und Leseprobe (PDF) - Vandenhoeck & Ruprecht

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und Leseprobe (PDF) - Vandenhoeck & Ruprecht

Ingeborg Volger

Martin Merbach

Die Beziehung

verbessern

Beratung von Paaren,

die unter ihrer Kommunikation leiden

täglich leben


Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

V

© 2010 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen

ISBN Print: 978-3-525-67003-3


Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

Täglich leben – Beratung und Seelsorge

In Verbindung mit der EKFuL

herausgegeben von Rüdiger Haar

© 2010 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen

ISBN Print: 978-3-525-67003-3


Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

Ingeborg Volger / Martin Merbach

Die Beziehung verbessern

Beratung von Paaren, die unter ihrer

Kommunikation leiden

Vandenhoeck & Ruprecht

© 2010 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen

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Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

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im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-525-67003-3

© 2010, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen /

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Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

Druck und Bindung: e Hubert & Co, Göttingen

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Inhalt

Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

1. Grundbausteine der Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . 13

1.1 »Wie konnte das geschehen?«:

Entgleiste Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

1.2 Kommunikation als Widerspiegelung

des Innen im Außen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15

1.3 Gefühle als Bausteine der Kommunikation . . . . . . 17

1.4 Gefühle als Kompass für Beziehungsverstehen . . 18

1.5 Beziehungsverstehen als Ausdruck

von Mentalisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21

1.6 Äußere Prozesse als Auslöser für innere Dramen 23

1.7 Kommunikation als Austausch

von Informationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26

2. Dynamik von Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

2.1 Partnerwahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

2.1.1 Partnerwahl und Übertragung . . . . . . . . . . . 29

2.1.2 Partnerwahl als psychosoziales

Arrangement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

2.2 Entwicklungen in Partnerschaften . . . . . . . . . . . . . 33

2.3 Schwellensituationen in Partnerschaften . . . . . . . . 36

2.4 Merkmale funktionaler Partnerschaften . . . . . . . . 39

2.4.1 Abgrenzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

2.4.2 Polaritäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

2.4.3 Gleichwertigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42

2.5 Grundthemen von Partnerschaften . . . . . . . . . . . . 42

2.5.1 Vertrauen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43

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Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

6 Inhalt

2.5.2 Anerkennung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44

2.5.3 Geben und Nehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45

2.5.4 Macht und Ohnmacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46

2.5.5 Aktivität und Rezeptiv . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

2.6 Fallbeispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

3. Beratungsbeziehung gestalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53

3.1 Beziehung des Paares verstehen . . . . . . . . . . . . . . . 53

3.2 Gemeinsames Thema finden . . . . . . . . . . . . . . . . . 55

3.3 Widerstandsphänomene begreifen . . . . . . . . . . . . . 59

3.3.1 Dynamik von Widerständen . . . . . . . . . . . . . 60

3.3.2 Äußerung von Widerständen . . . . . . . . . . . . 60

3.3.3 Widerstand und Angst . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63

3.3.4 Widerstände des Beraters . . . . . . . . . . . . . . . 64

3.3.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68

3.4 Settingfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69

3.5 Beraterin oder Berater? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72

3.6 Der Seelsorger als Berater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73

4. Gesprächsprozesse steuern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79

4.1 Interventionsebenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80

4.1.1 Interventionen auf der Ebene

der Paardynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80

4.1.2 Interventionen auf der Ebene

des Einzelnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81

4.1.3 Interventionen auf der Ebene

der Beratungsbeziehung . . . . . . . . . . . . . . . . 82

4.2 Interventionsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

4.2.1 Problemsondierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

4.2.2 Konfrontation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

4.2.3 Kommunikationsübungen . . . . . . . . . . . . . . . 84

4.2.4 Beziehungsübungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85

4.3 Beratungsziele formulieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85

4.3.1 Was kann verändert werden . . . . . . . . . . . . . 85

4.3.2 Was kann verstanden werden . . . . . . . . . . . . 87

4.3.3 Was kann angenommen werden . . . . . . . . . 88

4.3.4 Was muss betrauert werden . . . . . . . . . . . . . 89

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Inhalt 7

4.3.5 Was muss verziehen werden . . . . . . . . . . . . . 90

5. Gefangenheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91

5.1 Gefangen im Streit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91

5.2 Gefangen in der Sexualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94

5.3 Gefangen in Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98

6. Praxisbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

6.1 »Wir sind so unterschiedlich in unseren Werten …«

Beispiel eines seelsorgerlich-beraterischen

Paargesprächs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

6.1.1 Anmeldung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104

6.1.2 Erster Kontakt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105

6.1.3 Gesprächsbeginn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106

6.1.4 Weiteres Gespräch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108

6.1.5 Gesprächsende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113

6.2 »Ich liebe Dich doch, aber …« – Beispiel eines

Paarberatungsprozesses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114

6.2.1 Vor der Beratung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

6.2.2 Erstgespräch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117

6.2.3 Weiterer Beratungsverlauf . . . . . . . . . . . . . . . 128

6.2.4 Beratungsende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

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Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

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Vorwort

Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

Paargespräche erfordern eine besondere methodische Kompetenz

und führen oft zu Verunsicherungen in Beratern und

Beraterinnen, Seelsorgern und Seelsorgerinnen oder Therapeuten

und Therapeutinnen. Wie kann ich beiden Partnern

gerecht werden? Was mache ich, wenn sich beide streiten?

