24.04.2024 Aufrufe

BIRDS - Die Welt der Vögel (Leseprobe)

Katrina van Grouw BIRDS – Das Buch der Vögel – Ein Ausflug in die gefiederte Welt 352 Seiten, Hardcover, Euro (D) 59 | Euro (A) 61 | CHF 78 ISBN 978-3-03876-285-0 (Midas Collection) »BIRDS - Die Welt der Vögel« dokumentiert auf einmalige Weise die weltweite Anziehungskraft von Vögeln in Kunst, Wissenschaft und Geschichte. In durchdachten Gegenüberstellungen zeigt dieser zeitlose Prachtband, wie Malerinnen, Illustratoren, Ornithologinnen und Fotografen – vom alten Ägypten bis zur Gegenwart – den Geist, die Schönheit, den Charakter und die Symbolik der Vögel eingefangen haben. Eine überwältigende Feier der Schönheit und Vielfalt der Vogelwelt – mit über 300 Abbildungen aus viertausend Jahren.

Katrina van Grouw
BIRDS – Das Buch der Vögel – Ein Ausflug in die gefiederte Welt
352 Seiten, Hardcover, Euro (D) 59 | Euro (A) 61 | CHF 78
ISBN 978-3-03876-285-0 (Midas Collection)

»BIRDS - Die Welt der Vögel« dokumentiert auf einmalige Weise die weltweite Anziehungskraft von Vögeln in Kunst, Wissenschaft und Geschichte. In durchdachten Gegenüberstellungen zeigt dieser zeitlose Prachtband, wie Malerinnen, Illustratoren, Ornithologinnen und Fotografen – vom alten Ägypten bis zur Gegenwart – den Geist, die Schönheit, den Charakter und die Symbolik der Vögel eingefangen haben. Eine überwältigende Feier der Schönheit und Vielfalt der Vogelwelt – mit über 300 Abbildungen aus viertausend Jahren.

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

<strong>BIRDS</strong><br />

DIE WELT DER VÖGEL<br />

EIN AUSFLUG IN<br />

DIE GEFIEDERTE WELT<br />

MIDAS


<strong>BIRDS</strong>


<strong>BIRDS</strong><br />

DIE WELT DER VÖGEL<br />

MIDAS


<strong>BIRDS</strong> – <strong>Die</strong> <strong>Welt</strong> <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong><br />

© 2024<br />

Midas Collection<br />

ISBN 978-3-03876-285-0<br />

Auflage: 1 2 3 4 5 | 27 26 25 24<br />

Übersetzung: Kathrin Lichtenberg<br />

Lektorat: Dr. Frie<strong>der</strong>ike Römhild<br />

Layout: Ulrich Borstelmann<br />

Projektleitung: Gregory C. Zäch<br />

Midas Verlag AG<br />

Dunantstrasse 3, CH-8044 Zürich<br />

Büro Berlin: Mommsenstraße 43, D-10629 Berlin<br />

E-Mail: kontakt@midas.ch<br />

www.midas.ch<br />

Der Midas Verlag wird vom Bundesamt für Kultur<br />

für die Jahre 2021–2024 unterstützt.<br />

Englische Originalausgabe:<br />

»BIRD – Exploring the Winged World«,<br />

© 2021 Phaidon Press Limited<br />

2 Cooperage Yard, E15 2QR London<br />

United Kingdom<br />

Printed in China<br />

<strong>Die</strong> deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese<br />

Publikation in <strong>der</strong> Deutschen Nationalbibliografie;<br />

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet<br />

unter www.dnb.de abrufbar.<br />

Alle Rechte vorbehalten. <strong>Die</strong> Verwendung <strong>der</strong> Texte<br />

und Bil<strong>der</strong>, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche<br />

Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und<br />

strafbar.<br />

Anordnung<br />

<strong>Die</strong> Illustrationen in diesem Buch wurden paarweise<br />

angeordnet, um interessante Vergleiche und Kontraste<br />

hervorzuheben, die sich lose auf ihr Thema, ihr<br />

Alter, ihren Zweck, ihre Herkunft o<strong>der</strong> ihr Aussehen<br />

stützen.<br />

Abmessungen<br />

<strong>Die</strong> Abmessungen <strong>der</strong> Werke sind nach Höhe und<br />

Breite geordnet. Digitale Bil<strong>der</strong> haben variable Abmessungen.<br />

Bei Unterschieden in den Abmessungen<br />

zwischen den Quellen beziehen sich die angegebenen<br />

Maße auf die abgebildete Version.


Einführung 6<br />

<strong>BIRDS</strong> – <strong>Die</strong> <strong>Welt</strong> <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong><br />

<strong>Die</strong> Werke 10<br />

Zeitstrahl 328<br />

Anhang<br />

Vogelklassifikation 336<br />

Vogeltopografie 338<br />

Vogelbeobachten 339<br />

Ausgewählte Biografien 340<br />

Glossar 344<br />

Index 346


Der einzigartige und allgegenwärtige Vogel<br />

Kaum schaut man nach oben, erblickt man einen Vogel. <strong>Vögel</strong> gibt<br />

es überall in <strong>der</strong> Stadt und auf dem Land. Ihr Gesang kündet von<br />

ihrer Anwesenheit, sie besuchen Futterstationen, nutzen Nisthilfen<br />

und beanspruchen Teiche, Seen und Flüsse für sich. Mauersegler<br />

rasen an Sommerabenden zwitschernd durch die engen Gassen alter<br />

Städte (S. 45, S. 262), während Sperlinge unter Café-Tischen Krümel<br />

aufpicken. Im Herzen unserer Städte haben Wan<strong>der</strong>falken auf<br />

Mauerabsätzen hoher Gebäude ihr Quartier und ernähren sich von<br />

Tauben, wie sie es jahrtausendelang von natürlichen Klippen über<br />

dem Meer getan haben. Selbst tief in <strong>der</strong> Nacht kann ein aufmerksamer<br />

Beobachter mit guten Ohren die leisen Rufe kleiner <strong>Vögel</strong> hören,<br />

die bei ihren herbstlichen Zügen vorüberfliegen. Durch ihre Allgegenwart<br />

kann sich jede und je<strong>der</strong> an <strong>Vögel</strong>n erfreuen, ob wir nun<br />

durch die <strong>Welt</strong> reisen, um eine Liste von Vogelsichtungen abzuarbeiten,<br />

o<strong>der</strong> gemütlich in unserem Sessel sitzen und aus dem Fenster<br />

schauen. <strong>Vögel</strong> gehören uns allen.<br />

Auch bildliche Vogeldarstellungen umgeben uns. Alle Zivilisationen,<br />

selbst die abgelegensten, haben zu fast jedem Zeitpunkt ihrer<br />

Entwicklungsgeschichte Bil<strong>der</strong> von <strong>Vögel</strong>n in sämtliche Aspekte<br />

ihres täglichen Lebens integriert. Holz, Textilien, Ton, Metall,<br />

Papier, Stein und zahllose an<strong>der</strong>e Materialien wurden in Vogelform<br />

gebracht, mit <strong>Vögel</strong>n bemalt, zu <strong>Vögel</strong>n geschnitzt o<strong>der</strong> gewebt.<br />

Universell, metaphysisch und beharrlich; es gibt keine Nische in <strong>der</strong><br />

menschlichen Kultur o<strong>der</strong> Fantasie, die nicht von <strong>Vögel</strong>n besetzt ist.<br />

Wie sehr sich <strong>Vögel</strong> in unserer kollektiven Psyche eingenistet<br />

haben, erkennen wir schnell, wenn wir uns genauer anschauen,<br />

was sie sind und wie sie leben. <strong>Vögel</strong> gehen wie wir auf zwei Beinen.<br />

Sie haben einen Schnabel und zwei Flügel zum Fliegen. Viele<br />

an<strong>der</strong>e Tiere besitzen einige dieser Merkmale, doch keine haben<br />

sie alle – nur die <strong>Vögel</strong>. Eines ist ihnen aber ganz allein vorbehalten:<br />

Fe<strong>der</strong>n. Hutmacher, Fliegenfischer, Bettenfabrikanten und<br />

Revuetänzerinnen können Zeugnis von den einzigartigen Qualitäten<br />

<strong>der</strong> Fe<strong>der</strong>n ablegen. Fe<strong>der</strong>n lassen Pfeile fliegen und Gedichte<br />

entstehen. Nur <strong>Vögel</strong> bestehen hauptsächlich aus Fe<strong>der</strong>n. Borsten,<br />

Schwungfe<strong>der</strong>n, Daunen, selbst ihre Wimpern – Fe<strong>der</strong>n in unterschiedlichster<br />

Form.<br />

<strong>Die</strong> Ornithologie (die Lehre von den <strong>Vögel</strong>n) erkennt etwa<br />

10.000 Vogelarten an, verglichen mit nur etwa 5.800 Arten von<br />

Säugetieren. <strong>Vögel</strong> werden entsprechend ihrer angeblichen evolutionären<br />

Beziehungen eingeteilt, wobei Arten in Gattungen, Familien<br />

und Ordnungen gruppiert sind, oft als phylogenetischer Baum:<br />

von den Struthioniformes, die nur zwei Arten von Straußen enthalten,<br />

bis zu den Passeriformes o<strong>der</strong> Sperlingsvögeln, die mehr als<br />

60 Prozent aller Vogelarten repräsentieren (S. 336–7). Säugetiere sind<br />

strukturell vielfältiger und haben zum Beispiel ihren vierbeinigen<br />

Körperaufbau als Flügel, Schwimmflossen, Hufe und Greifhände<br />

neu erfunden. <strong>Vögel</strong> weisen dafür eine atemberaubende Vielfalt<br />

an Gefie<strong>der</strong> auf. <strong>Die</strong>ses Wun<strong>der</strong> <strong>der</strong> Natur inspiriert Künstler zu<br />

reichen und lebendigen Farbpaletten, doch die <strong>Vögel</strong> selbst sehen<br />

die <strong>Welt</strong> und einan<strong>der</strong> in Farben, von denen wir nur träumen<br />

können: in einem ganzen Spektrum ultravioletter Töne, für das<br />

menschliche Auge unsichtbar (S. 218–9).<br />

Manche Pigmente, wie Melanine, tauchen im gesamten Tierreich<br />

auf und erzeugen alle Schattierungen von Schwarz, Braun und<br />

Grau, wie die raffinierte Tarnfärbung von Eulen und Nachtschwalben.<br />

Das prächtige Scharlachrot von Mark Catesbys Ibis, das Rosa<br />

<strong>der</strong> Flamingos o<strong>der</strong> das rote Gesicht und <strong>der</strong> goldene Flügel von<br />

Fabritius’ berühmtem Distelfink (S. 209, S. 240, S. 250) werden durch<br />

Carotinoide verursacht: Pigmente, die aus <strong>der</strong> Nahrung gezogen<br />

werden. Das metallische Leuchten von Pfauen, Staren und Kolibris<br />

dagegen (S. 148) ist nicht auf Pigmente zurückzuführen, son<strong>der</strong>n auf<br />

die optischen Wirkungen <strong>der</strong> Mikrostruktur <strong>der</strong> Fe<strong>der</strong>n. <strong>Die</strong> Schönheit<br />

liegt tatsächlich im Auge des Betrachters. Vogelarten können<br />

sogar anhand <strong>der</strong> Mikrostruktur ihrer Fe<strong>der</strong>n identifiziert werden.<br />

<strong>Die</strong>se Technik aus dem Bereich <strong>der</strong> hochmo<strong>der</strong>nen forensischen<br />

Forschung untersucht die Zusammenstöße zwischen <strong>Vögel</strong>n und<br />

Flugzeugen.<br />

<strong>Die</strong> Flügel von <strong>Vögel</strong>n sind aus einer unabhängigen Tragfläche<br />

starrer Schwungfe<strong>der</strong>n geformt, die aus <strong>der</strong> vor<strong>der</strong>en Gliedmaße<br />

hervorragen. <strong>Die</strong> Beine bleiben somit frei und können sich an<br />

an<strong>der</strong>e Aufgaben anpassen: zum Greifen von Baumstämmen o<strong>der</strong><br />

Beute, zum Kratzen, Waten, Kämpfen, Schwimmen unter Wasser<br />

o<strong>der</strong> sogar zum Präsentieren ihrer Farben in <strong>der</strong> Balz (S. 312, S. 279).<br />

Fle<strong>der</strong>mausflügel dagegen werden aus einer Hautmembran gebildet,<br />

die sich zwischen den verlängerten Fingern und den hinteren Gliedmaßen<br />

erstreckt, genau wie die Flügel ausgestorbener fliegen<strong>der</strong><br />

Reptilien, etwa <strong>der</strong> Pterosaurier.<br />

Der allegorische Vogel<br />

Fliegen – <strong>der</strong> Traum vom Aufstieg in den Himmel und <strong>der</strong> absoluten<br />

Freiheit – ist sicher das, was uns am meisten fasziniert und was<br />

am häufigsten nachgeahmt wird. Vom sagenhaften Ikarus, <strong>der</strong> auf<br />

Flügeln aus Fe<strong>der</strong>n und Wachs zu nahe an die Sonne flog, bis zu den<br />

»Flugmaschinen« des Leonardo da Vinci, eines begeisterten Vogelbeobachters,<br />

o<strong>der</strong> dem ersten erfolgreichen Gleitschirmflieger und<br />

Pionier <strong>der</strong> Luftfahrt Otto Lilienthal aus dem 19. Jahrhun<strong>der</strong>t. <strong>Vögel</strong><br />

haben unzählige Pioniere, Erfin<strong>der</strong> und Aeronauten bei ihren Flugversuchen<br />

inspiriert, die nicht selten dabei gestorben sind.<br />

<strong>Vögel</strong>, die sowohl auf <strong>der</strong> Erde als auch am Himmel leben, existieren<br />

in <strong>der</strong> schamanistischen Geisterwelt, wo sie scheinbar in <strong>der</strong><br />

Lage sind, die Grenzen zwischen Leben und Tod zu überschreiten.<br />

Personifiziert wird dies durch den Donnervogel <strong>der</strong> Mythologie <strong>der</strong><br />

amerikanischen Ureinwohner ebenso wie durch die weiße Taube <strong>der</strong><br />

christlichen Eucharistie (S. 187). Ornithomantie – das Deuten von<br />

Omen aus dem Vogelflug – praktizierten viele antike Kulturen im<br />

Mittelmeerraum: Ein aufsteigen<strong>der</strong> Adler konnte das Ergebnis eines<br />

6


Krieges o<strong>der</strong> die Geburt eines Sohnes vorhersagen. Eine allegorische<br />

Deutung <strong>der</strong> transzendenten Symbolik <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> findet sich<br />

in <strong>der</strong> tragischen Geschichte A Kestrel for a Knave des englischen<br />

Autors Barry Hines von 1968 (von Ken Loach verfilmt als Kes), in<br />

<strong>der</strong> ein Arbeiterjunge aus einer Bergbausiedlung ein paar Monate<br />

<strong>der</strong> Freude mit einer geliebten Kreatur <strong>der</strong> Lüfte erlebt, bevor <strong>der</strong>en<br />

grausamer Verlust ihn zu einer trostlosen Zukunft verdammt (S. 84).<br />

Im Vergleich dazu wurden Fle<strong>der</strong>mäuse niemals mit dem Himmel<br />

assoziiert. Ganz im Gegenteil. Als Bewohner von Höhlen und dunklen<br />

Ecken schienen sie mehr Dämon als Engel zu sein, auch wenn<br />

sie in mittelalterlichen Bestiarien aufgrund ihrer Flugfähigkeiten<br />

als <strong>Vögel</strong> ehrenhalber galten.<br />

<strong>Vögel</strong> sind Boten, Handlanger und manchmal Verkörperungen<br />

<strong>der</strong> Götter selbst. Der ägyptische Gott Horus wurde, passend für<br />

eine Gottheit des Himmels, als Falke dargestellt (S. 85). Zeus, <strong>der</strong><br />

oberste <strong>der</strong> griechischen Götter auf dem Olymp, verwandelte sich<br />

regel mäßig in einen Adler. Für die Verführung <strong>der</strong> Leda – eine<br />

Vereinigung, die Helena und in <strong>der</strong> Folge den Trojanischen Krieg<br />

hervorbringen würde – kam allerdings nur die Form eines Schwans<br />

infrage. Ein Pfau symbolisiert die stolze, königliche (und duldsame)<br />

Frau des Zeus, Hera, während Eulen <strong>der</strong> weisen Athene heilig sind<br />

und eine Gattung sogar ihren Namen trägt. Selbst heute sprechen<br />

wir über weise Eulen, stolze Pfauen und mächtige Adler, und die<br />

Personifizierung <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> in Sprichwörtern und Folklore diente von<br />

Äsops Zeiten bis heute zur Unterhaltung und moralischen Belehrung<br />

(S. 98, S. 227).<br />

Der Adler des Zeus war auch <strong>der</strong> Vogel seines römischen Gegenstücks<br />

Jupiter und Zeichen des Römischen Imperiums – eine<br />

Zuweisung, die sich mithilfe von Heraldik und Nationalismus von<br />

Machtzentrum zu Machtzentrum über Jahrhun<strong>der</strong>te in <strong>der</strong> Politik<br />

europäischer Län<strong>der</strong> fortsetzen sollte. Ein Adler, <strong>der</strong> immer noch<br />

<strong>der</strong> Lieblingsvogel von Anführern und Staatslenkern ist, dient<br />

wenigstens 14 Län<strong>der</strong>n auf <strong>der</strong> <strong>Welt</strong> als nationales Symbol.<br />

Der Weißkopfseeadler ist <strong>der</strong> Nationalvogel <strong>der</strong> USA, und die<br />

meisten seiner Darstellungen ächzen unter den Metaphern <strong>der</strong><br />

nationalen Identität (S. 119). Es gibt sogar ein Museum, das National<br />

Eagle Center in Minnesota, mit einer Galerie bildlicher Darstellungen<br />

dieses Tieres. Dabei war diese Art nicht einmal die erste Wahl.<br />

Im 18. Jahrhun<strong>der</strong>t kritisierte <strong>der</strong> Grün<strong>der</strong>vater Benjamin Franklin<br />

den Adler als üblen Feigling und Vogel von schlechtem moralischem<br />

Charakter. Er hielt den Truthahn, heute Symbol des amerikanischen<br />

Thanksgiving (S. 304), für viel respektabler. Der amerikanische<br />

Vogelmaler John James Audubon teilte diese Meinung und<br />

wählte ein Truthuhn, den wilden Verwandten des Truthahns, für<br />

die erste Bildtafel seines wun<strong>der</strong>baren Buches The Birds of America<br />

(1827–38).<br />

<strong>Vögel</strong> dienen immer wie<strong>der</strong> als Verkörperungen allegorischer<br />

Bedeutungen in <strong>der</strong> bildenden Kunst. <strong>Die</strong> Möwe am Meer o<strong>der</strong><br />

die Taube in <strong>der</strong> Stadt (S. 229, S. 123) zum Beispiel sind manchmal<br />

weniger Vogelporträt als viel mehr Symbole des Alltäglichen. Bil<strong>der</strong><br />

wie Der bedrohte Schwan des nie<strong>der</strong>ländischen Malers Jan Asselijn<br />

(S. 97) und Der verwundete Adler <strong>der</strong> französischen Tiermalerin Rosa<br />

Bonheur (S. 118) sind trotz <strong>der</strong> in ihnen enthaltenen Hinweise auf<br />

politische und religiöse Unruhen wun<strong>der</strong>schöne Tierbil<strong>der</strong>.<br />

Der Besitz seltener und wertvoller <strong>Vögel</strong> gilt als Zeichen von Status<br />

und Reichtum – auch wenn es klug ist, ein Porträt in Auftrag zu<br />

geben, das auch dann noch da ist, wenn <strong>der</strong> Vogel längst gestorben<br />

ist. Schöne Bil<strong>der</strong> sind oft das Einzige, was an die verehrten Falken<br />

und exotischen Schätze lange vergessener Mäzene erinnert (S. 57,<br />

S. 74). Viele <strong>Vögel</strong> und vogelartige Kreaturen <strong>der</strong> Mythologie weisen<br />

keine Ähnlichkeit mit echten Arten auf. <strong>Die</strong> Stymphalischen <strong>Vögel</strong>,<br />

die Herakles in seiner sechsten Aufgabe erlegte, waren menschenfressende<br />

Wesen mit eisernen Fe<strong>der</strong>n und Schnäbeln aus Bronze<br />

(S. 78). <strong>Die</strong> ver<strong>der</strong>benbringenden Sirenen <strong>der</strong> Odyssee und die zerstörerischen<br />

Harpyien <strong>der</strong> griechischen und muslimischen Mythologie<br />

haben Eigenschaften, die eher mit Frauen als mit <strong>Vögel</strong>n zusammengebracht<br />

werden. Der Phönix (S. 52–3, S. 86–7, S. 235) steht mit<br />

einem Fuß – einem rosa Fuß mit Schwimmhäuten – in <strong>der</strong> echten<br />

<strong>Welt</strong>. Flamingos, in <strong>der</strong>en wissenschaftlichem Namen Phoenicopteridae<br />

<strong>der</strong> Phönix überdauert, bewohnen ätzende und tödliche<br />

Salzseen. Sie werden scheinbar aus <strong>der</strong> dampfenden, giftigen Oberfläche<br />

wie<strong>der</strong>geboren und besitzen einige Merkmale des mythischen<br />

Vogels (S. 264).<br />

Gefie<strong>der</strong>te Beute<br />

Eine noch größere Verehrung als die Spiritualität des Fliegens<br />

verdient die Rolle <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> als irdische Versorger. Mit wenigen<br />

Ausnahmen dienten alle großen Vogelgruppen zu irgendeinem<br />

Zeitpunkt <strong>der</strong> Geschichte als Nahrung des Menschen o<strong>der</strong> <strong>der</strong><br />

Nahrungsgewinnung. Ihr Fleisch und ihre Eier speisen uns, ihre<br />

Fe<strong>der</strong>n werden als Kleidung und Schmuck verwendet. Aus diesem<br />

grundlegenden körperlichen Bedürfnis hat sich eine komplexe und<br />

komplizierte Beziehung zwischen <strong>Vögel</strong>n und Menschen entwickelt,<br />

die menschliche Kulturen auf eine Vielzahl sich immer weiter entwickeln<strong>der</strong><br />

Weisen miteinan<strong>der</strong> verzahnt.<br />

Unser Reichtum an Schauvögeln und seltenen Züchtungen, an<br />

<strong>Vögel</strong>n, die wegen ihrer Wachsamkeit, Navigationsfähigkeiten,<br />

Schönheit o<strong>der</strong> Eigenartigkeit gehalten werden, verdankt seine Existenz<br />

im Großen und Ganzen den Tieren, die anfangs dem Verzehr<br />

dienten. <strong>Die</strong>selben Varietäten tragen genau wie die Rassetauben,<br />

die <strong>der</strong> englische Naturforscher Charles Darwin während seiner<br />

Untersuchungen von Vererbung und Evolution studierte, zu unserem<br />

Verständnis vom Ursprung des Lebens bei.<br />

Es ist kein Zufall, dass einige <strong>der</strong> schönsten Abbildungen von<br />

<strong>Vögel</strong>n solche sind, die sie als Nahrungsquelle darstellen. Unsere<br />

Vorfahren dachten über die Mysterien des Vogelzuges nach und<br />

nutzten gleichzeitig die plötzliche Gabe an Frischfleisch, wie die<br />

biblischen Wachteln (das einzige migrierende Fe<strong>der</strong>wild), die die<br />

Kin<strong>der</strong> Israels bei ihrem Auszug aus Ägypten aßen. <strong>Die</strong> plötzliche<br />

Ankunft <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>, die in den fruchtbaren Sümpfen und Wiesen des<br />

Nildeltas nach Nahrung suchten, muss für die alten Ägypter ein<br />

Wun<strong>der</strong> gewesen sein und wurde mit einer Vertrautheit dargestellt,<br />

die für eine direkte kulinarische Verbindung spricht (S. 104, S. 277).<br />

<strong>Die</strong> trinkenden Tauben, die perfekt und exakt in einem Mosaik in<br />

Pompeji festgehalten sind (S. 170), sind domestizierte <strong>Vögel</strong>, die über<br />

das ganze Jahr hinweg Fleisch lieferten. Kein Wun<strong>der</strong>, dass sie so<br />

liebevoll dargestellt wurden.<br />

<strong>Die</strong> exakte Beobachtung wil<strong>der</strong> und domestizierter <strong>Vögel</strong> in <strong>der</strong><br />

Geschichte <strong>der</strong> Kunst ist auf die Jagdtradition zurückzuführen.<br />

<strong>Die</strong> Vogelhäuser von heute sind die Kö<strong>der</strong>fallen <strong>der</strong> Vergangenheit,<br />

und unsere Fertigkeiten und Kenntnisse in Bezug auf <strong>Vögel</strong> lassen<br />

sich oft auf Praktiken zurückführen, die zunächst dem Fangen und<br />

Töten <strong>der</strong> Tiere dienten. Unser genaues Wissen über die Form und<br />

Anatomie von <strong>Vögel</strong>n nahm seinen Ausgang mit dem Schlachten<br />

und Präparieren <strong>der</strong> Tierkörper für die Tafel. <strong>Die</strong>se Aktivitäten<br />

boten unvergleichliche Gelegenheiten, die Raffinesse und Schönheit<br />

des Gefie<strong>der</strong>s zu untersuchen, zu bewun<strong>der</strong>n und in den realistischen<br />

Stillleben festzuhalten, die im 17. Jahrhun<strong>der</strong>t in Nordeuropa<br />

7


in Mode waren (S. 102). <strong>Die</strong> frisch getöteten <strong>Vögel</strong> in den Studien<br />

des britischen Malers Charles Tunnicliffe (S. 210) und des Renaissance-Künstlers<br />

Albrecht Dürer (S. 166) zeigen eine unbestreitbare<br />

und beständige Schönheit.<br />

<strong>Die</strong> Vertrautheit zwischen Mensch und Vogel, nicht nur zwischen<br />

Jäger und Beute, son<strong>der</strong>n zwischen zwei kooperierenden Jägern, hat<br />

ihren Höhepunkt in <strong>der</strong> Kunst <strong>der</strong> Falknerei. Von winzigen Falken<br />

für die Jagd auf Singvögel in Europa bis zur Verfolgung von Wölfen<br />

mit großen Adlern in <strong>der</strong> Mongolei: Es überrascht nicht, dass dieser<br />

Sport mit seinem reichen kulturellen Erbe und einer ganz eigenen<br />

Sprache und Folklore so viele Jahrhun<strong>der</strong>te überdauert hat (S. 190).<br />

Das genaue Wissen, das <strong>der</strong> menschliche Jäger von seiner gefie<strong>der</strong>ten<br />

Beute benötigt, kann auf weniger blutdürstige Bestrebungen<br />

angepasst werden und den Bedürfnissen <strong>der</strong> heutigen Ökotouristen<br />

dienen. Ein Besucher in Neuguinea braucht die <strong>Die</strong>nste eines<br />

örtlichen Führers, um balzende Paradiesvögel zu fotografieren<br />

(S. 141). <strong>Die</strong>ser Führer hat wie seine Vorfahren als Sammler von<br />

Fe<strong>der</strong>n seine Kenntnisse und Fähigkeiten entwickelt. <strong>Die</strong> Kunst<br />

des Lockens und Fangens von <strong>Vögel</strong>n, etwa mit Entenattrappen<br />

(S. 192–3), wird heute ebenfalls genutzt, um <strong>Vögel</strong> für wissenschaftliche<br />

Studien zu fangen und später wie<strong>der</strong> freizulassen.<br />

Das Beobachten von <strong>Vögel</strong>n mag zwar in vielen Teilen <strong>der</strong> <strong>Welt</strong><br />

die Jagd auf sie ersetzt haben, die Faustregel hat aber weiterhin<br />

Bestand: Je größer das Wissen um das Verhalten <strong>der</strong> Tiere, umso<br />

größer ist <strong>der</strong> Preis. Vermutlich ist die wichtigste Quelle <strong>der</strong> Ehrfurcht<br />

von Jägern für ihren Sport nicht die Beute selbst, son<strong>der</strong>n<br />

die Verbundenheit mit Natur und Wildnis. Das könnte erklären,<br />

wieso die leidenschaftlichsten Naturschützer ehemalige Jäger sind.<br />

Der britische Ornithologe und Maler Sir Peter Scott zum Beispiel,<br />

Grün<strong>der</strong> <strong>der</strong> britischen Naturschutzorganisation Wildfowl and<br />

Wetlands Trust, stellte in seiner Jugend begeistert Wildgeflügel<br />

nach. Seine Gemälde zeigen eine tiefe Liebe nicht nur für Wildvögel,<br />

son<strong>der</strong>n auch für Feuchtgebiete als Lebensraum auf <strong>der</strong> ganzen<br />

<strong>Welt</strong> (S. 316). Es ist für uns Vogelliebhaber schwer vorstellbar,<br />

dass heutige Jäger in Mittelmeerlän<strong>der</strong>n wie Malta, Ägypten und<br />

dem Libanon, die durchziehende <strong>Vögel</strong> mit automatischen Waffen<br />

in Massen abschlachten, eine so tiefe Zuneigung zu ihnen teilen<br />

wie die alten Ägypter. Hoffentlich werden auch sie irgendwann die<br />

Waffen weglegen und sich lieber dem Schutz statt dem Gemetzel<br />

zuwenden.<br />

Erhaltung und Integrität<br />

Seit dem Beginn des Zeitalters <strong>der</strong> Entdeckungen im 15. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

erreichten ganze Schiffsladungen an getrockneten und<br />

gesalzenen Bälgern exotischer <strong>Vögel</strong> Europa. Dort wurden sie von<br />

Taxi<strong>der</strong>misten wie<strong>der</strong> zusammengefügt und wan<strong>der</strong>ten schließlich<br />

in private Museen – die »Kuriositätenkabinette« – wohlhaben<strong>der</strong><br />

Sammler, wie zum Beispiel Sir Ashton Levers berühmtes Museum<br />

für zoologische und ethnografische Exponate im Zentrum Londons<br />

(S. 232). <strong>Die</strong>se Sammlungen, oft einfach nur ein Sammelsurium des<br />

Bunten, Interessanten o<strong>der</strong> Exotischen, waren die wichtigste Quelle<br />

an Rohmaterial für das wissenschaftliche Studium von <strong>Vögel</strong>n.<br />

Selbst grundlegende Informationen wie das Herkunftsland gingen<br />

oft verloren o<strong>der</strong> kamen durcheinan<strong>der</strong>, falls man sie überhaupt<br />

festhielt. Nicht selten wurden fehlende Teile eines Tieres durch<br />

Teile vollkommen an<strong>der</strong>er Arten ergänzt, ob unbeabsichtigt o<strong>der</strong> als<br />

bewusste Fälschung. Viele »Arten«, die nie zuvor o<strong>der</strong> seither gesehen<br />

und sogar offiziell für ausgestorben erklärt wurden, entpuppten<br />

sich im Nachhinein als eine solche Chimäre (S. 19).<br />

Nach dem Tod eines Vogels än<strong>der</strong>n sich die Farben von Haut, Beinen<br />

und Schnabel (die sogenannten »weichen Teile«) rasend schnell.<br />

<strong>Die</strong> Augen werden beim Enthäuten entfernt und manchmal verblassen<br />

sogar die Farben <strong>der</strong> Fe<strong>der</strong>n. Das fertige Präparat, mit den<br />

Farben <strong>der</strong> weichen Teile und Glasaugen, die <strong>der</strong> Taxi<strong>der</strong>mist ausgewählt<br />

hat, sieht möglicherweise ganz an<strong>der</strong>s aus als das lebende<br />

Tier. Auch die Haltung ist offen für Interpretationen. Kaum etwas<br />

in <strong>der</strong> Haut von Sturmvögeln und Sturmtauchern (Seevögel, die in<br />

Höhlen auf isolierten Klippen über dem Meer nisten) lässt vermuten,<br />

dass sie an Land auf ihrem Bauch herumrutschen. Ihre aufrechte<br />

Darstellung mit geraden Beinen ist also irreführend. Gleichermaßen<br />

könnte man annehmen, dass Lappentaucher und Seetaucher<br />

aufrecht an Land sitzen, während sie in Wirklichkeit fast nie das<br />

Wasser verlassen.<br />

Paradiesvogelfe<strong>der</strong>n aus den nie<strong>der</strong>ländischen Kolonien in Neuguinea<br />

waren jahrhun<strong>der</strong>telang ein beliebtes Handelsgut; grob<br />

gehäutet und ohne Beine sollten die Bälger einfach nur die prächtigen<br />

Fe<strong>der</strong>n von Flanken, Kopf und Schwanz bewahren. Als Europäer<br />

jedoch diese »Handelshäute« zum ersten Mal sahen, bewun<strong>der</strong>ten<br />

sie nicht nur das Gefie<strong>der</strong>, son<strong>der</strong>n auch den Mangel an Beinen und<br />

nahmen an, dass diese <strong>Vögel</strong> immer in <strong>der</strong> Luft bleiben und sich<br />

vom Tau des Himmels ernähren. Deshalb werden sie als »Paradiesvögel«<br />

bezeichnet. Der wissenschaftliche Name des Großen Paradiesvogels,<br />

Paradisaea apoda, bedeutet »ohne Füße« (S. 140).<br />

Stück für Stück vermehrten sich die Ungenauigkeiten, die durch<br />

den Mangel an Gelegenheiten für direkte Beobachtungen entstanden.<br />

Sie wurden wie beim Stille-Post-Spielen weitergegeben.<br />

Künstler kopierten arglos die Fehler <strong>der</strong> Taxi<strong>der</strong>misten. Ihre Werke<br />

dienten dann wie<strong>der</strong> als Vorlage für an<strong>der</strong>e, sodass sich eine<br />

scheinbar endlose Kette ornithologischer Ungenauigkeiten in <strong>der</strong><br />

historischen Literatur aufbaute. Deshalb versuchen wissenschaftliche<br />

Sammlungen ab dem 19. Jahrhun<strong>der</strong>t nicht mehr, Vogelbälger<br />

lebensecht aussehen zu lassen (S. 33). Außerdem hat die Kamera das<br />

Gewehr als Werkzeug für Vogelsichtungen größtenteils abgelöst.<br />

Künstler, die ausgestopfte Tiere für ihre Arbeiten benutzen, haben<br />

nun die Wahl, diese nur als Referenz zu nutzen o<strong>der</strong> sie so darzustellen,<br />

wie sie sind, mit all ihren Fehlern. Viele machen das aus<br />

Ignoranz, für an<strong>der</strong>e dagegen ist es ein bewusster Kommentar zur<br />

Geschichte <strong>der</strong> Ornithologie und dem reichen historischen Erbe<br />

<strong>der</strong> Museumssammlungen. <strong>Die</strong> bemerkenswerten Trompe l’oeil-<br />

Gemälde des französischen Malers Leroy de Barde bildeten nicht<br />

nur sorgfältig die ausgestellten Tiere ab, son<strong>der</strong>n imitierten auch die<br />

Rahmen von Levers Sammlung (S. 178).<br />

<strong>Die</strong> Taxi<strong>der</strong>mie ist selbst ein künstlerisches Medium, mit dem wir<br />

unsere Einstellung zu Tieren und die Moden vergangener Zeiten<br />

hinterfragen können. Ziel ist es oft, Präparate zu schaffen, die<br />

absichtlich von schlechter Qualität o<strong>der</strong> zweifelhaftem Geschmack<br />

sind. O<strong>der</strong> Taxi<strong>der</strong>mie wird dazu verwendet, um ein Tier nicht<br />

lebendig aussehen zu lassen, son<strong>der</strong>n leblos, wie die britische Künstlerin<br />

Polly Morgan es mit <strong>der</strong> traurigen kleinen Blaumeise in ihrer<br />

Glaskuppel getan hat (S. 40).<br />

Taxi<strong>der</strong>mie hat eine reiche Kulturgeschichte mit wechselnden<br />

Stilen und Trends, die unsere Einstellungen zu Tieren und<br />

die speziellen ästhetischen Vorstellungen <strong>der</strong> einzelnen Meister<br />

wi<strong>der</strong>spiegeln. Nirgendwo kommt das besser zum Ausdruck als<br />

in den spektakulären Dioramen des American Museum of Natural<br />

History in New York, in denen Szenen aus <strong>der</strong> Natur mithilfe<br />

eines geschickt bemalten, gebogenen Hintergrundes nachgestellt<br />

werden, <strong>der</strong> die Illusion von Endlosigkeit vermittelt. Das Diorama<br />

8


<strong>der</strong> Everglades in Florida (S. 136–7) spielte eine wichtige Rolle beim<br />

Demonstrieren <strong>der</strong> verheerenden Auswirkungen, die <strong>der</strong> Handel<br />

mit exotischem Gefie<strong>der</strong> für Hüte, Kleidung und Schmuck hatte,<br />

<strong>der</strong> im 19. und frühen 20. Jahrhun<strong>der</strong>t Vogelpopulationen dezimierte.<br />

Das schiere Ausmaß des Abschlachtens ist kaum vorstellbar.<br />

Man kann sich heute nur schwer ausmalen, dass Objekte wie<br />

Ohrringe mit Vogelköpfen einmal als geschmackvoll galten (S. 300).<br />

<strong>Die</strong> Damenmode war die treibende Kraft hinter dem Gemetzel, das<br />

auf beiden Seiten des Atlantiks durch die Leidenschaft von Frauen<br />

auch wie<strong>der</strong> beendet wurde. Der Mut und die Beharrlichkeit einer<br />

Handvoll Frauen führte zur Gründung <strong>der</strong> großen Organisationen,<br />

die sich heute noch für den Schutz <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> einsetzen: die<br />

Royal Society for the Protection of Birds in Großbritannien und die<br />

National Audubon Society in den USA.<br />

Ikonen und Ursprünge<br />

Das Wort »Vogel« birgt eine Vielzahl von Bedeutungen. Für manche<br />

ist es etwas Nobles, für an<strong>der</strong>e etwas Lächerliches. »Vogel«<br />

ist »Nahrung«, aber auch »Freiheit«, »Haustier«, aber auch »Plage«,<br />

»Vogel« ist »die Wildnis«, aber auch »<strong>der</strong> gefie<strong>der</strong>te Freund«. Bei so<br />

vielen Synonymen überrascht es nicht, dass auch die Bildsprache<br />

<strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> unwahrscheinlich reich und vielfältig ist. In diesem Buch<br />

finden Sie nur einen Bruchteil davon. Vieles davon ist Kunst, doch<br />

es geht nicht allein um die Entwicklung <strong>der</strong> Vogelkunst, son<strong>der</strong>n<br />

um Kultur im weitesten Sinne. <strong>Die</strong> Bil<strong>der</strong> auf diesen Seiten eint<br />

nur ein einziges Thema – »<strong>Vögel</strong>«. Es wurden unerwartete Paare<br />

zusammengestellt, die manchmal überraschen, zum Nachdenken<br />

anregen, zuweilen amüsant sind und immer mehr darstellen als nur<br />

die Summe ihrer Teile. Es gibt mehr als genug ikonische Inhalte,<br />

um das angenehme Gefühl zu haben, unter Freunden zu sein, und<br />

genügend Überraschungen, um neue Freunde zu gewinnen.<br />

Eine <strong>der</strong> Botschaften dieses Buches lautet, dass eine ikonische<br />

Bildsprache oft beiläufig entsteht – ein Abfallprodukt an<strong>der</strong>er Prozesse,<br />

die einen entscheidenden Moment in Geschichte o<strong>der</strong> Wissenschaft<br />

festhalten. Ein informelles Porträt könnte ein isoliertes<br />

Ereignis in <strong>der</strong> Laufbahn eines Künstlers o<strong>der</strong> Forschers aufgreifen<br />

(S. 13, S. 153). Ein bahnbrechen<strong>der</strong> experimenteller Versuch, die<br />

Bewegung durch Zeitrafferfotografie zu verstehen, o<strong>der</strong> die Verwendung<br />

von Fotos, die unter ultraviolettem Licht aufgenommen<br />

wurden, um die Biologie <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> genauer zu studieren, ergibt ganz<br />

faszinierende Bil<strong>der</strong> (S. 263, S .218). Faszinierend können aber auch<br />

Vorstudien o<strong>der</strong> Skizzen sein, die nicht für ihre weitere Verbreitung<br />

gedacht sind, o<strong>der</strong> Zeichnungen einer wissenschaftlichen Expedition<br />

(S. 126).<br />

Technische Fortschritte in <strong>der</strong> Optik erlauben es uns heute,<br />

lebende, wilde <strong>Vögel</strong> zu beobachten, zu filmen und zu fotografieren<br />

– und das selbst aus beträchtlicher Entfernung. Man fragt sich,<br />

wie man es früher schaffte, <strong>Vögel</strong> von Nahem zu observieren. Doch<br />

wie diese Bil<strong>der</strong> zeigen, ist die Qualität <strong>der</strong> Kunst und Beobachtung<br />

immer gleichbleibend hoch geblieben; immer gab es Personen, die<br />

<strong>Vögel</strong> mit Sinnesschärfe und Empfindsamkeit festgehalten haben.<br />

Ob <strong>Vögel</strong> nun als Kunst o<strong>der</strong> Wissenschaft porträtiert werden – ob<br />

stilisiert, übertrieben, vereinfacht o<strong>der</strong> abstrahiert –, Beobachtung<br />

ist alles. Sie müssen sich nur einmal die Umrisszeichnung des<br />

Kolibris in <strong>der</strong> Wüstenebene von Nazca in Peru ansehen (S. 108–9),<br />

um zu erkennen, dass eine gute Beobachtungsgabe nicht unbedingt<br />

detailliert o<strong>der</strong> realistisch sein muss. <strong>Die</strong> Beobachtung leben<strong>der</strong><br />

Tiere erlaubt es den Künstlern, das einzufangen, was einer Art ihren<br />

spezifischen Charakter verleiht. Heute bekommen die Unmittelbarkeit<br />

und Ausdrucksstärke <strong>der</strong> »unfertigen« Feldskizzen, die das<br />

vergängliche Wesen <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> festhalten, die Wertschätzung, die sie<br />

verdienen.<br />

Leicht vergisst man den Einfluss <strong>der</strong> Technologie auf – vor allem<br />

veröffentlichte – Bil<strong>der</strong>. Jede Reproduktion bedeutet einen durch<br />

das Medium bedingten Übergang, obwohl Verän<strong>der</strong>ungen durch<br />

die heutige hochwertige Scan- und Drucktechnik minimal sind.<br />

Grob gedruckte Illustrationen aus dem 16. Jahrhun<strong>der</strong>t, wie in<br />

<strong>der</strong> Historia Animalium (S. 302) des Schweizer Universalgelehrten<br />

Conrad Gessner, spiegeln nicht nur die Kunstfertigkeit dieser<br />

Zeit, son<strong>der</strong>n auch die begrenzten Möglichkeiten <strong>der</strong> Holzschnitte,<br />

Details abzubilden. Im Laufe <strong>der</strong> Geschichte besaßen nur wenige<br />

Künstler das Geschick, ihre eigenen Werke im Kupfertiefdruck zu<br />

reproduzieren. <strong>Die</strong> Vogelbücher des 18. und frühen 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts<br />

verdanken daher den Graveuren ebenso viel wie den Künstlern<br />

selbst. <strong>Die</strong> Schönheit von Audubons gefeierten lebensgroßen amerikanischen<br />

<strong>Vögel</strong>n zum Beispiel ist auch dem Können des Graveurs<br />

Robert Havell (S. 177) zuzuschreiben. <strong>Die</strong> komplexe Holzschnitttechnik<br />

des englischen Naturforschers Thomas Bewick (S. 16)<br />

und an<strong>der</strong>er war nur möglich, weil jemand die Werkzeuge für das<br />

Metallgravieren erfunden hatte, die sich wie<strong>der</strong>um aus <strong>der</strong> Waffentechnik<br />

entwickelt haben. <strong>Die</strong> raffinierte Technologie <strong>der</strong> Lithografie<br />

– des »Zeichnens auf Stein« – diente ursprünglich dem Druck von<br />

Noten und wurde erst später von Künstlern wie William Swainson,<br />

Edward Lear und John Gould zum Illustrieren von Vogelbüchern<br />

übernommen (S. 43, S. 106). Lithografie besitzt eine Weichheit und<br />

Zartheit, die allen früheren Drucktechniken fehlte. Im Gegensatz<br />

zum Kupferstich konnte <strong>der</strong> Künstler selbst das Bild auf den Stein<br />

zeichnen, sodass die Linien seine eigenen waren und nicht durch<br />

eine dritte Person übertragen werden mussten.<br />

Es gibt noch einen letzten ornithologischen Kniff in <strong>der</strong> Ge -<br />

schichte <strong>der</strong> Lithografie, die für Musik erfunden und für <strong>Vögel</strong><br />

perfektioniert worden war. Das feinkörnige Sediment, das sich vor<br />

150 Millionen Jahren im späten Jura in <strong>der</strong> Gegend um das heutige<br />

Solnhofen in Bayern abgesetzt hat, gibt nicht nur hochwertige<br />

Drucksteine her. <strong>Die</strong> Arbeiter fanden in den Steinbrüchen auch<br />

Fossilien – Fische, Libellen, Krustentiere, eine vollständige Fe<strong>der</strong><br />

und um 1875 einen Vogel, <strong>der</strong> <strong>der</strong>selben Art zugeschrieben wurde –<br />

perfekt und in allen Einzelheiten erhalten. Da das Fossil Merkmale<br />

von <strong>Vögel</strong>n und Reptilien aufwies, galt es als das »fehlende Glied«,<br />

das Charles Darwins seinerzeit veröffentlichte Theorie <strong>der</strong> Evolution<br />

durch natürliche Auslese unterstützte. Es erhielt den passenden<br />

Namen Archaeopteryx lithographica (S. 26).<br />

Ich verabschiede mich nun mit dem Archaeopteryx am Fuß des<br />

Stammbaums <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>. <strong>Die</strong> geflügelte <strong>Welt</strong> und unsere Beziehung<br />

zu ihr haben die Macht, uns in wun<strong>der</strong>bare und unerwartete Richtungen<br />

zu führen, zu inspirieren und zu verzaubern. Ich hoffe, dass<br />

es Ihnen Spaß macht, auch die an<strong>der</strong>en Äste zu erkunden.<br />

Katrina van Grouw<br />

Ornithologin, Autorin, Illustratorin und Künstlerin<br />

Autorin von The Unfeathered Bird und Unnatural Selection<br />

9


Jakob Bogdány<br />

Stillleben mit Früchten, Papageien und einem Kakadu, ca. 1700<br />

Öl auf Leinwand, 81 × 116 cm<br />

Privatsammlung<br />

Eine Gruppe tropischer <strong>Vögel</strong> posiert über einem<br />

Podest, das mit reifen Früchten überhäuft ist, und<br />

späht mit scharfen Blicken auf den Betrachter. Rechts<br />

im Bild sitzt ein Scharlachara (Ara macao) auf einer<br />

zerbrochenen Säule, während ein Gelbwangenkakadu<br />

(Cacatua sulphurea) in <strong>der</strong> Mitte gierig an<br />

einer Pflaume knabbert und ein weiterer Papagei,<br />

einem Sonnensittich (Aratinga solstitialis) ähnlich, im<br />

Sturzflug seinen Anteil ergattern will. Der in Ungarn<br />

geborene Künstler Jakob Bogdány (1658–1724), ein<br />

anerkannter Vogelmaler, stellt sie – meist mit den<br />

Köpfen im Profil – sorgfältig in Dioramen dar. <strong>Die</strong><br />

etwas steif wirkende Komposition täuscht ein wenig<br />

über die Naturstudien hinweg, die Bogdány in <strong>der</strong><br />

Voliere von König Wilhelm III. in Hampton Court,<br />

einer wun<strong>der</strong>baren Ressource für einen Künstler,<br />

vorgenommen hat. Als junger Mann war Bogdány in<br />

die Nie<strong>der</strong>lande gegangen und hatte sich auf Stillleben<br />

spezialisiert, bevor er sich nach <strong>der</strong> Glorious<br />

Revolution von 1688 in England nie<strong>der</strong>ließ und große<br />

Kompositionen mit lebenden <strong>Vögel</strong>n anfertigte,<br />

manchmal kombiniert mit an<strong>der</strong>en Tieren. Solche<br />

Werke waren ungeheuer beliebt. Bogdány durfte<br />

fortan die englische Aristokratie beliefern, arbeitete<br />

für Königin Mary und später für Königin Anne und<br />

hatte so Zugang zur königlichen Vogelsammlung.<br />

<strong>Die</strong>ses Gemälde war vielleicht die hübsche Zierde<br />

über <strong>der</strong> Tür eines aristokratischen Salons, in dem die<br />

Gäste über diese merkwürdigen und bezaubernden<br />

Tiere plau<strong>der</strong>ten.<br />

10


Frans Lanting<br />

Aras über dem Fluss, Peru, 1992<br />

Fotografie, verschiedene Größen<br />

<strong>Die</strong>ses bemerkenswerte, im Amazonasbecken aufgenommene<br />

Bild fängt die leuchtenden Farben <strong>der</strong> drei<br />

Ara-Spezies ein: des Gelbbrustaras (Ara ararauna) mit<br />

blauem Rücken und Schwanz, des Scharlacharas (Ara<br />

macao) mit großen gelben Flecken an den Flügeln<br />

und kleinen Streifen im Gesicht und des Grünflügelaras<br />

(Ara chloropterus), <strong>der</strong> weniger Gelb auf <strong>der</strong> Flügeloberseite<br />

und mehr Streifen im Gesicht zeigt. <strong>Die</strong><br />

drei Arten sind in den Amazonas-Wäl<strong>der</strong>n Brasiliens<br />

und benachbarter Län<strong>der</strong> weit verbreitet, wo sie sich<br />

vor allem von Früchten und Nüssen ernähren, die nur<br />

wenige Mineralien haben. Einige <strong>der</strong> berühmtesten<br />

Bil<strong>der</strong> von Aras sind an Salzlecken entstanden, an<br />

denen sie diese wichtigen Nährstoffe aufnehmen.<br />

Insgesamt gibt es noch etwa 17 Arten von Aras, die<br />

in den amerikanischen Tropen leben und alle sehr<br />

bunt sind. <strong>Die</strong> Rotfärbung von Aras und an<strong>der</strong>en<br />

Papageien wird durch sogenannte Psittacofulvine<br />

erzeugt, die sich von den Carotenoiden unterscheiden,<br />

den Pigmenten, die für Rot, Orange und Gelb in<br />

den Fe<strong>der</strong>n <strong>der</strong> meisten an<strong>der</strong>en <strong>Vögel</strong> verantwortlich<br />

sind. Das Blau <strong>der</strong> Papageien dagegen entsteht wie<br />

das an<strong>der</strong>er <strong>Vögel</strong> vor allem durch win zige Strukturen<br />

in den Fe<strong>der</strong>n, die einige Licht-Wellenlängen<br />

absorbieren, während sie an<strong>der</strong>e, z. B. Blau, reflektieren.<br />

Der namhafte nie<strong>der</strong>ländische Tierfotograf<br />

Frans Lanting (geb. 1951) ist im Auftrag von National<br />

Geographic und an<strong>der</strong>en angesehenen Publikationen<br />

durch die <strong>Welt</strong> gereist.<br />

11


Frida Kahlo<br />

Ich und meine Papageien, 1941<br />

Öl auf Leinwand, 82 × 62,8 cm<br />

Privatsammlung<br />

In einem ihrer 55 Selbstporträts mit verschiedenen<br />

Tieren stellt die mexikanische Künstlerin Frida<br />

Kahlo (1907–54) vier Papageien dar – Rotstirnamazonen<br />

(Amazona autumnalis) und Gelbkopfamazonen<br />

(A. oratrix) –, die auf ihren Schultern und ihrem<br />

Schoß sitzen. Kahlo liebte Tiere und besaß in ihrem<br />

Haus, <strong>der</strong> Casa Azul (Blaues Haus) in Coyoacán,<br />

Mexiko-Stadt, viele Haustiere wie Nackthunde,<br />

Affen und ein Reh sowie <strong>Vögel</strong>. Es gibt etwa 400<br />

Papageienarten, die in tropischen und subtropischen<br />

Gegenden leben. <strong>Die</strong> Ordnung Psittaciformes kann in<br />

drei Familien unterteilt werden, die Psittacidae (die<br />

»typischen« Papageien), die Cacatuidae (Kakadus)<br />

und die Strigopidae (Neuseeland-Papageien) – wobei<br />

die größte Vielfalt in Südamerika existiert. <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong><br />

sind für ihre Intelligenz bekannt, und viele können<br />

die menschliche Sprache imitieren. Wie alle <strong>Vögel</strong><br />

erzeugen sie Töne, indem sie Luft durch die Syrinx<br />

ausstoßen – ein Organ am Ende <strong>der</strong> Luftröhre –, die<br />

ihre Form än<strong>der</strong>t, um verschiedene Töne zu erzeugen.<br />

Manche Graupapageien können Wörter mit ihren<br />

Bedeutungen assoziieren und einfache Sätze bilden.<br />

Kahlo, die mit sechs Jahren an Polio litt und mit 18<br />

in einen Busunfall verwickelt war, <strong>der</strong> ihre Wirbelsäule<br />

und ihr Becken dauerhaft schädigte, begann<br />

im Krankenbett zu malen, wo sie sich mithilfe eines<br />

Spiegels über dem Bett selbst darstellte. <strong>Die</strong>ses<br />

Porträt entstand nach ihrer Wie<strong>der</strong>verheiratung mit<br />

dem Künstler <strong>Die</strong>go Rivera, von dem sie zuvor bereits<br />

einmal geschieden worden war.<br />

12


Oskar Heinroth<br />

Magdalena Heinroth mit handaufgezogenen Dohlen, 1919<br />

Fotografie<br />

Staatsbibliothek zu Berlin<br />

Eine junge Frau betrachtet drei Dohlen (Corvus monedula),<br />

die auf ihren Armen sitzen. Ihr müdes Gesicht<br />

steht im Kontrast zur Neugier und Erwartung <strong>der</strong><br />

<strong>Vögel</strong>, aber die Bindung zwischen ihnen ist eindeutig<br />

– und das wun<strong>der</strong>t nicht. Hat doch die Frau, die deutsche<br />

Ornithologin Magdalena Heinroth (1883–1932),<br />

die Dohlen in ihrer Berliner Wohnung zusammen mit<br />

ihrem Mann Oskar (1871–1945) von Hand aufgezogen<br />

und gefüttert, bis sie sich selbst versorgen konnten.<br />

30 Jahre lang führten die Heinroths einen Haushalt,<br />

<strong>der</strong> heute kaum vorstellbar ist: Über 28 Jahre teilten<br />

sie ihr Heim mit etwa 1.000 <strong>Vögel</strong>n (aus 286 Arten),<br />

die sie aufzogen und rund um die Uhr beobachteten,<br />

dokumentierten und fotografierten – das erklärt<br />

vielleicht die Müdigkeit auf Magdalenas Gesicht. <strong>Die</strong><br />

beiden waren leidenschaftliche Ornithologen, Magdalena<br />

als ausgebildete Präparatorin und Oskar als Arzt<br />

und Zoologe. Ihre bahnbrechende Arbeit legte den<br />

Grundstein für die mo<strong>der</strong>ne Verhaltensforschung bei<br />

<strong>Vögel</strong>n. Das vierbändige Werk <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> Mitteleuropas,<br />

veröffentlicht zwischen 1924 und 1933, enthält<br />

4.040 Fotos. Je<strong>der</strong> <strong>der</strong> 286 Vogelarten ist ein Kapitel<br />

gewidmet, in dem das Paar seine Beobachtungen<br />

hinsichtlich Aufzucht, Kommunikation, Ernährung<br />

und Paarungsverhalten teilt. Neben seinem riesigen<br />

wissenschaftlichen Wert ist die Liebe <strong>der</strong> Autoren für<br />

ihre gefie<strong>der</strong>ten Subjekte deutlich spürbar und lässt<br />

ihr Opus Magnum aus an<strong>der</strong>en wissenschaftlichen<br />

Abhandlungen herausragen.<br />

13


Charles und Ray Eames<br />

Eames House Bird, ca. 1910<br />

Geschnitztes Holz und Stahldraht, H. ca. 27,5 cm<br />

Eames Foundation, Pacific Palisades, Kalifornien<br />

<strong>Die</strong>ser von seinen Besitzern Charles und Ray Eames<br />

geliebte kleine schwarze Holzvogel stand mehr als<br />

50 Jahre lang im Wohnzimmer des Designer-Ehepaares.<br />

Mit seinen eleganten Kurven, unauffälligen<br />

Stahlbeinen und Knopfaugen gehört <strong>der</strong> bemalte<br />

Vogel zu den berühmtesten Stücken des Paares. Doch<br />

obwohl er in vielen ihrer Möbelfotos zu sehen ist und<br />

sogar zusammen mit einem Stapel Wire Chairs 1952<br />

auf einem Cover <strong>der</strong> Architectural Review auftaucht,<br />

ist er kein Original-Eames. Angeblich haben sie<br />

ihn bei einem Besuch in den Appalachen gekauft.<br />

Charles (1907–78) und Ray (1912–88) reisten gern<br />

und kehrten oft mit Stücken amerikanischer Volkskunst<br />

zurück, mit denen sie ihr mo<strong>der</strong>nistisches<br />

Haus, The Eames House, in Pacific Palisades, Los<br />

Angeles, ausschmückten. <strong>Die</strong> Form des Vogels weist<br />

allerdings eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den<br />

Vogelattrap pen des Holzschnitzer-Paares Charles<br />

(1874–1963) und Edna Perdew (1882–1974) auf, die<br />

diese als Lockvögel für Jäger in Illinois herstellten.<br />

Ungeachtet seiner Herkunft sprachen die Handwerkskunst<br />

und das schlichte Design Charles und Ray<br />

Eames an, die auch in ihren innovativen Möbelentwürfen<br />

auf Einfachheit setzten. Heute stellt die<br />

Schweizer Möbelfirma Vitra offizielle Reproduktionen<br />

des Eames House Bird her. Auch wenn manche<br />

sich fragen, ob <strong>der</strong> Name Eames dafür gerechtfertigt<br />

ist – vermutlich wäre diese Design-Ikone ohne den<br />

Kennerblick dieses visionären Ehepaares lange in<br />

Vergessenheit geraten.<br />

14


Saul Steinberg<br />

Birds, 1945–54<br />

Fe<strong>der</strong> und schwarze Tinte auf elfenbeinfarbenem Millimeterpapier, 27,8 × 41,9 cm<br />

Art Institute of Chicago, Illinois<br />

Ein verspielter Schwarm <strong>Vögel</strong> stolziert über ein Blatt<br />

Millimeterpapier. Ihre Prozession hat keine Richtung.<br />

Sie bewegen sich auf strengen Linien, gehorchen aber<br />

dennoch keiner Ordnung und werfen einan<strong>der</strong> vielsagende<br />

Blicke zu. Trotz <strong>der</strong> simplen Formen kann man<br />

eine Prognose wagen, welche Arten diese lebhafte<br />

Gruppe inspiriert haben: vielleicht <strong>der</strong> watschelnde<br />

Tanz <strong>der</strong> Kanadaschnepfe (Scolopax minor), vielleicht<br />

die herrschaftliche Haltung des Storchs – die<br />

Betrachter entscheiden. Schließlich liegt <strong>der</strong> Reiz des<br />

amerikanischen Künstlers Saul Steinberg (1914–99) in<br />

seinem an das Absurde grenzenden Sinn für Humor<br />

statt in <strong>der</strong> exakten Beschreibung. Steinberg, geboren<br />

in Rumänien, verbrachte seine Jugend in Bukarest<br />

zu einer Zeit, als westliche Stile auf traditionelle<br />

osmanische Einflüsse trafen. <strong>Die</strong> lebendige Stadt<br />

mit ihren vielen Kulturen sollte seine erfolgreiche<br />

Karriere prägen. In Mailand, wo er Architektur studierte,<br />

wurde er inhaftiert, als <strong>der</strong> Antisemitismus in<br />

Italien zunahm. Nach seiner Freilassung 1941 floh er<br />

über die Dominikanische Republik in die USA. Dort<br />

wurden seine Zeichnungen erstmals vom New Yorker<br />

veröffentlicht – <strong>der</strong> Beginn einer sechs Jahrzehnte<br />

währenden Beziehung, in <strong>der</strong> auch seine berühmte<br />

Karte entstand: View of the World from 9th Avenue.<br />

Sein witziger Stil und <strong>der</strong> Charme seiner Zeichnungen<br />

brachten ihm in vielen Disziplinen Anerkennung<br />

ein. Steinbergs Gemälde, Textilien, Collagen und<br />

Wandbil<strong>der</strong> werden international in Museen und<br />

Galerien ausgestellt.<br />

15


Thomas Bewick<br />

<strong>Die</strong> Elster, aus A History of British Birds, Vol. 1 Land Birds, 1797<br />

Holzstich<br />

In einem Zeitalter <strong>der</strong> aufwendigen, kolorierten<br />

ornithologischen Monografien für einen privilegierten<br />

und spezialisierten Markt brachten Thomas<br />

Bewicks hervorragend illustrierte Bücher, die billig<br />

herzustellen und auf kleine Maße begrenzt waren, die<br />

Natur einem neuen Publikum nahe. Sein erstes Buch,<br />

A History of British Birds (in zwei Bänden), enthielt<br />

vertraute <strong>Vögel</strong> wie diese Elster (Pica pica) ebenso<br />

wie weniger vertraute Raritäten; es wurde eines<br />

<strong>der</strong> beliebtesten Bücher dieser Zeit, das Menschen<br />

verschiedener Stände die Vogelwelt näher brachte.<br />

Elstern gehören zu den Rabenvögeln (Corvidae),<br />

hochintelligente und opportunistische <strong>Vögel</strong> mit<br />

glänzendem schwarz-weißem Gefie<strong>der</strong>. Der Bauernsohn<br />

Bewick (ca. 1753–1828) hatte keine akademische<br />

Ausbildung. In <strong>der</strong> Anschauung <strong>der</strong> Natur und im<br />

Kontakt zu an<strong>der</strong>en Kunsthandwerkern fand er seine<br />

Bildung. Der gelernte Graveur entdeckte, dass seine<br />

Werkzeuge, die Stichel, sich auch zum Gravieren von<br />

hartem Buchsholz eigneten. Bewick gilt als Erfin<strong>der</strong><br />

des Holzstichs – nicht zu verwechseln mit dem Holzschnitt,<br />

einem früheren und vergleichsweise groben<br />

Druckmedium. An<strong>der</strong>s als seine Zeitgenossen, <strong>der</strong>en<br />

