Überlegungen von Frau Dr. Annette Deschner zu bilingualen

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Überlegungen von Frau Dr. Annette Deschner zu bilingualen

Dr. Annette Deschner, Studienrätin

Friedrich-Wöhler Gymnasium, Singen

Mai 2005

Überlegungen zu einem bilingualen Religionsunterricht an

Gymnasien

Inhaltsübersicht

1. Allgemeine Überlegungen zu einem bilingualen evangelischen

Religionsunterricht

2. Organisatorisches

2.1.Ideen für eine Organisation im Schulalltag

2.2.Unterrichtsmaterialien

3. Lehrplanbezug

4. Beispiele für mögliche Unterrichtsstunden

5. Literaturverzeichnis


1. Allgemeine Überlegungen zu einem bilingualen evangelischen

Religionsunterricht

In dem von dem evangelischen Oberkirchenrat Karlsruhe und Stuttgart unterzeichneten

Schreiben vom 29.6.2004 „Leitlinien für die Beteiligung des Religionsunterrichts an der

Schulentwicklung in Baden-Württemberg“ (vgl. Anlage 1) wird die Mitarbeit des

Faches Religion an der Schulentwicklung ausdrücklich gewünscht. Es wäre also

denkbar von Seiten des Religionsunterrichts nicht nur im Rahmen der neuen

Bildungspläne am Schulprofil mitzuarbeiten, sondern auch einen Beitrag zum Profil

bilingualer Gymnasien zu leisten.

An Gymnasien werden zur Zeit hauptsächlich die Fächer Erdkunde, Biologie, Physik,

Geschichte, Gemeinschaftskunde und vor allem in Rheinland-Pfalz auch Sport bilingual

unterrichtet. Der bilinguale Unterricht hat aufgrund seines derzeitigen Fächerkanons

neben seiner gesellschaftswissenschaftlichen Ausrichtung eine sehr starke

naturwissenschaftliche Komponente. Mit dem zusätzlichen Angebot eines bilingualen

Religionsunterrichts ist es möglich den derzeitigen bilingualen Fächerkanon um ein

gesellschaftswissenschaftliches Fach zu erweitern. In Österreich gibt es bereits

bilingualen katholischen Religionsunterricht. Im Internet gibt es zum bilingualen

evangelischen Religionsunterricht in Deutschland Foren (z.B. über die Seite von NRW

learnline zu finden), die das bestehende Interesse an einem bilingualen evangelischen

Religionsunterricht zeigen. Im 3. Jahrgang 2004 Heft 1 „Religiöse Grundbildung-

Fortsetzung der Diskussion“ auf www.theo-web.de veröffentlichte Manfred Pirner den

Aufsatz „Bilingualer Religionsunterricht“.

Im Rahmen der methodisch-didaktischen Fragestellungen muss auch darüber

nachgedacht werden, ob und inwiefern der Religionsunterricht als bilinguales

Unterrichtsfach geeignet ist. Wenn berücksichtigt wird, dass das anfängliche Ziel des

bilingualen Unterrichts die Friedenserhaltung und die Völkerverständigung waren

(Kronenberg 1993, 114.), ist es nur eine konsequente Weiterführung, dieses politische

Anliegen im Religionsunterricht mit dem ökumenischen Gedanken in Verbindung zu

bringen. Vielleicht liegt hier geradezu die Chance für einen Religionsunterricht in einem

säkularisierten Europa. In dem oben erwähnten Schreiben des Oberkirchenrates wird

Religionsunterricht als gleichberechtigtes Fach bezeichnet. Im evangelischen

Religionsunterricht werden gesellschaftspolitische und ethische Fragestellungen

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diskutiert. Gerade Themen aus dem Bereich der Bioethik können einen Brückenschlag

zwischen naturwissenschaftlichen Fächern und dem Fach Religion leisten und

interdisziplinäres Denken und Arbeiten fördern.

