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ALfA e.V. Magazin - LebensForum / 143 / 3/2022

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Nr. 143 | 3. Quartal 2022 | ISSN 0945-4586 | Einzelpreis 5,– E B 42890

Interview

Shawn Carney über

die neuen USA

Essay

Es gibt kein Recht

auf Abtreibung

Gesellschaft

Warten auf ein

Machtwort

EU VS. USA

Kampf um

den Lebensschutz

LEBENSFORUM 143

In Kooperation mit Ärzte für das Leben e.V.

1

www.alfa-ev.de


INHALT

LEBENSFORUM 143

TITELTHEMA POLITIK ZWISCHENRUF

Zeitenwende

im Lebensschutz

4

Nach dem Fall von »Roe vs.

Wade« entscheiden in den USA

wieder die Parlamente über die rechtliche

Regelung von Abtreibungen. Eine

entscheidende Weichenstellung kommt

im November.

Von Maximilian Lutz

Von Menschwürde

keine Spur

14

Das EU-Parlament spricht

sich für ein »Recht auf Abtreibung«

aus und fordert gar dessen

Aufnahme in die Grundrechtecharta der

Europäischen Union.

Von Tim Bioly

Auf der Seite des Lebens

24

Gott kann heilen, was im

Leben von Menschen zerbrochen

wurde. Das gilt sogar für die

Selbsttötung. Aber die Würde verpflichtet

uns auch zu einem entsprechenden

Umgang mit uns selbst.

Von Bischof em. Heinz Josef Algermissen

Amerika konnte nicht

mehr schlafen

8

Interview mit Shawn Carney,

Gründer und Präsident von »40

Days for Life«, einer amerikanischen

Lebensrechtsorganisation, die weltweit

Gebetsaktionen vor Abtreibungseinrichtungen

durchführt.

Von Cornelia Kaminski

ESSAY

»Recht auf Abtreibung«?

20

Wer meint, entscheiden

zu dürfen, ob ein anderer

weiterleben darf, bestreitet die Unverfügbarkeit

des Lebens von Menschen

durch ihresgleichen und erklärt auch

das Leben aller anderen de facto für

antastbar.

Von Stefan Rehder

GESELLSCHAFT

Warten auf

ein Machtwort

26

ZdK-Präsidentin Irme Stetter-

Karp steht unter Druck.

Tausende Katholiken fordern öffentlich

ihren Rücktritt. Und das aus gutem

Grund.

Von Cornelia Kaminski

2 LEBENSFORUM 143


EDITORIAL

Nur Wahrheit überdauert

WEITERE THEMEN

12 Bioethik-Splitter

30 Bücherforum

32 Kurz vor Schluss

35 Impressum

Liebe Leserinnen und Leser,

worauf Lebensrechtler weltweit gehofft

hatten, ist nun eingetreten: Das

Grundsatzurteil »Roe vs. Wade«, das

in den USA die vorgeburtliche Kindstötung

zu einem verbrieften Verfassungsrecht

gemacht hatte, wurde mit deutlicher

Stimmenmehrheit aufgehoben.

Nun entscheiden also wieder die einzelnen

Bundesstaaten darüber, wie Abtreibungen

dort geregelt werden sollen.

Eins ist schon jetzt klar: Die USA sind

in dieser Frage tief gespalten (S. 4 ff.).

Während in immer mehr Staaten Regierungen

Gesetze erlassen, die dem

Lebensschutz dienen, werden in anderen

jegliche Schutzzäune für das vorgeburtliche

Kind geschliffen. In Kalifornien

wurde mit AB 2223 ein Gesetz

verabschiedet, das von Lebensrechtlern

scharf kritisiert wird. Es sieht vor,

dass niemand bestraft wird, der gegen

die Gesundheits- und Sicherheitsstandards

für Abtreibungen verstößt. Abtreibungen

bis zur Geburt durch nicht

zugelassene Abtreiber könnten selbst

dann nicht bestraft werden, wenn diese

über keinerlei entsprechende Ausbildung

verfügen. Wie soll das die Gesundheit

und Sicherheit von Frauen

schützen?

Wir wollten aber auch wissen, welche

Auswirkungen das Urteil auf die

Lebensrechtsbewegung in den USA

hat – und haben dazu ein Interview

mit Shawn Carney geführt, dem Gründer

von »40 Days for Life«. Er erzählt

uns, welchen Beitrag Lebensrechtler in

den USA geleistet haben, um »Roe vs.

Wade« zu kippen (S. 8 ff.).

In Europa hat man hoch empfindlich

reagiert. Das Europäische Parlament

hat in einem einzigartigen Vorgang den

Obersten Gerichtshof der USA kritisiert

und die Regierung Biden aufgefordert,

ein »Recht auf Abtreibung« auf nationaler

Ebene zu gewährleisten – und

fordert für Europa, es in die EU-Grundrechtecharta

aufzunehmen. Wir berichten

ab S. 14.

Aus den USA lernen wir,

wie mit solchen Forderungen

umzugehen ist. Abtreibungen

müssen unzweideutig

als das bezeichnet

werden, was sie sind: Die

Tötung eines wehrlosen,

unschuldigen Menschen

(S. 20 ff.). Katholische Laien

in Führungspositionen,

die stattdessen das Narrativ

der Abtreibungslobby

unhinterfragt nachbeten,

verdunkeln diese Botschaft (S. 26 ff.).

Insofern sind wir sehr dankbar für den

Zwischenruf von Bischof em. Heinz Josef

Algermissen, der einen Blick auf

das Lebensende wirft. Auch hier droht

uns mit der Neuregelung des assistierten

Suizids nach der Sommerpause

ein Gesetz, das es ermöglicht, »auf

eine tödliche Verzweiflung mit der Tötung

des Verzweifelten« zu reagieren

(S. 24 f.).

Das Leben ist positiv besetzt, der Tod

ist es nicht, und erst recht nicht eine

Tötungshandlung. Nicht umsonst umgehen

die Abtreibungsbefürworter die

Tatsachen und sprechen lieber von

»Gesundheitsvorsorge« und »Selbstbestimmung«.

Gleiches gilt für das Lebensende.

Unsere Aufgabe ist es dagegen, unablässig

die Wahrheit zu wiederholen. Sie

wird sich durchsetzen: Lügen, weiß der

Volksmund, haben kurze Beine. Anders

als die Wahrheit sind sie nicht von Dauer.

Ihre

Cornelia Kaminski

Bundesvorsitzende der ALfA e.V.

LEBENSFORUM 143

3


TITELTHEMA

Zeitenwende

im Lebensschutz

»Roe vs. Wade« ist Geschichte, die Parlamente entscheiden wieder über die Abtreibungsgesetze.

Während einzelne Staaten bereits zur Tat geschritten sind, suchen die Demokraten

fieberhaft nach einem Weg, das neue Gerichtsurteil zu umgehen. Eine entscheidende

Weichenstellung kommt im November.

Von Maximilian Lutz

Wer in den letzten Wochen

durch Kalifornien fuhr, hatte

gute Chancen, am Straßenrand

auf eine überdimensionale Reklametafel

in knallig-bunten Farben zu

stoßen. Werbung für ein Wellness-Resort?

Den nächsten Burger-Grill? Weit

gefehlt. »Willkommen in Kalifornien,

wo Abtreibung sicher und weiterhin

legal ist«, steht auf den »Billboards«

zu lesen, die gleich in mehreren Städten

des US-Westküstenstaats ins Auge

springen. Finanziert hat sie die Organisation

»Planned Parenthood« – und

damit vor allem im Netz eine kontrovers

geführte Debatte losgetreten. Während

die einen von der »coolsten Aktion«

sprechen, die sie je gesehen haben,

kündigen andere an, den Staat nun verlassen

zu wollen.

Dabei ist die Werbekampagne von

Planned Parenthood im Wortsinn nur

eine symbolische Maßnahme. Der größte

Anbieter von Abtreibungen in Ame-

4 LEBENSFORUM 143


TITELTHEMA

JUDITHANNE/STOCK.ADOBE.COM

rika ist seit einigen Wochen spürbar unter

Zugzwang. Genauer gesagt, seit dem

24. Juni. An jenem Tag veröffentlichte

der Oberste Gerichtshof der USA

sein lange erwartetes Urteil im Fall

»Dobbs vs. Jackson Women’s Health

Organization«. Darin stimmten fünf

der neun Obersten Richter dafür, das

fast 50 Jahre alte, umstrittene Grundsatzurteil

»Roe vs. Wade« zu kippen,

das die amerikanische Abtreibungsgesetzgebung

bis dato bestimmt hatte.

In der Urteilsbegründung heißt es,

die amerikanische Verfassung enthalte

kein »Recht« auf Abtreibung. In »Roe

vs. Wade« war das Oberste Gericht

1973 zu dem Schluss gekommen, dass

sich ein solches Recht aus dem durch

den 14. Verfassungszusatz garantierten

»Recht auf Privatsphäre« ableiten lasse.

Die Entscheidung in einem weiteren

Fall, »Planned Parenthood vs. Casey«,

bekräftigte »Roe« 1992. Die damalige

Auffassung teilen die Obersten

Richter nun nicht mehr. Sowohl »Roe«

als auch »Casey« hätten die Frage ignoriert,

ob die Verfassung ein »Recht«

auf Abtreibung enthalte. Stattdessen sei

»Casey« ausschließlich mit dem juristischen

Prinzip des »stare decisis« entschieden

worden – also auf Grundlage

des vorangegangenen Präzedenzfalles.

Nun liegt es wieder in den Händen

der einzelnen Bundesstaaten, über ihre

Abtreibungsgesetze zu entscheiden.

Und da Amerika in Sachen Abtreibung,

wie in so vielen gesellschaftspolitischen

Fragen, gespalten ist, wird die Rechtslage

auf absehbare Zeit einem Flickenteppich

gleichen. Auch die Reaktionen

auf das Urteil spiegeln die tiefen Gräben

wider. Die US-Bischöfe sprachen

von einem »historischen Tag« in der

Geschichte der USA. »Fast 50 Jahre

lang hat Amerika ein ungerechtes Gesetz

durchgesetzt, das einigen darüber

zu entscheiden erlaubt hat, ob andere

leben können oder sterben müssen«,

schrieben sie in einer Stellungnahme.

»Wir danken Gott, dass der Oberste

Gerichtshof diese Entscheidung rückgängig

gemacht hat.«

Gleichzeitig betonten die US-Bischöfe,

dass nun begonnen werden müsse,

»ein Amerika nach Roe« aufzubauen.

Es brauche »vernünftige Reflexion«

und zivilisierten Dialog, »um eine Gesellschaft

zu formen, die Ehe und Familie

unterstützt, und in der jeder Frau

die Unterstützung und Ressourcen zur

Verfügung stehen, um ihr Kind in Liebe

in diese Welt zu bringen«. Ähnlich

äußerte sich auch der langjährige Vorsitzende

des Lebensschutzkomitees der

Bischöfe, Erzbischof Joseph Naumann.

Gegenüber der in Würzburg erscheinenden

katholischen Wochenzeitung

»Die Tagespost« begrüßte er das Urteil

und wies darauf hin, dass selbst Juristen,

die Abtreibung grundsätzlich

befürworteten, eingeräumt hätten, im

Fall »Roe vs. Wade« sei keine plausibel

begründete Entscheidung getroffen

worden. Naumann, auch Oberhirte

von Kansas City, betonte, nun müsse

man die »Bemühungen hochfahren,

allen Frauen, die schwierige Schwangerschaften

erleben, die größtmögliche

Unterstützung anzubieten«. Dabei gehe

es eben nicht nur um das Kind, sondern

auch um die Mutter.

Von welcher Tragweite das Urteil

des Obersten Gerichtshofs ist, sieht

man daran, dass selbst Papst Franziskus

dazu Stellung nahm. Er respektiere

die Entscheidung, so der Papst im Interview

mit der US-Nachrichtenagentur

»Reuters«. Jedoch verfüge er nicht

über ausreichend Informationen, um

das neue Urteil aus juristischer Perspektive

zu kommentieren.

1. November 2021: Während die Höchstrichter eine Anhörung veranstalten, versammeln

sich Aktivisten und Pressevertreter vor dem Gebäude des Supreme Courts

Abtreibungsbefürworter hingegen liefen

Sturm gegen den Richterspruch. Die

Präsidentin von Planned Parenthood,

Alexis McGill Johnson, nannte das Gerichtsurteil

»schrecklich« und betonte,

dass Minderheiten und Menschen mit

niedrigem Einkommen davon am stärksten

betroffen seien. Der Oberste Gerichtshof

habe nun offiziell Politikern

die Erlaubnis erteilt, zu kontrollieren,

»was wir mit unseren Körpern tun«.

Gleichzeitig betonte sie: »Wir werden

uns diese Freiheit, die uns gehört, wieder

zurückholen. Wir werden nicht einknicken.«

Die Vorsitzende der Abtreibungs-Lobbyorganisation

»Center for

Reproductive Rights«, Nancy Northup,

verglich die Gerichtsentscheidung mit

einer »Abrissbirne«, die »über das Verfassungsrecht

auf Abtreibung« hinweggefegt

sei. Der Gerichtshof habe einen

»neuen Tiefpunkt« erreicht, indem er

Frauen »zum ersten Mal überhaupt eine

von der Verfassung garantierte persönliche

Freiheit entzogen« habe.

Die linksliberale US-Presse haben

McGill Johnson, Northup und Co. auf

ihrer Seite. Auffallend deutlich nahmen

Zeitschriften wie der »Atlantic«,

der »New Yorker« oder auch die »New

York Times« in ihrer Berichterstattung

eine Haltung des Widerstands ein. Oft

zeichneten sie ein für das eigene Publi-

LEBENSFORUM 143

5


TITELTHEMA

kum düsteres, ja fast schon dystopisches

Zukunftsbild. Dabei kamen renommierte

Schriftsteller, Rechtsgelehrte und Verfassungsjuristen

zu Wort, die etwa behaupteten,

die härtesten Abtreibungseinschränkungen

stünden erst noch bevor

– und Amerika befinde sich auf dem

Weg zurück ins 17. Jahrhundert.

Doch nicht alle Gegner des neuen

Gerichtsurteils beschränkten sich auf

Widerstand mit Druckerpresse und Füllfederhalter:

Bundesweit kam es in den

Wochen nach der Entscheidung in zahlreichen

Städten zu massiven Protesten,

teilweise auch zu Ausschreitungen und

Vandalismus. Manche im Pro-Choice-

Lager schreckten vor vulgären Graffiti,

Sachbeschädigung und sogar Brandstiftung

nicht zurück. Oft hinterließen

die Täter Sätze wie »Wenn Abtreibungen

nicht sicher sind, seid ihr es auch

nicht«, »Treibt die Kirche ab« oder einfach

nur das Wort »Rache«. Am häufigsten

gerieten Kirchen sowie Beratungszentren

für Schwangerschaftskonflikte

ins Fadenkreuz der Randalierer. Jene

Gewaltbereitschaft überrascht jedoch

kaum: Bereits im Mai nahmen ähnliche

Übergriffe zu, nachdem ein Entwurf

der vom Obersten Richter Samuel Alito

verfassten Mehrheitsmeinung vorab

Nach dem Urteil des US-Supreme-Courts: Abtreibungsbefürworter in Los Angeles

an die Medien durchgestochen worden

war. Die »Catholic News Agency«, die

alle Vorfälle minutiös auflistet, zählt seit

Mai insgesamt 82 Übergriffe.

Wie aufgeheizt die Stimmung ist, illustriert

der Fall einer Zehnjährigen aus

Ohio, der auch international für Schlagzeilen

sorgte: Nach einer Vergewaltigung

wurde das Mädchen schwanger,

konnte ihr Kind in dem Bundesstaat jedoch

nicht abtreiben, da dort seit dem

neuen Urteil Abtreibungen nach der

sechsten Schwangerschaftswoche verboten

sind – ohne Ausnahmen im Falle

von Vergewaltigung oder Inzest. Daraufhin

reiste sie in den Nachbarstaat

Indiana, wo sie ihr Kind am 30. Juni abtrieb.

Die Demokraten instrumentalisierten

den tragischen Einzelfall, um die

in ihren Augen fatalen Konsequenzen

der neuen Rechtslage aufzuzeigen. Die

Republikaner wiederum wiesen die Berichte

lange als »Fake News« zurück,

bis schließlich ein 27-Jähriger des Verbrechens

angeklagt wurde. Als Beigeschmack

blieb zurück: Beiden Seiten

ging es weniger um das Schicksal der

Betroffenen als darum, aus dem Vorfall

politisch Kapital zu schlagen.

Auf die »Arbeit« der Abtreibungskliniken

im Land wirken sich die Gesetze

DEREK FRENCH/PEXELS.COM

offenbar bereits aus: Wie eine Erhebung

des von der Abtreibungslobby finanzierten

Guttmacher Institute zeigt, hatten

bis Ende Juli 43 Kliniken in insgesamt

elf Bundesstaaten ihren Betrieb eingestellt.

Zahlreiche Bundesstaaten haben

schnell auf das Urteil des Obersten Gerichtshofs

reagiert – und ihre Abtreibungsgesetze

verschärft. Neben Ohio

haben auch Georgia und South Carolina

ein Abtreibungsverbot nach der sechsten

Schwangerschaftswoche erlassen.

In insgesamt acht Staaten gilt derzeit

sogar ein komplettes Abtreibungsverbot,

darunter Alabama, Texas und Arkansas.