Originalzeichnungen von an<strong>der</strong>en Künstlern für den<br />

Druck vorbereitet wurden, war Bewick in erster Linie<br />

Grafiker. Er gravierte und druckte seine eigenen<br />

Blöcke, was beträchtliches Können verlangte. Bewicks<br />

Illustrationen, monochrom und selten breiter als<br />

10 cm, haben Millionen Herzen berührt und inspirieren<br />

noch immer Generationen von Naturforschern.<br />

16


Edward Bawden<br />

The Peacock and the Magpie [Der Pfau und die Elster], aus Aesop’s Fables, 1970<br />

Farbiger Linolschnitt, 40,5 × 56 cm<br />

Fry Art Gallery, Saffron Walden<br />

<strong>Die</strong>ser einfach und elegant gehaltene Linolschnitt des<br />

britischen Künstlers Edward Bawden (1903–1989) aus<br />

einer Reihe erzählen<strong>der</strong> Illustrationen zu den Fabeln<br />

des Äsop ist ein Meisterwerk <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Grafik.<br />

Der Pfau, <strong>der</strong> in seiner eigenen Pracht schwelgt, soll<br />

von einer bewun<strong>der</strong>nden Menge gerade zum König<br />

<strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> gewählt werden, als die Elster eingreift.<br />

Listig stellt sie den Nutzen des Pfaus bei <strong>der</strong> Abwehr<br />

von Raubtieren infrage und zeigt den <strong>Vögel</strong>n, dass es<br />

wünschenswertere Eigenschaften bei einem Anführer<br />

gibt als körperliche Schönheit. Der Pfau erwarb den<br />

Ruf nutzloser Eitelkeit, während die Elster für ihre<br />

Schlauheit geschätzt wurde. Linolschnitte gehören<br />

zu den Reliefdrucken, bei denen die Farbe von einer<br />

erhöhten, flachen Oberfläche auf das Papier übertragen<br />

wird. Trotz ihrer scheinbaren Einfachheit<br />

erfor<strong>der</strong>t die Herstellung farbiger Reliefdrucke einige<br />

recht komplexe Techniken – etwa das Aufbringen von<br />

Farbe nur auf ausgewählte Bereiche, das Überlagern<br />

von Farben, um unterschiedliche Deckkraft o<strong>der</strong><br />

Farbtöne zu erzeugen o<strong>der</strong> die Benutzung mehrerer<br />

Druckblöcke für ein einziges Bild. Traditionelle<br />

Druckformen dienten anfangs nur <strong>der</strong> schnellen<br />

Reproduktion bereits existieren<strong>der</strong> Werke. Grafiker,<br />

die sich von kommerziellen Einschränkungen befreiten<br />

und experimentell arbeiteten, erkundeten, was<br />

diese Techniken als Ausdrucksmedium zu bieten<br />

hatten. Heute verwendet man den Begriff »Druck« vor<br />

allem für die kommerzielle Reproduktion, bezeichnet<br />

diese »Originaldrucke« dagegen als »Druckgrafiken«.<br />

17


Joseph Chaumet<br />

Kolibri-Aigrette, die in eine Brosche verwandelt werden kann, ca. 1880<br />

Gold, Silber, Diamanten und Rubine, H. 10 cm<br />

Collections Chaumet, Paris<br />

Zwei lange Schwanzfe<strong>der</strong>n, die in spatelförmigen<br />

»Flaggen« enden, lassen vermuten, dass diese<br />

Aigrette – ein Schmuckstück für einen Hut o<strong>der</strong><br />

an<strong>der</strong>en Kopfputz – die männliche Violettscheitel-<br />

Flaggensylphe (Loddigesia mirabilis) imitiert, einen<br />

peruanischen Kolibri, <strong>der</strong> beim Balztanz seine<br />

Schwanzfe<strong>der</strong>n im Schwebeflug nach außen streckt.<br />

Der vom französischen Juwelier Joseph Chaumet<br />

(1852–1928) zu Beginn <strong>der</strong> Belle Époque geschaffene<br />

Vogel glänzt mit wertvollen Steinen, zeigt aber<br />

dennoch die wahre Form des Tieres. Das »Gefie<strong>der</strong>«<br />

besteht aus dichten Reihen von Rubinen und Diamanten<br />

und ahmt die changierenden Fe<strong>der</strong>n nach,<br />

mit denen Kolibris ihre Partner anlocken. Chaumets<br />

Kolibri ist ein dynamisches Objekt: Als Aigrette<br />

würden die Fe<strong>der</strong>n zittern und schwanken, wenn <strong>der</strong><br />

Wind in den wun<strong>der</strong>baren Pariser Kopfputz fährt.<br />

Durch Entfernen <strong>der</strong> zusätzlichen Fe<strong>der</strong>n lässt sich<br />

das Stück aber auch in eine Brosche verwandeln. Das<br />

heute als Chaumet bekannte Haus, das 1780 gegründet<br />

worden war, produzierte bereits seit mehr als<br />

einem Jahrhun<strong>der</strong>t luxuriösen Schmuck, als Chaumet<br />

die Tochter des Besitzers heiratete und dem Unternehmen<br />

seinen Namen gab. <strong>Die</strong> Inspiration kommt<br />

weiterhin aus <strong>der</strong> Natur. Indem er <strong>Vögel</strong> aus Diamanten<br />

baut, verbindet Chaumet zwei Seiten <strong>der</strong> Naturgeschichte,<br />

wenn auch in einzigartigen, unzugänglichen<br />

Strukturen: die bewegende Lebhaftigkeit des Lebens<br />

und das bewegungslose, dauerhafte chemische Gitter<br />

<strong>der</strong> Geologie.<br />

18


Jacques Barraband<br />

Le Nébuleux, étalant ses parures, aus Histoire Naturelle des Oiseaux de Paradis et des Rolliers:<br />

suivie de celle des toucans et des barbus von François Levaillant, 1806<br />

Mehrfarbige Radierung auf einer Platte, 51 × 33 cm<br />

<strong>Die</strong> ornithologischen Illustrationen des französischen<br />

Künstlers Jacques Barraband (ca. 1767–1890) für die<br />

Publikationen des Naturforschers François Levaillant<br />

(1753–1824) sind beson<strong>der</strong>s exquisit. Barraband, <strong>der</strong><br />

eng mit den besten Graveuren und Druckern seiner<br />

Zeit zusammenarbeitete, entwickelte einen ganz eigenen<br />

Stil für die Reproduktion seiner Bil<strong>der</strong>. Anstatt in<br />

Schwarz zu drucken und seine Drucke dann zu aquarellieren,<br />

benutzte er eine Technik namens à la poupée<br />

(»mit <strong>der</strong> Puppe«), bei <strong>der</strong> Farbe vor dem Drucken<br />

mit einer »Lumpenpuppe« direkt auf die Kupferplatte<br />

aufgebracht wird. Er schuf seine Zeichnungen direkt<br />

nach den Beschreibungen von Levaillant. Viele von<br />

ihnen sind heute im Museum für Naturgeschichte im<br />

nie<strong>der</strong>ländischen Leiden zu sehen, wie dieser einzigartige<br />

»wolkige Paradiesvogel«. Barraband war von<br />

den Beschreibungen zu Recht irritiert. Heutige Ornithologen<br />

haben festgestellt, dass dieses Präparat aus<br />

Teilen verschiedener <strong>Vögel</strong> zusammengesetzt wurde.<br />

<strong>Die</strong> fadenartigen und die weißen Fe<strong>der</strong>n stammen<br />

vom Fadenparadiesvogel (Seleucidis melanoleucus),<br />

sind in <strong>der</strong> Natur allerdings tiefgelb (sie verblassen<br />

nach dem Tod) und sitzen nicht am Rücken. <strong>Die</strong><br />

Flügel sind vom Specht und die obere Mandibel des<br />

Schnabels ist eigentlich die umgedrehte Mandibel<br />

einer völlig an<strong>der</strong>en Art. Auch wenn Levaillants Fehler<br />

seinen wissenschaftlichen Ruf geschmälert haben<br />

mögen, bleibt die Würdigung <strong>der</strong> wun<strong>der</strong>schönen und<br />

exakt beobachteten Illustrationen Barrabands davon<br />

unberührt.<br />

19


20


Allen & Ginter<br />

Birds of the Tropics, 1889<br />

Chromolithografie, 7,3 × 8,3 cm<br />

Metropolitan Museum of Art, New York<br />

<strong>Die</strong>se hübsche Auswahl von zwölf Zigarettenbil<strong>der</strong>n<br />

mit tropischen <strong>Vögel</strong>n – Teil eines 50er-Sets – reicht<br />

vom Alexan<strong>der</strong>sittich (Psittacula eupatria, oben<br />

links) bis zum Scharlachara (Ara macao, unten<br />

rechts) und enthält Exoten wie Trauerschwan (Cygnus<br />

atratus, unten links), Feuerschwanz-Nektarvogel<br />

(Aethopyga ignicauda, oben, zweiter von rechts) und<br />

Goldfasan (Chrysolophus pictus, unten, zweiter von<br />

links). <strong>Die</strong> Karten wurden 1889 von <strong>der</strong> Tabakfirma<br />

Allen & Ginter in Richmond, Virginia, hergestellt<br />

und waren so beliebt, dass das Unternehmen zwei<br />

Versionen herausgab. Ein Satz kleinerer Karten enthielt<br />

nur die Originalporträts <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>, während dieser<br />

größere Satz die Porträts vor einen atmosphärischen<br />

Hintergrund setzte. <strong>Die</strong> Inspirationsquellen einiger<br />

<strong>der</strong> Porträts und Posen lassen sich nachvollziehen,<br />

wie beim Ara von Edward Lear (siehe S. 43) o<strong>der</strong><br />

dem prächtigen Quetzal (Pharomachrus mocinno) aus<br />

John Goulds (siehe S. 106) A Monograph of the Trogonidae<br />

(1838). <strong>Vögel</strong> waren ein beliebtes Motiv, das in<br />

drei weiteren Kartensätzen vorkam: Birds of America,<br />

Game Birds und Song Birds of the World. Allen & Ginter<br />

war das erste Unternehmen, das Sammelkarten mit<br />

seinen Zigaretten herausbrachte – die Karte verstärkte<br />

die dünne Papierverpackung –, später verbreitete sich<br />

diese Praxis. Allen & Ginters eigene Karten reichten<br />

von Herrschern und Marineflaggen bis zu Schauspielerinnen<br />

und Indianerhäuptlingen, am populärsten<br />

waren aber bei weitem die Baseball-Karten, die erstmals<br />

1887 produziert wurden.<br />

21


Thomas Poulsom<br />

Nina, <strong>der</strong> Kiebitz, 2013<br />

Lego-Steine, H. ca. 14,4 cm<br />

Privatsammlung<br />

Eine Handvoll Lego-Steine ist zu einem Kiebitz<br />

(Vanellus vanellus) zusammengesetzt. Kiebitze sind<br />

Watvögel, die in großen Teilen Europas vorkommen.<br />

Ihr Name leitet sich von ihrem charakteristischen Ruf<br />

ab. <strong>Die</strong>ses auf grell-rosa Beinen stehende Wesen des<br />

Gartenarchitekten und Künstlers Thomas Poulsom<br />

wirkt trotz seiner Statik lebendig und erinnert an<br />

die Taxi<strong>der</strong>mie des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts. Es ist eines<br />

vieler ähnlicher Werke aus seinem Buch Birds from<br />

Bricks (2016). Im Gegensatz zu jenen, die tote Tiere<br />

scheinbar zum Leben erweckt haben, wurde in dieser<br />

Darstellung eines lebenden Organismus kein natürliches<br />

Material benutzt: Das ABS-Plastik ist nicht<br />

biologisch abbaubar und schwer zu recyceln. Man<br />

könnte es daher ironisch finden, Spielzeugliebhabern<br />

ausgerechnet mit Lego-Steinen die Themen Ornithologie<br />

und Biodiversität nahezubringen. Tatsächlich<br />

waren die Bil<strong>der</strong> von Poulsoms Arbeiten online so<br />

beliebt, dass Lego einige seiner Entwürfe als offizielle<br />

Sets verkauft, während seine größeren Modelle vom<br />

britischen Wildfowl and Wetlands Trust erworben<br />

wurden und Wege in einigen geschützten Feuchtgebieten<br />

zieren. Auf diesen Wan<strong>der</strong>wegen wirken<br />

Poulsoms Werke wegen ihres klaren, zellularen Aufbaus<br />

inmitten <strong>der</strong> halbwilden Umgebung beson<strong>der</strong>s<br />

faszinierend. Sie scheinen die Betrachter zu fragen,<br />

wie sehr sich Tierformen reduzieren und vereinfachen<br />

lassen, um immer noch erkennbar zu sein.<br />

22


Marcus Coates<br />

Common Sandpiper, 2019<br />

Gouache auf Aquarellpapier, 48 × 65,5 cm<br />

Privatsammlung<br />

Zu sehen ist eine einfache Ansammlung schwarzer,<br />

grauer und brauner Quadrate vor einem nichtssagenden<br />

Hintergrund. Dennoch besteht kein Zweifel<br />

daran, dass dieses lebensgroße Bild einen stehenden,<br />

nach links schauenden Vogel darstellt. Common Sandpiper<br />

gehört zu einer Sammlung des britischen Künstlers<br />

und Ornithologen Marcus Coates (geboren 1968)<br />

von Tieren mit dem Wort »common« (»gewöhnlich«)<br />

als Teil ihres Trivialnamens. <strong>Die</strong> Serie will den Wert<br />

hinterfragen, <strong>der</strong> gewöhnlichen Arten beigemessen<br />

wird. Der Titel lässt uns in <strong>der</strong> Tat annehmen, dass<br />

<strong>der</strong> Pixelhaufen den »Common Sandpiper« (Actitis<br />

hypoleucos, Flussuferläufer) zeigt, einen mittelgroßen<br />

Zugvogel, <strong>der</strong> in Eurasien zu verschiedenen Zeiten<br />

des Jahres recht verbreitet ist. Tatsächlich müssen wir<br />

uns auf das Wort des Künstlers verlassen. <strong>Die</strong> Details,<br />

die Naturforscher zur Identifizierung brauchen, sind<br />

alle verborgen: das Band aus weißen Fe<strong>der</strong>n vorn am<br />

geschlossenen Flügel, die dunkle Schnabelspitze, <strong>der</strong><br />

dunkle Augenstreif gehen in den Blöcken aus wenig<br />

aussagekräftiger Farbe unter. Coates’ Reduzierung<br />

des Vogels auf fünfzig farbige Quadrate will uns nicht<br />

nur auffor<strong>der</strong>n, die gewöhnlichen Arten in Großbritannien<br />

genauer anzuschauen, son<strong>der</strong>n sie ähnelt<br />

auch einem stark vergrößerten Abschnitt aus einem<br />

Digitalfoto o<strong>der</strong> einem stark komprimierten JPEG<br />

o<strong>der</strong> TIFF und betont somit das größtenteils digitale<br />

Wesen unserer Interaktionen mit Wildtieren im<br />

21. Jahrhun<strong>der</strong>t.<br />

23


Shen Quan<br />

Blumen und <strong>Vögel</strong>, 1750<br />

Hängerolle, Tusche und Farbe auf Seide, 116,4 × 50 cm<br />

Metropolitan Museum of Art, New York<br />

<strong>Die</strong>ses Vogel-und-Blumen-Bild, signiert »Frühling<br />

1750, Chaohengzai, Shen Quan«, greift eine <strong>der</strong> drei<br />

Haupttraditionen <strong>der</strong> chinesischen Malerei, neben<br />

Landschafts- und Figurenmalerei, auf. <strong>Die</strong> dazu<br />

gehörende Kalligrafie galt als wichtiger Bestandteil<br />

des Gemäldes. Der in China bereits berühmte Shen<br />

(ca. 1682–1762) verbrachte ab 1731 zwei Jahre in Nagasaki<br />

– in <strong>der</strong> japanischen Edo-Zeit die einzige japanische<br />

Stadt, die Fremden offen stand. Dort unterrichtete<br />

er Maler in seinem äußerst realistischen,<br />

dreidimensionalen Malstil und begründete damit die<br />

Schule von Nagasaki. Nagasaki wurde zum Zentrum<br />

<strong>der</strong> Verbreitung chinesischer Kultur in Japan. <strong>Die</strong><br />

Chinesen vor Ort dienten zugleich als Vermittler von<br />

westlicher Wissenschaft und Kunst. Vermutlich war<br />

<strong>der</strong> Nagasaki-Stil von den naturalistischen Illustrationen<br />

chinesischer und westlicher Abhandlungen zu<br />

Botanik, Zoologie und Mineralogie des 18. Jahrhun<strong>der</strong>ts<br />

beeinflusst. Shens realistische Darstellung <strong>der</strong><br />

<strong>Vögel</strong> in seinem Gemälde ordnete sich jedoch den<br />

Vorstellungen über ihr Wesen unter und spiegelte<br />

die Persönlichkeit und die Gefühle des Künstlers<br />

wi<strong>der</strong> – wie bei den »Gelehrten-Malern«, die nicht<br />

nur das äußere Wesen ihrer Motive, son<strong>der</strong>n auch<br />

<strong>der</strong>en inneren Geist festhalten wollten. Als Grundlage<br />

für die <strong>Vögel</strong> diente Shen <strong>der</strong> Rotschnabelkitta<br />

(Urocissa erythroryncha) mit seinem außerordentlich<br />

langen Schwanz. Er nahm sich aber beim Gefie<strong>der</strong><br />

einige Freiheiten, sodass sie letztlich Produkte seiner<br />

Fantasie sind.<br />

24


Ito Jakuchu<br />

Goldfasane im Schnee, aus Farbige Bil<strong>der</strong> von Tieren und Pflanzen, ca. 1761–65<br />

Hängerolle, Tusche und Farbe auf Seide, 142,1 × 79,5 cm<br />

Museum <strong>der</strong> kaiserlichen Sammlungen, Tokio<br />

Seine sorgfältige Beobachtungsgabe und seine Kunstfertigkeit<br />

machten Ito Jakuchu (1716–1800) zu einem<br />

beliebten Künstler <strong>der</strong> Edo-Zeit in Japan. In seinem<br />

Bild <strong>der</strong> Goldfasane (Chrysolophus pictus) erzeugte er<br />

mit pulverisierter Farbe eine realistische dreidimensionale<br />

Wirkung und Textur, die an Schnee erinnert.<br />

<strong>Vögel</strong> gehörten zu Jakuchus häufigsten Motiven, und<br />

er orientiert sich an <strong>der</strong> typischen goldenen Haube,<br />

dem strahlend roten Körper und dem langen, gefleckten<br />

Schwanz des männlichen Goldfasans, <strong>der</strong> in den<br />

Bergen Westchinas heimisch ist. Neben dem Hahn<br />

befindet sich eine Fasanenhenne in gedeckten Farben.<br />

<strong>Die</strong>se <strong>Vögel</strong>, die nur kurze Strecken fliegen und<br />

lieber auf dem Boden herumlaufen, bleiben im Winter<br />

zeitweise in <strong>der</strong> Nähe menschlicher Behausungen,<br />

um leichter Futter zu finden. <strong>Die</strong>ses Werk gehört<br />

zu einer Gruppe von dreißig Gemälden von <strong>Vögel</strong>n,<br />

Tieren und Blumen, die als Jakuchus Meisterwerk gelten:<br />

Farbige Bil<strong>der</strong> von Tieren und Pflanzen (Doshoku<br />

sai-e), gemalt zwischen 1757 und 1766, und Shokoku-ji,<br />

einem buddhistischen in Kyoto, als persönlicher<br />

Ausdruck seiner buddhistischen Überzeugung als<br />

Geschenk überlassen. Jakuchu, <strong>der</strong> Sohn eines<br />

Händlers, wurde als einer <strong>der</strong> Exzentriker dieser Zeit<br />

angesehen. Er experimentierte mit verschiedenen<br />

Mal- und Drucktechniken und schuf dramatisch<br />

farbige und dynamische Kompositionen, die ausgesprochen<br />

dekorativ sind.<br />

25


Unbekannt<br />

Archaeopteryx siemensii, ca. 150 Millionen Jahre alt<br />

Solnhofener Kalkstein, 46 × 38 cm<br />

Museum für Naturkunde, Berlin<br />

Erstarrt in <strong>der</strong> von Paläontologen »Todespose«<br />

genannten Haltung, sind Kopf und Hals dieses<br />

Archaeopteryx (»uralter Flügel«) aufgrund <strong>der</strong> Versteifung<br />

von Muskeln und Sehnen nach dem Tode<br />

zurückgebogen. Das Fossil zeigt Merkmale von<br />

Reptilien (Zähne, knochiger Schwanz, Krallen an<br />

den Flügeln), aber auch von <strong>Vögel</strong>n (asymmetrische<br />

Schwungfe<strong>der</strong>n, ein Gabelbein und wohl auch einen<br />

teilweise umgedrehten ersten Zeh) und ist daher<br />

vermutlich eine Übergangsform zwischen diesen.<br />

Das etwa rabengroße Tier besaß nicht das knöcherne<br />

Brustbein, an dem die Flugmuskeln heutiger <strong>Vögel</strong><br />

ansetzen, obwohl ein knorpeliges Brustbein auch eine<br />

Art Flugbewegung erlaubt haben dürfte. Ein Flug<br />

erfolgte vermutlich in kurzen Schwüngen, gefolgt<br />

von Gleiten. An jedem Flügel saßen drei Krallen. Das<br />

Fehlen eines umgedrehten ersten Zehs bedeutet, dass<br />

<strong>der</strong> Vogel nicht greifen konnte und hauptsächlich auf<br />

dem Boden lebte (auch wenn viele heutige <strong>Vögel</strong> ohne<br />

Greifzeh in Bäumen leben). Das erste Archaeopteryx-<br />

Skelett wurde 1861 nahe Langenaltheim entdeckt.<br />

Der Fund fiel zufällig mit <strong>der</strong> Veröffentlichung von<br />

Darwins Über die Entstehung <strong>der</strong> Arten zusammen.<br />

Das an das Natural History Museum in London verkaufte<br />

Exemplar schien seine Theorie zu bestätigen.<br />

Das hier gezeigte Berliner Exemplar ist das bisher<br />

vollständigste und das erste mit einem intakten Kopf.<br />

Es wurde 1874 o<strong>der</strong> 1875 nahe Eichstätt entdeckt.<br />

Archaeopteryx ist ein wichtiges Objekt zum Verständnis<br />

<strong>der</strong> Evolution.<br />

26


Unbekannt<br />

Vier Arten des Darwinfinken, aus Journal of Researches into the Geology and Natural History<br />

of the Various Countries Visited by H.M.S. Beagle, 1832–36 von Charles Darwin, 1845<br />

Radierung, 17,3 × 11,3 cm<br />

Natural History Museum, London<br />

Auf seiner Reise von 1831 bis 1836 mit <strong>der</strong> HMS Beagle<br />

verbrachte <strong>der</strong> junge Naturforscher Charles Darwin<br />

nur fünf Wochen auf den Galápagos-Inseln. Dennoch<br />

sind die dort heimischen Finken – heute Darwinfinken<br />

genannt – untrennbar mit seiner Erkenntnis<br />

verknüpft, dass die natürliche Auslese <strong>der</strong> Mechanismus<br />

von Evolution ist. Als er auf den verschiedenen<br />

Inseln die Finken sammelte, merkte Darwin nicht<br />

einmal, dass sie verwandt waren, ein verständlicher<br />

Fehler angesichts <strong>der</strong> verschiedenen Schnabelformen,<br />

von massig (Abb. 1; Geospiza magnirostris) bis zierlich<br />

(Abb. 4; Certhidea olivacea). Erst als <strong>der</strong> Ornithologe<br />

John Gould (siehe S. 106) 1837 die Finken untersuchte,<br />

erkannte er – und Darwin –, dass die Arten<br />

verwandt waren, ihre Schnäbel sich aber an das<br />

Nahrungsangebot von Insekten, Pollen, Samen o<strong>der</strong><br />

Nüssen angepasst hatten. In <strong>der</strong> zweiten Auflage von<br />

Voyage of the Beagle schrieb Darwin 1845: »Angesichts<br />

dieser Abstufung und Vielfalt <strong>der</strong> Strukturen in einer<br />

kleinen Gruppe von <strong>Vögel</strong>n, … könnte man wirklich<br />

meinen, dass aus einem ursprünglichen Bestand an<br />

<strong>Vögel</strong>n auf diesem Archipel eine Art genommen und<br />

für an<strong>der</strong>e Zwecke verän<strong>der</strong>t wurde.« Mo<strong>der</strong>ne DNA-<br />

Analysen bestätigen Darwins Vermutung. Aus einer<br />

Ausgangsart haben sich die Darwinfinken – eigentlich<br />

Mitglie<strong>der</strong> <strong>der</strong> Familie <strong>der</strong> Tangaren – in 14 Arten<br />

(vielleicht sogar eine o<strong>der</strong> zwei mehr) sowie eine<br />

weitere Art auf <strong>der</strong> Kokosinsel etwa 750 km nordwestlich<br />

von Galápagos verzweigt.<br />

27


Ulisse Aldrovandi<br />

Steinadler, aus Ornithologiae, hoc est, De avibus historiae libri XII, 1599<br />

Gedrucktes Buch, 35 × 21 cm<br />

Library of Congress, Washington, DC<br />

<strong>Die</strong>se beiden Zeichnungen von Steinadlern (Aquila<br />

chrysaetos) befinden sich in einem Buch, das Vogelarten<br />

mit unterschiedlich umfangreichen Informationen<br />

über ihre Ökologie, Verbreitung und kulturelle<br />

Bedeutung beschreibt, oft begleitet durch kolorierte<br />

Illustrationen. Der Autor war einer <strong>der</strong> ersten Naturkundler<br />

in Europa, <strong>der</strong> Italiener Ulisse Aldrovandi<br />

(1522–1605), <strong>der</strong> 1561 zum ersten Professor für Naturwissenschaften<br />

an <strong>der</strong> Universität Bologna wurde.<br />

Eines seiner größten Werke ist diese aus 13 Bänden<br />

bestehende illustrierte Serie zur Naturgeschichte –<br />

die auch Drachen enthält –, von <strong>der</strong> drei Bände den<br />

<strong>Vögel</strong>n gewidmet sind: Ornithologiae, hoc est, De avibus<br />

historiae (»Ornithologie, das ist die Geschichte <strong>der</strong><br />

<strong>Vögel</strong>«), veröffentlicht 1599. Der Steinadler war zu<br />

Aldrovandis Zeit vermutlich viel weiter verbreitet als<br />

heute mit nur noch 9.000–12.000 Paaren in Europa.<br />

In Italien findet man sie in den Alpen und den<br />

Apenninen, wo sie sich von Säugetieren und an<strong>der</strong>en<br />

<strong>Vögel</strong>n ernähren, etwa Moor- und Rebhühnern.<br />

Sie werden in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet von<br />

den Menschen verehrt, etwa den indigenen Kulturen<br />

Nordamerikas, und sind Wappentiere von fünf<br />

Län<strong>der</strong>n (Albanien, Mexiko, Deutschland, Österreich<br />

und Kasachstan). Im antiken Rom führte jede Legion<br />

eine Adlerstandarte mit sich, die dem Steinadler<br />

nachempfunden war (siehe S. 266). Aldrovandis viereinhalbseitige<br />

Beschreibung des Vogels bleibt knapp<br />

im Vergleich mit an<strong>der</strong>en Arten, vielleicht weil <strong>der</strong><br />

Steinadler so bekannt war.<br />

28


Johann Jakob Walther<br />

Sperber und Uhu, ca. 1639<br />

Aquarell und Gouache auf Papier<br />

Musées de la Ville de Strasbourg<br />

<strong>Die</strong>ses schöne Gemälde aus einer Gruppe von<br />

20 Aquarellen des deutschen Ornithologen und<br />

Künstlers Johann Walther (1650–1717), die zu den<br />

Sammlungen <strong>der</strong> Straßburger Museen gehört, stellt<br />

einen männlichen Sperber (Accipiter nisus) und einen<br />

Uhu (Bubo bubo) dar. <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> sind nicht maßstabsgerecht;<br />

Sperbermännchen sind winzig und würden<br />

vom Uhu, <strong>der</strong> größten Eulenart im westlichen<br />

Europa, überragt werden. <strong>Die</strong> Namen oben in dem<br />

Gemälde sind lateinisch; das Wort muscetus ist mit<br />

dem Wort »Muskete« verwandt; in <strong>der</strong> Jägersprache<br />

werden männliche Sperber als »Sprinz« bezeichnet.<br />

Bei den meisten Raubvögeln sind die Weibchen<br />

deutlich größer als die Männchen. Trotz ihrer Raubvogeleigenschaften<br />

sind Sperber und Eulen nicht<br />

eng miteinan<strong>der</strong> verwandt. Sie jagen auch nicht die<br />

gleiche Beute. <strong>Die</strong> kurzen, abgerundeten Flügel und<br />

<strong>der</strong> lange Schwanz des Sperbers erlauben es ihm, mit<br />

bemerkenswerter Agilität <strong>Vögel</strong> – selbst durch dichtes<br />

Laub hindurch – im Flug zu verfolgen; mit ihren<br />

langen Beinen können sie <strong>Vögel</strong> aus <strong>der</strong> Luft ergreifen.<br />

Eulen dagegen sind auf Säugetiere spezialisiert<br />

und stürzen sich aus <strong>der</strong> Luft auf ihre am Boden im<br />

Laub versteckte Beute. Für den Fall, dass die Beute<br />

zurückbeißt, sind ihre Zehen mit einer schützenden<br />

Fe<strong>der</strong>schicht bedeckt. Über Johann Walther ist kaum<br />

etwas bekannt, man weiß lediglich, dass er und sein<br />

Sohn Illustrationen für den Fischmeister und Jäger<br />

Leonard Baldner von seinem Steinbruch am Rhein<br />

gefertigt haben.<br />

29


W. A. Blakston, W. Swaysland und August F. Wiener<br />

Stieglitz-und-Kanarien-Mischling, aus The illustrated Book of Canaries and Cage-Birds, British and Foreign, ca. 1878<br />

Chromolithografie<br />

Harvard University, Cambridge, Massachusetts<br />

Seit den Zeiten <strong>der</strong> alten Römer werden Sing vögel in<br />

Käfigen gehalten, um ihre Besitzer mit ihrem farbigen<br />

Gefie<strong>der</strong> und ihrem melodischen Gesang zu erfreuen.<br />

Seit etwa 400 Jahren ist Teil dieses Zeitvertreibs die<br />

Kreuzung verschiedener Arten, um eine noch größere<br />

Vielfalt an Fe<strong>der</strong>farben zu erzeugen. <strong>Die</strong> Zucht aus<br />

zwei Finken-Arten führt zu sogenannten Hybriden;<br />

Kreuzungen aus Fink und Kanarien werden im Englischen<br />

als »mule« bezeichnet, und genau wie ihre großen<br />

Namensvettern, die Mulis (Kreuzungen aus Pferd<br />

und Esel), sind sie mit hoher Sicherheit unfruchtbar.<br />

Am einfachsten zu kreuzen sind Stieglitze (Carduelis<br />

carduelis) und Kanarien vögel. <strong>Die</strong> Hybriden haben die<br />

rote Gesichtsmaske ihres Stieglitz-Elternteils, das Körpergefie<strong>der</strong><br />

variiert entsprechend des Geschlechts <strong>der</strong><br />

verwendeten Spezies. Hier abgebildet sind drei Farbschläge:<br />

dunkel mehlig, dunkel intensiv und Zimt. Bei<br />

Vogelausstellungen können die Tiere je nach Schattierung<br />

in getrennten Kategorien antreten. Es gibt<br />

z. B. Kategorien für Grünfink- (Chloris chloris) und<br />

Gimpel- (Pyrrhula pyrrhula) Hybride. Obwohl sich<br />

dieses Buch von 1878 auf Kanarienvögel konzentriert,<br />

enthält es auch Informationen über an<strong>der</strong>e Käfig vögel<br />

wie Papageien und Stare, und bietet ausführliche<br />

praktische Ratschläge, bei denen etwa erklärt wird,<br />

wie man seinen Kanarienvogel sicher waschen kann.<br />

Das Buch ist heute ein Sammlerstück; eine gut erhaltene<br />

Erstausgabe kann mehr als 1.500 € kosten.<br />

30


Blaise Bontems<br />

Achteckiger Vogelkäfig mit drei Singvögeln, ca. 1870<br />

Messing, Porzellan, 48,5 × 26 cm × 26 cm<br />

Privatsammlung<br />

<strong>Die</strong> Streben dieses achteckigen Messingkäfigs braucht<br />

es nicht. <strong>Die</strong> drei Singvögel nicken beim Zwitschern<br />

mit den Köpfen, wippen mit den Schwänzen und<br />

bewegen ihre Schnäbel – werden aber nie ausbrechen.<br />

Es sind fe<strong>der</strong>bedeckte Metallhüllen, bewegt<br />

von einem Rä<strong>der</strong>werk im Sockel. <strong>Die</strong> an den Seiten<br />

eingelassenen Plaketten aus Sèvres-Porzellan stellen<br />

Liebespaare dar. Der französische Uhrmacher Blaise<br />

Bontems (1814–93) begann Mitte des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts<br />

mit <strong>der</strong> Produktion seiner Singeautomaten.<br />

Über die Idee war er gestolpert, als er als Lehrling<br />

in den Vogesen gebeten wurde, eine Schnupftabaksdose<br />

mit einem mechanischen Vogel zu reparieren.<br />

Bontems studierte die Lie<strong>der</strong> <strong>der</strong> Nachtigall (Luscinia<br />

megarhynchos), bevor er das Getriebe <strong>der</strong> Schnupftabaksdose<br />

so verän<strong>der</strong>te, dass das erzeugte Lied echt<br />

klang. Als die Nachfrage nach seinen <strong>Vögel</strong>n wuchs,<br />

eröffnete er 1849 seine eigene Werkstatt. Seine Neuheiten<br />

waren unglaublich beliebt. Etwa 90 Prozent <strong>der</strong><br />

Erzeugnisse gingen ins Ausland; auf <strong>der</strong> Great Exhibition<br />

in London 1851 beschrieb man seine Automaten<br />

als »Spielzeuge für Erwachsene statt für Kin<strong>der</strong>«.<br />

Zu einer Zeit, als man Käfigvögel für ihren Gesang<br />

schätzte, war ein künstlicher Vogel, <strong>der</strong> echt aussah<br />

und klang, ein Statussymbol. In einem Arrangement<br />

wie hier konnten die <strong>Vögel</strong> kontinuierlich o<strong>der</strong> periodisch<br />

singen. Bontems setzte sich 1881 zur Ruhe. Sein<br />

Sohn Charles brachte das Unternehmen zur Blüte und<br />

beschäftigte mehr als 20 Arbeiter, die etwa 400 Stücke<br />

im Jahr produzierten.<br />

31


Mark Dion<br />

Möwen-Topografie, Karte Nr. 27, 2020<br />

Buntstift auf Papier, 38 × 50,5 cm<br />

Wie selbst ein Neuling <strong>der</strong> Vogelbeobachtung weiß,<br />

wird <strong>der</strong> Leser beim Öffnen eines aktuellen Naturführers<br />

oft mit einer Reihe wissenschaftlicher Zeichnungen<br />

konfrontiert, die verschiedene Fe<strong>der</strong>typen und<br />

Körperteile von <strong>Vögel</strong>n darstellen und als »Topografie«<br />

bezeichnet werden – die Lage von Teilen o<strong>der</strong><br />

Merkmalen an <strong>der</strong> Außenseite eines Organismus. In<br />

Büchern heben diese Illustrationen Merkmale hervor,<br />

die auf den folgenden Seiten näher betrachtet werden.<br />

Möwen (Laridae), eine notorisch schwer zu identifizierende<br />

Gruppe, besitzen oft verwirrend viele kleine<br />

Anzeichen und kaum erkennbare Farbunterschiede.<br />

Der amerikanische Künstler (geb. 1961) nimmt<br />

diese Struktur und überlagert sie mit künstlerischen<br />

Höhepunkten des späten 19. und frühen 20. Jahrhun<strong>der</strong>ts,<br />

so wie <strong>der</strong> Illustrator eines Naturführers auf<br />

Merkmale hinweisen würde, die zwei ähnliche Arten<br />

unterscheiden. <strong>Die</strong> Orientierungspunkte sind Surrealismus<br />

o<strong>der</strong> Dadaismus, den Avantgarden dieser Zeit,<br />

entnommen und geben an, wann diese auftraten.<br />

Von <strong>der</strong> ersten Aufführung des Stücks Ubu Roi von<br />

Alfred Jarry 1896 bis zu Joseph Cornells (siehe S. 273)<br />

Seifenblasensets <strong>der</strong> 1940er-Jahre werden 50 Jahre<br />

des Aufstiegs – und vielleicht auch Falls – des mo<strong>der</strong>nen<br />

Surrealismus abgedeckt. Durch ihre Platzierung<br />

auf dem Kopf und Hals einer Möwe (modelliert nach<br />

einer Silbermöwe, Larus argentatus) liefert Dion seinen<br />

eigenen surrealistischen Beitrag zum Thema.<br />

32


Harry Taylor für das Natural History Museum<br />

Wellensittich-Präparate, die Farbvariationen illustrieren, 2014<br />

Fotografie, verschiedene Größen<br />

Natural History Museum, London<br />

Wilde Wellensittiche (Melopsittacus undulatus) sind<br />

grün, da sie das gelbe Pigment Psittacofulvin und<br />

außerdem das »blaue« Pigment Melanin produzieren.<br />

<strong>Die</strong> Regel, dass Blau und Gelb Grün ergeben, gilt bei<br />

Tieren ebenso wie beim Mischen von Aquarellfarben.<br />

Gelegentlich verschwindet durch eine natürlich auftretende<br />

Mutation das eine o<strong>der</strong> an<strong>der</strong>e <strong>der</strong> Pigmente,<br />

sodass ein gelber o<strong>der</strong> blauer Vogel entsteht. Das<br />

kommt sowohl bei wilden als auch bei gefangenen<br />

Populationen vor. Doch erst als diese kleinen australischen<br />

Papageien Mitte des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts als<br />

Haustiere nach Europa gelangten, begannen Züchter<br />

diese spontanen Farbvarianten auszunutzen. Sie<br />

kreuzten <strong>Vögel</strong>, um alle Farben zu entfernen o<strong>der</strong> das<br />

Spektrum auszuweiten. Mutationen können z. B. eine<br />

Farbe durch eine an<strong>der</strong>e ersetzen o<strong>der</strong> eine Farbe<br />

abschwächen. Auch die Struktur <strong>der</strong> Fe<strong>der</strong>n beeinflusst<br />

die Farben, die wir wahrnehmen. Das »blaue«<br />

Melanin ist tatsächlich grau-schwarz und wirkt nur<br />

durch die beson<strong>der</strong>e Anordnung <strong>der</strong> Fe<strong>der</strong>häkchen<br />

blau. Eine an<strong>der</strong>e Mutation verstärkt diese optische<br />

Illusion; <strong>der</strong> Effekt lässt sich durch Paarung verdoppeln.<br />

Erfahrene Züchter sind selbst Künstler, und das<br />

scheinbar endlose Farbspektrum <strong>der</strong> Wellensittiche<br />

ist das Ergebnis einer meisterhaften Zuchtauswahl.<br />

<strong>Die</strong>ses Foto illustriert einen Artikel über die verschiedenen<br />

Farbvarietäten in einer Zeitschrift für Züchter<br />

und war später Teil <strong>der</strong> Ausstellung <strong>der</strong> Wellcome<br />

Collection, Making Nature (2016–17).<br />

33


Lorna Simpson<br />

Unanswerable [Unbeantwortbar] (The Bird, Detail), 2018<br />

Gefundene Fotografien und Collage auf Papier, 40 gerahmte Collagen, Größe <strong>der</strong> Installation variabel<br />

Privatsammlung<br />

<strong>Die</strong> Collagen <strong>der</strong> US-Künstlerin Lorna Simpson (geb.<br />

1960) sind Zeugnis eines Vorgehens, das ihre Arbeit<br />

von Anfang an prägte. Nachdem sie im Haus ihrer<br />

Großmutter eine ganze Sammlung alter Ausgaben<br />

<strong>der</strong> Zeitschriften Ebony und Jet aus den 1950er- bis<br />

1970er-Jahren gefunden hatte, begann sie, Fotografien<br />

aus Journalismus und Modewelt zu kombinieren,<br />

oft auch mit eigenen Zeichnungen. Damit betonte sie<br />

den mechanischen Aspekt <strong>der</strong> Popart und die manuelle<br />

Arbeit <strong>der</strong> Künstler. Beson<strong>der</strong>s erfolgreich war<br />

ihre Ausstellung Unanswerable von 2018 in <strong>der</strong> Londoner<br />

Galerie Hauser & Wirth. <strong>Die</strong> Serie aus 40 Collagen<br />

beweist die persönliche und kollektive Bedeutung<br />

ihres Quellmaterials und liefert einen Schnappschuss<br />

<strong>der</strong> Vergangenheit, während sie zugleich die Gegenwart<br />

anspricht. <strong>Die</strong> Protagonistinnen <strong>der</strong> einzelnen<br />

Kompositionen sind architektonischen Objekten,<br />

natürlichen Elementen o<strong>der</strong> Tieren gegenübergestellt,<br />

wie diesem eleganten Vogel, <strong>der</strong> seine Flügel in<br />

einem offenbar institutionellen Kontext ausstreckt;<br />

die Strenge des Augenblicks, verstärkt durch das<br />

Schwarzweiß des Bildes, scheint die lächelnde Frau<br />

nicht zu stören, die als wahre Gewinnerin aus dem<br />

fragmentarischen Hintergrund hervorgeht. Was sagt<br />

das über die Beziehung von Vogel und Frau? »Es gibt<br />

keine Antwort, nicht weil es unbeantwortbar wäre,<br />

son<strong>der</strong>n weil das Wesen <strong>der</strong> Frage es unmöglich<br />

macht, sie zu beantworten«, kommentierte Simpson<br />

die Wahl ihres Titels für diese Serie.<br />

34


Alfred Hitchcock<br />

Szenenfoto aus <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong>, 1963<br />

Film, verschiedene Größen<br />

Alfred J. Hitchcock Productions / Universal Pictures<br />

<strong>Die</strong> blonde Millionärstochter Melanie Daniels,<br />

gespielt von Tippi Hedren, und ihre Kin<strong>der</strong> fliehen,<br />

als bedrohliche schwarze Schatten über ihnen auftauchen.<br />

Das Meisterwerk <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> des britischen<br />

Regisseurs Alfred Hitchcock (1899–1980) gilt als einer<br />

<strong>der</strong> beunruhigendsten Horrorfilme aller Zeiten. Im<br />

Film beginnen <strong>Vögel</strong>, die Menschen anzugreifen. Ihr<br />

aggressives Verhalten eskaliert und bringt die Hauptfiguren<br />

dazu, in das nahegelegene San Francisco zu<br />

fliehen. Im Autoradio wird von neuen Vogelangriffen<br />

in Nachbarorten berichtet und angedeutet, dass das<br />

Militär eingreifen wird. <strong>Die</strong> Geschichte endet ohne<br />

Auflösung, möglicherweise wird so schnell nicht<br />

wie<strong>der</strong> Normalität einkehren. So absurd <strong>der</strong> Plot<br />

des Films zunächst scheinen mag – <strong>der</strong> koordinierte<br />

Angriff eines Vogelschwarms ist nicht so unwahrscheinlich.<br />

Möwen, Krähen, Stare, Gänse und viele<br />

an<strong>der</strong>e <strong>Vögel</strong> greifen an, wenn Menschen ihren<br />

Nestern versehentlich zu nahe kommen. Hitchcocks<br />

Aufstand <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> wurde jedoch eher als Symbol für<br />

die Angstmacherei und Nervosität des Kalten Krieges<br />

interpretiert, als Terror, <strong>der</strong> vom Himmel regnet, im<br />

Bewusstsein <strong>der</strong> Amerikaner eine konstante Bedrohung<br />

darstellte. An<strong>der</strong>e sahen den Film als eine Form<br />

des tierischen Gegenschlags: Zahltag für Menschen,<br />

die Vogelkolonien dezimiert und Nistplätze zerstört<br />

haben. Hitchcock gab mehr als 200.000 Dollar für<br />

mechanische <strong>Vögel</strong> aus, doch die meisten wirkten<br />

zu wenig authentisch, sodass er stattdessen echte,<br />

lebende <strong>Vögel</strong> einsetzen musste.<br />

35


Kerry James Marshall<br />

Schwarze und teils schwarze <strong>Vögel</strong> in Amerika (Stärling, Kardinal & Rosenbrust-Kernknacker), 2020<br />

Acrylfarbe auf PVC-Platte, 90 × 80 cm<br />

Privatsammlung<br />

Stärling (Quiscalus sp.), Rotkardinal (Cardinalis cardinalis)<br />

und Rosenbrust-Kernknacker (Pheucticus ludovicianus)<br />

fliegen in dem Bild des US-Künstlers Kerry<br />

James Marshall (geb. 1955) um ein weißes Vogelhaus<br />

herum. <strong>Die</strong> leuchtend-fröhlichen Farben kollidieren<br />

mit den Fragen zu Rasse und Identität, die das Bild<br />

aufwirft. Hinter <strong>der</strong> scheinbar harmlosen Darstellung<br />

liegt Marshalls Analyse <strong>der</strong> One-Drop-Regel, einer<br />

kontroversen Formel zur »rassischen Klassifizierung«,<br />

die im 19. Jahrhun<strong>der</strong>t in den USA aufgestellt wurde,<br />

wo Menschen mit nur einem einzigen Tropfen afrikanischen<br />

Blutes als Schwarze galten, ob sie nun so<br />

aussahen o<strong>der</strong> nicht. Marshall wendet die Absurdität<br />

dieses Systems auf die <strong>Welt</strong> <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> an, in <strong>der</strong> einige<br />

Arten eindeutig »schwarz« sind, die One-Drop-Regel<br />

aber auch bunte Arten wie Kardinäle als schwarz<br />

einstufen würde. Eine zusätzliche Spitze könnte die<br />

Anspielung auf John James Audubon (siehe S. 177)<br />

sein, den Künstler, <strong>der</strong> das ornithologische Meisterwerk<br />

The Birds of America (1838) geschaffen hat.<br />

Einige Historiker halten Audubon, den französischen<br />

Immigranten aus Haiti, für den Nachfahren eines<br />

Plantagenbesitzers und einer seiner Sklavinnen, auch<br />

wenn seine Familie seine Herkunft geheim hielt, als<br />

sie ihn 1803 nach Amerika schickte, um seine Einberufung<br />

in den Napoleonischen Kriegen zu umgehen.<br />

Marshalls 2020 erstmals ausgestelltes Bild artikuliert<br />

die Komplexität <strong>der</strong> Rassendebatten in einer beson<strong>der</strong>s<br />

angespannten Zeit in den USA und dem Rest<br />

<strong>der</strong> <strong>Welt</strong>.<br />

36


William Holman Hunt<br />

Das Fest von St. Swithun (Der Taubenschlag), 1865–66<br />

Öl auf Leinwand, 73 × 91 cm<br />

Ashmolean Museum of Art and Archaeology, Oxford<br />

<strong>Die</strong>ses melancholische und atmosphärische Gemälde<br />

von William Holman Hunt (1827–1910) ist eines<br />

<strong>der</strong> detailliertesten Werke des Künstlers, eines <strong>der</strong><br />

Grün<strong>der</strong> <strong>der</strong> Präraffaelitischen Bru<strong>der</strong>schaft. Hunts<br />

akribischer Stil war stark inspiriert von <strong>der</strong> frühen<br />

Renaissance-Malerei und <strong>der</strong> Daguerreotypie, dem<br />

frühen fotografischen Medium, das das viktorianische<br />

Großbritannien verzauberte. <strong>Die</strong> auf Metallplatten<br />

aufgebrachten Daguerreotypien hatten eine stark<br />

reflektierende Oberfläche, die jedes Detail festhielt,<br />

was die Präraffaeliten sehr bewun<strong>der</strong>ten. Hunts<br />

Wunsch nach äußerstem Realismus ging so weit,<br />

dass er sich einen Taubenschlag und Tauben borgte,<br />

um sie exakt nach Modell zu malen, statt anhand<br />

<strong>der</strong> Gemälde an<strong>der</strong>er Künstler o<strong>der</strong> Illustrationen<br />

aus Büchern, wie es damals üblich war. <strong>Die</strong> ältesten<br />

Taubenschläge o<strong>der</strong> Columbarien wurden in Ägypten<br />

und dem Iran gefunden, wo die Eier <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> eine<br />

wichtige Nahrung waren und ihr Kot als Dünger<br />

diente. Im mittelalterlichen Europa wurde <strong>der</strong> Taubenschlag<br />

zu einem aristokratischen Statussymbol.<br />

Wie die an<strong>der</strong>en Präraffaeliten war auch Hunt tiefgläubig,<br />

was die Wahl des Motivs erklären könnte, da<br />

Tauben seit jeher Symbole des Heiligen Geistes sind.<br />

Der Titel des Gemäldes verweist auf den Tag von St.<br />

Swithun, den 15. Juli. Laut dem englischen Volksglauben<br />

bestimmt das Wetter an diesem Tag, wie <strong>der</strong><br />

Rest des Sommers wird. Regnet es am St.-Swithuns-<br />

Tag, folgen 40 Tage Regen, ist es freundlich, gibt es<br />

40 Tage schönes Wetter.<br />

37


Cornelis Bloemaert II, nach Hendrik Bloemaert<br />

Eule mit Brille und Büchern, ca. 1625<br />

Kupferstich, 22,2 × 18,1 cm<br />

Rijksmuseum, Amsterdam<br />

<strong>Die</strong> Eule gilt heute als Symbol <strong>der</strong> Weisheit, aber<br />

das war nicht immer so. In diesem Kupferstich des<br />

nie<strong>der</strong>ländischen Malers und Graveurs Cornelis<br />

Bloemaert II (1603–92) aus dem 17. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

erscheint die Eule als Verfechterin <strong>der</strong> bewussten<br />

Ignoranz: »Welchen Sinn haben Kerzen o<strong>der</strong> Brillen,<br />

wenn du nicht sehen willst?«, fragt die Inschrift.<br />

<strong>Die</strong>ser Kupferstich einer sorgfältig dargestellten<br />

Schleiereule (Tyto alba) ist eine Art gesellschaftliche<br />

Satire und Warnung vor verwerflichen Eigenschaften.<br />

<strong>Die</strong> Eule hockt auf einem Buch, aus dem ein Papierschnipsel<br />

mit den Worten »T`is omt profyt« (»Es<br />

geschieht aus Gewinnsucht«) herausragt. <strong>Die</strong> Zehn<br />

Gebote, die aufgeschlagen neben ihr liegen, ignoriert<br />

sie. Zwei kann man lesen: »Du sollst nicht töten; du<br />

sollst nicht stehlen.« <strong>Die</strong> Todsünden Gier und Faul-­<br />

heit, so scheint es, können zu den abscheulichen<br />

Verbrechen Raub und sogar Mord führen. Das Motiv<br />

<strong>der</strong> bebrillten Eule, die sich nicht um ihr Umfeld<br />

kümmert, findet sich als Bild-im-Bild auch in an<strong>der</strong>en<br />

Kunstwerken, wo ihr fast schon verstohlenes Auftreten<br />

auf die Narrheit <strong>der</strong> Handlung im Vor<strong>der</strong>grund<br />

verweist – oft Gruppen Betrunkener, aber auch stillere<br />

Genredarstellungen des landwirtschaftlichen Lebens.<br />

In <strong>der</strong> Realität gelten Rabenvögel als die intelligentesten<br />

<strong>Vögel</strong>: Raben und Krähen, Elstern und Häher, die<br />

im Gegensatz zu den sehr einzelgängerischen Eulen<br />

ausgesprochen soziale Tiere sind.<br />

38


John Tenniel<br />

Alice und <strong>der</strong> Dodo, aus Alices Abenteuer im Wun<strong>der</strong>land von Lewis Carroll, 1890<br />

Chromolithografie, 17,7 × 12,7 cm<br />

Privatsammlung<br />

»Je<strong>der</strong> hat gewonnen und alle sollen Preise haben!«<br />

Eine löbliche Einstellung, wenn auch jemand die<br />

Preise dann liefern muss. In Lewis Carrolls Alices<br />

Abenteuer im Wun<strong>der</strong>land, 1865 erstmals erschienen,<br />

war Alice diese Jemand. <strong>Die</strong> frisch im Wun<strong>der</strong>land<br />

eingetroffene Alice, pitschnass und kaum größer als<br />

eine Maus, hatte gerade ausreichend Süßigkeiten in<br />

<strong>der</strong> Tasche für die atemlosen Kreaturen, die um sie<br />

herumstanden, nachdem sie das Caucus-Rennen –<br />

ein Rennen auf einem selbst gewählten Kurs – zum<br />

Trockenwerden gewonnen hatten. Beaufsichtigt<br />

wurde es vom Dodo (Raphus cucullatus), einer Verkörperung<br />

von Carroll selbst. Tatsächlich hieß er<br />

Charles Lutwidge Dodgson, ein Akademiker aus<br />

Oxford. <strong>Die</strong> Passage spielt auf eine Bootsfahrt an,<br />

auf <strong>der</strong> Dodgson <strong>der</strong> jungen Alice Liddell zum ersten<br />

Mal die Geschichte erzählte, die ihren Namen trägt.<br />

<strong>Die</strong> versammelten Tiere repräsentieren Freunde und<br />

Verwandte. Der Dodo, ein ausgestorbener, flugunfähiger<br />

Taubenvogel von <strong>der</strong> Insel Mauritius, hat eine<br />

beson<strong>der</strong>e Beziehung zu Oxford. Ein Teil eines Kopfes<br />

und ein Fuß im Oxford University Museum of Natural<br />

History sind die Reste des einzigen ausgestopften<br />

Exemplars, das im 17. Jahrhun<strong>der</strong>t dem Sammler<br />

und Antiquar John Tradescant gehörte. Im Museum<br />

hängt außerdem das Bild eines übermäßig plumpen<br />

Dodos von Jan Savery (1589–1654) – vielleicht das Vorbild<br />

für diese rundliche und freundliche Version von<br />

John Tenniel (1820–1914), dem Originalillustrator <strong>der</strong><br />

Alice-Bücher.<br />

39


Polly Morgan<br />

Einem jeden Samen seinen eigenen Leib, 2006<br />

Taxi<strong>der</strong>mie, Kronleuchter, Gebetbuch, Glas, Holz, Durchmesser 20 cm, H. 22 cm<br />

Privatsammlung<br />

Eine Blaumeise (Cyanistes caeruleus) liegt friedlich in<br />

einer Glaskuppel unter einem winzigen Kronleuchter<br />

auf einem kleinen Gebetbuch – fast wie ein Heiliger.<br />

<strong>Die</strong> Blaumeise gehört mit bis zu 44 Millionen Paaren<br />

in Europa und Nordafrika zu den häufigsten Besuchern<br />

in unseren Gärten. In <strong>der</strong> Interpretation <strong>der</strong><br />

Künstlerin wird dieser gewöhnliche Vogel zu einem<br />

mo<strong>der</strong>nen Memento mori, ganz im Sinne des biblischen<br />

Titels aus dem ersten Brief des Paulus an die<br />

Korinther, <strong>der</strong> den Tod des Leibes mit dem Samen <strong>der</strong><br />

Auferstehung gleichsetzt. Gezeigt wurde dieses Werk<br />

<strong>der</strong> Britin Polly Morgan (geb. 1980) 2011 bei <strong>der</strong> Ausstellung<br />

Dead Time in <strong>der</strong> Void Gallery in Derry, Nordirland.<br />

<strong>Die</strong> Englän<strong>der</strong>in Morgan studierte zunächst,<br />

machte dann aber eine Ausbildung zur Tierpräparatorin<br />

bei dem renommierten Taxi<strong>der</strong>misten George<br />

Jamieson in Edinburgh, bevor sie ihre eigene Werkstatt<br />

eröffnete. Schnell war sie bei Sammlern gefragt,<br />

darunter auch Banksy (siehe S. 66), <strong>der</strong> ihre frühen<br />

Stücke ergatterte und neue in Auftrag gab. Ihre Arbeiten<br />

wurden im White Cube, dem Horniman Museum<br />

und <strong>der</strong> Galerie Saatchi ausgestellt. Morgan ist zwar<br />

Mitglied <strong>der</strong> UK Guild of Taxi<strong>der</strong>mists, ihre Arbeiten<br />

aber sind Kunstwerke mit sorgfältig arrangierten<br />

Kulissen. Seit 2020 arbeitet sie fast ausschließlich mit<br />

Schlangen, mit denen sie die Oberflächlichkeit des<br />

mo<strong>der</strong>nen Lebens kommentiert: »Seit Jahren schäle<br />

ich die Häute von Tieren zurück, und die Taxi<strong>der</strong>mie<br />

scheint mir eine gute Metapher für den Gegensatz<br />

zwischen Tricksereien und <strong>der</strong> Wahrheit zu sein.«<br />

40


John Singer Sargent<br />

Studien eines toten Vogels, 1878<br />

Öl auf Leinwand, 50,8 × 38,1 cm<br />

Metropolitan Museum of Art, New York<br />

<strong>Die</strong>selbe Blaumeise (Cyanistes caeruleus) taucht<br />

zweimal in dieser Studie des amerikanischen Malers<br />

John Singer Sargent (1856–1925) auf, oben im Flug<br />

und darunter, als wäre sie gerade abgestürzt. <strong>Die</strong><br />

verrenkte Haltung verrät, dass <strong>der</strong> Vogel tot ist, doch<br />

statt ihn so zu malen – zusammengekauert, die Flügel<br />

an den Seiten herunterhängend –, entschied Sargent,<br />

ihn so aufzustellen, als wäre er am Leben. In <strong>der</strong><br />

einen Ansicht stützt er ihn mit zwei Stöckchen, in <strong>der</strong><br />

an<strong>der</strong>en wirkt er, als würde er sich nach einem Sturz<br />

wie<strong>der</strong> aufrappeln. Anstatt jedoch diesen Trick zu<br />

verschleiern, setzt er ihn bewusst in Szene. Der »fliegende«<br />

<strong>Vögel</strong> streckt seine Flügel unnatürlich steif<br />

aus, anstatt zu gleiten o<strong>der</strong> zu flattern. Der untere<br />

Vogel ist noch tragischer – er sackt nach rechts, seine<br />

Flügel- und Schwanzfe<strong>der</strong>n sind schlaff und leblos.<br />

Sargent war berühmt für seine Porträts von prominenten<br />

Personen von edwardianischer Pracht sowie<br />

für seine vielen Gemälde von seinen zahlreichen<br />

Reisen um die <strong>Welt</strong>. <strong>Die</strong>se Studien sind für ihn ein<br />

wenig untypisch. Sargent bemerkte allerdings einmal,<br />

dass er beim Malen eines Porträts immer »nach dem<br />

Tier im Porträtierten suche«. Vielleicht sollten wir<br />

deshalb diese <strong>Vögel</strong> als Charakterstudien betrachten.<br />

Anstatt sie als realistische <strong>Vögel</strong> in ihren natürlichen<br />

Lebensräumen darzustellen, malte <strong>der</strong> Künstler sie<br />

als Personen, die für ein Porträt posieren.<br />

41


Gary Heery<br />

Ara-Flügel, 2010<br />

Archiv-Pigmentdruck, 150 × 115 cm<br />

Privatsammlung<br />

<strong>Die</strong>ses Porträt eines Grünflügelaras (Ara chloropterus),<br />

<strong>der</strong> von hinten statt von vorn gezeigt wird, wi<strong>der</strong>spricht<br />

den Konventionen <strong>der</strong> Naturkunde ebenso wie<br />

den ungeschriebenen Regeln <strong>der</strong> Porträtfotografie,<br />

indem es den Kopf des Tieres einfach weglässt. <strong>Die</strong><br />

kühne, an einen Gekreuzigten erinnernde Komposition<br />

wirkt mysteriös, betont aber zugleich die Schönheit<br />

<strong>der</strong> Flügel und Fe<strong>der</strong>n und vermittelt etwas von<br />

<strong>der</strong> Persönlichkeit des Vogels. Nur wenige <strong>Vögel</strong> können<br />

in Eleganz und Farbe mit dem Ara, <strong>der</strong> größten<br />

Papageienart, mithalten. Seit dem frühen 16. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

wurden die aus Süd- und Mittelamerika<br />

stammenden Aras nach Europa eingeführt. Es sind<br />

äußerst neugierige <strong>Vögel</strong> mit einem guten Gedächtnis.<br />

Man schätzte sie beson<strong>der</strong>s für ihre Fähigkeit, Töne<br />

und menschliche Wörter zu imitieren. Ihre Persönlichkeit<br />

machte sie zu beliebten Haustieren – und zu<br />

anspruchsvollen Fotomotiven. Bevor er <strong>Vögel</strong> auf<br />

kreative und originelle Weisen verewigte, schulte <strong>der</strong><br />

international anerkannte australische Fotograf Gary<br />

Heery seine Fähigkeiten jahrelang an Prominenten<br />

wie Cate Blanchett, Nicole Kidman und Madonna.<br />

Nach 35 Jahren im Showgeschäft fühlte er sich endlich<br />

reif für die <strong>Vögel</strong> – einige <strong>der</strong> rätselhaftesten Motive<br />

