Evolution der Gewalt

magix.website.com

Evolution der Gewalt

celluloid

Ausgabe 3a/2012 - 28. April 2012 gegründet 2000

filmmagazin

ARTIG.

NICHT

BRAV.

sie starb vor 30 jahren

Beilage zur

omySCHNeIdeR

Mit ausgewählten beiträgen aus deM filMMagazin celluloid

© Eva Sereny / CameraPress / Gamma-Rapho

www.celluloid-filMMagazin.coM


artig, nicht brav

celluloid

CoVeR

4 30 Jahre ohne Romy

Die letzten Tage einer Legende.

Plus: Neue Bücher, DVDs, TV-Termine

FeATUReS

6 Evolution der Gewalt heißt Fritz Ofners

Doku über Guatemala. Ein Gespräch

8 Profile: Catalina Molina ist eine junge

österreichische Filmemacherin mit

argentinischen Wurzeln

9 Crossing Europe: Das Linzer Filmfestival

öffnet diese Woche seine Pforten

10 Filmkritik: „Stillleben“, „Outing“ und

Audrey Tautou in „Nathalie küsst“

12 Neu auf DVD und Blu-ray:

Die Woody Allen-Collection

14 Die Top-Filme im Mai und Juni

WeITeRe THemeN

des celluloid Filmmagazins

(Ausgabe 3/12 ist am Kiosk erhältlich)

18 Der König bin ich

Mads Mikkelsen im Interview zu seinem

Kostümdrama „Die Königin und der

Leibarzt“

20 Erwachsen werden? Wozu?

Die Darsteller von „American Pie 4“

machten Filmwerbung in Wien

22 Jean Reno, Michaël Youn

im Interview über die Komödie

„Kochen ist Chefsache“

24 Valérie Donzelli, Jérémie Elkaïm

sprechen über ihren „Kriegsfilm“

„Das Leben gehört uns“

26 David & Stéphane Foenkinos

drehten mit Audrey Tautou „Nathalie

küsst“. Ein Gespräch

28 Céline Sciamma über „Tomboy“

30 17 schwangere Mädchen

zeigen Muriel & Delphine Coulin

32 Pierre Richard pfeift aufs Altersheim,

wie er im Interview verriet

34 Exotische Vögel Filmproduzentinnen

sind in Österreich sehr selten

36 Christopher Lee Kurz vor seinem 90.

Geburtstag besuchte Lee Wien

38 Am Set bei Gustav Deutschs Spielfilm-

Debüt „Visions of Reality“

40 Renaissance der Wanderkinos

42 Evolution der Gewalt heißt Fritz Ofners

Doku über Guatemala. Ein Gespräch

44 Susanne Brandstätter über ihre Doku

„The Future‘s Past“

FILmKRITIK

48 Stillleben/Outing (mit Interview

Sebastian Meise) / Kuma / Nathalie

küsst / Lachsfischen im Jemen

Life Size Memories / Wie zwischen

Himmel und Erde / Tabu / Moneyball

filMMagazin - beilage zur wiener zeitung

ausgabe 3a / 2012 - 13. jahrgang

Mai / juni 2012

6

8

4

12

Greuling; Tuma; Poool, ORF

edIToRIAL

Liebe Leser,

Einen „Feiertag“ für den österreichischen

Film nannte Martin

Schweighofer von der Austrian

Film Commission den Tag der Bekanntgabe

des offiziellen Cannes-

Wettbewerbs 2012. Gleich zwei

heimische Produktionen treten

um die Goldene Palme an: Michael

Hanekes „Amour“ und Ulrich

Seidls erster Teil seiner „Paradies“-

Trilogie „Liebe“. Dass beide Filme

denselben Titel haben, ist aber wohl schon

die einzige Gemeinsamkeit.

Für den österreichischen Film ist es tatsächlich

ein Grund zum Feiern: Nicht nur, weil

die Erfolgsserie damit ungebremst weitergeht,

sondern auch, weil damit erstmals

zwei österreichische Filme im Cannes-Hauptbewerb

antreten (Seidls Wunsch, alle drei

Teile seiner Trilogie gemeinsam aufzuführen,

wurde allerdings nicht entsprochen).

Alle Hintergründe, sowie eine Reihe weiterer

spannender Filmthemen (siehe links) erwarten

Sie in unserer vollwertigen Ausgabe

celluloid 3/2012, die ab 30.4. im Handel

erhältlich ist. Wie Sie das Heft bestellen

können, erfahren Sie auf Seite 15!

Wir wünschen Ihnen viel informatives

Vergnügen beim Lesen!

Matthias greuling

Chefredakteur & Herausgeber

celluloid@gmx.at

und die Wiener Zeitung

LESEPROBE

Große Freude: Ulrich Seidl und Michael Haneke

sind beide im Cannes-Wettbewerb 2012 vertreten

celluloid Filmmagazin Beilage. Nummer 3a/2012, Mai/Juni 2012

Beilage zur „Wiener Zeitung“ am 28. April 2012.

Medieninhaber und Herausgeber: Werbeagentur Matthias Greuling.

Printed in Austria. Die Beiträge in dieser Beilage wurden uns mit freundlicher

Genehmigung vom Verein zur Förderung des österreichischen und des europäischen

Films zur Verfügung gestellt. Die Interviews wurden von Mitgliedern der

celluloid-Redaktion geführt. Die Beiträge geben in jedem Fall die Meinung der

AutorInnen und nicht unbedingt jene der Redaktion wieder. Fotos: Filmverleiher.

celluloid versteht sich als publizistische Plattform für den österreichischen und den

europäischen Film und bringt Berichte über aktuelle Filme.

