Leseprobe Schattenvögel 28.9.2013

ariane78

wissheit. Er war sich nicht sicher, ob er zwei Tage

in seinem Büro arbeiten konnte, wo ihn die Akten

förmlich anschrien. Aber es waren Fälle, die keinen

Aufschub duldeten, wenn er keine Mandanten

verlieren wollte und das war das Letzte, was

er sich in dieser Situation wünschte.

Er fuhr in die Kanzlei, setzte sich an seinen

Schreibtisch und fuhr den Computer hoch. Im

Google gab er das Wort Aids ein, doch was er da

zu lesen bekam, machte ihn auch nicht glücklicher.

Immerhin war man schon so weit, dass

man mit der Diagnose durchaus noch einige Jahre

zu leben hatte, doch auch diese Erkenntnis

befreite ihn kaum aus seinen Gedanken. Er sah

die grinsende Fratze von Doktor Ehrbar, der ihm

die schreckliche Wahrheit ins Gesicht schleuderte,

den Gang zu seiner Frau, der dem nach Canossa

nicht unähnlich sein würde, die Schmach,

die auf ihn herabprasselte, wie eiergroße Hagelkörner

und aus der es kein Entrinnen gäbe.

Er dachte an seine Mutter, diese gottesfürchtige

Person, die ihm bei jeder Kleinigkeit, die

Schrecken der Hölle vor Augen führte und wie

heiß es dort wäre und dass genau er dorthin

kommen würde, dessen war er sich sicher. An

all die Leute, die in seiner Fantasie dort schmorten

und ihre gellenden Schmerzensschreie gen

Himmel sandten. Brennende Gestalten tauchten

vor seinem geistigen Auge auf, die mit ihren

schmerzverzerrten Fratzen vor sich hin sengten

und er war außerstande, sich gegen seine

schrecklichen Gedanken zur Wehr zu setzen.

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Seit dem Leichenfund waren nun vier Tage

vergangen und die Ermittler traten auf der

Stelle. Die eigentliche Achillesferse war noch immer

das Motiv. Auch die Ausbeute aus der Befragung

der Freier stellte sich als wenig ergiebig

heraus, hinzu kam, dass jeder von ihnen ein wasserdichtes

Alibi für die Tatzeit besaß. Monsch

glaubte immer weniger daran, den Täter in den

Reihen der Freier zu finden. Ganz im Gegensatz

zu Paul, der die Idee von Corina, dass es sich

um einen Racheakt eines Solchen handelte, zu

seiner eigenen machte und sich lautstark dafür

einsetzte. Trotzdem wurde in allen Bereichen

mit Hochdruck gefahndet. Das Milieu wurde

von oben nach unten gekehrt und auch unbescholtene

Bürger nicht vor lästigen Befragungen

verschont.

Die dunkle Ahnung, die Monsch schon eine

ganze Weile mit sich herumtrug, sollte am

fünften Tag ihre Bestätigung finden. Unweit

des ersten Tatortes wurde eine weitere Leiche

gefunden und Monsch machte sich mit seiner

Fahndungsgruppe auf zum Ort des Geschehens.

Angestachelt vom ersten Mord war natürlich

die Presse auch bereits dort und konnte nur

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mit Mühe zurückgedrängt werden. Selbst außerkantonale

Blätter waren vor Ort, um ihren

Sensations hunger zu stillen und die Polizisten

konnten sie nur mit Drohungen von der Abschrankung

fernhalten.

Die ganze Situation zeigte zwar ein gewisse

Ähnlichkeit, trotzdem war sie völlig anders. Die

aufgebahrte Leiche war völlig verbrannt, der

Duft von angesengtem Fleisch hing noch in der

Luft und die Spurensicherung würde sich mit

der Identifizierung schwer tun. Gleich der ersten

Leiche steckte ein verbranntes Kruzifix in ihrer

Scheide, die Dornenkrone auf ihrem Kopf war

angesengt, der Rosenkranz, nur noch ein Schatten

seiner selbst, lag zerbröselt auf ihrer Brust,

doch anstelle der ausgestochenen Augen fehlten

die Zähne, die sich aber bei genauem Hinsehen,

wie sorgfältig einzeln ausgeschlagen, in der

Mundhöhle wiederfanden. Der Dolch steckte an

der genau gleichen Stelle.

