Abhängigkeiten zu arbeiten.

W+M : Welche Folgen ergeben sich für das

Energieland Brandenburg ?

Dietmar Woidke : Brandenburg ist hier als

Energieland besonders gefordert. Mit dem

hohen Ausbaustand an erneuerbaren Energien

leisten wir bereits jetzt einen erheblichen

Beitrag zum Ausstieg aus den fossilen Energieträgern

und tragen damit wesentlich dazu bei,

die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen zu

reduzieren. Gleichzeitig liefert Brandenburg mit

seinen bestehenden Braunkohlekraftwerken

einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit

in Deutschland. Die aktuelle Situation bringt

uns jetzt genau das vor Augen, worauf ich die

letzten Jahre im Rahmen der Diskussionen zur

Energiewende stets hingewiesen habe. Diese

wird uns nur in einem vernünftigen Ausgleich

zwischen den unterschiedlichen Energieträgern

gelingen. Erst muss die Versorgungssicherheit

geklärt sein, und dann können wir aus der

Braunkohle aussteigen.

Foto: W+M

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


INTERVIEW

WIRTSCHAFT+MARKT41

Derzeit ist nun mal die heimische Industrie

noch stark von russischem Gas und Öl abhängig.

Gerade für die vielen energieintensiven Bereiche

in Brandenburg und Ostdeutschland wie die chemische

Industrie, die Stahl- und Zement industrie

und viele andere Unternehmen der Grundstoffindustrie

in Deutschland ist es wichtig, eine stabile

und sichere Versorgung zu garantieren. Auch am

BER würde derzeit ohne das Kerosin des PCK in

Schwedt kein Flugzeug starten.

W+M : Wie ist Brandenburg auf den Umbau der

Wirtschaft in Sachen Klimaschutz vorbereitet ?

Dietmar Woidke : Zunächst : Bandenburg ist

bundesweit, bezogen auf die Einwohnerzahl,

führend beim Ausbau der Erneuerbaren. Und

das soll weiter vorangehen, denn wir wollen

Wirtschaftsentwicklung mit Klimaschutz.

Die Formulierung zum „idealerweise“ auf

2030 vorgezogenen Braunkohleausstieg im

Koalitionsvertrag des Bundes hat in vielen

Bereichen und bei den Beschäftigten in den

betroffenen Regionen große Unsicherheit ausgelöst.

Was wir aber brauchen, ist Sicherheit,

Sicherheit für die Versorgung in Deutschland.

Auch die Preisentwicklung bei den Energiekosten

ist besorgniserregend. Sie bedroht die

Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und wird

zu einem gravierenden sozialen Problem für

die Menschen in unserem Land. Und das darf

nicht passieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass der

Koalitionsvertrag davon ausgeht, dass die

Grundlast bei einem früheren Ausstieg über

Gaskraftwerke – wir bräuchten mindestens

50 – zu sichern wäre. Dieser Plan erscheint

aber angesichts der jüngsten internationalen

Entwicklungen nicht mehr realistisch.

Genehmigungszeiten werden wir die Ziele

nicht erreichen. Unser Vorschlag, das erprobte

Instrumentarium des Verkehrswegebeschleunigungsgesetzes

von 1991 aufzugreifen, liegt

vor. Ich erwarte von der Bundesregierung,

dass jetzt schnell etwas passiert.

W+M : Wie geht es in der Lausitz voran ?

Dietmar Woidke : Auf die erforderlichen

Beschleunigungen und die nötige hohe Transparenz

habe ich gerade hingewiesen. Das

sind wir den Menschen in der Region schuldig.

Alles, was wir jetzt in der Region tun, muss

mit Entschlossenheit und Geschlossenheit

vorangebracht werden. Im Vordergrund muss

die industrielle Entwicklung der Region stehen.

Wir brauchen neue industrielle Arbeitsplätze

sowie Forschung und Entwicklung. Und auch

hier passiert viel.

W+M : …und was geschieht schon konkret

außer der Ansiedlung neuer Behörden ?

Dietmar Woidke : Neue Behörden sind

schon einmal eine gute Entwicklung, denn

sie schaffen neue, attraktive Arbeitsplätze,

wie die Außenstelle der Bundesnetzagentur,

die in Cottbus angesiedelt wurde. Natürlich

denke ich auch an den Lausitz Science Park mit

erheblicher überregionaler Bedeutung und an

eine Reihe von Forschungszentren. Genannt

seien hier das Zentrum für hybrid-elektrisches

Fliegen unter Beteiligung von Rolls-Royce, an

das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt.

Beide Einrichtungen sind sehr wirtschaftsnah

aufgestellt. In Cottbus wird der Grundstein für

das modernste Bahnwerk in Europa gelegt.

Hier wird die Deutsche Bahn bis zum Jahr

2026 etwa 1.200 neue Industriearbeitsplätze

schaffen. Das sind sehr gute Beschäftigungsalternativen,

gerade für junge Menschen.

W+M : Teslas laufen vom Band. Ist Ihnen jetzt

ein Stein vom Herzen gefallen ?

Dietmar Woidke : Erst einmal war es ein

Riesenerfolg, dass wir das Auswahlverfahren

gewonnen haben. Ich erinnere mich noch

gut an unseren Start im November 2019 mit

der ersten Pressekonferenz. Da hatten wir

schon noch ein mulmiges Gefühl angesichts

der hohen Erwartungen, vor allem was die

Ge nehmigungszeiten anbelangte. Deshalb bin

ich sehr froh, was wir mit den vielen involvierten

Ministerien, Behörden und Einrichtungen

gemein sam mit Tesla geschafft haben. Es

war eine Mammutaufgabe, die wir erfolgreich

gemeistert haben.

Horizontal und vertikal verknüpft haben wir

in 27 Task Force-Sitzungen und zahlreichen

Unterarbeitsgruppen alle Themen konstruktiv

besprochen und Probleme gelöst. Wir waren

uns immer bewusst, dass es bei der Teslaansiedlung

nicht nur um eine Investition

in Brandenburg geht, sondern um eine der

größten und innovativsten Investitionen in

Deutschland seit 40 Jahren. Wir haben viel

von Tesla gelernt und Tesla von uns. Ausdruck

des großen Vertrauens war auch die Tesla-

Entscheidung im März 2021, nicht nur das

drittgrößte Automobilwerk in Deutschland

zu bauen, sondern auch die wohl größte

Batteriezellen fabrik in Europa. Das hat uns

deutlich vor Augen geführt, was Ostdeutschland

für Chancen hat, aber auch, was im deutschen

Genehmigungsrecht nicht stimmt.

Interview: Frank Nehring

Momentan gibt es eine klare Rechtslage. Das

Kohleausstiegsgesetz sieht den Kohleausstieg

für das Jahr 2038 vor und das gilt. Bei günstigerem

Verlauf kann, so sieht es das Gesetz vor,

auch schon 2035 ausgestiegen werden. Jetzt

ist es die Aufgabe des Bundeswirtschaftsministers,

die geltende Rechtslage in Deutschland

fortzuschreiben. Dies muss allerdings mit Fakten

untersetzt sein. Die braunkohlefördernden

Länder müssen als die Betroffenen in diesen

Prozess eingebunden werden.

Foto: W+M

Dass wir Geschwindigkeit und noch in diesem

Jahr Entscheidungen brauchen, liegt auf der

Hand, denn mit den bisherigen Planungs- und

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke im Gespräch mit

W+M-Chefredakteur Frank Nehring

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


42

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

„MEIN ZIEL IST ES, DASS

SACHSEN-ANHALT ZU

DEN TOP-LÄNDERN

IN DEUTSCHLAND

GEHÖRT.“

W+M sprach mit dem Minister für Wirtschaft, Tourismus, Landwirtschaft

und Forsten des Landes Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, über die Schwerpunkte

seiner Arbeit und die Folgen von Corona- und Ukraine-Krise für

Sachsen-Anhalt.

W+M : Herr Minister, Sie kommen aus der

Wirtschaft, waren dann einige Jahre Generalsekretär

der CDU in Sachsen-Anhalt und sind

nun als Minister in Regierungsverantwortung.

Ist das der ideale Werdegang für einen Wirtschaftsminister

?

Sven Schulze : Ich bin Wirtschaftsingenieur

mit Uniabschluss und habe danach acht Jahre

direkt in einem Unternehmen gearbeitet, vorher

noch zwei Jahre an der Universität, komme also

in Summe auf knapp zehn Jahre Wirtschaftserfahrung.

Danach war ich sieben Jahre im

Europa parlament und seit dem 16. September

2022 bin ich Minister. D.h., ich bin mit meinen

42 Jahren aktuell noch länger in der Wirtschaft

gewesen, als ich jetzt Politiker bin. Ich gehöre

auch zu der Generation Jungpolitiker, die die

Universität noch mit Abschluss verlassen haben.

Ich bin das jüngste Mitglied der Landesregierung

und hatte bereits viele Kontakte mit der

Bevölkerung in meiner Zeit als Europaabgeordneter.

Ich glaube, dass man ernster genommen

wird, wenn alle wissen, dass man schon mal

etwas anderes gemacht hat. Beispielsweise,

dass ich als Wirtschaftsminister schon in

einem Maschinenbauunternehmen mit knapp

200 Angestellten gearbeitet und dort viele

Höhen und Tiefen erlebt habe. Was ich jetzt

politisch vertrete, habe ich auch persönlich

kennengelernt, ich kann mich deshalb auch in

viele Dinge sehr gut hineinversetzen. Mir hilft

diese Vita definitiv.

W+M : Der Zuschnitt des Ministeriums hat

sich mit Ihrer Ernennung geändert. Ist die

neue Kombination aus Wirtschaft, Tourismus,

Landwirtschaft und Forsten eine gute ?

Sven Schulze : Auf meine Wirtschaftskompetenz

habe ich schon verwiesen, zugleich

bin ich in einem kleinen Dorf aufgewachsen,

so dass das Thema Landwirtschaft mir aus

Kindestagen vertraut ist. Auch wenn ich später

einen anderen Weg eingeschlagen habe, ist

die Landwirtschaft in meinen Erlebnissen fest

verankert. Der Zuschnitt des Ressorts ist also

bewusst gewählt und für mich ideal. Es gibt

ihn in Deutschland so nicht ein zweites Mal.

Landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche

Unternehmen sind Wirtschaftsunternehmen,

sie müssen am Ende Geld verdienen und am

Markt agieren.

Auch Forst und Tourismus hängen eng miteinander

zusammen. 40 Prozent der Touristen

kommen in den Harz. Ich bin überzeugt davon,

dass wenn man als Minister ernst genommen

werden will, sowohl im eigenen Haus mit den

vielen Fachleuten als auch in den Unternehmen,

dann nur durch harte Arbeit, aber es gehört

auch ein Lebenslauf dazu, der passt.

W+M : Was sind Ihre persönlichen Schwerpunkte

für die vor Ihnen liegende Amtszeit ?

Sven Schulze : Für mich ist sehr wichtig, dass

Sachsen-Anhalt sich zwar in vielen Bereichen

gut entwickelt hat, aber wir müssen uns für

die Zukunft fit machen. Uns muss ein Strukturwandel

gelingen, der nicht nur den Ausstieg

aus der Kohle betrifft, sondern ebenso den

Bereich der Automobilzulieferer mit seinen

ca. 25.000 Beschäftigten. Viele von ihnen sind

aktuell abhängig vom Verbrennungsmotor. Wir

werden uns hier neu aufstellen müssen.

Ein Schwerpunkt ist für mich, die Wirtschaft

zukunftsfest zu machen, so dass wir auch in

den nächsten Jahrzehnten gute und gutbezahlte

Arbeitsplätze haben, damit die Menschen, die

hier leben, und ihre Kinder sich bei uns weiterhin

wohlfühlen.

Die Landwirtschaft im ländlichen Raum ist

das Rückgrat dieses Bundeslandes. Wir haben

mit Magdeburg und Halle zwei große Städte,

dazu noch Dessau-Roßlau, aber der Rest ist

ländlich geprägt. Und in jedem Dorf gibt es

eine Landwirtschaft, eine Agrargenossenschaft

oder einen bäuerlichen Betrieb. Deshalb muss

man den Menschen, die hier arbeiten, wieder

eine Stimme geben, damit sie das Gefühl haben,

auf Augenhöhe zu sprechen. Das war in der

Vergangenheit nicht immer der Fall. Wir

brauchen aber diese Vertrauensbasis.

Und letztlich möchte ich jemand sein, der

nicht an der Größe des Ministeriums, sondern

an den Ergebnissen der Arbeit gemessen wird.

Ich will persönlich und mit meinem Team einen

guten Job machen. Das ist mein Ziel.

Foto: W+M

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


INTERVIEW

WIRTSCHAFT+MARKT43

W+M : Wie steht es um die Wirtschaft Sachsen-Anhalts

im Jahr 2022 auch im Angesicht

der Corona-Krise ?

Sven Schulze : Die Wirtschaft Sachsen-Anhalts,

inklusive der Landwirtschaft, ist gut

durch die Corona-Krise gekommen. Dazu haben

die Hilfen von Bund und Land mit vielen Millionen

Euro für die Unternehmen beigetragen,

aber es war eine Kraftanstrengung für jeden

Einzelnen. Es gibt einen Bereich im Land, den

es sehr hart getroffen hat, das sind die Hotels

und Gaststätten und der Tourismus insgesamt.

Wir hatten einen signifikanten Einbruch der

Besucherzahlen. Vor der Krise hatten wir

jährliche Steigerungsraten bei den Übernachtungen,

2019 waren es neun Millionen und in

2020/21 waren es nur noch sechs Millionen.

Allerdings sind im Sommer letzten Jahres, wo

es relativ wenige Beeinträchtigungen durch

Corona gab, die Besucherzahlen sofort wieder

nach oben geschnellt. Das macht mich optimis

tisch, dass wir auch in diesem Bereich

schnell wieder zu einem positiven Trend

zurückkehren können.

Aber Corona hat beim Thema Fachkräfte

deutliche Spuren hinterlassen. Besonders im

Tourismus. Bei Gaststätten und Hotellerie

haben wir massiv Mitarbeiter verloren, die sich

zwischenzeitlich in anderen Bereichen Jobs

gesucht haben, weil es eben auch viele andere

attraktive Arbeitsstellen gibt. Wir haben einen

Arbeitnehmermarkt.

W+M : Wie stark ist die Abhängigkeit der

Wirtschaft Ihres Landes von Russland angesichts

des Ukraine-Krieges ?

Sven Schulze : Die Abhängigkeit von der russischen

Wirtschaft hinsichtlich der Exporte ist

gering, betroffen sind wir maßgeblich von den

Öl- und Gasimporten. Sachsen-Anhalt hat eine

sehr energieintensive Industrie. Das bereitet

uns aktuell große Sorge. Die zwei größten

ostdeutschen Gasabnehmer, SKW Piesteritz

und der Chemiepark InfraLeuna, befinden sich

in Sachsen-Anhalt. Wir beheimaten große Teile

der deutschen Glasindustrie. Vor den Toren

Magdeburgs gibt es zwei große Flachglaswerke,

alles ebenfalls sehr energieintensiv. Wir haben

die Produktion von Soda in Bernburg, die

Chemiestandorte im Süden Sachsen-Anhalts.

Da gibt es kleinere und größere Unternehmen,

alle sind betroffen. Aber mich rufen auch

Spediteure an, deren Kostenentwicklung

existenz bedrohend ist. Nicht zu vergessen,

dass Sachsen-Anhalt auch ein Land der Pendler

ist und die Tankkosten allen schwer zu schaffen

machen. Aktuell sind wir nicht in der Lage,

diese Importe kurzfristig zu ersetzen.

Ich habe auch von Anfang an gesagt, dass

wir einen Ausstieg aus der Kohle nicht schon

auf 2030 vorziehen können. Für mich hat die

Versorgungssicherheit höchste Priorität. Windund

Solarenergie können dies nicht aus gleichen,

obwohl Sachsen-Anhalt eines der Länder ist,

die beim Windkraftausbau führend sind. Aktuell

nutzen wir für Windkraft 1,8 Pro zent unserer

Fläche. Im Koalitionsvertrag stehen zwei Prozent

als Ziel, wir sind also schon nahe dran.

W+M : Glauben Sie, dass wir in kürzester Zeit

es schaffen können beispielsweise Planungsund

Genehmigungsverfahren zeitlich so abzuschmelzen,

dass die Ziele der Energiewende

real erreichbar sind ?

Sven Schulze : Ich glaube, das ist keine Frage

des Könnens, sondern die Frage lautet, wie bekommen

wir mehr Tempo. Wir müssen schneller

werden. Wir haben keine andere Chance. Mit

Genehmigungsverfahren ist aber nicht nur die

Genehmigung von Windkraftanlagen gemeint,

wir haben auch Infrastrukturprojekte in der

Planung, die über mehrere Jahrzehnte hinweg

nicht realisiert wurden. Damit ist verbunden, über

Klageverfahren zu diskutieren, ob es möglich und

nötig ist, dass jede kleinste Initiative Großprojekte

über viele Jahre blockiert. Die Ukraine-Krise

macht es noch einmal schwieriger.

Aber ich glaube fest daran, dass jetzt auch

Schritte möglich werden, die wir uns bislang

nicht vorstellen konnten. Wir müssen es nur

wollen und wissen, dass es nicht ohne Einschränkungen

und zusätzliche Belastungen gehen wird.

W+M : Mit der Ansiedlung von Intel ist in

Sachsen-Anhalt ein großer Wurf gelungen. Ist

für die Umsetzung alles vorbereitet ?

Sven Schulze : Was wir vom Land und von der

Stadt Magdeburg im letzten Jahr zur Vorbereitung

dieses Megaprojekts geleistet haben,

hat gezeigt, dass wir es können. Die Chance,

die sich uns bietet, wollen wir mit aller Kraft

nutzen. Uns ist bewusst, dass für die nächsten

Jahre eine große Aufgabe auf uns zukommt,

aber wir haben alle Schritte sehr bedacht,

nichts zugesagt, was wir nicht halten können.

Wir sind überzeugt davon, die Herausforderung

für die Realisierung dieser Rieseninvestition,

die Sachsen-Anhalt und Deutschland auf eine

neue Ebene bringen wird, meistern zu können.

Es wird ein Erfolgsprojekt für Intel, Sachsen-Anhalt,

Deutschland und Europa.

Interview: Frank Nehring

Was Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister

Sven Schulze über den Fachkräftemangel

und die Entwicklung der Tourismuswirtschaft

denkt, lesen Sie im ausführlichen

Interview.

Foto: W+M

W+M-Chefredakteur Frank Nehring im

Gespräch mit Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister

Sven Schulze

Lesen Sie das

ausführliche Interview

auf W+M online

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


44

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

„THÜRINGEN WILL

FÜHRENDER BATTERIE-

UND WASSERSTOFF-

STANDORT WERDEN.”

W+M sprach mit dem Thüringer Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft Wolfgang

Tiefensee über die aktuelle wirtschaftliche Situation im Freistaat, die Auswirkungen des Ukraine-Konfliktes

und den Umbau der Wirtschaft in Sachen Klimaschutz.

W+M : Herr Tiefensee, Sie sind Wirtschafts- und Wissenschaftsminister.

Ist das eine gute Kombination ?

Thüringens Wirtschaftsminister

Wolfgang

Tiefensee

Wolfgang Tiefensee : Die Gestaltung meines Ministeriums

mit der Verantwortung für Wirtschaft, Tourismus, Wissenschaft,

Forschung und Digitalisierung ist klug entschieden und sehr

zeitgemäß. Ein Ressortzuschnitt wird politisch ausgehandelt,

im Bund wie in den Ländern, Thüringen war Vorreiter in dieser

Kombination. Es gibt nicht nur viele Überschneidungen zwischen

Wirtschaft und Wissenschaft, denken Sie etwa an Technologietransfer

oder Ausgründungen, sondern auch beim Thema Arbeitsmarkt

und Fachkräftesicherung.

Die demografische Entwicklung ist die zentrale Herausforderung

für die Unternehmen. Und hier kommen natürlich auch die Hochschulen

ins Spiel. Es geht darum, wie wir junge Menschen nach Thüringen

locken und später hier halten. Selbstverständlich sollen Absolventen

Erfahrungen im Ausland sammeln – gut, wenn sie dann zurückkehren.

Zurück zum Ressortzuschnitt : Viele Themen lassen sich nur in Zusammen

arbeit der Ministerien bearbeiten, etwa die Digitalisierung, die

Dekarbonisierung, Entwicklung des ländlichen Raums oder eben die

Fachkräfteakquise. Erfolgreich ist, wer das Ressortdenken überwindet.

Moderne Verwaltung arbeitet entlang von Themen und Projekten. In

Thüringen gelingt das gut.

W+M : Wie steht es um die Wirtschaft Thüringens im Jahr 2022 auch

angesichts der Corona-Krise ?