Oder wie unterbreche ich den einen Partner, damit der andere

Partner auch mal zu Wort kommt? Diese und ähnliche Fragen

bewegen uns immer wieder in Paargesprächen. Da in den

meisten beraterischen, seelsorgerlichen oder therapeutischen

Aus- und Weiterbildungen das Erlernen von Fertigkeiten im

Führen von Paargesprächen eine untergeordnete Rolle spielt,

sind Berater oft nur ungenügend auf die Begegnung mit Paaren

vorbereitet.

In diesem Kontext liefert das vorliegende Buch einen

kompakten Einstieg in die Thematik. Dabei stellen wir den

Ansatz des Evangelischen Zentralinstituts für Familienberatung

Berlin (EZI) vor, der in den letzten 40 Jahren entwickelt

und vielfältig erprobt wurde und in Fortbildungen zum

Paarberaterin/Paarberater seine Anwendung fand und findet.

Das Ziel von Paargesprächen besteht unseres Erachtens nach

darin, mit beiden Partnern ein Verständnis über ihre Beziehungsdynamik

zu erarbeiten. Das gelingt erst, indem der Berater

oder die Beraterin die Dynamik des Paares versteht und

dem Paar zurückspiegelt. Erst durch dieses gemeinsame und

prozesshafte Verstehen ist dauerhafte Veränderung möglich.

Dadurch unterscheidet sich das hier vorgestellte Konzept von

lösungs- oder verhaltensorientierten Ansätzen.

Unser Buch richtet sich in den ersten und letzten beiden

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Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

10 Vorwort

Kapiteln an alle, die Paargespräche führen, unabhängig davon,

ob sie Berater und Beraterinnen, Seelsorger und Seelsorgerinnen

oder Therapeuten und Therapeutinnen sind. Unseres

Erachtens nach entwickeln sich in allen Paargesprächen

ähnliche Prozesse, die in dem Buch grundlegend dargestellt

sind. Die hier aufgeführten Berufsgruppen unterscheiden sich

allerdings in ihrem Rollenverständnis außerhalb der geführten

Gespräche, was aber wiederum Auswirkungen auf diese

Gespräche hat. So sind Berater und Therapeuten eher Außenstehende

und begegnen dem Paar meist nur in dem Raum, in

dem das Paargespräch stattfindet, während Seelsorger Paare

auch aus anderen Kontexten kennen können. Somit differieren

die Berufsgruppen möglicherweise in ihrer Direktivität

oder ihrer Zielsetzung. In ihren Paargesprächen durchlaufen

sie aber einen ähnlichen Prozess mit einer vergleichbaren Dynamik.

Für längere Gesprächsprozesse mit Paaren, Paarberatungen

oder Paartherapien bedarf es unseres Erachtens nach einer

bestimmten beraterischen Haltung und eines Settings, das

vor allem durch Neutralität gekennzeichnet ist. Dieses kann

ein Seelsorger, der auch als Gemeindpfarrer tätig ist, oft nicht

leisten. Daher sind Teile des dritten Kapitels und Kapitel vier

vorwiegend an Berater adressiert.

Aufgrund der unterschiedlichen Berufsgruppen, die in

unterschiedlichen Kontexten Paargespräche führen, ist die

differenzierte Bezeichnung aller dieser Gruppen manchmal

unübersichtlich. Nachfolgend haben wir deshalb den Begriff

Berater gewählt. In seiner männlichen Form scheint er mit

Blick auf das Rollenverständnis der neutralste, mit Blick auf

die Verstehbarkeit des Textes der am besten lesbare zu sein.

Wir hoffen, dass sich die anderen Leser mit diesem Begriff

ebenfalls identifizieren können.

An dieser Stelle möchten wir unseren Kolleginnen Sabine

Hufendiek und Annelene Meyer sowie unserem Kollegen

Achim Haid-Loh danken, die in den letzten Jahren dieses

Konzept der Paarberatung maßgeblich mit- und weiterentwickelt

haben.

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Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

Vorwort 11

Nun hoffen wir, Ihnen mit diesem Buch eine Einführung

in und neue Perspektiven über das spannende Feld der Paargespräche

zu geben.

Berlin, am 23. Mai 2010

Ingeborg Volger und Martin Merbach

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Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

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Ingeborg Volger / Martin Merbach, Die Beziehung verbessern

1. Grundbausteine der Kommunikation

1.1 »Wie konnte das geschehen?«:

Entgleiste Kommunikation

Ein Paar, Ende 30, kommt zur Beratung, weil es sich in einer

Krise befindet, nachdem die Frau ein Verhältnis zu einem gemeinsamen

Freund eingegangen war. Frau A steht unter erheblichem

Druck, ist sichtlich aufgeregt und eröffnet die Stunde mit

der Bemerkung: »Ich bin das Problem.« Sie seien seit 13 Jahren

verheiratet, kennen sich aus der Schule und hätten insgesamt

eine gute Ehe geführt. Vor einem Jahr habe sie eine Affäre begonnen

»und bin von meinem Mann erwischt worden.« Sie sei

selbst tief bestürzt über ihren Fehltritt und wolle nun alles tun,

um ihre Beziehung zu erhalten. Gleichsam als Unterstützung

ihrer Bereitschaft, sich intensiv um die Verbesserung ihrer Beziehung

zu bemühen beschreibt Frau A, wie stark sie sich seit

Beginn ihrer Beziehung um ihn gekümmert und geworben

habe, sie habe darauf gedrängt zusammenzuziehen, und habe

ihn schließlich auch zu einer Heirat bewegen können. Inzwischen

habe sie allerdings oft den Eindruck, sie habe ihn zwar geheiratet,

sei sich aber zunehmend unsicher, wie er zu ihr stehe.