In vier Staaten werden neue,

restriktive Gesetze bald in Kraft treten:

Idaho, North Dakota, Tennessee

und Wyoming. Und in einigen weiteren,

mehrheitlich konservativ regierten

Staaten wurden strikte Abtreibungsgesetze

zwar vorbereitet; allerdings werden

sie derzeit noch von Gerichten blockiert.

Eine Sonderrolle nimmt Florida

ein: Hier unterzeichnete der republikanische

Gouverneur Ron DeSantis

jüngst ein Gesetz, das Abtreibungen

verbietet – allerdings erst nach der 15.

Schwangerschaftswoche. Vielen Lebensschützern

geht das nicht weit genug.

DeSantis sieht sich seit Wochen massivem

Druck ausgesetzt, die Gesetzgebung

weiter zu verschärfen. Allerdings

kämpft der Gouverneur im November

um seine Wiederwahl. Und einige sagen

ihm auch Ambitionen auf eine Präsidentschaftskandidatur

2024 nach. Gut

möglich, dass er einem strikteren Gesetz

skeptisch gegenübersteht, um potenzielle

Wechselwähler nicht zu verschrecken.

Während in einigen Bundesstaaten

vereinzelt noch juristische Hürden zu

überwinden sind, lässt sich dennoch sagen:

Langfristig werden auch die Gerichte

restriktive Abtreibungsgesetze

kaum blockieren können, wenn die

Parlamente der Bundesstaaten diese

beschließen. Und auch dem amtierenden

US-Präsidenten Joe Biden sind die

Hände gebunden. Zwar unterzeichnete

er Anfang Juli einen Präsidialerlass

zum »Schutz reproduktiver Rechte«. Jedoch

handelt es sich dabei eher um eine

symbolische Maßnahme, die die eigenen

Anhänger zufriedenstellen soll.

Der Erlass des Demokraten erleichtert

lediglich den Zugang zu chemischen Ab-

6 LEBENSFORUM 143


TITELTHEMA

treibungspräparaten und Verhütungsmitteln.

Und stellt sicher, dass die persönlichen

Daten von Frauen, die sich

online über Abtreibung informieren,

besser geschützt sind. Verbal griff Biden,

nach John F. Kennedy der zweite

Katholik im Weißen Haus, dafür zu

umso größeren Geschützen: Das Urteil

des Obersten Gerichts nannte er mehrmals

eine »extreme« Entscheidung, das

Gericht selbst bezeichnete er als »extremistisch«.

Auch hier tritt wieder ein Phänomen

zutage, das sich schon seit Längerem

beobachten lässt: Biden und seine

Partei geben sich nach außen selbstbewusst

und kämpferisch, versuchen damit

allerdings lediglich ihre Machtlosigkeit

zu überspielen. Wenn es eines weiteren

Beweises bedurfte, erbrachten ihn die

Demokraten im Repräsentantenhaus. Da

Bidens Erlass zum »Schutz reproduktiver

Rechte« von künftigen Präsidenten

mit einem Federstrich abgeschafft

werden kann, brachten sie nochmals einen

entsprechenden Gesetzentwurf ein.

Und auch ihr »Lieblingsprojekt«, den

»Women’s Health Protection Act«, der

ein bundesweites »Recht« auf Abtreibung

gesetzlich verankern würde, stellten

sie zur Abstimmung – bereits zum

dritten Mal. Beide Gesetzentwürfe haben

angesichts der Mehrheitsverhältnisse

im Oberhaus, dem Senat, jedoch

nicht die geringste Aussicht auf Erfolg.

Doch die Demokraten sind nervös.

Und fürchten, dass der Oberste

Gerichtshof in Zukunft noch weitere

Rechte annullieren könnte, denen bislang

Verfassungsrang zukommt. In einer

persönlichen Ergänzung zur Urteilsbegründung

hatte der konservative

Richter Clarence Thomas eben dies

angedeutet: Gemäß einer wörtlichen

Auslegung der Verfassung müsse man

andere, bislang geltende Präzedenzfälle

eigentlich noch einmal prüfen, so

Thomas. Insbesondere das Recht auf

Verhütungsmittel sowie auf gleichgeschlechtliche

Eheschließungen gelten

als Wackelkandidaten.

Es ist allerdings keinesfalls erwiesen,

dass es sich bei den Äußerungen

des Obersten Richters Thomas um

mehr als nur eine Einzelmeinung handelt.

Die konservativen Richterkollegen

Brett Kavanaugh, Amy Coney Barrett

oder auch der Vorsitzende des Gerichtshofs,

John Roberts, ließen nichts

dergleichen verlauten. Vor allem Roberts

stimmte in der Vergangenheit

auch immer wieder mit dem eher linksliberalen

Richterblock. Schon im Fall

»Dobbs« ging er einen Sonderweg. Eigentlich

behandelte der Fall folgende

Frage: Sind alle Verbote von Abtreibungen

vor der Lebensfähigkeit des

Kindes außerhalb des Mutterleibs verfassungswidrig?

Der Aufhänger dafür

war ein Gesetz des Bundesstaates Mississippi,

das Abtreibungen nach der 15.

Schwangerschaftswoche mit Ausnahme

weniger Fälle verboten hätte.

Roberts pflichtet den fünf konservativen

Amtskollegen in ihrer Beurteilung

des Falles zwar bei – das Urteil im

Fall »Dobbs«, wonach eben nicht alle

Verbote vor der Lebensfähigkeit verfassungswidrig

sind, erging somit mit

sechs zu drei Stimmen. »Roe vs. Wade«

wollte der 67-Jährige jedoch nicht

kippen. Vielmehr hält er ein grundsätzliches

»Recht« einer Frau, ihre Schwangerschaft

zu beenden, für verfassungskonform.

Jenes »Recht«, betonte er in

seiner Urteilsbegründung, »sollte so

weit gehen, dass sich ihr eine vernünftige

Möglichkeit bietet, diese Entscheidung

zu treffen«. Es müsse jedoch »sicher

nicht bis zum Punkt der Lebensfähigkeit

bestehen«. Eine Frist von 15

Wochen, wie sie das Gesetz von Mississippi

vorsah, hält der Vorsitzende

des Obersten Gerichts demnach für

ausreichend.

Trotz allem wollen die Demokraten

im Kongress offenbar allen Eventualitäten

vorbeugen. Sie verabschiedeten

zwei Gesetzentwürfe, um das Recht

auf Verhütungsmittel sowie auf gleichgeschlechtliche

Eheschließung, bislang

nur durch Entscheidungen des Obersten

Gerichtshofs garantiert, gesetzlich zu sichern.

Im Repräsentantenhaus stimmten

sogar einige Republikaner mit den

Demokraten dafür. Die wohl unüberwindbare

Hürde stellt allerdings wieder

die Abstimmung im Senat dar.

Daher richten sich schon jetzt alle

Augen auf die »Midterms«, die Kongresswahlen

im November. Sowohl die

Demokraten wie auch die Republikaner

erwarten sich vom neuen Grundsatzurteil

des Obersten Gerichtshofs

einen Mobilisierungsschub für die eigene

Wählerschaft. Die Wahlen könnten

durchaus neue Mehrheitsverhältnisse

hervorbringen und dafür sorgen,

dass die Demokraten die Kontrolle über

zumindest eine der beiden Parlamentskammern

verlieren. Für den Nordamerika-Experten

Michael Hochgeschwender

ist dies jedenfalls denkbar. Gegenüber

der »Tagespost« meinte er kürzlich,

er halte es für fraglich, dass sich das

Abtreibungsurteil für die Demokraten

so mobilisierend auswirkt, wie viele in

der Partei sich das erhoffen.

Sollte das Pendel deutlich in Richtung

der Republikaner schwingen und

sie erobern sogar beide Kammern zurück,

dürften sämtliche Pläne der Demokraten,

ein bundesweites »Recht«

auf Abtreibung gesetzlich festzuschreiben,

für lange Zeit vereitelt sein. Dann

könnten die Republikaner sogar einen

Anlauf starten, ein landesweit geltendes

Abtreibungsverbot zu erlassen – und die

US-Abtreibungslobby endgültig in die

Knie zwingen. Planned Parenthood hätte

dann eine neue Aufgabe: die knalligbunte

Abtreibungsreklame in Kalifornien

wieder abzuschrauben.

Im Portrait

Maximilian Lutz

Maximilian Lutz (geb. 1993) ist

Chef vom Dienst Online der in

Deutschland, Österreich und der

Schweiz erscheinenden katholischen

Wochenzeitung »Die Tagespost«.

Nach seinem Studium des

Übersetzens und Dolmetschens

in Würzburg und München absolvierte

er eine journalistische Ausbildung

in Form eines Volontariats

bei der »Tagespost«. Bis Sommer

2019 berichtete er für die Zeitung

aus Frankreich. 2021 erschien im

Benno-Verlag seine Biden-Biografie:

»Joe Biden. Ein Katholik im

Weißen Haus«.

LEBENSFORUM 143

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TITELTHEMA

WWW.40DAYSFORLIFE.COM

Amerika konnte

nicht mehr schlafen

Shawn Carney ist Gründer und Präsident von »40 Days for Life«, einer amerikanischen Lebensrechtsorganisation,

die mittlerweile weltweit Gebetsaktionen vor Abtreibungseinrichtungen durchführt.

Bekannt wurde Shawn durch die Rolle, die er bei der Konversion von Abby Johnson spielte,

deren Geschichte der Film »Unplanned« erzählt. Carney war derjenige, den Johnson aufsuchte, als

sie sich entschloss, der Abtreibungsklinik den Rücken zu kehren. Mit Shawn Carney sprach Cornelia

Kaminski darüber, wie es zur Rücknahme von »Roe vs. Wade« kam, und über das Amerika danach.

LebensForum: Shawn, vielen unserer

Leser ist die Szene aus dem Film »Unplanned«

bekannt, in der Abby Johnson

im Büro eines jungen Abtreibungsgegners

landet – kurz nachdem sie beschlossen

hat, ihren Posten als Leiterin

der Planned-Parenthood-Abtreibungsklinik

zu räumen.

Shawn Carney: Ja, Abby ist in mein

Büro hereinspaziert im Oktober 2009.

Sie war die Leiterin der lokalen Abtreibungsklinik.

Das ist eine sehr schöne

Geschichte, die übrigens auch immer

typischer wird. Denn es ist einfach so:

Menschen denken zunächst, sie helfen

Frauen, und dann stellen sie fest, dass

sie Babys töten. Und dann haben sie

8 LEBENSFORUM 143


TITELTHEMA

die Demut, dies zuzugeben und auszusteigen.

Was in der Filmszene besonders beeindruckt,

ist die Tatsache, dass von dir

nicht ein Wort des Vorwurfs, der Verurteilung

oder der Skepsis zu hören war.

Du hast ihr einfach ein Gespräch und einen

Kaffee angeboten.

Alle in meinem Team waren sehr überrascht

darüber, wie wenig skeptisch ich

war. Das liegt aber daran, dass ich Abby

kannte. Ich wusste, dass sie ihre Gefühle

einfach nicht verbergen kann. Ich habe

ihr also gleich geglaubt. Ich dachte,

sie ist sehr authentisch. Unsere Beziehung

war auch so – sie kam ja oft raus

zu mir an den Zaun, manchmal hat sie

mich angeschrien und mir

den Mittelfinger gezeigt.

Das hätte sie eigentlich

nicht gedurft, das Training

bei Planned Parenthood

sieht vor, dass die Mitarbeiter

die Beter einfach

nicht wahrnehmen. Diese

Regel hat Abby aber dauernd

missachtet und mir

immer wieder erklärt, sie

sei ein guter Mensch. Ich

habe ihr stets geantwortet,

sie brauche sich mir gegenüber

nicht zu verteidigen.

Und es ist doch toll, dass sie

uns damals geglaubt hat, als

wir gesagt haben, wir sind

da, um dir zu helfen. Es ist

eine sehr schöne Geschichte.

Und das passiert nicht

in die Gegenrichtung: Es

gibt keine Menschen wie

dich, oder Frauen mit fünf

Kindern, die ein Schwangerenhilfszentrum

in Florida leiten, die plötzlich aufwachen

und sagen: »Oh Mann, ich hätte

eigentlich eine Abtreibungsklinik leiten

sollen! Ich hätte Abtreibungsarzt werden

sollen!« Das passiert einfach nicht.

Das hier ist ein Pendel, das in eine Richtung

ausschwingt.

Mittlerweile gibt es viele Staaten in den

USA, in denen es strikte Abtreibungsregelungen

gibt, die mit der Entscheidung

des Supreme Courts, »Roe vs.

Wade« zu kippen, auch in Kraft treten.

Offensichtlicht macht ihr gute Arbeit.

Danke – ja, wir haben ein sehr gutes

Team. Wir hatten schon einen Plan dafür,

dass »Roe vs. Wade« gekippt würde.

Wir waren also in den Startlöchern

und werden jetzt unseren Plan umsetzen.

Und da wir eine Graswurzelbewegung

sind, sind wir in der besten Position

für das »Post-Roe-vs.-Wade-Amerika«.

Es ist ziemlich aufregend!

Wie konnte es in den USA gelingen,

eine Atmosphäre zu schaffen, in der ein

Verfassungsrecht auf Abtreibung gekippt

wird?

Zuerst muss man sagen, es war schon rein

technisch gesehen einfach ein schlechtes

Gesetz. Es basierte auf der Vorstellung,

dass das Recht auf Privatleben in

Die Homepage der US-Lebensschutzorganisation »40 Days for Life«

unserer Verfassung verankert sei, und

selbst Pro-Choice-Richter wie Ruth Bader

Ginsburg sagten, es ist ein schlechtes

Gesetz. Hinzu kommt, dass »Roe vs.

Wade« deswegen bedroht war, weil die

Generation, die uns Abtreibungen gebracht

hat, die Baby Boomers waren.

Viele von ihnen sind, als sie älter wurden,

Lebensrechtler geworden. Aber

auch viele junge Menschen sind pro

life. Die Pro-Life-Bewegung hat also

in den Graswurzeln angefangen, dort,

wo man die Herzen und den Verstand

der Menschen erreicht. In den 80er und

90er Jahren wurden Ultraschallbilder

sehr beliebt, auf denen das ungeborene

kleine Kind zu sehen ist. Jetzt hatten

also die Menschen solche Ultraschallfotos

von ihren kleinen Geschwistern,

Enkeln, Nichten oder Neffen am Kühlschrank

hängen. Ein weiterer Punkt

ist die medizinische Entwicklung: Wir

können ungeborene Kinder im Mutterleib

operieren – oder wir können sie

bis zur 25. Woche töten. Am Ende war

es, glaube ich, so, dass Amerika einfach

nachts nicht mehr schlafen konnte. Abtreibung

war ein Thema in jeder Präsidentschaftswahl,

bei jeder Nominierung

von Richtern.

Die Abtreibungsindustrie hat zudem

selbst zugegeben, dass sie es schwer hat,

junge Leute zu finden, die Abtreibung

verteidigen wollen – denn das ist einfach

eine negative Sache. Pro life zu

sein ist dagegen positiv. Du setzt dich

für etwas ein, um es zu schützen – das

ist positiv. Wir setzen uns für die Umwelt

ein, um sie zu schützen. Jede erfolgreiche

Bewegung bindet sich an ein

solches Positivum. Die Abtreibungsbewegung

kann das nicht. Sie wird niemals

einfach rundheraus sagen können, was

Abtreibung wirklich ist. Sie hat zwar

Abtreibungen als Gesundheitsvorsorge

deklariert, aber sie spricht nicht so

darüber, wie man über Gesundheitsvorsorge

spricht. Wenn man etwa eine

Operation hatte, spricht man darü-

LEBENSFORUM 143

9


TITELTHEMA

ber sehr offen: Wir erzählen im Detail

von der ärztlichen Versorgung, davon,

wie der Chirurg vorgegangen ist, welche

Operationsmethode er angewandt

hat. Dabei erwähnen wir auch Details,

selbst wenn es blutig ist, und das ist in

Ordnung. Wir erzählen davon, weil da

Gewebe zerrissen und entfernt wird, um

zu heilen. Abtreibungen sind die einzige

Operation, bei der Gewebe nicht

zerrissen und entfernt wird, um zu heilen,

sondern um zu töten. Das ist in den

Herzen und im Verstand der Menschen

angekommen.

Das andere, was Amerika so besonders

macht, ist die Art, wie Behandlungen

an Menschen in den USA geregelt

werden. Friseure, Nagelstudios, alle

werden durch Gesetze der Bundesstaaten

reguliert. Nur bei Abtreibungseinrichtungen

ging das aufgrund des Urteils

»Roe vs. Wade« nicht. Also hat

die Pro-Life-Bewegung den Supreme

Court mit Verfahren überzogen. Das

war der Oberste Gerichtshof irgendwann

leid und hat festgestellt: Wir sollten

das nicht auf Bundesebene regeln.

Wir sollten es an die Staaten zurückgeben,

damit sie es selbst regeln können.

Richter Samuel Alito hat in seinem

brillanten Statement festgehalten,

dass die Regelung der Abtreibung

nun wieder an alle Frauen zurückgegeben

wird. Denn es war ein ausschließlich

mit Männern besetzter Gerichtshof,

der »Roe vs. Wade« entschieden

hatte. Es sollte aber von den Frauen

entschieden werden können.

Ist es in den USA einfacher als bei uns,

die Medien für sich zu gewinnen und

die Pro-Life-Botschaft zu senden?

Nicht wirklich. Ich glaube, Europäer

überschätzen Amerika da ein wenig. Es

gibt so eine falsche Vorstellung davon,

dass Amerika puritanisch ist, die Medien

sind fair und alle sind sehr religiös.

