Global Compact Deutschland Jahrbuch 2011 - GC Yearbook

globalcompact.de

Global Compact Deutschland Jahrbuch 2011 - GC Yearbook

global Deutschland

compact

2011


Herausgegeben mit freundlicher Unterstüzung durch:

Grußwort

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Das rasche Wachstum der Weltbevölkerung geht angesichts

begrenzter natürlicher Ressourcen mit zunehmenden

Herausforderungen einher – in ökonomischer, ökologischer und

ethischer Hinsicht. Um für alle Menschen, heutigen wie kommenden

Generationen, dem Anspruch auf ein Leben in Würde gerecht

werden zu können, muss wirtschaftliche Leistungskraft mit sozialer

Verantwortung und dem Schutz von Umwelt und Natur in Einklang

gebracht werden. Nur so bieten sich für Entwicklungs- und

Schwellenländer wie für Industriestaaten Chancen dauerhaften

Wirtschaftswachstums und Wohlstands. Denn wirtschaftlicher

Erfolg und Nachhaltigkeit bedingen sich gegenseitig.

Der Global Compact der Vereinten Nationen ist Ausdruck dafür,

dass die Zeichen der Zeit erkannt und ernst genommen werden. Er

erweist sich mit seinen Prizipien zur Bewahrung der Menschenrechte

und Umsetzung von Arbeitsnormen, Umweltschutz und

Korruptionsbekämpfung als globale Richtschnur und wichtige

Diskussionsplattform für Unternehmen, die sich ihrer gesellschaftlichen

Verantwortung bewusst sind.

Es freut mich, dass deutsche Unternehmen maßgebend zur Weiterentwicklung des Global Compact beitragen.

Hier engagieren sich neben großen, international agierenden Unternehmen zunehmend auch kleine und mittelständische

Betriebe. Viele von ihnen setzen Ziele nachhaltigen Wirtschaftens in ihre Unternehmensstrategien

gewinnbringend ein – sei es durch umweltschonenden und kostensparenden Energie- und Ressourceneinsatz

oder durch Innovationen zur Sicherung langfristiger Wettbewerbsstärke. Die Bundesregierung unterstützt das

Deutsche Global Compact Netzwerk und fördert im Rahmen ihrer nationalen Corporate Social Responsibilitiy-

Strategie auch vorbildliche internationale Initiativen.

Wichtige Impulse für verantwortungsbewusstes Wirtschaften erwarte ich mir insbesondere von der Konferenz

der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro im Juni 2012. Sie knüpft an den dortigen Weltgipfel vor 20 Jahren

an, auf dem nachhaltige Entwicklung als globales Leitbild definiert wurde. Gemeinsam mit der Europäischen

Union spricht sich Deutschland für einen Fahrplan für nachhaltiges Wirtschaften aus. Zudem werben wir für

eine stärkere Stellung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen und ihrer Kommission für nachhaltige

Entwicklung.

Durch Vorbilder und Kooperationen in Initiativen und Netzwerken können wir das Bewusstsein für Nachhaltigkeit

auch als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor weiter schärfen. Hierbei nimmt der Global Compact eine

wichtige Rolle ein. Allen Akteuren, die sich in diese weltweite Initiative einbringen, sage ich von Herzen Dank.


3

8

14

16

20

22

26

30

34

36

38

40

42

44

49

50

54

57

Grußwort von

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

Die Gier ist es nicht

Christoph Pfluger

Plädoyer für ein neues Wohlstandskonzept

Daniela Kolbe, MdB

Der Nationale Wohlfahrtsindex

Prof. Dr. Hans Diefenbacher, Benjamin Held, Dorothee Rodenhäuser, Roland Zieschank

Wohlstandsquintett des Denkwerks Zukunft

Stefanie Wahl und Martin Schulte

Alternative Methoden der Wohlfahrtsmessung

Dr. Jan Schumacher

Info: Die zehn wichtigen nationalen und

internationalen Ansätze, Literaturtipps

Reporting

Nachhaltigkeitsberichte bald obligatorisch?

Katrin Gaupmann

Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex –

Vorbild für Europa?

Dr. Frank Simon und Jonas Gebauer

Höchste Zeit für Integrated Reporting

Von Prof. Dr. Norbert Winkeljohann und Nicolette Behncke

EU-Kommission stellt neue CSR-Strategie vor

Differenzierungsprogramm des UN Global Compact

Dr. Elmer Lenzen

Info: Weiterführende Literatur

Innovation

Mit Nachhaltigkeitsinnovationen zur Green Economy

Dr. Jens Clausen

Nachhaltiges Handeln spielerisch fördern

Integriertes Technologie-Roadmapping

Dr. Siegfried Behrendt

Inhalt

Transgovernance – Nachhaltigkeit neu betrachtet

Dr. Louis Meuleman und Falk Schmidt

Info: Tools und Bücher

30

Reporting

6

Jenseits des BIP –

Fortschritt ohne Wachstum?

44Innovation

116

122

123

58

60

62

64

66

68

70

72

74

76

78

80

82

84

Rückblick Deutsches Global Compact Netzwerk

Aus der Arbeit des Deutschen Global Compact

Netzwerks 2011

Dr. Jürgen Janssen

Info: LEAD: Neue Plattform für Leadership

Info: Erstes weltweites Verbraucher-Gütesiegel

für Windenergie

Best PRaCtICe

Übersicht

aBB

Kontinuierliches Mitarbeiterengagement hilft

Menschen in Not

BasF

Weltweit für den Klimaschutz

Bayer

Intelligente Technologien für den Klimaschutz

Bertelsmann

Orchester der Leseförderung

Bosch

Energieeffiziente Gebäude

BsH Bosch und siemens Hausgeräte

Weniger ist mehr

CeWe COLOR

Wie nachhaltige wirtschaftliche Verantwortung zur

Zukunftssicherung beiträgt

Daimler

Starke Verbindung: Global Compact, Integrität und

Nachhaltigkeit

Deutsche Post DHL

GoTeach: Für gerechtere Bildungschancen in der Welt

Deutsche telekom

Das Experiment Deutschland

enBW

Stromerzeugung im Wandel

ernst & Young

Integrated Reporting – Unternehmensberichterstattung

vor einem grundlegenden Wandel?

evonik

Weltweiter Einkauf verpflichtet

124

125

127

86

88

90

92

94

96

98

100

102

104

106

108

110

112

114

Info: Drei Initiativen:

Global Compact – ISO 26000 – OECD-Leitsätze

Info: Neue Publikationen

Stiftung Deutsches Global Compact Netzwerk

FaI rent-a-jet

Grüner Hangar am Flughafen Nürnberg

Forest Carbon Group

Wertvolles muss einen Wert erhalten

GIZ

Innovationen: Türöffner für neue Märkte

Heraeus

Mit Know-how erneuerbare Energien optimieren

und Ressourcen sparen

HOCHtIeF

Power & Innovation – Der Beitrag von HOCHTIEF

zur Energiewende

HypoVereinsbank

Wert schaffen, Werte leben

Lavaris technologies

Einfach besseres Wasser

MaN

Talente entdecken und begeistern

Merck

Hilfe im Kofferformat: Ein Minilabor, das Leben rettet

Miele

Energiemanagement im Dialog mit dem Mitarbeiter

PwC

Wasserknappheit: Unternehmen überprüfen ihre

internationalen Lieferketten

RWe

Energie intelligent und damit nachhaltig nutzen

teCtuM Group

Nachhaltige Personal-entwicklung in modernen

Contact Centern

Volkswagen

Eins und eins gleich drei

Wilkhahn

„Responsible Furniture“ für Mensch und Umwelt


Agenda

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

Fortschritt ohne Wachstum?

Macht Wirtschaftswachstum die Menschen zufriedener oder gar glücklicher? Sowohl empirische Studien als auch

Lebenserfahrung lehren uns, dass dem nicht so ist. Dennoch messen und bewerten wir traditionell die Entwicklung von

Wohlstand und Wohlfahrt mit Hilfe des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Doch diese Verknüpfung birgt zwei fundamentale

Probleme: Das Wirtschaftssystem kann aus sich heraus a priori nicht alle relevanten Indikatoren zur Wohlstandsmessung

bereitstellen. Der Bundestag hat daher eine Enquete-Kommission einberufen, die ergänzende Kriterien benennen soll.

Das zweite Problem ist der Wachstumsglaube. Wir leben auf einem endlichen Planeten. Ein grenzenloses, dauerhaftes

Wachstum ist daher schon rein physikalisch nicht möglich. Dennoch verbraucht die Weltbevölkerung inzwischen eineinhalb Mal

so viele Ressourcen, wie die Erde bieten kann. Die Folgen werden jeden Tag spürbarer – ob Klimawandel, Ressourcenkonflikte

oder Armutsbekämpfung. Die Probleme spitzen sich zu. Aber es gib auch Lösungsansätze: Neue Methoden versprechen, die

ökologisch und soziale Abwärtsspirale aus Wirtschaft = Wachstum = Wohlstand zu durchbrechen.

6 globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011 7


Von Christoph Pfluger

Agenda

ist es nicht

Das Rätsel des ewigen Wachstums. Während die Menschheit

jahrtausendelang mehr oder weniger nachhaltig lebte, setzte ab

etwa 1750 eine verheerende Dynamik ein – mit exponentiellem

Wachstum der Bevölkerung, des Verbrauchs und der Zerstörung.

Was ist eigentlich mit uns geschehen?

Die Wachstumskritik ist sich einig: Weil der Mensch immer

mehr will, müssen wir ständig wachsen. Das klingt plausibel,

aber stimmt es auch? Der Mensch hat schon immer versucht,

seine Lebensbedingungen zu verbessern, ohne damit gleich

eine zerstörerische, exponentielle Dynamik loszutreten. Zwar

hatten die Römer zur Beheizung ihrer luxuriösen Thermen

Italien abgeholzt – aber insgesamt blieb die menschliche

Zivilisation einigermaßen nachhaltig. Das Auf und Ab der

natürlichen Zyklen wies sie in ihre Grenzen.

Wenn die Wachstumskritik also fordert, wir müssten weniger

wollen, greift sie zu kurz, und vor allem macht sie keine

Aussagen über die Ursache der verhängnisvollen Dynamik,

die den Planeten Erde an den Rand des Abgrunds drängt.

Exponentielles Wachstum hatten wir nicht schon immer, es

plagt uns erst seit neuerer Zeit. Das Verheerende an dieser

Form von Wachstum ist unsere Blindheit für seinen naturfremden

Charakter. Exponentielles Wachstum kommt in der

Biosphäre, wo alles wächst, gedeiht und wieder zerfällt, nur

in kurzen Phasen vor – und bei wucherndem Krebs. Aber

ewiges Wachstum in einer endlichen Welt ist nicht möglich,

und deshalb können wir es mit unserer an der Evolution

geschulten Wahrnehmung auch nicht erkennen.

Der größte Fehler des Menschen ist sein Unvermögen, die

Exponentialkurve zu verstehen. Davon ist der emeritierte

amerikanische Physikprofessor Alfred Bartlett überzeugt und

illustriert dies mit seiner mittlerweile berühmt gewordenen

Geschichte von der Flasche, in der sich die Zahl der Bakterien

jede Minute verdoppelt und die nach einer Stunde voll ist. Die

Bakterien merken zwei Minuten vor zwölf – die Flasche ist zu

diesem Zeitpunkt zu einem Viertel gefüllt –, dass es eng wird

und schicken Kundschafter aus. Nach einer Minute kehren sie

mit der frohen Botschaft von drei leeren Flaschen zurück, die

das Wachstumsproblem ein für alle Mal lösen würden. Die

Erleichterung währt nicht lange: Zwei Minuten nach zwölf sind

auch diese voll und das Desaster bricht über die Population

herein. Was man über exponentielles Wachstum wissen muss:

• Das Wesentliche findet ganz am Schluss statt, wenn es zu

spät ist die Entwicklung zu beeinflussen.

• Auch ein vergleichsweise bescheidenes Wachstum von

jährlich zwei Prozent ist exponentiell. Zur Berechnung

der ungefähren Verdoppelungszeit dividiert man 70 durch

den Prozentwert; bei zwei Prozent ergibt dies 35 Jahre, bei

4,3 Prozent, dem aktuellen globalen Wirtschaftswachstum

gemäß Internationalem Währungsfonds, sind es 16 Jahre.

• Verdoppelung bedeutet eine markante Erhöhung des absoluten

Wachstums. Wenn die Weltbevölkerung um ein

Prozent pro Jahr wachsen würde, ein Wert, den sie erst im

20. Jahrhundert erreichte, dann brauchte es 694 Jahre, um

von einer Million auf eine Milliarde zu kommen. Die zweite

Milliarde wäre in hundert Jahren erreicht, die dritte in 41,

die vierte in 29, die fünfte in 22 und die sechste in 18 Jahren.

Der jährliche Zuwachs beträgt zur Zeit 1,14 Prozent und die

siebte Milliarde wurde im Oktober 2011 offiziell erreicht.

Die Blindheit des Menschen für diese unheilvolle Entwicklung

hat noch einen anderen Grund, und der versteckt sich im

Konzept des „shifting baseline syndrome“ des kanadischen

Fischereiwissenschaftlers Daniel Pauly: „Jede Generation von

Fischereifachleuten akzeptiert die zu Beginn ihrer Karriere

bestehenden Fischbestände als Basis für die Bewertung von

Veränderungen. Wenn die nächste Generation antritt, werden

die bis dann gesunkenen Bestände als Grundlinie angenommen.

Das Resultat ist eine schrittweise Verschiebung der

Grundlinie, eine stufenweise Anpassung an das schleichende

Verschwinden der Arten.“

Fazit: Der mit dem exponentiellen Wachstum einhergehende

Wandel kann zwar wahrgenommen werden, aber seine dramatischen

Auswirkungen zeigen sich erst nach Generationen.

Wenn wir verstehen wollen, was heute auf der Erde geschieht,

müssen wir also größere Zeiträume betrachten. Aber da fehlen

uns weitgehend die empirischen Daten. Von den großen

Indikatoren der Menschheitsentwicklung – Bevölkerung,

Produktivität und Naturverbrauch – gibt es nur über die

Bevölkerungszahl einigermaßen verlässliche Zahlen. Immerhin.

Da entdeckt man im 18. Jahrhundert eine markante

Trendwende, das vorher langsame Bevölkerungswachstum

beginnt zu steigen. Was ist da geschehen?

Einen sich selbst begründenden Anstieg des Bevölkerungswachstums

können wir ausschließen. Warum auch sollte die

Bevölkerungszahl plötzlich ansteigen, wenn sie es Jahrtau-

sende zuvor nicht getan hat? Welche neue Kraft hat also im

18. Jahrhundert die Bühne der Zivilisation betreten, sodass

sich die Lebensgrundlagen der Menschheit fundamental

änderten? In Frage kommen die Demokratisierung, die Industrialisierung

und die Einführung des Kreditgeldes. Die

Identifikation einer einzigen Ursache – wenn es denn eine

gibt – geht über die Möglichkeiten dieser kurzen Untersuchung

hinaus. Aber ein paar plausible Feststellungen lassen

sich dennoch machen. Demokratien hat es im antiken Griechenland

bereits gegeben, ohne dass sie die Lebensgrundlagen

hätten angreifen können. Im Falle Roms ist dies allerdings

weniger eindeutig. Die römische Demokratie war fast so

expansiv wie später das Cäsarentum. Den Römern fehlte es

jedoch nicht nur an technischen Möglichkeiten – die Zahl

Null war noch nicht erfunden – es mangelte vor allem ein

Zwang zur Effizienzsteigerung. Sklaven waren zur Genüge

vorhanden, den Hunger der Aristokraten nach Luxus zu

befriedigen. Demokratie als hinreichenden Grund für den

im 18. Jahrhundert einsetzenden Zeitenwandel können wir

also ausschließen.

Kommt die Industrialisierung dafür in Frage? Auch da sind

Zweifel angebracht, die sich ausgerechnet am Beispiel der

Dampfmaschine, dem Motor der Industrialisierung schlechthin,

manifestieren. Der Historiker Tamim Ansary schreibt

in „Die unbekannte Mitte der Welt – Globalgeschichte

aus islamischer Sicht“: „In der muslimischen Welt gab es

die Dampfmaschine schon drei Jahrhunderte, bevor sie im

Westen erfunden wurde. Dort löste sie allerdings rein >>

8 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

9


Agenda

gar nichts aus. Die Dampfmaschine wurde erfunden, um

beim Festbankett eines reichen Mannes einen Drehspieß

anzutreiben und ein Schaf von allen Seiten knusprig braun

zu grillen; eine Beschreibung des Geräts findet sich in einem

Buch des türkischen Ingenieurs Taqi al-Din aus dem Jahr 1551.

Nach dem Fest fiel niemandem eine weitere Verwendungsmöglichkeit

für den Apparat ein, und er wurde wieder vergessen.“

Überhaupt war die orientalische Welt, wie viele Jahrhunderte

zuvor das chinesische Reich, dem Westen in technischer und

wissenschaftlicher Hinsicht weit überlegen, ohne dass dies zu

einem fatalen Angriff auf die Nachhaltigkeit geführt hätte.

Die technisch-industrielle Innovation allein führt also nicht

zu einer sich selbst verstärkenden Entwicklung, auch nicht

in Verbindung mit Gier, von der vermutlich weder Orientalen

noch Chinesen verschont geblieben sind.

Wir kommen der Sache näher, wenn wir die Innovationen

im Geldwesen des 18. Jahrhunderts näher betrachten. Die

Gründung der Bank of England 1694, der Mutter aller Zentralbanken,

gilt allgemein als Geburtsstunde des modernen

Geldwesens. Vorher wurden die Zahlungsmittel, vornehmlich

Münzen, von der Obrigkeit herausgegeben und waren durch

den Wert des Edelmetalls einigermaßen gedeckt. Die Schöpfung

von Zahlungsmitteln durch den Kredit war marginal

und beschränkte sich im Wesentlichen auf Wechsel zur Finanzierung

des Handels ohne Münzgeld und die Herausgabe

von ungedeckten Goldquittungen durch die Goldschmiede,

die damit gleichzeitig Bankiers waren. Diese Zahlungsmittel

waren privat, d.h. sie eigneten sich nur mit Einverständnis des

Gläubigers zur Bezahlung von Schulden. Mit der Gründung

der Bank of England wurde dies anders.

Ihre Gründung geht übrigens auf einen historischen Demokratisierungsschritt

zurück, was allerdings keineswegs bedeutet,

dass sie demokratisch legitimiert wäre. 1688 wurde nämlich

der calvinistische Holländer Wilhelm III. von Oranien von

den Protestanten im englischen Parlament um Hilfe gegen

die Rekatholisierungsversuche von König Jakob II. gebeten.

Wilhelm kam, vertrieb seinen Schwiegervater und bestieg

mit seiner Frau, Maria II., den englischen Thron, allerdings

erst, nachdem er die „Bill of Rights“ unterschrieben hatte, das

Gesetz der Rechte, in dem er sich dem Parlament weitgehend

unterwarf. Unter anderem wurde ihm verboten, ohne Zustimmung

des Parlamentes Steuern zu erheben. Um seinen Krieg

gegen Frankreich finanzieren zu können, wurde deshalb die

Bank of England gegründet. Als guter Calvinist war er der

Zinswirtschaft nicht abgeneigt, auch wenn er, wie in diesem

Fall, selber Zinsen zu zahlen hatte.

Die Gründungsakte verlieh dem privaten, übrigens weitgehend

unbekannten Konsortium, das Recht, nur teilweise durch Gold

gedeckte Banknoten als offizielles Zahlungsmittel herauszugeben.

Sofort setzte intensives Schuldenmachen ein, das 1720 im

berüchtigten Südseeschwindel seinen vorläufigen Höhepunkt

bzw. seinen jähen Absturz fand. Durch die brutale Entwertung

der Papiere auf noch knapp 20 Prozent ihres ursprünglichen

Wertes blieben Aktiengesellschaften noch fast hundert Jahre

in England suspekt.

Ebenfalls 1720 endete in Frankreich John Laws Papiergeld-

Euphorie. Seine Banque Royale hatte massenhaft durch königliche

Ländereien gedeckte Noten herausgegeben, mit denen

Anteile an der Mississippi-Compagnie gekauft wurden und

ihren Wert in schwindelerregende Höhen trieb. Nach dem

verheerenden Platzen der Blase blieb Papiergeld in Frankreich

noch über Generationen verdächtig. Fast wäre der Kapitalismus

an seinen Kinderkrankheiten gestorben.

Aber die Magie der neuen Geldschöpfung war stärker. Der

Schotte William Paterson, auf den die Lizenz der Bank of

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

Der größte Fehler des Menschen

ist sein Unvermögen,

die Exponentialkurve zu

verstehen: Das Wesentliche

findet ganz am Schluss statt,

wenn es zu spät ist, die Entwicklung

zu beeinflussen.

England ausgestellt worden war, brachte es bereits 1694 in

einem Prospekt auf den Punkt: „Die Bank erhält den Zinsgewinn

von all den Geldern, die sie, die Bank, aus dem Nichts

erzeugt.“ Einer solchen Versuchung ist natürlich schwer zu

widerstehen.

Das Problem dieser Form der Geldschöpfung, und damit wollen

wir die historischen Streifzüge abschließen, zeigt gleichzeitig

die enorme Wachstumsdynamik, die sie auslöst. Geld, das

als Kredit entsteht, ist damit nicht mehr ein vorhandener

Wert, sondern einer, der erst noch geschaffen werden muss.

Zudem reicht das in der Volkswirtschaft zirkulierende Geld

nur zur Rückzahlung des Kredits, nicht aber von Zins und

Zinseszins. Damit ein solches Geld seinen Wert behält, müssen

nicht nur die versprochenen Werte geschaffen, sondern

auch ständig neue Kreditnehmer gefunden werden, die die

Geldmenge wachsen lassen. Ein solches Schneeballsystem ist

zum Wachstum verurteilt, sonst bricht es zusammen. Und

weil die Schulden exponentiell steigen, wird der Ausstieg aus

diesem Teufelskreis immer schwieriger.

Wer in einer kapitalistischen Gesellschaft lebt, steigert seine

Leistung nicht freiwillig – er muss! Das ist der Schlüssel

zum Verständnis der industriellen Revolution, die Europa ab

1750 überrollte, zuerst langsam, dann getreu dem Gesetz der

Exponentialfunktion, immer schneller.

Zwar bremste die nach wie vor erforderliche teilweise Golddeckung

die Geldschöpfung, aber nicht nach den Bedürfnissen

der Volkswirtschaft, sondern nach der Verfügbarkeit von Gold.

Wurden neue Goldvorräte entdeckt, stieg die Geldmenge und

die Wirtschaft wuchs, sank sie, folgte eine Rezession.

Eine wichtige Marke in der Geldgeschichte ist die Aufhebung

des Goldstandards in den europäischen Ländern am Vorabend

des Ersten Weltkrieges. Damit wurden die finanziellen Fesseln

zur Bezahlung dieses schrecklichen Abenteuers gelöst, auf

Kredit natürlich, der im Wesentlichen von Deutschland mit

den Reparationen des Versailler Friedensvertrages beglichen

werden musste – mit verheerenden Folgen für das Land, die

Demokratie und letztlich für die ganze Welt.

Seit Nixon 1971 die letzte Bindung des Dollars an das Gold

aufheben musste, weil sich die USA mit dem Vietnamkrieg

in übergroße Schulden stürzten, wird die Geldschöpfung

nur noch beschränkt durch die Zahl der Kreditnehmer, die

ein finanzielles Wachstum versprechen und durch die kaum

vorhandene Spardisziplin von Staaten, die bis vor kurzem erst

noch im Ruf standen, nie bankrott gehen zu können. Ob dieses

Wachstum den Bedürfnissen der Menschen entspricht, ist

dabei sekundär. Ein illustratives Beispiel dafür ist das Auto mit

seinen horrenden Kosten, den Millionen von Verkehrsopfern

und den unübersehbaren Umweltschäden. Es wird gefördert,

weil es unwirtschaftlich ist. In der Tat: Wer auf das Fahrrad

umsteigt, kommt schneller voran, wenn man die Arbeitszeit

zur Finanzierung des Autos und der Strassen mitrechnet. Und

er lebt gesünder und spart Kosten, die die Gesellschaft für den

motorisierten Verkehr übernimmt. Das Problem des Umstiegs

ist die Infrastruktur, die an vielen Orten mittlerweile ein Leben

ohne Auto erheblich erschwert. >>

10 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

11


Agenda

Das Auto illustriert im übrigen den sich gegenseitig verstärkenden

Effekt exponentieller Dynamiken: Während sieben

Milliarden still sitzende Menschen vielleicht kaum auffallen,

erzeugen sieben Milliarden Menschen, die sich mit immer

höherer Geschwindigkeit bewegen, eine viel größere Wirkung.

Man muss nicht viel von Physik verstehen, um zu wissen, dass

Bewegung Druck erzeugt. Je höher das Tempo, desto mehr

Platz braucht der Mensch.

Volkswirtschaftlicher Unsinn sind auch die zentrale Energieversorgung

durch fossile oder atomare Großkraftwerke oder

das Gesundheitswesen mit seiner Fokussierung auf teure

Reparaturen anstatt günstiger Prävention. Und bei den meisten

Konsumartikeln ist die Antwort auf die Schlüsselfrage

eindeutig: Existieren sie, weil jemand ein Geschäft machen

will (oder muss) oder entsprechen sie einem realen Bedürfnis?

Eine Nachfrage, die erst mit milliardenteurem Marketing

angekurbelt werden muss, ist weitgehend synthetisch. Die

Förderung der Gier ist eben nicht umsonst.

Die Echtheit synthetischer Bedürfnisse in einer solchen Wirtschaft

ist nicht einfach zu beurteilen. Legendär sind die

Einschätzungen von Daimler-Benz um 1900, es bestehe ein

Markt für maximal hunderttausend Automobile, da es gar

nicht mehr Kutscher gäbe oder des IBM-Chefs Thomas Watson,

der in den 50er Jahren von einem weltweiten Bedarf von

vielleicht fünf Computern sprach. Heute ist die Notwendigkeit

von Autos und Computern so groß, dass die zivilisierte Welt

ohne sie augenblicklich zusammenbrechen würde. So schafft

sich das Kreditgeld die Welt, die es für sein ewiges Wachstum

braucht. Wir wollen nicht wachsen, wir müssen! Und wir

zerstören fortlaufend die Brücken, zu einem menschlichen

Maß zurückzukehren. Die Welt des Wachstums macht sich

unentbehrlich.

Dieses wirtschaftliche Schneeballsystem ist natürlich kein Ort

für zarte Gemüter. Je weiter es gedeiht, desto größer ist der

Schaden für die Allgemeinheit und desto mehr egoistische

Energie braucht es, um darin zu überleben oder gar erfolgreich

zu sein. Die Gier ist in dieser Hinsicht bloß der Treibstoff,

mit dem die fatale Maschine betrieben wird. Und die Gier

als Ursache der Finanzkrise oder des Wachstumszwangs zu

bezeichnen, ist etwa so stichhaltig wie Verkehrsunfälle durch

Benzinrationierung zu bekämpfen. Dass ein erwünschtes Resultat

erreicht wird, bedeutet noch längst nicht eine korrekte

Identifikation der Ursache.

So sitzen wir tatsächlich in einer Wachstumsfalle. Drei Wege

scheinen kurzfristig aus dem durch Schulden getrieben Wachstumszwang

zu führen, und alle drei sind letztlich versperrt:

• Wenn wir die Schulden durch Rückzahlung reduzieren,

verringern wir den Geldumlauf. Geld verdienen wird

schwieriger, das Gewicht der Schulden proportional höher,

die Erholung erschwert. Dies ist der deutsche Weg, der den

Menschen immer höhere Opfer abverlangt und der nur

„funktioniert“, wenn über den Außenhandel Gewinne zu

machen sind. Das ist ein Nullsummenspiel, in dem nur die

Starken profitieren.

• Wenn wir in der Hoffnung auf Beseitigung der Schulden

das Wachstum mit Krediten befeuern, vergrößern wir nur

die Schulden und treiben uns tiefer in den Teufelskreis.

Dies ist der amerikanische Weg, der in die Hyperinflation

führt.

• Wenn wir die Produktion drosseln, sinken die Mittel zur

Bezahlung der Schulden und Zinsen und damit auch die

Werte der Finanzanlagen. Dieser Weg untergräbt die Basis

unseres Geldwertes und hebt in letzter Konsequenz die

rechtlichen Grundlagen unserer Gesellschaft auf. Ohne

verlässlichen Wert beginnen alle Vertragsverhältnisse zu

wanken, in denen Geld eine Rolle spielt. Dies ist die „Gefahr“

des Negativwachstums.

Es scheint, als würde der österreichische Nationalökonom

Ludwig von Mises mit seinem Diktum Recht bekommen: „Es

gibt kein Mittel, den finalen Zusammenbruch eines Booms

zu verhindern, der auf der Kreditausweitung beruht. Die

Alternative ist nur, ob die Krise früher durch eine freiwillige

Aufgabe der Kreditexpansion eintritt oder später als finale

und totale Katastrophe des betreffenden Währungssystems.“

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

Den Boom, den er zwar nicht meinte, aber um den es hier

geht, ist die industriell-kapitalistische Revolution, die den

Planeten Erde seit ungefähr 1750 in eine gigantische Maschine

umgebaut hat und die zwanghaft immer mehr natürliche

und menschliche Ressourcen in gewinnträchtige Elemente

verwandelt. Das ist die ultimative Blase, die wie jede ihrer

kleinen Vorgängerinnen platzen muss.

Bei den drei gewaltigen exponentiellen Wachstumsdynamiken

Bevölkerung, Produktion/Verbrauch und Umweltzerstörung

innert nützlicher Frist eine Trendwende zu erreichen, scheint

unwahrscheinlich. Konferenzen, Steuern, Technologien, Gesetze,

Appelle – so gut gemeint sie auch sind, sie werden die

historischen Kräfte, die sich über die letzten Jahrhunderte

aufgebaut haben, nicht in zehn oder zwanzig Jahren neutralisieren

können, zumal der dahinter stehende Antrieb, unser

Geldsystem, seinerseits mit exponentieller Wucht zuschlägt.

Und: wenn wir es zähmen, wird es zusammenbrechen.

Ungewollt, aber gezwungenermaßen sind wir damit bei einer

apokalyptischen Perspektive angelangt. Sie müsste allerdings

nicht nur bedrohlich sein. Je größer der Schaden, desto größer

könnte auch die daraus erwachsende Klugheit sein. Nichts

spricht dagegen, eine hyperexponentielle Lernfähigkeit zu

postulieren.

Wenn das Geldsystem auseinanderfällt, die zerbrechlichste der

großen Wachstumsdynamiken, dann wird sich die Erkenntnis

über die Wirkungen des Kreditgeldes und eines zinsfreien,

nachhaltigen Geldes leichter verbreiten. Denn einen großen

Vorteil hatte die technisch-industrielle Entwicklung der letzten

250 Jahre. Sie hat das Know-how und die Infrastruktur zur

Überwindung des Mangels geschaffen, der die Menschheit seit

Beginn der Evolution begleitet hat. Bei gerechter Verteilung

und intelligenter Umnutzung, und da gehört ein gerechtes

Geld zwingend dazu, ist genug für alle da.

Dürfen wir einen hyperexponentiellen Lernprozess erwarten?

Ich glaube ja. Nicht nur wird uns der Schaden die Augen

öffnen, auch die Quantenphysik könnte eine Entwicklung

ermöglichen, für die es nur einen Begriff gibt: Quantensprung.

Nach den Erkenntnissen der Quantenphysik existieren Phänomene,

die es nach konventioneller Physik gar nicht geben

darf, z.B. Gleichzeitigkeit oder die Beeinflussbarkeit der Materie

durch Information. Diese durch Experimente untermauerten

Erkenntnisse bestätigen alte religiöse Mythen, alles sei eins

und Trennung letztlich eine Illusion. Für die Stichhaltigkeit

dieses Glaubens gibt es erstaunliche Hinweise, z.B. von den

amerikanischen GEOS-Satelliten (Geostationary Operational

Environmental Satellites), die kontinuierlich wetterrelevante

Daten, unter anderem auch den Zustand des Erdmagnetfeldes

übermitteln. Just am 11. September 2001, eine Viertelstunde

nach der ersten Attacke auf das World Trade Center, registrierten

die Satelliten eine Veränderung des Erdmagnetfeldes

von bisher unbekannter Stärke. Die weltweite emotionale

Hochspannung beeinflusste ganz offensichtlich das Erdmagnetfeld.

Und dieses, das weiß man aus anderen psychologischen

Forschungen, hat einen Einfluss auf den mentalen

Zustand der Menschen. Diese Zusammenhänge können auch

im Positiven wirken. Je mehr Menschen aufwachen und die

Verbindung erkennen, die alles vereint, desto eher werden

wir in der Lage sein, das unvermeidliche Ende des materiellen

Wachstums positiv zu nutzen. Im Geistigen können wir dann

wieder weiter wachsen. Meinetwegen gerne auch unendlich.

Bis es so weit ist, müssen wir auf individueller Ebene aus

dem Wachstumszwang aussteigen, das Glück des einfachen

Lebens kultivieren und uns mindestens teilweise gegen die

Risiken eines suizidalen Wirtschaftssystems schützen, durch

Ausbau der Selbstversorgung und Pflege nachbarschaftlicher

Beziehungen. Auch hier können wir hemmungslos wachsen.

Ohne Zwang, und mit umso mehr Freude.

ÜBeR DeN autOR

Christoph Pfluger befasst sich als Journalist und Verleger seit 24 Jahren mit

Fragen des Geldsystems. Der Text ist die bearbeitete Fassung eines Artikels aus

dem „Zeitpunkt“, einer Zweimonatszeitschrift „für intelligente Optimistinnen

und konstruktive Skeptiker“.

12 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

13


Agenda

Plädoyer Für ein neues

Soziale Gerechtigkeit, sinkender Umweltverbrauch, individuelle Lebensqualität und auch qualitativer wirtschaftlicher Erfolg:

Diese Aspekte könnten zukünftig den wirklichen Wohlstand unserer Gesellschaft messen. Bislang gilt noch das Bruttoinlandsprodukt

(BIP) pro Kopf und sein Wachstum als gängiger Wohlstandsmaßstab. Doch der Tunnelblick auf das BIP ignoriert, unter

welchen sozialen und ökologischen Bedingungen das Wachstum entsteht. Und er ignoriert, dass Wachstum für Zufriedenheit

nicht reicht. Was wirklich zum gesellschaftlichen Fortschritt beiträgt, wie wir nachhaltig wirtschaften und welchen Indikator wir

dann brauchen, wird bereits diskutiert. Auch die neu eingesetzte Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages „Wachstum,

Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der sozialen Marktwirtschaft“

sucht Antworten.

Von Daniela Kolbe, MdB

In den letzten Jahren hat die Debatte um die Wachstumsgesellschaft

an Tempo gewonnen. Sie ist nicht nur in der OECD,

der UNO oder der EU-Kommission angekommen, sondern wird

auch intensiv in Ländern wie Großbritannien oder Frankreich

geführt. Seit Anfang 2011 beschäftigt sich auch in Deutschland

ein parlamentarisches Gremium damit. 17 Abgeordnete und

17 von den jeweiligen Fraktionen benannte Sachverständige

aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gewerkschaften bilden

gemeinsam die Enquête-Kommission. Abseits des politischen

Alltagsgeschäfts diskutieren sie fünf Themen: den Stellenwert

von Wachstum, einen neuen Wohlstandsindikator, die

Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung des Wachstums

vom Ressourcenverbrauch, eine nachhaltig gestaltende

Ordnungspolitik und schließlich den Bereich Arbeitswelt,

Konsumverhalten und Lebensstile. Mindestens ein Mal im

Monat tagt die Kommission in großer Runde, zusätzlich zu

den Arbeitsgruppensitzungen. Am Ende der Wahlperiode wird

dann 2013 ein umfangreicher Enquête-Bericht mit konkreten

Empfehlungen stehen.

Geringeres Wachstum fordert heraus

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

Dass gerade jetzt Fragen nach dem Sinn der Wachstumsfixierung

westlicher Gesellschaften in den Fokus rücken, ist kein Zufall.

Schließlich ist nicht klar, ob und wie wir bei schrumpfender

und alternder Bevölkerung überhaupt eine hohe wirtschaftliche

Leistung halten können. Und es ist auch ungewiss, ob sich das

Wachstum bei drückenden staatlichen Schulden oder einer

kollabierenden Finanzwirtschaft nicht selbst abstellt. Diese Möglichkeiten

führen in einer wachstumsorientierten Gesellschaft

zu Problemen: für Beschäftigung, Sozialversicherungssysteme

und Staatshaushalte. Entweder schafft man daher rechtzeitig

vernünftige Bedingungen für weiteres nachhaltiges Wachstum

oder stellt sich auf geringeres ein.

Wachstum, aber kein gesellschaftlicher Fortschritt

Zusätzlich gerät unser Wachstumsmodell durch seine Nebenwirkungen

und blinden Flecken unter Druck. Jahrzehntelang

schien zu gelten, dass wirtschaftlicher und gesellschaftlicher

Fortschritt zusammengehören – doch das gilt nicht mehr

voraussetzungslos. Trotz wirtschaftlichen Wachstums erhöhen

sich Wohlstand und Lebensqualität in den westlichen Ländern

in den letzten zwei Jahrzehnten nicht: Die soziale Ungleichheit

wächst (auch global), das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft

sinkt, die natürlichen Lebensgrundlagen werden überfordert

und einige Menschen sind sogar weniger glücklich.

Obwohl wir seit Mitte der neunziger Jahre ein BIP-Wachstum

von mehr als 20 Prozent haben, gibt es in Deutschland heute

weniger sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, und deutlich

mehr in prekärer und niedrig entlohnter Arbeit. Nur das obere

Zehntel der Einkommen ist materiell wohlhabender geworden.

In vielen Ländern Europas sind die Menschen konfrontiert mit

unsicheren Jobs, Sozialabbau und steigenden Lebenskosten bei

real sinkenden Löhnen. Sie eint das Gefühl, dass es in ihren

wohlhabenden Gesellschaften ungerecht zugeht. Dabei empfinden

viele diese Gerechtigkeitslücke seit der Finanzmarktkrise

noch verstärkt. Denn Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft

scheinen außer Kraft gesetzt. Risiko und Haftung gehören kaum

noch zusammen. Gewinne werden privatisiert, Verluste über

Steuern und Sparprogramme vergemeinschaftet. Das Vertrauen

in die Märkte schwindet. Das Zutrauen, dass die Politik noch in

der Lage ist im Sinne der Menschen zu gestalten, auch. Zugleich

überfordert unserer heutiges Wachstumsmodell unsere natürlichen

Lebensgrundlagen. Doch Energie- und Ressourcenverbrauch,

Emissionen und Abfallmengen steigen weiter und gefährden

die Ökosysteme und damit die Grundlagen unseres Lebens und

Wirtschaftens. Daneben beklagen immer mehr Menschen, dass

sich ihr Alltag beschleunigt, sozialer Zusammenhalt verloren

geht und sie sich entfremdet fühlen. Mehr Wirtschaftsleistung

führt nicht dazu, dass jeder einzelne automatisch zufriedener

ist. Ab einem bestimmten materiellen Niveau sind insbesondere

Gesundheit und intakte soziale Beziehungen bestimmend für

das individuelle Wohlergehen.

Wohlstand neu denken und messen

Wenn man wirklich etwas substanziell über gesellschaftlichen

Fortschritt sagen will, dann ist es nötig, diese Entwicklungen

einzubeziehen. Einig ist sich die Enquête-Kommission, dass

sowohl der soziale als auch ökologische Zustand einer Gesellschaft

zum Wohlstand gehören. Doch das BIP als bisher

gängiges Wohlstandsmaß, sagt dazu nichts, und es hat unstrittige

Schwächen. Während ehrenamtliche und unentgeltliche

Familienarbeit als Leistung herausfallen, wirken eigentlich

negative Effekte wie die Reparaturkosten von Umweltschäden

positiv. Die Enquête-Kommission will deshalb einen neuen

Wohlstandsindikator oder ein Indikatorenbündel entwickeln

und materielle Wohlstandsaspekte um immaterielle ergänzen.

Doch wie umfangreich der Indikator sein soll, was und vor

allem wodurch gemessen wird, ist noch offen. Ist soziale Gerechtigkeit

beispielsweise an der Armuts- oder der Abgabenquote,

der Einkommens- oder der Vermögensverteilung oder sogar

dem Ganztagsbereuungsangebot und der Studierendenzahl

abzulesen? Was sind gesundheits- und beziehungsfördernde

Bedingungen? Wann können wir von ökologisch verträglichem

Verhalten ausgehen und wie kommen wir dorthin –

mit Wachstum nur in umweltschonenden Bereichen, einer

Effizienzrevolution oder geänderten individuellen Konsummustern

und politischen Strukturen? Klar wird, dass viele der

Antworten darauf, mit welchen Messwerten wir Wohlstand

zukünftig messen wollen, davon abhängen, welche Lösungen

wir jeweils anpeilen und damit davon, was wir eigentlich

unter gesellschaftlichem Fortschritt und nachhaltigem Wirtschaften

verstehen.

Bei Vielem werden sich die Mitglieder über die Parteigrenzen

hinweg verständigen. Einiges wird am Ende dann jedoch auch

eine Frage politischer Wertentscheidungen bleiben.

ÜBeR DIe autORIN

Daniela Kolbe (SPD) ist Mitglied des Deutschen Bundestags und Vorsitzende der

Enquête-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“.

14 globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011

15


Agenda

der nationale

Bis Mitte dieses Jahrhunderts sollte die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft in den entwickelten Ländern

weitgehend abgeschlossen sein, wenn Zukunftsfähigkeit nach der Definition des Brundtland-Berichtes erhalten bleiben soll.

Um dieses Ziel zu erreichen, kommt der periodischen Berichterstattung über die ökonomischen, ökologischen und sozialen

Entwicklungen eine entscheidende Rolle zu. Denn nur mit deren Hilfe kann festgestellt werden, ob eine Gesellschaft auf dem

Weg ist, das Gesamtziel und die vielen damit verbundenen Einzelziele zu erreichen. Erforderlichenfalls müssten politische

Korrekturen, neue Maßnahmen und Instrumente eingesetzt werden, wenn die Gefahr besteht, die Ziele zu verfehlen – wenn sich

also eine so genannte „Nachhaltigkeitslücke“ auftut.

Von Prof. Dr. Hans Diefenbacher, Benjamin Held, Dorothee Rodenhäuser und Roland Zieschank

In weiten Bereichen der Politik, der Medien und der Öffentlichkeit

ist es üblich – wie auch im Mainstream der Wirtschaftswissenschaften

selbst – weiterhin die traditionellen

makroökonomischen Kennziffern als Maßstab für Erfolg und

Misserfolg in der Gesellschaft zu nehmen, in erster Linie das

Bruttoinlandsprodukt (BIP), in zweiter Linie die Zahl der Arbeitslosen

in der traditionellen Form der Erwerbswirtschaft,

die Außenhandelsbilanz und die Inflationsrate.

An dieser Stelle muss gesagt werden, dass in einer Diskussion

zu Anfang der 1970er Jahre über die Verwertbarkeit des Bruttosozialprodukts

(BSP) [ab 1999 Bruttonationaleinkommen (BNE)

genannt, Anm. der Red.] – das damals noch anstelle des BIP

als Leitindex verwendet wurde – von Seiten einiger Statistiker

immer betont wurde, dass das BSP nie als Wohlfahrtsindex gedacht

oder als solcher konzipiert worden war. Allerdings kamen

einige der Autoren, die in dieser Zeit Wohlfahrtsmaße konstruiert

und berechnet hatten, zu dem Schluss, dass diese durchaus

mit dem BSP korrelierten, sodass das BSP sich dann doch als

Wohlfahrtsmaß eignen würde. In den diesen Veröffentlichungen

folgenden wissenschaftlichen Debatten blieb jene These aber

nicht unwidersprochen, und einige der ursprünglichen Arbeiten

können auch als empirisch widerlegt angesehen werden. Von

dieser Diskussion völlig unberührt hat jedoch in den letzten

Jahrzehnten eine zunehmende Engführung der politischen und

öffentlichen Wahrnehmung von volkswirtschaftlichem Erfolg

oder Misserfolg auf das BIP stattgefunden.

Es ist durchaus problematisch, wenn dem BIP eine solche zentrale

Rolle zugemessen wird. Die grundlegenden Kritikpunkte

an BIP und Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) sind

auch mittlerweile fast schon Allgemeinwissen, und es muss

auch hier konstatiert werden, dass seit mittlerweile 35 (!) Jahren

als „state of the art“ der entsprechenden wissenschaftlichen

Literatur meist folgende Punkte aufgeführt werden:

• Das BSP berücksichtigt nicht, wie der materielle Reichtum

in einem Land verteilt ist. Weder Einkommens- noch Vermögensverteilung

eines Landes gehen in die Berechnung

des BSP ein.

• Die Höhe des jeweiligen BSP ist davon unabhängig, inwieweit

bei der Wertschöpfung Kapital unwiederbringlich verbraucht

wird oder nicht. Kapital wird überhaupt nur in einem sehr

eingeschränkten Sinne betrachtet. Ressourcen, Grund und

Boden sowie Humankapital werden in ihrer Bestandsveränderung

nicht bewertet.

• Der informelle Teil der Ökonomie geht in das BSP nicht ein:

Selbsthilfetätigkeiten, Nachbarschaftshilfe, vor allem aber

die Hausarbeit werden nicht berücksichtigt – es sei denn,

sie wird von bezahlten Hausangestellten geleistet. Im Bereich

der gesamten informellen Ökonomie werden im Regelfall

nur jene Güter und Dienstleistungen bewertet, die über den

Markt abgewickelt werden.

• Die „Leistungen der Natur“ werden in der BSP-Rechnung als

unentgeltliche Leistungen betrachtet. Weder die Rohstoffe,

die der Natur entnommen werden, noch deren Leistungen

als Aufnahmemedium für Schadstoffe, weder ihre Funktion

als „Entwicklungsreservoir“ für künftige Generationen noch

ihre Nutzung im privaten Konsumbereich werden im BSP

berücksichtigt.

• Auch die Kosten der Umweltzerstörung werden nicht angemessen

erfasst, im Gegenteil: Die Schäden durch Umweltverschmutzung

und durch andere negative externe Effekte

wirtschaftlicher Aktivitäten schlagen, soweit sie „behoben“

werden und dabei Kosten in monetarisierter Form anfallen, als

positive Faktoren zu Buche. Sowohl die Restaurierung eines

von Schadstoffen in der Luft angegriffenen Gebäudes als auch

die Reparaturausgaben nach einem Verkehrsunfall – um

zwei häufig angeführte Beispiele zu nennen – erhöhen in

der Messung des BSP die volkswirtschaftliche Wertschöpfung.

• Im BSP wird nicht zwischen wohlfahrtssteigernden und

-mindernden oder zumindest fragwürdigen Gütern und

Dienstleistungen unterschieden. Natürlich ist in vielen

Fällen eine Einordnung problematisch; man denke nur

an den Konsum von Tabak oder Alkohol. Aber auch alle

Defensivausgaben – Ausgaben, die getätigt werden müssen,

damit sich ein bestimmter, einmal erreichter Zustand nicht

verschlechtert – erscheinen im BSP als Wohlfahrtssteigerung.

• Immaterielle Wohlfahrtskomponenten – darauf wurde

bereits hingewiesen – können im BSP prinzipiell nicht

beachtet werden: Dazu gehören etwa der Wert von Freizeit,

der ästhetische Wert einer unzerstörten Landschaft, das

Ausmaß von Lärmbelästigungen und vieles andere mehr.

Um das BIP als Zentralindex zu relativieren oder zumindest zu

ergänzen, werden schon fast ebenso lange alternative Indices

diskutiert. Am häufigsten wurde in den letzten beiden Jahrzehnten

der Index for Sustainable Economic Welfare (ISEW),

über den es auch für Polen eine Fallstudie gibt, oder der Genuine

Progress Indicator (GPI) verwendet; für Deutschland ist

nun auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Auswertung

unterschiedlicher Ansätze der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI)

entwickelt worden.

Der Nationale Wohlfahrtsindex wurde im Rahmen eines vom

Umweltbundesamt und Bundesumweltministerium geförderten

Projekts von Hans Diefenbacher und Roland Zieschank 2009 entwickelt

und für die Jahre 1990 bis 2007 berechnet; hier liegt mit

den Werten für 2008 und 2009 nun die erste Fortschreibung vor,

durch die zum Teil aber auch zurückliegende Werte korrigiert

werden mussten: Einige Daten wie die Einkommensverteilung,

auf denen auch der NWI beruht, wurden durch die Statistik

rückwirkend korrigiert.

Der NWI stellt eine monetäre Kenngröße dar, dass heißt,

alle einbezogenen Komponenten liegen bewertet in Euro als

jährliche Größe vor. Insgesamt umfasst der NWI in seiner

Grundvariante 19 Komponenten. Die Berechnung geht von

der Basisgröße „Privater Verbrauch“ aus. Dieser Ausgangspunkt

beruht auf der Annahme, dass der Private Verbrauch

– der Konsum von Gütern und Dienstleistungen durch die

Haushalte – einen positiven Nutzen stiftet und damit zur

Wohlfahrt der Menschen beiträgt. Da ein zusätzliches Einkommen

für einen armen Haushalt eine höhere zusätzliche >>

16 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

17


Agenda

Wohlfahrt stiftet als für einen reichen Haushalt, wird der

Private Verbrauch mit der Einkommensverteilung gewichtet.

Je ungleicher verteilt das Einkommen einer Gesellschaft ist,

desto niedriger ist – unter sonst gleichen Bedingungen –

der NWI. Außerdem wird die nicht über den Markt bezahlte

Wertschöpfung durch Hausarbeit und Ehrenamt einbezogen,

was im BIP/BNE nicht geschieht.

Sechs Komponenten bilden zusätzliche soziale Faktoren ab,

wobei einerseits Wohlfahrt stiftende Ausgaben des Staates

für Gesundheit und Bildung addiert, andererseits Kosten

etwa von Kriminalität oder Verkehrsunfällen abgezogen

werden. Ökologische Faktoren werden durch neun Komponenten

berücksichtigt: Ausgaben zur Kompensation von

Umweltschäden, Schadenkosten aufgrund unterschiedlicher

Umweltbelastungen und Ersatzkosten für den Verbrauch

nicht erneuerbarer Ressourcen. Eine zusätzlich ausgewiesene

Variante des NWI, die aber noch nicht mit empirischen Daten

unterlegt werden konnte, bezieht darüber hinaus als negative

Position die Nettoneuverschuldung öffentlicher Haushalte

ein und positiv die öffentlichen Ausgaben zum ökologischen

Umbau der Wirtschaft.

Die zentrale Erkenntnis des Vergleichs von BNE und NWI

ergibt sich aus dem Verlauf der Kurven, an dem sich ablesen

lässt, ob das BNE die Richtung von Wohlfahrtsänderungen

korrekt anzeigt. Unterschiedliche Entwicklungen der beiden

Indizes weisen darauf hin, dass dies möglicherweise nicht der

Fall ist: Während das BNE über die gesamte Periode bis 2008

BNe/NWI-aktuaLIsIeRuNG 2008/2009

110

105

100

95

90

85

80

75

70

NWI (neu) BNE real

recht stetig ansteigt, erreicht der modifizierte NWI um das Jahr

2000 seinen Höhepunkt und nimmt in den letzten Jahren in

der Tendenz wieder ab. Verantwortlich für das Sinken des NWI

sind insbesondere die zunehmende Ungleichheit der Einkommensverteilung

in Deutschland und die negativen externen

Effekte im Umweltbereich, deren quantitativ größter Posten die

Ersatzkosten für den Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen

darstellen. Positiv eingehende Faktoren, insbesondere der Wert

der Hausarbeit und ehrenamtlicher Tätigkeiten, die ebenfalls

zunehmen, können dies nicht ausgleichen.

Im November 2011 konnten nun Ergebnisse des NWI für die

Jahre 2008 und 2009 vorgelegt werden. Die Ergebnisse sind

bemerkenswert (siehe Schaubild). Der NWI wird 2008 und

2009 durch die Finanz- und Wirtschaftskrise erheblich weniger

beeinflusst als BNE und BIP. Gerade von 2008 bis 2009 ist ein

erheblicher Rückgang beim BNE zu verzeichnen, während

der NWI in diesem Zeitraum dagegen sogar leicht zunimmt.

Die Ergebnisse des NWI für Deutschland für 2008 und 2009

zeigen zum einen, dass die Wirtschaftskrise in diesen Jahren

den Konsumbereich weit weniger betroffen hat als den Bereich

der Produktion. Die gegenläufige Entwicklung zum BNE lässt

sich aber zu einem guten Teil auch darauf zurückführen, dass

die im NWI berücksichtigten negativen externen Effekte der

Produktion – der Verbrauch von Ressourcen und die Belastung

der Umwelt mit Schadstoffen – durch den Rückgang

der Wirtschaftsaktivitäten ebenfalls deutlich zurückgegangen

sind: bei den Luftschadstoffen beispielsweise auf das Niveau

der 1970er Jahre.

1990

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

Quelle: Statistisches Bundesamt (BNE), eigene Berechnung (NWI)

Dass eine Steigerung der Wohlfahrt – wie der NWI sie definiert

– ohne ein Wachstum des BIP/BNE möglich sein kann,

zeigte bereits der Verlauf des NWI bis 2007. Doch vor allem

die Entwicklungen der vergangenen beiden Jahre bestätigen

dies eindringlich: Der NWI kann sogar in Jahren steigen, in

denen das BNE sinkt. Natürlich ist es in jedem Fall notwendig,

den Einfluss der einzelnen Komponenten des NWI genau

zu analysieren und zu erläutern, welche vor allem für diese

Entwicklungen maßgeblich sind. Insgesamt bestätigt sich

die anfängliche Arbeitshypothese, dass die Berechnung eines

komplexen monetären Wohlfahrtsmaßes unter Nutzung von

Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR)

einen tatsächlichen Mehrwert bietet, den eine Rechnung wie

das BIP nicht leisten kann und soll.

Die Entwicklung der Jahre 2008 und 2009 macht deshalb

besonders deutlich, dass eine Gegenüberstellung von BIP und

NWI eine wichtige Funktion erfüllen kann, derentwegen der

NWI entwickelt wurde: Die Zahlen zeigen, dass ein anderes

Verständnis von Wohlfahrt möglich ist, und dass der NWI als

Beobachtungs- und Analyseinstrument für eine Politik dienen

kann, die sich am Leitbild der ökologischen Tragfähigkeit und

der sozialen Gerechtigkeit orientiert.

Es ist beabsichtigt, den NWI in den nächsten Jahren weiter

fortzuschreiben und auch die Berechnung der Komponenten

durch neue Daten und erweiterte Rechenverfahren zu verbessern.

Die Werte des NWI für 2010 können voraussichtlich im

Frühjahr 2012 vorgelegt werden. Dann soll auch eine aktualisierte

Berechnungsmethode im Detail veröffentlicht werden.

Der NWI zeigt, dass eine andere Betrachtung der gesellschaftlichen

Entwicklung möglich ist, und er entspricht damit dem

Anliegen der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie. Er unterstützt

die Diskussion um Wachstum und Wohlfahrt durch empirische

Ergebnisse, über welchen materiellen Wohlstand wir in

Deutschland wirklich verfügen und welche Art von Wohlfahrt

und gesellschaftlichem Fortschritt angestrebt werden könnte.

Denn immer deutlicher wird, dass nicht alle vom BIP erfassten

Aktivitäten zur Steigerung von Umsatz im Ergebnis auch zu

einer Sicherung und Erweiterung des wirtschaftlichen, sozialen

und ökologischen Kapitals beitragen.

ÜBeR DIe autOReN

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

Prof. Dr. Hans Diefenbacher, Dipl.Volksw. Benjamin Held und Dorothee

Rodenhäuser M.A. arbeiten alle an der Forschungsstätte der Evangelischen

Studiengemeinschaft – Institut für interdisziplinäre Forschung (FEST), Heidelberg.

Roland Zieschank arbeitet am Forschungszentrum für Umweltpolitik

(FFU), Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften, Freie Universität Berlin.

ÜBRIGeNs ...

Die Kritik am Wachstumskonzept ist eng verbunden

mit der Sehnsucht nach Glück. Einige Staaten

haben diesem Streben sogar einen Verfassungsrang

eingeräumt: So ist im Himalaja-Staat Buthan nicht

Wirtschaftswachstum der wichtigste Auftrag

der Regierung, sondern die Steigerung des

„Bruttonationalglücks“ („Gross National Happiness“).

Nicht ganz so bekannt ist, dass auch die USA in der

Unabhängigkeitserklärung das Streben nach Glück

(Pursuit of Happiness) als Staatsauftrag proklamiert

haben. Doch was ist eigentlich Glück? Diese Frage

beschäftigt weise Autoren seit Menschengedenken.

Etymologisch stammt das Wort aus dem

mittelhochdeutschen „gelücke“ und bedeutet soviel

wie „Art, wie etwas endet/gut ausgeht“. Dafür

bedarf es weder Talent noch Engagement. Es

beschreibt sicher manchen „Glückspilz“, ist aber als

Definition selbst zu kurz gegriffen. Weiser erscheint

da die Meinung des großen antiken Philosophen

Aristoteles: Um das Glück zu erlangen, so heißt es

bei ihm, muss ein Individuum nicht nur Vernunft

besitzen, sondern diese auch gebrauchen.

18 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

19


Agenda

des denkwerks Zukunft

Nach wie vor wird der Wohlstand von Gesellschaften vor allem durch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Dahinter steht

die Vorstellung, dass, wenn die Wirtschaft wächst, sich die Lebensbedingungen der Menschen insgesamt verbessern.