»Liebst du mich eigentlich?« Herr A ist über diese Frage sehr erstaunt,

er habe gedacht, dies werde aus der Art und Weise, wie

er sich ihr gegenüber verhalte deutlich. Er werde allerdings mit

dem Vertrauensmissbrauch seiner Frau nicht fertig, er sei tief

erschüttert, erkennen zu müssen, dass »meine Frau Seiten hat,

die ich nicht erwartet hätte. Das sollte mir nicht passieren, dass

ich eine Partnerin habe, die mich betrügt.« Außerdem handele

es sich um seinen besten Freund, dem er ebenfalls vertraut

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14 Grundbausteine der Kommunikation

habe, um nun erleben zu müssen, dass auch in diesem Falle

Misstrauen angebracht gewesen wäre. Die Tatsache, dass diese

Beziehung über ein halbes Jahr hinter seinem Rücken lief und

er die beiden im ehelichen Schlafzimmer »erwischt« habe, sei

für ihn ein Anzeichen dafür, dass alles, was ihm bislang wichtig

war, fraglich geworden sei.

Herr A wirkt abwartend und distanziert, dabei sehr logisch

und sachlich argumentierend. In seiner Erzählung formuliert

er immer wieder normative Forderungen, die den Eindruck

eines hilflosen Protestes machen, als wolle er ausdrücken, so

dürfe die Welt nicht sein. Der Kontakt zu ihm ist eher kühl, er

wirkt distanziert und abweisend und vermittelt immer wieder

Zweifel darüber, inwieweit Gespräche bei der Überwindung

einer Ehekrise behilflich sein können, die durch eindeutige

Fakten provoziert worden sei. Er zumindest könne sich das

nicht vorstellen, sei aber für entsprechende Vorschläge offen.

Frau A hingegen ist sehr bewegt, sie weint viel und hinterlässt

den Eindruck eines kleinen Mädchens, das getröstet werden

möchte. Im Gegensatz zu ihm, der betont unabhängig und

abweisend auftritt, wirkt sie hilflos und sehr von ihm abhängig.

Seiner Skepsis setzt sie die Hoffnung entgegen und ist bemüht,

Optimismus zu verbreiten, da sie glaubt, dass ein intensiverer

Austausch zwischen ihnen die Krise beheben könne.

Dieses Paar ist in eine schwere Krise geraten, in der beide

Partner von heftigen Gefühlen erfasst worden sind. Erschütterung

und Verletzung, tiefes Misstrauen, heftige Angst

verlassen zu werden und eine verstörende Unsicherheit bezüglich

der Liebe des Partners sind plötzlich virulent in einer

Beziehung, die beide Partner ein halbes Jahr früher eventuell

als insgesamt zufrieden stellend bezeichnet hätten. Diese Gefühle

vermitteln sich die Partner einerseits über Sprache, eindrücklicher

allerdings wirken die nichtverbalen Mitteilungen,

in denen Angst, Resignation, zurückgehaltener Ärger, Enttäuschung

und vieles mehr zum Ausdruck gebracht werden.

Auch wenn dieses Paar seit Bekanntwerden der Außenbeziehung

kaum noch miteinander gesprochen hat, so befindet es

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Kommunikation als Widerspiegelung des Innen im Außen 15

sich doch in einem permanenten Kommunikationsprozess,

in dem es sich gegenseitig mit seinem Schweigen seine innere

Verfassung mitteilt. Zwar stellen sich Gefühle spontan

ein und werden nicht willkürlich produziert, doch sind sie

nicht voraussetzungslos, sondern werden durch Gedanken

und Vorstellungen mitbestimmt. Art und Beschaffenheit der

Vorstellung, die jeder sich vom Wesen und dem Charakter

seines Partners macht, nehmen entscheidenden Einfluss auf

die ausgelösten Gefühle. In der bitteren Äußerung: »Das hätte

ich nicht von dir gedacht« oder der bangen Frage »Liebst Du

mich eigentlich noch?« thematisieren beide die Erschütterung,

die das Bild vom anderen durch die Krise erfahren hat

und die Verstörung angesichts eines bisher nicht für denkbar

gehaltenen Wesenszuges des Partners. Diese kognitiven Modelle

oder Mentalisierungen sind zentrale Bausteine unserer

Gefühlswelt, die unser Bild von uns selbst, vom Partner und

in der Folge unsere Kommunikation beeinflussen. Einige

grundlegende Überlegungen über die Bedeutung von Gefühlen

und Mentalisierungsprozessen sollen deren zentrale

Funktion und Verschränkung in der Kommunikation von

Paaren beleuchten.