Sabine Müller stand wie immer breitbeinig

vor der verkohlten Leiche und schüttelte den

Kopf.

»Dürfte schwierig werden, vielleicht anhand

der Zähne?«

»Wer hat die Leiche gefunden?«

»Ein Bauer hat uns angerufen, er steht dort

hinten.«

»Du meldest dich, wenn du mehr weißt«,

Monsch wandte sich ab und steuerte zu besagtem

Bauern, der sichtlich entsetzt vor der Absperrung

stand.

»Wann haben Sie die Leiche gefunden?«

»Eigentlich hab nicht ich sie gefunden, sondern

mein Hund. Um vier Uhr morgens hat

er plötzlich heftig angeschlagen, aber er war

angekettet und konnte nicht weg. Als ich ihn

dann schließlich losgebunden habe, ist er wie

verrückt zum Wald gerannt und so bin ich ihm

halt gefolgt. Dann hat er die Leiche gefunden.

Sie hat noch lichterloh gebrannt. Ich nahm mein

Handy und informierte die Polizei. Dann bin ich

runtergeeilt, habe nasse Kartoffelsäcke geholt

und das Feuer gelöscht, aber viel war da nicht

mehr zu machen.«

»Das war sehr klug. Gesehen haben Sie niemanden?«

»Nein, es war weit und breit kein Mensch zu

sehen.«

»Und in den letzten Tage ist Ihnen auch niemand

verdächtig vorgekommen, der diesen Altar

kurz vor dem Mord gebaut hat?«

»Doch, jetzt wo Sie‘s sagen. Ein junger Mann

war zweimal hier oben.«

»Und wie sah der aus?«

»Schwer zu sagen, er war ziemlich weit weg.«

»Größe, was hat er getragen?«

»Er war klein, aber was er getragen hat …?«

»War er mit dem Auto dort?«

»Keine Ahnung.«

»Haben Sie Ihren Hund dabei?«

»Nein, aber ich kann ihn holen.«

»Das wäre vielleicht gar keine schlechte Idee.«

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Zehn Minuten später stand der Bauer mit seinem

Hund, einem Deutschen Schäferrüden, vor

Monsch.

»Lassen Sie ihn in der Umgebung Witterung

aufnehmen und dann wollen wir mal sehen, wo

er hinzieht.«

Der Bauer ging mit dem Hund zum Tatort und

Monsch folgte ihnen. Der Hund schnupperte

ausgiebig und plötzlich nahm er eine Fährte auf,

die zum Wald hinausführte. Nach etwa zweihundert

Metern gelangten sie an eine Lichtung, wo

deutliche Reifenspuren zu sehen waren und der

Hund abrupt stehen blieb. Monsch rief die Spurensicherung,

um von den Spuren Abdrücke zu

nehmen.

Als er wieder zurück am Tatort war, rief ihn

Sabine Müller.

»Die eingeschlagenen Zähne beschäftigen

mich. Die Füllungen wurden garantiert nicht

hierzulande gelegt. Sieht mir ganz nach Osteuropa

aus. Ich glaube kaum, dass es groß was

bringt, die Zahnärzte in der Umgebung abzuklappern.