Lange Zeit war diese Sichtweise durchaus plausibel. Insbesondere in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg

stiegen mit dem BIP nicht nur Einkommen und Konsummöglichkeiten breiter Bevölkerungsschichten, sondern die Menschen

profitierten auch von sichereren Arbeitsplätzen, mehr Freizeit, höherer Bildung, größeren politischen und individuellen

Freiheiten, besserer Gesundheit und anderem mehr.

Von Stefanie Wahl und Martin Schulte

Seit geraumer Zeit haben sich allerdings viele dieser Zusammenhänge

gelockert und teilweise sogar in ihr Gegenteil verkehrt.

Obwohl das BIP in den meisten westlichen Industrieländern

weiter wächst, verschlechtern sich die Lebensbedingungen

großer Teile der Bevölkerung. Die Realeinkommen sinken, die

Armutsquoten steigen, die Arbeitsbelastung nimmt zu, Familienstrukturen

zerbrechen, Zivilisationskrankheiten breiten sich

aus und Natur und Umwelt werden zunehmend geschädigt. In

einigen Ländern wie den USA deutet sich sogar ein Rückgang

der Lebenserwartung an.

Um den Wohlstand realitätsnäher zu messen, schlägt das

Denkwerk Zukunft deshalb vor, dem BIP vier weitere Indikatoren

zur Seite zu stellen. Gemeinsam ergeben sie das

Wohlstandsquintett:

1 | Das Pro Kopf-BIP ist im Wohlstandsquintett der Indikator für

die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes und die

Versorgung seiner Bevölkerung mit Gütern und Diensten.

2 | Um zu erkennen, ob von diesem materiellen Wohlstand

große oder nur kleine Bevölkerungsschichten profitieren,

wird die so genannte 80/20-Relation herangezogen. Sie misst

das Verhältnis der verfügbaren Einkommen des wirtschaftlich

stärksten zum wirtschaftlich schwächsten Fünftel der

Bevölkerung.

3 | Die gesellschaftliche Ausgrenzungsquote ist im Wohlstandsquintett

der Gradmesser für den sozialen Zusammenhalt.

Sie gibt den Bevölkerungsanteil wieder, der sich aus der

Gesellschaft ausgeschlossen und von ihr an den Rand gedrängt

fühlt.

4 | Als Korrektiv zum BIP wird der Substanzverzehr, der mit

der Produktion und dem Konsum von Gütern und Diensten

einhergeht, in die Wohlstandsbetrachtung einbezogen. Hierfür

wird – jeweils pro Kopf – der ökologische Fußabdruck

ins Verhältnis zur global verfügbaren Biokapazität gesetzt.

Die Relation zeigt an, wie stark der Verbrauch natürlicher

Ressourcen die ökologische Tragfähigkeit der Erde überschreitet.

5 | Die Schuldenquote der öffentlichen Hand als Verhältnis der

öffentlichen Schulden zum BIP zeigt schließlich an, ob und

wie stark der materielle Wohlstand auf Kosten der Zukunft

erwirtschaftet wird.

Ziel des Wohlstandsquintetts ist, das Wohlstandsverständnis

zu erweitern und den Blick auf Bereiche zu lenken, die für

das Wohlbefinden der Menschen besonders wichtig sind. Das

Wohlstandsquintett zielt nicht darauf ab, den Wohlstand der

Gesellschaft in seiner ganzen Breite und Vielfalt detailgetreu

wiederzugeben. Hierfür müssten wesentlich mehr als nur

fünf Indikatoren betrachtet werden. Von einer größeren Zahl

an Indikatoren – wie bei den meisten Indikatorensets üblich

– wurde jedoch abgesehen, weil dies die Übersichtlichkeit

und Handhabbarkeit für Politik und Öffentlichkeit erheblich

einschränkt.

Ebenso wurde darauf verzichtet, die Indikatoren des Wohlstandsquintetts

zu einem einheitlichen Index zusammenzufassen. Zum

einen gibt es hierfür kein allgemein anerkanntes Verfahren.

Insbesondere bei der Normierung und der Gewichtung von

Indikatoren gehen wichtige Informationen verloren. Zum anderen

können die Menschen durch die getrennte Darstellung

der Indikatoren ein Bewusstsein für Bedeutung und Verlauf

nicht materieller Wohlstandsindikatoren entwickeln. Die Verwendung

eines einzigen Wohlstandsindex würde das Erreichen

dieses Ziels erschweren.

Wird der Wohlstand in Deutschland und anderen EU-Ländern

mit dem Wohlstandsquintett gemessen, verschlechtert sich

deren Wohlstandsbilanz im Vergleich zum BIP beträchtlich.

So finden sich das Vereinigte Königreich und Frankreich, die

aufgrund des hohen Pro-Kopf-BIPs in der öffentlichen Wahrnehmung

in der Rangfolge wohlhabender Länder weit oben

liegen, im Mittelfeld der EU-Länder wieder, wenn die übrigen

Indikatoren in die Bewertung einbezogen werden. Umgekehrt

werden Länder aufgewertet, die wie Slowenien oder die Slowakei

zwar über bescheidenen materiellen Wohlstand verfügen, dafür

aber geringe Einkommensungleichheiten, gesellschaftliche

Ausgrenzungs- und Schuldenquoten aufweisen.

Deutschland ist im europäischen Vergleich insgesamt wohlhabend.

Der materielle Wohlstand ist hier überdurchschnittlich.

Zudem fühlen sich deutlich weniger Menschen gesellschaftlich

ausgegrenzt als im Durchschnitt der EU. Auch die Einkommensungleichheit

liegt – wenn auch knapp – unter dem

europäischen Mittel. Sie ist jedoch in den zurückliegenden

Jahren deutlich stärker gestiegen als in den anderen EU-Ländern.

Hält dieser Trend an, könnte dies den sozialen Frieden in

Deutschland früher oder später gefährden. Überdurchschnittlich

ist allerdings die Schuldenquote der öffentlichen Hand.

Zusammen mit anderen flächen- und bevölkerungsreichen

Ländern wie dem Vereinigten Königreich und Frankreich hat

Deutschland ein Schuldenniveau erreicht, das den politischen

Handlungsspielraum erheblich einschränkt und die wirtschaftliche

Entwicklung zunehmend beeinträchtigt.

Wie im übrigen Europa wird auch in Deutschland der materielle

Wohlstand durch eine massive Ausbeutung natürlicher Lebensgrundlagen

erwirtschaftet. Würden alle Menschen so leben wie

die Deutschen, würden sie knapp dreimal so viele natürliche

Ressourcen verbrauchen, wie die Erde zur Verfügung stellt.

Oder anders gewendet: Deutsche und Europäer haben heute

einen hohen materiellen Wohlstand, weil sie die Grundlagen

ihres künftigen Wohlstands zerstören. Die Indikatoren des

Wohlstandsquintetts dienen somit auch als Frühwarnsystem.

ÜBeR DIe autOReN

Stefanie Wahl ist Geschäftsführerin des Bonner Denkwerks Zukunft – Stiftung

kulturelle Erneuerung. Martin Wahl ist dort wissenschaftlicher Mitarbeiter.

20 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

21


Agenda

alternative methoden der

Der anhaltende Klimawandel, die Auswirkungen der Finanz- und

Wirtschaftskrise und auch die aktuellen Bestrebungen in Deutschland,

eine Wende hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung zu

vollziehen, verdeutlichen, dass gesellschaftliches Wohlergehen

nicht allein auf wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit gründet,

sondern von weiteren Faktoren maßgeblich bestimmt wird.

Verteilungsfragen, das subjektive Wohlbefinden der Bevölkerung

und ökologische sowie soziale Nebeneffekte wirtschaftlichen

Wachstums rücken zunehmend in das Blickfeld der Öffentlichkeit.

Dennoch bilden zentrale politische und wirtschaftliche Steuergrößen

wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch immer primär

die ökonomische Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft ab

und beleuchten somit nur einen Ausschnitt gesellschaftlicher

Wohlfahrt.

einordnung und BeWertung

sYsteMatIsIeRuNG uNteRsCHIeDLICHeR aNsätZe DeR WOHLFaHRtsMessuNG (GRaFIk 1)

Aggregation zu einem einzelnen

Indikator („wohlfahrtsindizes“)

In Geldeinheiten bewertete

Indizes („BIP-revisionen“)

• Measure of Economic Welfare

• Index of Sustainable Economic Welfare

• Genuine Progress Indicator

• Nationaler Wohlfahrtsindex

Alternative wohlfahrtsmaße

dimensionslose Indizes

(„Composite Indices“)

Verzicht auf Aggregation

(„Indikatorenbündel“)

• Eurostat Social Indicators

• Wohlfahrtsquartett des Denkwerks Zukunft

• Indikatorenbündel des Sachverständigenrats

• Indikatorenbericht zur Nachhaltigkeitsstrategie

der Bundesregierung

„Objektive Indizes“ Gemischte Indizes subjektive Indizes

• Human Development Index

• Index of social Progress

• Bergheim-Fortschrittsindex

• KfW-Nachhaltigkeitsindikator

• Happy Years Index

• Index of Living Conditions

• Gross National Happiness

• Australian Wellbeing Index

• Happiness Equation

Quelle: Lerbs, van Suntum (2011)

Von Dr. Jan Schumacher

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

Zurzeit bemühen sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft,

durch die Bereitstellung zusätzlicher Messgrößen ein vollständigeres

Bild vom Zustand der Gesellschaft zu erhalten. Jüngst

hat sich auch der Deutsche Bundestag mit der Einsetzung einer

Enquête-Kommission in die Debatte eingeschaltet. Ihr Auftrag

umfasst u. a. die Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands-

und Forschrittsindikators.

Systematisierung unterschiedlicher Ansätze in der

Praxis

Um ein Bild von der Wohlfahrt einer Gesellschaft zu erhalten,

identifiziert und misst man die sie bestimmenden relevanten

Einflussfaktoren. Grafik 1 systematisiert die aktuell diskutierten

Ansätze zur praktischen Wohlfahrtsmessung. Man unterscheidet

zwischen aggregierten Wohlfahrtsmaßen und Indikatorenbündeln.

Aggregierte Wohlfahrtsmaße können in Geldeinheiten

ausgedrückt oder als dimensionslose Indizes berechnet werden.

Dimensionslose Indizes beruhen auf verschiedenen statistischen

Kennzahlen, es stellt sich das Problem ihrer relativen Gewichtung

zueinander. Die dimensionslosen Indizes lassen sich wiederum

in „objektive“, subjektive oder gemischte Indizes unterteilen.

Im Gegensatz zu aggregierten Wohlfahrtsmaßen verzichten

Indikatorenbündel auf die Zusammenführung mehrerer Wohlfahrtskomponenten

zu einem einzelnen Index. Ihr Nachteil

besteht vor allem in der schlechteren Kommunizierbarkeit

gegenüber Politik und Öffentlichkeit, da „eindeutige“ Richtungsaussagen

fehlen. Dafür werden aber methodisch nicht

vollkommen befriedigend lösbare Bewertungs- und Gewichtungsprobleme

vermieden.

Anspruchsvolle Konstruktion von Wohlfahrtsmaßen

Nach Ansicht der sozialwissenschaftlichen Indikatorenforschung

sollte ein Wohlfahrtsmaß in sich widerspruchsfrei und theoretisch

fundiert sein (theoretische Konsistenz). Es sollte ferner

die relevanten Wohlfahrtsdimensionen unter Vermeidung

von Doppelzählungen möglichst vollständig abdecken. Eine

hohe Objektivität kann einem Wohlfahrtsmaß zugesprochen

werden, wenn bei der Konstruktion in möglichst geringem

Umfang normative Werturteile einfließen. Die Ergebnisse

eines Wohlfahrtsmaßes sollten sinnvoll interpretierbar sein,

das heißt, es sollte eine in der Richtung eindeutige und nachvollziehbare

Aussage über die Erhöhung bzw. Verminderung

der Wohlfahrt ermöglichen. Weitere wichtige Aspekte zur

Beurteilung der Güte eines Wohlfahrtsmaßes sind die Qualität

und zeitnahe Verfügbarkeit geeigneter Daten. Da es sich bei

der gesellschaftlichen Wohlfahrt letztlich um eine politische

Zielgröße handelt, gehören zusätzlich zu wissenschaftlichen

Gütekriterien auch Kommunizierbarkeit, Anpassbarkeit und

(wirtschafts-)politische Anwendungsbreite zu den wichtigen

Beurteilungskriterien alternativer Wohlfahrtsmaße.

Die Grafiken 2 und 3 bewerten in diesem Sinn internationale

und nationale Ansätze zur Wohlfahrtsmessung. Ein Vergleich

dieser Ansätze zeigt, dass sie nicht nur unterschiedliche Herangehensweisen

wählen, sondern sich auch in ihrer Aussagekraft

bzw. Verwendbarkeit stark voneinander unterscheiden.

Breites Spektrum an Ansätzen zur Wohlfahrtsmessung

Seit Beginn der 1990er-Jahre haben sowohl Regierungen in verschiedenen

Ländern als auch supranationale Institutionen und

Organisationen begonnen, neue Wohlfahrtsmaße zu entwickeln.

Viel beachtete internationale Vorschläge für neue Messverfahren

sind die „OECD Headline Social Indicators“, die Eurostat-

Indikatoren für nachhaltige Entwicklung, das vom deutschen

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen

Entwicklung und dem französischen Conseil d’Analyse

Economique entwickelte Indikatorenbündel sowie der Inequality-

Adjusted Human Development Index, eine Weiterentwicklung

des Human Development Index’ der Vereinten Nationen. >>

22 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

23


Agenda

Diese Messansätze weisen, wie in Grafik 2 veranschaulicht,

erwartungsgemäß spezifische Vor- und Nachteile auf. Beispielsweise

zeigt sich im Vergleich von Inequality Adjusted Human

Development Index und Indikatorenbündel der Sachverständigenräte

der Zielkonflikt zwischen einer möglichst vollständigen

Abbildung aller Wohlfahrtsdimensionen und einer leichten

Kommunizierbarkeit.

Wesentliche deutsche Initiativen zur Entwicklung alternativer

Wohlstandsmaße sind der „Indikatorenbericht zur nachhaltigen

Entwicklung in Deutschland“ des Statistischen Bundesamtes,

der im Auftrag des Umweltbundesamtes entwickelte „Nationale

Wohlfahrtsindex (NWI)“, der „Fortschrittsindex“ des Zentrums

für gesellschaftlichen Fortschritt (Frankfurt), das „Wohlstandsquartett“

des Denkwerks Zukunft (Bonn) [Anm. der Red.: heute

„Wohlstandsquintett“], das vom CAWM entwickelte „Glücks-BIP“

und der „KfW-Nachhaltigkeitsindikator.“ Die verschiedenen

Ansätze werden in Grafik 3 gegenübergestellt. Für den KfW-

Nachhaltigkeitsindikator ergibt sich beispielsweise aus diesem

Vergleich die Überlegung, auch den Wohlfahrtsaspekt der

Verteilungsgerechtigkeit zusätzlich aufzugreifen.

ReLatIVe stäRkeN uND sCHWäCHeN DeR GeNaNNteN MessaNsätZe aus INteRNatIONaLeN INItIatIVeN

(GRaFIk 2)

grunddaten

• Typ

• Dimension

• Einzelkomponenten

Theroretische Konsistenz

Vollständigkeit

• Materielle private Güter

• Immaterielle private Güter

• Materielle öffentliche Güter

• Immaterielle öffentliche

güter

• Gerechtigkeit (Verteilung)

• Nachhaltigkeit

Objektivität

Interpretierbarkeit

Qualität und Verfügbarkeit

der verwendeten Daten

Kommunizierbarkeit

Anpassbarkeit

Anwendungsbreite

OeCd Headline

social Indicators

Bündel


9

Indikatoren für nachhaltige

entwicklung

von eurostat

Bündel


12

Indikatorenbündel

der sachverständigenräte

Bündel


25

Inequality-adjusted

Human development

Index

index

dimensionslos

4

Quelle: Lerbs, van Suntum (2011)

ReLatIVe stäRkeN uND sCHWäCHeN DeR GeNaNNteN MessaNsätZe DeutsCHeR INstItutIONeN (GRaFIk 3)

grunddaten

• Typ

• Dimension

• Einzelkomponenten

Theroretische Konsistenz

Vollständigkeit

• Materielle private Güter

• Immaterielle private Güter

• Materielle öffentliche Güter

• Immaterielle öffentliche

güter

• Gerechtigkeit (Verteilung)

• Nachhaltigkeit

Fazit und Ausblick

Die große Anzahl von Initiativen, die sich mit der Frage einer

umfassenden Wohlfahrtsmessung befassen, ist der sich vielerorts

durchsetzenden Erkenntnis geschuldet, dass wirtschaftliches

Wachstum allein nur begrenzt Rückschlüsse auf das Wohlergehen

einer Volkswirtschaft erlaubt. Zwar kommt traditionellen

ökonomischen Steuer- und Zielgrößen (wie z. B. dem BIP) nach

wie vor eine zentrale Bedeutung zu, gleichzeitig steigt jedoch

das Interesse an einer stärkeren Berücksichtigung zusätzlicher

Aspekte gesellschaftlicher Wohlfahrt.

Obwohl einer objektiven, repräsentativen und verlässlichen

Wohlfahrtsmessung zum Teil erhebliche methodische Hürden

entgegenstehen, existieren bereits heute auf nationaler und

internationaler Ebene zahlreiche viel versprechende Vorschläge.

Spannend ist vor allem auch die Frage, inwiefern sich alternative

Wohlfahrtsmaße tatsächlich in Politik und Wirtschaft als

Entscheidungsgrundlagen werden durchsetzen können. Bereits

heute ist weitgehend Konsens, dass sie eine wichtige Ergänzung

traditioneller ökonomischer Messgrößen darstellen, sie aber

dennoch nicht vollständig ersetzen können.

In jedem Fall haben die teils dramatischen Folgen der Wirtschafts-

und Finanzkrise nochmals verdeutlicht: Für eine Gesellschaft

mindestens ebenso wichtig wie die Messung ihrer ökonomischen

Leistungsfähigkeit und die Quantifizierung ihres Wirtschaftswachstums

ist das Wissen um die Quellen der Wohlfahrt, die

Verteilung des Erwirtschafteten und die Auswirkungen heutiger

Aktivitäten auf zukünftige Generationen.

24 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

25

Objektivität

Interpretierbarkeit

Qualität und Verfügbarkeit

der verwendeten Daten

Kommunizierbarkeit

Anpassbarkeit

Anwendungsbreite

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

nationaler

wohlfahrts-

index

index

Geldeinheiten

21

fortschritts-

index

index

dimensionslos

4

wohlstands-

quartett

Bündel


4

QueLLe

Glücks-BIP

index

dimensionslos

11

Indikatorenbericht

zur nachhaltigkeitstrategie

Bündel


29

kfw-nach-

haltigkeits-

indikator

index

dimensionslos

37

Quelle: Lerbs, van Suntum (2011)

Der Artikel von Dr. Jan Schumacher ist eine gekürzte Version eines Beitrags in

Akzente Nr. 42 vom Mai 2011, Hrsg. KfW-Research. Einen ausführlichen Überblick

über Chancen und Herausforderungen einer umfassenderen Wohlfahrtsmessung

und über wesentliche aktuelle Initiativen liefert eine im Auftrag der KfW Bankengruppe

durch das Centrum für angewandte Wirtschaftsforschung Münster

(CAWM) erstellte Studie.


Agenda

Alternative Wohlfahrtsmessung

DIe ZeHN WICHtIGeN NatIONaLeN

uND INteRNatIONaLeN aNsätZe

1 OECD Headline Social

Indicators

Der OECD-Ansatz geht zurück

auf die „Istanbul-Deklaration“ von

2007, in der sich die Organisation

zur Messung und Förderung

der Wohlfahrt verpflichtete. In

2009 wurden dazu erstmals

acht Leitindikatoren (Headline

Social Indicators) veröffentlicht.

Der gemeinsame Charakter der

Indikatoren ist ihre internationale

Vergleichbarkeit und die

Verfügbarkeit von dazu passenden

Daten. Die Datenlage offenbart

allerdings auch die Schwäche

des Ansatzes: Durchaus wichtige

Aspekte, zu denen es eben keine

flächendeckenden Kennzahlen

gibt, werden ausgeblendet.

Überraschend ist zudem, dass

das Thema Nachhaltigkeit wenig

beachtet wird.

2 EU Beyond-GDP-Initiative

Seit 2009 beschäftigt sich

auch die EU-Kommission mit

der Beurteilung von Wohlfahrt.

Auslöser war eine Konferenz

„Beyond GDP (Gross Domestic

Product oder Bruttoinlandprodukt)“

in 2007, die das EU-Parlament

gemeinsam mit dem WWF,

Club of Rome und der OECD

veranstaltete. Die Initiative hat

aus über 100 Einzelindikatoren elf

sogenannte Leitindikatoren für ein

entsprechendes Indikatorenbündel

ausgewählt. Damit soll künftig

der Zielerreichungsgrad der

EU-Strategie für nachhaltige

Entwicklung (Lissabon Strategie)

gemessen werden. Statt

absoluter Werte werden also eher

Fortschritte beschrieben.

3 Stiglitz-Sen-Fitoussi-

Kommission

Die Kommission wurde 2008 vom

französischen Präsidenten Nicolas

Sarkozy einberufen. Ihr Auftrag

besteht darin, neue Wege der

Wohlstandsmessung jenseits des

BIP als Leitindikator auszuloten.

Bekannteste Persönlichkeit

des Gremiums ist der US-

Wirtschaftswissenschaftler Joseph

Stiglitz. Der Nobelpreisträger gilt

als scharfer Kritiker neoliberaler

Globalisierung und vor allem der

Bankenlandschaft. Die Kommission

brachte einen wichtigen Aspekt

in die Diskussion: Bei der

Wohlfahrtsmessung dürfen nicht

nur die Aktivitäten zählen, die

auf Märkten stattfinden, sondern

genauso auch Tätigkeiten im

Haushalt oder Ehrenamt.

4 UN Human Development Index

(Inequity-adjusted)

Der Human Development Index

(HDI) der Vereinten Nationen wird

seit 1990 publiziert und ist weltweit

bekannt und akzeptiert. In einer

modifizierten Fassung werden

jetzt auch verstärkt Aspekte der

Ungleichheit gemessen. In die

Berechnungen fließen Pro-Kopf-

Einkommen, Lebenserwartung,

Ausbildungsdauer und Verteilung

dieser Aspekte ein. Dass

Verteilungsgerechtigkeit nicht nur

auf Einkommen, sondern auch

auf Bildungschancen angewandt

wird, ist beachtenswert. Einige

Experten kritisieren allerdings,

dass es sinnvoller sei, das

Netto-Einkommen statt des

Brutto-Einkommens auszuweisen.

Dennoch: Der UN Index wird sicher

auch in Zukunft die Debatte prägen

und beflügeln.

5 Nationaler Wohlfahrtsindex

Der Index entstand im Auftrag des

Umweltbundesamtes und setzt auf

eine Ergänzung der BIP-Messwerte.

So werden auch solche Güter

und Aktivitäten erfasst, die auf

dem herkömmlichen Markt nicht

gehandelt bzw. falsch bewertet

werden. Das gilt vor allem für

informelle Tätigkeiten wie etwa

Hausarbeit sowie für zahlreiche

Umweltfolgeschäden, z.B. durch

Lärm, Bodenbelastung oder Verlust

von Ackerflächen. Die Auswahl

ist dabei stark auf ökologische

Werte ausgerichtet. Die Annahme,

dass bestimmte Themenfelder

traditionell unterbewertet sind,

zeigt allerdings auch schon

den normativen Unterton des

Indexes. So nützt er vor allem

als argumentative Hilfe für einen

Politikwechsel.

(-> Beitrag Diefenbacher ab S. 16)

6 Fortschrittsindex

Bevor Stefan Bergheim den

Fortschrittsindex entwickelte, war er

als Volkswirt bei Investmentbanken

wie etwa Merrill Lynch sowie

der Deutschen Bank Research

beschäftigt. Heutet leitet er das

Zentrum für gesellschaftlichen

Fortschritt, der den Index publiziert.

Der Fortschrittindex ist so designt,

dass er für Deutschland im Jahr

2000 den Ausgangswert 1,0

festlegt. Künftige Veränderungen

werden von diesem Basispunkt

aus gemessen. Insofern dient der

Fortschrittindex vor allem der

Darstellung eines dynamischen

Verlaufs über einen Zeitraum hinaus.

7 Wohlstandsquintett

Das Wohlstandsquintett des

Denkwerks Zukunft, eines Bonner

Think Tanks unter Leitung von

Meinhard Miegel, empfiehlt die

Messung von Wohlfahrt anhand von

fünf Themenfeldern: Materieller

Wohlstand, Gerechtigkeit, sozialer

Zusammenhalt, ökologische

Nachhaltigkeit und neuerdings der

Staats-Schuldenquote. Die Kriterien

sind pragmatisch ausgewählt, weil

sie einen hohen gesellschaftlichen

Konsens widerspiegeln. Allerdings

ist anzumerken, dass Aspekte

wie Gesundheit und Bildung

fehlen. Dennoch eignet sich das

Wohlstandsquintett nach Aussagen

der Autoren sehr gut zur Beurteilung

von Wohlstandsnationen wie etwa

Deutschland.

(-> Beitrag Wahl/Schulte ab S. 20)

Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

8 Glücks-BIP

Das Glücks-BIP wurde vom

Centrum für angewandte

Wirtschaftsforschung (CAWM

Münster) im Auftrag der Initiative

Neue Soziale Marktwirtschaft

entwickelt. Es handelt sich

um einen im wesentlichen

subjektiven Indikator, der die

Lebenszufriedenheit in einer nach

oben offenen Skala darstellt.

Zur Ermittlung des „Glücks-

Zustands“ werden Fragen zu

Beruf und Arbeitszeiten gestellt,

und es kommen u.a. Sorgen zur

Arbeitsplatz- und finanziellen

Sicherheit zu Wort. Insgesamt ist der

Glücks-BIP kein verallgemeinbarer

Wohlstandsindikator, sondern

macht eher individuelle Aussagen.

Offen bleibt sicher auch die Frage,

ob die Messkriterien in anderen

Kulturen anwendbar oder „typisch

deutsch“ sind.

9 Indikatorenbericht des

Statistischen Bundesamtes

Auch das Statistische Bundesamt

beteiligt sich an der Suche nach

Wohlstand. Alle zwei Jahre werden

Indikatoren aus 21 Bereichen

erhoben. Der Indikatorenbericht

dient zur Überprüfung der

Nachhaltigkeitsstrategie der

Bundesregierung. Als solcher

nimmt er eine Sonderstellung

ein, da die Auswahl der Kriterien

eindeutig politischen Maßgaben und

nicht so sehr wissenschaftlichen

Überlegungen folgen. Die

Beurteilung der Zielerreichung

erfolgt durch kleine Symbole,

wobei die strahlende Sonne

gut ist und Gewitterwolken für

Fehlentwicklungen stehen. Trotz

der großen Detailtiefe sorgen

diese Symbole für ein schnelles

Verständnis der Ergebnisse.

10 KfW-Nachhaltigkeitsindikator

Um das abstrakte Konzept der

Nachhaltigkeit zu konkretisieren

und die verschiedenen Dimensionen

von Nachhaltigkeit abzubilden,

hat die KfW Anregungen aus der

wissenschaftlichen Literatur und

der Umsetzungspraxis aufgegriffen.

Für die Bereiche Wirtschaft,

Umwelt und Gesellschaftlicher

Zusammenhalt wurden geeignete

Schlüsselthemen identifiziert und

mit passenden Basisindikatoren

unterlegt, die die Entwicklung

in den Themenbereichen

quantifizieren. Insgesamt

wurden 20 Schlüsselthemen

mit 37 Basisindikatoren

ausgewählt. Fortschritte der

Nachhaltigkeitssituation werden

anhand von Veränderungen dieser

Basisindikatoren im Zeitablauf

gemessen.

Quelle:

Ulrich van Suntum (Hrsg.):Theoretische

Fundierung und Bewertung alternativer

Methoden der Wohlfahrtsmessung,

Centrum für angewandte

Wirtschaftsforschung, Münster 2010

26 globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011

27


LIteRatuRtIPPs

Dennis L. Meadows u.a.:

„Die Grenzen des Wachstums.“

Bericht des Club of Rome zur Lage der

Menschheit. Deutsche Verlags-Anstalt

1972, 183 S. ISBN-13: 978-3421026330

vergriffen

Hans Diefenbacher, Roland

Zieschank:

„Woran sich Wohlstand wirklich

messen lässt.“

oekom Verlag 2011, 112 S.

ISBN-13: 978-3-86581-215-5

€ 12,95

Was macht das BIP? Nicht nur Wohl

und Wehe der Republik, auch unser

aller Glück und Unglück scheinen

von diesem Kürzel abzuhängen: Das

Bruttoinlandsprodukt ist bis heute

die heilige Kuh der herrschenden

Ökonomie, die Politik misst ihre

Erfolge an seinen Wachstumsraten.

Seit Jahren gilt es als der Indikator

für Wirtschaftskraft und Wohlstand

schlechthin – dabei ist es blind für

vieles, was unser Leben bereichert:

ehrenamtliche Leistungen, gesunde

Umwelt, gerechte Chancenverteilung

oder Zugang zu medizinischer

Versorgung. Hans Diefenbacher und

Roland Zieschank ergänzen dieses

einseitige Maß und erläutern,

warum Wohlstand anders gemessen

werden muss. Der von ihnen

entwickelte Nationale

Wohlfahrtsindex berücksichtigt

insbesondere ökologische und

soziale Aspekte.

Agenda Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität

Alternative Wohlfahrtsmessung

Tim Jackson:

„Wohlstand ohne Wachstum.

Leben und Wirtschaften in einer

endlichen Welt.“

oekom verlag 2011, 242 S.

ISBN-13: 978-3865812452

€ 19,95

Der britische Wirtschaftsexperte

Tim Jackson hat schon früh

erkannt, dass unsere derzeitige

Wirtschaftsordnung einen neuen,

anderen Motor benötigt, um langfristig

laufen zu können. 2009 stellte er die

Ergebnisse seiner Studie unter dem

Titel „Prosperity without Growth“

auf dem Klimagipfel in Kopenhagen

vor – eine überzeugende Kritik eines

rein auf hemmungslosem Wachstum

basierenden Wirtschaftsmodells

und gleichzeitig die Suche nach

einem anderen Wohlstandskonzept.

Doch wie lässt sich das Dilemma

von gesellschaftlich notwendigem

wirtschaftlichen Wachstum und

dem dadurch drohenden Kollaps

der ökologischen Grundlagen lösen?

Brauchen wir wirklich Wachstum um

jeden Preis? Tim Jackson geht dieser

Frage nach. Er gibt eine anschauliche

und gut verständliche Einführung

in die komplexen Hintergründe der

aktuellen gesellschaftlichen Debatte

und untersucht Alternativen zum

Wachstumszwang.

Seine Forderung: Die Entwicklung

einer neuen Wirtschaftsordnung,

die auf einem anderen

Wohlstandsbegriff beruht, die

Bedürfnisse und Wünsche der

Menschen befriedigt, ohne die

ökologischen Grundlagen unserer

Existenz zu zerstören.

Meinhard Miegel:

„Exit: Wohlstand ohne Wachstum“

List Taschenbuch 2011, 304 S.

ISBN-13: 978-3548610313

€ 9,99

Dass die beispiellose

Wachstumsepoche, die die westliche

Welt seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt

hat, zu Ende geht, sieht Miegel als

Herausforderung und Chance zugleich.

Denn längst mehrt dieses Wachstum

nicht mehr unseren Wohlstand,

sondern verzehrt ihn. Es überlastet die

natürlichen Ressourcen, die Umwelt

und nicht zuletzt die Menschen.

Dringend geboten ist ein intelligenterer

Umgang mit den Gütern der Erde, die

Achtung von Umwelt und Natur, vor

allem aber ein grundlegend verändertes

Verständnis unserer Möglichkeiten

und Bedürfnisse. Es geht um nichts

Geringeres als ein zukunftsfähiges

Lebenskonzept. Miegel bietet eine

bestechende Zeitdiagnose und einen

überzeugenden Entwurf dessen, was zu

tun ist.

Ernst Ulrich von Weizsäcker:

„Faktor Fünf: Die Formel für

nachhaltiges Wachstum“

Droemer Verlag 2010, 432 S. ISBN-13:

978-3426274866

€ 22,99

Eine Revolution des Wirtschaftens

kündigt sich an. Die Welt wird sich

im 21. Jahrhundert grundlegend

verändern. Entweder lernt die

Menschheit, nachhaltig mit der Erde

umzugehen, oder die Natur wird

zurückschlagen.

Mit Faktor Fünf stellen Ernst Ulrich

von Weizsäcker und seine Koautoren

das Konzept eines zukunftssicheren,

umweltschonenden Wirtschaftens

vor. Sie zeigen, wie wir die Rohstoffe

effizienter nutzen und mit dem Einsatz

neuer Technologien sogar Wohlstand

und Lebensqualität wachsen lassen

können. Dieser neue Bericht an den

Club of Rome ist eine überzeugende

Antwort auf die gegenwärtigen

ökologischen Herausforderungen.

Nicholas Stern:

„Der Global Deal: Wie wir dem

Klimawandel begegnen und ein

neues Zeitalter von Wachstum und

Wohlstand schaffen“

München 2009: Beck Verlag, 287 S.

ISBN-13: 978-3406591761

€ 19,90

„Ein Welt-Klimaabkommen muss

effektiv, effizient und gerecht die

Treibhausgasemissionen reduzieren.

Der Kampf gegen den Klimawandel

und der Kampf gegen die globale

Armut werden zusammen gewonnen

oder verloren.“ Unter den zentralen

Gesichtspunkten Klimawandel –

Wirtschaftswandel – Politikwandel

entwirft Lord Stern ein realistisches

Szenario, den CO 2 -Ausstoß bis 2050 um

80 Prozent (im Vergleich zu 1990) zu

reduzieren. Dieses notwendige Ziel ist

nur zu schaffen, wenn eine Technologie-

Revolution zu Gunsten erneuerbarer

Energien einsetzt, in diesen

Wirtschaftssektor massiv investiert

wird und neue Jobangebote entstehen.

Sterns Buch fasst die zentralen

Erkenntnisse für alle verständlich

zusammen und bietet Einblick in die

Pläne der führenden Ökonomen, einen

Weg aus Klima- und Wirtschaftskrise

zu finden. Wer den Wunsch hat, diesen

Planeten in halbwegs bewohnbarer

Form unseren Kindern und

Kindeskindern zu hinterlassen, sollte

Sterns Fahrplan für eine Politik für die

Zukunft, den „Global Deal“, kennen.

Zukünftige Technologien

Consulting:

„Mehr Wohlstand – weniger

Ressourcen. Instrumente für mehr

Ressourceneffizienz in Wirtschaft

und Gesellschaft“

Band 94 in der ZTC-Reihe „Zukünftige

Technologien“

Erscheinungstermin 2012

Das Einsparpotenzial bei Ressourcen

wird für Unternehmen in Deutschland

auf 27 bis 60 Milliarden Euro

pro Jahr geschätzt. Dennoch ist

Ressourceneffizienz kein Selbstläufer.

Was muss passieren, damit die

Erschließung dieser Potenziale an

Dynamik gewinnt? Die Studie „Mehr

Wohlstand – weniger Ressourcen“

von Zukünftige Technologien

Consulting zeigt, wie Maßnahmen

aus den Bereichen Markt, Regulation,

Information und Selbstorganisation

der Ressourceneffizienz zum

Durchbruch verhelfen können. Darüber

hinaus sollten Instrumente offen für

Innovationen sein, Rebound-

Effekte berücksichtigen und globale

Wertschöpfungsketten adressieren.

Dabei muss eine grenzüberschreitende

Wirkung von Instrumenten

nicht zwangsläufig langwierige

Verhandlungen um internationale

Abkommen nach sich ziehen. Allein

die Marktgröße der EU kann durchaus

Anreize für Zulieferer weltweit bieten,

ihre Produktion EU-weit gültigen

Gesetzen anzupassen.

Fritz Reheis:

„Die Kreativität der Langsamkeit:

Neuer Wohlstand durch

Entschleunigung“

Frankfurt 2008: Wissenschaftliche

Buchgesellschaft, 281 S.

ISBN-13: 978-3534220021

€ 24,90

Stress, Atemlosigkeit, Erschöpfung

sind vertraute Symptome unseres

Lebensstils. Das Leben wird vom

Takt der Uhr bestimmt, und wer

sich diesem nicht beugt, wird zum

Verlierer. Damit einher geht die

scheinbar unaufhaltsame Abkoppelung

des Lebens von natürlichen und

traditionellen Rhythmen. Wir müssen

uns mehr Zeit lassen! Denn: Zu

gravierend sind die zerstörerischen

Folgen des permanenten

Beschleunigungszwangs für Mensch,

Gesellschaft und Umwelt. Und zu

offensichtlich sind die Ursachen,

als dass ihnen nicht mit einem

bewussteren Umgang mit der Zeit zu

begegnen wäre. Entdecken wir das

Gegenbild einer entschleunigten und

selbstbestimmten Gesellschaft, die die

Eigenzeiten und Rhythmen von Mensch,

Kultur und Natur zum Maßstab erhebt,

die Arbeitshetze, Fremdbestimmung

und Konsumzwang durchbricht

und sich vom immer schnelleren

Produzieren um des Produzierens

willen löst.

28 globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011

29


Agenda

NaCHHaLTIGKEITSBERICHTE

BALD

OBLIGATORISCH?

Immer mehr Unternehmen legen ihre CSR-Aktivitäten offen. Während im Jahr 1992 noch kaum Nachhaltigkeitsberichte

veröffentlicht wurden, gehen aktuelle Studien davon aus, dass mittlerweile jährlich rund 4.000 Nachhaltigkeitsberichte weltweit

erscheinen. Nach den Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI) wurden im Jahr 2010 über 1.800 Berichte verfasst. Im

selben Jahr reichten 2.800 Betriebe ihren Fortschrittsbericht (Communication on Progress, COP) beim UN Global Compact ein,

das sind 13 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Weltweit gibt es bereits rund 12.000 COP-Berichte. Diese Zahlen zeigen, dass das

Thema Nachhaltigkeitsberichterstattung zunehmend an Bedeutung gewinnt. Nichtsdestotrotz berichtet bislang nur ein kleiner

Teil an Unternehmen über seine soziale und ökologische Performance.

30

globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011 31

Reporting


Von Katrin Gaupmann

Agenda

Verpflichtende CSR-Berichterstattung innerhalb Europas

Von Seiten der Europäischen Kommission sind Unternehmen

seit dem Jahr 2005 nach der Europäischen Modernisierungsrichtlinie

verpflichtet, nicht finanzielle Key Performance Indikatoren

(KPI), die für ein bestimmtes Unternehmen relevant sind,

in ihre Berichterstattung aufzunehmen und zu analysieren.

Darunter fallen zum Beispiel Umwelt- und Arbeitnehmeraspekte.

Die Mitgliedsstaaten können allerdings entscheiden,

ob sie Klein- und Mittelbetriebe von diesen Berichtspflichten

ausnehmen möchten.

Neben der Umsetzung dieser Modernisierungsrichtlinie haben

einige europäische Länder zusätzlich Gesetze und Bestimmungen

verabschiedet, um der Thematik noch mehr Nachdruck

zu verleihen. Frankreich hat diesbezüglich eine Vorreiterrolle

übernommen, als es im Jahr 2001 börsennotierte Unternehmen

zur Aufnahme von ESG-Kriterien (environmental, social

& governance) in ihren Finanzbericht verpflichtete. Im Jahr

2010 ging die französische Regierung noch einen Schritt weiter

und dehnte mit dem Grenelle 2-Gesetz die Berichtspflicht auf

alle Unternehmen mit mehr als 500 MitarbeiterInnen sowie

mehr als 43 Mio. EUR Umsatz aus. In Dänemark müssen seit

2009 die 1.100 größten Betriebe sowie auch alle staatlichen

Unternehmen in ihren jährlichen Finanzberichten Angaben

über ihre CSR-Politik machen. Dabei wird die C-Regel („Comply

or Explain“) angewendet. Das heißt, dass CSR zwar freiwillig

ist, Unternehmen aber angeben müssen, wenn sie keine

dementsprechenden Maßnahmen setzen. Dänemark verweist

auf die Verwendung von internationalen Berichtsstandards

wie den Fortschrittsbericht des UN Global Compact (COP), die

GRI-Leitlinien sowie die OECD-Leitsätze für multinationale

Unternehmen. Die nationale Gesetzgebung war ein wichtiger

Auslöser für eine verstärkte CSR-Berichterstattung. Auch in

Schweden wird von allen Unternehmen in Staatsbesitz die

Veröffentlichung eines Nachhaltigkeitsberichts verlangt. Das

Besondere am schwedischen Modell ist die externe Prüfung,

wonach die Nachhaltigkeitsberichte von einer unabhängigen

Stelle auf ihre Qualität hin überprüft werden müssen. Europaweit

gesehen hat das ESG-Reporting staatlicher Unternehmen

deutlich zugenommen. Vergleicht man die Zahl an GRI-

Berichten, nimmt Schweden im europäischen Vergleich den

zweiten Platz ein – vor den Niederlanden und hinter Spanien.

Die CSR-Berichtspflicht in den Niederlanden bezieht sich auf

den Vorstand börsennotierter sowie der größten staatlichen

Unternehmen, der gegenüber dem Aufsichtsrat und den Teilhabern

über CSR-Angelegenheiten zur Rechenschaft verpflichtet

ist. Die Bestimmungen wurden im Jahr 2008 in den niederländischen

Kodex für Corporate Governance aufgenommen.

Nach dem „Companies Act“ des Vereinigten Königreichs aus

dem Jahr 2006 müssen alle börsennotierten Unternehmen in

ihren Jahresberichten Angaben über Umwelt-, Arbeitsplatz-,

Sozial- und Gemeinschaftsbelange machen, sofern dies für ihre

Geschäftstätigkeit relevant ist. Das jüngste Beispiel kommt aus

Spanien: Ab dem Jahr 2012 müssen auch hier alle staatlichen

Betriebe Nachhaltigkeitsberichte veröffentlichen. Mit diesem

Gesetz sollen diese eine Vorbildfunktion einnehmen.

Auch andere Länder unterstützen Unternehmen im Bereich

der Nachhaltigkeitsberichterstattung zum Beispiel in Form

von Leitfäden oder freiwilligen Standards und Richtlinien.

Die französische Beobachtungsstelle für CSR (http://www.

orse.org/) erstellte beispielsweise für die Regierung eine

webbasierte Plattform (http://www.reportingcsr.org) über

CSR-Berichterstattung. Die Inhalte der Webseite werden

kontinuierlich von einem Expertenkomitee überprüft und

aktualisiert. Auch Rankings und Auszeichnungen im Bereich

der Nachhaltigkeitsberichterstattung spielen eine wesentliche

Rolle. Nur wenige Länder jedoch setzen Finanz- oder Wirtschaftsinstrumente

zur Förderung von CSR-Reporting ein.

Beispiele hierfür sind Anreizsysteme oder eine nachhaltige

Beschaffungspolitik. Ein Vorreiter in diesem Bereich sind

die Niederlande: Die Bundesregierung hat es sich zum Ziel

gesetzt, bei allen öffentlichen Ausschreibungen soziale und

ökologische Kriterien zu berücksichtigen.

Unzufriedenheit mit derzeitiger Situation

Insgesamt betrachtet wird der Ruf nach öffentlichen Initiativen

im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung zunehmend

lauter. Um die Debatte auch auf europäischer Ebene weiterzubringen,

hielt die Europäische Kommission im Zeitraum

September 2009 bis Februar 2010 mehrere Multistakeholder-

Workshops zu ESG-Reporting ab, um die unterschiedlichen

Ansichten zu diskutieren sowie Vorschläge für eine europäische

Politik zu erarbeiten. Im Rahmen des „Single Market Act“

befragte die Kommission im Zeitraum November 2010 bis

Januar 2011 259 Stakeholder (Unternehmen, KonsumentInnen,

NGOs, Behörden, Wissenschaft, RechnungsprüferInnen

und AuditorInnen) zu dieser Thematik. Demnach bewerteten

50 Prozent der Befragten die nationalen Bestimmungen zur

Nachhaltigkeitsberichterstattung als „poor or very poor“.

Shareholder und Investoren wiederum kritisierten vor allem

die mangelnde Vergleichbarkeit der Berichte.

Neue Vorgaben der Europäischen Kommission

Die Europäische Kommission hat ihre neue CSR-Strategie

vorgestellt, die die Transparenz von Unternehmen hinsichtlich

ihrer sozialen und ökologischen Performance über alle

Sektorgrenzen hinweg fördern soll. Zudem soll Nachhaltigkeitsberichterstattung

als Managementtool zur Etablierung

von CSR innerhalb und außerhalb des Unternehmens dienen.

Es ist angedacht, dass Unternehmen ab einer gewissen Größe

und/oder öffentliche Unternehmen zur Berichterstattung

verpflichtet werden. Dabei könnte ein ähnliches Modell

wie in Dänemark („Comply or Explain“) angestrebt werden.

Klein- und Mittelunternehmen werden voraussichtlich von

der Verpflichtung ausgenommen sein. Es ist dabei so, dass die

Kommission keine neuen Standards vorgeben möchte, sondern

auf bereits etablierte Prinzipien wie GRI, UNGC, OECD und

ISO 26 000 verweist.

Verpflichtende Berichterstattung könnte also bald auch für

jene Länder ein Thema werden, die sich bislang noch nicht

damit auseinandergesetzt haben.

ÜBeR DIe autORIN

Katrin Gaupmann arbeitet bei respACT – austrian business council for sustainable

development.

32 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

33

Reporting

Die Europäische Kommission hat ihre

neue CSR-Strategie vorgestellt, die die

Transparenz von Unternehmen

hinsichtlich ihrer sozialen und ökologischen

Performance über alle Sektorgrenzen

hinweg fördern soll.


Agenda

dEr dEutschE

NaCHHaLTIGKEITSKODEx –

Vorbild für Europa?

Mit der Veröffentlichung seiner fünften und nunmehr finalen Version des Deutschen

Nachhaltigkeitskodex (DNK) setzte der Rat für Nachhaltige Entwicklung im

Oktober 2011 einen Schlusspunkt unter einen knapp zwei Jahre andauernden

Prozess, Empfehlungen zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsberichterstattung in

Deutschland zu formulieren. Unter dem Eindruck der Finanz- und Wirtschaftskrise

wurde 2009 damit begonnen, ein Instrument zu schaffen, die Kernanforderungen

an das Nachhaltigkeitsmanagement von Unternehmen zu benennenund deren

Nachhaltigkeitsleistung transparenter und vergleichbarer darzustellen.

Von Dr. Frank Simon und Jonas Gebauer

Als Leitbild dient der Corporate Governance Kodex, dessen Grundprinzip

des „comply or explain“ auch auf die Nachhaltigkeitsberichterstattung

angewandt werden soll. Inhaltlich orientiert sich

der DNK an den Prinzipien des UN Global Compact, den OECD

Guidelines für multinationale Unternehmen, dem Leitfaden ISO

26000 sowie an den Berichterstattungsstandards der Global Reporting

Initiative (G3) und des europäischen Analystenverbandes

EFFAS. Wesentlicher Adressat dieser Informationen sollen die

Akteure auf den Finanzmärkten sein. Sie sollen besser in die Lage

versetzt werden, die Chancen und Risiken der unternehmerischen

Tätigkeit auf sozialem und ökologischem Gebiet zu beurteilen,

ihre Mitverantwortung für verantwortungsvolles Handeln wahrzunehmen

und durch ihre Investitionsentscheidungen Nachhaltigkeit

in Unternehmen zu honorieren. Gleichzeitig soll den

Unternehmen ein verlässlicher Rahmen geboten werden, ihre

Nachhaltigkeitsleistung in standardisierter Form darzustellen

und somit Mehrarbeiten aufgrund der Anfragen von Investoren

unterschiedlichster Art zu reduzieren.

Nach zwei nicht öffentlichen Diskussionsrunden mit Investoren,

Analysten und Unternehmensvertretern wurde im November

2010 ein erster Diskussionsentwurf bekannt gemacht und zur

öffentlichen Stellungnahme freigegeben. Mehr als 75 Personen

und Organisationen machten hiervon Gebrauch. Ihre Anregungen

und Kritik wurden in zwei Konferenzen behandelt und führten zu

einem zweiten und dritten Entwurf, der dann anschließend von 28

Unternehmen freiwillig auf Anwendbarkeit getestet wurde. Ihre

Erfahrungen wurden in einer vierten Version berücksichtigt, die

schließlich nach einem letzten Workshop zur Frage der Verbindlichkeit

des Kodex in die nun vorliegende Endfassung mündete.

Im Laufe des Prozesses erfuhr der ursprüngliche Entwurf zahlreiche

gravierende Veränderungen. Sie betreffen neben der Anzahl

und der Tiefe der zu berichtenden Aspekte unternehmerischer

Verantwortung in erster Linie die Verbindlichkeit des Kodex

sowie den Kreis seiner Anwender. Zunächst war die Verankerung

im Aktiengesetz vorgesehen, die alle börsennotierten

Aktiengesellschaften zur Abgabe einer Entsprechenserklärung

verpflichtet hätte. Dagegen wurden erhebliche Haftungsrisiken

geltend gemacht, die sich aus den Spielräumen und ethischen

Bewertungen von Nachhaltigkeitsfragen ergeben. Auch wurde

befürchtet, dass eine gesetzliche Verpflichtung eher einem

Formalismus als einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit

Nachhaltigkeitsfragen Vorschub leiste. Auch alternative Vorschläge,

die Verbindlichkeit des Kodex durch Prüfungs- oder

Veröffentlichungspflichten (selbst unter Berücksichtigung der

verschiedenen Unternehmensgrößen) zu erhöhen, wurden in

den endgültigen Entwurf nicht aufgenommen. Somit hat sich

der DNK im Laufe des Prozesses von einer rechtlichen Vorschrift

in ein rein freiwillig anzuwendendes Instrument gewandelt und

nimmt damit eher eine orientierende als eine verpflichtende

Funktion ein. Dies entspricht der Grundauffassung des nationalen

CSR-Forums, nach der CSR im Kerngeschäft freiwillig,

aber nicht beliebig ist. Im Vergleich zu den bestehenden Regelungen

der Global Reporting Initiative oder des EFFAS wird

damit jedoch kein Neuland betreten. Im Gegenzug wurde der

Anwenderkreis erweitert. Sollten zunächst nur die börsennotieren

Aktiengesellschaften den DNK anwenden, so wird nun

ähnlich des Geltungsbereichs der ISO 26000 die Anwendung für

alle Organisationen empfohlen, die im Sinne einer freiwilligen

Selbstauskunft die Öffentlichkeit über ihr Nachhaltigkeitsengagement

informieren möchten.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung misst dem DNK bereits

durch die Form seiner Entstehung in einem öffentlichen Stakeholderprozess

hohe politische Bedeutung bei, da es auch „ohne

staatliche Mitwirkung zu einer wirksamen Vereinbarung“ gekommen

sei. Inwieweit diese Beurteilung zutreffend ist, wird

sich erst in der Zukunft zeigen, wenn verstärkt Unternehmen

und andere Organisationen eine Entsprechenserklärung abgeben

werden. Darüber hinaus ist kritisch zu beurteilen, dass

nach der ersten öffentlichen Diskussion nicht transparent

dargestellt wurde, welche Argumente im Laufe des Prozesses

zu der stetigen Abschwächung der Anforderungen geführt

haben. Die Nachvollziehbarkeit und Transparenz des Prozesses

wurden dadurch erheblich eingeschränkt. Mit dem Verzicht

auf jegliche gesetzliche Regelung ist (leider) gleichzeitig auch

die Legitimation des Kodex in Frage gestellt. Weder der Rat für

Nachhaltige Entwicklung noch die zahlreichen öffentlich und

nicht öffentlich Stellung beziehenden Diskussionsteilnehmer

können diese Legitimation herstellen. Die Politik sollte ihre

Verantwortung für die Gestaltung der Bedingungen unserer

sozialen Marktwirtschaft gerecht werden und ein solches Instrument

der Diskussion und Prüfung durch den Gesetzgeber

unterziehen.

Die Unternehmen sollen ihre Nachhaltigkeitsleistung anhand

von 20 Kriterien aus den Bereichen Strategie, Prozessmanagement,

Umwelt sowie Gesellschaft darlegen und diese anhand

von insgesamt 25 Leistungsindikatoren (KPI) konkretisieren.

Weitere, z. B. branchenspezifische Indikatoren können hinzugefügt

werden. Die Anzahl der KPI ist im Laufe des Prozesses

von 75 auf 25 reduziert worden, was mit der Absenkung der

Eintrittsbarrieren für die Nachhaltigkeitsberichterstattung

gerade mittlerer und kleiner Unternehmen begründet wurde.

So nachvollziehbar dieses Argument ist, so bleibt offen, warum

der Umfang der Berichterstattung nicht mit der Größe des

Unternehmens verbunden wurde und größeren Unternehmen

auch eine umfangreichere Berichterstattung zugemutet wird.

Mit der stetig verminderten Anzahl von erläuternden KPI erhöht

sich die Gefahr des Missverständnisses, dass mit der Behandlung

einzelner weniger KPI schon eine umfassende Berücksichtigung

des Kodexkriteriums erfolgt sei. Darüber hinaus bleibt offen,

warum trotz Anlehnung an die ISO 26000 der Bereich der Konsumentenbelange

als dem Interessenfeld einer der wichtigsten

Stakeholdergruppen völlig unbeachtet bleibt.

In seiner Empfehlung schlägt der Rat für Nachhaltige Entwicklung

der Bundesregierung vor, den Kodex schnellstmöglich in

die EU-Debatte zur Berichterstattung über nicht-finanzielle

Leistungsindikatoren und die unternehmerische Verantwortung

einzubringen. In wieweit der Kodex hier ergänzend oder als

Gegenposition Wirkung entfalten kann und ob ein „spezifisch

deutscher Beitrag“ in dieser Debatte notwendig war, bleibt abzuwarten.

Dem Vernehmen nach werden dort durchaus schärfere

und umfangreichere Berichterstattungspflichten gefordert.

ÜBeR DIe autOReN

Dr. Frank Simon und Jonas Gebauer engagieren sich im Deutschen Netzwerk

für Wirtschaftsethik (DNWE).

34 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

35

Reporting

RePORtINGFeLDeR Des DeutsCHeN

NaCHHaLtIGkeItskODex

Strategie

• Strategische Analyse, Strategie und Ziele

Prozessmanagement

• Regeln und Prozesse

• Anreizsysteme

• Stakeholderengagement

• Innovations- und Produktmanagement

Umwelt

• Inanspruchnahme von natürlichen Ressourcen

Gesellschaft

• Arbeitnehmerrechte und Diversity

• Menschenrechte

• Gemeinwesen

• Politische Einflussnahme

• Korruption


Agenda

höchstE ZEit für

integrated rePorting

Von Prof. Dr. Norbert Winkeljohann und Nicolette Behncke

Unternehmensberichterstattung im Wandel

Die Unternehmen haben erkannt, dass die Informationen, die

sie über sich selbst zur Verfügung stellen, von vielen und sehr

verschiedenen Interessenten wahrgenommen werden. Wer ein

berechtigtes Interesse an Information über (unterschiedliche)

Aspekte der unternehmerischen Tätigkeit hat, wird als Stakeholder

(Anspruchsgruppe) bezeichnet. Die Stakeholder fordern zu

Recht, dass die Berichterstattung der Unternehmen ihnen ein

umfassendes und klares Bild von der Lage und den Perspektiven

des Unternehmens vermitteln muss. Als Anteilseigner müssen

sie beispielsweise wissen, ob die von ihnen als Eigenkapital zur

Verfügung gestellten Mittel in ihrem Sinne verwendet werden

und zur Wertsteigerung des Unternehmens beitragen. Als Öffentlichkeit

interessiert es, ob die Verlautbarungen zu umweltfreundlichen

Produktionsverfahren den Tatsachen entsprechen.

Allerdings herrscht Unzufriedenheit bei allen Beteiligten: Die

Stakeholder bemängeln Inhalt, Verständlichkeit, Qualität und

mangelnde Fokussierung der Unternehmensberichterstattung.

Das ist überraschend, denn die Berichterstattung der Unternehmen

unterliegt einer Fülle von regulatorischen Anforderungen

und wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich freiwillig

ausgeweitet. Heute veröffentlichen viele Unternehmen umfassende

Berichte zu Finanzen, Nachhaltigkeit und Corporate

Governance. Gleichzeitig beklagen sich die Unternehmen

über die hohe Regulierungsdichte und die Notwendigkeit der

Veröffentlichung unterschiedlicher Berichte. Auch wenn den

Stakeholdern umfangreiche Informationen zur Verfügung

stehen, scheinen diese deren Informationsbedürfnis nicht

angemessen zu befriedigen. Schließlich sind auch Regulierer

und Standardsetter – insbesondere nach den Erkenntnissen

aus der Finanzkrise – verunsichert und fragen nach dem richtigen

Maß an Regulierung. Seit Entwicklung erster Reporting-

Standards hat sich die Geschäftswelt und das Umfeld, in dem

Unternehmen agieren, grundlegend verändert. Globalisierung,

demographischer Wandel, Ressourcenknappheit, Urbanisierung,

Umweltbelange und technologischer Fortschritt prägen als

36 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

37

Reporting

Megatrends die Entwicklung von Unternehmen schon heute.

Nur noch knapp ein Fünftel des Marktwerts der Unternehmen

im Standard & Poor´s-500-Index erklärt sich durch das

produktive Kapital bzw. das Finanzkapital. Maßgeblich sind

zu über 80 Prozent andere Faktoren, wie das Geschäftsmodell,

die Unternehmensstrategie und -führung, die Zukunftsfähigkeit

und Anpassungsfähigkeit des Unternehmens. Dieses

veränderte Umfeld macht eine vollkommen neue Art der

Berichterstattung notwendig.