1.2 Kommunikation als Widerspiegelung

des Innen im Außen

Die zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen wir aufwachsen,

prägen die Persönlichkeit des Menschen. Was wir

in diesen Beziehungen erfahren, bildet unser inneres Bild

von der Struktur und dem Wesen von Beziehungen. Hier

lernen wir, ob wir uns auf andere verlassen können oder ob

es sicherer ist, lieber in einer gewissen abwartenden Distanz

zu bleiben und unserer eigenen Kontrolle mehr zu vertrauen

als unserem Gegenüber. Zwar sind wir potentiell neugierige

und explorative Wesen, doch sind wir zunächst darauf

angewiesen, uns in einer sicheren Umgebung bewegen zu

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16 Grundbausteine der Kommunikation

können. In neuen Beziehungen werden wir daher versuchen,

Vertrautes wieder zu finden. Entsprechend unserem Wunsch

nach Familiarität bestimmen die inneren Bilder (Beziehungsrepräsentanzen)

demnach in entscheidendem Maße, welche

Beziehungsformen wir später aktiv aufsuchen. Menschen

suchen also nicht nur in der frühen Mutter-Kind Beziehung

Sicherheit, sondern auch spätere Beziehungen sind von dem

Wunsch nach einer vertrauten und sicheren Beziehung geprägt.

Nicht immer finden wir ohne Weiteres eine unserem

inneren Bild entsprechende Bezugsperson, vielmehr müssen

wir versuchen, unsere Umgebung so zu beeinflussen, dass sie

möglichst optimal zu unseren Bedürfnissen passt. Indem wir

uns in interpersonellen Situationen so verhalten und präsentieren,

dass wir uns sicher fühlen können und keine Bedrohung

erleben müssen, vermitteln wir unserem Gegenüber Informationen

darüber, wie wir uns selbst und ihn als unseren Partner

wahrnehmen. So können wir ihm mitteilen, dass wir uns am

sichersten fühlen, wenn wir uns als freundlichen und zuvorkommenden

Menschen präsentieren, der keine Aggressionen

auslöst. Wir können aber auch signalisieren, dass wir uns nur

unter der Bedingung vertraut fühlen, dass unser Gegenüber

von unserer Macht und Überlegenheit beeindruckt ist und

uns durch seine Bewunderung Sicherheit gibt. In der Art und

Weise, wie wir auftreten und mit unserer Umgebung kommunizieren,

gestalten wir demnach immer unsere Beziehungen,

indem wir versuchen, unsere inneren Bilder mit neuen

Bezugspersonen zu reinszenieren. Basis dieses gegenseitigen

Beeinflussungsprozesses bildet die Kommunikation, wobei

wir uns darüber im Klaren sein müssen, dass die wesentlichen

beziehungsstiftenden und -regulierenden Informationen unbewusst

vermittelt werden.

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Gefühle als Bausteine der Kommunikation 17

1.3 Gefühle als Bausteine der Kommunikation

Vor diesem Hintergrund kommt den Gefühlen eine hohe

Bedeutung zu, da sie über ihren nonverbalen Ausdruck eine

besondere Rolle in der Kommunikation spielen. Über Mimik,

Gestik, Körperhaltung und Intonation spiegelt sich im Außen

die innere Verfassung eines Menschen wider und vermittelt

dem Gegenüber damit einen Eindruck von seinem Befinden.

Zugleich erhält das Gegenüber eine Mitteilung, sich auf den

innerpsychischen Zustand einzustellen und ihn in angemessener

Weise zu beantworten (Krause und Merten 1996). Wenn

Frau A im obigen Fallbeispiel z.B. mimisch und gestisch ihre

Verzweiflung und Angst zum Ausdruck bringt, ihr Mann

könnte sich von ihr trennen, dann versucht sie damit bei ihm

eine versöhnliche und verzeihende Haltung zu provozieren,

in der Hoffnung, wieder Sicherheit in der Beziehung zu ihm

finden zu können. Umgekehrt drückt Herr A mit seiner

Sprachlosigkeit und Erstarrung körperlich seine Ablehnung

aus und signalisiert damit, dass die Werbung seiner Frau bisher

keine Zuwendung bewirken konnte.

Die zum Ausdruck gebrachte Befindlichkeit muss allerdings

nicht mit dem Erleben übereinstimmen, im Gegenteil

kann bewusst ein ganz anderer Zustand wahrgenommen

werden, als er unbewusst zum Ausdruck gebracht wird. Wir

haben es hier mit unbewussten Abwehrprozessen zu tun,

die dazu führen, dass Menschen, ihre Gefühle unterdrücken,

begrenzt oder aber »falsch« zum Ausdruck bringen. So

können ärgerliche Gefühle durch Freundlichkeit überdeckt

werden, Gefühle können in ihr Gegenteil verkehrt werden,

wenn z.B. Ärger statt Traurigkeit ausgedrückt wird. Herr A

beispielsweise hat in dem obigen Beratungsgespräch derartige

Abwehrmanöver sehr intensiv ins Spiel gebracht, indem er

bemüht war, über eine rationale Haltung sowohl seinen Ärger

als auch seine Verletztheit zu kontrollieren.