Schade, dass es der einzige Hinweis

ist, der auf ihre Identität hätte hindeuten können.«

»Immerhin wissen wir, dass es keine Schweizerin

war und zusammen mit dem, was wir bereits

wissen, könnte eine Identifizierung trotzdem

möglich sein.«

»Du glaubst also, die zwei Morde gehören zusammen?«

»Du etwa nicht? Ich glaube nicht, dass wir bereits

jetzt einen Trittbrettfahrer haben. Kannst

du schon etwas über den Todeszeitpunkt sagen?«

»Das ist äußerst schwierig bei einer verkohlten

Leiche, aber wenn wir dem Bauern Glauben

schenken dürfen, stand sie kurz vor vier

in Flammen. Ob das Feuer auch Todesursache

war, kann ich erst später sagen. Allerdings habe

ich ziemlich weit hinten in der Nase Russspuren

gefunden, was darauf hindeutet, dass sie

noch am Leben war, als sie angezündet wurde.

Sie war auch festgebunden, und warum hätte

er dies tun sollen, wenn sie bereits tot war? Den

Fesselspuren nach hat sie sich auch ziemlich

gewehrt.«

»Mein Gott, auch das noch. Wahrscheinlich haben

wir es hier mit einer wahren Bestie zu tun?«,

meinte Monsch.

Während er sich vom Tatort entfernte, geriet

er ins Grübeln und versuchte, die einzelnen Puzzleteile

zusammenzufügen. Er war keineswegs

überrascht, bereits mit einer zweiten Leiche

konfrontiert zu sein. Was ihm weit größeres

Kopfzerbrechen bereitete, war die Tatsache,

dass der Mörder ziemlich perfekt arbeitete und

es geschickt vermied, verwertbare Spuren zu

hinterlassen. Außer dem Ritual, welches auf

einen religiösen Fanatiker hindeutete, besaßen

sie nicht den geringsten Hinweis. Monsch

hoffte, dass die weitere Untersuchung ebenfalls

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auf eine HIV-Infektion hinausführte, was der Argumentation

von Corina neue Nahrung geben

würde. Andererseits war es kaum denkbar, dass

ein Mensch von zwei Personen gleichzeitig angesteckt

wurde oder ist es gar jemand, der gar

nicht selbst betroffen ist und andere rächt? Aber

auch der Diebstahl der Leiche wollte ihm nicht

aus dem Kopf. Worauf wollte der Täter damit

aufmerksam machen? Die Frage nach dem Motiv

schien das zentrale Thema zur Lösung dieser

Verbrechen.

Monsch‘ Handy läutete. »Ja, Monsch.«

»Und wo?«

»Wir kommen.«

»Was ist los«, fragte Corina.

»Eine weitere Leiche, doch diesmal männlich.

Sie wurde in einem Container vor einer Garage

an der Rossbodenstraße gefunden. Sabine!«

»Ja.«

»Noch eine Leiche.«

»Sag, dass das nicht wahr ist.«

Die Presse war bereits vollzählig versammelt,

als sie am Tatort eintrafen. Woher die immer

wussten, wo und wann etwas los war? Aber auch

Monsch wusste, dass der Polizeifunk problemlos

abgehört werden konnte. Beim Opfer handelte

es sich um einen etwa fünfundvierzigjährigen

Mann, der nackt in einem Container lag. Bei

genauerem Hinsehen entdeckte Monsch einen

Penis, der eingepackt in einem Präservativ in

seinem Mund steckte. Um sein Handgelenk war

ein Rosenkranz gewickelt und mitten im Herz

steckte ein Dolch. Sein Hals war mit einem Priesterkragen

versehen.

Während sich Sabine an der Leiche zu schaffen

machte, nahm Monsch Corina beiseite. »Was

denkst du?«

»Mir geht so einiges durch den Kopf. Vielleicht

war er ja tatsächlich Priester und der Kragen

nicht nur symbolisch. Glaubst du, es ist derselbe

Täter?«

»Die Grausamkeit lässt durchaus diesen

Schluss zu. Hör dich doch in Kirchenkreisen ein

bisschen um, vielleicht wird tatsächlich jemand

vermisst?«

»Alles klar«, sagte Corina und wandte sich ab.