Anschrift: Anningerstrasse 2/1, A-2340 Mödling,

Tel: +43/664/462 54 44, Fax: +43/2236/23 240, e-mail: celluloid@gmx.at,

Internet: http://www.celluloid-filmmagazin.com

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der

Redaktion und Quellenangabe. © 2012 by Werbeagentur Matthias Greuling

CeLLULoId oNLINe: WWW.CeLLULoId-FILmmAGAzIN.Com

celluloid 3a/2012 3


Foto: ORF/3sat


cover

eINe KeRze,

die an beiden Enden brannte

roMY schneider starb vor 30 Jahren, am 29. Mai 1982.

Die letzten Tage im Leben der großen Schauspielerin

Romy Schneider in „Der Swimmingpool“

(1968), Regie: Jacques Deray

In den letzten Monaten ihres Lebens liest

Romy Schneider ein Buch, die Autobiographie

der Schauspiel-Diva Eleonora

Duse. Darin unterstreicht sie einen Satz,

den die Duse zitiert, es ist ein Satz des

italienischen Dichters Gabriele D´Annunzio:

„Ich weiß, was der Ruhm bedeutet und was

das Nahen der Nacht.“ Und beides, das

kennt auch Romy Schneider nur allzu gut,

diesen unermesslichen Ruhm, und, ja, das

Nahen der Nacht…

Anfang Mai reist Romy mit ihrem Lebensgefährten

Laurent Pétin in die Schweiz, nach

Zürich, und sucht dort ihren Vermögensverwalter,

Rechtsanwalt Dr. Jürg Henrik Kaestlin

auf. Romy hat finanzielle Probleme, und sie

will das alte Haus in Boissy-sans-Avoir doch

kaufen. In der Nacht des 10. Mai 1982 setzt

sie handschriftlich urplötzlich ihr Testament

auf. Es ist, als nähme sie das bevorstehende

Nahen der Nacht vorweg, als ahne sie ihr ei-

4 celluloid 3a/2012

genes nahendes Ende. Von den noch lebenden

Verwandten – Tochter Sarah Biasini, Ex-

Ehemann Daniel Biasini, Bruder Wolf-Dieter

Albach – tritt kurz darauf keiner das Erbe

Romy Schneiders an, da vom Vermögen, an

dem sich so manche aus ihrem Umfeld so

ungehemmt bedienten, nichts mehr geblieben

ist außer Schulden, französischen Steuerschulden

vor allem, die Angaben variieren

verschiedentlich zwischen drei Summen: sieben,

neun und elf Millionen Francs.

Am 28. Mai, es ist ein Freitag, da gehen

Romy Schneider und Laurent Pétin zu Laurents

Bruder Jérôme und dessen Frau Claude,

sie essen alle gemeinsam in deren Wohnung,

trinken, reden. Etwa über das im März neu

gefundene Haus in dem Dorf Boissy-sans-

Avoir, knapp 50 Kilometer westlich von Paris,

dort, wo sie sich noch richtig einrichten müssen,

den Sommer verbringen wollen, nur sie

beide und Töchterchen Sarah. An Pfingsten,

am bevorstehenden Wochenende, da sind

sie schon mit Jean-Claude Brialy verabredet,

auch zum Abendessen. Romy und Jean-Claude,

sie kennen sich seit den fünfziger Jahren,

schon seit damals, als sie mit Alain zusammen

in Christine spielten. Das ist fast 25 Jahre her.

Eine Freundschaft über ein Vierteljahrhundert.

Er kennt sie mit am besten. Und doch merkt

auch er nicht, dass der Tod um seine Freundin

Romy herum strich, wie er es später einmal

formuliert. Zu dem Treffen mit diesem, einem

ihrer ältesten Freunde überhaupt, soll es nicht

mehr kommen. Und keiner scheint zu spüren,

dass es das Nahen der Nacht ist.

Am frühen Morgen des 29. Mai wacht

Laurent Pétin allein im Bett in der im siebten

Arrondissement unweit des Invalidendoms

gelegenen Wohnung in der Rue Barbet de

Jouy auf. Romy liegt nicht neben ihm. Es ist

etwa sieben Uhr. Tochter Sarah schläft noch.

Er geht durch die Wohnung und findet Romy

im Salon, am Schreibtisch sitzend, kopfüber.

Inmitten eines handschriftlichen Briefes an

eine französische Zeitschrift bricht sie ab. Er

spricht sie an, doch sie reagiert nicht. Romy

Schneiders Herz, es hat gegen fünf Uhr in

der Nacht einfach zu schlagen aufgehört.

Herzversagen lautet die offizielle Todesursache.

Sie konnte nicht mehr. Oder, wollte sie

nicht mehr? Sie ist 43 Jahre alt.

Romy Schneiders Begräbnis findet am Vormittag

des 2. Juni 1982 in Boissy-sans-Avoir

statt. Dort, wo sie eigentlich leben wollte, dort

wird sie nun beerdigt. Hubschrauber kreisen

über dem kleinen Friedhof mit der mittelalter-

lichen Dorfkirche Sankt Sebastian, Fotografen

sitzen in den Hubschraubern, die als erste das

beste Foto schießen und meistbietend an die

Weltpresse verkaufen wollen. Das Foto vom

Sarg und der Bestattung eines Weltstars. Zeitweise

ist die Grabrede von Regisseur Jacques

Rouffio nicht zu hören, die Motoren- und

Propellergeräusche in der Luft sind zu laut.

Eine geradezu pervertierte Situation.

alain DelOn Fehlte Viele sind gekommen

an diesem Tag. Neben Romy Schneiders

Familie, Bruder Wolf-Dietrich mit Frau Alba

und Tochter, Laurent Pétin sowie dem geschiedenen

Ehemann Daniel Biasini, nehmen

auch langjährige Wegbegleiter wie ihr Kollege

Michel Piccoli oder Jean-Claude Brialy

von ihr Abschied. Mutter Magda Schneider

bleibt nach ihrem erlittenen Herzinfarkt in

Deutschland. Nur einer fehlt sonst auf der

Beerdigung. Er kommt später, an einem anderen

Tag, als die gierige Meute weg ist und

aller Rummel vorbei. Still und leise nimmt

Alain Delon allein von seiner Romy, von seinem

„Puppele“ Abschied. Und so ist denn

auch jener umstrittene öffentliche Brief, der

in Frankreich in Paris Match, in Deutschland

zeitgleich auf Deutsch in der Quick erscheint,

„Adieu ma Puppele“ überschrieben (Paris

Match, 11. Juni 1982). Umstritten, da Delon

ihn nicht allein aufsetzt, umstritten, da er bei

aller von ihm stets betonten Diskretion seinen

Abschied öffentlich macht. Ist das notwendig,

fragen sich viele.