Internationale Standardsetzer wie das IASB (International

Accounting Standards Board) und FASB (Financial Accounting

Standards Board) arbeiten bereits seit einiger Zeit daran, die

klassische Finanzberichterstattung zu optimieren. Im Juli 2010

stellten sie ihr „Financial Statement Presentation Project“ vor,

das die Darstellung der Finanzinformationen auf völlig neue

Prinzipien gründet und Investoren wie Analysten bessere

und tiefergehende Informationen bereit stellen will. Daneben

hat sich die Global Reporting Initiative (GRI) die Entwicklung

von Prinzipien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung auf die

Fahnen geschrieben.

Diese Initiativen sind wichtig und gehen in die richtige Richtung.

Aber sie stoßen auch relativ schnell an ihre Grenzen.

Solange nur einzelne Elemente der Berichte jeweils getrennt

voneinander angepasst und optimiert werden, ohne Interdependenzen

zu berücksichtigen, kann eine wirklich umfassende

und belastbare Berichterstattung nicht erreicht werden. An

einer integrierten Berichterstattung geht deshalb kein Weg

vorbei. Nur wenn die Finanzberichterstattung, den Lagebericht

eingeschlossen, der Nachhaltigkeits- und der Corporate-

Governance-Bericht miteinander verzahnt werden, können

die bestehenden und zu Recht beklagten Informationslücken

wirklich geschlossen werden.

PwC hat in Deutschland bei verschiedenen Stakeholdern

(Investoren, Analysten, Kreditgeber, NGOs, Presse/Medien,

Gesetzgeber) und Unternehmensvertretern im Rahmen einer

Studie nachgefragt und festgestellt, dass es noch kein einheitliches

Verständnis von integrierter Berichterstattung gibt. Die

Stakeholder sind sich aber darin einig, dass integrierte Berichterstattung

mehr ist und sein muss als eine reine Addition von

finanziellen und nichtfinanziellen Informationen. Sie wünschen

sich eine Standardisierung und klare Richtungsweisung.

Die Unternehmensvertreter selbst jedoch, auch das zeigte

unsere Befragung deutlich, fühlen sich hingegen oft damit

überfordert, die für die verschiedenen Stakeholder relevanten

Informationen adäquat zusammenzustellen.

Das im August 2010 gegründete International Integrated

Reporting Committee (IIRC) hat sich zum Ziel gesetzt, einer

integrierten Unternehmensberichterstattung zum Durchbruch

zu verhelfen. Im September 2011 stellte das IIRC seine Ideen

in Form eines Diskussionspapiers der Öffentlichkeit vor.

Darin schlägt das IIRC ein auf klaren Prinzipien beruhendes

Rahmenkonzept vor, das nicht nur den Horizont der externen

Berichterstattung erweitert, sondern auch die bisher voneinander

unabhängigen Informationen konsequent miteinander

verzahnt.

Das IIRC nennt fünf Grundsätze, an denen sich die moderne

Berichterstattung ausrichten soll:

1 | Fokus auf Strategie und Geschäftsmodell des Unternehmens

legen.

2 | Informationen nicht nur nebeneinander stellen, sondern

erkennbar und mit Mehrwert miteinander verknüpfen.

3 | Berichterstattung durchgängig zukunftsorientiert gestalten.

4 | Berichterstattung flexibel an die Interessen der Stakeholder

anpassen.

5 | Umfassend berichten, dabei auf wesentliche Informationen

beschränken.

Andere Länder sind schon deutlich weiter: In Südafrika verlangt

die JSE (Johannesburg Securities Exchange Commission) >>


Agenda

von ihren gelisteten Unternehmen bereits integrierte Berichte

für Geschäftsjahre, die nach dem 1. März 2011 beginnen.

Welchen Einfluss haben diese Entwicklungen auf die Praxis?

Schon heute fordern nicht nur institutionelle Anleger immer

lauter Informationen über Nachhaltigkeitsaktivitäten. Auch

Finanzanalysten beziehen in ihre Voten die Nachhaltigkeitsberichte

der Unternehmen ein, und Sustainability-Experten

nutzen verstärkt auch Finanzinformationen für ihre Beurteilungen.

Entsprechend vernetzt und synchronisiert müssen

Unternehmen diese Informationen anbieten. Eine integrierte

Berichterstattung ist aber keine neue Ära der Nachhaltigkeitsberichterstattung,

sondern die Zukunft des Corporate Reporting.

Sie muss also weit über eine einfache Zusammenfügung der

Inhalte des Finanz- und des Nachhaltigkeitsberichts hinausgehen.

Entscheidend sind eine gleiche Datenbasis, zeitgleiche

Verfügbarkeit und gleiche Qualität. Die wohl größte Herausforderung

in der Umsetzung einer vollumfänglich integrierten

Berichterstattung ist deshalb ein „integrated thinking“, ohne

das eine integrierte Unternehmenssteuerung und darauf

auf bauend eine integrierte Berichterstattung ein nicht erreichbares

Ziel bleiben wird. Erst wenn die Steuerung des

Unternehmens integriert geleistet wird, also so ausgerichtet

ist, dass weiche und harte Faktoren gleichberechtigt nebeneinander

durch die Analysen des Controllings betrachtet werden

und damit auch gemeinsam die Basis für unternehmerische

Entscheidungen bilden, sind die Voraussetzungen für eine

integrierte Berichterstattung wirklich geschaffen. Dazu müssen

Verantwortlichkeiten in den Unternehmen angepasst, ggf.

Zuständigkeiten neu vergeben werden. Der gesamte Prozess

der Informationserhebung, -analyse und -verteilung muss

neu gestaltet werden, denn eine integrierte Berichterstattung

verlangt die Synchronisation aller Informationskanäle in

inhaltlicher, zeitlicher und qualitativer Sicht. Dazu gehören

die Unternehmensfunktionen Rechnungswesen, Controlling,

Investor Relations, Governance und Nachhaltigkeit an einen

Tisch, um entsprechende Lösungen erarbeiten zu können.

Das IIRC-Papier liefert nicht auf alle offenen Fragen in Sachen

integrated reporting eine Antwort. Es bietet jedoch eine erste,

notwendige Orientierung und steckt den Rahmen für die

Arbeit der nächsten Monate und Jahre ab. Umso erfreulicher

ist es, wie viele Unternehmen seit Veröffentlichung des IIRC-

Papiers ihre bisherige Berichterstattung auf den Prüfstand

gestellt haben und sich Gedanken über ihre künftige Unternehmensberichterstattung

machen. Das IIRC hat damit den

entscheidenden Schritt in Richtung einer zukunftsfähigen,

leistungsstarken und an den Interessen der Stakeholder orientierten

Unternehmensberichterstattung angestoßen. Es ist

höchste Zeit, die Diskussion um neue Reporting-Modelle zu

führen und praxisgerechte Umsetzungswege zu erarbeiten.

ÜBeR DIe autOReN

Prof. Dr. Norbert Winkeljohann ist Sprecher des Vorstands von PwC Deutschland,

Nicolette Behncke ist Expertin für integrierte Berichterstattung bei PwC.

eu-kommission stellt

neue CsR-strategie vor

Die europäische Kommission hat Ende Oktober ihre lang

erwartete CSR-Strategie vorgestellt. Darin überdenkt

sie ihr bisheriges Konzept von reiner Freiwilligkeit hin

zu einem deutlichen Mehr an Verbindlichkeit: Ein Gesetz

ist zunächst zwar vom Tisch, dafür soll künftig

das Mitwirken an bestimmten Initiativen verpflichtend

werden. Die EU-Kommission fordert dazu stärkere

Koregulierung durch Organisationen wie den UN Global

Compact, ISO oder die OECD. Eine Beteiligung an

einer dieser drei Plattformen soll ab 2014 für große

Unternehmen Pflicht sein.

Die EU-Kommission hat jetzt ihre eigene Definition

vorgelegt, wonach CSR „die Verantwortung von Unternehmen

für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft“

ist. Nur wenn die geltenden Rechtsvorschriften und die

zwischen Sozialpartnern bestehenden Tarifverträge

eingehalten werden, kann diese Verantwortung wahrgenommen

werden, heißt es in dem Papier. Begleitend

dazu soll es daher ab 2012 einen von der Kommission

angestoßenen Prozess geben, der klarere Verhaltenskodizes

erarbeitet.

Bis zum Schluss unklar war das Maß an Regulierung,

das Brüssel den Unternehmen auferlegen würde. Im

EU-Positionspapier heißt es dazu nun: Zur Schaffung

gemeinsamer Werte werden alle größeren Unternehmen

in Europa aufgefordert, ein langfristiges CSR-Konzept

einzuführen und Möglichkeiten zur Entwicklung innovativer

Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle

auszuloten, die zum Wohlergehen der Gesellschaft

und zur Schaffung hochwertigerer und produktiverer

Arbeitsplätze beitragen. Damit wird zwar kein hartes

Gesetz gefordert, aber bestimmte freiwillige Vereinbarungen

(sogenannte „soft laws“) werden nicht mehr

ganz freiwillig, sondern verpflichtend.

Damit die Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung

in vollem Umfang gerecht werden, sollten sie auf

ein Verfahren zurückgreifen können, mit dem soziale,

ökologische, ethische, Menschenrechts- und Verbraucherbelange

in enger Zusammenarbeit mit den Stakeholdern

in die Betriebsführung und in ihre Kernstrategie

integriert werden. Auf diese Weise soll die Schaffung

gemeinsamer Werte für die Eigentümer/Aktionäre der

Unternehmen sowie die übrigen Stakeholder und die

gesamte Gesellschaft optimiert werden und etwaige

negative Auswirkungen aufgezeigt, verhindert und

abgefedert werden.

Daher müssen große Unternehmen sowie Unternehmen,

die von derartigen Auswirkungen besonders betroffen

38 globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011

39

Reporting

sein könnten, künftig verstärkt eine risikobasierte Sorgfaltsprüfung,

auch auf der Ebene der Lieferketten, vornehmen.

Für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ist ein strategischer

CSR-Ansatz von zunehmender Bedeutung. Er kann

das Risikomanagement fördern, Kosteneinsparungen bringen

sowie den Zugang zu Kapital, die Kundenbeziehungen, das

Management von Humanressourcen und die Innovationskapazitäten

verbessern, heißt es aus dazu aus der Kommission.

„Wenn sich die Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung

stellen, können sie bei den Beschäftigten, den Verbrauchern

und den Bürgern allgemein dauerhaftes Vertrauen

als Basis für nachhaltige Geschäftsmodelle aufbauen. Mehr

Vertrauen wiederum trägt zur Schaffung eines Umfeldes bei,

in dem die Unternehmen innovativ arbeiten und wachsen

können.“

DIe kOMMIssION FORDeRt ...

... von den Mitgliedsstaaten Pläne zur CSR-Förderung und

konkrete Listen mit einschlägigen Maßnahmen;

... alle großen europäischen Unternehmen auf, sich bis 2014 zu

verpflichten, zumindest eines der nachstehenden Regelwerke

bei der Entwicklung ihres CSR-Konzepts zu berücksichtigen:

OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, „Global

Compact“ der Vereinten Nationen oder ISO-Norm 26000 zur

sozialen Verantwortung;

... alle in Europa ansässigen multinationalen Unternehmen

auf, sich bis 2014 zu verpflichten, die Dreigliedrige Grundsatzerklärung

des Internationalen Arbeitsamtes (IAA) über

multinationale Unternehmen und Sozialpolitik zu beachten;

... zudem die EU-Mitgliedstaaten auf, bis Ende 2012 nationale

Pläne für die Umsetzung der Leitprinzipien der Vereinten

Nationen zu erstellen.


Agenda

diFFerenzierungsProgramm

dEs uN Global compact

Von Dr. Elmer Lenzen

Mit der Einführung des Differenzierungsprogramms im Frühjahr

2011 hat der UN Global Compact ein neues Rahmenwerk

in die jährliche Fortschritt-Berichterstattung (COP) eingeführt.

Unternehmen können nun künftig differenziert darüber Auskunft

geben, in welchem Umfang und Ausmaß sie die zehn

Prinzipien des Global Compact und verwandte Themenfelder

konkret umsetzen.

Auch weiterhin werden die Teilnehmer, sobald sie einen vollständigen

COP einreichen, von New York als „GC Aktiv“ kategorisiert

werden. Sie können sich jetzt darüber hinaus als „GC

Fortgeschritten“ erklären beziehungsweise als „GC Erweitert“,

wenn sie das auch entsprechend in ihren Erläuterungen im

Rahmen der COP-Berichterstattung nachweisen konnten. Ziel

des Programms ist es, dass die Global Compact Teilnehmer so

die Nachhaltigkeitsperformance innerhalb der Geschäftsprozesse

verbessern und transparenter machen.

Unternehmen, deren COPs nicht die Mindestanforderungen

erfüllen, um den Status „GC Aktiv“ zu erreichen, wird ein Zeitraum

von zwölf Monaten eingeräumt, um die Versäumnisse

nachzuholen. Während dieser Zeit müssen die betroffenen

Firmen an einer Lernplattform mitwirken, die entwickelt wurde,

um Unternehmen zu helfen, das Niveau der Offenlegung und

Transparenz für die GC-Aktiv-Ebene zu erreichen.

„Das ist ein signifikanter Schritt für den Global Compact“, sagt

Georg Kell, Executive Director der UN Initiative. „Es wird umfassende

Anreizsysteme an beiden Enden des Performace-Spektrums

geben und Stakeholdern dabei helfen, die Performance und den

Fortschritt unserer teilnehmenden Unternehmen besser zu bewerten.“

Das Differenzierungsprogramm will nämlich Transparenz

nicht nur bei kleineren und weniger erfahrenen Teilnehmer

verbessern, sondern auch für kontinuierlichen Fortschritt und

Leistungsverbesserung bei den weiter fortgeschrittenen Unternehmen

sorgen. Das Programm ist so entworfen, dass es Anreize

und Anerkennung (basierend auf Selbsttests) für Unternehmen

auf allen Ebenen bietet, um gezielte Fortschritte in den Bereichen

Governance, Strategie und Operationalisierung zu erzielen.

„Dies läutet eine neue Phase in den Transparenz- und Offenlegungsbemühungen

des Global Compact ein“, sagt Jerome Lavigne-

Delville, Head of Communication on Progress des Global Compact.

„Eines der wichtigsten Ergebnisse der Differenzierung auf der

GC Forgeschrittenen“-Ebene wird sein, dass nun eine Reihe von

Stakeholdern – einschließlich der Gruppe der Investoren – den

Unternehmensfortschritt besser beurteilen können – gerade,

wenn sie den COP als Plattform für einen Benchmark-Vergleich

mit weltweit sonst üblichen Praktiken nutzen.“

Darüber hinaus behält der Global Compact seine klaren Sanktionsmechanismen

bei der Einhaltung der COP-Abgabepflicht:

Unternehmen, die der Offenlegung und Kommunikation ihrer

Aktivitäten nicht nachkommen, werden weiterhin ausgeschlossen.

Bisher waren davon rund 2.000 Firmen betroffen.

Neue GC Levels im Überblick

Seit dem 25. Februar 2011 werden die COPs von allen teilnehmenden

Unternehmen in zwei Kategorien eingeteilt, basierend

auf einer Selbsteinschätzung des Inhalts:

Die „GC Aktiv“-Ebene ist prinzipiell für alle Unternehmen gedacht,

die alle Global Compact Themenbereiche adressieren und

40 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

41

Reporting

direkt mit ihren jeweiligen Anspruchsgruppen kommunizieren.

Auf dieser Ebene erfolgt die Offenlegung und Transparenz der

Umsetzung anhand von anerkannten Standards, wie sie etwa

die Global Reporting Initiative festgelegt hat.

Die „GC Fortgeschrittenen“-Ebene wiederum ist für jene Unternehmen

gedacht, die sich selbst als Top-Performer begreifen und

über Best Practices in den Bereichen Nachhaltigkeit, Governance

und Management verfügen. Diese Unternehmen orientieren sich

dabei am Themenkanon des „Blueprint for Corporate Sustainability

Leadership“ und dem „UN Global Compact Management Model“.

Die jeweiligen Differenzierungs-Ebenen werden jährlich auf der

Grundlage der aktuellen COPs festgelegt. Entscheidend ist für

die Entwickler des Konzeptes, dass eindeutige Fortschritte in

zwei als kritisch markierten Dimensionen erreicht werden: In

erster Linie geht es natürlich um die unmittelbare Umsetzung

aller Prinzipien des Global Compact. Im Idealfall erreichen die

Unternehmen dann Beispiele für komplexe Best Practices, wie sie

der Blueprint for Corporate Sustainability Leadership beschreibt.

Die zweite wichtige Dimension umfasst die Themenfelder Transparenz

und Offenlegung. Es wird erwartet, dass die Unternehmen

direkt und offen mit ihren Stakeholdern kommunizieren und

dabei transparent Einblick geben, wie sie Nachhaltigkeits-Risiken

und Chancen managen. Von diesen Unternehmen wird darüber

hinaus erwartet, dass sie folgende Reporting-Instrumente

und Regeln einhalten: Eine Nachhaltigkeitsberichterstattung

gemäß der Richtlinien der Global Reporting Initiative, eine

Verifizierung der Angaben durch unabhängige Dritte sowie

schließlich die Entwicklung von integrierter Finanz- und Nachhaltigkeitsberichterstattung.

ÜBeR 2.000 FIRMeN ausGesCHLOsseN –

GLOBaL COMPaCt uNteRstReICHt DIe

RePORtINGPFLICHt

2.048 Unternehmen aus der ganzen Welt wurden bisher

vom UN Global Compact ausgeschlossen. Als Begründung

nennt die UN Initiative das wiederholte Versäumen der

Bekanntmachung von Fortschrittsberichten, die Auskunft

darüber geben könnten, wie diese Firmen die zehn Prinzipien

in ihre Strategien und Geschäftsprozesse einbinden. Nach

den jüngsten Ausschlüssen umfasst der Global Compact

6.066 Unternehmen aus 132 Ländern.

Die ausgeschlossenen Unternehmen stammen nicht nur

aus Industrienationen, sondern auch aus Entwicklungsländern.

Im Dezember 2010 lief ein Moratorium aus, welches

den Ausschluss für Teilnehmer aus Entwicklungsländern

zunächst zurückstellte, um vorher Gründe und Lösungen für

einen systemischen Mangel an Offenlegung in bestimmten

Märkten zu erkunden.

Der Global Compact fordert von den teilnehmenden Unternehmen,

dass diese jedes Jahr einen Fortschrittsbericht

vorlegen. Geschieht dies über den Zeitraum von zwei aufeinanderfolgenden

Jahren nicht, so wird das Unternehmen

ausgeschlossen. Ein erneuter Beitritt zum Global Compact

ist durchaus möglich, muss aber beantragt werden.

„Wir entwickeln Transparenz und Offenlegung durch einen

doppelten, ergänzenden Ansatz“, sagt Jerome Lavigne-

Delville, Head of Communication on Progress des Global

Compact Office. „Auf der einen Seite treiben wir eine strikte

Durchsetzung unserer Integritätsmaßnahmen voran, um

sicherzustellen, dass jedes Unternehmen seine Fortschritte

in jedem Jahr offenlegt. Auf der anderen Seite setzen wir

Anreize und Anerkennung und bieten damit Unternehmen

auf allen Ebenen Anknüpfungspunkte zur sinnvollen

Umsetzung der Prinzipien in den Bereichen Strategie und

Geschäftstätigkeit.“

Um die bestehenden Synergien zwischen dem Global Compact

und der Global Reporting Initiative (GRI) noch deutlicher

hervorzuheben, arbeiten beide Initiativen eng zusammen,

damit künftig die GRI Sustainability Reporting Guidelines

(„GRI Guidelines“) ohne Aufwand in die jeweiligen Ebenen

des Differenzierungsprogramms eingebettet werden können.

ÜBeR DeN autOR

Dr. Elmer Lenzen ist Herausgeber der Global Compact Jahrbücher.


Reporting

Agenda

WeIteRFÜHReNDe LIteRatuR

The Transparent Economy: Six

tigers stalk the global recovery –

and how to tame them

The report presents trends that

will drive or constrain greater

transparency and accountability.

That need to rebuild trust after the

financial crisis and the apparent

reorientation towards a sustainable

economy is being translated to

calls for unprecedented levels of

transparency. Within this context, The

Transparent Economy explores how

sustainability reporting, boosted by

technology and the changing roles of

top executives in organizations can

help to deliver the information needed

for a transparent and sustainable

economy. Recommendations are made

for business, financial institutions,

governments and individuals. The

Transparent Economy summarizes

six challenges, nicknamed “TIGERS”,

to which reporting and the reporting

landscape need to respond. These

challenges were then tested through

an online survey to the GRI community.

The GRI Sustainability Reporting

Cycle: a handbook for

small and not-so-small

organizations

If you are responsible for the

implementation of a reporting process

you must read this one! The first

publication in the Learning Publication

Series, The GRI sustainability reporting

cycle: A handbook for small and

not-so-small organizations is a stepby-step

handbook providing expert

guidance on the whole sustainability

reporting process. Useful for

beginners and experienced reporters

alike.

Let‘s report! Step-by-step

guidance to prepare a basic GRI

report

The first publication in the Learning

Publication Series, The GRI

sustainability reporting cycle:

A handbook for small and

not-so-small organizations is a

step-by-step handbook providing

expert guidance on the whole

sustainability reporting process.

Useful for beginners and experienced

reporters alike.

Alle Bücher erhalten Sie unter www.

globalreporting.org

Practical Guide to Communication

on Progress

The first version of the Practical Guide

to Communication on Progress was

launched in 2005. This current revised

edition of the guide contains updated

information about creating, sharing and

posting of a COP as well as practical

examples of how companies are

communicating progress. Also included

are helpful definitions, tips on where

to begin, examples and relevant GRI

indicators. (UNGC, 2009)

Making The Connection – Using GRI‘s

G3 Guidelines for the COP

This guide, produced in partnership

with the Global Reporting Initiative,

introduces and explores ways to

address Global Reporting Initiative (GRI)

and Global Compact Communication

on Progress (COP) requirements

simultaneously. By linking the GRI

G3 Guidelines to the ten principles

of the Global Compact, Making the

Connection assists companies in

bridging the gap between the COP and

other sustainability reporting vehicles.

(UNGC/GRI, 2007)

IIRC: The world is changing –

reporting must too

The Integrated Reporting Discussion

Paper, Towards Integrated Reporting

– Communicating Value in the 21st

Century was launched on Monday 12th

September 2011. Integrated Reporting

will provide more comprehensive

and meaningful information about

all aspects of an organization´s

performance and position, presented

in a much clearer, more concise and

more user friendly format. In particular

it will demonstrate the links between

an organization´s financial performance

and the social, environmental and

economic context within which

it operates. The development of

Integrated Reporting is designed to

enhance and consolidate existing

reporting practices to move towards

a reporting framework that provides

the information needed to develop

the global economic model to meet

the challenges of the 21st century.

Integrated Reporting will be clear and

comprehensible, providing a meaningful

assessment of the long term viability

of an organization, meeting the

information needs of investors and

other stakeholders and supporting

the effective allocation of financial,

manufactured, human, intellectual,

natural and social capital.

Mehr unter www.theiirc.org

Leading the Way in Communication

on Progress

This booklet provides inspiration and

ideas on how to communicate progress

in implementing the ten principles. It

is the result of an ongoing dialogue

between the Global Compact Office and

participating companies, and it reflects

experiences and perspectives shared

during a two-day workshop in March

2006 in Geneva. (UNGC, 2006)

Blueprint for Corporate

Sustainability Leadership

The Blueprint offers companies a

model for achieving higher levels

of performance and generating

enhanced value through the Global

Compact. It provides an action plan

in three core areas: (i) integrating the

Global Compact ten principles into

strategies and operations; (ii) taking

action in support of broader UN goals

and issues; and (iii) engaging with

the Global Compact. The Blueprint

identifies best practices in each of

these dimensions, with a total of 50

criteria for leadership.

Designed to inspire advanced

performers to reach the next level

of sustainability, the Blueprint sets

targets that all companies should work

towards in order to ascend the learning

and performance curve.

The Global Compact Self

assessment Tool

Translates the basic expectations

raised by the Global Compact

principles into a number of practical

self-assessment questions and

performance indicators for companies.

The tool enables companies to

diagnose their performance across all

four issue areas, inspire continuous

improvement, and assist in the

development of a Communication

on Progress. (UNGC/DI/Ministry for

Economic and Business Affairs of

Denmark/IFU, 2010)

Alle Bücher erhalten Sie unter

www.unglobalcompact.org

WeIteRFÜHReNDe LINks

Global Reporting Initiative:

http://globalreporting.org

Integrated Reporting Initiative:

http://theiirc.org

Deutscher Nachhaltigkeitskodex:

http://nachhaltigkeitsrat.de/deutschernachhaltigkeitskodex

UN Global Compact Differentiation

Programme:

http://unglobalcompact.org/COP/

differentiation_programme.html

Corporate Social Responsibility

(CSR) in the EU:

http://ec.europa.eu/social/main.

jsp?catId=331&langId=en

42 globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011

43

Reporting


Agenda

mit NAchhAlTIGKEITsINNOVATIONEN

ZuR GReeN eCONOMY

44 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

45

Innovation

Gegenwärtig entwickelt sich auf europäischer und internationaler

Ebene ein neues Wirtschaftsleitbild: die Green Economy. Durch die

UNEP wurde die Green Economy „als Wirtschaftsform definiert, die zu

mehr Wohlfahrt und sozialer Gleichheit führt und dabei Umweltrisiken

und ökologische Knappheiten deutlich reduziert“.


Von Dr. Jens Clausen

Agenda

Das Konzept der Green Economy verbindet gesellschaftliche

Verantwortung von Unternehmen mit der Orientierung auf

Märkte. Konkret entwirft die UNEP in 2011 ein neues Bild der

Märkte für erneuerbare Energien, Bauen, Transport, Tourismus,

Städte sowie Produktionstechnologien und Abfallwirtschaft.

In allen diesen Bereichen soll sich viel ändern: Herstellung,

Distribution und Konsum von Gütern und Dienstleistungen.

Dabei spielen Nachhaltigkeitsinnovationen und ihre Durchsetzung

an den Märkten eine wesentliche Rolle: Eine Nachhaltigkeitsinnovation

ist die Durchsetzung solcher technischer oder

sozialer Neuerungen, die zum Erhalt kritischer Naturgüter

und zu global und langfristig übertragbaren Wirtschafts- und

Konsumstilen und -niveaus beitragen.

Beispiele für Nachhaltigkeitsinnovationen sind vielfältig. Da

gibt es die Verbesserungsinnovationen, durch die Gebrauchsgüter

wie Waschmaschinen oder Elektroherde energieeffizienter,

Farben umweltverträglicher oder Nahrungsmittel

umweltfreundlicher produziert werden. Deutlich stärker

im Licht der Öffentlichkeit stehen Grundlageninnovationen

wie Windkraftwerke oder Photovoltaik, die gegenwärtig die

Stromerzeugung radikal verändern und immer wieder als

Erfolgsbeispiel herangezogen werden, weil mit dem EEG ein

so wirksames politisches Förderinstrument ersonnen wurde.

Aber es gibt auch die Wärmewirtschaft, deren ökologische

Technologien längst nicht so florieren wie die regenerative

Stromerzeugung. Nahwärmenetze, tiefe Geothermie und

Mehrebenenmodell zur analyse von transformationsprozessen

Zunehmende Strukturierung

lokaler Praktiken

Megatrends

Dominierendes

soziotechnisches

Regime

Nischenniveau

Märkte und Präferenzen

der Nutzer

Industrie

Wissenschaft

Politik

Kultur

Technologie

Langzeitwärmespeicher sind Technologien, die die Zukunft

der Wärmeversorgung der Zukunft prägen sollen, deren Entwicklung

aber nicht annähernd so dynamisch verläuft, wie die

der regenerativen Stromerzeugung. Und dann sind da noch

die Innovationen mit Dienstleistungscharakter: Carsharing

und Mitfahrzentrale, Biokisten-Lieferservice, serverbasierte

Computersysteme oder neue Segeltechnologien für Seeschiffe.

Bei all diesen Neuerungen muss sich das Nutzungsverhalten

grundlegend umstellen. Und dies ist eine wesentliche Problematik

für den Wandel.

Das Spektrum der Nachhaltigkeitsinnovationen ist also weit:

von relativ einfachen Verbesserungen bekannter Produkte

über erfolgreiche Star-Innovationen bis in die Poor Dog Ecke

derjenigen Neuerungen, für die die Veränderungskraft der

Gesellschaft noch nicht komplett ausreicht.

Wie kommt es zu Nachhaltigkeitsinnovationen?

Im neuen Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der

Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen (WBGU)

wird die anstehende, große Transformation des Wirtschaftssystems

zu einer Green Economy beschrieben. Die Transformation

des dominierenden Regimes findet in diesem Modell

durch zwei Einflüsse statt: durch Megatrends, die die Umwelt

des Wirtschaftssystems verändern, und aus der Nische heraus

durch „Pioniere des Wandels“.

Zeit

Plötzliches Ereignis

Neues Regime

beeinflusst Megatrends

Quelle: WBGU 2011

In der deutschen „Gründerzeit“ um 1870 hatte z.B. der Staat

eine zentrale Rolle in der Unterstützung des Wandels, indem

er vor allem die Gründung von Forschungseinrichtungen

unterstützte und günstige Rahmenbedingungen für Unternehmensgründer

schuf, die eine rasche Erschließung von neuen

Geschäftsfeldern ermöglichten. Die „Wirtschaftszweige von

Übermorgen“ wurden so schneller und effektiver erschlossen

als in anderen Ländern. Vor genau dieser Herausforderung

stehen Europa und die Welt auch heute. Und genau die oben

beschriebenen zwei Dynamiken scheinen auch die Genese

von Nachhaltigkeitsinnovationen zu fördern.

Nachhaltigkeitsinnovationen haben ihren Ursprung nicht zuletzt

im „dominierenden Regime“. Denn auch die etablierten

Unternehmen spüren die Megatrends der Nachhaltigkeit und

richten ihre Produktstrategie, wenn auch langsam, nach ihnen

neu aus. Eine Vielzahl kleiner Verbesserungsinnovationen

führte dazu, dass Produkte des täglichen Gebrauchs im Laufe

der Jahre ressourceneffizienter, besser recyclebar oder in anderer

Weise umweltfreundlicher geworden sind. Viele dieser

Produkte werden von Unternehmen hergestellt und immer

wieder verbessert, die seit über 100 Jahren am Markt sind. Als

Beispiel sei hier das Unternehmen Miele genannt, dessen Maxime

„Immer besser“ auf die Gründer des Unternehmens Miele,

Carl Miele und Reinhard Zinkann, im Jahr 1899 zurückgeht.

Gründer und ihre meist noch kleinen Unternehmen sind

überhaupt für Innovationen wichtig. Sie sind diejenigen,

auf die über die Hälfte aller Innovationen – genau 67 Prozent

– und 95 Prozent der Grundsatzinnovationen seit dem

zweiten Weltkrieg zurückgeführt werden können. Auch an

den Nachhaltigkeitsinnovationen waren und sind Erfinder,

Unternehmensgründer und kleine Unternehmen beteiligt. Solarthermie

und Wärmepumpen, Windkraftanlagen und kleine

Wasserkraft, Passivhäuser und Holzfertigbau: diese und noch

viele weitere Nachhaltigkeitsinnovationen gehen auf Menschen

zurück, denen der Umweltschutz nicht nur Lebens- sondern

auch Unternehmensziel ist. Sie streben, wie in der Grafik des

WBGU gezeigt, aus der Nische heraus die Veränderung des

herrschenden Regimes an. Und spätestens heute, im zweiten

Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, ist deutlich, dass sie es auch

schon in einigen Branchen geschafft haben. Letztlich sind aber

die Wege, auf denen Nachhaltigkeitsinnovationen entstehen,

vielfältig. Die drei wichtigsten Pfade seien kurz beschrieben:

1| Nachhaltigkeit als dominantes Ausgangsziel des Innovationsprozesses:

Ausgangspunkt dieses Entstehungsweges sind Bedarfe

und Missstände, die zumeist von Nicht-Regierungsorganisationen

oder visionären Unternehmern als dringende

Nachhaltigkeits probleme eingestuft werden. Die Deckung

von Bedarfen oder die Beseitigung von Missständen als expliziter

Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung bilden

das dominante Ausgangsziel des Innovationsprozesses und

prägen diesen über die gesamte Dauer der Realisierung.

Die Genese des Windkraftsektors in Europa ist ein Beispiel

für diesen Pfad.

2| Nachhaltigkeit als integrales Unternehmensziel und

strategischer Erfolgsfaktor:

Nachhaltigkeit bildet hier nicht eine dominante und alles

überragende Zielsetzung, sondern ist bei den involvierten

Unternehmen als ein wichtiges und formal gleichrangiges

Element in ein unternehmenspolitisches Zielbündel

integriert. Die unternehmens politische Verankerung geht

dem Innovationsprozess voraus. Nachhaltigkeit wird von

relevanten Machtpromotoren als strategischer Erfolgsfaktor

betrachtet, bildet eine normative Vorgabe und wird

im Verlauf des Innovationsprozesses durch verschiedene

Methoden und Instrumente geprüft und reflektiert. Viele

Verbesserungsinnovationen von elektrischen Geräten, seien

es Haushaltsgeräte, IT oder Produktionsanlagen, sind auf

diesem Weg entstanden.

3| Nachhaltigkeitsanforderungen als mögliches Korrektiv

im laufenden Innovationsprozess:

Nachhaltigkeitsaspekte rücken hier erst im Verlauf des

Innovationsprozesses ins Bewusstsein der innovierenden

Akteure, z.B. durch neue staatliche Vorschriften oder öffentliche

Kritik. Wesentliche Erkenntnisse können auch

aus Stakeholderdialogen hervorgegangen oder durch die

CSR-Abteilung gewonnen worden sein. Die sukzessive Eliminierung

von FCKWs und anderen umweltgefährlichen

Stoffen, wie sie z.B. in der europäischen REACH-Verordnung

aufgeführt sind, stellen Beispiele für diesen Innovationspfad

dar.

>>

46 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

47

Innovation


Agenda

Eine Nachhaltigkeitsinnovation ist die

Durchsetzung solcher technischer oder sozialer

Neuerungen, die zum Erhalt kritischer

Naturgüter und zu global und langfristig

übertragbaren Wirtschafts- und Konsumstilen

und -niveaus beitragen.

Nachhaltigkeitsinnovationen im Unternehmen fördern

Eine Reihe von Erfolgfaktoren sind für die Entstehung und

Durchsetzung von Nachhaltigkeitsinnovationen in Unternehmen

wesentlich. Für die individuelle Bedeutung einzelner

Erfolgsfaktoren kommt es aber ganz zentral darauf an, in

welchem Markt das Unternehmen tätig ist. An drei Beispielen

sei dies kurz gezeigt:

So gibt es Unternehmen, die getragen von einer ökologisch

motivierten Erfindung oder Innovation entstanden sind und

diese in den Markt tragen wollen. Hier verkörpert das Unternehmen

als ganzes die Nachhaltigkeitsinnovation, deren Erfolg

sich aber daran bemisst, wie erfolgreich es dem Unternehmen

gelingt, die Innovation in den Markt einzuführen. Gutes Management

ist hier der Weg, die Innovation in der Gesellschaft

wirksam zu machen. Falls nötig, muss über Partnerschaften

oder strategische Allianzen nachgedacht werden, um die nötige

wirtschaftliche Stärke zu Produktion und Vermarktung

zu gewinnen. Der Erfinder des Smart, Nicolas G. Hayek, der

Gründer der Swatch-Gruppe, ging eine solche Allianz mit

Daimler Benz ein. So konnte der erste „Smartfortwo“ 1998

erfolgreich in Serie gehen, ohne dass jedoch alle Ideen Hayeks

im marktreifen „Smart“ noch enthalten gewesen waren.

Andere Unternehmen produzieren ein breites Spektrum an

Produkten, die ständig weiterentwickelt werden. Ein Vertreter

von Henkel formulierte es einmal so: „Persil bleibt Persil, weil

Persil nicht Persil bleibt.“ In großen Unternehmen ist es daher

nötig, planmäßig in allen wesentlichen Entwicklungsteams

Menschen zu platzieren, die den ökologischen Aspekt im

Entwicklungsprozess betonen, die Anforderungen aus Vor-

schriften und von Stakeholdern kennen und dafür sorgen, dass

auch Nachhaltigkeitsziele im Entwicklungsprozess definiert,

kontrolliert und erreicht werden.

Wieder andere Unternehmen stellen irgendwann fest, dass sich

neue Anbieter nicht mehr wie eine lästige Fliege verscheuchen

lassen, sondern deren Marktanteile zusammen schon 10 Prozent

des Gesamtmarktes überschritten haben und schnell weiter

wachsen. Eine solche Entwicklung brachte Siemens zum Kauf

des Windenergieanlagenherstellers Bonus und zur Gründung

der Sparte Siemens Wind Power. In solchen Fällen ist es wichtig,

den Markt zu beobachten und die richtigen strategischen

Entscheidungen bei Mergers & Akquisitions zu treffen.

Je nach Situation und Branche kann also die Herausforderung

völlig unterschiedlich sein. Wichtig ist, die Vision der

Nachhaltigkeit, die Idee der Green Economy zu begreifen, in

der Firma zu verankern und in strategische Entscheidungen

und Innovationen umzusetzen. Dabei ist für etablierte Firmen

auch der Kontakt zum Umfeld des Unternehmens, den

Stakeholdern und kritischen Anspruchsgruppen, wesentlich.

Ökologisch orientierte Unternehmensgründer verstehen sich

oft selbst als Teil dieses Umfeldes. Für sie ist daher vielleicht

gerade der Kontakt zu anderen Unternehmen und der Aufbau

von Partnerschaften in der Wissenschaft und die Entwicklung

des Unternehmensnetzwerks von Bedeutung.

ÜBeR DeN autOR

Dr. Jens Clausen arbeitet im Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit

gGmbH.

48 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

49

Innovation

Nachhaltiges Handeln

spielerisch fördern

Social Games sind nicht nur ein beliebter Zeitvertreib und

weit verbreiteter Freizeitspaß. So manches Online-Spiel

hat zudem einen durchaus seriösen Hintergrund. Die Anwendungen

können etwa das Umweltbewusstsein der User

erhöhen und sie im Alltag zu einem „grüneren“ Verhalten

bewegen. Anhand von Spieltechniken nach dem Vorbild der

Serious Games – Lernspiele mit Unterhaltungswert – kann

der Nachhaltigkeitsgedanke an die Massen herangetragen

werden.

Noch wird den nützlichen Nebenwirkungen der sozialen

Spiele für PC, Smartphones oder auch Tablets eher wenig

Beachtung geschenkt. Im beruflichen Alltag erweisen sie sich

beispielsweise nicht nur als Arbeitszeitvernichter, sondern

auch als Förderer der Produktivität, kommen als solche

bislang aber kaum zum Einsatz. Durch den Gebrauch der

Anwendungen in einem für Games untypischen Umfeld

können die User den Angaben nach jedoch dazu ermuntert

werden, gewünschte Verhaltensweisen anzunehmen und

diese zu trainieren.

Angesichts der sozialen Vernetzung entstehen im Web

schnell Massenphänomene. Social Games mit Lernfaktor

können daher einen durchaus bedeutenden Einfluss ausüben

– etwa auf die Motivation der User, sich über einen

nachhaltigeren Lebensstil zu informieren oder mit kleinen

„grünen“ Handlungen im Alltag zum Umweltschutz beizutragen.

So steigern sie das Bewusstsein über ein positives

Umweltverhalten laut Studie bei 97 Prozent der Anwender.

Knapp 60 Prozent der User ändern nach eigenen Angaben

ihre eigenen Einstellungen.

Die Social Games haben den Erkenntnissen zufolge die

Macht, auf die tatsächlichen „grünen“ und nachhaltigen

Verhaltensweisen der Menschen einzuwirken. Sie können

somit einen gewissen erzieherischen Effekt haben. User

versuchen nach entsprechenden Spielerfahrungen beispielsweise,

weniger Strom zu verbrauchen und drehen das

Licht ab, nutzen eher Energiesparlampen, gehen weniger

verschwenderisch mit Wasser um oder kaufen vermehrt

Produkte lokaler Anbieter.

So suchte beispielsweise 2010 die Weltbank Lösungen für

Afrika in einem Online-Game: Das Social-Online-Game „Urgent

Evoke“ adressierte die dringlichsten globalen Probleme und

begab sich mit dem Potenzial der Spieler auf die Suche nach

Lösungen. Im Fokus standen die Entwicklungsprobleme in

Afrika, die mit Vorschlägen und konkreten Taten durch die

Gaming-Community bekämpft werden sollten. Die Weltbank

hat das Projekt mit 500.000 Dollar unterstützt und hofft,

in den Ergebnissen innovative und kreative Ansätze für die

reale Welt zu finden.

In einem Zeitraum von zehn Wochen arbeiteten die Urgent-

Evoke-Spieler gemeinsam an zehn verschiedenen Szenarien

und Problemstellungen, die Afrika und andere Erdteile in

der realen Welt betreffen. Armut, die Verschlechterung

der wirtschaftlichen Verhältnisse, Hunger, Wassermangel,

Menschenrechte, nachhaltige Energien, Gesundheitsfürsorge

oder Gewalt wurden dabei in Form eines Online-Comics

thematisiert, in dem die Gamer um Hilfe gebeten werden.

Punkte gab es für die Bewältigung von Aufgaben im realen

Leben, die entsprechende Lösungsansätze liefern sollten.

Dazu zählten etwa ehrenamtliche Tätigkeiten.

Nach Abschluss aller zehn Aufgaben erhielten die Spieler

ein Zertifikat von der Weltbank. Als Sieger gingen am

Ende die Teilnehmer mit den meisten Punkten hervor. Am

wertvollsten seien jedoch die Erfahrungen, die die User aus

dem Spiel mitnehmen könnten, betonen die Betreiber. Auch

könne Afrika so etwa zu einem höheren Innovationsgrad

verholfen werden. Durch die geförderte Zusammenarbeit

in der Gaming-Community könnte die Gesellschaft in Zukunft

zudem mit großen Problemen leichter fertig werden.

Der Erfolg des Spiels in der realen Welt soll im Anschluss

anhand von Studien gemessen werden.


Agenda

INteGRIeRtes

technologie-roadmaPPing

Angesichts der gestiegenen Dynamik und Komplexität

der Umfeldbedingungen für Unternehmen

kommt der Früherkennung und dem Monitoring

technologischer, marktwirtschaftlicher,

politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen

eine immer größere Bedeutung für den Innovationserfolg

zu. Die gestiegene Dynamik und Komplexität

von Innovationsprozessen zeigen sich bei

„nachhaltigen“ Innovationen in besonderer Weise,

zumindest dann, wenn diese nicht ein „zufälliges

Nebenprodukt“ betriebswirtschaftlicher Kalküle

oder politischer Vorgaben, sondern das Resultat

bewusster Zielsetzungen im Innovationsprozess

sein sollen. Ein leistungsfähiges Instrument zur

Beantwortung dieser Kernfragen sind Roadmaps.

Sie sind eine Art Landkarte im erweiterten Sinne,

die viele Einzelthemen bündeln, Handlungsoptionen

identifizieren und Prioritäten benennen.

Ausgehend vom Stand der Technik liefern Roadmaps

Aussagen über Art, Geschwindigkeit und

Richtung möglicher Technologieentwicklungen

in einem Innovationskontext.

Von Dr. Siegfried Behrendt

50 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

51

Innovation

Allerdings greift angesichts der hohen Veränderungsdynamik der

marktlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Entwicklungen

eine Verengung des Roadmapping auf eine Technologievorausschau

zunehmend zu kurz. Innovationen entziehen sich immer

deutlicher einer nur technologischen Sichtweise und einem zu

eng verstandenen unternehmerischen Kontext. Es geht nicht

nur darum, Technikbilder zu produzieren, die das technisch

Machbare fortschreiben, sondern vielmehr um eine Erweiterung

der Perspektive durch sozioökonomische Aspekte und einen

frühen Einbezug von Stakeholderanforderungen. Mit Blick auf

eine frühzeitige Steuerung von Nachhaltigkeitseffekten reicht

die Analyse von Marktsog und Technologiedruck nicht aus,

vielmehr ist die Einbeziehung weiterer Push- und Pull-Faktoren

notwendig, um frühzeitig nicht-intendierte gesundheitliche,

ökologische oder soziale Nebenfolgen sowie nutzerbedingte

Nachhaltigkeitseffekte identifizieren und steuern zu können.

Dazu gehört insbesondere

• die Beachtung rechtlicher Entwicklungen, gesellschaftlicher

Leitbilder und von Visionen proaktiver Unternehmen.

• die Frage nach Lösungsbeiträgen von Technologien zur Bewältigung

sozio-ökonomischer Trends und gesellschaftlicher

Herausforderungen.

• das Suchfeld nicht nur auf Technologien oder Produkte zu

begrenzen, sondern die Frage nach Nutzungs- und Funktionssystemen

in den Vordergrund zu rücken.

• neue Technologien und Applikationen über ihren Lebensweg

zu analysieren und zu bewerten.

Mit Blick auf diese Aufgabe wurde vom Institut für Zukunftsstudien

und Technologiebewertung das Konzept der „Integrierten

Technologie-Roadmap“ entwickelt. Mit der Integrierten

Technologie-Roadmap (ITR) wird es möglich, mehrere

Dimensionen zukunftsfähigen Wirtschaftens in dynamischen

Technologiefeldern simultan zu betrachten. Sie fragt auch

nach technologischen Lösungsbeiträgen zur Bewältigung von

gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen und ökologischen

Herausforderungen und rückt die Sicht der Stakeholder und

Anwender in den Mittelpunkt. Beides hilft, Unsicherheiten bei

Technologieentwicklung, Markteinführung und Geschäftsmodellen

zu minimieren und die Richtungssicherheit zu erhöhen.

Roadmapping als Instrument in Innovationsprozessen

Roadmaps sind ein Instrument der Forschungs- und Entwicklungsplanung

und können dort den intuitiv-strukturierten

Suchverfahren zugeordnet werden. Die Bedeutung des Roadmapping

besteht in der Bündelung vieler Einzelthemen, dem

Identifizieren von Handlungsoptionen und dem Setzen von

Prioritäten. Der Hauptnutzen liegt in der Bereitstellung mittel-

bzw. langfristigen Orientierungswissens für unternehmerische

und/oder politische Akteure. Mit der Weiterentwicklung des

Konzeptes seit Mitte der 80er Jahre findet das Konzept immer

stärkere Anwendung bei Unternehmen bis hin zu Industriezweigen,

für gemeinsame, unternehmensübergreifende Technologieziele

und bei der Bereitstellung von Orientierungen für

die Forschungs- und Entwicklungspolitik.

Soll über eine technikzentrierte, mehr oder weniger eindimensionale

Betrachtung hinausgegangen werden und sollen

darüber hinaus konkrete und praktische Ergebnisse erbracht

werden, muss die Roadmap mehrere Anforderungen erfüllen:

Erstens muss die Roadmap bezüglich des Umfangs der betrachteten

Bereiche ein genügend großen Rahmen bieten, der

die Komplexität übergeordneter Trends und Entwicklungen in

ihrem Wirkungsgefüge abbildet und eine Orientierung (Auslöser,

Triebkräfte, Veränderungsdynamik bei Märkten, Lebensstilen

und Technologien etc.) bietet.

Zweitens ist den komplexen Umwelten, der Unsicherheit von

Trendaussagen und ungewissen Handlungsfolgen durch eine

Komplexitätsreduktion entsprechend Rechnung zu tragen.

Hierzu müssen Schwerpunkte gesetzt werden, um konkrete

und über ohnehin bekannte Herausforderungen (Geschäftsfelder,

Potenziale, Standardisierungsfragen etc.) hinausgehende

Einsichten gewinnen zu können. Auf diese Fokusthemen, die

wichtige Teilbereiche abdecken, müssen die verfügbaren Ressourcen

mit Priorität konzentriert werden, weil dort konkrete

Umsetzungen am ehesten erreichbar sind.

Drittens stellt ein nachhaltigkeitsorientiertes Roadmapping

besondere Anforderungen an die Komplexität von Systembetrachtungen,

an die Abschätzung ökologischer und sozialer

Wirkungen und den Umgang mit auftretenden Konflikten

zwischen ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen

Zielsetzungen. Da unter Bedingungen hoher Unsicherheit

möglichst konkrete Aktivitäten aus Roadmaps abzuleiten

sind, sind Expertenbefragungen (Unternehmen, Kunden,

Wissenschaft), Szenario- und Modellierungstechniken als

Strategien des „(Nicht)-Wissensmanagements“ zu nutzen,

um Zukunftsbilder und Korridore möglicher Entwicklungen

identifizieren zu können.

Viertens stellt die Integration von Kunden und anderen Stakeholdern

besondere Anforderungen an leistungsfähige Dialogstrukturen.

Dies betrifft auch die Frage, welche künftigen

Bedarfe und Bedürfnisse existieren könnten, die sich naturgemäß

nicht vorhersehen lassen.

Fünftens muss der unmittelbare und spätere Nutzen eines

erweiterten Roadmapping deutlich und praxisnah vermittelbar

sein. Sozio-ökonomische Zukunftsbilder müssen konkrete,

neue Geschäftsmöglichkeiten oder Forschungsfelder sichtbar

machen oder in Meilensteine, Aktivitäten und Maßnahmen

für unternehmerisches bzw. politisches Handeln überführt

werden können. Es geht um die Klärung der Frage: Welche

Innovationen können eine Schlüsselposition auf dem Weg

zu mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft einnehmen? >>


Agenda

sCHRItte ZuR eRsteLLuNG eINeR NaCHHaLtIGkeItsORIeNtIeRteN ROaDMaP

Die Erstellung der Roadmap besteht aus einem mehrstufigen Prozess, der mit der Eingrenzung des Suchfeldes beginnt und

mit der Identifikation von Wertschöpfungsmöglichkeiten und Herausforderungen endet.

sCOPING FOReCastING BaCkCastING ROaDMaP ReVIeW

schritt 1: schritt 2: schritt 3: schritt 4: schritt 5:

Bestimmung des

Suchraums

• Definition der

Roadmap-Ziele

• Auswahl von

Suchfeldern

• Festlegung des

Filters

• Skalierung der

Zeitachse

• Eingrenzung des

geografischen

Raumes

Neue Rolle von Wirtschaftsverbänden

Identifikation von

Trends, Bedarfs-/

Potenzialanalyse

• Scanning von Literatur,

Internet,

Datenbanken

• Ist-, Trend-, und

Wirkungsanalyse

• Selektion der

wichtigsten

Trends,

Treiber etc.

• Interviews mit

Marktteilnehmern,Technologie-/Umfeld-

Experten,

Stakeholdern

• Erstellung von

Profilen mit Blick

auf Trends,

Visionen, Herausforderungen

Für eine erfolgreiche Früherkennung von Innovationschancen

und Risiken, neuen Geschäftsfeldern und Märkten kommt kooperativen

Branchennetzwerken eine zunehmende Bedeutung

zu. Wirtschaftsverbände können eine wesentliche Rolle für

eine kooperative Technologiefrüherkennung spielen, indem

sie eine Plattform für einen moderierten und strukturierten

Erfahrungs- und Ergebnisaustausch schaffen. Daraus ergeben

sich Chancen für effektivere Austauschbeziehungen, die weit

über unternehmensorientierte Marktsignale und Technologieprognosen

hinausgehen und Risiken identifizieren helfen

können. Verbände fungieren zunehmend als neue „Intermediäre“

und „Prozess- bzw. Beziehungspromotoren“. Sie können eine

zentrale Bedeutung für eine kooperative Technologiefrüherkennung

spielen, indem sie eine Plattform für einen moderierten

und strukturierten Suchprozess sowie einen Erfahrungs- und

Ergebnisaustausch schaffen. Eine systematische Zusammenarbeit

von Akteuren aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und

Wissenschaft stellt eine neue Form des Roadmappings dar, die

Identifikation von

Chancen und

Risiken

• Entwicklung von

Zukunfsbildern

• Bildung von

Arbeitsgruppen

(Unternehmen,

Experten, Stakeholder)

• Indentifikation

neuer Technologien,Applikationen

und

Dienstleistungen

• Auswertung in

Bezug auf:

- F&E-Bedarfe

- Standardisierungsbedarf

- Akzeptanzfragen

- Sicherheitsaspekte

- Zeitliche Relevanz

- Risiken

Erstellung der

Roadmap

• Überführung der

Ergebnisse in

Meilensteine mit

Zeithorizonten

• Visiualisierung

• Ableitung von

Empfehlungen

• Festlegung von

Aktivitäten

• Transfer und

Kommunikation

Validierung

• VollständigkeitsundKonsistenzanalyse

mehrfach erfolgreich erprobt wurde. Solche Roadmaps wurden

beispielsweise für die Photovoltaik als einem relativ jungen

dynamischen Technologiefeld und für die Informations- und

Kommunikationstechnik als besonders relevanter Querschnittstechnologie

erarbeitet. Dabei wurde auf den besonders wichtigen

und dynamisch wachsenden Bereich arbeitsplatzbezogener

Computerlösungen fokussiert. Eine besonders große Resonanz

haben die Integrierten Roadmaps „Automation 2020+“ des

Zentralverbands der Elektrotechnik und Elektronikindustrie

(ZVEI) gefunden. Gemeinsam mit Wirtschaft, Wissenschaft,

Investoren, Projektentwicklern und Infrastrukturbetreibern

wurden Technologiebedarfe und Anforderungen identifiziert,

um so die Potentiale dieser Märkte besser einschätzen und

erschließen zu können. Diese Roadmaps fokussierten auf

nachhaltigkeitsrelevante Zukunftsmärkte, unter anderem auf

regenerative Kraftwerke, Bioraffinerien, Smart Grids, Wasserstoff

als Energiespeicher, die Eliminierung von Mikroschadstoffen

aus dem Abwasser oder stoffliche und energetische Nutzung

von Klärschlamm. Der Fachverband Automation des ZVEI führt

deshalb seine Roadmapping-Aktivitäten fort.

Was kann das integrierte Roadmapping leisten?

Als Fazit kann festgehalten werden, dass mit dem Roadmapping

ein bewährtes und zunehmend verbreitetes Instrument zur

Erzeugung von Orientierungswissen bei der Technologiefrüherkennung

zur Verfügung steht, das in erweiterter Form zur

innovationsstrategischen und forschungspolitischen Nachhaltigkeitsorientierung

fruchtbar gemacht werden kann. Das

integrierte Roadmapping kann dabei folgendes leisten:

• Langfristperspektive: Früherkennung von Chancen und Risiken

(z.B. von Rohstoffengpässen, Technologieanforderungen).

• Potenzialabschätzung: Ermittlung der Nachhaltigkeitspotenziale

(z.B. Marktrelevanz, Ressourceneffizienz).

• Einbindung unterschiedlicher Akteursperspektiven z.B.

Anwender, Investoren, Behörden und Wissenschaft.

• Innovationsfahrplan: Entwicklung konkreter Maßnahmen zur

Erschließung der Nachhaltigkeitspotenziale mit konkreten

Zielsetzungen, Zeitplänen, Meilensteinen und Zuständigkeiten.

• Identifizierung von Technologiebedarfen, Standardisierungsbedarfen,

Forschungsbedarfen, Qualifizierungserfordernisse,

Anwenderanforderungen und Bedingungen zur Erschließung

von besonders relevanten Zukunftsmärkten.

• Bündelung von Kompetenzen: Im Roadmapping werden

spezifische Kompetenzen und Know-how aus Forschungseinrichtungen,

Unternehmen, Verbänden und gesellschaftlichen

Gruppen gebündelt. Dies kann von einzelnen Firmen,

insbesondere KMU allein nicht geleistet werden. Sie erhalten

einen direkten Zugang zu interdisziplinärem Wissen und

zu spezifischem Know-how.

• Einbindung von Branchenverbänden: Einbindung, Sensibilisierung

und Aktivierung von Branchen- und Fachverbänden

als (bisher wenig genutzte) Plattform zur Entwicklung von

abgestimmten Innovationsfahrplänen zur Ressourceneffizienz

und als potenzielle Multiplikatoren für den Transfer der

Ergebnisse in das Innovationsmanagement von Unternehmen

(mit Pilotcharakter).

• Marktchancen: Aufzeigen von Möglichkeiten und Strategien

zur Schaffung und Erweiterung von Märkten für Effizienztechnologien

und Identifikation von Pilotprojekten für

deutsche Unternehmen auf zentralen Zukunftsmärkten.

• Innovationsimpulse für Unternehmen: Impulse zur Verknüpfung

der Roadmap mit operativen Aktivitäten in Innovationspolitik

und -management der Unternehmen zur

Erschließung von Nachhaltigkeitspotenzialen.

Die Erfahrungen aus den verschiedenen Roadmappingprojekten

können auch auf andere Technologiefelder übertragen und

als wesentliches Element einer nachhaltigkeitssorientierten

Innovationspolitik genutzt werden.

ÜBeR DeN autOR

Dr. Siegfried Behrendt, Dipl.-Politologe, Dipl.-Biologe, ist Koordinator und Projektleiter

am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung IZT gGmbH.

52 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

53


Agenda

tRaNsGOVeRNaNCe –

NAchhAlTIGKEIT NEu BETrAchTET

In diesem Artikel stellen wir Überlegungen vor, Nachhaltigkeitsgovernance neu zu betrachten.

Ein halbes Jahr vor der großen UN Nachhaltigkeitskonferenz in Rio de Janeiro ist es geboten,

dass wir uns fragen, warum wir bislang in zentralen Fragen nachhaltiger Entwicklung so langsam

vorankommen. Wir wissen alle, dass wir dringend nachhaltigere Prozesse und Lebensstile

in Wirtschaft und Gesellschaft brauchen.