Wolfgang Tiefensee : Thüringen ist im Vergleich zu anderen Bundesländern

recht gut durch die Krise gekommen. Wir haben schon frühzeitig im März 2020

eigene Unterstützungsprogramme aufgelegt, später gemeinsam mit dem Bund

millionenschwere Hilfen gezahlt und Kredite ausgereicht. Deutschland insgesamt hat

Foto: W+M

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


INTERVIEW

WIRTSCHAFT+MARKT45

Foto: Fraunhofer IKTS

vorbildlich gehandelt. Dennoch : 58 Prozent

der Unternehmen sind negativ betroffen,

ins besondere das Gastgewerbe, die Veranstaltungswirtschaft,

die Soloselbstständigen,

weniger die Unternehmensdienstleister.

Interessant ist, dass Hilfsangebote von 42

Prozent der Unternehmen überhaupt nicht in

Anspruch genommen wurden. Das wichtigste

Hilfsprogramm war das Kurzarbeitergeld,

42,2 Prozent der befragten Betriebe haben es

genutzt. Danach folgt mit Abstand die Überbrückungshilfe

mit knapp 17 Prozent. Höhere

Werte gab es im Gastgewerbe. Der Anteil von

Unternehmen, die keine Hilfen genutzt haben,

war am höchsten im Handwerk und im Bau

(52 Prozent), bei den Unternehmensdienstleistungen

(53 Prozent) und im Bereich Verkehr/

Lagerei (57 Prozent). Die Zufriedenheit mit

den Hilfsangeboten ist vergleichsweise hoch,

hier stehen rund 40 Prozent Zufriedenheit

einer Quote von zirka 28 Prozent unzufriedener

Unternehmen gegenüber. Das ist eine

Bestätigung dafür, dass das schnelle Handeln

der Landesregierung und des Bundes mit ihren

Programmen richtig war.

W+M : Welche Auswirkungen hat der Ukraine-Krieg

für die thüringische Wirtschaft ?

Wolfgang Tiefensee : Die Wirtschaftssanktionen

gegen Russland führen zu Belastungen

zumindest für Teile der Thüringer Wirtschaft.

Der Anteil des russischen Exports beläuft sich

zwar lediglich auf etwas mehr als zwei Prozent,

aber es gibt mindestens 200 Unternehmen aus

dem Freistaat, die vergleichsweise enge Handels

beziehungen nach Russland unterhalten.

Diese Unternehmen wird eine dauerhafte

Krise hart treffen. Noch größere Verwerfungen

werden sich allerdings aus der Abhängigkeit

der Wirtschaft von russischen Energieimporten

ergeben.

Die Krise hat bereits erhebliche Auswirkungen

auf die Öl- und Gaspreise und trägt zu einer

weiteren Angebotsverknappung in Deutschland

bei. Die Sorge um die Versorgungssicherheit

wächst. Deshalb tagt regelmäßig eine Arbeitsgruppe

unter meiner Leitung, die sich mit den

Folgen des Ukraine-Kriegs und der Vorsorge für

den Fall der Energieknappheit und mit gefährdeten

Lieferketten beschäftigt. Es gilt die alte

Weisheit : Aufs Beste hoffen, aufs Schlimmste

gefasst sein. Wir sollten alles tun, ein Gasembargo

zu verhindern, um die katastrophalen

Folgen für Unternehmen, die Arbeitnehmer-

schaft und die Privathaushalte zu vermeiden.

Der Bund ist gefordert, im europäischen

Geleitzug überzeugende alternative Lösungen

anzubieten und wiederum Schutzschirme für

die Wirtschaft aufzuspannen. Ich begrüße,

dass daran mit Hochdruck gearbeitet wird.

W+M : Die Wirtschaft steht auch vor einem

gewaltigen Umbau in Sachen Klimaschutz. Wie

gut ist Thüringen darauf vorbereitet ?

Wolfgang Tiefensee : Wir sind nicht nur gut

vorbereitet, sondern haben den Anspruch, diese

Transformation aktiv zu gestalten. Thüringen

will ein führender Standort für Batterie- und

Wasserstofftechnologien in Deutschland

werden. Die Thüringer Innovationsstrategie

nennt Dekarbonisierung als eine von vier

zentralen Herausforderungen. Mit unserer

Wasserstoffstrategie haben wir Maßnahmen

zur Erforschung und zum Einsatz von H 2 als

Grundstoff, Brennstoff, Energieträger und

Speichermedium auf den Weg gebracht. An

allen Hochschulen und Forschungseinrichtungen

bestehen starke Bezüge zum Thema

Dekarbonisierung. Die Schwerpunktfelder

sind Batterieforschung, Speichertechnologien,

keramische Komponenten für Energietechnik,

Kunststofftechnik und Leichtbau,

Kreislaufwirtschaft, Wasserstoffforschung

und nachhaltiges Bauen. Im Rahmen unserer

Forschungsförderung haben in der letzten

Förderperiode (2014-2020) von 1.865 geförderten

Projekten 342 direkte Bezüge zur

Dekarbonisierung. Das sind knapp 18 Prozent

aller Projekte mit insgesamt 92,4 Millionen

Euro Förderung. Das zeigt, wie wichtig wir

dieses Thema nehmen.

W+M : Wie wichtig sind bei den bevorstehenden

Aufgaben angepasste Gesetze und

Verordnungen, die beschleunigend wirken ?

Wolfgang Tiefensee : Die konkrete Umsetzung

mit allen beteiligten Partnern ist

natürlich eine gewaltige Herausforderung.

Gesetze, Verordnungen und Prozesse müssen

auf den Prüfstand und auf Beschleunigung

ausgerichtet werden. Es gilt, die geübte Praxis

von breiter Ressortbefassung und demokratischer

Beteiligung beizubehalten und

dennoch deutlich schneller zu Entscheidungen

zu kommen. Verschlankung und Parallelität

bei der Bearbeitung statt iterativer Prozesse,

durchgängige Digitalisierung, Einsatz von KI,

hochqualifiziertes, auskömmliches Personal in

den Ämtern, das sind die Herausforderungen.

Das ist eine Mammutaufgabe, aber ich traue

den Beschäftigten in den Verwaltungen einen

Aufbruch zu. Das beliebteste Möbel im Rathaus,

so sagt man, sei die lange Bank. Die

gehört endgültig ausgeräumt.

W+M : Wann werden wir merken, dass wir

schnell genug sind, um die Ziele bis 2045 zu

erreichen ?

Wolfgang Tiefensee : Die Bundesregierung

hat klugerweise den Zeitpunkt des Braunkohleausstiegs

daran gebunden, wie Schritt

für Schritt die fossilen Energieträger ersetzt

werden können – monatlich, jährlich wird

Bilanz gezogen. Mittlerweile ist das nicht nur

eine energiepolitische, sondern eine auch

sicherheitspolitische Frage. Wenn wir das

Ziel der vollständigen Substitution fossiler

Energien als die primäre gesamtgesellschaftliche

Aufgabe begreifen, wenn Unternehmen

und Bürgerschaft an einem Strang ziehen

und wenn wir vor allem neuen, oftmals schon

vorhandenen Technologien zum Durchbruch

verhelfen, wird das eher morgen als übermorgen

möglich sein. Nicht deutschlandtypisch

bedenklich mit dem Kopf wiegen, sondern mit

Elan und Erfolgsverliebtheit ran an die Sache,

dann gelingt uns das ganz sicher.

Interview: Frank Nehring

Wie Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang

Tiefensee den Fachkräftemangel beurteilt

und was er für die Leuchttürme der Thüringer

Wirtschaft hält, lesen Sie im ausführlichen

Interview.

Lesen Sie das

ausführliche Interview

auf W+M online

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


46 WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

„WIR WERDEN

EIN EIGENES

KLIMASCHUTZGESETZ

VERABSCHIEDEN.“

W+M-Chefredakteur Frank Nehring (l.) im

Gespräch mit Minister Reinhard Meyer

W+M sprach mit Reinhard Meyer, Minister für

Wirtschaft, Infrastruktur, Tourismus und Arbeit

des Landes Mecklenburg-Vorpommern, über die

Wirtschaft nach der Corona-Krise, die Auswirkungen

des Ukraine-Konfliktes und den Umbau der

Wirtschaft hin zur Klimaneutralität.

W+M : Herr Minister, Sie sind seit November W+M : Wie steht es um die Wirtschaft

2021 Wirtschaftsminister. Was macht das Mecklenburg-Vorpommerns im Jahr 2022

Wirtschaftsministerium so interessant ?

angesichts von Corona-Krise und dem Krieg

in der Ukraine ?

Reinhard Meyer : Ich bin jetzt bereits zum

dritten Mal in diesem Haus. Ende 1994 war Reinhard Meyer : All das, was wir gerade

ich Büroleiter bei Harald Ringstorff, dann durch den Einmarsch russischer Truppen in die

bin ich Ende 2001 als Staatssekretär wieder Ukraine erleben, wird uns härter treffen, als

hierhergekommen und nun bin ich der neue das in der Corona-Krise der Fall war. Wir stecken

in einer Art Doppelkrise, auch bezüglich

Minister. Das Wirtschaftsministerium ist ein

Haus, in dem man mit den Schwerpunkten der Lieferketten, sind uns aber der Ausmaße

für Arbeit, Infrastruktur, Tourismus, Mobilität noch nicht voll bewusst. Für uns in MV sind

sowie in der Energie und Landesentwicklung das viele Bereiche, die betroffen sind. Ich

viel gestalten kann.

denke an die Ernährungswirtschaft, das

verarbeitende Gewerbe, die Hafenwirtschaft

und den Verkehr. Wir sehen, viel mehr als

gedacht, die Abhängigkeiten von russischen

Produkten. Die Abhängigkeit von der Gasversorgung

ist sehr groß und erste Schritte dies

zu reduzieren werden uns schwerfallen und

Auswirkungen auf die Preise haben.

Bei Covid-19 haben wir in vielen Bereichen

viele Zumutungen verteilt, das ist in einem

Tourismusland wie MV nicht immer einfach

gewesen. Für Corona gibt und gab es keine

Blaupause, da haben wir alle am Anfang dazugelernt.

Sicher haben wir da nicht immer das

Richtige getan, waren nicht immer optimal

aufgestellt. Gut waren in jedem Fall die Hilfen

von Bund und Land. Bei den Überbrückungskrediten

waren es allein 1,5 Milliarden Euro für

Unternehmen in MV. Auch wenn Unternehmer

sagen, dass sie lieber Wirtschaft gemacht

hätten, glaube ich, dass an diesen Stellen der

Staat schon sehr geholfen hat.

W+M : Ist das Image von Mecklenburg-Vorpommern

aufgrund der besonderen Russlandorientierung

angesichts der jüngsten

Entwicklung angeschlagen ?

Reinhard Meyer : Ich merke das weniger hier

im Land. Das Verständnis für unsere Dialogbereitschaft

und die regionalen Partnerschaften

ist nach wie vor vorhanden. Bei Gesprächen in

Berlin bemerke ich schon eine veränderte Einstellung

zu MV, aber auch zu anderen Ländern

im Osten.

Foto: W + M

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


INTERVIEW

WIRTSCHAFT+MARKT47

Welche Unternehmen für Mecklenburgs

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer Hidden

Champions sind und was für die Zukunft des

Tourismus im Land getan werden muss, lesen

sie im ausführlichen Interview.

Lesen Sie das

ausführliche Interview

auf W+M online

W+M : Die Wirtschaft der Bundesrepublik

steht vor einem gewaltigen Umbau der

Wirtschaft in Sachen Klimaschutz. Wie ist

MV darauf vorbereitet ?

„MEIN THEMA SIND DIE

PLANUNGS- UND GENEH-

MIGUNGSVERFAHREN.“

Foto: W + M

Reinhard Meyer : Wir werden ein eigenes

Klimaschutzgesetz verabschieden, weil wir

das, was auf Bundesebene erdacht wird, vor

Ort umsetzen müssen. Da bin ich schon bei

einigen Themen sehr gespannt, wie wir die

Probleme angehen, wenn wir die erneuerbaren

Energien massiv ausbauen wollen. Mehr

Windkraft auf See oder an Land, mehr PV-Anlagen

und mehr Biomasse bekommen wir

nur, wenn Genehmigungsverfahren erheblich

beschleunigt werden können. Neben den technischen

Voraussetzungen ist die Akzeptanz

für unser Tun entscheidend. Wir können das

alles hinbekommen, aber wir müssen die

Menschen mitnehmen. Die Zustimmung für

den Ausbau der erneuerbaren Energien darf

nicht dort enden, wo es konkret wird. Deshalb

haben wir in unserem Koalitionsvertrag auch

nicht das Zwei-Prozent-Ziel des Bundes

explizit übernommen, sondern wollen

realistisch wachsen.

Aktuell haben wir 0,8 Prozent der Flächen in

der Nutzung, d.h. wir brauchen mehr als eine

Verdopplung von Windkraft und PV-Anlagen

im Land. Das ist eine sehr große Herausforderung,

die ohne Akzeptanz nicht zu schaffen

ist. Die Kommunen vor Ort müssen einen

Benefit erhalten. Als Vorreiter der Energiewende

können sie nicht nur die Lasten tragen,

sondern sie müssen auch an den Gewinnen

der Windkraft anlagenbetreiber beteiligt

oder steuerlich begünstigt werden, um in

der Kommune zusätzlich investieren zu

können. Und es kann auch nicht sein, dass

die Kosten der Erzeugung vor Ort auf die

Stromkosten aufgeschlagen werden. Das

muss auf Bundesebene geändert werden.

REINHARD MEYER

W+M : Sind die Veränderungen durch die

Verwaltung überhaupt zu stemmen.

Reinhard Meyer : Die Verwaltung wird

zwar häufig gescholten, ist aber nicht

schuld. Mein Thema sind die Planungs- und

Genehmigungsverfahren. Ein gutes Beispiel

ist das Thema Bau des Fehmarn-Tunnels.

Hier haben die Dänen es in kürzester Zeit geschafft,

ihre Planungsaufgaben zu erledigen

und auf deutscher Seite hängt das Projekt

immer noch, und wir sind gedanklich bereits

jenseits des Jahres 2030. Vergleicht man etwas

genauer, gab es auf dänischer Seite etwa

300 Einwendungen, die von einer Verwaltung,

die sich von der deutschen wenig unterscheidet,

abgewogen wurden. Auf deutscher Seite gab

es aber 12.000 Einwendungen. Wir brauchen

ähnliche Strukturen wie in Dänemark oder

wie kurz nach der Wende, die zu wesentlich

schnelleren Verfahren führen. Wir werden

noch in diesem Jahr merken, ob wir den

Verwaltungen die Instrumentarien in die Hand

geben können, die Genehmigungsverfahren in

erforderlichem Maße zu beschleunigen.

W+M : Die aktuelle Werftenkrise ist nicht die

erste ihrer Art. Ist die Branche angesichts Ihrer

Anfälligkeit eine Zukunftsbranche ?

Reinhard Meyer : Ich glaube daran, dass es

eine Zukunftsbranche ist, aber sie muss sich

verändern. Früher dachten wir immer, dass es

genügt, in Marktnischen zu gehen. Da haben

wir Containerschiffe gebaut, dann kamen der

Spezialschiffbau und die Kreuzschifffahrt.

Hier hat uns Corona voll getroffen und wir

haben gemerkt, dass wir uns in eine große

Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen

begeben haben. Die Wirtschaft hat aber

auch Lehren aus den Insolvenzen der P+S

Werften 2012 gezogen, so dass die Zahl der

Insolvenzen insgesamt abgenommen hat. Die

maritimen Zulieferer haben sich unabhängiger

von einzelnen Auftraggebern gemacht und

das gibt mir Hoffnung.

W+M : Die Tourismusbranche ist für MV

bedeutend. Welche Akzente wird die Branche

mit dem Ausklang der Pandemie setzen ?

Reinhard Meyer : Aus der Pandemie hat die

Branche gelernt, dass es gute Arbeitsbedingungen

für das Personal braucht. Gute Arbeit

heißt am besten tarifgebundene Löhne, aber

das reicht nicht aus, es geht um die Vereinbarkeit

von Familie und Beruf und mehr. Es geht

um die Frage, wie motiviere ich mein Personal.

Die Arbeitszeiten in den Gaststätten und der

Hotellerie wird man nicht ändern können, sie

orientieren sich am Gast, aber entscheidend

ist, wie ich meine Mitarbeiter halte und ans

Unternehmen binde. Das Fachkräftethema ist

elementar. Viele Gastronomen beklagten die

Abwanderung durch Corona, wir aber wissen,

dass dieser Prozess bereits vor der Pandemie

einsetzte. Deshalb glaube ich, dass nur

Unternehmen, die sich auf ihre Beschäftigten

einlassen, zu den Gewinnern des Strukturwandels

gehören.

Interview: Frank Nehring

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


48

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

WIE UNTERNEHMER

MIT DER POLITIK

KOMMUNIZIEREN

SOLLTEN

Politik beeinflusst maßgeblich die Handlungsfähigkeit von Unternehmen.

Und deshalb ist es legitim, dass es einen regelmäßigen Austausch zwischen

den Menschen in Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern gibt.

Wenn Unternehmer nicht mit den Entscheidungsträgern sprechen: Andere

mit einer anderen Agenda tun es!

DER AUTOR

Dr. Jens Katzek ist Geschäftsführer

des ACOD (Automotive Cluster

Ostdeutschland)

VON DR. JENS KATZEK

Das Pariser Klimaabkommen oder die

COVID-Pandemie haben deutlich gemacht,

dass die Politik beispielsweise darüber

entscheidet, welche Energieform künftig

Grundlage unseres Wirtschaftssystems ist

– mit all den Konsequenzen, die dies für die

Unternehmen darstellt. In der COVID-Pandemie

entschied die Politik z.B., ob ein Geschäft

geöffnet werden darf oder ob Mitarbeiter aus

dem Ausland ihre Arbeit in den Betrieben in

Deutschland aufnehmen durften.

Deshalb ist die Kommunikation zwischen Unternehmen

und politischen Entscheidungsträgern

unglaublich wichtig. Das politische Tagesgeschäft

des Abwägens von unterschiedlichen

Interessen basiert auf Kommunikation!

Dabei ist es erstaunlich zu sehen, wie viel

Energie jedes einzelne Unternehmen in die

technologische Weiterentwicklung, die Produktpalette

und das Marketing steckt. Wie

selbstverständlich es ist, Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter kontinuierlich zu schulen.

Doch dass die Politik einen genauso großen

Einfluss auf die Entwicklung des Unternehmens

hat, wird von vielen Unternehmern noch immer

stiefmütterlich behandelt. Man verlässt sich

auf die IHK, die Standesorganisationen, die

Verbände und vielleicht noch auf die Lobbyisten

der großen Unternehmen. Aber wenn man

sich vor Augen hält, wie viele Milliarden Euro

Umsatz z.B. die deutschen Automobilhersteller

generieren, so ist der Aufwand, den sie in das

Lobbying investieren, verschwindend gering

und die Zahl der Mitarbeiter in diesem Bereich

deutlich kleiner als etwa die Zahl der Lobbyisten

von Umweltverbänden.

Politische Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen

haben ihre eigene Agenda,

sind manchmal von Ideologien geprägt, die

sie umsetzen wollen. Aber die allermeisten

sind sehr wohl daran interessiert zu erfahren,

was in ihrem Wahlkreis passiert und was die

Menschen bedrückt.

Kontinuität statt Einmal-Events

Nur die wenigsten würden auf den Gedanken

kommen, dass sich Vertrauensbeziehungen

ausbilden, wenn man nur alle zwei Jahre auf

sein Gegenüber zugeht und sich nur meldet,

wenn es Probleme gibt. Diese Lebensweisheit

gilt auch in der Politik. Auch hier gilt: Einmal ist

keinmal.

Es gilt auch: Die Kommunikation von neuen

Entwicklungen muss in einer Sprache geschehen,

die das Gegenüber versteht. Sie muss

in eine Geschichte eingebunden sein, die das

Gegenüber interessiert. Das ist einfach, wenn

es um Betriebserweiterungen geht, weil damit

die Botschaft kommuniziert wird: „Mein Unternehmen

bietet auch in näherer Zukunft sichere

Arbeitsplätze.“ Schwieriger ist es, wenn man

über eine technische Einzelinnovation spricht.

Hier ist die Versuchung groß, in die Darstellung

der technischen Details abzuschweifen – statt

dem Gegenüber zu verdeutlichen, welchen

Einfluss diese Innovation konkret auf die Entwicklung

des Unternehmens hat.

Wohl kaum ein Technologieentwickler würde

den CFO eines anderen Unternehmens z.B. auf

eine metallurgische Verbesserung von Einzelteilen

eines Produktes ansprechen. Jedem wäre

klar: Das ist nicht der Job eines CFO. Ähnlich

ist es in der Politik. Es gibt eine ausgeprägte

Arbeitsteilung innerhalb der politischen

Fraktionen und zwischen den

verschiedenen politischen

Ebenen. Insofern ist es

wichtig zu verstehen,

wie politische

Entscheidungen

zustandekommen.