Es war Romys Großmutter Rosa Albach-

Retty, von der der viel zitierte und die Dinge

so ambivalent antizipierende Satz stammt,

den sie zu beider Lebzeiten äußerte: „Wer

sich wie sie so hemmungslos von seinen

Emotionen, Leidenschaften und Begierden

treiben lässt, denkt sicher nicht daran, dass

eine Kerze, die man an beiden Seiten anzündet,

auch schneller abbrennt...“

Auch am 29. Mai 2012, an Romy Schneiders

30. Todestag, wird dieses leicht zu übersehende

unauffällige Grab wieder vollgestellt

sein, werden es die Menschen, die es wirklich

finden wollen, auch finden: Diesen Ort, der

so ganz eigen ist in seiner Atmosphäre und

Stimmung. Der so abgelegen ist von allem,

so weit weg. Der wie der Welt abhanden gekommen

scheint. Diesen Ort, an dem Romy

Schneider begraben ist. � Thilo Wydra

Von Thilo Wydra ist unter anderem die Biografie

„Romy Schneider. Leben – Werk – Wirkung“

im Suhrkamp Verlag erschienen.


© R. Lebeck / Stern / Picture Press

Zum 30. Todestag

Romy ALS BUCH, AUF dVd & Im TV

Romy Schneider, fotografiert 1976 von Robert Lebeck, mit der Mütze des Fotografen. Dieses

Foto, sowie unser Titelbild sind Bestandteil einer großen Romy-Schneider-Ausstellung, die

derzeit in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen ist. Infos: www.bundeskunsthalle.de

Anlass ihres 30. Todestages, und im Fernsehen

widmet 3sat Romy Schneider eine große Filmreihe

mit zehn Filmen und zwei Porträts (Details siehe

Kasten unten). Außerdem erscheint bei StudioCanal

eine umfangreiche (wenn auch unvollständige)

neue DVD-Edition, mit insgesamt 13 Filmen,

darunter die DVD-Premieren „Die Bankiersfrau“,

„Die Geliebte des Anderen“ und „Le Train – Nur

ein Hauch von Glück“

alle tv-terMine auf einen Blick

19.05.2012, 11:20 Uhr: Christine, ORF 2

20.05.2012, 23:00 Uhr: Die letzten Tage einer Legende: Romy Schneider, ORF 2

20.05.2012, 23:45 Uhr: Die Spaziergängerin von Sans-Souci, ORF 2

21.05.2012, 01:55 Uhr: Die letzten Tage einer Legende: Romy Schneider, ORF 2

23.05.2012, 00:15 Uhr: Leih mir deinen Mann, ORF 2

27.05.2012, 17:20 Uhr: Monpti, 3sat

27.05.2012, 20:15 Uhr: Romy, 3sat

28.05.2012, 17:20 Uhr: Christine, 3sat

28.05.2012, 20:15 Uhr: Ludwig II, 3sat

28.05.2012, 02:25 Uhr: Ludwig II, 3sat

29.05.2012, 22:25 Uhr: Romy Schneider Eine Frau in drei Noten, 3sat

30.05.2012, 22:25 Uhr: Das wilde Schaf, 3sat

31.05.2012, 22:25 Uhr: Die Liebe einer Frau, 3sat

01.06.2012, 16:15 Uhr: Die Halbzarte, 3sat

01.06.2012, 22:25 Uhr: Die Spaziergängerin von Sans-Souci, 3sat

Fotos: StudioCanal; ORF Romy überall: Neue (Hör-)Bücher erscheinen aus

Das Leben von Romy Schneider als Hörbuch,

erschienen in der Reihe „Berühmte Persönlichkeiten“

bei Monarda Publishing House (EUR 9,99)

roMY in buchforM

„Wir wollen, dass dieses Buch abbildet,

wer Romy Schneider wirklich war und was

sie bis heute verkörpert. Wir wollen, dass

unsere Leser von

ihrer Anmut und

ihrer Schönheit

überwältigt werden,

von diesem

Leben, dass sich

um sie spann mit

all seinen Dramen“,

schreibt Sarah

Biasini, Herausgeberin

und Tochter

Romy Schneiders

über dieses Buch.

Der großformatige,

in qualitativ hochwertiger Ausstattung

produzierte Bildband versammelt seltene

Dokumente und 300 zum Teil unveröffentlichte

Fotografien. Das Buch ist bei Edel.

Books erschienen. (EUR 36,00)

Die Romy-Biografie von Günther Krenn (Filmarchiv

Austria) wurde als E-Book neu aufgelegt,

erhältlich im Amazon Kindle-Store (EUR 8,10)

„Die Liebe einer Frau“ (31.05., 22.25 Uhr, 3sat)

celluloid 3a/2012 5


interview

fritz ofner hat für seinen

Dokumentarfilm „Evolution

der Gewalt“ als One-Man-

Show in Guatemala gedreht

diE dynamik dER

GeWALT

An einem Wochenende 50 Morde, das

ist keine Seltenheit in Guatemala: In einem

Land, das seinen Bürgerkrieg nie

aufgearbeitet hat, dreht sich die Gewaltspirale

immer weiter und immer tiefer in die Menschen

selbst. Der österreichische Filmemacher

Fritz Ofner versucht in seiner Dokumentation

Evolution der Gewalt“ eine Annäherung an

die Kausalität der brutalen Dynamik.

celluloid: Das Wort „Evolution“ ist

positiv konnotiert, als „Weiterentwicklung“.