Von Dr. Louis Meuleman und Falk Schmidt

Ein besseres Gleichgewicht zwischen Umwelt, sozialem Wohlergehen

und Wohlstand beinhaltet auch die Verantwortung für

zukünftige Generationen, und Viele stimmen mit diesem Ziel

überein. Aber gleichzeitig wissen wir auch, dass Ökonomien,

Regierungen und das Verhalten der Bürger oft noch nicht nachhaltig

sind. Wir verbrauchen mehr Ressourcen als wir sollten,

verursachen den Klimawandel und andere globale Krisen in

einem gefährlichen Ausmaß, und wir sind mitverantwortlich für

Hunger, extreme Wetterereignisse und soziale Ungleichheiten.

Andererseits gibt es auch viele Möglichkeiten: Die Menschheit hat

mehr Wissen und Instrumente als jemals zuvor, um Lösungen

für die Menschen und den Planeten zu finden.

Governance

Die derzeitigen Regelungen für gemeinsame Entscheidungen

führen nicht zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Deshalb

brauchen wir Veränderungen bzw. Transformationen. Diese

Governance-Frage haben wir im TransGov-Projekt des Institute

for Advanced Sustainability Studies (IASS), Potsdam, untersucht.

Unser Ergebnis ist, dass unser bisheriges Scheitern durch eine

Reihe von Engführungen im Denken und Handeln verursacht

wird. So zum Beispiel der Glaube, dass zentralisierte und allein

rechtlich-verbindliche Regelungen immer die besten oder

sogar einzigen Möglichkeiten sind, dass die Umsetzung einer

54 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

55

Innovation

nachhaltigen Entwicklung unter Berücksichtigung kultureller

Vielfalt oft als ein Hindernis angesehen wird und ‚hegemoniales

Denken‘ damit Vorschub geleistet wird, dass es keine belastbare

Alternative zum Mainstream der heute geforderten Formen von

Wirtschaftswachstum gibt, dass die Wissenschaft immer objektiv

und unbestritten sein kann und sollte, dass die Beteiligung der

Zivilgesellschaft und der Wirtschaft an wichtigen politischen

Entscheidungen eher eine ‚Mode‘ denn notwendige Gelingensbedingung

ist. Neue Governance-Ideen sollten sich mit diesen

Vorstellungen auseinandersetzen, weil darüber zwar schon oft

geschrieben worden ist, derlei Vorstellungen aber weiterhin tief

im vorherrschenden Denken und Handeln verwurzelt sind.

Komplexität als Herausforderung

Bisherige Governance-Konzepte scheinen die Komplexität unserer

Zeit nicht adressieren zu können. Im TransGov-Projekt haben

wir drei zeitgenössische Gesellschaftskonzepte miteinander

verbunden, die beyond mainstream sich dieser Frage annehmen.

Die erste theoretische Linse rankt sich um das Phänomen Reflexivität.

Wir erkennen, dass soziale Systeme inhärent reflexiv sind

und sich linearem Denken per se verschließen. Jeder Versuch,

zukünftige Entwicklung zu prognostizieren, sollte mit einem

gehörig Maß an Bescheidenheit auftreten und einen hohen

Grad an Unsicherheit akzeptieren. Dies klingt trivial und wird

dennoch häufig missachtet.

Das zweite Konzept ist die Wissensdemokratie: Wir leben in

Zeiten zunehmender Spannungen zwischen alten und neuen

Formen der Politik, Wissenschaft und Medien. Zunehmend wird

die repräsentative Demokratie mit einer partizipatorischen Demokratie

gemischt, es ko-existieren klassische und soziale Medien

(social media), mit oder ohne Kooperation, und die Wissenschaft

befindet sich ebenfalls inmitten eines Konfliktes, einerseits immer

bessere disziplinäre Forschung zu generieren, andererseits den

gemeinsamen Prozess von Wissenschaft und Praxis für die Erörterung

von Fragen wie der einer nachhaltigen Entwicklung zu

akzeptieren und in transdisziplinäre Forschung zu überführen.

Der dritte Kontext ist der der Zweiten Modernität (Ulrich Beck).

Wir leben in einer Welt, in der Lösungen nicht länger eine Frage

von bottom-up oder top-down, von Regierungs- oder Nichtregierungsorganisationen,

von detaillierten oder umfassenden Regulierungsansätzen

sind. Es geht vielmehr um die „Kunst“, beides

zu verbinden. Das bedeutet aber auch, dass tabula rasa keine

Option ist. Die Komplexität der Zweiten Moderne, die scheinbar

und tatsächlich widersprüchliche Anforderungen an uns richtet,

erfordert Pluralität in unseren Antworten und Governance-Formen.

Transgovernance: Pluralität statt Simplizität

Wir sind davon überzeugt, dass Entscheidungsträger in Politik,

Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft

anfangen sollten, sich neuen Governance-Arrangements zu

öffnen und über herkömmliche Fixierungen und Stereotype

hinausgehen müssen. Widersprüchliches bietet Chancen. Die

Elimination von Widersprüchen und andersartigen Denkanstößen

durch viele klassische Konzepte unseres Denkens und

Handelns hat uns nicht zur Nachhaltigkeit geführt, oft zum

Gegenteil. Nachhaltigkeit erfordert „Governance beyond...“

oder Transgovernance. Dies bedeutet, Transgovernance muss

sich stützen auf eine kulturell sensiblen Metagovernance, die

situationsspezifisch Governance- und Führungsformen zur

Anwendung kommen lässt; auf mehr Transdisziplinarität, also

eine immer schon bestehende Verquickung von Theorie und

Praxis; auf Grenzen überschreitende Ansätze; auf neuen und

interaktiven Methoden, zum Beispiel zur Neubewertung von

„Fortschritt“ – oder allgemeiner in Richtung Verantwortlichkeit,

Zuverlässigkeit und Führung.

Unsere Überlegungen sind, in Zeiten wo allenthalben nach

großen, umfassenden Lösungen gerufen wird, gerade deshalb

eine Herausforderung, weil sie bescheiden sind: Grundlegende

Veränderungen in sozialen Systemen werden nur allmählich

und schrittweise eine transformative Kraft entfalten. Eine Transformation

unserer nicht nachhaltigen Systeme und Prozesse

wiederum ist unausweichlich geboten. In einer Wissensdemokratie

ist es besser zu überzeugen, als zu befehlen. Auch wenn

man sich Einsichten in der Tat bisweilen nicht mehr entziehen

kann, klafft zwischen Erkennen und Handeln oft eine Lücke,

die durch gemeinsame Praxis geschlossen werden muss.

Wir sollten Verschiedenheit als etwas Positives in Besitz nehmen

und nicht als eine Belastung für unser Streben nach mehr

Nachhaltigkeit ansehen. Obwohl Effizienz und Standardisierungen

ein mächtiges Werkzeug sind, können sie auch die

Innovationskraft von Vielfalt ausschalten. Über die Rolle von

Vielfalt in Bezug auf innovatives Denken und Handeln hinaus ist

kulturelle Vielfalt eine der wichtigsten Schätze der Menschheit,

der unsere besondere Beachtung verdient.

Transgovernance ist ein „Ansatz“ statt ein „Rezept“. Im ausführlichen

TransGov-Bericht haben wir einige vorgeschlagen, zum

Beispiel globale Innovationsnetzwerke von Regierungen und

Unternehmen, Innovationswettbewerbe für kleine und mittlere

Unternehmen, Nationalstaaten in einer neuen Rolle als Prozessarchitekten,

eine neue Diplomatie für internationale Abkommen.

Doch die Governance-Herausforderungen für Nachhaltigkeit

gehen über das Entwerfen von einzelnen Lösungsstrategien

hinaus. Wesentlich ist es, eine langfristige Orientierung zu

entwickeln, die die Komplexität unserer Zeit – nicht selten in

quasi-paradoxen Ergebnissen wie zum Beispiel „Glocalisation“

vorliegend – zu verstehen imstande ist. Damit einhergehend

müssen wir anerkennen, dass erfolgreiche Veränderungen

oft nur von innen (Intraventionen) kommen, statt von außen

(Interventionen) auferlegt werden.

Kulturelle Vielfalt und wirtschaftliche Akteure

Mit Beispielen von Unternehmen kann konkreter illustriert

werden, worum es hier geht. Mehr und mehr Firmen sind für

nachhaltige Entwicklung engagiert. „Frontrunner“ vereinen

sich, z. B. in Initiativen wie dem Global Compact oder dem

World Business Council for Sustainable Development, und

unterstützen, komplementieren und fordern nationale Regierungen

und internationale Organisationen heraus, Politik für

eine nachhaltige Entwicklung zu implementieren. Transgovernance

bedeutet, dies nicht nur „zuzulassen“, sondern weiter zu

stimulieren. Private Unternehmen haben dabei oft schon >>


Agenda

die Innovationskraft von Vielfalt erkannt. Unter Bezugnahme

auf Edward de Bono‘s Eintreten für „Querdenken“ und andere

nicht-lineare Ansätze von Innovation, hat die kanadischen

Firmenchefin Singer gesagt, dass kulturell vielfältigen Organisationen

sehr innovativ sein können, wenn ihre „kulturelle

Intelligenz“ auch verwendet wird. Sie argumentiert weiter,

dass auch multinationale Konzerne wie Procter & Gamble

dies mittlerweile verstehen und Ansätze implementieren, in

denen Vielfalt Homogenität übertrifft. Viele Unternehmen sind

beispielsweise in Indien (oder nahezu beliebig vielen anderen

Ländern) gescheitert, weil sie mit ihren Strategien gegenüber

geltenden Normen und Werte nicht sensitiv waren bzw. sind.

Die Herausforderung, kulturelle Vielfalt von einem Hindernis

in eine Chance umzuwandeln, war der Grund, warum IBM

vor mehr als 30 Jahren den Soziologen Hofstede beauftragte,

100.000 IBM Mitarbeitern systematisch zu befragen, um kulturelle

Unterschiede zu finden und für Lösungsstrategien nutzbar

zu machen. Verschiedene Corporate-Governance-Theoretiker

haben belegt, dass nationale Kulturen als „Mutter von Pfadabhängigkeiten“

in Corporate Governance-Systeme gesehen

werden können. Will man dies ändern, müssen ganz im Sinne

der oben genannten intraventions diese System (von innen her)

verstanden und umgebaut werden.

Offene Innovationsnetzwerke

Viele Unternehmen haben nicht nur die positive Kraft kultureller

Diversität entdeckt, auch technologische Innovationen

liegen zu großen Teilen in ihren Händen. Wir wollen hier mit

einem Beispiel für Transgovernance-Denken schließen und

ein institutionelles Arrangement kurz zusammenfassen, das

auch für den Global Compact von Interesse sein kann: die Idee

globaler Innovationsnetzwerke für Nachhaltigkeit. In vielen

Märkten und deren Segmenten sind es eine begrenzte Anzahl

von Unternehmen, die dominierend sind. Diese Unternehmen

arbeiten oft mit Universitäten und anderen (wissenschaftlichen)

tRaNsGOVeRNaNCe

Dieser Artikel fasst einige Schlussfolgerungen zusammen

aus dem TransGov-Projekt und dessen Schlussbericht:

„Transgovernance: The Quest for Sustainability

Governance“, ein Projekt des Institute for Advanced

Sustainability Studies (IASS), Potsdam. Der Bericht wurde

von Prof. Dr. Roeland J. in ´t Veld zusammengestellt,

mit Beiträgen von den anderen TransGov-Mitgliedern

der Lenkungsgruppe Prof. Dr. Klaus Töpfer, Dr. Louis

Meuleman (Projektleiter) und Dr. Günther Bachmann

und den Forschungsstipendiaten Dr. Stefan Jungcurt,

Dr. Jamel Napolitano, MSC Alexander Perez-Carmona

und Falk Schmidt.

Dieser Bericht wird in gedruckter Form und auch als

Open-Source-Veröffentlichung zum Download unter

www.iass-potsdam.de/ erhältlich sein.

Akteuren zusammen und haben eine Führungsrolle bei technologischen

Entwicklungen inne. In vielen Fällen operieren sie

in business-to-business Ketten mit Zulieferern und Subunternehmen.

Sie berichten heutzutage an die breitere Öffentlichkeit

über ihre Nachhaltigkeitsperformance. Viele Mitarbeiter

insbesondere in höheren Rängen größerer Unternehmen sind

offen gegenüber Fragen der Nachhaltigkeit. Innerhalb von

R & D-Abteilungen entwickeln Fachleute Positionen und Werte,

die häufig eng mit jenen wichtiger NGOs in vergleichbaren

Fragen verbunden sind. Zunehmend sind Arbeitgeber mit

einem hohen Nachhaltigkeitsprofil auch besonders attraktiv

für kompetente Fachleute, und umgekehrt.

Die öffentliche Hand kann versuchen, nicht nachhaltige Entwicklungen

zu stoppen, kann aber nur begrenzt Einfluss auf die

Pfade technologischer Entwicklung von solchen Unternehmen

ausüben. Regierungen sollten daher ein Regulierungssystem

entwickeln, das Wettbewerbsvorteile dann entstehen lässt,

wenn Unternehmen nachhaltiger wirtschaften und nicht, wie

derzeit noch allzu oft gegeben, wenn gerade nicht nachhaltig

gewirtschaftet wird. Man kann sich gut vorstellen, dass große

Unternehmen – vielleicht auch unter dem Global Compact

ein Netzwerk formen, das bevorzugte Muster der technologischen

Entwicklung im Hinblick auf mehr Nachhaltigkeit beurteilt. So

ein (globales) Netzwerk würde ein Indikatorensystem liefern,

der Kommunikation dienen, Möglichkeiten für naming, faming

and shaming produzieren. Solch ein Netzwerk wäre aber auch

zu verbinden mit communities der Kunden und NGOs, die in

den Dialog treten und Informationen über unternehmerische

Praktiken sammeln. Crowd Sourcing diente hierbei dem „Faktencheck“,

um sowohl vergleichbare Bewertungsgrundlagen zu

haben als auch Betrug zu entdecken. Die Macht der Kunden

und Konsumenten würde dann voll mobilisiert – in einem

mit Transgovernance verstandenem Regulierungsansatz auch

und insbesondere zum Vorteil der an Transformationen hin zu

mehr Nachhaltigkeit interessierten Unternehmen.

ÜBeR DIe autOReN

Dr. Louis Meuleman und Falk Schmidt arbeiten am Potsdamer Institute for Advanced

Sustainability Studies am Transgov-Projekt. Bis 2010 war Dr. Meuleman

Generälsekretär des niederländischen „Advisory Council for Research on Spatial

Planning, Nature and Environment“ (RMNO) in Den Haag.

56 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

57

Innovation

Innovations-Tools

tOOLs uND BÜCHeR

Fichter, K.; Beucker, S.;

Noack, T.; Springer, S. (2007):

„Entstehungspfade von

Nachhaltigkeitsinnovationen“

nova-net Werkstattreihe, Stuttgart

Online unter www.borderstep.de

vom 19.10.2011

Louis Meuleman (Hrsg):

„Transgovernance: advancing

Sustainability Governance“

Frankfurt 2012: Springer Verlag

(in Vorbereitung)

antoni-Komar, I.; Lehmann-

Waffenschmidt, M.; Pfriem, R.;

Welsch, H. (2010):

„Wenke 2 – Wege zum nachhaltigen

Konsum“

Metropolis, Marburg

Pfriem, R.; antes, R.; Fichter, K. et al.

(Hrsg. 2006):

„Innovationen für eine Nachhaltige

Entwicklung“

Deutscher Universitäts Verlag,

Wiesbaden

Kauffman Center for Entrepreneurial

Leadership (1999):

Global Entrepreneurship Monitor:

National Entrepreneurship

assessment – United States of

america“

Kansas City, MO

UNEP (2010):

„Driving a Green Economy through

public finance and fiscal policy

reform“

Online unter www.unep.org

vom 17.10.2011

Behrendt, S.:

„Integriertes Roadmapping“

Springer Verlag, Heidelberg, Berlin,

New York 2010

Timmons, Jeffrey a. (1998):

„america’s Entrepreneurial

Revolution:

The demise of Brontosaurus

Capitalism“

Babson College, F.W. Olin Graduate

School of Business

UNEP (2011):

„Towards a Green Economy.

Pathways to Sustainable

Development and Poverty

Eradication.“

Online unter www.unep.org

vom 17.10.2011

WBGU (2011):

„Welt im Wandel.

Gesellschaftsvertrag für eine

Große Transformation“

Hauptgutachten 2011, Berlin

Online unter www.wbgu.de

vom 19.10.2011

ZVEI:

„Integrierte Roadmap

automation 2020+:

Zukunftsmärkte und

Technologieanforderungen“

Frankfurt/Main 2010

zu den Themenfeldern Energie, Wasser

und Abwasser sowie Megacities

Loew, T.; Clausen, J.; Hall, M.; Braun,

S. (2009):

„Fallstudien zu CSR und Innovation:

Praxisbeispiele aus Deutschland und

den USa“

Berlin, Münster, Hannover

Online unter www.borderstep.de

vom 19.10.2011

Bundesministerium für

Umwelt, Naturschutz und

Reaktorischerheit (BMU Hrsg. 2008):

„Megatrends der Nachhaltigkeit –

Unternehmensstrategie neu denken“

Berlin

Online unter www.borderstep.de

vom 19.10.2011

Clausen, J.; Fichter, K.; Winter, W.

(2011):

„Diffusionsverläufe von

Nachhaltigkeitsinnovationen:

eine empirische analyse von 100

Diffusionsfällen“

Berlin

Online unter www.borderstep.de

ab Anfang 2012


Best Practice

Menschenrechte

ABB

Bertelsmann

Deutsche Post DHl

entwicklUng & PArtnerschAft

GIZ

lavaris Technologies

Merck

csr MAnAgeMent

Cewe Color

Daimler

ernst & Young

HypoVereinsbank

PwC

Volkswagen

wilkhahn

Für die redaktionellen Beiträge dieser rubrik sind ausschließlich die unternehmen und ihre Autoren selbst verantwortlich.

ArbeitsnorMen

evonik

MAN

TeCTuM Group

UMweltschUtz

BASF

Bayer

Bosch

BSH Bosch und Siemens Hausgeräte

Deutsche Telekom

enBw

FAI rent-a-jet

Forest Carbon Group

Heraeus

HoCHTIeF

Miele

rwe

ABB

BASF

Bayer

Bertelsmann

Bosch

BSH Bosch und Siemens Hausgeräte

Cewe Color

Daimler

Deutsche Post DHl

Deutsche Telekom

enBw

ernst & Young

evonik

FAI rent-a-jet

Forest Carbon Group

GIZ

Heraeus

HoCHTIeF

HypoVereinsbank

lavaris Technologies

MAN

Merck

Miele

PwC

rwe

TeCTuM Group

Volkswagen

58 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

59

60

62

64

66

68

70

72

74

76

78

80

82

84

86

88

90

92

94

96

98

100

102

104

106

108

110

112

114

wilkhahn


ABB

Kontinuierliches

Mitarbeiterengagement

hilft

Menschen in Not

Von Alexander Vogler

Verantwortungsvolles Handeln ist Teil der ABB-unternehmensstrategie.

So fördert die deutsche ABB aktiv das soziale

engagement ihrer Mitarbeiter. Bei Spendenaktionen im rahmen

humanitärer Hilfe beispielsweise verdoppelt das unternehmen

den von den Mitarbeitern eingebrachten Betrag. Bereits

seit 2004 unterstützt ABB die Hilfsorganisation CAre.

„Alleine in den vergangenen zwei Jahren

organisierte ABB Deutschland drei

Spendenaktionen: für die Opfer des Erdbebens

in Haiti, für die Betroffenen der

Flutkatastrophe in Pakistan und für die

Erdbeben- und Tsunamiopfer in Japan.

„Das Außergewöhnliche bei ABB ist das

kontinuierliche Mitarbeiterengagement“,

sagt Dr. Anton Markmiller, Generalsekretär

von CARE Deutschland-Luxemburg

e.V. „Diese Solidarität ist beeindruckend!“

Soziale, ökologische und ökonomische

Ziele miteinander in Einklang zu

bringen, bestimmt das Handeln von

ABB. „Wir helfen unseren Kunden mit

marktgerechten Produkten und Dienstleistungen,

ihre Leistung zu verbessern

und gleichzeitig die Umweltbelastung

zu reduzieren“, so Personalchef Volker

Barzyk. „Darüber hinaus setzen wir alles

daran, unserer sozialen Verantwortung

gerecht zu werden.“

Um Menschen in verheerenden Notsituationen

effektiv und spürbar zu helfen,

greift das Unternehmen auf sein seit

vielen Jahren bewährtes Spendenkon-

zept zurück. Im Kern sieht dies vor, dass

die deutsche ABB den von den Mitarbeitern

gespendeten Betrag aufrundet

und verdoppelt. „Oft ist es sogar so, dass

viele Mitarbeiter schon privat gespendet

haben und die Verdopplung der Spende

durch den Arbeitgeber sie motiviert,

einen weiteren Beitrag zu leisten“, sagt

Wilhelm Kuper, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats

von ABB Deutschland

und einer der Geschäftsführer der ABB

Unterstützungseinrichtung (UE), über

die die Hilfsaktionen koordiniert werden.

Die Aktionen werden grundsätzlich

kommunikativ begleitet. Regelmäßige

Beiträge im firmeneigenen Intranet informieren

über den aktuellen Spendenstand

und den Verwendungszweck der

Gelder. Die hohe Spendenbereitschaft

erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass

die Mitarbeiter wissen, dass das Geld da

ankommt, wo es gebraucht wird.

Bereits seit acht Jahren arbeitet ABB

mit CARE zusammen. „Über die Zeit

hinweg hat sich ein Vertrauensverhält-

nis zwischen beiden Seiten aufgebaut“,

so Kuper. „Wir wissen, wie gut diese

Hilfsorganisation aufgestellt ist. CARE

setzt die Spendengelder effizient ein

und bewirkt damit nachhaltig Gutes“,

ergänzt Barzyk. So zum Beispiel auch

in Haiti, Pakistan und Japan, wo große

Katastrophen bis heute Spuren der Zerstörung

hinterlassen und viele Menschen

um ihr Hab und Gut gebracht haben.

Das Erdbeben in Haiti im Januar 2010

forderte mehr als 220.000 Tote, über 1,5

Millionen Menschen wurden obdachlos.

Einige Monate später brach zudem die

Cholera aus und verbreitet sich rasend

schnell im ganzen Land. Nothilfe und

Wiederauf bau gehen Hand in Hand:

Während CARE die Menschen dabei unterstützt,

sanitäre Einrichtungen, Übergangshäuser

oder Schulen zu bauen,

werden an Cholera erkrankte Menschen

in Gesundheitszentren versorgt.

Die ABB-Mitarbeiter unterstützten CARE

mit Spenden in Höhe von insgesamt

25.336,12 Euro. Der Arbeitgeber ließ

CARE insgesamt 52.000 Euro zukommen.

60 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

61

Best Practice

In Pakistan sind über 14 Millionen Menschen

von der Flutkatastrophe betroffen,

die sich Mitte 2010 ereignete. CARE

konzentriert sich hier vor allem auf die

medizinische Versorgung der Bevölkerung

und den Wiederauf bau des Landes. Die

Hilfsorganisation hilft mit Notunterkünften,

Medikamenten, Lebensmitteln, Trinkwasser,

schafft neue Einkommensquellen,

etabliert Zentren zur Traumabewältigung

und fördert die Landwirtschaft. Die Mitarbeiter

von ABB und das Unternehmen

insgesamt setzten mit 35.000 Euro ihr

Zeichen für Humanität.

In Japan verwüsteten ein Erdbeben und

ein folgender Tsunami im März 2011

einen großen Teil der Ostküste. Über das

havarierte Atomkraftwerk Fukushima ist

fast in Vergessenheit geraten, dass noch

heute zehntausende Menschen unter

den Folgen der Naturkatastrophe leiden

und in Notunterkünften leben müssen.

CARE versorgt Betroffene mit Lebensmitteln,

Hygiene-Paketen, Küchenutensilien,

Matratzen und Decken. Ferner werden

soziale Einrichtungen wie Schulen und

Heime mit Transportdiensten, Rollstühlen

und anderen Gerätschaften unterstützt.

54.000 Euro waren das Ergebnis

der Japan-Spendenaktion bei ABB.

„Ich danke den Mitarbeitern und dem

Management für ihre großartige Unterstützung

über all die Jahre hinweg“, so

CARE-Generalsekretär Markmiller. „Ich

wünsche mir, dass ABB weiterhin unsere

Arbeit unterstützt, denn gemeinsam

können wir viel bewegen!“

Links: Über 14 Millionen Menschen

in Pakistan waren von den schweren

Überflutungen im Sommer 2010 betroffen.

Mit mobilen Kliniken versorgte CAre die

Bevölkerung in entlegenen Gebieten und

konnte so dem Ausbruch von Seuchen

vorbeugen.

CAre ABB

CAre Deutschland-luxemburg

e.V.: CAre wurde 1945 in den uSA

gegründet, um Hunger und Ver-

zweiflung in europa mit mehr als

100 Millionen CAre-Paketen

zu lindern. Heute ist CAre eine

international tätige Hilfsorganisation.

unabhängig von

politischer Anschauung, reli-

giösem Bekenntnis oder ethnischer

Herkunft setzt CAre sich

weltweit für Not leidende, arme

und ausgegrenzte Bevölkerungs-

gruppen ein. Mit Projekten zur

langfristigen entwicklung werden

die ursachen der Armut bekämpft.

Mitte: Nach dem verheerenden

erdbeben in Haiti im Januar 2010 verteilte

CAre unmittelbar Hygiene-Pakete an die

obdachlosen Menschen. Sie enthielten

Seife, wasserbehälter und das Nötigste, um

in den Zeltlagern gesund zu bleiben.

Rechts: Tausende Menschen wurden durch

den Tsunami in Japan obdachlos. CAre bot

in evakuierungszentren warme Mahlzeiten

an und leistete psychosoziale unterstützung,

vor allem für Kinder und Frauen.

ABB in Deutschland erzielte

im Jahr 2010 einen umsatz

von 3,03 Milliarden euro und

beschäftigte zum 30. Juni 2011

knapp 10.000 Mitarbeiter. ABB

ist führend in der energie- und

Automationstechnik. Das

unternehmen ermöglicht

seinen Kunden in der

energieversorgung, der

Industrie und im Handel, ihre

leistung zu verbessern und die

umweltbelastung zu reduzieren.

Der ABB-Konzern beschäftigt

etwa 130.000 Mitarbeiter in rund

100 ländern.


BASF

weltweit für den

Klimaschutz

wird in den nächsten Jahren in die entsprechenden Technologien investiert, lassen sich laut

weltklimarat im Jahr 2030 global rund 31 Milliarden Tonnen Co 2 -emissionen vermeiden.

Die chemische Industrie bietet bereits heute Produkte und lösungen für Klimaschutz und

energieeffizienz in zahlreichen unterschiedlichen Bereichen. Forschung und entwicklung spielen

für die entwicklung künftiger Technologien eine wesentliche rolle: Bei BASF fließen derzeit

beispielsweise etwa ein Drittel der Forschungs- und entwicklungsinvestitionen in Produkte und

Technologien zur Steigerung der energieeffizienz.

Von Dr. Cordula Mock-Knoblauch und Antje Schabacker

Vielfältige Chancen für Unternehmen

bieten energieeffiziente sowie ressourcenschonende

Produktionsprozesse –

und Produkte, die helfen, das Klima

zu schützen. Die BASF-Produkte für

den Klimaschutz vermeiden bei ihrer

BASF Co 2 -Bilanz 2010

Wir reduzieren

Emissionen entlang der

Wertschöpfungskette.

Emissionen entlang der gesamten

Wertschöpfungskette (Mio. t CO 2 e/a):

Verwendung mindestens doppelt so

viele Emissionen wie sie durch ihre

Herstellung und Entsorgung verursachen.

So unterstützt BASF ihre Kunden

bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen.

Ob Energiegewinnung,

Weitere Quellen 3

Transport 4

Entsorgung 29

Nutzung von

BASF-Endprodukten 56

BASF Produktion 25

Rohstoffe 43

CO 2 e-Emissionen BASF Produktion (GHG Protocol Scope 1&2)

CO 2 e-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette (GHG Protocol Scope 3)

Mobilität oder Wohnungsbau: Die in

2010 verkauften Produkte reduzieren

die Treibhausgasemissionen von BASF-

Kunden von 1.720 Millionen Tonnen auf

rund 1.400 Millionen Tonnen – also

etwa 320 Millionen Tonnen vermiedene

Wir helfen unseren Kunden,

ihren „CO 2 -Footprint“ zu

verkleinern.

Emissionsvermeidungen:

322 Mio. t CO 2 e/a

CO 2 e-Emissionen bei Kunden (Mio. t CO 2 e/a):

Ohne Nutzung der BASF Produkte: 1720

Mit Nutzung der BASF Produkte: 1398

62 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

63

Best Practice

Klimaschutz: Bei BASF ein bedeutender Teil der

Strategie

Seit 2008 hat BASF als erstes global tätiges Industrieunternehmen einen

Klimaschutzbeauftragten. Der leiter des Kompetenzzentrums umwelt,

Gesundheit & Sicherheit, Dr. ulrich von Deessen, ist Mitglied im Nachhaltigkeitsrat

der BASF und koordiniert weltweit alle Klimaschutz-bezogenen

unternehmensaktivitäten. „Klimaschutz ist als eine der zentralen

gesellschaftlichen und unternehmerischen Herausforderungen ein integraler

Bestandteil der BASF-Nachhaltigkeitsstrategie“, sagt von Deessen.

Emissionen. Mit rund 260 Millionen

Tonnen leisten Produkte für den Sektor

Bauen und Wohnen wie zum Beispiel

Dämmstoffe und Beton-Additive dabei

den größten Beitrag.

Auch in der eigenen Produktion ist

nachhaltiges, verantwortungsvolles

Wirtschaften wichtiger Bestandteil der

BASF-Unternehmensstrategie. Über die

gesetzlichen Vorgaben hinaus engagiert

sich das Chemieunternehmen seit Langem

mit globalen Zielen für energieeffiziente

und ressourcenschonende Produktionsprozesse.

Den wesentlichen Beitrag der

BASF zur weltweiten Reduktion von Treibhausgasemissionen

zeigt die CO 2 -Bilanz.

CO 2 -Bilanz der BASF

Als weltweit erstes Unternehmen veröffentlicht

BASF seit 2008 regelmäßig eine

umfassende CO 2 -Bilanz. Sie verdeutlicht,

wie viele Treibhausgase ausgestoßen,

aber auch vermieden werden. „Dazu

erfassen wir nicht nur die Emissionen

an den eigenen Standorten, sondern

zum Beispiel auch jene, die bei unseren

Lieferanten durch die Herstellung der

Rohstoffe und Vorprodukte entstehen.

Links: Der blaue Fußabdruck stellt

alle Co -emissionen entlang der BASF-

2

wertschöpfungskette dar. Der orangefarbende

Fußabdruck zeigt, dass sich durch

die Nutzung der im Jahr 2010 verkauften

BASF-Produkte für den Klimaschutz der

Co -Fußabdruck der Kunden merklich

2

verkleinert.

Wir berücksichtigen die gesamte Wertschöpfungskette“,

erläutert Ulrich von

Deessen, Leiter des Kompetenzzentrums

Umwelt, Gesundheit & Sicherheit und

Klimaschutzbeauftragter bei BASF (siehe

auch Kasten).

Die Berichterstattung basiert auf dem

„Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting

and Reporting Standard“ der

Greenhouse Gas Protocol Initiative. Im

Rahmen dieser Initiative haben Nachhaltigkeitsexperten

aus mehr als 60

Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen

unter der Leitung des

World Business Council for Sustainable

Development sowie des World Resources

Institute in einem mehrjährigen

Prozess den Standard, der im Oktober

2011 veröffentlich wurde, erarbeitet.

Die BASF-Experten haben ihr Know-how

aus der Entwicklung der Methodik zur

Erstellung der CO 2 -Bilanz eingebracht.

„Mit der CO 2 -Bilanz machen wir unsere

Leistungen beim Klimaschutz messbar

und können unsere Aktivitäten effektiv

steuern“, so von Deessen. „Kunden,

Aktionäre und die breite Öffentlichkeit

können nachvollziehen, wie wir die

Treibhausgaseffizienz unserer Aktivitäten

entlang der gesamten Wertschöpfungskette

steigern und welchen Beitrag

unsere Produkte zum Schutz des Klimas

leisten.“

Anspruchsvolle Ziele für die Zukunft

Um als energieintensives Industrieunternehmen

ökologische und wirtschaftliche

Vorteile zu verbinden, ist für BASF eine

Energie- und Treibhausgas-effiziente

Produktion zentraler Schlüssel zum Erfolg.

BASF setzt sich darum seit 2002

globale Ziele für Energieeffizienz und

Klimaschutz. So soll die Energieeffizienz

der Produktionsprozesse bis zum

Jahr 2020, verglichen mit 2002, um 25

Prozent verbessert werden. 23 Prozent

konnten bereits in 2010 erreicht werden.

Zugleich sollen die spezifischen

Emissionen von Treibhausgasen pro

Tonne Verkaufsprodukt um mindestens

25 Prozent sinken. Dieses Ziel wurde in

2010 erstmals erreicht. Neue Ziele zur

Reduktion der Emission von Treibhausgasen

werden darum derzeit erarbeitet.

Die wichtigsten Beiträge zur Steigerung

der Treibhausgaseffizienz sind BASFeigene

Katalysatoren, die in Anlagen

klimaschädliche Gase zersetzen sowie

die hocheffiziente Energieerzeugung

und -nutzung. Die zur eigenen Energieerzeugung

überwiegend genutzten

Gas- und Dampfturbinen in Kraft-Wärme-

Kopplungsanlagen erzeugen Energie mit

einem Wirkungsgrad von nahezu 90 Pro-

zent. Die Kopplung von Produktionsanlagen

im Verbundsystem der BASF ermöglicht

die Nutzung von überschüssiger

Wärme in einer Anlage zur Beheizung

eines Prozesses in einer anderen Anlage.

Die wesentlichen Zukunftsthemen beim

Klimaschutz sind für BASF die Weiterentwicklung

des Klimaschutz-Produktportfolios

und die Reduktion der Treibhausgasemissionen

entlang der gesamten

Wertschöpfungskette. „Bei unseren Be-

mühungen zur Emissionsreduktion entlang

der gesamten Wertschöpfungskette

nimmt die Logistik derzeit einen Schwerpunkt

ein. Zudem analysieren wir die

Emissionen, die mit dem Einkauf von

Rohstoffen und Vorprodukten verbunden

sind“, betont von Deessen.


BAYer

Intelligente Technologien

für den Klimaschutz

Klimaschutz und ressourcenschonung stellen die welt vor große Herausforderungen. Innovative

lösungen für effizientere ressourcennutzung und reduktion von Treibhausgasemissionen

sind Beispiele, wie Bayer Verantwortung für Klima und umwelt übernimmt. Mit seinem einsatz

für die entwicklung umweltfreundlicher Technologien unterstützt unser unternehmen die umweltprinzipien

des uNGC. ein aktuelles Projekt betrifft die Nutzung des Treibhausgases Co 2 als

rohstoff für die Kunststoffherstellung.

Von Dr. Wolfgang Große Entrup

Jahr für Jahr erreicht die Kohlendioxid-

Konzentration in der Atmosphäre einen

neuen Höchstwert. Vor dem Hintergrund

des drohenden Klimawandels ist daher

jede Maßnahme wertvoll, die hilft, weitere

CO 2 -Emissionen in die Atmosphäre

zu vermeiden.

Genau das gelingt uns in einem aktuellen

Projekt. Mehr noch: Gemeinsam mit

Partnern gehen wir dabei noch einen

Schritt weiter. Wir helfen nicht nur,

Emissionen zu verhindern. Wir zeigen

darüber hinaus sogar, dass man aus dem

Abgas CO 2 einen Rohstoff machen kann.

Wir nutzen ihn für die Herstellung eines

Vorprodukts hochwertiger Polyurethane.

Dieser vielseitig verwendbare Werkstoff

findet sich in zahlreichen Gegenständen

des täglichen Lebens – in Sitzmöbeln,

eine realistische Zukunftsvision: Polster für

Matratzen aus Schaum, der unter anderem

aus Kohlendioxid produziert wird.

Matratzen und Leichtbauteilen ebenso

wie in Lacken, Klebstoffen oder hocheffizienten

Dämmstoffen.

Um das klimaschädliche Kohlendioxid

als Rohstoff für hochwertige Materialien

nutzbar zu machen, war zuvor allerdings

ein historischer technologischer Durchbruch

nötig. Bis vor kurzem war es nämlich

extrem energieaufwändig, CO 2 für

die Polymer-Synthese zu nutzen. Unter

Chemikern galt dieses Unterfangen daher

jahrzehntelang als „Traumreaktion“.

Ein Traum wird Wirklichkeit

Doch dann gelang Bayer-Forschern ein

wichtiger Schritt in der Katalyseforschung.

Im Rahmen des Projekts „Dream

Reaction“ fanden sie einen Katalysator,

der die Verwendung von CO 2 in Kunststoffprodukten

erst möglich macht. Zusammen

mit Partnern von der RWTH

Aachen und vom CAT Catalytic Center

in Aachen wurde die einstige Traumreaktion

damit schließlich Wirklichkeit.

Inzwischen läuft das Folgeprojekt:

„Dream Production“ – eine Gemeinschaftsinitiative

von Chemieindustrie

und Energiewirtschaft, eine Kooperation

von Wissenschaft und Wirtschaft. Das

ungewöhnliche Konsortium bildet in

einzigartiger Weise die gesamte Wertschöpfungskette

ab – vom Rohstoff hin

zum fertigen Produkt. Unter der Projektleitung

von Bayer können Synergien in

Bereichen wie Rohstoffverfügbarkeit

und Katalyse so ideal genutzt werden.

Der Teilkonzern Bayer MaterialScience

betreibt seit Februar 2011 im Chempark

Leverkusen eine Pilotanlage, in der CO 2

mithilfe des Katalysators in ein chemisches

Vorprodukt für Polyurethane eingebaut

wird. Das Kohlendioxid stammt

aus dem Abgas eines Kohlekraftwerks

des Projektpartners RWE Power AG. Das

Unternehmen trennt das CO 2 dafür mit-

64 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

65

Best Practice

tels der sogenannten Rauchgaswäsche

ab. Die Folge: Das klimaschädliche Gas

entweicht nicht mehr in die Atmosphäre.

Und es dient sogar noch als Rohstoff für

Polyurethan-Produkte.

Der Gewichtsanteil des Kohlendioxids

in dem Polyurethan-Vorprodukt liegt

deutlich im zweistelligen Prozentbereich.

Üblicherweise basiert diese Vorstufe auf

chemischen Grundstoffen, die aus Erdöl

oder Erdgas gewonnen werden. In dem

Maße, in dem das Kohlendioxid genutzt

wird, können also fossile Rohstoffe eingespart

werden. Ein echter Beitrag zur

Ressourcenschonung.

Und natürlich ein Beitrag zum Klimaschutz.

Allerdings darf dieser auch

nicht überschätzt werden. Denn die

Mengen CO 2 , die auf diese Art und

Weise produktiv genutzt werden, sind

vor dem Hintergrund der weltweiten

Treibhausgas-Emissionen relativ gering.

Gleichwohl ist die Dream Production ein

erster wichtiger Schritt bei der industriellen

Verwertung von CO 2 in chemischen

Produkten. Und es geht bereits weiter.

Inzwischen versuchen Bayer-Forscher,

Kohlendioxid auch für die Synthese eines

weiteren Vorprodukts (Isocyanat) von

Polyurethanen zu verwenden.

Weniger Strom für die

Chlorherstellung

Eine andere Technologieverbesserung hilft

ebenfalls, CO 2 -Emissionen zu reduzieren.

Und auch dabei war Bayer der maßgebliche

Initiator. Es geht um die Herstellung

von Chlor. Dieser in der chemischen Industrie

außerordentlich wichtige Rohstoff

wird insbesondere für die Produktion von

Kunststoffen benötigt. Doch die Chlorherstellung

gehört zu den energieintensivsten

chemischen Prozessen. So verschlingt der

dazu benötigte Strom etwa die Hälfte der

Produktionskosten.

Schon vor einigen Jahren machte Bayer

gemeinsam mit Partnern die elektrolytische

Chlorgewinnung aus Salzsäure

deutlich energieeffizienter. Mit Hilfe der

sogenannten Sauerstoffverzehrkathoden-

Technologie gelang es, den Strombedarf

– und damit auch die CO 2 -Emissionen –

um 30 Prozent zu senken. Nach einer

Pilotanlage in Brunsbüttel haben wir

mittlerweile in China eine großtechnische

Anlage in Betrieb genommen.

Bayer testet die Herstellung von

Kunststoffen mithilfe von Co . In dieser

2

neuen Pilotanlage im Stammwerk

in leverkusen wird das Co in einen

2

chemischen rohstoff eingebunden.

Und inzwischen ist es sogar gelungen,

diese Technologie auch auf das mengenmäßig

bedeutendste Verfahren für

die Chlorherstellung zu übertragen: auf

die Elektrolyse von Kochsalz. Auch dort

gelingt es nun, den Stromverbrauch –

und damit die Treibhausgasemissionen

– um bis zu 30 Prozent zu reduzieren.

Eine erste großtechnische Anlage ging

2011 an unserem Standort in Krefeld-

Uerdingen in Betrieb.

Käme diese Technologie in ganz Deutschland

flächendeckend zum Einsatz, ließe

sich allein dadurch so viel elektrische

Energie einsparen, wie die gesamte Millionenstadt

Köln benötigt. Noch größer

ist das globale Potenzial. Schließlich

werden derzeit weltweit jedes Jahr rund

60 Millionen Tonnen Chlor hergestellt.

Entsprechend hoch sind die energiebedingten

Treibhausgas-Emissionen. Wir

werden unser neues Verfahren daher

auch anderen Chlorproduzenten anbieten,

um hier zu einem möglichst großen

Einspareffekt zu verhelfen.

Innovation fördert nachhaltige

Entwicklung

Die Herausforderungen, die noch vor uns

liegen, sind groß. Doch unsere Erfolge in

der Vergangenheit haben gezeigt, dass

wir mit vielen kleinen Schritten etwas

erreichen können. Auch unsere Kooperationen

und Partnerschaften rund um

Forschung und Entwicklung bilden eine

entscheidende Grundlage, um global

umweltfreundliche Technologien und

klimagerechtere Lösungen mit jeweils

spezifischer regionaler Wirkung zu entwickeln.

Viele Ideen und Projekte stecken erst in

den Kinderschuhen. Aber wir sind auf

dem Weg! Und so viel ist klar: Ohne weitere

Innovationen wird es nicht gehen,

wenn wir in unserem Tun nachhaltiger

werden wollen. Und genau an diesen Innovationen

wird Bayer weiter forschen.


BerTelSMANN

orchester der

leseförderung

Gemeinsam mit der Stiftung lesen und dem Goethe-Institut

konzipierte die Bertelsmann AG 2010 eine bundesweit einzigartige

leseförder-Initiative: „lesespaß“ in Gütersloh. Bewährte

und innovative Maßnahmen werden modular miteinander

verzahnt, um mit einem ganzheitlichen Ansatz größtmögliche

effekte zu erzielen. Schon nach einem Jahr steht fest: Das

Konzept geht auf – und empfiehlt sich zur Nachahmung.

Von Stephan Knüttel

Lesen ist auch im Zeitalter des Internets

die Grundlage für Kommunikationskompetenz:

Nur wer lesen kann, kann im

Beruf mithalten und an der Gesellschaft

teilhaben. Angesichts dieser Tatsache ist

es erschreckend, dass es in Deutschland

7,5 Mio. funktionale Analphabeten gibt.

Jeder vierte Deutsche liest nicht einmal ein

einziges Buch pro Jahr und die PISA-Studie

(2001-2009) ergab, dass ein Fünftel aller

Jugendlichen überhaupt nicht lesen kann.

Diesem Zustand versuchen Bertelsmann AG,

Stiftung Lesen und Goethe-Institut mit

der gemeinsamen Initiative „Lesespaß“

entgegenzuwirken. Zu ihrem 175. Firmengeburtstag

hat die Bertelsmann AG

die Initiative der Stadt Gütersloh zum

Geschenk gemacht, um den „Lesespaß“ am

Stammsitz von Bertelsmann zu steigern.

Das Besondere an der Initiative ist die

zeitliche und räumliche Konzentration

vieler aufeinander auf bauender Lesefördermaßnahmen

für verschiedenste

Zielgruppen – ein Orchester der Leseförderung.

Dabei richtet sich das Programm

besonders an so genannte leseferne

Schichten, also beispielsweise Familien

mit Migrationshintergrund oder Haushalte

mit formal niedriger Bildung. Um

diese Zielgruppen zu erreichen, geht die

Initiative unterschiedlichste Wege: „Wir

nutzen auch ungewöhnliche Herangehensweisen

wie Theaterspiel, Lesungen

mit Liegestützen und Rap-Musik, um die

Lesefreude zu wecken und zu fördern“, erklärt

Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des

Goethe-Instituts. Den ganzheitlichen Ansatz

stärkt, dass eng mit Partnern vor Ort

zusammengearbeitet wird, beispielsweise

66 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

67

Best Practice

Links: lesen macht Spaß – dies versucht

die Initiative in verschiedenen Projekten zu

vermitteln.

Unten: rTl-Moderatorin Nina Moghaddam

gab 2010 bei einem großen Kinderfest den

Startschuss zur Initiative „lesespaß“.

mit Schulen, Kindertagesstätten, Sportvereinen,

Kinder- und Jugendärzten sowie

den Institutionen der Stadt Gütersloh.

„Eine Vielzahl an Förderprojekten ist gut

– ihr systematisches Zusammenspiel ungleich

besser. Das belegt eindrucksvoll

die Initiative ‚Lesespaß‘ in Gütersloh: Als

konzertierte Aktion bündelt sie rund 25

Projekte und erreicht damit insbesondere

leseferne Zielgruppen“, so Jörg Maas,

Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen.

Die Projekte decken dabei ein breites

Spektrum ab: So heißt es beispielsweise

jeden Monat „Eintritt frei“ in den

Gütersloher Kinos, wenn aktuelle und

altbekannte Literaturverfilmungen für

Familien mit Kindern gezeigt werden.

Mehr als ein Dutzend Unternehmen

bieten wöchentlich eine fürs abendliche

Vorlesen geeignete Geschichte an. Und

als Unterstützung des ehrenamtlichen

Vorlese-Engagements in Kitas und Schulen

wurden bereits über 100 Vorlesepaten

ausgebildet, zum Teil sogar zweisprachig.

Schüler können sich schon ab der fünften

Klasse zu Lesescouts ausbilden lassen

und eigene Leseaktionen an ihren Schulen

anbieten. Leseförderungs-Profis wie

Lehrkräfte und Erzieherinnen erhalten

durch Fortbildungen die Möglichkeit,

sich neues Know-how anzueignen. Zum

Start der Initiative gab es ein großes

Kinderfest in der Gütersloher Stadtbibliothek,

das von RTL-Moderatorin Nina

Moghaddam moderiert wurde.

Wie erfolgreich das Zusammenspiel

all dieser verschiedenen Maßnahmen ist,

lässt sich dabei in Zahlen messen: Obwohl

das Lese-Niveau in Gütersloh verglichen

mit dem Bundesschnitt auch vor dem Start

der Initiative schon relativ hoch war, hat

„Lesespaß“ die Begeisterung fürs Lesen in

der Stadt noch einmal gesteigert. So sagten

beispielsweise im Sommer dieses Jahres

76 Prozent der Eltern in Gütersloh, ihre

Kinder „lesen gern Bücher“. 2010 waren

es bei den Eltern 6- bis 9-Jähriger noch

68 Prozent. Positive Signale in punkto

Lesebegeisterung zeigten sich darüber

hinaus gerade bei Familien aus lesefer-

nen Schichten. Von dem großen Erfahrungsschatz

der Projektpartner sollen

nun auch Kinder und Jugendliche aus

anderen Regionen profitieren. „Die Erfolge

bestärken uns in der Ansicht, mit

‚Lesespaß‘ ein Projekt initiiert zu haben,

das Modell für andere Städte sein kann“,

sagt Barbara Kutscher, Projektleiterin „Lesespaß“

bei Bertelsmann. Und genau dafür

ist „Lesespaß“ auch konzipiert worden

– als Blaupause für weitere Städte und

Kommunen.

In Gütersloh jedenfalls ist der „Lesespaß“

noch lange nicht vorbei: Aufgrund

der messbaren Erfolge der Initiative werden

Bertelsmann und seine beiden Partner,

die Stiftung Lesen und das Goethe-

Institut, die erfolgreichsten Aktivitäten

zur Leseförderung auch nach Juni 2012

fortführen. Ursprünglich war „Lesespaß“

auf eine Dauer von zwei Jahren angelegt.

„‚Lesespaß‘ hat unsere Erwartungen

übertroffen. Kinder in Gütersloh haben

heute nachweislich mehr Lust am Lesen

Starke Partner:

als vor einem Jahr – da ist es für uns als

Medienkonzern selbstverständlich, ein

so erfolgreiches Projekt fortzuführen“,

so Barbara Kutscher. Dementsprechend

werden viele der einzelnen Maßnahmen

weitergehen, was besonders Kinder und

Jugendliche freuen dürfte. Für „Lesespaß“

kann es jedenfalls kein größeres Lob

geben, als wenn – wie bei einer Veranstaltung

mit dem Kinderbuchautor

Armin Pongs geschehen – ein Junge

begeistert erklärt: „Ich habe extra mein

Fußballtraining ausfallen lassen – und

es hat sich gelohnt.“

Die Bertelsmann AG kooperiert als Initiatorin von „lesespaß“ bei der Initiative

mit zwei starken und kompetenten Partnern im Bereich der lese- und Sprachförderung:

der Stiftung lesen und dem Goethe-Institut.

Die Stiftung lesen entwickelt Projekte, um das lesen in der Medienkultur zu

stärken. Als „Bewegung für das lesen“ ist es ihr Ziel, lesefreude zu wecken

und so lesekompetenz zu vermitteln. Mit zahlreichen Projektideen bringt sie

sich in die „lesespaß“-Initiative ein.

Das Goethe-Institut ist das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik

Deutschland. Die weltweit rund 150 Institute fördern die Kenntnis der

deutschen Sprache im Ausland und pflegen die internationale kulturelle

Zusammenarbeit – auch im Inland, wenn es um die Vermittlung von Deutsch

als Zweitsprache für Menschen mit Migrationshintergrund geht.

Diese unterschiedlichen Kernkompetenzen formen das ideale Team, um

allen Zielgruppen gerecht zu werden und eine besonders effektive lese- und

Sprachförderung zu betreiben.


BoSCH

energieeffiziente Gebäude

weltweit treiben das Bevölkerungswachstum und der steigende wohlstand die waren- und

energieströme. Dieses gilt gleichermaßen auch für den Gebäudesektor, da speziell die boomende

Bautätigkeit in ländern wie China oder Indien mit steigendem energiebedarf gekoppelt ist.

In vielen ländern stehen Gebäude für rund 40 Prozent des gesamten energieverbrauchs, denn

zum Heizen, Kühlen, Kochen, Beleuchten oder zur Nutzung elektrischer Geräte ist der einsatz

von Strom oder Primärenergieträgern wie Gas, Öl oder Kohle erforderlich.

Von Bernhard Schwager

Solange Energie noch nicht regenerativ

erzeugt wird, ist dies mit schädlichen

CO 2 -Emissionen verbunden, die

den Treibhauseffekt fördern. Um die

Erhöhung der Temperatur – wie vom

Intergovernmental Panel of Climate

Change (IPCC) gefordert – im weltweiten

Mittel auf zwei Grad Erderwärmung zu

beschränken, müssen unterschiedliche

Maßnahmen in den verschiedenen Be-

reichen von Wirtschaft und Verwaltung,

aber auch beim privaten Verbraucher

durchgeführt werden. Durch die Optimierung

von Gebäuden kann ein großer

Beitrag zur Reduzierung des Energieverbrauchs

und damit zum Klimaschutz

geleistet werden. Die erforderlichen

Maßnahmen könnten sofort beginnen,

da das Wissen und die erforderlichen

Techniken und Produkte bereits heute

auf dem Markt zur Verfügung stehen.

Es muss das Ziel sein, den Wärme- und

Primärenergiebedarf von Gebäuden weitgehend

zu senken, ohne den Komfort für

die Nutzer zu beeinträchtigen. Gleichzeitig

lässt sich mit solchen Maßnahmen

häufig der Wert der Immobilien steigern.

Weltweite Gebäude-Analysen zeigen,

dass mit 300 Mrd. US$ jährlich 52 Prozent

aller CO 2 -Emissionen im Gebäudesektor

bis zum Jahr 2050 eingespart werden

können. Studien des World Business

Council for Sustainable Development

(WBCSD) belegen, dass die Summe aller

Energieeffizienz-Projekte in Gebäuden

– mit Amortisationszeiten bis zu

zehn Jahren – Einsparungen auf dem

Niveau der heutigen Emissionen des

Transportsektors erreichen würden. Dieses

Energiespar-Potenzial lässt sich aber

nur heben, wenn eine ganzheitliche

Herangehensweise an Technik und Hülle

eines Gebäudes erfolgt.

Neben den Verbesserungen im

Gebäudebestand spielt aber auch der

Neubau eine wesentliche Rolle. Die Versäumnisse

der Vergangenheit dürfen

zukünftig nicht mehr vorkommen. So ist

eine ausgeglichene Primärenergiebilanz

gut, noch besser ist es aber, wenn ein

Gebäude mehr Primärenergie erzeugt,

als seine Bewohner verbrauchen – es

68 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

69

Best Practice

also eine positive Primärenergiebilanz erzielt.

Der Gebäudestandard der Zukunft

erfordert deshalb beispielsweise hocheffiziente

Heizsysteme, eine gute Wärmedämmung

mit Wärmeschutzverglasung

und sparsame Haushaltsgeräte, um den

Energiebedarf weiter deutlich zu reduzieren.

Mit einer Photovoltaik-Anlage

kann außerdem Strom mit Sonnenlicht

gewonnen werden und in Verbindung

mit einer thermischen Solaranlage lässt

sich eine positive Primärenergiebilanz

realisieren.

Zur Nutzung Regenerativer Energien

und zur Erhöhung der Energieeffizienz

bei Gebäuden zeigen Beispiele wie das

Modellhaus EcoPlusHome in Kanada oder

das neue Bosch-Hauptquartier in Singapur

den Weg in die richtige Richtung,

sowohl im privaten Wohnungsbau als

auch bei Verwaltungsgebäuden.

Beispiel Wohngebäude

Im prämierten EcoPlusHome zeigt Bosch,

dass ein emissionsfreies Haus ohne

Zugeständnisse beim Komfort und zu

erschwinglichen Kosten erreichbar ist.

Das EcoPlusHome wurde mit dem von

der Scotiabank verliehenen EcoLiving-

Preis 2011 in der Sparte „Innovation“

ausgezeichnet. Gewürdigt werden Unternehmen,

Innovatoren und Studierende

in ganz Kanada für herausragende

Leistungen bei der Entwicklung von

Produkten, Diensten oder Lösungen für

energieeffizientes Wohnen. Sie gelten als

die wichtigste Auszeichnung Kanadas für

Innovationen in diesem Bereich.

Bosch hat das EcoPlusHome zusammen

mit kanadischen Partnern entwickelt.

Von Dezember 2009 bis Dezember

2010 verbrauchte eine darin lebende

sechsköpfige Familie etwa 14.000 Kilowattstunden

(kWh). In demselben

Links: Mit dem in der ostkanadischen Provinz

New Brunswick errichteten Musterhaus

ecoPlusHome soll gezeigt werden, dass

eine nahezu Co -freie energieversorgung

2

allein aus erneuerbaren energien ohne

einschränkung des lebensstils gelingen kann.

Rechts: Das neue regionale Hauptquartier

von Bosch für Südostasien ist für seine

energieeffizienz und umweltfreundlichkeit

zweifach ausgezeichnet.

Zeitraum erzeugte das Haus jedoch

rund 15.000 kWh. Das EcoPlusHome

reduziert somit nicht nur die Abhängigkeit

von fossilen Brennstoffen, sondern

verursachte auch weniger Emissionen

und trug zu einem gesünderen Lebensumfeld

und saubererer Luft bei. Durch

Bereitstellung einer hocheffizienten

geothermischen Wärmepumpe, einer

solarthermischen Anlage, Fotovoltaikmodulen

und Haushaltsgeräten für das

EcoPlusHome beweist Bosch, dass Klimaschutz

sich bezahlt macht und dass ein

Leben mit einer positiven Energiebilanz

ohne Zugeständnisse beim Komfort und

zu akzeptablen Kosten erreichbar ist.

Mithilfe der Bosch-Technologie bestand

das EcoPlusHome-Testhaus im

ostkanadischen New Brunswick auch

extreme Temperaturen, die von -35 °C im

Winter bis zu +35 °C im Sommer reichten.

Für die Warmwasserbereitung wurde

eine Solarthermie-Anlage installiert. Die

solarthermischen Kollektoren nutzen

die Energie der Sonne für die Erhitzung

des Warmwassertanks. Ein elektrisches

Zusatzelement gewährleistet die ganzjährige

Verfügbarkeit heißen Wassers,

auch an kalten oder wolkigen Tagen. Die

insgesamt geringere Abhängigkeit von

fossilen Brennstoffen macht das EcoPlus-

Home praktisch immun gegen schwankende

Brennstoffpreise, die gerade in den

Spitzennachfragezeiten oft steigen, und

sorgt so für eine bessere Planbarkeit der

Kosten für den Hausbesitzer. Das Endergebnis

ist Energieeffizienz zu einem

erschwinglichen Preis. Angesichts der

weiter steigenden Energiekosten sind

Netto-Nullenergiehäuser notwendiger

denn je zuvor.