Wenn ich weiß,

Foto: ACOD

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


KOMMUNIKATION WIRTSCHAFT+MARKT49

welche Entscheidungen Einfluss auf welche

Ereignisse bei mir vor Ort und im Unternehmen

haben, kann ich die Gesprächsthemen besser

auf mein Gegenüber ausrichten.

Sich über die hohen Gebühren der Wasserrechnung

bei Bundestagsabgeordneten zu

beschweren, macht wenig Sinn, weil diese

wenig Einfluss auf die Gebührenhöhe haben.

Anders ist es beim Thema Energiepreise, die

stark von Bundesgesetzen beeinflusst werden.

Oder beim Thema Ladesäuleninfrastruktur für

Elektroautos: Diese werden oft genug von den

Kommunen aufgestellt und es gibt Förderprogramme

sowohl auf Landes- als auch auf

Bundesebene. Also macht es Sinn, Gesprächspartner

auf allen drei Ebenen mit diesem

Thema zu konfrontieren. Immer wieder muss

man sich fragen: An welcher Stellschraube kann

mein Gesprächspartner konkret drehen, um

einen Sachverhalt, der mich bei der Weiterentwicklung

meines Unternehmens stört, zu

verändern? Wenn es etwa um Windkraftanlagen

geht, dann sind Fragen des Naturschutzes

oder Anhörungsmöglichkeiten Dritter Bundesrecht,

während z.B. Abstandregelungen häufig

Ländersache sind und über Freiflächen auf

kommunaler Ebene entschieden wird.

Neben der Entscheidungsebene ist auch das

Wissen um die Themenorientierung der Gesprächspartner

von zentraler Bedeutung. Wir

leben in einer derartig komplexen Gesellschaft,

dass in der Politik eine Spezialisierung genauso

notwendig ist wie im betrieblichen Alltag. Dies

bedeutet nicht nur, dass politische Entscheidungsträger

oft nicht nur kaum Wissen haben

über ein Thema, das den Einladenden ganz

besonders interessiert, sondern der Entscheidungsträger

spielt bei der Meinungsbildung

der Gesamtfraktion in Themen, für die er nicht

direkt verantwortlich ist, auch kaum eine Rolle.

Dies führt dazu, dass Schreiben an den Abgeordneten

A nicht vom ihm oder ihr selber beantwortet

werden, sondern von Mitarbeitern der

Fraktion, die Spezialisten bei dem Thema sind.

Das bedeutet aber nicht, dass es keinen Sinn

macht Briefe zu schreiben. Im Gegenteil: Denn

durch diese fraktionsinterne Weiterleitung an

die Kernentscheider bekommen diese auch den

notwendigen Eindruck, wo es gerade „drückt“.

Politische Entscheidungsträger haben eine

außerordentlich knappe Ressource: Zeit. Deshalb

findet man sie nur selten auf Konferenzen

und Kongressen, auf denen sich Unternehmer

und Unternehmerinnen treffen, um ihr Netzwerk

zu pflegen.

Das Leben von Politikern ist geprägt davon,

dass immer wieder Menschen sie erreichen

wollen, um die Relevanz ihres jeweiligen Themas

zu verdeutlichen. Der Alltag ist geprägt

davon, sich mit ganz unterschiedlichen Fragen

zu beschäftigen und Mehrheiten innerhalb der

eigenen Fraktion und der Regierung zu finden.

Parallel dazu fordert auch die Parteibasis ihr

Recht. Die Basis nach einem erfolgreichen

Wahlkampf aus den Augen zu verlieren, hat

schon so manchen Mandatsträger das Mandat

gekostet. Deshalb ist es wichtig, bei der Ansprache

von politischen Entscheidungsträgern

und bei dem notwendigen Follow-up diese Besonderheiten

zu berücksichtigen. Der Besucher

ist Gast, Gesprächspartner und Entscheider

gleichermaßen!

Beim Thema bleiben!

Wenn ein Unternehmen einen Abgeordneten

oder eine Abgeordnete eingeladen hat und

stolz durch den eigenen Betrieb führt, den

man häufig genug in Jahrzehnten gegen alle

Widrigkeiten aufgebaut hat, dann will man

stolz das Resultat dieser Arbeit präsentieren.

So verständlich diese Verhaltensweise ist, so

gefährlich ist sie auch. Denn: Die Uhr tickt. Wenn

es gelungen ist, den Abgeordneten/die Abgeordnete

endlich in das eigene Unternehmen gelockt

zu haben, ist es von entscheidender Bedeutung

diese Zeit auch zu nutzen, um deutlich zu machen,

was einem auf der Seele brennt. Welche

konkreten Probleme die weitere Entwicklung

des Unternehmens gefährden. Es geht nicht

darum, aus einem Abgeordneten in einem

Schnelldurchlauf einen Ingenieur oder CNC-Bediener

zu machen. Es geht darum, die Relevanz

des eigenen Unternehmens zu verdeutlichen!

Es geht darum zu verdeutlichen, wie vielen

Menschen man eine Lebensperspektive gibt,

wie viele Auszubildende mit ihrer Ausbildung

den Start in ihr Berufsleben finden oder wie

sich das Unternehmen gegebenenfalls auch im

sozialen Bereich in der Gemeinde engagiert.

Es wäre naiv zu glauben, dass Abgeordnete

nur zu einem kommen, um sich die Probleme

des Einladenden anzuhören. Natürlich haben

sie auch ein eigenes Interesse. Sie wollen

ihren eigenen Parteimitgliedern und ihren

Wählern verdeutlichen, dass sie ihr Ohr an der

Basis haben. Oft genug stellen sie aber auch

Forderungen an die Unternehmen. So sollte

es niemanden wundern, dass man z.B. einen

Abgeordneten der SPD einlädt, dieser fragt,

ob es einen Betriebsrat gibt oder warum das

Unternehmen nicht in einem Arbeitgeberverband

organisiert ist und damit dem Tarifvertrag

unterliegt.

Nacharbeiten nicht vergessen!

Man sollte auf jeden Fall den Besuch nacharbeiten,

indem man noch einmal schriftlich

in einem Brief die wesentlichen Diskussionspunkte

und Argumentationslinien beschreibt.

Und mit „wesentlich“ meine ich tatsächlich die

wesentlichen Punkte!

Die Informationsflut, die uns alle täglich

im Bann hält, gilt natürlich auch für politische

Entscheidungsträger – und ist dort

sogar potenziert! Insofern ist es wichtig, die

Kernbotschaften verständlich auf den Punkt

zusammenzufassen sowie mögliche Gegenargumente

noch einmal kurz zu widerlegen.

Als sehr hilfreich hat sich auch herauskristallisiert,

dass man zu einem Besuch auch einen

Vertreter des jeweiligen Interessenverbandes

oder der IHK einlädt. Damit ist auch eine Nacharbeit

einfacher zu organisieren beziehungsweise

die Besuche verschiedener Abgeordneter

besser zu koordinieren.

Fazit

Der Transformationsdruck auf die

Unternehmen ist enorm. Und je

größer der Druck, desto weniger

hat man Lust, sich mit

Aufgaben zu beschäftigen,

die nicht zum eigentlichen

Kerngeschäft gehören. Und

so vernachlässigt man das

Gespräch mit der politischen

Entscheidungsebene, was

ein Fehler ist.

Deshalb:

Engagieren Sie sich!

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


50

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

DIE OSTDEUTSCHEN

BUNDESTAGS­

ABGEORDNETEN

Sie haben ihnen Ihre Stimme gegeben. Nun nehmen Sie sie auch beim Wort.

Insgesamt 145 Abgeordnete aus den neuen Bundesländern und Berlin vertreten

Ihr Interesse im 20. Deutschen Bundestag. W+M listet die Namen und

einige Zusatzdaten der ostdeutschen Bundestagsabgeordneten für Sie auf.

REEM ALABALI-RADOVAN · SPD

PHILIPP AMTHOR · CDU/CSU

JOHANNES ARLT · SPD

LEIF-ERIK HOLM · AFD

ENRICO KOMNING · AFD

MECKLENBURG-

VORPOMMERN

Berufsoffizier,

* 23.04.1984 in Berlin

Wahlkreis 017: Mecklenburgische

Seenplatte II – Landkreis Rostock III

Verteidigungsausschuss,

Wirtschafts ausschuss

johannes.arlt@bundestag.de

Ökonom (M. Sc.),

* 01.08.1970 in Schwerin

Wahlkreis 015: Vorpommern-

Rügen – Vorpommern-Greifswald I

Wirtschaftsausschuss

leif-erik.holm@bundestag.de

Rechtsanwalt, * 1968 in Stralsund

Wahlkreis 016: Mecklenburgische

Seenplatte I –

Vorpommern-Greifswald II

Wirtschaftsausschuss

enrico.komning@bundestag.de

Politikwissenschaftlerin,

* 01.05.1990 in Moskau, Russland

Wahlkreis 012: Schwerin –

Ludwigslust-Parchim I –

Nordwestmecklenburg I

reem.alabali-radovan@bundestag.de

DR. DIETMAR BARTSCH · DIE LINKE

FRANK JUNGE · SPD

INA LATENDORF · DIE LINKE

Wirtschaftswissenschaftler,

* 31.03.1958 in Stralsund

Wahlkreis 014: Rostock –

Landkreis Rostock II

Gemeinsamer Ausschuss

dietmar.bartsch@bundestag.de

Diplom-Sportlehrer, * 05.05.1967

in Halle/Saale, Wahlkreis 013:

Ludwigslust- Parchim II – Nordwestmeck

lenburg II – Landkreis

Rostock I, Ausschuss für Tourismus,

Bundesfinanzierungsgremium,

Haushaltsausschuss

frank.junge@bundestag.de

Juristin, * 26.06.1971 in Greifswald

Wahlkreis 012: Schwerin –

Ludwigslust-Parchim I –

Nordwestmecklenburg I

Ausschuss für Ernährung und

Landwirtschaft, Petitionsausschuss

ina.latendorf@bundestag.de

SIMONE BORCHARDT · CDU/CSU

ANNA KASSAUTZKI · SPD

ERIK VON MALOTTKI · SPD

Jurist, * 10.11.1992

in Ueckermünde

Wahlkreis 016: Mecklenburgische

Seenplatte I –

Vorpommern-Greifswald II

Ausschuss für

Inneres und Heimat

philipp.amthor@bundestag.de

Geschäftsbereichsleiterin Pflege,

* 11.09.1967 in Schkeuditz

Wahlkreis 013: Ludwigslust-

Parchim II – Nordwestmecklenburg

II – Landkreis Rostock I

Gesundheitsausschuss,

Petitionsausschuss

simone.borchardt@bundestag.de

Staatswissenschaftlerin,

* 25.12.1993 in Heidelberg

Wahlkreis 015: Vorpommern- Rügen

– Vorpommern-Greifswald I

Ausschuss für Digitales, Ausschuss

für Ernährung und Landwirtschaft

anna.kassautzki@bundestag.de

Gewerkschafter,

* 01.04.1986 in Grevesmühlen

Wahlkreis 016: Mecklenburgische

Seenplatte I –

Vorpommern-Greifswald II

Familienausschuss,

Petitionsausschuss

erik.vonmalottki@bundestag.de

Fotos: Photothek (Junge, Kassautzki, van Malottki), Hans Ziertmann (Arlt), Deutscher Bundestag (DBT)/Inga Haar (Bartsch), DBT/Julia Nowak (Holm), Ecki Raff (Borchardt),

Die LINKE im Bundestag (Latendorf), Sascha Krautz (Alabali-Radovan), Jens Oellermann (Amthor), Privat (Komming)

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


DIE OSTDEUTSCHEN BUNDESTAGSABGEORDNETEN

WIRTSCHAFT+MARKT51

DIETRICH MONSTADT · CDU/CSU

CLAUDIA MÜLLER · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

HAGEN REINHOLD · FDP

Fotos: Photothek (Faescher, Koss, Zschau), Grüne im Bundestag, S. Kaminski (Baerbock, Kellner) Deutscher Bundestag (DBT)/Inga Haar (Boginski, Hagen), DBT/Achim Melde (Feiler, Gauland, Kleinwächter), Schielke-Ziesing/Anke Houdelet (Schielke-Ziesing), CDU/Elbe-Elster, Andreas Egeresi (Abraham),

Die Linke im Bundestag (Domscheidt-Berg), Nancy Stoffregen (Eischwede), Hannes Gnauck, DiG/Thomas Kläber (Görke), Jens Koeppen/Laurence Chaperon (Koeppen), Dietrich Monstadt, Arne Jeschal (Müller)

ULRIKE SCHIELKE-ZIESING · AFD

FRIEDHELM BOGINSKI · FDP

ARIANE FÄSCHER · SPD

HANNES GNAUCK · AFD

Rechtsanwalt, * 15.09.1957

in Bochum

Wahlkreis 012: Schwerin –

Ludwigslust-Parchim I –

Nordwestmecklenburg I

Gesundheitsausschuss

dietrich.monstadt@bundestag.de

Verwaltungswirtin, * 17.06.1969

in Neubrandenburg

Wahlkreis 017: Mecklenburgische

Seenplatte II – Landkreis

Rostock III

Rechnungsprüfungsausschuss

ulrike.schielke-ziesing@

bundestag.de

BRANDENBURG

NORBERT KLEINWÄCHTER · AFD

Lehrer, * 07.11.1955 in Bremen

Wahlkreis 057: Uckermark –

Barnim I

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung

friedhelm.boginski@bundestag.de

Pressesprecherin,

* 01.03.1968 in Münster

Wahlkreis 058: Oberhavel –

Havelland II

Familienausschuss, Ausschuss

für die Angelegenheiten der

Europäischen Union

ariane.faescher@bundestag.de

Soldat auf Zeit,

* 08.08.1991 in Prenzlau

Wahlkreis 057: Uckermark –

Barnim I

Verteidigungsausschuss

hannes.gnauck@bundestag.de

Lehrer, * 22.02.1986 in Augsburg

Ausschuss für Arbeit und Soziales,

Ausschuss für die Angelegenheiten

der Europäischen Union

norbert.kleinwaechter@

bundestag.de

KATRIN ZSCHAU · SPD

KNUT ABRAHAM · CDU/CSU

Landesgeschäftsführerin,

* 09.06.1976 in Greifswald

Wahlkreis 014: Rostock –

Landkreis Rostock II

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung, Ausschuss

für Klimaschutz und Energie

katrin.zschau@bundestag.de

Diplomat, * 04.06.1966 in Hamburg

Wahlkreis 065: Elbe-Elster –

Oberspreewald-Lausitz II

Ausschuss für Menschenrechte

und humanitäre Hilfe, Auswärtiger

Ausschuss

knut.abraham@bundestag.de

ANKE DOMSCHEIT-BERG · DIE LINKE

UWE FEILER · CDU/CSU

CHRISTIAN GÖRKE · DIE LINKE

JENS KOEPPEN · CDU/CSU

Bundesbeauftragte für maritime

Wirtschaft und Tourismus

Betriebswirtin,

* 10.08.1981 in Rostock

Wahlkreis 015: Vorpommern-

Rügen – Vorpommern-Greifswald I

Verteidigungsausschuss

claudia.mueller@bundestag.de

Publizistin,

* 17.02.1968 in Premnitz

Wahlkreis 058: Oberhavel –

Havelland II

Ausschuss für Digitales

anke.domscheit-berg@

bundestag.de

Diplom-Finanzwirt,

* 02.11.1965 in Winsen/Luhe

Wahlkreis 058: Oberhavel –

Havelland II

uwe.feiler@bundestag.de

* 17.03.1962 in Rathenow

Wahlkreis 064: Cottbus –

Spree-Neiße

Finanzausschuss

christian.goerke@bundestag.de

Elektromeister,

* 27.09.1962 in Zeitz

Wahlkreis 057: Uckermark –

Barnim I

Ausschuss für Klimaschutz und

Energie

jens.koeppen@bundestag.de

SONJA EICHWEDE · SPD

DR. ALEXANDER GAULAND · AFD

Meister im Maurer- und Betonhandwerk,

* 23.03.1978 in Wismar

Wahlkreis 014: Rostock –

Landkreis Rostock II

Ausschuss für Wohnen,

Stadt entwicklung, Bauwesen und

Kommunen

hagen.reinhold@bundestag.de

ANNALENA BAERBOCK · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Bundesministerin des

Auswärtigen

Völkerrechtlerin, * 15.12.1980

in Hannover

Wahlkreis 061: Potsdam –

Potsdam-Mittelmark II –

Teltow-Fläming II

annalena.baerbock@bundestag.de

Richterin, * 25.10.1987 in Bremen

Wahlkreis 060: Brandenburg an der

Havel – Potsdam-Mittelmark I –

Havelland III – Teltow-Fläming I

Ausschuss für Wahlprüfung,

Immunität und Geschäftsordnung,

Rechtsausschuss, Wahlausschuss

sonja.eichwede@bundestag.de

Publizist, * 20.02.1941 in Chemnitz

Landesliste Brandenburg

Auswärtiger Ausschuss

alexander.gauland@bundestag.de

MICHAEL KELLNER · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

SIMONA KOSS · SPD

Parlamentarischer Staats sekretär

für Wirtschaft und Klimaschutz

Bundesgeschäftsführer,

* 08.05.1977 in Gera

Wahlkreis 057: Uckermark –

Barnim I

michael.kellner@bundestag.de

Schulrätin,

* 09.06.1961 in Strausberg

Wahlkreis 059: Märkisch-Oderland

– Barnim II

Ausschuss für Inneres und Heimat,

Ausschuss für Kultur und Medien

simona.koss@bundestag.de

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


52

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

STEFFEN KOTRÉ · AFD

SYLVIA LEHMANN · SPD

WIEBKE PAPENBROCK · SPD

MATHIAS PAPENDIECK · SPD

RENÉ SPRINGER · AFD

HANNES WALTER · SPD

DR. GOTTFRIED CURIO · AFD

DR. GÖTZ FRÖMMING · AFD

Diplom-Ingenieur,

* 29.04.1971 in Berlin

Wahlkreis 062: Dahme-

Spreewald – Teltow-Fläming III

– Oberspreewald-Lausitz I

Ausschuss für Klimaschutz und

Energie

steffen.kotre@bundestag.de

Informatiker, * 18.02.1982

in Rüdersdorf

Wahlkreis 063: Frankfurt (Oder) –

Oder-Spree

Ausschuss für Arbeit und Soziales

mathias.papendieck@

bundestag.de

Politikwissenschaftler,

* 15.07.1979 in Ost-Berlin

Ausschuss für Arbeit und Soziales

rene.springer@bundestag.de

Betriebswirt, * 02.03.1984

in Finsterwalde

Wahlkreis 065: Elbe-Elster –

Oberspreewald-Lausitz II

Wirtschaftsausschuss

hannes.walter@bundestag.de

BERLIN

Diplom-Mathematiker,

Diplom-Physiker,

* 02.09.1960 in Berlin

Landesliste Berlin

Ausschuss für Inneres

und Heimat

gottfried.curio@bundestag.de

Gymnasiallehrer,

* 30.08.1968 in Eutin

Wahlkreis 076: Berlin-Pankow

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung,

Der Ältestenrat

goetz.froemming@bundestag.de

JANA SCHIMKE · CDU/CSU

LINDA TEUTEBERG · FDP

STEFAN ZIERKE · SPD

Ingenieurökonomin, * 23.04.1954

in Schorbus

Wahlkreis 062: Dahme-

Spreewald – Teltow-Fläming III –

Oberspreewald-Lausitz I

Ausschuss für Ernährung und

Landwirtschaft

sylvia.lehmann@bundestag.de

Diplom-Politikwissenschaftlerin,

* 06.09.1979

Wahlkreis 062: Dahme-

Spreewald – Teltow-Fläming III

– Oberspreewald-Lausitz I

Ausschuss für Tourismus,

Ausschuss für Arbeit und Soziales

jana.schimke@bundestag.de

Werkzeugmacher/ Reiseverkehrskaufmann/

Tourismusfachwirt,

* 05.12.1970 in Prenzlau

Wahlkreis 057: Uckermark –

Barnim I

Ausschuss für Tourismus

stefan.zierke@ bundestag.de

ANDREAS AUDRETSCH · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

MARIO CZAJA · CDU/CSU

Rechtsanwältin, * 22.04.1981

in Königs Wusterhausen

Wahlkreis 061: Potsdam –

Potsdam-Mittelmark II –

Teltow-Fläming II

Ausschuss für Inneres

und Heimat

linda.teuteberg@bundestag.de

Sozialwissenschaftler,

* 25.06.1984 in Stuttgart

Wahlkreis 082: Berlin-Neukölln

Ausschuss für Arbeit und Soziales,

Haushaltsausschuss,

andreas.audretsch@bundestag.de

Betriebswirt, * 21.09.1975 in Berlin

Wahlkreis 085: Berlin- Marzahn-

Hellersdorf

mario.czaja@bundestag.de

STEFAN GELBHAAR · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Rechtsanwalt,

* 09.07.1976 in Berlin

Wahlkreis 076: Berlin-Pankow

Ausschuss für Digitales,

Verkehrsausschuss

stefan.gelbhaar@bundestag.de

OLAF SCHOLZ · SPD

MAJA WALLSTEIN · SPD

Referentin, * 24.11.1979 in Berlin

Wahlkreis 056: Prignitz –

Ostprignitz-Ruppin – Havelland I

Haushaltsausschuss

wiebke.papenbrock@bundestag.de

CANAN BAYRAM · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

HAKAN DEMIR · SPD

Bundeskanzler

Rechtsanwalt, * 14.06.1958

in Osnabrück

Wahlkreis 061: Potsdam –

Potsdam-Mittelmark II –

Teltow-Fläming II

olaf.scholz@bundestag.de

Wissenschaftsmanagerin,

* 18.03.1986 in Cottbus

Wahlkreis 064: Cottbus –

Spree-Neiße

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung

maja.wallstein@bundestag.de

Rechtsanwältin, * 11.02.1966

in Malatya, Türkei

Wahlkreis 083: Berlin-

Friedrichshain-Kreuzberg –

Prenzlauer Berg Ost

Rechtsausschuss

canan.bayram@bundestag.de

Politikwissenschaftler,

* 16.11.1984 in Corum, Türkei

Wahlkreis 082: Berlin-Neukölln

Ausschuss für Inneres

und Heimat

hakan.demir@bundestag.de

PROF. MONIKA GRÜTTERS · CDU/CSU

Literatur- und Kunsthistorikerin,

* 09.01.1962 in Münster (Westf.)