Die Gewalt in Guatemala entwickelt

sich aber nach innen, und kontraproduktiv

...

6 celluloid 3a/2012

FRITZ OFNER: Ich glaube, „Evolution“ ist

weder positiv noch negativ gemeint, es bezeichnet

einfach eine Veränderung und ihre

Dynamik. Ich wollte keinen Film über Guatemala

per se machen, sondern über die

Mechanismen von Gewalt, unter welchen

Bedingungen Gewalt zustande kommt. In

Guatemala sind seit der Conquista Gesellschaftsformen

geschaffen worden, die bis

heute auf der Ausbeutung von Ressourcen

und Arbeitskräften aufgebaut sind. Das

ganze System wird durch Repression und

Gewalt zusammengehalten, und die Strukturen

haben sich nicht verändert. Das ging

von Silber über Gold, über Kautschuk und

Filmstart:

04.05.12

Bananen, jetzt ist es Soja in Brasilien. Die

Güter, die gehandelt werden, haben sich

geändert, aber die Mechanismen sind gleich

geblieben. Um für diesen Film dem Mechanismus

auch ein Gesicht zu geben, hat sich

der Bananenhandel angeboten, weil die Geschichte

des Bürgerkriegs mit der Geschichte

des Bananenhandels zusammenhängt.

Guatemala ist die archetypische Bananenrepublik.

Dieses Wort kommt davon, weil die

exportierenden Firmen, in diesem Fall die

United Fruit Company, so mächtig waren,

dass sie effektiv über die Politik des Landes

bestimmt haben. Als es Anfang der 50er

einen demokratischen Wandel gab und

Fotos: Poool Film


unser viDeO-interview auF yOutube

http://www.youtube.com/celluloidVideo

der damalige demokratische Präsident eine

Landreform durchführen wollte, die vorgesehen

hätte, Land von den Bananenfirmen

zu nehmen und es an landlose Bauern zu

geben, hat die amerikanische Regierung

gemeinsam mit der United Fruit Company

eine militärische Intervention gestartet, die

den demokratischen Frühling beendet und

in weiterer Folge zum Bürgerkrieg geführt

hat, der dann 36 Jahre lang dauerte und in

einem Genozid endete. Die Geschichte des

Genozids beinhaltet auch die Tatsache, dass

Hunderttausenden jungen Männern beigebracht

wurde, wie man tötet, vergewaltigt,

wie man erpresst. Nach dem Krieg sind diese

Männer mit genau diesen „Kenntnissen“

in den Alltag zurück. Daher also auch der

Begriff „Evolution“: Etwas hat einen Mechanismus

ausgelöst, der immer neue Formen

und Konsequenzen hatte. Der Ausgangspunkt

für diese Gewaltspirale sind ökonomische

und politische Zusammenhänge.

Der in Guatemala kulturell sehr tiefgehende

Konflikt mit den Indiginas

wird im Film thematisiert, aber nicht

näher auf seine Ursprünge und Auswirkungen

untersucht.

Richtig. Ich habe die These der Bananenrepublik

für den Film gewählt; ein Soziologe

würde die Gewaltspirale vielleicht in

anderen Mechanismen verorten. Mir war

der Ausdruck der emotionalen Kraft dieser

Gewalt wichtiger, als die Analyse, die im

Film einfach nicht derart viel Raum haben

konnte.

Sie lassen auch einen Militär-Kämpfer

zu Wort kommen, der über seine

Gräueltaten berichtet – warum war es

Ihnen wichtig, alle Seiten zu zeigen?

Ich wollte die verschiedenen Aggregatszustände

der Gewalt aufzeigen. Die erste

Episode im Film zeigt den voyeristischen

Blick der Journalisten, die zweite darüber,

wie jemand innerhalb des Systems dagegen

kämpft, also die Sozialarbeiterin. Genauso

wollte ich Opfern, aber auch Tätern

eine Stimme geben, um diese „Evolution

der Gewalt darstellen zu können. Der Soldat

ist ein integraler Bestandteil des Films,

weil Täter generell selten zu Wort kommen.

In der Dynamik des Konflikts in Guatemala

sind die Täter oft zugleich Opfer. Dieser Soldat

zum Beispiel hatte sich nicht freiwillig

gemeldet, sondern das waren Zwangsrekrutierungen.

Man konnte damals entweder

zur Armee gehen oder fliehen und sich im

Wald der Guerrilla anschließen. So oder so

war man gezwungen zu kämpfen. Für ihn

war die Teilnahme am Film sehr wichtig, um

eine Form von Katharsis zu finden, indem er

das, was er erlebt hat, auch einmal erzählen

kann. Die Suche nach einem Soldaten

war aber sehr schwierig, weil niemand vor

die Kamera wollte, denn die meisten haben

Angst, deswegen umgebracht zu werden.

Sie zeigen auch Gespräche in Therapiegruppen,

die aber wie immer eigentich

von den „Falschen“ besucht

werden, nämlich den Frauen. Es sollten

dort nämlich vor allem Männer

sitzen...

Die Gewalt gegen Frauen hat in Guatemala

schon ein derartiges Ausmaß angenommen,

dass man – in Anlehnung an

Genozid – bereits von Femizid spricht. Die

Selbsthilfegruppe im Film ist für minderjährige,

vergewaltigte Mädchen. Sie arbeiten in

den Gesprächen die Geschichte des Landes

auf. Aber es gibt keinerlei Therapieform für

Täter, das ist richtig. So wird sich die Gewalt

weiter reproduzieren, weil sie keine Möglichkeit

haben, selbst mit ihren Traumata

sich an jemanden zu wenden.

Erschreckend ist es, zu sehen, wie

die Menschen in dieser alltäglichen

Trauer schon wie gelähmt reagieren...