Beispiel Bürogebäude

Das neue Hauptquartier von Bosch für

Südostasien in Singapur wurde bereits

vor seiner Fertigstellung im Jahr 2009

für seine Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit

ausgezeichnet. Vom Staat

Singapur bekam das Gebäude im Rahmen

seines „Green Mark“ Programms

die höchste Auszeichnung in Platin, und

vom nationalen „Clean Energy Program“

wurde das Gebäude mit dem „Solar Pioneer

Award“ honoriert.

Als eines der ersten Gebäude in Singapur

ist das neue Hauptquartier mit

einem beweglichen, außen liegenden

Sonnenschutz ausgestattet. Dieser vermindert

die Hitzeeinstrahlung um 20

bis 25 Prozent und reduziert damit den

Energiebedarf für die Kühlung erheblich.

Das ist wichtig in einer Stadt nahe am

Äquator. Das Gebäude wurde zudem

mit Photovoltaik von Bosch Solar Energy

ausgerüstet. Auch weitere Faktoren

tragen zur Umweltfreundlichkeit bei.

Die Rückgewinnung von Energie in der

Lüftung reduziert die für die Kühlung

benötigte Energie um weitere 20 Prozent.

Das grüne Hauptquartier in Singapur

ist dabei nur ein Beispiel, wie Bosch bei

seinen eigenen Bautätigkeiten auf eine

effiziente Nutzung der Energie achtet.

Auch das neue China-Hauptquartier in

Shanghai deckt beispielsweise die Hälfte

seines Heiz- und Kühlbedarfs mit Erdwärmepumpen.


BSH BoSCH uND SIeMeNS HAuSGeräTe

weniger ist mehr

Von Fridolin Weindl

weniger ist mehr. Das gilt ganz besonders für die umwelt: weniger Stromverbrauch ist mehr

Klimaschutz. Denn der effiziente umgang mit energie ist der am schnellsten und am einfachsten

zu realisierende Hebel, um energie zu sparen und Co 2 -emissionen zu vermeiden. Das gilt für

alle lebensbereiche – auch im vermeintlich Kleinen. Jeder Haushalt kann mit supereffizienten

Hausgeräten seinen Strom- und wasserverbrauch deutlich reduzieren. Das nutzt dem Klima und

schont den Geldbeutel.

Weil Hausgeräte durchschnittlich 10 bis

15 Jahre ihren Dienst in Küche, Bad und

Keller verrichten, erschließt sich somit

weltweit ein enormes Einsparpotenzial.

Moderne Kühl-Gefrierkombinationen

beispielsweise verbrauchen heute rund

70 Prozent weniger Strom als vergleichbare

Geräte noch vor 15 Jahren. Auch

moderne Waschmaschinen und Geschirrspüler

brauchen heute im Vergleich zu

15 Jahre alten Geräten nur noch halb

so viel Strom. Grund sind die enormen

technischen Verbesserungen und die

innovativen Technologien, die in den

Geräten stecken. Dabei bedeutet weniger

Stromverbrauch bei Kühlschrank,

Waschmaschine und Geschirrspüler

aber keineswegs Verzicht auf Komfort,

Leistung oder Qualität. Moderne Hausgeräte

bieten heute höchsten Komfort

und beste Qualität bei niedrigsten Verbrauchswerten.

Um Verbrauchern eine klare Orientierung

bei ihrer Kaufentscheidung

zu geben, sind Hausgeräte in Europa

seit vielen Jahren verbindlich mit dem

Energielabel der Europäischen Union

gekennzeichnet. Damit können die Verbraucher

auf einen Blick erkennen, ob

das Gerät wenig Energie verbraucht oder

ein Stromfresser ist. Seit Dezember 2010

gilt für die sparsamsten Waschmaschinen,

Geschirrspüler und Kältegeräte die

neue Energieeffizienzklasse A+++. Die

Anzahl der Pluszeichen auf dem Gerät

ist entscheidend. Ein Gerät der besten

Effizienzklasse A+++ braucht nämlich

60 Prozent weniger Strom als ein Gerät

der Effizienzklasse A und ist immer

noch um die Hälfte sparsamer als ein A+

Gerät. So kann ein durchschnittlicher

Haushalt, der komplett mit supereffizienten

Geräten ausgestattet ist, bis zu

270 Euro Stromkosten im Jahr sparen.

Die Mehrkosten bei der Anschaffung

supereffizienter Geräte amortisieren

sich durch die geringeren Verbrauchskosten

innerhalb weniger Jahre. Mit

dem Kauf eines Hausgerätes treffen die

Verbraucher also auch die Entscheidung

über ihre Stromrechnung der nächsten

15 Jahre.

Wie wichtig das Thema Energieeffizienz

ist, haben auch die Regulierungsbehörden

erkannt: Von Mitte 2012 an dürfen in

Europa keine Geräte der Effizienzklasse

A oder schlechter mehr auf den Markt

gebracht werden. Trotzdem stehen in

europäischen Haushalten heute immer

noch mehr als 190 Millionen Geräte, die

zehn Jahre oder älter sind und somit deutlich

mehr Strom verbrauchen als nötig.

Würden diese Geräte durch moderne

effiziente Geräte ersetzt, könnten jedes

Jahr bis zu 44 Milliarden Kilowattstunden

Strom eingespart werden. Das entspricht

dem Jahresstromverbrauch von Portugal.

Europas führender Hausgerätehersteller,

die BSH Bosch und Siemens Hausgeräte

GmbH, hat das Thema Energieeffizienz

schon seit vielen Jahren fest in ihrer

Produktpolitik und Geschäftsstrategie

verankert. Die BSH-Ingenieure arbeiten

täglich daran, Bedienkomfort und

Leistungsfähigkeit der Geräte stetig zu

verbessern und gleichzeitig den Energie-

und Wasserverbrauch kontinuierlich

zu senken. Um diese Fortschritte

sichtbar und messbar zu machen, hat

die BSH als erster Hausgerätehersteller

ihre sparsamsten Geräte zu einem

so genannten Supereffizienz Portfolio

zusammengefasst und die Zahlen von

Wirtschaftsprüfern bestätigen lassen.

In dieses Portfolio werden jedes Jahr

nur die sparsamsten auf dem Markt

verfügbaren Geräte aufgenommen. 2010

stammte bereits jedes vierte von der BSH

in Europa verkaufte Gerät aus diesem

Portfolio. Gerechnet über die durchschnittliche

Nutzungsdauer der Geräte

bedeutet das eine Einsparung von 1,9

Milliarden Kilowattstunden. Das entspricht

dem Jahresstromverbrauch von

mehr als 500.000 privaten Haushalten

in Deutschland. Supereffiziente Hausgeräte

mit minimalen Verbrauchswerten

sind längst keine Marktnische mehr

und tragen deshalb entscheidend zum

Klimaschutz bei. Das zeigt auch der

Blick auf den Produktlebenszyklus: je

nach Gerätekategorie entfallen 80 bis 95

Prozent der Umweltbelastungen auf die

Nutzungsphase der Geräte in den Haus-

70 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

71

Best Practice

halten. Deshalb ist es besonders wichtig,

dass veraltete Geräte rasch ausgetauscht

werden und überall energieeffiziente

Geräte zum Einsatz kommen. Die Verantwortung

für den sparsamen Umgang

mit Ressourcen ist ein gemeinschaftlicher

Auftrag. „Es ist mir unverständlich,

warum Energieeffizienz bei politischen

Maßnahmen keine größere Rolle

spielt“, sagt Dr. Kurt-Ludwig Gutberlet,

Vorsitzender der Geschäftsführung der

BSH. Er appelliert deshalb an die Politik,

die Verbraucher beim Thema

Energieeffizienz stärker anzusprechen.

„Es wäre energie- und klimapolitisch

wünschenswert, wenn die Politik mit

entsprechenden Anreizprogrammen den

Absatz besonders energieeffizienter Geräte

fördern würde“, so der BSH-Chef.

„Denn der beste Strom ist immer noch

der, der nicht verbraucht wird!“

Stichwort Supereffizienz

Supereffiziente Hausgeräte tragen maßgeblich dazu bei, den energie-

und ressourcenverbrauch in privaten Haushalten deutlich zu reduzieren.

Moderne Hausgeräte brauchen bis zu 73 Prozent weniger Strom als

vergleichbare Geräte vor 15 Jahren und bieten somit ein enormes

Potenzial zur reduzierung von energieverbrauch und Co 2 -emissionen.

Als erster Hausgerätehersteller hat die BSH Bosch und Siemens

Hausgeräte GmbH ihre sparsamsten Geräte in einem Supereffizienz-

Portfolio zusammengefasst und dieses in den vergangenen beiden Jahren

systematisch erweitert. Allein die 2010 in europa von der BSH abgesetzten

supereffizienten Geräte führen zu einer Stromeinsparung von 1,9 Milliarden

Kilowattstunden. „Mit unseren supereffizienten Hausgeräten leisten wir

einen messbaren Beitrag zum Klimaschutz“, sagt BSH-Chef Dr. Kurt-ludwig

Gutberlet. „energieeffiziente Hausgeräte bieten ein enormes Potenzial

für den Klimaschutz, ohne dass die Verbraucher dabei auf Komfort

verzichten müssen.“


Cewe Color

Cewe Color: wie nachhaltige

wirtschaftliche

Verantwortung zur Zukunfts-

sicherung beiträgt

Der Dreiklang aus ökologischer, sozialer und ökonomischer Verantwortung bestimmt die Firmengeschicke

von Cewe Color. was mit welchen Mitteln zu wessen wohl geschieht und welche

Auswirkungen dies auf morgen hat, beschäftigt europas führenden Anbieter für Fotodienstleistungen

seit der Firmengründung vor fünf Jahrzehnten.

Von Oliver Thomsen

Weil Veränderungen in Unternehmensprozessen

deutlich und messbar im Sinne

der Nachhaltigkeit sein müssen, ist

Andreas F. L. Heydemann, Mitglied des

Vorstandes, verantwortlich und sorgt –

gemeinsam mit Spezialisten aus dem

Koordinierungskreis Nachhaltigkeit –

für unternehmensweite Verbindlichkeit.

Da es beim Thema Nachhaltigkeit

insbesondere um die nachfolgenden

Generationen geht, ist CEWE anlässlich

des diesjährigen Fortschrittsberichtes in

den Dialog mit den Kindern von Mitarbeitern

getreten. Auf die Frage, was

Nachhaltigkeit bedeute, antwortete der

15-jährige Tilman: „Etwas, das später

noch hält.“

CEWE hält. Wie Nachhaltigkeit und

Wirtschaftlichkeit Hand in Hand zur

Unternehmenssicherung beigetragen

haben, ist beispielhaft. In den vergangenen

Jahrzehnten hat die Fotobranche

einen großen Transformationsprozess

durchlebt. Das, wovon CEWE jahrzehntelang

gelebt hatte – die Entwicklung

analoger Filme – fiel Anfang des neuen

Jahrtausends plötzlich weg.

Bereits in den Neunzigerjahren,

als der Bereich der Analogfotos noch

wuchs, erkannte CEWE den Trend

zur Digitalfotografie und investierte

in Produkte, Produktionstechnologie

und Software. 1997 hat CEWE als welt-

72 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

73

Best Practice

weit erstes Unternehmen eine Ordersta-

tion für Digitalfotos in Ladengeschäften

installiert. 1998 folgte die Einführung

einer Bestellplattform für Digitalfotos

im Internet. CEWE erschloss sich mit

dem Internet neue Vertriebswege und

verstärkte damit die über Jahrzehnte

aufgebauten Kontakte zum stationären

Handel. Durch die innovative Erfindung

des DigiFoto Makers eröffneten sich den

Handelspartnern in den Läden weitere

Umsatzchancen. Von nun an hatten

viele der Partner die Möglichkeit, die

Speicherkarten ihrer Kunden auszulesen

und später die fertigen Abzüge im

Ladengeschäft zur Abholung anzubieten.

Allein seit 2002 hat das Unternehmen

250 Millionen Euro in neue Technologien

investiert – über 50 moderne

Digitaldruckmaschinen, industrielle

Buchbinde-Produktionsstraßen und

25.000 Orderterminals. Der Technologiewandel

hat viele Neuerungen und

Anpassungen erforderlich gemacht.

Parallel mit den Investitionen veränderten

sich auch die Bereiche, in denen

CEWE aktiv zum Umweltschutz beiträgt.

Links: Andreas F. l. Heydemann,

kaufmännischer Vorstand der Cewe Color

Holding AG, im Gespräch mit Kindern von

Mitarbeitern

Eine erfolgreiche Umweltpolitik wurde

definiert, die bis heute vier Themenbereiche

im Fokus hat: Energie sparen,

Wasser schützen, Ressourcen schonen

und Arbeitsschutz sichern. Aufgrund

der guten Qualität und Offenheit der

veröffentlichten Zahlen im Bereich der

Kohlendioxid-Emissionen wurde CEWE

als einziges SDAX-Unternehmen in den

Carbon Disclosure Leadership Index

2010 aufgenommen.

Neben dem Einsatz modernster Produktionsmaschinen

setzte CEWE auf

die Einführung innovativer Produkte.

Angetrieben durch die starke Expansion

im Segment der Digitalkameras, wurden

immer mehr individualisierte, hochwertige

Mehrwert-Produkte entwickelt.

Auf Fotokalendern und Fotoleinwänden,

Grußkarten und Fotogeschenken

wie bedruckten Tassen, Mousepads und

Brotdosen finden die digitalen Motive

der Kunden ihren Platz.

Den schönsten Platz für schöne Geschichten

erfand CEWE vor etwas über

fünf Jahren. Seitdem gibt es das CEWE

FOTOBUCH, das inzwischen als führende

europäische Fotobuchmarke etabliert ist.

Mit der Einführung der Marke gelang es,

neue Zielgruppen zu aktivieren und Preisstabilität

in einem Wachstumsmarkt zu

etablieren. Strategischer Markenauf bau

und konsistente Markenpflege führen

diese neue Form des individualisierten

Fotobuchs zum Erfolg. Im Oktober 2010

wurde das zehnmillionste Exemplar an

eine Kundin übergeben.

Der erfolgreich bewältige Technologiewandel

fiel auf: Die Wirtschaftswoche

und A. T. Kearney kürten CEWE „ ...als

ein hervorragendes Beispiel für die Innovation

eines Geschäftsmodells“ zum

Best Innovator 2010 in der Kategorie

Mittelstand. Das Beratungs und Wirtschaftsprüfungsunternehmen

Deloitte

zeichnete CEWE COLOR mit dem Preis für

wegweisende Innovationskraft 2010 in

Norddeutschland aus. Beim renommierten

Marken Award der Absatzwirtschaft

und des Deutschen Marketing Verbandes

erzielt das CEWE FOTOBUCH 2010 einen

Finalplatz als „Beste Neue Marke“.

Umsatz in Mio. Euro

Veränderung zum Vorjahr

2006

396,0

–8,1%

2007

413,5

+4,4%

Heute ist CEWE COLOR mit rund 2.700

Mitarbeitern der führende Fotodienstleister

in Europa. 120 Softwareentwickler

sichern den Entwicklungsvorsprung der

CEWE FOTOBUCH- und Bestell-Software.

Für die Menschen bei CEWE fühlt sich

das Management im hohen Maße verantwortlich.

Die Sicherung der sozialen

Zukunft der Mitarbeiter ist eine zentrale

Aufgabe, der durch verantwortungsvolles

Unternehmertum, qualifiziertes Personalmanagement,

die Förderung von

Nachwuchs und mit einer modernen

und sicheren Arbeitsplatzgestaltung

Rechnung getragen wird. Mit den umfangreichen

Investments in die digitale

Zukunft ist CEWE zusätzlich eine hohe

Arbeitsplatzsicherung gelungen.

Das Jahr 2010 erbringt ein Wachstum

um 9 Prozent einen Rekordumsatz von

447 Millionen Euro. Europaweit kaufen

die Kunden 2,5 Milliarden Fotos, 4,3 Millionen

CEWE FOTOBÜCHER und zahlreiche

Fotogeschenkartikel. Das Ergebnis je Aktie

steigt von 1,00 auf 2,02 Euro. Ein nachhaltiger

wirtschaftlicher Erfolg, der auch

dazu führt, dass CEWE der Gesellschaft

etwas zurück gibt. An den 12 Standorten

und in allen 24 Vertriebsländern engagiert

sich das Unternehmen im sozialen,

kulturellen und sportlichen Bereich.

„CEWE COLOR blickt im Jubiläumsjahr

auf fünf Jahrzehnte erfolgreiches

und nachhaltiges Handeln zurück.“, so

Andreas F. L. Heydemann. Seit dem vergangenen

Jahr ist CEWE Mitglied im UN

Global Compact. „Weil unternehmerische

Verantwortung immer mit der Verantwortung

für das Gemeinwohl einhergeht.

Die überprüfbare Übernahme von

Eigenverantwortung im Rahmen der 10

Prinzipien ist eine sinnvolle Verzahnung

mit unserer Nachhaltigkeitsstrategie.“

2008

420,0

+1,6%

2009

409,8

–2,4%

2010

446,8

+9,0%


DAIMler

Starke Verbindung: Global

Compact, Integrität und

Nachhaltigkeit

Daimler wurde 2000 Gründungsmitglied des Global Compact und ist seit 2011 als eines der

ersten Global Compact-unternehmen Mitglied in dessen leAD Gruppe. In den vier Handlungsfeldern

des Global Compact – Menschen- und Arbeitnehmerrechte, umweltschutz und Korruptionsvermeidung

– ist es der Anspruch des unternehmens, höchste Standards zu setzen. „Diese

Ziele sind anspruchsvoll, aber wir sind es auch: bei der Arbeits- und Geschäftsethik genauso wie

bei der Arbeit und dem Geschäft selbst“, bekräftigt Dr. Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der

Daimler AG, auf der Hauptversammlung der Daimler AG. In der operativen umsetzung seiner

Grundsätze und werte verknüpft der Automobilkonzern den Global Compact mit seinen Grundsätzen

zu Integrität und Nachhaltigkeit. Denn profitables unternehmenswachstum und soziale,

ethische und ökologische Verantwortung gehören bei Daimler zusammen.

Von Dr. Wolfram Heger

Mit seiner Unternehmenskultur möchte

Daimler nicht nur die gesetzlichen

Anforderungen erfüllen, sondern auch

höchsten ethischen Ansprüchen genügen

und branchenweit ein Beispiel

setzen. Es ist daher mehr als nur der

Ausdruck einer wachsenden Bedeutung

nachhaltigen unternehmerischen Handelns,

dass Daimler mit der früheren

Bundesverfassungsrichterin Dr. Christine

Hohmann-Dennhardt an der Spitze das

Vorstandsressort „Integrität und Recht“

etabliert hat. Dabei liegen die Verbindungen

von Global Compact und Integrität

auf der Hand: Beide fordern über die

Einhaltung von gesetzlichen Vorgaben

hinaus auch die Einhaltung gesellschaftlicher

und normativer Verhaltensweisen.

Dr. Hohmann-Dennhardt integriert den

Global Compact unmittelbar in ihren

Auftrag, denn „die Initiative, weltweit

gültige Prinzipien zu definieren und

Unternehmen freiwillig für deren Umsetzung

und Einhaltung zu gewinnen, hat

mir von Beginn an imponiert“, erklärte

sie bei einer Daimler-LEAD-Veranstaltung

mit Global Compact Direktor Georg Kell

im Mai in Berlin.

Integrität ist neben Begeisterung, Wertschätzung

und Disziplin einer der vier

grundlegenden Unternehmenswerte bei

Daimler. Für Führungskräfte und Mitarbeiter

in aller Welt bedeutet dies neben

74 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

75

Best Practice

dem Einhalten von Regeln und Gesetzen,

ihrem inneren Kompass zu folgen und

das Richtige aus eigener Überzeugung

heraus zu tun. Mit dem Bekenntnis zum

Global Compact bestätigt das Unternehmen

seinen Anspruch, verantwortlich

zu handeln und den Wert Integrität

nachhaltig für alle Führungskräfte, Mitarbeiter

und Partner in ihrer täglichen

Arbeit zu verankern.

Die spezifische Daimler-Übersetzung

für Integrität, welche den Global Compact

zudem unternehmensintern noch

bekannter und zu einem gelebten und

motivierenden Instrument macht, folgt

dessen Fokusbereichen: Die Menschenrechte

sind das unumstößliche Fundament,

das unser Handeln leitet. Die

Prinzipien zu Arbeitsnormen stehen

stellvertretend für die Beschreibung

unseres Umgangs miteinander. Der

Umweltschutzansatz als Leitlinie zum

Umgang mit Ressourcen aller Art. Und

das Prinzip zur Korruptionsbekämpfung

als Verpflichtung zur Einhaltung von

Gesetzen und Regeln weltweit. Damit

wird eine starke Verbindung zwischen

Global Compact, Integrität und Nachhaltigkeit

geschaffen. Eine Verbindung,

die eine Verankerung von Integrität im

Unternehmen unterstützt – sowohl im

Bewusstsein der Mitarbeiter als auch

in den Strukturen und Prozessen der

Unternehmensführung. Das Engagement

von Daimler im Thema Integrität

leistet zudem einen wichtigen Beitrag

zu Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit

– Grundvoraussetzungen für unser

operatives Handeln – in verschiedenen

Ländern.

Durch Kommunikation, Qualifizierung

und Anreize wollen wir integres Verhalten

im Dialog mit unseren Mitarbeitern

und im Austausch zwischen verschiedenen

Gremien und Stakeholdern weiterentwickeln.

Integrität lässt sich von

Seiten der Unternehmensleitung jedoch

nicht verordnen, nur fördern. Deshalb

hat Daimler bewusst einen partnerschaftlichen

und dialogbasierten Diskussions-

und Implementierungsprozess gewählt

– mit allen Stakeholdern.

Ob Global Compact, Integrität oder Nachhaltigkeit

– die damit verbundenen

Ansprüche lassen sich nicht von heute

auf morgen, sondern nur kontinuierlich

entwickeln und in einer langfristig strategischen

Dimension umsetzen. Und so ist

es kein Zufall, dass sich das langfristige

Engagement für den Global Compact

nahtlos in die Feierlichkeiten für das

nachhaltige, 125-jährige Jubiläum von

Daimler einpasst. Es zeigt, dass Daimler

das langfristige Gesamtbild im Blick

hat. Und dies unter der Maxime, dass

nicht nur das „Was“ – die Zahlen –

entscheidend sind, sondern auch, „wie“

wir diese Ziele erreichen. Der Global

Compact und insbesondere die LEAD

Gruppe des Global Compact sind für uns

Baustein sowie Handreichung, dabei aber

gleichzeitig auch Ansporn für die stetige

Weiterentwicklung unserer Geschäftstätigkeit.

Global Compact, Integrität und

Nachhaltigkeit – das ist eine starke

Verbindung.


DeuTSCHe PoST DHl

GoTeach: Für gerechtere

Bildungschancen in der welt

Mit rund 470.000 Mitarbeitern ist Deutsche Post DHl einer der größten privaten Arbeitgeber der

welt. Als führender logistikkonzern, ist Deutsche Post DHl in der Verantwortung, einen Beitrag

für unternehmen und Gesellschaft zu leisten – das ist die Idee hinter living responsibility. unter

diesem Motto ist unternehmensverantwortung (Corporate responsibility) ein fester Bestandteil

der unternehmensstrategie. Der Konzern setzt drei Schwerpunkte: umweltschutz (GoGreen),

Katastrophenmanagement (GoHelp) und Bildungsförderung (GoTeach). Außerdem unterstützen

wir das ehrenamtliche engagement unserer Mitarbeiter.

Von Ralf Dürrwang

Bildung ist eine wesentliche Voraussetzung

für ein eigenständiges und erfolgreiches

Leben. Deshalb fördert und

entwickelt Deutsche Post DHL zahlreiche

Initiativen weltweit, die Kindern und

Jugendlichen zu besseren Startchancen

für ihr späteres Berufsleben verhelfen.

Eine davon ist die Partnerschaft mit

Teach First Deutschland.

Unsere Partnerschaft mit Teach

First Deutschland

Das Konzept dahinter: Die gemeinnützige

Bildungsinitiative Teach First Deutschland

setzt persönlich und fachlich herausragende

Hochschulabsolventen unterschiedlicher

Fachrichtungen zwei Jahre

an Schulen in sozialen Brennpunkten ein.

Dort fördern die so genannten Fellows als

zusätzliche Lehrkräfte auf Zeit die Schüler

individuell und bringen zusätzliche

Angebote an die Schulen. Sie arbeiten

im Unterricht, indem sie beispielsweise

Kleingruppen leiten oder durch Einzelförderung

unterstützen und schaffen

Nachmittagsangebote, wie zum Beispiel

Förderkurse, Hausaufgabenbetreuung,

Schülerfirmen und Sport AGs. Nach den

zwei Jahren verfolgen Fellows verschiedene

berufliche Wege. Geprägt durch ihre

Erfahrungen in den Schulen engagieren

sie sich in der Regel auch weiterhin für

die Bildungschancen von Kindern und

Jugendlichen mit schlechten Startchancen

und können so langfristig Veränderungen

im Bildungssystem bewirken.

Deutsche Post DHL ist der größte

Unternehmensförderer von Teach First

Deutschland. Der Konzern unterstützt

die Organisation finanziell und durch das

ehrenamtliche Engagement von Mitarbeitern.

Zwei Mentorenprogramme binden

die Mitarbeiter ein. Beim Programm Chance4you

stehen die Mentoren jeweils einem

Schüler der Klassen 8 bis 10 für etwa

15 Monate als Unterstützung zur Seite.

Gemeinsam entwickeln sie persönliche

Ziele und helfen bei der Umsetzung. Der

Mentor fördert die Sozialkompetenz des

Schülers und unterstützt ihn bei Berufswahl

und Bewerbungen. Im Jahr 2010

bildeten sich insgesamt 25 Mentoren-

Tandems aus Mitarbeitern und Schülern

aus acht Schulen in Berlin, Hamburg und

Nordrhein-Westfalen. Nach dem erfolgreichen

Auftakt in 2010 sind für 2011 rund

100 neue Mentoren-Tandems geplant.

Das zweite Mentorenprogramm – Engage4change

– spricht Führungskräfte

des Konzerns an. Sie übernehmen für 15

Monate ein Mentoring für einen Fellow.

Ziel dieses Mentorings ist es, die Fellows

in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung

zu fördern. Bei der Reflektion

über Themen wie Motivation, Führung,

Selbstmanagement und Erfolg können

die Führungskräfte nicht nur eigene Erfahrungen

einbringen, sondern auch

von den Erfahrungen der Fellows lernen.

Ein weiteres Element der Partnerschaft

mit Teach First Deutschland sind

die jährlichen Camp4us Summercamps.

Gemeinsam mit Teach First Deutschland

und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung

(DKJS) hat Deutsche Post DHL ein

innovatives Campkonzept entwickelt,

um Kinder und Jugendliche zu fördern

und gleichzeitig die Fellows auf ihren

Schuleinsatz vorzubereiten. Während die

Fellows unter pädagogischer Anleitung

Praxiserfahrung sammeln, werden die

Kinder und Jugendlichen in Projekten bei

76 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

77

Best Practice

Links: Seit 2010 begleiten Konzern-

Mitarbeiter ehrenamtlich Schüler im rahmen

unseren Mentoring-Programms Chance4you.

Oben: TFD Mitarbeiter, Fellows und Förderer

der Initiative trafen sich zur feierlichen

Verabschiedung des 2009er Jahrgangs in

lüneburg.

ihrer schulischen und persönlichen Entwicklung

unterstützt. Jährlich nehmen

rund 250 Kinder von Postmitarbeitern

und Teach First Deutschland-Partnerschulen

an den Camps teil.

Angebote für potenzielle

Nachwuchskräfte

Das Unternehmen bietet den Fellows

Personalentwicklungsmaßnahmen an.

Interessierte Fellows können beispielsweise

am einwöchigen Business4Fellows-Seminar

teilnehmen. Am jährlich

stattfindenden Fellow-Tag werden die

Fellows nach Bonn eingeladen, um den

Logistikkonzern näher kennen zu lernen.

Dabei besuchen sie ein Logistikzentrum,

das DHL Innovation Center und haben

die Gelegenheit, Mitarbeiter und Führungskräfte

des Konzerns zu treffen und

sich mit ihnen auszutauschen.

Durch den regelmäßigen Kontakt

zu den Fellows konnten sie Deutsche

Post DHL als attraktiven Arbeitgeber

kennenlernen. Im Jahr 2011 haben sich

sechs Fellows für einen Job im Konzern

entschieden.

Übersicht Bildungsinitiativen bei Deutsche Post DHl:

Teach For All

In 2010 hat Deutsche Post DHL eine

globale Partnerschaft mit Teach For All

begründet, einem Netzwerk von zurzeit

23 nationalen Partnerorganisationen in

Europa, Asien, Amerika und dem Mittleren

Osten. Entstanden ist die Partnerschaft

aus der erfolgreichen Zusammenarbeit

mit Teach First Deutschland, die

bereits seit 2009 besteht. Im Rahmen der

Partnerschaft unterstützt der Konzern

Teach For All Länderorganisationen in

Deutschland (Teach First Deutschland),

Indien (Teach For India), Argentinien

(Enseñá por Argentina), Chile (Enseña

Chile), Peru (Enseña Peru), Spanien (Empieza

por Educar) und Brasilien (Ensina!).

Deutsche Post DHL ist größter Förderer

von Teach For All und leistet damit einen

nachhaltigen Beitrag beim Auf- und

Ausbau der Initiative – sowohl für die

Dachorganisation als auch für die Länderorganisation,

mit denen Deutsche

Post DHL partnerschaftlich verbunden ist.

Partnerschaft mit SOS-Kinderdorf

In vielen Ländern haben junge Menschen

unzureichenden Zugang zu einer

soliden Schul- und Berufsausbildung.

Gemeinsam mit der Hilfsorganisation

SOS-Kinderdorf will Deutsche Post DHL

die Berufschancen junger Menschen

erhöhen. Die Initiative richtet sich an 15-

bis 25-Jährige, die bei der Vorbereitung

auf ein unabhängiges, selbstbestimmtes

Leben unterstützt und begleitet werden.

Die Zusammenarbeit mit SOS-Kinderdorf

setzt dabei stark auf das Engagement

der Konzern-Mitarbeiter vor Ort in den

Ländern. Gemeinsame Projekte haben

beide Partner bereits in Brasilien, Madagaskar,

Südafrika und Vietnam realisiert.

Mittelfristig kommen mehr Länder hinzu.

UPstairs

So heißt das Stipendienprogramm für

Mitarbeiterkinder. Oft können Kinder

und Jugendliche keine höhere Schule oder

Universität besuchen, weil das Geld in der

Familie dafür nicht reicht. Mit Hilfe des

Stipendiatenprogramms UPstairs erhalten

Kinder aus Mitarbeiterfamilien die Chance,

einen höheren Schul- oder einen Studienabschluss

zu erreichen. Im Frühjahr

2011 sind Pilotprojekte mit 50 Stipendien

in Südafrika, Mexiko, Indonesien und

Rumänien gestartet. Bis 2014 wird das

Programm weltweit ausgerollt und die

Zahl der Stipendien auf rund 600 erhöht.

Weitere Informationen unter:

www.dp-dhl.de/verantwortung und

www.teachfirst.de


DeuTSCHe TeleKoM

Das experiment

Deutschland

Die deutsche regierung hat den Atomausstieg beschlossen

und behält gleichzeitig die Klimaschutzziele bei. Dies bedeutet

für alle, dass wir die Anstrengungen für mehr energieeffizienz

verstärken und nach weiteren Potenzialen suchen müssen, um

die gesetzten Klimaschutzziele auch mit dem Atomausstieg zu

erreichen. Denn die Co 2 -emissionen steigen global unvermindert

weiter. Daraus ergibt sich für uns alle eine Verantwortung,

derer wir uns bewusst werden müssen.

Dr. Ignacio Campino, Vorstandsbeauftragter

für Nachhaltigkeit und Klimaschutz bei der

Deutschen Telekom

Im Jahr 1995 haben wir, die Deutsche

Telekom, als erstes DAX30-Unternehmen

uns dem Klimaschutz verpflichtet

und verbindliche CO 2 -Reduktionsziele

für Deutschland in unseren Unternehmenszielen

festgeschrieben. Wir sind

uns unserer unternehmerischen Verantwortung

bewusst und setzen uns eigene,

ambitionierte Klimaschutzziele.

So sah unsere Klimaschutzstrategie

aus dem Jahr 2005 vor, dass wir die

CO 2 -Emissionen unseres Konzerns in

Deutschland von 1995 bis 2020 um 20

Prozent senken. Dieses Ziel konnten

wir bereits erreichen und haben daher

unsere Zielsetzungen aktualisiert: Eine

Reduktion der CO 2 -Emissionen um 40

Prozent bis 2020. Weder die Bundesregierung,

noch die Europäische Union

78 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

79

Best Practice

hat solch ambitionierte Ziele. Und dank

konkreter Maßnahmen sind wir auf

dem richtigen Weg auch diese Marke

zu erreichen.

Eine dieser Maßnahmen der Deutschen

Telekom ist die Green-Car-Policy für

nachhaltige Mobilität innerhalb des Unternehmens.

Bis zum Jahr 2015 sollen

die CO 2 -Emissionen neuer PKW in der

deutschen Fahrzeugflotte bei gerade

einmal 110 Gramm pro Kilometer liegen.

Zum Vergleich: die Europäische Union

fordert eine Reduzierung auf 120 Gramm

bis 2015.

Mittelfristig wollen wir durch die Umstellung

des bis jetzt noch teilweise analogen

Telefonnetzes auf die Internet-Protokoll-

Technologie das gesamte deutsche Telefonnetz

energieeffizienter und gleichzeitig

fit für die Zukunft machen.

Zudem arbeiten wir derzeit an der Internationalisierung

unserer Klimaschutzstrategie.

Hierfür wollen wir auf Basis

konzernweiter Vorgaben und lokaler

Potenziale für unsere Auslandsgesellschaften

individuelle Reduktionsziele

definieren. Außerdem prüfen wir

die Möglichkeit, Klimaschutzkriterien

bei Investitionen zu berücksichtigen.

Zusätzlich wollen wir in Zukunft den

CO 2 -Ausstoß innerhalb der gesamten

Wertschöpfungskette unserer Produkte

– von Ressourcengewinnung über

Produktion bis hin zum Vertrieb an den

Endkunden – beachten.

Sowohl unsere neue Klimaschutzstrategie

als auch die Internationalisierung

dieses Vorgehens wird in unserem Unternehmen

seit 2009 federführend von der

Climate Change Group, einem internen

Expertengremium, umgesetzt und beaufsichtigt.

Gemeinsam mit dem Nachhaltigkeitsbereich

des Unternehmens

etabliert und treibt Dr. Ignacio Campino,

Vorstandsbeauftragter für Nachhaltigkeit

und Klimaschutz bei der Deutschen Telekom,

dieses Projekt voran.

„Gegenwärtig ist Klimaschutz eine der

größten Herausforderungen, denen wir

uns stellen müssen. Als Telekommunikationsunternehmen

haben wir die

Möglichkeit, Lösungen anzubieten, mit

denen CO 2 -Emissionen reduziert werden.

Diese können dazu beitragen, dass viele

Millionen Menschen eine Zukunft ohne

gravierende Konsequenzen durch den

Klimawandel haben“, so beschreibt Dr.

Ignacio Campino seine Motivation, das

Thema Klimaschutz auch über die Unternehmensgrenzen

hinaus zu fördern.

Das große Potenzial

Eine von der Deutschen Telekom, dem

BMWi, GeSI, dem Potsdam Institut, SAP,

Huawei, Siemens, der Boston Consulting

Group sowie verschiedenen Partnerorganisationen

geförderte Studie zum Thema

Einsparpotenziale im Bereich Informations-

und Kommunikationstechnologie

(IKT) mit dem Namen „SMART 2020“ aus

dem Jahr 2009 fasst die Möglichkeiten

unserer Branche zusammen:

Telekommunikationsunternehmen könnten

alleine in Deutschland bis zum Jahr

2020 rund 13 Megatonnen CO 2 -Emissionen

einsparen. Und dies umfasst lediglich

die direkten Einsparungen aus der eigenen

Geschäftstätigkeit. Dazu zählen unter

anderem Einsparungen durch energieeffiziente

Rechenzentren, Virtualisierung

bzw. Cloud Computing, sowie sparsame

Telekommunikationsendgeräte.

Als „Enabler“ könnte die IKT-Industrie bei

nachhaltiger und konsequenter Umsetzung

in den nächsten neun Jahren sogar

Reduktionspotenziale von bis zu 194

Megatonnen CO 2 -Emissionen realisieren.

Dies entspricht einer Verringerung von

bis zu 25 Prozent der gesamtdeutschen

Emissionen. Das identifizierte indirekte

Reduktionspotenzial beziffert ein theoretisch

mögliches Maximum, und der

Geschäftswert dieses Potenzials wird mit

bis zu 84 Milliarden Euro bis zum Jahr

2020 beziffert.

Wir erkennen, dass wir als einer der

größten Telekommunikationsanbieter

weltweit die Pflicht und das Potenzial

haben, auch unseren Kunden klimafreundliche

Produkte und Dienstleistungen

anzubieten und ihnen die

Möglichkeit zu geben, einen eigenen

Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Dienste wie unsere Web-, Video- und

Telefonkonferenzen erleichtern die

ortsunabhängige Kommunikation, können

Arbeitsprozesse effizienter gestalten

und sind dabei deutlich nachhaltiger

als reale Meetings mit Anreisen via

Flugzeug, PKW und Bahn. In einer Zeit,

in der flexible Arbeitsplätze – auch in

unserem Unternehmen – eine zunehmend

wichtigere Rolle spielen, geben

wir unseren Kunden die Möglichkeit

jederzeit und überall vor Ort zu sein

– ohne eine langwierige und klimaschädliche

Anreise.

In unserer Strategie erweitern wir die

geschäftliche Basis unseres Unternehmens

und verankern darin nachhaltige

Themen wie Klimaschutz. Beispielhaft

sei hier das Wachstumsfeld Energie

genannt: Der Auf bau intelligenter

Stromnetze (Smart Grid) und der Einsatz

intelligenter Stromzähler (Smart

Metering) könnte einen ersten Beitrag

zur Reduzierung des CO 2 -Ausstoßes

leisten. Da Stromzähler beispielsweise

ihre Werte jederzeit an die Energieversorger

senden können, entfällt die

Fahrt der Servicemitarbeiter, um die

Werte abzulesen. Gleichzeitig gestalten

wir den Stromverbrauch für unsere

Kunden transparenter und effizienter

und helfen ihnen so, aktiv Strom und

Geld zu sparen.

Damit wollen wir nicht nur unser grünes

Gewissen beruhigen. Durch den Einsatz

„grüner“ Innovationen kann eine nachhaltige

Reduzierung der operativen Ausgaben

(OPEX) die Folge sein. Die Fähigkeit,

durch eine konsequente OPEX-Reduktion

Klimaschutz und unternehmerischen

Erfolg nicht nur zu vereinbaren sondern

miteinander zu verbinden, unterstreicht

die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens.

Das Experiment Deutschland – gemeinsam

können wir es zum Erfolg

führen. Klimaschutz und Atomausstieg

bedeutet eine große Herausforderung

für alle.


eNBw

erneuerbare energien machen derzeit knapp 11 Prozent im erzeugungsportfolio der enBw

aus. rein rechnerisch können damit rund zwei Millionen Haushalte mit Co 2 -frei erzeugtem

Strom versorgt werden. Tendenz steigend, denn das energieunternehmen will die energiewende

aktiv mitgestalten. Dazu sind in den kommenden zehn Jahren Investitionen von rund

acht Milliarden euro in wasser- und windkraft sowie in Fotovoltaik und Bioenergie geplant.

Trotzdem werden Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke noch geraume Zeit eine wichtige rolle

spielen. oder spielen müssen – um die Balance zu halten zwischen umweltverträglichkeit,

wirtschaftlichkeit und Versorgungsicherheit.

Von Bernhard Graeber, Dr. Lothar Rieth und Sylvia Straetz

Die fossil befeuerten Anlagen im EnBW-

Kraftwerkspark haben – verglichen mit

internationalen Standards – bereits hohe

Wirkungsgrade und sehr niedrige spezifische

Emissionen. Durch hochmoderne

neue Blöcke und durch Effizienzprogramme

in den bestehenden Anlagen optimiert

die EnBW diese Technik ständig weiter.

enBw windpark Baltic 1 in der ostsee

Stromerzeugung im wandel

Die konventionellen Kraftwerke werden

uns noch über Jahrzehnte hinweg „begleiten“.

Schließlich müssen sie nicht nur die

Grundlast decken; sie sollen auch hocheffizient

jenen Strombedarf ausgleichen,

der zwischen der Stromnachfrage einerseits

und der fluktuierenden Erzeugung

aus erneuerbaren Energien andererseits

80 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

81

Best Practice

rheinkraftwerk Iffezheim

gedeckt werden muss. Hocheffizient und

mit höchsten Sicherheitsstandards werden

auch die verbleibenden Kernkraftwerke

bis zum Ende ihrer Laufzeit weiterbetrieben.

Sie arbeiten CO 2 -frei und können

einen Teil der Investitionsmittel erwirtschaften,

die die EnBW für die Energiewende

investieren will.

Wasserkraft – eine altbewährte

Technologie mit Potenzial

Die Stromerzeugung aus Wasserkraft hat

bei der EnBW eine über hundertjährige

Tradition. Entsprechend hoch – verglichen

mit dem Bundesdurchschnitt

– ist ihr Anteil am Erzeugungsmix. Der

Energiekonzern betreibt 65 Laufwasserkraftwerke

und zwei eigene Pumpspeicherkraftwerke,

dazu kommen zahlreiche

Beteiligungen und Bezugsverträge.

In der Summe verfügt die EnBW momentan

über mehr als 2.700 Megawatt

installierter Leistung aus Wasserkraft.

Zudem prüft die EnBW in drei konkreten

Projekten, teilweise in Zusammenarbeit

mit ihren Partnerunternehmen, wie die

Pumpspeicherkapazität künftig noch

deutlich gesteigert werden kann – für

einen weiterhin starken Ausbau der

erneuerbaren Energie aus Wind und

Sonne sowie stabile Übertragungsnetze.

Einen Meilenstein im Portfolio stellt

das Wasserkraftwerk Rheinfelden dar,

das modernste europäische Laufwasserkraftwerk.

Das deutsch-schweizerische

Gemeinschaftsprojekt wurde nach rund

acht Jahren Bauzeit Mitte September 2011

offiziell in Betrieb genommen. Es ist viermal

so leistungsstark wie die alte Anlage

und kann rechnerisch etwa 170.000 3-Personen-Haushalte

mit Ökostrom versorgen.

Eine zweite große Ausbaumaßnahme der

EnBW ist das Rheinkraftwerk Iffezheim.

Bisher produziert es CO 2 -freien Strom für

etwa 155.000 Haushalte. Erweitert um

eine fünfte Turbine, soll das Laufwasserkraftwerk

voraussichtlich ab 2013 weitere

25.000 Haushalte versorgen.

Daneben wird auch das Potenzial

der sogenannten „kleinen“ Wasserkraft

gehoben, sei es durch Optimierungen

an bereits bestehenden Objekten oder

durch Neubau.

Windkraft – eine technologische

Herausforderung

Mit vier großen Offshore-Projekten (offshore

= auf See) realisiert die EnBW

einige der derzeit größten Windenergievorhaben

in Deutschland: Als bundesweit

erster kommerzieller Windpark

nahm im Mai 2011 EnBW Baltic 1 offiziell

den Betrieb auf. Die 21 Anlagen

stehen etwa 16 Kilometer nördlich der

Halbinsel Darß/Zingst und produzieren

emissionsfrei Strom für rechnerisch

rund 50.000 Haushalte. Etwa 32 km

nördlich der Insel Rügen ist 2012 der

Baubeginn für EnBW Baltic 2 geplant.

Auf 27 Quadratkilometern sollen sich

dann 80 Rotoren drehen. Ihre prognostizierte

Jahresproduktion entspricht

dem rechnerischen Bedarf von circa

340.000 Haushalten. Neben den beiden

Windparks in der Ostsee sind auch zwei

Nordsee-Projekte geplant: EnBW Hohe

See und EnBW He Dreiht.

Bereits in den 80er Jahren führte die

EnBW erste Versuche und Pilotprojekte

mit Windkraftanlagen zu Land (onshore)

durch. Es folgte ein sukzessiver Zubau,

und seit 2009 wurde das Portfolio von 28

auf rund 170 Megawatt in etwa versechsfacht,

Tendenz auch hier weiter steigend.

Der derzeit größte Onshore-Windpark

der EnBW liegt im niedersächsischen

Buchholz; die gewonnene Windenergie

aus den 18 Anlagen genügt, um circa

22.000 Haushalte zu versorgen.

Bio- und Solarenergie – eine

Zukunftstechnologie

Die EnBW investiert bereits seit 1984

in die Sonnenenergie. Inzwischen sind

über 40 Fotovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung

von rund 11 Megawatt am

Netz. Die größten Solarparks befinden

sich in Ulm-Eggingen, in Leibertingen

im Landkreis Sigmaringen und in March-

Neuershausen.

Die EnBW besitzt und betreibt zwei

Biogasauf bereitungsanlagen in Burgrieden

bei Laupheim und in Blaufelden-

Emmertsbühl. Mit ihrer Leistung können

derzeit rechnerisch etwa 2.500 Haushalte

versorgt werden. In Blaufelden-Emmertsbühl

kommt zudem ein neues wegweisendes

Netzanschlusskonzept zum Zuge:

Das Biogas wird direkt in das nahe gelegene

Ortsverteilnetz eingespeist. Dieses

von der EnBW zum Patent angemeldete

Verfahren ermöglicht zukünftig deutlich

mehr Anschlussmöglichkeiten und kann

damit die Leitungsbaumaßnahmen vor

Ort reduzieren – und damit auch die

Kosten sowie die Eingriffe in die Natur.

Mit dem Erwerb der Projektrechte

an zwölf Biogasanlagen ist die EnBW

auch in die Stromproduktion aus Biogas

eingestiegen.

Biodiversität – eine große

Verantwortung

Die Geschäftsfelder der EnBW bedingen

die unterschiedlichsten Eingriffe in die

Natur – etwa durch den Bau und Erhalt

von Anlagen, Netzen oder den Anbau von

Biomasse. In Kooperation mit Forschungsinstituten

und Naturschutzverbänden

werden Lösungen zum Schutz der vielfältigen

Tier- und Pflanzenwelt erarbeitet.

Weitere Forschungsprojekte dienen dem

Ziel, das Spannungsfeld zwischen „Tank

und Teller“ bestmöglich zu lösen.

Im Netzbereich liegt ein Schwerpunkt

auf der ökologischen Trassenpflege unter

Berücksichtigung von Brutzeiten und

Vegetationsperioden. In der Planungsphase

neuer Windparks laufen – neben

Studien über Bodenversiegelung,

Schallentwicklung und Schattenwurf

– Monitorings, um das Verhalten von

Fledermäusen und Vögeln zu erfassen.

Im Bereich der Wasserkraft liegt das

Hauptaugenmerk bei Neubau wie Modernisierung

auf Fischaufstiegs- und

Umgehungsgewässern sowie Renaturierungsmaßnahmen.


erNST & YouNG

Integrated reporting –

unternehmensbericht-

erstattung vor einem

grundlegenden wandel?

Das Thema Nachhaltigkeit ist zwar mittlerweile in vielen unternehmen angekommen, doch der

Großteil der unternehmen berichtet losgelöst von der Finanzberichterstattung in gesonderten

Formaten über ihr Verständnis, ihre Ziele und erfolge im Bereich Nachhaltigkeit. Seit der umgang

mit Nachhaltigkeitsaspekten für die finanzielle entwicklung von unternehmen immer mehr

an Bedeutung gewinnt und zudem die Nachfrage von Investoren und Analysten nach belastbaren

nicht-finanziellen leistungsindikatoren weiter steigt, werden die Stimmen nach einer integrierten

Berichterstattung, dem sog. „Integrated reporting“, allerdings immer lauter.

Von Nicole Richter

Integrated Reporting bedeutet jedoch

keineswegs, einfach Nachhaltigkeits- und

Finanzbericht in einem einzigen Format

zu veröffentlichen. Vielmehr gilt es, die

Integration von Nachhaltigkeit in die

Unternehmensstrategie zu unterstreichen.

Ziel ist es, den Bericht nicht nur als Kommunikationstool

zu nutzen, sondern auch

intern auf best practices im Bereich Nachhaltigkeit

zu fokussieren und die Auswirkungen

von Nachhaltigkeitsthemen und

-risiken auf die finanzielle Entwicklung

des Unternehmens zu verdeutlichen.

Der größte Vorteil für Unternehmen

ist, dass durch die integrierte Berichterstattung

die Zusammenhänge zwischen

ihren Finanz- und Nachhaltigkeitsdaten

transparenter werden, und die verbesserte

Transparenz eine umfassendere

Entscheidungsgrundlage für das Unternehmen

selbst wie auch für seine

Stakeholder liefert.

Nicole richter ist als Senior Managerin im

Bereich Climate Change and Sustainability

Services (CCaSS) bei ernst & Young in

Stuttgart tätig.

Regulatorische Entwicklungen

Das Konzept des Integrated Reporting wird

vorerst nur von sehr wenigen Unternehmen

praktiziert. Einer der Gründe hierfür

ist ein bislang fehlendes Framework als

Grundlage für die integrierte Berichterstattung.

Im August 2010 wurde daher

das „International Integrated Reporting

Committee“ (IIRC) gegründet, dessen Ziel

es ist, ein global akzeptiertes Framework

für die Berichterstattung im Bereich Nachhaltigkeit

zu etablieren. Auf der Basis

dieses Frameworks sollen Informationen

zur sozialen, finanziellen, Umwelt- und

Governance-Performance eines Unternehmens

in kohärenter, konsistenter und

klarer Weise miteinander verbunden und

besser vergleichbar werden.

Im Herbst 2011 präsentierte der IIRC

den Diskussionsentwurf und eröffnete

eine 2-jährige Phase zur Erprobung des

entwickelten Frameworks. Unterstützt

wird das IIRC durch das „Prince‘s Accounting

for Sustainability Project“ sowie

die Global Reporting Initiative (GRI), die

mit der dritten Version ihrer Guidelines

zur Nachhaltigkeitsberichterstattung

derzeit den Quasi-Standard in diesem

Bereich herausgibt. Die GRI sieht Inte-

82 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

83

Best Practice

regulatorische entwicklungen in ausgewählten Staaten

(Grafik 1)

US-Börsenaufsicht verpflichtet

Unternehmen zu Offenlegung

ihrer Klimarisiken

grated Reporting als eines der wichtigsten

Themen, die derzeit die Agenda im

Bereich Nachhaltigkeit bestimmen. So

ist weltweit der Trend zu mehr gesetzlicher

Verpflichtung zur Nachhaltigkeitsberichterstattung

und teilweise sogar

hin zur integrierten Berichterstattung

zu beobachten – wie in der Grafik 1

dargestellt.

Prinzipien der integrierten

Berichterstattung

Die FEE (Fédération des Experts-comptables

Européens – Federation of European

Accountants), der Zusammenschluss der

führenden Berufsorganisationen der

Wirtschaftsprüfer in Europa, hat im

Februar 2011 acht Prinzipien für die integrierte

Berichterstattung veröffentlicht.

Herausforderungen

Die größte Herausforderung des Integrated

Reporting besteht sicher darin,

den Zusammenhang zwischen Strategie,

Zielen, Maßnahmen einerseits und

messbaren Leistungskriterien im Bereich

Nachhaltigkeit andererseits zu identifizieren

und entsprechende Schlussfolgerungen

für die Berichterstattung

”The GRI believes that the urgency of

the transition to a sustainable economy

requires standardized integrated

Reporting to be developed, tested and

commonly adopted by 2020.”

(Conference 2010)

Gründung BRC

Nachhaltigkeitsexperten halten

“Integrated Reporting” für die zukunftsweisende

Form der Berichterstattung

(Nachhaltigkeitsrat)

zu ziehen. Darüber hinaus müssen die

Nachhaltigkeitsdaten eines Unternehmens

genauso valide und belegbar sein

wie seine Finanzdaten – ein geringerer

Anspruch würde die Glaubwürdigkeit

des Integrated Reporting von Anfang

an untergraben.

Eine weitere Hürde besteht nicht zuletzt

auch in der zeitlichen Ballung des Arbeitsaufwands,

um sowohl die Finanz-,

als auch die Nachhaltigkeitsdaten zum

Stichtag des Jahresabschlusses bereitzustellen.

Fraglich ist auch, ob und in welcher

Form (limited versus reasonable) die

Gesamtinformationen des Integrierten

Reporting einer externen Prüfung un-

Verankerung

von Nachhaltigkeit

in die Gesamt-

strategie

Lagebericht § 289 und 315 HGB

Basis: Richtlinie 2003/51/EG

Reporting

Governance

Dänemark verpflichtet als erstes

Land seine Großunternehmen zur

Integration nicht-finanzieller Daten

in den Geschäfts bericht

EU-Konsultation Binnenmarkt über

die Offenlegung von Informationen

nicht-finanzieller Art durch Unternehmen

King III Code: Integrated

Reporting verpflichtend für

JSE-gelistete Unternehmen

terliegen werden, sei es auf dem Prinzip

der Freiwilligkeit begründet, oder aber

aufgrund von gesetzlicher Vorgaben.

Fazit

Insgesamt ist die integrierte Berichterstattung

einer der derzeit wichtigsten

Trends im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung

– sowohl im europäischen

als auch im außereuropäischen

Ausland. Die Zusammenführung von finanzorientierten

Geschäftsberichten und

Informationen zur Nachhaltigkeitsperformance

könnte also der entscheidende

Wendepunkt im unternehmerischen

Reporting sein.

weg zur erstellung eines integrierten Berichts

(Grafik 2)

Wesentlich-

keitsanalyse

Verbindung von Nachhaltigkeits- und Finanzperformance

Prozesse

zur Datenerfassung

Steuerung, Kontrolle, Anreizgestaltung

Sicherung der

Datenqualität

Bestimmung

des Berichts-

inhaltes

Integrated

Report


eVoNIK

weltweiter einkauf

verpflichtet

evonik Industries ist überzeugt, dass Verantwortung für Menschen,

umwelt und Geschäft unverzichtbare Basis für eine

erfolgreiche Zukunft ist. Verantwortliches Handeln muss sich

deshalb in allen unternehmensbeziehungen widerspiegeln, vor

allem auch in jenen zu Kunden, Partnern und lieferanten. Das

unternehmen arbeitet intensiv daran, umwelt- und Sozialstandards

konzernweit in seine lieferantenbeziehungen zu integrieren.

Denn das schafft Vertrauen auf beiden Seiten und ist Kern

einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

Von Ingrid de Wilde und Gerald Breyer

Die Corporate Responsibility (CR)-Strategie

von Evonik soll dazu beitragen, die globalen

Herausforderungen zu erkennen,

aufzugreifen und mit innovativen Lösungen

das Geschäft auszubauen. Dafür

müssen alle Geschäftsprozesse weltweit

an hohen Umwelt- und Sozialstandards

ausgerichtet sein. Ein besonderes Augenmerk

gilt dabei den Schwellen- und

Entwicklungsländern, in denen Evonik als

eines der weltweit führenden Unternehmen

der Spezialchemie mit Standorten

oder als Einkäufer tätig ist. Denn hier

zeigen sich die Herausforderungen der

Zukunft wie unter einem Brennglas: Das

Bevölkerungswachstum führt zu einem

rasch steigenden Bedarf an Ressourcen,

Flächen und Arbeitskräften. Gleichzeitig

vergrößert sich der Konflikt zwischen dem

notwendigem wirtschaftlichen Wachstum

und der Verantwortung für Umwelt und

Mitarbeiter. Das Bewusstsein, dass das

Eine nicht ohne das Andere funktionieren

kann, wächst indessen, und Evonik trägt

auch dazu seinen Teil bei.

Zentraler Stellhebel für

Verantwortung

Mit einem jährlichen Beschaffungsvolumen

von über neun Milliarden Euro

ist Evonik ein bedeutender Einkäufer

weltweit und in den Regionen, in denen

das Unternehmen tätig ist. Die systematische

Integration von CR in das

konzernweite Lieferantenmanagement

ist daher ein wichtiges Ziel. Es reicht

von der Lieferantenauswahl über den

Einkaufsprozess bis hin zur Bewertung

der Lieferantenbeziehungen. Im letzten

Jahr konnte Evonik bereits einiges

erreichen: So wurde im Juli 2010 eine

neue Beschaffungsrichtlinie verabschiedet,

die künftig den Umgang mit den

Lieferanten weltweit regelt. Sie ergänzt

die bestehenden CR-Anforderungen, die

im Evonik Code of Conduct, der Global

84 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

85

Best Practice

Social Policy und den Unternehmenswerten

für Umwelt, Sicherheit, Gesundheit

und Qualität ausführlich beschrieben

sind. Die neue Beschaffungsrichtlinie

legt unter anderem fest, dass Evonik

bei der Auswahl von Lieferanten darauf

achtet, dass diese die Grundsätze des

UN Global Compact und die Standards

der Internationalen Arbeitsorganisation

(ILO) einhalten. Diese Erwartungen

wurden nun auch in den Allgemeinen

Einkaufsbedingungen festgeschrieben.

Damit schafft Evonik Transparenz und

sorgt für ein einheitliches CR-Verständnis

entlang der Lieferkette. Zugleich begegnet

das Unternehmen damit den Erwartungen

seiner Kunden, die ihrerseits eine

transparente und bis zu den Vorlieferanten

reichende Lieferkette dargestellt

haben wollen. Vor allem aber will sich

Evonik damit verlässliche und langfristig

stabile Lieferantenbeziehungen sichern –

ein Aspekt, der auch im Hinblick auf das

Management zentraler Geschäftsrisiken

von wachsender Bedeutung ist.