Aber was unsere Abtreibungsregelungen

betrifft, sind wir auf dem gleichen

Niveau wie China und Nordkorea: bis

zur 40. Schwangerschaftswoche. Nach

dem neuen Gesetz in New York von 2019

muss eine Abtreibung nicht mal von einem

Arzt durchgeführt werden, und das

nennt sich dann Gesundheitsvorsorge.

Ganz Amerika ist sehr säkular, und unsere

säkularen Menschen sind aggressiver

als in Europa. Es gibt jedoch auch

viele religiöse Menschen hier, und die

Lebensrechtsbewegung gewinnt, denn

für uns geht es um Leben oder Tod. Die

Medien denken zwar, dass wir verrückt

sind, aber sie zeigen, dass die Pro-Life-

Bewegung wirklich Schwung hat. Abtreibungsbefürworter

sind eher passiv.

WWW.40DAYSFORLIFE.COM

Richter Samuel Alito

Auch junge Hollywood-Schauspieler wie Jared Lotz oder Emma Elle Roberts engagieren

sich für die Aktion »40 Days for Life«

Die vielen Jahre, die wir jetzt schon

Abtreibungen haben, haben nichts genutzt.

Wir sind einfach nie damit klargekommen,

und deswegen ist es noch

immer keine ganz normale Operation,

an die man sich gewöhnt hat. Stattdessen

sind Abtreibungen nun in 16 Bundesstaaten

verboten. Und diese Zahl

wird noch steigen. Was man also tun

muss, ist, darüber zu reden und Abtreibung

immer wieder in Frage zu stellen.

Das Leben braucht keine Verteidigung.

Abtreibung aber braucht permanente

Verteidigung: durch die, die eine wollen,

die eine hatten, die sie durchführen.

Deswegen ist die Pro-Life-Bewegung

in den USA eine Bewegung der

Konvertiten. Sie wird geleitet von denjenigen,

die früher Abtreibungen hatten.

Frauen, die eine Abtreibung hatten,

führen jedes Jahr den »March for Life«

an. Eine Bewegung von Konvertiten ist

immer eine Bewegung der Hoffnung.

Zudem haben wir in den USA zum

zweiten Mal Mitbürger entmenschlicht.

Wir haben es mit den Farbigen getan,

und wir haben es mit den Ungeborenen

gemacht. Nicht wegen ihrer Hautfarbe,

aber wegen ihrer Größe und ihres

Aufenthaltsorts. Der Supreme Court

10 LEBENSFORUM 143


TITELTHEMA

hat sich befreit aus der Entmenschlichung,

die eine Abtreibung bedeutet –

denn du musst einem ungeborenen Kind

seine Menschlichkeit absprechen, um es

töten zu können. Wir sollten das auch

genauso aussprechen. Wir müssen zur

Sprache bringen, dass die Entmenschlichung

eines gesamten Teils der Bevölkerung

die Voraussetzung dafür ist,

dass man diesen Teil der Bevölkerung

entsorgen kann.

Wir sollten daher als junge Generation

nicht verächtlich auf die vorangegangenen

Generationen zurückschauen,

nach dem Motto: »Die Sklavenhalter

waren furchtbar, die Nazis waren

furchtbar, aber unsere Generation

ist fortschrittlich.« Das ist einfach eine

totale Lüge. Die Mentalität, auf der

die Abtreibung überlebt, ist die Eugenik.

Das sieht man jetzt auch sehr genau

in den USA: Hier kommen die inneren

Eugeniker raus. Das Erste, was wir hören,

ist: »Oh, wo kriegen denn jetzt die

armen farbigen Frauen ihre Abtreibung

her? Wir können doch nicht arme Farbige

hier haben, das wäre doch schrecklich?

Was ist denn mit behinderten Kindern?

Wollt ihr wirklich diese ganzen

unerwünschten Menschen haben?« Das

sagte neulich ein Mann zu mir: »Da

werdet ihr euch noch umgucken, in 20

Jahren werden wir diese ganzen unerwünschten

Kriminellen hier rumlaufen

haben!« Grundsätzlich wäre demnach

unsere Gesellschaft besser, wenn

wir bestimmte Menschen umbringen

würden. Abtreibung hat schon immer

auf diesem Gedanken basiert: Ist unser

Kind es wert, unter uns zu leben? Das

muss klar und deutlich benannt werden.

Das wird dann ungemütlich für

die Menschen. Wir als Lebensrechtler

müssen daher weitermachen, unsere

Arbeit fängt jetzt erst an. Das sage

ich, um Deutschland Mut zu machen:

Die wenigsten Menschen, die für Abtreibung

sind, wollen darüber reden

oder sich öffentlich dafür starkmachen.

Es gibt viele Menschen, die Abtreibungen

verteidigen, weil sie selbst beteiligt

sind oder waren. Es gibt ein gewisses

Schuldbewusstsein, das aber

weniger gravierend ist, wenn man mit

der Schuld nicht allein dasteht – wenn

es viele andere auch machen, ist man

selber nicht mehr so schlecht.

UNPLANNED MOVIE LLC

Das ist aber die Mentalität, die hinter

jeder Sünde steckt. Wenn alle das

machen, ist es ja vielleicht gar nicht so

schlecht. So ist der Mensch. Abtreibungen

wurden einfach als Verhütungsmittel

genutzt. Die wahren Gewinner

der Abtreibung sind schlechte Männer.

Frauen müssen Abtreibungen über sich

ergehen lassen, Männer nicht. Es sind

schlechte Männer, die von Abtreibungen

profitieren.

Nochmal zurück zu der Situation nach

»Roe vs. Wade«. Die Medienberichterstattung

ließ vermuten, dass es aufgrund

der großen Unterstützung für

»Roe vs. Wade« in den USA zu sehr vielen

Protesten kommen würde.

Ich war etwas unbeeindruckt von der

Gewalt. Ein paar Zentren wurden attackiert

– aber wenn wir in den USA Proteste

haben, dann ist jede Stadt betroffen,

nicht nur die großen Städte, sondern

auch kleinere. Das war diesmal

nicht der Fall. Ich hatte vorhergesagt,

dass es einen Anstieg an Gewalt geben

würde, wir hatten auch eine Cyberattacke,

ein paar Kirchen wurden besprüht,

ein Webinar von uns wurde gestört. Aber

es war dankenswerterweise nicht sehr

viel. Nicht mal eine Woche, nachdem

das Urteil gefällt wurde, ist die Aufregung

schon wieder sehr viel geringer.

Dann gibt es vielleicht gar nicht so viele

Menschen, die für Abtreibung sind?

Nein, das Gegenteil ist der Fall. So viele

gibt es nicht. Es gibt keine lokale Pro-

Szene aus dem Film »Unplanned«: Abby Johnson (Ashley Bratcher) sucht Shawn

Carney (Jared Lotz) in dessen Büro auf

Abtreibungsbewegung. Das ist eine sehr

von oben gesteuerte, kopflastige Bewegung,

aber keine Graswurzelbewegung.

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LEBENSFORUM 143

11


BIOETHIK-SPLITTER

Statistiker melden

deutliche Zunahme

bei Geburten

Wiesbaden (ALfA). Im Jahr 2021 wurden

mit 795.492 Neugeborenen rund

22.000 Babys mehr geboren als 2020.

Wie das Statistische Bundesamt (Destatis)

Anfang August in Wiesbaden mitteilte,

ist die zusammengefasste Geburtenziffer

erstmals seit 2017 wieder gestiegen,

und zwar von 1,53 Kindern je

Frau im Jahr 2020 auf 1,58 Kinder je

Frau 2021. Am stärksten war der Anstieg

in Baden-Württemberg (+ 5 %), gefolgt

von Bayern und Hessen (jeweils + 4 %).

Erfreulich: Zahl der Geburten steigt

In den ostdeutschen Bundesländern waren

dagegen nur geringe Zuwächse von

ein bis zwei Prozent zu verzeichnen.

In Thüringen und Sachsen nahm die

Geburtenziffer sogar leicht ab (jeweils

–1 %). Die höchste Geburtenziffer wurde

2021 in Niedersachsen mit 1,66 Kindern

je Frau gemessen. Am niedrigsten

war sie in Berlin mit 1,39. reh

Abgeordnete gründen

Arbeitsgruppe zur

Pränataldiagnostik

SZASZ-FABIAN JOZSEF/STOCK.ADOBE.COM

Berlin (ALfA). Abgeordnete des Deutschen

Bundestags haben eine interfraktionelle

Arbeitsgruppe zur Pränataldiagnostik

ins Leben gerufen. Das teilte die

Bundestagsabgeordnete Corinna Rüffer

(Bündnis 90/Die Grünen) Ende Juli

der Presse mit. Neben Rüffer gehören

der Arbeitsgruppe auch die Unionspolitiker

Michael Brand, Hubert Hüppe,

Sabine Weiss (alle CDU), Stephan

Pilsinger (CSU) sowie die SPD-Politikerin

Dagmar Schmidt, der FDP-Abgeordnete

Pascal Kober und der Linken-Politiker

Sören Pellmann an. Ziel

sei es, Gesetzesänderungen zu erarbeiten

und im Bundestag zur Abstimmung

zu bringen, die eine auf Selektion ausgerichtete

Pränataldiagnostik zur Ausnahme

statt zur Regel machten.

Wie Rüffer schreibt, eine die Abgeordneten

»die Überzeugung, dass das

pränatale Screening auf Trisomie 21, 18

und 13 und andere auf keinen Fall zur

Routine in der Schwangerschaft werden

darf«. »Mit großer Sorge« betrachteten

die Parlamentarier, »dass der Trisomie-

Bluttest seit dem 1. Juli 2022 von den

gesetzlichen Krankenkassen erstattet

wird. Manche meinen, die Debatte um

Zulassung und Nutzung solcher Screenings

sei damit beendet. Das stimmt

nicht. Im Gegenteil ist das Thema genauso

virulent wie zuvor.« In Wirklichkeit

stehe man »erst am Beginn einer

besorgniserregenden Entwicklung, weil

weitere Tests auf genetische Dispositionen

in der Entwicklung sind und vor

der Zulassung« stünden.

Wenn als Grund für die Kostenübernahme

allein die Besorgnis ausreiche,

ein Kind mit Trisomie zur Welt zu bringen,

werde das auf eine flächenmäßige

Anwendung der Tests hinauslaufen.

»Zumal die leichte Verfügbarkeit des

Tests diese Sorge befeuern wird – mit

einer klaren Botschaft: Ein Leben mit

einer Trisomie ist weniger wert, gesellschaftlich

weniger erwünscht und Kinder

mit Behinderung lassen sich vermeiden«,

so Rüffer.

Ein Blick nach Dänemark, wo ein

Screening auf Trisomien seit 2004 allen

Schwangeren als reguläre Vorsorge

angeboten wird, zeige die drastischen

Folgen. Binnen nur eines Jahres habe

sich dort die Anzahl der neugeborenen

Kinder mit Trisomie halbiert.

Die interfraktionelle Arbeitsgruppe

sei der Meinung, »dass die Antwort auf

diese ethisch hochbrisanten Fragen, die

mit der Pränataldiagnostik verbunden

sind, nicht einem Verwaltungsgremium

wie dem G-BA überlassen werden

darf«. Darauf habe auch der G-BA-Vorsitzende

Josef Hecken wiederholt hingewiesen

und angemahnt, dass Entwicklung,

Verfügung und Zulassung molekulargenetischer

Testverfahren fundamentale

ethische Grundfragen unserer

OKSANA KUZMINA/STOCK.ADOBE.COM

Oft bedenklich: Pränatales Screening

Werteordnung berühren, denen sich das

Parlament stellen müsse.

Auch der Deutsche Ethikrat habe

sich im Februar dieses Jahres im Rahmen

des »Forums Bioethik« »sehr kritisch

zu nichtinvasiven Pränataltests

positioniert, da zentrale ethische Prinzipien

betroffen seien: Selbstbestimmung

und Recht auf Nichtwissen, gesellschaftliche

Prägung und Entscheidungsdruck,

unser Verständnis von und

der Umgang mit Gesundheit, Krankheit

und Behinderung sowie die Akzeptanz

von Anderssein.«

Rüffer: »Wir wollen diese Fragen

endlich dorthin holen, wo sie zu verhandeln

sind: in den Deutschen Bundestag

als dem gesetzgebenden und damit

normsetzenden Organ unseres politischen

demokratischen Systems. Nur

dort lässt sich einer Debatte gerecht

werden, die den Kern unserer gesellschaftlichen

Werte berührt. Wir wollen

konkrete rechtliche Änderungen bewirken.

Insofern sehen wir uns als gesetzgeberischen

Aktionskreis und nicht nur

als parlamentarischen Gesprächskreis.

Ziel der gesetzgeberischen Maßnahmen

soll es sein, dass pränatale Screenings,

die ausschließlich mit einer selektiven

Praxis verbunden sind, nicht

zu Standarduntersuchungen während

der Schwangerschaft werden, sondern

die Ausnahme bleiben. Daneben wollen

wir die Zulassungsverfahren regulieren.

Diese dürfen nicht einem rein

von Angebot und Nachfrage getriebenen

Mechanismus folgen.«

Um diese Zielsetzung »fundiert umsetzen

zu können«, wolle die Arbeitsgruppe

»regelmäßig externe Fachexpertise

einbeziehen«. Und weiter: »Hand

12 LEBENSFORUM 143


BIOETHIK-SPLITTER

in Hand mit den Fachleuten aus Praxis

und Wissenschaft werden wir Gesetzesänderungen

zur Abstimmung bringen,

die eine auf Selektion ausgerichtete

Pränataldiagnostik zur Ausnahme, nicht

zur Regel machen.«

reh

Lebensrechtler verlieren

Referendum im

Bundesstaat Kansas

KWEST/STOCK.ADOBE.COM

Topeka (ALfA). Im US-Bundesstaat

Kansas haben Lebensrechtler eine Niederlage

erlitten. Sie scheiterten Anfang

August bei einem Referendum mit dem

Versuch, in einem Verfassungszusatz

festzuschreiben, dass die Verfassung

kein »Recht auf Abtreibung« enthalte.

Hochrechnungen zufolge stimmten rund

60 Prozent gegen den Verfassungszusatz.

Für einen Erfolg hätte die Initiative

eine einfache Mehrheit benötigt. In

dem im Mittleren Westen der USA gelegenen

Bundesstaat gelten vorgeburtliche

Kindstötungen derzeit bis zur 22.

Schwangerschaftswoche als legal.

Wie die katholische Wochenzeitung

»Die Tagespost« schreibt, zeigten sich

US-Lebensrechtler enttäuscht über

das Ergebnis: »Die Niederlage heute

Abend ist eine große Enttäuschung

für Lebensschützer in Kansas und im

ganzen Land«, zitiert das Blatt Mallory

Carroll, Sprecherin der Organisation

»Susan B. Anthony Pro-Life America«.

Demnach beklagte Carroll, dass die Botschaft

der Abtreibungslobby über den

Verfassungszusatz »voll mit Lügen« gewesen

sei, die »schließlich die Wahrheit

überdeckt« hätten. Kansas könne nun

schon bald zu einem Staat werden, in

dem »Abtreibungen auf Wunsch« quasi

ohne Einschränkungen möglich seien.

Lebensrechtler hatten bereits im Vorfeld

der Abstimmung beklagt, dass die

Seite der Abtreibungsbefürworter versuche,

die Abstimmung als Referendum

über ein »Recht« auf Abtreibung darzustellen,

was sie gar nicht sei. Hätte

die Verfassungsergänzung, die den Titel

»Value them both« trug, eine Mehrheit

gefunden, wäre folgender Satz in

die Verfassung aufgenommen worden:

»Da Kansas sowohl Frauen wie Kinder

wertschätzt, schreibt die Verfassung

des Staates Kansas keine staatliche

Finanzierung von Abtreibung fest

und schafft oder sichert kein Recht auf

Abtreibung.«.

reh

Experten fordern

Suizidprävention

gesetzlich zu verankern

Berlin (ALfA). Der Deutsche Hospizund

Palliativverband (DHPV) und die

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention

(DGS) fordern die Suizidprävention

gesetzlich zu verankern, bevor

der Deutsche Bundestag eine gesetzliche

Neuregelung der Suizidbeihilfe

beschließt.

Suizidalität ist heilbar

»Bevor wir eine staatlich geförderte

Suizidbeihilfe oder bundesweite Beratungsstellen

zur Umsetzung der Suizidbeihilfe

in Betracht ziehen, geschweige

denn gesetzlich verankern, muss dringend

die Suizidprävention gestärkt werden«,

erklärte der Vorsitzende des DH-

PV, Professor Winfried Hardinghaus,

im Vorfeld der ersten Lesung dreier

Gruppenanträge, mit denen Abgeordnete

des Deutschen Bundestags die

Beihilfe zum Suizid neu regeln wollen.

Nötig geworden ist das, weil der

Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts

am Aschermittwoch 2020 das

Verbot der geschäftsmäßigen Beihilfe

zum Suizid, das der Deutsche Bundestag

im November 2015 mit großer

Mehrheit beschlossen hatte, für verfassungswidrig

erklärte.

»Die Debatte um ein entsprechendes

Gesetz muss zeitnah im Bundestag geführt

und ein Suizidpräventionsgesetz

noch vor einer gesetzlichen Regelung

zur Beihilfe zum Suizid verabschiedet

werden«, erklärte auch die Vorsitzende

der DGS und Fachärztin für Psychiatrie

und Psychotherapie, Dr. Ute Lewitzka.