Ich habe im Laufe der Recherchen mit einem

Schamanen gesprochen, der mir von

einer Krankheit erzählt hat, die „Susto“

heißt. Das ist ein ethnologisch definiertes

Krankheitsbild; eine Art von „Seelenverlust“

aufgrund eines Traumas. Diese Angstkrankheit

kann die Formen von Schlafstörungen

über Essensstörungen bis hin zu Tod oder

Selbstmord annehmen. Ich glaube, dass die

gesamte Gesellschaft in Guatemala unter

„Susto“ leidet, und auch, dass ich im Zuge

der Dreharbeiten meine Portion davon abbekommen

habe. Aber für mich war der

Filmschnitt eine Form von Therapie, diese

Bilder in meinem Kopf wieder raus und in

eine andere Form zu bekommen.

Was hatten Sie sich als formales

Konzept überlegt?

Weil ich als so genannte One-Man-Show

drehe, müssen meine Filme mit den Mitteln

funktionieren, die ich zur Verfügung habe.

Diese Arbeitsweise definiert also bereits sehr

viel. Das hat den Vorteil, dass ich mehr Zeit

mit dem Dreh verbringen kann, aber den

Nachteil, dass ich stilistisch eingeschränkt

bin, weil ich eben kein Team habe, in dem

sich einer um das Bild, ein anderer um den

Ton kümmert. In diesem Fall wollte ich den

Film mit dem Moment der Gegenwart beginnen

und davon in die Vergangenheit gehen.

Geschehnisse in der Gegenwart kann

ich beobachten, Vergangenes muss ich mir

aber erzählen lassen. Für mich war hier das

Zen-Prinzip von „form follows function“

sehr nützlich; so hat der Film keine einheitliche

stilistische Form, sondern mäandert

zwischen verschiedenen hin und her. Ich

hoffe aber, dass das wiederum eine eigene

Form ergibt.

� Interview: Alexandra Zawia

celluloid 3a/2012 7


Foto: Greuling

profile

8 celluloid 3a/2012

„Unser Lied“ von Catalina Molina ist demnächst

bei den Cinema Next-Filmnächten, z.B. am 10.5.

im Topkino, Wien, 22.30 Uhr, zu sehen

Catalina moLINA

Daheim spricht Catalina Molina mit

ihren Eltern und ihrem Bruder noch

immer Spanisch. Und das, obwohl die

Familie der 28-jährigen Nachwuchs-Regisseurin

von Buenos Aires nach Gröbming zog, als

Catalina fünf Jahre alt war. „Ich fühle mich

als Argentinierin genauso wie als Steirerin“,

sagt Molina, in bestem Steirisch selbstverständlich.

Schon als Kind hat Molina eine Begeisterung

für das Medium Film entwickelt, vor

allem, weil ihr Vater als Filmfreak ständig die

Werke von Fritz Lang, Bergman oder Peter

Greenaway zeigte. Und Catalina dabei aufmerksam

zusah.

Gerade erst hat Molinas Film „Unser Lied“

bei der Diagonale in Graz den Preis für den

besten Kurzfilm gewonnen, nachdem sie das

Drehbuch dazu mit der Wiener Stoffentwicklungsfirma

Witcraft Scenario entwickelte. Die

Regisseurin erzählt in „Unser Lied“ von einem

jungen, alleinerziehenden Vater, gespielt von

ihrem Bruder Conrado, der seine Arbeit, seine

Erziehungspflichten und seine Karriere als

Musiker unter einen Hut zu bringen sucht.

Als eines Tages die Mutter (Emily Cox) der

gemeinsamen Tochter plötzlich wieder vor

der Tür steht, bringt das den jungen Mann

vollends durcheinander. Molinas einfühlsame

Beobachtung einer Vater-Tochter-Beziehung

und ihr direktes, unmittelbares Filmerzählen

machen sie zu einer der großen Nachwuchshoffnungen

des österreichischen Films.

Nach ihrer Matura hat Molina die Aufnahmsprüfung

an die Wiener Filmakademie

bestanden, und studiert seither Filmregie bei

Michael Haneke und Drehbuch bei Walter

Wippersberg. Molina ist aber nicht erst seit

„Unser Lied“ ein Begriff in der Filmszene: Bereits

ihre Filme „Talleres Clandestinos“ (2009),

„Zeitfeld“ (2007) und ihr Matura-Film an der

Ortweinschule Graz, „Waisenhaus“ (2004),

sorgten für Aufsehen und wurden mehrfach

ausgezeichnet.

„Mit meinen Filmen will ich vor allem

berühren“, sagt Molina, die sich gerne kleine

Geschichten aussucht, um sie in ihren Filmen

in größere Kontexte zu setzen. Ihr Herkunftsland

Argentinien spielt dabei immer wieder

eine zentrale Rolle. „Talleres Clandestinos“

handelte von heimlichen Nähwerkstätten in

Argentinien, in denen Mitarbeiter ausgebeutet

werden. Dafür gab es sogar eine Nominierung

zum Europäischen Filmpreis. Auch ihr

nächstes Projekt „Cordoba 1978“ wird wieder

mit Südamerika zu tun haben. Darin will sie

eine Brücke zwischen Österreich und Argentinien

schlagen - der Konnex dürfte schon

anhand des Titels unschwer zu erkennen

sein - Fußball-Film wird „Córdoba 1978“ aber

keiner. Catalina Molina: „Mich interessiert

anhand einer Begegnung zweier Menschen

während des legendären Matches, was hinter

der kollektiven Erinnerung des ‚Wunders von

Córdoba‘ noch verborgen steckt“. �


FeSTIVAL Crossing Europe startet in Linz

Zum bereits neunten Mal hat sich Linz von

24. bis 29. April dem europäischen Film

verschrieben: Dann findet in der oberösterreichischen

Hauptstadt wieder das Crossing

Europe Filmfestival Linz statt. Ziel des Festivals

an der Donau ist es, hochkarätiges Filmschaffen

aus Europa zu präsentieren, und zugleich

dem jungen Arthaus-Film eine Plattform zu

bieten – und das mit einem dicht geschnürten

cineastischen Paket. So sind im offiziellen

Programm heuer 146 Spiel-, Dokumentar- und

Kurzfilme aus 43 Ländern zu sehen, davon 96

Österreich-Premieren und 22 Ur-Aufführungen.