<strong>der</strong> Tierwelt. Für diese rastlosen Vertreter, <strong>der</strong>en Charakter<br />

sich in ihrem ganzen Körper ausdrückt, baute<br />

er ein durchsichtiges Zelt, in dem sie sich sicher fühlten<br />

und herumfliegen konnten. »Ich behandelte sie,<br />

nicht an<strong>der</strong>s als bei an<strong>der</strong>en Porträtaufnahmen, als<br />

eine Art von kontrollierter Spontaneität«, sagt Heery.<br />

42


Edward Lear<br />

Macrocercus aracanga. Red and Yellow Macaw,<br />

aus Illustrations of the Family Psittacidae or Parrots, 1832<br />

Handkolorierte Lithografie, 54 × 37 cm<br />

Edward Lear (1812–88) ist vermutlich am bekanntesten<br />

für seine wun<strong>der</strong>bar illustrierten Nonsensgedichte<br />

(darunter The Owl and the Pussycat und The Jumblies)<br />

für Kin<strong>der</strong> – für sie empfand <strong>der</strong> unglaublich schüchterne<br />

und zierliche Mann eine Affinität, wenn er<br />

auch von Beruf Wissenschaftsillustrator war. Er schuf<br />

viele bemerkenswerte und schöne Arbeiten für John<br />

Goulds (siehe S. 106) gewichtige Bücher zur Ornithologie<br />

sowie Tierporträts in Lord Stanleys Menagerie<br />

in Knowsley Hall nahe Liverpool. Sein größtes Verdienst<br />

gebührt ihm jedoch für seine eigene Publikation<br />

Illustrations of the Family Psittacidae or Parrots,<br />

vor allem für seine Meisterschaft in <strong>der</strong> Lithografie,<br />

einer damals neuen Drucktechnik. Lear war erst 18,<br />

als er plante, eine Monografie herzustellen, die sich<br />

nur einer einzigen Vogelfamilie widmet, und machte<br />

sich mit erstaunlicher Reife und Zielstrebigkeit an<br />

die Arbeit. Er arbeitete direkt mit den lebenden,<br />

kreischenden Exemplaren aus dem Papageienhaus<br />

des Londoner Zoos, und entsprechend strotzen seine<br />

<strong>Vögel</strong> vor Leben und Charakter: <strong>Die</strong>ser Scharlachara<br />

(Ara macao, damals als Hellroter Ara bezeichnet) ist<br />

vermutlich das bekannteste aller Papageienbil<strong>der</strong>.<br />

Wärter hielten die Papageien, während Lear sie studierte:<br />

eine Übung, die vermutlich viele schmerzhafte<br />

Bisse zur Folge hatte. Es überrascht nicht, dass Lears<br />

Aktivitäten oft die Aufmerksamkeit <strong>der</strong> Zoobesucher<br />

auf sich zogen. Um seine Verlegenheit zu verbergen,<br />

unterhielt er sie, indem er blitzschnelle – nicht immer<br />

schmeichelhafte – Karikaturen zeichnete.<br />

43


Unbekannt<br />

Frühlingsfresko, ca. 1650–1550 v. Chr.<br />

Fresko, Gesamtmaß: 2,50 × 2,60 m<br />

Archäologisches Nationalmuseum, Athen<br />

Rauchschwalben (Hirundo rustica), die Boten des<br />

Frühlings in <strong>der</strong> Ägäis, gemalt vor etwa 3.500 Jahren<br />

von einem unbekannten Künstler in einem Haus<br />

in Akrotiri auf <strong>der</strong> griechischen Insel Santorini,<br />

schießen in einer farbenfrohen Landschaft voller<br />

Licht und Wärme um Lilien herum. <strong>Die</strong>ses Gemälde<br />

ist aber nicht nur ein einfaches Bild einer Jahreszeit,<br />

son<strong>der</strong>n ein Mysterium. Fast alle Fresken in <strong>der</strong><br />

bronzezeitlichen Stadt wurden in einem Raum des<br />

Obergeschosses gemalt. <strong>Die</strong>se kleine Kammer jedoch<br />

lag im Erdgeschoss, versteckt zwischen größeren Räumen.<br />

Wissenschaftler vermuten daher, dass Raum<br />

und Fresko kultischen Zwecken dienten. Als Akrotiri<br />

beim Ausbruch des Vulkans von Santorini zerstört<br />

wurde, nutzte man ihn jedoch als Lagerraum für ein<br />

Bett und Haushaltsgegenstände. <strong>Vögel</strong> galten in <strong>der</strong><br />

ägäischen Kunst <strong>der</strong> Bronzezeit als religiöse Symbole,<br />

die manchmal für eine Gottheit standen. <strong>Die</strong>se Szene<br />

ist als Frühlingsfest interpretiert worden, bei dem<br />

eine Naturgöttin geehrt wurde und die Schwalben<br />

in einem ritualisierten »Brautwerbe«-Muster fliegen.<br />

Eine an<strong>der</strong>e Theorie vermutet elterliches Verhalten<br />

bei den <strong>Vögel</strong>n: bei jedem Paar füttert ein Erwachsener<br />

ein Küken. Eine dritte Interpretation sieht darin<br />

einen »Fe<strong>der</strong>kampf«, ein typisches Verhalten in Frühling<br />

und Frühsommer, wenn Schwalben um Fe<strong>der</strong>n<br />

zum Auskleiden <strong>der</strong> Nester streiten. <strong>Die</strong> jüngste Theorie<br />

sieht keine Notwendigkeit, zwischen diesen Ideen<br />

zu wählen – die <strong>Vögel</strong>, Blumen und Felsen stellen<br />

gemeinsam den Kreislauf des Lebens dar.<br />

44


Vincent van Gogh<br />

Skizze: Vier Segler mit Landschaft, 1887<br />

Bleistift, Fe<strong>der</strong> und Tinte und Kreide, 26,9 × 35,2 cm<br />

Van Gogh Museum, Amsterdam<br />

Vier Segler (Apodidae) schnellen mühelos über den<br />

Himmel, und <strong>der</strong> Stil des Malers verleiht ihnen ein<br />

Gefühl von Eile und Tempo. Der nie<strong>der</strong>ländische<br />

Künstler Vincent van Gogh (1853–90) zeichnet die<br />

<strong>Vögel</strong> von oben und setzt damit den Betrachter noch<br />

höher. Von dort begleiten wir sie bei ihrem luftigen<br />

Tanz, wenn sie über die skizzierte Landschaft aus<br />

Fel<strong>der</strong>n und Bäumen wirbeln und gleiten. Bei näherer<br />

Betrachtung zeigt sich, dass diese <strong>Vögel</strong> anatomisch<br />

gesehen kaum entwickelt sind. Ihre Flügel wirken abgetrennt<br />

und nicht symmetrisch. Dennoch erwacht die<br />

Zeichnung durch die Striche, mit denen van Gogh die<br />

Fe<strong>der</strong>n darstellt, zum Leben. Mithilfe einer lockeren<br />

Kreuzschraffur erzeugt er effizient eine wun<strong>der</strong>bare<br />

Patina, die sowohl dynamische Bewegung als auch<br />

Textur vermittelt. Er hat diese skizzierte Haltung dreimal<br />

wie<strong>der</strong>holt, als hätte er für den Augenblick geübt,<br />

in dem er sie in einem Gemälde darstellt – doch soweit<br />

wir wissen, sind diese Segler niemals in einem <strong>der</strong><br />

fertigen Werke van Goghs gelandet. Tatsächlich malte<br />

er nur wenige <strong>Vögel</strong>, abgesehen von denen in einem<br />

seiner berühmtesten und vermutlich letzten Gemälde:<br />

Kornfeld mit Krähen (1890). In dieser Fe<strong>der</strong>zeichnung,<br />

die drei Jahre, bevor van Gogh sich in eben<br />

diesem Kornfeld erschoss, entstand, könnte man die<br />

krähenartige, tödliche Blässe <strong>der</strong> Segler – die eigentlich<br />

ein Zeichen des Sommers sind – als symbolische<br />

Vorahnung seines drohenden Todes deuten.<br />

45


Andrew Wyeth<br />

Soaring, 1942–50<br />

Tempera auf Holzfaserplatte, 121,9 × 221 cm<br />

Shelburne Museum, Shelburne, Vermont<br />

In dieser bemerkenswerten Vogelperspektive fühlt<br />

sich <strong>der</strong> Beobachter wie im Himmel, wenn er mit den<br />

kreisenden <strong>Vögel</strong>n auf die leeren Fel<strong>der</strong> und das einsame<br />

Haus in <strong>der</strong> Ferne, auf die sanften Hügel und<br />

den Horizont dahinter herunterblickt. <strong>Die</strong> gedämpften<br />

Farben verleihen dem Bild etwas Unheilvolles.<br />

Bei den <strong>Vögel</strong>n handelt es sich um Truthahngeier<br />

(Cathartes aura), eine Art, die in ganz Amerika vorkommt,<br />

vom südlichen Kanada bis Südamerika. <strong>Die</strong>se<br />

Aasfresser verlassen sich auf ihren scharfen Blick und<br />

ihren hoch entwickelten Geruchssinn, um aus großer<br />

Höhe, wo sie auf Luftströmungen gleiten, Futterquellen<br />

zu suchen. Soaring, 1942 begonnen, wurde<br />

erst 1950 fertiggestellt und ist das größte Gemälde des<br />

amerikanischen Realisten Andrew Wyeth (1917–2009).<br />

Wyeth, in Chadds Ford, Pennsylvania, geboren, fand<br />

seine Inspiration vor allem auf dem Land und bei den<br />

Menschen in seiner Heimatstadt sowie an seinem<br />

Sommersitz in Cushing, Maine. In seiner Jugend<br />

wurde er von seinem Vater Newell Convers Wyeth<br />

(N. C. Wyeth), einem bekannten Illustrator, unterrichtet.<br />

Vater und Sohn fühlten sich <strong>der</strong> Natur verbunden<br />

und waren von den Schriften Henry David Thoreaus<br />

und den Gedichten Robert Frosts beeinflusst. Wyeths<br />

erste Einzelausstellung 1937 in <strong>der</strong> Macbeth Gallery<br />

in New York City war ein großer Erfolg und alle Ge-­<br />

mälde wurden verkauft. Wyeths Stil ist realistisch,<br />

zeigt aber auch abstrakte Eigenschaften, die ihm<br />

große emotionale Tiefe verleihen.<br />

46


Xavi Bou<br />

Ornitografie #2<br />

Fotografie, Größe variabel<br />

Ein plastischer organischer Streifen flattert durch<br />

das Bild. Das abstrakte Band aus Silber, Grau und<br />

Blau ist ganz offensichtlich aus einer dynamischen,<br />

biologischen Form gebildet, seine Identität jedoch ist<br />

unklar – es ähnelt zugleich den Wedeln eines wirbellosen<br />

Meerestiers und den flachen Rän<strong>der</strong>n einer<br />

kreiselnden Samenkapsel. Der Hintergrund zeigt<br />

eindeutig, dass es sich um eine luftige Darstellung<br />

handelt und wir die rhythmischen Bewegungen eines<br />

Vogels im Flug erleben, in ein einzelnes, oszillierendes<br />

Blatt aus Fe<strong>der</strong>n in die Länge gezogen. Der<br />

spanische Fotograf Xavi Bou (geb. 1979) begann seine<br />

Serie aus »Ornitografien« 2012 und reiht sich damit in<br />

die lange Reihe von Fotografen ein, die einen Augenblick<br />

technisch einfrieren. Bous Arbeit ist jedoch eher<br />

eine Umkehr <strong>der</strong> Bewegungsfotografie von Pionieren<br />

wie Étienne Jules Marey (siehe S. 263) und Eadweard<br />

Muybridge. Anstatt die exakte Mechanik <strong>der</strong> Bewegung<br />

in einzelnen Momenten einzufangen, zeichnet<br />

Bou Videomaterial von <strong>Vögel</strong>n mit 30 bis 120 Frames<br />

pro Sekunde auf, zerlegt das Video dann in Frames<br />

und setzt diese dann zu einem Bild zusammen, das<br />

den Flug als eine poetische Erweiterung einer einzelnen<br />

Form durch Raum und Zeit darstellt. <strong>Die</strong> Identität<br />

des Vogels ist unklar, und Bou benennt ihn auch<br />

nicht. Indem er den Fokus von <strong>der</strong> exakten Biologie<br />

<strong>der</strong> Art abwendet, zwingt er unsere Aufmerksamkeit<br />

auf das Fließen <strong>der</strong> Bewegung und die Klarheit,<br />

mit <strong>der</strong> er das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen<br />

präsentiert.<br />

47


Charles Herbert Moore<br />

Pfauenfe<strong>der</strong>, ca. 1879–82<br />

Aquarell und Gouache auf cremefarbenem Velinpapier, 30,5 × 24,6 cm<br />

Harvard Art Museums, Cambridge, Massachusetts<br />

<strong>Die</strong>ses außerordentlich zarte Aquarell einer Pfauenfe<strong>der</strong><br />

ist das Werk des US-amerikanischen Akademikers<br />

und Künstlers Charles Herbert Moore (1840–1930).<br />

Der vor allem für seine ausladenden Bil<strong>der</strong> amerikanischer<br />

Landschaften bekannte Moore war ein<br />

begeisterter Anhänger <strong>der</strong> Lehren des britischen<br />

Kunstkritikers John Ruskin und des von ihm vertretenen<br />

Malstils, den die Präraffaeliten im 19. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

ausübten. Moore studierte bei Ruskin in<br />

Italien, als er dieses Werk schuf. Der einflussreiche<br />

Ruskin nährte in seinen Anhängern eine tiefe Wertschätzung<br />

für die Natur und mahnte sie, »mit aller<br />

Einmaligkeit des Herzens in die Natur zu gehen …<br />

nichts abzulehnen, nichts auszuwählen und nichts<br />

zu verschmähen«. Der vom indischen Subkontinent<br />

stammende Blaue Pfau (Pavo cristatus) ist berühmt für<br />

die spektakuläre Fe<strong>der</strong>schleppe des Männchens, die<br />

es zu einem gewaltigen Fächer aufstellen kann, um<br />

die Weibchen zu beeindrucken. Moore konzentriert<br />

sich hier auf die Spitze und das »Auge« dieser komplexen<br />

Fe<strong>der</strong>. Das Werk ist akribisch realistisch, was<br />

selbst in <strong>der</strong> naturkundlichen Illustration auffällt.<br />

Moores Fähigkeit, die Struktur <strong>der</strong> Fe<strong>der</strong> zusammen<br />

mit ihrer nuancierten Färbung exakt darzustellen, ist<br />

ein Zeugnis für seinen Glauben an die Kunst und die<br />

sorgfältige Beobachtung <strong>der</strong> Natur als eine adelnde<br />

Tätigkeit. <strong>Die</strong>se Überzeugung brachte ihm die Anstellung<br />

als erster Kunstprofessor an <strong>der</strong> Harvard University<br />

ein, in dessen Museumssammlung das Bild heute<br />

zu finden ist.<br />

48


Melchior d’Hondecoeter<br />

Pfauen, 1683<br />

Öl auf Leinwand, 190,2 × 134,6 cm<br />

Metropolitan Museum of Art, New York<br />

Auf <strong>der</strong> rechten Seite des Bildes faucht eine Pfauenhenne<br />

(Pavo cristatus) einen Affen an. <strong>Die</strong>ser wird<br />

wie<strong>der</strong>um von einem Eichhörnchen von <strong>der</strong> reifen<br />

Frucht abgelenkt, die er gerade fressen wollte. Gleichzeitig<br />

scheint <strong>der</strong> genervte Pfau die Schwalbe in <strong>der</strong><br />

Luft zu schelten. <strong>Die</strong> Pracht des männlichen Vogels<br />

wird durch die Sonnenblumen betont. Normalerweise<br />

wenden sie sich zur Sonne, hier jedoch neigen<br />

sie sich dem majestätischen Pfau zu. Pfauen sind<br />

traditionell Symbole des Stolzes und <strong>der</strong> Eitelkeit. <strong>Die</strong><br />

realen <strong>Vögel</strong> haben laute, gellende Rufe und mäßig<br />

schmackhaftes Fleisch. Kompensiert wird dies bei<br />

den Männchen durch die bunten Fe<strong>der</strong>n und die herrliche<br />

Schleppe. In <strong>der</strong> griechischen Mythologie war<br />

<strong>der</strong> Pfau das Lieblingstier <strong>der</strong> Göttin Hera. Nachdem<br />

Hermes im Auftrag des Zeus den hun<strong>der</strong>täugigen<br />

Riesen Argos getötet hatte, versetzte Hera die Augen<br />

des wachsamen Riesen an den Schwanz des Pfaus.<br />

Melchior d’Hondecoeter (1636–95) war im 17. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

<strong>der</strong> berühmteste Vogelmaler <strong>der</strong> Nie<strong>der</strong>lande. Er<br />

belieferte eine internationale Klientel mit Szenen wie<br />

diesem Gemälde einer Palastmenagerie, die neben<br />

den Pfauen einen Saruskranich (Antigone antigone),<br />

ein Eichhörnchen, einen Affen, ein wildes Truthuhn<br />

(Meleagris gallopavo) und eine vorbeifliegende<br />

Schwalbe zeigt. Kranich und Truthuhn waren Exoten<br />

und zeugen vom kulturellen Status ihrer Besitzer.<br />

D’Hondecoeter war ein Meister feiner Details – seine<br />

Motive sind voller Leben und Interaktionen.<br />

49


Peter Paul Rubens<br />

Ganymed, 1611–12<br />

Öl auf Leinwand, 204 × 206 cm<br />

Musée des Beaux-Arts de Bordeaux<br />

<strong>Die</strong>ses Gemälde des berühmten flämischen Malers<br />

Peter Paul Rubens (1577–1640) stellt einen Mythos<br />

dar, von dem Homer, Vergil und Ovid in leicht abweichenden<br />

Versionen berichten. Ganymed, <strong>der</strong> Sohn<br />

des trojanischen Königs Tros, war berühmt für seine<br />

Schönheit und arbeitete als Hirte, als Jupiter – <strong>der</strong><br />

römische Gott des Himmels und König aller Götter –<br />

sich in ihn verliebte. Jupiter verwandelte sich in einen<br />

großen Adler, um Ganymed zu ergreifen. Er trug ihn<br />

auf den Olymp und machte ihn zu seinem Mundschenk,<br />

eine Rolle, die er von Hebe übernahm, <strong>der</strong><br />

Tochter <strong>der</strong> Juno und Göttin <strong>der</strong> Jugend. Es gibt etwa<br />

60 Arten großer Raubvögel, die als Adler bezeichnet<br />

werden und zur Familie <strong>der</strong> Accipitridae gehören.<br />

<strong>Die</strong> meisten davon leben in Eurasien und Afrika.<br />

<strong>Die</strong> Augen von Adlern haben eine hochempfindliche<br />

Retina, die es ihnen erlaubt, Beute aus großer Entfernung<br />

zu erspähen. Sie sind die Spitzenraubtiere<br />

<strong>der</strong> Vogelwelt und ernähren sich vorwiegend von<br />

Säugetieren, obwohl einige Arten auch Fische, <strong>Vögel</strong><br />

und Reptilien fressen. In diesem Gemälde nimmt<br />

Jupiter offenbar die Form eines Steinadlers an (Aquila<br />

chrysaetos), einer Art <strong>der</strong> nördlichen Hemisphäre<br />

mit dunkelbraunen Fe<strong>der</strong>n, goldenem Gefie<strong>der</strong> im<br />

Nacken und gelben Füßen. Rubens gab Tieren oft<br />

eine zentrale Rolle in seinen Historiengemälden und<br />

stellte eine ganze Reihe exotischer Kreaturen dar,<br />

darunter Löwen, Tiger, ein Krokodil und ein Nilpferd.<br />

50


Dem Pistoxenos-Maler zugeschrieben<br />

Weißgrundige Schale, ca. 460 v. Chr.<br />

Bemalte Keramik, Durchmesser 24,1 cm; H. 10,75 cm<br />

British Museum, London<br />

Aphrodite, die griechische Göttin <strong>der</strong> Schönheit,<br />

reitet am Boden dieser Trinkschale eigenartigerweise<br />

auf einer Gans statt auf ihrem normalen Schwan. In<br />

einer Hand hält sie eine Ranke. Weißgrundige Vasen<br />

mit farbig gemalten Szenen sollten vermutlich den<br />

Stil <strong>der</strong> Tafelbil<strong>der</strong> imitieren, die einst im antiken<br />

Griechenland beliebt waren, nun aber verloren sind.<br />

<strong>Die</strong> Details sind in einer blass-bronzenen Lasur<br />

ausgeführt, während <strong>der</strong> Mantel <strong>der</strong> Göttin und <strong>der</strong><br />

Saum ihrer Tunika purpurrot sind. <strong>Die</strong> Vorzeichnung<br />

des Malers ist unter den späteren Verän<strong>der</strong>ungen<br />

an <strong>der</strong> Pflanze und den Fe<strong>der</strong>n des Gänseflügels<br />

noch sichtbar. Das Bild könnte eine Graugans (Anser<br />

anser) darstellen, die Vorfahrin vieler Hausgansarten,<br />

die vor mehr als 3.000 Jahren domestiziert wurde.<br />

Man schätzte im alten Griechenland ihre Wachsamkeit<br />

und ihre Genügsamkeit – ihr reichten Gras und<br />

an<strong>der</strong>e Pflanzen – und hielt die <strong>Vögel</strong> für ihr Fleisch<br />

und ihre Eier, manchmal aber auch als Schoßtiere.<br />

Gezüchtet wegen beson<strong>der</strong>er Merkmale wie Gelassenheit<br />

o<strong>der</strong> luxuriöse Fe<strong>der</strong>n, brachte man sie außerdem<br />

mit Gottheiten und Heroinen in Verbindung: Sie war<br />

nicht nur <strong>der</strong> Aphrodite, son<strong>der</strong>n auch den griechischen<br />

Göttinnen Artemis, Athene, Kore/Persephone,<br />

Hekate und Nemesis sowie den römischen Göttern<br />

Juno und Priapus heilig. In Homers Odyssee sagte die<br />

treue Penelope, Frau des Odysseus: »Zwanzig Gänse<br />

hab’ ich in meinem Hause, die fressen Weizen mit<br />

Wasser gemischt; und ich freue mich, wenn ich sie<br />

anseh’.«<br />

51


52


Katsushika Hokusai<br />

Phönix, 1835<br />

Achtteiliger Wandschirm, Tusche, Farben, Blattgold und Goldstaub auf Papier, 35,8 × 233,2 cm<br />

Museum of Fine Arts, Boston, Massachusetts<br />

Auch wenn dieser große, dramatische Phönix in<br />

das ungewöhnlich lange und niedrige Format eines<br />

Wandschirms gepresst ist, scheint er aus dem ihn<br />

einschränkenden Rahmen auszubrechen. <strong>Die</strong> unzähligen<br />

Muster, aus denen dieser fantastische Vogel<br />

besteht, sind in vielen leuchtenden Farben gemalt, die<br />

vor dem goldenen Hintergrund eines Wandschirms<br />

glitzern, mit dem man einen japanischen, spärlich<br />

möblierten Raum geteilt haben dürfte. Wenn man auf<br />

dem Boden saß, hatten die Farben und die Unmittelbarkeit<br />

des Phönix eine erstaunliche Wirkung. Der<br />

berühmte japanische Künstler Katsushika Hokusai<br />

(1760–1849) war Meister unterschiedlicher medialer<br />

Darstellungen: Holzschnitt, Malerei, illustrierte<br />

Bücher und Brettspiele. Wie technisch versiert er war,<br />

zeigt seine Aufmerksamkeit für die verschiedenen<br />

Fe<strong>der</strong>n des großen Vogels, <strong>der</strong> in Ostasien ein Symbol<br />

<strong>der</strong> Kaiserin und des Friedens ist. Seine besten<br />

Werke entstanden in seinen späteren Jahren – diesen<br />

Wandschirm schuf er mit 75 Jahren. Hokusai malte<br />

diesen Phönix zwar ohne Hintergrund auf eine relativ<br />

flache und grafische Art, wie es in <strong>der</strong> traditionellen<br />

japanischen Malerei üblich war, er konnte ihm aber<br />

dennoch ein gewisses Maß an Dreidimensionalität<br />

verleihen. <strong>Die</strong>se Technik hatte er anhand europäischer<br />

Drucke erlernt, die kurz zuvor nach Japan<br />

importiert worden waren. Umgekehrt beeinflussten<br />

Hokusais kühne Holzschnitte beson<strong>der</strong>s die europäischen<br />

Impressionisten.<br />

53


Henry W. Elliott und Robert Ridgway<br />

Bildtafel XXIX, aus A History of North American Birds, Volume II von Spencer Fullerton Baird, Thomas Mayo Brewer und Robert Ridgway, 1875<br />

Handkolorierter Stich, 28 × 18,2 cm<br />

American Museum of Natural History, New York<br />

<strong>Die</strong>se farbenfrohe Bildtafel mit den Köpfen nordamerikanischer<br />

samenfressen<strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> stammt aus<br />

einem <strong>der</strong> frühesten Werke über die Vogelwelt dieser<br />

Gegend. Sie zeigt eine Auswahl von Ammern und<br />

verwandten Mitglie<strong>der</strong>n <strong>der</strong> Familie <strong>der</strong> Kardinäle<br />

(Cardinalidae) <strong>der</strong> Neuen <strong>Welt</strong>. Merkmale wie Schnabelgröße<br />

und Form, Muster und Farbe des Gefie<strong>der</strong>s<br />

sind gut erkennbar, die wissenschaftlichen Namen<br />

stehen in <strong>der</strong> Legende. Sie haben sich inzwischen<br />

geän<strong>der</strong>t, aber die Identifizierung ist trotzdem möglich.<br />

Abgebildet sind Männchen und Weibchen <strong>der</strong><br />

Prärieammer (Calamospiza melanocorys, 2 und 3), des<br />

Azurfinks (Passerina caerulea, 4 und 5), des Lazulifinks<br />

(P. amoena, 11 und 12) und des Indigofinks<br />

(P. cyanea, 13 und 14). A History of North American<br />

Birds wurde erstmals 1874 in drei Bänden veröffentlicht<br />

und enthält 64 Bildtafeln und 593 Holzschnitte.<br />

<strong>Die</strong> Künstler Henry W. Elliott (1846–1930) und <strong>der</strong><br />

Ornithologe Robert Ridgway (1850–1929) erstellten<br />

die meisten <strong>der</strong> Bildtafeln. Spencer Fullerton Baird<br />

(1823–1887), <strong>der</strong> zuerst genannte Autor, war Berater an<br />

<strong>der</strong> Smithsonian Institution in Washington DC, wo<br />

er beim Aufbau des National Museum half, dessen<br />

Kurator er 1850 wurde. Der bedeutende Zoologe<br />

betrieb Feldforschung und traf und korrespondierte<br />

mit vielen an<strong>der</strong>en Naturforschern, darunter auch<br />

John James Audubon (siehe S. 177). Er leitete ein<br />

Netzwerk an Sammlern und trug viele Exponate zur<br />

Ausstellung und Erforschung in dem neuen Museum<br />

zusammen.<br />

54


Duke Riley<br />

The Filmmakers, 2013<br />

Aufgearbeitete Blechschindeln von Key West, Gouache, verschiedene Größen, jede Schindel etwa 35,5 × 23,5 cm<br />

Pizzuti Collection, Columbus, Ohio<br />

<strong>Die</strong>se 25 auf Blechschindeln gemalten Porträts stellen<br />

Brieftauben (Columba livia) dar, die an einer Mission<br />

zum Schmuggeln von Zigarren von Kuba in die USA<br />

beteiligt waren. Inspiriert von <strong>der</strong> langen Historie<br />

des Schmuggels zwischen den beiden Län<strong>der</strong>n, verbrachte<br />

<strong>der</strong> in Brooklyn lebende Künstler Duke Riley<br />

(geb. 1972) im Rahmen seines Projekts Trading with<br />

the Enemy acht Monate damit, 50 Tauben darauf<br />

zu trainieren, zwischen Havanna und Key West in<br />

Florida hin und her zu fliegen. <strong>Die</strong> Hälfte <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong><br />

transportierte das Schmuggelgut, während die hier<br />

gezeigten <strong>Vögel</strong> die gefährliche Reise mit leichten<br />

Videokameras dokumentierten, die an ihre Körper<br />

geschnallt waren. <strong>Die</strong> erste Gruppe war nach berüchtigten<br />

Schmugglern benannt, wie Pierre Lafitte und<br />

Pablo Escobar, während die Kameravögel Namen<br />

von Filmemachern trugen, die mit dem Gesetz in<br />

Konflikt gekommen waren, wie Roman Polanski und<br />

Mel Gibson. Nicht alle <strong>Vögel</strong> nahmen an dem Flug<br />

über die Floridastraße teil und von den 50 <strong>Vögel</strong>n<br />

konnten nur 11 die Reise erfolgreich abschließen. Wie<br />

auf einer Gedenktafel wird das vorgebliche Schicksal<br />

<strong>der</strong> einzelnen <strong>Vögel</strong> unter dem Porträt beschrieben.<br />

Wir lesen, dass Jafar Panahi auf See verloren ging<br />

und Dennis Hopper von einem Habicht getötet<br />

wurde. Rileys Beziehung zu Tauben begann in seiner<br />

Kindheit, als er einen verletzten Vogel gesundgepflegt<br />

hatte. Er besitzt heute Hun<strong>der</strong>te von Tauben, die<br />

seine Zeichnungen, Drucke, Mosaike, Gemälde und<br />

Projekte im öffentlichen Raum inspirieren.<br />

55


Jochen Gerner<br />

Beagle Boy Bird, 2020<br />

Altes Notizbuchpapier und bunte Filzstifte, 16 × 12,5 cm<br />

Privatsammlung<br />

<strong>Die</strong>ser bunte Vogel steht auf einer gedruckten blauen<br />

Linie. <strong>Die</strong> Zeichnung des französischen Künstlers<br />

und Illustrators Jochen Gerner (geb. 1970) ist Teil<br />

seiner größeren Serie Oiseaux (<strong>Vögel</strong>) – einer Sammlung<br />

von 200 echten und erfundenen <strong>Vögel</strong>n. Gerner<br />

dokumentierte seine Zeichnungen in zehn Schulheften<br />

– passend für eine ornithologische Studie. <strong>Die</strong><br />

kleinen, alten Notizbücher haben unterschiedlich<br />

strukturierte Papiere und die aufgedruckten horizontalen<br />

Linien dienen als Stütze und Zeichenhilfe im<br />

Hintergrund für das Gefie<strong>der</strong>. In dieser Serie geht es<br />

ebenso sehr um die chromatischen Möglichkeiten wie<br />

um die <strong>Vögel</strong>: Durch den Einsatz von Filzstiften und<br />

die Beschränkung seiner Palette konnte Gerner die<br />

Grenzen von Mustern, Linien und Farben ausloten.<br />

Als Referenz nutzte er François-Nicolas Martinets<br />

Bildtafeln in Buffons Natural History of Birds sowie<br />

zeitgenössische Fotografien und die <strong>Vögel</strong> vor seinem<br />

Studiofenster. Er erfand außerdem neue Arten mit<br />

imaginären Formen, Mustern und Farbkombinationen.<br />

<strong>Die</strong>se Zeichnung bezieht sich auf The Beagle Boys<br />

(<strong>Die</strong> Panzerknacker), die Carl Barks 1951 für Walt<br />

Disney erfand. Form und Farben des Vogels beruhen<br />

auf den Gesichtern und <strong>der</strong> Kleidung dieser fiktiven<br />

<strong>Die</strong>besbande. Der im Profil – wie in einem assyrischen<br />

Relief – neben kleinen orangefarbenen Kullern<br />

(vielleicht Samen o<strong>der</strong> geklaute Münzen) dargestellte<br />

Vogel trägt Boots und sieht halb menschlich aus.<br />

»Keiner von ihnen fliegt«, sagt Gerner. »Das ist das<br />

Paradox dieser Serie.«<br />

56


Unbekannt<br />

Eine Hindunachtschwalbe (Caprimulgus asiaticus), ca. 1780<br />

Deckendes Aquarell auf Papier, 47,3 × 28,3 cm<br />

Metropolitan Museum of Art, New York<br />

<strong>Die</strong>se außergewöhnlich detaillierte Darstellung einer<br />

Hindunachtschwalbe (Caprimulgus asiaticus), bei <strong>der</strong><br />

jede Fe<strong>der</strong> einzeln vor <strong>der</strong> leeren Landschaft ausgeführt<br />

ist, war ein Souvenir, gemalt von einem unbekannten<br />

lokalen Künstler für einen französischen Soldaten<br />

in Lucknow in den Anfängen <strong>der</strong> europäischen<br />

Kolonisation in Indien. <strong>Die</strong> Hindunachtschwalbe ist<br />

ein dämmerungsaktiver Bodenbewohner in Süd- und<br />

Südostasien. Sein Gattungsname Caprimulgus bedeutet<br />

»Ziegenmelker«. Man glaubte, die <strong>Vögel</strong> saugten<br />

nachts bei den Ziegen Milch – vielleicht weil sie sich<br />

von den Insekten in <strong>der</strong>en Nähe ernährten. <strong>Die</strong><br />

Nachtschwalbe wurde wegen ihres Rufs im kolonialen<br />

Indien manchmal »Eisvogel« genannt. Er klang,<br />

als würde ein Stein über eine Eisfläche hüpfen. <strong>Die</strong>s<br />

ist ein Beispiel für Company Painting – eine Malweise<br />

<strong>der</strong> Britischen Ostindien-Kompanie, die über<br />

Jahrhun<strong>der</strong>te den europäischen Handel mit Indien<br />

dominierte. Sie kombiniert Elemente <strong>der</strong> traditionellen<br />

Malerei, wie Miniaturisierung, mit <strong>der</strong> westlichen<br />

Zentralperspektive und <strong>der</strong> räumlichen Farbgebung.<br />

<strong>Die</strong> Europäer wollten die interessanten Monumente<br />

und die unbekannte Flora und Fauna bildlich festhalten.<br />

Lokale Künstler übernahmen <strong>der</strong>en Technik,<br />

um Gemälde zu schaffen, die in Portfolios gesammelt<br />

wurden – dieses Beispiel gehört zu den 658 Gemälden,<br />

die <strong>der</strong> Major-General Claude Martin beauftragte.<br />

Company Painting blieb bis in die 1840er-Jahre populär,<br />

als sie von <strong>der</strong> Fotografie abgelöst wurde.<br />

57


Walter Crane<br />

Entwurf für Tapete, »Schwan, Binse und Iris«, 1875<br />

Gouache auf Papier, 53,1 × 53 cm<br />

Victoria & Albert Museum, London<br />

Zwei Schwäne – stilisiert, aber naturalistisch – blicken<br />

einan<strong>der</strong> unter Binsen und Lilien an. Das Design <strong>der</strong><br />

Tapete erinnert an eine klassische griechische Vase,<br />

stammt aber von Walter Crane (1845–1915), einem<br />

Mitglied <strong>der</strong> Arts-and-Crafts-Bewegung. <strong>Die</strong> Höckerschwäne<br />

(Cygnus olor) – Crane hat sie mit orangefarbenen<br />

Schnäbeln und den typischen schwarzen<br />

Schnabelwurzeln gemalt – sind im Profil abgebildet,<br />

ihre übertrieben gebogenen Hälse und aufgerichteten<br />

Fe<strong>der</strong>n in <strong>der</strong> Ellbogenregion <strong>der</strong> Flügel verleihen<br />

ihnen die formelle Symmetrie eines heraldischen<br />

Emblems. Traditionell gelten Schwäne als Symbole<br />

<strong>der</strong> ehelichen Liebe und Treue, da sie sich lebenslang<br />

verbinden. Cranes Vogelpaar könnte sich tatsächlich<br />

darauf beziehen. Er war beeinflusst von William<br />

Morris und begann Anfang <strong>der</strong> 1870er-Jahre mit dem<br />

Entwurf von Tapeten. <strong>Die</strong>ses Design wurde 1877<br />

durch den Londoner Tapetenhersteller Jeffrey & Co.<br />

herausgebracht, <strong>der</strong> auch für Morris arbeitete. Es<br />

ist typisch für Cranes figürliche Muster, die oft an<br />

seine illustrierten Kin<strong>der</strong>bücher erinnern und ihre<br />

Inspiration aus griechischen Mythen, Märchen und<br />

Kin<strong>der</strong>reimen beziehen. <strong>Vögel</strong> aller Art – von Pfauen<br />

bis Papageien – bevölkern Cranes üppig verzierte<br />

Tapeten, und seine gekonnten Zeichnungen wurden<br />

von seinen Zeitgenossen sehr bewun<strong>der</strong>t: <strong>Die</strong> Autoren<br />

des Standardwerks History of English Wallpaper, veröffentlicht<br />

1926, erklärten, dass »Cranes müheloser<br />

Umgang mit prachtvollen <strong>Vögel</strong>n … niemals übertroffen<br />

wurde«.<br />

58


Unbekannt<br />

Kin<strong>der</strong>jacke mit Enten in Perlenmedaillons, 8. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

Seide, 48 × 82,5 cm<br />

Cleveland Museum of Art, Ohio<br />

Um das Jahr 700 herum war diese seidene Jacke <strong>der</strong><br />

Gipfel des Luxus, gewebt für einen jungen Prinzen<br />

entwe<strong>der</strong> im Iran o<strong>der</strong> im benachbarten Sogdiana im<br />

heutigen Tadschikistan und Usbekistan. Abgebildet<br />

sind abwechselnd Lotosblüten und Enten, die in<br />

fünf leuchtenden Farben in Perlenrondelle gestickt<br />

sind. Der perlenbesetzte Kragen, die Bän<strong>der</strong> und die<br />

Halskette sind herrscherliche Symbole <strong>der</strong> Sassaniden,<br />

die Persien bzw. den Iran bis kurz vor <strong>der</strong> Zeit,<br />

in <strong>der</strong> diese Jacke entstand, regierten. <strong>Die</strong> Ente war<br />

ein wichtiges herrscherliches Symbol und seit Jahrhun<strong>der</strong>ten<br />

auf persischer Kleidung, Töpferwaren und<br />

Behältern vertreten. In einer trockenen Region, in<br />

<strong>der</strong> Wasser überlebenswichtig war, repräsentierte <strong>der</strong><br />

Vogel nicht nur den Reichtum <strong>der</strong> Natur – die Rohrdickichte<br />

Zentralasiens waren Heimat von Millionen<br />

wil<strong>der</strong> Enten –, son<strong>der</strong>n war auch das Symbol von<br />

Anahita, <strong>der</strong> Göttin <strong>der</strong> Fruchtbarkeit und des sauberen<br />

Wassers. Ein Motiv, das als rein naturalistische<br />

Darstellung eines wichtigen Vogels begann, wurde<br />

für die zentralasiatische Kultur charakteristisch<br />

und stand nicht nur für die Göttin, son<strong>der</strong>n auch<br />

für den Herrscher, bevor es rein dekorative Funktion<br />

bekam, nachdem seine symbolische Bedeutung<br />

gesunken war. <strong>Die</strong> Jacke ist mit Seidendamast aus<br />

China gefüttert, <strong>der</strong> entlang <strong>der</strong> geheimnisvollen<br />

Seidenstraße, <strong>der</strong> Handelsroute, die China mit dem<br />

Westen verband, ins Land kam. <strong>Die</strong> dazugehörenden<br />

Seidenhosen spiegeln den Einfluss <strong>der</strong> chinesischen<br />

Tang-Dynastie wi<strong>der</strong>.<br />

59


Unbekannt<br />

Aus heiterem Himmel: Hirse essen / Panikvogel, ca. 1866–68<br />

Holzschnitt, 35,8 × 52,9 cm<br />

Museum of Fine Arts, Boston, Massachusetts<br />

Ein so genannter Panikvogel versucht in diesem<br />

allegorischen Druck, <strong>der</strong> in Japan in einer Zeit des<br />

Aufruhrs entstand, sich an den letzten Resten des<br />

Überflusses zu laben und wertvolle Besitztümer in<br />

Sicherheit zu bringen. Der Vogel frisst Hirsekörner,<br />

die aus Münzen gemacht sind, aus denen auch sein<br />

Schnabel besteht. Rechnungsbücher bilden seine<br />

Flügel, sein Schwanz ist aus einem Wagenrad und<br />

Leitern zusammengesetzt, Kisten und Bündel mit<br />

Hab seligkeiten sind sein Körper und Schlüssel seine<br />

Beine. Der Titel ist ein Wortspiel mit dem japanischen<br />

Wort für »Hirse essen« – awakui –, das so ähnlich<br />

klingt wie das Wort für »Schaum essen« – awa o<br />

taberu –, was sich auf Panik o<strong>der</strong> auch »Schaum vor<br />

dem Mund haben« bezieht. Der imaginäre Panikvogel<br />

ähnelt dem mythologischen Raben Yatagarasu<br />

(wegen seiner Größe »Acht-Spannen-Krähe« genannt);<br />

das Tier, das nach Schlachten das Feld aufräumt,<br />

ist das Symbol für Wie<strong>der</strong>geburt o<strong>der</strong> Verjüngung.<br />

Sein Erscheinen deutet ein göttliches Eingreifen in<br />

menschliche Angelegenheiten an. Das Bild stammt<br />

aus einer unruhigen Zeit: 1868 wurden während <strong>der</strong><br />

Meiji-Restauration die Privilegien <strong>der</strong> feudalen Klassen<br />

abgeschafft. Nach 250 Jahren <strong>der</strong> Militärherrschaft<br />

unter dem Tokugawa-Shogunat wurde in Japan<br />

die Monarchie erneuert. Einem coup d’état junger<br />

Samurai, die sich gegen die feudale Herrschaft <strong>der</strong><br />

Shogune aufgelehnt hatten, folgte ein 18-monatiger<br />

Bürgerkrieg, bevor <strong>der</strong> letzte Shogun zurücktrat und<br />

Kaiser Meiji auf den Thron gelangte.<br />

60


A. Konby<br />

Innenansicht von Vaucansons Automatischer Ente, aus Scientific American, Vol. 80 No. 03 (Januar 1899)<br />

Stich<br />

<strong>Die</strong>se Schemazeichnung aus <strong>der</strong> Zeitschrift Scientific<br />

American von 1899 versucht, die Funktionsweise<br />

einer mechanischen Ente zu rekonstruieren, die <strong>der</strong><br />

große Aufklärer Voltaire einst wegen ihrer vorgeblichen<br />

Fähigkeit, Körner zu fressen, zu verdauen und<br />

als Kot auszuscheiden, als Erinnerung an die Größe<br />

Frankreichs bezeichnet hat. Als <strong>der</strong> Künstler und<br />

Erfin<strong>der</strong> Jacques de Vaucanson aus Grenoble sie 1739<br />

hergestellt hatte, wurde die Ente als ein Triumph<br />

gefeiert. Der Reiz des Neuen ließ jedoch schnell nach<br />

(auch für Vaucanson, <strong>der</strong> sie auf eine Tour durch das<br />

Land schickte, während er einen automatisierten<br />

Seidenwebstuhl erfand, <strong>der</strong> die Seidenweber gegen<br />

ihn aufbrachte). Der lebensgroße Vogel stand auf<br />

einem Sockel, in dem sich das Rä<strong>der</strong>werk befand, das<br />

nötig war, damit sie ihren Schnabel bewegen, Körner<br />

picken, quaken und ihre Position än<strong>der</strong>n konnte.<br />

Der Vogel endete in den Händen eines deutschen<br />

Sammlers und begann zu verschleißen, wurde jedoch<br />

für die Exposition Universelle in Paris 1844 noch<br />

einmal restauriert. Ein Magier untersuchte sie dort<br />

und enthüllte, dass die Fähigkeit <strong>der</strong> Ente, Kot zu<br />

produzieren, nicht das Ergebnis einer mechanischen<br />

Verdauung war, son<strong>der</strong>n das eines Geheimfaches, in<br />

dem Kot verstaut war, um ihn aus dem Körper <strong>der</strong><br />

Ente auszuscheiden. Das Ganze war eine Illusion –<br />

die Ente selbst wurde vermutlich beim Brand eines<br />

Museums in Polen 1879 zerstört, sodass es unwahrscheinlich<br />

ist, dass ihre Funktionsweise jemals vollständig<br />

verstanden wird.<br />

61


Johann Joachim Kändler<br />

Königsgeier, 1734<br />

Hartporzellan, mehrfarbige Glasuren, 58 × 43 cm<br />

Art Institute of Chicago, Illinois<br />

<strong>Die</strong>ser aus feinem Porzellan gefertigte majestätische<br />

Königsgeier (Sarcoramphus papa) hockt mit gebeugtem<br />

Kopf auf einem Baumstumpf. <strong>Die</strong> typischen weißen<br />

und schwarzen Fe<strong>der</strong>n des Aasfressers werden<br />

durch den Schnabel mit seiner leuchtendroten Spitze,<br />

den blauvioletten Kragen und einen orange-gelben<br />

Wulst über den Nasenlöchern ergänzt. Der in Mittelund<br />

Südamerika heimische Geier ernährt sich von<br />

Aas, dessen Fleisch er mit seinem kräftigen Schnabel<br />

zerreißt. <strong>Die</strong>se elegante, lebensgroße Skulptur stammt<br />

von dem deutschen Künstler Johann Joachim Kändler<br />

(1706–75) aus <strong>der</strong> berühmten Porzellanmanufaktur<br />

Meißen bei Dresden, dem ersten europäischen Hersteller,<br />

<strong>der</strong> entdeckte, wie man das luxuriöse Hartporzellan<br />

produzieren kann. Das feste und beständige<br />

Material wurde vorher nur in China und Japan<br />

erzeugt. August <strong>der</strong> Starke, Kurfürst von Sachsen und<br />

(als August II.) König von Polen hatte das Werk in<br />

Auftrag gegeben, um seine Herrschaft über das Tierreich<br />

zu demonstrieren, indem er sein Barockschloss<br />

mit einer fantastischen Menagerie aus Porzellan<br />

schmückte. Kändler war auf lebensechte Figuren von<br />

<strong>Vögel</strong>n und Säugetieren spezialisiert und hatte zum<br />

Zeitpunkt des Todes des Königs mehr als 70 verschiedene<br />

Modelle fertiggestellt: Tauben, Elstern, Spechte,<br />

Stelzen, Eisvögel, Rohrdommeln, Sperber und Häher.<br />

Als Vorbild für seinen Geier diente Kändler ein Vogel<br />

aus Augusts Vogelhaus in Dresden, sodass er seine<br />

Form exakt festhalten und in Porzellan nachempfinden<br />

konnte.<br />

62


Tim Flach<br />

Königsgeier-Porträt, 2019<br />

Fotografie, verschiedene Größen<br />

Der Königsgeier (Sarcoramphus papa) ist ungewöhnlich.<br />

Über seinem großen, scharfen Schnabel sitzt ein<br />

eigenartiger gelber Wulst, sein starrendes Auge ist<br />

von einem roten Ring umgeben, <strong>der</strong> dem Vogel etwas<br />

Dämonisches verleiht. In dieser Studie ragt <strong>der</strong> knallig<br />

gelbe, orange und rosa Hals aus einer Halskrause<br />

aus grau-seidigem Gefie<strong>der</strong> heraus. Darüber zieht sich<br />

seltsam gewachsene farbige Haut mit einer seilartigen<br />

Struktur, die den Kopf umgibt. Der Königsgeier ist<br />

in weiten Teilen Süd- und Mittelamerikas bis nach<br />

Mexiko zu finden. Wie an<strong>der</strong>e Geier gleitet er auf<br />

warmen Luftströmungen auf <strong>der</strong> Suche nach Aas,<br />

seiner Hauptnahrungsquelle. Tim Flach (geb. 1958)<br />

ist ein international anerkannter britischer Fotograf<br />

und hat sich auf Studien von Haus- und Wildtieren<br />

spezialisiert. Seine Ausstellung Endangered von 2017<br />

in <strong>der</strong> Londoner Osborne Samuel Gallery ist auch<br />

als Buch erschienen. Es vereint Porträts verschiedener<br />

gefährdeter Tiere und ihrer Lebensräume und<br />

enthält bemerkenswerte Bil<strong>der</strong>, etwa von Primaten,<br />

Groß katzen, Elefanten und vielen Vogelarten. Flach<br />

studierte Kommunikation und Design am North East<br />

London Polytechnic und Fotografie am Central Saint<br />

Martins College of Art and Design. Sein Werk ist<br />

vielfach ausgestellt worden, vor allem in Europa, den<br />

USA, China und Japan. Außerdem hat er mehrere<br />

Bücher veröffentlicht, darunter Equus (2008) und Dogs<br />

Gods (2010), die beide die Geschichte <strong>der</strong> Domestizierung<br />

zweier eng mit den Menschen verbundener<br />

Arten (Pferde und Hunde) illustrieren.<br />

63


64


Ceal Floyer<br />

Warning Birds, 2002<br />

Selbstklebende Vogelschutz-Aufkleber am Fenster<br />

Temporäre Installation, Kölnischer Kunstverein, Köln<br />

Dutzende von Vogelschutz-Aufklebern – die <strong>Vögel</strong><br />

davon abhalten sollen, gegen Glasflächen zu fliegen,<br />

die sie normalerweise nicht sehen können – sind an<br />

einem Galeriefenster so dicht nebeneinan<strong>der</strong> angebracht,<br />

dass sie den Blick nach draußen beträchtlich<br />

einschränken und auch das einfallende Licht behin<strong>der</strong>n.<br />

<strong>Die</strong> Grundfunktion des Fensters wird damit<br />

beschnitten, und die <strong>Vögel</strong> verwandeln sich aus passiven<br />

Akteuren in Protagonisten. Der eigentliche Zweck<br />

<strong>der</strong> Vogelsilhouetten wird abgelöst durch Gefühle<br />

von Klaustrophobie und Gefahr, die an den Horrorfilm<br />

<strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> von Alfred Hitchcock (siehe S. 35) aus<br />

dem Jahre 1963 erinnern. Gleichzeitig könnte diese<br />

subversive Aktion auch auf die Idee verweisen, dass<br />

die Menschheit sich einbildet, die Natur beherrschen<br />

zu können – die sich in Wirklichkeit niemals zähmen<br />

und bezwingen lässt. <strong>Die</strong> in Berlin lebende Britin<br />

Ceal Floyer (geb. 1968) hat eine Vorliebe dafür, die<br />

Wahrnehmung alltäglicher Objekte durch das Publikum<br />

zu verän<strong>der</strong>n, gleichzeitig aber <strong>der</strong>en Eigenschaften<br />

und Dimensionen zu respektieren. Floyer<br />

präsentierte Warning Birds 2002 in <strong>der</strong> Lisson Gallery<br />

in London, wo die <strong>Vögel</strong> das Fenster im Obergeschoss<br />

bevölkerten. Das Werk wurde mit <strong>der</strong> Zeit immer<br />

größer und umfangreicher, sodass es 2005 in <strong>der</strong><br />

Fondazione Stelline in Mailand den ganzen Hof des<br />

früheren Klosters einnahm und 2013 am Kölnischen<br />

Kunstverein die einzige Quelle natürlichen Lichts im<br />

Gebäude verdeckte.<br />

65


Banksy<br />

Ohne Titel, 2014<br />

Graffiti<br />

Clacton-on-Sea, Großbritannien<br />

Eine Gruppe Stadttauben hält einem einsamen<br />

exotischen Vogel feindselige Slogans entgegen. Seine<br />

Form erinnert an eine Schwalbe, seine grüne Farbe<br />

kennzeichnet den Fremdling aber vermutlich als<br />

Halsbandsittich (Psittacula krameria), eine in Afrika<br />

und Südasien heimische Art, die dank <strong>der</strong> mil<strong>der</strong>en<br />

Winter heute auch in Großbritannien und an<strong>der</strong>swo<br />

in Europa gedeiht. Tiere dienen oft in satirischer<br />

Weise dazu, gesellschaftliche und politische Angelegenheiten<br />

zu kommentieren. <strong>Die</strong>ses Wandbild des<br />

britischen Graffiti-Künstlers Banksy (geb. 1973) über<br />

britische Reaktionen auf Einwan<strong>der</strong>er verursachte so<br />

viel Aufregung, dass es schnell beseitigt werden sollte.<br />

Wie Sittiche nach Großbritannien gekommen sind, ist<br />

unklar. Angeblich wurde 1951 beim Dreh des Films<br />

African Queen mit Humphrey Bogart und Katherine<br />

Hepburn ein Schwarm freigelassen. An<strong>der</strong>e verweisen<br />

auf Jimi Hendrix, <strong>der</strong> offenbar ein Sittichpaar besaß,<br />

als er in den 1960ern in London lebte. Wie<strong>der</strong> an<strong>der</strong>e<br />

machen den Großen Sturm von 1987 verantwortlich,<br />

<strong>der</strong> tropische Volieren zerstörte und die <strong>Vögel</strong> befreite.<br />

Seit Beginn des 21. Jahrhun<strong>der</strong>ts haben Zunahme und<br />

wachsende Sichtbarkeit <strong>der</strong> Population eine Debatte<br />

über heimische Arten und die Stabilität <strong>der</strong> Umwelt<br />

ausgelöst. 2009 kam <strong>der</strong> Halsbandsittich auf die Liste<br />

<strong>der</strong> Arten, die legal in Großbritannien getötet werden<br />

dürfen, was die Diskussionen zwischen denen, die ihn<br />

als farbenfrohe Ergänzung des städtischen Wildlebens<br />

sehen, und jenen, für die er ein britische Arten bedrohen<strong>der</strong><br />

Eindringling ist, weiter verschärft.<br />

66


Andrew Garn<br />

Fido, die glubschäugige Taube, 2017<br />

Fotografie, verschiedene Größen<br />

Leuchtend orange Augen blicken uns in diesem<br />

hyperrealistischen Studioporträt einer New Yorker<br />

Taube über schillernd grüne und violette Fe<strong>der</strong>n hinweg<br />

an. Das Bild soll bewusst die Schönheit und den<br />

individuellen Charakter <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> hervorheben, die in<br />

vielen Großstädten dieser <strong>Welt</strong> als tierische Plage gelten.<br />

<strong>Die</strong>se verwil<strong>der</strong>ten Tauben stammen tatsächlich<br />

von Haustauben ab. Sie sitzen auf den Vorsprüngen<br />

von Gebäuden, dem urbanen Äquivalent von Klippen<br />

und Bergen, die das Zuhause <strong>der</strong> wilden Felsentaube<br />

(Columba livia) waren. Als geborener New Yorker ist<br />

<strong>der</strong> Fotograf Andrew Garn (geb. 1957) umgeben von<br />

Tauben aufgewachsen und war fasziniert von ihrem<br />

Ruf als invasivem Ärgernis, das große Mengen an<br />

Exkrementen erzeugt, Krankheiten überträgt und<br />

Ernten und Eigentum zerstört. Garn recherchierte<br />

acht Jahre lang eine fotografische Studie, um den<br />

Reiz und die unbeachtete Ausdrucksstärke <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong><br />

abzubilden. Er entwickelte einen tiefen Respekt für<br />

ihre Zähigkeit sowie ihr offenbar paradoxes Wesen.<br />

Wieso scheinen diese <strong>Vögel</strong>, die in <strong>der</strong> Lage sind, bis<br />

zu 800 km pro Tag zu fliegen und, wie <strong>der</strong> Harvard-<br />

Psychologe B. F. Skinner demonstrierte, komplizierte<br />

Aufgaben erledigen können, damit zufrieden zu sein,<br />

in <strong>der</strong> oft harten urbanen Umgebung nach Abfall zu<br />

suchen? Mithilfe von Hochgeschwindigkeitsfotografie<br />

hielt Garn Tauben mit voll ausgebreiteten Flügeln im<br />

Flug fest, was ihre Komplexität und ihre Grazie als<br />

Tiere unterstrich.<br />

67


Margaret Bourke-White<br />

Fliegen<strong>der</strong> Vogel, ca. 1940<br />

Silbergelatine-Abzug, 32,4 × 48 cm<br />

George Eastman Museum, Rochester, New York<br />

<strong>Die</strong>ses überwältigende Schwarzweißfoto eines Raubvogels<br />

– möglicherweise eines Habichts (Accipiter gentilis)<br />

– ist das Werk <strong>der</strong> amerikanischen Fotoreporterin<br />

Margaret Bourke-White (1904–71). <strong>Die</strong> für ihre ikonischen<br />

Industriefotografien bekannte Bourke-White<br />

war während des Zweiten <strong>Welt</strong>kriegs die erste weibliche<br />

Kriegsberichterstatterin <strong>der</strong> USA und befugt, bei<br />

Angriffsmanövern mitzufliegen. Zwischen 1936 und<br />

1957 war sie bei Life angestellt und gewann viele Preise<br />

für ihre Fotografien. Sie hatte ein beson<strong>der</strong>es Auge für<br />

ungewöhnliche Perspektiven, die ihre Motive gleichzeitig<br />

erhöhten und edler machten, sie in einem neuen<br />

Licht zeigten. Trotz ihrer gewissen Bedeutungslosigkeit<br />

im Fotojournalismus erregten Tiere und Blumen<br />

oft ihre Aufmerksamkeit. Ein Band am linken Fuß des<br />

Vogels legt nahe, dass dieser in Gefangenschaft sein<br />

könnte. Er ist im Flug, mit weit geöffneten Flügeln<br />

aufgenommen, die Richtung <strong>der</strong> gesträubten Fe<strong>der</strong>n<br />

auf seinem Rücken suggeriert, dass er im Begriff ist,<br />

zu landen. Habichte, die auf <strong>der</strong> Nordhalbkugel weit<br />

verbreitet sind, sind Raubvögel, <strong>der</strong>en langer Schwanz<br />

und relativ kurze Flügel sich gut für das Manövrieren<br />

durch Wäl<strong>der</strong> und dichte Vegetation eignen. Sie sind<br />

zwar gute Jäger, etwa von Hasen und Fasanen, lassen<br />

sich aber nur schwer trainieren. Ihr temperamentvolles<br />

Wesen und ihre rätselhaften Abweichungen von<br />

gegebenen Befehlen sind gut dokumentiert, etwa in<br />

Helen Macdonalds preisgekröntem autobiografischen<br />

Roman von 2014 H wie Habicht.<br />

68


Cai Guo-Qiang<br />

Starenschwarm (Landschaft), 2019<br />

Schwarzpulver auf Porzellan, 10 × 23 m<br />

National Gallery of Victoria, Melbourne<br />

<strong>Die</strong>ser großartige Schwarm aus 10.000 Staren in einer<br />

Ausstellungshalle <strong>der</strong> National Gallery of Victoria<br />

in Melbourne ist das Werk des chinesischen Künstlers<br />

Cai Guo-Qiang (geb. 1957). Cai, <strong>der</strong> berühmt ist<br />

für sein Interesse an <strong>der</strong> natürlichen <strong>Welt</strong>, erschafft<br />

oft Skulpturen von Tieren aus künstlichen Materialien<br />

statt organischen. Hier nutzte er Porzellan –<br />

ein Material, das vor etwa 2.000 Jahren in China<br />

erfunden wurde und Ideen von Schönheit, Anmut<br />

und Zerbrechlichkeit verkörpert. Je<strong>der</strong> <strong>der</strong> einzeln<br />

geformten Stare (Sturnus vulgaris) wurde von dem<br />

Künstler gegossen und dann durch das Abbrennen<br />

von Schwarzpulver – eine weitere wichtige chinesische<br />

Erfindung – geschwärzt. Das Ergebnis ist ein<br />

überwältigendes dreidimensionales Spektakel: eine<br />

Art Vogelwolke. <strong>Die</strong>ses z. B. im Dänischen »Schwarze<br />

Sonne« genannte Phänomen ist ein Ausdruck <strong>der</strong><br />

Fähigkeit <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>, sich in großen Kolonien abzustimmen.<br />

Forscher haben festgestellt, dass je<strong>der</strong><br />

Star in dem Schwarm sich mit sieben benachbarten<br />

<strong>Vögel</strong>n synchronisiert, sodass sich in <strong>der</strong> Menge<br />

ein kleines und handhabbares Netzwerk bildet – die<br />

Ursache hinter diesem Verhalten ist aber weiterhin<br />

rätselhaft. Manche Experten glauben, die synchrone<br />

Luftakrobatik helfe den <strong>Vögel</strong>n, sich vor dem Nie<strong>der</strong>lassen<br />

zur Nacht zu ordnen, was <strong>der</strong> Sicherheit dient:<br />

Stare schlafen in großen Gruppen, oft mit mehr als<br />

500 Tieren pro Kubikmeter. An<strong>der</strong>e glauben, das<br />

Schwarmverhalten spiele eine wichtige Rolle in <strong>der</strong><br />

Kommunikation.<br />

69


Henry Stacy Marks<br />

A Select Committee, 1891<br />

Öl auf Leinwand, 111,7 × 86,7 cm<br />

Walker Art Gallery, Liverpool<br />

<strong>Die</strong> Papageien in dieser skurrilen parlamentarischen<br />

Sitzung zeigen eindeutig menschliche Verhaltensweisen.<br />

Der Hyazinth-Ara (Anodorhynchus hyacinthinus)<br />

links hält offenbar eine Rede. Darunter wendet ein<br />

Gelbbrustara (Ara ararauna) dem Sprecher seinen<br />

Kopf zu. Er sitzt neben einem Rotschwanz-Rabenkakadu<br />

(Calyptorhynchus banksii) und einem Inkakakadu<br />

(Cacatua leadbeateri), die etwas abgelenkt<br />

wirken. Gegenüber hocken vier Kakadus: Der Molukkenkakadu<br />

(C. moluccensis) spricht angeregt, während<br />

<strong>der</strong> Gelbhaubenkakadu (C. galerita) gelangweilt ein<br />

Nickerchen zu halten scheint. Flankiert werden sie<br />

von einem Weißhaubenkakadu (C. alba) und vermutlich<br />

einem Wühlerkakadu (C. pastinator). Im Hintergrund<br />

flattern zwei Haussperlinge (Passer domesticus)<br />

am Fenster <strong>der</strong> offenbar großen Halle herum.<br />

A Select Committee (Ein Son<strong>der</strong>ausschuss) ist eines<br />

<strong>der</strong> berühmtesten Gemälde von Henry Stacy Marks<br />

(1829–98), einem talentierten britischen Künstler mit<br />

einem beson<strong>der</strong>en Interesse für die Vogelmalerei.<br />

Marks studierte an <strong>der</strong> Royal Academy Schools in<br />

London und <strong>der</strong> École des Beaux-Arts in Paris und<br />

war Gründungsmitglied <strong>der</strong> St John’s Wood Clique,<br />

einer in den 1870er- und 1880er-Jahren aktiven<br />

Künstlergruppe. Seine genauen Vogelbeobachtungen<br />

unterstützte er durch regelmäßige Besuche im Zoo in<br />

London sowie durch das Studium von Skeletten im<br />

Museum des Royal College of Surgeons. Eine private<br />

Ausstellung seiner Vogelporträts 1890 bewies seine<br />

Exaktheit und seine Detailgenauigkeit.<br />

70


Elizabeth Butterworth<br />

Learara, 2005<br />

Gouache, Tusche und Bleistift auf Papier, 25 × 34 cm<br />

Privatsammlung<br />

Leararas (Anodorhynchus leari) sind große Papageien,<br />

die wild nur in einem eng begrenzten Gebiet im Nordosten<br />

des brasilianischen Bundesstaates Bahia zu<br />

finden sind. Sie gehören zu einer von nur zwei Arten<br />

großer Papageien mit völlig blauem Gefie<strong>der</strong>. Es gibt<br />

vermutlich nur etwa 1.250 Tiere in zwei Kolonien in<br />

einem Caatinga genannten Habitat, einer Art Dornstrauchsavanne,<br />

in <strong>der</strong> die Licuri-Palme wächst. <strong>Die</strong><br />

Papageien nisten in Löchern von Sandsteinfelsen und<br />

fressen vor allem die Nüsse <strong>der</strong> Licuri-Palme. <strong>Die</strong><br />