Aber Monsch hatte noch ein ganz anderes

Problem und das war seine liebe Mutter, die ihn

heute Morgen wieder einmal angerufen hatte

und schlechte Laune verstreute. Andauernd beklagte

sie sich, dass er sie nie besuchen würde,

aber er hasste es, an diese egozentrische

Person auch nur zu denken. Damals, als er den

Polizeiberuf ergriff, wollte sie ihn für verrückt

erklären, dabei hatte sie selbst nicht alle Tassen

im Schrank. Sein Vater suchte schon das

Weite, als Monsch zehn Jahre alt war und er

konnte ihn heute durchaus verstehen. Er wollte

den kleinen Jan sogar mitnehmen, aber seine

Mutter setzte sich so energisch zur Wehr, dass

er es schließlich bleiben ließ. Sie lebte in einem

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kleinen Haus in Haldenstein, wo es vor lauter

Unrat schon fast kein Durchkommen mehr gab.

Tagtäglich war sie unterwegs mit ihrem Leiterwagen,

machte sich über Container und Mülleimer

im ganzen Dorf und der näheren Umgebung

her und schleppte alles nach Hause, was nicht

niet- und nagelfest war. Daraus fertigte sie kleine

Kunstwerke, na ja, sie nannte es wenigstens

so. Haben wollte das Zeug schließlich niemand

und so stapelten sich vermeintliche Kunst und

Abfall in dem kleinen Haus bis unter die Decke.

Dabei war sie mit ihren vierundsechzig Jahren

durchaus nicht unattraktiv und sehr auf ihre

Erscheinung bedacht. Zwar etwas mollig, aber

ihr Gesicht war praktisch faltenlos und strahlte

eine gewisse Witzigkeit aus. Mindestens eine

Stunde stand sie morgens vor dem Spiegel und

diese Allüre wollte so gar nicht zum Innern des

Hauses passen.

Sie ist nie darüber hinweggekommen, dass

ihr Mann sie verlassen hat, dabei war es nicht

einmal eine andere Frau gewesen, sondern

er hatte schlicht und einfach genug von ihren

stündlich wechselnden Launen und ihr nicht

vorhandener Ordnungssinn gab ihm schließlich

den Rest.

Einladen konnte sie schon lange niemanden

mehr und so war Monsch denn ihr einziger Gast,

der sie besuchte. Immer wieder gab er vor, keine

Zeit zu haben, aber seine Mutter dachte gar

nicht daran, klein beizugeben und rief ihn in der

Woche mindestens viermal an.

Er passierte eben die Bahnbrücke in Haldenstein,

seine Gedanken drehten sich um den Fall,

der so ungeheure Ausmaße anzunehmen drohte.

Wieder einmal machte sich seine Rotznase

bemerkbar, doch Monsch dachte nicht daran,

ein Taschentuch zur Hand zu nehmen. Der Fall

schien ihn zu verfolgen wie der Schatten seiner

selbst. Er wusste, dass er innerhalb kurzer Zeit

greifbare Ergebnisse bringen musste, ansonsten

man ihm den Fall entziehen würde. Schon bereute

er, den Weg nach Haldenstein angetreten

zu haben, denn er hatte wirklich Besseres zu

tun. Was soll’s, einmal die Woche muss ich da

hin, schließlich ist sie trotz allem meine Mutter

und unternehmen konnte er ohnehin nicht viel,

bis die Daten der Gerichtsmedizin vorlagen. Er

parkte den Wagen vor dem Haus, sie schien ihn

bereits bemerkt zu haben, denn der Vorhang

ging zur Seite. Schon öffnete sich auch die Türe

und Monsch graute davor, was er wieder Neues

antreffen würde, denn sie sammelte alles von

defekten Kühlschränken, Kleiderbügeln, Tassen

mit abgebrochenen Henkeln über Kleider, Hüte

und dergleichen. Auch die Gemeinde wurde

schon auf diese exzentrische Vierundsechzigjährige

aufmerksam, doch so lange sie schön

brav ihre Steuern bezahlte und niemandem groß

auf die Nerven ging, konnten sie nichts unternehmen

und immerhin war ihr Sohn ja Polizist.