Festival-Leiterin Christine Dollhofer: „Es ist uns

wichtig, dass Crossing Europe auf ,Cross Over'

und Querverweise setzet. Dabei sind die Synergien

besonders wichtig.“

autOrenKinO Trotz der globalen Betrachtungsweise

von Crossing Europe – im Mittelpunkt

des zweitgrößten österreichischen Filmfestivals

stand von Anbeginn an der europäische

AutorInnen-Film. Die Wettbewerbssektion „Europäisches

Kino" bietet neun Langfilmdebüts

beziehungsweise zweite Langfilme, die bereits

in den letzten Monaten auf anderen Festivals

Erfolge feiern konnten. Dabei spielt 2012 neben

der Darstellung bemerkenswerter Frauenfiguren

die Stille eine entscheidende Rolle. So kommt „Z

daleka widok jest piekny"/„It looks pretty from

a distance“ (Regie: Anna und Wilhelm Sasnal)

mit der Geschichte eines abgelegenen Dorfes,

für das es keine Hoffnung zu geben scheint, nahezu

ohne Dialoge aus. Ebenso eine reduzierte

Sprache verwendet Lisa Aschan in „Apflickorna“/„She

monkeys“, wenn sie von den Schwestern

Erna und Sara erzählt, die zwischen Sexualität

und Scheinmoral gefangen sind.

Welche enorme Bedeutung der beobachtende

Film im internationalen Festivalgeschehen

hat, wird in der Crossing Europe-Schiene „Panorama

Europa Documentary“ deutlich, die die

unkonventionelle Position des europäischen Dokumentarfilms

in all seinen unterschiedlichen,

bunten und kreativen Facetten beleuchtet. So

werden unter anderem Arbeiten über das Leben

mit Behinderungen („Louisa“), urbane Skater in

der DDR („This ain‘t California“), junge, kämpferische

Lybier („Libya Hurra"/„Free Lybia“) und

die Vision eines modernen Stadtstaats in Estland

(„Uus Maailm“/„The new world“) gezeigt.

Das diesjährige Tribut schließlich ist der rumänischen

Filmemacherin Anca Damian gewidmet,

die mit drei Lang-, sowie einem Kurzfilm in Linz

vertreten sein wird. � Sandra Wobrazek

Mehr inFOs: www.crOssingeurOpe.at

Crossing-Europe-Highlight: „Ave“ (l.),

Regie: Konstantin Bojanov, BG 2011

celluloid 2a/2012 9

Foto: Crossing Europe


filmkritik

�����/�����

STILLLeBeN / oUTING

Ein Spielfilm und eine Doku von Sebastian Meise über unausgelebte Pädophilie

Ein Projekt der Berliner Charite, das eine

Therapie für Menschen mit pädophilen

Neigungen anbietet, die nicht zu

Tätern werden wollen, war die erste Inspiration

für seinen Spielfilm „Stillleben“, erzählt

Regisseur Sebastian Meise. Wo beginnt

Schuld, und ist Pädosexualität synonym für

strafbares Gedankengut?, waren die ersten,

offensichtlichen Fragen, die sich daraus ergaben

und die auch die – eigentlich als Nebenprodukt

der Recherche parallel entstandene

– Dokumentation „Outing“ prägen.

Mit wenigen Strichen und Hinweisen

entwirft Meise im Spielfilm „Stillleben“ ein

Familienuniversum und zeichnet die Geschichte

von vier Menschen – Vater, Mutter,

Tochter und Sohn - die während langer

Jahre mit sich und umeinander gerungen

haben. Diese fragile Gemeinschaft implodiert

beinah lautlos durch die Ahnung eines

Inzests, eines pädophilen Übergriffs, als der

Sohn den sexuellen Phantasien seines Vaters

auf die Spur kommt, der seine Tochter zwar

noch nie angerührt hat, aber Prostituierte

dafür bezahlt, nach genauen Anweisungen

in ihre Rolle zu schlüpfen. „Stillleben“ beschreibt

das zerbrochene Familiengefüge,

das sich nun auftut, ganz ruhig und intensiv.

10 celluloid 3a/2012

STILLLEBEN

Ö 2011, Regie: Sebastian Meise.

Mit Fritz Hörtenhuber, Christoph

Luser, Daniela Golpashin

FILMSTART: 18. 05. 2012

Dabei vergisst er nicht auf die Umgebung

der Figuren: der kleine Vorort, die täglich

gelebte Stagnation. Meise nähert sich seinem

Thema unaufgeregt und aufmerksam

und nimmt sich vom ersten Augenblick an

Zeit, den Zuschauer mitatmen zu lassen.

Mit geradezu schmerzlicher Wärme und auf

schmalem Grat präzis inszeniert, beschreibt

er den Verlust der Familiengemeinschaft,

das Unwiederbringliche. Während sich der

Bruder vorwirft, nicht rechtzeitig erkannt

zu haben, was vor Jahren passiert ist, steht

die Mutter fassungslos vor der Misere einer

sexuellen Obsession, für die sich der Vater

selber hasst und für die er geradezu nach

einer Bestrafung für sich selbst sucht. Fritz

Hörtenhuber verleiht diesem Vater den richtigen

Ausdruck, beinahe unbeweglich nach

außen, aber im Inneren ein grelles Durcheinander.

„Soap and Skin“-Sängerin Anja

Plaschg ist hier in ihrer ersten kleinen Rolle

zu sehen und lieferte für den Film unter

anderem eine grandiose Neuinterpretation

von „Voyage Voyage“.