Risikoanalyse als Basis

Im Rahmen des Pilotprojekts CR@Procurement

führte Evonik Mitte 2010 eine

umfassende Analyse zu Umwelt- und Sozialrisiken

bei seinen Lieferanten durch.

Dabei konzentrierte sich das Unternehmen

insbesondere auf Herkunftsländer,

die gemäß dem United Nations Human

Development Index (HDI) und dem

Transparency International Corruption

Perception Index (CPI) als Risikoländer

einzustufen sind – wo also folglich

der größte Handlungsbedarf bestehen

könnte. Die auf diese Weise identifizierten,

vornehmlich in China sowie

Süd- und Osteuropa ansässigen über 200

Lieferanten wurden dann anhand eines

klar definierten Bewertungsverfahrens

überprüft. Themen der Befragung waren

unter anderem Umweltschutz, Sicherheit,

Korruptionsbekämpfung und soziale

Aspekte. Die Fragen dafür waren zuvor

mit den konzernweiten CR-Anforderungen

sowie anerkannten Umwelt- und

Sozialstandards abgeglichen worden,

darunter auch die Prinzipien des UN

Global Compact, denen sich Evonik im

Sommer 2009 verpflichtet hat. Parallel

zur Lieferantenbefragung begann Evonik

auch damit, seine Einkäufer zu schulen:

In Präsenz- und Online-Trainings wurden

sie über die CR-Ziele informiert, die sich

das Unternehmen im Bereich des Lieferantenmanagements

gesetzt hat. Und

sie erhielten die nötigen Informationen,

um den Lieferanten als kompetenter

Ansprechpartner zum Thema CR zur

Seite zu stehen. In China, einem der

wichtigsten Beschaffungsmärkte von

Evonik, wurde das Programm noch durch

spezielle Trainingseinheiten für die dortigen

Einkäufer ergänzt.

Ausbau von Audits und Trainings

Insgesamt ergab die Lieferantenbefragung

bei Evonik ein erfreuliches Bild: 74

Prozent der befragten Lieferanten haben

ökologische und soziale Kriterien bereits

in ihre Managementsysteme integriert.

Vereinzelt wiesen Lieferanten selbst auf

noch bestehende Schwachstellen hin.

Dies betraf insbesondere Umweltschutzmaßnahmen

und die systematische

Verankerung von sozialen Aspekten.

Rüdiger Eberhard, Chief Procurement

Officer bei Evonik Industries, war ob

der guten Ergebnisse erfreut, aber nicht

wirklich überrascht: „Für Evonik hat die

Verlässlichkeit seiner Lieferanten bereits

seit langem einen hohen Stellenwert.

Ein professionelles Management von

Nachhaltigkeitsaspekten ist dafür Grundvoraussetzung.

Dieses Bewusstsein teilen

wir nicht nur innerhalb von Evonik,

sondern auch mit unseren Zulieferern.“

Anhand der Befragungsergebnisse tritt

Evonik nun an seine Lieferanten heran,

um gemeinsam mit ihnen Verbesserungsmaßnahmen

zu entwickeln und umzusetzen.

Bis Ende 2011 sollen im Rahmen

eines Pilotprojekts zudem mehr als zehn

Lieferantenaudits in China durchgeführt

werden, bei denen Vertreter von

Evonik sich vor Ort über die Einhaltung

der CR-Standards informieren. Bis Ende

2012 soll CR systematisch in die Beschaffungsstrategie

von Evonik eingebettet

sein. Deshalb arbeitet das Unternehmen

zurzeit auch daran, bestehende Prozesse

zum Management von CR-Risiken in das

IT-gestützte Lieferantenmanagement

zu integrieren. Vorgesehen ist zudem

der flächendeckende Ausbau des bestehenden

Trainings-Angebots zur CR-

Kompetenz der Einkäufer. Dabei wird,

wie bei allen Maßnahmen von Evonik,

weiterhin insbesondere die Zusammenarbeit

im Mittelpunkt stehen.


FAI reNT-A-JeT

FAI rent-a-jet AG:

Grüner Hangar am

Flughafen Nürnberg

Von Petra Polster

Als weltweit operierender Anbieter von Air Ambulance, Public Service und executive Charter

gilt die FAI rent-a-jet AG als eines der größten unternehmen der Allgemeinen luftfahrt (General

Aviation). Seit der Gründung im Jahr 1986 ist die FAI rent-a-jet AG (dba Flight Ambulance

International) für die Versicherungs- und Assistance-wirtschaft, regierungsstellen, Nichtregierungsorganisationen,

Krankenhäuser, wirtschaftsunternehmen und Privatpersonen tätig. luftverkehr

wird auch in der Zukunft unverzichtbar sein, insbesondere im Ambulanzbereich (speziell

evakuierungen aus Krisengebieten) und der unterstützung von Friedensmissionen der Vereinten

Nationen. FAI zählt hier zu den größten europäischen Flugdienstleistern und operiert learjets im

Auftrag der uN derzeit auf Stationen im Sudan, der elfenbeinküste, dem Senegal sowie uganda.

Luftverkehr und Umweltschutz in Einklang

zu bringen, war FAI ein Bedürfnis

beim Bau des neuen grünen Hangar- und

Funktionsgebäudes mit einer Nutzfläche

von mehr als 6.000 Quadratmetern am

Flughafen Nürnberg. FAI stellt sich den

aus dem Flugverkehr negativ resultierenden

Auswirkungen und hat deshalb

als aktiven Beitrag zum Umweltschutz

größten Wert auf erneuerbare Energien

gesetzt.

Uns allen ist der anthropogene Treibhauseffekt

ein sehr bekannter Begriff. Die

Wissenschaft warnt vor der gravierenden

Klimaveränderung in den nächsten

Jahrzehnten: das Abschmelzen der Pole,

der steigende Meeresspiegel, Schlammlawinen

und zunehmend starke Stürme

sind nur einige der wahrscheinlich zu

erwartenden Probleme. Hauptursache

für diese Klimaveränderung ist die Anreicherung

der Atmosphäre mit Gasen, die

den Treibhauseffekt verstärken. Hierzu

gehören hauptsächlich CH4 (Methan)

und CO 2 (Kohlendioxid). Der Gehalt von

CO 2 in der Atmosphäre ist seit Beginn

der Industrialisierung stark gestiegen.

Über 30 Prozent der CO 2 -Emissionen

in der EU stammen aus der Erzeugung

von Elektrizität. Solarsysteme benötigen

keine Kohle, Gas oder Strom, bei deren

Verbrennung Unmengen an CO 2 frei

werden. In 10 Jahren spart eine Anlage

zur Gewinnung von Solarenergie pro

kWp ca. 5 Tonnen CO 2 ein.

Der mit einer 100 kWp-Solaranlage ausgerüstete

neue Hangar 6 am Flughafen

Nürnberg speist mehr sauberen Solarstrom

in das Netz ein, als der laufende

Betrieb des Hangar- und Funktionsgebäudes

verbraucht. Die sogenannte „Carbon

Von links: Henry Marx (Geschäftsführer

Flughafen Nürnberg GmbH),

FAI-Gründer Dr. Siegfried Axtmann,

Innenminister Joachim Herrmann und

Karl-Heinz Krüger (Geschäftsführer

Flughafen Nürnberg GmbH).

86 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

87

Best Practice

Außenansicht des neuen „Hangar 6“ der

FAI rent-a-jet AG am Flughafen Nürnberg

Photovoltaik-Anlage der FAI rent-a-jet AG

auf dem Flughafen Nürnberg

neutral Ground-Operation“ ist ein bisher

auf deutschen Flughäfen einmaliges,

zukunftsweisendes Projekt. Zusätzlich

zur Stromerzeugung und dem wirtschaftlichen

Betrieb der Anlage ergeben sich

weitere Vorteile wie die Verbesserung

des Gebäudeklimas durch weniger Hitzeeintrag

oder die längere Lebensdauer

der Dachhaut durch Verringerung der

Sonneneinstrahlung. Die FAI rent-a-jet

AG speist ihren durch die Photovoltaikanlage

gewonnenen Solarstrom direkt in

das Stromnetz der Homebase am Standort

Nürnberg ein.

Das neue Hangar- und Funktionsgebäude

garantiert wirtschaftlichen Betrieb

bei hohem Komfort und umfassender

Sicherheit durch die Ausstattung mit

verschiedenen BUS-Systemen, welche

selbstständig auf sich wandelnde Umweltbedingungen

reagieren. Die Steuerung

von Licht, Heizung sowie Kühlung

wird somit je nach Bedarf geregelt.

Die verschiedenen Regen-, Licht- und

Windsensoren wurden so programmiert,

dass beispielsweise bei Sonneneinstrahlung

die Außenjalousie herunterfährt

und somit die Klimaanlage entlastet wird.

Die Außenbeleuchtung ist an diverse

Lichtsensoren gekoppelt, die entsprechend

automatisch ab einem bestimmten

Lux-Wert gesteuert wird.

In der Werft hat man sich für die Installation

einer teilungsfähigen Trennwand

entschieden, welche die Teilung in 2/3

und 1/3 ermöglicht. Die Trennwände

sind die Lösung für Probleme, wenn unterschiedliche

Arbeitsvorgänge zeitweise

voneinander getrennt oder Teilbereiche

unterschiedlich genutzt werden. Die

Energiekosten für Heizung, Kühlung,

Lüftung oder Beleuchtung können hierdurch

reduziert werden.

Darüber hinaus leistet FAI einen zusätzlichen

Beitrag zum Umweltschutz,

indem ausschließlich batteriebetriebene

Flugzeugschlepper und Elektro-Cars zum

Personentransport auf dem Vorfeld des

Flughafens eingesetzt werden.

FAI hat besonders im Bereich IT bei der

Neuanschaffung sowie dem effizienten

Einsatz von Geräten auf die Nachhaltigkeit

Wert gelegt.

Der Klimawandel hat sich zu einer der

größten Herausforderungen für die

Menschheit und unser Ökosystem entwickelt.

Verantwortlich dafür ist der

schnell ansteigende Ausstoß der Treibhausgasemissionen

in die Atmosphäre.

Die Reduzierung des Carbon Footprints /

CO 2 - Fußabdrucks ist der Schlüssel, um

dieser Entwicklung gegenzusteuern.

Die Lösung liegt in der Steigerung der

Energieeffizienz, der Senkung von CO 2 -

Emissionen durch den Einsatz grüner

Energie und dem langfristigen Ziel einer

vollständigen CO 2 - Neutralität von Produkten

im Unternehmen. Die bei FAI neu

installierten Computer-Monitore sind mit

dem ECO GREEN IT-Label ausgezeichnet,

ein Carbon Footprint Meter ermittelt

in Echtzeit, wie viel Kohlendioxid der

jeweilige Monitor einspart.

Die HP Switches sind Miercom Greenzertifiziert.

Die Switches wurden auf

ihre Energieeffizienz und Umweltverträglichkeit

untersucht. Der geringere

Verbrauch sorgt für eine Reduktion

der Wärmeabgabe, was wiederum die

Kühlvorgänge im Datenzentrum und

die damit verbundenen Energiekosten

reduziert.

Verbrauchte Tonerkartuschen werden

zugunsten des Vereins Rockefeller Economies

e. V. gespendet. Zweck des Vereins

ist die Verminderung der Umweltbelastung

und gleichzeitige Beschaffung

von Mitteln für die Verwirklichung der

steuerbegünstigten Zwecke für andere

in Deutschland anerkannte gemeinnützige

Körperschaften, welche derzeit die

„UNESCO-Kinder in Not“ sowie der Verein

„GRD-Gesellschaft zur Rettung der

Delphine“ sind.


ForeST CArBoN GrouP

wertvolles muss einen

wert erhalten

wälder sind für wirtschaft und Gesellschaft überlebenswichtig.

Ihre Dienstleistungen müssen daher einen wert erhalten, um

den Anreiz für ihren Schutz zu erhöhen. Projekte und Geschäft

der Forest Carbon Group schaffen diesen Mehrwert für wälder.

Von Alexander Zang

13 Millionen Hektar Wald verliert die

Erde jährlich, überwiegend in Schwellen-

und Entwicklungsländern. Entwaldung

verursacht etwa 20 Prozent der weltweiten

CO 2 -Emissionen. Der Waldschwund

hat weitreichende Konsequenzen für Klima,

Wasserkreisläufe, Biodiversität und

Ressourcennutzung. Ohne Waldschutz

gibt es keinen Klima- und Artenschutz,

aber auch der Kampf gegen die Armut

kann nicht gelingen. Schließlich leben

rund eine Milliarde Menschen von der

Waldnutzung.

Niemals zuvor in der Geschichte haben

Länder das Roden gestoppt, bis sie eine

bestimmte Stufe der Modernisierung

erreicht hatten. Herkömmlicher Natur-

schutz, bei dem Zäune um Wälder gezogen

wurden, musste daher scheitern. In

der internationalen Entwicklungszusammenarbeit

genoss das Thema zwar einen

hohen Stellenwert, doch es gelang lange

nicht, an den entscheidenden Stellen den

Hebel anzusetzen. Zu komplex sind die

Wirkungskräfte (Landwirtschaft, Armut,

überforderte Staatsorgane, Infrastrukturausbau),

zu gering ist der ökonomische

Anreiz, der die Wälder auf die Ressource

Holz reduziert und auf die der Säge

nachfolgenden Landwirtschaft.

Wälder sind jedoch für Wirtschaft und

Gesellschaft lebensnotwendig. Der UN-

Bericht „Millenium Ecosystem Assessment“

benennt 24 unentbehrliche sogenannte

Ökosystemdienstleistungen

88 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

89

Best Practice

wie Regenbildung, Erosions- und Bodenschutz,

die überwiegend von Wäldern

erbracht werden. Keine davon ist heute

jedoch im wirtschaftlichen Handeln

eingepreist.

Das multilaterale und von der UN mit

geförderte Projekt „The Economics of

Ecosystems and Biodiversitiy“ beziffert

den Gegenwert für den weltweiten

Waldverlust auf zwei bis vier Billionen

US-Dollar jährlich. Der stehende Wald

muss daher einen Wert erhalten, der

höher ist als der Wert, der durch Abholzen

erreicht wird. Konkret: Bauern

oder Unternehmen, die Bäume fällen

wollen, müssen dafür entschädigt werden,

dies nicht zu tun. Dafür gilt es, die

Opportunitätskosten zu ermitteln. Sie

bestehen aus den Einkommensverlusten

entweder aus dem Verzicht auf den

Holzverkauf oder beispielsweise dem

Soja, das auf den gerodeten Parzellen

angebaut werden kann.

Dieser Wert braucht eine fungible Währung.

Hier setzen Emissionsminderungszertifikate,

auch CO 2 -Zertifikate genannt,

an. Sie stellen die Währung im wachsenden

Kohlenstoffmarkt dar. Ihr Preis

sorgt dafür, dass der Wert eines Waldstückes

über dem Ertragspotential von

Brenn- und Bauholz oder der gerodeten

Ackerfläche liegt. Der Verkauf von und

Handel mit CO 2 -Zertifikaten aus Waldprojekten

ist ein erster Meilenstein auf

dem Weg, Ökosystemdienstleistungen

zu bepreisen.

Solche Waldprojekte, die über CO 2 Zertifikate

ko-finanziert werden, initiiert,

entwickelt und steuert die Forest Carbon

Group AG – überwiegend in Nord- und

Zentralamerika sowie Afrika mit renommierten

Umweltschutzorganisationen

wie der Nature Conservancy oder Wildlife

Works als Partner. Hierbei werden

zerstörte Wälder renaturiert und intakte

Wälder erhalten. Neben Waldschutz und

ökonomischen Entwicklungsperspektiven

für die beteiligten Kommunen und

Regionen zielt dies darauf, Unternehmen

aus Industriestaaten im Rahmen ihrer

Nachhaltigkeitsstrategien Lösungen für

Investitionen in Ökosysteme und den

natürlichen CO 2 -Ausgleich anzubieten.

Zukunftsorientierten Unternehmen wird

somit ermöglicht, ihrer Verantwortung

beim Klimaschutzes gerecht zu werden,

ihre unvermeidbaren klimaschädlichen

Emissionen ihrer Produktion und Produkte

auszugleichen und klimaneutral

zu gestalten.

Das zugrunde liegende Prinzip dabei ist

einfach: Wälder sind neben den Ozeanen

die größten CO 2 -Speicher der Welt.

Wird der Waldbestand erweitert, wird

der Atmosphäre zusätzlich Kohlendioxid

entzogen. Auf der anderen Seite verhin-

dert der Schutz gefährdeter Wälder, dass

klimawirksame Treibhausgase in die

Atmosphäre gelangen. Dadurch werden

Wälder langfristig als natürliche Kohlenstoffspeicher

gesichert und können so

einen entscheidenden Beitrag im Kampf

gegen den Klimawandel leisten.

Für ihre Aufforstungs- und Waldschutzvorhaben

bedient sich die Forest Carbon

Group des freiwilligen Kohlenstoffmarktes.

Dieser existiert neben dem regulierten

Emissionshandel, auch im Vorgriff

und als Experimentierfeld auf zu erwartende

internationale und nationale Regulierungen

zum Klimaschutz, wie sie auf

den UN-Klimaverhandlungen debattiert

werden oder aber bereits in Kalifornien

oder Australien beschlossen sind.

Sicher sind Emissionsminderungszertifikate

kein Allheilmittel. Damit Waldschutz

gelingt, sind in vielen Ländern

der Auf bau einer funktionsfähigen

Forstverwaltung und Reformen im

Staatswesen notwendig. Zudem muss

es Marktvorteile geben für Produkte

wie Soja oder Kakao, wenn sie Wald

schonend erzeugt wurden. Denn in den

großen Waldländern Lateinamerikas

und Afrikas gehen über 60 Prozent der

Entwaldung auf das Konto neuer Ackerflächen.

Farmer sind dabei das unterste

Glied der Produktionskette. Ihr Verdienst

ist gering, aber sie sind diejenigen, die

den Wald erhalten können. Also müssen

sie dafür belohnt werden und dies

auch in der Geldbörse spüren. Auch hier

kann der Handel mit CO 2 Zertifikaten

ein Finanzierungshebel sein.

Der CO 2 -Zertifikatehandel kann eine Brücke

bauen, um Entwicklung ohne Kahlschlag

zu ermöglichen. Er stellt zudem

überhaupt erst signifikante finanzielle

Mittel bereit. Denn nach Schätzungen

sind jährlich zwischen 17 und 30 Milliarden

US-Dollar nötig, um Waldschutz

weltweit zu finanzieren. Ohne das finanzielle

Engagement des Privatsektors wird

Waldschutz nicht gelingen.

Und anders als das verfahrenstechnisch

aufwändige und weitgehend unerprobte

Abspalten von Kohlendioxid und sein unterirdisches

Verpressen (CCS-Verfahren)

ist die biologische CO 2 -Speicherung nicht

nur billiger und sicherer, sondern bietet

darüber hinaus einen immensen Nutzen

für Natur und Gesellschaft.


GIZ

Innovationen:

Türöffner für neue Märkte

Viele Herausforderungen, vor denen entwicklungs- und Schwellenländer heute stehen, erfordern

kreative Herangehensweisen und neuartige lösungsansätze. Immer häufiger erkennt die

Privatwirtschaft dies als Geschäftspotenzial: In Afrika, Asien und lateinamerika entwickeln

unternehmen innovative Produkte und Dienstleistungen, die sie den Menschen vor ort anbieten.

So erschließen sie neue Märkte und leisten gleichzeitig einen Beitrag zur Armutsbekämpfung.

Von Stefanie Klein und Lisa Süß

In der Diskussion um globale Themen wie

Armut und Klimawandel sind nachhaltige

Lösungsansätze gefragt. Immer öfter zeigt

sich, dass Innovationen eine zentrale Rolle

spielen, um wirtschaftliches Wachstum

in Entwicklungs- und Schwellenländern

sozial- und umweltfreundlich und damit

nachhaltig zu gestalten. So verbessert

sich beispielsweise durch den Transfer

von klimaschonenden Technologien oder

die Umstellung auf intelligente Produktionsmethoden

und Geschäftsmodelle die

Lebenssituation der Menschen vor Ort,

und es entstehen Arbeitsplätze. Gleichzeitig

eröffnet dies vielen Unternehmen die

Möglichkeit, erfolgreich im Ausland zu

investieren und dabei unternehmerisch

verantwortungsvoll und im Sinne des

Global Compact zu handeln.

Produktideen für den kleinen

Geldbeutel

Innovative Ideen entstehen vor allem dort,

wo lokale Bedürfnisse berücksichtigt und

als Marktchance verstanden werden. Daher

entwickelt die Deutsche Gesellschaft

für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)

GmbH in enger Zusammenarbeit mit

der Wirtschaft Lösungsansätze, die die

Interessen der Unternehmen mit entwicklungspolitischen

Ansätzen verbin-

den. Einige davon basieren auf dem „Base

of the Pyramid“-Konzept des indischen

Wissenschaftlers C. K. Prahalad. Er versteht

die rund vier Milliarden Menschen

am unteren Ende der globalen Einkommenspyramide

als Konsumenten und Produzenten,

für die bisher kaum geeignete

Produkte angeboten werden, obwohl sie

eine jährliche Kaufkraft von insgesamt

fünf Billionen US-Dollar haben.

Indem Unternehmen ihre Angebote auf

die Bedürfnisse, das Umfeld und das verfügbare

Einkommen der Menschen in

ärmeren Bevölkerungsschichten anpassen,

entstehen oftmals ganz neue Ideen für

Produkte und Geschäftsmodelle. Nicht

selten können solche spezialisierten Lösungen

später auch in andere Regionen

übertragen oder einer kaufkräftigeren

Klientel angeboten werden. Die Beschäftigung

mit den Kunden am Sockel der

Wohlstandspyramide führt damit aus

betriebswirtschaftlicher Sicht zu innovativen

Geschäftsmodellen, die sich rechnen.

Und sie liefert wertvolle Impulse für

nachhaltige Entwicklung, indem sie den

Menschen vor Ort eine höhere Lebensqualität

und bessere Einkommensmöglichkeiten

schafft. Wie ein solches Modell

in der Praxis aussehen kann, zeigt eine

Allianz der GIZ mit der INENSUS GmbH

im Bereich der Windenergie.

Windenergiewirtschaft als

Erfolgsmodell

Die INENSUS GmbH ist auf Produkte und

Dienstleistungen für Kleinwindanlagen

spezialisiert und damit auf dem europäischen

Markt sehr erfolgreich. Doch auch

in Entwicklungs- und Schwellenländern

90 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

91

Best Practice

sind sogenannte Inselsysteme, die unabhängig

vom öffentlichen Netz arbeiten,

gefragt. Denn sie eignen sich bestens für

die Stromversorgung ländlicher Regionen.

Im Jahr 2007 schloss sich das Unternehmen

daher mit der GIZ in einer Entwicklungspartnerschaft

zusammen. Beide

Partner bringen ihre Kompetenzen und

ihr Know-how sowie finanzielle Mittel

in die Partnerschaft ein, wobei die für

das Projekt gegründete INENSUS West

Afrika S.A.R.L. 60 Prozent der Kosten trägt.

Für das gemeinsame Projekt wurde nach

Windmessungen und sozioökonomischen

Studien ein Dorf im Senegal ausgewählt.

Zudem wurde es in ein Programm zur

Förderung erneuerbarer Energien und

ländlicher Elektrifizierung integriert, das

die GIZ im Auftrag des Bundesministeriums

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung (BMZ) durchführt.

Erneuerbare Energien per Chipkarte

Im Dorf Sine Moussa Abdou im Westen

Senegals leben 70 Familien und damit

rund 900 Menschen. Zum Projektstart

gründeten sie zunächst ein Dorfstromkomitee,

das mit INENSUS einen Vertrag

über den Strompreis und die zu liefernde

Energiemenge aushandelte. Heute fließt

der Strom verlässlicher als in der Stadt:

ein Minikraftwerk erzeugt die Energie aus

Wind, Sonne und bei hohem Bedarf auch

mit einem Dieselgenerator. Jede Familie

legt fest, welche Energiemenge sie pro

Woche benötigt und lädt ein entsprechendes

Guthaben auf eine Chipkarte, um den

Strom abzuholen. Alle sechs Monate wird

der Strompreis neu verhandelt.

Das Projekt ist nicht nur durch die verhältnismäßig

einfache Technik, sondern

vor allem durch das innovative Betreibermodell

ein Erfolg. Der Geschäftsführer

von INENSUS, Nico Peterschmidt, erläutert

das Konzept dahinter: „Wir stellen

uns dem Wettbewerb auf Dorfebene

– die Bewohner müssen unser Modell

wollen und sich dazu auch organisieren.

Die Idee ist, die Dorfwirtschaft mit dem

Zugang zu Energie anzukurbeln.“ Am

Ende profitieren davon nicht nur die

Investoren, sondern es entstehen auch

neue Einkommensmöglichkeiten im

Dorf. Derzeit ist ein Laden mit Kühlbereich

geplant, und der Schneider kann

Aufträge mit einer elektronischen Nähmaschine

viel schneller bearbeiten.

Nachhaltig und preisgekrönt

Das Gemeinschaftsprojekt wurde 2011

mit dem Innovationspreis für Klima und

Umwelt des Bundesumweltministeriums

und des Bundesverbands der Deutschen

Industrie ausgezeichnet. Und auch die

Fortsetzung ist bereits gesichert: Der niederländische

Daey Ouwens Fund stellt

öffentliche Mittel bereit, um 30.000 wei-

tere Menschen in 30 Dörfern mit Strom

zu versorgen. Zudem interessieren sich

immer mehr Privatinvestoren für die Idee.

Peterschmidt blickt zuversichtlich in die

Zukunft: „Wir müssen unser Gesamtpaket

günstig anbieten, und dazu müssen wir es

oft verkaufen. Die Margen halten wir gering,

denn wir wissen, dass die Bewohner

in den Dörfern unsere Gewinne bezahlen

können müssen. Dennoch ist unser Modell

privatwirtschaftlich und marktgetrieben

und genau deshalb nachhaltig!“

Innovationen als Marktlücke

Die Entwicklungspartnerschaft mit der

INENSUS GmbH ist nur ein Beispiel für

viele innovative Projekte, die die GIZ

gemeinsam mit unterschiedlichen Unternehmen

realisiert. Im Rahmen des

develoPPP-Programms im Auftrag des BMZ

stößt sie jährlich rund 50 neue Partnerschaften

an und fördert dadurch die Ziele

des Global Compact. Als kompetenter

Partner verbindet sie die Anliegen der

Wirtschaft mit nachhaltiger Entwicklung

vor Ort – sie berät Unternehmen

zu Corporate Social Responsibility (CSR)

oder unterstützt bei der Umsetzung neuer

Geschäftsmodelle. Durch die langjährigen,

weltweiten Erfahrungen und intensive

lokale Kontakte macht sie Innovationen

gemeinsam mit der Wirtschaft zum Türöffner

für nachhaltige Entwicklung und

neue Märkte.


HerAeuS

Mit Know-how erneuerbare

energien optimieren und

ressourcen sparen

ob Photovoltaik oder energiesparende Fenster – Produkte von Heraeus erhöhen die effizienz bei

der energiegewinnung und senken den -verbrauch.

Von Dr. Jörg Wetterau

Der Energieverbrauch der Bevölkerung

steigt weltweit an. Doch Erdöl, Erdgas,

Kohle und Atomkraft stehen als Energieträger

nur begrenzt zur Verfügung.

Die Sonne dagegen ist eine dauerhaft

verfügbare Energiequelle. Die umweltfreundliche

Gewinnung von Solarstrom

wird daher immer wichtiger. Für die

Photovoltaik hat der weltweit tätige

Edelmetall- und Technologiekonzern

Heraeus – 1851 in Hanau gegründet –

zahlreiche Produkte entwickelt, wie z. B.

Infrarot-Strahler zur Wärmebehandlung

von Solarzellen. Auch zur Energieeinsparung

im täglichen Leben und in der Industrieproduktion

trägt Heraeus bei. So

verringern spezielle Beschichtungen auf

Fenstern den Energieverbrauch. Temperatursensoren

von Heraeus ermöglichen

in der Stahl- und Aluminiumindustrie

durch sekundenschnelle und hochpräzise

Temperaturmessung erhebliche Energieeinsparungen

im Produktionsprozess.

Silberpasten erhöhen den

Wirkungsgrad von Solarzellen

Der Anteil der erneuerbaren Energie wird

in den nächsten Jahren deutlich zunehmen.

Die Gestaltung des Energiemix wird

daher dauerhaft im Fokus des öffentlichen,

politischen aber auch wirtschaftlichen

Interesses stehen. Der Blick ist dabei vor allem

darauf gerichtet, wie die erneuerbaren

Energien mit immer besseren Wirkungsgraden

gewonnen werden können. Für

die umweltfreundliche Solarstromerzeugung

werden bereits zahlreiche Heraeus

Produkte genutzt. Dazu gehören auch

silberhaltige Pasten zur Herstellung sehr

feiner, hochleitfähiger Kontaktbahnen auf

den Solarzellen, die den Linien- und Übergangswiderstand

verringern, bei möglichst

minimalem elektrischen Widerstand und

geringer Verschattung der Solarzelle. Die

silberhaltigen Pasten tragen maßgeblich

zur Verbesserung des Wirkungsgrades

der Solarzellen bei. Heraeus entwickelt

kontinuierlich neue Rezepturen, um die

Kontaktierung der Solarzellen und damit

deren Effizienz zu steigern.

92 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

93

Best Practice

Ultraviolett- und Infrarot-Spezialstrahler

machen Solarzellen ebenfalls effizienter.

Solarzellen und Solarmodule müssen

getestet werden, um die Produktionsqualität

zu kontrollieren, die Zellen zu

charakterisieren und in Leistungsklassen

einzuteilen. Dazu benötigt man zuverlässige

und reproduzierbare Lichtquellen,

die dem Spektrum der Sonne möglichst

nahe kommen. Xenon-Blitzlampen, klein

und ringförmig oder linear bis zu zwei

Meter Länge, leisten dies. Bei der Herstellung

von Solarzellen werden meist

Infrarot-Strahler mit einem speziellen

Nanoreflektor aus Quarzglas eingesetzt,

die Prozesse im Vakuum oder unter

Hochtemperaturbedingungen besonders

stabil und damit energieeffizient

verwirklichen.

Links: Aufgebracht auf Fensterglas

reduzieren Metall- und edelmetalllegierungen

wärmeverluste.

Rechts: Silberpasten erhöhen den

wirkungsgrad von Solarzellen.

Dünne Edelmetallschichten

auf Fensterglas reduzieren

Wärmeverlust

Wer in Städten aufmerksam Bürogebäude

und Hochhäuser betrachtet, stellt

fest, dass die großflächigen Glasscheiben

bräunlich, bläulich oder grünlich

schimmern. Die Ursache hierfür

ist eine feine, nur wenige Nanometer

dünne Beschichtung aus Metall- und

Edelmetalllegierungen, die durch ein

Vakuumbeschichtungsverfahren auf

den Glasflächen aufgebracht wird. Die

Beschichtung kann innen und außen auf

dem Glas aufgebracht werden. Sie erfüllt

damit nicht nur die individuellen Design-

ansprüche der Architekturbranche, sondern

liefert durch die Absenkung der

Wärmeverluste und Energiekosten auch

einen handfesten Beitrag zum Klima-

und Umweltschutz. Die Glasindustrie

nutzt meterlange Flach- und Rohrtargets

(Sputtertargets) von Heraeus zur funktionalen

Großflächenbeschichtung von

Architekturglas.

Beschichtetes Fensterglas ist heute

integraler Bestandteil für die Energieeinsparung

in modernen Büro- und

Wohngebäuden im Sommer wie im

Winter. So genanntes Solar-Control-

Glas sorgt dafür, dass im Sommer die

Wärmestrahlung der Sonne die Räume

nicht aufheizt und so den Energieverbrauch

durch Klimaanlagen verringert.

Umgekehrt ermöglicht eine gezielte

Beschichtung der Glasinnenfläche

(Low-Emissivity-Glas), dass im Winter

die Heizungswärme in den Raum reflektiert

und somit der Wärmeverlust

durch die Fensterscheibe stark reduziert

wird. Insbesondere Silber enthaltende

Schichtpakete senken den Wärmeverlust

und tragen zur Energieeinsparung

in modernen Gebäuden bei.

Infrarot-Wärme macht Trocknung

von Oberflächen energieeffizienter

Ob als Korrosionsschutz großer Metallteile,

Klarlack auf Kunststoffprodukten

oder farbiger Dekor auf Steinen – die unterschiedlichsten

Beschichtungen müssen

auf vielerlei Produkten getrocknet

werden. Die Herausforderung dabei ist:

Lacke und Farben sollen immer schneller,

aber trotzdem in brillanter Qualität bei

minimalem Energieeinsatz getrocknet

werden. Durch gestiegene Anforderungen

und veraltete Wärmequellen kann

dieser Prozess für Anwender leicht zu

einem teuren und energiefressenden

Produktionsengpass werden.

Jedem Beschichtungsprozess ist gemeinsam,

dass Lacke und Farben in

gleichbleibend guter Qualität möglichst

rasch getrocknet werden sollen. Mit

Infrarot-Strahlern kann die Qualität

einer Beschichtung verbessert werden.

Zudem hilft die Infrarot-Wärme, die

Kosten zu senken und die Energieeffizienz

einer Anlage zu steigern. Die

Reduzierung der Energie- und Materialkosten

wiederum ist ein wichtiger

Baustein für Industrieunternehmen, um

ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten

oder zu steigern.

Platinsensoren messen hochpräzise

Temperaturdifferenzen

Die Durchsetzung von Energiesparmaßnahmen

gilt als eine der größten

Herausforderungen Chinas. So hat

die chinesische Regierung in ihrem

Fünf-Jahres-Plan Energiesparen auf die

Agenda gesetzt, mit dem Ziel, den Energieverbrauch

der Haushalte exakt zu

erfassen. Bereits Ende der 1990er-Jahre

wurde nach europäischem Vorbild die

Heizkostenabrechnung nach tatsächlichem

Verbrauch eingeführt. In den hierfür

genutzten Wärmemengenzählern

kommen hochsensible Platintemperatursensoren

in Dünnschichttechnologie

von Heraeus zum Einsatz. Die Funktionsweise

des Wärmemengenzählers

basiert auf der Temperaturdifferenz

von zwei Platintemperatursensoren,

die im Heizkreisvorlauf und Heizkreisrücklauf

installiert sind. In Verbindung

mit einem Volumenzähler und einer

Elektronikeinheit errechnet der Wärmezähler

die tatsächlich verbrauchte

Energie.


HoCHTIeF

Power & Innovation –

Der Beitrag von HoCHTIeF

zur energiewende

Von Verena Blaschke

Die von der Bundesregierung beschlossene energiewende eröffnet der wirtschaft in Deutschland

große Potenziale – und ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. ein massiver

Aus- und umbau der Infrastruktur ist nötig. Die Baubranche wird daran einen hohen Anteil haben.

HoCHTIeF als traditionsreiches unternehmen und mit weltweiter erfahrung in komplexen

Infrastrukturprojekten will sich hier mit wirtschaftlichen, innovativen und nachhaltigen lösungen

einbringen. unter der Maxime „Power & Innovation“ bündelt der internationale Baudienstleister

seine leistungen in diesem Bereich.

94 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

95

Best Practice

Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie

steht Deutschland vor einem grundlegenden

Umbau seiner Energieversorgung. Bis

zum Jahr 2020, so das Ziel der Bundesregierung,

soll der Anteil erneuerbarer

Energien an der Stromerzeugung von

heute 17 Prozent auf 35 Prozent steigen.

2030 soll ihr Anteil sogar bei 50 Prozent

liegen. Dafür wird ein Mix aus erneuerbaren

Energien benötigt – laut einer Studie

der Fraunhofer-Gesellschaft besteht eine

zuverlässige, kostengünstige und robuste

Energieversorgung aus den erneuerbaren

Quellen Wasser- und Windkraft, Fotovoltaik,

solarthermischer Wärmeerzeugung,

Biomasse und Geothermie. Eine solche

dezentrale Energieversorgung erfordert

erhebliche Investitionen in die Infrastruktur:

in Ausbau und Entwicklung von

Stromerzeugungsanlagen ebenso wie in

Speichermedien und Versorgungsnetze.

Innovationen realisieren

Hier ist die Industrie gefragt – und zwar

als Investor, Errichter und Betreiber von

Infrastruktur. HOCHTIEF tut genau dies:

Mit vielfältigen Leistungen und innovativen

Lösungen ist der Konzern bereits

heute auf dem Markt der regenerativen

Energien tätig und hat sich als Innovationstreiber

und Know-how-Träger

etabliert – zum Beispiel im Bereich

der Offshore-Windenergie. Die auf dem

Wasser errichteten Windkraftanlagen

sollen einen entscheidenden Beitrag zur

nachhaltigen Energieversorgung leisten:

Ziel ist es, bis 2020 in den deutschen

Offshore-Windkraftwerken bis zu 10.000

Megawatt Leistung zu installieren, bis

2030 bereits 35.000 Megawatt. Die Kreditanstalt

für Wiederaufbau unterstützt

den Ausbau der ersten zehn Windfarmen

vor der deutschen Küste mit einem

Förderprogramm in Höhe von fünf Mrd.

Euro. Der Hauptverband der deutschen

Bauindustrie rechnet mit Bauinvestitionen

in Höhe von 25 bis 30 Mrd. Euro für

Windparks in Nord- und Ostsee.

HOCHTIEF ist am Auf bau fast aller

deutschen Offshore-Windparks beteiligt.

Mit eigenem Spezialgerät können die

Fundamente der Anlagen in Rekordzeit

gegründet sowie Messmasten und Windenergieanlagen

sicher installiert und

gewartet werden. Die Maxime „Power

& Innovation“ ist dabei gelebte Realität:

2012 wird das von HOCHTIEF mit einem

Partner entwickelte Kranhubschiff „In-

novation“ in See stechen, das in Wassertiefen

von bis zu 50 Metern operieren

kann. Zudem arbeitet das Unternehmen

derzeit mit einem weiteren Partner an

einem neuen Gründungsverfahren. Beim

„Offshore Foundation Drilling“ werden

die Gründungsstrukturen der Windanlagen

nicht wie üblich gerammt, sondern

durch ein schonendes Bohrverfahren im

Seeboden verankert. Dadurch werden

die Lärmbelästigung und die Auswirkungen

auf die Meeresfauna erheblich

verringert.

Kompetenzen einbringen

Die in Deutschland vorhandene Netzstruktur

ist nicht auf die angestrebte

dezentrale Energieversorgung aus erneuerbaren

Quellen ausgerichtet. Es muss

sichergestellt werden, dass der Strom den

Nutzern bedarfsgerecht, verlässlich und

wirtschaftlich effizient zur Verfügung

steht. Dafür sind zirka 3.600 Kilometer

neue Leitungsnetze notwendig. 2010

wurden 180 Kilometer neu errichtet. Es

gibt also erheblichen Bedarf. Dabei sollten

die Lösungen bevorzugt werden, die auch

die Akzeptanz der Bürger finden und bezahlbar

bleiben. Technisch möglich sind

oberirdische ebenso wie unterirdische

Leitungen. Für beides ist HOCHTIEF der

richtige Partner für Entwicklung und

Umsetzung: Im Konzern gibt es die Kompetenz

für den Bau von Freilandleitungen

ebenso wie für unterirdische Versorgungstunnel,

sogenannten Powertunneln.

Diese bieten sich insbesondere in dicht

besiedelten Regionen an. Bei solchen

Bauprojekten kann das Unternehmen

sein Know-how aus dem Tunnel- und

Kraftwerksbau optimal einsetzen.

In den kommenden Jahren muss zudem

immer mehr Energie zwischengespeichert

werden, da regenerativ erzeugter

Strom oftmals Schwankungen unterliegt

– im Fall der Windkraft zum Beispiel

wetterabhängig ist. Bei den Speichertechnologien

herrscht allerdings noch

großer Forschungsbedarf. Potenziale sieht

HOCHTIEF insbesondere bei Pumpspeicherkraftwerken.

Dies ist eine großtechnisch

erprobte Speichertechnologie mit

bestem Wirkungsgrad. Dabei wird bei

geringer Energienachfrage Wasser von

einem niedrigen Niveau auf ein höheres

gepumpt. In Spitzenlastzeiten wird das

Wasser dann aus dem oberen Becken

in das untere Becken abgelassen, um

über Generatoren Strom zu produzieren.

Große Pumpspeicherkraftwerke werden

jedoch nur in Ausnahmefällen genehmigt

und sind deshalb in Deutschland kaum

vorhanden. HOCHTIEF verfolgt daher

die Idee, kleine und mittlere dezentrale

Pumpspeicherkraftwerke an geeigneten

Standorten zu realisieren und zu betreiben.

Auch stillgelegte Bergwerke wie Kies-

und Kalksandsteingruben könnten dafür

in Frage kommen. HOCHTIEF setzt hier

die langjährige Erfahrung aus dem Bau

von Dämmen und Wasserkraftwerken ein.

Ganzheitlich denken

Die Herausforderung besteht allerdings

nicht allein darin, eine verbesserte Energieinfrastruktur

zu schaffen. Betrachtet

man die Energiewende ganzheitlich, so

muss auch intensiv über eine effizientere

Nutzung der Energie und Einsparmaßnahmen

nachgedacht werden. Diese

können in erheblichem Umfang bei Bau

und Betrieb von Immobilien und Anlagen

erzielt werden – wodurch zirka

30 Prozent der gesamten CO 2 -Emissionen

in Deutschland verursacht werden.

HOCHTIEF ist führend bei der Entwicklung

und Realisierung nachhaltig gestalteter

Gebäude, die möglichst wenig Energie

verbrauchen und Ressourcen schonen.

Zusätzliches Potenzial realisiert HOCHTIEF

bei jenen Kunden, für die der Baudienstleister

Immobilien oder Industriebetriebe

betreibt. In verschiedenen Geschäftsmodellen

erarbeiten die Energieexperten

Lösungen, wie die Kunden ihre Betriebskosten

senken, ihre Energieanlagen effizienter

betreiben und den CO 2 -Ausstoß

reduzieren können. Allein im Jahr 2010

sparte HOCHTIEF für seine Kunden so

über 100.000 Tonnen CO 2 -Emissionen

ein. „Power & Innovation“ – unter dieser

Maxime wird sich der Konzern auch in

der Zukunft weltweit engagieren.


HYPoVereINSBANK

wert schaffen, werte leben

Das Vertrauen der Kunden ist das wichtigste Kapital einer Bank. wie lässt sich dieses Vertrauen

dauerhaft sichern, angesichts turbulenter Finanzmärkte und globaler Herausforderungen wie dem

Klimawandel? Voraussetzung ist, dass Banken ihre rolle als Mittler im wirtschaftssystem integer

ausüben und für die sozialen und ökologischen Folgen ihrer Geschäftstätigkeit gerade stehen. und

zudem Verantwortung für Mitarbeiter, umwelt und Gesellschaft übernehmen. Die HypoVereinsbank

hat die Prinzipien unternehmerischer Nachhaltigkeit bereits vor Jahren in ihrer Geschäftsstrategie

verankert – und langfristige wertschöpfung damit zum unternehmensziel erklärt.

Von Stefan Löbbert

Hochwertige und innovative Finanzprodukte

bilden das Geschäft der Hypo-

Vereinsbank, damit Gewinn zu erwirtschaften,

ist Voraussetzung für ihren

Fortbestand. Das übergeordnete Ziel des

Unternehmens aber lautet: dauerhaft

Wert schaffen – für Kunden, Mitarbeiter,

Anteilseigner und die Gesellschaft. Diesen

Anspruch hat die UniCredit, zu der

die HypoVereinsbank seit 2005 gehört, in

ihrem Leitbild festgeschrieben und damit

zum Kompass für ihr unternehmerisches

Handeln gemacht. Zugrunde liegt die

Überzeugung, dass Unternehmen nur

dann langfristig erfolgreich sein können,

wenn sie verantwortungsbewusst wirt-

schaften und die berechtigten Erwartungen

ihrer Stakeholder im Kerngeschäft

berücksichtigen.

Organisatorisch hat die HypoVereinsbank

das Modell des nachhaltigen

Geschäftserfolgs fest verankert: Zentrale

ökologische und soziale Leistungen

erhebt sie anhand von Kennzahlen

und steuert diese über entsprechende

Managementsysteme. Ein umfassendes

Wertesystem schafft den Rahmen für

eine verantwortungsbewusste Unternehmenskultur:

Die in der Integrity Charter

festgeschriebenen Werte Fairness, Transparenz,

Respekt, Gegenseitigkeit, Freiheit

und Vertrauen gelten als Richtschnur für

alle Mitarbeiter. Ein Verhaltenskodex

sowie Compliance-Richtlinien regeln

den Umgang mit Interessenskonflikten

und beugen Korruption, Bestechung und

Geldwäsche vor – und sichern somit die

Umsetzung der Prinzipien des Global

Compact, denen sich die UniCredit verpflichtet

hat. Bei Verdacht auf Verstöße

können sich die Mitarbeiter vertraulich

an einen Ombudsmann wenden.

Individuelle Verantwortung ist auch

gefragt, wenn es um die Reputation der

Bank geht. Birgt ein Geschäft mögliche

Risiken, sind die Mitarbeiter aufgefordert,

es dem Reputational Risk Council zu

melden. Dieses prüft in Abstimmung mit

96 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

97

Best Practice

der Corporate Sustainability-Abteilung,

ob das Geschäft umgesetzt wird. Kein

Profit zulasten der Reputation – diese

Maxime gilt auch bei der Kreditvergabe.

Entscheidungsgrundlage bilden die

ökologischen und sozialen Standards der

Weltbank sowie die „Equator Principles“,

deren gleichnamiger Bankinitiative die

HypoVereinsbank als Gründungsmitglied

angehört.

Wie es aktuell um seine Reputation

bestellt ist und welche Haltung verschiedene

Stakeholder zu bestimmten

Themen haben, ermittelt das Unternehmen

in regelmäßigen Befragungen. Die

Ergebnisse wirken sich unmittelbar auf

die Vergütung der Vorstände aus.

Verantwortung für Kunden und

Klimaschutz

Wert schaffen will die HypoVereinsbank

in erster Linie für ihre Kunden. Neben

einer fundierten und möglichst unkomplizierten

Beratung setzt sie dazu auf

Transparenz: Die Kunden sollen in der

Lage sein, Abläufe und Produkte zu verstehen

und überlegte Entscheidungen

zu treffen. Ausführliche Beratungsgespräche

zahlen darauf ebenso ein wie

standardisierte Produktinformationen.

Das Finanzwissen der Verbraucher zu

stärken, bildet auch einen Schwerpunkt

des sozial-gesellschaftlichen Engagements

der Bank.

Rendite mit ökologischem oder sozialem

Mehrwert bietet die HypoVereinsbank

ihren Kunden über ein umfassendes

Portfolio an nachhaltigen Produkten.

Über verschiedene Anlageprodukte können

sie sich am Emissionshandel der Eu-

Nachhaltigkeitsrahmen der UniCredit

Business

Sustainability

Ausgezeichnete

Leistung

gegenüber

dem Kunden

Stakeholder

Ordentliche

Unternehmensführung

- Mitarbeiter

- Kunden

- Aktionäre

- Aufsichtsbehörden

Durchgängige

Risikokultur

ropäischen Union beteiligen. Produktverantwortung

beweist die Bank auch in der

Finanzierung: Mit einem Kreditportfolio

von rund fünf Milliarden Euro zählt sie

zu den wichtigsten Finanzierern von

erneuerbaren Energien in Deutschland.

Privatkunden vermittelt sie Sonderkredite

für ökologische Investitionen und

unterstützt sie bei der Identifizierung

eigener Energiesparpotenziale.

Klimaschutz ist für die HypoVereinsbank

nicht nur ein Geschäftsfeld, sondern

auch ethische Verpflichtung und

strategisches Ziel. Dafür setzt sie sich

als Mitglied verschiedener Brancheninitiativen

ein und achtet auch im Bankbetrieb

auf einen sparsamen Ressourcenverbrauch.

Das Klimaschutzziel der

UniCredit, die eigenen CO 2 -Emissionen

bis 2020 gegenüber 2008 um 30 Prozent

zu senken, hat die HypoVereinsbank

durch ein konsequentes Umweltmanagement

bereits erreicht. Nächster

Schritt ist es, den Gebäudebetrieb und

Dienstreisen CO 2 -neutral zu stellen.

Dazu dienen interne Umweltstandards

für Fuhrpark, Beschaffung und Event-

- Medien und Meinungsführer

- Nichtregierungsorganisationen

- Verbraucher- und Branchenverbände

- Gewerkschaften und Betriebsräte

Wertschöpfungsprozesse

People

Engagement

Investitionen

in unsere

Mitarbeiter

Corporate

Citizenship

Gesellschaftliche

Entwicklung

Compliance · Rentabilität und Eigenkapitalausschüttung · Gelebte Werte · Leitbild · Marke · Reputation

management. Ihren Strom bezieht die

Bank bereits seit 2010 vollständig aus

regenerativen Quellen, die Heizenergie

kompensiert sie mit stillgelegten CO 2 -

Zertifikaten. Unterstützt wird sie bei der

Umsetzung ihrer Klimaschutzziele von

der Umweltorganisation WWF, mit der

die UniCredit eine strategische Partnerschaft

unterhält.

Menschen im Mittelpunkt

Erzielen lässt sich nachhaltiger Geschäftserfolg

nur mit motivierten Mitarbeitern.

Als Voraussetzung dafür bietet ihnen die

HypoVereinsbank verschiedene Maßnahmen

zur besseren Vereinbarkeit von Beruf

und Familie sowie Entwicklungsmöglichkeiten

mit spezifischen Programmen für

Fach- und Führungskräfte. Die Verschiedenheit

ihrer Mitarbeiter schätzt sie als

Wert. Insbesondere Frauen, die in den

Top-Etagen der Bank noch unterrepräsentiert

sind, werden durch spezielle Programme

gefördert. Damit die Mitarbeiter

auch dauerhaft leistungsfähig bleiben,

sensibilisiert sie das Unternehmen für

einen achtsamen Umgang mit sich selbst

und anderen.

Wert schaffen will die HypoVereinsbank

nicht zuletzt auch für die Gesellschaft,

als deren Teil sie sich versteht

und von der sie profitiert – sei es durch

eine gute Infrastruktur oder ein hohes

Ausbildungsniveau. Eine Corporate

Citizenship-Strategie gewährleistet, dass

die sozial-gesellschaftlichen Aktivitäten

in Bezug zum Kerngeschäft stehen und

Geschäftsbereiche wie auch Mitarbeiter

einbinden. Dafür sorgen Instrumente

wie Employee Volunteering und Gift

Matching. Weiterhin setzt die Bank auf

Spenden und Leuchtturmprojekte in

den Bereichen Soziales, Financial Education,

Umwelt und Kultur und arbeitet

dabei eng mit der UniCredit Foundation

zusammen.

Mit ihrer langjährigen und konsequenten

strategischen Ausrichtung

nimmt die HypoVereinsbank innerhalb

der Finanzwelt eine führende Rolle im

nachhaltigen Wirtschaften ein. Dies spiegeln

nicht nur zahlreiche Auszeichnungen

wider, sondern auch hervorragende

Ratingergebnisse. Womit sich bestätigt:

Verantwortungsbewusstes Wirtschaften

zahlt sich aus.

Weitere Informationen unter:

www.hvb.de/nachhaltigkeit


lAVArIS TeCHNoloGIeS

einfach besseres wasser

wasser ist ein Menschenrecht – das steht seit vergangenem Jahr auch in den Statuten der

Vereinten Nationen. Doch die wirklichkeit sieht in einigen regionen der welt anders aus:

rund 1,1 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. 8 Millionen

Menschen sterben jährlich an den Folgen von wassermangel, darunter 1,6 Millionen Kinder.

Von Stephan Heuser

Schätzungen besagen, dass bis ins Jahr

2025 der globale Süßwasserverbrauch

um 300 Prozent steigen wird und 3,1

Milliarden Menschen vom Mangel betroffen

sein werden. Die Erde hat zwar

enorme Mengen Wasser, aber nur ca.

0,4 Prozent davon sind trinkbar. Somit

ist Trinkwasser die knappste Ressource

der Welt – und die einzig unersetzliche.

Das weltweite Wasservorkommen reicht

weder quantitativ noch qualitativ aus,

um alle Menschen zu versorgen. Deshalb

wird Wasser auf bereitet. Bei den herkömmlichen

Methoden sind der Energiebedarf

und die Kosten insgesamt derart

hoch, dass hochwertiges Trinkwasser

für einige Teile der Weltbevölkerung

nicht erschwinglich ist. In vielen der

betroffenen Regionen steht aus diesem

Grund entweder kein Trinkwasser oder

nur Wasser in schlechter und mitunter

gesundheitsgefährdender Qualität zur

Verfügung.

Ein weiteres Problem bei der herkömmlichen

Wasseraufbereitungstechnologie

besteht darin, dass Korrosion zur Zerstörung

der wasserführenden Systeme führt.

Fast jeder zweite, aufwendig produzierte

Liter Wasser versickert. Aktuell werden

weltweit jährlich 480 Milliarden US-

Dollar für Wasser ausgegeben. Mit der

heute eingesetzten Technik müssten für

eine gesicherte Trinkwasseraufbereitung

aber 800 Milliarden US-Dollar eingesetzt

werden.

Einfach besseres Wasser für alle –

LAVARIS hat die Lösung

Die Technologie der Lavaris Technologies

GmbH wäre in der Lage, einen wichtigen

Beitrag zur Sicherung der weltweiten

Trinkwasserversorgung zu leisten. Damit

hätten alle Menschen Zugang zu Wasser.

Das Unternehmen kann mit seiner

patentierten und umweltfreundlichen

Technologie kostengünstig weltweit

hervorragendes und qualitativ gleichbleibendes

Trinkwasser produzieren.

Die Lavaris Technologies GmbH entwickelt,

plant, errichtet und vertreibt

komplette Auf bereitungsanlagen für

Trink- und Abwasser. Dafür nutzt sie

patentierte Stoffe (CarbonAdd®) sowie

patentierte Technologie (Anlagentechnik

und Software). Das Unternehmen

besitzt über 100 Patente im Bereich der

Wasseraufbereitung. Die Lavaris-Prozesse

haben Substanz und sind fundiert –

beispielsweise sind alle Prozesse unter

der Projektierungs- und Leistungsphase

gemäß DIN EN ISO 9001:2008 vollständig

dokumentiert.

Der Ansatz von Lavaris ist es, die Wasserversorgung

zu dezentralisieren und

Wasser insgesamt besser und billiger

zu machen. Somit möchte das Unternehmen

einen relevanten Beitrag zur

Versorgung der Menschen mit gutem

Wasser leisten.

Die Lösung für das Wasserproblem

heißt „CarbonAdd®“

Mit dem Verfahren CarbonAdd® kann

Wasser zu einwandfreiem Trinkwasser

auf bereitet werden. In Deutschland

werden bereits seit Jahren einige kommunale

Anlagen mit dieser Technologie

fehlerfrei betrieben. CarbonAdd® eignet

sich für die Behandlung und Reinigung

von Trinkwasser, Oberflächenwasser,

industriellen Prozesswassern und Bergbauabwasser.

Mit CarbonAdd® auf bereitetes

Wasser ist nicht mehr korrosiv,

es kann also nicht mehr mit anderen

Stoffen chemisch reagieren. In der Folge

bleiben Wasserleitungen, Behälter

und Pumpen länger intakt und weniger

Wasser versickert.

Alle Verunreinigungen im Wasser sind

grundsätzlich chemischer Natur. Und

chemische Prozesse können jederzeit

rückgängig gemacht werden. CarbonAdd®

kann die Selbstreinigungskräfte aktivieren,

kontrollieren und stabilisiert das

Wasser nachhaltig. Ein weiterer Vorteil

ist, dass alle Prozesse bei der Auf bereitung

unabhängig voneinander steuerbar

sind, da sie parallel ablaufen.

CarbonAdd® entsäuert das Wasser, stabilisiert

den pH-Wert durch Ausbildung

eines Carbonat-Puffersystems, entfernt

Schadmetalle wie Eisen, Kupfer, Aluminium

und Mangan, härtet das Wasser

und kann das notwendige Gleichgewicht

der Stoffkonzentrationen im Wasser

innerhalb von etwa 90 Sekunden herstellen.Damit

bietet CarbonAdd® die

Lösung für ca. 70 Prozent der typischen

Wasserauf bereitungsaufgaben.

Ein Großteil der Weltwasservorkommen

kann mit diesem Verfahren unter Einhaltung

der „Europäischen Richtlinie

über die Qualität von Wasser für den

menschlichen Gebrauch“ (RL 98/83/EG

von 1998) zu Trinkwasser auf bereitet

98 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

99

Best Practice

werden. Das Wasser, das nach dem Verfahren

hergestellt ist, erfüllt alle nationalen

und internationalen Anforderungen.

Deshalb wird es auch für die Wasseraufbereitung

mit der „Water Box“ eingesetzt.

Die „Water Box“ wurde speziell für Katastrophengebiete

und Entwicklungsprojekte

konzipiert und kann überall

auf der Welt bezahlbares Trinkwasser

mit hoher Qualität gewährleisten. Die

kompakte Anlage ist besonders sparsam

im Stromverbrauch und kann etwa 1.400

Menschen (bei maximal 28.000 Liter/Tag)

mit Trinkwasser versorgen.

Die Besonderheit: Die „Water Box“ ist

aufgrund ihrer geringen Größe – sie

passt auf eine Europalette – und des geringen

Gewichts von nur 120 Kilogramm

transportabel und vor Ort sehr einfach,

schnell und mit geringem Platzbedarf zu

installieren. Sie liefert sofort reines Trinkwasser.

Die Technik ist langlebig und

günstig, sie funktioniert autark, ist auch

ohne Vorkenntnisse einfach zu bedienen

und produziert dezentral Wasser auch

unter schwierigsten Voraussetzungen.