Das nonverbale System kann auch dazu benutzt werden,

Gefühle auszudrücken, die nicht empfunden werden, was im

Gegenüber den Eindruck von Künstlichkeit hinterlässt. So

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18 Grundbausteine der Kommunikation

drückt Frau A mit ihrem zur Schau gestellten Optimismus

eine positive Gestimmtheit aus, der die insgesamt desolate

Beziehungssituation nicht recht zu entsprechen scheint.

Durch eine Intensivierung ihrer Gefühle könnte Frau A sich

davor bewahren zu wollen, mit der »tatsächlich« erlebten Beziehung

zu ihrem Mann auseinander zu setzen. Obwohl die

nonverbale Kommunikation überwiegend unbewusst abläuft

und sich damit unserer direkten Kontrolle entzieht, kann sie

durch verschiedene innerpsychische Operationen verfälscht

werden. So können Abwehrprozesse Gefühle so verändern,

dass sie ihren bedrohlichen Charakter verlieren und damit

auch nicht mehr zum Ausdruck gebracht werden müssen.

Aber auch willentliche Manipulationen sind möglich, indem

durch Mimik und Körperhaltung etwas zum Ausdruck gebracht

wird, was einer bestimmten Rolle, nicht aber einem

vorhandenen Gefühl entspricht.

1.4 Gefühle als Kompass für Beziehungsverstehen

Emotionen haben im Leben von Paaren eine besondere Bedeutung.

In kaum einer anderen Beziehung werden Gefühle

so intensiv gesucht und erwartet, aber auch so heftig vermisst

und ertragen wie in Partnerschaften. Im Gegensatz zu

Gedanken und Erinnerungen, die wir aktiv herstellen und

hervorbringen können, stellen sich Emotionen unwillkürlich

ein und können eine so große Intensität und Dynamik entwickeln,

dass sie uns nicht nur bewegen, sondern uns mitreißen

und überschwemmen. Liebe, Zärtlichkeit, Leidenschaft und

Begehren kennzeichnen die ersehnte Seite einer Beziehung,

während Enttäuschung, Ärger, Hass und Verachtung den negativen

Aspekt von Partnerschaft markieren. Doch nicht nur

diese durch große Intensität gekennzeichneten Emotionen

sind für Partnerschaften charakteristisch, auch die leisen und

oft schwer fassbaren Gestimmtheiten begleiten in signifikanter

Weise die Begegnung von Partnern und beeinflussen ihre

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Gefühle als Kompass für Beziehungsverstehen 19

Beziehung. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um einen

realen Kontakt mit dem Partner handeln, auch der Kontakt

zu dem inneren Bild des Partners kann ähnlich markante Gefühle

hervorrufen, wenn z.B. eine besonders schöne oder besonders

verletzende Situation mit dem Partner erinnert oder

imaginiert wird.

Der Gefühlsprozess in Partnerschaften wird dadurch bestimmt,

dass beide Partner Gefühle entwickeln, die sie als Antwort

auf das Gegenüber erleben. Die wechselseitige Wahrnehmung

der Gefühle des Partners kann zu einer Intensivierung

oder Abschwächung des ursprünglichen Gefühls beitragen.

Hier wird deutlich, in welchem Ausmaß Gefühle in Partnerschaften

einander bedingen, sich gegenseitig verstärken,

abschwächen oder aber so regulieren, dass sie zu einem gemeinsamen

Beziehungsverständnis genutzt werden können.

Dies ist eine der zentralen Funktionen emotionaler Prozesse:

Unabhängig von ihrer Intensität und Qualität stellen Gefühle

wesentliche Informationen zum Verständnis einer Beziehung

bereit. Um diese Informationen nutzen zu können, muss in

beiden Partnern ein innerpsychischer Prozess angestoßen

werden, der die Entschlüsselung der jeweiligen Gefühlsprozesse

erlaubt und zu einem angemessenen Verhalten beiträgt

(Rudolph 2006).

Ein harmloses Beispiel aus der Alltagskommunikation

des oben dargestellten Paares soll die Komplexität und damit

auch Störanfälligkeit dieser Funktionen verdeutlichen:

Sie wirft ihm voller Ärger vor, sich schon wieder um nichts

gekümmert zu haben, die Kinder hatten einen wichtigen

Auftritt in der Schule, sie hatte einen Zahnarzttermin. Beides

habe er vergessen, es sei ihm gleichgültig, wie es der Familie

gehe. Er erstarrt, sucht nach Rechtfertigungen und erläutert

seine Belastungen auf der Arbeit.

Eine Voraussetzung dafür, Gefühle zum Verständnis von

Beziehungen und Situationen nutzen zu können besteht darin,

dass die Partner in der Lage sind, ihre Gefühle zuzulassen

und zu erleben. Während Frau A deutliche Gefühle von Ärger

generiert, wird nicht deutlich, welcher emotionale Prozess in

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Herrn A abläuft. Im Gegenteil entsteht der Eindruck, dass er

seine Gefühlsantworten bremst und abblockt. Ein weiterer

Aspekt beinhaltet die Fähigkeit, die erlebten Affekte introspektiv

zu differenzieren. So könnte Frau A merken, dass sie

nicht nur sehr wütend, sondern auch zutiefst enttäuscht ist,

weil sie sich nicht gesehen fühlt. Herr A könnte wahrnehmen,

dass der heftige Ärger seiner Frau ihm vielleicht einen Schrecken

eingejagt hat und er Schuldgefühle angesichts seines

Vergessens entwickelt.