Outing Das Thema Pädophilie beleuchten

Meise und Ko-Autor Thomas Reider auch

in ihrer Dokumentation „Outing“ genauer:

OUTING

Ö 2012, Regie: Sebastian Meise,

Thomas Reider.

Dokumentarfilm

FILMSTART: 18. 05. 2012

Anhand der Geschichte von Sven, einem pädophilen

jungen Mann, der alles dafür tut,

seine Neigung nie in die Tat umzusetzten,

wirft der Film wichtige Fragen auf.

Seit seiner Pubertät ist dem jungen Archäologen

Sven klar, dass er sich sexuell

zu Kindern hingezogen fühlt. Als einer der

ersten Pädophilen erzählt er hier ausführlich

von seinen Träumen, seinen Ängsten und

Hoffnungen. Er artikuliert sich extrem reflektiert,

ist in Dauer-Therapie und weiß, er muss

sich von kleinen Buben fernhalten. Und doch

verschieben sich im Laufe der Zeit (die Dokumentation

fängt dies gut ein) langsam die

Grenzen, die er sich selbst setzt. Sven spricht

offen über seine pädophile Neigung und sein

Ziel, diese niemals in die Tat umzusetzen. Er

verschleiert auch seine Identität nicht - man

sieht sein Gesicht. Der Film begleitet ihn vier

Jahre lang, zeigt seinen inneren Kampf und

wirft Fragen auf nach moralischen Grenzen,

und danach, welchen Platz Menschen wie

Sven in der Gesellschaft haben können. Getragen

vom echten menschlichen Interesse

an ihrem Protagonisten, gelingt den Filmemachern

hier eine Nähe und Atmosphäre

der Offenheit, die schockiert und berührt.

� Klara Verthoer

Stadtkino


NATHALIe KÜSST

Dass ein einziger Kuss das gesamte Leben verändern kann, machen die Regie-Brüder

David & Stéphane Foenkinos auf romantische Weise deutlich

Nur wenige Schauspielerinnen schaffen

es, Kinopublikum und Filmkritiker

gleichermaßen zu begeistern.

Audrey Tautou gelingt dieses Kunststück

seit ihrem internationalen Durchbruch in

„Die fabelhafte Welt der Amélie“ immer

wieder – auch in ihrem aktuellen Film. Als

Titelheldin in „Nathalie küsst“ schlüpft das

Ausnahmetalent in die Rolle einer feinfühligen

aber willensstarken jungen Frau, die

mit ihren Rehaugen und dem mädchenhaften

Charme sogar Eisberge zum Schmelzen

bringt. Ein solcher ist Markus: Der hünenhafte

Büro-Angestellte ist zwar eine imposante

Erscheinung, optisch aber das Gegenteil

eines Märchenprinzen. Unscheinbar

und unauffällig schleicht er als graue Maus

durchs Leben, ist jeden Tag als erster im

Büro, um pünktlich nach Dienstschluss zu

Hause bei seinen Eltern zum Abendessen

zu sein. Völlig anders sieht der Alltag seiner

attraktiven Chefin aus, die sich nach dem

Unfalltod ihres Mannes ganz auf ihre Karriere

konzentriert, um ihren inneren Schmerz

in Arbeit zu ersticken. Kurz: Nathalie und

Markus haben nichts gemeinsam – bis auf

einen unbedachten Kuss, der das Leben der

beiden für immer verändert.

�����

Eindrucksvoll führen die Gebrüder Foenkinos

vor, wie fruchtbar die (filmische) Zusammenarbeit

von Blutsverwandten sein kann:

Während David das auf seinem gleichnamigen

Roman basierende Drehbuch schrieb,

sorgte Stéphane für die leinwandgerechte

Umsetzung.

intelligente twists Das Resultat ist

eine bezaubernde Tragikomödie, die mit

Wortwitz und intelligent platzierten Plottwists

gekonnt zwischen Drama und (Romantik-)Komödie

balanciert. Mit großer Sorgfalt

stellt das französische Filmemacher-Duo die

Liaison des ungleichen Protagonisten-Paars

auf jenen dramaturgischen Boden – der Tod

von Nathalies Ehemann –, auf dem später

eine neue Liebe sprießt. Aber was wäre

eine Leinwand-Romanze ohne Intermezzo?

An dieser Stelle kommt Bruno Todeschini

ins Spiel: Als intriganter Nebenbuhler, der

schon seit Langem ein Auge auf Nathalie

geworfen hat, verzweifelt der virile Feschak

auf sympathisch-bemitleidenswerte Weise

an Markus’ menschlichen Qualitäten.

„Er hat etwas von dem Gogol-Charakter

an sich. Er vereint in sich diese groteske

Zartheit von Figuren aus osteuropäischen

Romanen, die mich stark beeinflussen. Physisch

war er perfekt für die Rolle. Ich hatte

aber Befürchtungen, Damiens sei vielleicht

zu extrovertiert, denn Markus ist schüchtern

und diskret“, erzählt David Foenkinos über

das Casting für die männliche Hauptrolle.

Eine unbegründete Sorge, denn François

Damiens, der zuletzt in „Nichts zu verzollen“

zu sehen war, erweist sich dank markanter

Physiognomie und seinen Ecken und

Kanten als Idealbesetzung, um seiner Rollenfigur

Tiefgang und Wärme zu verleihen.

Gemeinsam mit der feenhaft wirkenden

Audrey Tautou ist es die schauspielerische

Leistung des belgischen Humoristen, die die

märchenhafte Botschaft des Films mit jener

Authentizität auflädt, die man im Blockbuster-Mainstream

zumeist vermisst: wahre

Schönheit kommt von innen – in „Nathalie

küsst“ von François Damiens.

� Jürgen Belko

NATHALIE KÜSST

F 2011. Regie: David & Stéphane

Foenkinos. Mit: Audrey Tautou,

François Damiens, Bruno Todeschini.