Und der stellvertretende Vorsitzende

der DGS, der Diplomgerontologe

Dr. Uwe Sperling, ergänzte, dass

Suizide und Suizidversuche meist in großer

seelischer Not erfolgten. »Unterstützung

in dieser seelischen Not hilft!

Suizidprävention ist möglich! Diese gesamtgesellschaftliche

Aufgabe benötigt

ein verlässliches Fundament. Deshalb

fordern wir den Gesetzgeber auf, Suizidprävention

in Deutschland jetzt gesetzlich

zu verankern.«

»Auch wenn die Entwicklung der

Hospizarbeit und der Palliativversorgung

durch das Hospiz- und Palliativgesetz

von 2015 und die entsprechenden

gesetzlichen Regelungen bereits zu einer

Verbesserung in der hospizlichen Begleitung

und palliativen Versorgung der Betroffenen

beigetragen haben, bleibt gerade

auch vor dem Hintergrund der drohenden

Normalisierung der Suizidbeihilfe

viel zu tun«, erklärte der Geschäftsführer

des DHPV, Benno Bolze. reh

Bundesrat billigt

Streichung des

§ 219a StGB

Berlin (ALfA). Der Bundesrat hat die

vom Deutschen Bundestag Ende Juni

beschlossene Aufhebung des Werbeverbots

für Schwangerschaftsabbrüche am

Abtreibung darf nun beworben werden

8. Juli gebilligt. Der nun aus dem Strafgesetzbuch

gestrichene § 219a hatte Ärzten,

Praxen und Einrichtungen verboten,

Abtreibung zu bewerben. Mit dem

vom Bundestag beschlossenen Gesetz

wurden außerdem die Ärzte, die in der

Vergangenheit absichtlich gegen das

Werbeverbot verstoßen haben, »rehabilitiert«

und die Urteile aufgehoben. reh

LEBENSFORUM 143

13


POLITIK

IFEELSTOCK/STOCK.ADOBE.COM

Von Menschwürde

keine Spur

Das Europäische Parlament spricht sich mehrheitlich für ein »Recht auf Abtreibung« aus und fordert,

damit nicht genug, sogar dessen Aufnahme in die Grundrechtecharta der Europäischen Union

Von Tom Bioly

Mit großer Mehrheit stimmte

das EU-Parlament am 7.

Juli für eine Entschließung

mit dem Titel: »Die Entscheidung des

Obersten Gerichtshofs der USA, das

Recht auf Abtreibung in den Vereinigten

Staaten zu kippen, und die Notwendigkeit,

das Recht auf Abtreibung

zu bewahren und die Gesundheit der

Frauen in der EU zu schützen«. Den

Anlass für die Debatte hatte das Urteil

»Dobbs vs. Jackson Women’s Health

Organization« des Obersten Gerichtshofs

der USA (kurz: Dobbs) geliefert,

mit dem das Grundsatzurteil »Roe vs.

Wade« aus dem Jahr 1973 für ungültig

erklärt wurde. Damit befand das Gericht,

dass die Verfassung der Vereinigten

Staaten kein allgemeines »Recht auf

Abtreibung« vorsehe.

Kurz gesagt handelt es sich bei der

Entschließung um eine Sammlung von

Ansichten der Bewegung gegen den

Lebensschutz. Wesentliche Bestandteile

sind:

• Die Verurteilung des Gerichtsurteils

und die Aufforderung an die US-Behörden,

seiner ungeachtet ein »Recht

auf Abtreibung« zu gewährleisten,

14 LEBENSFORUM 143


POLITIK

• die Forderung, die EU-Grundrechtecharta

um ein »Recht auf sichere

und legale Abtreibung« zu erweitern,

• die Warnung vor der Lebensschutzbewegung

und die Forderung nach

mehr Unterstützung für deren Gegner.

Nach Menschenwürde sucht man

in dem Papier vergeblich. Zwar taucht

das Wort ein einziges Mal auf, allerdings

keineswegs in seinem eigentlichen,

universellen Sinne.

Der Vorlauf

Der Vorstoß, den Zugang zu Abtreibungen

zu einem Grundrecht der Europäischen

Union zu erklären, ist nicht neu.

Ein wichtiger Etappensieg für die Lebensschutzgegner

war bereits die Annahme

des Matić-Berichts im Juni 2021,

Emmanuel Macron

SOAZIG DE LA MOISSONNIÈRE / DILA-LA DOCUMENTATION FRANÇAISE

WWW.MARGARITAPISA.ES

Margarita de la Pisa Carrión

der in dasselbe Horn stieß. Rückenwind

gab es außerdem im Februar 2022 vom

französischen Präsidenten Emmanuel

Macron. Der forderte, dass die EU-

Charta unter anderem durch ein »Recht

auf Abtreibung« (droit à l’avortement)

»aktualisiert wird«, damit »wir am Ende

einen neuen Rechtssockel kreieren, der

sich auf unsere Werte stützt«. Bemerkenswert

ist dabei, dass selbst das Oberhaupt

eines großen europäischen Staates

nicht von der »Schaffung«, sondern

der »Anerkennung« (reconnaissance) jenes

vermeintlichen Rechts spricht. Damit

setzt er, genauso wie die entsprechenden

Aktivisten, seine Existenz als

gegeben voraus.

Umfangreiche Gestalt im EU-Parlament

erhielt die Bestrebung dann

bereits am 9. Juni dieses Jahres in der

Entschließung »Weltweite Bedrohungen

des Rechts auf Abtreibung – etwaige

Abschaffung des Rechts auf Abtreibung

in den USA durch den Obersten

Gerichtshof«, nachdem eine Vorbereitung

des US-Urteils an die Öffentlichkeit

durchgesteckt worden war.

Dass die EU-Grundrechtecharta derartig

im Mittelpunkt steht, hat vor allem

einen Grund: Sie ist seit ihrem Inkrafttreten

2009 in der gesamten Europäischen

Union rechtsverbindlich.

Die Debatte

Zu Beginn der Debatte im EU-Parlament

am 4. Juli (wohlgemerkt dem Unabhängigkeitstag

der USA) betonte Katharina

Barley (SPD), die als Vizepräsidentin

die Leitung innehatte, es gehe

um ein »emotionales Thema«. Das ist

wohl wahr, wenngleich sie dabei eher

nicht das Leben unzähliger ungeborener

Kinder im Sinn gehabt haben dürfte.

Es wurden bekannte Argumente ausgetauscht:

Dabei durfte seitens der Lebensschutzgegner

die Schelte gegen

die »alten weißen Männer« ebenso

wenig fehlen wie allgemeine Verweise

auf die Gleichstellung der Frau oder

das Paradigma der Vergewaltigung.

Daneben bezeichneten die Befürworter

eines »Rechts auf Abtreibung« das

Dobbs-Urteil als »furchtbaren Schlag

gegen die Menschenrechte«. Dabei verbreiteten

sie das Missverständnis – oder

eher die Desinformation –, dass damit,

wie es auch im Text der Entschließung

lautet, »das in der Bundesverfassung

verankerte Recht auf Abtreibung abgeschafft

wurde«. Richtig ist, dass die

Richter festgestellt haben: Es war eben

nicht in der Verfassung verankert. Darum

haben die Bundesstaaten das Recht,

selbst demokratisch über die Frage der

Abtreibung zu entscheiden.

Aufseiten der Lebensschützer im Parlament

trat unter anderem die Spanierin

Margarita de la Pisa Carrión (Vox) hervor.

Sie betonte in ihrer Rede die Schönheit

der Schwangerschaft, deren transzendente

Dimension und demgegenüber

die Instrumentalisierung menschlichen

Lebens im anderen Lager. Weitere

Abgeordnete forderten einen besseren

Schutz für die verletzlichsten, nämlich

die ungeborenen Menschen, sowie mehr

Hilfe für Schwangere und Familien. Einige

mahnten an, in Zukunft überhaupt

noch gehört zu werden. Das stellt angesichts

der Schärfe der zahlenmäßig

überlegenen Gegenseite eine durchaus

berechtigte Forderung dar.

Am darauffolgenden Donnerstag,

dem 7. Juli, wurde über die Entschließung

abgestimmt. 324 Abgeordnete

stimmten mit Ja, 155 mit Nein, 38

enthielten sich. Dabei fällt auf, dass

die Fraktionen der europäischen Linken

und Grünen geschlossen auftraten,

selbstverständlich zugunsten der Entschließung.

In allen anderen Fraktionen

gab es zumindest »Abweichler«.

Am wenigsten einheitlich votierte die

Fraktion der Europäischen Volksparteien

(EVP): Zwar lehnte die Mehrheit ihrer

Abgeordneten den Text ab, über 30

aber stimmten ihm zu.

Die Entschließung

Der Entschließungstext vom 7. Juli

bekräftigt ausdrücklich den umfangreicheren

(u.a. wurden die damaligen

32 Forderungen auf 15 eingeschmolzen)

vom 9. Juni. Er wiederholt dementsprechend

manche Auszüge daraus

wörtlich und verallgemeinert weitere.

Die entscheidende Präzisierung besteht

im konkreten Satz, der in Artikel 7 der

EU-Grundrechtecharta aufgenommen

LEBENSFORUM 143

15


POLITIK

werden soll: »Jeder hat das Recht auf

sichere und legale Abtreibung«. Damit

wäre – auch, wenn so manchem das generische

Maskulinum missfallen dürfte

– auch schon vorsorglich das Wort

»Frau« vom Tisch.

Erneut wird das Dobbs-Urteil seinerseits

verurteilt. Nachdem der Versuch

der US-Demokraten zu diesem

Zeitpunkt bereits gescheitert war, ein

entsprechendes Bundesgesetz zu verabschieden,

entfällt diese Forderung im

Unterschied zur Entschließung vom 9.

Juni. Hinzugekommen ist allerdings der

Appell, »nichtstaatliche Frauenrechtsorganisationen

und Pro-Choice-Bewegungen

im Land [d.h. in den USA] zu

unterstützen«.

Die »Erwägung«, »dass sexuelle

und reproduktive Rechte, einschließlich

sicherer und legaler Betreuung

bei Schwangerschaftsabbrüchen, ein

Grundrecht darstellen«, entspricht bester

Orwell’scher Manier. Nichts daran

ist wahr: Es geht nicht um Reproduktion,

sondern um deren brachiale Verhinderung.

Es geht nicht um Gesundheit.

Das heißt, für das Kind geht es in

der Tat um Leben und Tod. Um die

Gesundheit der Mutter aber, auf die allein

diese Formulierung projiziert wird,

nur in den seltensten Fällen. Und es

Sommerlicher Blick auf das EU-Parlamentsgebäude in Straßburg

geht auch nicht um ein Recht, gar ein

Grund- bzw. Menschenrecht – zumindest,

solange sich die EU-Staaten nicht

darauf einlassen. Doch, so offenbar das

Kalkül: Wird eine Behauptung nur oft

genug wiederholt, glaubt sie am Ende

eine Mehrheit. Im EU-Parlament hat

es bereits funktioniert.

Ein weiteres Mantra stellt das der »sicheren

und legalen Abtreibungen« dar,

gelegentlich gepaart mit »erschwinglich«

oder »kostenlos«. Hierin spiegelt

sich die Entwicklung des US-Diskurses

der letzten Jahre wider. Während

Abtreibungsbefürworter dort noch bis

vor einigen Jahren für »sichere, legale

und seltene« (safe, legal and rare) Abtreibungen

eintraten, ist der letzte Teil

der Aufzählung inzwischen meist einem

»free« gewichen. Gewissermaßen ist das

konsequent: Wenn es legal ist, Kinder

vor ihrer Geburt zu töten, warum sollte

das dann nur selten geschehen?

Zynisch erscheint in diesem Zusammenhang

die Feststellung, »dass

der Schutz eines sicheren und legalen

Schwangerschaftsabbruchs unmittelbare

Auswirkungen auf die wirksame Ausübung

der in der Charta anerkannten

Rechte wie Menschenwürde, persönliche

Autonomie, Gleichheit und körperliche

Unversehrtheit hat«. Da jedoch anscheinend

nicht »erwogen« wurde, dass

eins und eins gelegentlich zusammengezählt

werden müssen, fiel den Parlamentariern

wohl der Widerspruch mit

Blick auf Würde und Rechte der ungeborenen

Kinder nicht ins Auge.

Ebenfalls als kurzsichtig muss der

Einwand gelten, dass besonders Frauen,

die von Armut und anderer sozialer Benachteiligung,

etwa Rassismus, betroffen

sind, unter einem erschwerten Zugang

zu Abtreibungen litten. Dabei ist

die Beobachtung erst einmal korrekt: In

den USA etwa gibt es mit Abstand die

meisten Abtreibungen unter schwarzen

Frauen und Familien. Absurd aber erscheint

es, dass die Lebensschutzgegner

hier nicht etwa energisch für die Verbesserung

der sozioökonomischen Lage

der Betroffenen eintreten, sondern

für die »Beseitigung« von deren Folgen.

Weiterhin wird vor Macht, Geld und

Einfluss von »Anti-Choice-Gruppen«

europa- und weltweit gewarnt. Zumindest

werden diese nun nicht mehr, wie

noch in der Entschließung vom 9. Juni,

in einem Atemzug mit dem »Aufstieg

der extremen Rechten« genannt,

was allerdings auch schlicht redaktionelle

Gründe haben könnte. Man lasse

sich das einmal auf der Zunge zergehen:

Hilfe für Schwangere und Familien

in Not als Schreckgespenst! Ein

Beispiel allerdings sollten sich Lebensschützer

an der vorliegenden sprachlichen

Konsequenz nehmen. Warum z.B.

immer noch von »Pro-Choicern« &

Co. sprechen, wenn doch Alternativen

wie »Lebensschutzgegner« oder »Anti-Lifer«

auf der Hand liegen?

Nach den bisherigen Ausführungen

mag es kaum überraschen, dass die Menschenwürde

und das damit verbundene

Lebensrecht des ungeborenen Kindes

in den Entschließungen des EU-Parlaments

mit keiner Silbe erwähnt werden.

Mehr noch: Der Begriff »ungeborenes

Kind« findet sich in derjenigen

vom 9. Juni bloß in einem Zitat, in der

jüngeren gar nicht. Umgekehrt verhält

es sich mit der »Menschenwürde«, die

im Text vom 7. Juli nur ein einziges Mal

auftaucht (wie oben zitiert). Zum Vergleich:

Die bereits erwähnte Formulierung

»reproduktive Gesundheit« bzw.

»reproduktive Rechte« hat es um einiges

häufiger in die Texte geschafft, nämlich

32- (9. Juni) bzw. 17-mal (7. Juli).

16 LEBENSFORUM 143


POLITIK

Somit scheint es der »Menschenwürde«

anders zu ergehen als etwa

den »Menschenrechten«. Während der

zweite Begriff von den Lebensschutzgegnern

korrumpiert wird, haben sie

sich offenbar darauf verständigt, ersteren

– und damit auch das Konzept –

einfach fallenzulassen.

Die Reaktionen

Die Vertretung der katholischen Bischöfe

bei der EU (COMECE) bekräftigte

ihre Ansicht, das Vorhaben sei ungerecht,

ohne ethische Grundlage und

werde zu ständigen Konflikten zwischen

den Bürgern der EU führen. Auch die

Deutsche Bischofskonferenz positionierte

sich in diesem Sinne. Ihr Sprecher

Matthias Kopp betonte, die Gesundheit

und Rechte von Frauen zu schützen, sei

»ohne Zweifel ein herausragendes Anliegen«.

Ein Recht auf Abtreibung lasse

jedoch den Schutz des ungeborenen

Lebens »völlig unberücksichtigt und

wird der Komplexität der Situation in

keiner Weise gerecht«. Inwiefern allerdings,

wie Kopp fordert, eine »Polarisierung

der Debatte« noch zu vermeiden

ist, erscheint fraglich. Schließlich

setzt sich ein Extrempol gerade wieder

und wieder politisch durch.

Alexandra Linder nennt als Vorsitzende

des Bundesverbands Lebensrecht die

Entschließung eine »Grundrechtsverwirrung«

und »bizarr«, denn: »Unmittelbar

nach dem Verweis auf die Menschenwürde,

auf das Recht jeder Person

auf Leben und Unversehrtheit, nach

dem Verbot eugenischer Praktiken und

dem Recht auf Freiheit und Sicherheit

würden in dieser Charta einer ganzen

Gruppe von Menschen alle Rechte mit

einem Satz wieder genommen.«

Aus dem politischen Spektrum kommentiert

unter (insgesamt wenigen) anderen

Hessens Europaministerin Lucia

Puttrich (CDU) die Entwicklung in der

»FAZ«. Darin geht sie über moralische

Abwägungen zum Thema Abtreibung

hinaus und kritisiert erstens die Anmaßung

der EU gegenüber den USA, »gegen

die man sich im umgekehrten Fall

vermutlich lautstark verwahren würde«.

Zweitens stört sie sich am Vorhaben

des EU-Parlaments, »neue gesamteuropäische

Werte zu definieren«, was als

übergriffig empfunden werden könne.

Unter den Befürwortern der Entschließung

sei die grüne Europa-Abgeordnete

Terry Reintke erwähnt. Neben

einem Jubel-Tweet äußerte sie sich

auch grundsätzlich: Man habe ihr gesagt,

sie solle sich in der Politik auf die

»großen Themen« konzentrieren. Darauf

antwortet sie, dass an erster Stelle

»das Recht auf unsere eigenen Körper«

(womit im Wesentlichen Abtreibung

gemeint ist) eben so ein großes

Thema sei. Das gilt es, sich einzuprägen:

Für Lebensschutzgegner hat ihre

radikale Agenda absolute Priorität.