Soll der erlebte Affekt nun zum Verständnis der Beziehung

genutzt werden, so müssen sich beide Partner mit der Frage

beschäftigen, welche Situation gerade entstanden ist, welche

Rolle der Partner und welche Rolle sie selbst dabei spielen.

Dies ist ein besonders anspruchsvoller Aspekt der Affektverarbeitung,

neigen wir doch dazu, den eigenen Beitrag am

Zustandekommen der Situation zugunsten des Gegenübers

zu relativieren. Da das selbstreflexive Verständnis einer Beziehungskonstellation

aufgrund der Subjektivität des eigenen

Standpunktes immer äußerst störanfällig ist, kommt es leicht

zu der Überzeugung, der andere sei die Ursache für das eigene

Empfinden, man selbst lediglich ein Reagierender. Können

beide Partner hingegen die entstandene Konstellation quasi

aus einer dritten Perspektive heraus verstehen, ergibt sich daraus

ein neues Beziehungsverständnis.

Frau A könnte die Situation nun so verstehen, dass sie zwar

berechtigten Ärger auf ihren Mann empfunden habe, dass sie

im Ausdruck ihres Ärgers aber doch sehr konfrontativ und

vielleicht auch verletzend war. Es könnten aber auch pathogene

Überzeugungen aktualisiert werden, indem Frau A, die

möglicherweise nicht nur mit ihrem Mann, sondern auch

mit anderen Bezugspersonen wiederholt die Erfahrung gemacht

hat, nicht ausreichend Beachtung zu finden, in dieser

Situation eine Bestätigung ihrer Überzeugung findet, nicht

liebenswert zu sein. Hier würde eine pathogene Überzeugung

ein bestimmtes Situationsverständnis nahe legen und zu entsprechenden

Handlungsimpulsen beitragen. Herr A könnte

die Heftigkeit der Reaktion seiner Frau als ihn ängstigend

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Beziehungsverstehen als Ausdruck von Mentalisierung 21

wahrnehmen und zugleich den Eindruck gewinnen, dass im

Vergessen wichtiger familiärer Ereignisse ein Kränkungspotential

enthalten ist, dessen Bedeutung und Ausmaß ihm

bisher nicht bewusst war. Machen sich bei Herrn A hingegen

auch pathogene Überzeugungen bemerkbar, so könnte er

seine ängstliche Zurückhaltung angesichts des Ärgers seiner

Frau als Bestätigung seiner Befürchtung erleben, Frauen gegenüber

stets in der ohnmächtigen und minderwertigen Position

zu sein.

Um zu einem einigermaßen realistischen Beziehungs- und

Situationsverständnis zu gelangen, ist demnach nicht nur der

Zugang zu den eigenen Gefühlen notwendig, sondern auch die

Fähigkeit, sich in die Affekte des Partners einfühlen zu können.

Angesichts einer inneren Situation, in der die Beteiligten mit

der Wahrnehmung und Regulation eigener heftiger Gefühle

beschäftigt sind, wird deutlich, welch hohe Anforderung die

Einfühlung in das Erleben des Gegenübers beinhaltet. Ist es

schon oft genug schwierig, die eigenen Gefühle zuzulassen, zu

differenzieren und zum Verständnis der Situation zu nutzen,

so erfordert die Empathie in Fremderleben eine zusätzliche

emotionale Anstrengung und Stärke, setzt sie doch die Fähigkeit

voraus, vom Eigenen zu abstrahieren und es in seiner

emotionalen Überzeugungskraft zu relativieren.

1.5 Beziehungsverstehen als Ausdruck

von Mentalisierung

Der Gefühlsprozess in Partnerschaften wird dadurch kompliziert,

dass beide Partner Gefühle entwickeln, die sie einerseits

als Antwort auf das Gegenüber erleben, die andererseits

aber vor dem Hintergrund ihrer inneren Bilder vom Partner

generiert werden. Wenn der Partner durch eine Unaufmerksamkeit

in uns eine Verärgerung auslöst, so erleben wir dies

zunächst einmal als antwortendes Gefühl auf eine Situation,

in der unsere innere Verfassung und Erwartung nicht mit

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22 Grundbausteine der Kommunikation

der äußeren Situation übereinstimmt. Wir hatten erwartet,

dass der Partner sich nach einem langen Arbeitstag für unser

Befinden und einen Austausch interessiert, stattdessen ist er

emotional abwesend und mit anderen Themen beschäftigt.

Nicht nur die eigenen Emotionen, auch die des Partners

wirken jeweils auf uns und unser Verständnis der Situation

zurück. Es macht einen Unterschied für die emotionale Bewertung,

ob wir seine innere Abwesenheit als Ausdruck einer

momentanen Arbeitsüberlastung verstehen oder aber als

Beweis seines Desinteresses an der Beziehung betrachten.

Umgekehrt kann der Partner das Bedürfnis nach Austausch

als Zudringlichkeit und Forderung erleben und sich bedrängt

und unbehaglich fühlen oder aber als legitimen Wunsch, dem

er im Augenblick zwar nicht entsprechen kann, der prinzipiell

jedoch wohlwollende Gefühle auslöst.

Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, eigene und fremde

Handlungen zu verstehen und auf der Basis dieses Verständnisses

Vorhersagen machen zu können, wie der andere sich zukünftig

verhalten wird. Dazu entwickeln wir Hypothesen darüber,

wie unser Gegenüber sich fühlen, welche Wünsche sein Verhalten

motivieren und welche Absichten er möglicherweise

mit seinem Tun bezwecken könnte. Wir können z.B. annehmen,

dass unser Partner uns anlächelt, weil er sich freut, uns

zu sehen, wir können vermuten, dass er unruhig im Flur auf

und ab läuft, weil er den Autoschlüssel nicht findet oder sind

davon überzeugt, dass er sein Geschirr nicht abgeräumt hat,

weil er in Eile war. Diese mentalen Zustände betrachten wir

als Ursachen oder Gründe für die Handlungen unseres Gegenübers.

Wir sind nicht in erster Linie auf das Verhalten unseres

Gegenübers ausgerichtet, sondern erst die Zuschreibung

seelischer Zustände, die wir zur Erklärung seines Verhaltens

heranziehen beinhaltet handlungsrelevantes Wissen. Dasselbe

Verhalten könnte z.B. durch ganz andere mentale Zustände

erklärt werden und damit sehr unterschiedliche Antworten

provozieren.

Gehen wir davon aus, dass unser Partner uns anlächelt,

obwohl er genervt ist, werden wir ihn gereizt beantworten,

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Äußere Prozesse als Auslöser für innere Dramen 23

während wir ihm freudig begegnen, wenn wir seinem Lächeln

eine positive Gestimmtheit uns gegenüber unterstellen. Sind

wir davon überzeugt, dass er sein Geschirr nicht abräumt, weil

er keine Achtung vor uns hat, werden wir voller Groll auf ihn

reagieren, deuten wir sein Verhalten hingegen als Ausdruck

seiner Eile, werden wir möglicherweise seine Nachlässigkeit

mit einem Achselzucken quittieren.

Dieser als Mentalisierung bezeichneter Prozess (Fonagy et

al. 2002) beinhaltet also alltagspsychologische Annahmen darüber,

welcher seelische Zustand im Gegenüber ein bestimmtes

Verhalten bewirkt haben könnte. Die mentalen Zustände

des Wünschens und Fühlens werden als Gründe und Ursachen

von Handlungen betrachtet. Mentalisierung ist aber kein

bewusster, vorsätzlich eingeleiteter Prozess wie die Introspektion,

in der das eigene Erleben reflektiert wird, ist auch nicht

zu verwechseln mit Empathie, in der eine mehr oder weniger

bewusste Einfühlung in fremdes Erleben praktiziert wird.

Mentalisierung ist eher zu beschreiben als »habituell gewordener

Stil des Nachdenkens und Umgehens mit sich selbst«

(Dornes 2004, 302) und dem Gegenüber. Das Nachdenken

über Erleben läuft in der Regel nicht nachträglich ab, sondern

bereits während der Affekt erlebt wird. Diese als mentalisierte

Affektivität (Fonagy et al. 2004, Kap.10) bezeichnete Fähigkeit

bedeutet, dass neben dem unmittelbar erlebten Gefühlszustand

ein zweiter Prozess abläuft, der die Erlebnisverarbeitung

reflektiert und beides miteinander verbindet.

1.6 Äußere Prozesse als Auslöser für innere Dramen

Mit der Fähigkeit zur Gefühlsgenerierung und zur Mentalisierung

wurden strukturelle Funktionen beschrieben, die

verfügbar sein müssen, damit Erlebtes psychisch verstanden

und interpersonell beantwortet werden kann. Es ist jedoch

nicht zufällig, welche Mentalisierung durch ein äußeres Ereignis

angestoßen wird und entweder Ärger, Nachsicht oder

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24 Grundbausteine der Kommunikation

Verständnis auslöst. Der Charakter der Mentalisierung ist

beeinflusst von gefühlsbetonten Erinnerungen, die Assoziationen

an frühere Situationen wecken, die die Betreffenden

als enttäuschend, verletzend, bedrohlich oder aber als wohltuend,

angenehm oder beruhigend erinnern. Im Folgenden

soll die Art der jeweils aktualisierten Mentalisierung unter

psychodynamischen Aspekten untersucht werden.