In einem bilingualen Religionsunterricht sollen nicht nur z.B. ethische Fachtermini und

Faktenwissen vermittelt werden. Vielmehr wird hier die Möglichkeit geboten, in der

Diskussion über ethische Fragestellungen Wissen aus den Fächern Biologie,

Geschichte/ Gemeinschaftskunde und Erkunde zu vernetzen und auf einer weiteren

Ebene zu reflektieren. Durch einen bilingualen Religionsunterricht können sprachlich

begabte bzw. interessierte Lernende, die vielleicht schwerer Zugang zu

naturwissenschaftlichen Fächern, die bilingual unterrichtet werden, finden, zusätzlich

von einem bilingualen Schulprofil profitieren.

Neben einer Erweiterung des Vokabulars und einer Verbesserung der vier skills

(reading, writing, listening, speaking) kann auch der englische Literaturunterricht von

einem bilingualen Religionsunterricht profitieren, da die Lernenden Anspielungen auf

Bibelstellen leichter erkennen können. Der bilinguale Religionsunterricht kann jedoch

nicht nur eine Unterstützung des regulären Fremdsprachenunterrichts bewirken, sondern

den Schülerinnen und Schülern auch helfen sich in einer globalisierten Welt

zurechtzufinden. Hierfür sind nämlich nicht nur Fächer aus einem

naturwissenschaftlich-ökonomischen Bereich wichtig, sondern auch Fächer wie

Religion, in denen gesellschaftliche Weltzusammenhänge diskutiert werden (Breidbach

2008, 179ff.). Dieses Bewusstsein kann in der 10. Klasse z.B. bei der Lehrplaneinheit

„Frieden und Gerechtigkeit: Leben und Teilen in der Einen Welt“ geschaffen werden.

Der Religionsunterricht liefert auch Informationen über Weltreligionen und andere

kulturelle Systeme, die für die Orientierung in einem globalisierten Gesellschaftssystem

unerlässlich sind.

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2. Organisatorisches

2.1. Ideen für die Umsetzung im Schulalltag

Ein bilingualer Religionsunterricht ist m.E. ab der 6. Klasse bzw. nach der Einführung

der Vergangenheitsformen möglich. Hier sind Lehrplaneinheiten wie „Erzählungen im

Alten Testament“, „der Festkalender“, „Gleichnisse“ oder „Fremde brauchen Schutz“

denkbar. In der Fachdidaktik des Religionsunterrichts sind Rollenspiele und das

Arbeiten mit Texten (nacherzählen, visualisieren) zentral, was dafür spricht einen

bilingualen Religionsunterricht bzw. bilinguale Inseln ab Klasse 6 in Erwägung zu

ziehen.

Als Dokumentation der Teilnahme an einem bilingualen Religionsunterricht wäre ein

Vermerk im Zeugnis denkbar.

Im Schuljahr 2003/4 führte ich bilinguale Projekte über je eine Unterrichtseinheit in den

Klassenstufen 10 und 11 durch. In diesem Jahr (2004/5) unterrichte ich bilinguale Inseln

in einer hauptsächlich bilingualen Lerngruppe der Klassenstufe 6 sowie ganzjährig

bilingual eine Lerngruppe der Klassenstufe 10. Die Lerngruppe bestand bei den

genannten bilingualen Projekten nicht nur aus bilingualen Schülerinnen und Schülern.

Ein großes Interesse besteht auch bei nicht-bilingualen Schülerinnen und Schülern und

deren Eltern. Die Schülerinnen und Schüler aus der 10b/c, die ich dieses Schuljahr in

evangelischer Religion unterrichte, bilden eine sehr diskussionsfreudige Lerngruppe mit

einem sehr hohen Niveau und einem großen Interesse an theologischen

Fragestellungen. Sowohl Schülerinnen und Schüler wie auch ihre Eltern unterstützen

den bilingualen Religionsunterricht, indem sie z.B. englische Bibelübersetzungen für

den Unterricht bereitstellen.