Anmerkungen auf dem Bild zeigen, welches Augenmerk<br />

die britische Künstlerin Elizabeth Butterworth<br />

(geb. 1949) auf die Details gelegt hat, um für jede<br />

Fe<strong>der</strong> und jedes Stück Haut den richtigen Farbton<br />

zu treffen. Butterworth, eine führende Vogelmalerin,<br />

die sich beson<strong>der</strong>s für Papageien interessiert, wurde<br />

in Rochdale, Lancashire, geboren, studierte an <strong>der</strong><br />

lokalen Kunstschule und später am Royal College of<br />

Art in London und stellt weltweit aus. Der Name des<br />

Vogels ehrt den Nonsensdichter, Autor und Künstler<br />

des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts Edward Lear (siehe S. 43), <strong>der</strong><br />

ebenfalls viele Papageienarten gemalt hat, darunter<br />

einen blauen Ara, <strong>der</strong> zu den Leararas gehört haben<br />

könnte, die damals noch nicht beschrieben worden<br />

waren. Butterworths Darstellungen von Papageien<br />

gehören zu den schönsten, und es passt sehr gut, dass<br />

ihr Werk dieses wun<strong>der</strong>bare Exemplar enthält, das<br />

sich mit einem an<strong>der</strong>en großen Künstler mit einer<br />

Vorliebe für Papageien assoziieren lässt.<br />

71


Unbekannt<br />

Bildtafel III, aus Musurgia universalis sive ars magna consoni et dissoni: in X libros digesta von Athanasius Kircher, 1650<br />

Stich, 31,5 × 22 cm<br />

Privatsammlung<br />

<strong>Die</strong>ser berühmte Druck von 1650 war einer <strong>der</strong> ersten<br />

Versuche, Vogelgesang in eine musikalische Notation<br />

zu überführen. <strong>Die</strong> Illustration stammt aus einer<br />

zweibändigen Abhandlung, die zeigen soll, dass<br />

Musik die Harmonie von Gottes Kosmos wie<strong>der</strong>gibt.<br />

Auf das Lied <strong>der</strong> Nachtigall (Luscinia megarhynchos)<br />

folgt das des jungen Hahns. Dann kommen eine<br />

Henne, die ihre Küken ruft, ein Kuckuck (Cuculidae),<br />

eine Wachtel (Coturnix coturnix) und ein Papagei, <strong>der</strong><br />

auf Griechisch »Hallo« sagt. Der Universalgelehrte<br />

und Jesuit Athanasius Kircher (1602–80) sagte von <strong>der</strong><br />

Nachtigall, dass »ihre Genialität den Bemühungen<br />

aller Musiker spottet«. Im Jahr seiner Veröffentlichung<br />

wurden mehr als 1.500 Exemplare von Kirchers<br />

Buch gedruckt und von reisenden Jesuiten verbreitet.<br />

Es wurde ein Standardwerk <strong>der</strong> Musikwissenschaft<br />

und beeinflusste Komponisten wie Johann Sebastian<br />

Bach und Ludwig van Beethoven. Allerdings ist die<br />

Korrelation zwischen Vogelgesang und Musik nicht<br />

so klar, wie Kircher behauptet. Als <strong>der</strong> Musikwissenschaftler<br />

Daines Barrington in den 1770er-Jahren<br />

einen Flötisten bat, die Nachtigallentranskription zu<br />

spielen, bemerkte er: »Es war unmöglich, irgendwelche<br />

Spuren des Nachtigallengesangs zu erkennen.«<br />

Heutige Forscher nehmen an, dass Ähnlichkeiten<br />

zwischen Vogelgesang und Musik rein zufällig sind<br />

und nur wenige <strong>Vögel</strong> den normalen harmonischen<br />

Intervallen in <strong>der</strong> Musik folgen. Dennoch versuchten<br />

Komponisten immer wie<strong>der</strong>, Vogelgesang zu imitieren,<br />

vor allem <strong>der</strong> Franzose Olivier Messiaen.<br />

72


Nick Cave<br />

Soundsuit, 2011<br />

Gefundene Objekte, Metallbeschläge, gestrickter Kopf und Körper, Schaufensterpuppe, 307,3 × 106,7 × 83,8 cm<br />

Museum of Mo<strong>der</strong>n Art, New York<br />

Es herrscht ein gewisses Chaos in den Vogelfiguren<br />

aller Formen und Größen, die in dem Drahtgewirr<br />

gefangen sind, das <strong>der</strong> afroamerikanische<br />

Performance-Künstler und Tänzer Nick Cave (geb.<br />

1959) hergestellt hat. <strong>Die</strong>s ist einer von mehr als<br />

500 Soundsuits, die er aus einer Vielzahl von Objekten<br />

geschaffen hat. <strong>Die</strong>se »Anzüge«, einer Rüstung<br />

gleich, maskieren den Träger. <strong>Vögel</strong>, erkannte Cave,<br />

ziehen ebenso herum wie Menschen, und ihr friedliches<br />

Zusammenleben auf dem Soundsuit ist zwar<br />

irgendwie banal, vermittelt aber eine Botschaft über<br />

Diversität und wie wichtig es für eine Gesellschaft ist,<br />

von <strong>der</strong> Natur zu lernen, wenn sie sich weiterentwickeln<br />

will. Cave stellte seinen ersten Soundsuit 1992<br />

als Reaktion auf die Prügel her, die Rodney King von<br />

Polizisten in Los Angeles erleiden musste. Er setzte<br />

ihn aus Zweigen und an<strong>der</strong>en weggeworfenen Materialien<br />

zusammen, die er in einem Park in Chicago<br />

gefunden hatte. <strong>Die</strong> Skulptur gab zufällige Töne ab,<br />

als Cave sie angelegt hatte. So konnte er sicherstellen,<br />

dass seine protestierende Stimme auch gehört wurde –<br />

eine Motivation, die sich im Grammophontrichter<br />

ausdrückt. Alle Soundsuits haben dank seiner Angewohnheit,<br />

Objekte auf Flohmärkten und in Antiquitätenläden<br />

zu sammeln, ihre Eigenheiten. Trotz ihrer<br />

futuristischen Art und ihrer farblichen Intensität<br />

bewahren sich die Anzüge gerade wegen <strong>der</strong> Alltagsobjekte,<br />

aus denen sie bestehen, ein gewisses Maß an<br />

Vertrautheit.<br />

73


Shaikh Zain al-Din<br />

Hinduracke auf Sandelholzzweig, 1779<br />

Deckfarben und Tinte auf Papier, 76,2 × 96,5 cm<br />

Minneapolis Institute of Art<br />

<strong>Die</strong>ses Gemälde einer Hinduracke (Coracias benghalensis)<br />

auf dem Zweig eines Sandelholzbaums war<br />

als Souvenir für Lady Mary Impey gedacht, die Frau<br />

von Sir Elijah Impey, dem Gerichtspräsidenten des<br />

Obersten Gerichts in Fort William in Bengalen, zu<br />

einer Zeit, als <strong>der</strong> größte Teil des Subkontinents unter<br />

<strong>der</strong> Herrschaft <strong>der</strong> Britischen Ostindien-Kompanie<br />

stand. <strong>Die</strong> Impeys liebten Indien und sammelten<br />

Pflanzen und Tiere, von denen sie einige auf ihrem<br />

großen Anwesen hielten. Dort beauftragten sie Ende<br />

<strong>der</strong> 1770er-Jahre den lokalen Künstler Shaikh Zain<br />

al-Din, Arten aus ihrer Menagerie zu malen. Der aus<br />

<strong>der</strong> Stadt Patna stammende und in <strong>der</strong> Kunsttradition<br />

<strong>der</strong> Moguln ausgebildete Zain al-Din nutzte Papier<br />

und Aquarellfarben aus England. Sein Stil kombiniert<br />

den britischen Einfluss botanischer Abbildungen mit<br />

den kunstvollen Schnörkeln <strong>der</strong> indischen Malerei.<br />

Ihren englischen Namen »Indian Roller« trägt die<br />

Hinduracke wegen ihrer kunstvollen Flugfertigkeit.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> sind in ganz Indien verbreitet, wo sie oft<br />

auf Zweigen – und heute auf Stromleitungen – sitzen,<br />

um den Boden nach Insekten, Spinnen und an<strong>der</strong>er<br />

Nahrung abzusuchen. Hier putzt <strong>der</strong> Vogel gerade<br />

seinen rechten Flügel, <strong>der</strong> ausgestreckt ist und die<br />

typisch glänzenden, blauen Fe<strong>der</strong>n enthüllt, die mit<br />

dem sandigen Rosa an Kopf und Rücken kontrastieren.<br />

Der Sandelholzbaum ist ein tropischer Baum, <strong>der</strong><br />

speziell für das duftende Kernholz berühmt ist, aus<br />

dem ätherisches Öl hergestellt wird.<br />

74


Céleste Boursier-Mougenot<br />

From Here to Ear (Detail), 2010<br />

Temporäre Installation<br />

Barbican Centre, London<br />

Auf den ersten Blick ist dies ein typisches Tierfoto.<br />

Schaut man genauer hin, dann sieht man, dass diese<br />

Zebrafinken (Taeniopygia guttata) mit den charakteristischen<br />

orangefarbenen Schnäbeln auf Kopf und<br />

Hals einer elektrischen Gitarre sitzen. <strong>Die</strong>se Installation<br />

besteht aus 70 Finken und 14 Gitarren: nach<br />

oben gewandt, angeschlossen und gestimmt von <strong>der</strong><br />

französischen Künstlerin Céleste Boursier-Mougenot<br />

(geb. 1961). Immer wenn einer <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> auffliegt o<strong>der</strong><br />

landet, zupft er die Saiten und erzeugt voreingestellte<br />

Akkorde, die über Verstärker abgespielt werden. <strong>Die</strong><br />

Galerie wird auf diese Weise zu einem akustischen<br />

Vogelhaus und einer Konzerthalle. Das »Stück«, das<br />

die <strong>Vögel</strong> »spielen«, hat seinen ganz speziellen Rhythmus<br />

und ist quasi selbstgenerierend. Es ist nicht<br />

völlig zufällig und nimmt auch keine dem Jazz nachempfundenen<br />

unerwarteten Wendungen. Stattdessen<br />

kündet es akustisch von <strong>der</strong> organischen Beziehung<br />

<strong>der</strong> Finken zueinan<strong>der</strong>. Finken zwitschern von Natur<br />

aus ständig herum. Wir Zuschauer jedoch verstehen<br />

kaum den komplexen sozialen Tanz: Hierarchien werden<br />

getestet, Warnungen vor potenziellen Räubern<br />

ausgegeben und Bindungen aufgebaut. <strong>Die</strong> Töne,<br />

die die <strong>Vögel</strong> auf Einladung <strong>der</strong> Künstlerin produzieren,<br />

geben dem Publikum eine künstlerische, fast<br />

malerische Sprache für das, was im Raum passiert,<br />

sodass zwei normalerweise sehr getrennte <strong>Welt</strong>en zu<br />

einer faszinierenden Erzählung von <strong>der</strong> Schönheit <strong>der</strong><br />

Natur verwoben werden.<br />

75


76


Unbekannt<br />

Meidum-Gänse, ca. 2575–2551 v. Chr.<br />

Bemalter Gips auf Sandstein, 27 × 172 cm<br />

Ägyptisches Museum, Kairo<br />

Ein Fries aus Gänsen schmückt den Durchgang zur<br />

Grabkammer von Itet, Schwiegertochter von Pharao<br />

Snofru, <strong>der</strong> um 2613 v. Chr. Ägyptens Vierte Dynastie<br />

begründete. Itet und ihr Ehemann Nefermaat, die<br />

in einer Mastaba neben <strong>der</strong> ersten wahren Pyramide<br />

Ägyptens bestattet wurden, werden auf ihrem Weg<br />

in die Ewigkeit von Acker- und Jagdszenen begleitet.<br />

Drei bedeutet »viele« in <strong>der</strong> ägyptischen Ikonografie.<br />

<strong>Die</strong>se zwei symmetrischen Gruppen aus drei Gänsen<br />

symbolisieren also viele <strong>Vögel</strong>. Exakt abgebildet<br />

sind zwei Saatgänse (Anser fabalis) an den Enden,<br />

zwei größere Blässgänse (A. albifrons) mit Blick<br />

nach links und zwei Rothalsgänse (Branta ruficollis)<br />

mit Blick nach rechts. <strong>Die</strong> Mastaba von Nefermaat<br />

wurde 1871 von Auguste Mariette und dem Künstler<br />

Luigi Vassalli ausgegraben. 2015 äußerte Francesco<br />

Tiradritti, Leiter <strong>der</strong> italienischen archäologischen<br />

Mission in Ägypten, die Vermutung, Vassalli selbst<br />

habe diese Szene gemalt. Als Beweise führte er die<br />

Farben, die gleiche (unrealistische) Größe <strong>der</strong> Gänse,<br />

seine Überzeugung, dass we<strong>der</strong> Saat- noch Rothalsgänse<br />

in Ägypten vorgekommen seien, und an<strong>der</strong>e<br />

technische Aspekte an. Alle Argumente wurden von<br />

den Experten des Ägyptischen Museums abgewiesen<br />

und das Gemälde gilt heute als echt. <strong>Die</strong> Ägyptische<br />

Expedition des Metropolitan Museum of Art, die<br />

zwischen 1907 und 1937 Ausgrabungen durchführte,<br />

fertigte Faksimiles dieses und an<strong>der</strong>er Bil<strong>der</strong> aus dem<br />

Grab an. Solche Gemälde sind heute wertvolle Belege<br />

für verfallene o<strong>der</strong> zerstörte Werke.<br />

77


Unbekannt<br />

Schwarzfigurige Amphore, ca. 540 v. Chr.<br />

Bemalte Keramik, H. 40,6 cm<br />

British Museum, London<br />

Der antike griechische Held Herakles, gekleidet in sein<br />

Löwenfell und mit einem Köcher über <strong>der</strong> Schulter,<br />

zielt in dieser Illustration auf einer Amphore, einem<br />

Wassergefäß, auf einen Schwarm <strong>Vögel</strong>. <strong>Die</strong> Szene<br />

ist in <strong>der</strong> schwarzfigurigen Malereitechnik ausgeführt,<br />

in <strong>der</strong> die Figuren als Silhouetten gemalt sind,<br />

<strong>der</strong>en Details eingeritzt werden. <strong>Die</strong> sechste <strong>der</strong> zwölf<br />

Arbeiten des Herakles bestand darin, die Gegend von<br />

Stymphalos in Arkadien von einem Schwarm fleischfressen<strong>der</strong><br />

<strong>Vögel</strong> zu befreien, von denen <strong>der</strong> Reisende<br />

Pausanias im zweiten Jahrhun<strong>der</strong>t n. Chr. schrieb, sie<br />

hätten Schnäbel aus Bronze, giftigen Kot und scharfe,<br />

metallene Fe<strong>der</strong>n besessen, die sie wie Pfeile auf ihre<br />

Feinde abschießen konnten. <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> hätten dem<br />

Ibis (Threskiornithidae) geähnelt, aber die Größe von<br />

Kranichen (Gruidae) besessen und an<strong>der</strong>s als <strong>der</strong><br />

Ibis kräftige, gerade Schnäbel gehabt. Sie hatten sich<br />

in einem Sumpf eingenistet, von dem aus sie Fel<strong>der</strong>,<br />

Obstgärten und die Stadtbewohner angriffen. Wegen<br />

des weichen Bodens konnte sich Herakles ihnen nicht<br />

nähern. <strong>Die</strong> Göttin Athene gab ihm deshalb eine<br />

Rassel, mit <strong>der</strong>en Hilfe er die <strong>Vögel</strong> aufscheuchte, um<br />

sie dann mit Pfeilen abzuschießen, die mit dem Blut<br />

<strong>der</strong> Hydra vergiftet waren, einem Ungeheuer, das er<br />

ein an<strong>der</strong>es Mal getötet hatte. <strong>Vögel</strong>, die entkommen<br />

konnten, flohen auf eine Insel im Schwarzen Meer,<br />

wo sie später in einem an<strong>der</strong>en griechischen Mythos<br />

den Argonauten begegneten. Pausanias beschreibt<br />

ein Heiligtum <strong>der</strong> Artemis in Stymphalia, an dem die<br />

<strong>Vögel</strong> in ein Fries unter dem Dach gemeißelt waren.<br />

78


Habiballah von Sava<br />

<strong>Die</strong> Konferenz <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> aus Mantiq al-tair, ca. 1600<br />

Tinte, deckendes Aquarell, Gold und Silber auf Papier, 25,4 × 11,4 cm<br />

Metropolitan Museum of Art, New York<br />

Ein Jäger mit einem Gewehr, das so lang ist, dass<br />

es aus dem Bildrahmen herausragt, schaut zu, wie<br />

ein Wiedehopf (Upupa epops), erkennbar an seiner<br />

Haube, <strong>der</strong> auf einem Felsen rechts <strong>der</strong> Mitte steht,<br />

zu den aus aller <strong>Welt</strong> zusammengekommenen <strong>Vögel</strong>n<br />

spricht, darunter eine Elster, Reiher, Papageien,<br />

Tauben, ein weißer Hahn und viele Raubvögel. <strong>Die</strong><br />

Illustration des iranischen Künstlers Habiballah von<br />

Sava (von ca. 1590–1610 tätig) begleitete ein Gedicht<br />

von Farid ud-Din ‘Attar, Mantiq al-tair o<strong>der</strong> Sprache<br />

<strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>. Es bezieht sich auf eine Koran-Passage,<br />

in <strong>der</strong> die israelischen Könige Salomo und David die<br />

Sprache <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> erlernen. Trotz ihrer realistischen<br />

Darstellung sind die <strong>Vögel</strong> symbolisch: Sie repräsentieren<br />

jeweils eine menschliche Schwäche, die <strong>der</strong><br />

Erlangung <strong>der</strong> spirituellen Erleuchtung im Weg steht.<br />

Der Wiedehopf, Symbol <strong>der</strong> Weisheit, ermahnt seine<br />

Begleiter, sich auf die beschwerliche Reise auf <strong>der</strong><br />

Suche nach dem Simurgh zu machen, einem mythologischen<br />

Vogel, <strong>der</strong> die ultimative spirituelle Einheit<br />

verkörpert. In Din ‘Attars Gedicht war <strong>der</strong> Weg, den<br />

<strong>der</strong> Wiedehopf vorschlug, jedoch so heimtückisch,<br />

dass schon <strong>der</strong> Gedanke daran einige <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> tot<br />

umfallen ließ. Eine kleinere Gruppe von 30 <strong>Vögel</strong>n<br />

erreichte schließlich das Ziel, nur um festzustellen,<br />

dass tatsächlich sie gemeinsam <strong>der</strong> Simurgh waren,<br />

was in <strong>der</strong> persischen Sprache des alten Iran »dreißig<br />

<strong>Vögel</strong>« bedeutet.<br />

79


Frans Sny<strong>der</strong>s<br />

Vogelkonzert, 1629–30<br />

Öl auf Leinwand, 98 × 137 cm<br />

Museo del Prado, Madrid<br />

Ein bunter Haufen von <strong>Vögel</strong>n versammelt sich auf<br />

den Zweigen eines ramponierten Baums um einen<br />

Steinkauz (Athene noctua). <strong>Die</strong>ser sitzt auf einem<br />

Lie<strong>der</strong>buch, das mit roten Bän<strong>der</strong>n an einem Ast<br />

festgebunden ist. Dass diese <strong>Vögel</strong> gemeinsam singen<br />

werden, ist aber unwahrscheinlich. <strong>Die</strong> Finken, die<br />

Eichelhäher (Garrulus glandarius) und <strong>der</strong> fliegende<br />

Seidenschwanz (Bombycilla garrulus) gelten als<br />

Sing vögel, nicht jedoch die Gelbscheitelamazone<br />

(Amazona ochrocephala), <strong>der</strong> Wiedehopf (Upupa epops)<br />

o<strong>der</strong> <strong>der</strong> Kauz selbst. Dennoch war das Vogelkonzert<br />

für die nie<strong>der</strong>ländischen und flämischen Maler des<br />

17. Jahrhun<strong>der</strong>ts ein beliebtes Thema, vielleicht als<br />

Reflexion des nie<strong>der</strong>ländischen Sprichwortes »Je<strong>der</strong><br />

Vogel singt mit dem Schnabel, <strong>der</strong> ihm gegeben<br />

wurde« – mit an<strong>der</strong>en Worten, je<strong>der</strong> Mensch ist<br />

an<strong>der</strong>s. Das Motiv ist jedenfalls eine schöne Entschuldigung<br />

für den Maler, in einem einzigen Bild<br />

ganz verschiedene <strong>Vögel</strong> darzustellen. Frans Sny<strong>der</strong>s<br />

(1579–1657) zeigt sie in natürlichen Posen, auch wenn<br />

einige ausgestopfte Exemplare Modell gestanden<br />

haben dürften. Sny<strong>der</strong>s war <strong>der</strong> einfalls- und einflussreichste<br />

Maler von Stillleben und Tierszenen des<br />

frühen 17. Jahrhun<strong>der</strong>ts. Rubens arbeitete oft mit ihm<br />

zusammen und er hatte viele Anhänger in Flan<strong>der</strong>n<br />

und im Ausland. <strong>Die</strong>ses Bild gelangte vermutlich<br />

kurz nach seiner Fertigstellung von Antwerpen nach<br />

Spanien. Es wurde König Philip IV. vorgestellt und<br />

tauchte erstmals 1636 in einer Inventarliste des Alcázar<br />

in Madrid auf.<br />

80


Hiroshi Sugimoto<br />

Hyäne-Schakal-Geier, 1976<br />

Silbergelatine-Abzug, verschiedene Größen<br />

Privatsammlung<br />

Geier aus wenigstens vier Arten, ein Erzrabe und ein<br />

Marabu blockieren fast vollkommen die Sicht auf das<br />

Aas, auf dem sie sich nie<strong>der</strong>gelassen haben, auch<br />

wenn die Enden zweier gestreifter Beine das Opfer als<br />

Zebra identifizieren. An<strong>der</strong>e Aasfresser warten, bis<br />

sie an <strong>der</strong> Reihe sind, darunter eine Hyäne und ein<br />

Schakal, während im Vor<strong>der</strong>grund zwei Geier streiten:<br />

Einer ist auf den Rücken gefallen und kreischt<br />

laut. <strong>Die</strong>se Szene aus <strong>der</strong> afrikanischen Savanne ist<br />

tatsächlich ein gestelltes Diorama aus ausgestopften<br />

Tieren, das <strong>der</strong> japanische Künstler Hiroshi Sugimoto<br />

(geb. 1948) im American Museum of Natural History<br />

in New York fotografiert hat. Durch das Weglassen<br />

des Rahmens und das Schwarzweiß <strong>der</strong> Szene eliminiert<br />

<strong>der</strong> Künstler jede Künstlichkeit, die ansonsten<br />

offensichtlich wäre, und erzeugt ein dynamisches<br />

Gefühl von Bewegung. Geier rufen normalerweise<br />

negative kulturelle Assoziationen hervor: Sie gelten<br />

mit ihrem dumpfen Gefie<strong>der</strong> und ihrem kahlen Kopf<br />

und Hals nicht nur als »hässlich«, son<strong>der</strong>n symbolisieren<br />

häufig auch Tod und Verwesung. Hier streiten<br />

sich die <strong>Vögel</strong> um die Nahrung, was die kämpferische<br />

Stimmung betont, die Sugimoto an die Heimatstadt<br />

des Museums erinnert: »Ich dachte, wow, das ist New<br />

York.« Trotz seines schlechten Rufs spielt <strong>der</strong> Geier<br />

eine wichtige Rolle im Ökosystems seines Lebensraums.<br />

Bil<strong>der</strong> wie diese helfen uns, den Vogel nicht<br />

isoliert zu betrachten, son<strong>der</strong>n als Teil eines dynamischen<br />

Systems, das einem natürlichen Gleichgewicht<br />

entspringt.<br />

81


William James Webb<br />

<strong>Die</strong> Weiße Eule, 1856<br />

Öl auf Holzplatte, 45 × 26,3 cm<br />

Privatsammlung<br />

Aufrecht wie eine Statue und mit schläfrigen Augen<br />

steht eine Schleiereule (Tyto alba) auf einem Holzbalken<br />

neben einem von ihr erlegten Nagetier. Vermutlich<br />

befindet sie sich in einer Ruine, vielleicht einer<br />

ausgedienten Kapelle o<strong>der</strong> einer Scheune, <strong>der</strong>en altes<br />

Gebälk gerissen und von Efeu überwuchert ist – wir<br />

sehen eine Ranke, die nach oben klettert. <strong>Die</strong> weiche<br />

Struktur des Eulengefie<strong>der</strong>s ist gut getroffen, ebenso<br />

das zarte, blasse Orange und Grau <strong>der</strong> Schwingen<br />

und das geisterhafte Weiß des Untergefie<strong>der</strong>s.<br />

Schleiereulen jagen an stillen, trockenen Tagen, bei<br />

Nacht und in <strong>der</strong> Morgen- o<strong>der</strong> Abenddämmerung,<br />

und sie nisten manchmal in Kirchtürmen, was ihre<br />

Präsenz in <strong>der</strong> Folklore und im Aberglauben erklärt.<br />

Der britische Maler William James Webb (auch: William<br />

James Webbe; 1830–ca. 1912) war von den letzten<br />

beiden Zeilen <strong>der</strong> beiden Strophen des Gedichts <strong>Die</strong><br />

Eule von Alfred, Lord Tennyson, aus dem Jahre 1830<br />

inspiriert: »Dann wärmt sich kauernd vor dem Sturm<br />

einsam die weiße Eul’ im Turm« (übers. Wilhelm<br />

Hertzberg, 1868). Webb, <strong>der</strong> in Cornwall geborene<br />

Sohn eines methodistischen Pfarrers, lebte 1856 auf<br />

<strong>der</strong> Isle of Wight, die auch Tennyson regelmäßig<br />

besuchte. Webb und seine Frau ließen sich schließlich<br />

in Ealing, Middlesex, nie<strong>der</strong>. Zu dieser Zeit war er als<br />

Künstler bekannt, <strong>der</strong> religiöse Bücher und Kin<strong>der</strong>geschichten<br />

illustrierte, sowie rustikale Szenen des<br />

Landlebens malte. In vielen <strong>der</strong> Gemälde kommen<br />

Tiere vor, und diese detaillierte Studie einer Schleiereule<br />

gehört zu seinen schönsten.<br />

82


Josef Albers<br />

Eule (II), ca. 1917<br />

Tusche auf Papier, 50,2 × 37,5 cm<br />

Josef and Anni Albers Foundation<br />

Der am Bauhaus ausgebildete Künstler, Designer und<br />

Handwerker Josef Albers (1888–1976), <strong>der</strong> vor allem für<br />

seine minimalistische abstrakte Bil<strong>der</strong>serie Huldigung<br />

an das Quadrat und seine wegweisenden Werke<br />

zur Farbtheorie bekannt ist, war auf beiden Seiten<br />

des Atlantiks eine führende Figur. Seine Lebensgeschichte<br />

liest sich wie ein »Who’s Who« <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>ne:<br />

Paul Klee und Wassily Kandinsky waren seine Kollegen,<br />

Cy Twombly und Robert Rauschenberg (siehe<br />

S. 189) gehörten zu seinen vielen Schülern. Der Bauhaus-Grün<strong>der</strong><br />

Walter Gropius selbst engagierte Albers<br />

wegen seiner ausgeprägten praktischen Fertigkeiten<br />

vor allem im Bereich Glas als Formmeister. Obschon<br />

dem Abstrakten zugeneigt, war Albers ein versierter<br />

figürlicher Zeichner mit einer lockeren, ausdrucksstarken<br />

Strichführung, <strong>der</strong> Form und Wesen dieses Uhus<br />

(Bubo bubo) auf ökonomische Art perfekt festhalten<br />

konnte. <strong>Die</strong> Fähigkeit, Kunst in allen möglichen praktischen<br />

Anwendungen zu erkennen und damit Form<br />

und Funktion, Design und Handwerk zu vereinen,<br />

war eine <strong>der</strong> zentralen Lehren des Bauhauses. Für<br />

Albers war die Kunst selbst die Konstante, <strong>der</strong> gemeinsame<br />

Nenner, <strong>der</strong> Albumcovern ebenso zugrunde<br />

lag wie architektonischen Entwürfen. Vor allem war<br />

Albers aber Lehrer, <strong>der</strong> eine Haltung <strong>der</strong> Bescheidenheit<br />

und den Wunsch, durch direkte Beobachtung und<br />

eigene Erfahrungen zu lernen, för<strong>der</strong>te. »Was zählt,<br />

ist nicht das sogenannte Wissen von sogenannten<br />

Fakten, son<strong>der</strong>n das Schauen – das Sehen.«<br />

83


Ken Loach<br />

Kes, 1969<br />

Film, verschiedene Größen<br />

Woodfall Film Productions, produziert von Tony Garnett / United Artists<br />

Falknerei mag <strong>der</strong> Sport <strong>der</strong> Könige sein, doch <strong>der</strong><br />

Turmfalke (Falco tinnunculus) ist ein »Vogel für<br />

das Gesindel <strong>der</strong> <strong>Welt</strong>«, so Regisseur Ken Loach<br />

(geb. 1936) in seinem gefeierten sozialkritischen Film<br />

von 1969, <strong>der</strong> auf dem Roman Und fing sich einen<br />

Falken (1968) von Barry Hines beruht. Der missverstandene<br />

Jugendliche Billy Casper (gespielt von<br />

David Bradley), den seine Lehrer nur zur Arbeit im<br />

örtlichen Kohlebergwerk fähig halten, fängt sich in<br />

Kes einen Falken und trainiert ihn. Dabei findet er<br />

Freundschaft, Freude und eine willkommene Abkehr<br />

von dem Frust durch den allgegenwärtigen Mangel an<br />

Freiheit o<strong>der</strong> Möglichkeiten. <strong>Die</strong>ses Bild – das auf den<br />

meisten europäischen Filmplakaten für diesen Streifen<br />

zu sehen war – zeigt Billys intensiven Blick auf<br />

Kes; seine spürbare Konzentration schenkt dem Vogel<br />

die volle Aufmerksamkeit und Sorge, die er selbst<br />

nur selten von seiner Familie erfährt. Bei <strong>der</strong> Jagd<br />

schweben Falken für gewöhnlich über dem Boden<br />

und suchen nach Beute, z. B. Wühlmäusen. Billy<br />

trainiert seinen Falken mit rohem Fleisch. In Kes verfolgt<br />

Loach seine wie<strong>der</strong>kehrenden Themen: soziale<br />

Isolation, die Benachteiligung <strong>der</strong> Schwächsten und<br />

die britische Sozialpolitik dieser Zeit. Trotz seiner<br />

ernsten Themen und <strong>der</strong> bisweilen erschütternden<br />

Erzählweise war <strong>der</strong> Film ein Überraschungserfolg,<br />

<strong>der</strong> Lob für seine Humanität, Authentizität und die<br />

Darstellung <strong>der</strong> menschlichen Beziehung zur Natur<br />

erhielt und Loachs Sprungbrett in die internationale<br />

Filmwelt bedeutete.<br />

84


Unbekannt<br />

Totenbuch auf dem Papyrus des Hunefer, ca. 1285 v. Chr.<br />

Bemalter Papyrus, 46,2 × 57,3 cm<br />

British Museum, London<br />

Rechts auf diesem Papyrus ist <strong>der</strong> Gott Ra-Harachte<br />

zu sehen: in Falkenform mit <strong>der</strong> Sonnenscheibe auf<br />

dem Kopf, begleitet von sieben Pavianen unter einem<br />

blauen Bogen, <strong>der</strong> vielleicht den Himmel darstellt.<br />

Unter ihm stehen die Göttinnen Isis (Mutter von<br />

Horus und Wie<strong>der</strong>herstellerin <strong>der</strong> toten Seelen) und<br />

Nephthys (Schwester von Isis und mit Bestattungen<br />

und Einbalsamierungen assoziiert) zu beiden Seiten<br />

einer personifizierten djed-Säule (eine Hieroglyphe,<br />

die Stabilität bedeutet). <strong>Die</strong>s ist ein Abschnitt aus<br />

dem Totenbuch des Hunefer, eines königlichen<br />

Schreibers und Verwalters von Pharao Seti I. Er und<br />

seine Frau Nasha stehen in Gebetshaltung auf <strong>der</strong><br />

linken Seite. Vielleicht hat Hunefer diesen Hymnus<br />

an die aufgehende Sonne sogar selbst abgeschrieben.<br />

Ra war <strong>der</strong> altägyptische Sonnengott, Herrscher über<br />

Himmel, Erde und Unterwelt. Er wurde als Falke<br />

dargestellt und nach <strong>der</strong> Verschmelzung mit dem<br />

falkenköpfigen Himmelsgott Horus Ra-Harachte<br />

genannt, »Ra, <strong>der</strong> Horus <strong>der</strong> zwei Horizonte«. Der<br />

Falke war das Kennzeichen <strong>der</strong> göttlichen Herrschaft,<br />

und <strong>der</strong> Pharao galt als menschliche Manifestation<br />

des Horus. Totenbücher enthielten Gebete zur Bestattung,<br />

Hymnen und Zaubersprüche und wurden ab<br />

dem Neuen Königreich (von ca. 1450 v. Chr.) bis kurz<br />

vor <strong>der</strong> römischen Zeit in Ägypten den Toten mitgegeben.<br />

<strong>Die</strong> Texte sollten <strong>der</strong> Seele beim Übergang<br />

in ein gesegnetes Nachleben helfen. <strong>Die</strong> schönsten<br />

Beispiele, wie dieses hier, wurden von Künstlern und<br />

Meisterschreibern geschaffen.<br />

85


Johann Bayer und Alexan<strong>der</strong> Mair<br />

Konstellationen: Apis Indica, Hydra, Pavo, Indus, Grus, Phoenix, Toucan, Piscis Volans, Chameleon,<br />

Nubecula Minor und Major, Dorado und Triangulum Australe, aus Uranometria von Johann Bayer, 1603<br />

Stich, 29 × 39 cm<br />

David Rumsey Map Collection, Stanford University, Kalifornien<br />

<strong>Die</strong>se Sternenkarte von 1603 – die erste <strong>der</strong> südlichen<br />

Hemisphäre – enthält fünf Konstellationen mit<br />

»Himmelsvögeln«. Links ist <strong>der</strong> mythische Phönix<br />

zu sehen, <strong>der</strong> 500 Jahre lebt, bevor er verbrennt und<br />

in seinen Flammen wie<strong>der</strong>geboren wird; daneben<br />

befindet sich Grus, <strong>der</strong> Kranich, mit Tucana, dem<br />

Tukan, darunter. Rechts einer Figur mit Pfeilen steht<br />

Pavo, <strong>der</strong> Pfau, dessen Schwanz angeblich 100 Augen<br />

trägt, neben Apus, dem Paradiesvogel, einem Bewohner<br />

Australiens und Papua-Neuguineas, Län<strong>der</strong>n, in<br />

denen dieser Teil des Himmels sichtbar ist. Der Jurist<br />

Johann Bayer (1572–1625) schuf den ersten Atlas des<br />

gesamten Himmels, Uranometria, mit 51 Bildtafeln.<br />

<strong>Die</strong> darin enthaltenen illustrierten Figuren von Alexan<strong>der</strong><br />

Mair (1559–ca. 1620) beruhen auf Entwürfen<br />

Albrecht Dürers (siehe S. 166). 48 Bildtafeln zeigen<br />

die Konstellationen des nördlichen Sternenhimmels<br />

nach dem griechischen Astronomen Ptolemäus, diese<br />

Bildtafel jedoch enthält all die neuen Sterne und<br />

Sternbil<strong>der</strong>, die die Entdecker <strong>der</strong> Nie<strong>der</strong>ländischen<br />

Ostindien-Kompanie auf ihrer ersten Reise nach Java<br />

und Sumatra 1594 aufzeichneten. Es überrascht nicht,<br />

dass so viele <strong>Vögel</strong> darunter sind – schließlich ist ihre<br />

traditionelle Symbolik eine Verbindung zwischen <strong>der</strong><br />

irdischen <strong>Welt</strong> und dem Himmel. Von den 88 heute<br />

anerkannten Konstellationen sind neun <strong>Vögel</strong>: die<br />

fünf von Bayer genannten sowie die älteren Sternbil<strong>der</strong><br />

des Ptolemäus: Corvus, <strong>der</strong> Rabe, Aquila, <strong>der</strong><br />

Adler, Cygnus, <strong>der</strong> Schwan, und Columba, die Taube.<br />

86


Unbekannt<br />

Kachel mit Bild eines Phönix, spätes 13. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

Fritte mit Unterglasur, bemalt in Blau und Türkis und lüster-bemalt auf deckendem weißem Grund, 37,5 × 36,2 cm<br />

Metropolitan Museum of Art, New York<br />

Nach <strong>der</strong> mongolischen Eroberung des Iran in <strong>der</strong><br />

Zeit des Ilchanats zwischen 1256 und 1335 gab es eine<br />

Vielzahl von Verbindungen – im Handel wie in <strong>der</strong><br />

Kunst – zwischen China und Persien. Bildsymbole<br />

wie die Lotosblüte breiteten sich aus. Einige <strong>der</strong><br />

schönsten Beispiele sind die Kacheln vom Tacht-e<br />

Suleiman (»Thron des Salomo«) im Nordwestiran.<br />

<strong>Die</strong> vom mongolischen Herrscher Abaqa Chan als<br />

Sommer- und Jagdpalast erbaute Anlage befand sich<br />

an <strong>der</strong> Stelle des Adur-i Guschnasp, eines <strong>der</strong> drei<br />

zoroastrischen Feuerheiligtümer des vorislamischen<br />

Iran. <strong>Die</strong>se sollte die neue Herrschaft <strong>der</strong> Mongolen<br />

legitimieren. <strong>Die</strong> abgebildete Kachel, vermutlich aus<br />

Tacht-e Suleiman, ist kobalt- und lüster-glasiert und<br />

zeigt einen Fenghuang, einen dem Phönix ähnlichen<br />

Vogel. Das Symbol <strong>der</strong> Tugend und <strong>der</strong> Vereinigung<br />

von Yin und Yang wird bei Hochzeiten oft mit einem<br />

Loong (chinesischen Drachen) gepaart und von Herrschern<br />

benutzt, um eine positive Beziehung zwischen<br />

einem Mann (dem Drachen) und einer Frau (dem<br />

Fenghuang) anzuzeigen. <strong>Die</strong> Kreatur ist in vielen ostasiatischen<br />

Kulturen verbreitet und findet sich heute<br />

auf dem Siegel des Präsidenten Südkoreas, im Namen<br />

von Taifunen und in chinesischen Ortsnamen. Der<br />

Vogel könnte auch eine Referenz auf den Simurgh<br />

sein, ein an<strong>der</strong>es uraltes phönixartiges Tier aus <strong>der</strong><br />

persischen Kultur. Auch dies belegt die Mischung aus<br />

mongolischen, chinesischen und persischen Einflüssen<br />

auf die Kunst des Ilchanats.<br />

87


R. H. Laurie<br />

Laurie’s New and Entertaining Game of the Golden Goose, 1848<br />

Handkolorierter Stich auf Papier mit einer Rückseite aus Leinen, 35,5 × 46 cm<br />

Wellcome Collection, London<br />

Wer das Gänsespiel gewinnt, erhält einen Preis: die<br />

drei großen goldenen Eier, die neben <strong>der</strong> Gans am<br />

Flussufer liegen. Als das Gänsespiel im 16. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

in Italien aufkam, wo Gänse als Glücksbringer<br />

galten – ein Aberglaube, <strong>der</strong> vielleicht auf<br />

den römischen Glauben zurückgeht, dass Gänse die<br />

Lieblingstiere <strong>der</strong> Göttin Juno waren –, war es das<br />

erste kommerzielle Brettspiel. Seine Wurzel liegen<br />

allerdings bei einem Vorläufer im alten Ägypten. Das<br />

Gänsespiel war in ganz Europa beliebt – Francesco<br />

de’ Medici übergab König Philip II. von Spanien ein<br />

Spiel als Geschenk. <strong>Die</strong>ses spätere englische Design,<br />

produziert von Richard Holmes Laurie (1777–1858),<br />

bezieht sich auf Äsops Fabel von <strong>der</strong> »Gans, die<br />

goldene Eier legt«, in <strong>der</strong> vor <strong>der</strong> Gier gewarnt wird.<br />

Dabei basiert das Spiel rein auf dem Zufall; wie<br />

bei allen verwandten Spielen, etwa dem Leiterspiel<br />

( Snakes and Lad<strong>der</strong>s), wird das Vorankommen durch<br />

Würfeln bestimmt. In dieser Version beginnen die<br />

Spieler in Feld 1 am Auge des Vogels und arbeiten<br />

sich dann von rechts nach links durch den Körper<br />

voran bis Feld 63 über den Füßen. Im Laufe <strong>der</strong><br />

Jahrhun<strong>der</strong>te gab es unzählige Variationen, doch das<br />

Prinzip blieb gleich: Über das Brett sind Gänsefel<strong>der</strong><br />

mit einem kleinen Bild des Vogels verteilt; Spieler, die<br />

auf diesen Glücksfel<strong>der</strong>n landen, dürfen noch einmal<br />

würfeln. Das moralisch fragwürdige Inn dagegen<br />

lässt den Spieler einmal aussetzen, während das Feld<br />

des Todes, markiert durch ein Skelett, die Spieler<br />

zurück auf den Anfang schickt.<br />

88


Peter Carl Fabergé<br />

Das Hennen-Ei, 1885<br />

Verschiedenfarbiges Gold, Emaille, Rubine, H. Ei: 6,4 cm, Henne: 3,5 cm<br />

Fabergé Museum, Sankt Petersburg<br />

1885 beauftragte Zar Alexan<strong>der</strong> III. von Russland den<br />

Juwelier Peter Carl Fabergé, ein Ostergeschenk für<br />

seine Frau, Zarin Maria, herzustellen. Inspiriert von<br />

einem Elfenbein-Ei <strong>der</strong> Königlich Dänischen Sammlung<br />

aus dem 18. Jahrhun<strong>der</strong>t – Maria war dänischer<br />

Herkunft –, schuf Fabergé dieses Hennen-Ei: eine<br />

weiße Emaille-»Schale«, die beim Öffnen ein mattgoldenes<br />

»Eigelb« enthüllt, in dem sich eine goldene<br />

Henne verbirgt, in <strong>der</strong> sich eine Replik <strong>der</strong> Zarenkrone<br />

befindet. Das opulente Geschenk aus Fabergés<br />

Werkstatt war Beginn einer jährlichen Tradition.<br />

Alexan<strong>der</strong> und ab 1894 sein Sohn, Zar Nikolaus II.,<br />

ließen als Geschenke für die Familie aufwendig<br />

ge schmückte Eier mit reichen »Überraschungen« herstellen.<br />

Für Fabergé, <strong>der</strong> 1882 das familiäre Juweliergeschäft<br />

übernommen hatte, war dies die Chance, die<br />

Kunstfertigkeit und Opulenz seiner Objets d’art zur<br />

Schau zu stellen. Alexan<strong>der</strong> III. hatte Fabergés Arbeit<br />

zum ersten Mal auf <strong>der</strong> Allrussischen Ausstellung<br />

1882 in Moskau gesehen. Nach den ersten Aufträgen<br />

erhielt <strong>der</strong> Juwelier zunehmend freie Hand bei seinen<br />

Kreationen. Er schuf mehr als 50 kaiserliche Eier.<br />

Nach <strong>der</strong> Revolution von 1917 galten Fabergé-Eier<br />

jedoch als Symbole für die Extravaganz und Verschwendungssucht<br />

<strong>der</strong> Romanows. <strong>Die</strong> Bolschewiki<br />

beschlagnahmten die Eier 1918 und verkauften<br />

sie später in die ganze <strong>Welt</strong>. Der Geschäftsmann<br />

Wiktor Wekselberg gab 2004 neun Eier, darunter das<br />

Hennen-Ei, an Russland zurück. Er hatte 100 Millionen<br />

Dollar für sie bezahlt.<br />

89


90


J. W. Ludlow<br />

Auswahl an Bildtafeln aus The Illustrated Book of Pigeons. With standards for judging von Robert Fulton, 1876<br />

Chromolithografien, jeweils 28 × 21,5 cm<br />

Field Museum of Natural History Library, Chicago, Illinois<br />

<strong>Die</strong>se bemerkenswerten Taubenvarietäten sehen zwar<br />

völlig verschieden aus, gehören aber zur selben Art:<br />

<strong>der</strong> domestizierten Form <strong>der</strong> Felsentaube (Columba<br />

livia). Sie werden für Taubenrennen und zum Übermitteln<br />

von Nachrichten in Kriegszeiten benutzt und<br />

sind in nahezu allen Städten <strong>der</strong> <strong>Welt</strong> zu finden – und<br />

ihre Vielfalt ist erstaunlich. Der britische Naturforscher<br />

Charles Darwin schrieb im ersten Kapitel<br />

von Über die Entstehung <strong>der</strong> Arten (1859) über Rassetauben:<br />

»So könnte man wenigstens zwanzig Tauben<br />

auswählen, welche ein Ornithologe, wenn man ihm<br />

sagte, es seien wilde <strong>Vögel</strong>, unbedenklich für wohlumschriebene<br />

Arten erklären würde.« <strong>Die</strong> schiere Vielfalt<br />

an Formen, die man durch selektive Zucht aus einem<br />

einzigen wilden Ahnen erschaffen konnte, legte für<br />

Darwin einen Mechanismus frei, nach dem sich Tiere<br />

in <strong>der</strong> Natur än<strong>der</strong>n konnten. Darwin, <strong>der</strong> selbst Tauben<br />

zog, nutzte die Experimente mit seinen <strong>Vögel</strong>n<br />

und die Gespräche mit an<strong>der</strong>en Taubenliebhabern für<br />

seine Theorie <strong>der</strong> Evolution durch natürliche Auslese.<br />

Robert Fultons The Illustrated Book of Pigeons ist ein<br />

Klassiker und stellt alle Rassen dar, die Ende des<br />

19. Jahrhun<strong>der</strong>ts in England beliebt waren: Jakobiner,<br />

Kropf-, Pfauen-, Boten-, Barb-, Scandaroon-, Mövenund<br />

Purzlertauben, um nur einige zu nennen, alle<br />

in vielen Variationen aus Farbe und Muster. <strong>Die</strong>se<br />

Züchtungen gibt es heute noch, aber kaum eine sieht<br />

noch so aus wie zu Fultons Zeit – durch künstliche<br />

Auslese haben sie sich in wenigen Taubengenerationen<br />

weiterentwickelt.<br />

91


Hoang Tien Quyet<br />

Hahn, 2014<br />

Nassfaltung aus einem ungeschnittenen Quadrat vietnamesischen handgemachten Papiers, verschiedene Größen<br />

<strong>Die</strong>se bemerkenswerte Figur eines Hahnes faltete <strong>der</strong><br />

vietnamesische Origami-Künstler Hoang Tien Quyet<br />

(geb. 1988) aus einem einzigen Stück Papier. Schon als<br />

Kind begann Quyet mit dem Papierfalten. Später trat<br />

er <strong>der</strong> Vietnam Origami Group bei, wo er die Technik<br />

des Nassfaltens erlernte, die es den Künstlern ermöglicht,<br />

natürliche, fließende Linien zu erzielen, indem<br />

die Bindung <strong>der</strong> Papierfasern zeitweise aufgelöst wird,<br />

sodass das Papier gefaltet werden kann, bevor die Bindung<br />

wie<strong>der</strong> einsetzt. Quyet verwendet handgemachtes<br />

vietnamesisches Papier zum Formen von Tieren:<br />

Schweine, Hasen, Löwen, Füchse usw. <strong>Die</strong>ser Hahn –<br />

einer von zweien, die er innerhalb weniger Jahre<br />

geschaffen hat – spiegelt die Bedeutung des Vogels in<br />

<strong>der</strong> vietnamesischen Tradition wi<strong>der</strong>. Da <strong>der</strong> Hahn<br />

bei Sonnenaufgang laut kräht, wird er auf <strong>der</strong> ganzen<br />

<strong>Welt</strong> als Verbindung zwischen den Menschen und<br />

dem Himmel gefeiert, von dem er das Sonnenlicht<br />

herabruft; in Vietnam ist er mit <strong>der</strong> übernatürlichen<br />

<strong>Welt</strong> <strong>der</strong> Geister verbunden. Der Hahn war bereits bei<br />

den Bauernvölkern des prähistorischen Vietnam ein<br />

wichtiges Ritualsymbol, als die Dong Son Bil<strong>der</strong> des<br />

Vogels auf ihren Trommeln in Bronze gossen und ihn<br />

an die Tempel <strong>der</strong> Muttergöttin malten. Zu Silvester,<br />

<strong>der</strong> dunkelsten Nacht des Jahres, werden als traditionelle<br />

Geste Hähne geopfert, um sicherzustellen, dass<br />

die Sonne am nächsten Morgen wie<strong>der</strong> aufgeht. In<br />

Dörfern auf dem Lande glaubt man, dass die Familie,<br />

<strong>der</strong>en Hahn am Neujahrstag als Erster kräht, ganz<br />

beson<strong>der</strong>s vom Glück gesegnet ist.<br />

92


Unbekannt<br />

Anhänger in Form eines Hahnes, ca. 1600<br />

Emaille, Gold, Perle, Rubin, 7,5 cm × 4,5 cm<br />

Rijksmuseum, Amsterdam<br />

<strong>Die</strong>ser winzige, zarte Hahn war so wertvoll, dass er<br />

vermutlich dem Statthalter <strong>der</strong> Republik <strong>der</strong> Vereinigten<br />

Nie<strong>der</strong>lande gehörte. Geschaffen wurde er von<br />

einem unbekannten deutschen Juwelier als Gehäuse<br />

für eine sogenannte Barockperle – eine Perle, die groß<br />

genug war, um einen Wert zu besitzen, aber zu unregelmäßig<br />

geformt, um sie in <strong>der</strong> Art von Ohrringen<br />

o<strong>der</strong> Halsketten zu verarbeiten, die in den Gemälden<br />

des nie<strong>der</strong>ländischen Malers Jan Vermeer so oft zu<br />

sehen sind. <strong>Die</strong> Perle bildet den Körper des Vogels,<br />

während Kopf, Schwanz und Füße aus Gold bestehen,<br />

das mit verschiedenfarbiger Emaille überzogen und<br />

mit Rubinen verziert ist. Für die Protestanten in den<br />

Nie<strong>der</strong>landen waren Perlen ein Symbol des Christentums,<br />

speziell für die Reinheit und Keuschheit, die<br />

mit Maria und Jesus assoziiert wurden; oft waren sie<br />

auch mit <strong>der</strong> Vorstellung <strong>der</strong> Vanitas verknüpft – <strong>der</strong><br />

Lehre, dass irdischer Reichtum vergeht, während<br />

spiritueller Reichtum bestehen bleibt. Hähne galten<br />

außerdem wegen ihrer Gewohnheit, morgens zu krähen,<br />

als Vorboten guter Neuigkeiten, als Fruchtbarkeitssymbol<br />

und aufgrund ihres Hangs zu Kämpfen<br />

als Kriegszeichen. Händler brachten Perlen aus den<br />

nie<strong>der</strong>ländischen Kolonien in Asien mit, speziell vom<br />

Golf von Mannar zwischen Südindien und Sri Lanka.<br />

Taucher, die sich mit Steinen auf den Meeresboden<br />

sinken ließen, sammelten diese dort. Perfekt geformte<br />

Perlen waren jedoch selten und teuer, sodass Juweliere<br />

einfallsreiche Methoden fanden, die unregelmäßigen<br />

Exemplare vorteilhaft einzusetzen.<br />

93


Jim Henson und Kermit Love<br />

Bibo liest in einer Folge <strong>der</strong> Sesamstraße Kin<strong>der</strong>n vor, 2008<br />

Fotografie, verschiedene Größen<br />

<strong>Die</strong>ser linkische, 2,50 m hohe knallgelbe Vogel unterhält<br />

seit 1969 Vorschulkin<strong>der</strong> in <strong>der</strong> amerikanischen<br />

Fernsehserie Sesamstraße. Manche glauben, Bibo sei<br />

ein übergroßer Kanarienvogel, an<strong>der</strong>e halten ihn für<br />

einen riesigen Ibis (Pseudibis gigantea) o<strong>der</strong> einen einzigartigen<br />

Typus von Schreikranich (Grus americana):<br />

Tatsächlich ist seine Spezies ein Geheimnis. Bibo ist<br />

bekannt für sein kindliches Staunen und seine Missverständnisse<br />

sowie für seine Beteuerungen, dass es<br />

nicht schlimm ist, nicht alles zu wissen, weil auch<br />

er noch viel lernen muss; »Fragen zu stellen, ist ein<br />

guter Weg, Dinge herauszufinden!«, sagt er immer.<br />

<strong>Die</strong> vom Puppenspieler und Schöpfer <strong>der</strong> Muppets,<br />

Jim Henson (1936–90), entworfene Puppe ist mit<br />

etwa 4.000 gelb gefärbten weißen Truthahnfe<strong>der</strong>n<br />

bedeckt. Der Puppenspieler ist komplett in den Anzug<br />

eingeschlossen und bedient Kopf und Hals <strong>der</strong> Figur<br />

mit erhobener Hand. Da die Puppe keine Löcher<br />

zum Hinausschauen besitzt, wird sie am Set mithilfe<br />

eines kleinen Monitors manövriert, <strong>der</strong> an den Körper<br />

des Puppenspielers geschnallt ist. Von 1969 bis zu<br />

seinem Ruhestand 2018 steckte Caroll Spinney in<br />

Bibo, anschließend übernahm Matt Vogel. Spinney<br />

entwickelte den Charakter von einem spatzenhirnigen<br />

Landei zu einem neugierigen Sechsjährigen und<br />

schaffte es somit, dass Kin<strong>der</strong> sich wirklich mit ihm<br />

identifizieren können. <strong>Die</strong> US-amerikanische Library<br />

of Congress honorierte den Einfluss <strong>der</strong> Figur auf<br />

Kultur und Bildung, als sie Bibo zur Living Legend<br />

erklärte.<br />

94


Florentijn Hofman<br />

Rubber Duck, 2013<br />

PVC, H. 16,50 m<br />

Temporäre Installation, Hongkong<br />

Eine aufblasbare, fast 20 m hohe Ente schwimmt im<br />

Hafen von Hongkong wie in einer riesigen Badewanne.<br />

Ihre vertraute Gestalt entstand in den 1940er-<br />

Jahren – die ersten Gummienten aus den 1880er-Jahren<br />

waren nicht schwimmfähige Kauspielzeuge für<br />

Babys –, wobei die Form des gelben Körpers und des<br />

orangefarbenen Schnabels oft dem Bildhauer Peter<br />

Ganine zugeschrieben wird, <strong>der</strong> mehr als 50 Millionen<br />

davon verkaufte. Der nie<strong>der</strong>ländische Künstler<br />

Florentijn Hofman (geb. 1977) präsentierte seine riesige<br />

Gummiente das erste Mal 2007 auf <strong>der</strong> Loire in<br />

Saint-Nazaire. Damit wie<strong>der</strong>holte er das Konzept des<br />

»normalen Objekts in Übergröße« von Claes Oldenburg<br />

aus den 1970er-Jahren. Er schuf Kopien für<br />

an<strong>der</strong>e Orte und ließ schließlich 2013 Rubber Duck im<br />

Victoria Harbour von Hongkong installieren – finanziert<br />

von <strong>der</strong> Stadt. Laut Hofman basiert das Stück<br />

auf einer kleinen Ente des lokalen Unternehmens<br />

Tolo Toys. <strong>Die</strong> Skulptur erinnert außerdem an einen<br />

Zwischenfall von 1992, bei dem ein Containerschiff<br />

aus Hongkong im Pazifik einen Teil <strong>der</strong> Ladung verlor,<br />

darunter 29.000 Gummienten. <strong>Die</strong>se schwammen<br />

tausende Kilometer fort und erwiesen sich für<br />

Ozeanografen als wertvolle Hilfe beim Bestimmen<br />

von Meeresströmungen. Von Beginn an hinterfragte<br />

Rubber Duck den Wert öffentlicher Kunst, <strong>der</strong>en<br />

Allgegenwart die Idee anzweifelt, dass sie ortsspezifisch<br />

sein sollte. Hofmans spätere Werke – u. a. riesige<br />

Elefanten und Hasen – erreichten nie die Beliebtheit<br />

des Originals.<br />

95


William de Morgan<br />

<strong>Die</strong> Lektion im Fischen, ca. 1890er-Jahre<br />

Keramikplatte, Durchmesser 37 cm<br />

Privatsammlung<br />

Eine Pelikanmutter mit schützend ausgebreiteten<br />

Schwingen drängt ihr Küken, einen <strong>der</strong> vielen<br />

Fische zu fangen, die im Fluss herumschwimmen.<br />

Der gefeierte englische Töpfer William de Morgan<br />

(1839–1917) bemalte diese große Keramikplatte mit<br />

einer strahlenden Palette aus reichen Blau-, Grünund<br />

Perlglasuren. Pelikane fischen und fressen oft in<br />

Gruppen, wenn Fische im Überfluss vorhanden sind.<br />

Sie schöpfen diese in ihren großen Kehlsack, legen<br />

dort allerdings keine Vorräte an, son<strong>der</strong>n schlucken<br />

die Fische sofort hinunter. De Morgan war eng mit<br />

William Morris und <strong>der</strong> Arts-and-Crafts-Bewegung<br />

des späten 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts verbunden, und die Entwürfe<br />

seiner Platten und Kacheln im persischen Stil<br />

enthalten oft <strong>Vögel</strong> und Tiere, inspiriert von nahöstlichen<br />

Motiven, Mustern <strong>der</strong> italienischen Renaissance,<br />

mittelalterlicher Kunst und nie<strong>der</strong>ländischen<br />

Stichen des 17. Jahrhun<strong>der</strong>ts. <strong>Die</strong>ses typische Beispiel<br />

ähnelt den lebhaften Keramiken aus dem türkischen<br />

Iznik. Seine schillernde Oberfläche ist als Lüsterung<br />

bekannt, eine alte Form <strong>der</strong> Glasur, die im 9. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

in Ägypten entstand, bevor sie sich über<br />

Syrien in den Nahen Osten und nach Europa ausbreitete.<br />

De Morgan belebte die Technik nach einer Phase<br />

des Experimentierens wie<strong>der</strong>; er entdeckte, dass eine<br />

Reduzierung des Sauerstoffs im Ofen während des<br />

Brennens eine Schicht aus Silberoxid auf <strong>der</strong> Oberfläche<br />

<strong>der</strong> Platte erzeugt. Das Ergebnis war kommerziell<br />

erfolgreich und seine handgefertigten Keramiken<br />

waren bei Sammlern begehrt.<br />

96


Jan Asselijn<br />

Der bedrohte Schwan, ca. 1650<br />

Öl auf Leinwand, 144 × 171 cm<br />

Rijksmuseum, Amsterdam<br />

<strong>Die</strong>ser Höckerschwan (Cygnus olor), überlebensgroß,<br />

zischend und mit ausgebreiteten Schwingen, ragt<br />

über dem Betrachter auf, während er einen räudigen<br />

Hund (kaum sichtbar im Wasser auf <strong>der</strong> linken<br />

Seite) abwehrt, um sein volles Nest zu beschützen.<br />

Seine verdrehte Form und herumfliegenden Fe<strong>der</strong>n<br />

unterstreichen die Aufregung des Vogels, während<br />

das dramatische Licht und die schweren Wolken im<br />

Hintergrund die unheilvolle Atmosphäre verstärken.<br />

Vielleicht hat eine wirkliche Begegnung mit einem<br />

Schwan einen bleibenden Eindruck bei Jan Asselijn<br />

(ca. 1610–52), einem Maler des nie<strong>der</strong>ländischen Goldenen<br />

Zeitalters, hinterlassen. Es ist das einzige Bild<br />

dieser Art unter seinen vielen italianisierten Landschaftsgemälden.<br />

Mehrere Jahrzehnte nach seiner<br />

Erschaffung begann eine Neuinterpretation als Allegorie<br />

für ein Ereignis, das 20 Jahre nach Asselijns Tod<br />

eintrat. Hinzugefügte Inschriften identifizieren eines<br />

<strong>der</strong> Eier als »Holland« und den Hund als »Staatsfeind«.<br />

Der Schwan selbst repräsentiert Johan de Witt,<br />

den republikanischen Ratspensionär, <strong>der</strong> erfolglos <strong>der</strong><br />

Wie<strong>der</strong>einsetzung des jungen Wilhelm III. von Oranien<br />

als Statthalter entgegentrat. 1672 wurden de Witt<br />

und sein Bru<strong>der</strong> Cornelis fälschlich <strong>der</strong> Invasion <strong>der</strong><br />

Nie<strong>der</strong>lande durch eine europäische Allianz bezichtigt<br />

und von einem Mob in Den Haag gelyncht. Als<br />

politischer Kommentar kam diesem Bild – wenn auch<br />

ungewollt – große historische Bedeutung zu, und es<br />

war das erste Kunstwerk, das 1800 für die Nationale<br />

Kunstgalerij (später Rijksmuseum) erworben wurde.<br />

97


Arthur Rackham<br />

»The Owl and the Birds« (<strong>Die</strong> Eule und die <strong>Vögel</strong>) aus Aesop’s Fables, William Heinemann Edition, 1912<br />