Die Türe wurde geöffnet und Monsch trat ein,

er versuchte es jedenfalls, denn die neuesten

Errungenschaften seiner Mutter türmten sich

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meist im Eingangsbereich. Im ganzen Haus kam

es einem vor, wie wenn man in einem Mülleimer

sitzt und auf eine Geröllhalde blickt. Monsch

dachte immer mal wieder daran, wie er dieses

Messigehabe beenden könnte, kam aber zu keiner

Lösung.

»Hallo Mama, wie geht’s dir?«

»Es ginge mir sehr viel besser, wenn Du mich

etwas öfter besuchen würdest.«

Monsch kannte diesen Spruch nur zu gut,

denn er hörte ihn schon seit vielen Jahren und

er war immer der gleiche. »Du weißt ja, wie das

ist, Mama. Aber sag mal, was willst Du denn mit

dieser alten Stoßstange?«

»Schön, nicht? Habe ich unten im Dorf gefunden,

muss ein ziemlich alter Wagen gewesen

sein, denn so richtige Stoßstangen gibt es ja

heute kaum mehr.«

»Und was willst Du damit?«

»Das weiß ich jetzt noch nicht, aber mir wird

schon was einfallen. Möchtest du einen Kaffee?«

Monsch wusste, dass sie nur Pulverschnellkaffee

trank und lehnte dankend ab.

»Ist ja schrecklich, was da in Chur passiert.«

»Du meinst die Morde?«

»Ja, wer tut denn sowas?«

»Das wüsste ich auch gern.«

»Du solltest vorsichtig sein, mein Junge.«

»Bin ich, Mama. Hast du ein Glas Wasser?«

»Klar, setz dich doch.« Monsch räumte ein

paar Schachteln zur Seite und setzte sich an den

Küchentisch.

»Du hättest nie Polizist werden dürfen, das ist

viel zu gefährlich. Ich hatte schon damals, als

dieser Kerl Dich mit dem Messer angriff, große

Angst. Und jetzt das hier.«

»Halb so wild Mama. Er hat‘s offensichtlich

nur auf Mädchen und Geistliche abgesehen.«

»Ich hoffe, du täuscht dich nicht. Hast du Hunger?«

Monsch kannte Mutters Kochkünste, die im

Öffnen von Dosen und dem Wärmen des Inhalts

bestanden. Büchsen, die dann Eingang in eines

ihrer ominösen Kunstwerke fanden und lehnte

dankend ab.

»Aber mein Junge, Du musst etwas essen.«

»Ich habe aber schon gegessen.«

»Hast Du etwas von deinem Vater gehört?«

Das fragte sie jedesmal, wenn er bei ihr war

und sie erhielt auch immer die gleiche Antwort.

»Ja, es geht ihm gut.«

Sie redeten noch zwei Stunden, so lange blieb

Monsch normalerweise, wenn er nicht gerade

eine Steuererklärung für sie ausfüllen musste,

dann verabschiedete er sich mit den Worten:

»Die Pflicht ruft.«

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aber das konnte er wohl kaum ins Feld führen.

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Der Rauch an Lügen, den er hinter sich herzog,

hätte gereicht, eine Armee zu ersticken.

Einsam und vornübergebeugt saß er auf der

harten Bank. Säulen dominierten die Szene

und Weihrauchduft lag in der Luft. Wie fettige

Tentakel hingen ihm die Haarsträhnen ins

Gesicht und versperrten seinen Ausblick. Seine

Hände und sein Rücken schmerzten und ganz

vereinzelt rann eine Träne aus seinen Augenwinkeln

und tropfte auf die holzige Bank. Doch eine

große Erfüllung bemächtigte sich seiner, eine

Erfüllung aus Rache und Vergeltung. Einzelne

Sonnenstrahlen erhellten sein Antlitz und fielen

von oben schräg wie Fächer auf sein Haupt.