Wahlkreis 077:

Berlin-Reinicken dorf

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung

monika.gruetters@bundestag.de

Fotos: Deutscher Bundestag (DBT)/Inga Haar (Kotré), DBT/Achim Melde (Grütters), Karoline Wolf (Lehmann, Teuteberg), Juliane Kiefer (Papenbrock),Photothek (Demir, Papendieck, Wallstein, Walter), Britta Konrad (Schimke), SPD/MK (Scholz), René Springer, Maximilian König (Zierke), Grüne im Bundestag,

S. Kaminski (Audretsch, Gelbhaar), Die Grünen (Bayram), Curio/Hagen Schnauss (Curio), Ulrich Brothagen (Czaja), Stella von Saldern (Frömming)

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


DIE OSTDEUTSCHEN BUNDESTAGSABGEORDNETEN

WIRTSCHAFT+MARKT53

DR. GREGOR GYSI · DIE LINKE

THOMAS HEILMANN · CDU/CSU

CANSEL KIZILTEPE · SPD

Fotos: Die LINKE im Bundestag (Gysi, Meyer, Pau), Thomas Hellmann, Photothek (Kiziltepe, Kleebank, Kühnert, Stüwe), mchaelbennett,de (Dr. Klein), Finn Grosse (Klose), Deutscher Bundestag (DBT)/Inga Haar (Kluckert, Loetzsch), DBT/Achim Melde (von Storch), Grüne im Bundestag, S. Kaminski (Künast, Paus, Stahr),

Saskia E.M. Schmidt (Lindemann), Yves Sucksdorff/www.luczak-berlin.de (Luczak), Stella von Saldern (Meyer), Michael Müller, Susanne Hartung (Steinmüller)

HELMUT KLEEBANK · SPD

DANIELA KLUCKERT · FDP

LARS LINDEMANN · FDP

PASCAL MEISER · DIE LINKE

PETRA PAU· DIE LINKE

Rechtsanwalt, * 16.01.48 Berlin

Wahlkreis 084:

Berlin-Treptow-Köpenick

Auswärtiger Ausschuss

gregor.gysi@bundestag.de

Krankenpfleger, Lehrer, * 18.11.64

in Berlin, Wahlkreis 078:

Berlin-Spandau – Charlottenburg-Nord,

Ausschuss für Umwelt,

Naturschutz, nukleare Sicherheit

und Verbraucherschutz, Ausschuss

für Klimaschutz und Energie

helmut.kleebank@bundestag.de

Parlamentarische Staatssekretärin

für Digitales und Verkehr

Diplom-Volkswirtin,

* 22.12.80 in Nürnberg

Wahlkreis 076: Berlin-Pankow

daniela.kluckert@bundestag.de

Rechtsanwalt, * 09.05.71 Herzberg/

Elster, Wahlkreis 081: Berlin-Tempelhof-Schöneberg,

Ausschuss

für Umwelt, Natuschutz, nukleare

Sicherheit und Verbraucherschutz,

Wahlprüfungsausschuss, Verteidigungsausschuss

lars.lindemann@bundestag.de

Diplom-Politikwissenschaftler,

* 07.03.75 in Saarbrücken

Wahlkreis 083: Berlin-

Friedrichshain-Kreuzberg –

Prenzlauer Berg Ost

Wirtschaftsausschuss

pascal.meiser@bundestag.de

Lehrerin, * 09.08.63 in Berlin

Wahlkreis 085: Berlin-Marzahn-Hellersdorf

Ausschuss für

Inneres und Heimat

petra.pau@bundestag.de

HANNA STEINMÜLLER· BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Wissenschaftliche Mitarbeiterin,

* 09.04.93 in Münster

Wahlkreis 075: Berlin-Mitte

Ausschuss für Wohnen,

Stadtentwicklung, Bauwesen und

Kommunen

hanna.steinmueller@bundestag.de

DR. OTTILIE KLEIN · CDU/CSU

KEVIN KÜHNERT · SPD

DR GESINE LÖTZSCH · DIE LINKE

CHRISTOPH MEYER· FDP

Jurist, * 16.07.64 in Dortmund

Wahlkreis 079:

Berlin-Steglitz- Zehlendorf

Ausschuss für Klimaschutz und

Energie, Gemeinsamer Ausschuss

thomas.heilmann@bundestag.de

Abteilungsdirektorin, * 14.02.84 in

Villingen-Schwenningen

Wahlkreis 075: Berlin-Mitte

Ausschuss für die Angelegenheiten

der Europäischen Union,

Ausschuss für Arbeit und Soziales,

Gemeinsamer Ausschuss

ottilie.klein@bundestag.de

Angestellter, * 01.07.89 in Berlin

Wahlkreis 081:

Berlin-Tempelhof-Schöneberg

Auschuss für Wohnen, Stadtentwicklung,

Bauwesen und Kommunen

kevin.kuehnert@bundestag.de

Philologin, * 07.08.61 in Berlin

Wahlkreis 086: Berlin-Lichtenberg

Haushaltsausschuss, Rechnungsprüfungsausschuss

gesine.loetzsch@bundestag.de

Rechtsanwalt,

* 30.08.75 in Berlin

Wahlkreis 080: Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf

Vertrauensgremium

christoph.meyer@bundestag.de

LISA PAUS· BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

RUPPERT STÜWE· SPD

Bundesministerin für Familie,

Frauen, Senioren und Jugend

Diplom-Volkswirtin,

* 19.09.68 in Altenrheine

Wahlkreis 080: Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf

lisa.paus@bundestag.de

Diplom-Volkswirt,

* 21.05.78 in Berlin

Wahlkreis 079: Berlin-

Steglitz-Zehlendorf

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung

ruppert.stuewe@bundestag.de

ANNIKA KLOSE · SPD

Parlamentarische Staatssekretärin

für Wohnen, Stadtentwicklung

und Bauwesen

Diplom-Volkswirtin, * 08.10.75 in

Berlin, Wahlkreis 083:

Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg

– Prenzlauer Berg-Ost

cansel.kiziltepe@bundestag.de

Sozialwissenschaftlerin,

* 24.06.92 in Dortmund

Wahlkreis 075: Berlin-Mitte

Petitionsausschuss, Ausschuss für

Arbeit und Soziales

annika.klose@bundestag.de

RENATE KÜNAST · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

DR. JAN-MARCO LUCZAK · CDU/CSU

MICHAEL MÜLLER· SPD

Rechtsanwältin,

* 15.12.55 in Recklinghausen

Wahlkreis 081:

Berlin-Tempelhof-Schöneberg

Ausschuss für Ernährung und

Landwirtschaft, Wahlausschuss,

Rechtsausschuss

renate.kuenast@bundestag.de

Rechtsanwalt, * 02.10.75 in Berlin

Wahlkreis 081: Berlin-Tempelhof-Schöneberg

Ausschuss für Wohnen,

Stadtentwicklung, Bauwesen und

Kommunen

jan-marco.luczak@bundestag.de

Drucker , * 09.12.64 in Berlin

Wahlkreis 080: Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf

Auswärtiger Ausschuss

michael.mueller@bundestag.de

NINA STAHR· BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

BEATRIX VON STORCH· AFD

Lehrerin,

* 27.10.82 in Frankfurt am Main

Wahlkreis 079: Berlin-

Steglitz-Zehlendorf

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung,

Familienausschuss

nina.stahr@bundestag.de

Rechtsanwältin,

* 27.05.71 in Lübeck

Wahlkreis 075: Berlin-Mitte

Ausschuss für Digitales

beatrix.vonstorch@bundestag.de

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


54

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

INGO BODTKE · FDP

HEIKE BREHMER · CDU/CSU

KATRIN BUDDE· SPD

ROBERT FARLE· AFD

MARTIN KRÖBER · SPD

MARTIN REICHARDT · AFD

TINO SORGE · CDU/CSU

SACHSEN-ANHALT

Diplom-Ingenieurin für Arbeitsgestaltung,

* 13.04.65 in Magdeburg

Wahlkreis 074: Mansfeld

Ausschuss für Kultur und Medien

katrin.budde@bundestag.de

Rechtsanwalt, Steuerberater,

* 16.02.50 in Bitz

Wahlkreis 074: Mansfeld

Petitionsausschuss

robert.farle@bundestag.de

Geschäftsstellenleiter,

* 12.02.92 Halberstadt

Wahlkreis 069: Magdeburg

Petitionsausschuss,

Verkehrs ausschuss

martin.kroeber@bundestag.de

Offizier, * 30.07.69 in Goslar

Wahlkreis 073: Burgenland –

Saalekreis

Familienausschuss

martin.reichardt@bundestag.de

Rechtsanwalt,

* 04.03.75 in Ilmenau

Wahlkreis 069: Magdeburg

Gesundheitsausschuss

tino.sorge@bundestag.de

DR. HERBERT WOLLMANN · SPD

Arzt, * 14.01.51 in Berlin-Karlshorst

Wahlkreis 066: Altmark

Sportausschuss,

Gesundheitsausschuss

herbert.wollmann@

bundestag.de

DR. KARAMBA DIABY · SPD

DR. FRANZISKA KERSTEN · SPD

Diplom-Chemiker, * 27.11.61 in

Marsassoum/Senegal

Wahlkreis 072: Halle

Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung,

Auswärtiger Ausschuss

karamba.diaby@bundestag.de

STEFFI LEMKE · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

JAN WENZEL SCHMIDT · AFD

DIETER STIER · CDU/CSU

KAY-UWE ZIEGLER · AFD

Ingenieur Fleischwirtschaft,

* 06.06.65 in Eisleben

Wahlkreis 074: Mansfeld

Ausschuss für Ernährung und

Landwirtschaft,

Petitionsausschuss

ingo.bodtke@bundestag.de

Tierärztin, * 19.12.68 in Wittenberg

Wahlkreis 067: Börde –

Jerichower Land

Ausschuss für Umwelt, Naturschutz,

nukleare Sicherheit und

Verbraucherschutz, Ausschuss für

Ernährung und Landwirtschaft

franziska.kersten@bundestag.de

Bundesministerin für Umwelt,

Naturschutz, nukleare Sicherheit

und Verbraucherschutz

Diplom-Agraringenieurin,

* 19.01.68 in Dessau

Wahlkreis 070: Dessau-Wittenberg

steffi.lemke@bundestag.de

Handelsfachwirt,

* 08.10.91 in Magdeburg

Wahlkreis 067: Börde –

Jerichower Land

Finanzausschuss

jan-wenzel.schmidt@bundestag.de

Diplom-Agraringenieur

* 29.06.64 in Weißenfels

Wahlkreis 073: Burgenland –

Saalekreis

Sportausschuss, Ausschuss für

Ernährung und Landwirtschaft

dieter.stier@bundestag.de

Kaufmann, Geschäftsführer,

* 27.10.63 in Eisleben

Wahlkreis 071: Anhalt

Gesundheitsausschuss

kay-uwe.ziegler@bundestag.de

DR. MARCUS FABER · FDP

JAN KORTE· DIE LINKE

SEPP MÜLLER · CDU/CSU

DR. PETRA SITTE · DIE LINKE

Diplom-Betriebswirtin,

* 05.11.62 in Staßfurt

Wahlkreis 068: Harz

Ausschuss für Tourismus

heike.brehmer@bundestag.de

Politologe, * 04.02.84 in Stendal

Wahlkreis 066: Altmark

Verteidigungsausschuss

marcus.faber@bundestag.de

Politikwissenschaftler,

* 05.04.77 in Osnabrück

Wahlkreis 071: Anhalt

Ausschuss für Kultur und Medien,

Ausschuss für Wahlprüfung,

Immunität und Geschäftsordnung,

Ältestenrat

jan.korte@bundestag.de

Diplomierter Bankbetriebswirt,

* 22.01.89 in Wittenberg

Wahlkreis 070: Dessau-Wittenberg

sepp.mueller@bundestag.de

Diplom-Ökonomin,

* 01.12.60 in Dresden

Wahlkreis 072: Halle

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung,

Ausschuss für Digitales

petra.sitte@bundestag.de

Fotos: Ingo Bodtke, Deutscher Bundestag (DBT)/Inga Haar (Stier), DTB/Thomas Koehler (Brehmer, Budde), DTB/Achim Melde (Korte, Reichardt), Photothek (Diaby, Kersten, Kröber, Dr. Wollmann). FDP-Bundestagsfraktion (Faber), Robert Farle,Bundesregierung/Steffen Kugler (Lemke), Tobias Koch (Müller), Jan Wenzel Schmidt,

Nancy Glor (Sitte), Tino Sorge, Marielle Styra (Ziegler)

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


DIE OSTDEUTSCHEN BUNDESTAGSABGEORDNETEN

WIRTSCHAFT+MARKT55

DR. HOLGER BECKER · SPD

STEPHAN BRANDNER · AFD

THÜRINGEN

Physiker, * 15.07.64 in Kusel

Wahlkreis 191: Jena – Sömmerda

– Weimarer Land I

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung,

Ausschuss für Digitales

holger.becker@bundestag.de

Rechtsanwalt,

* 29.05.66 in Herten

Wahlkreis 191: Gera – Greiz –

Altenburger Land

Ältestenrat, Rechtsauschuss,

Ausschuss für Wahlprüfung,

Immunität und Geschäftsordnung

stephan.brandner@bundestag.de

Fotos: Photothek (Becker, Kaiser, Rudolph, Schneider, Frank Ullrich), AfD-Bundestagsfraktion (Brandner, Stöber), Deutscher Bundestag (DBT)/Julia Nowak (Bühl, Pohl), DBT/Inga Haar (Lenkert), Dominik Butzmann (Goering-Eckardt), Manfred Grund, FDP-Bundestagsfraktion (Hanke),

Die LINKE im Bundestag (Henning-Wellsow, Renner), Tobias Koch (Hirte), Dr. Michael Kaufmann, Michael Reichel (Tillmann), Ulrike Höfer (Gerald Ullrich)

MARCUS BÜHL · AFD

REGINALD HANKE · FDP

ELISABETH KAISER · SPD

JÜRGEN POHL · AFD

CARSTEN SCHNEIDER · SPD

FRANK ULLRICH · SPD

Diplom-Informatiker,

* 29.04.77 in Ilmenau

Wahlkreis 192: Gotha –

Ilm-Kreis I

Haushaltsausschuss

marcus.buehl@bundestag.de

Malermeister,

* 25.08.56 in Schwerin

Wahlkreis 195: Saalfeld-Rudolstadt

– Saale-Holzland-Kreis –

Saale-Orla-Kreis

Petitionsausschuss,

Ausschuss für Tourismus

reginald.hanke@bundestag.de

Politik- und Verwaltungswissenschaftlerin,

* 04.03.87 in Gera

Wahlkreis 194: Gera – Greiz –

Altenburger Land

Ausschuss für Inneres und Heimat

elisabeth.kaiser@bundestag.de

Rechtsanwalt,

* 07.01.64 in Magdeburg

Wahlkreis 189: Eichsfeld –

Nordhausen – Kyffhäuserkreis

Ausschuss für Arbeit und Soziales

juergen.pohl@bundestag.de

Staatsminister und Beauftragter

der Bundesregierung für

Ostdeutschland

Bankkaufmann

* 23.01.76 in Erfurt

Wahlkreis 193: Erfurt – Weimar –

Weimarer Land II

carsten.schneider@bundestag.de

Diplom-Sportlehrer,

* 24.01.58 in Trusetal

Wahlkreis 196: Suhl – Schmalkalden-Meiningen

– Hildburghausen

– Sonneberg

Sportausschuss

frank.ullrich@bundestag.de

KATRIN GÖRING-ECKARDT · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

KLAUS STÖBER · AFD

GERALD ULLRICH · FDP

* 03.05.66 in Friedrichroda

Wahlkreis 193: Erfurt – Weimar –

Weimarer Land II

Ausschuss für Inneres und Heimat

katrin.goering-eckardt@

bundestag.de

SUSANNE HENNIG-WELLSOW · DIE LINKE

Diplom-Pädagogin,

* 13.10.77 in Demmin,

Wahlkreis 193: Erfurt – Weimar –

Weimarer Land II

Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung,

Bauwesen und Kommunen

susanne.hennig-wellsow@

bundestag.de

PROF. DR.-ING. MICHAEL KAUFMANN · AFD

MARTINA RENNER · DIE LINKE

Ingenieur, * 21.04.64 in Gera

Wahlkreis 195: Saalfeld-Rudolstadt

– Saale-Holzland-Kreis –

Saale-Orla-Kreis

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung

michael.kaufmann@bundestag.de

* 11.03.67 in Mainz

Wahlkreis 190: Eisenach – Wartburgkreis

– Unstrut-Hainich-Kreis

Ausschuss für

Inneres und Heimat

martina.renner@bundestag.de

Steuerberater,

* 11.09.1961 in Eisenach

Wahlkreis 190: Eisenach –

Wartburgkreis –

Unstrut-Hainich-Kreis

Sportausschuss, Finanzausschuss

klaus.stoeber@bundestag.de

Ingenieur,

* 23.12.62 in Schmalkalden

Wahlkreis 196: Suhl –

Schmalkalden-Meiningen –

Hildburghausen – Sonneberg

Wirtschaftsausschuss

gerald.ullrich@bundestag.de

MANFRED GRUND · CDU/CSU

CHRISTIAN HIRTE· CDU/CSU

RALPH LENKERT · DIE LINKE

TINA RUDOLPH · SPD

ANTJE TILLMANN · CDU/CSU

Diplom-Elektroingenieur,

* 03.07.55 in Zeitz

Wahlkreis 189: Eichsfeld – Nordhausen

– Kyffhäuserkreis

Auswärtiger Ausschuss

manfred.grund@bundestag.de

Rechtsanwalt,

* 23.05.76 in Bad Salzungen

Wahlkreis 190: Eisenach – Wartburgkreis

– Unstrut-Hainich-Kreis

Ausschuss für Umwelt, Naturschutz,

nukleare Sicherheit und

Verbraucherschutz

christian.hirte@bundestag.de

Machinenbautechniker, *09.05.67

in Apolda, Wahlkreis 191: Jena –

Sömmerda – Weimarer Land I,

Ausschuss für Umwelt, Naturschutz,

nukleare Sicherheit und

Verbraucherschutz, Ausschuss für

Klimaschutz und Energie

ralph.lenkert@bundestag.de

Ärztin, * 21.05.91 in Wolgast

Wahlkreis 190: Eisenach –

Wartburgkreis –

Unstrut-Hainich-Kreis

Gesundheitsausschuss

tina.rudolph@bundestag.de

Diplom-Finanzwirtin,

* 28.08.64 in Düsseldorf

Wahlkreis 193: Erfurt – Weimar –

Weimarer Land II

Finanzausschuss

antje.tillmann@bundestag.de

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


56

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

CAROLIN BACHMANN · AFD

RENÉ BOCHMANN · AFD

CLARA BÜNGER · DIE LINKE

ULRIKE HARZER · FDP

KARSTEN HILSE · AFD

CARSTEN KÖRBER · CDU/CSU

BARBARA LENK · AFD

SACHSEN

Volljuristin,

* 04.07.1986 in Oldenburg

Wahlkreis 164: Erzgebirgskreis I

Rechtsausschuss

clara.buenger@bundestag.de

Geschäftsführerin, * 13.06.1968

Chemnitz, Wahlkreis 164:

Erzgebirgskreis I, Ausschuss für

Ernährung und Landwirtschaft,

Ausschuss für Umwelt, Naturschutz,

nukleare Sicherheit und

Verbraucherschutz

ulrike.harzer@bundestag.de

Polizeibeamter,

* 12.12.1964 in Hoyerswerda

Wahlkreis 156: Bautzen I

Ausschuss für Klimaschutz und

Energie

karsten.hilse@bundestag.de

Unternehmensberater,

* 11.06.1979 in Zwickau

Wahlkreis 165: Zwickau

Rechnungsprüfungsausschuss,

Haushaltsausschuss

carsten.koerber@bundestag.de

Bibliothekarin,

* 04.10.1982 in Dresden

Wahlkreis 155: Meißen

Ausschuss für Digitales

barbara.lenk@bundestag.de

TINO CHRUPALLA · AFD

TORSTEN HERBST · FDP

STEFFEN JANICH · AFD

CAREN LAY · DIE LINKE

YVONNE MAGWAS · CDU/CSU

Investmentfondskauffrau,

* 03.09.1988 in Freiberg

Wahlkreis 161: Mittelsachsen

Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung,

Bauwesen und

Kommunen

carolin.bachmann@bundestag.de

Malermeister,

* 14.04.1975 in Weißwasser

Wahlkreis 157: Görlitz

tino.chrupalla@bundestag.de

Diplom-Kaufmann,

* 23.08.1973 in Dresden

Wahlkreis 159: Dresden I

Haushaltsausschuss, Ältestenrat,

Gemeinsamer Ausschuss

torsten.herbst@bundestag.de

Polizeibeamter,

* 22.01.1971 in Pirna

Wahlkreis 158: Sächsische

Schweiz-Osterzgebirge

Ausschuss für Inneres und Heimat

steffen.janich@bundestag.de

Dipolm-Soziologin,

* 11.12.1972 in Neuwied

Wahlkreis 156: Bautzen I

Ausschuss für Wohnen,

Stadtentwicklung, Bauwesen und

Kommunen

caren.lay@bundestag.de

Diplom-Soziologin, * 28.11.1979 in

Rodewisch/Vogtland

Wahlkreis 166: Vogtlandkreis

Der Ältestenrat

yvonne.magwas@bundestag.de

THOMAS DIETZ · AFD

FABIAN FUNKE · SPD DR. ANDRÉ HAHN · DIE LINKE PHILIPP HARTEWIG · FDP

Internationale Beziehungen (B.A:),

* 25.07.1997 in Dresden, Wahlkreis

158: Sächsische Schweiz-Osterzgebirge,

Ausschuss für die Angelegenheiten

der Europäischen Union,

Ausschuss für Menschenrechte

und humanitäre Hilfe

fabian.funke@bundestag.de

* 20.04.1963 in Berlin

Wahlkreis 158: Sächsische

Schweiz-Osterzgebirge

Parlamentarisches Kontrollgremium,

Sportausschuss

andre.hahn@bundestag.de

Bürokaufmann,

* 04.02.1969 in Markranstädt

Wahlkreis 151: Nordsachsen

Verkehrsausschuss

rene.bochmann@bundestag.de

Buchdrucker,

*12.03.1967 in Chemnitz

Wahlkreis 164: Erzgebirgskreis I

Gesundheitsausschuss

thomas.dietz@bundestag.de

BERNHARD HERRMANN · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

CARLOS KASPER · SPD

JENS LEHMANN · CDU/CSU

HOLGER MANN · SPD

Jurist, * 05.10.1994 in Chemnitz

Wahlkreis 161: Mittelsachsen

Sportausschuss,

Rechtsausschuss

philipp.hartewig@bundestag.de

Diplom-Wasserbauingenieur,

* 13.01.1966 in Luckenwalde

Wahlkreis 163: Chemnitzer

Umland – Erzgebirgskreis II

Ausschuss für Klimaschutz und

Energie

bernhard.herrmann@bundestag.de

Zollbeamter, *03.09.1994 in

Lichtenstein/Sachsen

Wahlkreis 163: Chemnitzer

Umland – Erzgebirgskreis II

Finanzausschuss

carlos.kasper@bundestag.de

Erzieher,

* 19.12.67 in Stolberg (Harz)

Wahlkreis 152: Leipzig I

Sportausschuss,

Verteidigungsausschuss

jens.lehmann@bundestag.de

Geschäftsführer/Politikwissenschaftler,

* 19.02.1979 in Dresden

Wahlkreis 152: Leipzig I

Ausschuss für Bildung, Forschung

und Technikfolgenabschätzung

holger.mann@bundestag.de

Fotos: Deutscher Bundestag (DBT)/Inga Haar (Bachmann), DBT/Stella von Saldern (Hahn), DBT/Julia Nowak (Herbst, Lehmann), DBT/Xander Heinl/photothek (Lenk), DBT/Thomas Trutschel/photothek (Magwas), Ben Gross (Bünger), AfD-Bundestagsfraktion (Bochmann, Chrupalla, Dietz, Janich), James Zabel (Hartewig),

Ines Escherich (Harzer), Grüne im Bundestag, S. Kaminski (Herrmann), Stefan Kraft (Kasper), Tobias Koch (Körber), Die LINKE (Lay), Hammermännchen (Mann), Photothek (Funke), DTB/Achim Melde (Hilse)

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


DIE OSTDEUTSCHEN BUNDESTAGSABGEORDNETEN

WIRTSCHAFT+MARKT57

FRANZISKA MASCHECK · SPD

KATHRIN MICHEL · SPD

MIKE MONCSEK· AFD

Fotos: Photothek (Mascheck, Michel, Müller, Sthamer), Frank Müller-Rosentritt, Julian Hoffmann (Nasr), Edgar Naujok, Die LINKE im Bundestag (Pellmann), Grüne im Bundestag, S. Kaminski (Dr. Piechotta), BLEND3/Frank Grätz (Reichel, Rohwer), Janine Schmitz/photothek (Schenderlein), Merle Spellerberg,

Juliane Mosterz (Taher Saleh, Peter Adamik (Tippelt), Marco Wanderwitz, AfD-Bundestagsfraktion (Moncsek, Moosdorf)

MATTHIAS MOOSDORF · AFD

RASHA NASR · SPD

Sozialarbeiterin,

* 04.02.1979 in Dresden

Wahlkreis 154: Leipzig-Land

Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung,

Bauwesen und

Kommunen

franziska.mascheck@bundestag.de

Musiker, * 20.04.1965 in Leipzig

Wahlkreis 165: Zwickau

Auswärtiger Ausschuss

matthias.moosdorf@bundestag.de

Politikwissenschaftlerin,

* 12.05.1992 in Dresden

Wahlkreis 159: Dresden I

Ausschuss für Arbeit und Soziales

rasha.nasr@bundestag.de

DR. PAULA PIECHOTTA · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ärztin, * 19.09.1986 in Gera

Wahlkreis 153: Leipzig II

Rechnungsprüfungsausschuss,

Haushaltsausschuss

paula.piechotta@bundestag.de

DR. CHRISTIANE SCHENDERLEIN · CDU/CSU

Politikwissenschaftlerin,

* 17.10.1981 in Weißenfels

Wahlkreis 151: Nordsachsen

Ausschuss für Kultur und Medien

christiane.schenderlein@bundestag.de

KASSEM TAHER SALEH · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Diplom-Bauingenieur,

* 01.06.1993 in Zakho/Irak

Wahlkreis 159: Dresden I

Ausschuss für Wohnen,

Stadtentwicklung, Bauwesen und

Kommunen

kassem.tahersaleh@bundestag.de

DETLEF MÜLLER · SPD

EDGAR NAUJOK · AFD

DR. MARKUS REICHEL · CDU/CSU

Industriekauffrau,

* 17.04.1963 in Forst

Wahlkreis 156: Bautzen I

Haushaltsausschuss

kathrin.michel@bundestag.de

Lokomotivführer,

*20.08.1964 in Chemnitz

Wahlkreis 162: Chemnitz

Gemeinsamer Ausschuss

detlef.mueller@bundestag.de

Unternehmer,

* 25.05.1960 in Oggersheim

Wahlkreis 154: Leipzig-Land

Ausschuss für wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Entwicklung

edgar.naujok@bundestag.de

Diplom-Mathematiker,

* 15.07.1968 in München

Wahlkreis 159: Dresden I

Ausschuss für Arbeit und Soziales,

Ausschuss für Digitales

markus.reichel@bundestag.de

MERLE SPELLERBERG · BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

NICO TIPPELT · FDP

Studentin, * 13.11.1996 in Höxter

Wahlkreis 160: Dresden II -

Bautzen Ii

Auswärtiger Ausschuss,

Verteidigungsausschuss

merle.spellerberg@bundestag.de

Diplom-Musikpädagoge,

* 25.04.1967 in Zwickau

Wahlkreis 165: Zwickau

Ausschuss für Tourismus,

Familienausschuss

nico.tippelt@bundestag.de

NADJA STHAMER · SPD

KfZ-Mechaniker,

* 08.08.1964 in Freiberg

Wahlkreis 163:

Chemnitzer Umland –

Erzgebirgskreis II

Ausschuss für Tourismus

mike.moncsek.mdb@bundestag.de

FRANK MÜLLER-ROSENTRITT · FDP

SÖREN PELLMANN · DIE LINKE

LARS ROHWER · CDU/CSU

Diplom-Betriebswirt,

* 13.06.1982 in Chemnitz

Wahlkreis 162: Chemnitz

Auswärtiger Ausschuss

frank.mueller-rosentritt

@bundestag.de

MARCO WANDERWITZ · CDU/CSU

Lehrer, * 11.02.1977 in Leipzig

Wahlkreis 153: Leipzig II

Petitionsausschuss

soeren.pellmann@bundestag.de​

Bankkaufmann, * 01.02.1972 in

Dresden, Wahlkreis 160:

Dresden II – Bautzen II, Ausschuss

für Wohnen, Stadtentwicklung,

Bauwesen und Kommunen, Ausschuss

für Bildung, Forschung und

Technikfolgenabschätzung

lars.rohwer@bundestag.de

Wissenschaftliche Mitarbeiterin,

* 13.03.90 in Reichenbach

Wahlkreis 153: Leipzig II

Ausschuss für wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Entwicklung,

Ausschuss für Menschenrechte und

humanitäre Hilfe

nadja.sthamer@bundestag.de

Rechtsanwalt,

* 10.10.1975 in Chemnitz

Wahlkreis 163: Chemnitzer

Umland – Erzgebirgskreis II

Ausschuss für Kultur und Medien

marco.wanderwitz@bundestag.de

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


58

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

IM EINSATZ FÜR DIE REGION

Welche Ziele verfolgen die ostdeutschen Abgeordneten im Deutschen Bundestag konkret für

ihren Wahlkreis? W+M hat bei ausgewählten Abgeordneten nachgefragt, welche Projekte sie

in der kommenden Legislaturperiode umsetzen wollen.

DIETMAR BARTSCH (DIE LINKE)

Wahlkreis: Rostock – Landkreis Rostock II

Durch die Insolvenzen der Werften besteht die

Chance für einen Neustart der maritimen Industrie

innerhalb der nächsten zwölf Monate. Die Bezahlung

der Werftmitarbeiter durch die Transfergesellschaften

muss unterstützt werden, damit

die Mitarbeiter in Rostock bleiben können. Auf

dem Gelände der Werften sollen ab Ende 2023

Offshore-Plattformen gebaut werden, wodurch

die Mitarbeiter wiedereingestellt werden können.

Es müssen schnell neue Perspektiven geschaffen

werden, um eine Beschäftigungslücke möglichst

kurz zu halten. Gleichzeitig brauchen wir mehr

Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien,

um Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Eines der wichtigsten Anliegen ist eine bessere

Bezahlung der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen.

Mecklenburg-Vorpommern ist nach wie vor

Niedriglohnland. Zukunftssichere Arbeitsplätze,

bessere Bezahlung, verbesserte Arbeitsbedingungen

und Erhöhung der Attraktion des

Tourismuslandes M-V sind Schwerpunkte, für

die ich mich weiter einsetzen werde.

FRIEDHELM BOGINSKI (FDP)

Wahlkreis: Uckermark-Barnim I

MARIO CZAJA (CDU)

Wahlkreis Berlin-Marzahn-Hellersdorf

Nach wie vor spielt die Bestandspflege der bereits im

Wahlkreis ansässigen kleinen und mittleren Unternehmen,

welche den Kern unserer regionalen Wirtschaft

darstellen, für mich eine zentrale Rolle. Daneben

wird es aber auch darum gehen, dass sich neue

Unternehmen ansiedeln. Dafür gilt es, entsprechende

Rahmenbedingungen zu schaffen. Unter anderem

gehört dazu eine noch bessere Bahnverbindung nach

Berlin. Daher werde ich mich dafür einsetzen, dass

in Zukunft der Halbstundentakt gefahren

und der Ausbau des Schienennetzes

vorangebracht wird. Jahrelang war

der Wahlkreis durch den Wegzug der

jüngeren Generationen geprägt. In

den letzten Jahren verschlägt es

jedoch wieder mehr junge Familien

in unsere Region. Ich möchte

für diese jungen Menschen

Perspektiven schaffen

und den Wahlkreis 57

zu einer Region

der Zukunft

machen.

Die Tangentiale Verbindung Ost ist ein wichtiger Lückenschluss von zirka

6,5 Kilometern. Sie wird nach ihrer Fertigstellung dazu beitragen, die überlasteten

Anwohnerstraßen vom Schleichverkehr zu befreien, die Schulwege

sicherer zu machen und den Gewerbeverkehr zwischen den Industriegebieten

im Marzahner Norden und Adlershof besser zu verknüpfen. Jetzt gilt es,

ohne Verzögerungen die letzte Lücke auf den noch fehlenden 6,5 Kilometern

zu schließen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass es hier vorangeht

und die bereitstehenden Mittel für das Projekt nicht wegen chronischer

Tatenlosigkeit des Berliner Senats verfallen.

Unser Bezirk beherbergt die einzige Seilbahn in Berlin. Sie wurde für die

Internationale Gartenausstellung errichtet. Ich möchte, dass sie uns erhalten

bleibt und jeder Bürger sie künftig mit dem normalen

BVG-Fahrschein nutzen kann. Mit vereinten Kräften

kann es uns gelingen, die Strecke der Seilbahn noch

zu verlängern – bis zum S-Bahnhof Marzahn.

Dann hätten wir einen perfekten Brückenschlag

von der S-Bahn bis zur U-Bahn-Strecke.

Ich will zudem die Mittel für ein neues Freibad

nach Marzahn-Hellersdorf holen. Berlin hat

60 Freibäder, aber keines davon ist in Marzahn-Hellersdorf.

Mein Ziel ist es, diese für das

Lebensgefühl der Menschen so wichtige

Aufgabe in den kommenden

vier Jahren zu lösen.

Fotos: Deutscher Bundstag/Inga Haar (oben, unten links), Ulrich Brothagen (unten rechts)

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


STATEMENTS

WIRTSCHAFT+MARKT59

ULRIKE HARZER (FDP)

Wahlkreis Erzgebirgskreis I

DR. GREGOR GYSI (DIE LINKE)

Wahlkreis Berlin-Treptow-Köpenick

Treptow-Köpenick ist ein Zuzugsbezirk,

einer der Bezirke mit den meisten Wohnungsneubauten

in den letzten Jahren. Das

stellt höhere Erwartungen an den ÖPNV.

Taktverdichtungen und neue Linien sind

notwendig. Und wir brauchen Wohnungen,

die bezahlbar sind. Andererseits ergeben

sich aus den Nachverdichtungsplänen,

die wohnortnahes Grün vernichten, auch

zunehmend Probleme. Das Thema Mietendeckel

muss auf Bundesebene so schnell

wie möglich angegangen werden. Und es

werden mehr Atelierräume benötigt, vor

allem bezahlbare.

Ich werde mich insbesondere für die Exzellenzinitiative Berufliche Bildung

einsetzen. Dadurch werden kleine und mittelständische Unternehmen bei

der Gewinnung und Ausbildung von zukünftigen Fach- und Führungskräften

unterstützt. Der Fachkräftebedarf ist enorm und kann nicht allein durch das

europäische Ausland gedeckt werden. Die Anerkennung

von nichtdeutschen Berufs- und Studienabschlüssen

sollte unbürokratischer gestaltet sein und die

Möglichkeit, junge Menschen aus dem Ausland hier

auszubilden, vereinfacht werden. Der ÖPNV und

der Ausbau der digitalen Infrastruktur sind weitere

wichtige Themen für

mich in unserer Region.

Foto: Fotos: XXX Die Linke (oben links und rechts), Ines Escherich (oben Mitte),

Tobias Koch (unten links)

CHRISTIAN HIRTE (CDU)

Eisenach – Wartburgkreis – Unstrut-Hainich-Kreis

Wesentlich sind für viele Unternehmen in meinem

ländlich geprägten Wahlkreis Standortnachteile, die

sich durch lange Wege zu den Autobahnen ergeben.

Obwohl viel in die Straßeninfrastruktur

investiert wurde, lassen sich vorhandene

Nachteile nur mit erheblichen Investitionen

ausgleichen. Aus diesem Grund

habe ich gegen erheblichen Widerstand

den Ausbau der B 247 durchgesetzt, um

den Unstrut-Hainich-Kreis besser an die

BAB 4 und 38 anzubinden. Der Ausbau der

B 62 wird die Wartburgregion in Ost-West-

Richtung besser erschließen. Der Ausbau der B 19 mit Umfahrung der

Ortslage Eisenach wäre ein wichtiger Schritt, den Raum Meiningen,

Bad Salzungen, Schmalkalden an die BAB 4 anzuschließen, um so den

Standortnachteil durch bessere Distributionsmöglichkeiten in einen

Vorteil zu verwandeln.

Neben den Verwerfungen durch Corona ist sicher am akutesten der

Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Durch die sprunghaft

gestiegenen Energiepreise erwarten 62 Prozent der Unternehmen

große bis sehr große Belastungen, in der Industrie sind es sogar

70 Prozent. Hier muss unverzüglich Entlastung geschaffen werden.

SUSANNE HENNING-WELLSOW (DIE LINKE)

Wahlkreis Erfurt – Weimar – Weimarer Land II

Die infrastrukturelle Anbindung meines Wahlkreises

zwischen ländlichen Regionen und den Städten ist sehr

wichtig. Insbesondere die hohen Zahlen von Pendler*innen

nach Erfurt erfordern einen reibungslosen und bezahlbaren

ÖPNV. Wir setzen uns bundesweit für den Ausbau ein,

unser längerfristiges Ziel ist ein kostenloser ÖPNV.

Erfurt und Weimar verfügen über einen vitalen Tourismussektor.

Diesen gilt es, weiter mit anderen Regionen

Thüringens zu verzahnen, ohne die eigenständigen Profile

zu verlieren. In besonderem Maße müssen wir uns mit

der Fachkräftegewinnung für die Branche auseinandersetzen.

Hier braucht es soziale und gerechte Regeln für

notwendige Zuwanderung und deutliche Verbesserung

der Arbeitsbedingungen in Zusammenarbeit mit den

Gewerkschaften.

Innenstädte sollen Orte der Vielfalt sein, das Besondere

und Charakteristische wollen wir erhalten und Strukturen

fördern, die eine vitale und lebenswerte Umgebung schaffen.

Wir treten für eine Mietpreisbremse bei gewerblichen

Mieten ein, auch um dem Leerstand in den Innenstädten

zu begegnen. Es sollen nicht nur große Ketten, sondern

auch kleine Buchläden und die Vermarktung von regionalen

Produkten Platz in den Innenstädten haben.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


60

WIRTSCHAFT+MARKT

POLITIK

CARLOS KASPER (SPD)

Wahlkreis Chemnitzer Umland – Erzgebirgskreis II

Ich möchte mich für den zweigleisigen und elektrifizierten Ausbau

der Bahnstrecke Chemnitz-Leipzig sowie für die Mitte-Deutschland-Verbindung

einsetzen. Letztere schafft einen zusätzlichen

Brückenschlag von Nordrhein-Westfalen oder Frankfurt am Main

nach Dresden über Chemnitz. Die schnelle und verlässliche Erreichbarkeit

des Wirtschaftsstandortes Südwestsachsen wird für die

Zukunft entscheidend sein. Insbesondere, wenn die Verlagerung des

Güterverkehrs auf die Schiene langfristig realisiert werden soll.

Bezüglich des Lohnniveaus freue ich mich, dass wir uns innerhalb

der Koalition auf einen Mindestlohn von zwölf Euro

verständigen konnten. Mit der einmaligen Anhebung

stellen wir vor allem Ostdeutsche und insbesondere

Frauen besser. Das „Billiglohnland Sachsen“ muss

der Geschichte angehören.