Tinte und Wasserfarbe, 29,5 × 22,9 cm<br />

Privatsammlung<br />

Eine wilde Mischung aus Bauernhoftieren und wilden<br />

<strong>Vögel</strong>n schart sich um eine Schleiereule (Tyto alba),<br />

die ihnen rät, einen zarten Eichenschössling herauszureißen.<br />

Zum Publikum <strong>der</strong> Eule gehören Storch,<br />

Kondor, Ente, Truthahn, Hahn, Ara, ein Star und ein<br />

weiterer Singvogel – ein Rotkehlchen? –, <strong>der</strong> nur von<br />

hinten zu sehen ist. <strong>Die</strong> Illustration des britischen<br />

Künstlers Arthur Rackham (1867–1939) begleitet die<br />

Geschichte »<strong>Die</strong> Eule und die <strong>Vögel</strong>« aus Äsops Fabeln,<br />

einer Geschichtensammlung, die vor 2.500 Jahren<br />

in Griechenland zusammengetragen wurde. <strong>Die</strong> für<br />

ihre Weisheit bekannte Eule rät den <strong>Vögel</strong>n, die Eiche<br />

nicht wachsen zu lassen, da sie Misteln produzieren<br />

wird, mit denen man <strong>Vögel</strong> vergiften kann. Sie sollen<br />

Flachssamen fressen, da aus den Fasern Netze zum<br />

Fangen <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> hergestellt werden. Und sie sollen<br />

sich vor dem Bogenschützen hüten, <strong>der</strong> Fe<strong>der</strong>n für die<br />

Pfeile benutzt, mit denen er die <strong>Vögel</strong> tötet. Zunächst<br />

ignorieren die <strong>Vögel</strong> die Botschaft – zerstöre die Saat<br />

des Bösen, bevor sie dir schaden kann –, erkennen<br />

dann aber den Sinn <strong>der</strong> Lektion. Rackham war ein<br />

talentierter Buchillustrator, dessen ergreifende Zeichnungen<br />

und Gemälde viele berühmte Publikationen<br />

zieren, vor allem Kin<strong>der</strong>bücher wie J. M. Barries Peter<br />

Pan (1911) und Kenneth Grahames Der Wind in den<br />

Weiden (1908) sowie Klassiker wie Shakespeares Ein<br />

Sommernachtstraum. <strong>Die</strong>se Bildtafel ist aus einer englischen<br />

Ausgabe von Äsops Fabeln, veröffentlicht 1912<br />

von William Heinemann in London.<br />

98


Theo van Hoytema<br />

Seite xii, aus Het leelijke jonge eendje (»Das hässliche Entlein«), 1893<br />

Chromolithografie, 29 × 22,5 cm<br />

Koninklijke Bibliotheek, Den Haag<br />

Ein hässliches Entenküken mit braunen Fe<strong>der</strong>n ist<br />

von einer Schar weißer Enten umgeben, die es schelten<br />

und beißen und schließlich verjagen – nur weil<br />

es an<strong>der</strong>s aussieht. Der Vogel wächst schließlich zu<br />

einem wun<strong>der</strong>schönen Schwan heran – eine moralische<br />

Lektion für die Leser, Schönheit nicht nur nach<br />

dem Äußeren zu beurteilen. <strong>Die</strong>se Illustration <strong>der</strong><br />

berühmten Geschichte »Das hässliche Entlein« von<br />

Hans Christian An<strong>der</strong>sen stammt von dem bekannten<br />

nie<strong>der</strong>ländischen Künstler Theo van Hoytema<br />

(1863–1917) aus seinem zweiten Kin<strong>der</strong>buch aus dem<br />

Jahre 1893. Der Zauber seiner Illustrationen liegt<br />

darin, dass er mit nur wenigen Strichen die <strong>Vögel</strong><br />

beschreibt. Als 2000 die dritte Auflage herauskam,<br />

lobte <strong>der</strong> Verleger A. G. Schoon<strong>der</strong>beek van Hoytemas<br />

Werk als »das schönste Bil<strong>der</strong>buch <strong>der</strong> Nie<strong>der</strong>lande«.<br />

Das Buch war für seine Zeit ausgesprochen mo<strong>der</strong>n.<br />

<strong>Die</strong> 31 Lithografien sind im Fünf-Farb-Druck produziert,<br />

was bedeutete, dass für jede Farbe ein eigener<br />

Stein (Lithografie heißt »Steindruck«) hergestellt<br />

werden musste. Der Künstler zeichnet den Entwurf<br />

direkt auf die Steinplatte und so bewahrt <strong>der</strong> Druck<br />

unmittelbar das grafische Wesen <strong>der</strong> Handschrift des<br />

Künstlers – wie man Hoytemas Illustrationen sehr<br />

gut ansehen kann. Speziell in <strong>der</strong> zweiten Hälfte des<br />

19. Jahrhun<strong>der</strong>ts erbrachte diese neue Drucktechnik<br />

eine Flut wun<strong>der</strong>schön illustrierter Bücher, an denen<br />

sich Erwachsene wie Kin<strong>der</strong> gleichermaßen erfreuten.<br />

99


Joel Sartore<br />

Krauskopfarassari (Pteroglossus beauharnaesii) im Dallas World Aquarium, 2013<br />

Fotografie, verschiedene Größen<br />

Der durchdringende Blick des Krauskopfarassari<br />

(Pteroglossus beauharnaesii) scheint den Betrachter<br />

zu packen. Das ist <strong>der</strong> Reiz des US-amerikanischen<br />

Fotografen Joel Sartore (geb. 1962), dessen Werk eine<br />

Verbindung zwischen Menschen und dem Vogel und<br />

seinen an<strong>der</strong>en tierischen Motiven herstellt, während<br />

er gleichzeitig eine tiefe Ehrfurcht vor den körperlichen<br />

Merkmalen <strong>der</strong> Geschöpfe ausdrückt. <strong>Die</strong> leuchtenden<br />

Farben dieses Tukans, <strong>der</strong> in den feuchten<br />

Wäl<strong>der</strong>n des Amazonbeckens heimisch ist, heben sich<br />

in atemberauben<strong>der</strong> Detailfülle vor dem schwarzen<br />

Hintergrund ab. Sartores ambitioniertes Projekt, The<br />

Photo Ark, begann 2006 mit dem Ziel, einen visuellen<br />

Katalog <strong>der</strong> biologischen Vielfalt des Planeten<br />

zu erschaffen. Er will alle ca. 12.000 Arten fotografieren,<br />

die weltweit in Zoos und Wildtierreservaten<br />

leben. <strong>Die</strong> Artenliste reicht dabei von Wirbellosen,<br />

die nur einige Zentimeter lang sind, bis zu Elefanten<br />

und Giraffen. Es ist ein gewaltiges Unterfangen, das<br />

nach Sartores Schätzung etwa 25 Jahre dauern wird.<br />

Als Kind war er sehr bewegt von <strong>der</strong> Geschichte <strong>der</strong><br />

letzten Wan<strong>der</strong>taube (Ectopistes migratorius) Martha,<br />

die 1914 im Cincinnati Zoo & Botanical Garden starb<br />

und so das Aussterben ihrer Art besiegelte. Sartore<br />

hofft innig, dass er zum Schutz <strong>der</strong> von ihm gezeigten<br />

Arten anregen und damit <strong>der</strong>en Aussterben verhin<strong>der</strong>n<br />

kann. Er veröffentlicht seine Arbeiten vor allem<br />

in Partnerschaft mit National Geographic. Außerdem<br />

wurde The Photo Ark global bekannt gemacht, zum<br />

Beispiel in <strong>der</strong> Dokumentarserie Rare auf PBS.<br />

100


John Gilroy<br />

Lovely Day for a Guinness, 1955<br />

Farblithografie, 60 × 40 cm<br />

Guinness Archives, Dublin<br />

Der an seinem großen, bunten Schnabel sofort<br />

erkennbare Riesentukan (Ramphastos toco) sitzt auf<br />

einer Wetterfahne und balanciert ein großes Glas<br />

mit Starkbier auf seinem Schnabel. Obwohl er aus<br />

den Regenwäl<strong>der</strong>n Südamerikas stammt, war dieser<br />

größte aller Tukane in Großbritannien mehr als<br />

25 Jahre lang synonym für Guinness, die berühmte<br />

irische Brauerei. <strong>Die</strong>ses Werbeplakat wurde von<br />

dem englischen Künstler John Gilroy (1898–1985)<br />

geschaffen, <strong>der</strong> von 1928 bis in die 1960er an Guinness-Werbungen<br />

arbeitete. Während seiner Tätigkeit<br />

in <strong>der</strong> Werbeagentur S. H. Benson wurde <strong>der</strong> frühere<br />

Zeitungskarikaturist gebeten, eine angenehme, familientaugliche<br />

Werbung für die Marke zu entwickeln.<br />

Inspiriert von einem Seelöwen im Zirkus, vertauschte<br />

Gilroy den Ball, den dieser auf seiner Nase balancierte,<br />

mit einem Pintglas und dachte sich eine ganze<br />

Serie aus, in <strong>der</strong> unglückseligen Zoowärtern ihr Bier<br />

von einer immer größer werdenden Menagerie an<br />

Figuren gemopst wird, darunter eine Schildkröte,<br />

ein Strauß, ein Krokodil, ein Känguru, ein Pinguin<br />

und natürlich <strong>der</strong> kultverdächtige Tukan. Gilroy<br />

stellte rund 50 Poster für Guinness her, mit mehreren<br />

Entwürfen für jede Kampagne (in einer früheren<br />

Version dieses Plakats schaut <strong>der</strong> Vogel in die an<strong>der</strong>e<br />

Richtung). Außerdem entwarf er Plakatserien für den<br />

amerikanischen Markt, bei denen Tukane mit Pintglas<br />

über die Freiheitsstatue, Mount Rushmore und<br />

die Golden Gate Bridge fliegen – allerdings wurden<br />

diese Plakate niemals eingesetzt.<br />

101


Georg Flegel<br />

Stillleben mit <strong>Vögel</strong>n, Insekten und einer Maus, 1637<br />

Öl auf Leinwand, 52,5 × 54,5 cm<br />

Museum <strong>der</strong> Bildenden Künste, Leipzig<br />

<strong>Die</strong>ses eigenartige Bild einer Vielzahl von – lebenden<br />

und toten – <strong>Vögel</strong>n ist nicht nur im Werk von Georg<br />

Flegel (1566–1638), einem Stilllebenmaler aus Frankfurt<br />

am Main, ungewöhnlich, son<strong>der</strong>n ganz allgemein<br />

in <strong>der</strong> Stilllebenmalerei. Warum Flegel es im Alter von<br />

71 Jahren, wie auf dem Gemälde vermerkt, malte, ist<br />

ungewiss. Vielleicht war es für ein Kuriositätenkabinett<br />

gedacht. Solche enzyklopädischen Sammlungen<br />

von Objekten und Artefakten aus <strong>der</strong> Natur wurden<br />

von Gelehrten und gebildeten Bürgern zusammengetragen<br />

und enthielten oft auch ausgestopfte <strong>Vögel</strong>.<br />

Das Gemälde war möglicherweise zugleich eine<br />

Aufzählung solcher <strong>Vögel</strong> und ein Sammelobjekt.<br />

Seidenschwanz (Bombycilla garrulus), Eisvogel (Alcedo<br />

atthis), Blaumeise (Cyanistes caeruleus), Kiebitz (Vanellus<br />

vanellus), Haustaube, Buchfink (Fringilla coelebs)<br />

und Kernbeißer (Coccothraustes coccothraustes) wirken<br />

durchaus lebendig. <strong>Die</strong> Blaumeise beäugt eine Raupe.<br />

Schnepfe und Rebhuhn, die tot auf dem Tisch liegen,<br />

sind typische Wildvögel, die gejagt wurden und eine<br />

gute Mahlzeit ergaben. Nur die Blaustirnamazone<br />

(Amazona aestiva) in <strong>der</strong> oberen rechten Ecke ist eine<br />

exotische Kuriosität. Der gleiche Vogel taucht – ebenfalls<br />

neben einem Gefäß mit Süßigkeiten – als einziges<br />

lebendiges Wesen in einem Stillleben aus Luxusgegenständen<br />

auf, das Flegel bereits 1620 gemalt hatte.<br />

Hier hat <strong>der</strong> Künstler die <strong>Vögel</strong> auf einem dekorativ<br />

bemoosten Ast platziert, während <strong>der</strong> Kernbeißer vorn<br />

zwischen den Kirschen sitzt, <strong>der</strong>en Steine er gewöhnlich<br />

aufknackt und frisst.<br />

102


Adriaen Collaert<br />

Columbus plumipes vittatus & Picus cinereus, aus Avium Vivae Icones in aes incisae & edita ab Adriano Collardo, 1600<br />

Kupferstich, 22 × 29 cm<br />

Rijksmuseum, Amsterdam<br />

<strong>Die</strong>ser Druck im Quarto-Format stellt links Columbus<br />

plumipes vittatus (»eine Taube mit gefie<strong>der</strong>ten Beinen«)<br />

und rechts Picus cinereus, heute Kleiber (Sitta europaea)<br />

genannt, dar, die vor einer detaillierten Abbildung<br />

eines Bauernhofes und eines Taubenschlags auf<br />

dem Land in Flan<strong>der</strong>n sitzen. <strong>Die</strong> Taube ist vermutlich<br />

von <strong>der</strong> oft kopierten ähnlichen Arbeit des italienischen<br />

Naturforschers des 16. Jahrhun<strong>der</strong>ts, Ulisse<br />

Aldrovandi (siehe S. 28), Columba cypria cucullata,<br />

beeinflusst. <strong>Die</strong> Rasse ist möglicherweise <strong>der</strong> Vorläufer<br />

<strong>der</strong> heutigen Jakobiner-Rassetauben. Das Bild<br />

gehört zu den 30 Bildtafeln, die die zwei Bände von<br />

Avium vivae icones in aes incisae (»Bil<strong>der</strong> von lebenden<br />

<strong>Vögel</strong>n, in Kupfer graviert«) illustrierten, die etwa um<br />

1600 von Adriaen Collaert (ca. 1560–1618) veröffentlicht<br />

wurden. Der Sohn des in Antwerpen lebenden<br />

Kupferstechers und Druckers Jan Collaert I gehörte<br />

zu einer flämischen Künstlerdynastie des 16. und<br />

17. Jahrhun<strong>der</strong>ts. Collaert, <strong>der</strong> nach einem Aufenthalt<br />

in Italien in Antwerpen arbeitete, war eigentlich kein<br />

Naturillustrator, son<strong>der</strong>n schuf meist ländliche o<strong>der</strong><br />

religiöse Werke – oft anhand <strong>der</strong> Illustrationen an<strong>der</strong>er<br />

Künstler. <strong>Die</strong> an<strong>der</strong>e Ausnahme bildeten seine Einhun<strong>der</strong>tfünfundzwanzig<br />

Bildtafeln von Fischen. Obwohl<br />

sein Stil für diese Zeit nichts Beson<strong>der</strong>es war, erreichte<br />

er aufgrund des Status seiner Familie als Drucker und<br />

Verleger ein breites Publikum. Seine beiden Söhne,<br />

Jan Baptist Collaert und Carel Collaert, setzten die<br />

Familientradition des Kupferstichs und Druckens fort,<br />

wobei sie sich auf religiöse Motive konzentrierten.<br />

103


Unbekannt<br />

Reliefplatte mit Schwalben und Wachtelküken (Vor<strong>der</strong>- und Rückseite), 400–30 v. Chr.<br />

Kalkstein, Farbe, 15 × 13,8 cm<br />

Metropolitan Museum of Art, New York<br />

Im Alten Königreich Ägyptens (ca. 2686–2182 v. Chr.)<br />

wurden Schwalben (Hirundinidae) mit den Seelen<br />

<strong>der</strong> Toten assoziiert. <strong>Die</strong> Pyramidentexte <strong>der</strong> Fünften<br />

Dynastie (2494–2345 v. Chr.) beschreiben, wie <strong>der</strong><br />

Pharao »zu <strong>der</strong> großen Insel inmitten des Opferfeldes<br />

gegangen ist, auf das die Schwalbengötter herabsteigen;<br />

die Schwalben sind die ewigen Sterne«. <strong>Die</strong>s<br />

bezieht sich auf den Polarstern und seine Nachbarsterne,<br />

die sich niemals zu bewegen scheinen. Der<br />

Vogel wird außerdem auf dem Bug <strong>der</strong> Sonnenbarke<br />

dargestellt, mit <strong>der</strong> <strong>der</strong> Sonnengott Ra die <strong>Welt</strong><br />

überquert. <strong>Die</strong> Schwalben-Hieroglyphe dient sowohl<br />

als Ideogramm für den Vogel als auch als Phonogramm<br />

mit <strong>der</strong> Bedeutung »groß«. Wachteln (Coturnix<br />

coturnix) waren beliebte Haustiere, wurden aber<br />

auch als Nahrung gehalten; die Hieroglyphe eines<br />

Wachtel kükens diente dazu, ein Wort im Plural auszudrücken.<br />

Solche Platten, die zwei Reliefbil<strong>der</strong> von<br />

Schwalben auf <strong>der</strong> einen Seite und ein Paar Wachtelküken<br />

sowie eine Tuschezeichnung eines weiteren<br />

Kükens auf <strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Seite haben, stammen aus<br />

<strong>der</strong> Spätzeit (664–332 v. Chr.) und wirken typischerweise<br />

etwas unfertig. Ihre Funktion bleibt unklar.<br />

Vielleicht dienten sie als Modelle zur Ausbildung<br />

von Bildhauern o<strong>der</strong> als Weihebil<strong>der</strong>, die man den<br />

Göttern widmete und in Tempeln aufhängte – o<strong>der</strong><br />

als beides. Dass diese Platte tatsächlich für die Ausbildung<br />

gedacht war, könnte die Zeichnung andeuten<br />

sowie die Tatsache, dass die untere Schwalbe vollständiger<br />

ist als die obere.<br />

104


Unbekannt<br />

Intarsie, die Thot als Ibis mit einer Maat-Fe<strong>der</strong> darstellt, 4. Jahrhun<strong>der</strong>t v. Chr.<br />

Fayence, 15,5 × 15,6 cm<br />

Metropolitan Museum of Art, New York<br />

Thot, <strong>der</strong> altägyptische Gott des Schreibens, von<br />

Recht und Gesetz, <strong>der</strong> Philosophie, Wissenschaft und<br />

Magie, wurde oft als Mann mit einem Ibiskopf dargestellt.<br />

Sein ägyptischer Name (»Thot« kommt aus dem<br />

Griechischen) bedeutet »er, <strong>der</strong> wie <strong>der</strong> Ibis ist«. Der<br />

Pharaonenibis (Threskiornis aethiopicus) wurde mit<br />

<strong>der</strong> Weisheit assoziiert, und die Griechen glaubten,<br />

dass alles Wissen von Thot ausginge. Man hat mehr<br />

als zwei Millionen mumifizierte Ibisse ausgegraben,<br />

die bei jährlichen Festen zu Ehren Thots geopfert<br />

worden waren. Texte lassen vermuten, dass genau zu<br />

diesen Zwecken Ibisse in <strong>der</strong> Nähe <strong>der</strong> Tempel des<br />

Gottes gehalten wurden. Ein Priester-Schreiber hält<br />

fest, dass etwa 60.000 heilige Ibisse mit »Klee und<br />

Brot« gefüttert wurden. <strong>Die</strong>ses Intarsienfragment<br />

scheint Teil einer königlichen Inschrift gewesen zu<br />

sein, die Beinamen von Thot und Seschat (Göttin des<br />

Schreibens und <strong>der</strong> Buchhaltung und Tochter o<strong>der</strong><br />

Frau von Thot) enthielt. Der Gott erscheint als Ibis,<br />

sein Schnabel wird von <strong>der</strong> Straußenfe<strong>der</strong> <strong>der</strong> Maat<br />

gestützt, <strong>der</strong> Göttin <strong>der</strong> Gerechtigkeit. Maat war beim<br />

Totengericht zugegen, einem Ritual, bei dem das Herz<br />

des Verstorbenen gegen die Fe<strong>der</strong> <strong>der</strong> Maat gewogen<br />

wird. Sind die beiden Seiten abgestimmt, verzeichnet<br />

Thot das Verdikt und <strong>der</strong> Verblichene wird dem Osiris<br />

vorgestellt; war das Herz schwerer als die Fe<strong>der</strong>, wird<br />

es von einem Dämon verschlungen und die Seele<br />

wird zerstört. Häufig wurden Könige mit <strong>der</strong> Fe<strong>der</strong><br />

<strong>der</strong> Maat abgebildet – als Symbol für ihre Rolle als<br />

Bewahrer von Gesetz und Tugend.<br />

105


John Gould<br />

Menura superba: Lyrebird, aus Birds of Australia, 1837–48<br />

Handkolorierte Lithografie, 52 × 36,8 cm<br />

Minneapolis Institute of Art, Minnesota<br />

Ein auffallendes Graurücken-Leierschwanz-Männchen<br />

(Menura novaehollandiae, zuvor M. superba)<br />

dominiert die Komposition, während das zurückhalten<strong>der</strong>e<br />

Weibchen des Brutpaars auf seinem Ast hockt.<br />

Der in Australien heimische Leierschwanz bezieht<br />

seinen Namen von seiner leierförmigen Schwanzschleppe,<br />

die von zarten, dünnen Fe<strong>der</strong>n umgeben<br />

ist. <strong>Die</strong> Illustration stammt aus Birds of Australia, dem<br />

Ergebnis einer zweijährigen Expedition des englischen<br />

Ornithologen John Gould (1804–81). Unter den<br />

681 Bildtafeln dieses ehrgeizigen Werks beschrieben<br />

und benannten 328 neue Arten. Seine Kindheit im<br />

Königlichen Garten von Windsor, wo sein Vater als<br />

Gärtnermeister arbeitete, legte den Grundstein für<br />

Goulds Faszination für die Natur. Der geschickte<br />

Taxi<strong>der</strong>mist erhielt schließlich eine prestige trächtige<br />

Position als Kurator <strong>der</strong> Zoological Society of London.<br />

Dort arbeitete er mit den wichtigsten Naturforschern<br />

seiner Zeit zusammen und gelangte unter<br />

den bedeutendsten Beiträgern <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen Biologie<br />

zu ebensolcher Wertschätzung. Gould identifizierte<br />

Exemplare, die auf Charles Darwins Reise zu den<br />

Galápagos-Inseln mit <strong>der</strong> HMS Beagle (siehe S. 27)<br />

gesammelt worden waren. Seine Schlussfolgerungen<br />

zu Artenbildung und Ort boten ein Fundament für<br />

Darwins Evolutionstheorie durch natürliche Auslese.<br />

Goulds Frau Elizabeth (1804–41), die viele seiner Bildtafeln<br />

zeichnete, war eine vollendete Künstlerin, die<br />

viele <strong>der</strong> historisch bedeutsamsten Bil<strong>der</strong> im Feld <strong>der</strong><br />

Ornithologie beisteuerte.<br />

106


Ernst Haeckel<br />

Trochilidae – Kolibris, aus Kunstformen <strong>der</strong> Natur, 1904<br />

Chromolithografie, 36 × 26 cm<br />

<strong>Die</strong>ses Kaleidoskop farbenfroher Kolibris scheint aus<br />

einer Fantasiewelt zu stammen, doch diese Arten<br />

sind alle sehr real. Zu ihnen gehören <strong>der</strong> Goldhauben-<br />

Schmuckkolibri (Heliactin bilophus, oben rechts), <strong>der</strong><br />

Amethystohrkolibri (Colibri serrirostris, links, zweiter<br />

von unten) und die Grünscheitel-Flaggen sylphe<br />

(Ocreatus un<strong>der</strong>woodii, unten rechts), akribisch genau<br />

gezeichnet von dem deutschen Wissenschaftler und<br />

Künstler Ernst Haeckel (1834–1919). O<strong>der</strong> genauer<br />

gesagt: Wissenschaftler, Künstler, Zoologe, Naturforscher,<br />

Arzt, Professor, Philosoph und Meeresbiologe<br />

… Haeckel leistete Unschätzbares in all diesen<br />

Disziplinen. Seine Konzepte bildeten die Grundlage<br />

<strong>der</strong> Phylogenese, <strong>der</strong> Stammesgeschichte, und sein<br />

Bestreben, die seltensten Formen von Pflanzen und<br />

Tieren zu beschreiben, führte oft zur Entdeckung<br />

neuer Arten. Beson<strong>der</strong>s schöne Arten benannte er<br />

nach seiner verstorbenen Frau, Anna, <strong>der</strong>en vorzeitiger<br />

Tod ihn angeblich die orthodoxe Theologie<br />

ablehnen ließ. Trochilidae war Bildtafel 99 (von 100)<br />

in Haeckels berühmtestem Werk Kunstformen <strong>der</strong><br />

Natur (1899–1904) und ist beispielhaft für seine Neigung,<br />

die Parallelen zwischen <strong>der</strong> natürlichen Form<br />

und dem menschlichen Drang zur Verschönerung<br />

zu betonen. <strong>Die</strong> Gouldelfe (Lophornis gouldii, links,<br />

dritte von oben) erinnert an königliche Porträtmalerei,<br />

während die zarte Haube des Goldmaskenkolibris<br />

(Augastes lumachella, rechts, zweiter von unten) mit<br />

den ausgefallensten Frisuren wetthalten kann.<br />

107


108


Unbekannt<br />

Eremiten-Kolibri, 500 v. Chr.–500 n. Chr.<br />

Geoglyphe (Erdzeichnung), 97,5 × 65,8 m<br />

Wüstenebene von Nazca, Peru<br />

Vom Boden aus konnten die Schöpfer dieses Umrisses<br />

eines vermutlichen Kolibris – eine <strong>der</strong> berühmten<br />

Nazca-Linien von Peru – ihren Entwurf eigentlich<br />

gar nicht sehen, als sie das dunkle, von Eisenoxiden<br />

gefärbte Geröll auf dem Wüstenboden bis zu einer<br />

Tiefe von 10–15 cm entfernten, um den helleren Sand<br />

und Fels darunter freizulegen. 16 <strong>Vögel</strong> wurden unter<br />

den mysteriösen Figuren identifiziert – viele von<br />

Orten, die weit von <strong>der</strong> peruanischen Wüste entfernt<br />

sind –, doch <strong>der</strong> lange Schnabel und an<strong>der</strong>e Merkmale<br />

ließen in diesem Bild schon bei seiner Entdeckung<br />

Ende <strong>der</strong> 1920er-Jahre einen Kolibri (Trochilidae)<br />

erkennen. Genauere ornithologische Analysen kamen<br />

2019 zu dem Schluss, dass es sich um eine Eremiten-<br />

Art (Phaethornis sp.) handelt, eine Kolibri-Art, die<br />

nur in den Wäl<strong>der</strong>n des tropischen Tieflandes viel<br />

weiter im Norden und Osten existiert. <strong>Die</strong> Forscher<br />

vermuteten, dass die Nazca den abgebildeten Tieren<br />

beim Sammeln von Nahrung begegneten, auch wenn<br />

ihr Vorhandensein in <strong>der</strong> Wüste ein Rätsel ist. In den<br />

1930er- und 1940er-Jahren glaubte man, die Geoglyphen<br />

hätten einen astronomischen und kalendarischen<br />

Zweck und repräsentierten möglicherweise<br />

Sternengruppierungen o<strong>der</strong> saisonale Sonnenwenden.<br />

Heute wird jedoch allgemein angenommen, dass die<br />

Nazca-Linien mit dem verknüpft werden, was in <strong>der</strong><br />

Wüste am wertvollsten ist: Wasser. Man hält sie für<br />

Zeichnungen, mit denen Orte für Versöhnungsrituale<br />

bestimmt wurden, an denen man die Götter um Wasser<br />

und Fruchtbarkeit für die Fel<strong>der</strong> bat.<br />

109


Gary Cook<br />

Weiblicher Rotkardinal beim Landen, 2018<br />

Fotografie, verschiedene Größen<br />

<strong>Die</strong>ses bemerkenswerte Bild kam ebenso sehr durch<br />

Glück wie durch das richtige Urteilsvermögen<br />

zustande. Der amerikanische Fotograf Gary Cook<br />

(geb. 1965) rechnete an diesem Novembertag an<br />

seinem Haus in Beavercreek, Ohio, nicht mit einer<br />

solchen Aufnahme, als ein Kälteeinbruch viele <strong>der</strong><br />

hungrigen <strong>Vögel</strong> an seine gefüllte Futterstelle brachte.<br />

Cook hatte seine Kamera in Erwartung eines Gewirrs<br />

an <strong>Vögel</strong>n bereits dort aufgestellt, als dieses Rotkardinal-Weibchen<br />

(Cardinalis cardinalis) eintraf,<br />

ihre Haube gesträubt, um die an<strong>der</strong>en, kleineren<br />

Konkurrenten abzuwehren. Sie flog direkt auf die<br />

Futterstelle und die Kamera zu, trieb die an<strong>der</strong>en<br />

<strong>Vögel</strong> auseinan<strong>der</strong> und erzeugte die bemerkenswerte<br />

Symmetrie von Cooks Bild. Rotkardinäle sind relativ<br />

gr0ße, finkenartige Singvögel, <strong>der</strong>en Männchen<br />

ein beson<strong>der</strong>s leuchtendes Rot zeigen, während die<br />

Weibchen nicht so strahlend und eher hellbraun sind.<br />

<strong>Die</strong> Farben <strong>der</strong> Männchen heben sich beson<strong>der</strong>s vor<br />

Schnee ab. Im Osten <strong>der</strong> USA und bis nach Mexiko<br />

hinein gibt es zahllose Arten. Bei <strong>der</strong> International<br />

Union for Conservation of Nature gelten sie mit einer<br />

Population von etwa 100 Millionen Tieren als nicht<br />

gefährdet. Oft werden sie einfach nur als »Kardinäle«<br />

bezeichnet. Ihren Namen haben sie von den charakteristischen<br />

roten Hüten und Roben <strong>der</strong> Oberhäupter<br />

<strong>der</strong> römisch-katholischen Kirche erhalten.<br />

110


Unbekannt<br />

Kragen aus dem Grab des Tutanchamun, ca. 1370–1352 v. Chr.<br />

Gold, Glas und Obsidian, 39,5 × 48 cm<br />

Ägyptisches Museum, Kairo<br />

Vor mehr als 3.000 Jahren wurde dieser bewegliche<br />

Goldkragen auf Körper und Schultern <strong>der</strong> berühmtesten<br />

aller ägyptischen Mumien gelegt – die des jungen<br />

Pharao Tutanchamun. Seine langgezogenen Flügel<br />

setzen sich aus goldenen Segmenten zusammen, die<br />

auf <strong>der</strong> Vor<strong>der</strong>seite mit »Fe<strong>der</strong>n« aus vielfarbigem<br />

Glas verziert sind, das Lapislazuli, Jaspis und Türkis<br />

imitiert. Sie werden mit Fäden zusammengehalten<br />

und sind durch Rän<strong>der</strong> aus winzigen Goldperlen<br />

getrennt. Schnabel und Auge bestehen aus Obsidian.<br />

Am Rücken <strong>der</strong> Mumie war mit Golddrähten<br />

ein Gegenstück in Form eines Lotus befestigt. Der<br />

Kragen diente nicht nur <strong>der</strong> Zierde, son<strong>der</strong>n war ein<br />

Symbol des magischen Schutzes und repräsentierte<br />

die Göttin Nechbet, die Schutzgöttin Oberägyptens,<br />

in Form eines Gänsegeiers (Gyps fulvus) o<strong>der</strong> eines<br />

Ohrengeiers (Torgos tracheliotos). Nechbet wird oft<br />

abgebildet, wie sie ihre Schwingen schützend über den<br />

König hält, o<strong>der</strong> als Frau mit Geierkopf, die zuweilen<br />

den Pharao säugt. In je<strong>der</strong> Kralle hält sie die Hieroglyphe<br />

shen, die Unendlichkeit bedeutet. Nechbet<br />

war aber auch mit dem Himmelsgott Horus, dem<br />

Beschützer des Pharaos, verbunden (siehe S. 85) und<br />

taucht oft in Schlachtenszenen über dem König auf,<br />

den sie beschützt und dessen Feinde sie bedroht. Man<br />

glaubte, Geier wären ausschließlich weiblich und ohne<br />

männliche Beteiligung geboren. Das machte sie zum<br />

Symbol <strong>der</strong> Mutterschaft. Ihre Fähigkeit, Aas – Tod –<br />

in Leben zu verwandeln, symbolisierte den endlosen<br />

Kreislauf von Verwandlung, Tod und Wie<strong>der</strong>geburt.<br />

111


Werner Bischof<br />

Pinguine aus dem Zoo beim wöchentlichen Spaziergang, 1950<br />

Fotografie, verschiedene Größen<br />

Was macht man, wenn die Pinguine entwischen?<br />

Eine Parade! In den 1950er-Jahren ließ ein Wärter des<br />

Edinburgh Zoo versehentlich ein Tor offen, sodass die<br />

Pinguine ins Freie liefen. <strong>Die</strong> Besucher liebten dieses<br />

Spektakel so sehr, dass die »Parade« zu einem einzigartigen<br />

Marketinggag wurde. Der Zoo von Edinburgh<br />

war weltweit <strong>der</strong> erste, <strong>der</strong> erfolgreich in Gefangenschaft<br />

Königspinguine (Aptenodytes patagonicus) züchten<br />

konnte. Ihr täglicher Spaziergang lockte Besucher<br />

aus den Straßen rund um Corstorphine Hill an. In<br />

diesem Bild einer Gruppe Königspinguine schafft<br />

es <strong>der</strong> Schweizer Fotograf Werner Bischof (1916–54),<br />

ein Gefühl von Abenteuer zu vermitteln, wenn die<br />

Pinguine auf das Edinburgh <strong>der</strong> 1950er treffen – so<br />

ähnlich haben sich die Erforscher <strong>der</strong> Antarktis<br />

ein halbes Jahrhun<strong>der</strong>t zuvor auf den Inseln und<br />

dem Eisschild des gefrorenen Kontinents vermutlich<br />

gefühlt. Königspinguine, die auf den Inseln des<br />

Südpolarmeers leben, sind eng mit den bekannteren<br />

Kaiserpinguinen (A. forsteri) verwandt. Bei einem einzigen<br />

Jagdtrip legen sie durchaus Hun<strong>der</strong>te Kilometer<br />

zurück. Bischof trat 1949 <strong>der</strong> Fotoagentur Magnum<br />

bei. Er dokumentierte das Europa <strong>der</strong> Nachkriegszeit,<br />

bevor er nach Indien, Japan und Südamerika ging.<br />

Sein fotojournalistischer Stil zeigte sowohl die Härten<br />

als auch den Optimismus des Wie<strong>der</strong>aufbaus. <strong>Die</strong><br />

Pinguine marschieren heute noch durch Edinburgh<br />

und wecken bei Besuchern aller Generationen den<br />

Drang nach Abenteuern, aber auch das Bewusstsein<br />

für die Notwendigkeit, sie zu schützen.<br />

112


Charles Paine<br />

For the Zoo, Book to Regent’s Park or Camden Town, 1921<br />

Chromolithografie, 101,6 × 63,5 cm<br />

London Transport Museum<br />

Wie eine Gruppe Pendler in einem beson<strong>der</strong>s voll<br />

gestopften Zug stolpert ein Haufen Pinguine in dieser<br />

faszinierenden Werbeanzeige von 1921 für das Fahren<br />

mit <strong>der</strong> Londoner U-Bahn ineinan<strong>der</strong>. <strong>Die</strong> Illustration<br />

ist zwar stilisiert, die Platzierung <strong>der</strong> Orangefärbung<br />

an den Köpfen und <strong>der</strong> Farbfleck am Unterkiefer legen<br />

jedoch nahe, dass es sich um vier Königspinguine<br />

(Aptenodytes patagonicus) handelt, die seit wenigstens<br />

1914 im Zoo gehalten wurden (die ersten lebenden<br />

Exemplare trafen 1865 von den Falkland-Inseln in<br />

Großbritannien ein). Der berühmte Penguin Pool des<br />

Zoos, entworfen von Berthold Lubetkin, öffnete 1934.<br />

In <strong>der</strong> Realität ist das Gefie<strong>der</strong> von Königspinguinen<br />

dunkelgrau und nicht blassblau, wie sie <strong>der</strong> Künstler<br />

Charles Paine (1895–1967) dargestellt hat. Außerdem<br />

sollten die Körper noch einen gelborangen Fleck am<br />

Hals zeigen, <strong>der</strong> dann in den weißen Bauch übergeht<br />

– dennoch besteht keine Gefahr einer Verwechslung.<br />

Paine, ein ausgebildeter Glas- und Druckkünstler,<br />

arbeitete für Kunden wie Penguin Books und die<br />

britische Regierung. In den 1920er-Jahren waren seine<br />

Werke für die London Un<strong>der</strong>ground in <strong>der</strong> ganzen<br />

Hauptstadt zu sehen. Er schuf 31 Poster für Frank<br />

Pick, den visionären Geschäftsführer, <strong>der</strong> Anfang des<br />

20. Jahrhun<strong>der</strong>ts gemeinsam mit Grafikdesignern und<br />

Künstlern eine klare, beständige Marke für die Londoner<br />

U-Bahn entwickelte.<br />

113


Maurizio Cattelan<br />

Ohne Titel, 1997<br />

Ausgestopfter männlicher Strauß, 124,5 × 134,6 × 51 cm<br />

Privatsammlung<br />

Der im Boden <strong>der</strong> Kunstgalerie steckende Kopf des<br />

Straußenvogels (Struthio camelus) stellt die vertraute<br />

Idee des »Kopf im Sand vergrabens« dar – man<br />

ignoriert Probleme, indem man so tut, als würden sie<br />

nicht existieren. Der italienische Künstler Maurizio<br />

Cattelan (geb. 1960), <strong>der</strong> in den späten 1990er-Jahren<br />

internationale Aufmerksamkeit gewonnen hatte,<br />

vermittelt damit seine Unsicherheit angesichts des<br />

neu erlangten Ruhms. Straußen haben eine Menge<br />

seltsamer Angewohnheiten. Sie können nicht fliegen,<br />

aber bis zu 70 km/h schnell laufen. Sie kämpfen mit<br />

den Füßen, und wenn die Paarungszeit naht, färben<br />

sich Schnabel, Hals und Beine des Männchens hellrot.<br />

Entgegen <strong>der</strong> populären Annahme jedoch stecken<br />

sie bei Gefahr den Kopf keineswegs in den Sand.<br />

<strong>Die</strong>ser Mythos hat seinen Ursprung vermutlich beim<br />

römischen Naturforscher Plinius dem Älteren, <strong>der</strong> im<br />

1. Jahrhun<strong>der</strong>t n. Chr. schrieb, dass diese afrikanischen<br />

<strong>Vögel</strong> »sich einbilden, <strong>der</strong> ganze Körper sei verborgen,<br />

wenn sie ihren Kopf und Hals in einen Busch<br />

stecken«. Plinius’ Beschreibung beruhte vermutlich<br />

auf dem Fressverhalten <strong>der</strong> Straußen; manchmal verschlucken<br />

sie auch kleine Steine, um faseriges Futter<br />

besser zu verdauen. Cattelan, <strong>der</strong> oft ausgestopfte<br />

Tiere in seinen Werken verwendet, setzt häufig auf<br />

Humor, um wichtige Probleme anzusprechen. Der<br />

Strauß wird hier zur Metapher für die Unsicherheiten<br />

sowohl des Künstlers als auch des Betrachters, indem<br />

er ein Verhalten darstellt, mit dem sich wohl je<strong>der</strong><br />

identifizieren kann.<br />

114


Jean-Lebrecht Reinhold<br />

Têtes de Grandeur Naturelle de L’Engoulevent à Queue Fourchue et son pied,<br />

aus Histoire Naturelle des Oiseaux d’Afrique von François Levaillant, 1799–1808<br />

Radierung und Aquatinta (Tiefdruck), 30 × 24 cm<br />

Smithsonian Libraries, Washington, DC<br />

Auf den ersten Blick scheint mit dieser schönen Illustration<br />

alles zu stimmen. Sie zeigt Kopf und Fuß eines<br />

Tagschläfers (Familie Nyctibiidae), eines nachtaktiven<br />

Verwandten <strong>der</strong> Nachtschwalben, mit ihren typischen<br />

anatomischen Details: weit geöffneter Schnabel, um -<br />

säumt von den dicken Borsten <strong>der</strong> Nachtschwalbe,<br />

hochgezogene Ecken des geschlossenen Schnabels, die<br />

ihn scheinbar lächeln lassen, sogar die Struktur <strong>der</strong><br />

Krallen ist ähnlich. Der französische Naturforscher<br />

und Sammler François Levaillant (1753–1824) identifiziert<br />

die Art als L’Engoulevent à Queue Fourchue –<br />

eine Scherenschwanz-Nachtschwalbe (Levaillant<br />

lehnte das verlässlichere lateinische Namenssystem<br />

von Linné ab). Allerdings nahm er den Vogel in seine<br />

Monografie zur afrikanischen Ornithologie auf, dabei<br />

gibt es Tagschläfer ausschließlich in Südamerika. (Er<br />

hätte sie aus den Wäl<strong>der</strong>n seiner Kindheit in Suriname<br />

kennen müssen.) <strong>Die</strong>ser Bildtafel voran geht<br />

ein Bild des ganzen Vogels mit einem langen, tief<br />

gegabelten Schwanz, dabei haben Tagschläfer einen<br />

abgerundeten Schwanz. <strong>Die</strong> Liste <strong>der</strong> Unterschiede<br />

geht noch weiter bis hin zu Levaillants farbenfrohem<br />

Bericht über den Fang des Vogels in einem hohlen<br />

Baum im Namaqualand im südlichen Afrika. Setzte<br />

Levaillant einem Tagschläfer einen falschen Schwanz<br />

an und versuchte, ihn als neue Art auszugeben? Das<br />

ist schwer zu sagen, aber die mehr als 50 vergleichbaren<br />

Ungenauigkeiten in Levaillants Werk sind<br />

vielleicht schon Antwort genug.<br />

115


Unbekannt<br />

Szene am Nil mit Enten und Fröschen, 1. Jahrhun<strong>der</strong>t v. Chr.<br />

Mosaik, 67 × 136 cm<br />

Museo Archeologico Nazionale, Neapel<br />

Enten und Gänse waren in römischen Haushalten<br />

fast so beliebt wie Hunde, doch diese Szene mit Wasservögeln,<br />

die zwischen Lotusblüten und Seerosen<br />

herumschwimmen, enthüllt mehr als nur die Liebe<br />

zu Haustieren. Sie befand sich im Haus des Fauns in<br />

Pompeji, nahe dem berühmten Alexan<strong>der</strong>-Mosaik,<br />

und war in Opus vermiculatum geschaffen worden,<br />

einer Technik, bei <strong>der</strong> extrem kleine Stein- und Glasplättchen<br />

es dem Mosaikkünstler erlaubten, feinste<br />

Details in Farbe und Licht darzustellen. <strong>Die</strong> blühenden<br />

Lotuspflanzen lassen vermuten, dass wir eine<br />

Nilschwemme beobachten. <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> sind nicht waidgerecht<br />

ausgeführt. Ihr allgemeines Aussehen und<br />

die auffallend hellen Flügelaußenseite verraten, dass<br />

die Enten vorn und hinten vermutlich Knäkenten<br />

(Spatula querquedula) sind, eine kleine Art, die beim<br />

Vogelzug in Süditalien zu sehen ist. Hinten rechts<br />

schwimmen zwei Purpurhühner (Porphyrio porphyrio).<br />

Mosaike in diesem Stil sind selten in Pompeji<br />

und spiegeln den Geschmack <strong>der</strong> reichsten Bürger<br />

wi<strong>der</strong>. Dass sein gebildeter Besitzer seine Kenntnis<br />

<strong>der</strong> griechischen Kultur demonstrieren wollte, zeigt<br />

sich an dem Alexan<strong>der</strong>-Mosaik im nächsten Raum;<br />

exotische ägyptische Szenen wie diese ermöglichten<br />

es dem Gastgeber (und den Gästen) ihr Wissen über<br />

Naturgeschichte und fremde Sitten preiszugeben.<br />

Bil<strong>der</strong> vom Nil galten als luxuriös und das verschwen<strong>der</strong>ische<br />

Leben, das die Eliten <strong>der</strong> Städte an <strong>der</strong><br />

Bucht von Neapel genossen, wurde manchmal mit<br />

<strong>der</strong> Opulenz Ägyptens verglichen.<br />

116


Steve Torna<br />

Schwarzhalstaucher, 2014<br />

Fotografie, verschiedene Größen<br />

Vogelbeobachter erwarten, Schwarzhalstaucher<br />

einzeln o<strong>der</strong> vielleicht paarweise bei <strong>der</strong> Brutpflege<br />

zu sehen. Große Ansammlungen <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> sind eine<br />

Ausnahme. <strong>Die</strong>ses Foto sicherte dem Amerikaner<br />

Steve Torna den Amateurpreis 2016 im jährlichen<br />

Fotowettbewerb <strong>der</strong> Audubon Society. In Tornas<br />

Worten: »Im Mai 2014 hatte ich das Glück, Hun<strong>der</strong>te,<br />

wenn nicht gar Tausende wan<strong>der</strong>n<strong>der</strong> Schwarzhalstaucher<br />

zu sehen, dicht gedrängt zwischen dem Eis<br />

und dem Ufer des Yellowstone Lake [Wyoming, USA].<br />

Ich war von ihren leuchtend roten Augen, ihren goldenen<br />

›Ohren‹ und <strong>der</strong> Art, wie <strong>der</strong> Schwarm farbige<br />

natürliche Muster erzeugt, fasziniert. Mit den in die<br />

Fe<strong>der</strong>n eingezogenen Köpfen schienen die <strong>Vögel</strong><br />

harmonisch und friedlich. Sie waren still. Ich hörte<br />

nicht einen Laut.« Der Schwarzhalstaucher (Podiceps<br />

nigricollis) lebt in getrennten Verbreitungsgebieten in<br />

Nordamerika, Eurasien und dem südlichen Afrika<br />

und bildet die vermutlich größte Lappentaucher-Art<br />

<strong>der</strong> <strong>Welt</strong>; die Population im westlichen Nordamerika<br />

wurde auf mehr als vier Millionen geschätzt, ihre<br />

Nistkolonien auf sumpfigen Seen können aus Hun<strong>der</strong>ten<br />

Paaren bestehen. Schwarzhalstaucher jagen<br />

meist unter Wasser: Insekten, Mollusken und Fische.<br />

<strong>Die</strong> roten Augen sind bei mehreren Lappentaucher-<br />

Arten sowie bei Eistauchern zu finden, die ebenfalls<br />

unter Wasser jagen. Da DNA-Analysen zeigen, dass<br />

Lappen- und Eistaucher nicht näher verwandt sind,<br />

stellt sich die Frage, ob das rote Auge das Fressen<br />

unter Wasser erleichtert. Genaueres wissen wir nicht.<br />

117


Rosa Bonheur<br />

Der verwundete Adler, ca. 1870<br />

Öl auf Leinwand, 147,6 × 114,6 cm<br />

Los Angeles County Museum of Art, Kalifornien<br />

Ein Steinadler (Aquila chrysaetos) mit gebrochenem<br />

Flügel versucht aufzufliegen. Das Gemälde <strong>der</strong><br />

französischen Künstlerin Rosa Bonheur (1822–99)<br />

zeigt diesen großen und furchteinflößenden Raubvogel<br />

im Moment <strong>der</strong> Nie<strong>der</strong>lage verletzlich. In <strong>der</strong><br />

Kunst des Westens wie in <strong>der</strong> klassischen Kultur gilt<br />

<strong>der</strong> Adler als Symbol des kriegerischen Triumphs und<br />

Stolzes, das die römischen Legionen ebenso nutzten<br />

wie Napoleons Grande Armée und die Streitkräfte <strong>der</strong><br />

Habsburger. <strong>Die</strong> Symbolik des verwundeten Vogels<br />

bezieht sich hier auf die Nie<strong>der</strong>lage und Gefangennahme<br />

von Napoleon III. bei <strong>der</strong> Schlacht von Sedan<br />

im Deutsch-Französischen Krieg (1870–1), vielleicht<br />

aber auch auf den Schaden, den Preußen (auch symbolisiert<br />

durch den Adler) sich am Anfang des Krieges<br />

selbst zugefügt hat. Bonheur war bekannt als Malerin<br />

überaus exakter Tierbil<strong>der</strong>, obwohl diese damals<br />

weniger angesehen waren als Porträts o<strong>der</strong> Historiengemälde.<br />

Ihre Originalität war jedoch allgemein anerkannt.<br />

Sie stellte im renommierten Pariser Salon aus<br />

und erhielt 1865 das Kreuz <strong>der</strong> Ehrenlegion. Mit einer<br />

Spannweite von bis zu 2,20 m ist <strong>der</strong> Steinadler einer<br />

<strong>der</strong> größten <strong>Vögel</strong> <strong>der</strong> Alpen und einer <strong>der</strong> kräftigsten<br />

Flieger bei <strong>der</strong> Jagd nach <strong>Vögel</strong>n, Reptilien und<br />

Säugetieren. Bonheurs Bild wi<strong>der</strong>spricht <strong>der</strong> Konvention<br />

des triumphierend selbstbewussten, maskulinen<br />

Vogels – ein symbolischer Angriff auf das Patriarchat<br />

durch eine bahnbrechende Künstlerin, die zu einer<br />

Zeit ihre Homosexualität voller Stolz auslebte, als nur<br />

wenige dies wagten.<br />

118


Andy Warhol<br />

Bald Eagle aus <strong>der</strong> Serie Endangered Species (Gefährdete Arten), 1983<br />

Siebdruck, 96,5 × 96,5 cm<br />

Privatsammlung<br />

<strong>Die</strong>ser farbige Siebdruck eines Weißkopfseeadlers<br />

(Haliaeetus leucocephalus) von Andy Warhol (1928–87)<br />

ist eine Bestätigung des ikonischen Status dieses<br />

Vogels in <strong>der</strong> Popkultur. Der von den Grün<strong>der</strong>vätern<br />

1782 für das Siegel <strong>der</strong> USA gewählte Vogel beschwört<br />

das Ideal von majestätischer Macht, Selbstbewusstsein<br />

und Eleganz herauf. Der in Nordamerika heimische<br />

Raubvogel kam 1967 auf die Liste <strong>der</strong> gefährdeten<br />

Arten. Der Rückgang seiner Zahlen hing direkt<br />

mit <strong>der</strong> Umweltverschmutzung und speziell dem<br />

zügellosen Einsatz von DDT in <strong>der</strong> Landwirtschaft<br />

zusammen. Das Insektizid ist für <strong>Vögel</strong> zwar nicht<br />

direkt tödlich, stört aber <strong>der</strong>en Kalziumverwertung.<br />

<strong>Die</strong> Eier werden brüchig und halten dem Gewicht<br />

des brütenden erwachsenen Vogels nicht mehr stand.<br />

1983 beauftragten die Galeristen und Umweltaktivisten<br />

Ronald und Frayda Feldman den berühmten<br />

Popart-Künstler Warhol, eine Serie Siebdrucke herzustellen,<br />

die die Öffentlichkeit auf den dringenden<br />

Schutz <strong>der</strong> Natur aufmerksam machen sollten. Das<br />

Ergebnis, Endangered Species, sind zehn Siebdrucke,<br />

in denen Warhol vom Aussterben bedrohte Tiere wie<br />

Grevyzebras, Afrikanische Elefanten und Riesenpandas<br />

ebenso verewigte wie Rockstars und Schauspieler.<br />

Heute ist die Population des Adlers wie<strong>der</strong> gewachsen<br />

und er ist nicht mehr gefährdet – eine Erfolgsgeschichte<br />

für den Umweltschutz –, genau wie eine<br />

an<strong>der</strong>e von Warhol dargestellte Art, <strong>der</strong> Pine-Barrens-<br />

Baumfrosch. Der Weißkopfseeadler steht in den USA<br />

weiterhin unter Schutz.<br />

119


Zeitstrahl 34.000 v. Chr. 700 v. Chr. 246 v. Chr.<br />

34.000 v. Chr. Im Paläolithikum tauchen an<br />

Höhlenwänden einige <strong>der</strong> frühesten<br />

Vogeldarstellungen auf. 2008<br />

entdeckte man in Australien das<br />

Ockerbild eines Emu-artigen Vogels,<br />

evtl. des Genyornis newtoni,<br />

<strong>der</strong> vor 40.000 Jahren ausgestorben<br />

ist.<br />

15.500 v. Chr. Eine winzige Figur, vielleicht ein<br />

Sperlingsvogel, wird in Lingjing,<br />

China, aus einem verbrannten<br />

Mammutknochen geschnitzt.<br />

Sie gilt als ältestes je gefundenes<br />

Kunstwerk Ostasiens.<br />

15.000 v. Chr. Ein Vogel auf einem Stock, ein<br />

Rhino, ein Bison und ein Mann<br />

mit einem Vogelkopf werden in<br />

Südwestfrankreich in Lascaux an<br />

Höhlenwände gemalt. Vielleicht<br />

ist dies eine Art Handbuch für junge<br />

Jäger, vermutlich aber hatten<br />

die Bil<strong>der</strong> symbolische Bedeutung<br />

als Teil einer prähistorischen Kultur,<br />

in <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> und an<strong>der</strong>e Tiere<br />

großen spirituellen Wert hatten.<br />

ca. 3800 v. Chr. Schon früh in ihrer Geschichte<br />

verehrten die alten Ägypter<br />

Horus, einen <strong>der</strong> vielen Götter,<br />

die mit einem Falken assoziiert<br />

werden. Der Falke galt als<br />

kosmische Gottheit mit einer<br />

beson<strong>der</strong>en Schutzfunktion:<br />

Sein Körper repräsentiert den<br />

Himmel und seine Augen die<br />

Sonne und den Mond.<br />

ca. 1800 v. Chr. Babylonische Künstler erschaffen<br />

ein Terrakottarelief einer<br />

Göttin, <strong>der</strong> Königin <strong>der</strong> Nacht,<br />

die teils Mensch, teils Vogel ist.<br />

Herabhängende Schwingen und<br />

Raubvogelkrallen deuten ihre<br />

Verbindung mit <strong>der</strong> Unterwelt<br />

an.<br />

ca. 1600 v. Chr. Bronzezeit-Fresken aus Akrotiri<br />

auf <strong>der</strong> griechischen Insel Santorini<br />

zeigen fliegende Schwalben.<br />

ca. 750 v. Chr. Zum ersten Mal werden in <strong>der</strong><br />

europäischen Literatur <strong>Vögel</strong><br />

erwähnt: Homer beschreibt die<br />

trojanische Armee in <strong>der</strong> Ilias als<br />

»Kraniche unter dem Himmel«.<br />

ca. 700 v. Chr. <strong>Die</strong> Skythen, nomadische<br />

Völker in Zentralasien, verzieren<br />

Schmuck und Waffen mit Vogelbil<strong>der</strong>n.<br />

664 v. Chr. In <strong>der</strong> Spätzeit Ägyptens wird<br />

<strong>der</strong> Ibis als Thot, Gott des<br />

Schreibens und <strong>der</strong> Weisheit,<br />

verehrt, <strong>der</strong> das Land vor<br />

Schlangen und Plagen schützt.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> wurden oft mumifiziert<br />

und in Gräbern beigesetzt.<br />

ca. 600 v. Chr. <strong>Die</strong> Kelten in Mittel- und<br />

Westeuropa halten <strong>Vögel</strong> für<br />

Reinkarnationen angesehener<br />

Personen. <strong>Vögel</strong> symbolisieren<br />

außerdem Transzendenz und<br />

Freiheit, da sie in <strong>der</strong> Lage sind,<br />

zum Himmel aufzusteigen.<br />

Kelten glaubten, sie vermitteln<br />

zwischen Menschen und Göttern<br />

und überbringen Prophezeiungen<br />

und Botschaften.<br />

ca. 450 v. Chr. In <strong>der</strong> klassischen Periode des<br />

alten Griechenland erscheinen<br />

Bil<strong>der</strong> von Eulen auf den<br />

Münzen des Stadtstaats Athen<br />

als Symbol <strong>der</strong> Weisheit seiner<br />

Schutzgöttin Athene.<br />

426 v. Chr. Der griechische Historiker<br />

Herodot schreibt seine Historien,<br />

<strong>der</strong>en zweiter Band ausführliche<br />

Beschreibungen <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> und<br />

Tiere Ägyptens enthält.<br />

414 v. Chr. Der Dichter Aristophanes<br />

schreibt <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong>, eine Komödie,<br />

die beim Festival <strong>der</strong> Dionysien<br />

in Athen aufgeführt wird.<br />

ca. 350 v. Chr. Der griechische Philosoph<br />

Aristoteles widmet vier Bände<br />

seiner Historia Animalium den<br />

<strong>Vögel</strong>n und identifiziert 170<br />

Arten. Er war <strong>der</strong> Erste, <strong>der</strong> den<br />

Vogelzug erklärte, etwa damit,<br />

dass <strong>Vögel</strong> Winterschlaf halten<br />

o<strong>der</strong> Arten sich in an<strong>der</strong>e verwandeln.<br />

Einige seiner Theorien<br />

wurden verworfen.<br />

246 v. Chr. Baubeginn des Mausoleums von<br />

Qin Shihuangdi, des ersten Kaisers<br />

von China, nahe <strong>der</strong> alten Hauptstadt<br />

Chang’an in <strong>der</strong> Provinz<br />

Shaanxi. <strong>Die</strong> 50 Quadratkilometer<br />

große Anlage enthielt am Ende<br />

8.000 lebensgroße Terrakottasoldaten<br />

und Tausende von Tierartefakten<br />

und -figuren, einschließlich<br />

<strong>Vögel</strong>n.<br />

57 v. Chr. Vogelförmige Keramikgefäße<br />

werden bei Bestattungsritualen im<br />

Süden <strong>der</strong> koreanischen Halbinsel<br />

verwendet.<br />

44 v. Chr. Der römische Senator Marcus<br />

Junius Brutus schickt bei <strong>der</strong><br />

Belagerung von Modena Nachrichten<br />

mit Brieftauben an seine<br />

Verbündeten.<br />

27 v. Chr. Römische Legionen fangen an,<br />

Aquila, den Adler, als Zeichen zu<br />

benutzen. Ein Träger, <strong>der</strong> Aquilifer,<br />

trägt die Standarte in die<br />

Schlacht. Der Adler repräsentiert<br />

Macht und Mut.<br />

77 n. Chr. Der römische Naturforscher Plinius<br />

<strong>der</strong> Ältere schließt seine Naturalis<br />

historia ab. Buch X ist den <strong>Vögel</strong>n<br />

gewidmet und beschreibt u. a. ihre<br />

Schädlichkeit o<strong>der</strong> Nützlichkeit für<br />

die Menschen.<br />

79 Der Ausbruch des Vesuv zerstört<br />

die römische Stadt Pompeji, unter<br />

an<strong>der</strong>em das Haus des Fauns, in<br />

dem es ein Wandmosaik mit einer<br />

Nilszene gibt, in <strong>der</strong> Enten und<br />

Gänse zwischen Lotussen und<br />

Seerosen schwimmen. Ein Mosaik<br />

im Haus <strong>der</strong> Tauben basiert<br />

auf einem verlorenen Original<br />

von Sosos von Pergamon und<br />

wurde von Plinius dem Älteren<br />

beschrieben.<br />

ca. 100<br />

Römer und Griechen produzieren<br />

vogelförmige Glasflaschen<br />

für Flüssigkeiten, Parfüme und<br />

kosmetische Pu<strong>der</strong>. Der Inhalt<br />

wurde in den Flaschen versiegelt<br />

und man musste zum Gebrauch<br />

den Vogelschwanz abbrechen.<br />

328


In den 100ern 500 1000 1250<br />

In den<br />

100ern<br />

ca. 200<br />

In den<br />

200ern<br />

Physiologus wird in Alexandria,<br />

Ägypten von einem unbekannten<br />

Autor zusammengestellt und<br />

beschreibt Eigenschaften und<br />

Verhaltensweisen von Tieren. Der<br />

Text, wichtigste Quelle für mittelalterliche<br />

Bestiarien, hatte großen<br />

Einfluss auf die christliche Kunst.<br />

Er berichtet u. a. vom Phönix, <strong>der</strong><br />

aus <strong>der</strong> Asche aufsteigt, und vom<br />

Pelikan, <strong>der</strong> seine Jungen mit<br />

seinem Blut ernährt.<br />

Völker im Süden Perus beginnen,<br />

riesige Bil<strong>der</strong> in den Boden <strong>der</strong><br />

Wüste von Nazca zu scharren,<br />

darunter auch <strong>Vögel</strong>. <strong>Die</strong> über<br />

Jahrhun<strong>der</strong>te entstandenen<br />

Nazca-Linien wurden als Grenzmarkierungen,<br />

Frühlingszeichen<br />

und rituelle Prozessionspfade<br />

interpretiert.<br />

Der römische Autor Claudius<br />

Aelianus schreibt Tiergeschichten.<br />

<strong>Die</strong> 17 Bücher enthalten Geschichten<br />

über <strong>Vögel</strong> und an<strong>der</strong>e<br />

Tiere in Form von Anekdoten und<br />

Sagen.<br />

Nachtigallen, Stare, Raben, Elstern<br />

und Papageien sind beliebte<br />

Haustiere im Römischen Reich.<br />

355 Nihon-shoki, eine größtenteils mythische<br />

Erzählung, berichtet von <strong>der</strong><br />

Einführung <strong>der</strong> Falknerei in Japan<br />

aus Baekje durch Nintoku, den<br />

16. Kaiser. Der Sport galt wegen <strong>der</strong><br />

Seltenheit und Preise von Falken<br />

sowie <strong>der</strong> Zeit, Kosten und Platzanfor<strong>der</strong>ungen<br />

für <strong>der</strong>en Aufzucht<br />

und Training als Statussymbol.<br />

ca. 400<br />

<strong>Die</strong> Falknerei gelangt über Händler<br />

und Reisende aus dem Nahen<br />

Osten nach Europa. Anfangs dient<br />

sie <strong>der</strong> Jagd nach Nahrung. Im<br />

9. Jahrhun<strong>der</strong>t war sie in Westeuropa<br />

und Großbritannien sehr<br />

verbreitet und wurde später zu<br />

einem Zeitvertreib des Adels.<br />

ca. 500<br />

ca. 501<br />

ca. 630<br />

In Europa tauchen die ersten<br />

Fe<strong>der</strong>kiele auf, hergestellt aus<br />

dem mittleren Steg einer Vogelfe<strong>der</strong>.<br />

Sie blieben bis Mitte des<br />

19. Jahrhun<strong>der</strong>ts das wichtigste<br />

Schreibgerät. <strong>Die</strong> gemauserten<br />

Fe<strong>der</strong>n leben<strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> ergaben die<br />

stärksten Fe<strong>der</strong>kiele.<br />

Ein Mönch namens Servanus füttert<br />

im schottischen Fife ein Rotkehlchen<br />

von Hand und markiert<br />

damit den Beginn <strong>der</strong> Tradition,<br />

Gartenvögel zu füttern.<br />

Isidor, Erzbischof von Sevilla, stellt<br />

seine Etymologiae zusammen, ein<br />

Kompendium des menschlichen<br />

Wissens in 20 Büchern. Buch XII,<br />

»de animalibus«, behandelt Tiere<br />

und versammelt Informationen<br />

aus Quellen wie Plinius, Servius<br />

und Solinus.<br />

842 Der Benediktinermönch Rabanus<br />

Maurus beginnt mit <strong>der</strong> Arbeit an<br />

De rerum naturis, einer 22 Bücher<br />

umfassenden Enzyklopädie. Das<br />

8. Buch über Tiere ist in sieben<br />

Kapitel unterteilt: »Bestien«, »kleine<br />

Tiere«, »Schlangen«, »Würmer«,<br />

»Fische«, »<strong>Vögel</strong>« und »kleine<br />

<strong>Vögel</strong>«.<br />

ca. 1220<br />

ca. 900 <strong>Die</strong> Pueblo-Völker des Chaco<br />

Canyon, heute in New Mexico,<br />

importieren Aras über lange<br />

Handelsrouten aus <strong>der</strong>en Heimat<br />

Mesoamerika.<br />

In den<br />

900ern<br />

ca. 1000<br />

Der Künstler Huan Quan aus<br />

<strong>der</strong> chinesischen Song-Dynastie<br />

zeichnet auf einer Handrolle für<br />

seinen Sohn neben 24 verbreiteten<br />

chinesischen Tieren eine Bachstelze,<br />

eine Möwe, einen Weißwangenstar,<br />

einen Spiegelrotschwanz und<br />

einen Gould-Nektarvogel.<br />

Der Universalgelehrte Avicenna<br />

übersetzt und kommentiert Aristoteles'<br />

Werke zur Naturkunde. Seine<br />

arabische Version <strong>der</strong> Texte ist eine<br />

wichtige Quelle für die »Wie<strong>der</strong>entdeckung<br />

des Aristoteles« im Mittelalter.<br />

ca. 1000<br />

Der Aepyornis o<strong>der</strong> »Elefantenvogel«<br />

stirbt vermutlich aufgrund von<br />

menschlichen Aktivitäten aus. <strong>Die</strong><br />

großen flugunfähigen <strong>Vögel</strong> von<br />

Madgaskar wurden wahrscheinlich<br />

bis zum letzten Tier gejagt.<br />

Schalenreste, die man neben<br />

Feuerstellen fand, legen nahe,<br />

dass ihre Eier ganze Familien<br />

ernährten.<br />

1112 Der chinesische Kaiser Huizong,<br />

Zhao Ji malt eine Schar Kraniche,<br />

die sich über seinem Palasttor<br />

versammelte, während sich um sie<br />

herum glückbringende Wolken bildeten.<br />

Angeblich Tausende Zeugen<br />

dieses Ereignisses rechtfertigten<br />

seine Verewigung auf einer Rolle.<br />

ca. 1200<br />

ca. 1230<br />

1240er-<br />

Jahre<br />

Ein üppig illustriertes Manuskript<br />

aus England, heute als Bestiarium<br />

von Aberdeen bekannt, enthält<br />

zahlreiche, mehr o<strong>der</strong> weniger<br />

exakte Darstellungen von <strong>Vögel</strong>n.<br />

Handwerker in <strong>der</strong> französischen<br />

Stadt Limoges stellen eucharistische<br />

Tauben aus emailliertem<br />

Metall her, die als Symbole des<br />

Heiligen Geistes über Altäre gehängt<br />

werden.<br />

Am sizilianischen Hof von Kaiser<br />

Friedrich II. übersetzt <strong>der</strong> Gelehrte<br />

Michael Scotus Aristoteles'<br />

Historia animalium und einige<br />

Kommentare aus dem Arabischen<br />

ins Lateinische.<br />

Thomas von Cantimpré beginnt<br />

mit seiner 22-bändigen Enzyklopädie<br />

Liber de natura rerum (»Buch<br />

über die Natur <strong>der</strong> Dinge«). Buch V<br />

ist den <strong>Vögel</strong>n gewidmet.<br />

Kaiser Friedrich II. schreibt ein ausführliches<br />

Werk über die Falknerei,<br />

De Arte Venandi cum Avibus (Ȇber<br />

die Kunst mit <strong>Vögel</strong>n zu jagen«). Es<br />

basiert auf eigenen Beobachtungen<br />

und gilt als das erste rein ornithologische<br />

Werk.<br />

ca. 1250<br />

Der deutsche Dominikaner<br />

Albertus Magnus verfasst auf Basis<br />

seiner Übersetzungen <strong>der</strong> Schriften<br />

des Aristoteles ein Traktat über<br />

<strong>Vögel</strong>, u. a. mit Anweisungen zur<br />

Behandlung kranker und verwundeter<br />

Falken.<br />

Völker in Paquimé, Mexiko,<br />

beginnen mit <strong>der</strong> Zucht von<br />

Aras, um den Bedarf an diesen<br />

kulturell bedeutsamen <strong>Vögel</strong>n<br />

zu decken.<br />

1478 Spanische Seeleute bringen Kanarienvögel<br />

als Haustiere von den<br />

Kanarischen Inseln nach Europa<br />

mit.<br />

1481 Der deutsche Gelehrte Konrad<br />

von Megenberg veröffentlicht Das<br />

Buch <strong>der</strong> Natur, eine umfassende<br />

Studie <strong>der</strong> natürlichen <strong>Welt</strong> mit<br />

Beschreibungen von 72 verschiedenen<br />

<strong>Vögel</strong>n.<br />

1492 Das erste Mal taucht ein Vogel<br />

aus Südostasien und Australasien<br />

in <strong>der</strong> westlichen Kunst auf.<br />

Der italienische Künstler Andrea<br />

Mantegna malt in Madonna della<br />

Vittoria einen Kakadu.<br />

1506 Der Renaissance-Künstler<br />

Raffael malt die Madonna mit<br />

dem Stieglitz. In vielen religiösen<br />

Bil<strong>der</strong>n dieser Zeit symbolisiert<br />

<strong>der</strong> Stieglitz die Seele, Wie<strong>der</strong>auferstehung,<br />