Um Wasserwerte, Belastungen und die

Qualität schnell, einfach und günstig

bestimmen zu können, hat Lavaris den

„WaterScout“ entwickelt. Das innovative

Gerät ist hochpräzise, tragbar und

schnell. Es ist einfach zu handhaben

und liefert zuverlässige und hochgenaue

Ergebnisse. WaterScout ist ein Photometer,

für das man keine Küvetten benötigt

und dennoch laborgenaue Messwerte

erhält.Er ist etwa 25 Zentimeter lang

und knapp 5 Zentimeter breit. Das Menü

wird über zwei Tasten gesteuert. Es ist

netzunabhängig und arbeitet auf Batteriebasis.

Mit dem „WaterScout“ können

die wichtigsten Parameter innerhalb

weniger Minuten bestimmt werden.

Antriebsfeder ihres Denkens und Arbeitens

ist die gesellschaftliche Verantwortung,

in der sich die Lavaris Technologies

GmbH sieht. Denn nur wenn Wasser

global gesund, verfügbar und preiswert

ist, kann sich die Welt nachhaltig wirtschaftlich

und sozial entwickeln.

Installation „wasser ist leben“ von Bärbel

und Horst Kießling, Marktredwitz


MAN

Talente entdecken

und begeistern

Von Yvonne Benkert

Qualifizierte und engagierte Mitarbeiter bestimmen den erfolg der MAN Gruppe mit. Die kontinuierliche

Förderung der rund 48.000 Beschäftigen durch Job rotation, individuelle entwicklungspläne

und die MAN executive Academy gehört daher zum Kern des Personalmanagements.

Damit schafft MAN attraktive Arbeitsbedingungen, was das CrF Institut jährlich mit der Auszeichnung

als „ToP Arbeitgeber“ bestätigt. um auch zukünftig die besten Köpfe zu gewinnen,

setzt MAN zusätzlich auf globales Talentmanagement.

Bei der Rekrutierung von Fachkräften

konzentriert sich MAN längst auch auf

die boomenden BRIC-Staaten. Schließlich

leben 83 Prozent der Hochqualifizierten

außerhalb Europas, darunter

zunehmend Frauen. „Unternehmen,

die ihren Erfolg aus Innovationskraft

ziehen, können es sich nicht leisten,

den globalen Talentpool zu ignorieren“,

unterstreicht Jörg Schwitalla, Personalvorstand

der MAN SE. „Unser Personalmanagement

ist daher global ausgerichtet.

Die Managementpositionen an unseren

Standorten besetzen wir vorwie-

Auszubildende zum Mechaniker im

SoS Vocational Training College Kality in äthiopien.

gend mit lokalen Fach- und Führungs-

kräften.“

Starthilfe für Jugendliche aus

Schwellenländern

Nicht nur die eigenen Mitarbeiter werden

gefördert: Jugendliche ohne optimalen

Start ins Leben unterstützt MAN

im Rahmen der seit 2008 bestehenden

Partnerschaft mit dem SOS Kinderdorf

e.V. In der äthiopischen Hauptstadt Addis

Abeba ermöglicht MAN Jugendlichen aus

schwierigen Familienverhältnissen eine

Berufsausbildung. Im „Vocational Trainingscenter

Kality“ absolvieren sie eine

Ausbildung zum Automobilmechaniker,

Mechaniker oder in der Holzverarbeitung.

MAN stellt jährlich 200.000 Euro sowie

Werkzeuge und Exponate für Trainingszwecke

zur Verfügung und bildet die

Lehrer vor Ort aus. Durch das technische

Know-how haben die Schüler deutlich

höhere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Für die Weitergabe von Wissen setzt

sich MAN auch in Brasilien ein. Das Projekt

„Formare“ ermöglicht jährlich 14 Jugendlichen

aus armen Verhältnissen eine

100 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

101

Best Practice

einjährige Ausbildung als Techniker in

der Montagelinie im MAN-Werk in Resede.

Parallel dazu arbeiten sie selbstständig an

einem Projekt: Eine Klasse entwickelte

zum Beispiel eine Solarheizung aus Plastikflaschen,

Milchschachteln und anderen

Recyclingmaterialien und spendete die

Anlage einer gemeinnützigen Organisation.

Bislang hat MAN Latin America mit

„Formare“ 136 benachteiligten Jungen und

Mädchen ausgebildet. Alle haben heute

einen Job und mehr als ein Drittel hat

sogar ein Studium absolviert.

Mehr Frauen in Führungspositionen

Schwellenländer wie Brasilien bilden

inzwischen mehr Hochqualifizierte aus

als Europa und Nordamerika. Weltweit

legen mehr Frauen als Männer einen Universitätsabschluss

ab. Dennoch bewerben

sich bedeutend mehr Männer als Frauen

für technische Berufe. Um das Potenzial

weiblicher Nachwuchskräfte auszuschöpfen,

hat MAN gezielte Förderprogramme

etabliert. Die Recruiting-Kampagne

„Personalities wanted“ adressiert explizit

auch Expertinnen. Das Unternehmen

bietet seinen Mitarbeiterinnen Mentoring

und Coaching und pflegt einen

Kandidatinnenpool für die Auswahl von

Führungsnachwuchs. Derzeit sind acht

Prozent der Managementpositionen in

der MAN Gruppe mit Frauen besetzt. Bis

2014 sollen es zwölf Prozent werden –

das entspricht dem Anteil von Frauen

an der Gesamtbelegschaft. Die angemessene

Berücksichtigung von Frauen

ist in der Leitlinie für die Besetzung von

Führungspositionen festgeschrieben.

Auch ein familienfreundliches Arbeitsumfeld

unterstützt Frauen auf ihrem Karriereweg.

Dazu bietet die MAN Gruppe

flexible Arbeitszeiten und Teilzeitarbeit

an. Auch für die Kinderbetreuung ist

gesorgt: Am Standort München werden

im Betriebskindergarten „MAN Löwenkinder“

86 Kinder von deutsch- und

englischsprachigen Erziehern betreut.

An anderen Standorten sind die Kleinen

ebenfalls gut aufgehoben – so stehen in

Augsburg seit Oktober 2011 die Türen

für 76 Kinder offen.

Nachwuchs frühzeitig begeistern

Wer bereits während des Studiums Praxis-

erfahrung sammelt, hat später gute Jobaussichten.

Auch für Unternehmen lohnt

sich die Einbindung des Nachwuchs: Sie

Jörg Schwitalla, Personalvorstand

der MAN Se (rechts) und Jürgen Dorn,

Konzernbetriebsratsvorsitzender der

MAN Se, bei der Auftaktveranstaltung

zum freiwilligen Mitarbeiterengagement

im SoS Kinderdorf in Nürnberg.

stellen sich früh als potenzieller Arbeitgeber

vor. Aus diesem Grund hat MAN im

Jahr 2007 die Campus Initiative ins Leben

gerufen. Durch Stipendien, Vorlesungen

und Projektarbeiten entstehen enge Kontakte

zwischen den Hochschulabsolventen

und MAN. Der Technologiekonzern

fördert im Rahmen seiner Partnerschaft

mit der Technischen Universität München

die Fachbereiche Maschinenbau sowie

Elektro- und Informationstechnik. In der

Vorlesungsreihe „Innovative Unternehmer“

berichten jährlich vier MAN-Vorstandsmitglieder

über aktuelle Unternehmensentwicklungen.

Noch konkretere Unternehmenseinblicke

erhalten die Studierenden

über die Arbeit an Praxisprojekten bei

MAN. Die Konzernbereiche stellen Aufgaben,

die innerhalb von drei Monaten

zu lösen sind. Dieser Herausforderung

stellen sich die Studenten gerne: Viele

der ehemaligen Teilnehmer der Campus

Initiative arbeiten inzwischen bei MAN.

Mitarbeiter engagieren sich vor Ort

Bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber

berücksichtigen junge Talente zunehmend

weiche Faktoren wie ein positives

Betriebsklima oder die Wahrnehmung

unternehmerischer Verantwortung. Die

Führungskräfte von morgen wollen sich

Die MAN Cr-Strategie

mit persönlichem Engagement einbringen

und Verantwortung (er)leben. Deshalb

startete MAN 2011 ein Projekt zur

Förderung des freiwilligen Mitarbeiterengagements:

MAN-Mitarbeiter können

sich an Projekten des SOS-Kinderdorf

e.V. beteiligen. Die Unterstützer packen

beispielsweise bei der Renovierung von

Jugendeinrichtungen an, lesen Vorschulkindern

vor oder bieten Bewerbertrainings

für zukünftige Azubis im SOS-Berufsausbildungszentrum

in Nürnberg

an. Dafür erhalten sie einen halben Tag

Sonderurlaub pro Jahr. „So ermöglichen

wir unseren Mitarbeitern, die Kooperation

von MAN mit SOS-Kinderdorf aktiv

mitzugestalten“, erklärt Jörg Schwitalla,

Schirmherr der Initiative. In den kommenden

Jahren werden weitere Standorte

und Projekte aufgenommen.

Seit mehr als 250 Jahren sichern Innovationskraft,

Wandlungsfähigkeit und in

die Zukunft gerichtetes Denken den Erfolg

von MAN. Damit das so bleibt, beweist

sich MAN immer wieder als attraktiver

Arbeitgeber und begeistert Menschen.

unternehmerische Verantwortung ist bei MAN Teil der unternehmens-

und Führungskultur. MAN hat sich verpflichtet, langfristig wirtschaftlich

erfolgreich zu sein und seine Verantwortung für die umwelt sowie gegenüber

den Stakeholdern wahrzunehmen. Mit seinem Handeln sichert MAN nicht

nur die Zukunft des unternehmens, sondern stiftet auch gesellschaftlichen

Nutzen – als Arbeitgeber, Ausbilder und Auftraggeber sowie als guter

unternehmensbürger an allen Standorten. Dazu bestehen seit vielen Jahren

zahlreiche zentrale und regionale Aktivitäten. In rahmen eines Cr-Programms

werden konkrete Ziele bis 2015 verfolgt.


MerCK

Hilfe im Kofferformat: ein

Minilabor, das leben rettet

In vielen ländern Afrikas und Asiens werden täglich zahlreiche Menschen opfer von Arzneimittelfälschungen.

Sichtbare unterschiede zwischen Fälschung und original gibt es häufig nicht.

ein koffergroßes Minilabor geht gegen dieses Problem vor.

Von Kira-Tatjana Schmidt

In vielen tropischen Ländern werden

Medikamente nicht in der Apotheke,

sondern auf dem Markt oder am Kiosk

um die Ecke erstanden. Gefälschte und

technisch mangelhaft hergestellte Mittel

zur Behandlung von Infektionskrankheiten

finden immer wieder ihren Weg in

den legalen Arzneimittelhandel. Einzig

chemische Analysen können die Fälschungen

identifizieren. Allerdings fehlt

es in Entwicklungsländern an Laboren,

und zudem benötigen die Tests viel Zeit

und Geld. Der vom Darmstädter Pharma-

und Chemieunternehmen Merck

getragene Global Pharma Health Fund

(GPHF) hat es sich zum Ziel gemacht,

Arzneimittelfälschern das Handwerk

zu legen.

Die Ursachen für Arzneimittelfälschungen

sind hauptsächlich struktureller

Art. Die Produktion von gefälschten

Arzneimitteln ist preisgünstig, der Bedarf

an Medikamenten ist hoch – der

Absatzmarkt für Fälscherbanden und

die Gewinne sind entsprechend riesig.

Viele Menschen in Entwicklungsländern

können sich keine Krankenversicherung

leisten und bezahlen Medikamente selbst.

Deshalb werden billige Medikamente

auch über informelle Kanäle gekauft,

ohne ihre Herkunft zu hinterfragen.

Kontrollbehörden und -mechanismen gibt

es kaum. Viel zu wenig Apotheken und

Krankenhäuser sind mit geschulten Fach-

102 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

103

Best Practice

kräften ausgestattet. Eine geringe Anzahl

an Prüflaboren verhindert zusätzlich, dass

Medikamente zeitnah auf ihre Wirkstoffe

und Qualität getestet werden können.

Eine Analyse im nächstgelegenen Labor

und der Erhalt der Ergebnisse können

Wochen oder Monate in Anspruch nehmen

– Zeit, in der ein nicht wirksames

Medikament erheblichen Schaden bei

den Erkrankten anrichten kann.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation

WHO sind derzeit 10 bis

30 Prozent aller Medikamente weltweit

gefälscht oder von minderwertiger Qua-

lität. Oftmals ist der Wirkstoff dabei

nicht nur fehlerhaft dosiert, sondern

fehlt komplett. Ein gefälschtes Medikament

kann somit ohne Wirkung sein.

Im schlimmsten Fall enthält es giftige

Substanzen. Beide Möglichkeiten können

lebensgefährliche Konsequenzen für die

Patienten haben. So gibt es viele Fälle, bei

denen vermeintliche Antibiotika nicht

wirkten und die eigentlich behandelbare

Erkrankung tödlich endete.

Hier setzt das Kernstück des GPHF, das

„Minilab“, an. Das mobile Kompaktlabor

besteht aus zwei transportablen Einheiten,

die jeweils die Größe von Reisekoffern

haben und in denen sich alle

benötigten Ressourcen und Gegenstände

befinden, um Medikamente vor Ort

auf ihre Zusammensetzung zu prüfen.

Richard Jähnke, Projektleiter des GPHF,

hat an der Entwicklung des Minilabs

gearbeitet und ist auch weiterhin für

die Entwicklung neuer Testverfahren

verantwortlich. Vor allem die Erstellung

des Handbuchs mit den Anleitungen für

die Testdurchführung war eine besondere

Herausforderung: „Die Anleitungen

müssen für Jeden verständlich sein. Ich

habe sie wie ein Rezept geschrieben, die

Handbücher sind so einfach zu verstehen

wie ein Kochbuch.“ Um mit den Testmethoden

vertraut zu werden, bietet der

GPHF allen Empfängern des Minilabs

zusätzlich eine mehrtätige Schulung an.

Für 57 Arzneistoffe, die unter Berücksichtigung

der „Essential Medicines List“

der WHO ausgewählt wurden, gibt es

bereits Testmethoden im Minilab. Und

es wird stetig an neuen Tests für weitere

Wirkstoffe gearbeitet.

Das eigens für den Einsatz in Entwicklungsländern

entwickelte Konzept des

Minilabs ist so seit mehr als 12 Jahren

erfolgreich. Der Inhalt der Koffer reicht

für rund 1.000 Testläufe, wobei ein Test

etwa zwei Euro kostet. Der große Vorteil

des Minilabs besteht darin, dass es

unabhängig von externer Energieversorgung

ist und mit einem Gewicht von 40

Kilogramm leicht transportiert werden

kann. „Es ist nichts Überflüssiges dabei“,

erklärt Jähnke.

Merck und der GPHF setzen mit dem

Minilab ganz bewusst auf eine mobile

Einheit, die überall dort zum Einsatz

kommen kann, wo Menschen unmittelbar

vor falschen Arzneimitteln geschützt

werden müssen: in Gesundheitsprojek-

ten in ländlichen Regionen oder auch in

Regionalkrankenhäusern, in denen keine

Kontrolleinrichtungen für Medikamente

vorhanden sind. Unterstützt wird der

GPHF außerdem durch nationale und internationale

Partner, wie der Gesellschaft

für Internationale Zusammenarbeit in

Eschborn bei Frankfurt, der WHO in Genf

oder der United States Pharmacopeia,

der amerikanischen Arzneibuchbehörde.

Bis heute konnten mehr als 450 GPHF-

Minilabs in über 70 Ländern Afrikas,

Asiens und Lateinamerikas zum Einsatz

kommen. Im Jahr 2012 soll der 500. Kof-

fer ausgeliefert werden. Ein kleiner Erfolg

im Kampf gegen die Fälscherbanden.

Das GPHF-Minilab ist jedoch nur ein

akutes Hilfsmittel und bietet keine

strukturelle Lösung gegen die kriminellen

Machenschaften der Fälscher.

Um dem wirksam zu begegnen, ist es

notwendig, effektive Mechanismen für

die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsorganisationen,

Polizei, Zoll, Justiz,

Produzenten, Großhändlern, Vertreibern

und Gesundheitspersonal zu entwickeln.

Unterstützend wirkt die Aufklärung

und Warnung der Bevölkerung vor den

Gefahren gefälschter Arzneimittel.


MIele

energiemanagement im

Dialog mit dem Mitarbeiter

ein funktionierendes energiemanagement macht ökonomisch und ökologisch Sinn und hat

außerdem eine motivierende wirkung auf die Mitarbeiter zu eigeninitiative und Verantwortung.

Miele betreibt daher schon seit vielen Jahren entsprechende Systeme an den werkstandorten.

Nun hat das unternehmen die eigene Gießerei und die spanabhebende Fertigung am Stammwerk

in Gütersloh nach der energiemanagement-Norm DIN eN 16001 zertifizieren lassen und

plant dies auch für weitere werke. So will Miele kontinuierliche Verbesserungsprozesse zur effizienten

und nachhaltigen energienutzung auch organisatorisch fest verankern.

Von Ursula Wilms

Zweck der Norm ist grundsätzlich, Unternehmen

beim Auf bau eines umfassenden

Energiemanagementsystems und

der kontinuierlichen Verbesserung ihrer

Energieeffizienz zu unterstützen. Miele

konnte dabei auf bereits vorhandene

Prozesse und Strukturen auf bauen,

die es mit Hilfe der Norm weiter zu

verbessern galt. Der Hausgerätehersteller

verfolgt schon sehr lange das Ziel,

Energieverbräuche in der Produktion

zu reduzieren und verzeichnet dabei

gute Erfolge. Die Zertifizierung ist nun

das Werkzeug, um das Thema noch systematischer

anzugehen und weiter in

die Prozesse zu integrieren. Audits und

Maßnahmenpläne helfen dabei – vor

allem aber die Mitarbeiter selbst.

Genau 117 Mitarbeiter sind es in der Gießerei,

in der Gussteile hergestellt werden.

Die eigene Gießerei ist eine Besonderheit

in der Branche, die ihren Ursprung

im hohen Qualitätsanspruch von Miele

hat. Denn aus Qualitätsgründen setzt

das Unternehmen statt des ansonsten

meist üblichen Betons lieber Grauguss ein,

etwa bei Massenausgleichsgewichten für

Waschmaschinen. Die Gießerei ist naturgemäß

energieintensiv. Rund 25 Gigawattstunden

verbraucht dieser Bereich pro Jahr.

Aufgrund dieser Größenordnung steht

hier die ständige Energieverbrauchsoptimierung

besonders im Fokus.

Bei der Zertifizierung der Gießerei – die

aufgrund der bestehenden Ausgangsbasis

in nur zwei Monaten durchgeführt werden

konnte – wurden die Mitarbeiter

durch Gespräche, Arbeitsplatzbegehungen

und Schulungen sensibilisiert. Sie

erfuhren, welch hohen Einfluss sie selbst

auf den Energiebedarf einer Anlage haben

und was sie tun können, um den

Energieverbrauch zu senken. Durch eine

persönliche Identifizierung mit dem Thema

kamen die Erfolge. „Natürlich haben

wir den Mitarbeitern vermittelt, welche

Größenordnung wir in Richtung Energiekostensteigerung

erwarten“, erklärt

Hubert Hermelingmeier, Energiemanager

im Werk Gütersloh. „Aber wir haben zusätzlich

auch erläutert, wie sich dies auf

die Position des Unternehmens im Wettbewerb

auswirkt und wie die Mitarbeiter

in ihrem persönlichen Arbeitsumfeld

darauf Einfluss nehmen können.“ Dabei

sei der direkte Bezug zur täglichen Arbeit

wichtig. „Wir halten nichts davon, pauschal

Energiesparziele zu diktieren, wie

sie überall publiziert werden.“ Stattdessen

steht die Kommunikation im Vordergrund,

im Verbund mit der Überwachung der

relevanten Kennzahlen, die kontinuierlich

abgerufen und überprüft werden.

Diese Strategie fügt sich harmonisch in

die Unternehmenskultur, die auf offenen

Dialog und Kommunikation bei flachen

Hierarchien Wert legt.

Hubert Hermelingmeier ist als energiemanager

für das werk Gütersloh

verantwortlich und berät die weiteren werke

des unternehmens zum Thema energie und

einsparpotenziale. Die einbeziehung und

Motivation von Mitarbeitern ist ihm wichtig.

104 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

105

Best Practice

Besprechung vor ort: energiemanager

Hubert Hermelingmeier (Mitte) diskutiert

mit Gießerei-Meister Jens Mollitor (rechts)

und Vorarbeiter Carsten Hütt die neuesten

Daten. es geht um die Verbrauchswerte

des Vergießofens.

Diese Gestaltung des Energiemanagements

funktioniert gut. Erfolge sind

sichtbar. Daher wird das System jetzt

auch auf die anderen Werke übertragen.

Energiemanager Hermelingmeier berät

die Fachkollegen vor Ort, direkt an ihrem

Arbeitsplatz. Er hat die Energieverbräuche

im Blick, identifiziert Optimierungspotenziale

und zeigt Lösungswege auf.

Zertifizierungen nach DIN EN 16001 in

weiteren Werken oder die Umsetzung

über die Umweltmanagementnorm

ISO 14001 sind geplant. „Man muss das

Energiemanagement nicht unbedingt

im Rahmen der Norm 16001 umsetzen,

sondern kann es auch über die ISO

14001 lösen, denn das ist organisatorisch

weniger aufwendig.“ Miele hat für eine

Zertifizierung umfassend vorgearbeitet.

Hermelingmeier: „Wir analysieren die

Verbräuche verschiedenster Abteilungen,

stellen Wochenlastgänge dar und

veröffentlichen sie im Intranet, wo sie

die Funktionsverantwortlichen einsehen

können. Zudem gehen wir auch auf die

Verantwortlichen der Werke zu, wenn

es zum Beispiel Abweichungen in den

Wochenlastgängen gibt und versuchen

herauszufinden, was dazu geführt hat.

Insofern müssen wir in der Praxis gar

nicht sehr viel tun. Es geht vielmehr

um die organisatorische Einbindung

und vor allem um die Mitarbeitersensibilisierung.“

So soll die nachhaltige Energienutzung

auch in den übrigen Miele-Werken verbessert

werden. Vor allem bei der Führung

von Anlagen und der Handhabung

einzelner Verfahrensschritte wird dort

der Optimierungsbedarf untersucht.

Mit einer systematischen Herangehensweise

ist es möglich, hier Potenziale zu

nutzen und bei den Mitarbeitern Motivation

zu wecken. Gemeinsam werden

Prozesse genau betrachtet und diskutiert,

welchen Einfluss Bedienung und

Wartung auf den Energiebedarf einer

Anlage haben und was jeder Einzelne

tun kann, um diesen Bedarf zu reduzieren.

So wird der Mitarbeiter aktiv in

die Optimierung seines Einflussbereichs

einbezogen, Verantwortung übertragen

und Bewusstsein für größere Zusammenhänge

geweckt.

Neben diesem alltäglichen Energiemanagement

gibt es natürlich auch die spezielle

Organisation großer Projekte, die

weite Kreise ziehen. So hat das Team um

Hubert Hermelingmeier beispielsweise

im Werk Gütersloh ein Abwärmekataster

aufgestellt, das vorhandene Abwärmepotenziale

darstellt – also Energie,

die bisher nicht oder nicht vollständig

genutzt wird. Im Sommer 2011 begann

man damit, eines dieser Potenziale zu

nutzen. Vorhandene Kältemaschinen,

die zur Klimatisierung verschiedener

Betriebsstätten dienten, wurden durch

neue, hocheffiziente Kälteanlagen ersetzt.

Die Abwärme, die diese Anlagen

erzeugen, fließt nun in die Heizung.

Diese Maßnahme führt zu Primärenergieeinsparungen

von ca. 1.420 MWh/a

und damit zu einer CO 2 -Reduzierung

von etwa 350 Tonnen pro Jahr.


PwC

wasserknappheit:

unternehmen überprüfen

ihre internationalen

lieferketten

Die hochentwickelte deutsche Industrie kauft weltweit rohstoffe

und in noch komplexeren Maße Zwischenprodukte ein.

30.000 Zulieferer pro unternehmen sind dabei keine Seltenheit,

was den einkauf insbesondere im Hinblick auf die unternehmerische

Verantwortung vor Herausforderungen stellt.

Dies gilt einmal mehr für Aspekte der weltweiten wasserknappheit.

wohl sind derartige Aspekte durch enge Beziehungen

und professionelle Audits für die wichtigsten lieferanten

identifiziert – doch zwei Fragen bleiben in der regel unbeantwortet:

In welchem Teil einer komplexen lieferkette ist der

durch die Geschäftstätigkeit und durch geographische Gegebenheiten

bedingte wasserstress besonders hoch? wo lohnt es

sich, vor dem Hintergrund eines nachhaltigen wassermanagements

einmal genauer hinzuschauen?

weitere Informationen unter

www.pwc.de/de/sustainability

Von Barbara Wieler und Dr. Matthias Retter

Das rasante wirtschaftliche Wachstum

der Emerging Markets, die Zunahme der

Weltbevölkerung und der Klimawandel

belasten die Ressource Süßwasser in

zunehmendem Maße. Im Wettbewerb

um das weltweit knapper werdende

Süßwasser bieten sich daher Vorteile

für diejenigen Unternehmen, die

frühzeitig wasserbezogene Daten in

ihrer Lieferkette erfassen und sich für

eine nachhaltige Bewirtschaftung ihrer

Wasserressourcen einsetzen. Außerdem

sichern sie sich durch einen verantwortungsvollen

Umgang mit Wasser den

Zugang zu den Kapitalmärkten. Denn

auch der Druck am Finanzmarkt wächst

– so erwarten z.B. sowohl die norwegi-

106 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

107

Best Practice

sche Investitionsgesellschaft NBIM als

auch der Dow Jones Sustainability Index

von Unternehmen eine Identifikation

der Wasserrisiken in der Lieferkette.

Und auch deutsche Rating-Agenturen

wie imug und oekom research haben

diese Erwartungen im Blick. Wie die

europäischen Unternehmen hierzu

aufgestellt sind bzw. wie sie darauf

reagieren, das zeigt sich im CDP Water

Disclosure. Diese kapitalmarktorientierte

Einschätzung zu den Wasserrisiken

in den Lieferketten gibt dabei ein klares

Bild wieder:

Ist Ihr unternehmen in der lage,

die wasserintensiven Inputs in

der lieferkette zu bestimmen, die

aus Gebieten mit wasserstress

kommen?*

Nein

56%

Ja

44%

*(siehe CDP water Disclosure 2010, Frage unter

Ziffer 6.1)

Quelle: CDP water Disclosure 2010. Daten

stammen von 41 unternehmen mit öffentlichem

Disclosure aus dem eu-raum und der Schweiz.

Wohl ist diese Darstellung noch nicht differenziert

nach Sektoren; die unterschiedliche

Relevanz für unterschiedliche Sektoren

bzw. der Technologisierungsgrad oder

die Höherwertigkeit der Produkte ist hier

nicht aufgeschlüsselt. Doch das Ergebnis

zeigt eines klar: Während Unternehmen

ihre Analyse der Treibhausgasemissionen

in der Lieferkette (sog. upstream; Scope 3)

pro-aktiv vorantreiben und beherrschen,

so fehlt eine derartiges Verständnis zum

Thema Wasserknappheit bei einer Vielzahl

europäischer Unternehmen. Einzelne

Unternehmen haben die Bedeutung der

Ressource Wasser in ihrer Lieferkette

bereits erkannt so z.B. der Nahrungsmittelkonzern

Nestlé, der in diesem Zusammenhang

mit dem Stockholm Industry

Water Award ausgezeichnet wurde.

Wasser – wichtige Frage nach der

Versorgungssicherheit

Im Kontrast zu Nahrungsmittelkonzernen,

bei welchen die Ermittlung des

Water Footprinting eine gängige Analysemöglichkeit

darstellt, geht es bei

anderen Unternehmen nicht unbedingt

um kurze landwirtschaftlich geprägte

Lieferketten. Sie nutzen vielmehr eine

Vielzahl an höherwertigen Zwischenprodukten

und sektoralen Handelsgütern,

die für ihre Wertschöpfung in Chemie,

Pharma, Maschinenbau oder Elektronik

benötigt werden. Immer entscheidender

für diese Unternehmen wird die Frage

nach der Versorgungssicherheit mit

Zwischenprodukten. Wohlbemerkt umfasst

diese Versorgungssicherheit auch

klassische Rohstoffe. Die immer wieder

diskutierten seltene Erden und Metalle

sind dabei nur die Spitze des Eisberges.

Auch beim Buntmetall Kupfer müssen

sich deutsche Industrie-Unternehmen

um die Versorgungssicherheit Gedanken

machen. Denn gerade im Bergbau

ist Wasserknappheit ein immer größer

werdendes Risiko. Für Chile z.B. zeigt

eine Analyse von PwC deutliche Unterschiede

in der Wassereffizienz der

kupferfördernden Bergbauunternehmen.

Diese Aspekte können unvorsichtigen

Einkäufer einen Strich durch die

Rechnung machen und können bis zu

Lieferengpässen in deutschen Produktionsstätten

der Elektroindustrie führen.

Für die Begutachtung der Versorgungsicherheit

ist lokaler Wasserstress demnach

ein zentraler Faktor, den es gilt

für Rohstoffe, Zwischenprodukte und

sektorale Handelsgüter zu identifizieren.

Einkaufsdaten bestimmen

Herkunftsanteil aus Gebieten mit

akutem Wasserstress

Ein erstes Bild zu den verborgenen Wasserrisiken

in den Lieferketten von einer

großen Anzahl von direkten Zulieferern

und den beliebig weiteren verborgenen

Zulieferern lässt sich mit einem ersten

Screening durchführen. Dabei werden

die Daten sämtlicher vom Unternehmen

nachgefragten Leistungen in weltweiten

Einkaufsländern in den Kontext gesetzt

mit den internationalen Handelsströmen.

Durch deren Klassifizierung in Außenhandelsbilanzen

können folglich auch

sekundäre Nachfrageeffekte modelliert

werden. So entsteht ein erstes Verständ-

nis zu den verborgenen Gliedern der

weltweiten Lieferkette (sogenannte tier

2, tier 3, etc.). Und dieses Verständnis ist

für viele Unternehmen neu. Eine sehr

ähnliche Methode wird übrigens für die

Bestimmung der unternehmerischen

Treibhausgasemissionen (sog. upstream;

nach Scope 3) angewandt. Wobei eine

derartige Methode die Anforderungen

des dortigen Greenhouse Gas Protocol

erfüllt. Informationen zu den verborgenen

Gliedern der Lieferkette lassen

sich anschliessend mit einem anerkannten

Modell zur Nutzung der weltweiten

Wasserressourcen koppeln. Damit lassen

sich im Ergebnis die Herkunftsanteile

des unternehmerischen Gesamteinkaufs

aus Gebieten mit keinem, mittlerem und

hohem Wasserstress weltweit bestimmen.

Dabei hat dieses Verfahren noch einen

entscheidenden Vorteil: Wasserstress und

dazugehöriger monetärer Einkaufswert

werden gemeinsam dargestellt und erlauben

dem Unternehmen so ein deutlich

verbessertes Risikomanagement. Aber

damit nicht genug, auch Bilanzierungen

im Stil einer umfassenden ökologischen

Gewinn- und Verlustrechnung können mit

der Zusatzinformation (Gefährdung durch

Wasserstress) ihre Aussagekraft erhöhen.

Screening gibt Aufschluss über

Risiko- und Effizienzpotenziale in

der Lieferkette

Mit den Ergebnissen dieses Screening

können in einem zweiten Schritt weitere

Analysen und Maßnahmen eingeleitet

werden. Es bleibt zu vermuten, dass

solche weitere Analysen besonders für

die Emerging Markets notwendig werden.

Insgesamt stehen im Rahmen der CR-Aktivitäten

von Unternehmen verschiedene

Möglichkeiten zur Verfügung. Fragebögen,

Supplier Audits und hydrologische

Gutachten an den Standorten sind dabei

nur einige Möglichkeiten, um das Risiko

der Wasserknappheit gezielter und vor

allem lokaler zu analysieren.


we

energie intelligent und

damit nachhaltig nutzen

Die energiewende ist eine große Herausforderung: nicht nur für die energiewirtschaft sondern

auch für die Gesellschaft. Der Ausstieg aus der Kernenergie muss aufgefangen und die ambitionierten

Ziele beim Klimaschutz weiter verfolgt werden. Gleichzeitig muss energie für Industrie-

und Haushaltskunden bezahlbar bleiben und jederzeit verfügbar sein. eine anspruchsvolle

Aufgabe, wenn umweltschutz, wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit nicht gegeneinander

ausgespielt werden sollen.

Von Joachim Löchte

Intelligente Lösungen – eine

Zukunftsaufgabe für RWE

RWE will mit konkreten Lösungen dazu

beitragen, dass die Energiewende gelingt.

Große Szenarien und Pläne gibt

es in Fülle. Was nun zählt, sind Produkte

und Anwendungen, die sich heute

oder morgen am Markt durchsetzen,

auf gesellschaftliche Akzeptanz stoßen

und nachhaltig sind. Es geht um verbesserte

und neue Technologien zur

Stromerzeugung und -verteilung, aber

auch um intelligente Haustechnik für

mehr Wohnkomfort und effizienteren

Einsatz von Energie.

Dafür hat RWE ein neues unternehmensinternes

Gütesiegel entwickelt:

„voRWEg gehen mit intelligenter Energie“.

Es zeichnet alle RWE-Produkte, Dienstleistungen

und Technologien aus, die

zu diesem Ziel beitragen. Maßstab sind

drei Kriterien.

• Die Produkte sind sowohl innovativ

als auch zukunftsorientiert und entsprechen

somit dem neuesten Stand

der Entwicklung.

• Sie sind effizient und erfüllen damit

die bestmöglichen ökonomischen und

ökologischen Standards.

• Sie sind dialogfähig und können so intelligent

miteinander vernetzt werden,

dass sich daraus zusätzliche Synergien

ergeben.

Das Gütesiegel bekommen nur RWE-Angebote,

-Services und -Technologien, die

mindestens zwei von diesen Anforderun-

gen erfüllen: Dazu gehören Pilotprojekte,

Anlagen in der Entwicklung, aber auch

Lösungen, die bereits markttauglich sind.

Intelligente Nutzung – das

Energiehaus der Zukunft

Ein solches Pilotprojekt ist das „Energiehaus

der Zukunft.“ Ein erstes Versuchshaus

steht bereits bei Kalkar am

Niederrhein. Dort erforscht RWE neue

Energieeffizienztechnologien. Mit dabei

sind das Fraunhofer Institut und das Kieswerk

Maas-Roeloffs. Erprobt werden zum

Beispiel eine spezielle Wärmepumpe,

eine Dreischeiben-Wärmeschutzverglasung

oder eine Hightech-Photovoltaikanlage.

Zentrale Steuerungstechnik ist

das SmartHome-System von RWE. Dieses

computerbasierte System ist gewissermaßen

das Hirn der unterschiedlichen

Anwendungen, indem es für eine Verknüpfung

und Abstimmung der gesamten

Haustechnik sorgt.

SmartHome selbst ist dabei keine

Zukunftsmusik, sondern heutiger Stand

der Technik. Schon jetzt lassen sich ganze

Szenarien programmieren, mit denen die

einzelnen Geräte und die Gewohnheiten

der Bewohner aufeinander abgestimmt

werden, im Sinne von mehr Effizienz

und Komfort. So lässt sich einstellen, dass

zu einer bestimmten Zeit die Jalousien

hochfahren und die Kaffeemaschine anspringt

– zum Beispiel, wenn der Wecker

klingelt. Oder dass die Heizung ihre Leistung

drosselt, sobald ein Fenster geöffnet

wird. Das System eignet sich nicht nur

für Neubauten. SmartHome kann auch

nachträglich in bestehende Häuser und

Wohnungen eingebaut werden.

Intelligente Vernetzung –

Marktplätze der Zukunft

Intelligenter Umgang mit Energie geht

zugleich über isolierte Wohneinheiten

hinaus. Ein weiterer Schritt ist die Vernetzung

von Haushalten untereinander.

Künftig werden immer häufiger Energienutzer

auch zu Stromerzeugern – zum

Beispiel, indem sie Solaranlagen betreiben,

Erdwärme im eigenen Garten nutzen oder

ein kleines Kraftwerk im Keller haben. Darauf

ist das traditionelle Energievermarktungssystem

nicht eingestellt. In diesem

floss der Strom in eine Richtung – vom

Großkraftwerk zum Abnehmer. Im Energiesystem

der Zukunft ist dies nur noch

eine Möglichkeit unter vielen. Das Ziel:

Der Kunde soll seinen Stromverbrauch

selbst steuern, außerdem Strom selbst

produzieren und diesen ins Netz speisen

können. Herzstück dafür ist ein Mess- und

Steuerungsgerät, das über eine Informations-

und Kommunikations-Schnittstelle

mit dem heimischen PC verbunden wird.

108 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

109

Best Practice

rückgrat der intelligenten energie: Das neue Gas- und

Dampfturbinenkraftwerk (GuD) in lingen, das über eine

leistung von 887 Mw verfügt.

Mithilfe der neuen Technik können die

Nutzer über das Internet verfolgen, wie

hoch gerade die Strompreise sind. Zu

dieser Anwendung führt RWE gerade mit

Kooperationspartnern in Mülheim an der

Ruhr den Feldtest E-DeMa durch – ein

Projekt, das von den Bundesministerien

für Wirtschaft und für Umwelt gefördert

wird. Im Rahmen von E-DeMa vernetzen

sich 1.100 private Haushalte und Stromanbieter

über einen Internet-Marktplatz. Er

bietet die Möglichkeit, Energie intelligent

auszutauschen. Die Teilnehmer können

entscheiden, ob es sich gerade lohnt, den

selbst produzierten Strom einzuspeisen

oder lieber selbst zu nutzen. So kann Wäsche

künftig bevorzugt dann gewaschen

werden, wenn draußen der Wind kräftig

weht und die Strompreise damit gering

sind. Diese Anwendung wird gerade gemeinsam

mit dem Hausgerätehersteller

Miele getestet. Eine solche Verknüpfung

von Angebot und Nachfrage wird immer

wichtiger. Über das Stromangebot aus erneuerbaren

Energien entscheidet nicht der

Bedarf, sondern die Wetterlage. Deshalb

wächst die Bedeutung von intelligenten

Lösungen, solange Strom noch nicht wirtschaftlich

speicherbar ist.

Intelligente Erzeugung – die

Zukunft der Großkraftwerke

Bei aller Förderung dezentraler und kundennaher

Anlagen: Auch in Zukunft

stellen große Stromerzeugungsanlagen

einen wichtigen Baustein der Energieversorgung

dar. Nur werden diese heute

vielfach anders betrieben als früher.

Während Großkraftwerke ursprünglich

rund um die Uhr im Einsatz waren, müssen

viele von ihnen heute einspringen,

wenn erneuerbare Energien wenig und

gar nicht zur Verfügung stehen. Das

erfordert ein neues Maß an Flexibilität.

Dafür investiert RWE vor allem in

kombinierte Gas- und Dampfkraftwerke,

die aus technischen Gründen besonders

flexibel hoch- und runtergefahren werden

können und dabei hohe Wirkungsgrade

erreichen. Dazu zählt auch das

Gas- und Dampfkraftwerk in Lingen.

Links: wohnen 2.0: Mit SmartHome kann

der energieverbrauch intelligent gesteuert

werden.

Zwei Gasturbinen stellen zusammen

eine Leistung von 887 Megawatt (MW)

bereit – das reicht, um vier Millionen

Menschen mit Strom zu versorgen. Das

GuD-Kraftwerk Lingen gehört zu den

effizientesten Anlagen weltweit, denn

es wandelt die Energie aus dem Gas

zu fast 60 Prozent in Strom um – ein

Wert, der einen Spitzenplatz im globalen

Vergleich einnimmt.

Dies sind nur drei von vielen Bausteinen,

mit denen RWE bei der Energiewende

mithilft. Der Umbau der Energieinfrastruktur

ist ein langer Weg – die

Entwicklung und Vermarktung von

intelligenten Lösungen eine zentrale

Zukunftsaufgabe für RWE.


TeCTuM GrouP

Nachhaltige Personalentwicklung

in modernen

Contact Centern

wer in der heutigen Zeit Informationen zu Telefon- und energietarifen

benötigt oder Vertragsfragen hat, ist häufig auf Servicemitarbeiter

im Dialogmarketing angewiesen. Bundesweit beantworten

6.700 Callcenter mit 500.000 Mitarbeitern sämtliche

Anfragen via Telefon, e-Mail oder Chat, so der Call Center Verband

Deutschland e. V. und die Branche wächst und entwickelt

sich stetig weiter. Ihr ruf allerdings leidet noch heute unter den

schlechten Arbeitsbedingungen, die einige schwarze Schafe in

den 90er Jahren etablierten. Mit Niedriglöhnen, hohen Arbeitsbelastungen

und geringen entwicklungsperspektiven nutzten

Billiganbieter ihre Mitarbeiter aus. Der Preiskampf unter den

Anbietern erhöhte den Druck auf die Gehälter. Hohe Fluktuation

und geringere Qualität der Dienstleistung waren die Folge.

Mittlerweile hat die Branche sich mehrfach

konsolidiert. Zudem greifen gesetzliche

Vorschriften. Viele der fragwürdigen

Anbieter sind vom Markt verschwunden.

„Mit den Vorurteilen gegenüber der Branche

und dem schlechten Image haben

wir allerdings noch heute zu kämpfen“,

erklärt Theo Reichert, CEO der TECTUM

Group, die international mit elf Standorten

und mehr als 3.000 Mitarbeitern

zu den Branchenführern gehört. Zudem

stehen die Dienstleister immer noch in

einem harten Preiskampf. Gleichzeitig

fordern Auftraggeber immer höhere

Qualität. Denn moderne Contact Center

übernehmen heute zusätzlich zur

klassischen Hotline auch das Kampagnen-

Management und stehen den Auftraggebern

als strategischer Partner zur Seite.

„Viele unserer Teams bestehen daher aus

hervorragend ausgebildeten Fachkräften

beispielsweise für die Medizintechnik-

und IT-Branche, die gemeinsam mit unseren

Kunden Problemlösungsstrategien

entwickeln“, so Andreas Alex, Geschäftsführer

der TECTUM Business Solutions.

Die hohen Ansprüche an Qualität, Service

und Kompetenz der Dienstleister stellen

die Branche vor ein weiteres Problem:

„Durch den wirtschaftlichen Aufschwung

fehlt es zunehmend an Personal auf

allen Ebenen.“

Personalmangel entgegenwirken

Aus diesem Grund setzt die TECTUM

Group gezielt auf die Förderung der Mitarbeiter

und Aufstiegsmöglichkeiten. „Der

Mensch steht bei uns im Mittelpunkt. Wir

stellen Bewerber ein, die motiviert und

kommunikativ sind. Das nötige Fachwissen

erhalten sie bei uns in intensiven

Schulungen. Herkunft, Alter und Schulbildung

stehen nicht im Vordergrund“,

erklärt CEO Reichert. Durch individuelle

Trainings- und Schulungsprogramme

bietet TECTUM Chancen für Menschen

aus allen Bildungs- und Gesellschaftsschichten.

„Jeder wird aufgenommen,

der das Potential dazu hat, mit Kunden

zu sprechen und sich zutraut, mit Konfliktsituationen

am Telefon umzugehen.

Welches Aussehen oder welchen Hintergrund

er hat, das ist zweitrangig“, so die

stellvertretende Betriebsrats- und Personalausschussvorsitzende

bei TECTUM.

Von Adrian Hahn

Potenziale fördern

110 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

111

Best Practice

„Entscheidend ist zudem, dass einmal

ausgebildete Mitarbeiter im Unternehmen

bleiben und sich weiterentwickeln“,

erklärt Andreas Alex. Dies sei nur mit

nachhaltiger Personalentwicklung zu

gewährleisten. Denn nur ein Mitarbeiter,

der Entwicklungsperspektiven geboten

bekomme, setze sich voll und ganz für

das Unternehmen ein und könne diese

Begeisterung auch an den Kunden weitergeben.

„Zusätzlich zu einem attraktiven

Gehalt sind Faktoren wie das Arbeitsumfeld,

das Verhältnis zu Vorgesetzten und

der Abwechslungsreichtum der Tätigkeit

ausschlaggebend“, so der Geschäftsführer.

Zur Förderung und Ausbildung der

Führungskräfte aus den eigenen Reihen

hat TECTUM ein vierstufiges Talent Management

Programm für alle Mitarbeiter

entwickelt. Ein Assessment gibt Auskunft

über die fachlichen, persönlichen und sozialen

Fähigkeiten der Bewerber. Zudem

fließen die Wünsche der Mitarbeiter in

einem individuellen Entwicklungspfad

zusammen, der aus Schulungen und

Kursen sowie regelmäßigen persönlichen

Coachings besteht. Festgelegte Kriterien,

unter anderem Tests und Prüfungen,

geben Rückmeldung, ob definierte Entwicklungsstufen

erreicht wurden. Durch

diese Kriterien macht das Unternehmen

die Weiterbildungsprozesse transparent

und sorgt so für mehr Akzeptanz neuer

Führungskräfte bei den Teams.

Führungskräfte aus den eigenen

Reihen

Ein Konzept, das aufgeht, denn 80 Prozent

der Führungskräfte stammen aus den

eigenen Reihen. „Ich bin einer davon“,

berichtet Janni Gortsas, Geschäftsführer

der TECTUM Sales GmbH. Der gebürtige

Grieche begann seine Karriere bei TEC-

TUM vor acht Jahren als Mitarbeiter in der

Inbound-Line, wurde dann Bereichsleiter

und leitet nun vom Standort Gelsenkirchen

aus alle vertriebsorientierten In- und

Outbound-Aktivitäten sowie das gesamte

Backoffice. „Integration und Gleichberechtigung

sollten für jedes Unternehmen

selbstverständlich sein. Heute arbeiten

Menschen aus über 30 unterschiedlichen

Nationen bei uns, die Hälfte der Führungspositionen

am Standort Schwetzingen

ist mit Frauen besetzt“, so Andreas Alex.

„Die Entwicklung ist spürbar und sichtbar.“

Nach einer aktuellen Mitarbeiterbefragung

können sich mehr als 60 Prozent

der Mitarbeiter vorstellen, langfristig

bei TECTUM zu arbeiten – vor einem

Jahr lag dieser Wert noch deutlich unter

40 Prozent.

„Unserem Ziel, der Branche als Vorbild

zu dienen, sind wir in den vergangenen

zwölf Monaten wieder ein gutes Stück

näher gekommen. Darüber freuen wir

uns. Dennoch ist uns bewusst, dass noch

viel Arbeit vor uns liegt“, erklärt CEO

Theo Reichert.

Die TeCTuM Group

Die TeCTuM Group, einer der deutschenTop-Dialogmarketing-spezialisten,

steht mit 3000 Mitarbeitern

und Standorten in Gelsenkirchen,

essen, Dortmund, oberhausen,

Duisburg und Schwetzingen sowie

in Belgien, Bulgarien, Polen, Spanien

und der Schweiz für kompetente

Dienstleistungen im Customer

Care Management und Business

Process outsourcing (BPo).

In den Branchen Telekom-munikation,

Finanzdienstleistung, IT und

energie gilt das unter-nehmen als

feste Größe im Dialogmarketing.

Allein im Geschäftsjahr 2010/2011

erwirtschaftete TeCTuM mit monatlich

rund 1,4 Mio. ausgehenden

sowie etwa 2,6 Mio. eingehenden

Anrufen einen Gesamtumsatz von

100 Mio. euro. Der hohe Qualitätsanspruch

des unternehmens

wurde mit zahlreichen Auszeichnungen

sowie bereits ende 2000

mit der Zertifizierung nach DIN eN

ISo 9001:2000 und der rezertifizierung

2010 bestätigt.


VolKSwAGeN

So gern Nachhaltigkeit und Verantwortung

all überall reklamiert werden –

Kooperationen zwischen Unternehmen

und Umweltverbänden sind immer noch

selten. Volkswagen und der NABU arbeiten

seit über zehn Jahren zusammen.

Nicht Papier beschreiben, sondern Ideen

und Energie bündeln, lautet das Credo

der Partner.

Kostenlose Spritspartrainings für jedermann

waren lange das Rückgrat der

Kooperation. Unter dem Motto „Clever

fahren – Sprit sparen“ finden zwischen

Flensburg und Garmisch jährlich bis

zu 20 Aktionstage statt. So lässt sich

im Wortsinn erfahren, wie man bis zu

25 Prozent an Kraftstoff sparen und

damit Klima und Geldbeutel gleichzeitig

schonen kann. Bei der Organisation

der Trainingstage arbeiten

lokale NABU-Gruppen, VW-Händler

und ein Stab von Fahrlehrern („Volkswagen

driving experience“) Hand in

Hand.

„Mobil im Dialog“ ist das zweite Standbein

der Partnerschaft. Zweimal im Jahr

diskutieren VW-Manager und NABU-

Vertreter mit Politikern und Experten

über die Probleme von Biokraftstoffen,

Wege zum Klimaschutz oder die Perspektiven

der Elektromobilität. Der Mut

zur öffentlichen Debatte zahlt sich aus

– „Mobil im Dialog“ ist in Berlin längst

zur eigenen Marke geworden.

Eine kleine Erfolgsgeschichte ist auch

die Initiative „Willkommen Wolf!“, eine

mit pfiffigen Aktionsideen gespickte Informationskampagne,

die darauf aus ist,

den zu Unrecht verteufelten Isegrim zu

rehabilitieren. Das Projekt, das auch von

eins und eins

gleich drei

Volkswagen und der NABu pflegen eine Dialog- und Projektpartnerschaft

eigener Art

anderen Wolfs(!)burgern, dem VfL und

der Stadt, mitgetragen wird, hat dazu

beigetragen, dass sich in Ostdeutschland

eine stabile Wolfs-Population aufbauen

konnte – Zeichen der Hoffnung für alle

Artenschützer.

Tief in die Gestaltung des automobilen

Kerngeschäfts zielt das Grüne-Flotten-

Programm, eine Art Drei-Wege-Katalysator

für nachhaltige Mobilität, das

sich an kosten- und umweltbewusste

Fuhrparkmanager richtet, die die besonders

verbrauchseffizienten Konzern-

Modelle leasen wollen. Für jedes dieser

Fahrzeuge leistet Volkswagen einen

emissionsbezogenen Beitrag an den

NABU, der ausgewählten Projekten

zur Renaturierung von Mooren zugutekommt,

den besten Kohlenstoffspeichern

überhaupt. Wer seinen Fuhrpark

ökologisch umbaut, kann sich obendrein

um den Award „Die Grüne Flotte“ bewerben,

der alljährlich in Berlin ausgelobt

wird.

Konfliktfrei ist die Kooperation dennoch

nicht, kann sie gar nicht sein. Schließlich

ist das Unternehmen in erster Linie seinen

Kunden, der Umweltverband seinen

Mitgliedern verpflichtet. Im kritischen

Dialog ist jedoch „über die Jahre ein

112 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

113

Best Practice

Klima des Vertrauens entstanden, das

beiderseitige Lernprozesse begünstigt“,

so Jörg Waldeck, Leiter Konzern-Außenbeziehungen

bei Volkswagen. Als sie

die Kooperation in der Kategorie Public

Sponsoring (2011) auszeichneten, waren

die Juroren des Fachverbands Sponsoring

gleichfalls überzeugt, dass das Beispiel

VW/NABU zeigt, „wie ein sinnvolles und

nachvollziehbares Engagement zwischen

einem führenden Automobilhersteller

und einer Umweltinstitution ausgestaltet

werden kann – zum Nutzen beider

Partner“.

Infos zum

unternehmen

Die Volkswagen AG mit Sitz

in wolfsburg ist einer der

führenden Automobilhersteller

weltweit. Das unternehmen

beschäftigt über 430.000

Mitarbeiter. Zum Konzern

gehören neun Marken, sein

Marktanteil im Segment

Pkw beträgt 11,4 Prozent.

Geschäftsfelder des unter-

nehmens sind: Fahrzeugproduktion,

logistik- und

Finanzdienstleistungen. Der

Konzern sieht seine Aufgabe

darin, attraktive, sichere und

umweltschonende Fahrzeuge

anzubieten.

Dietmar oeliger (rechts) ist leiter Verkehrs-

politik beim NABu-Bundesverband, Michael

Scholing-Darby leitet die Politische Kommuni-

kation und Stakeholderdialoge im Bereich

Außenbeziehungen des Volkswagen Konzerns.

Beide sind die Projektkoordinatoren für die

Kooperation zwischen der Volkswagen AG und

dem Naturschutzbund Deutschland e.V.

Mehr Kooperation statt nur Konfrontation

Herr Oeliger, NGOs sollten sich als kritische

Watchdogs von Unternehmen verstehen, nicht

als brave Kooperationspartner, oder?

Oeliger: Watchdog unbedingt. Aber

warum sollte man nicht auch zusammenarbeiten,

sofern Umwelt und Klima

konkret davon profitieren!? Wenn

der NABU dazu beitragen kann, dass

ein Unternehmen mehr als bisher eine

wirklich nachhaltige Entwicklung fördert,

dann ergreifen wir die Chance gern.

Dabei bleiben wir kritischer Begleiter

– Volkswagen hat das erlebt, als es um

die Nachrüstung von Pkw mit Dieselpartikelfiltern

ging oder auch um die

Begrenzung von CO 2 -Emissionen.

Herr Scholing, ist die NABU-Kooperation nicht

am Ende doch Greenwashing?

Scholing: Greenwashing ist ein echtes

Totschlagargument. Die gemeinsamen

Projekte von VW und NABU haben

alle messbaren und nachprüfbaren Nutzen

für den Schutz von Klima oder Natur

– ob es die Spritspartrainings sind, die

Moorrenaturierung, die Grünen Flotten

oder das Wolfs-Projekt. Wir waschen uns

nicht grün, bieten – eher umgekehrt

– mit öffentlichen politischen Dialogforen

eine Kommunikationsplattform

für unsere schärfsten Kritiker.

Herr Oeliger und Herr Scholing, was gilt es

zu beachten, wenn Unternehmen und NGO

zusammenarbeiten?

Oeiliger: Zu beachten ist unbedingt,

dass Unternehmen und NGO unter-

schiedliche Anspruchsgruppen haben:

hier in erster Linie Kunden, dort Mitglieder

und Aktivisten. Es geht folglich um

klar definierte Ziele und Projekte, die

beiden Partnern etwas bringen. Ohne

Verständnis für die Motive und Handlungszwänge

des Partners schließlich

wird man wenig Erfolg haben.

Scholing: Je größer die Nähe der

Projekte zum unternehmerischen Kerngeschäft,

desto eher werden von ihnen

Impulse ausgehen für nachhaltigere

Produktion und Konsum.

Was ist so einzigartig an Ihrer Kooperation?

Oeliger: Der Dreiklang aus Beratung,

öffentlichem politischen Dialog und

konkreten Mitmachaktionen...

Scholing: ...und dies für Mitarbeiter,

Mitglieder und die Öffentlichkeit.

Nach zehn Jahren Zusammenarbeit – gibt es

noch Projektideen für die Zukunft?

Scholing: Allemal. Volkswagen will

bis 2018 zum wirtschaftlich und ökologisch

führenden Mobilitätsanbieter der

Welt werden. Ein ehrgeiziges Ziel, bei

dem der ständige Ansporn eines großen

Umweltverbands und seine Expertise

nur helfen können.

Oeliger: Ob alternative Antriebe,

Kraftstoffe oder Mobilitätsdienstleistungen

– da kann man sehr viel richtig

machen, oder auch nicht. Es gilt, hier

unbedingt die Weichen zu stellen, sowohl

für die Umwelt als auch für ein

globales Unternehmen wie Volkswagen.


wIlKHAHN

„responsible Furniture“ für

Mensch und umwelt

Von Burkhard Remmers

wie kaum ein anderer

Büromöbelhersteller steht

wilkhahn international für

das Qualitätslabel „Design

made in Germany“. und das

meint mehr als nur exzellent

gestaltete und qualitätsvolle

Produkte: Der unternehmensleitsatz

„responsible furniture

for a professional life“

gilt sowohl für die Gestaltung

der Produkte als auch für die

sozialen und ökologischen

Dimensionen der Produktions-

und Geschäftsprozesse.

Das familiengeführte Unternehmen

wurde 1907 bei Bad Münder gegründet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte

es sich zum Pionierunternehmen für

moderne Möbelgestaltung. Heute ist

Wilkhahn auf Entwicklung, Produktion

und Vertrieb von hochwertigen Bürostühlen,

Konferenzeinrichtungen und

Möbeln für informelle Kommunikationsbereiche

spezialisiert. Mit eigenen

Standorten, Vertriebsgesellschaften und

Dreidimensional beweglich,

ausgezeichnet in Form und

ökologisch verantwortlich: Der

oN-Bürostuhl gilt weltweit als neuer

Standard für gesundes Sitzen.

Partnern auf allen Kontinenten zählt das

Unternehmen zu den führenden Marken

der Branche. Der internationale Erfolg

zeigt, dass die Verbindung von Ökonomie

mit sozial-ökologischer Verantwortung

und kulturellem Anspruch weltweit

an Bedeutung und Akzeptanz gewinnt.

Denn auch in Sachen Umwelt- und

Sozialorientierung gilt Wilkhahn seit

Jahrzehnten als Vorreiter der Corporate-

Social-Responsibility-Bewegung.

Langlebige Produkte als Schlüssel

zur Nachhaltigkeit

Was bedeutet Responsible Furniture

für die Produkte? Beeinflusst durch das

Bauhaus und in enger Zusammenarbeit

mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung

wurde schon in den 1950er und -60er

Jahren der Grundstein für eine nachhaltige

Produktentwicklung gelegt: Die

Zielsetzung war, „langlebige Produkte

114 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

115

Best Practice

Mit Biogas-Fernwärme, Blockheizkraftwerk

und Solarthermie ist wilkhahn auf dem weg

zur Co -neutralen Fertigung.