Neben den angesprochenen Feldern gilt es nach

der Corona-Pandemie auch die Tourismus- und

Kulturbranche wieder mehr in den Blick zu nehmen.

Gerade im Chemnitzer Umland haben wir eine

lebendige Kulturszene und eine Reihe von

attraktiven Tourismusgebieten vom

Muldental bis ins Erzgebirge.

MICHAEL MÜLLER (SPD)

Wahlkreis Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf

In meinem Wahlkreis liegen mir besonders die kleinen Gewerbetreibenden,

der Einzelhandel und die Handwerkerinnen und Handwerker am Herzen. Mir

ist es wichtig, eine Durchmischung, in der auch kleine Läden

und Geschäfte eine Chance haben, beizubehalten.

Gleichzeitig habe ich natürlich nach den schweren

Einschränkungen durch die Corona-Pandemie auch

das Messegeschäft und den Tourismus im Blick, der

eine große Bedeutung für die lokale Wirtschaft in

Charlotten burg-Wilmersdorf besitzt. Infra strukturelle

Projekte in meinem Wahlkreis beziehen sich

neben den notwendigen Sanierungen, beispielsweise

von Brücken, besonders auf die Verkehrswende und

Maßnahmen hin zu einer umweltfreundlicheren

Innenstadt.

fehlt

MICHAEL KELLNER (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wahlkreis Uckermark-Barnim I

Kommunen sollen künftig mehr von den Windkraftanlagen

vor Ort profitieren, auch wenn

es Bestandsanlagen sind. Dafür wollen wir

gesetzlich festschreiben, dass 0,2 Cent pro

Kilowattstunde vom Betreiber der Windkraftanlage

an die jeweilige Gemeinde gezahlt werden

müssen. Dieses Geld können die Kommunen in

Infrastruktur investieren.

In meinem Wahlkreis haben sich beide Landkreise

dazu bekannt, sich zur Wasserstoffregion

entwickeln zu wollen. Grüner Wasserstoff

kann in der Region aus Wind- und Solarstrom

erzeugt und flüssig gespeichert werden. Hierin

sehe ich Potenzial für neue Geschäftsfelder,

neue Ansiedlungen und zukunftsfeste Beschäftigung.

Außerdem setze ich mich dafür ein,

dass die Fernwärmenetze in den Fokus der

Aufmerksamkeit geraten. In Prenzlau etwa

werden über Fernwärme Haushalte in der

Innenstadt beheizt. Das passiert derzeit zu

30 bis 45 Prozent aus erneuerbaren Energien

und sollte zukünftig mehr werden.

Was die infrastrukturelle Entwicklung in meinem

Wahlkreis betrifft, so setze ich auf einen

Ausbau der Schiene. Was ich keinesfalls unterstütze,

ist, dass die Oder zu einer Wasserautobahn

ausgebaut wird, wie von polnischer Seite

geplant. Das würde den einzigen Auen-Nationalpark

Deutschlands, den Nationalpark

„Unteres Odertal“, stark gefährden.

Fotos: Stefan Kraft (oben links), Grüne im Bundestag, S. Kaminski (oben rechts), Michael Müller (unten)

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


STATEMENTS

WIRTSCHAFT+MARKT61

CLAUDIA MÜLLER (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wahlkreis Vorpommern-Rügen – Vorpommern-Greifswald I

Mir liegt die maritime Wirtschaft besonders am Herzen. Ganz wichtig ist das

Know-how der Fachkräfte für innovativen und wettbewerbsfähigen Schiffbau

zu erhalten, den Spezialschiffbau zu stärken und in Zukunftstechnologien zu

investieren. Ich möchte mitwirken daran, die Werftenstandorte in ganz Mecklenburg-Vorpommern,

insbesondere auch in Stralsund, erhalten zu können.

So können die hochqualifizierten Fachkräfte hier bleiben. Wir müssen deshalb

darauf achten, dass neben einer guten Gesundheits- und Nahversorgung auch

Bildungs- und Kulturangebote vor Ort attraktiv bleiben bzw. den Neustart nach

der Pandemie gut bewältigen können.

Gleichzeitig haben sich in der Region viele innovative kleine Firmen und

Startups niedergelassen. Diese gilt es zu unterstützen und die Entwicklung

der Kleinstädte als Versorgungszentren für den ländlichen Raum auszubauen.

Tourismus ist ein relevanter Wirtschaftsfaktor. Ich möchte dazu beitragen,

dass auch naturnahe Konzepte sich etablieren können, wir den

Hinterlandtourismus stärken und somit auch die Saison verlängern

können. Dazu benötigen wir ein gut ausgebautes

und nachhaltiges Mobilitätsangebot, damit die Touristen

nicht entnervt in langen Staus anreisen müssen. Die

Bahnanbindung von Vorpommern in den Rest der Republik

muss im Takt und in der Anschlussfähigkeit an den

Fernverkehr verbessert werden.

DR. PETRA SITTE (DIE LINKE)

Wahlkreis Halle

Jährlich studieren an den drei Hochschulen Halles

zirka 22.000 junge Leute. Vor diesem Hintergrund

sind Pläne der sachsen-anhal tischen Landesregierung,

die Martin-Luther-Universität

Halle-Wittenberg zum Abbau von Lehrstühlen,

Professuren und über 3.000 Studienplätzen

zu zwingen, kontraproduktiv. Einsparungen im

Landeshaushalt werden uns Chancen kosten.

Noch kämpfen wir in einem breiten Bündnis

gegen die Abbaupläne.

Fotos: Arne Jeschal (oben links), Nancy Glor (oben rechts), Marielle Styra (unten)

KAY-UWE ZIEGLER (AFD)

Wahlkreis Anhalt

In erster Linie müssen wir unseren Menschen eine hohe Lebensqualität

ermöglichen. Das beginnt bei uns mit schnellem Internet zu Hause, der Schule

im Ort, dem Arzt, der Apotheke und den Nahversorgern und hört bei einem

gefestigten Vereinsleben, guten Arbeitsplätzen und bester Bildung noch

lange nicht auf. Die Hälfte aller Beschäftigten pendelt jeden Tag zur Arbeit in

benachbarte Ortschaften oder angrenzende Landkreise. Dies kostet nicht nur

Sprit, sondern auch wertvolle Lebenszeit. Deshalb ist die Lebensqualität in

unserer ländlich strukturierten Region von gut ausgebauten Verkehrswegen

sowie einem kurz getakteten und weit verzweigten öffentlichen Nahverkehrssystem

abhängig. Das bezieht Straßen, Schienen und Radwege sowie

den Bus- und Bahnbetrieb gleichermaßen ein.

Wir müssen gezielt mittelständische Unternehmen ansprechen, die ihre Produktion

nach Deutschland zurückverlegen. Wir wollen das gesunde Leben in

unseren kleinen Städten und Dörfern mit der modernen Welt der technischen

Innovationen verknüpfen, um den Lebensstandard in unserer Region nachhaltig

zu erhöhen. Hierfür ist eine fortschrittliche Digitalisierung im ländlichen

Raum eine Voraussetzung, die wir schaffen wollen.

Deutschland plant den Kohleausstieg bis

spätestens 2038. Damit ist das Mitteldeutsche

Kohlerevier gewaltig herausgefordert.

Um gemeinsam ein Konzept für den Strukturwandel

zu entwickeln, hat sich 2019 die

gemeinsame „Kommission zur Gestaltung des

Kohleausstiegs in der Stadt Halle (Saale) und

im Saalekreis“ konstituiert. Inzwischen liegen

ein Konzept sowie daraus abgeleitete Projekte

vor. Die Ausrichtung stimmt. Ich selbst setze

mich gleichzeitig und über bisherige Regelungen

hinaus für eine gesetzlich verankerte Einkommens-,

Beschäftigungs- und Weiterbildungsgarantie

für Bergbau-Beschäftigte ein. Der

Strukturwandel in Braunkohleregionen muss

sozial gerecht und planungssicher gestaltet

werden.

Alle Antworten werden

sukzessive im W+M-

Onlinemagazin

veröffentlicht.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


62 WIRTSCHAFT+MARKT INTERNATIONALE MÄRKTE

GTAI-REPORT:

INTERNATIONALE

MÄRKTE IM VISIER

Was bewegt wichtige Auslandsmärkte und welche Chancen eröffnen sich

für deutsche Mittelständler – der GTAI-Report widmet sich monatlich im

W+M-Onlinemagazin den aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen in einzelnen

Ländern. Für Sie ausgewählt: Frankreich, das Vereinigte Königreich und

Usbekistan.

VON PETER BUERSTEDDE (FRANKREICH),

MARC LEHNFELD (VEREINIGTES KÖNIGREICH) UND

UWE STROHBACH (USBEKISTAN)

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


GTAI-REPORT

WIRTSCHAFT+MARKT63

FRANKREICH –

DER VERLÄSSLICHE MARKT NEBENAN

Frankreich ist einer der wichtigsten Märkte für deutsche Unternehmen.

Mit der Energie- und Klimawende und der Unsicherheit in den

globalen Lieferketten wird die Bedeutung weiter wachsen. Mit einem

BIP von 2,3 Billionen Euro war Frankreich 2021 nach Deutschland die

zweitgrößte Volkswirtschaft in der EU vor Italien und Spanien und lag

damit nur leicht hinter dem Vereinigten Königreich. Das Land ist aber für

deutsche Exporteure der mit Abstand größte Zielmarkt in der EU. Und

auch wenn Frankreich im globalen Ranking deutscher Absatzmärkte in

den letzten Jahren von den USA und China überrundet worden ist: Für

viele deutsche Firmen ist es weiter der Absatzmarkt Nummer 1.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Frankreich sind

eng und in einigen Branchen sind die Verflechtungen besonders stark.

Dies gilt etwa für den Flugzeugbau mit Airbus als Herzstück, für die

Automobilindustrie, wo OEMs und Teilezulieferer eng über die Grenze

hinaus zusammenarbeiten und für den Chemiesektor, wo deutsche

Firmen in Frankreich viel investiert haben. Dies sind auch traditionell

starke Exportsektoren des Landes. Darüber hinaus ist Frankreich

besonders im Export von Luxusgütern mit Großkonzernen wie LVMH,

Kering und L’Oréal und auch von Wein und Spirituosen erfolgreich.

Regierung fördert Reindustrialisierung

Gleichzeitig will sie die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie

verbessern und wenn möglich mit Subventionen nachhelfen, damit

wieder mehr im Inland produziert wird. Mit Stand Ende Februar 2022

hat die Regierung 3,5 Milliarden Euro an Fördermitteln bewilligt für

Industrievorhaben mit Investitionen von 13,1 Milliarden Euro. Diese

werden in den kommenden Jahren umgesetzt und bieten Geschäftschancen

für deutsche Maschinen- und Anlagenbauer.

Frankreich ist auch ein Innovationsstandort erster Güte. Präsident

Emmanuel Macron hatte bei Amtsantritt 2017 eine Startup-Nation

schaffen wollen. Tatsächlich ist in den letzten Jahren dank staatlicher

Förderung, die großzügiger als in Deutschland ausfällt, ein Wildwuchs

an Neugründungen entstanden. Diese Innovationskraft wird zum

Teil bereits von deutschen Firmen durch Übernahmen oder Kooperationen

angezapft. Fast im Monatstakt kündigt ein deutsches oder

Reifer Markt in Bewegung

Frankreich ist ein reifer Markt, wo deutsche Firmen seit Jahrzehnten

gut verkaufen und stark investiert haben. Für Neueinsteiger ist es kein

einfacher Markt. Er ist anspruchsvoll, erfordert ein starkes Service-Engagement

und ist mitunter hart umkämpft. Auch kann sich eine zum Teil

wirtschaftspatriotische Klientel auch mal an einem deutschen Anbieter

stören.

Aber es bieten sich weiter interessante Chancen und das in ganz verschiedenen

Bereichen. Die Digitalisierung und der Onlinehandel haben

es deutschen Firmen in den vergangenen Jahren erleichtert, den Markt

zu erschließen – sei es über Amazon oder über eigene Webshops wie

Zalando, Zooplus und Gerstaecker. Aldi und Lidl expandieren stark im

Einzelhandel – Aldi fast sprunghaft durch die Übernahme von über 500

Supermarktfilialen eines Konkurrenten.

Foto: GTAI

Die Energie- und Klimawende eröffnet zahlreiche neue Geschäftsmöglichkeiten.

Deutschland und Frankreich stehen hier trotz unterschiedlicher

Einstellungen zur Kernkraft denselben Herausforderungen

gegenüber. In der Krise hat das Land Konjunkturprogramme mit 130

Milliarden Euro an Förderung aufgelegt inklusive 39 Milliarden Euro

aus dem EU-Corona-Wiederaufbaufonds. Damit hat sie die staatliche

Förderung für die Dekarbonisierung der Industrie, die energetische

Sanierung von Gebäuden sowie den Ausbau erneuerbarer Energien und

der Elektromobilität ausgeweitet.

DER AUTOR

Peter Buerstedde

Peter Buerstedde berichtet

seit 2019 aus Paris für die

GTAI.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


64

WIRTSCHAFT+MARKT

INTERNATIONALE MÄRKTE

Kraftwerke: Die Energiewende steht auch in Frankreich vor der Tür.

französisches Startup den Markteinstieg im jeweiligen Nachbarland

an. Andere deutsche Firmen lassen aufgrund der günstigen Abschreibungsmöglichkeiten

in Frankreich forschen.

Großzügige Krisenhilfen treiben Wachstum an

Interessant ist Frankreich auch, weil das Land sich schnell wieder von

der Krise erholt hat. Mit real sieben Prozent hat Frankreich 2021 eine

der höchsten Wachstumsraten in der Eurozone erreicht. Dabei spielen

Aufholeffekte eine große Rolle, da der Konjunktureinbruch 2020 besonders

stark war. Allerdings haben auch großzügigere Hilfsmaßnahmen

die Erholung beschleunigt. Vor Deutschland hat Frankreich Ende

2021 bereits wieder das Vorkrisenniveau übertroffen. 2022 werden

sich die Nachholeffekte beim Konsum und den Investitionen langsam

abschwächen. Daher dürfte das Wachstum auf etwa drei Prozent

zurückfallen.

Wie in Deutschland belasten seit Anfang 2021 Lieferengpässe vor

allem die Schlüsselbranchen Automobilindustrie und Flugzeugbau.

Lösen sich die Lieferengpässe auf, könnte die Produktion hier 2022

wieder kräftig zunehmen. Die Instabilität in den globalen Lieferketten

hat aber viele deutsche Unternehmen aufgeschreckt. Nicht zuletzt

deshalb dürfte Frankreich als großer verlässlicher Markt in unmittelbarer

Nachbarschaft in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen.

Foto: AdobeStock

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


THEMA

WIRTSCHAFT+MARKT65

Foto: XXX

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


66

WIRTSCHAFT+MARKT

INTERNATIONALE MÄRKTE

Zwischen der EU und dem UK gibt es wieder eine Zollgrenze.

VEREINIGTES KÖNIGREICH –

CHANCEN HINTER DER ZOLLGRENZE ENTDECKEN

Der Ruf des Vereinigten Königreichs als offene Volkswirtschaft hat

während des schmerzhaften Brexit-Prozesses heftig gelitten. Wer

aber die Kosten der Zollgrenze einkalkulieren kann, entdeckt einen

großen Absatzmarkt mit umfangreichen Absatzchancen.

Die schlechte, weithin bekannte Nachricht vorab: Der Brexit schmerzt,

auch wirtschaftlich. Das im Königreich weithin geschätzte Office for

Budget Responsibility sagt dem Land im Vergleich zur Unionsmitgliedschaft

langfristige Produktivitätseinbußen von vier Prozent voraus, ein

um 15 Prozent niedrigeres Handelsvolumen und eine negative Nettoeinwanderung

– in Zeiten des Fachkräftemangels besonders spürbar.

Die Zollgrenze knirscht im Getriebe des einst reibungslosen Handels

zwischen britischen und europäischen Exporteuren. Ihre Bürokratie

sorgt für längere Lieferzeiten und höhere Speditionskosten. Hinzu

kommen im Laufe dieses Jahres auf britischer Seite zusätzliche Einfuhrregeln

für Lebensmittel.

Teurer wird es auch jenseits der Zollbürokratie. Weil die britische Regierung

bewusst vom europäischen Regulierungsregime abweicht, müssen

neue Standards eingehalten werden. Dazu gehören zum Beispiel der

CE-Nachfolger UKCA oder die neue UK REACH-Datenbank für importierte

Chemikalien. Wer also Produkte von der EU aus im Vereinigten

Königreich verkauft, muss die Anforderungen von zwei Wirtschaftsräumen

einkalkulieren.

DER AUTOR

Marc Lehnfeld

Marc Lehnfeld berichtet für

GTAI am Standort London

über das Vereinigte Königreich

und Irland.

Auch auf politischer Ebene ist Post-Brexit von einer britisch-europäischen

Wirtschaftspartnerschaft nichts zu spüren, wie der Konflikt um

das Nordirland-Protokoll zeigt.

So warten auch die deutsch-britischen Beziehungen auf neue Impulse.

Im Außenhandel sind die Bremsspuren bereits sichtbar: Im Ranking der

wichtigsten deutschen Handelspartner sind die Briten weiter abgerutscht

und lagen 2021 nur noch auf Platz zehn. Noch 2017 belegte die Insel

den fünften Platz. Mittelständler, die beim EU-Geschäft das Königreich

„mitgenommen“ haben, müssen sich nun überlegen, ob sich der

Mehraufwand noch lohnt.

Offshore-Wind, Infrastrukturprojekte und

neue Krankenhäuser

Die Auswirkungen des Brexit verzerren allerdings auch den Blick auf die

Chancen im Königreich. Denn wer die Kosten der Zollgrenze einpreisen

kann, findet hinter ihr einen wachsenden Markt. Ohnehin ist das Vereinigte

Königreich nach Deutschland die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt und

damit ein kaum zu ignorierender Markt. Im Gegenteil: Wer sich vom Brexit

abschrecken lässt und sich vom britischen Markt zurückzieht, verliert

Marktanteile an die außereuropäische Konkurrenz.

Der historische Wirtschaftseinbruch im Zuge der Corona-Krise ist bereits

wieder kompensiert. Allerdings erholen sich die Branchen sehr unterschiedlich

vom Corona-Schock. Deshalb müssen Exporteure genau hinschauen.

Chancen bietet die britische Insel zum Beispiel bei Maschinen,

Infrastrukturprojekten und im Gesundheitsbereich.

Wegen der Unsicherheit über den Brexit lagen viele Investitionsprojekte

in den vergangenen Jahren auf Eis. Die Zurückhaltung bei Investitionen

in neue Maschinen und Fabrikausrüstungen verfliegt aber zunehmend.

Das liegt auch an der staatlichen Superabschreibung („super deduction“),

bei der im ersten Jahr des Investments bis zu 130 Prozent abgeschrieben

werden können. Die Ausrüstungsinvestitionen liegen bereits

wieder elf Prozent über dem Vor-Corona-Niveau und werden mit

dem Schwung durch die zusätzlichen Abschreibungen weiter steigen.

Foto: GTAI / Studio Prokopy, AdobeStock

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


GTAI-REPORT

WIRTSCHAFT+MARKT67

Aller dings läuft der Countdown, denn die Steuersubvention lauft

schon Ende März 2023 aus.

Ein anderer Wachstumsmotor der britischen Wirtschaft ist der Ausbau

der Offshore-Windindustrie. Bis 2030 sollen die Kapazitäten auf 40 GW

vervierfacht werden. Davon profitieren auch deutsche Windparkentwickler

wie EnBW oder RWE Renewables, die Zuschläge für neue Projekte im

Königreich erhalten haben. Auch wenn immer mehr Zulieferer im Land

investieren oder erweitern, um lokal zu produzieren, bleibt aufgrund des

großen Wachstums genug Spielraum für deutsche Exporteure.

sorgten schwere Grippewellen für eine starke Belastung in den unterausgestatteten

Krankenhäusern. Mittlerweile ist die Behandlungswarteliste

auf einen Rekordwert von über sechs Millionen Patienten gewachsen.

Diese Lücke soll vor allem ein Bauprogramm für insgesamt 48 neue Krankenhäuser

und Erweiterungsprojekte im Wert von rund 4,4 Milliarden

Euro schließen. Hinzu kommen unter anderem rund 300 Millionen Euro

für die Digitalisierung der Diagnostik, denn das öffentliche Gesundheitssystem

steht unter einem enormen Druck.