In der Hand hielt er eine brennende Kerze. Er

schien nachzudenken, an was und worüber

wuss te nur er und so sollte es auch bleiben. Niemanden

ging es etwas an, was er wirklich wollte

und dachte, nur ihn allein.

Schritte hallten hinter ihm auf den Fliesen,

doch er drehte sich nicht um, zu sehr waren sie

ihm vertraut. Immer wieder hatte er sie gehört,

und sie waren ihm eingeprägt wie das Brandzeichen

eines Tieres. Die Schritte verstummten, es

herrschte völlige Stille, nur ein leises Atmen war

zu hören. Jetzt spürte er es in seinem Nacken.

Er schauderte, aber nur kurz, denn auch dies

war nicht neu. Viele Male hatte er diesen Atem

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gerochen, der nun übelriechend seinen Nacken

einhüllte? Zwiebelduft vermischt mit Knoblauch

und Wein. Eine Stimme ertönte, leise und laut

zugleich, um plötzlich zu versagen, doch noch

drehte er sich nicht um, warum auch, er wusste

auch so genug und hätte auch ohne die Stimme

in seinem Nacken gewusst, was zu tun war. Dann

wieder Laute, ächzende Laute, schrille Laute,

ein leises Husten. Ungerührt blieb er sitzen und

starrte auf seine Kerze, sie begann zu flackern.

Er hielt den Atem an, um die Flamme zu beruhigen.

Wieder die Stimme, diesmal laut und deutlich.

»Du hast Gott gefallen, mein Sohn. Er wird

Dich reich beschenken und bald wirst Du in die

Ewigkeit eingehen, an seiner Seite sitzen mit

all den Engeln des Wohlgefallens. Noch stehen

Aufgaben vor Dir. Dein Werk ist noch nicht vollbracht.

Lass die Fluten über sie hereinbrechen

und ihre Köpfe darin versinken. Das Gesicht

sollen sie verlieren und lass die Toten nicht zur

Ruhe kommen, denn sie haben es nicht verdient.

Und jetzt geh mit Gott, mein Sohn, er wird Dir

den Weg zeigen.«

Er stand auf, ohne sich umzudrehen und verschwand

in der heißen Augustnacht.

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Elvira war ziemlich ratlos. Was sollte sie nur

tun? Sie ging auf die dreißig zu und hatte

in ihrem Leben bis heute nur eins, Pech. Es

schien förmlich an ihren Sohlen zu kleben, wie

ein Stück Hundescheiße und war durch nichts

abzuschütteln und wenn es doch gelang, blieb

noch immer ein entsetzlicher Gestank zurück.

Oft versank sie in Gedanken im Ozean ihres Lebens,

doch genauso oft strampelte sie sich frei,

frei von den Demütigungen, die sie immer und

immer wieder erfahren und ihr einziger Trost

war ihr kleiner Buchladen, den sie seit Jahren in

der Altstadt besaß und da war noch etwas, ihr

kleiner Sohn, ihr Ein und Alles.

In drei Wochen war Einschulung und ihr kleiner

Felix wusste noch immer nicht, wer sein Vater

war, obwohl er ihr damit ständig in den Ohren

lag. Bereits im Kindergarten begannen ihn

die anderen Kinder zu hänseln, ihm an den Kopf

zu werfen, er hätte ja nicht einmal einen Vater.

Sollte das jetzt in der Schule seine Fortsetzung

finden, gar noch schlimmer werden? Nicht, dass

sie nicht wusste, wer dieser geheimnisvolle Unbekannte

war. Zwar wollte ihr Geheimnis partout

nichts von einer Vaterschaft wissen und Unterhaltsbeiträge

zahlte er schon gar nicht, trotzdem

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