Und solange das Thema Lebensschutz

für Kirchen, Konservative und sonstige

Unterstützer nicht dieselbe Priorität

bekommt, werden ausschließlich weitere

Parlamentsentscheidungen wie am 7.

Juli in Straßburg folgen.

Die Perspektive

Zu den wenigen erfreulichen Nachrichten

zu diesem Thema gehört, dass

allein mit dem Votum des EU-Parlaments

noch kein EU-Grundrecht auf

Abtreibung geschaffen wurde. Hierfür

bräuchte es einen einstimmigen

Beschluss des Rates der Europäischen

Homepage der Kommission der Bischofskonferenzen in der Europäischen Union

Union. Und dort könne ein Nein unter

anderem von Polen, Ungarn und Malta

als sicher gelten, betonte der Journalist

David Wengenroth am 9. Juli

bei »IDEA«. Doch dieser Trost bleibe

schwach, denn die Resolution zeige,

»wie in Europa ein blindwütiger Linkspopulismus

um sich greift, dem Recht

und Realität gleichermaßen gleichgültig

sind.« Trauriger Vorreiter: die Ampelkoalition

in Deutschland. Nach der

Streichung des Werbeverbots für Abtreibungen

(§ 219a StGB) gebe die Entschließung

den Plänen der Ampel weiteren

Rückenwind. Dementsprechend

resümiert Wengenroth: »Was für eine

bittere Ironie: Die europäische Einigung

wurde von überzeugten Christen

als Friedensprojekt begonnen – gerade

weil sie Ehrfurcht vor dem menschlichen

Leben hatten. 65 Jahre später liefert

sie ein europäisches Gütesiegel für

eine Politik, die auf eben diese Ehrfurcht

pfeift.«

Womit einmal mehr unterstrichen

wird: Etwas Entscheidendes fehlt sowohl

dem Text der Entschließung als

auch einer Mehrheit im EU-Parlament.

Und das ist ein universelles Verständnis

von Menschenwürde.

LEBENSFORUM 143

17


PRO-LIFE

Congress

16. – 18. SEPTEMBER 2022

BERLIN

FR.,16. SEPTEMBER 2022

SO.,18. SEPTEMBER 2022

18.00 Uhr → Ankunft und Anmeldung der

Teilnehmer

19.30 Uhr → Abendessen

Anschließend → Get connect:

Vernetzung im Lebensschutz

SA.,17. SEPTEMBER 2022

bis 9:00 Uhr → Frühstück

9.00 Uhr → Vortrag (Special Guest)

10.00 Uhr → Workshops

1. Argumentieren im Lebensschutz

2. Schwangerschaftskonflikt:

Was sind Gründe für Abtreibung?

Was brauchen Frauen?

3. Kirche, Politik und Lebensschutz

4. Pro Life Bewegung im Ausland

11.30 Uhr → Ansage und Pause

12.00 Uhr → Kick-off

13.00 Uhr → Kundgebung und Marsch für das

Leben

18.00 Uhr → Abendessen

19.15 Uhr → Input- Was DU jetzt tun kannst

19.30 Uhr → Pro Life Party

bis 9:30 Uhr → Frühstück und Abreise

95 € für Schüler, Studenten, Auszubildende

125 € für junge Berufstätige

In den Kosten inbegriffen sind:

Übernachtungen, Vollpension, Kaffeepause,

Lunchpaket, Kongressgebühr und Material.

Eine Kooperation der CDL

und der Jugend für das Leben

→ Anmeldung unter:

kontakt@jugendfuerdasleben.de

Jugend für das Leben

Kitzenmarkt 20-22 | 86150 Augsburg

www.jugend.alfa-ev.de

oder QR-Code 18 scannen →

LEBENSFORUM 143

www.eventbrite.com/e/pro-life-congress-2022-tickets-348749016697

www.marsch-fuer-das-leben.de


GEH DU

FÜR MICH

MARSCH FÜR DAS LEBEN

17. September 2022

Der Marsch für das Leben

in Berlin ist Ihnen wichtig –

aber Sie können nicht selbst mitgehen?

Wir vertreten Sie!

Unterstützen Sie unsere Aktion

„Geh Du für mich“

mit Ihrer Spende und ermöglichen Sie

so einem Jugendlichen die Teilnahme.

Vielen

Dank!

Spendenkonto:

VR-Bank Augsburg-Ostallgäu

DE85 7209 0000 0005 0409 90

BIC: GENODEF1AUB

Kennwort: Geh Du für mich 2022

#PROLIFEFACTS

LEBENSFORUM 143

Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V.

Kitzenmarkt 20-22 | 86150 Augsburg

www.alfa-ev.de

19

www.marsch-fuer-das-leben.de


ESSAY

NOEL POWELL/STOCK.ADOBE.COM

»Recht auf

Abtreibung«?

Die Tötung eines Menschen im Mutterleib ist keine private, sondern eine ganz und gar öffentliche

Angelegenheit. Denn wer meint, entscheiden zu dürfen, ob ein anderer weiterleben darf,

bestreitet die Unverfügbarkeit des Lebens von Menschen durch ihresgleichen und erklärt

damit zugleich auch das Leben aller anderen de facto für antastbar.

Von Stefan Rehder

Manchmal ist es ratsam, sich

einfach mal zurückzulehnen.

Das entspannt nicht nur,

es schafft auch Distanz. Distanz führt,

schon rein physisch, zu einer Erweiterung

des Sichtfeldes und ermöglicht es

so, Beobachtbares aus einer erweiterten

Perspektive zu betrachten. Nirgendwo

ist ein solches Zurücklehnen derart angebracht

wie dort, wo diametral entgegengesetzte

Überzeugungen unversöhnlich

aufeinanderprallen. Und nirgendwo

scheint dies gegenwärtig so ratsam

wie dort, wo es um die Frage geht, ob es

ein »Recht auf Abtreibung« gibt. Dass

es ein solches gebe, wird nicht nur von

einer Mehrheit des Europäischen Parlaments

behauptet. In den USA sucht

Präsident Joe Biden nach Möglichkeiten,

ein solches Recht in einem Bundesgesetz

zu verankern. Und Frankreichs

Präsident, Emmanuel Macron, will es

gar in die Verfassung der »Grand Nation«

aufnehmen lassen.

Ein Recht auf etwas zu haben, meint,

einen berechtigten Anspruch auf ein Gut

oder eine Leistung zu besitzen. Dabei

20 LEBENSFORUM 143


ESSAY

kommt es entscheidend auf das Adjektiv

»berechtigt« an. Denn beanspruchen

lässt sich selbstverständlich alles

und jedes. Angefangen bei kostenloser

Logis und Verpflegung über die Bereitstellung

eines Fuhrparks oder eines Privatjets

bis hin zur Herrschaft als König

oder Verehrung als Gott.

Ansprüche erwerben kann. Es ist daher

auch ungenau, von einem »Recht

auf Leben« zu sprechen. In Wirklichkeit

meint das »Recht auf Leben«, dass

Menschen einen berechtigten Anspruch

darauf haben, nicht von anderen Menschen

getötet zu werden. Ob dieser Anspruch,

der Menschen »qua Natur«

zukommt, verwirkt werden kann, ist,

wie die Diskussion um die Todesstrafe

zeigt, durchaus umstritten. Völlig unbestritten

ist jedoch, dass kein Mensch

das Recht hat, einen unschuldigen und

wehrlosen Menschen zu töten.

nur, weil auch die Existenz der Befürworter

eines »Rechts auf Abtreibung«

einmal genauso begonnen hat und ein

»Recht auf Abtreibung« überdies nur

der fordern kann, bei dem von diesem

kein Gebrauch gemacht wurde. Sondern

vor allem, weil bis auf den heutigen

Tag noch niemand zu zeigen vermochte,

wie und wodurch aus einem »Etwas«

ein »Jemand« und aus einem »Nochnicht-Mensch«

ein »Mensch« wurde.

Warum ist das so? Die Frage ist alles

andere als trivial. Schließlich hat es

Abtreibungen, genauso wie Mord und

LIFE ISSUES INSTITUTE

US-Präsident Joe Biden

Bei der Prüfung, ob ein erhobener

Anspruch zu Recht besteht, lassen sich

für gewöhnlich zwei Modi unterscheiden.

Der erste betrifft Ansprüche, die

erworben werden können, der zweite

solche, die Menschen »qua Natur« zukommen.

Unterzeichnet etwa jemand

einen Mietvertrag für eine Wohnung

oder ein Haus, so erwirbt er, unter der

Voraussetzung, dass er selbst nicht vertragsbrüchig

wird, nach allgemeinem

Dafürhalten damit das Recht auf eine

entsprechende Nutzung der Immobilie.

Anders verhält es sich beim »Recht

auf Leben«. Ein berechtigter Anspruch

auf Leben muss und kann nicht erworben

werden, sondern kommt nach allgemeinem

Dafürhalten jedem Menschen

»qua Natur« zu; einzig und allein, weil

er Mensch ist.

Könnte oder müsste ein Anspruch

auf Leben erworben werden, stellte sich

natürlich die Frage: wodurch? Den Anspruch

auf Nutzung einer Immobilie etwa

erwirbt, wer den im Mietvertrag vereinbarten

Mietzins fristgerecht entrichtet.

Vergleichbares ist beim »Recht auf

Leben« undenkbar. Einen Anspruch auf

Leben kann schon deshalb niemand erwerben,

weil das Leben Voraussetzung

dafür ist, dass jemand Rechte haben und

Sieht so etwa ein »Zellhaufen« oder »Schwangerschaftsgewebe« aus?

Nicht einmal die Befürworter eines

»Rechts auf Abtreibung« behaupten,

Frauen hätten das Recht, einen Arzt

mit der Tötung eines unschuldigen und

wehrlosen Menschen zu beauftragen. Sie

tun stattdessen so, als wäre das ungeborene

Kind im Mutterleib noch kein

Mensch. Statt von einem Menschen im

Frühstadium seiner Existenz sprechen

sie von »menschlichem Leben« oder einem

»Zellhaufen«, als handele es sich

dabei um Entitäten, die keine Rechte

haben könnten.

Eine solche »Entmenschlichung«

ist jedoch wissenschaftlich unhaltbar

und daher zutiefst unredlich. Nicht

Totschlag, immer gegeben. Und offensichtlich

haben sich Frauen, die sich mit

einem solchen Ansinnen trugen, mit diesem

auch früh an Ärzte gewandt. Der

griechische Arzt Hippokrates von Kós

etwa, der um 460 bis 370 vor Christus

lebte, ließ seine Schüler gar einen

Eid sprechen. Mit ihm riefen die jungen

Ärzte die Heilgötter Apollon, Asklepios,

Hygieia und Panakeia an und

schworen, sie zu Zeugen nehmend, die

von ihrem Lehrer erlernte Kunst ausschließlich

zum Erhalt des Lebens einzusetzen.

Die in diesem Kontext relevante

Passage lautet: »Nie werde ich jemandem,

auch auf Verlangen nicht, ein

LEBENSFORUM 143

21


ESSAY

tödlich wirkendes Gift geben und auch

keinen Rat dazu erteilen; gleicherweise

werde ich keiner Frau ein fruchtabtreibendes

Mittel geben.« Dabei hätten

Hippokrates und seine Schüler vor

rund 2.400 Jahren vermutlich allen

Grund gehabt, in der »Frucht« vieles,

nur eben keinen Menschen zu erblicken.

Aber auch sie wussten bereits,

dass diese nie eine andere Gestalt ausbildet

als die eines Menschen. Heute

wissen wir weit mehr.

Wir wissen, dass während des Befruchtungsvorgangs,

der etwa 24 Stunden

dauert, aus den mütterlichen und

väterlichen Chromosomen ein neuer

Chromosomensatz hergestellt wird,

der das einmalige, individuelle genetische

Entwicklungsprogramm eines neuen

und einzigartigen Menschen – einschließlich

seines Geschlechts – beinhaltet.

Wir wissen, dass die befruchtete

Eizelle, obgleich für das bloße Auge

noch unsichtbar, schon vor ihrer Einnistung

in die Gebärmutter eine ganze

Reihe komplexer Vorgänge steuert.

Dazu gehören neben der koordinierten

Zellteilung und der Zellspezialisierung

auch die Wanderung durch den Eileiter

sowie ein Selbstheilungsprogramm,

welches der befruchteten Eizelle das Erkennen

und Abstoßen sich abnorm entwickelnder

Zellen ermöglicht.

Wir wissen, dass der neu entstandene

winzige Organismus bereits zwischen

dem Vier- und Acht-Zellstadium biochemische

Signale an den Organismus

der Mutter sendet, die den embryo-maternalen

Dialog, auch »crosstalk« genannt,

einleiten und zu einer Umstellung

des mütterlichen Organismus führen.

Lange bevor eine Frau überhaupt

weiß, dass sie schwanger ist, sorgen diese

Signale dafür, dass sich ihr Organismus

umstellt. Auf diese Weise schafft

sich die befruchtete Eizelle selbst die

Voraussetzungen für ihre erfolgreiche

Einnistung. Mit ihr verschafft sie sich

Zugang zum mütterlichen Gefäßsystem,

das ihn für die weitere Entwicklung mit

Nährstoffen versorgt. Das erste Organsystem,

das der Organismus bildet, ist

Kann dieser Mensch keinen Anspruch darauf besitzen, nicht getötet zu werden?

der aus Herz und Blutgefäßen bestehende

Blutkreislauf. Es wird zur Verteilung

der Nährstoffe benötigt. Bereits in der

3. Woche nach der Befruchtung besitzt

der Embryo ein s-förmiges Herz, dessen

Schlagen heute um die 6. Woche

nachgewiesen werden kann.

Wir wissen heute, dass parallel dazu

die Ausbildung des Zentralnervensystems

erfolgt und der Embryo über

die Ausbildung der Gliedmaßen, die ab

Mitte der 5. Woche sichtbar werden,

beginnt, seine Umgebung zu erkunden.

Wir wissen, dass in der 7. Woche

LIFE ISSUES INSTITUTE

nach der Befruchtung die Entwicklung

des Herzens abgeschlossen ist, dass das

Herz des Kindes mit bis zu 180 Schlägen

pro Minute rund doppelt so schnell

schlägt wie das seiner Mutter und es mit

seinem eigenen »Motor« die Blutzirkulation

vorantreibt. Oft erfährt die Mutter

durch Ausbleiben der Regelblutung

erst jetzt, dass sie schwanger ist.

Kurz: Wir wissen längst, dass Menschen

»biologische Wunder« sind, die

sich nicht »zu«, sondern »als« Menschen

entwickeln, und die Bezeichnung

»Zellhaufen« eine unzulässige Unterbestimmung

eines Wesens darstellt, das

jeder im ausgewachsenen Zustand als

Mensch bezeichnet. Wir wissen, dass es

die »Menschwerdung« im eigentlichen

Sinne in der Geschichte der Menschheit

daher maximal ein einziges Mal gab,

nämlich als Gott, wie Christen glauben,

in Jesus Christus Mensch wurde.

Wenn der Mensch einen berechtigten

Anspruch darauf besitzt, von anderen

Menschen nicht getötet zu werden,

und ihm dieser »qua Natur« zukommt,

dann muss dieses Recht auch

den unschuldigsten und wehrlosesten

Exemplaren der Gattung zukommen.

Oder aber es gilt für niemanden. Alles

andere wäre eine beispiellose Diskriminierung.

Denn welche Diskriminierung

könnte schlimmer und entsetzlicher

sein, als unschuldig und wehrlos

von den eigenen Eltern zum Tode verurteilt

zu werden?

Die Forderung nach einem »Recht

auf Abtreibung« und der Versuch, dieses

mit einem »Recht auf Privatheit« zu

begründen, ist daher in Wahrheit der

Versuch der Eröffnung bzw. Verteidigung

eines rechtsfreien Raumes, in dem

Staaten das Gewaltmonopol privatisieren

und Ärzte auf Wunsch der Eltern

vom Tötungsverbot suspendieren. Im

Grunde müsste Ärzten, die sich dafür

hergeben, auf der Stelle die Approbation

entzogen werden. Denn eine Abtreibung

ist die einzige Operation, die

statt der Heilung des Patienten die Tötung

eines Wehrlosen zum Ziel hat und

dabei auch noch die mögliche Traumatisierung

seiner Mutter in Kauf nimmt.

Besonders erbärmlich aber ist es, das

vermeintliche »Recht auf Abtreibung«

mit dem »Recht auf körperliche Selbstbestimmung«

begründen zu wollen. Das

heißt natürlich nicht, dass es ein sol-

22 LEBENSFORUM 143


ESSAY

durch den jeweils anderen nicht zum

Vater oder zur Mutter gemacht zu werden,

der kann genauso meinen, wer im

Auto einen Sicherheitsgurt anlegt, erwerbe

damit auch zugleich das Recht

auf eine unfallfreie Fahrt.

NOEL POWELL/STOCK.ADOBE.COM

Auch dass es Lebensumstände gibt,

unter denen die Zeugung eines Kindes

unverantwortlich erscheinen mag, lässt

sich nicht bestreiten. Und es ist nicht

schwer zu verstehen, dass Menschen

dies in solchen Fällen gerne »korrigieren«

würden. Aber die vorgeburtliche

Tötung eines Kindes ist eben nicht die

Korrektur einer unverantwortlichen Tat,

sondern die Hinzufügung einer noch

weitaus unverantwortlicheren. Denn die

Tötung eines wehrlosen und unschuldigen

Menschen lässt sich niemals und

von niemandem verantworten.