Außerdem profitiert der britische Gesundheitsmarkt von dringend

benötigten milliardenschweren Investitionen. Schon vor der Corona-Krise

USBEKISTAN:

REFORMPROGRAMM ZEIGT WIRKUNG

Usbekistans Wirtschaft litt gut zwei Jahrzehnte unter einem massiven

Reformstau. Bemühungen für mehr Liberalisierung und Marktöffnung

blieben in Ansätzen stecken. Fünf Jahre nach dem Amtsantritt des Präsidenten

Schawkat Mirsijojew Ende 2016 erstrahlt das Land heute im

neuen Glanz. Ein „Zurück zu alten Zeiten“ ist nicht mehr vorstellbar.

Ambitionierter Reformkurs lockt Investoren

Die Gründe für die Renaissance Usbekistans als attraktiver Standort

für Investitionen und Handel liegen auf der Hand: eine beispiellose

Reform- und Liberalisierungswelle sowie die Wiederbelebung von

Handel und Kooperation mit den Nachbarstaaten. Immer mehr ausländische

Firmen strömen auf den mit 35 Millionen Einwohnern größten

Verbraucher markt Zentralasiens.

Die Anzahl der aktiven Firmen mit einer ausländischen Beteiligung

ist emporgeschnellt: von rund 5.000 zu Beginn des Jahres 2017 auf

13.300 bis Anfang 2022. Jedes dritte Unternehmen engagiert sich in

der Industrie. Deutsches Kapital ist an mehr als 200 Firmen gänzlich

oder teilweise beteiligt.

Die Importbelebung spiegelt die hohe Investitionsneigung der

Wirtschaft wider. Vor allem die Nachfrage nach Maschinen,

Ausrüstungen und Transportmitteln zeigt stark nach oben.

Usbekistans Bruttokapitalanlagen legten 2017 bis 2021 jährlich

im Schnitt um real 17,6 Prozent zu. Prognosen für 2025 sagen

ein Volumen von 34 Milliarden US-Dollar voraus, ein Plus von

zehn Milliarden US-Dollar gegenüber 2021. Deutsches Kapital

stand in den Jahren 2020 und 2021 für ein Siebentel bis ein

Sechstel des Kapitalzuflusses aus dem Ausland.

Viele Hürden sind noch zu meistern

Optimismus ist durchaus angesagt, dass sich Usbekistans als

Partner für Handel, Investitionen und Kooperation weiter profilieren

wird. Übertriebene Euphorie ist aber fehl am Platz. Der

staatlich gelenkte und kontrollierte Liberalisierungsprozess ist

noch nicht mit einer freien Marktwirtschaft im europäischen

Sinne zu vergleichen.

Zweitwichtigster Absatzmarkt in Zentralasien

Foto: GTAI

Die Warenimporte Usbekistans betrugen in den letzten vier Jahren

jährlich im Schnitt 21 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2021 summierten sie

sich auf 23,7 Milliarden US-Dollar. Noch in den vier Vorjahren waren es

weniger als zwölf Milliarden. Usbekistan ist nach Kasachstan der zweitbedeutendste

Absatzmarkt Deutschlands in Zentralasien. Die jährlichen

deutschen Exporte in das Land an der Seidenstraße verdoppelten sich

in den Jahren 2016 bis 2019 von 435 Millionen Euro auf 876 Millionen

Euro. Zwar ließ die Corona-Pandemie die Ausfuhren 2020 und 2021

temporär auf jeweils etwa 600 Millionen Euro einbrechen. Ab 2022

dürften sie jedoch wieder anziehen.

DER AUTOR

Dr. Uwe Strohbach

Dr. Uwe Strohbach ist

Regionalmanager Zentralasien

& Südkaukasus bei

Germany Trade & Invest

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


68

WIRTSCHAFT+MARKT

INTERNATIONALE MÄRKTE

Der Registan-Platz in Samarkand

Zu den Besonderheiten des usbekischen Reformmodells zählen:

• die noch in den Anfängen steckende Restrukturierung von Staatsunternehmen

und wichtigen Wirtschaftszweigen,

• die starke staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft,

• die unerlässliche Einbindung zentraler und lokaler Behörden in

neue Projekte,

• die notwendige Kooperation mit Staatsbetrieben, die in der Zulie ferindustrie

oft noch dominieren,

• der weiterhin hohe Nachholbedarf für eine unabhängige Rechtsprechung

und für abgebaute Schattenwirtschaft, Bürokratie,

oligarchische Strukturen und Korruption.

Die überfällige Restrukturierung der oft unrentablen und schlecht

gemanagten Staatsbetriebe ist eine wesentliche Ursache für die

geringe Leistungskraft der usbekischen Wirtschaft.

Reformen beflügeln Wirtschaft

Usbekistan wird als Wirtschaftsstandort weiter an Attraktivität gewinnen.

Dafür spricht der starke Reformwille der Regierung. Ihr Ziel ist

ein markwirtschaftlich ausgerichtetes Wirtschaftssystem. Lösungsorientiert

geht sie offene Fragen der Reformagenda an und kooperiert

forciert mit dem Ausland. Neue Branchen- und regionale Entwicklungsprogramme

bergen Lieferpotenzial. Geschäftschancen bieten

hierbei Maschinen, Ausrüstungen, Komplettierungsteile, Baustoffe und

Zwischenprodukte. Diese Programme und die weiteren privaten und

öffentlichen Modernisierungs- und Ausbauvorhaben summieren sich

im Zeitraum 2022 bis 2026 auf über 140 Milliarden US-Dollar, so die

Kalkulation der usbekischen Regierung. Dabei rechnet sie mit einem

Zufluss ausländischer Investitionen und Kredite von etwa 70 Milliarden

US-Dollar.

Liefer- und Kooperationspotenzial bieten Vorhaben in den Produktgruppen

Chemieerzeugnisse (Projektwert: gut drei Milliarden US-Dollar), Textilien/

Bekleidung und Baustoffe (jeweils mehr als zwei Milliarden US-Dollar),

Transportmittel, Elektroerzeugnisse, Lederwaren sowie Lebensmittel/

Getränke (jeweils 0,5 Milliarden bis 0,7 Milliarden US-Dollar).

Nicht minder interessant sind die Geschäftschancen beim Aus- und

Auf bau von Agrarclustern in den Sparten Obst/Gemüse und tierische

Erzeugung sowie in den Wachstumsbranchen Wohnungsbau und Logistik.

Bei den geplanten Projekten in der Wasser-, Abwasser-, Abfall- und

Gesundheitswirtschaft setzt das Land mehr denn je auf öffentlich-private

Partnerschaften.

Die neuen Reformen und Ausbauprogramme in allen Wirtschaftssektoren

haben ein zentrales Ziel: Das jährliche Bruttoinlandsprodukt (BIP)

soll bis 2026 auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar anwachsen (2021:

69,1 Milliarden). Parallel dazu wird ein BIP pro Einwohner von 2.700

US-Dollar angestrebt (2021: 1.980). Usbekistans BIP pro Einwohner

rangiert gegenüber den meisten GUS-Republiken noch deutlich unterdurchschnittlich.

Doch der Aufholprozess ist gestartet. Einem realen

Wirtschaftswachstum von 7,4 Prozent im Jahr 2021 dürften weitere

Jahreszuwächse von jeweils mindestens sechs Prozent folgen.

Lohnende Geschäftschancen in vielen Branchen

Allein in die Erzeugung, Übertragung und Verteilung von Elektrizität

sollen 2022 bis 2026 fast 19 Milliarden US-Dollar fließen. Ein Fokus

wird dabei auf grünen Strom gelegt. Es folgen der Erzbergbau und das

Hüttenwesen mit 7,5 Milliarden sowie die Öl- und Gaswirtschaft mit

4,0 Milliarden US-Dollar.

Foto: AdobeStock

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


THEMA

WIRTSCHAFT+MARKT69

Große Pläne?

KÖNNEN WIR.

INVESTITIONS- UND

MARKETINGGESELLSCHAFT

SACHSEN-ANHALT.

DIE WEGBEREITER Modern, partnerschaftlich und vernetzt –

in Sachsen-Anhalt sind wir Ihr Partner auf

dem Weg zum Erfolg. Als Wirtschaftsförderer und Standortvermarkter

unterstützen unsere interdisziplinären Teams Sie in allen Fragen rund um

Ansiedlung, Expansion und Zukunftsfähigkeit. Wir begleiten Sie auf Ihrem

Weg. Serviceorientierung und Kooperation sind unser Credo. Wir unterstützen

den Wandel und die positive Wahrnehmung des Wirtschaftsstandortes

und werben mit Leidenschaft für das Reiseland Sachsen-Anhalt. Mit jeder

Menge Know-how und ganzer Kraft bauen wir Brücken für Sie!

Barbara Weinert-Nachbagauer, Bereichsleiterin Marketing, Thomas Einsfelder, Geschäftsführer der IMG,

und Marc Pappert, Prokurist und Bereichsleiter Investorenservice, sind drei unserer Standortspezialisten:

Hier im Zukunftsort Leuna, wo große Pläne zum Tagesgeschäft gehören.

Foto: XXX

sachsen-anhalt-tourismus.de investieren-in-sachsen-anhalt.de

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2021


70

WIRTSCHAFT+MARKT

W+M-RATGEBER

W+M-LESELISTE

EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION

Die Redaktion Wirtschaft+Markt achtet regelmäßig auf Neuerscheinungen

am Buchmarkt. Dabei konzentriert sich die Auswahl auf Wirtschaftsliteratur,

Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine Auswahl aus den W+M-Leselisten

von Dezember 2021, Januar und März dieses Jahres stellen wir Ihnen im

Folgenden vor.

Der Titel sagt alles

Florian Hartleb: Plädoyer für den digitalen

Staat – Gestalten statt Verwalten.

FAZ Buch, 175 Seiten, 20,00 Euro,

ISBN 978-3-96251-092-3

Der Autor ist Politikwissenschaftler. Er lebt

seit sechs Jahren in Tallinn/Estland und ist dort

als Berater tätig. Dabei sind die Esten uns in

Bezug auf die Digitalisierung des Staates ein gutes Stück voraus. Digitalisierung

bietet dem Staat die Chance, Prozesse zu vereinfachen und

sich bürgerfreundlicher auszurichten. Doch Deutschland hat dringenden

Nachholbedarf, wie nicht zuletzt die Zeit der Pandemie offenbarte. Einmal

mehr wurde deutlich, dass Politik, Staat und Verwaltung in diesem

Punkt international hinterherhinken.

Fazit: Entstanden ist ein fundiertes Sachbuch, das für eine zeitgemäße

Daseinsvorsorge des Staates und der Verwaltung für die Bürgerinnen

und Bürger plädiert, ohne die Fragen nach Cybersicherheit und Datenschutz

zu vernachlässigen.

Impulse aus Davos

Klaus Schwab mit Peter Vanham: Stakeholder

Kapitalismus – Wie muss sich die globale

Welt verändern, damit sie allen dient.

Wiley, 414 Seiten, 29,99 Euro,

ISBN 978-3-527-51085-6

Wäre die Pandemie nicht dazwischen gekommen,

wäre dieses Buch vom Gründer des

Weltwirtschaftsforums schon eher erschienen. So entstand erst die

Publikation „Covid-19: The great Reset.“ Die Folgen der Corona-Pandemie

haben allerdings das nun vorliegende Buch nur noch wichtiger

werden lassen.

Es lädt ein zum Nachdenken über einen besseren Kapitalismus. Im

„Stakeholder Kapitalismus“ zeigen die Autoren nicht nur, was alles

im Argen liegt, sie machen auch konkrete Vorschläge, wie sich die

Wirtschaft wandeln muss, damit sie allen dient.

Fazit: Ein wichtiges Buch für die Zeit, in der wir leben und uns um die

Zukunft sorgen.

Foto: W+M

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


W+M-LESELISTE

WIRTSCHAFT+MARKT71

Bauch über Kopf

Reiner Neumann: Die Kunst des Einfachen –

Weniger ist mehr. Hanser, 213 Seiten,

24,99 Euro, ISBN 978-3-446-47038-5

Die meisten Menschen mögen nichts

Kompliziertes. Das ist der Satz im Vorwort

und die grundlegende Wahrheit des Buches.

Das Problem ist nur, dass wir in einer komplexen

Welt leben, Entscheidungen treffen müssen, uns den Kopf zermartern

und dann letztlich doch auf den Bauch hören. Wie mit diesem Dilemma

umzugehen ist, verrät der Autor auf den 213 Seiten.

Fazit: Es ist nicht das erste Buch zu diesem Thema, aber eine ideale

Lektüre für die anstehende Urlaubszeit.

Tools zur Kritik der

herrschenden Meinung

Patrik Baab: Recherchieren – Ein Werkzeugkasten

zur Kritik der herrschenden Meinung.

Westend, 264 Seiten, 20,00 Euro,

ISBN 978-3-86489-324-7

Patrik Baab ist selbst Journalist und weiß,

wovon er spricht, wenn es um die saubere

Recherche geht. Die im Detail begründeten oder

unbegründeten Vorwürfe, dass die Medien nicht immer zur Aufklärung,

sondern teilweise sogar zur Verneblung von Interessenlagen beitragen,

sind der Anlass, in diesem Buch „einen Werkzeugkasten zur Kritik der

herrschenden Meinung“ vorzustellen. Von der Themen- über Quellenfindung

und -schutz bis zur Hypothesenentwicklung und Interviewdurchführung

werden insgesamt 14 Werkzeuge vorgestellt.

Fazit: Man muss nicht Journalist sein, um das Buch für lesenswert und

wichtig zu halten.

Verstehen kommt vor Machen

Christoph Meinel/Maxim Asjoma: Die neue

digitale Welt verstehen. Springer, 230 Seiten,

16,99 Euro, ISBN 978-3-63700-5

Wir fühlen uns mittendrin in der Digitalisierung

und doch sind wir noch nicht da, wo

wir eigentlich sein sollten. Deshalb verwundert

die Titelformulierung „Die neue digitale Welt

verstehen“ nur auf den ersten Blick. Das

Autorenduo aus IT-Professor und Philosoph/Volkswirt erklärt in kurzen,

gut lesbaren Kapiteln, worum es geht, wenn über Computernetzwerke,

Medienkodierung, Internetworking, Internetanwendungen, World Wide

Web, Internet Governance gesprochen wird.

Fazit: Wenn Sie die digitalen Entwicklungen unserer Zeit verstehen

wollen, bietet das Buch einen geeigneten Schlüssel.

Plattformbasierte

Geschäftsmodelle

Jens Förderer: Erfolgsmodell Digitale

Plattformen. Schäffer-Poeschel, 233 Seiten,

49,95 Euro, ISBN 978-3-7910-5371-4

Unternehmen wie Amazon, Google oder Facebook

sind vergleichsweise junge Unternehmen

mit einer Marktbewertung, die alles Bisherige

in den Schatten stellt. Sie eint der Einsatz von digitalen Plattform-Geschäftsmodellen.

Sie sind an den Börsen so hoch bewertet, dass sie neue

Märkte schaffen. Der Autor Jens Förderer will den Leser mit der Funktionsweise

der plattformbasierten Geschäftsmodelle vertraut machen

und greift dabei auf eine Unmenge von Praxisbeispielen zurück.

Fazit: Ein Buch für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen, weil sie ein

Plattform-Geschäftsmodell planen oder es zum Erfolg führen wollen.

Purpose?

Ingo Hamm: Sinnlos glücklos – Wie man auch

ohne Purpose Erfüllung in der Arbeit findet.

Vahlen, 259 Seiten, 26,90 Euro,

ISBN 978-3-8006-6759-8

Ist das Buch eine einzige Provokation? Kann

schon sein, aber Titel und Inhalt sind so wohltuend

anders im sprachlichen Einheitsbrei der

New-Work-Aktivisten. In Zeiten sparsamer Debattenkultur unternimmt

Ingo Hamm den Versuch, das durch ständige Wiederholung fast zur

Wahrheit gewordene Purpose-Sinn-Thema infrage zu stellen. „Sinnlos

glücklich – Wie man auch ohne Purpose Erfüllung bei der Arbeit findet”

bietet interessanten Lesestoff. Mehr zum Thema auch in dem Interview,

das W+M mit dem Autor führte.

Fazit: Wenn Sie mehr als zehnmal in der Woche Purpose sagen oder

das Wort nicht mehr hören können, kaufen Sie dieses Buch.

Schnellkurs Rechtschreibung

Matthias Wermke, Rechtschreibung für

Dummies. Wiley, 224 Seiten, 14,00 Euro,

ISBN 978-3-527-71863-4

Wer beim Schreiben Wert auf richtige

Rechtschreibung legt und von den Dudenrecherchen

nicht überzeugt ist, kann sich

mit dem Dummie-Buch zum Thema Rechtschreibung

helfen. Es ist wie eine Nachhilfe, locker geschrieben, klug

aufbereitet. Besonders empfehlenswert ist der Teil V mit seinen

drei Kapiteln unter der Überschrift „Das Wichtigste im Überblick“.

Ob es die zehn wichtigsten Regeln guten Schreibens oder die zehn

wichtigsten Fragen zur Rechtschreibung sind, das Buch bietet sehr

kompaktes Wissen.

Fazit: Kein Ersatz für den Duden, aber ein guter Auffrischungskurs in

Sachen Rechtschreibung.

Foto: W+M

W+M-Leseliste

31.03.2022

W+M-Leseliste

24.01.2022

W+M-Leseliste

14.12.2021

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


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WIRTSCHAFT+MARKT

W+M-RATGEBER

W+M-EXPERTEN

TIPPS FÜR DEN

UNTERNEHMERALLTAG

Auch wenn sich Wirtschaft+Markt mehr als wirtschaftspolitisches Magazin

versteht, sind die Leser doch vornehmlich Unternehmer und Verantwortliche

in vorwiegend klein- und mittelständischen Unternehmen. Deshalb ergänzen

wir unsere exklusiven Beiträge regelmäßig um Expertentipps für die Praxis.

Hier eine Auswahl, die Sie im W+M-Onlinemagazin nachlesen können.

W+M-Ratgeber:

Personalwirtschaftliche Einsparmaßnahmen als Bumerang!

Die Risiken der Unternehmerentscheidung in der Krise

[25. März 2022]

Seit dem aufsehenerregenden Urteil des Bundesgerichtshofs vom 26.01.2017 (Az.: IX ZR 285/14)

sind Steuerberater verpflichtet, bei offenkundigen Anhaltspunkten für einen Insolvenzantragsgrund

den Mandanten darauf hinzuweisen und vor den Folgen einer Nichtbeachtung zu warnen.

Der Gesetzgeber hat diese durch die Rechtsprechung eingeführte Hinweis- und Warnpflicht in

§ 102 StaRUG aufgenommen. Ein Beitrag von Thomas Uppenbrink und Philipp Brück.

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W+M-Ratgeber:

Onlineshop erstellen: Mit diesen 10 Maßnahmen klappt

der Durchbruch!

[19. März 2022]

Mit einem Onlineshop können Unternehmer ihr Wachstum beschleunigen

und Kunden gewinnen. Doch wer einen Onlineshop erstellen will, sollte

auf einige Dinge achten. E-Commerce-Experte Holger Lentz erklärt:

„Um mit einem Onlineshop Profit zu machen, muss unter anderem die

Zielgruppe bekannt sein.” Welche Maßnahmen für die Gründung eines

Onlineshops noch zu beachten sind, verrät der Experte im Gastbeitrag.

W+M-Ratgeber

Work + Life: Denkanstöße und praktische Managementhilfen

[Serienartikel]

In einer mehrteiligen Serie greift Johannes

Grassl, Experte und Berater rund um den

Bereich Führung, aktuelle Themen auf.

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Erfolg:

Nur Geld verdienen

reicht nicht

Führung:

Alle Krisen sind

Führungskrisen

Werte:

„Was regiert

mich wirklich?“

Foto: AdobeStock

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


UNTERNEHMERTIPPS

WIRTSCHAFT+MARKT73

W+M-Ratgeber:

Trends im Reputationsmanagement – So bauen Sie Ihren guten Ruf 2022 aus!

[27. Februar 2022]

Kleine und mittelständische Unternehmen sehen sich auch im Jahr 2022 mit zahlreichen Herausforderungen

konfrontiert. Neben der fortschreitenden Digitalisierung sind es vor allem die

gestiegenen Kundenansprüche, denen die Unternehmen weiter gerecht werden müssen, um

langfristige Erfolge zu erzielen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Der gute Ruf eines Betriebs

oder einer Organisation rückt immer stärker in den Fokus. Ähnliche Produkte verschiedener

Anbieter und die einfache Vergleichbarkeit im Internet sorgen dafür, dass viele Menschen bei

der Entscheidung für oder gegen ein Unternehmen neue Maßstäbe anlegen. Ein Firmenimage,

das zu den Kundenüberzeugungen passt, wird somit zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Ein Beitrag von Alexander Hundeshagen.