Die Akzeptanz eines bilingualen Religionsunterrichts ist bei den Lernenden und den

Eltern sehr hoch. Gerade in der Unterstufe überträgt sich der spielerische Umgang mit

der Sprache aus dem Fremdsprachenunterricht auf das Fach Religion und fördert einen

kreativen Umgang mit Texten. So können die religiösen Inhalte in zeitgemäßer Form

neu formuliert werden. In höheren Klassen habe ich die Erfahrung gemacht, dass das

Reden über religiöse Inhalte aufgebrochen und neu durchdacht wird. So können von den

Schülerinnen und Schülern viele Schlagwörter und Gemeinplätze nicht einfach in die

andere Sprache übertragen werden und werden dadurch neu reflektiert. So können sich

die Lernenden von unangemessenen und klischeehaften Vorstellungen, die in der

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Alltagssprache verwurzelt sind, befreien. Die Aneignung einer religiösen

Ausdrucksfähigkeit wir dadurch erleichtert. Religiöse Inhalte, die dem modernen

Bewusstsein fremd geworden sind, können auf diese Weise neuentdeckt werden.

Die hier genannten Beispiele sind nur erste Beobachtungen und Eindrücke, die nicht als

abgeschlossene Analyse verstanden werden sollen, sondern als Anregungen und

Denkanstöße.

2.2. Unterrichtsmaterialien

Da zur Zeit noch keine Materialien für einen bilingualen Religionsunterricht an

deutschen Schulen vorhanden sind, beziehe ich Ideen und Materialen für den Unterricht

aus Materialbörsen im Internet und Schulbüchern für Großbritannien. Während an

britischen Schulen RE (religious education) unterrichtet wird, ähnelt das in den USA

angebotene Fach Character Building dem Fach Ethik.

Quellen für Unterrichtsmaterialien:

-www.damaris.org

-www.retoday.org.uk

-www.reep.org

-www.teachervision.fen.com

-www.natsoc.org.uk

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3. Lehrplanbezug

Meines Erachtens sind alle Lehrplaneinheiten von Klasse 10 für den bilingualen

Religionsunterricht geeignet. Für den bilingualen Unterricht im Schuljahr 2005/6 habe

ich folgende Themen ausgewählt:

Wahlthemen:

- LPE 10.5.2 „Wenn jemand eine Reise tut...“

- LPE 10.10 Aus der Welt der asiatischen Religionen

- LPE 10.6 Christen gegen Rassismus

Pflichtthemen:

- LPE 10.3 Stärker als der Tod

- LPE 10.7 Frieden und Gerechtigkeit: Leben und Teilen in der Einen Welt

- LPE 10.9 Nach Auschwitz: Juden und Christen

Bei dem Pflichtthema „Nach Auschwitz: Juden und Christen“ ist zu diskutieren, ob dies

ein geeignetes Thema für einen bilingualen Religionsunterricht ist. Dagegen könnte

eingewandt werden, dass es sich hier um ein Thema aus der deutschen Geschichte

handelt und somit auf deutsch unterrichtet werden sollte, allerdings widerspricht dieses

Argument der bilingualen Methode, bei der nicht nur Themen aus dem

englischsprachigen Raum behandelt werden. Außerdem sollen doch die Lernenden

gerade in dieser Unterrichtseinheit dazu befähigt werden, in ein internationales

Gespräch über die deutsche Vergangenheit zu treten und nicht sprachlos die

Vergangenheit zu vergessen. Außerdem kommen viele Impulse zu der

Holocaustforschung aus dem englischsprachigen Ausland. Da in anderen Fächern wie

Deutsch und Geschichte ebenfalls die Zeit des Nationalsozialismus in der 10. Klasse

unterrichtet wird, wäre ein Kompromiss denkbar, bei dem Inhalte wie z.B. die Position

der evangelischen Kirche im 3. Reich mit den entsprechenden Quellentexten auf

deutsch unterrichtet werden, während die folgenden Inhalte auf englisch unterrichtet

werden können: das Gespräch zwischen Juden und Christen heute; Juden unter uns

heute, Juden in Israel; die NS-Judenpolitik bis zur systematischen Massenvernichtung;