2

zu entwickeln, den Gebrauchswert zu

erhöhen und die Verschwendung zu

reduzieren“. Das gilt bis heute. Denn je

länger und je besser ein Möbel genutzt

wird, desto höher ist sein Beitrag zur

Ressourcenschonung. Im Mittelpunkt der

Neuentwicklungen steht der Mehrwert

im Gebrauch. So geht es am Anfang

einer Produktentwicklung nicht um

einen neuen Stuhl, sondern um besseres

Sitzen, nicht um einen Konferenztisch,

sondern um die Förderung zwischenmenschlicher

Interaktionen. Übersetzt

in zeitstabile Formensprache und langlebige

Qualität entstehen auf diese Weise

immer wieder Produkte, die viele Jahre

Gültigkeit haben und internationalen

Vorbildcharakter erwerben. So setzt zum

Beispiel der Bürostuhlklassiker FS-Linie

seit dreißig Jahren Maßstäbe für das gesunde

Bewegungssitzen. In den 1990er

Jahren kreierte Wilkhahn die weltweit

ersten, mobilen und faltbaren Konferenz-

und Seminartische, die sehr einfach eine

vielseitige Raumnutzung ermöglichen

und dadurch Gebäudeflächen und deren

Unterhalt einsparen. Ganz aktuell ist der

neue Bürodrehstuhl ON mit seiner dreidimensionalen

Beweglichkeit internationaler

Benchmark, um Rückenschmerzen

vorzubeugen und die Leistungsfähigkeit

zu verbessern. Er wird von führenden

Experten als derzeit bester Bürostuhl

weltweit gesehen.

Neben der innovativen Funktion sorgen

zeitstabile Gestaltung und dauerhafte

Qualität für den Mehrwert, der durch

die Reparaturfähigkeit für Jahrzehnte

sichergestellt ist. FS-Kunden können

ihre Stühle beispielsweise jederzeit auf

den aktuellen Stand bringen, wobei alle

materialstrom- und energieintensiven

Bauteile weitergenutzt werden. Last but

not least wird den Wertstoffkreisläufen

große Bedeutung beigemessen: So besteht

der ON-Bürostuhl zu 55 Prozent

aus Recycling-Material, und am Ende

des Lebenszyklus kann er selbst wieder

zu 97 Prozent recycelt werden.

Fairness gegenüber Mensch

und Umwelt als umfassendes

Unternehmensprinzip

Die Unternehmensverantwortung beweist

sich auch im partnerschaftlichen Umgang

und in ökologisch optimierten Produktionsprozessen.

Die interne und externe

Zusammenarbeit ist von Offenheit, Verantwortung,

Beteiligung und Partnerschaft

geprägt. Die Potenziale der Menschen bei

Wilkhahn zu fordern und zu fördern, ist

Grundlage der Unternehmenskultur, die

auf fest verankerten Unternehmenswerten

basiert. Mitarbeiterbeteiligung, betriebliche

Alterversorgung und umfassender

Gesundheitsschutz sind selbstverständlich.

Wilkhahn wirkt aber auch extern

mit an der Durchsetzung internationaler

Arbeits- und Sozialnormen und damit an

einer menschenwürdigen Gestaltung der

Globalisierung. 2008 trat Wilkhahn dem

Global Compact“ bei, 2009 wurde ein

Rahmenabkommen mit der internationalen

Gewerkschaft Bau- und Holzarbeiter

Internationale, BHI, unterzeichnet, das

die Förderung und das Monitoring von

Arbeitnehmerrechten bei Zulieferern,

Lizenz- und Vertriebspartnern beinhaltet.

Für Wilkhahn gehören Verantwortung für

Mensch und Umwelt zusammen. Schon

1989 wurde der ökologische Wandel per

Verwaltungsratsbeschluss zum Unternehmensprogramm.

1992 implementierte

Wilkhahn Umweltkriterien in den

Design- und Entwicklungsprozess. Sie

schreiben die ökologische Verträglichkeit

von Materialien, Konstruktionsprinzipien,

Verarbeitungstechnologien sowie die

Reparaturfähigkeit und Rückführung der

Produkte fest. 1996 wurde die ganzheitliche

Unternehmensverantwortung von

Wilkhahn mit dem Deutschen Umweltpreis

ausgezeichnet.

Seit 2001 hat Wilkhahn neben dem

Qualitätsmanagementsystem ISO 9001

auch die Umweltmanagementsysteme

ISO 14001 und EMAS (Eco-Management

and Audit Scheme) im Unternehmen

etabliert. Seitdem werden Ressourcen-

und Energieverbrauch, Emissionen

und Abfälle systematisch reduziert. Das

Umwelt-Managementsystem setzt außerdem

Standards zu Transport, Montage,

Reparatur und Instandsetzung bis hin

zur Rückführung in den Materialkreislauf.

Die Maßnahmen und Fortschritte

des Umweltprogramms veröffentlicht

Wilkhahn seit 2001 in konsolidierten

Umwelterklärungen.

Besondere Herausforderung

Klimaschutz

Angesichts der globalen Erderwärmung

und der auch dramatischen sozialen

Folgen des Klimawandels legt Wilkhahn

ein besonderes Augenmerk auf den Klimaschutz.

Schon 1992 wurden Industriehallen

aus Holz mit Dachbegrünung

und Photovoltaik-Anlage erstellt. Zur

weiteren Senkung der CO 2 -Emissionen

nahm die eigens gegründete Wilkhahn

Energie GmbH 2008 ein Blockheizkraftwerk

in Betrieb, in dem nachwachsende

Energieträger verwendet werden. In

2011 wurden weitere solarthermische

Anlagen installiert und die Energiezentrale

an die Fernwärme einer Biogasanlage

angeschlossen. Das sorgt in den

Verwaltungs- und Fertigungsgebäuden

des Hauptsitzes in Bad Münder für CO 2 -

neutrale Heizenergie.

Ökonomisch oder sozial oder ökologisch

oder ästhetisch? Wilkhahn zeigt,

dass sich die unterschiedlichen Perspektiven

in einem ganzheitlichen Konzept

überzeugend verbinden lassen!


Agenda

116

globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011

117

DGCN

aus dEr arbEit dEs deutsCHen

GlOBAl COmPACt netZwerks

2011

Von Dr. Jürgen Janssen

Das Jahr 2011 war für das Deutsche Global Compact Netzwerk

(DGCN) von einer Reihe personeller Veränderungen gekennzeichnet.

Zu Beginn des Jahres übernahm Arno Tomowski

die Leitung der Geschäftsstelle des DGCN. Er führte bis dato

die japanische Niederlassung eines bedeutenden deutschen

Industrieunternehmens und hatte zum Jahresende 2010

die Geschäftseinheit Zusammenarbeit mit der Wirtschaft

der GIZ übernommen. Auch im DGCN-Lenkungskreis gibt

es neue Gesichter. Zur ersten Sitzung des Jahres trat Klaus

Milke von Germanwatch ein, zur Mitte des Jahres übernahm

Susanne Dorasil, BMZ, eine der beiden Regierungspositionen,

und gegen Ende des Jahres fand dann die Wahl der Unternehmensvertreter

statt. Als neue Mitglieder engagieren sich

seither Ulrike Mühlberg, Deutsche Post DHL, und Thorsten

Pinkepank, BASF, im Lenkungskreis. Die Zahl der teilnehmenden

deutschen Unternehmen hat sich vor allem gegen

Ende des Jahrs sehr dynamisch entwickelt, so dass das DGCN

mittlerweile fast 200 Unternehmen umfasst. Hinzu kommen

über 50 Organisationen und Institutionen vorwiegend aus

der Zivilgesellschaft, aber auch aus Politik und Wissenschaft.

Damit wird das DGCN seinem Charakter als das wichtigste

Multi-Stakeholderforum für Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle

Unternehmensführung weiterhin gerecht: Es vereint

Akteure, die aus unterschiedlichen Richtungen kommend

dieselben Ziele erreichen wollen.

>>


Agenda

Die Arbeit des DGCN wird von der Bundesregierung und den

teilnehmenden Unternehmen unterstützt. Seit 2004 koordiniert

die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH

die Geschäftsstelle des DGCN im Auftrag des Bundesministeriums

für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

(BMZ). Die Unternehmen beteiligen sich über Spenden an die

Stiftung Deutsches Global Compact Netzwerk an den Kosten der

verschiedenen Aktivitäten. Obwohl sich die Spenden zusammen

mit der Mitgliederzahl erfreulich entwickelt haben, trägt die

Bundesregierung über den Haushalt des BMZ immer noch über

zwei Drittel der Gesamtkosten des DGCN.

Wie in den Jahren zuvor hat das DGCN auch in 2011 drei Arbeitstreffen

zu den Schwerpunktthemen und daran anschließend

öffentliche Fachgespräche organisiert. Mit jeweils etwa

100 Teilnehmern aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft waren

diese wichtigen Lern- und Dialogforen sehr gut besucht. Als

weitere Formate wurden Gruppencoachings zu den Themen

„Wirtschaft und Menschenrechte“ sowie „Sustainability in the

Supply Chain“ und erstmals ein Workshop zur Einführung in die

Fortschrittsberichterstattung (Communication on Progress – CoP)

angeboten. Auch diese Lernformate wurden mit großem Interesse

aufgenommen und werden in 2012 fortgeführt und ausgebaut.

Auf internationaler Ebene waren für das DGCN im Mai das

Annual Local Networks Forum in Kopenhagen und im Oktober

das European Local Networks Meeting in Rom von besonderer

Bedeutung. In Kopenhagen standen zum einen Kooperationsmöglichkeiten

zwischen den Netzwerken und zum anderen

das Thema Wirtschaft und Menschenrechte für das DGCN im

Vordergrund. Das Treffen in Rom war ganz den Vorbereitungen

auf die Rio+20 Konferenz 2012 und der möglichen Rolle

gewidmet, die lokale Netzwerke dort spielen können.

Inhaltlich erhielt die internationale Nachhaltigkeitsdebatte in

2011 vor allem durch die Verabschiedung der neuen UN-Leitlinien

zur Unternehmensverantwortung für die Menschenrechte einen

“PROteCt, ResPeCt, ReMeDY” FRaMeWORk

State Duty to Protect

Staaten haben eine klare völkerrechtliche

Pflicht, die Menschenrechte

zu schützen und zu fördern.

Sie sind dafür verantwortlich, ihre

Einhaltung auch durch andere Akteure

zu gewährleisten, etwa durch

angemessene Strategiesetzung,

Regulierung und Rechtsprechung.

Corporate Responsibility to Respect

Unternehmen haben die Verantwortung,

alle Menschenrechte zu

respektieren. Dies umfasst auch

eine Sorgfaltspflicht (due diligence)

und die Vermeidung der Verletzung

der Rechte anderer.

wichtigen Impuls. Für die Umsetzung in Unternehmen waren

darüber hinaus die Veröffentlichung der neuen Norm ISO

26000, die Verabschiedung der überarbeiteten OECD-Leitsätze

für Multinationale Unternehmen und zuletzt die Mitteilung der

EU-Kommission zur CSR-Strategie 2011-2014 von besonderer

Bedeutung. Im Rahmen von Arbeitstreffen, Diskussionsrunden

und Veröffentlichungen hat das DGCN diese Entwicklungen für

die Teilnehmer aufbereitet und zugänglich gemacht.

Schwerpunkt: Wirtschaft & Menschenrechte

Man kann das Jahr 2011 als das „Ruggie“-Jahr für das DGCN

bezeichnen. Obwohl das Thema Wirtschaft & Menschenrechte

bereits seit vielen Jahren ganz oben auf der Agenda steht, hat

die Veröffentlichung der überarbeiteten Ruggie-Prinzipien der

Arbeit des DGCN in diesem Bereich neue Impulse und eine noch

größere Bedeutung verliehen. Wie das DGCN seine Vorreiterrolle

bei der Umsetzung der Unternehmensverantwortung für die

Menschenrechte ausgefüllt hat, stellt Madeleine Koalick, die

das DGCN bei diesem Thema unterstützt, im Folgenden vor.

Die menschenrechtliche Verantwortung von Unternehmen

wurde 2008 erstmals als Schwerpunktthema festgelegt und in

seinen Grundlagen bearbeitet. In 2009 folgte eine Fokussierung

auf „Menschenrechte und Wasser“ und in 2010 rückten dann

Fragen nach Nachhaltigkeit und Menschenrechten in Liefer- und

Wertschöpfungsketten in den Mittelpunkt der Betrachtung. 2011

stand ganz im Zeichen der Verabschiedung der UN-Leitlinien

für Wirtschaft und Menschenrechte, die das „Protect, Respect,

Remedy“ Framework des UN-Sonderbeauftragten für Wirtschaft

und Menschenrechte John Ruggie (siehe Kasten) in konkrete

Handlungsanweisungen für Unternehmen und Staaten übersetzen.

In diesem Kontext konnten auch Herausforderungen

thematisiert werden, denen sich Unternehmen im Hinblick auf

Konfliktregionen, Frieden und Sicherheit ausgesetzt sehen. Die

Geschäftsstelle hat diese Themen in einem Hintergrundpapier

aufbereitet und veröffentlicht.

access to Remedies

Opfer von Menschenrechtsverletzungen

durch Unternehmen sollen

einen verbesserten Zugang zu

Beschwerde- und Sanktionsmechanismen

juristischer und nicht-juristischer

Art erhalten.

Die Umsetzung des Schwerpunktthemas erfolgte im Rahmen

von Themenworkshops bei den drei Arbeitstreffen sowie in

Fachgesprächen, Coachings und im Rahmen der Menschenrechts-Lerngruppe

für Unternehmen. Der Auftakt zum Schwerpunktthema

beim Arbeitstreffen im März widmete sich den

konkreten Herausforderungen, mit denen sich Unternehmen

bei Aktivitäten in Konfliktgebieten konfrontiert sehen, sei es

durch eigene Produktion vor Ort oder Beschaffung. Neben der

Sensibilisierung für die Auswirkungen unternehmerischen

Handelns in Risikogebieten wurden dabei vor allem Instrumente

für konfliktsensibles Handeln diskutiert. Referenten aus Unternehmen,

NGOs, der Wissenschaft, Investoren, dem UN Global

Compact Office und dem kolumbianischen Global Compact

Netzwerk lieferten Einblicke und beschrieben Strategien und

Maßnahmen, mit denen Unternehmen in solchen Risikogebieten

und Situationen verantwortungsbewusst handeln können. Den

Abschluss des Arbeitstreffens bildete ein vom DGCN zusammen

mit der Mediengruppe macondo organisiertes und hochkarätig

besetztes Fachgespräch zur Rolle der Corporate Responsibility

bei weltweiten Ressourcenkonflikten.

Beim Arbeitstreffen im Juni lag der Schwerpunkt dann auf den

frisch veröffentlichten UN-Leitlinien über die Verantwortung,

die Unternehmen für die Achtung der Menschenrechte haben.

„Schützen, achten, Rechtsschutz gewähren“ (Protect, Respect,

Remedy), die drei Säulen der Ruggie-Prinzipien stellen Unternehmen

vor große Herausforderungen bei der Umsetzung

ihrer Menschenrechtsverantwortung sowohl auf strategischer

Ebene als auch im täglichen Geschäft. In den Workshops wurden

daher möglichst realistische Dilemma-Situationen entwickelt,

anhand derer die teilnehmenden Unternehmensvertreter

konkrete Menschenrechtsrisiken identifizieren und adäquate

Reaktionsmöglichkeiten durchspielen konnten. Im Rahmen

des anschließenden, öffentlichen Fachgesprächs wurden die

allgemeine Bedeutung der Ruggie-Prinzipien und entsprechende

Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung von Vertretern

aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik diskutiert.

Das November-Arbeitstreffen widmete sich dann unternehmerischen

Beschwerdemechanismen und der Berichterstattung zu

Menschenrechten im Rahmen der Global Compact Prinzipien.

Hier zeigten Praxisbeispiele aus dem In- und Ausland, wie Un-

ternehmen Beschwerdewege für ihre Mitarbeiter und andere

Stakeholder bereitstellen und wie Prozesse im Umgang mit

Beschwerden effektiv und legitim gestaltet werden können.

Das Thema Wirtschaft & Menschenrechte bildete auch in 2011

wieder den wichtigsten Bestandteil des Coaching-Programms des

DGCN. Dieses führt das DGCN seit vier Jahren in Kooperation

mit einem renommierten Beratungsunternehmen durch. Die

Coachings ermöglichen es den Teilnehmern im kleinen Kreis,

anhand konkreter Fallbeispiele und vor dem Hintergrund der

eigenen Erfahrungen zu lernen, wie sie Menschenrechtsrisiken

identifizieren und erfolgreich im eigenen Unternehmen angehen

können. Teilnehmer der Coachings haben die Möglichkeit, sich

im Rahmen der Menschenrechte-Lerngruppe des DGCN über die

eigenen Projekte, Erfolge und Herausforderungen fortlaufend

auszutauschen. In 2011 fanden zwei moderierte Treffen der

Lerngruppe statt, bei denen auch Unternehmen aus Dänemark,

Italien und England teilnahmen und über die Aktivitäten in

ihren lokalen Netzwerken berichteten und diskutieren. Ein

wertvolles Ergebnis der Lerngruppenarbeit ist das Organisational

Capacity Assessment Instrument (OCAI), das die Teilnehmer

zusammen mit TwentyFifty Limited entwickelt und getestet

haben. Es wird Anfang 2012 in deutscher und englischer Sprache

in einer Online-Version veröffentlicht. Das OCAI unterstützt

Unternehmen dabei, ihre menschenrechtliche Sorgfaltspflicht

(due diligence) zu konkretisieren, die entsprechenden eigenen

Managementkapazitäten zu analysieren und aufbauend darauf

Strategien für das weitere Vorgehen zu entwickeln.

Die Ergebnisse der intensiven Arbeit am Thema Wirtschaft &

Menschenrechte wurden mit einer Reihe anderer Global Compact

Netzwerke im Rahmen von Webinaren und während des Annual

Local Network Forums in Kopenhagen ausgetauscht. Hier bestehen

mittlerweile gute Kontakte zu den Netzwerken in Bangladesch,

Kolumbien, den Niederlanden, Spanien und Australien sowie zur

Human Rights Working Group des Global Compact.

Auch in 2012 wird das DGCN das Thema Menschenrechte weiter

als Schwerpunkt bearbeiten. Parallel dazu werden neue Entwicklungen

rund um die UN-Leitlinien aufgegriffen, die Kooperation

mit anderen Netzwerken vorangetrieben und Coachings sowie

Lerngruppentreffen organisiert.

>>

118 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

119

DGCN

Die menschenrechtliche Verantwortung

von Unternehmen wurde 2008

erstmals als Schwerpunktthema des

Deutschen Global Compact Netzwerkes

festgelegt.


Agenda

Beim Fachgespräch „Die Rolle von CSR bei Ressourcenkonflikten”

im Februar 2011 diskutierten Vertreter aus Politik, Wirtschaft,

Zivilgesellschaft und Forschung, wie in Risikogebieten verantwortungsvoll

gehandelt werden kann. V.l.n.r.: Dr. Elmer Lenzen

(Mediengruppe macondo), Monika Lüke (Generalsekretärin Amnesty

International Deutschland), Prof. Dr. Klaus Dieter Wolf (Vorstand der

Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung), Heidemarie

Wieczorek-Zeul, MdB (Bundesministerin a.D.), Oliver Wieck (BDI

Ausschuss Außenwirtschaft) und Angelika Pohlenz (ICC, Deutschen

Global Compact Netzwerk).

Schwerpunkt: Innovation & Nachhaltigkeit

Innovation und Nachhaltigkeit, zwei Begriffe, die zum Arbeitsalltag

vieler Unternehmen gehören und als Kernfelder der

Unternehmensstrategie auch umgesetzt werden. Doch nur ihre

gemeinsame Betrachtung und Bearbeitung ermöglicht eine Umsetzung

der 10 Prinzipien des Global Compact und kennzeichnet

damit jene Unternehmen, die auch in Zukunft erfolgreich am

Markt positioniert und in die Gesellschaft integriert sein wollen.

Das DGCN hat sich daher als zweitem Schwerpunktthema der

Verankerung der Nachhaltigkeit in Innovations- und Strategieprozessen

gewidmet.

Ist Nachhaltigkeit der Motor für Innovationen oder umgekehrt?

Eine eindeutige Antwort auf diese Frage konnte auch in drei

Workshop-Serien nicht gefunden werden. Es stellte sich heraus,

dass Nachhaltigkeit sowohl Ergebnis von als auch Triebfeder

für Innovationen sein kann. Aus einem anderen Blickwinkel

zeigte sich Nachhaltigkeit als strategisches Unternehmensziel

und Innovationen als Treiber, der die Erreichung dieses Ziels

überhaupt erst ermöglicht. Einigkeit bestand allerdings darüber,

dass Nachhaltigkeitsinnovationen mit Blick auf die globalen

Megatrends wie demografischer Wandel, Klimawandel, Rohstoffverknappung,

Urbanisierung und neue Mobilität sowie die

fortschreitenden Globalisierung an Bedeutung gewinnen werden.

In einer Vielzahl von Beiträgen haben Unternehmen ihre Strategien

und Aktivitäten mit Blick auf die Einführung und Verankerung

von Nachhaltigkeitsinnovationen vorgestellt und

anschließend mit den Teilnehmern diskutiert. Die Beispiele

umfassten so unterschiedliche Ansätze und Vorgehensweisen

wie radikale Innovationen im Bereich der Mobilität, Schrittfür-Schritt

Innovationen vor dem Hintergrund vielfältiger

Beschränkungen im Konsumgütergeschäft, Open-Innovation

in der Telekommunikation, Roadmappping und Szenarios für

die Planung und Steuerung von Innovationen, Cradle-to-Cradle

Ansätze als radikale Änderung hin zu einer Kreislaufwirtschaft,

die Einbeziehung kritischer Stakeholder in Innovations- und

Strategieprozesse sowie Möglichkeiten der Unterstützung der

breiten Einführung von Nachhaltigkeitsinnovationen im In- und

Ausland. Als Ergebnisse kristallisierten sich einige Erfolgsfaktoren

für Nachhaltigkeitsinnovationen heraus:

• Corporate Foresight ist eine wichtige Grundlage für die Entwicklung

und Umsetzung nachhaltiger Geschäftsmodelle.

• „Vision-Pull“: Die Geschäftsführung muss voll hinter der

Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens stehen.

• Gleichzeitig sollte das Change-Management behutsam betrieben

werden, damit die gesamte Organisation mitgenommen

wird.

• Alle relevanten Stakeholder, auch die kritischen, sollten

im Rahmen eines Open Innovation Prozesses eingebunden

werden.

• Die Nachhaltigkeitsziele sollten möglichst konkret gefasst,

herunter gebrochen und schließlich auch in Key Performance

Indicators (KPI) übersetzt werden. Der Personalpolitik kommt

bei der erfolgreichen Umsetzung eine besondere Bedeutung

zu.

• Unternehmen sollten Unternehmensnetzwerke und Verbände

für die Planung ihrer Nachhaltigkeitsinnovationen, aber auch

staatliche Unterstützung bei deren Einführung nutzen.

Über diese ersten Ergebnisse hinaus bleibt „Innovation &

Nachhaltigkeit“ dem DGCN als Querschnittsthema erhalten, da

die erfolgreiche Umsetzung der 10 Global Compact Prinzipien

immer mit Veränderungen und Innovationen in der Organisation

verbunden sein wird. Darüber hinaus konnte das DGCN

im Rahmen der Bearbeitung dieses Schwerpunktes vielfältige

Kooperationen mit anderen, häufig Technologie-getriebenen

Netzwerken und Organisationen aufbauen, die wertvolle Impulse

für die Arbeit in den kommenden Jahren liefern und mit

denen die Umsetzung der Nachhaltigkeitsagenda gemeinsam

weiter vorangetrieben werden kann.

120 globalcompact Deutschland 2011 globalcompact Deutschland 2011

121

Ausblick

UNGC DGCN Inside

Die Arbeit des DGCN in 2012 wird wesentlich vom Rio+20 Prozess

bestimmt werden. So hat der Lenkungskreis beschlossen,

die Schwerpunktthemen 2012 in diesen Kontext einzuordnen

und ggf. flexibel Entwicklungen aus Rio+20 aufzunehmen

und umzusetzen. Als Schwerpunkte wurden Wirtschaft &

Menschenrechte, dann mit einem Fokus auf Diversität, sowie

Sustainable Finance ausgewählt. Zusätzlich zur Umsetzung der

Schwerpunktthemen wird das DGCN die Teilnehmer stärker bei

der Fortschrittsberichterstattung unterstützen und Webinare und

Coachings etwa zum nachhaltigen Lieferkettenmanagement,

Menschenrechten für KMU und Anti-Korruption anbieten.

Im Umfeld der Rio+20 Konferenz wird das Global Compact

Office den lokalen Netzwerken ein Forum schaffen, auf dem

sie ihre Ansätze zur Förderung der 10 Prinzipien einer breiten

Fachöffentlichkeit aus Vertretern von Unternehmen, der Zivilgesellschaft

und Regierungen vorstellen können. Das DGCN

plant mit Unterstützung von Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen

eine aktive Beteiligung an diesem Cor-

porate Sustainability Forum. Erklärtes Ziel des Global Compact

dabei ist nicht allein die Förderung des Austausches zwischen

den Netzwerken. Vielmehr soll den Regierungsvertretern im

Vorfeld der Verhandlungen zu Rio+20 anhand konkreter Beispiele

gezeigt werden, dass ein gemeinsames Vorgehen von

Unternehmen, Zivilgesellschaft und Politik große Fortschritte

bei der Bewältigung lokaler und globaler Herausforderungen

ermöglicht und wie die Politik derartige positive Entwicklungen

aktiv unterstützen kann.

Die Nachhaltigkeitsdebatte geht in 2012 in eine neue Runde.

Ob Rio+20 vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen

ein Erfolg wird, ist nicht sicher. Ähnliches gilt für die

Entwicklung des europäischen Rahmens für nachhaltige und

verantwortungsvolle Unternehmensführung. Das DGCN wünscht

sich erfolgreiche Verhandlungen und förderliche Rahmenbedingungen

für mehr Nachhaltigkeit. Es wird in seinem Anspruch

und seinen Aktivitäten aber nicht darauf warten, sondern ganz

im Sinne des Frontrunner-Konzeptes die Umsetzung der 10

Prinzipien weiter vorantreiben.

Weitere Informationen unter www.globalcompact.de

ÜBeR DeN autOR

Dr. Jürgen Janssen ist Mitarbeiter in der Geschäftsstelle des Deutschen Global

Compact Netzwerks.


Agenda

Neue Initiativen

LeaD:

Neue PLattFORM FÜR

LeaDeRsHIP

Globale Herausforderungen wie Klimawandel,

Armutsbekämpfung oder Hilfe

bei humanitären Katastrophen lassen

sich nur in gemeinsamen Anstrengungen

mit der Wirtschaft lösen. Vor

diesem Hintergrund hat UN-Generalsekretär

Ban Ki-moon die LEAD-Initiative

ins Leben gerufen. Ihr gehören 54

Unternehmen aus aller Welt an, die

Teilnehmer des UN Global Compact

sind. „Die Einführung des Global

Compact LEAD betont die Schlüsselrolle,

die führende Global Compact

Teilnehmer angesichts der Förderung

unternehmerischer Verantwortung

auf der ganzen Welt innehaben“, sagte

Georg Kell, Executive Director des UN

Global Compact, bei der Präsentation

von LEAD.

LEAD ermöglicht es Global Compacterfahrenen

Unternehmen, ihre unternehmerische

Verantwortung weiter zu

verbessern. Dies geschieht durch die

Umsetzung des neuen Global Compact

„Blueprint for Corporate Sustainability“.

Der Blueprint soll Orientierung für die

Integration des Global Compact ins Un-

ternehmen bringen, bedeutet aber keine

weiteren Verpflichtungen für Unternehmen.

Die an LEAD teilnehmenden

Unternehmen erklären sich dazu bereit,

ihre Erfahrungen mit anderen Unternehmen

zu teilen. Dies geschieht auch

durch die jährlichen Fortschrittsberichte.

Die Teilnahme an Global Compact

LEAD stellt kein Gütesiegel seitens der

Vereinten Nationen dar.

Bis Ende 2012 befindet sich LEAD in

der Pilotphase. Dies ermöglicht den

Teilnehmern von LEAD, die Plattform

weiter zu gestalten. Es ist angedacht,

den Global Compact LEAD in andere

Global Compact Aktivitäten zu integrieren,

unter anderem auch in die lokalen

Global Compact Netzwerke. LEAD zielt

hauptsächlich auf Unternehmen; es ist

jedoch geplant, andere UN-Instanzen,

zivilgesellschaftliche Organisationen,

akademische Institutionen sowie weitere

Interessierte zu beteiligen.

Bei der praktischen Umsetzung orientieren

sich die beteiligten Unternehmen

am „Blueprint for Corporate

Sustainability Leadership“. Diese in

2010 vorgestellte Publikation umfasst

50 konkrete Maßnahmen, die

Unternehmen ergreifen können, um

mehr Nachhaltigkeit zu erreichen. Der

Global Compact „Blueprint“ bietet

Orientierung und Inspiration, alle

Möglichkeiten des Engagements im

Global Compact für eine nachhaltigere

Unternehmensstrategie zu nutzen.

Der Blueprint bietet eine Vertiefung

bisheriger Bekenntnisse im Rahmen

des Global Compact – er formuliert

keine neuen Themen und Anforderungen.

Seine Umsetzung erfolgt in drei

Bereichen: Integration der zehn Global

Compact-Prinzipien in die Unternehmenstätigkeit,

Unterstützung von

weiteren UN Zielen sowie Engagement

in thematischen Arbeitsgruppen des

Global Compact und seinen lokalen

Netzwerken. Der Blueprint kann als

Basis für die Fortschrittsmitteilung

über die Umsetzung der zehn Global

Compact-Prinzipien dienen (Communication

on Progress – COP). Weitere

Informationen dazu finden Sie im Differentiation

Framework (siehe Seite 40) .

122 globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011

123

UNGC DGCN Inside

eRstes WeLtWeItes

VeRBRauCHeR-GÜtesIeGeL

FÜR WINDeNeRGIe

Der Global Wind Energy Council, die

Umweltschutzorganisation WWF, der

UN Global Compact sowie die Unternehmen

Lego, Vestas Wind Systems,

PricewaterhouseCoopers und Bloomberg

haben gemeinsam die WindMade-

Initiative ins Leben gerufen. WindMade

hat das Ziel, ein erstes weltweites

Verbraucher-Label für Unternehmen

und Produkte, die Windenergie herstellen

oder mithilfe dieser produziert

werden, zu entwickeln. Die Initiative ist

eine direkte Reaktion auf die zunehmende

Nachfrage der Verbraucher nach

nachhaltigen Produkten.

„Die Regierungen zaudern, aber die Verbraucher

wollen Veränderungen sehen.

Der private Sektor muss sich verstärkt

um Lösungen für die globale Energie-

und Klimakrise bemühen. Mit Wind-

Made wollen wir etwas ändern und der

Forderung der Öffentlichkeit Rechnung

tragen“, sagt Steve Sawyer, Generalsekretär

des Global Wind Energy Council,

und Interims-CEO von WindMade.

Eine weltweite Umfrage von mehr als

25.000 Verbrauchern in 20 Märkten

zeigte zuvor, dass 92 Prozent der

Befragten glauben, dass die erneuerbaren

Energien eine gute Lösung zur

Minderung des Klimawandels sind, und

dass viele Verbraucher, wenn sie die

entsprechende Wahl haben, Windenergie-Produkte

bevorzugen – auch wenn

dies mit einem Preisaufschlag verbunden

ist.

Doch während viele Unternehmen

bereits mutige Schritte in ihrem

Engagement für erneuerbare Energien

gemacht haben, haben Verbraucher

weltweit kaum Möglichkeiten zur Überprüfung,

woher ihre jeweilige Energiebezugsquelle

stammt. Genau hier setzt

WindMade an und will entsprechende

Transparenz schaffen.

„Wir wollen eine Brücke zwischen Verbrauchern

und Unternehmen schlagen,

die auf der eine Seite saubere Energie

erzeugen und auf der anderen Seite den

Verbrauchern die Möglichkeit geben,

diese nachhaltigen Produkte gezielt

nachzufragen. Wir hoffen, dass dies das

Tempo des Ausbaus der Windenergie

weltweit beschleunigt“, sagt Ditlev

Engel, CEO und President für Vestas

Wind Systems, einer der Vorreiter der

WindMade-Initiative.

Das WindMade-Konsortium hofft, führende

Consumer-Brands als Mitglieder

zu gewinnen. Bevor die WindMade-Mitglieder

jedoch das WindMade-Label für

ihre Kommunikation bzw. Produktkennzeichnung

verwenden dürfen, müssen

sie jeweils eine Zertifizierung ihrer

Windenergieanlagen durchlaufen. Der

Standard der Zertifizierung wird derzeit

von einer technischen Expertengruppe

entwickelt. Das nachfolgende Ziel wird

die Entwicklung von neuen, deutlich leis-

tungsfähigeren Windkraftanlagen sein.

„Es ist entscheidend, dass die WindMade-

Kriterien so ausgestaltet werden, dass

die hohen Erwartungen der Verbraucher

erfüllt werden, die Auswirkungen greifbar

gemacht werden und der Anteil an

sauberen erneuerbaren Energien gesteigert

wird. Wir glauben, dass die freiwillige

Zertifizierung ein Schlüssel ist, um die

Messlatte für Mainstream-Performance

anzulegen. WindMade soll als gutes

Beispiel Standard für alle Unternehmen

werden“, sagt James Leape, Generaldirektor

des WWF.

Zum ersten Mal beteiligt sich auch der

UN Global Compact an einer gezielt an

Endverbraucher adressierten Branchenlösung.

Dazu sagt Georg Kell, Executive

Director des UN Global Compact: „Als

Markt-basierte Initiative unterstützt

der Global Compact WindMade und

dessen Potenzial, eine starke Kraft bei

der Förderung erneuerbarer Energien

zu werden.“

www.windmade.org


Agenda

Neue Publikationen

DReI INItIatIVeN:

GLOBaL COMPaCt – IsO 26000 –

OeCD-LeItsätZe

Von Dr. Jürgen Janssen

An Initiativen, Ratgebern und Regelwerken

zum Thema verantwortungsvolle

und nachhaltige Unternehmensführung

herrscht mittlerweile kein Mangel mehr.

Teilweise nehmen sie aufeinander Bezug,

teilweise scheinen sie aber auch völlig

unabhängig voneinander zu bestehen.

Aufgrund der wachsenden Bedeutung

dieses Themas für Unternehmen,

Gesellschaft und Politik ist zu erwarten,

dass ihre Anzahl weiter ansteigt und die

Übersichtlichkeit entsprechend abnimmt.

Vor diesem Hintergrund hat das

Deutsche Global Compact Netzwerk

(DGCN) drei bedeutende internationale

Initiativen vorgestellt und zueinander

in Bezug gesetzt: den Global Compact

der Vereinten Nationen, die ISO-Norm

26000 sowie die OECD-Leitsätze für

multinationale Unternehmen. Alle

Themenbereiche des Global Compact

– Menschenrechte, Arbeitsnormen,

Umweltschutz, Korruptionsbekämpfung

und Offenlegung von Informationen –

werden auch in der ISO-Norm und den

OECD-Leitsätzen abgedeckt. ISO 26000

und OECD-Leitsätze befassen sich

darüber hinaus explizit mit weiteren

Themen, etwa dem Verbraucherschutz,

Wettbewerbsregeln, Steuerzahlungen

und dem gesellschaftlichen Engagement.

Auf Wunsch der teilnehmenden

Unternehmen können diese Nachhaltigkeitsthemen

auch im Rahmen des

Global Compact bearbeitet werden.

Gemeinsam ist allen drei Initiativen

ebenfalls das Prinzip der Freiwilligkeit:

Unternehmen und Organisationen entscheiden,

ob sie dem Global Compact

beitreten, ob und in welchem Umfang

sie die Empfehlungen der ISO-Norm in

den eigenen Strukturen und Prozessen

Broschuere-DGCN_221011-V6:DGCN 24.10.2011 12:21 Uhr Seite 9

Drei Initiativen

für verantwortungsvolle

Unternehmensführung

GLOBAL COMPACT

ISO 26000

OECD-LEITSÄTZE

umsetzen und ob sie in ihrem Auslandsgeschäft

die OECD-Leitsätze beachten.

Die Unterschiede zwischen den drei

Initiativen ergeben sich aus ihrem unterschiedlichenAnwendungszusammenhang

und der spezifischen Zielsetzung:

Der Global Compact ist ein Netzwerk

von Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen

und Regierungsstellen. In

dessen Rahmen werden internationale

Nachhaltigkeitsthemen diskutiert und

den Unternehmen über verschiedene

Formate nahe gebracht. Der Global

Compact fordert von seinen Teilnehmern

die regelmäßige Veröffentlichung

von Fortschrittsberichten. Unternehmen

treten dem Global Compact bei, wenn

sie ihre eigenen Nachhaltigkeitsziele

und -instrumente an aktuellen internationalen

Entwicklungen ausrichten und

sich entsprechend vernetzen wollen.

ISO 26000 ist ein Normendokument, das

mit Beteiligung aller wichtigen Anspruchsgruppen

unter dem Dach der ISO

entwickelt wurde. ISO bzw. das deutsche

Mitglied DIN verfügt über keine Beratungs-

und Implementierungsstrukturen.

Unterstützung bei der Umsetzung der

ISO 26000 finden Unternehmen bei spe-

zialisierten Beratungsfirmen. Unternehmen

nutzen diesen Leitfaden, wenn sie

Nachhaltigkeit für sich definieren, gesellschaftliche

Verantwortung strategisch

planen und umsetzen und ihre Prozesse,

Produkte und Dienstleistungen nachhaltiger

gestalten wollen.

Die OECD-Leitsätze sind Empfehlungen

für nachhaltiges und verantwortungsbewusstes

Verhalten im Auslandsgeschäft.

Sie basieren auf einer vertraglichen

Vereinbarung zwischen Staaten und verfügen

mit den Nationalen Kontaktstellen

sowie dem Beschwerde- und Schlichtungsverfahren

über einen Mechanismus

zur Durchsetzung. Die Leitsätze gelten

„automatisch“ für alle Unternehmen

mit Sitz in den Unterzeichnerstaaten,

eine Wahlmöglichkeit wie beim Global

Compact besteht somit nicht. Unternehmen

orientieren sich an diesem Code of

Conduct, wenn sie die Erwartungen der

Gesellschaft an eine verantwortungsvolle

Unternehmensführung im internationalen

Geschäft erfüllen wollen.

http://www.globalcompact.de/fileadmin/PDFs/DGCN_Broschuere_-_Drei_Initiativen.pdf

NaCHHaLtIGe eNeRGIe

FÜR aLLe

124 globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011

125

DGCN

Angesichts weltweit wachsender

Bevölkerung und Wirtschaft gewinnt

die Frage nach einer gesicherten

Energieversorgung an Bedeutung. UN

Generalsekretär Ban Ki-moon hat in

diesem Zusammenhang nachhaltige

Versorgungsansätze eingefordert. Eine

neue globale Initiative für nachhaltige

Energieversorgung („Sustainable Energy

for All“) setzt daher an genau dieser

Stelle an und hat es sich zur Aufgabe

gemacht, gemeinsam mit Regierungen,

dem Privatsektor und zivilgesellschaftlichen

Partnern bis zum Jahr 2030

folgende Ziele zu erreichen:

• einen universellen Zugang zu modernen

Energiedienstleistungen ermöglichen;

• Die Verbesserung der Energieeffizienz;

• Erhöhung des Anteils erneuerbarer

Energien.

Zur Implementierung der Ziele wurde

ein Rahmenprogramm für die Wirtschaft

(Business Action Framework)

verabschiedet, das das Ziel hat, 1) zu

motivieren, inspirieren und privatwirtschaftliches

Engagement zur Unterstützung

der nachhaltigen Energie für alle

anzuleiten, und 2) zu identifizieren, in

welchen Bereichen verschiedene Branchen

den größten Einfluss haben können.

Das Engagement der beteiligten

Stakeholder reicht vom Kerngeschäft

über soziale Investitionen und Philanthropie

bis hin zu Partnerschaften und

gemeinsamen Aktionen.

Die Treiber für die Entwicklung des

Business Action Ansatzes sind klar:

Nachhaltige Energie ist ein Thema, das

jedes Unternehmen betriff und zu dem

jedes Unternehmen etwas beitragen

kann. Die Herausforderungen liegen

jedoch darin, nicht nur die Rolle des

privaten Sektors insgesamt zu bestimmen,

sondern gezielt die Rolle einzelner

Branchen basierend auf Märkten,

Geschäftsmodellen, Produkten und

Dienstleistungen sowie der operativen

Ausrichtung aufzuzeigen.

http://www.sustainableenergyforall.org/

aRMutsBekäMPFuNG IN DeR

ZuLIeFeRkette

Welche Rolle spielen die Zulieferketten

von internationalen Unternehmen bei

der Armutsbekämpfung? Ein aktueller

Bericht der Hilfsorganisation Oxfam

America in Zusammenhang mit der Coca-Cola

Company und SABMiller geht

dieser Frage nach. „Exploring the Links

between International Business and

Poverty Reduction“ dokumentiert die

Ergebnisse einer umfassenden Studie

über die wirtschaftlichen und sozialen

Auswirkungen von Coca Cola´s und

SABMiller´s Wertschöpfungsketten auf

Gemeinden in El Salvador und Sambia.

Der Bericht basiert auf einer „Armut

Footprint“-Methodik von Oxfam, die

ganz konkret die Auswirkungen des privaten

Sektors auf Gemeinden beleuchtet.

Dabei untersucht der methodische

Ansatz gezielt alle Wertschöpfungsketten

und zeigt auf, wie sich das Verhalten

von Unternehmen auswirkt auf die

Lebenssituationen, Gesundheit und

Wohlbefinden, Diversity und Gender-Aspekte,

Mitbestimmung, Sicherheit und

Stabilität sowie viele weitere Dimensionen

der Armutsbekämpfung. Der Be-

Exploring the links between international

business and poverty reduction

The Coca-Cola/SABMiller value chain impacts in Zambia and El Salvador

By Oxfam America, The Coca-Cola Company and SABMiller

richt beschreibt positive Auswirkungen

der Coca-Cola Company und SABMiller

in beiden Ländern, einschließlich der

Schaffung von Arbeitsplätzen, der Entwicklung

von unternehmerischen Fähigkeiten

und technischer Ausbildung. Der

Bericht enthält auch Empfehlungen für

Verbesserungen am Arbeitsplatz sowie

Verbesserungen in Themenbereichen

wie Gleichstellung, Wasser und Chancen

für kleine Unternehmen.

„Die Tatsache, dass The Coca-Cola

Company und SABMiller sich diesem

detaillierten ´Footprinting´ unterzogen

haben, ist an sich bemerkenswert und

ein echtes Beispiel für die Einbeziehung

von Stakeholdern“, sagte Georg

Kell, Executive Director des UN Global

Compact. „Der wahre Wert dieser Anstrengungen

wird in zwei, drei oder fünf

Jahren erkannt werden, wenn wir sehen,

wie diese Organisationen auf Basis des

Berichts diese Fragen adressieren.“

http://www.thecoca-colacompany.com/

citizenship/pdf/poverty_footprint_report.

pdf


Agenda

Neue Publikationen

LeItFaDeN FÜR VeRaNtWORtuNGsBeWusstes

INVestMeNt

IN ROHstOFFe

Die Principles for Responsible Investment

und das Schweizer Bundesamt

für auswärtige Angelegenheiten haben

in einem gemeinsamen Report Hilfestellungen

für institutionelle Investoren

veröffentlicht, damit sich diese bei

ökologischen, sozialen und Governance-

Fragen bei Rohstoffgeschäften besser

zurecht finden.

Die Bedeutung von Investoren in Rohstoffmärkten

hat in den vergangenen

Jahren stark zugenommen. Über 400

Milliarden US-Dollar haben institutionelle

und private Kapitalanleger

derzeit in Rohstoffe investiert. Zum

Vergleich: Vor zehn Jahren betrug der

Betrag gerade einmal sechs Milliarden

US-Dollar. Das ruft zunehmend die

Politik auf den Plan, die die Anleger

mit prüfenden Blicken beobachtet.

Sorgen bereiten aber auch höhere

Preisschwankungen mit negativen

Folgen auf die Realwirtschaft und

einkommensschwache Bevölkerungs-

gruppen.

Donald MacDonald, Trustee des British

Telecom Pensionsfonds und Gründungsvorsitzender

der Principles for

Responsible Investment, sagte dazu:

„Der globale Wettbewerb um knappe

natürliche Ressourcen wird einer der

zentralen Aspekte des 21. Jahrhunderts.

Politische Entscheidungsträger

akzeptieren dringend benötigte

Investitionen des privaten Sektors in

diesem Bereich, solange es als positiver

Beitrag zur Entwicklung und Stabilität

unserer Wirtschaft und Gesellschaft

angesehen wird. Anleger müssen daher

soziale Befindlichkeiten und Bedenken

respektieren, auch wenn sie manchmal

als ungerecht und nicht auf absoluter

Gewissheit beruhend wahrgenommen

werden.“

„Angesichts steigender Sorgen über

die Volatilität der Rohstoffmärkte und

deren negative Auswirkungen auf

Volkswirtschaften und Gemeinwesen,

ist dieser Bericht sehr aktuell und wichtig“,

sagte Gavin Power, stellvertretender

Direktor des UN Global Compact.

„Wir versuchen damit, all jene Märkte

mit langfristigerer Perspektive und

entsprechenden Zeithorizonten einzubetten,

und dabei ist es entscheidend,

dass alle Asset-Klassen – und das

bedeutet auch Rohstoffe – aufgenommen

werden.“

Anleger kommen mit Rohstoffgeschäften

auf unterschiedliche Weise

in Kontakt: Durch Derivate, physische

Rohstoffe, Sachwerte wie Wälder und

Ackerland, sowie durch Fremd- und

Eigenkapital von Unternehmen aus

diesen Sektoren. Der Bericht bietet

daher spezifische Best-Practice-

Empfehlungen für jede dieser Asset-

Klassen sowie Kommentare zu den

strategischen Allokationen zwischen

Rohstoffen im Zusammenhang

mit Vermögenswerten aus der

Perspektive eines verantwortlichen

Investors.

Donald MacDonald fügte hinzu:

„Anleger sollten proaktiv Maßnahmen

zur Beachtung von ökologischen

und sozialen Risiken im Zusammenhang

mit Rohstoffanlagen ergreifen

und die Empfehlungen des Handbuchs

berücksichtigen. Es ist entscheidend,

dass die Anleger ihre „license

to invest“ in diesen Märkten er-

halten.“

http://unglobalcompact.org/docs/issues_doc/Financial_markets/Commodities_Guide.pdf

The Responsible

invesToR’s

Guide To

CommodiTies

An overview of best prActices

Across commodity-exposed

Asset clAsses

126 globalcompact Deutschland 2011

globalcompact Deutschland 2011

127

DGCN

stiftung Deutsches Global

Compact Netzwerk

Mit der Stiftung hat das Deutsche Global Compact

Netzwerk (DGCN) im Frühsommer 2009 ein Instrument

geschaffen, über das sich die Teilnehmer auch finanziell

an den kontinuierlich zunehmenden Aktivitäten des

Netzwerks beteiligen können. Bis dato wurde das DGCN

vor allem von der deutschen Bundesregierung aus

dem Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche

Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert. Mit

der Stiftung soll sich dies ändern: Die überwiegende

Mehrheit der beteiligten Unternehmen hat zugestimmt,

die gemeinsamen Aufgaben künftig zu möglichst gleichen

Teilen aus privaten und öffentlichen Geldern zu finanzieren

– und so dem Anspruch einer unternehmensgetriebenen

Multi-Stakeholder-Initiative voll gerecht zu werden.

Die stiftung fördert die tätigkeiten des uN Global

Compact und des DGCN.

Sie verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige

Zwecke. Die Stiftung ist weder rechtlich noch

organisatorisch mit der in den USA registrierten Global

Compact Foundation verbunden, welche das New Yorker

Büro und weltweite Aktivitäten des UN Global Compact

unterstützt. Finanzierungsentscheidungen der DGCN-

Stiftung werden vom Lenkungskreis des DGCN getroffen,

der auch die drei Beiratsmitglieder stellt. Rechtliche

Trägerin der Stiftung ist die Macenata Management GmbH.

Die Stiftung ist damit unabhängig vom Focal Point des

DGCN.

An der Ausrichtung und Arbeitsteilung der Arbeit im

Deutschen Global Compact Netzwerk ändert sich dadurch

nichts: Alle inhaltlichen Entscheidungen verbleiben

im Lenkungskreis mit Vertretern von Unternehmen,

der Zivilgesellschaft und den Bundesministerien. Der

Lenkungskreis arbeitet nach dem Konsensverfahren. Dies

gilt auch für die Verabschiedung des Budgets. Darüber

hinaus werden wichtige Entscheidungen im Verlauf der

DGCN-Arbeitstreffen vorbereitet und diskutiert. Die

operative Realisierung der Aktivitäten des DGCN, z.B.

Veranstaltungen und Publikationen, verantwortet wie

bisher der „Focal Point“ als Sekretariat des DGCN, der von

der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)

gestellt wird. Aktuelle Informationen zur Stiftung und

ihrem Budget finden Sie im internen Bereich der DGCN-

Webseite.

Deutsche unternehmen können entscheiden, wie

sie am besten den Global Compact unterstützen

möchten.

Sie können an die nach deutschem Recht gemeinnützige

und daher steuerlich begünstigte DGCN-Stiftung

spenden, die hauptsächlich die Arbeit in Deutschland

fördert. Eine andere Möglichkeit ist die Unterstützung

der US-amerikanischen Global Compact Foundation,

welche in Deutschland steuerlich nicht begünstigt

ist. Die Stiftung empfiehlt, beides zu kombinieren: Sie

spenden einen Betrag in die deutsche DGCN-Stiftung und

veranlassen die Stiftungsverwaltung, einen von Ihnen

bestimmten Teilbetrag als zweckgebundene Spende

an die Global Compact Foundation weiter zu leiten. Auf

diese Weise bedeutet Ihre Unterstützung einen minimalen

administrativen Aufwand für Ihr Unternehmen.

kontoinhaber:

Stiftung Deutsches Global Compact Netzwerk

Kto. Nr. 138412000

BLZ: 700 303 00 (Bankhaus Reuschel)

IBAN: DE75700303000138412000

S.W.I.F.T-BIC: REUCDEMMXXX


128

Agenda Impressum

Verlag:

Mediengruppe macondo

Dahlweg 87

48153 Münster

Tel.: +49 (0) 251 – 200782-0

Fax: +49 (0) 251 – 200782-22

Mail: info@macondo.de

URL: www.macondo.de

USt-Id-Nr.: DE214683825

Herausgeber:

Dr. Elmer Lenzen

Redaktion:

Judith Bomholt, Dennis Lohmann,

Malte Klingenhäger

Bildredaktion:

Marion Book

Gestaltung:

Katja Montag

Lektorat:

Marion Book

klimaneutralität:

Das vorliegende Druckerzeugnis ist

durch anerkannte Klimaschutzprojekte

klimaneutral gestellt worden.

(Nature Office Gold Standard Portfolio -

GS, VER)

Papier:

Plano® Art, FSC zertifiziert

Grußwort:

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel

autoren dieser ausgabe

(in alphabetischer Reihenfolge):

Nicolette Behncke, Dr. Siegfried

Behrendt, Yvonne Benkert, Verena

Blaschke, Gerald Breyer, Dr. Ignacio

Campino, Dr. Jens Clausen, Prof. Dr.

Hans Diefenbacher, Ralf Dürrwang,

Katrin Gaupmann, Jonas Gebauer,

Bernhard Graeber, Dr. Wolfgang Große

Entrup, Adrian Hahn, Dr. Wolfram

Heger, Benjamin Held, Stephan

Heuser, Dr. Jürgen Janssen, Stefanie

Klein, Stephan Knüttel, Daniela Kolbe,

Dr. Elmer Lenzen, Stefan Löbbert,

Joachim Löchte, Dr. Louis Meuleman,

Dr. Cordula Mock-Knoblauch, Christoph

Pfluger, Petra Polster, Burkhard

Remmers, Dr. Matthias Retter, Nicole

Richter, Dr. Lothar Rieth, Dorothee

Rodenhäuser, Antje Schabacker,

Bernhard Schwager, Kira-Tatjana

Schmidt, Falk Schmidt, Martin Schulte,

Dr. Frank Simon, Sylvia Straetz, Lisa

Süß, Oliver Thomsen, Alexander Vogler,

Stefanie Wahl, Fridolin Weindl, Dr. Jörg

Wetterau, Barbara Wieler, Ingrid de

Wilde, Ursula Wilms, Prof. Dr. Norbert

Winkeljohann, Alexander Zang, Roland

Zieschank

Namentlich gekennzeichnete

Beiträge geben nicht die Meinung des

Herausgebers wieder.

Bildnachweis:

Bundesbildstelle/Bundeskanzleramt

(S. 3), SVLuma/Fotolia.com (S. 4 oben,

6/7, 9, 10, 12, 14, 17, 21), morchella/

Fotolia.com (S. 4 Mitte, 30/31),

Christian Lambiotte/EC (S. 32), Marcus

Wagenknecht/photocase (S. 34/35),

Elenathewise/Fotolia.com (S. 36/37),

cirquedesprit/Fotolia.com (S. 40/41),

Mike Kiev/Fotolia (S. 4 unten, 44/45),

Alexander Raths/Fotolia.com (S. 47),

virtua73/Fotolia.com (S. 50), Yuri

Arcurs/Fotolia.com (S. 53), 3desc/

Fotolia.com (S. 54), CARE/Wolfgang

Gressmann (S. 60), CARE/Evelyn

Hockstein (S. 61 links), CARE/ Yoshio

Kondo (S. 61 rechts), Andreas

Pohlmann/BASF (S. 63), Bayer (S. 64),

Michael Rennertz/Bayer (S. 65), Corbis

(S. 66), Bertelsmann (S. 67), Bosch

(S. 68/69), BSH Bosch und Siemens

Hausgeräte (S. 71), CEWE COLOR

(S. 72), Daimler (S. 74/75), Rudolf

Wichert (S. 76), Deutsche Post DHL

(S. 77), Deutsche Telekom (S. 78), EnBW

(S. 80/81), Nicole Richter/Ernst&Young

(S. 82), Stefan Wildhirt/Evonik

(S. 84/85), Karen Köhler (S. 86), FAIrent-a-jet

(S. 87), De La Haye/Forest

Carbon Group (S. 88/89), GIZ/INENSUS

(S. 90/91), Heraeus (S. 92/93),

HOCHTIEF (S. 94), †cult˙ra/Akzekte/

HVB (S. 96), Lavaris (S. 99), MAN

(S. 100/101), Merck (S. 102/103), Miele

(S. 104/105), Pete Atkinson/Getty

Images (S. 106), Helmut Kramer (S. 109

oben), RWE (S. 109 unten), TECTUM

Group (S. 110/111), Volkswagen (S. 112),

Detlev Wecke/Volkswagen (S. 113),

Wilkhahn (S. 114/115), GIZ (S. 116/117),

UN Photo/Eskinder Debebe (S. 122),

WindMade/Vestas (S. 123) sowie Marion

Book (S. 39, 120/121)

titelbild:

Joshua Hodge Photography/iStockphoto

Bezugspreis:

€ 30,00 zzgl. Porto:

[D] + € 1,00

[CH] + € 3,50

[EU] + € 2,00

[Int.] + € 5,50

Rechte:

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck,

Aufnahme in Online-Dienste und

Internet sowie Vervielfältigung jeglicher

Art nur nach vorheriger schriftlicher

Zustimmung des Herausgebers.

Für unverlangt eingeschickte

Manuskripte, Fotos und Illustrationen

übernehmen wir keine Gewähr.

ISSN 1614-7685

ISBN-13: 978-3-9813540-2-7

Printed in Germany © 2012

Nützliche adressen:

Geschäftsstelle Deutsches Global

Compact Netzwerk (DGCN)

Stabsstelle Zusammenarbeit mit

der Wirtschaft

Deutsche Gesellschaft für

Internationale Zusammenarbeit

(GIZ) GmbH

Reichpietschufer 20

10785 Berlin

Tel.: +49 (0) 30 72614-204

Fax.: +49 (0) 30 72614-130

Mail: globalcompact@giz.de

URL: www.globalcompact.de

United Nations Global Compact Office

DC2-618

New York, NY 10017, USA

Tel.: +1 (212) 963 - 1490

Fax: +1 (212) 963 - 1207

Mail: name@un.org

URL: www.unglobalcompact.org

globalcompact Deutschland 2011

I call on business leaders to embrace

the Compact as an organizing tool

for your global operations. Ensure that

your boards, subsidiaries and supply chain

partners use the Compact as both a

management guide and a moral compass.

25,00 EUR

Ban Ki-moon,

Secretary General of the United Nations


SGS-COC-1349

Der Druck wurde realisiert von

BESTELLANSCHRIFT Berliner Platz 8-10 Tel: +49 (0) 251 - 48 44 93 40 info@macondo.de

Mediengruppe macondo D-48143 Münster Fax: +49 (0) 251 - 48 44 93 42 www.macondo.de

global compact Deutschland | 2007

Bisherige Ausgaben

»

Titel_2005_RZ 06.01.2006 15:02 Uhr Seite 2

Let us choose to unite the power

of markets with the authority of

universal ideals. Let us choose to

reconcile the creative forces of private

entrepeneurship with the needs of the

disadvantaged and the requirements

of future generations.

BESTELLANSCHRIFT

mediengruppe macondo