Christen wissen, dass Gott auch das

Unverantwortbare (im Grunde ist jede

Sünde unverantwortbar) zu verzeihen

vermag. Dies auch noch gern zu tun, gehört

gewissermaßen zu seinem Kerngeschäft.

Der Staat aber, zu dessen Kerngeschäft

die Wahrung der äußeren und

inneren Sicherheit gehört, muss Menschen

davor schützen, von ihresgleichen

getötet zu werden. Tut er es nicht, so

versagt er auf ganzer Linie. Die Tötung

eines Exemplars der Spezies Mensch im

Mutterleib ist daher auch keine private

Angelegenheit, sondern eine ganz und

gar öffentliche. Denn wer einen unschuldigen

und wehrlosen Menschen tötet,

tötet auf symbolische Weise auch alle

anderen. Ein Mensch, der meint, entscheiden

zu dürfen, ob ein anderer weiterleben

darf, bestreitet nämlich die Unverfügbarkeit

des Lebens an sich und erklärt

damit zugleich auch das Leben aller

anderen de facto für antastbar. Und

weil das Recht, nicht getötet zu werden,

das Fundament ist, auf dem alle anderen

Rechte fußen, ruft, wer ein »Recht

auf Abtreibung« deklamiert, in Wahrheit

die Anarchie aus.

Im Portrait

Stefan Rehder

Abtreibung = Tötung eines wehrlosen und unschuldigen Kindes im Mutterleib

ches Recht nicht gäbe. Selbstverständlich

gibt es ein »Recht auf körperliche

Selbstbestimmung«. Nur setzt dieses

eben bereits ein, wenn sich ein Paar

zum Geschlechtsverkehr entscheidet,

und nicht erst, wenn ein Schwangerschaftstest

positiv ausfällt. Ein »Recht

auf Abtreibung« würde bedeuten, dass

der Staat Menschen ermächtigt, die von

ihnen gezeugten Kinder als »zu töten«

zu deklarieren, die sie als »unerwünscht«

oder »ungelegen« betrachten.

Mit der eigenen Sexualität verantwortungsvoll

umzugehen, ist keine kleine

oder leichte Aufgabe, sondern etwas,

das erst und oft mühsam erlernt

werden muss. Dazu zählt auch die Anerkennung

der Tatsache, dass der heute

weit verbreitete Gebrauch von Kontrazeptiva

die Wahrscheinlichkeit, dass

bei einem Geschlechtsverkehr ein neuer

Mensch gezeugt wird, lediglich minimieren,

aber niemals restlos ausschließen

kann. Wer meint, er erwerbe durch

ihren Gebrauch einen Anspruch darauf,

Stefan Rehder, geboren 1967 in

Hilden, ist Journalist und Sachbuchautor.

Der Bioethik-Experte

ist Chefredakteur von »Lebens-

Forum« und Korrespondent der in

Deutschland, Österreich und der

Schweiz erscheinenden katholischen

Wochenzeitung »Die Tagespost«.

Dort verantwortet er auch

die Seite »Glaube & Wissen«. Rehder

studierte Geschichte, Philosophie

und Germanistik in Köln und

München. Nach dem Examen arbeitete

er zunächst als Redakteur

der »Passauer Neuen Presse«

sowie als Pressereferent des

Bundesministeriums für Bildung,

Wissenschaft, Forschung und

Technologie. Der Katholik ist verheiratet

und Vater dreier Kinder.

LEBENSFORUM 143

23


ZWISCHENRUF

Auf der Seite

des Lebens

Gott kann heilen, was im Leben von Menschen zerbrochen wurde. Das gilt sogar für die Selbsttötung.

Aber die Würde verpflichtet uns auch zu einem entsprechenden Umgang mit uns selbst. Wir

sind mehr, als wir sehen; zumal dann, wenn wir nur Krankheit, Lebensüberdruss und Angst wahrnehmen.

Wer sich aus Krankheit, Lebensüberdruss oder Angst das Leben nimmt, engt sich auf die

Verzweiflung ein, die er spürt. Und wer jemandem dabei hilft, folgt dessen verzweifelter Selbstwahrnehmung,

statt ihm eine erweiterte Perspektive zu ermöglichen.

Von Bischof em. Heinz Josef Algermissen, Fulda

In den letzten Jahren nahm die Aktivität

von Vereinen und Einzelpersonen

zu, den Sterbewilligen

Hilfsdienste beim Suizid anzubieten.

Sie besorgen tödliche Substanzen, geben

Hinweise zur Einnahme und bleiben

gelegentlich auch bei der Selbsttötung

zugegen. Manche stellen dafür

Rechnungen wie für jede andere Dienstleistung,

andere legen Wert darauf, ehrenamtlich

zu handeln. Ob sie gegen das

Recht verstoßen, war bislang nicht klar.

Wenn ich mich in diesem Kontext

kritisch in die Debatte einbringe, so

hat das auch zwei Gründe:

• Einerseits scheint mir die Würde des

Sterbenden noch immer nicht klar

genug herausgestellt zu werden.

• Andererseits glaube ich, die Diskussion

braucht mehr Weite. Ob Menschen

bei nachlassenden Kräften den

Wunsch haben, sich das Leben zu

nehmen oder nicht, hängt wesentlich

davon ab, ob sie überhaupt ein

Verhältnis dazu gefunden haben, dass

wir endliche und zerbrechliche Wesen

sind. Eine Gesellschaft, die nur

auf Aktivität und Leistung setzt, wird

unmenschlich. Es bedarf einer neuen

Kultur des Geschehenlassens.

Um diese beiden Aspekte soll es im Folgenden

gehen.

Zunächst zur Würde des Sterbenden:

Was ist Würde? Unser Grundgesetz

spricht zwar von der »Würde des Menschen«

(Art. 1, Abs. 1 GG), sagt aber

nicht, was es darunter versteht. Viele von

uns füllen daher den Begriff je nach Situation

anders. Und tatsächlich bedeutet

es Grundverschiedenes, wenn man zum

Beispiel von einem »würdevollen Requiem«,

einer »Würde des Amtes« oder

der »Menschenwürde« spricht. Diese

Begriffsunschärfe ist problematisch. Ich

glaube, wir kommen nicht umhin, klar

zur Sprache zu bringen, was wir unter

Würde verstehen wollen. In Übereinstimmung

mit einer großen abendländischen

Tradition sage ich daher:

Würde zu besitzen heißt, man darf

niemals zu einem »Objekt, zu einem

bloßen Mittel, zur vertretbaren Größe

herabgewürdigt« werden [Dürig, Günter

(1956), Der Grundrechtssatz von der

Menschenwürde. In: Archiv für öffentliches

Recht, 81. Jg., 118-157].

Als Arbeitnehmer oder Konsumenten

sind wir durch andere vertretbar. Wir

sind aber grundsätzlich mehr als nur

Arbeitnehmer oder nur Konsumenten.

Erst recht sind wir mehr als nur Patienten,

die durch ihre Krankheit definiert

sind. Deshalb liegt ein Verstoß gegen die

Würde vor, wenn man vom »Hautkrebs

auf Zimmer 12« spricht und den Mitmenschen

meint, der an dieser Krankheit

leidet. Aber es liegt kein Verstoß

gegen die Menschenwürde vor, wenn

man etwa auf der Intensivstation ein

Flügelhemd tragen muss. Würde ist

kein anderes Wort für gepflegtes Äußeres

oder Schönheit. Auch Leid und

Traurigkeit sind als solche noch kein Anschlag

auf unsere Würde. Nur wo wir

nicht als wir selbst behandelt werden,

sondern wie eine Sache, eine Funktion

oder ein Krankheitsbild, steht unsere

Würde auf dem Spiel.

Meine Würde verpflichtet mich freilich

auch zu einem entsprechenden

Umgang mit mir selbst. Ich bin mehr,

als auch ich von mir sehe; zumal dann,

wenn ich in mir nur Lebensüberdruss

und Angst wahrnehme. Wer sich aus

Krankheit, Lebensüberdruss und Angst

das Leben nimmt, engt sich ein auf die

Verzweiflung, die er spürt. Und wer

ihm hilft sich umzubringen, folgt dessen

verzweifelter Selbstwahrnehmung,

statt ihm eine Öffnung der verengten

Perspektive zu ermöglichen.

Es kränkt die Menschenwürde massiv,

wenn auf eine tödliche Verzweiflung

mit der Tötung des Verzweifelten reagiert

wird. Das gilt auch für die Selbsttötung,

ob assistiert oder ohne fremde

Hilfe vollzogen.

Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich

sage das nicht, um Suizidenten zu ver-

24 LEBENSFORUM 143


ZWISCHENRUF

urteilen. Sie seien unserem liebenden

Gott anempfohlen, der heilen kann,

was in ihrem Leben zerbrochen wurde

– von anderen oder ihnen selbst (vgl.

Katechismus der Katholischen Kirche,

Nr. 2283).

Es geht mir auch nicht darum, den

Suizid oder seinen Versuch unter Strafe

zu stellen. Das Strafrecht wird keinen

Verzweifelten zur Achtung der eigenen

Würde bringen. Dass unser Gesetz

Suizide nicht ahndet, heißt aber nicht,

dass uns Selbsttötungen egal sein dürften.

Wäre dem so, befänden wir uns bereits

im kalten Reich der Gleichgültigkeit

und Indifferenz. Eine Gesellschaft,

die achselzuckend auf das Selbstbestimmungsrecht

verweist, wenn sich jemand

umbringt, ist nicht frei. Sie ist zynisch.

Wir brauchen dagegen Signale, die uns

vergewissern: Wir als Gesellschaft

stehen auf der Seite des

Lebens. Das umfassende Verbot

jeder Suizidförderung wäre

ein solches Signal.

So fordere ich im Namen der

Menschenwürde und der Lebensfreundlichkeit

vom Gesetzgeber

eine klare Absage an jede Suizidunterstützung.

Es darf keinerlei

Zweifel an ihrer Rechtswidrigkeit

geben.

Suizidwunsch und Suizidhilfe

sind indes keine Themen, die sich

aus heiterem Himmel ergeben.

Sie erwuchsen aus dem Gesamtzusammenhang

unseres Selbstbildes

und Freiheitsverständnisses,

unserer Träume und Ängste.

Darauf will ich kurz eingehen.

Wir können niemals ganz verhindern,

dass Alter und Krankheit

unsere Schaffenskraft beeinträchtigen

und unsere Freiheitsräume

verengen. Und ist es

nicht naheliegend, dass jemand,

der sich ein Leben lang über seine

Aktivitäten definiert hat, lieber

den schnellen Tod sucht, als

dabei zuzuschauen, wie Krankheit

und Alter nach und nach seine

Tatkraft stilllegen?

Die Wahrheit aber ist: Niemand verliert

seine Würde, weil er mit 80 Jahren

nicht mehr das vermag, was ihm

mit 40 noch leichtfiel. Es ist vielmehr

so, dass uns unsere Würde verbietet,

uns mit dem gleichzusetzen, was wir

können und leisten. Auch hier gilt: Wir

sind stets mehr, als wir sehen – und erst

recht, als wir tun. Ich glaube daher, es

ist höchste Zeit, dass wir den einseitigen

Kult des tätigen Lebens aufgeben.

• Wenn es uns nicht gelingt, aus dem

verengten Selbstbild der stets Aktiven,

Mobilen und Unabhängigen

auszubrechen,

• wenn wir dem Geschehenlassen und

der Bedürftigkeit nicht den Platz geben,

der ihnen gebührt,

• wenn wir keinen Weg finden, mit

naturnotwendigen Freiheitsverlusten

gelassen umzugehen,

wird der Wunsch, dem Kontrollverlust

bei schwerer Krankheit, beim Altern und

Sterben durch Selbsttötung zu entkommen,

kein Einzelphänomen bleiben.

Bischof em. Heinz Josef Algermissen

Der evangelische Theologe Eberhard

Jüngel schreibt: »Es gibt eine Passivität,

ohne die der Mensch nicht menschlich

wäre. Dazu gehört, dass man geboren

wird. Dazu gehört, dass man

geliebt wird. Dazu gehört, dass man

stirbt« [Jüngel, Eberhard (1985), Tod.

Gütersloh (3. Aufl.)].

Eine Kultur des Geschehenlassens

verlangt aber nicht nur den ehrlicheren

Blick auf uns selbst in unserer Bedürftigkeit.

Sie erfordert auch strukturelle

Veränderungen in der Gesellschaft.

Es bleibt zwar richtig und wichtig, dass

wir auf die Aktivierung alter Menschen

setzen und sie in ihrer Selbständigkeit

unterstützen. Darüber hinaus müssen

wir aber auch Strukturen schaffen, die

es erlauben, die eigene Hinfälligkeit

zu bejahen. Vielleicht haben wir dafür

bisher nicht genug getan. Pflegeheime

und Pflegestationen beispielsweise

dürfen uns nicht wie Auffanglager erscheinen.

Sie müssen »Heiligtümer der

Humanität« sein, wie Papst Franziskus

sagt, Orte ganzen und guten Menschseins;

Orte, an denen noch Entscheidendes

passieren kann. Das

haben gerade auch die Seelsorgerinnen

und Seelsorger wahrzunehmen

und zu unterstützen.

Zugegeben: Gute Pflege ist

teuer. Aber wenn wir an ihr sparen,

müssen wir uns nicht wundern,

wenn die Kultur des Todes

weiter um sich greift.

Wer, wenn nicht wir, sollte

die Letztverfügung des Menschen

über sich selbst eindeutig

zurückweisen und sich klar

auf die Seite des Lebens stellen?

Wer, wenn nicht wir, sollte den

ganzen Menschen bejahen, auch

seine Begrenztheit?

Weil das Leben ein Geschenk

Gottes ist, hat kein Mensch das

Recht, über seinen eigenen Tod

zu verfügen. Das geschenkte Leben

bis zu seinem Ende zu leben

und auch das Sterben, ist

Ausdruck der wahren Selbstbestimmung

des Menschen. Lassen

Sie uns unter allen Umständen

dafür eintreten. Und für eine

neue Kultur des Geschehenlassens.

Wir glauben nämlich,

dass wir nicht ver-enden werden,

nur weil unsere Kraft zur

Selbstbestimmung endet. Wir glauben,

wir müssen nicht alles selbst vollbringen,

was uns ausmacht. Und wir glauben,

das letzte Wort über uns sprechen

nicht wir. Es spricht die Liebe

Gottes.

LEBENSFORUM 143

25


GESELLSCHAFT

JULIA STEINBRECHT/KNA

Warten auf ein

Machtwort

Die Präsidentin des Zentralkomitees der Katholiken in Deutschland steht unter Druck.

In den katholischen Verbänden grummelt es, Stetter-Karp selbst sieht sich »Beleidigungen

und Beschuldigungen« ausgesetzt, per Unterschriftenkampagne wird

ihr Rücktritt gefordert. Und das aus gutem Grund.

Von Cornelia Kaminski

In einem Beitrag für »Christ und

Welt«, der in der Wochenzeitung

»Die Zeit« erschienen ist – immerhin

eine der auflagenstärksten und

einflussreichsten deutschen Zeitungen

–, hat Irme Stetter-Karp betont, es

sei »sicherzustellen, dass der medizinische

Eingriff eines Schwangerschaftsabbruchs

flächendeckend ermöglicht

wird«. Diese flächendeckende Verfügbarkeit

von Abtreibungen gebe es derzeit

nicht, weil insbesondere im ländlichen

Raum – unabhängig von seiner

konfessionellen Prägung – die gynäkologische

Versorgung fehle, weswegen

ein Nachdenken darüber nötig sei, wie

man dieses Angebot sicherstellen könne.

Das umfasse auch die Schulung von

Ärzten in der Ausbildung. Das sind ein

paar steile Aussagen von der Präsidentin

eines Komitees, das für sich in An-

26 LEBENSFORUM 143


GESELLSCHAFT

spruch nimmt, die Anliegen der Katholiken

in der Öffentlichkeit zu vertreten.

Schauen wir zunächst auf das, was

an ihren Aussagen stimmt. Tatsache

ist: In Deutschland herrscht tatsächlich

ein Mangel an Fachärzten für Frauenheilkunde.

Das zeigt sich insbesondere

an der Zahl der geburtshilflichen

Einrichtungen. In Deutschland gibt es

noch knapp 650 Geburtshilfen – das ist

ein Rückgang um über 40 Prozent seit

1991. Die Zahl der Geburten ging im

selben Zeitraum jedoch lediglich um

fünf Prozent zurück und lag 2021 bei

795.000. Dem stehen ca. 95.000 Abtreibungen

gegenüber, die in über 1.000 Abtreibungseinrichtungen

in Deutschland

durchgeführt werden können.

Wo besteht also wirklich ein Mangel?

Geburten lassen sich nicht terminieren,

Abtreibungen schon. Für eine

hochschwangere Frau und ihr ungeborenes

Kind ist es ein erhebliches Risiko,

weite Wege zum Kreißsaal zurücklegen

zu müssen. Ist eine Fahrt von 100 Kilometern

in die nächste Abtreibungseinrichtung

wirklich eine Zumutung für eine

Frau, die ohnehin vermutlich lieber

nicht beim Frauenarzt um die Ecke abtreibt?

Wer Familienpolitik betreiben

und sich für Frauengesundheit starkmachen

möchte, der stärkt die Geburtshilfe.

Wie kommt also Frau Stetter-Karp,

promovierte Sozialwissenschaftlerin, deren

Mutter zwölf Kinder geboren hat,

dazu, diese Fakten zu ignorieren und

stattdessen lieber das Narrativ der Abtreibungslobby

zu bedienen?