Opfer und Tod o<strong>der</strong><br />

auch Hoffnung nach <strong>der</strong> Pest im<br />

14. Jahrhun<strong>der</strong>t.<br />

ca. 1507<br />

Europäer sehen zum ersten Mal<br />

den flugunfähigen Dodo, als portugiesische<br />

Seeleute im Indischen<br />

Ozean auf <strong>der</strong> Insel Mauritius<br />

landen.<br />

1512 Albrecht Dürer erschafft eine<br />

akkurate Studie des Flügels einer<br />

Blauracke.<br />

329


1521 1601 1648 1681<br />

1521 Der spanische Eroberer Hernán<br />

Cortés erreicht die aztekische<br />

Hauptstadt Tenochtitlán und<br />

sieht dort <strong>Vögel</strong> in Volieren.<br />

1544 Der Geistliche, Naturforscher und<br />

Arzt William Turner schreibt The<br />

Principal Birds of Aristotle and Pliny,<br />

das erste gedruckte Vogelbuch.<br />

Seine Beobachtungen zu antiken<br />

Texten sind <strong>der</strong> Beginn <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen<br />

Empirie. Er bringt den unvollendeten<br />

Diologus de Avibus (»Dialog<br />

<strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>«) seines Freundes Gilbert<br />

de Longueil heraus.<br />

1555 Der Schweizer Naturforscher<br />

und Botaniker Conrad Gessner<br />

veröffentlicht den dritten Band<br />

seiner Enzyklopädie Historiae<br />

Animalium mit mehr als 182 Arten<br />

europäischer <strong>Vögel</strong>.<br />

Der französische Naturforscher<br />

Pierre Belon veröffentlicht <strong>Die</strong> vergleichende<br />

Anatomie von Vogel- und<br />

Menschenskeletten, eine ornithologische<br />

Enzyklopädie und das<br />

erste Werk <strong>der</strong> vergleichenden<br />

Anatomie.<br />

1570 Während ihrer Gefangenschaft unter<br />

ihrer Cousine Königin Elizabeth<br />

I. stickt Maria Stuart, Königin von<br />

Schottland, die Oxburgh Hangings<br />

mit <strong>Vögel</strong>n aus Conrad Gessners<br />

Icones Avium Omnium.<br />

1573 Der nie<strong>der</strong>ländische Anatom und<br />

Arzt Volcher Coiter veröffentlicht<br />

ein Werk zur Anatomie <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>.<br />

1599 Ulisse Aldrovandi veröffentlicht<br />

sein dreibändiges Ornithologiae, hoc<br />

est, De avibus historiae (»Ornithologie,<br />

das ist die Geschichte <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>«),<br />

mit Beschreibungen und fast<br />

700 Holzschnitten. Er behauptet,<br />

seine Bil<strong>der</strong> von Truthähnen und<br />

Kardinälen seien die »frühesten<br />

Bil<strong>der</strong> amerikanischer Formen«.<br />

1601 Der Nie<strong>der</strong>län<strong>der</strong> Roelandt<br />

Savery wird Hofmaler bei Kaiser<br />

Rudolf II. in Prag, wo er <strong>Vögel</strong><br />

und an<strong>der</strong>e Tiere aus <strong>der</strong> königlichen<br />

Menagerie malt.<br />

1601 Der italienische Gelehrte Antonio<br />

Valli da Todi beschreibt als Erster<br />

das Revierverhalten von <strong>Vögel</strong>n<br />

anhand des Verhaltens von Nachtigallen<br />

in Il Canto degl'Augelli (»Der<br />

Gesang <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>«).<br />

1603 Der deutsche Astronom Johann<br />

Bayer stellt eine Sternenkarte <strong>der</strong><br />

»himmlischen <strong>Vögel</strong>« her, <strong>der</strong>en<br />

Konstellationen die Entdecker<br />

<strong>der</strong> Nie<strong>der</strong>ländischen Ostindien-<br />

Kompanie auf ihrer Reise nach<br />

Java und Sumatra 1594 aufgezeichnet<br />

haben.<br />

Der deutsche Theologe Caspar<br />

Schwenckfeld listet erstmals die<br />

Fauna einer bestimmten Region<br />

auf mit kurzen Beschreibungen<br />

von 150 <strong>Vögel</strong>n in Schlesien.<br />

1605 Der nie<strong>der</strong>ländische Botaniker<br />

Carolus Clusius schreibt Exoticorum<br />

libri decem (»Zehn Bücher mit<br />

Exoten«), die erste europäische<br />

Studie exotischer Pflanzen und<br />

Tiere.<br />

1611 Peter Paul Rubens malt Ganymed<br />

mit dem römischen Gott Jupiter<br />

in Form eines Adlers.<br />

1621 De formatione ovi et pulli (Über die<br />

Bildung des Eies und des Kükens)<br />

des italienischen Embryologen<br />

Girolamo Fabrizio erweitert das<br />

Wissen über die embryonale Entwicklung<br />

von <strong>Vögel</strong>n sowie ihrer<br />

Fortpflanzungsorgane.<br />

1622 In Neuengland wird erstmals<br />

die Falknerei in Nordamerika dokumentiert.<br />

1629 Der Flame Frans Sny<strong>der</strong>s malt<br />

Vogelkonzert nach einer Fabel Äsops.<br />

Dank ihm verbreitet sich das Motiv<br />

<strong>der</strong> Eule als Dirigentin in <strong>der</strong> flämischen<br />

Kunst des 17. Jahrhun<strong>der</strong>ts.<br />

1636 Dem Antiquar Cassiano dal Pozzo<br />

in Rom wird ein toter Pelikan<br />

gebracht; er beauftragt Vincenzo<br />

Leonardi, diesen für sein Museo<br />

Cartaceo (Papiermuseum) zu<br />

malen.<br />

1648 <strong>Die</strong> erste wissenschaftliche Studie<br />

<strong>der</strong> Flora und Fauna Brasiliens,<br />

Historia Naturalis Brasiliae von<br />

Willem Piso und Georg Marggraf,<br />

erscheint.<br />

ca. 1650<br />

<strong>Die</strong> Nationale Kunstgalerij interpretiert<br />

bei Erwerb das Gemälde<br />

Der bedrohte Schwan (Mitte links,<br />

S. 97) des Nie<strong>der</strong>län<strong>der</strong>s Jan Asselijn<br />

als politische Allegorie: <strong>Die</strong><br />

Verteidigung <strong>der</strong> Nie<strong>der</strong>lande vor<br />

fremden Mächten.<br />

Athanasius Kircher veröffentlicht<br />

Musurgia universalis sive ars magna<br />

consoni et dissoni. Er bringt den<br />

Vogelgesang in eine musikalische<br />

Notation, um nachzuweisen, dass<br />

Musik die Harmonie von Gottes<br />

Kosmos wi<strong>der</strong>spiegelt.<br />

1651 <strong>Die</strong> Studie des englischen Arztes<br />

William Harvey zur tierischen<br />

Fortpflanzung erscheint und<br />

korrigiert bestimmte Fehler seines<br />

Lehrers Fabrizio.<br />

1654 Der nie<strong>der</strong>ländische Künstler Carel<br />

Fabritius malt Der Distelfink. 1859<br />

wie<strong>der</strong>entdeckt, wird es zu einem<br />

<strong>der</strong> bekanntesten Vogelbil<strong>der</strong> <strong>der</strong><br />

Kunstgeschichte. Fast 360 Jahre<br />

später erscheint es in <strong>der</strong> Handlung<br />

des gleichnamigen Buches<br />

<strong>der</strong> US-Autorin Donna Tartt.<br />

1658 Willem van Aelst malt Stillleben mit<br />

Geflügel. Der Nie<strong>der</strong>län<strong>der</strong> hatte<br />

großen Einfluss auf das Genre <strong>der</strong><br />

Stillleben mit <strong>Vögel</strong>n.<br />

1674 König Ludwig XIV. ernennt den<br />

Belgier Pieter Boel zum Peintre<br />

Ordinaire. Boel revolutionierte die<br />

Tiermalerei, indem er direkt mit<br />

den lebenden Tieren in <strong>der</strong> Menagerie<br />

des Königs in Versailles<br />

arbeitete.<br />

1676 Vier Jahre nach dem Tod seines<br />

Schülers Francis Willughby<br />

veröffentlicht <strong>der</strong> englische<br />

Naturforscher John Ray dessen<br />

Notizen als wissenschaftlichen<br />

Text: Ornithologiae libri tres.<br />

1681 Auf Mauritius wird <strong>der</strong> letzte<br />

Dodo getötet. Der flugunfähige<br />

Vogel wird zu einem <strong>der</strong> bekanntesten<br />

Beispiele für das Aussterben<br />

durch den Menschen.<br />

ca. 1700<br />

Der Botschafter des Sultans von<br />

Marokko übergibt König Karl II.<br />

von England zahlreiche Straußen<br />

als Geschenk, von denen etliche<br />

frei im Londoner St. James’s Park<br />

herumlaufen dürfen.<br />

Der japanische Künstler Ogata<br />

Korin bemalt einen goldenen<br />

Wandschirm mit 19 Kranichen,<br />

Symbolen <strong>der</strong> Langlebigkeit.<br />

1721 Der Maler Jiang Tingxi stellt für<br />

den Hof in Kangxi die Enzyklopädie<br />

Das Kompendium <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong><br />

her. Sie enthält 360 exakte Vogelzeichnungen.<br />

<strong>Die</strong> systematische<br />

Klassifizierung und Beschreibung<br />

<strong>der</strong> Arten ist für diese Zeit ungewöhnlich.<br />

1729 Der englische Naturforscher Mark<br />

Catesby, später als Vater <strong>der</strong> amerikanischen<br />

Ornithologie gepriesen,<br />

veröffentlicht den ersten Teil von<br />

The Natural History of Carolina, Florida<br />

and the Bahama Islands, <strong>der</strong> die<br />

Flora und Fauna <strong>der</strong> südöstlichen<br />

USA und <strong>der</strong> Karibik dokumentiert.<br />

1731 Der englische Naturforscher und<br />

Illustrator Eleazar Albin und<br />

seine Tochter Elizabeth schaffen<br />

306 Illustrationen für A Natural<br />

History of Birds, eines <strong>der</strong> ersten<br />

üppig illustrierten ornithologischen<br />

Werke.<br />

1731–33 Der chinesische Vogel- und Blumenmaler<br />

Shen Quan begründet<br />

die Schule von Nagasaki, als er in<br />

Japan traditionelle chinesische<br />

Malerei unterrichtet.<br />

1734 Der deutsche Bildhauer Johann<br />

Joachim Kändler stellt als Teil<br />

eines Porzellanzoos für Kurfürst<br />

August II. von Sachsen einen<br />

Königsgeier her.<br />

330


1735<br />

1769<br />

1782 1820<br />

1735 Der schwedische Naturforscher<br />

und Entdecker Carl von Linné<br />

veröffentlicht seine Systema Naturae,<br />

in <strong>der</strong> er eine neue Klassifikation<br />

natürlicher Arten vorstellt, die<br />

dem Vorschlag John Rays folgt.<br />

1737 Der italienische Naturforscher<br />

Giuseppe Zinanni veröffentlicht das<br />

erste Buch zum Thema <strong>der</strong> Eier und<br />

Nester von <strong>Vögel</strong>n: Delle uova e dei<br />

nidi degli uccelli.<br />

1739 Der französische Erfin<strong>der</strong> und<br />

Künstler Jacques de Vaucanson<br />

entwirft eine mechanische Ente, die<br />

angeblich Körner frisst, verdaut und<br />

wie<strong>der</strong> ausscheidet.<br />

ca. 1740<br />

Der deutsche Pastor und Ornithologe<br />

Johann Heinrich Zorn verfasst<br />

eine bahnbrechende Studie zu<br />

Ornithologie und Theologie in<br />

zwei Bänden.<br />

1743 George Edwards veröffentlicht<br />

den ersten Abschnitt von A Natural<br />

History of Uncommon Birds.<br />

Seine detaillierten Beschreibungen<br />

werden für ihre Exaktheit<br />

gepriesen.<br />

1747 Mark Catesby stellt <strong>der</strong> Royal Society<br />

in London den Artikel »Of Birds<br />

of Passage« vor, eine <strong>der</strong> ersten<br />

wissenschaftlichen Studien zum<br />

Vogelzug. Bis zum 17. Jahrhun<strong>der</strong>t<br />

glaubte man, sie hielten Winterschlaf.<br />

1761 Der japanische Künstler Ito Jakuchu<br />

beginnt sein Meisterwerk, Farbige<br />

Bil<strong>der</strong> von Tieren und Pflanzen,<br />

eine Serie aus 30 Hängerollen<br />

mit <strong>Vögel</strong>n wie Mandarinenten,<br />

Sperlingen, Hähnen und Hühnern<br />

neben an<strong>der</strong>en Tieren und Blumen.<br />

1768 <strong>Die</strong> Naturforscher Joseph Banks<br />

und Daniel Solan<strong>der</strong> sammeln auf<br />

einer britischen Expedition mit<br />

<strong>der</strong> HMS Endeavour in den Südpazifik<br />

Exemplare von <strong>Vögel</strong>n, die<br />

<strong>der</strong> Wissenschaft neu sind.<br />

1769 Der mit Kapitän James Cook<br />

auf <strong>der</strong> HMS Endeavour segelnde<br />

schottische Künstler Sydney<br />

Parkinson dokumentiert erstmals<br />

den Rotschwanz-Tropikvogel und<br />

fertigt Hun<strong>der</strong>te weitere Illustrationen<br />

an.<br />

1770 Der führende französische<br />

Naturforscher und Mathematiker<br />

Georges-Louis Leclerc, Comte de<br />

Buffon, veröffentlicht den ersten<br />

Teil seiner bahnbrechenden Histoire<br />

Naturelle des Oiseaux (»Naturgeschichte<br />

<strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>«). Er enthält<br />

1.008 handkolorierte Bildtafeln in<br />

36 Bänden und wird vielfach übersetzt.<br />

<strong>Die</strong> Falconers’ Society of England<br />

wird gegründet.<br />

1773 James Cook bringt auf seiner<br />

zweiten Reise nach Neuseeland<br />

Hühner in das Land mit.<br />

1774 Der einflussreiche Vogel- und-<br />

Blumen-Maler Maruyama Okyo<br />

vollendet den ersten von zwei<br />

Wandschirmen mit Blässgänsen,<br />

die in einem Sumpfgebiet landen<br />

und verbindet die japanische<br />

Kano-Schule mit <strong>der</strong> europäischen<br />

Zentralperspektive.<br />

1777 Der Naturforscher Johann Reinhold<br />

Forster benennt auf James<br />

Cooks zweiter <strong>Welt</strong>reise den Entensturmvogel<br />

Procellaria vittata.<br />

Es ist <strong>der</strong> erste wissenschaftliche<br />

Name eines neuseeländischen<br />

Vogels.<br />

1778 Der Jesuit und Naturforscher<br />

Juan Ignacio Molina bringt Saggio<br />

sulla storia naturale del Chile mit<br />

den ersten Beschreibungen vieler<br />

südamerikanischer <strong>Vögel</strong> heraus.<br />

1780er<br />

Lady Mary Impey, Frau des britischen<br />

Kolonialbeamten Sir Elijah<br />

Impey, beauftragt den indischen<br />

Künstler Shaikh Zain ud-Din,<br />

<strong>Vögel</strong> und an<strong>der</strong>e Tiere des Subkontinents<br />

aus ihrer privaten<br />

Menagerie zu malen.<br />

1782 Nach einer längeren Diskussion<br />

erklärt <strong>der</strong> Kongress den<br />

Weißkopfseeadler zum Nationalvogel<br />

<strong>der</strong> USA. Er ist noch heute<br />

auf dem Siegel und offiziellen<br />

Dokumenten, Flaggen, Militärabzeichen<br />

sowie <strong>der</strong> Ein-Dollar-Note<br />

abgebildet.<br />

1791 Der japanische Künstler Kitagawa<br />

Utamaro erstellt das aus Holzschnitten<br />

bestehende, zweibändige<br />

Buch Momo chidori kyōka-awase<br />

(»Myriaden <strong>Vögel</strong>: Album <strong>der</strong> verspielten<br />

Verse«). Jede Doppelseite<br />

zeigt zwei Arten und ein Gedicht in<br />

<strong>der</strong> Stimme eines <strong>der</strong> abgebildeten<br />

<strong>Vögel</strong>.<br />

1797 Der britische Künstler Thomas<br />

Bewick veröffentlicht den ersten<br />

Band von A History of British Birds<br />

mit detaillierten Beschreibungen<br />

und exakten Holzschnitten <strong>der</strong><br />

wichtigsten britischen Vogelarten.<br />

Ein zweiter Band erscheint 1804.<br />

1801 Der britische Leutnant Matthew<br />

Flin<strong>der</strong>s beginnt eine Expedition<br />

zur Vermessung <strong>der</strong> Küste Australiens.<br />

Mit an Bord ist <strong>der</strong> österreichische<br />

Zeichner Ferdinand Bauer,<br />

<strong>der</strong> in mehr als 2.000 Zeichnungen<br />

die lokale Flora und Fauna<br />

dokumentiert.<br />

1802 Der Naturforscher George Montagu<br />

veröffentlicht Ornithological Dictionary,<br />

or Alphabetical Synopsis of<br />

British Birds und macht damit die<br />

Ornithologie in Großbritannien<br />

populär.<br />

1806 Der französische Entdecker,<br />

Ornithologe und Autor François<br />

Levaillant veröffentlicht Histoire<br />

Naturelle des Oiseaux de Paradis et<br />

des Rolliers mit 114 Illustrationen<br />

exotischer <strong>Vögel</strong> des bekannten<br />

Vogelmalers Jacques Barraband.<br />

1808–14 Der bahnbrechende schottische<br />

Ornithologe Alexan<strong>der</strong> Wilson<br />

veröffentlicht American Ornithology<br />

und begründet damit die<br />

amerikanische Ornithologie.<br />

1820 Der englische Ornithologe William<br />

Swainson nutzt das neue<br />

Druckverfahren <strong>der</strong> Lithografie<br />

(»Zeichnen auf Stein«) zum<br />

Transkribieren musikalischer<br />

Notationen in seinem Werk<br />

»Zoological Illustrations«.<br />

1827 <strong>Die</strong> Schriftstellerin Sarah Josepha<br />

Hale setzt sich dafür ein, Thanksgiving<br />

in den USA zum Feiertag<br />

zu ernennen und beschreibt in<br />

ihrem Roman Northwood ein<br />

Thanksgiving-Festmahl mit<br />

einem Truthahn.<br />

1829 Im Londoner Zoo wird <strong>der</strong> achteckige<br />

Raven’s Cage für Aras und<br />

später auch Geier und Raben errichtet.<br />

Das von Decimus Burton<br />

entworfene Gehege ist ein Blickfang<br />

im Zoo, wird aber nicht mehr<br />

verwendet, da es zu klein ist.<br />

1830 Der britische Maler und Dichter<br />

Edward Lear veröffentlicht den<br />

ersten Teil seiner Illustrations of<br />

the Family Psittacidae or Parrots. Es<br />

gilt als erste Monografie über eine<br />

einzige Vogelfamilie.<br />

1831 Charles Darwin bricht auf <strong>der</strong><br />

HMS Beagle nach Südamerika<br />

auf. <strong>Die</strong> Finken, die er auf einer<br />

Expedition zu den entlegenen<br />

Galápagosinseln entdeckt – heute<br />

Darwinfinken genannt – führten<br />

zu <strong>der</strong> Erkenntnis, dass natürliche<br />

Auslese die Evolution vorantreibt.<br />

1834 Prideaux John Selby veröffentlicht<br />

den ersten Abschnitt von<br />

Illustrations of British Ornithology<br />

mit lebensgroßen Illustrationen<br />

britischer <strong>Vögel</strong>.<br />

1835 Der japanische Künstler, Ukiyoe-Maler<br />

und Drucker Katsushika<br />

Hokusai bemalt einen achtteiligen<br />

Wandschirm mit einem Phönix.<br />

Der »Sport« des Hahnenkampfes<br />

wird in England unter dem Cruelty<br />

to Animals Act verboten.<br />

331


1838 1856 1867 1876<br />

1838 Der Künstler und Naturforscher<br />

John James Audubon bringt<br />

den vierten Band von Birds of<br />

America heraus. <strong>Die</strong> Ausgabe<br />

mit 435 lebensgroßen Aquarellen<br />

nordamerikanischer <strong>Vögel</strong> gilt als<br />

das größte und schönste jemals<br />

erschienene Vogelbuch.<br />

1840 Der englische Ornithologe und<br />

Vogelmaler John Gould veröffentlicht<br />

den ersten Band von sieben<br />

Bänden <strong>der</strong> The Birds of Australia.<br />

Alle 681 damals bekannten<br />

australischen Vogelarten werden<br />

abgebildet, viele gezeichnet von<br />

Goulds Frau Elizabeth.<br />

1844 Auf <strong>der</strong>r Insel Eldey vor <strong>der</strong><br />

Küste Islands wird das letzte<br />

Paar Riesenalke getötet. <strong>Die</strong><br />

Art wurde anfangs wegen ihres<br />

Fleisches und <strong>der</strong> Fe<strong>der</strong>n gejagt,<br />

ab den 1830er-Jahren dann zum<br />

wissenschaftlichen Studium und<br />

zum Ausstellen in Museen.<br />

1845 Edgar Allen Poe veröffentlicht<br />

sein erzählendes Gedicht »Der<br />

Rabe«, das ihm internationalen<br />

Ruhm einbringt.<br />

1848 <strong>Die</strong> schottische Malerin Jemima<br />

Blackburn illustriert Caw! Caw!,<br />

or The Chronicle of Crows, A Tale of<br />

Spring Time, das von einer Saatkrähenkolonie<br />

und ihrer Verfolgung<br />

durch einen Farmer erzählt.<br />

1849 Blaise Bontems eröffnet in Paris<br />

eine Werkstatt, nachdem er erfolgreich<br />

eine Schnupftabakdose mit<br />

einem mechanischen Vogel repariert<br />

hat. Seine Automaten sind<br />

berühmt für den realistischen<br />

Vogelgesang, den sie erzeugen.<br />

1850 William Turner, Maler <strong>der</strong> Romantik,<br />

erstellt die Illustrationen für die<br />

ornithologische Studie The Farnley<br />

Hall Bird Book von Walter Fawkes.<br />

Abgebildet werden einige von Großbritanniens<br />

beliebtesten <strong>Vögel</strong>n, wie<br />

ein Rotkehlchen, ein Eisvogel und<br />

eine Schleiereule.<br />

1856 Der britische Maler William<br />

James Webbe präsentiert sein Gemälde<br />

The White Owl in <strong>der</strong> Royal<br />

Academy in London.<br />

1858 Der englische Entdecker und Naturforscher<br />

Alfred Russel Wallace<br />

sammelt auf <strong>der</strong> indonesischen<br />

Bacan einen unbekannten Paradiesvogel.<br />

<strong>Die</strong>ser (ein Bän<strong>der</strong>paradiesvogel)<br />

wird ihm zu Ehren<br />

Semioptera wallacei genannt. Elf<br />

Jahr später erscheint eine Illustration<br />

von John Gerrard Keulemans<br />

in Wallaces The Malay Archipelago:<br />

the land of the orang-utan and the bird<br />

of paradise.<br />

Der englische Naturforscher Thomas<br />

Campbell Eyton bringt den<br />

ersten Teil von Osteologia avium,<br />

or, A sketch of the osteology of birds<br />

heraus, das akkurate anatomische<br />

Zeichnungen von Vogelskeletten<br />

in naturgetreuen Posen enthält.<br />

1859 <strong>Die</strong> erste Ausgabe des wissenschaftlichen<br />

Journals <strong>der</strong> British<br />

Ornithological Union, The Ibis,<br />

erscheint.<br />

1860er<br />

Halsketten, Ohrringe und an<strong>der</strong>er<br />

Schmuck mit kleinen <strong>Vögel</strong>n wie<br />

Kolibris kommen in Mode.<br />

1861 Das erste versteinerte Exemplar<br />

– eine einzelne Fe<strong>der</strong> – des<br />

Archaeopteryx, einer Gattung<br />

gefie<strong>der</strong>ter Dinosaurier, wird in<br />

Bayern entdeckt.<br />

1865 In einer Neuauflage von Lewis<br />

Carrolls Alices Abenteuer im Wun<strong>der</strong>land<br />

verewigt <strong>der</strong> englische<br />

Zeichner John Tenniel den Dodo.<br />

Von den Falklandinseln treffen<br />

die ersten lebenden Pinguine im<br />

Londoner Zoo ein.<br />

1866 Der englische Präraffaelit William<br />

Holman Hunt stellt The Festival<br />

of St Swithin (The Dovecote) fertig,<br />

für das er als Vorlage Tauben und<br />

einen Taubenschlag gekauft hat.<br />

1867 Der künftige US-Präsident<br />

Theodore Roosevelt stellt mit acht<br />

Jahren zwölf Lieblingsexemplare<br />

in seinem Zimmer aus. Sein<br />

Roosevelt Museum of Natural<br />

History begründet sein lebenslanges<br />

Interesse an Natur und<br />

Naturschutz.<br />

1869 Der Seabirds Protection Act im<br />

Vereinigten Königreich, eines<br />

<strong>der</strong> weltweit ersten Gesetze zum<br />

Schutz von Wildtieren, wird erlassen,<br />

nachdem Alfred Newton,<br />

Geistliche und Naturforscher<br />

dafür gekämpft hatten, die <strong>Vögel</strong><br />

von Flamborough Head in Yorkshire,<br />

England, zu retten.<br />

1870 <strong>Die</strong> nordamerikanische Labradorente<br />

stirbt aus, vermutlich<br />

wegen <strong>der</strong> Jagd <strong>der</strong> Menschen auf<br />

Muscheln und an<strong>der</strong>e Schalentieren,<br />

von denen die Enten sich<br />

ernährten.<br />

<strong>Die</strong> französische Malerin Rosa<br />

Bonheur, berühmt für ihre<br />

Tierdarstellungen, malt Der verwundete<br />

Adler. Es ist ihr einziges<br />

bekanntes Vogelgemälde.<br />

Robert Fulton veröffentlicht nach<br />

dem Erfolg seines Illustrated Book<br />

of Poultry das Werk The Illustrated<br />

Book of Pigeons with Standards<br />

for Judging mit dem Ziel einer<br />

»vollständigen und vertrauenswürdigen<br />

Abhandlung für den<br />

Taubenfreund«.<br />

Bei <strong>der</strong> Belagerung von Paris<br />

werden Brieftauben eingesetzt.<br />

1874 History of North American Birds<br />

von Spencer Fullerton Baird,<br />

Thomas Mayo Brewer und Robert<br />

Ridgway erscheint und enthält 64<br />

Bildtafeln und 593 Holzschnitte<br />

des Künstlers Henry W. Elliott.<br />

1875 Der britische Maler und Buchillustrator<br />

Walter Crane entwirft eine<br />

seiner ersten Tapeten mit zwei<br />

Schwänen. Jeffrey & Co bringt sie<br />

zwei Jahre später heraus.<br />

1876 <strong>Die</strong> amerikanische Malerin Genevieve<br />

Jones beginnt mit <strong>der</strong> Arbeit<br />

an Illustrations of the Nests and Eggs<br />

of Birds of Ohio, einem Begleitbuch<br />

zu John James Audubons Birds of<br />

America.<br />

1878 Der Londoner Verlag Cassell,<br />

Petter, Galpin & Co. bringt The<br />

illustrated book of canaries and cagebirds,<br />

British and foreign heraus, was<br />

die damalige Beliebtheit <strong>der</strong> Haltung<br />

und Zucht von <strong>Vögel</strong>n zeigt.<br />

Der amerikanische Maler John<br />

Singer stellt eine Studie mit zwei Ansichten<br />

einer toten Blaumeise her,<br />

die so aufgestellt wurde, als würde<br />

sie noch leben.<br />

1880 <strong>Die</strong> erste großräumige Voliere in<br />

einem zoologischen Garten wird<br />

im Zoo von Rotterdam eingeweiht.<br />

ca. 1880<br />

Der französische Maler Hector<br />

Giacomelli bildet in seinem Gemälde<br />

Eine Vogelstange 24 Finken<br />

ab. <strong>Die</strong>s ist beispielhaft für sein<br />

Lieblingsmotiv, die »bâtons de<br />

cage« mit <strong>Vögel</strong>n, die zum Verkauf<br />

ausgestellt werden.<br />

1880 Der Pariser Juwelier Joseph Chaumet<br />

stellt eine Serie von Schmuckstücken<br />

aus Silber, Diamanten,<br />

Rubinen und Kolibrife<strong>der</strong>n vor.<br />

1883 William Brewster, Elliott Coues<br />

und Joel Allen gründen die American<br />

Ornithologists’ Union, um den<br />

Vogelschutz und das Interesse an<br />

<strong>der</strong> aufkeimenden Ornithologie in<br />

Nordamerika zu för<strong>der</strong>n. 1884 wird<br />

die offizielle Publikation <strong>der</strong> Society,<br />

The Auk: Ornithological Advances,<br />

erarbeitet.<br />

1884 Der schwedische Künstler Bruno<br />

Liljefors malt einen Habicht und<br />

ein Moorhuhn, die er im Wald von<br />

Ärentuna, nördlich von Uppsala,<br />

geschossen hat. Er will <strong>Vögel</strong> und<br />

an<strong>der</strong>e Tiere so naturgetreu wie<br />

möglich darstellen.<br />

332


1885<br />

1891<br />

1904 1918<br />

1885 Zar Alexan<strong>der</strong> III. beauftragt<br />

den Juwelier Peter Carl Fabergé<br />

mit <strong>der</strong> Herstellung eines Ostergeschenks<br />

für seine Frau, Zarin<br />

Maria. Inspiriert von einem<br />

Elfenbein-Ei <strong>der</strong> Königlich-Dänischen<br />

Sammlung aus dem<br />

18. Jahrhun<strong>der</strong>t baut er ein Ei mit<br />

einer weißen »Schale« und einer<br />

goldenen Henne im Inneren.<br />

1886 Der belgische König Leopold II.<br />

schenkt <strong>der</strong> britischen Königsfamilie<br />

Renntauben. Mit ihnen wird<br />

auf dem Landsitz Sandringham<br />

ein noch heute bestehen<strong>der</strong> Renntaubenstall<br />

eingerichtet.<br />

1889 Der englische Maler Henry Stacy<br />

Marks präsentiert <strong>der</strong> Fine Art<br />

Society in London einige seiner<br />

Vogelbil<strong>der</strong>, von denen viele nach<br />

Zeichnungen im Londoner Zoo<br />

entstanden.<br />

1890er<br />

<strong>Die</strong> amerikanische Tabakfirma<br />

Allen & Ginter bringt zu<br />

Werbezwecken Sammelkarten mit<br />

tropischen <strong>Vögel</strong>n heraus.<br />

Dank Charles Goodyears<br />

Prozess zur Kautschuk-Verarbeitung<br />

kommen die ersten<br />

Gummienten auf den Markt.<br />

<strong>Die</strong> mo<strong>der</strong>ne Version aus Vinyl<br />

patentiert in den 1940er-Jahren<br />

<strong>der</strong> russisch-amerikanische Bildhauer<br />

Peter Ganine.<br />

1890 Der französische Wissenschaftler<br />

und Chronofotograf Étienne-<br />

Jules Marey veröffentlicht Le Vol<br />

des Oiseaux (»Der Flug <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>«)<br />

mit bahnbrechenden Fotos, die in<br />

einem Bild verschiedene Phasen<br />

des Fluges festhalten.<br />

Der dänische Lehrer und Ornithologe<br />

Hans Christian Cornelius<br />

Mortensen hat die Idee, einen Ring<br />

mit Nummer und Adresse am Bein<br />

eines Vogels zu befestigen. Ab 1899<br />

ging er systematischer beim Beringen<br />

vor, um mehr Informationen<br />

über das Verhalten von <strong>Vögel</strong>n zu<br />

gewinnen.<br />

1891 Aus dem Zusammenschluss von<br />

zwei Organisationen, die gegen den<br />

Fe<strong>der</strong>handel für Frauenhüte protestierten,<br />

entsteht in Großbritannien<br />

die Society for the Protection of<br />

Birds. 15 Jahre später wird sie<br />

durch ein Royal Charter zur Royal<br />

Society for the Protection of Birds<br />

(RSPB).<br />

1893 Der nie<strong>der</strong>ländische Illustrator<br />

Theo van Hoytema veröffentlicht<br />

Das hässliche Entlein nach Hans<br />

Christian An<strong>der</strong>sen.<br />

1899 Der amerikanische Vogelmaler<br />

Louis Agassiz Fuertes nimmt an <strong>der</strong><br />

Harriman Alaska Expedition teil,<br />

auf <strong>der</strong> er zahllose Tiere dokumentiert.<br />

Seine Illustrationen katapultieren<br />

ihn an die Spitze <strong>der</strong> Wildtierillustration.<br />

1901 Gründung <strong>der</strong> Australasian Ornithologist’s<br />

Union zum Studium<br />

und Schutz <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> von Australien.<br />

1903 Der amerikanische Präsident<br />

Theodore Roosevelt richtet auf<br />

Pelican Island in Florida die erste<br />

Fe<strong>der</strong>al Bird Reserve ein.<br />

1904 Der Wissenschaftler und Zeichner<br />

Ernst Haeckel veröffentlicht<br />

den letzten Teil seiner berühmten<br />

Kunstformen <strong>der</strong> Natur, <strong>der</strong> über<br />

100 detaillierte Illustrationen von<br />

<strong>Vögel</strong>n, Meerestieren und an<strong>der</strong>en<br />

enthält.<br />

<strong>Die</strong> Smithsonian Institution<br />

gibt für die <strong>Welt</strong>ausstellung in<br />

St. Louis, Missouri, den größten<br />

Flugkäfig in Auftrag. Darin<br />

werden etwa 1.000 domestizierte<br />

und exotische <strong>Vögel</strong> gehalten, von<br />

Rebhühnern, Tauben und Kanarienvögeln<br />

bis Möwen, Gänsen<br />

und Schwänen. Er soll nach <strong>der</strong><br />

Ausstellung in den National Zoo<br />

in Washington gebracht werden,<br />

doch die Einwohner von St. Louis<br />

setzen sich für seinen Verbleib in<br />

<strong>der</strong> Stadt ein, wo er noch heute zu<br />

sehen ist.<br />

1904 <strong>Die</strong> Ornithologin Magdalena<br />

Heinroth und ihr Mann Oskar,<br />

Assistent am Zoologischen<br />

Garten Berlin, beginnen in<br />

ihrer Berliner Wohnung mit <strong>der</strong><br />

Vogelhaltung. In den nächsten<br />

28 Jahren ziehen sie 1.000 <strong>Vögel</strong><br />

aus 286 Arten groß, studieren<br />

<strong>der</strong>en Verhalten und Entwicklung<br />

und veröffentlichen zwischen 1924<br />

und 1933 ihre Erkenntnisse.<br />

1905 In Florida wird <strong>der</strong> Wildhüter<br />

Guy Bradley von professionellen<br />

Fe<strong>der</strong>jägern getötet, als er eine<br />

Vogelkolonie in Florida Bay schützen<br />

will.<br />

In den USA wird die National<br />

Audubon Society gegründet, um<br />

Wasservögel vor dem Fe<strong>der</strong>nhandel<br />

zu schützen.<br />

1908 Inspiriert von den Enten auf ihrer<br />

Farm und den Illustrationen von<br />

Jemima Blackburn schreibt und<br />

zeichnet die Autorin, Illustratorin<br />

und Naturforscherin Beatrix Potter<br />

The Tale of Jemima Puddle-Duck.<br />

1911 Der Fotograf Frank Hurley nimmt<br />

an <strong>der</strong> Australasian Antarctic<br />

Expedition teil, auf <strong>der</strong> er Pinguine<br />

auf <strong>der</strong> subantarkti schen<br />

Macquarieinsel fotografiert.<br />

1914 Martha, die letzte Wan<strong>der</strong>taube,<br />

stirbt im Zoologischen Garten von<br />

Cincinnati.<br />

1914–5 Der amerikanisch-britische Bildhauer<br />

Jacob Epstein stellt eine<br />

Serie aus drei Skulpturen sich<br />

paaren<strong>der</strong> Tauben her.<br />

1915 Arthur A. Allen gründet das<br />

Cornell Lab of Ornithology, als er<br />

einer <strong>der</strong> ersten Professoren für<br />

Ornithologie an <strong>der</strong> Cornell University<br />

in Ithaca, New York, wird.<br />

1918 Trotz ihrer schweren Verletzungen<br />

überbringt die Brieftaube Cher<br />

Ami im Ersten <strong>Welt</strong>krieg den Hilferuf<br />

eines separierten Bataillons<br />

und rettet damit 194 Soldaten das<br />

Leben.<br />

1918 In den USA wird <strong>der</strong> Migratory<br />

Bird Treaty Act verabschiedet, <strong>der</strong><br />

<strong>Vögel</strong> vor dem illegalen Handel<br />

und <strong>der</strong> Jagd schützen soll. Es ist<br />

eines <strong>der</strong> ersten Bundesgesetze zum<br />

Schutz von Wildtieren und bleibt<br />

Amerikas wichtigstes Vogelschutz-<br />

Gesetz, das viele Arten vor <strong>der</strong><br />

Ausrottung bewahrt.<br />

1919 Der Edinburgh Zoo in Schottland<br />

schafft es als weltweit erster Zoo,<br />

Königspinguine zu ziehen.<br />

1920 <strong>Die</strong> Whitney South Sea Expedition<br />

erkundet Inseln im Südpazifik, um<br />

<strong>Vögel</strong> zu sammeln. <strong>Die</strong> vermutlich<br />

längste ornithologische Reise <strong>der</strong><br />

Geschichte erlaubt es Forschern,<br />

etwa 40.000 <strong>Vögel</strong>, Pflanzen und<br />

an<strong>der</strong>e Exemplare zusammenzutragen.<br />

1922 Das International Council for Bird<br />

Preservation (ab 1993 BirdLife<br />

International), die erste internationale<br />

Schutzorganisation, wird<br />

gegründet.<br />

Der Ornithologe und Fotograf<br />

Ernest G. Holt führt die erste<br />

Vogel-Fotografie-Expedition nach<br />

Venezuela, um nach den überwinternden<br />

Populationen <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong><br />

zu suchen, die im Sommer nach<br />

Nordamerika ziehen. Er kehrt mit<br />

Bil<strong>der</strong>n von mehr als 3.000 <strong>Vögel</strong>n<br />

aus 486 Arten zurück.<br />

1929 Der US-Bundesstaat Kentucky<br />

macht als Erster den Rotkardinal<br />

zu seinem offiziellen Staatsvogel.<br />

Sechs weitere Staaten wählen<br />

später ebenfalls den Rotkardinal<br />

aus.<br />

1932 Zum Studium <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> auf den<br />

britischen Inseln wird <strong>der</strong> British<br />

Trust for Ornithology gegründet.<br />

1934 Der amerikanische Ornithologe<br />

und Tiermaler Roger Tory Peterson<br />

veröffentlicht A Field Guide<br />

to the Birds. <strong>Die</strong>ses erste seiner<br />

vielen Bücher revolutioniert die<br />

Tierbestimmung und weckt das<br />

Interesse <strong>der</strong> Öffentlichkeit an<br />

<strong>Vögel</strong>n.<br />

333


1935 1943 1957 1968<br />

1935 Der britische Verleger Allen Lane<br />

bringt die ersten Bücher unter<br />

<strong>der</strong> Marke Penguin heraus, die<br />

literarische Romane allgemein zugänglich<br />

machen soll. Ein Besuch<br />

im Londoner Zoo inspiriert den<br />

Grafiker Edward Young zu dem<br />

Pinguin-Logo.<br />

Der Maler John Gilroy entwirft<br />

die erste Guinness-Werbung<br />

mit einem Tokotukan, eine <strong>der</strong><br />

bekanntesten Werbekampagnen<br />

für Bier.<br />

1937 Der Verlag Fre<strong>der</strong>ick Warne & Co.<br />

bringt The Observer’s Book<br />

of British Birds mit über 200 Illustrationen<br />

heraus, das 243 Arten<br />

beschreibt – und Vogelbeobachten<br />

in <strong>der</strong> Nachkriegsgeneration als<br />

Hobby etablieren wird.<br />

1938 Der britische Keramikhersteller<br />

Beswick bringt seine ersten »fliegenden<br />

Enten« heraus. Sie werden<br />

in beliebten Dreiersets und in<br />

fünf verschiedenen Größen bis<br />

1973 produziert.<br />

ca. 1940<br />

Der chinesiche Künstler Qi Baishi<br />

malt während des Zweiten Japanisch-Chinesischen<br />

Krieges Adler<br />

auf einem Kiefernbaum.<br />

1941 Bob Clampett zeichnet erstmals<br />

den kultigen Kanarienvogel Tweety<br />

in Caged Canary. <strong>Die</strong> Figur trat<br />

in 47 Zeichentrickfilmen auf und<br />

brachte Warner Brothers mit dem<br />

Kurzfilm »Tweety Pie« 1947 einen<br />

Oscar ein.<br />

In den USA findet eine Zählung<br />

nur noch 21 Schreikraniche in <strong>der</strong><br />

Wildnis. Durch gezielte Aufzucht,<br />

Schutz von Feuchtgebieten und ein<br />

Programm, bei dem junge Kraniche<br />

den Vogelzug lernen, gibt es<br />

wie<strong>der</strong> knapp 600 <strong>der</strong> Tiere.<br />

<strong>Die</strong> mexikanische Künstlerin Frida<br />

Kahlo malt nach ihrer zweiten<br />

Hochzeit mit dem Maler <strong>Die</strong>go<br />

Rivera ein Selbstbildnis mit vier<br />

Papageien.<br />

1943 Am Museum of Mo<strong>der</strong>n Art, New<br />

York stellt Eliot Porter bahnbrechende<br />

Farbfotos von <strong>Vögel</strong>n aus.<br />

1948 Der Künstler und Ornithologe Peter<br />

Scott gründet den Severn Wildfowl<br />

Trust, <strong>der</strong> zur internationalen<br />

Naturschutzorganisation Wildfowl<br />

& Wetlands Trust wird.<br />

1947 Der afroamerikanische Künstler<br />

und Taxi<strong>der</strong>mist Carl Cotton<br />

wird am Field Museum Chicago<br />

angestellt, wo er fast 25 Jahre lang<br />

Ausstellungen <strong>der</strong> Museumssammlungen<br />

kuratiert.<br />

1948 Der flugunfähige Südinsel-Takahe,<br />

<strong>der</strong> als ausgestorben galt, wird<br />

in den Murchison Mountains von<br />

Neuseeland wie<strong>der</strong>entdeckt.<br />

1949 Eine von Pablo Picasso entworfene<br />

Taube wird zum Zeichen des <strong>Welt</strong>friedenskongresses<br />

ausgewählt<br />

und entwickelt sich zu einem<br />

populären Symbol des Friedens.<br />

Der amerikanische Künstler<br />

Joseph Cornell stellt seine gefeierte<br />

Serie Aviary zum ersten<br />

Mal in New York aus. <strong>Die</strong> Schau<br />

umfasst 26 »Schattenboxen«, die<br />

an verschieden hohen Leisten<br />

hängen und an <strong>Vögel</strong> auf Bäumen<br />

erinnern.<br />

1951 Ein Wärter im Edinburgh Zoo<br />

lässt versehentlich das Tor des<br />

Pinguingeheges offen, und die<br />

Eselspinguine folgen ihm in einer<br />

Schlange durch den Zoo. <strong>Die</strong> Parade<br />

ist bei den Besuchern so beliebt,<br />

dass sie zu einer täglichen Tradition<br />

wird.<br />

Nachdem man sie seit 300 Jahren<br />

für ausgestorben gehalten hatte,<br />

werden etwa 18 Paare Bermudasturmvögel<br />

o<strong>der</strong> Cahow auf felsigen<br />

Inselchen in Castle Harbour,<br />

Bermuda, wie<strong>der</strong>entdeckt. Nach<br />

intensiven Schutzbemühungen<br />

zählte man 2005 etwa 250 Tiere insgesamt.<br />

1957 Der belgische Surrealist René<br />

Magritte malt Variante <strong>der</strong> Traurigkeit,<br />

das sich mit <strong>der</strong> uralten<br />

Frage befasst, was zuerst da war,<br />

das Huhn o<strong>der</strong> das Ei?<br />

1961 Der amerikanische Vogelmaler<br />

Arthur Singer veröffentlicht Birds<br />

of the World, einen Überblick über<br />

27 Ordnungen und 155 Vogelfamilien.<br />

Das Buch verkauft sich<br />

Hun<strong>der</strong>ttausende Mal und wird<br />

in acht Sprachen übersetzt.<br />

1962 <strong>Die</strong> Autorin und frühere Meeresbiologin<br />

Rachel Carson veröffentlicht<br />

Silent Spring, das die<br />

katastrophalen Auswirkungen<br />

von Pestiziden auf die Umwelt im<br />

Allgemeinen und <strong>Vögel</strong> im Beson<strong>der</strong>en<br />

dokumentiert.<br />

1963 Der amerikanische Künstler<br />

Martin Johnson Heade reist bei<br />

<strong>der</strong> ersten seiner drei Expeditionen<br />

nach Mittel- und Südamerika<br />

nach Brasilien. Auf <strong>der</strong> Reise malt<br />

er 40 Bil<strong>der</strong> von verschiedenen<br />

Kolibriarten in ihrem natürlichen<br />

Lebensraum.<br />

Basierend auf dem gleichnamigen<br />

Buch von Daphne du Maurier erzählt<br />

<strong>der</strong> Film <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> von Alfred<br />

Hitchcock die Geschichte von<br />

Vogelattacken auf die Einwohner<br />

von Bodega Bay, Kalifornien.<br />

1964 Der indische Ornithologe Salim<br />

Ali, <strong>der</strong> »Vogelmann von Indien«,<br />

veröffentlicht zusammen mit dem<br />

amerikanischen Ornithologen<br />

und Naturschützer Sidney Dillon<br />

Ripley II. den ersten von zehn<br />

Bänden des Handbook of the Birds of<br />

India and Pakistan. <strong>Die</strong> Serie, die<br />

1.200 Arten vorstellt, bleibt eines<br />

<strong>der</strong> wichtigsten Nachschlagewerke<br />

für <strong>Vögel</strong> <strong>der</strong> Region.<br />

1966 Der französische Künstler<br />

François-Xavier Lalanne entwirft<br />

ein Himmelbett in Form eines<br />

eiförmigen weißen Vogels.<br />

1968 Der australische Künstler William<br />

T. Cooper veröffentlicht A Portfolio<br />

of Australian Birds; es ist das erste<br />

von vielen Büchern über heimische<br />

australische <strong>Vögel</strong> und ihre<br />

Lebensräume.<br />

1969 Der britische Regisseur Ken Loach<br />

dreht Kes, die bewegende Geschichte<br />

<strong>der</strong> Beziehung eines Jungen<br />

zu einem Habicht, basierend<br />

auf dem Roman A Kestrel for a<br />

Knave (1968) von Barry Hines.<br />

Der neuseeländische Künstler<br />

Raymond Harris-Ching stellt<br />

250 Illustrationen für das Book of<br />

British Birds von Rea<strong>der</strong>s Digest und<br />

<strong>der</strong> Automobile Association her,<br />

ein erfolgreiches Coffeetable-Book<br />

einer ornithologischen Studie.<br />

Bibo, die riesige Vogelpuppe des<br />

amerikanischen Puppenspielers<br />

und Filmemachers Jim Henson,<br />

tritt zum ersten Mal in <strong>der</strong> Sesamstraße<br />

auf.<br />

Neil Armstrong, Edwin »Buzz«<br />

Aldrin und Michael Collins entwerfen<br />

das offizielle Emblem für ihre<br />

Apollo-11-Mission zum Mond, das<br />

einen Weißkopfseeadler zeigt, <strong>der</strong><br />

einen Olivenzweig trägt.<br />

1970 Der Maler Robert Rauschenberg<br />

entwirft das erste Earth-Day-Poster<br />

für die American Environment<br />

Foundation mit einem Weißkopfseeadler,<br />

dem Nationalvogel <strong>der</strong><br />

USA.<br />

1972 Der finnische Glasdesigner Oiva<br />

Toikka entwirft einen Vogel namens<br />

Sieppo (Fliegenfänger), den ersten<br />

von mehr als 300 Glasvögeln verschiedener<br />

Arten.<br />

1980 Ein Aufzuchtprogramm soll den<br />

neuseeländischen Chatham-<br />

Schnäpper vor dem Aussterben bewahren<br />

(auf Little Mangere Island<br />

im Chatham-Archipel lebten nur<br />

noch fünf <strong>Vögel</strong>). 2013 gab es wie<strong>der</strong><br />

250 Tiere.<br />

334


1982<br />

2001<br />

2011 2016<br />

1982 Eine Briefmarkenserie mit<br />

Gemälden <strong>der</strong> Staatsvögel und<br />

-blumen von Arthur Singer wird die<br />

erfolgreichste Serie <strong>der</strong> US-Postgeschichte.<br />

Es werden mehr als 500<br />

Millionen Sätze aus 50 Briefmarken<br />

verkauft.<br />

1983 Andy Warhol erschafft ein Portfolio<br />

aus Drucken, das zehn gefährdete<br />

Arten zeigt, darunter den Weißkopfseeadler.<br />

1986 <strong>Die</strong> französische Luxusfirma Hèrmes<br />

produziert einen Seidenschal<br />

des texanischen Malers Kermit<br />

Oliver, <strong>der</strong> ein Truthuhn, umgeben<br />

von mehr als 50 heimischen<br />

texanischen Tieren und Pflanzen<br />

zeigt.<br />

1988 In einer Zuchtstation in San<br />

<strong>Die</strong>go schlüpft das erste Küken<br />

des kalifornischen Kondors. 1991<br />

hat das Projekt mehr als 50 <strong>Vögel</strong><br />

aufgezogen. 1992 werden zwei in<br />

Gefangenschaft geborene Jungvögel<br />

im Sespe Condor Sanctuary<br />

in die Freiheit entlassen.<br />

1992 <strong>Die</strong> weiße Ente, ein Gemälde des<br />

französischen Malers Jean-Baptiste<br />

Oudry von 1753 wird aus Houghton<br />

Hall im britischen Norfolk<br />

gestohlen.<br />

1999 Der französische Künstler Céleste<br />

Boursier-Mougenot installiert die<br />

erste Fassung seiner lange laufenden<br />

Serie From Ear to Here am<br />

MoMA PS1, New York. Lebende<br />

Finken erlauben es den Zuschauern,<br />

ihnen nahezukommen und<br />

ihre Musik zu erleben.<br />

2000 Der Ornithologe und Autodidakt<br />

David Allen Sibley bringt The<br />

Sibley Field Guide to Birds heraus,<br />

einer <strong>der</strong> umfassendsten Naturführer<br />

zur Vogelbestimmung in<br />

Nordamerika.<br />

Suriname gibt Banknoten mit<br />

heimischen <strong>Vögel</strong>n aus, u. a. Tiefland-Felsenhahn<br />

und Weißbrusttukan.<br />

2001 <strong>Die</strong> britische Künstlerin Elizabeth<br />

Butterworth stellt ihre Gemälde<br />

von Aras und Kakadus am Natural<br />

History Museum, London, aus.<br />

Der belgische Künstler Francis Alÿs<br />

lässt sich auf <strong>der</strong> Biennale in Venedig<br />

von einem Pfau vertreten. Der<br />

von einem Wächter begleitete Vogel<br />

spaziert im Giardini und besucht<br />

Veranstaltungen.<br />

2005 <strong>Die</strong> britische Künstlerin Tracey<br />

Emin stellt die Skulptur Roman<br />

Standard her, einen Bronzevogel<br />

auf einer 4 Meter hohen Stange.<br />

2006 Der Künstler und Ornithologe<br />

Casten Höller dokumentiert<br />

in einer Fotoserie, wie er neue,<br />

»maßgeschnei<strong>der</strong>te« Vogelvarietäten<br />

züchtet.<br />

Der US-Fotograf Joel Sartore beginnt<br />

mit The Photo Ark, alle etwa<br />

12.000 Tierarten zu fotografieren,<br />

die weltweit in Zoos und Reservaten<br />

leben.<br />

2007 Der nie<strong>der</strong>ländische Künstler<br />

Florentijn Hofman stellt im französischen<br />

Saint-Nazaire die erste<br />

einer Serie riesiger aufblasbarer<br />

Quietscheenten vor. Später tauchen<br />

in Sydney, Hongkong, Seoul<br />

und Toronto weitere Versionen<br />

auf.<br />

<strong>Die</strong> amerikanische Künstlerin Laurel<br />

Roth Hope entwirft den ersten<br />

ihrer Biodiversity Reclamation<br />

Suits for Urban Pigeons.<br />

2009 <strong>Die</strong> Social-Media-Plattform Twitter<br />

stellt »Larry the Bird« als ihr Logo<br />

vor. Zwei Jahre später erscheint<br />

eine überarbeitete Version auf<br />

Basis des Berghüttensängers.<br />

Für iOS-Geräte kommt das Handyspiel<br />

Angry Birds heraus, bei<br />

dem <strong>Vögel</strong> als Projektile benutzt<br />

werden. Es verkauft sich mehr als<br />

12 Millionen Mal.<br />

2011 US-Fotograf und Biologe Tim<br />

Laman und Ornithologe Edwin<br />

Scholes beenden nach acht Jahren<br />

ihr Projekt, alle 39 Arten von<br />

Paradiesvögeln zu fotografieren.<br />

2013 <strong>Die</strong> deutsche Künstlerin Katharina<br />

Fritsch enthüllt als Teil<br />

des Fourth Plinth Program ihre<br />

riesige Skulptur Hahn/Cock auf<br />

dem Londoner Trafalgar Square.<br />

Veröffentlichung von The<br />

Unfeathered Bird von Katrina<br />

van Grouw mit Hun<strong>der</strong>ten anatomischer<br />

Vogelzeichnungen,<br />

einschließlich rekonstruierter<br />

Skelette in lebensnahen Posen.<br />

Vor <strong>der</strong> Küste von Sulawesi, einer<br />

indonesischen Insel östlich von<br />

Borneo, werden zehn bisher unbekannte<br />

Singvögel entdeckt, so viel<br />

wie noch nie in einem bestimmten<br />

Gebiet in über einem Jahrhun<strong>der</strong>t.<br />

2014 Ein Wandbild des britischen<br />

Künstlers Banksy, das Stadttauben<br />

mit Anti-Einwan<strong>der</strong>ungsplakaten<br />

zeigt, wird wegen Rassismusvorwürfen<br />

entfernt.<br />

2015 Der deutsche Mode-, Porträt- und<br />

Stilllebenfotograf Thomas Lohr<br />

veröffentlicht das Buch Birds mit<br />

Nahaufnahmen von Vogelfe<strong>der</strong>n.<br />

Der australische Fotograf Gary<br />

Heery, bekannt für seine Porträts<br />

von Prominenten, bringt ein Buch<br />

mit Vogelfotografien heraus.<br />

Joseph McGlennon gewinnt den<br />

jährlichen William and Winifred<br />

Bowness Photography Prize für<br />

Florilegium #1, ein Bild von zwei<br />

Papageien auf tropischem Laub,<br />

inspiriert von den botanischen<br />

Zeichnungen Joseph Banks’.<br />

2016 Der National-Geographic-Fotograf<br />

Robert Clark veröffentlicht Feathers:<br />

Displays of Brilliant Plumage,<br />

das die Vielfalt und Schönheit von<br />

Fe<strong>der</strong>n einfängt.<br />

2016 Das Cornell Lab of Ornithology<br />

startet »Wall of Birds«, ein interaktives<br />

Webprojekt mit Arten aus<br />

allen Vogelfamilien und einer ausgewählten<br />

Gruppe ausgestorbener<br />

Vorfahren.<br />

2017 <strong>Die</strong> Royal Academy of Art in London<br />

präsentiert »Second Nature:<br />

The Art of Charles Tunnicliffe« mit<br />

einer Reihe von Vogelradierungen,<br />

Schnitzereien und Holzschnitten<br />

des britischen Künstlers.<br />

2018 Das französische Modehaus<br />

Christian Lacroix produziert<br />

Birds Sinfonia des Creative<br />

Directors Sacha Walckhoff, ein<br />

Tapeten- und Stoffdesign mit<br />

Garten- und exotischen <strong>Vögel</strong>n.<br />

<strong>Die</strong> Papierkünstlerin Maud White<br />

veröffentlicht Brave Birds: Inspiration<br />

on the Wing, das 65 raffinierte<br />

Scherenschnittvögel enthält.<br />

2019 Der chinesische Künstler Cai Guo-<br />

Qiang stellt in <strong>der</strong> National Gallery<br />

of Victoria in Australien unter dem<br />

Titel Murmuration (Landscape)<br />

einen Schwarm aus 10.000 Porzellanvögeln<br />

aus.<br />

Das Cornell Lab of Ornithology<br />

veröffentlicht die Studie »Decline<br />

of the North American Avifauna«,<br />

die den erschütternden Rückgang<br />

<strong>der</strong> Population in den USA und<br />

Kanada um fast drei Milliarden<br />

Brutvögel seit 1970 dokumentiert.<br />

2020 Inspiriert von John James Audubons<br />

The Birds of America und <strong>der</strong><br />

konservativen Politik Amerikas<br />

beginnt <strong>der</strong> Künstler Kerry James<br />

Marshall mit einer Serie von Gemälden<br />

unter dem Titel Black and part<br />

Black Birds in America.<br />

Ein Gemälde <strong>der</strong> Renaissance-<br />

Künstlerin und Nonne Orsola<br />

Maddalena Caccia mit diversen<br />

Meisenarten, Zilpzalp, Buchfink<br />

und Wintergoldhähnchen<br />

wird bei einer Auktion für<br />

212.500 Pfund (fünfmal höher als<br />

<strong>der</strong> Schätzpreis) verkauft.<br />

335


Vogelklassifikation und -ordnungen<br />

Jen Lobo<br />

Künstlerin und Dozentin<br />

2020 Bartels Science Illustrator, Cornell University<br />

—<br />

Einer <strong>der</strong> faszinierendsten Aspekte <strong>der</strong> Klasse Aves<br />