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www.wirtschaft-markt.de

W+M-Ratgeber:

So reduzieren Unternehmen den CO2-Abdruck ihres

E-Mail-Marketings – fünf Tipps

[03.03.2022]

Ob Telefon, Brief, E-Mail oder Social-Media-Video – jedes Kommunikationsmittel verbraucht

CO 2 : Der Postbote muss den Brief mit dem Auto zustellen, E-Mails und Videos werden auf

Servern gespeichert, die rund um die Uhr in Betrieb sind, um Inhalte zu jeder Zeit abrufen zu

können. Unternehmen generieren daher bei ihrer Kommunikation mit Kunden und Kooperationspartnern

immer automatisch auch klimaschädliche Treibhausgase, egal für welche

Kommunikationsform sie sich entscheiden. Ein Beitrag von Maximilian Modl.

W+M-Ratgeber:

Leasing oder Finanzierung?

[10. Januar 2022]

Regelmäßig berichtet die Fachpresse über

Möglichkeiten von Anlagen-, Immobilien-,

Fahrzeug- und Absatzfinanzierungen. Die Finanzierungsmöglichkeiten

unterscheiden sich

mittlerweile fast nur noch durch die Kapitaldienste

und steuerlichen Aspekte. Ein Beitrag

von Thomas Uppenbrink.

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W+M-Ratgeber:

So gelingt die diskriminierungsfreie

Stellenausschreibung

[17. Februar 2022]

Personalprofis wissen: Schon kleine Formu lierungen

in Stellenausschreibungen können juristische

Folgen wie Entschädigungsansprüche

haben. Dabei geht es nicht nur um geschlechtsneutrale

Sprache. Die Arbeitsrechtskanzlei

Wittig Ünalp fasst für W+M-Leser zusammen,

was zu beachten ist.

W+M-Ratgeber:

Mit dem HPI-Identity Leak Checker prüfen, ob Sie

Opfer eines Datendiebstahls wurden

[10. Januar 2022]

Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) warnt seit vielen Jahren vor den Risiken schwacher und

unsicherer Passwörter, um das öffentliche Bewusstsein für den hohen Wert persönlicher

Daten zu schärfen und deren Sicherheit zu erhöhen. Die für 2021 ermittelten Top Ten der

deutscher Passwörter sprechen eine klare Sprache. Einfallsloser und unbedarfter geht es

nicht mehr. Der Identity Leak Checker.

Foto: AdobeStock

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W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


74

WIRTSCHAFT+MARKT

GESELLSCHAFT

Berliner

Golf & Country Club

Motzener See

„Home away from home” ist die Philosophie des Berliner Golf & Country Club Motzener See e.V.,

dem Golfparadies nur 30 Minuten vor den Toren Berlins. Eingebettet in die märkische Landschaft

hat Architekt Kurt Rossknecht ein naturbelassenes Idyll geschaffen, das sowohl für Einsteiger als

auch Fortgeschrittene „Golf in seiner schönsten Form“ bietet.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


GOLF

WIRTSCHAFT+MARKT75

Der Architekt Kurt Rossknecht hat die Anlage entworfen.

Das Clubhaus des Berliner Golf & Country Club Motzener See e.V.

Im Frühjahr 1991 wurde der Berliner Golf & Country Club Motzener See e.V.

als erster Golfclub nach dem Mauerfall vor den Toren Berlins eröffnet.

Seit 1992 präsentiert sich der Club auf 110 ha mit einem anspruchsvollen

18-Loch-Championship-Course und einem 9-Loch-Kurzplatz.

Der Architekt Kurt Rossknecht hat die Anlage perfekt in die Landschaft

integriert. In den Jahren 1994 bis 1997 fand das bedeutendste deutsche

Profiturnier, die German Masters, im Golfclub Motzen statt.

Bernhard Langer hält aus dieser Zeit immer noch den Platzrekord mit

einer 60er Runde. Seit 2007 gehört der Berliner Golf & Country Club

Motzener See e.V. zu den Leading Golf Clubs of Germany. 2013 fand die

Platzeröffnung der Erweiterung unter dem Design von Kurt Rossknecht

zum 27-Loch-Championship-Course auf 145 ha statt.

Erleben Sie als Mitglied die 27-Loch-Championship-Anlage und den

öffentlichen Pay & Play-Kurzplatz. Genießen Sie nach der Runde im

Restaurant und auf der Sonnenterrasse mit einem 270-Grad-Blick auf

die traumhafte Golfanlage kulinarische Spezialitäten aus der regionalen

Clubküche.

Ihr Start in den

Golfsport auf dem schönsten

Golfplatz der Region

Sie wollten schon immer das Spiel mit dem kleinen weißen Ball zu

Ihrem neuen Hobby machen ? Dann hält der Berliner Golf & Country

Club Motzener See e. V. mit dem Platzreife- & Schnuppermitgliedschaft-Special

für 888 Euro genau das richtige Komplettpaket bereit.

Im Rahmen von Einzel- und Gruppen-Trainingsstunden, in denen Sie

professionell von den PGA-Golftrainern betreut werden, lernen Sie alles

Wichtige für den Golfsport. Selbstverständlich ist die Abnahme der

DGV-Platzreifeprüfung inklusive. Für die Dauer des Kurses können Sie

den Pay & Play-9-Loch-Platz jederzeit ohne weitere Kosten nutzen,

um an Ihrem Golfspiel zu feilen.

Sammeln Sie nach der Platzreifeprüfung erste praktische Spielerfahrung

auf unserem wunderschönen Championship-Course mit der inkludierten

dreimonatigen Schnuppermitgliedschaft.

Kultur auf dem Golfplatz

Durch die Mitgliedschaft des Berliner Golf & Country Club Motzener See e.V.

im IAC-Netzwerk stehen den Mitgliedern weltweit fast 250 Clubs offen.

Foto: Berliner Golf & Country Club Motzener See e.V., Fotograf: Michael Wolff

Sommer Open Air im Golfclub Motzen

Donnerstag, 11. August 2022

Simon & Garfunkel Revival Band –

„Feelin´ Groovy“

Erleben Sie im Programm „Feelin´ Groovy“ die schönsten

Songs des Kult-Duos. Traumhafte, leidenschaftliche Balladen

wie „Scarborough Fair“ oder „Bright Eyes“, Klassiker wie

„Mrs. Robinson“, „The Boxer“ oder „The Sound of Silence“

gehören ebenso fest zum umfangreichen Repertoire wie

die mitreißende „Cecilia“.

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


76

WIRTSCHAFT+MARKT

GESELLSCHAFT

Von der Bewahrung

der Zeit

VON RON H. UHDEN,

NIEDERLASSUNGSLEITER JUWELIER LEICHT BERLIN

Unsere Wahrnehmung der Zeit hat sich in den

letzen 200 Jahren spürbar verändert. Denn

war es im 18. Jahrhundert noch möglich, seine

Reisegeschwindigkeit zwischen zwei Städten

mit „Donnerstagvormittag bis Samstagfrüh“

anzugeben, änderte sich dies doch mit dem

Siegeszug der Eisenbahn. Präzise Zeitmesser

waren gefragt, da das Zeitfenster von Abfahrt

und Ankunft von da an immer kleiner wurde.

So verwundert der Wunsch über den Aufbau

einer autarken Taschenuhrenproduktion nicht.

Und dies wurde 1845 nicht im blühenden

barocken Dresden umgesetzt, sondern in der

von Armut geprägten Region Glashütte, über

eine kräftige Anschubfinanzierung durch die

Strukturförderung des Königlich Sächsischen

Ministeriums des Innern.

Prägend für die Gestaltung vieler Taschenuhren

jener Zeit war dementsprechend die Minuterie,

die Einteilung der Minuten, welche einen

Schienenstrang der aufkommenden Eisenbahn

imitierte. Auch heute zeigen viele Uhren dieses

Bild. Vornehmlich eher am Handgelenk und in

klassischen Modellen folgt so der Minutenzeiger

den Bahnschwellen. Quasi Bahnfahren in

Kleinstformat.

Doch dies sind Äußerlichkeiten einer Uhr.

Wie so oft im Leben, sind die inneren Werte

entscheidend.

Die UNESCO zählt das Uhrmacherhandwerk

mittlerweile zum immateriellen Kulturerbe der

Menschheit und erkennt damit seine kulturelle

Bedeutung an. Was nicht zuletzt der jahrzentelangen

Innovationskraft der sächsischen

Handwerker zu verdanken ist.

Aller Anfang ist ja bekanntlich schwer. Aber

mit Zielstrebigkeit, Präzision und Verlässlichkeit

haben es die Uhrmacher aus Glashütte

geschafft, bei den Schweizer Manufakturen

mitzuhalten – die ja bis dato die besten Uhren

der Welt herstellten. Die Zeitmesser aus Glashütte

sind über verschiedene Alleinstellungsmerkmale

leicht erkennbar.

So die Dreiviertelplatine: Diese bodenseitige

Deckplatte verdeckt zwar meist weniger als

drei Viertel der Werkoberfläche, sie umspannt

aber das Federhaus und das gesamte Räderwerk

bis hin zum Ankerrad als große Brücke

und verleiht dem Uhrwerk eine größere Stabilität.

Sie wird meist mit feinen Gravuren und

verschiedenen Glashütter Schliffen verziert.

Diese Wellenschliffe und Perlagen sind Blickfang

und Dekoration zugleich. Am Beginn

der Uhrmacherei aber auch notwendig, da

Taschen uhren in der Regel nicht gleichsam

dicht verschlossen waren.

So konnten feinste Staubflusen in die Uhr gelangen,

wurden aber durch diese wellenartigen

und rauhen Schliffe daran gehindert, tiefer in

das Werk vorzudringen und damit schlimmstenfalls

die Räder zu blockieren. Sonnenschliffe

werden meist auf das großflächige Sperrad und

oft auch auf das kleinere Kronrad aufgebracht.

Wenn sich der Lichteinfall ändert, wandern die

Reflexionen auf der Oberfläche scheinbar im

Kreis und erzeugen so eine fast hypnotische

Faszination.

Heute ist es technisch nicht mehr notwendig,

doch die faszinierende Ästhetik der Mechanik

kommt bei dieser Art der Dekoration von

Uhrwerkskomponenten so besonders zum

Ausdruck.

Fotos: Nomos Glashütte, Glashütte Original

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


UHREN

WIRTSCHAFT+MARKT77

in Glashütte leistet, darf diese Uhr auch als

Fotos: Nomos Glashütte, Glashütte Original

Der gravierte Unruhkloben: Auf der Oberfläche

dieses Bauteils, das Unruh & Spirale hält,

prangen meist florale Ornamente. Die Gravuren

werden aufgrund ihrer komplexen Form von

Hand ausgeführt und oftmals mit Gold ausgelegt.

Auf dem gravierten Unruhkloben sitzt eine

weitere Glashütter Besonderheit, die Schwanenhalsfeder.

Diese optisch wie technisch anspruchsvolle

Feder erlaubt ein besonders feines

Einstellen der Regulierschraube und garantiert

ein stabiles Gangverhalten.

Rubine in einem Uhrwerk, im Übrigen auch in

einem Schmuckstück gern gesehen, minimieren

als Lagersteine durch ihre harte und glatte

Oberfläche die Reibung und leisten somit

durch ihre Schönheit beste technische Dienste.

Sie können direkt in die Platinen eingepresst

werden, jedoch in den schön finisierten Uhrwerken

aus Glashütte werden sie größtenteils

in Goldchatons gefasst und mittels

thermisch gebläuter Schrauben fixiert. Dies

bildet tatsächlich gleichfalls einen praktischen

Nutzen. Bei späteren Wartungen lassen sich

diese Chatons einfach herausschrauben und

ersetzen.

Zur Vollendung eines Kunstwerkes bedarf

es eines Rahmens – in der Uhrmacherei

Anglieren genannt. Beim Anglieren werden

alle metallischen Kanten in einem Winkel von

45 Grad abgeschrägt und mit einem Stahlstift

von Hand poliert. Das Ergebnis ergibt nicht nur

eine Glanzkante, das Material wird durch diese

Veredlung zusätzlich verdichtet und somit

resistenter gegen äußere Einflüsse.

All dies macht eine Uhr nicht genauer, aber

wertvoller. Manch einer würde sagen, es ist

verrückt, so viel Aufwand für die Herstellung

einer Uhr zu betreiben. Es ist aber auch eine

Investition und gleichzeitig die Weitergabe von

theoretischem Wissen und handwerklichen

Techniken, da die heutige Ausbildung in der

Uhrmacherei größtenteils auf traditionellen

Kenntnissen beruht.

Nur wenige Uhren auf der Welt sind so

streng geschützt wie Uhren aus Glashütte.

Um den Qualitätsanspruch dieses besonderen

Ortes zu unterstreichen, gelten für die

Herkunftsbezeichnung „Glashütte“ strenge

Regeln. Nur wer mindestens 50 Prozent der

Wertschöpfung am Kaliber einer Uhr vor Ort

„Glashütter Uhr“ bezeichnen.

Jenseits des Monetären zeigen solch komponierte

Uhren, neben dem Hauptanliegen

der Zeit, also jahrhundertealte Tradition von

schützenswerter kultureller Bedeutung. Und

dem Besitzer bescheren sie Glücksmomente

im Handumdrehen. Also das Glück liegt nun in

Ihrer Hand.

Erleben Sie die wunderbaren Zeitmesser live

in unserem Juweliergeschäft im Hotel Adlon.

Erkennen Sie die Besonderheiten wieder!

Juwelier Leicht

Unter den Linden 77

10117 Berlin

Tel.: 030 – 22 90 212

Berlin@juwelier-leicht.de

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


78 WIRTSCHAFT+MARKT GESELLSCHAFT

Die Herrenmodetrends im

Herbst/Winter 2022/23

Es sieht so aus, als ob wir alle endlich und endgültig vom Pandemiestatus in

das normale Leben zurückkehren dürfen. Seien wir ehrlich: Diejenigen von

uns, die im Home-Office gearbeitet haben, mussten schon wahre Meister in

Sachen Selbstdisziplin sein, um nicht in den so bequemen Jogginganzugmodus

zu sinken. Spiegelt sich das nun auch in den Herrenmodetrends 2022/23?

VON BEATE LECLOUX

Foto: Scabal

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


FASHION

WIRTSCHAFT+MARKT79

Die Mailänder Männermodewoche – eine

Pflichtveranstaltung für mich, an der man in

diesem Jahr sowohl virtuell als auch teilweise

schon wieder physisch teilnehmen konnte – im

Januar 2022 zeigte dementsprechend einige

Elemente des legeren Home-Office-Looks, die

es in die Businessmode für Männer im Herbst

und Winter geschafft haben.

Die berühmten Designlabel von Brunello

Cucinelli bis Zegna zeigten wieder viele klassische

Anzüge, die aber lässig-weit mit breiten

Schultern und einem gewissen Oversize-Look

geschnitten waren. „Coziness“ nennt sich dieser

Trend, der laut Branchen-Magazinen wie

TextilWirtschaft oder FashionToday auch die

Herrenmode gerade dominiert.

Cozy, also gemütlich, sind auch die Rollkragenpullover,

die allerorten zum Anzug getragen

werden, nicht nur in den klassischen Farben

Schwarz und Dunkelblau, sondern auch in

Erdtönen und knalligem Rot.

Eine weitere Anleihe aus dem Home-Office-

Bereich sind Sneaker auch zum Businessanzug,

die jetzt in der vierten Modesaison nacheinander

ihren Weg in die Büros gefunden haben. Hosen

werden ebenfalls wieder weiter geschnitten.

Interessant und für die Saison typisch ist auch

der Einsatz des aus der Jogginghose bekannten

Kordelzuges anstelle eines Gürtels auch bei

Anzughosen.

Der Trend zum langen und nun auch weit geschnittenen

Mantel hat sich aus dem letzten

Winter erhalten – Ihre Winterjacke muss also

noch mindestens bis Ende 2023 warten, bevor

sie wieder zum Einsatz kommt.

Mein Fazit : Der Modegott war gnädig mit uns

– er lässt uns (vorerst) Teile unserer aus dem

Home-Office liebgewonnenen, vielfach leicht

schlamperten Gewohnheiten und leitet uns

so in einen zumindest modisch entspannten

Herbst und Winter.

Beate Lecloux

ist Inhaberin des

Maßbekleiders Cut For You in

der Reinhardtstraße 38 in Berlin.

www.cutforyou.com

www.cutforyou.com/facebook

Fotos: Cut For You / Randy Tarango © Cut For You (Portrait Beate Lecloux)

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


80

WIRTSCHAFT+MARKT

GESELLSCHAFT

PREMIERE:

Beachpolo im

Strandbad Grünau

ICEGUERILLA POLO CHALLENGE BERLIN 2022

Seit Jahren unterstützt Wirtschaft+Markt die Poloturniere,

die bislang jährlich am Strand von Warnemünde ausgetragen

wurden. Es sind sportliche Events der Sonderklasse und

eine herausragende Organisationsleistung des Veranstalters

Matthias Ludwig von Polo Riviera.

Vom 29.04. bis 01.05.2022 fand erstmals das ICEGUERILLA

Polo Challenge Berlin 2022 im Strandbad Grünau statt.

Und es war ein großer Erfolg.

Je vier Teams spielten im Ladies- und Gentlemen's-Cup

gegeneinander. Das Wetter hat es mit Spielern, Pferden

und vor allem Zuschauern gut gemeint. Drei Tage Polosport

auf höchstem Niveau im besonderen Ambiente des

Strandbads Grünau.

Gemeinsam mit BerlinMed unterstützte Wirtschaft+Markt

das Team der Geschwister Runa und Leah Kawamoto.

Polo im Strandbad Berlin Grünau

Veranstalter Matthias Ludwig und Moderatorin Mariella Ahrens

Finale im Ladies Cup

Fotos: Polo Riviera Gunnar Rosenow

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


BEACHPOLO

WIRTSCHAFT+MARKT81

Mathis Richter, Geschäftsführer Tourismusverein Berlin-Treptow e.V.

„Als mich Matthias Ludwig mit seiner Idee für ein Beachpoloturnier

ansprach, war ich spontan komplett begeistert. Es ist genau das,

was Berlin und wir hier in Köpenick brauchen. Wir sind ein sehr

sportlicher Bezirk und Beachpolo passt einfach gut hierher. Wir

haben hier ein tolles Publikum zu Gast und ich hoffe darauf, dass

das Turnier zu einer Tradition werden wird.“

Mathis Richter

Thomas Potocsár, Poolwerk Berlin GmbH

„Wir sind zum ersten Mal als Sponsor

beim Beachpolo, weil der Lifestyle-Gedanke

sowohl unsere Produkte als auch

den Polosport miteinander gut verbindet.

Als Berliner Unternehmen freuen wir uns

über die Premiere hier im Strandbad.“

Thomas Potocsár

Fotos: Polo Riviera Gunnar Rosenow (2), W+M (3)

Marco Witt, ICEGUERILLA Manufaktur

„Wir sind seit Jahren Hauptsponsor und Namensgeber für das

Turnier. Unser Unternehmen steht für Eis, Sommer, Sonne,

Wasser und das passt natürlich wunderbar zu Beachpolo. Für

uns sind gute Laune und Netzwerken wichtig und das finden

wir hier. Die Berlin-Premiere ist gelungen, aber im September

sind wir auch wieder Hauptsponsor in Warnemünde.“

Marco Witt und Matthias Ludwig

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


82

WIRTSCHAFT+MARKT

GESELLSCHAFT

Frank Nehring, Verleger und

Chefredakteur Wirtschaft+Markt

„Es ist immer ein tolles sportliches Ereignis. Erstmals

haben wir gemeinsam mit BerlinMed ein Poloteam

direkt unterstützt. Zu unserer großen Freude haben die

Spielerinnen mit unserem Logo auf dem Rücken auch

den Ladies Cup gewonnen. Danke und Glückwunsch an

Runa und Leah Kawamoto. Ihr wart einfach wunderbar.“

Runa und Leah Kawamoto

Sandy Katzer, Geschäftsführerin BerlinMed

Gewinner im Ladies Cup: Runa (links) und Leah Kawamoto (rechts)

mit Frank Nehring und Sandy Katzer

„Wir haben in Corona-Zeiten mit der

Ausarbeitung eines erfolgreichen

Hygienekonzeptes geholfen, dass die

Beachpoloturniere in Warnemünde

trotz aller Widrigkeiten stattfinden

konnten. Und seitdem gehören wir

auch zu den Unterstützern, anfangs

ohne konkreten Sponsorenfokus.

Es hat sich eben so ergeben. Berlin

ist ein toller Austragungsort für das

Poloturnier, aber Warnemünde hat

natürlich auch etwas.“

Das W+M-Poloteam mit Leah und Runa Kawamoto

Fotos: Polo Riviera Gunnar Rosenow (3), W+M (2)

Leah Kawamoto

W+M – FRÜHJAHR/SOMMER 2022


Polo Riviera Deutschland bedankt sich bei allen Unterstützern der

ICEGUERILLA POLO CHALLENGE BERLIN 2022

www.pergola-living.de

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Wir gestalten die Energiezukunft

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weitere Infos unter enviaM-Gruppe.de

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