Auch an anderer Stelle betet Stetter-

Karp unreflektiert Aussagen der Abtreibungsbefürworter

nach, die keiner Überprüfung

standhalten. Etwa die Behauptung,

in Ländern mit restriktiver Abtreibungsgesetzgebung

gäbe es besonders

viele illegale Abtreibungen. Dabei

wissen wir, dass das Gegenteil der Fall

ist. Beispiel USA: Hier verdoppelten

sich nach dem Grundsatzurteil »Roe vs.

Wade«, das Abtreibungen erlaubte, die

Zahlen innerhalb von sieben Jahren. In

allen Ländern, in denen Abtreibungen

legalisiert wurden, führte dies zu einer

Zunahme der Abtreibungen, und nicht

zu einer Abnahme. Was ja auch völlig

logisch ist. Wäre es anders, so wäre der

Gesetzgeber gut beraten, Steuerhinterziehungen

zu erlauben, um deren Häufigkeit

einzudämmen.

Besonders absurd ist jedoch Frau

Dr. Stetter-Karps Forderung, zur Sicherung

der Versorgung mit flächendeckenden

Abtreibungseinrichtungen

sei es notwendig, dass Ärzte im Rahmen

ihrer Ausbildung das Handwerk

der vorgeburtlichen Kindstötung erlernen

sollten.

Eine solche Forderung ließe sich nur

umsetzen, wenn gleichzeitig für diese

Ärzte die Gewissens- und Religionsfreiheit

nicht mehr gelten würde. Wir

sehen: Wenn das Grundrecht auf Leben

einem Teil der Bevölkerung aberkannt

wird, dann büßen eben andere

Menschen ebenfalls ihre Grundrechte

ein. Auch das ist nur folgerichtig: Das

Recht auf Leben ist das erste und grundlegendste

aller Menschenrechte. Wenn

dies einzelnen Bevölkerungsgruppen

abgesprochen werden kann – und zwar

einzig und allein, weil es anderen Menschen

einen Vorteil verschafft –, stehen

alle anderen Menschenrechte ebenfalls

zur Disposition.

Dass dies zum Plan gehört, erkennen

wir an den Vorhaben der Ampelkoalition,

deren Koalitionsvertrag explizit

vorsieht, Gebetswachen vor Abtreibungskliniken

zu verbieten – das ist

nicht nur das Ende der Religionsfreiheit,

sondern auch der Meinungsfreiheit und

der Demonstrationsfreiheit im öffentlichen

Raum. Glaube nur niemand, dass

er von diesen Grundrechtseinschränkungen

unbetroffen bleiben wird!

Sah eine Grenze überschritten und wandte sich mit einen Offenen Brief an die

Deutsche Bischofskonferenz: Die Initiative Maria 1.0

Was es in dieser Situation in Deutschland

gebraucht hätte, wäre eine starke,

katholische Stimme, die diese Menschenrechte

gegenüber einer übergriffigen

Regierung mutig verteidigt. Was

es überhaupt nicht braucht, ist eine Präsidentin

des Zentralkomitees deutscher

Katholiken, die sich vor dieser Regierung

in den Staub wirft und nicht bereit

ist, sich aus diesem wieder zu erheben

– trotz eindeutiger und, wie aus einer

Stellungnahme des Generalsekretärs

des ZdK auch bekannt ist, zahlreicher

entsprechender Aufforderungen.

Wie konnte es dazu kommen, dass die

oberste deutsche Laienkatholikin sich

dermaßen auf die schiefe Bahn begeben

hat? Stetter-Karp war ebenso wie Rita

Süßmuth 1999 Mitgründerin von »Donum

Vitae«. Dieser Verein, so Stetter-

LEBENSFORUM 143

27


GESELLSCHAFT

Karp, habe damals dafür sorgen wollen,

»das katholische Profil im System

der staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungen

zu erhalten«.

Donum Vitae hat damit vor über

20 Jahren einen Weg beschritten, von

dem viele Lebensrechtler damals sagten,

dass er in die Irre führen werde.

Heute zeigt sich, wie Recht sie damit

hatten. Wer meint, er könne an einem

System mitwirken, das millionenfache

vorgeburtliche Kindstötungen ermöglicht,

macht sich nicht nur die Hände

schmutzig. Er wird schließlich Teil dieses

Systems und übernimmt seine Sprache,

sein Narrativ, seine Ideologie. Anders

geht es nicht. Und so haben wir heute

mit Prof. Rita Süßmuth eine ehemalige

Vizepräsidentin des Familienbundes

deutscher Katholiken, die eine Laudatio

auf Deutschlands bekannteste Abtreibungsärztin

Kristina Hänel hält,

und mit Dr. Stetter-Karp eine oberste

deutsche Laienkatholikin, die die Lügen

der Abtreibungslobby nachbetet:

Es gebe eine unzureichende Versorgung

mit Abtreibungseinrichtungen,

das Werbeverbot für Abtreibung habe

mit dem Schutz des ungeborenen

Lebens nichts zu tun, und wenn Ärzte

erst allesamt schon in der Ausbildung

lernten, wie man vorgeburtlich Kinder

tötet, könnten Frauen in Deutschland

endlich selbstbestimmt über ihre Körper

verfügen.

Weit über 4.000 Unterschriften: Petition fordert den Rücktritt von Stetter-Karp

Wie schizophren man dabei werden

kann, wenn man sich von diesem Lügennetz

einfangen lässt, zeigen Behauptungen

wie diese: »Auch wenn das ein

Widerspruch zu sein scheint: Zielorientierung

und Ergebnisoffenheit zu berücksichtigen

trägt dazu bei, das Recht

auf Leben und das Recht auf Selbstbestimmung

gleichermaßen zu garantieren.«

Das scheint nicht nur ein Widerspruch

zu sein, das ist einer, wie jeder,

der des logischen Denkens fähig ist,

unschwer erkennt. Denn das Recht auf

Leben wird durch diese Regelung keinesfalls

garantiert, sondern ausdrücklich

zur Disposition gestellt und einem

vermeintlichen Recht auf Selbstbestimmung

der Mutter geopfert, das

allemal Vorrang hat. Das Leben eines

Kindes ließe sich ja nur schützen, wenn

die Mutter selbstbestimmt »Ja« zu ihrem

Kind sagen könne, so die Präsidentin

weiter. Dass tausendfach Mütter

keinesfalls selbstbestimmt »Ja« zu

einer Abtreibung sagen, sondern dazu

gedrängt werden, ignoriert sie. Dass das

vermeintliche Recht auf Selbstbestimmung

eine totale Lüge ist, die sich an

keiner Stelle deutlicher zeigt als bei einer

ungeplanten Schwangerschaft, ignoriert

sie ebenfalls – gäbe es diese Selbstbestimmung

über den eigenen Körper,

wären die Frauen gar nicht erst schwanger

geworden. Das Recht auf Selbstbestimmung

ist also vielmehr das Recht

auf Tötung eines anderen, ungeplanten,

unerwünschten Menschen. Abtreibungen

sind genau aus diesem Grund,

wie das II. Vatikanum treffend formuliert,

ein abscheuliches Verbrechen. Sie

sind, wie Mutter Teresa bei der Verleihung

des Friedensnobelpreises sagte,

der größte Zerstörer des Friedens in

unserer Welt.

Abtreibungen zerstören das Leben

der Kinder und das Gewissen der Eltern.

Sie zerstören aber auch das Verantwortungsbewusstsein

in unserer Gesellschaft.

Mit dem Etikett der »selbstbestimmten

Entscheidung« erhalten Abtreibungen

quasi ein Gütesiegel. Sie sind

nicht mehr der letzte Ausweg in höchster

Not, sondern werden geadelt als

selbstbewusster Ausdruck der autonomen

Entscheidungsfähigkeit der Frau.

Damit befreien Abtreibungen und alle,

die dieses Narrativ nachbeten, die Gesellschaft

von ihrer Verantwortung gegenüber

beiden: der ungewollt Schwangeren

und ihrem Kind. Der Frau wird

vorgehalten, sie möge sich doch bitte

selbstbestimmt und autonom verhalten,

das Kind wird entmenschlicht und sämtlicher

Rechte beraubt, und schon sind

alle aus dem Schneider, denen man eigentlich

zurufen müsste: Du bist der Vater!

Kümmere dich! Ihr seid die Großeltern!

Bringt euch ein!

Im Falle einer Konfliktschwangerschaft

müsse die letzte Entscheidung

bei der Frau liegen, so Stetter-Karp.

Ja, die letzte Entscheidung sollte bei

der Frau liegen – allerdings deutlich

vor dem Eintreten einer ungeplanten

Schwangerschaft. Autonom und selbstbestimmt

sollten Frauen entscheiden, ob

Folge des Geschlechtsakts zum gegebe-

28 LEBENSFORUM 143


GESELLSCHAFT

nen Zeitpunkt eventuell eine Schwangerschaft

sein könnte, ob in dem Fall

ihr Sexualpartner auch als Kindsvater

taugt, ob die Beziehung tragfähig ist

und Kinder darin willkommen sind,

ob sie mit der Konsequenz einer ungeplanten

oder unerwünschten Schwangerschaft

auf verantwortungsvolle, lebensbejahende

Weise umgehen könnte.

Es ist, um es einmal ganz deutlich zu

sagen, erbärmlich, was für ein Frauenbild

sich in den Einlassungen Stetter-

Karps zeigt: nämlich genau das Gegenteil

einer selbstbestimmten, sich ihres

eigenen Wertes bewussten Frau. Zum

Narrativ des Rechts auf reproduktive

Selbstbestimmung gehört eben auch,

dass die gesamte Entstehungsgeschichte

der Konfliktschwangerschaft darin nicht

vorkommt. Wären Frauen so selbstbestimmt

und selbstbewusst, wie dieses

Narrativ uns glauben machen möchte,

würden sie ihren Körper schützen, den

Sexualpartnern Grenzen aufzeigen und

deren Verantwortung einfordern. Darin

sollten Frauen bestärkt werden. Für

diese Haltung brauchen Frauen Ermutigung

und Zuspruch. Wer Frauenrechte

dagegen hauptsächlich dann respektiert,

wenn er sich damit seiner eigenen

Verantwortung elegant entledigen kann,

wer dafür dann Leben zerstört und Frauen

traumatisiert, der respektiert Frauen

nicht. Der verachtet sie im Grunde genommen.

Mit Verlaub, von einer Frau

an der Spitze des Zentralkomitees deutscher

Katholiken hätte ich eine solche

Respektlosigkeit nicht erwartet.

Womit wir auch bei der Frage wären,

ob jemand, der sich auf diese Weise

öffentlich positioniert, überhaupt

noch als katholisch bezeichnet werden

kann. Der unbedingte Schutz jeglichen

menschlichen Lebens ist integraler Bestandteil

der katholischen Lehre. Nichts,

aber auch gar nichts an ihr macht Sinn,

wenn dieser Grundsatz fällt: Du darfst

nicht töten. Jede Relativierung dieses

Grundsatzes stößt wie Dominosteine

alle anderen Grundregeln des christlichen

Miteinanders, der Beziehung zwischen

Gott und den Menschen um. Hier

darf es kein »Ja, aber«, keine wie auch

immer geartete Ausnahme geben. Gott

hat jeden Einzelnen von uns ins Leben

gerufen, jeder Einzelne von uns ist Teil

seines Heilsplans. Wer aber meint, ungeborene

Kinder beseitigen zu können,

HARALD OPPITZ/KNA

erhebt sich über diesen Plan und teilt

dem Schöpfer auf unendlich überhebliche

Weise mit: Dieses Kind war unnötig,

passte nicht in den Plan der Eltern,

lass uns das mal anders lösen. Es

interessiert mich nicht, was du mit dem

Kind vorhattest. Jedes Kind, das geboren

wird, sendet die Botschaft Gottes

in die Welt, dass es Hoffnung und Zukunft

für die Menschheit gibt. Mit jedem

Kind, das wir vorgeburtlich töten,

zerstören wir somit auch einen Teil dieser

Zukunftshoffnung für uns selbst.

Katholisch ist es daher vielmehr, diese

Annahme zugrunde zu legen und zu

fragen: Was ist meine Aufgabe in diesem

Plan, und zwar genau jetzt, ganz

konkret, bei der unglücklich-ungewollt

schwangeren Frau? Was soll ich tun,

um den Knoten zu lösen, das Leben des

Kindes zu retten? Zur Abtreibung raten?

Bequemer ist das für die, die nicht

selbst auf den OP-Tisch steigen müssen.

Mit dieser Haltung dient man jedoch

vor allem sich selbst. Die christliche

Haltung hingegen ist die der Nächstenliebe,

die auch das Kind im Mutterleib

miteinschließt.

Erfreulicherweise hat sich die deutsche

Bischofskonferenz geäußert und

mit klaren Worten von Stetter-Karps

Verwirrtheiten distanziert. Es ist, wie

ihr Sprecher festhielt, unsere Aufgabe,

diese Verantwortung gegenüber dem

ungeborenen Menschen zu erkennen

und ihn durch unsere konkrete Unterstützung

und Hilfe für seine Eltern

bestmöglich zu schützen. Es darf niemals

unser Anliegen sein, die Möglichkeiten

für seine Vernichtung noch weiter

auszuweiten. Diese Stellungnahme

Zeigt von Einsicht bislang keine Spur: ZdK-Präsidentin Dr. Irme Stetter-Karp

reicht jedoch nicht. Wer die katholische

Lehre in einem so elementaren Punkt

dermaßen mit Füßen tritt, hat an der

Spitze ihrer Laienorganisation nichts

verloren. Es ist Aufgabe der Bischöfe,

unmissverständliche Orientierung zu

bieten und die Gläubigen vor falschen

Propheten zu schützen. Wir brauchen

gerade jetzt glaubwürdige Menschen in

katholischen Spitzenpositionen, die den

weiteren Grausamkeiten, die der Koalitionsvertrag

noch bereithält, mutig Paroli

bieten. Wir brauchen niemanden,

der sich an die frauen- und familienfeindlichen

Vorhaben der Ampelkoalition

dergestalt anbiedert, wie das ZdK

es zurzeit tut.

Sollte Stetter-Karp im Amt bleiben,

nützt auch die wohlfeile Stellungnahme

der Bischofskonferenz herzlich wenig

– sie degeneriert zum Feigenblatt,

und wie wenig das nützt, wissen wir seit

der Vertreibung aus dem Paradies. Es

ist daher höchste Zeit für ein Machtwort

der deutschen Bischöfe.

LEBENSFORUM 143

29


BÜCHERFORUM

Genug geschwiegen!

Dieses Buch ist ein Lehr- und

Studienbuch. Richtig genutzt,

rettet es Leben. Nicht eines,

sondern Hunderttausende. Denn es

vermittelt nicht bloß die wichtigsten

Gesprächstechniken und jede Menge

nützliche Informationen, mit denen

Lebensrechtler jede noch so brenzlige

Situation und jedes noch so schwierige

Gespräch über das emotional hochbelastete

Thema Abtreibung meistern

können. Mehr noch: In den richtigen

Händen vermag es die Reihen der Abtreibungsbefürworter

zu lichten und

Menschen veranlassen, ins Pro-Life-

Lager zu wechseln. Dieses Buch hat

also das Zeug, ein echter Gamechanger

zu werden.

Bei all dem liest es sich leicht und

beinah süffig. Mit ihm wendet sich die

Lebensrechtlerin Justina van Manen an

ihresgleichen. Am Canadian Centre for

Bio-Ethical Reform (CCBR) ausgebildet

und in zahllosen Straßeneinsätzen

geschult, versteht sie es, zügig auf den

Punkt zu kommen. Und so beginnt

»Genug geschwiegen!« gleich mit einem

Paukenschlag: »Als ich ein Teenager

war, fragte mich eine Freundin:

›Sam, was würdest du einem Mädchen

raten, das eine Abtreibung in Betracht

zieht?‹ Ich war ehrlich zu ihr. Ich habe

ihr gesagt, ich wisse es nicht. Ich war

damals 18 Jahre alt (…) und Abtreibungen

interessierten mich nicht. Ich dachte,

sie würde eine hypothetische Frage

stellen. Ich habe nicht verstanden, dass

sie mich um Hilfe bat. Ich wusste nicht,

dass sie schwanger war. (…) Ich wusste

nicht, dass ich mit meiner Antwort ein

Leben hätte retten können. Ich wusste

nicht, dass meine Freundin nur wenige

Tage später eine Abtreibung vornehmen

lassen würde.«

Viele Gespräche, die Lebensrechtler

mit vermeintlichen Abtreibungsbefürwortern

führen, enden ergebnislos. Das

muss, wie die Autorin überzeugend darlegt,

aber gar nicht sein, wenn es gelingt,

zunächst die Lücke zu schließen, die aus

den unterschiedlichen Blickwinkeln

resultiert, mit denen Abtreibungsbefürworter

und -gegner auf Abtreibung

schauen. Während sich Lebensrechtler

auf die alles entscheidende Frage fokussierten,

ob der Embryo ein Mensch

sei, konzentrierten sich Gesprächspartner

»häufig beinah vollständig auf die

Angst, die Unsicherheit, ja sogar die

Verzweiflung, die eine Frau empfinden

kann, wenn sie mit einer ungewollten

Schwangerschaft konfrontiert ist«. Die

dadurch entstehende Lücke kann, wie

van Mannen eindrucksvoll zeigt, in

einem Dreischritt (Gemeinsame Basis

finden, Analogien benutzten, Fragen

stellen) geschlossen werden. Gegliedert

ist das beeindruckende Werk in

sieben Teile (Umstände, Menschenrechte,

Person-Sein, Es ist mein Körper,

Härtefälle, Abtreibungsverfahren, Die

richtige Perspektive). Jeder Teil enthält

eine Zusammenfassung, praktische

Übungen und weitergehende Literaturempfehlungen.