Zeugnisse jüdischer Kultur und Judenverfolgung seit der Römerzeit; das Schweigen der

Christen, wenige, die halfen und nicht schwiegen; neonazistische antisemitische

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Aktionen in der Gegenwart. Bei dem Thema Widerstand könnte man sich einen

fächerübergreifenden Unterricht mit dem Fach Englisch vorstellen, wenn z.B. die

Lektüre „Schindler´s list“ gelesen wird. Der Unterpunkt „neonazistische antisemitische

Aktionen heute“ kann am Beispiel der `white power Bewegung´ besprochen werden

und zu dem Wahlthema „Christen gegen Rassismus“ überleiten.

4. Beispiele für mögliche Unterrichtsstunden

Im Folgenden habe ich zur Veranschaulichung Beispiele für Unterrichtsstunden und

Unterrichtsmaterialien zusammengestellt und den Inhalten der Lehrplaneinheiten

zugeordnet. Soweit es sich um Kopien aus Lehrbüchern handelt, finden sich diese im

Literaturverzeichnis.

4.1. „Wenn jemand eine Reise tut ...“

Die Punkte in der rechten Spalte sind entnommen aus: Orchard, Janet (2001):Raising

the Standard, Flying the Flag. London.

Lehrplaninhalte und Hinweise Entsprechungen in britischen

- Das Leben als Reise? – Wallfahrten

- Zerstört Tourismus, das, was er liebt?

(soziologische, psychologische,

ökonomische und ökologische

Gesichtspunkte)

Materialien

- Where do people go on pilgrimage?

What is a pilgrimage? How can I describe

a pilgrimage?

- How is pilgrimage different from

tourism?

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- Reisesituationen als Lebenssituationen

z.B. „Lebensgefährte“, „Irrweg“, „auf die

schiefe Bahn geraten“

- Reiseweg Himmel?

- eigene Reiseerfahrungen und

Reisewünsche

- Reiseweg Jerusalem, Himmel, Jenseits?

- John Bunyan´s life journey (What

happened in his life? How did he develop

the image of the journey of life in The

Pilgrim´s Progress? What happens to

Christian in this story? Which pilgrims

make it to heaven?

- The Pilgrim´s Progress as allegory (What

is an allegory? Why is the Pilgrim´s

Progress an allegory? What might the

hidden message of this story be? How can

we find our own examples of Bunyan´s

ideas in modern life?)

- Our own life journeys (What does our

own life map look like? How coud we

develop our own allegory/ metaphors?)

- Where are we going next? Is there a life

after death? Will we return to this life or

go on to another one?

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5. Literaturverzeichnis

Breidbach, Stephan (2008): Bilinguale Didaktik - Noch immer zwischen allen Stühlen?

Zum Verhältnis von Fremdsprachendidaktik und Sachfachdidaktiken. In: Gerhard Bach

und Susanne Niemeier (Hrsg.) (2008): Bilingualer Unterricht: Grundlagen, Methoden,

Praxis, Perspektiven, Frankfurt am Main: Peter Lang, 173-183.

Kromer, Sarah (2002): India. Hinführung zum bilingualen Unterricht im Fach Erdkunde

in der Klassenstufe 8. Pädagogische Arbeit. Seminar Rottweil.

Kronenberg, W. (1993): Lieber bilingual nach Europa als sprachlos in die Zukunft. In:

Die Neueren Sprachen 1-2, 113-150.

Orchard, Janet (2001): Raising the Standard, Flying the Flag. London.

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