(<strong>Vögel</strong>) ist ihre schiere Vielfalt. <strong>Vögel</strong> bewohnen fast<br />

alle Gegenden <strong>der</strong> Erde und sind in Körper und Verhalten<br />

so angepasst, dass sie nicht nur überleben, son<strong>der</strong>n<br />

florieren. <strong>Die</strong>se Anpassungen erlauben einen einmaligen<br />

Blick in den evolutionäre Verlauf.<br />

Das Linnésche Klassifikationssystem ordnet Organismen<br />

anhand ihrer Verwandtschaft Gruppen zu. In<br />

dieser hierarchischen Taxonomie gehören beson<strong>der</strong>s<br />

ähnliche Arten zu einer Gattung. Verwandte Gattungen<br />

bilden eine Familie. Familien werden in Ordnungen<br />

gesammelt, die wie<strong>der</strong>um Klassen bilden, bis zur<br />

höchsten Stufe, die das gesamte Tierreich umfasst.<br />

Aves umfasst etwa 10.000 Arten heutiger <strong>Vögel</strong>. <strong>Die</strong><br />

Vogelordnungen werden nach gemeinsamen Eigenschaften<br />

meist in 29 bis 41 taxonomische Gruppen<br />

unterteilt. Allerdings ist <strong>der</strong> phylogenetische Baum<br />

<strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>, <strong>der</strong> ihre evolutionäre Verbindung darstellt,<br />

in stetem Wandel, vor allem seit es die Fortschritte in<br />

<strong>der</strong> Gentechnik erlauben, Unterschiede und Ähnlichkeiten<br />

in <strong>der</strong> DNA-Sequenz von <strong>Vögel</strong>n zu bestimmen.<br />

Verbesserte Technologien und fossile Entdeckungen<br />

ermöglichen es uns, die Beziehungen <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> zueinan<strong>der</strong><br />

sowie zu früheren <strong>Vögel</strong>n besser zu verstehen,<br />

sodass sich Abstammung und evolutionäre Geschichte<br />

klarer rekonstruieren lassen.<br />

<strong>Die</strong> Klasse Aves enthält die Gruppen Palaeognathae<br />

und Neognathae. Palaeognathae umfasst alle Laufvögel,<br />

die flugunfähig sind. Zu Neognathae gehören<br />

alle an<strong>der</strong>en lebenden <strong>Vögel</strong>, einschließlich <strong>der</strong> größten<br />

Ordnung, Passeriformes, die mehr Arten enthält<br />

als alle an<strong>der</strong>en Ordnungen zusammen.<br />

In <strong>der</strong> Evolutionsbiologie kommt es zu einer Abspaltung,<br />

wenn die Population einer gekreuzten Art sich<br />

in zwei o<strong>der</strong> mehr daraus abgeleitete Arten verzweigt.<br />

Spalten sich Taxone, entwickeln sich Arten unterschiedlich<br />

weiter, je mehr sie sich an ihre Umwelt<br />

anpassen. Im Folgenden werden die Ordnungen <strong>der</strong><br />

Klasse Aves in <strong>der</strong> Reihenfolge ihrer Abspaltung aufgelistet,<br />

beginnend mit den Palaeognathae.<br />

STRUTHIONIFORMES (Straußen)<br />

<strong>Die</strong>se Ordnung enthält nur die Familie Struthionidae<br />

mit zwei Arten: Straußen. <strong>Die</strong> größten lebenden <strong>Vögel</strong>,<br />

strikt landgebunden und flugunfähig, leben in Afrika<br />

in offenen, semi-ariden Ebenen, Wüsten und offenem<br />

Waldland. Sie sind hauptsächlich Pflanzenfresser.<br />

RHEIFORMES (Nandus)<br />

Der kleine und große Nandu sind die größten Vogelarten<br />

Südamerikas. Sie können zwar nicht fliegen, aber<br />

sehr schnell laufen. <strong>Die</strong> Allesfresser grasen in Gruppen<br />

und nisten in Nestgruben.<br />

TINAMIFORMES (Steißhühner)<br />

Eine vielfältige Ordnung aus einer Familie mit 46 Arten.<br />

<strong>Die</strong> scheuen südamerikanischen <strong>Vögel</strong> können fliegen,<br />

leben aber vorwiegend auf dem Boden.<br />

CASUARIIFORMES (Kasuare und Emu)<br />

Kasuare und Emus sind in Australien und Neuguinea<br />

zu finden. Kasuare bewohnen Regenwäl<strong>der</strong> und haben<br />

einen charakteristisch nackten blauen Kopf und einen<br />

Helm. Emus leben in unterschiedlichen Habitaten in<br />

Australien, von Wäl<strong>der</strong>n bis zum offenen Land.<br />

APTERYGIFORMES (Kiwis)<br />

<strong>Die</strong> zierlichen, charismatischen Kiwis sind flugunfähige,<br />

nachtaktive <strong>Vögel</strong> aus Neuseeland.<br />

ANSERIFORMES (Enten, Gänse, Spaltfußgans,<br />

Wehrvögel und Schwäne)<br />

Anseriformes ist eine große und vielfältige Ordnung,<br />

die weltweit Feuchtgebiete vom Amazonas bis zur<br />

arktischen Tundra bewohnt. Ihre Mitglie<strong>der</strong> sind an<br />

das Leben im Wasser angepasst, im Allgemeinen gute<br />

Flieger und geschickte Schwimmer.<br />

GALLIFORMES (Chakalakas, Echte Hokkos, Moorhuhn<br />

und Verwandte, Guane, Perlhühner, Großfußhühner,<br />

Zahnwachteln, Fasane)<br />

Eine große Ordnung mit fünf Familien und etwa<br />

295 Arten. Verschiedene Mitglie<strong>der</strong> dieser Gruppe,<br />

darunter das Beifußhuhn (Centrocercus urophasianus),<br />

vollziehen ein beson<strong>der</strong>es Balzritual, das »Lekking«.<br />

PHOENICOPTERIFORMES (Flamingos)<br />

Sechs Arten von Flamingos bilden die einzige Familie<br />

dieser Ordnung, Phoenicopteridae. Sie fressen Plankton,<br />

winzige Fische und Krustentiere, indem sie Wasser<br />

und Sedimente durch ihre Schnäbel filtern.<br />

PODICIPEDIFORMES (Lappentaucher)<br />

Podicipediformes enthält eine Familie, die Lappentaucher,<br />

Wasservögel mit angepassten Körpern: <strong>Die</strong> Beine<br />

sitzen weiter hinten, wodurch sie im Wasser deutlich<br />

agiler sind als an Land.<br />

GRUIFORMES (Blesshühner, Kraniche, Binsenrallen,<br />

Besenschwanzrallen, Teichrallen, Rallenkraniche,<br />

Rallen und Trompetervögel)<br />

<strong>Die</strong> Arten dieser Ordnung treten weltweit auf. Viele<br />

haben gut erkennbare Rufe. Mitglie<strong>der</strong> <strong>der</strong> Gruidae,<br />

<strong>der</strong> Kraniche, sind bekannt für ihre aufwendigen<br />

Balztänze. Rallidae einschließlich <strong>der</strong> flugunfähigen<br />

Rallen galten einst als die vielfältigste Familie.<br />

CHARADRIIFORMES (Alke, Möwen, Jacanas, Austernfischer,<br />

Regenpfeifer, Schnepfenvögel, Seidenschnäbel,<br />

Raubmöwen, Stelzenläufer und Schnäbler,<br />

Seeschwalben und Scherenschnäbel, Trielen)<br />

Mitglie<strong>der</strong> dieser großen und vielfältigen Ordnung<br />

haben eine Gemeinsamkeit: Sie leben bei o<strong>der</strong> auf dem<br />

Ozean. <strong>Die</strong>se oft als »Watvögel« bezeichneten Arten<br />

sind weltweit zu finden. Zu <strong>der</strong> Ordnung gehören viele<br />

Langstreckenzugvögel und pelagiale Arten.<br />

OPISTHOCOMIFORMES (Hoatzin)<br />

<strong>Die</strong> aus einer einzigen Familie und einer einzigen Art<br />

bestehenden Opisthocomiformes sind in Südamerika<br />

zu finden, wo <strong>der</strong> Hoatzin (Opisthocomus hoazin) in<br />

Büschen über stehenden Wasserflächen nistet.<br />

CAPRIMULGIFORMES (Eulenschwalme, Kolibris,<br />

Nachtschwalben und Verwandte, Fettschwalme,<br />

Höhlen schwalme, Tagschläfer, Segler, Baumsegler)<br />

Sowohl nachtaktive als auch tagaktive <strong>Vögel</strong> bilden<br />

diese vielfältige Ordnung aus acht Familien und etwa<br />

597 Arten, darunter den Trochilidae o<strong>der</strong> Kolibris mit<br />

etwa 349 Arten in einer Familie.<br />

OTIDIFORMES (Trappen)<br />

<strong>Die</strong> einzige Familie in dieser Ordnung enthält die<br />

26 Arten von Trappen. <strong>Die</strong>se Landbewohner mit ihren<br />

langen Beinen und Hälsen leben in Eurasien und<br />

Afrika in offenen Gebieten von Wiesen und Ebenen<br />

bis zu Savannen und semi-ariden Wüsten.<br />

MUSOPHAGIFORMES (Turakos)<br />

Turakos, die in Wäl<strong>der</strong>n und Savannen südlich <strong>der</strong><br />

Sahara leben, gehören zu den farbenprächtigsten<br />

Arten mit Fe<strong>der</strong>pigmenten, die nur in dieser Ordnung<br />

vorkommen.<br />

CUCULIFORMES (Kuckucke)<br />

Kuckucke sind weltweit verbreitet und leben bevorzugt<br />

in bewaldeten Habitaten. <strong>Die</strong> Ordnung enthält eine<br />

sehr vielfältige Familie mit etwa 147 Arten. Manche<br />

Kuckuck-Arten sind berühmt für ihren Brutparasitismus,<br />

die Angewohnheit, ihre Eier in die Nester an<strong>der</strong>er<br />

<strong>Vögel</strong> zu legen.<br />

COLUMBIFORMES (Tauben)<br />

Mit etwa 348 Arten ist diese Ordnung weltweit in<br />

den verschiedensten Habitaten anzutreffen, von den<br />

wilden Felsentauben (Columba livia) in Großstädten bis<br />

zur Viktoria-Krontaube (Goura victoria).<br />

MESITORNITHIFORMES (Stelzenrallen)<br />

<strong>Die</strong>se kleine Ordnung enthält eine Familie, die Stelzenrallen.<br />

<strong>Die</strong>se kleinen, scheuen <strong>Vögel</strong> bewohnen nur die<br />

schwindenden Regenwäl<strong>der</strong> von Madagaskar.<br />

PTEROCLIFORMES (Flughühner)<br />

<strong>Die</strong> etwa 16 Arten <strong>der</strong> Flughühner sind taubenartige<br />

<strong>Vögel</strong>, die in ariden Gebieten <strong>der</strong> Alten <strong>Welt</strong> leben und<br />

bis zu 45 km weit ziehen, um Wasser zu finden, das sie<br />

in ihrem Bauchgefie<strong>der</strong> mitführen.<br />

PHAETHONTIFORMES (Tropikvögel)<br />

<strong>Die</strong>se Ordnung wird aus einer rein pelagialen Familie<br />

aus drei Arten von Tropikvögeln gebildet. Sie ernähren<br />

sich von Fischen und wirbellosen Wassertieren und<br />

brüten auf abgelegenen Inseln.<br />

EURYPYGIFORMES (Kagu und Sonnenralle)<br />

Eine Ordnung aus zwei Familien, jeweils mit einer einzigen<br />

Art. Sonnenrallen haben dekorativ gemusterte<br />

braune, schwarze und goldene Schwingen, die sie bei<br />

Bedrohung ausbreiten.<br />

GAVIIFORMES (Taucher)<br />

Fünf Arten von Tauchern in einer einzigen Familie<br />

bilden die Gaviiformes. Sie sind an das Leben in kaltem<br />

Wasser angepasst und können sehr effizient nach<br />

Nahrung, hauptsächlich Fisch, tauchen.<br />

SPHENISCIFORMES (Pinguine)<br />

<strong>Die</strong>se Ordnung besteht aus <strong>der</strong> Familie Spheniscidae<br />

mit 18 Arten von Pinguinen. <strong>Die</strong> meeresbewohnenden<br />

und flugunfähigen Pinguine sind erstaunlich an ihr<br />

spezialisiertes Leben angepasst. Ihre dichteren Knochen<br />

erleichtern ihnen das Tauchen.<br />

PROCELLARIIFORMES (Albatrosse, Sturmvögel und<br />

Sturmschwalben, Wellenläufer)<br />

<strong>Die</strong>se ozeanischen Arten haben die schmalsten und<br />

längsten Flügel aller <strong>Vögel</strong> und können beson<strong>der</strong>s gut<br />

durch die Luft gleiten.<br />

CICONIIFORMES (Störche)<br />

<strong>Die</strong>se Ordnung enthält eine Familie mit 19 Arten.<br />

Störche sind große Watvögel mit langen Beinen und<br />

Schnäbeln, die große Strecken fliegend und schwebend<br />

überwinden können.<br />

SULIFORMES (Schlangenhalsvögel, Tölpel, Kormorane<br />

und Scharben, Fregattvögel, Basstölpel)<br />

Vier Familien mit etwa 59 Arten, die weltweit auf den<br />

Ozeanen leben, bilden diese Ordnung. Mehrere Arten<br />

haben keine Nasenlöcher, eine Anpassung, um das<br />

Tauchen nach Fischen zu erleichtern.<br />

PELECANIFORMES (Hammerkopf, Reiher, Ibisse,<br />

Pelikane, Schuhschnäbel und Löffler)<br />

Es gibt fünf Familien und mehr als 100 Arten mit einer<br />

weltweiten Verteilung in dieser vielfältigen Ordnung,<br />

336


die Feuchtgebiete und meeresnahe Umgebungen<br />

bevorzugt, wo sie Wirbeltiere im Wasser jagen.<br />

CATHARTIFORMES (Neuweltgeier)<br />

Mit einer Familie und sieben Arten enthält diese Ordnung<br />

die nord- und südamerikanischen Geier sowie die<br />

größten flugfähigen <strong>Vögel</strong>, die Kondore. Aufsteigende<br />

warme Luft lässt diese <strong>Vögel</strong> bis zu 160 km weit segeln,<br />

ohne die Flügel zu bewegen.<br />

ACCIPITRIFORMES (Habichte, Adler, Milane, Fischadler<br />

und Sekretäre)<br />

<strong>Die</strong>se Ordnung mit tagaktiven Raubvögeln ist weltweit<br />

verbreitet und bewohnt verschiedene Lebensräume im<br />

Amazonas-Regenwald ebenso wie in Afrika südlich <strong>der</strong><br />

Sahara. Sie enthält die vielfältige Familie Accipitridae<br />

mit etwa 250 Arten Habichte, Adler und Milane.<br />

STRIGIFORMES (Eulen)<br />

Eulen sind in zwei Familien unterteilt: Tytonidae und<br />

Strigidae. Tytonidae enthält eine <strong>der</strong> am weitesten<br />

verbreiteten Arten, die Schleiereule (Tyto alba). Das<br />

nächtliche Jagen hat viele einzigartige Anpassungen<br />

in den Eulen hervorgebracht.<br />

COLIIFORMES (Mausvögel)<br />

<strong>Die</strong> Mausvögel <strong>der</strong> afrikanischen Waldgebiete und<br />

Savannen, eine Familie mit sechs Arten, bilden diese<br />

Ordnung. Es sind ausgesprochen soziale <strong>Vögel</strong>, die sich<br />

in großen Familienverbänden zusammenfinden.<br />

LEPTOSOMIFORMES (Kuckucksroller)<br />

Eine einzige Art bildet die ganze Ordnung. Der<br />

Kuckucksroller (Leptosomus discolor), <strong>der</strong> we<strong>der</strong> Kuckuck<br />

noch Racke ist, ist auf Madagaskar heimisch.<br />

TROGONIFORMES (Quetzale und Trogone)<br />

<strong>Die</strong>se Ordnung enthält eine Familie mit etwa 43 Arten.<br />

Trogone und Quetzale sind tropische Arten mit vielfältigen<br />

Markierungen und lebhaften Farben.<br />

BUCEROTIFORMES (Hornraben, Hopfe, Nashornvögel<br />

und Baumhopfe)<br />

<strong>Die</strong>se Ordnung besteht aus vier Familien mit etwa<br />

72 Arten. Hopfe tragen eine Art Fächer auf dem Kopf,<br />

während Nashornvögel große Schnäbel haben, manchmal<br />

mit hornartigen Auswüchsen.<br />

CORACIIFORMES (Bienenfresser, Eisvögel,<br />

Sägeracken, Racken und Todis)<br />

<strong>Die</strong>s ist eine vielfältige Ordnung mit sechs Familien<br />

und 183 Arten. Sie sind weltweit in verschiedenen<br />

Habitaten zu finden, von Regenwäl<strong>der</strong>n bis zu Savannen.<br />

<strong>Die</strong> meisten Arten sind bunt gefärbt.<br />

FALCONIFORMES (Karakaras und Falken)<br />

<strong>Die</strong>se Ordnung enthält 66 Arten von Falken und<br />

Karakaras in einer Familie: Falconidae. <strong>Die</strong>se <strong>Vögel</strong><br />

bewohnen viele Lebensräume auf <strong>der</strong> ganzen <strong>Welt</strong>,<br />

bevorzugen aber meist offene Räume.<br />

PSITTACIFORMES (Kakadus, Papageien und Neuseeland-Papageien)<br />

<strong>Die</strong>se große und vielfältige Ordnung mit drei Familien<br />

und mehr als 350 Arten enthält viele einzigartige <strong>Vögel</strong>,<br />

darunter den gefährdeten Kakapo (Strigops habroptila),<br />

einen flugunfähigen, nachtaktiven Vogel, <strong>der</strong> in Neuseeland<br />

heimisch ist.<br />

Der Phylogenetische Baum <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong><br />

PASSERIFORMES (Sperlingsvögel)<br />

Mit 141 Familien und weit über 6.000 Arten enthalten<br />

die Passeriformes mehr Arten als alle an<strong>der</strong>en<br />

Ordnungen zusammen. <strong>Die</strong> Mitglie<strong>der</strong> dieser Ordnung<br />

haben beson<strong>der</strong>s angepasste Füße, die es ihnen erlauben,<br />

sich an Baumästen festzukrallen. Taxonomisten<br />

unterteilen die Passeriformes in zwei Subordnungen,<br />

Tyranni (Schreivögel) und Passeri (Singvögel). Der<br />

größte Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass<br />

Mitglie<strong>der</strong> <strong>der</strong> Passeri komplexe Kehlmuskeln besitzen,<br />

die ihnen komplizierte Lautäußerungen erlauben.<br />

Sie erlernen ihre Lie<strong>der</strong>, indem sie <strong>Vögel</strong>n innerhalb<br />

ihrer Art zuhören, fast so, wie Menschen das Sprechen<br />

erlernen.<br />

PASSERIFORMES<br />

PSITTACIFORMES<br />

FALCONIFORMES<br />

CARIAMIFORMES<br />

PICIFORMES<br />

GALBULIFORMES<br />

CORACIIFORMES<br />

BUCEROTIFORMES<br />

TROGONIFORMES<br />

LEPTOSOMIFORMES<br />

COLIIFORMES<br />

STRIGIFORMES<br />

ACCIPITRIFORMES<br />

CATHARTIFORMES<br />

PELECANIFORMES<br />

SULIFORMES<br />

CICONIIFORMES<br />

PROCELLARIIFORMES<br />

SPHENISCIFORMES<br />

GAVIIFORMES<br />

EURYPYGIFORMES<br />

PHAETHONTIFORMES<br />

PTEROCLIFORMES<br />

MESITORNITHIFORMES<br />

COLUMIBFORMES<br />

CUCULIFORMES<br />

GALBULIFORMES (Glanzvögel und Faulvögel)<br />

Zwei neotropische Arten, die jeweils zu ihrer eigenen<br />

Familie gehören. Faulvögel sind Jäger, die sich von<br />

oben auf ihre Beute stürzen, während Glanzvögel nach<br />

Insekten suchen.<br />

PICIFORMES (Bartvögel, Honiganzeiger, Tukane und<br />

Spechte)<br />

<strong>Die</strong>se Ordnung mit sieben Familien und 378 Arten tritt<br />

fast weltweit auf. Typisch ist die Vielfalt <strong>der</strong> Schnäbel<br />

entsprechend den Sammel- und Jagdmethoden.<br />

KLASSE<br />

AVES<br />

NEORNITHES<br />

NEOGNATHAE<br />

NEONAVES<br />

MUSOPHAGIFORMES<br />

OTIDIFORMES<br />

CAPRIMULGIFORMES<br />

OPISTHOCOMIFORMES<br />

CHARADRIIFORMES<br />

GRUIFORMES<br />

PODICIPEDIFORMES<br />

PHOENICOPTERIFORMES<br />

GALLIFORMES<br />

ANSERIFORMES<br />

CARIAMIFORMES (Seriemas)<br />

In dieser Ordnung gibt es zwei Arten in einer einzigen<br />

Familie. Seriemas sind langbeinig mit kurzen Zehen<br />

und bewohnen südamerikanische Graslän<strong>der</strong>, wo sie<br />

von Insekten bis Schlangen alles fressen.<br />

PALEOGNATHAE<br />

APTERYGIFORMES<br />

CASUARIIFORMES<br />

TINAMIFORMES<br />

RHEIFORMES<br />

STRUTHIONIFORMES<br />

337


Vogeltopografie<br />

Jen Lobo<br />

Künstlerin und Dozentin<br />

2020 Bartels Science Illustrator, Cornell University<br />

—<br />

Für Vogelbeobachter, Forscher o<strong>der</strong> Künstler ist ein<br />

Verständnis <strong>der</strong> Elemente, aus denen die Vogelform<br />

besteht, unerlässlich zum Identifizieren und Beschreiben<br />

<strong>der</strong> Arten. Während Farbe, Form und Größe<br />

variieren, haben alle Vogelarten eine bemerkenswert<br />

ähnliche anatomische Struktur. Alle ausgestorbenen<br />

<strong>Vögel</strong> entwickelten sich aus einem flugfähigen<br />

Vorfahren, selbst Arten, die heute nicht mehr fliegen<br />

können. <strong>Die</strong>se Abstammung führte zu Eigenschaften,<br />

die den Anfor<strong>der</strong>ungen <strong>der</strong> Aerodynamik genügen.<br />

Ein leichter Knochenbau, feste Schnäbel, starke Hinterbeine<br />

und zwei Flügel sind typisch für die Klasse<br />

Aves. <strong>Die</strong> meisten <strong>Vögel</strong> besitzen auch eine ähnliche<br />

Anordnung <strong>der</strong> Fe<strong>der</strong>n. <strong>Die</strong>se äußere Anatomie wird<br />

als Topografie bezeichnet. Fe<strong>der</strong>n wachsen in eindeutigen<br />

Gruppen, <strong>der</strong>en Muster eine stromlinienförmige<br />

Körperform unterstützen. Gesichtsfe<strong>der</strong>n gehen radial<br />

von <strong>der</strong> Basis des Schnabels nach außen. In den verschiedenen<br />

Ordnungen gibt es einige Variationen.<br />

Scheitel<br />

Augenfe<strong>der</strong>n<br />

Supercilium/Augenbraue<br />

Zügel<br />

Oberschnabel<br />

Aurikulare/Ohrdecken<br />

Nacken<br />

Gefie<strong>der</strong><br />

Schultern<br />

Mittlere Armdecken<br />

Große Armdecken<br />

Armschwingen<br />

Daumenfittich<br />

Handdecken<br />

Handschwingen<br />

Schnabel<br />

Unterschnabel<br />

Wangen<br />

Kehle<br />

Oberschwanzdecken<br />

Steuerfe<strong>der</strong>n/Rectrices<br />

Brust<br />

Bauch<br />

Fußwurzel<br />

Zehen<br />

Unterschwanzdecken<br />

Kloake<br />

Flanken<br />

Schienbeinfe<strong>der</strong>n<br />

Blaumeise<br />

Cyanistes caeruleus<br />

Schnabelmorphologie<br />

Es gibt zwar zwischen den ganzen Vogelarten eine<br />

gewisse Konsistenz, dennoch hat die Evolution<br />

körperliche Anpassungen und beson<strong>der</strong>e Merkmale<br />

hervorgebracht, die den speziellen Lebensräumen<br />

und ökologischen Nischen <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> gerecht werden.<br />

Das beste Beispiel dafür ist <strong>der</strong> Vogelschnabel. Der<br />

Schnabel ist ein in Form und Funktion ausgesprochen<br />

vielseitiges Werkzeug. Neben seiner offensichtlichen<br />

Verwendung zur Nahrungsaufnahme wird er für<br />

nahezu jeden Aspekt im Leben eines Vogels verwendet,<br />

vom Putzen bis zur Balz, vom Nestbau bis zur<br />

Verteidigung. Das Studium <strong>der</strong> Schnabelmorphologie –<br />

seiner Form, Struktur, Größe und Gesamterscheinung<br />

– ist vermutlich die beste Methode, um die Ökologie<br />

eines Vogels zu verstehen. Es verwun<strong>der</strong>t daher nicht,<br />

dass die Schnabelmorphologie <strong>der</strong> Galapágosfinken<br />

eine solch entscheidende Rolle bei <strong>der</strong> Ausarbeitung<br />

von Charles Darwins Theorie <strong>der</strong> Evolution durch<br />

natürliche Auslese gespielt hat (siehe S. 27).<br />

Scheitel<br />

Scheitel<br />

Nacken<br />

Supercilium/Augenbraue<br />

Brauenstreif<br />

Augenring<br />

Zügel<br />

Fe<strong>der</strong>ohr (variiert<br />

je nach Art)<br />

Scheitel<br />

Supercilium/<br />

Augenbraue<br />

Wachshaut<br />

Nasenloch<br />

Schnabel<br />

Augenlid<br />

Pupille<br />

Iris<br />

Supercilium/<br />

Augenbraue<br />

Zügel<br />

Nasenloch<br />

Falkenzahn<br />

(falkenspezifisch)<br />

Augenfe<strong>der</strong>n<br />

Gesichtsschleier<br />

Nacken<br />

Oberschnabel<br />

Unterschnabel<br />

Zügel<br />

Augenfe<strong>der</strong>n<br />

Hinteraugenfleck<br />

Aurikulare/Ohrdecken<br />

Wangen<br />

Kinn<br />

Kragenspiegel<br />

Aurikulare o<strong>der</strong><br />

Gesichtsschleier<br />

Schnabel<br />

Buntfalke<br />

Falco sparverius<br />

Nordbüscheleule<br />

Ptilopsis leucotis<br />

Rosenkehlkolibri<br />

Heliomaster longirostris<br />

338


Urbanes Vogelbeobachten<br />

David Lindo aka The Urban Bir<strong>der</strong><br />

Broadcaster, Speaker und Autor<br />

Botschafter – Leica Birding und London Wildlife Trust<br />

Grün<strong>der</strong> – Britain’s Vote National Bird Campaign 2015<br />

—<br />

Vogelbeobachten war anfangs eine etwas dubiose<br />

Beschäftigung. In den Tagen von Thomas Bewick<br />

(siehe S. 16) kamen die eifrigsten Beobachter aus <strong>der</strong><br />

Oberschicht und streiften mit Gewehren und Birkenstöcken<br />

durch die Landschaft. Sie beobachteten die<br />

<strong>Vögel</strong> nicht, son<strong>der</strong>n schossen sie ab, stopften sie<br />

aus und stellten sie in ihren Landhäusern zur Schau.<br />

Menschen <strong>der</strong> unteren Schichten sammelten Finken<br />

für den Verkauf. Auch das Ausräubern von Nestern<br />

war verbreitet – sogar bis in die 1970er-Jahre, obwohl<br />

die Gründung <strong>der</strong> Royal Society for the Protection of<br />

Birds Ende des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts den Weg für wirksame<br />

Schutzmaßnahmen in Großbritannien und<br />

auch an<strong>der</strong>swo auf <strong>der</strong> <strong>Welt</strong> geebnet hatte. In den USA<br />

begannen Schutzbestrebungen Anfang des 20. Jahrhun<strong>der</strong>ts<br />

nach dem öffentlichen Aufschrei wegen des<br />

Aussterbens <strong>der</strong> Wan<strong>der</strong>taube (siehe S. 180–1) und<br />

Kampagnen gegen den Fe<strong>der</strong>handel (siehe S. 300).<br />

Erst im 20. Jahrhun<strong>der</strong>t wurde das Vogelbeobachten<br />

zum Hobby, und ein Massenpublikum fing an, <strong>Vögel</strong><br />

als einige <strong>der</strong> bemerkenswertesten Kreaturen dieses<br />

Planeten wertzuschätzen. <strong>Die</strong> Gründe sind nachvollziehbar.<br />

Denken Sie an eine Farbe, und es gibt mit<br />

Sicherheit einen Vogel, <strong>der</strong> sie trägt. <strong>Die</strong> Vielfalt <strong>der</strong><br />

Formen, Größen und Verhaltensweisen von <strong>Vögel</strong>n ist<br />

unendlich faszinierend. Frühe Klassiker wie Roger Tory<br />

Petersons A Field Guide to the Birds (1934, siehe S. 325)<br />

weckten das Interesse an <strong>Vögel</strong>n, heute sind z. B. David<br />

Allen Sibleys Naturführer populär (siehe S. 324) – wun<strong>der</strong>bare<br />

Bücher, die man auch einfach so gern einmal<br />

durchblättert.<br />

Seit unsere prähistorischen Ahnen vorbeiziehenden<br />

Vogelschwärmen zuschauten, hat sich die Freude<br />

an <strong>Vögel</strong>n entwickelt. Für viele von uns sind <strong>Vögel</strong><br />

immer noch machtvolle Symbole <strong>der</strong> Wildnis und<br />

eines unberührten Lebens jenseits unserer Städte und<br />

Zivilisationen. Tatsächlich sind <strong>Vögel</strong> allgegenwärtig:<br />

in dichten tropischen Regenwäl<strong>der</strong>n ebenso wie im<br />

Großstadtdschungel.<br />

Städtische Umgebungen mögen für Einsteiger in<br />

das Vogelbeobachten eine Herausfor<strong>der</strong>ung sein,<br />

dabei muss man sich einfach nur für die Möglichkeit<br />

öffnen. In Wirklichkeit gibt es gar nicht so viele Unterschiede<br />

zwischen einer urbanen und einer ländlichen<br />

Umgebung. Von etwa 620 Arten auf <strong>der</strong> Liste <strong>der</strong> britischen<br />

<strong>Vögel</strong> seit Anfang des 20. Jahrhun<strong>der</strong>ts wurden<br />

etwa 95 Prozent bereits in einem städtischen Umfeld<br />

gesehen. So ähnlich ist es auf <strong>der</strong> ganzen <strong>Welt</strong>: Vogelbeobachter<br />

in einer Stadt wie Nairobi in Kenia haben<br />

mehr als 600 Arten aufgezeichnet.<br />

Wenn Sie wissen, worauf Sie achten müssen, werden<br />

Sie direkt vor Ihrer Haustür faszinierende <strong>Vögel</strong> entdecken.<br />

Das Vogelbeobachten in den Städten hat sogar<br />

einige Vorteile. Man kann Arten näher kommen, weil<br />

sie an Menschen gewöhnt sind. Urbane Habitate sind<br />

meist kleiner und stärker fragmentiert, was bedeutet,<br />

dass sich wilde Tiere oft stärker in einem Bereich konzentrieren.<br />

Man kann unmittelbar Arten erleben, die<br />

ansonsten schwer zu finden sind.<br />

Das urbane Vogelbeobachten ist heute ein beliebter<br />

Zeitvertreib in allen Schichten (seine Popularität<br />

nahm während <strong>der</strong> Corona-Pandemie 2020 und<br />

2021 zu, als sich zeigte, dass sich das Beobachten von<br />

<strong>Vögel</strong>n positiv auf die mentale Gesundheit auswirkt).<br />

Sie brauchen für den Einstieg lediglich ein Fernglas<br />

und ein Vogelbuch. Sie müssen nicht lange suchen:<br />

Schon in einem Garten o<strong>der</strong> Park können Sie problemlos<br />

bis zu 20 Arten erblicken. Wenn Sie regelmäßig<br />

dieselbe Stelle aufsuchen, merken Sie, wie sich die<br />

Dynamik <strong>der</strong> Populationen mit den Jahreszeiten<br />

än<strong>der</strong>t, vor allem bei vorübergehenden Besuchen von<br />

Zugvögeln.<br />

Das Motto des urbanen Vogelbeobachters ist, dass<br />

alles überall je<strong>der</strong>zeit auftauchen kann. Schauen Sie<br />

sich jeden Vogel an, selbst wenn Sie glauben, dass Sie<br />

ihn erkennen. Er könnte durchaus etwas Unerwartetes<br />

machen – o<strong>der</strong> sich als eine Art herausstellen, die<br />

Sie nicht erwartet haben. Machen Sie sich auf und<br />

erfreuen Sie sich an den <strong>Vögel</strong>n um Sie herum – und<br />

vergessen Sie nicht, nach oben zu schauen!<br />

Der urbane Vogelbeobachter kann mit dem städtischen<br />

Umfeld vertrauten <strong>Vögel</strong>n rechnen – aber auch<br />

mit seltenen Besuchern. Hier sind einige Favoriten.<br />

Rauchschwalbe (Hirundo rustica, S. 44)<br />

<strong>Die</strong>se Art ist <strong>der</strong> Archetyp <strong>der</strong> Schwalbe. Schließlich<br />

ist es die am weitesten verbreitete Schwalbenart <strong>der</strong><br />

<strong>Welt</strong>: Sie ist in Europa, Asien, Afrika und Amerika<br />

und als Irrläufer sogar an den Küsten <strong>der</strong> Antarktis<br />

zu finden. <strong>Die</strong> Schwalbe hat einen charakteristischen,<br />

blauschwarzen Körper, einen gegabelten Schwanz<br />

und einen rasanten Flug. Der Zugvogel gilt in vielen<br />

Kulturen als Frühlingsbote. Schwalben bevorzugen<br />

offenes Land, nutzen für den Nestbau gern künstlich<br />

angelegte Strukturen und leben oft in direkter Nachbarschaft<br />

zum Menschen.<br />

Blauhäher (Cyanocitta cristata, S. 326–7)<br />

Auch wenn <strong>der</strong> Blauhäher ein Habitat aus Mischwald<br />

bevorzugt, gedeiht dieser kleine Vogel überall dort, wo<br />

sein selbstbewusstes, fast schon stures Wesen ihn hinführt,<br />

und so ist er in bewaldeten Parks und Gärten im<br />

östlichen und mittleren Nordamerika verbreitet. Seine<br />

atemberaubende Färbung in Blau, Violett, Schwarz<br />

und Weiß hebt ihn von <strong>der</strong> Masse ab. Das schafft aber<br />

auch sein Alarmruf, mit dem er an<strong>der</strong>e <strong>Vögel</strong> von<br />

ihren Futterstellen verscheucht.<br />

Purpurgrackel (Quiscalus quiscula, S. 36)<br />

<strong>Die</strong>ser dunkle, langschwänzige Vogel ist in städtischen<br />

Umgebungen im Osten Nordamerikas anzutreffen. Er<br />

gehört zur Familie <strong>der</strong> Stärlinge (Icteridae), die es ausschließlich<br />

in Amerika gibt. <strong>Die</strong> Männchen dieser Art<br />

zeichnet schillerndes schwarzes Gefie<strong>der</strong> aus, während<br />

die Weibchen eher einen Braunton tragen. <strong>Die</strong> Tiere<br />

sind oft auf Straßen und in Parks zu finden, wo sie nach<br />

Futter suchen. Purpurgrackel sind gesellig und leicht<br />

an ihren mechanisch-quietschenden Rufen erkennbar.<br />

Eisvogel (Alcedo atthis, S. 230)<br />

Einem Eisvogel in Blau, Grün und Rostorange an einer<br />

urbanen Wasserfläche zu begegnen, wenn er von Ufer<br />

zu Ufer flitzt, kann wahrhaft magisch sein. Das irisierende<br />

Strahlen seiner Fe<strong>der</strong>n und sein langer, dolchartiger<br />

Schnabel an dem übergroßen Kopf geben ihm<br />

den Anschein eines Besuchers aus einer an<strong>der</strong>en <strong>Welt</strong>.<br />

Eisvögel bevorzugen langsame Gewässer, in denen sie<br />

nach kleinen Fischen und Wirbellosen suchen. Deshalb<br />

findet man sie an Flüssen, Kanälen und sogar<br />

Teichen in Asien, Europa und Nordafrika. <strong>Die</strong> beste<br />

Zeit, um sie zu erspähen, ist <strong>der</strong> frühe Morgen in den<br />

Sommermonaten.<br />

Rotkehlchen (Erithacus rubecula, S. 221)<br />

Zu diesem vertrauten Vogel muss man nicht viel sagen.<br />

Das Rotkehlchen ist seit 2015 Nationalvogel Großbritanniens.<br />

Der Verwandte <strong>der</strong> Fliegenschnäpper ist<br />

in Eurasien bis nach Westsibirien und im Süden bis<br />

nach Algerien verbreitet. In Großbritannien ist er ein<br />

häufiger Gartenvogel ohne Scheu vor Menschen.<br />

Habicht (Accipiter gentilis, S. 175)<br />

<strong>Die</strong>ser große Raubvogel nimmt es mit je<strong>der</strong> Beute auf,<br />

auch mit an<strong>der</strong>en Raubvögeln wie Bussarden. Überraschen<strong>der</strong>weise<br />

ist Berlin mit mehr als 100 Paaren <strong>der</strong><br />

beste Ort, um Habichte zu beobachten. Im Hochsommer<br />

durchschneiden die durchdringenden Bettelrufe<br />

<strong>der</strong> Jungtiere alle an<strong>der</strong>en Geräusche im Tiergarten.<br />

<strong>Die</strong> Tiere, die bussardgroßen Sperbern ähneln, jagen<br />

durch die Bäume o<strong>der</strong> sitzen still im Laubwerk. Trotz<br />

ihres scheinbaren Selbstvertrauens sind sie von Natur<br />

aus vorsichtig und ziehen sich zurück, sobald sie<br />

bemerken, dass man sie beobachtet.<br />

Waldohreule (Asio otus)<br />

<strong>Die</strong>se mittelgroße Eule ist nahezu weltweit verbreitet<br />

und bildet die größte Gruppe ihrer Familie. Dennoch<br />

hat diese Waldbewohnerin ein scheues Wesen. Ihr<br />

Äußeres ist ansprechend und wirkt zuweilen katzenartig.<br />

<strong>Die</strong> Fe<strong>der</strong>ohren sind je nach Laune gespitzt<br />

o<strong>der</strong> flach anliegend. <strong>Die</strong> nordserbische Stadt Kikinda<br />

ist <strong>der</strong> beste Ort, um diese Eule zu sehen. In den<br />

Wintermonaten versammeln sich tagsüber Hun<strong>der</strong>te<br />

<strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> auf Schlafplätzen, manchmal mitten in <strong>der</strong><br />

Stadt, bevor sie sich mit Einbruch <strong>der</strong> Dunkelheit auf<br />

die Jagd nach Nagetieren machen.<br />

Wan<strong>der</strong>falke (Falco peregrinus)<br />

<strong>Die</strong>ser eindrucksvolle Jäger ist <strong>der</strong> König des urbanen<br />

Dschungels. Wan<strong>der</strong>falken leben auf allen Kontinenten<br />

bis auf die Antarktis und sind die schnellsten Tiere<br />

<strong>der</strong> Erde – im Sturzflug erreichen sie über 300 km/h. In<br />

jüngster Zeit sind sie oft in Großstädten anzutreffen,<br />

wo sie auf Hochhäusern nisten und sich von den reichlich<br />

vorhandenen Tauben ernähren. In New York gibt<br />

es wenigstens 20 Paare, sie nisten aber auch auf den<br />

Mauersimsen <strong>der</strong> Kathedrale von Málaga Cathedral<br />

direkt über den von Touristen wimmelnden Straßen.<br />

<strong>Die</strong>se <strong>Vögel</strong> gehören zu einer mediterranen Unterart –<br />

kleiner, mit blauerem Rücken und pfirsichfarbener<br />

Brust.<br />

Schilfrohrsänger (Acrocephalus schoenobaenus,<br />

S. 204)<br />

<strong>Die</strong>ser unauffällige kleine Rohrsänger ist ein Sommergast<br />

aus Afrika in Europa, West- und Zentralasien<br />

mit braun gemusterter Oberseite und cremeweißem<br />

Überaugenstreif. Er lebt in <strong>der</strong> Ufervegetation, ist<br />

bei seinen Zügen aber auch abseits des Wassers zu<br />

finden. Sein kratzen<strong>der</strong>, zittern<strong>der</strong> Gesang ähnelt dem<br />

des ganz an<strong>der</strong>s aussehenden Teichrohrsängers. Der<br />

Schilfrohrsänger zeichnet sich jedoch durch einen<br />

Gesangsflug aus, bei dem er sich aus dem Gestrüpp<br />

am Flussufer in die Höhe schwingt.<br />

Seeschwalben (Sternidae, S. 158)<br />

Seeschwalben treten in großen Teilen Asiens, Europas<br />

und Nordamerikas auf. Sie sind die Allroun<strong>der</strong><br />

unter den Küstenvögeln: agile, stromlinienförmige<br />

<strong>Vögel</strong>, die schnelle Wendungen ebenso vollführen wie<br />

Schwebflüge über dem Wasser. Ihre Körper sind weiß<br />

o<strong>der</strong> hellgrau, und sie haben eine schwarze Kappe<br />

sowie orangerote Beine und einen dünnen Schnabel.<br />

Sie nisten auf geraden Flächen nahe Küstengewässern.<br />

Fluss-, Küsten- und Zwergseeschwalben können daher<br />

nahe dem Ozean beobachtet werden, aber auch weiter<br />

im Inland, wenn sie auf <strong>der</strong> Wan<strong>der</strong>ung sind.<br />

339


Ausgewählte Biografien<br />

Eleazar und Elizabeth Albin<br />

(Deutschland, ca. 1690–1741/2 und 1708–41)<br />

Eleazar Albin wurde vermutlich in Deutschland<br />

geboren. 1708 arbeitete er in London als Zeichenlehrer.<br />

Seine Natural History of Birds (1731–8) erschien<br />

in drei Bänden mit 306 Bildtafeln, die nicht nur sein<br />

Werk, son<strong>der</strong>n auch das seiner Tochter Elizabeth<br />

waren. Albin rühmte sich seiner lebensnahen Zeichnungen.<br />

Durch seine Verbindungen hatte er Zugang<br />

zu den exotischen <strong>Vögel</strong>n englischer Adliger, wie des<br />

Duke of Chandos.<br />

John James Audubon (USA, 1785–1851)<br />

Audubon, geboren in Haiti und aufgewachsen in<br />

Frankreich, zog 1803 in die USA. Er probierte sich<br />

geschäftlich aus, bevor er seine künstlerischen<br />

Fähigkeiten mit seinem lebenslangen Interesse an<br />

Ornithologie verband, um die <strong>Vögel</strong> Nordamerikas<br />

zu finden und zu identifizieren. <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> wurden<br />

vor einem Hintergrund aus Pflanzen von ihm o<strong>der</strong><br />

seinem Assistenten Joseph Mason gezeichnet. The<br />

Birds of America (1827–38) mit seinen riesigen Stichen<br />

von fast 500 Vogelarten ist ein Meilenstein <strong>der</strong><br />

naturkundlichen Illustration.<br />

Jacques Barraband (Frankreich, ca. 1767–1809)<br />

Jacques Barraband folgte dem Vorbild seines Vaters<br />

und arbeitete in <strong>der</strong> örtlichen Gobelin-Manufaktur,<br />

bevor er in Paris an <strong>der</strong> Académie Royale de<br />

Peinture Kunst studierte. Hochgeschätzt für seine<br />

naturkundlichen Gemälde, erhielt er von Napoleon<br />

Bonaparte 1801 den Auftrag, eine Serie aus Aquarellen<br />

von <strong>Vögel</strong>n und Blumen herzustellen. Zusammen<br />

mit dem Naturforscher François Levaillant<br />

produzierte Barraband Histoire naturelle des perroquets<br />

(»Naturgeschichte <strong>der</strong> Papageien«, 1801–5).<br />

<strong>Die</strong> mithilfe ausgestopfter Exemplare geschaffenen<br />

Darstellungen wurden in späteren Büchern über<br />

Paradiesvögel und Tukane, die er ebenfalls mit<br />

Levaillant schuf, reproduziert.<br />

Ferdinand Bauer (Österreich, 1760–1826)<br />

Der verwaiste Ferdinand Bauer und sein Bru<strong>der</strong><br />

Franz wurden von dem Mönch, Anatomen und<br />

Botaniker Dr. Norbert Boccius aufgezogen, <strong>der</strong><br />

beide in Naturkunde und Zeichnen unterrichtete.<br />

<strong>Die</strong> Brü<strong>der</strong> arbeiteten im Königlichen Botanischen<br />

Garten des Schlosses Schönbrunn in Wien, bevor<br />

Ferdinand Professor John Sibthorp von <strong>der</strong> Oxford<br />

University nach Griechenland und in die Türkei<br />

begleitete. Bauer war später <strong>der</strong> Zeichner auf<br />

Matthew Flin<strong>der</strong>s’ Umrundung Australiens auf <strong>der</strong><br />

HMS Investigator (1801–5). Dabei schuf er Hun<strong>der</strong>te<br />

von Bleistiftzeichnungen <strong>der</strong> heimischen Flora und<br />

Fauna, darunter bislang unbekannter Vogelarten.<br />

Pierre Belon (Frankreich, 1517–64)<br />

Der französosche Naturforscher, Autor und Entdecker<br />

Pierre Belon studierte Botanik, bevor er durch<br />

den östlichen Mittelmeerraum reiste, um die lokale<br />

Flora und Fauna zu erkunden. Er schrieb mehrere<br />

Bücher, darunter zoologische Werke wie La nature<br />

et diversité des poissons (»Das Wesen und die Vielfalt<br />

<strong>der</strong> Fische«, 1551), in denen er ausführlich den Delfin<br />

besprach, sowie L’histoire de la nature des oiseaux<br />

(»Naturkunde <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>«, 1555). <strong>Die</strong>se gründlichen<br />

Studien und Vergleiche zwischen den Skeletten von<br />

<strong>Vögel</strong>n und Menschen waren die frühesten Beispiele<br />

auf dem Gebiet <strong>der</strong> vergleichenden Anatomie.<br />

Pieter Boel (Belgien, 1622–74)<br />

Der flämische Stillleben- und Tiermaler Pieter Boel<br />

verfolgte einen revolutionären Ansatz bei <strong>der</strong> Darstellung<br />

von Tieren, indem er seine Motive naturgetreu<br />

in <strong>der</strong> Menagerie von Versailles malte, während<br />

die meisten Künstler dieser Zeit mit ausgestopften<br />

Modellen arbeiteten. <strong>Die</strong>s erlaubte es ihm, typische<br />

Bewegungen und Posen festzuhalten. Boel gehörte<br />

zu <strong>der</strong> Gruppe Maler um Charles Le Brun, die für<br />

die königliche Gobelin-Manufaktur Tiermotive entwarfen.<br />

Jakob Bogdány (Ungarn, 1658–1724)<br />

Jakob Bogdány, geboren im Königreich Ungarn,<br />

zog erst nach Amsterdam, bevor er sich 1688 in<br />

London nie<strong>der</strong>ließ. Er arbeitete für den Hof von<br />

Königin Anne und spezialisierte sich auf Stillleben<br />

und Vogeldarstellungen. Sein Gönner, Admiral<br />

George Churchill, war <strong>der</strong> Bru<strong>der</strong> des Duke of Marlborough,<br />

und das Vogelhaus des Duke in Windsor<br />

Park bildete vermutlich eine wichtige Quelle für die<br />

exotischen <strong>Vögel</strong>, die Bogdány malte – Kakadus,<br />

Aras und Mainas. Er beschränkte sich jedoch nicht<br />

auf exotische <strong>Vögel</strong>, son<strong>der</strong>n malte auch heimische<br />

Arten wie Blaumeisen. Seine Landschaftsgemälde<br />

waren oft voller <strong>Vögel</strong>.<br />

Mark Catesby (Großbritannien, 1682/3–1749)<br />

Mark Catesby, Sohn einer wohlhabenden Familie<br />

aus Essex studierte Naturkunde in London, bevor<br />

er in die Kolonie Virginia zog. Er lieferte Saatgut<br />

für die Gewächshäuser Londons. 1722 finanzierte<br />

die Royal Society seine Expedition zum Sammeln<br />

von Pflanzen und Tieren in Carolina und auf den<br />

Westindischen Inseln. Wie<strong>der</strong> in London verbrachte<br />

Catesby mehr als 20 Jahre damit, seine Natural<br />

History of Carolina, Florida and the Bahama Islands<br />

(1731) herauszubringen; u. a. lernte er das Radieren.<br />

<strong>Die</strong> ersten Bild tafeln zeigten nur Tiere und <strong>Vögel</strong>,<br />

später fügte er auch Pflanzen hinzu, als Hintergrund,<br />

aber auch als Motiv selbst.<br />

Raymond Harris Ching (Neuseeland, geb. 1939)<br />

Eine Sammlung ausgestopfter Kolibris, die er bei<br />

einem Museumsbesuch in seiner Kindheit sah, war<br />

<strong>der</strong> Auslöser für Ray Chings lebenslange Liebe zu<br />

<strong>Vögel</strong>n. Nach dem Schulabbruch im Alter von 12<br />

Jahren probierte er verschiedene Dinge aus, bevor er<br />

sich dem Malen von Tieren zuwandte. Seine Ausstellung<br />

Thirty Birds von 1966 war sofort ausverkauft.<br />

Der Ornithologe Sir William Collins von Collins<br />

Publishing überzeugte Ching, nach London zu ziehen,<br />

doch bevor die beiden Männer eine Zusammenarbeit<br />

diskutieren konnten, hatte Rea<strong>der</strong>’s Digest<br />

Ching angeheuert. In weniger als einem Jahr schuf<br />

er 230 Farbporträts von <strong>Vögel</strong>n für The Rea<strong>der</strong>’s<br />

Digest Book of British Birds. Das 1969 veröffentlichte<br />

Buch wurde ein <strong>Welt</strong>-Bestseller.<br />

William T. Cooper (Australien, 1934–2015)<br />

William Cooper, <strong>der</strong> zuerst Landschaften und Seestücke<br />

malte, wurde mit seinen präzisen wissenschaftlichen<br />

Zeichnungen, vor allem von <strong>Vögel</strong>n,<br />

berühmt. Der begabte Taxi<strong>der</strong>mist malte lieber<br />

nach realen Motiven als nach Fotos und zog daher<br />

oft in die Wildnis, wo er <strong>Vögel</strong> in ihrer natürlichen<br />

Umgebung zeichnete. Sein erstes Buch, Portfolio of<br />

Australian Birds, erschien 1967. 1992 gewann er als<br />

einziger Australier die Goldmedaille <strong>der</strong> American<br />

Academy of Natural Sciences, 1994 wurde ihm <strong>der</strong><br />

Or<strong>der</strong> of Australia verliehen. Seine <strong>Vögel</strong> wurden in<br />

Papua-Neuguinea auf Briefmarken verewigt.<br />

Carl Cotton (USA, 1918–71)<br />

Carl Cottons jugendliches Hobby des Präparierens<br />

von Tieren führte zu einer wegweisenden Karriere<br />

als erster afroamerikanischer Taxi<strong>der</strong>mist am Field<br />

Museum Chicago. Aufgewachsen an <strong>der</strong> South Side<br />

von Chicago übte Cotton das Präparieren an toten<br />

Eichhörnchen, <strong>Vögel</strong>n und Haustieren. Er bewarb<br />

sich so lange am Field Museum, bis man ihn 1947<br />

als freien Mitarbeiter nahm. Schon einen Monat<br />

später bekam er eine Anstellung als Taxi<strong>der</strong>mist,<br />

die er bis zu seinem Tode behielt. Sein Bestreben,<br />

die Taxi<strong>der</strong>mie zu einer Kunstform zu machen, zeigt<br />

sich in <strong>der</strong> Vogelhalle, in <strong>der</strong> er hauptsächlich arbeitete.<br />

Sein wichtigstes Werk, Sumpfvögel des Oberen<br />

Nils, ist Teil <strong>der</strong> Dauerausstellung.<br />

Mark Dion (USA, geb. 1961)<br />

Das Werk des Künstlers Mark Dion untersucht die<br />

Rolle <strong>der</strong> Institutionen und Denksysteme in Bezug<br />

darauf, wie wir uns Wissenschaft, Naturkunde,<br />

Ornithologie und Wissen nähern. Er nutzt wissenschaftliche<br />

Methoden, um Exemplare zu sammeln<br />

und auszustellen und damit die Idee des öffentlichen<br />

Wissens zu erkunden. Dion Arbeitet oft mit<br />

Naturkundemuseen, Aquarien, Zoos und an<strong>der</strong>en<br />

Einrichtungen zusammen, um sein kritisches Vorgehen<br />

zu entwickeln. Er wurde in Massachusetts<br />

geboren und studierte Kunst an <strong>der</strong> Hartford Art<br />

School und <strong>der</strong> School of Visual Arts in New York,<br />

bevor er am Independent Study Program des Whitney<br />

Museums teilnahm. Er lebt und arbeitet in New<br />

York.<br />

Max Ernst (Deutschland, 1891–1976)<br />

Max Ernst, einer <strong>der</strong> führenden Avantgarde-Künstler<br />

des frühen 20. Jahrhun<strong>der</strong>ts, war Teil <strong>der</strong> Dada-<br />

Bewegung in Köln, bevor er nach Paris zog und<br />

Anfang <strong>der</strong> 1920er-Jahre zusammen mit Paul Éluard<br />

und André Breton den Surrealismus begründete.<br />

Ihre Kunst schöpfte aus dem Unbewussten, das<br />

Verfahren wurde Automatismus genannt. Um die<br />

Bil<strong>der</strong>schaffung aus dem Unbewussten zu stimulieren,<br />

nutzte Ernst Techniken wie Frottage (Bleistiftabreibungen<br />

über verschiedene Materialien) und<br />

Decalcomanie (zwei Leinwände mit flüssiger Farbe<br />

dazwischen werden zusammengepresst und auseinan<strong>der</strong>gezogen),<br />

um Zufallsbil<strong>der</strong> herzustellen, die<br />

eine instinktive Reaktion hervorrufen sollten. Ernst<br />

floh 1941 in die USA und heiratete ein Jahr später<br />

Peggy Guggenheim. Nach <strong>der</strong> Scheidung heiratete<br />

er Dorothea Tanning und zog 1954 nach Frankreich.<br />

Walton Ford (USA, geb. 1960)<br />

Ausflüge in die kanadische Wildnis in <strong>der</strong> Kindheit<br />

mit seinem Vater sowie eine Vorliebe für Un<strong>der</strong>ground-Cartoons<br />

inspirierten Walton Fords riesige,<br />

naturalistische Aquarelle. Ford, <strong>der</strong> zunächst von<br />

Robert Crumbs satirischen Cartoons beeinflusst<br />

war, besuchte die Rhode Island School of Design,<br />

die er 1982 mit einem Abschluss als Filmemacher<br />

verließ. Obwohl er schon als Kind gezeichnet hatte,<br />

wandte er sich erst relativ spät <strong>der</strong> Kunst zu und<br />

hatte erst 2006 eine eigene große Ausstellung. Seine<br />

Spezialität sind großformatige mehrlagige Stiche,<br />

die so detailliert sind, das sie oft für Malereien<br />

gehalten werden; oft sind in ihnen Anspielungen<br />

und Kritiken an <strong>der</strong> Gesellschaft versteckt.<br />

340


Georg Forster (Deutschland, 1754–94)<br />

Der Entdecker und Reisende Georg Forster war<br />

einer <strong>der</strong> Pioniere <strong>der</strong> mo<strong>der</strong>nen wissenschaftlichen<br />

Reiseliteratur. Mit seinem Vater zog er 1766 nach<br />

England. Beide begleiteten zwischen 1772 und 1775<br />

Kapitän James Cook auf seiner zweiten Reise in<br />

den Pazifik. Forsters Bericht, A Voyage Round the<br />

World, erschien 1777 (auf deutsch 1778). Das auf den<br />

Tagebüchern des Vaters sowie eigenen botanischen<br />

und wissenschaftlichen Beobachtungen beruhende<br />

Buch insprierte u. a. Alexan<strong>der</strong> von Humboldt. Es<br />

erweiterte das Wissen von Flora und Fauna <strong>der</strong> Südsee<br />

und führte zu Forsters Aufnahme in die Royal<br />

Society mit nur 22 Jahren.<br />

Louis Agassiz Fuertes (USA, 1874–1927)<br />

Louis Agassiz Fuertes, <strong>der</strong> als Kind schon von<br />

Audubons Birds of America inspiriert wurde, war<br />

einer <strong>der</strong> bekanntesten amerikanischen Ornithologen.<br />

Bereits mit 17 Jahren wurde er dank seiner<br />

Zeichnungen in die American Ornithologist Union<br />

aufgenommen. Er zeichnete <strong>Vögel</strong> in ihren Lebensräumen,<br />

wobei er sein Wissen über <strong>Vögel</strong> und ihr<br />

Umfeld auf weiten Reisen erweiterte. Seine Illustrationen<br />

erschienen in vielen Veröffentlichungen,<br />

darunter dem bahnbrechenden Handbook of Birds<br />

of the Western United States (1902). Fuertes starb mit<br />

53 Jahren bei einem Autounfall.<br />

Conrad Gessner (Schweiz, 1516–65)<br />

Der Arzt und Naturforscher Conrad Gessner war<br />

ein produktiver Autor. Geboren in Zürich als Sohn<br />

einer armen Familie, ermöglichte ein Großonkel<br />

ihm den Schulbesuch. Er erwies sich als so vielversprechend,<br />

dass einige seiner Lehrer nach dem Tod<br />

seines Vaters für seine weiteren Studien aufkamen.<br />

Gessner wurde Lehrer in Zürich, ging dann aber<br />

zum Medizinstudium nach Basel. Den größten Teil<br />

seiner Laufbahn verbrachte er als Arzt in Zürich,<br />

nebenbei schrieb er aber auch bemerkenswerte<br />

Werke, wie das monumentale, fünfbändige Historia<br />

animalium (»Geschichte <strong>der</strong> Tiere«, 1551–87).<br />

John und Elizabeth Gould<br />

(Großbritannien, 1804–81 und 1804–41)<br />

Das Ehepaar schuf als Ornithologen und Illustratoren<br />

einige <strong>der</strong> einflussreichsten Bücher des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts.<br />

John Gould ist <strong>der</strong> Vater <strong>der</strong> Vogelstudien<br />

in Australien. Er schrieb Birds of Australia (1840–8),<br />

für das Elizabeth 84 Bildtafeln schuf, bevor sie nach<br />

<strong>der</strong> Geburt ihres achten Kindes starb. Sie hatte auch<br />

an den Bildtafeln für Charles Darwins The Zoology<br />

of the Voyage of HMS Beagle (1838–43) mitgewirkt,<br />

während ihr Mann, <strong>der</strong> erste Kurator <strong>der</strong> Zoological<br />

Society of London, die <strong>Vögel</strong> identifizierte, die man<br />

heute als Darwinfinken kennt.<br />

Melissa Groo (USA, geb. 1962)<br />

Melissa Groo ist nicht nur Wildtierfotografin: Sie<br />

hat lernbehin<strong>der</strong>te Kin<strong>der</strong> unterrichtet, aber auch<br />

Bioakustik studiert. Sechs Jahre lang war sie Forschungsassistentin<br />

von Katy Payne am Cornell’s<br />

Center for Conservation Bioacoustics, wo sie lernte<br />

zu warten, zu beobachten und zuzuhören. Ein Kurs<br />

in Digitalfotografie an einem Community College<br />

war <strong>der</strong> Auslöser für ihre nachfolgende Karriere,<br />

in <strong>der</strong> es ihr vor allem um das Wohl <strong>der</strong> Tiere geht.<br />