Betrachten wir noch einmal das oben skizzierte Paar, so

lassen sich sehr schnell diese beiden Perspektiven voneinander

unterscheiden: Dass Herr A die Außenbeziehung seiner

Frau als zutiefst kränkend empfindet und sich in seinem

Sicherheitsempfinden ihr gegenüber fundamental verunsichert

fühlt, ist eine nachvollziehbare Antwort auf die Verletzung

eines impliziten, oft auch expliziten Versprechens, das

den meisten Beziehungen zugrunde liegt. Menschen haben

das Bedürfnis, für den Partner etwas Einzigartiges und Unverwechselbares

zu sein. Untreue des Partners verletzt den

Wunsch nach Exklusivität in dramatischer Weise und erschüttert

die Grundfesten der Beziehung, indem Vertrauen

und Sicherheit zerstört werden. Insofern löst die äußere Situation,

mit der Herrn A konfrontiert ist, eine verständliche

Beziehungskatastrophe in ihm aus. Dass aber nicht nur die

äußeren Personen, nämlich seine Frau, sondern auch seine

Beziehungsrepräsentanzen, nämlich die inneren Bilder früher

Beziehungskonstellationen, die ausgelösten Gefühlsantworten

beeinflussen, verdeutlicht ein Blick in die Herkunftsfamilie

von Herrn A. So hat die Außenbeziehung seiner Frau

in ihm die Erinnerung an die leidvolle Beziehung seiner Eltern

wach gerufen. Der Vater hatte öfter Außenbeziehungen

unterhalten und sei immer unehrlich der Mutter gegenüber

gewesen, während er als Kind Zeuge des Kummers der Mutter

gewesen sei, die oft untröstlich war und sich seinen Beruhigungsversuchen

gegenüber verschlossen habe. Später habe

sie ihre Verletzung immer öfter in Alkohol ertränkt und sei

für ihn dann gar nicht mehr ansprechbar gewesen. Angesichts

dieser Situation hat Herr A sich extrem hilflos und ohnmächtig

gefühlt: einerseits konnte er den Schmerz der Mutter gut

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Äußere Prozesse als Auslöser für innere Dramen 25

einfühlen und versuchte immer wieder, durch Tröstungsversuche

eine Beziehung zu ihr herzustellen, andererseits war

die Mutter in ihrer Verletztheit so verschlossen, dass Herr A

sich von ihr vollkommen verlassen fühlte und sich mit einem

zweifachen Beziehungsabbruch konfrontiert sah. Durch eine

Identifikation mit der Mutter war bereits ein innerer Beziehungsabbruch

zum Vater erfolgt, der sich nun auch noch in

der Beziehung zur Mutter fortsetzte. Ein Abgrund an Angst

und Einsamkeit, aber auch an Wut und Hass müssen sich

vor Herrn A aufgetan haben. Muss er nun heute feststellen,

ebenfalls mit Untreue konfrontiert zu sein, so löst dies über

die »übliche« Verstörung hinausgehende Erschütterungen

aus. Herr A fühlt sich in die Rolle der Mutter versetzt, auch er

wird von einer geliebten und ihm Sicherheit versprechenden

Person in seinem Vertrauen betrogen. Zugleich tauchen aber

auch die Gefühle des Kindes auf, das sich ohnmächtig dem

Beziehungsabbruch seiner Mutter und nun dem seiner Frau

ausgesetzt fühlt. Und ganz im Hintergrund müssen wir eine

ohnmächtige Wut vermuten, die dazu angetan sein könnte,

sowohl den kindlichen als auch den aktuellen Verletzungen

mit einer zerstörerischen Stärke zu begegnen.

Dass all diese Gefühle zu schmerzlich und bedrohlich

waren, um erlebt und ausgehalten werden zu können, wird

im Kontakt und der Kommunikation mit Herrn A deutlich.

Herr A vermittelt von diesen Erschütterungen nichts, seine

Gefühle hat er mit Hilfe von Abwehrprozessen im Griff, lediglich

in der Beschreibung der frühkindlichen Situation

schwingt ein Vorwurf an seine Frau mit, ihn einer derartigen

Verletzung ausgesetzt zu haben. In seiner mimisch gestischen

Kommunikation wird sein Bemühen deutlich, sich von seinen

Gefühlen nicht überschwemmen zu lassen, offenbar vor dem

Hintergrund der Befürchtung, über keine ausreichenden Regulationsmöglichkeiten

seiner Affekte zu verfügen. In seiner

Mitteilung hingegen, »Das sollte mir nicht passieren, dass ich

eine Frau habe, die mich betrügt« klingt seine Mentalisierung

der Beziehung zu seiner Frau an, die in etwa lauten könnte:

»Nun befinde ich mich in derselben demütigenden Situation

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In der Aus- und Weiterbildung von BeraterInnen und

SeelsorgerInnen kommt das Erlernen von Fertigkeiten

zur Führung von Paargesprächen oft zu kurz. Ingeborg

Volger und Martin Merbach bieten nun einen kompakten

Einstieg in die Thematik. Paarberatung und -therapie

sind darauf ausgerichtet, gemeinsam mit beiden Partnern

ein Verständnis über die Beziehungsdynamik zu

erlangen. Dies gelingt, indem der Berater / die Beraterin

die Dynamik des Paares zu verstehen sucht und sie ihm

spiegelt. Das gemeinsame Verständnis ist Grundlage

für dauerhafte Veränderungen in der Paarbeziehung.

Die Autoren stellen grundlegende Prozesse in Paargesprächen

dar und wenden sich an alle, die in ihrem

Beruf beraterisch tätig sind.

Die Autoren

Dr. phil. Ingeborg Volger ist Diplom-Psychologin, Psychoanalytikerin

und Paartherapeutin am Ev. Zentralinstitut

für Familienberatung in Berlin.

Dr. med. Martin Merbach ist Diplom-Psychologe, Systemischer

Berater, Familientherapeut und wissenschaftlicher

Mitarbeiter am Ev. Zentralinstitut für Familienberatung

in Berlin.

www.v-r.de

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