Ermöglicht haben die

Herausgabe der deutschen Ausgabe die

»Stiftung Ja zum Leben« und der Verein

»ProLife Europe«. Ein Muss für jeden

Lebensrechtler.

Stefan Rehder

Justina van Manen: Genug geschwiegen!

Schwierigen Abtreibungsfragen

selbstsicher begegnen. Aus dem Englischen

von Bernhard Weiskirch. Bernadus-Verlag,

Aachen 2022. Kartoniert.

262 Seiten. 15,00 EUR.

Babyschlaf

Die Autorin ist praktizierende Ärztin, seit 30 Jahren

mit der Kinderheilkunde befasst und arbeitet am

Kinderzentrum München in der »Münchner Sprechstunde

für Schreibabys«. Aus ihrer langjährigen Erfahrung

weiß sie, Schlafprobleme betreffen heute

jedes vierte Kind und sind ein heißes Eisen in der Beratung

von Eltern. Übermüdete Eltern wünschen sich

dringend mehr und besseren Schlaf – sowohl für

ihre Kinder als auch für sich selbst. Mit zahlreichen

Fallbeispielen und Dialogen aus ihrer langjährigen

Beratungspraxis veranschaulicht die Autorin typische

Schlafprobleme, beantwortet zahlreiche Fragen

und gibt Tipps für das Überwinden von Umsetzungsschwierigkeiten.

Ein lesenswertes Buch voller

nachvollziehbarer Handlungsempfehlungen. reh

Daniela Dotzauer: Babyschlaf. Fundiertes Wissen

und konkrete Handlungsvorschläge aus der Beratungspraxis.

Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main

2022. 209 Seiten. 29,00 EUR.

30 LEBENSFORUM 143


BÜCHERFORUM

Entgrenzte Autonomie?

Die »Essener Gespräche zum

Thema Staat und Kirche« haben

sich seit ihren Anfängen

im Jahr 1966 zu einem europaweit viel

beachteten akademischen Klassiker

entwickelt. Interdisziplinär und überkonfessionell

ausgerichtet, erörtert

der Fachkongress stets aktuelle Fragen

zum besonderen Verhältnis von Staat

und Kirche. Im Jahr 2021 hätte dies der

Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts

vom 26. Februar 2020 gelten

sollen. Mit ihr erklärte bekanntlich

dessen Zweiter Senat das vom Deutschen

Bundestag mit großer Mehrheit

im Herbst 2015 beschlossene »Verbot

der geschäftsmäßigen Förderung der

Selbsttötung« für verfassungswidrig

und den entsprechend gefassten

§ 217 StGB für nichtig. Der vorliegende

Band versammelt nun jene Beiträge,

die angesichts der pandemiebedingten

Einschränkungen im März 2021 nicht

in der gewohnten Weise in Präsenz zur

Kenntnis gegeben werden konnten. In

ihm legen die Autoren, namhafte Juristen,

Philosophen und Theologen, die

Finger in so gut wie jede der an Wunden

wahrlich reichen Entscheidung

des höchsten deutschen Gerichts.

»Entgrenzte Autonomie? Die assistierte

Selbsttötung nach der bundesverfassungsgerichtlichen

Entscheidung

vom 26. Februar 2020« lautet

der Titel des Bandes, der Beiträge von

Theo A. Boer (Groningen), Franz-Josef

Bormann (Tübingen), Gunnar Duttge

(Göttingen), Anna-Bettina Kaiser und

Ines Reiling (Berlin), Thomas Lobinger

(Heidelberg) und Gernot Sydow

(Münster) enthält. Eingeleitet werden

sie mit einem Vorwort des Bischofs

von Essen, Franz-Josef Overbeck, und

einer Einführung des Mitherausgebers

Arnd Uhle (Leipzig).

Grob gesagt, und genauer geht es

angesichts des Umfangs des Dokumentationsbandes

und des hier zur

Verfügung stehenden Platzes auch

nicht, erweisen die Beiträge den Autonomiebegriff

des Bundesverfassungsgerichts

im Ergebnis als defizitär. Das

ist mehr als bloß hochnotpeinlich für

die Mitglieder des Zweiten Senats. Es

ist tragisch. Denn unabhängig von der

Frage des Ideologieverdachts, die sich

hier wie von selbst aufdrängt, muss

der Gesetzgeber bei der anstehenden

rechtlichen Neuregelung der Beihilfe

zum Suizid diesen defizitären Autonomiebegriff

zugrunde legen. Jedenfalls

dann, wenn er eine »verfassungskonforme«

Regelung anstrebt. Dies kommt

aber de facto dem Versuch einer Quadratur

des Kreises gleich.

Eilige Leser werden die »Leitsätze«

am Ende jedes Beitrags zu schätzen

wissen, die sie zuverlässig über die Thesen

und Ergebnisse des Vorangestellten

informieren. Gleichwohl zeigt erst die

Zusammenschau und die in den Fußnoten

zitierte Literatur, wie kritikwürdig

das Urteil des Zweiten Senats in

Wahrheit ist, bei dem, wie der Titel des

Beitrags von Thomas Lobinger »Ein

Recht auf Suizid? – Zur Rechtskreation

des Bundesverfassungsgerichts« nahelegt,

auch gleich die Gewaltenteilung

unter die Räder geriet.

Stefan Rehder

Arnd Uhle / Judith Wolf (Hrsg.): Entgrenzte

Autonomie? Die assistierte

Selbsttötung nach der bundesverfassungsgerichtlichen

Entscheidung vom

26. Februar 2020. Essener Gespräche

zum Thema Staat und Kirche, Bd. 56.

Aschendorff Verlag, Münster 2021. Kartoniert.

244 Seiten. 32,90 EUR.

Besser nicht geboren sein?

Mussten für dieses Buch wirklich Bäume sterben?

Mit rund 60,00 Euro ist das 117 Seiten schwache Plädoyer

eines Geborenen dafür, nicht geboren zu werden,

zumindest ein überaus kostspieliges und jede

Menge Ressourcen verschwendendes Unterfangen.

Dabei beruft der Autor sich auf den südafrikanischen

Philosophen David Benatar, der in seinem Hauptwerk

(»Better Never to Have Been«) die erstaunliche

These verficht, jedes Leben sei so schlecht, dass es

stets besser sei, nicht zu existieren. Das ist natürlich

Unsinn. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.

Denn Sein ist immer besser als Nichtsein. Oder anders

formuliert: Bewerten, zumal im Sinne von »besser«

oder »schlechter«, lässt sich nur, was ist. Aber

niemals das, was nicht ist. Das vorliegende Buch

darf folglich getrost ignoriert werden.

reh

Oliver Hallich: Besser, nicht geboren zu sein? Eine

Verteidigung des Anti-Natalismus. Verlag J.B. Metzler,

Stuttgart 2022. 117 Seiten. 59,99 EUR.

LEBENSFORUM 143

31


KURZ VOR SCHLUSS

Expressis

verbis

Zugleich ist sicherzustellen, dass der

medizinische Eingriff eines Schwangerschaftsabbruchs

flächendeckend

ermöglicht wird. Das ist derzeit nicht

der Fall, weil insbesondere im ländlichen

Raum – unabhängig von seiner

konfessionellen Prägung – die gynäkologische

Versorgung fehlt. Eine

Reflexion darüber, wie das Angebot

sichergestellt werden kann, steht an –

was auch die Schulung von Ärzt*innen

in der Ausbildung umfasst.«

Die Präsidentin des Zentralkomitees der

deutschen Katholiken, Dr. Irme Stetter-

Karp, in einem Namensbeitrag für die

Beilage »Christ und Welt« der Wochenzeitung

»Die Zeit« (Ausg. v. 14.07.22)

Tops & Flops

Prof. Dr. med.

Holm Schneider

Der stellvertretende Bundesvorsitzende

der Aktion Lebensrecht für

Alle (ALfA) e.V., Prof. Dr. med. Holm

Schneider, befürchtet, dass die ab 1.

Juli geltende Kostenerstattung für

nicht-invasive Pränataltests (NIPT)

schon bald zu einer »moralischen

Verpflichtung« werden könnte: »Eine

STEPHAN RÖHL/CC BY SA 4.0

Kristina Hänel

Nach der Streichung des Werbeverbots

für Abtreibungen aus dem

Strafgesetzbuch hat die Ikone der

Abtreibungslobby, die Gießener Abtreibungsärztin

Kristina Hänel, der

»Rhein-Main-Zeitung«, dem Lokalteil

der »Frankfurter Allgemeinen

Zeitung«, ein ausführliches Interview

Die von ZdK-Präsidentin Irme Stetter-

Karp vorgetragene Position zur Notwendigkeit

eines flächendeckenden

Angebots von Schwangerschaftsabbrüchen

widerspricht der Haltung der

Deutschen Bischofskonferenz. Statt einer

flächendeckenden Möglichkeit für

Abtreibungen brauchen wir ein flächendeckendes

qualifiziertes Beratungsangebot

für Frauen.«

Der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz,

Matthias Kopp, auf

eine Anfrage des Internetportals »kath.

net« am selben Tag

Flächendeckend verteilt werden im

ethischen Sinne kann nur ein Gut, das

der Gerechtigkeit entspricht und damit

dem Guten.«

Prof. Dr. Katharina Westerhorstmann,

Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl Falkovitz,

Dorothea Schmidt und Prof. Dr. Marianne

Schlosser in einem gemeinsamen

Beitrag für die Zeitung »Die Welt« (Ausg.

v. 26.07.22)

Prof. Dr. med. Holm Schneider

Kassenziffer für eine medizinische

Leistung gilt als Qualitätsstempel. So

entsteht Druck auf die Schwangere,

diese Leistung auch in Anspruch zu

nehmen, um sich nicht später vor der

Solidargemeinschaft rechtfertigen zu

müssen, wenn sie trotz früher Selektionsmöglichkeit

ein Kind mit Trisomie

21 (Down-Syndrom) zur Welt

bringt.« Inklusionsdebatten, in denen

Politiker ihre Forderung nach Diversität

auch auf Menschen mit Behinderungen

ausweiteten, würden durch

diese Tests »als Nebelkerzen« entlarvt.

»Die systematische Selektion von

Menschen durch vorgeburtliche Bluttests«

werde nur deswegen nicht als

Eugenik gebrandmarkt, »weil sie hinter

den Türen von Laboren und Abtreibungseinrichtungen

geschieht«, so

Schneider.

reh

Kristina Hänel

gegeben. Auf die Frage der Redakteurin:

»Spielen denn die Väter der ungeborenen

Kinder in Ihrer Praxis auch

eine Rolle?«, antwortet Hänel: »Also

ich würde jetzt nicht den Begriff ›ungeborenes

Kind‹ benutzen. Ich denke,

eine Frau kann schon ab dem Moment

der Empfängnis sagen: mein

Kind. Sie kann das fühlen, und sie

kann das auch so sagen. Aber ich finde

nicht, dass es mir als Außenstehender

zusteht, von einem Kind zu sprechen.

Es ist medizinisch ein Embryo

oder ein Fötus. Und die Frau ist noch

keine Mutter, sie ist schwanger. Genauso

ist der Mann noch kein Vater.

Dazu wird er erst, wenn die Frau sich

entscheidet, auszutragen. Andernfalls

wird er nicht Vater.« Ein Niederrheiner

würde das wohl so kommentieren:

»Weisse Bescheid.« reh

32 LEBENSFORUM 143


KURZ VOR SCHLUSS

Aus der Bibliothek

»Das moralische Problem der Selbsttötung« (1942)

»(…) Die Selbsttötung ist etwas sehr

Besonderes. Sie ist, wie mir scheint,

eine Flucht, in der der

Mensch versucht, das

verlorene Paradies

wiederzufinden, statt

den Himmel verdienen

zu wollen. Der

Wunsch nach dem

Tod, der dem Willen

entspricht, wenn

die Versuchung der

Selbsttötung über uns

Herr wird, ist psychologisch

gesehen

der Wunsch nach einer

Regression in den

pränatalen Zustand.

Verschwinden: keine

Angriffsfläche mehr

bieten. Stekel und andere

haben uns die

zutreffendste Psychologie

der Selbsttötung

geliefert: Wunsch nach

dem Abgrund, nach der Mutter, nach

der Rückkehr. Der ganze Vorgang wäre

in Freud’schen Termini zu beschreiben.

Theologisch gesehen handelt es

sich in Wahrheit um eine vage Illusion

der Rückkehr ins Paradies. Die rousseauitisch-werthersche

Selbsttötung

geht sogar mit einer Bewusstwerdung

dieser dunklen Motivation einher. In

dieser Hinsicht ließen sich merkwürdige

Texte von Goethe, Sémancourt,

Amiens und anderen

anführen. Christus

leitet uns durch

Mühsal und Leid zu

einem höheren Licht.

Der Gott oder vielmehr

die Göttin der

Selbsttötung stürzt

uns in den finsteren

Schoß der Mutter. In

diesem Sinn ist die

Selbsttötung ein Infantilismus.

Sein regressiver

Charakter

schließt jeden Vergleich

zwischen der

Selbsttötung und dem

normalen Kampf des

Menschen gegen das

Leiden aus. Es ist das

Versagen aller anderen

Mittel, das in den

meisten Fällen zur

Selbsttötung führt, eine universelle Erfahrung

der Ohnmacht. (…)«

Paul Ludwig Landsberg: Das moralische

Problem der Selbsttötung. Aus

dem Französischen von Eva Moldenhauer.

Hrsg. v. Eduard Zwierlein. Verlag

Matthes & Seitz, Berlin 2017. Klappbroschur.

130 Seiten. 14,00 EUR.

»Die Welt. Die von morgen« (56)

NATALIA SINJUSHINA/STOCK.ADOBE.COM

Kurz & bündig

Forscher züchten

Mäuse-Embryonen

aus Stammzellen

Rehovot (ALfA). Israelischen Forschern

um Jacob Hanna vom

Weizmann Institute of Science in

Rehovot ist es gelungen, Mäuse-

Embryonen ohne Befruchtung einer

Eizelle aus Stammzellen zu

züchten. Anschließend hätten

sich die Mäuse-Embryonen in einem

Bioreaktor bis ins Stadium

der Organbildung entwickelt. Das

berichten die Forscher in der aktuellen

Ausgabe der Fachzeitschrift

»Cell«. Wie die Forscher schreiben,

wollten sie herausfinden, wie

sich Stammzellen zu verschiedenen

Organen entwickeln. Eines Tages

könne es so möglich werden,

mit künstlichen Embryo-Modellen

des Menschen Organe und Gewebe

für die Transplantationsmedizin

zu züchten.

reh

GLOSSE

In der Welt von morgen gibt es kein

Zentralkomitee der deutschen Katholiken

(ZdK) mehr. Ein Handbuch

für Kirchengeschichte vermerkt als

Grund für das Aus (unter einem Datum

aus der Welt von gestern) dazu

knapp: »Fusion mit ›Bündnis für sexuelle

Selbstbestimmung‹« sowie »letzte

Präsidentin: Dr. Irme Stetter-Karp«.

Unterdessen fordert das »Bündnis

für sexuelle Selbstbestimmung«, Ärzten,

die in der medizinischen Versorgung

von Schwangeren tätig seien,

das Recht auf Gewissensfreiheit abzusprechen.

Nur so lasse sich – unabhängig

von der »konfessionellen

Prägung« ländlicher Räume – eine flächendecke

Versorgung abtreibungswilliger

Schwangerer »sicherstellen«.

Auch sei es nicht länger hinnehmbar,

dass Abtreibungsärzte »sozial ausgegrenzt«

würden. So sei es ein »echter

Skandal«, wenn Ärzte, die Abtreibungen

vornehmen, in Dorfschenken

bisweilen »gar nicht bedient« würden

oder aber ihr Feierabendbier allein

»am Katzentisch« trinken müssten.

Eine Ärztin habe sich sogar von

ihrer eigenen Tochter fragen lassen

müssen: »Ernsthaft, Mama? Du tötest

Babys?« Hier seien Kitas und Schulen

gefordert. Der Weg zu einer »toleranten

Gesellschaft« nach dem Motto

»Leben und leben lassen« sei eben

doch noch sehr weit.

Stefan Rehder

LEBENSFORUM 143

33


34 LEBENSFORUM 143


IMPRESSUM

IMPRESSUM

LEBENSFORUM

Ausgabe Nr. 143, 3. Quartal 2022

ISSN 0945-4586

Verlag

Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V.

Kitzenmarkt 20, 86150 Augsburg

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Herausgeber

Aktion Lebensrecht für Alle e.V.

Bundesvorsitzende Cornelia Kaminski (V. i. S. d. P.)

Kooperation

Ärzte für das Leben e.V. – Geschäftsstelle

z.H. Dr. med. Karl Renner

Sudetenstraße 15, 87616 Marktoberdorf

Tel.: 0 83 42 / 74 22, E-Mail: k.renner@aerzte-fuer-das-leben.de

www.aerzte-fuer-das-leben.de

Redaktionsleitung

Stefan Rehder M. A.

Redaktion

Alexandra Maria Linder M. A., Stefan Matthaei,

Prof. Dr. med. Paul Cullen (Ärzte für das Leben e.V.)

E-Mail: lebensforum@alfa-ev.de

Anzeigenverwaltung

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Es gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 8 vom 1. Februar 2017.

Erscheinungsweise

»LebensForum« 144 erscheint am 17. Dezember 2022.

Redaktionsschluss ist der 4. November 2022.

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