Nachdem ihr <strong>der</strong> Gesang verraten hat, dass ein<br />

bestimmter Vogel sich in einer Gegend aufhält, wartet<br />

sie geduldig auf die Chance für ein Foto, ohne<br />

auf Kö<strong>der</strong> zurückzugreifen.<br />

Ernst Haeckel (Deutschland, 1834–1919)<br />

Der Biologe Ernst Haeckel war ein begeisterter<br />

Anhänger von Charles Darwins Evolutionstheorie<br />

und prägte viele wichtige biologische Begriffe, darunter<br />

»Ökologie« – das Studium <strong>der</strong> Art und Weise,<br />

wie Organismen auf ihre Umwelt reagieren. Nicht<br />

alle seiner evolutionären Behauptungen erwiesen<br />

sich als wahr, und er wurde beschuldigt, seine<br />

embryologischen Forschungen verfälscht zu haben.<br />

Dennoch galt er zu seiner Zeit als bedeuten<strong>der</strong> Wissenschaftler.<br />

Der talentierte Künstler Haeckel schuf<br />

Hun<strong>der</strong>te von Skizzen und Aquarellen von Pflanzen,<br />

<strong>Vögel</strong>n und Tieren.<br />

Oskar und Magdalena Heinroth<br />

(Deutschland, 1871–1945 und 1883–1932)<br />

<strong>Die</strong> Berlinerin Magdalena Heinroth arbeitete mit<br />

16 Jahren ehrenamtlich am Zoologischen Museum<br />

<strong>der</strong> Stadt, wo sie ihren künftigen Mann Oskar traf.<br />

<strong>Die</strong>ser wurde 1904, im Jahr ihrer Heirat, Assistent<br />

am Zoo. Magdalena, die sich schon früh für Anatomie<br />

interessierte, wurde Tierpräparatorin und<br />

teilte ihre Leidenschaft für das Studium von <strong>Vögel</strong>n<br />

mit ihrem Mann, <strong>der</strong> Gänse und Enten erforschte.<br />

Im Laufe von 28 Jahren machte das Paar Beobachtungen<br />

an mehr als 1.000 <strong>Vögel</strong>n, die sie in ihrer<br />

Berliner Wohnung aufzogen. Ihre Erkenntnisse<br />

erschienen zusammen mit Magdalenas Präparaten<br />

in <strong>Die</strong> <strong>Vögel</strong> Mitteleuropas (vier Bände, 1928–33).<br />

Melchior de Hondecoeter (Holland, 1636–95)<br />

Melchior de Hondecoeters kindliche Begeisterung<br />

für die Religion ließ seine Mutter zweifeln, dass <strong>der</strong><br />

aus einer Familie von Tier- und Stilllebenmalern in<br />

Utrecht stammende Junge die Familienlaufbahn<br />

antreten werde. Dennoch begann er mit Seestücken,<br />

bevor er als Maler von exotischen <strong>Vögel</strong>n und Wildgeflügel<br />

berühmt wurde. Entgegen <strong>der</strong> Tradition<br />

stellt er keine ausgestopften, son<strong>der</strong>n lebende <strong>Vögel</strong><br />

dar, oft in Bewegung o<strong>der</strong> im Kampf. Als Assistent<br />

seines Cousins Jan Weenix war er an Wandbil<strong>der</strong>n<br />

und großen Parkszenen beteiligt, doch sein wahres<br />

Talent lag in seinen Vogelgemälden.<br />

Huang Quan (China, 903–65)<br />

Beim Zusammenbruch <strong>der</strong> Tang-Dynastie wurde<br />

Huang Quans Geburtsort Chengdu ein Sammelpunkt<br />

für Maler, die aus <strong>der</strong> Hauptstadt Chang’an<br />

geflohen waren. Mit 12 Jahren wurde Huang Schüler<br />

des Vogel-und-Blumenmalers Diao Guangyin, <strong>der</strong><br />

seit 903 in <strong>der</strong> Stadt lebte. Huang entwickelte aus<br />

den Stärken seiner verschiedenen Lehrer einen eigenen<br />

Stil. Er war ein Pionier des jahrhun<strong>der</strong>telang<br />

befolgten mogu hua o<strong>der</strong> »knochenlosen« Malstils<br />

– helle Farben wurden so zart aufgebracht, dass <strong>der</strong><br />

Umriss <strong>der</strong> Pinsellinie verschwand.<br />

Carsten Höller (Belgien, geb. 1961)<br />

Der vor allem für seine verspielten Installationen<br />

wie die Rutsche in <strong>der</strong> Londoner Tate Mo<strong>der</strong>n<br />

bekannte Carsten Höller arbeitete bis 1994 als Entomologe<br />

in <strong>der</strong> Landwirtschaft. Der Sohn deutscher<br />

Eltern, die für die Europäische Kommission arbeiteten,<br />

wuchs in Brüssel auf, studierte und promovierte<br />

an <strong>der</strong> Universität Kiel und wandte sich Ende <strong>der</strong><br />

1980er-Jahre <strong>der</strong> Kunst zu. 2011 brachte er seine<br />

Leidenschaft für <strong>Vögel</strong> in eine Ausstellung am New<br />

Yorker New Museum ein. Er hatte über Jahre <strong>Vögel</strong><br />

aus ganz Europa gesammelt und vom Ei bis ins Alter<br />

fotografiert.<br />

Frank Hurley (Australien, 1885–1962)<br />

Frank Hurley kaufte mit 17 seine erste Kamera. Er<br />

war zu dieser Zeit bereits aus seinem Zuhause in<br />

einer Vorstadt von Sydney ausgerissen, um in einem<br />

Stahlwerk zu arbeiten. Schon bald erwarb er sich<br />

einen Ruf für seine packenden Bil<strong>der</strong>, für die er sich<br />

oft in extreme Gefahr begab. Er unternahm mehrere<br />

Reisen in die Antarktis, u. a. als offizieller Fotograf<br />

von Sir Ernest Shackletons unglücklicher Expedition<br />

von 1914, die bis 1916 dort festsaß. 1917 trat<br />

Hurley <strong>der</strong> Australian Imperial Force bei und fotografierte<br />

die Schlacht von Passchendaele. Er war ein<br />

Pionier <strong>der</strong> Farbfotografie und produzierte später in<br />

seinem Leben viele Dokumentationen.<br />

Ito Jakuchu (Japan, 1716–1800)<br />

Ito Jakuchu, als Jokin bekannt, war ab <strong>der</strong> Mitte <strong>der</strong><br />

Tokugawa-/Edo-Zeit aktiv und gilt als einer <strong>der</strong> führenden<br />

Tiermaler Japans. Berühmt sind seine Vogelund-Blumen-Gemälde,<br />

die buddhistische Szenen<br />

naturalistisch zeigen. Er hielt selbst Geflügel, um<br />

es besser beobachten und naturgetreu darstellen zu<br />

können. Im Alter zog er sich in ein Kloster zurück,<br />

wo er weiter malte.<br />

Martin Johnson Heade (USA, 1819–1904)<br />

Martin Johnson Heade, Sohn eines Ladenbesitzers,<br />

wuchs in Lumberville, Pennsylvania, auf. Er lernte<br />

die Grundlagen <strong>der</strong> Malerei bei Edward Hicks und<br />

schuf 1839 sein erstes bekanntes Gemälde. Sein<br />

Wechsel von <strong>der</strong> Porträt- zur Landschaftsmalerei<br />

war angeregt durch Reisen nach Europa und seine<br />

Freundschaft mit Künstlern <strong>der</strong> Hudson River<br />

School. 1863 wandte er sich den Tropen und <strong>der</strong> dortigen<br />

Fauna und Flora zu. Nach Heirat mit anschließendem<br />

Umzug nach St. Augustine, Florida, malte<br />

er vor allem tropische Blumen, speziell Magnolien,<br />

und die Landschaft Floridas.<br />

Genevieve Jones (USA, 1847–79)<br />

Genevieve Jones, die »an<strong>der</strong>e Audubon«, wuchs in<br />

Circleville, Ohio, auf. 1865 schloss sie mit sehr guten<br />

Ergebnissen die Highschool ab, doch Sorgen, die<br />

durch den Bürgerkrieg verursachten wurden, führten<br />

zu gesundheitlichen Problemen, die sich auch<br />

während <strong>der</strong> »Reconstruction«-Zeit nicht besserten.<br />

Nachdem ihre Eltern und ihr Bru<strong>der</strong> eine unglückliche<br />

Liebesaffäre unterbunden hatten, zog sie sich<br />

noch weiter zurück. 1879 begann sie, die 130 in Ohio<br />

nistenden <strong>Vögel</strong> zu zeichnen, konnte allerdings<br />

nur fünf Bil<strong>der</strong> vollenden, bevor sie an Typhus<br />

erkrankte. Drei Wochen später starb sie im Alter<br />

von 32 Jahren. Ihr Werk wurde von <strong>der</strong> Familie und<br />

einem Freund fortgesetzt.<br />

John Gerrard Keulemans (Holland, 1842–1912)<br />

Schon in jungen Jahren sammelte John Gerrard<br />

Keulemans eifrig Tiere für Museen in Holland. 1864<br />

reiste er im Auftrag des Direktors des Museums<br />

für Naturgeschichte in Leiden nach Westafrika.<br />

Fünf Jahre später zog er nach England, wo er den<br />

Rest seines Lebens verbrachte. Dort illustrierte<br />

er Richard Bowdler Sharpes Family of Kingfishers<br />

(1868–71) und machte eine erfolgreiche Karriere als<br />

Vogelmaler – man geht von 5.000 Illustrationen aus<br />

– für verschiedene Veröffentlichungen, darunter The<br />

Ibis: The International Journal of Avian Science.<br />

341


Frans Lanting (Nie<strong>der</strong>lande, geb. 1951)<br />

Frans Lanting, 2018 Empfänger des ersten Lifetime<br />

Achievement Award des Londoner Natural History<br />

Museum, fotografiert seit mehr als 50 Jahren wilde<br />

Tiere. Er betrieb die Fotografie zunächst als Hobby,<br />

während er Economics an <strong>der</strong> Erasmus-Universität<br />

seiner Heimatstadt Rotterdam studierte. Nachdem<br />

er zum Studium <strong>der</strong> Umweltplanung nach Santa<br />

Cruz, Kalifornien, gezogen war, wo er heute noch<br />

lebt, erkannte er, dass er sein Hobby zum Beruf<br />

machen könnte. Drei Jahrzehnte lang dokumentierte<br />

er die Natur des Planeten. Gemeinsam mit<br />

seiner Frau Chris Eckstrom setzte er mit seinen<br />

Bil<strong>der</strong>n, oft für National Geographic, einen Maßstab<br />

für an<strong>der</strong>e Naturfotografen.<br />

François Levaillant (Suriname, 1753–1824)<br />

In seinen ersten zehn Lebensjahren in Suriname<br />

sammelte François Levaillant eifrig <strong>Vögel</strong> und<br />

Insekten. Nachdem er in Frankreich von <strong>der</strong> Armee<br />

abgelehnt wurde, zog er 1777 nach Paris und handelte<br />

dort mit naturkundlichen Exponaten. Bei einer<br />

Reise an das Kap <strong>der</strong> Guten Hoffnung im Jahr 1780,<br />

als das südliche Afrika noch relativ unbekannt war,<br />

studierte er <strong>Vögel</strong> und Tiere in ihrem natürlichen<br />

Lebensraum. Er kehrte nach Paris mit mehr als<br />

2.000 Exemplaren an <strong>Vögel</strong>n, Tieren, Insekten und<br />

Pflanzen zurück. In den 1790er-Jahren veröffentlichte<br />

er eine Reihe erfolgreicher Bücher über seine<br />

Reisen und die Vogelwelt, <strong>der</strong> er begegnet war.<br />

Edward Lear (Großbritannien, 1812–88)<br />

Als Teenager verdiente <strong>der</strong> englische Künstler,<br />

Illustrator und Autor Edward Lear sein Geld mit<br />

Zeichnungen: Er arbeitete für die Londoner Zoological<br />

Society sowie den Ornithologen John Gould<br />

und schuf Illustrationen <strong>der</strong> Menagerie des Earl<br />

of Derby. 1832 veröffentlichte er Illustrations of the<br />

Family Psittacidae or Parrots mit 42 handkolorierten<br />

Bild tafeln, die seinen bahnbrechenden Einsatz <strong>der</strong><br />

damals neuen Lithografie demonstrierten. Bekannt<br />

wurde Lear in <strong>der</strong> Folge für seine Nonsens-Gedichte<br />

wie »The Owl and the Pussy-Cat« sowie seine<br />

Limericks. Nach 1837 reiste er häufig und lebte im<br />

Ausland, darunter in Griechenland, Ägypten, Syrien<br />

und Indien, bevor er sich schließlich in Italien<br />

nie<strong>der</strong>ließ.<br />

Bruno Liljefors (Schweden, 1860–1939)<br />

Das Zeichentalent von Bruno Liljefors, <strong>der</strong> aus einer<br />

armen Familie in Uppsala stammte, wurde früh<br />

erkannt und die örtlichen Ladenbesitzer versorgten<br />

ihn mit Zeichenmaterial. Er studierte an <strong>der</strong> Kunstakademie<br />

in Stockholm, bevor er von 1882 bis 1883<br />

Europa bereiste. Kurzzeitig unterrichtete er an <strong>der</strong><br />

Kunsthochschule Valand in Göteborg. Von 1917 bis<br />

1932 arbeitete er in seinem Atelier in Österbybruk,<br />

wo er Hasen, Füchse und Adler in einem Gehege<br />

hielt, um sie naturgetreu malen zu können. Zum<br />

Malen zog <strong>der</strong> passionierte Jäger sogar in die Wildnis.<br />

Ustad Mansur (Indien, bl. 1590–1624)<br />

Der oft einfach Mansur (Ustad bedeutet »Meister«)<br />

genannte Ustad Mansur war Hofmaler des Mogul-<br />

Kaisers Jahangir. Berühmt waren seine Gemälde<br />

von <strong>Vögel</strong>n und Tieren, für die <strong>der</strong> Kaiser ihm den<br />

Titel Nadir al-Asr (»Wun<strong>der</strong> des Zeitalters«) verlieh.<br />

Mansur malte oft die Tiere, die am Hof eintrafen,<br />

darunter auch geschenkte <strong>Vögel</strong>. Zusammen mit<br />

an<strong>der</strong>en Hofmalern begleitete er seinen Gönner<br />

häufig auf Reisen, wo er den Auftrag hatte, Pflanzen<br />

und Tiere für die Nachwelt im Bild festzuhalten.<br />

Étienne-Jules Marey (Frankreich, 1830–1904)<br />

Der Physiologe Étienne-Jules Marey hatte breite<br />

wissenschaftliche Interessen. Zu Beginn seiner<br />

Laufbahn studierte er den Blutkreislauf, bevor er<br />

sich mit Kardiologie und Atmung befasste. Er war<br />

auch praktisch veranlagt und wirkte an <strong>der</strong> Erfindung<br />

eines frühen Sphygmographen zum Ermitteln<br />

von Blutdruck und Puls mit. Heute am bekanntesten<br />

sind seine Beitrage zur frühen Kinematografie, in<br />

denen er Bil<strong>der</strong> von <strong>Vögel</strong>n und an<strong>der</strong>en Tieren in<br />

Bewegung aufnahm. Später kombinierte er diese<br />

Bil<strong>der</strong> mit Zeichnungen <strong>der</strong> Muskel- und Skelettsysteme<br />

<strong>der</strong> Tiere, um zu zeigen, wie diese sich<br />

bewegen.<br />

Maria Sibylla Merian (Deutschland, 1647–1717)<br />

Ihr Stiefvater unterrichtete Maria Sibylla Merian in<br />

<strong>der</strong> Blumenmalerei. In Nürnberg veröffentlichte sie<br />

1680 Das Neue Blumenbuch, das als Musterbuch für<br />

Stickerinnen gedacht war; ihm folgte Das Raupenbuch<br />

mit Schmetterlingen und Faltern. Merian zog<br />

später nach Amsterdam, wo ihre Töchter Johanna<br />

Helena und Dorothea Maria ebenfalls als Naturmalerinnen<br />

arbeiteten. 1699 begleitete Dorothea ihre<br />

Mutter nach Suriname. Dort sammelten sie Exemplare<br />

für Metamorphosis Insectorum Surinamensium<br />

(»<strong>Die</strong> Verwandlung <strong>der</strong> Insekten von Suriname«,<br />

1705), ein Werk, das Merians Ruf als bahnbrechende<br />

Insektenforscherin begründete.<br />

Adolphe Millot (Frankreich, 1857–1921)<br />

Der in Paris geborene Adolphe Millot war Mitglied<br />

des berühmten Salon des Artists Français. Seine<br />

exakten Zeichnungen von Gemüsen, Insekten,<br />

Vogeleiern und Blumen finden sich in <strong>der</strong> illustrierten<br />

Enzyklopädie Le Petit Larousse, die 1905 erstmals<br />

erschien. Millot war verantwortlich für die Illustrationen<br />

des naturkundlichen Teils. Der bekannte und<br />

angesehene Lithograf und Entomologe arbeitete als<br />

Illustrator am Musée Nationale d’Histoire Naturelle<br />

in Paris, das 1635 von König Ludwig XIII. als königlicher<br />

Arzneigarten engerichtet worden war.<br />

Jean-Baptiste Oudry (Frankreich, 1686–1755)<br />

Der Maler und Gobelinkünstler des Rokoko gilt als<br />

einer <strong>der</strong> führenden Tiermaler des 18. Jahrhun<strong>der</strong>ts.<br />

Er erlernte die Porträtmalerei bei Nicolas de Largillière<br />

und wurde 1719 Mitglied <strong>der</strong> Académie de<br />

Peinture et de Sculpture. Ab 1720 malte er vor allem<br />

Tiere, Jagdszenen und Landschaften. Oudry war<br />

ein Favorit von König Ludwig XV., <strong>der</strong> sich von ihm<br />

gern die königlichen Hunde am Hof malen ließ. 1734<br />

wurde er zum Direktor <strong>der</strong> Tapisserie-Manufaktur<br />

von Beauvais nördlich von Paris berufen.<br />

Sydney Parkinson (Großbritannien, 1745–71)<br />

Der Schotte Sydney Parkinson war <strong>der</strong> erste britische<br />

Künstler in Australien, wo er heimische Pflanzen,<br />

<strong>Vögel</strong> und Tiere, aber auch indigene Völker<br />

malte. Der Tuchhändlerlehrling erhielt dank seiner<br />

Fähigkeiten als Zeichner eine Position bei Sir Joseph<br />

Banks, einem <strong>der</strong> damals führenden Naturforscher.<br />

Parkinson begleitete Banks 1768 auf <strong>der</strong> ersten<br />

Expedition in den Pazifik auf <strong>der</strong> HMS Endeavour<br />

von Kapitän James Cook, die Tahiti und Neuseeland<br />

sowie Australien erreichte. Unter den schwierigen<br />

Bedingungen an Bord schuf er Hun<strong>der</strong>te von<br />

Zeichnungen <strong>der</strong> gesammelten Exemplare. Er starb<br />

allerdings auf <strong>der</strong> Heimfahrt an <strong>der</strong> Ruhr, sodass<br />

seine Werke von an<strong>der</strong>en für die Veröffentlichung<br />

vorbereitet wurden.<br />

Roger Tory Peterson (USA, 1908–96)<br />

<strong>Die</strong> Naturführer von Roger Tory Peterson lösten<br />

eine Faszination für die Natur aus, in <strong>der</strong>en Folge<br />

die Umweltschutzbewegung <strong>der</strong> USA entstand.<br />

Peterson, in einer Einwan<strong>der</strong>erfamilie in Jamestown,<br />

New York, aufgewachsen, war erst zehn, als<br />

er nach dem frühen Tod seines Vaters begann, in<br />

einer Fabrik zu arbeiten. Später war er als Vertreter<br />

tätig. Sein Interesse an <strong>Vögel</strong>n führte 1925 zur Veröffentlichung<br />

eines ersten Artikels. 1934 brachte er<br />

A Field Guide to the Birds heraus, das erste mo<strong>der</strong>ne<br />

Bestimmungsbuch, dessen 2.000 gedruckte Exemplare<br />

schnell ausverkauft waren. Es enthielt das<br />

innovative Peterson Identification System zum leichten<br />

Identifizieren <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong>. Peterson schuf mehr als<br />

50 Peterson Field Guides für alle möglichen Aspekte<br />

<strong>der</strong> Natur, wie <strong>Vögel</strong>, Pflanzen, Insekten und geografische<br />

Merkmale.<br />

Rathika Ramasamy (Indien, geb. ca. 1975)<br />

Mit einem Abschluss in Informatik und einem<br />

MBA schien Rathika Ramasamy dem traditionellen<br />

Bildungsweg zu folgen, <strong>der</strong> in einer fünfjährigen<br />

Tätigkeit als Programmiererin gipfelte. Nachdem sie<br />

jedoch bei einem Familienpicknick im Januar 2004<br />

<strong>Vögel</strong> im Bharatpur Bird Sanctuary fotografiert<br />

hatte, wechselte sie den Beruf. <strong>Die</strong> Autodidaktin hat<br />

seither dynamische Bil<strong>der</strong> von <strong>Vögel</strong>n in Indiens<br />

Nationalparks sowie in Afrika geschaffen. Als eine<br />

<strong>der</strong> bekanntesten Naturfotografinnen, nicht nur in<br />

Indien (wo sie in Chennai lebt), son<strong>der</strong>n weltweit,<br />

nutzt Ramasamy ihre Fotos, um für den Umweltschutz<br />

zu werben.<br />

Roelandt Savery (Belgien, 1576–1639)<br />

Der flämische Maler und Drucker Roelandt Savery<br />

malte oft felsige Landschaften mit naturgetreuen<br />

Tieren und Figuren – darunter einen damals vermutlich<br />

noch lebenden Dodo – sowie Stillleben von<br />

Blumen, die vom Werk Jan Brueghel des Älteren<br />

beeinflusst sind. Seine Familie wan<strong>der</strong>te 1585<br />

nach Haarlem in den Nie<strong>der</strong>landen aus, um den<br />

religiösen Unruhen zu entgehen. Savery trat 1587<br />

<strong>der</strong> Malergilde bei und zog 1591 mit seinem Bru<strong>der</strong><br />

Jacob nach Amsterdam. In Prag war er Hofmaler bei<br />

Kaiser Rudolf II., kehrte aber schließlich wie<strong>der</strong> in<br />

die Nie<strong>der</strong>lande zurück.<br />

Sir Peter Scott (Großbritannien, 1909–89)<br />

<strong>Die</strong> Karriere von Peter Scott, dem einzigen Kind<br />

des Antarktisforschers Robert Falcon Scott, war<br />

in vielerlei Hinsicht so schillernd wie die seines<br />

Vaters. Der geschickte Maler, vor allem von <strong>Vögel</strong>n,<br />

war Gewinner einer olympischen Medaille, Fernsehmacher,<br />

Naturschützer und Ornithologe. Seine<br />

lebenslange Leidenschaft für <strong>Vögel</strong> führte 1946 zur<br />

Gründung des Severn Wildfowl Trust. Von 1955 bis<br />

1969 lief in <strong>der</strong> BBC seine Naturserie Look, die ihn<br />

in Großbritannien allgemein bekannt machte. 1961<br />

gehörte er zu den Gründungsmitglie<strong>der</strong>n des World<br />

Wildlife Fund (heute: Worldwide Fund for Nature),<br />

<strong>der</strong> weltgrößten Naturschutzorganisation, für die er<br />

das Panda-Logo entwarf.<br />

342


Albertus Seba (Nie<strong>der</strong>lande, 1665–1736)<br />

Der nie<strong>der</strong>ländische Apotheker Albertus Seba, <strong>der</strong><br />

in Deutschland geboren wurde, sein Leben aber in<br />

Amsterdam verbrachte, trug eine berühmte Kuriositätensammlung<br />

zusammen. Anschließend gab er<br />

Illustrationen in Auftrag, die er in einem vierbändigen<br />

Katalog zusammenfasste: Locupletissimi rerum<br />

naturalium thesauri (»Thesaurus <strong>der</strong> Natürlichen<br />

Dinge«, 1734–65). Der Katalog verzeichnete alles,<br />

von <strong>Vögel</strong>n und Schmetterlingen bis zu Schlangen<br />

und Krokodilen, und sogar Fantasiewesen wie<br />

Drachen und eine Hydra. Sebas frühe Forschungen<br />

zu Naturkunde und Taxonomie beeinflussten Carl<br />

von Linné. Seine Sammlung wurde 1752 auf einer<br />

Auktion verkauft. Vieles davon wurde später von<br />

Napoleon konfisziert und in das Naturkundemuseum<br />

in Paris gebracht.<br />

Prideaux John Selby (Großbritannien, 1788–1867)<br />

Mit 13 Jahren hatte Prideaux John Selby bereits<br />

schriftliche und illustrierte Notizen über die<br />

gebräuchlichsten <strong>Vögel</strong> in Northumberland<br />

gemacht. Bemerkenswert an seinen Zeichnungen<br />

war ihre Exaktheit. Nach dem Studium an <strong>der</strong><br />

Universität Oxford kehrte er nach Northumberland<br />

zurück, trat in die lokale Politik ein und diente<br />

1823 als Sheriff <strong>der</strong> Grafschaft. Sein Hauptinteresse<br />

galt jedoch <strong>der</strong> Naturkunde, speziell <strong>der</strong> Ornithologie.<br />

Ab 1821 produzierte er Illustrations of British<br />

Ornithology, das er 1834 abschloss. Er schuf mehr als<br />

200 Bildtafeln. <strong>Die</strong> Vogelmodelle entnahm er seiner<br />

Privatsammlung und er gravierte selbst die Kupferplatten.<br />

Shen Quan (China, 1682–1760)<br />

Shen Quan, <strong>der</strong> entscheidend an <strong>der</strong> Bildung <strong>der</strong><br />

Malschule von Nagasaki in Japan mitwirkte, war<br />

eigentlich Chinese. Geboren in Deqing in <strong>der</strong> Provinz<br />

Zhejiang während <strong>der</strong> Qing-Dynastie, spezialisierte<br />

er sich auf die Vogel-und-Blumen-Malerei. 1731<br />

wurde er offiziell nach Nagasaki eingeladen, wo er<br />

seine japanischen Schüler im traditionellen chinesischen<br />

Stil <strong>der</strong> realistischen Malerei unterrichtete.<br />

Er blieb zwei Jahre in Japan, wo er großen Einfluss<br />

ausübte. Nach seiner Rückkehr nach China wurden<br />

Gemälde in seinem Stil nach Japan importiert.<br />

Shens Einfluss auf die japanische Malerei setzte sich<br />

bis ins späte 19. Jahrhun<strong>der</strong>t fort.<br />

David Allen Sibley (USA, 1961–)<br />

Nachdem er 1980 das College abgebrochen hatte,<br />

begann David Allen Sibley, in Cape May Point,<br />

New Jersey, <strong>Vögel</strong> zu beobachten. Er hatte dies<br />

schon als Kind mit seinem Vater Fred Sibley getan,<br />

<strong>der</strong> Ornithologe an <strong>der</strong> Yale University war. Der<br />

Autodidakt Sibley beschloss, seine eigenen Vogelführer<br />

zu schreiben und zu illustrieren, nachdem<br />

er in den 1980er- und 1990er-Jahren Touren geleitet<br />

hatte und die vorhandenen Naturführer mangelhaft<br />

fand. Seine Sibley-Naturführer wurden schon bald<br />

unerlässlich für jeden Vogelbeobachter. 2002 erhielt<br />

er den Roger Tory Peterson Award für seinen Beitrag<br />

zur Vogel beobachtung. 2006 verlieh ihm die Linnaean<br />

Society of New York die Eisenmann-Medaille.<br />

Frans Sny<strong>der</strong>s (Spanische Nie<strong>der</strong>lande, 1579–1657)<br />

Der flämische Barockmaler Frans Sny<strong>der</strong>s war <strong>der</strong><br />

führende Tiermaler des 17. Jahrhun<strong>der</strong>ts, <strong>der</strong> sich<br />

auf Tier-Stillleben mit Szenen auf dem Markt o<strong>der</strong><br />

in <strong>der</strong> Vorratskammer spezialisierte. Außerdem<br />

malte er Jadgen und kämpfende Tiere. Er studierte<br />

bei Pieter Brueghel dem Jüngeren und reiste 1608<br />

nach Italien, um sich Kunst anzusehen. Nach seiner<br />

Rückkehr nach Antwerpen wurde er Teil <strong>der</strong> lokalen<br />

Kunstwelt, in <strong>der</strong> sich auch Peter Paul Rubens und<br />

Jan Brueghel <strong>der</strong> Ältere bewegten.<br />

Sarah Stone (Großbritannien, 1760–1844)<br />

Mit 21 Jahren wurde die in London geborene Sarah<br />

Stone eingeladen, vier ihrer Gemälde – darunter<br />

eines mit einem Pfau – <strong>der</strong> Royal Academy of Arts<br />

vorzustellen, und das zu einer Zeit, als Frauen von<br />

Ausstellungen ausgeschlossen waren. Sie malte<br />

bereits mit 17 Jahren professionell. <strong>Die</strong> Fertigkeiten<br />

beim Kolorieren hatte sie bei ihrem Vater, einem<br />

Fächermaler, gelernt, das Zeichnen hatte sie sich<br />

selbst beigebracht. Sir Ashton Lever, <strong>der</strong> wollte, das<br />

sie Objekte für sein Naturkundemuseum illustrierte,<br />

darunter Exemplare, die Kapitän James Cook nach<br />

England mitgebracht hatte, war einer ihrer vielen<br />

Auftraggeber. Sie schuf mehr als 1.000 Illustrationen,<br />

unter an<strong>der</strong>em für John Whites A Journal of a<br />

Voyage to New South Wales (1790).<br />

Hiroshi Sugimoto (Japan, geb. 1948)<br />

Das Werk von Hiroshi Sugimoto, <strong>der</strong> in Tokio<br />

geboren wurde und aufgewachsen ist, aber seit 1974<br />

in New York lebt, umfasst Fotografie, Installationen<br />

und Architektur. Er begann 1970 in Tokio ein<br />

Studium <strong>der</strong> Politikwissenschaften und Soziologie,<br />

wechselt dann aber zur Kunst. In seinem ersten<br />

Werk, Dioramas (1976), fotografierte er Exponate im<br />

American Museum of Natural History. 1982, 1994<br />

und 2012 kehrte er für weitere Aufnahmen dorthin<br />

zurück. Seine Fotografien werden ebenso oft ausgestellt<br />

wie seine Architektur – sein Glasteehaus<br />

von 2014 war erstmals auf <strong>der</strong> Biennale von Venedig<br />

zu sehen. 2018 beendete sein Architekturbüro die<br />

Umgestaltung <strong>der</strong> Lobby des Hirschhorn Museum<br />

and Sculpture Garden in Washington, DC.<br />

Charles Fre<strong>der</strong>ick Tunnicliffe (Großbritannien,<br />

1901–79)<br />

Charles Tunnicliffe zeichnete mit Kreide Tiere<br />

an die schwarzen Mauern <strong>der</strong> heimischen Farm-<br />

Gebäude in Cheshire, bevor er 1916 ein Stipendium<br />

für die nahegelegene Macclesfied School of Art and<br />

Design gewann. Ein weiteres Stipendium führte ihn<br />

an das Londoner Royal College of Art. 1923 machte<br />

er eine Ausbildung zum Graveur. Nachdem er 1928<br />

wie<strong>der</strong> in den Norden zurückgekehrt war, arbeitete<br />

er zunächst als Graveur und Illustrator, bevor er<br />

sich ab den 1930er-Jahren auf das Malen von <strong>Vögel</strong>n<br />

konzentrierte. Er illustrierte Bücher für die Royal<br />

Society for the Protection of Birds (RSPB) und die<br />

Ladybird-Kin<strong>der</strong>buchserie, schrieb und illustrierte<br />

aber in seinem Heim auf Anglesey in Nord-Wales,<br />

wo er ab 1947 lebte, auch seine eigenen Bücher.<br />

Alexan<strong>der</strong> Wilson (Großbritannien, 1766–1813)<br />

Der als Grün<strong>der</strong> <strong>der</strong> amerikanischen Ornithologie<br />

bekannte Alexan<strong>der</strong> Wilson verbrachte den ersten<br />

Teil seines Lebens in seiner Heimat Schottland, wo<br />

er als Hausierer und Weber arbeitete, während er<br />

versuchte, Dichter zu werden. Verarmt emigrierte<br />

er 1794 in die USA und ließ sich in Pennsylvania<br />

nie<strong>der</strong>. Da er in Philadelphia keine Arbeit als Weber<br />

fand, wurde er Lehrer. Beeinflusst vom Naturforscher<br />

William Bartram entschied Wilson 1804, eine<br />

Sammlung von Illustrationen aller <strong>Vögel</strong> Nordamerikas<br />

zu veröffentlichen. So entstand das bahnbrechende<br />

American Ornithology. <strong>Die</strong> zwischen 1808<br />

und 1814 erschienenen neun Bände enthalten 26<br />

bisher nirgendwo erwähnte Arten.<br />

Edward Wilson (Großbritannien, 1872–1912)<br />

Der Wissenschaftler und Arzt Edward Wilson war<br />

auch ein talentierter Künstler. Er begleitete Robert<br />

Falcon Scott auf seinen Expeditionen in die Antarktis<br />

1911 und 1912. Wilson war erst 29, als er auf<br />

<strong>der</strong> HMS Discovery zum Südpol aufbrach. Er hatte<br />

1901 eine Tuberkolose überstanden und war erst<br />

drei Wochen vor Beginn <strong>der</strong> Expedition angeheuert<br />

worden. Als Ornithologe <strong>der</strong> Expedition sollte er<br />

die Tiere malen, bevor sie präpariert wurden, um<br />

Details wie die Farbe festzuhalten, die dann verloren<br />

gingen. Auf <strong>der</strong> zweiten Expedition 1912 mit <strong>der</strong><br />

HMS Terra Nova starb Wilson zusammen mit Scott,<br />

als sie sich durch schlechtes Wetter wie<strong>der</strong> zum<br />

Schiff kämpften.<br />

Francis Willughby und John Ray<br />

(Großbritannien, 1635–72 und 1627–1705)<br />

Francis Willughby und sein Tutor John Ray – heute<br />

als »Vater <strong>der</strong> Naturkunde« verehrt – lernten sich<br />

1653 am Trinity College in Cambridge kennen,<br />

wurden Kollegen, lebenslange Freunde und Reisegefährten.<br />

In den 1660er-Jahren bereisten die beiden<br />

Männer Großbritannien und Europa und sammelten<br />

Exemplare, um ein vollständiges Verzeichnis <strong>der</strong><br />

Flora und Fauna des Kontinents anzulegen. Nach<br />

Willughbys frühem Tod 1672 veröffentlichte Ray<br />

die Erkenntnisse seines Freundes. The Ornithology<br />

of Francis Willughby (1676) war eine bahnbrechende<br />

Studie <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> Großbritanniens. <strong>Die</strong> Unterteilung<br />

in Land- und Wasservögel war Teil ihres taxonomischen<br />

Systems, das zur Grundlage <strong>der</strong> heutigen<br />

Klassifikation von Pflanzen und Tieren wurde.<br />

Shaik Zain al-Din (Indien, bl. 1777–83)<br />

Der in Patna geborene muslimische Künstler Shaik<br />

Zain al-Din arbeitete für die britische Oberschicht<br />

in Indien, als dieses zunehmend von <strong>der</strong> Ostindien-Kompanie<br />

kontrolliert wurde. Ausgebildet im<br />

Mogul-Stil und beeinflusst von <strong>der</strong> westlichen Malerei,<br />

kombinierte Zain al-Din seine Illustrationen von<br />

<strong>Vögel</strong>n mit typisch englischen botanischen Hintergründen.<br />

Der Oberste Richter von Bengalen, Sir Elijah<br />

Impey, und seine Frau Mary, beauftragten den<br />

Künstler mit einem Katalog ihrer privaten Menagerie<br />

in Kalkutta, die mehrere Vogelarten enthielt. Mit<br />

Aquarellfarben und Papier aus England schuf Zain<br />

al-Din zwischen 1777 und 1783 mihilfe zweier an<strong>der</strong>er<br />

Künstler die meisten <strong>der</strong> 326 Gemälde.<br />

343


Glossar<br />

Aas Der sich zersetzende Körper eines toten Tieres.<br />

Bezeichnet meist Fleisch als Nahrungsquelle.<br />

Anatomie <strong>Die</strong> physische Struktur eines Organismus<br />

und seiner Bestandteile und die Disziplin, die sich<br />

mit <strong>der</strong>en Studium befasst.<br />

Apotropäisch <strong>Die</strong> Macht, Unheil abzuwehren.<br />

Art Eine Population von Organismen, die einan<strong>der</strong><br />

genetisch ähnlicher sind als Organismen außerhalb<br />

<strong>der</strong> Gruppe. Variationen innerhalb dieser Population<br />

können als Unterart eingeordnet werden. Bei vielen<br />

Wirbeltieren ist die »Art« klassisch als die größte<br />

Population einer Gruppe von Tieren definiert, die in<br />

<strong>der</strong> Lage ist, fruchtbare Nachkommen durch Aufzucht<br />

zu produzieren (das »biologische Artenmodell«),<br />

allerdings ist dies bei <strong>Vögel</strong>n kompliziert, weil es<br />

zwischen »Arten« vielfach Hybride gibt.<br />

Aussterben Das Erlöschen einer Art. Aussterben<br />

kann aus vielen Gründen geschehen, etwa Konkurrenz<br />

durch eine invasive Art o<strong>der</strong> übermäßige Jagd<br />

durch den Menschen.<br />

Avifauna <strong>Die</strong> Vogelarten eines bestimmten Ortes<br />

o<strong>der</strong> einer Region o<strong>der</strong> in einem geologischen Zeitraum.<br />

Beobachtungsstation Ein Bauwerk, von dem aus<br />

man wilde Tiere sehen kann, ohne für die beobachteten<br />

Tiere sichtbar zu sein.<br />

Biodiversität Biologische Vielfalt o<strong>der</strong> die Vielfalt<br />

des Lebens auf <strong>der</strong> Erde, auf allen Ebenen betrachtet.<br />

<strong>Die</strong>s schließt die genetische Vielfalt von Arten, die<br />

Vielfalt <strong>der</strong> Arten selbst und die Vielfalt von Lebensräumen<br />

in einem Ökosystem ein.<br />

Carotinoid Ein orangerotes Pigment vieler Pflanzen,<br />

das bei massenhafter Aufnahme die Farbe von<br />

Fe<strong>der</strong>n o<strong>der</strong> Haut beeinflussen kann.<br />

Chromolithografie Eine farbige Lithografie.<br />

Deckfe<strong>der</strong>n (Tectrices) Eine Fe<strong>der</strong>, die an<strong>der</strong>e<br />

Fe<strong>der</strong>n bedeckt. Deckfe<strong>der</strong>n helfen beim sanften Gleiten<br />

<strong>der</strong> Luft über die Flügel und den Schwanz.<br />

Diorama Ein dreidimensionales Replikat einer Umgebung,<br />

das mit ausgestopften Tiermodellen gefüllt<br />

ist, die für das Umfeld typisch sind; meist in Museen<br />

ausgestellt.<br />

Endemisch Eine heimische Art, die aufgrund von<br />

Faktoren, die ihre Ausbreitung und Migration beschränken,<br />

nur in einer bestimmten Region zu finden<br />

ist.<br />

Exemplar/Probe Ein Beispiel einer Art o<strong>der</strong> eines<br />

Materials, das damit zusammenhängt (z. B. Kot, Spuren,<br />

Fell, DNA usw.), üblicherweise als Referenz für ein<br />

Museum o<strong>der</strong> eine Privatsammlung erworben. »Typ«-<br />

Exemplare (o<strong>der</strong> Holotypen) sind die Exemplare,<br />

anhand <strong>der</strong>er Arten beschrieben und benannt sind.<br />

Falknerei Eine alte Form <strong>der</strong> Jagd, bei <strong>der</strong> Menschen<br />

Raubvögel halten und trainieren, die zur Jagd auf<br />

wilde Tiere eingesetzt werden.<br />

Familie <strong>Die</strong> Ebene <strong>der</strong> taxonomischen Klassifikation<br />

unter <strong>der</strong> Ordnung und über <strong>der</strong> Gattung. <strong>Die</strong> Familie<br />

Strigidae enthält z. B. alle 22 Gattungen <strong>der</strong> Eigentlichen<br />

Eulen.<br />

Fauna Das Tierleben in einem Umfeld, im Gegensatz<br />

zur Flora.<br />

Fe<strong>der</strong> Eine komplexe Menge an Strukturen aus<br />

einem zentralen Schaft (Rachis) und paarigen Fe<strong>der</strong>ästen,<br />

die eine glatte Oberfläche (Fahnen) bilden.<br />

Fe<strong>der</strong>n dienen <strong>der</strong> Thermoregulierung, <strong>der</strong> nonverbalen<br />

Kommunikation (über die Färbung) und dem<br />

Generieren des Auftriebs zum Fliegen. Sie können<br />

asymmetrisch sein und zum Fliegen benutzt werden<br />

(z. B. primäre und sekundäre Fe<strong>der</strong>n), symmetrisch<br />

(z. B. Schwanzfe<strong>der</strong>n) o<strong>der</strong> sehr weich zum Halten <strong>der</strong><br />

Wärme (z. B. Filoplumae und Daunen).<br />

Flora Das Pflanzenleben (manchmal inklusive <strong>der</strong><br />

Pilze und an<strong>der</strong>en nichttierischen Lebensformen) in<br />

einem Umfeld, im Gegensatz zur Fauna.<br />

Flügelspannweite Das Gesamtmaß zwischen den<br />

Spitzen bei<strong>der</strong> ausgestreckter Flügel.<br />

Fossil <strong>Die</strong> Reste verstorbener Organismen in Gestein,<br />

die meist langsam durch geochemische Prozesse<br />

verän<strong>der</strong>t wurden. Fossilien werden im Allgemeinen<br />

aus harten organischen Stoffen wie Knochen gebildet,<br />

aber auch weiche Gewebe wie Kollagen und Fe<strong>der</strong>n<br />

können unter idealen Bedingungen versteinert werden.<br />

Fußabdrücke und Höhlen werden auch als Arten<br />

von Fossilien eingestuft.<br />

Gefährdet Eine Klassifikation <strong>der</strong> International<br />

Union for Conservation of Nature, die anzeigt, dass<br />

eine Art vom Aussterben bedroht ist.<br />

Gefie<strong>der</strong> <strong>Die</strong> Fe<strong>der</strong>n, die einen Vogel insgesamt bedecken.<br />

Das Gefie<strong>der</strong> kann bei einem <strong>der</strong> Geschlechter<br />

unauffälliger sein. Manchmal än<strong>der</strong>t sich seine<br />

Färbung mit den Jahreszeiten.<br />

Gesellig An<strong>der</strong>s als einzelgängerische <strong>Vögel</strong> leben<br />

gesellige <strong>Vögel</strong> in großen Gruppen zusammen, um<br />

sich gegen Räuber zu verteidigen o<strong>der</strong> zu fressen. Bei<br />

manchen Arten, wie den Kaiserpinguinen, dienen die<br />

Gruppen dem Schutz vor den harten Umweltbedingungen.<br />

Insektenfressend Ernährungsweise von Fleischfressern,<br />

bei denen die Nahrung vor allem aus Insekten<br />

besteht.<br />

Kehlsack Ein elastischer Hautlappen zwischen den<br />

beiden Seiten des Unterkiefers eines Vogels, <strong>der</strong><br />

diesen mit <strong>der</strong> Kehle des Vogels verbindet und bei<br />

manchen Arten Nahrung aufnehmen o<strong>der</strong> als Signal<br />

aufgeblasen werden kann.<br />

Keratin Ein Protein, das in Wirbeltieren zu finden<br />

ist und das wichtigste strukturelle Element in den<br />

Fe<strong>der</strong>n, Schnäbeln und Krallen von <strong>Vögel</strong>n.<br />

Klade Eine Gruppe von Organismen, die aus allen<br />

evolutionären Nachkommen eines gemeinsamen Vorfahren<br />

besteht.<br />

Kloake Lateinisch: Abzugskanal; die Öffnung am<br />

Hinterteil von <strong>Vögel</strong>n zum Ausscheiden von Kot und<br />

Urin sowie zum Übertragen von Spermien. Manche<br />

<strong>Vögel</strong>, wie Enten und Schwäne, haben einen Penis<br />

entwickelt, <strong>der</strong> bei <strong>der</strong> Befruchtung zum Einsatz<br />

kommt.<br />

Kö<strong>der</strong> Ein Imitat eines Tiers, das Jäger benutzen, um<br />

an<strong>der</strong>e Tiere anzulocken.<br />

Kolonie Eine Population von Individuen <strong>der</strong>selben<br />

Art, die in enger Nachbarschaft zueinan<strong>der</strong> leben. Bei<br />

<strong>Vögel</strong>n bilden sich Kolonien oft saisonal und helfen<br />

bei <strong>der</strong> Partnerwahl.<br />

Kralle Eine gebogene, sich verjüngende Keratinstruktur<br />

am Ende von Vogelzehen und bei manchen Arten<br />

an den Fingern in den Flügeln.<br />

Küken Ein junger Vogel, <strong>der</strong> üblicherweise <strong>der</strong> Pflege<br />

seiner Eltern bedarf. In den frühen Stadien des<br />

Wachstums sind manche Küken mit Daunenfe<strong>der</strong>n<br />

bedeckt, die helfen, die Körperwärme zu halten.<br />

Lebensraum/Habitat Ein Gebiet, das durch seine<br />

spezielle Umgebung definiert ist, wobei sowohl<br />

lebende als auch nichtlebende Faktoren einbezogen<br />

werden, in denen Organismen leben. Ein Teich ist ein<br />

Beispiel für einen Lebensraum.<br />

Lekking Eine Verhaltensweise mancher Vogel- (und<br />

an<strong>der</strong>er) Arten, bei <strong>der</strong> eine Schar Männchen zur<br />

Werbung um ein Weibchen sich wie<strong>der</strong>holende<br />

Bewegungen in einem begrenzten Raum vollführt;<br />

normalerweise ein nichtaggressiver Wettbewerb.<br />

Lithografie Eine an <strong>der</strong> Wende des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts<br />

entwickelte Drucktechnik, bei <strong>der</strong> ein Bild, das auf<br />

eine flache Oberfläche (anfangs eine Steintafel, daher<br />

<strong>der</strong> Name Lithografie, »Zeichnen auf Stein«) gezeichnet<br />

wurde, auf Papier übertragen wird.<br />

Markierungen Pigmentierung o<strong>der</strong> strukturelle<br />

Färbung an den Fe<strong>der</strong>n und <strong>der</strong> Haut von <strong>Vögel</strong>n.<br />

Farben und Sättigung <strong>der</strong> Markierungen können Hinweise<br />

auf die Gesundheit eines Individuums geben<br />

und bei <strong>der</strong> Identifizierung an<strong>der</strong>er Mitglie<strong>der</strong> einer<br />

Art helfen.<br />

Migration <strong>Die</strong> großräumige Bewegung von Tieren<br />

von einem Gebiet in ein an<strong>der</strong>es, oft jahreszeitlich<br />

auftretend. Zur Migration kann es kommen, wenn<br />

Lebewesen Nahrungsquellen, angenehmeren Temperaturen<br />

o<strong>der</strong> Gelegenheiten zur Paarung folgen.<br />

Monogamie <strong>Die</strong> anhaltende Verbindung zweier <strong>Vögel</strong><br />

nach <strong>der</strong> Paarung, meist verbunden mit <strong>der</strong> gemeinsamen<br />

Pflege <strong>der</strong> Nachkommen über einen bestimmten<br />

Zeitraum. Sie kann saisonal auftreten o<strong>der</strong> für<br />

mehrere Jahre anhalten.<br />

Naturführer Ein Buch zum Bestimmen von Pflanzen,<br />

Tieren o<strong>der</strong> Mineralien an ihren Fundorten.<br />

Detaillierte Beschreibungen werden meist von passenden<br />

Bil<strong>der</strong>n begleitet.<br />

Nicht heimisch Historisch nicht in einem Gebiet zu<br />

finden, kürzlich in ein Ökosystem eingeführt.<br />

344


Zum Weiterlesen<br />

Ökosystem Das System o<strong>der</strong> Netz aus Bewegungen<br />

von Energie und Nahrung zwischen lebenden (biotischen)<br />

Organismen und <strong>der</strong> (abiotischen) Umwelt.<br />

Ordnung Eine Ebene <strong>der</strong> taxonomischen Klassifikation,<br />

hierarchisch unter <strong>der</strong> Klasse und über <strong>der</strong><br />

Familie. Zum Beispiel enthält die Ordnung Strigiformes<br />

zusätzlich zu allen Eigentlichen Eulen die<br />

Schleiereulen.<br />

Phylogenie Ein Diagramm, das eine Hypothese darüber<br />

illustriert, wie Arten miteinan<strong>der</strong> verwandt sind.<br />

Meist ähnelt es einem »Stammbaum«, in dem die Spitzen<br />

<strong>der</strong> Äste einzelne Arten repräsentieren. Phylogenetische<br />

Techniken nutzen Daten wie genetische o<strong>der</strong><br />

morphologische Eigenschaften, um mehrere Arten<br />

mittels hochkomplexer Berechnungen miteinan<strong>der</strong> zu<br />

vergleichen.<br />

Psittacofulvine Eine Gruppe von Pigmenten, die nur<br />

bei Papageien vorkommen und für <strong>der</strong>en Hellorangeund<br />

Rotfärbung verantwortlich ist. Sie werden aus<br />

den Carotinoid-Pigmenten abgeleitet, die in Pflanzen<br />

zu finden sind.<br />

Putzen Eine Aktion, bei <strong>der</strong> <strong>Vögel</strong> ihre Fe<strong>der</strong>n mithilfe<br />

ihrer Schnäbel von Parasiten und an<strong>der</strong>em<br />

Unrat befreien sowie die Bogenstrahlen ihrer Fe<strong>der</strong>n<br />

ausrichten, um ein glattes Profil zum Fliegen zu behalten.<br />

Rasse Eine Population von Tieren innerhalb einer<br />

Art, die selektiv gezüchtet wurde, um bestimmte physische<br />

o<strong>der</strong> Verhaltensmerkmale zu betonen.<br />

Raubvogel Eine Gruppe hypercarnivorer <strong>Vögel</strong>, die<br />

anatomische Eigenschaften wie Reißschnäbel und<br />

scharfes Sehen entwickelt haben, welche es ihnen<br />

erlauben, an<strong>der</strong>e Wirbeltiere zu jagen. Phylogenetisch<br />

gesehen sind Raubvögel keine natürliche Klade, obwohl<br />

<strong>der</strong> Begriff gemeinhin für die nicht miteinan<strong>der</strong><br />

verwandten Gruppen Falconiformes und Accipitriformes<br />

verwendet wird.<br />

Ring Ein kleines und leichtes Band aus Plastik o<strong>der</strong><br />

Metall mit Zahlen o<strong>der</strong> Buchstaben, das am Bein von<br />

Wildvögeln befestigt wird, um Einzeltiere zu identifizieren<br />

und ihre Bewegungen zu verfolgen.<br />

Ruf Eine Vokalisierung, die von einem Tier (bei<br />

<strong>Vögel</strong>n über die Syrinx) erfolgt, um ihre Präsenz zu<br />

zeigen. Damit können Partner angelockt, Rivalen<br />

abgeschreckt o<strong>der</strong> Territorien markiert werden. Vogelrufe<br />

können wie<strong>der</strong>holte Tonmuster enthalten, die<br />

»Lie<strong>der</strong>« erzeugen.<br />

Schillern/Irisieren Erscheinungsform einer Oberfläche,<br />

die mit wechselndem Betrachtungswinkel<br />

die Farbe zu än<strong>der</strong>n scheint. Irisieren wird durch die<br />

Phasenverschiebung und die Brechung des Lichts<br />

verursacht (unter an<strong>der</strong>em), wenn dieses mit <strong>der</strong><br />

Mikrostruktur <strong>der</strong> Fläche interagiert.<br />

Schnabel Ein Paar leichter, knochiger Strukturen,<br />

umhüllt von Keratin, die bei verschiedenen Tieren,<br />

darunter <strong>Vögel</strong>n, zu finden sind. <strong>Die</strong> oberen und<br />

unteren Teile (Kiefer) können auf verschiedene Arten<br />

von Nahrung spezialisiert sein, wie Früchte, Aas o<strong>der</strong><br />

Nüsse, und zahnartige Lamellen am Rand besitzen.<br />

Singvogel Eine Gruppe kleiner, global ganz verschiedener<br />

<strong>Vögel</strong> innerhalb <strong>der</strong> Sperlingsvögel, die in <strong>der</strong><br />

Lage sind, ein Repertoire hochkomplexer, reproduzierbarer<br />

Liedsequenzen zu bilden, um ihre Präsenz<br />

anzuzeigen.<br />

Sitzstange Eine Struktur, die <strong>Vögel</strong> nutzen, um darauf<br />

zu stehen. Aufgrund des nach hinten weisenden<br />

ersten (und bei manchen Arten vierten o<strong>der</strong> zweiten)<br />

Fingers können selbst dünne Strukturen wie Zweige<br />

von Bäumen sicher gegriffen werden.<br />

Sperlingsvogel Alle <strong>Vögel</strong> <strong>der</strong> Ordnung Passeriformes<br />

(aus dem Lateinischen: Sperlingsförmig), was mehr<br />

als die Hälfte aller Vogelarten einschließt.<br />

Stich Eine Technik, bei <strong>der</strong> ein Entwurf mit einem<br />

scharfen Werkzeug, dem Stichel, in eine Oberfläche<br />

wie Stein, Le<strong>der</strong> o<strong>der</strong> Holz geritzt wird. Auch <strong>der</strong><br />

Name für einen Druck, bei dem Tinte von <strong>der</strong> gravierten<br />

Oberfläche auf das Papier übertragen wird.<br />

Syrinx Das Stimmorgan von <strong>Vögel</strong>n. Klang wird<br />

erzeugt, indem Luft durch die Syrinx fließt, wobei<br />

Vibrationen <strong>der</strong> Syrinx-Wände sowie eines knorpeligen<br />

Steges, des Pessulus, in dem Organ erzeugt<br />

werden.<br />

Tanz Ritualistisches Verhalten einiger Vogelarten wie<br />

Kraniche und Paradiesvögel, bei dem eines o<strong>der</strong> beide<br />

Geschlechter aufwendige Bewegungsabfolgen vorführen,<br />

um zur Paarung anzuregen o<strong>der</strong> die Partnerschaft<br />

zu festigen.<br />

Taxi<strong>der</strong>mie <strong>Die</strong> Bewahrung <strong>der</strong> äußeren Hülle eines<br />

Tierkörpers, oft zum Ausstellen in einem Museum.<br />

<strong>Die</strong> präparierten Körper o<strong>der</strong> Bälger können um<br />

einen künstlichen Körper gezogen werden, historisch<br />

um das natürliche Verhalten zu verdeutlichen und<br />

manchmal auch, um sie in anthropomorphe Posen zu<br />

bringen.<br />

Taxonomie Der Zweig <strong>der</strong> Biologie, <strong>der</strong> sich mit <strong>der</strong><br />

Klassifikation, Benennung und Identifizierung von<br />

Organismen befasst.<br />

Verhalten Reaktionen auf Stimuli, die ein Individuum<br />

zeigt. Mitglie<strong>der</strong> einer Art können Verhaltensweisen<br />

teilen, die bewusst o<strong>der</strong> unbewusst sein können.<br />

Voliere Ein Gehege zum Aufbewahren und Ausstellen<br />

gefangener <strong>Vögel</strong>. Normalerweise so groß, dass<br />

die <strong>Vögel</strong> umherfliegen können.<br />

Watvogel Ein Vogel in <strong>der</strong> Ordnung Charadriiformes,<br />

<strong>der</strong> nahe o<strong>der</strong> direkt an Ufern zu finden ist<br />

und seinen langen Schnabel nutzt, um im feuchten<br />

Sand und Schlamm nach wirbellosen Beutetieren zu<br />

suchen. Watvögel haben oft lange, grazile Beine und<br />

weit ausspreizbare Zehen, um das Laufen in solchen<br />

Gebieten zu erleichtern.<br />

Attenborough, David und Fuller, Errol. Drawn<br />

from Paradise: The Natural History, Art and Discovery<br />

of the Birds of Paradise. London: HarperCollins, 2012.<br />

Balmer, Dawn E., et al. Bird Atlas 2007–11: The<br />

Breeding and Wintering Birds of Britain and Ireland.<br />

Thetford: British Trust for Ornithology, 2013.<br />

Birkhead, Tim. Bird Sense. London: Bloomsbury,<br />

2014.<br />

Birkhead, Tim. Ten Thousand Birds. Princeton:<br />

Princeton University Press, 2014.<br />

Brewer, David. Birds New to Science: Fifty Years of<br />

Avian Discoveries. London: Bloomsbury, 2018.<br />

Bugler, Caroline. The Bird in Art. London: Merrell<br />

Publishers, 2021.<br />

Cocker, Mark und Tipling, David. Birds and People.<br />

London: Jonathan Cape, 2008.<br />

Elphick, Jonathan. Birds: The Art of Ornithology.<br />

London: The Natural History Museum, 2017.<br />

Garcia, Joëlle. Birds in Paradise. Paris: L'Ecole<br />

School of Jewellery Arts, 2019.<br />

Hyland, Angus und Wilson, Kendra. The Book of the<br />

Bird: Birds in Art. London: Lawrence King, 2016.<br />

Jackson, Christine E. Dictionary of Bird Artists of the<br />

World. Woodbridge: Antique Collectors Club, 1999.<br />

Le<strong>der</strong>er, Roger J. The Art of the Bird: The History of<br />

Ornithological Art Through Forty Artists. Chicago:<br />

The University of Chicago Press, 2019.<br />

Lindo, David. Tales from Concrete Jungles: Urban<br />

Birding Around the World. London: Bloomsbury, 2015.<br />

Lindo, David. The Urban Bir<strong>der</strong>. London: Bloomsbury,<br />

2018.<br />

Mynott, Jeremy. Birds in the Ancient World. Oxford:<br />

Oxford University Press, 2018.<br />

Singer, Robert T. und Kawai, Masatomo. The Life<br />

of Animals in Japanese Art. Princeton: Princeton<br />

University Press, 2019.<br />

Sung, Hou-Mei. Decoded Messages: The Symbolic<br />

Language of Chinese Animal Painting. New Haven:<br />

Yale University Press, 2009.<br />

van Grouw, Katrina. Unnatural Selection. Princeton:<br />

Princeton University Press, 2018.<br />

van Grouw, Katrina. The Unfeathered Bird. Princeton:<br />

Princeton University Press, 2012.<br />

Walters, Michael. A Concise History of Ornithology.<br />

London: Bloomsbury, 2003.<br />

Wepler, Lisanne. Tierfabeln von Aesop bis Lafontaine<br />

in Gemäldeserien seit 1600. Petersberg: Michael Imhof<br />

Verlag, 2021.<br />

345


Index<br />

Kursive Seitenzahlen beziehen sich auf<br />

Illustrationen<br />

A<br />

Aas 46, 62, 344<br />

Aaskrähe 297, 297<br />

Aberdeen, Bestiarium von 202, 202<br />

Achetaton 277, 277<br />

Adler 6, 50, 86, 86, 118, 152, 189, 189, 212,<br />

214, 242, 242, 266, 297<br />

Gaukler 206<br />

Harpyie 7, 199<br />

Schreiseeadler 185, 251, 270, 270<br />

Steinadler 7, 28, 28, 50, 118, 118, 189, 313,<br />

313<br />

Weißkopfseeadler 7, 119, 119, 153, 188, 188,<br />

189, 233, 245, 245<br />

Adlerköpfiger Geist und Baum 152, 152<br />

Aelst, Willem van, Stillleben mit totem<br />

Geflügel 132, 132<br />

Ägäische Kunst <strong>der</strong> Bronzezeit 44<br />

A.H. Lee & Sons 228<br />

Albatros: Kurzschwanzalbatros 321, 321<br />

Schwarzbrauenalbatros 317, 317<br />

Albers, Josef, Eule (II) 83, 83<br />

Albin, Eleazar und Elizabeth, Der Wiedehopf<br />

160, 160<br />

Aldrin, Edwin »Buzz«, Apollo-11-Emblem<br />

245, 245<br />

Aldrovandi, Ulisse 103<br />

Ornithologiae, hoc est, De avibus historiae<br />

libri XII 28, 28<br />

Alexan<strong>der</strong> III., Zar 89<br />

Alexan<strong>der</strong>sittich 20, 21<br />

Alken, Henry, Madman, a Birchen Cock 195,<br />

195<br />

Allen & Ginter, Birds of the Tropics 20–1, 21<br />

Allfarblori 163, 163<br />

Alton, Eduard d’, <strong>Die</strong> Vergleichende<br />

Osteologie 144, 144<br />

Amerikanische Ureinwohner 6<br />

Amethystohrkolibri 107, 107<br />

Ammer: Azurfink 54, 54<br />

Rosenbrust-Kernknacker 36, 36<br />

Amsel 283, 283, 312, 312<br />

Anahita 59<br />

An<strong>der</strong>sen, Hans Christian 99<br />

Anhänger in Form eines Hahnes 93, 93<br />

Anne, Königin 10<br />

Ap Ma, Volk 257<br />

Aphrodite 51, 170<br />

Apkallu 152, 152<br />

Apollo 296<br />

Apollo-11-Mission 245, 245<br />

Aras 21, 42, 98, 98, 129, 129, 199,<br />

212, 212, 256, 271, 271<br />

Gelbbrustara 11, 11, 70, 70<br />

Grünflügelara 11, 11, 42, 42<br />

Hyazinth-Ara 70, 70<br />

Learara 71, 71<br />

Scharlachara 10, 10, 11, 11, 21, 21,<br />

43, 43, 212<br />

Archaeopteryx siemensii 9, 26, 26<br />

Argus 49<br />

Aristoteles 253<br />

Armstrong, Neil, Apollo-11-Emblem 245, 245<br />

Artemis 51<br />

Arthus-Bertrand, Yann, Rosa Flamingos am<br />

Nakurusee, Kenia 264, 264<br />

Aryballos 320, 320<br />

Ashoona, Mayoreak, Tuulirjuaq (Eistaucher)<br />

165, 165<br />

Äsops Fabeln 7, 17, 17, 88, 98, 98, 227<br />

Asselijn, Jan, Der bedrohte Schwan 7, 97, 97<br />

Assurnasirpal, König 152<br />

Athene 7, 51, 78<br />

Aton 277<br />

Attenborough, Sir David 223<br />

Audubon, John James 9, 54, 129, 215, 285<br />

American Flamingo 177, 177<br />