FILMSTART: 11. 05. 2012

celluloid 3a/2012 11

Filmladen


lu-ray und dvd

12 celluloid 3a/2012

Diane Keaton und Woody Allen in „Manhattan“ (1979), ab 25. Mai erstmals auf Blu-ray

woodY allen-collection

20 allen-KlassiKer als box und einzel-discs

Am 25. Mai bringt Twentieth Century Fox Home

Entertainment die „Woody Allen Collection“ in den

Handel. Sie enthält 20 Filme, die das Genie des Filmemachers

eindrucksvoll widerspiegeln – und jeder

einzelne ist ein Klassiker. Ein ganz besonderer

Leckerbissen: Erstmals ist auch „Stardust Memories“

dabei. Die Tragikomödie von 1980 war bei

uns noch nie zuvor auf DVD erhältlich. Außerdem

erscheint zeitgleich Woody Allens romantische Komödie

„Manhattan“ zum ersten Mal auf Blu-ray.

„Der Stadtneurotiker“ war bereits vor wenigen

Monaten auf Blu-ray erschienen.

KOMöDiant unD genie Woody Allen sagte

einmal: „Wenn man im Leben scheitert, kann das

gefährlich sein. Wenn man in der Kunst scheitert,

dann ist das peinlich.“ Doch das Schicksal des künstlerisch

Gescheiterten ist Woody Allen erspart geblieben.

Wer Lust auf einen garantiert unpeinlichen,

dafür aber rundum unterhaltsamen Querschnitt

durch das filmische Werk des kleinen großen Mannes

aus Brooklyn hat, der kann sich auf die „Woody

Allen Collection“ freuen. 20 Filme – von „Bananas“

(1971) bis „Melinda & Melinda“ (2004) – sind in der

umfangreichen DVD-Box enthalten.

Dass ausgerechnet Woody Allen in den 50er

Jahren einen Filmkurs an der New York University

hinwarf und auch als Stand-up-Comedian zunächst

nur bedingt erfolgreich war, scheint heute

fast unglaublich. Vielleicht brauchte er ja einfach

etwas Zeit, um jene selbstzweiflerische und neurotische

Wesensart zu akzeptieren, die bald darauf

zu seinem Markenzeichen werden sollte. Sicher

ist jedenfalls, dass der Mann, der eigentlich Allan

Stewart Konigsberg heißt, seit Jahrzehnten zu den

erfolgreichsten, vielseitigsten und produktivsten

Filmschaffenden der Welt zählt. Seit Mitte der 60er

Jahre liefert er mit schöner Regelmäßigkeit neue

Filme ab, die mit ebenso schöner Regelmäßigkeit

mit Kritikerlob und Auszeichnungen überhäuft

werden. Viermal alleine wurden seine Filme mit

dem Oscar ausgezeichnet, das letzte Mal im Februar

dieses Jahres.

DvD-preMiere Insgesamt umfasst die Collection

20 der erfolgreichsten Werke des Autorenfilmers.

Zum ersten Mal ist auch „Stardust Memories“

auf DVD dabei. Woody Allen spielt darin den

schrägen Filmemacher Sandy Bates, der sich auf

einem Filmfestival mit aufdringlichen Fans, Möchtegern-Drehbuchautoren

und – nicht zuletzt – mit

der holden Weiblichkeit herumschlagen muss. Zwei

der oscarprämierten Streifen Woody Allens sind

ebenfalls an Bord der Collection: „Der Stadtneurotiker“

von 1977 erhielt die begehrte Auszeichnung

gleich zweimal, in den Kategorien „Beste Regie“

und „Bestes Drehbuch“. Für das beste Drehbuch

bei „Hannah und ihre Schwestern“ durfte Allen die

Trophäe 1986 noch einmal in Empfang nehmen.

Die Filme der „Woody Allen Collection“ sind neben

der DVD-Box auch als Einzel-DVDs erhältlich.

In den Genuss aufwändiger Artworks kommen

Woody Allen-Liebhaber dabei in beiden Varianten:

Die Cover der Single-DVDs wurden in einem modernen,

einheitlichen Look neu gestaltet, die Box

liegt als hochwertiges DigiStack vor, den das stilisierte

Antlitz des Meisters ziert.

Wer nach dieser umfangreichen Woody-Werkschau

noch einen Nachschlag möchte, der kann

ihn sich mit „Manhattan“ (1979) holen. Der Film,

auf den Allen selbst am allermeisten stolz ist, gibt

es unabhängig von der Collection ebenfalls ab 25.

Mai zum ersten Mal auf Blu-ray-Disc.

Erhältlich ab 25.05.

Promotion (C) 2012 TCFHE


aMerican dad!

die 6. staffel, neu auf dvd

Wenn WAHNSINNIG KOMISCH draufsteht,

dann ist auch WAHNSINNIG

KOMISCH drin: Dafür stehen die verrückten

Komikerköpfe von Mike Barker, Matt

Weitzman und Family Guy-Schöpfer Seth

MacFarlane. Auch die sechste Staffel von

„American Dad!“, die am 25. Mai als

3-Disc-DVD-Box erscheint, strotzt wieder

vor sternübersätem Irrsinn – vor allem in

der Episode „Die verrückte Entrückung“,

wo Stan es mit dem Antichristen persönlich

aufnimmt.

Immer mit dem Finger am Abzug macht

CIA-Agent Stan Smith vor nichts Halt, um

alles zu schützen, was die Vereinigten Staaten

zu einem großartigen Land macht – von

Strip-Bars bis hin zu Amerikas Allerheiligstem,

dem Kokain. Egal, ob er buchstäblich

einem Rennpferd seinen Willen aufzwingt

oder Roger vor blutrünstigen Revolutionären

rettet - in dieser sagenhaft übertriebenen

Hommage auf die USA kennt Stan

keine Gnade, wenn es um die Segnungen

der Freiheit geht. Erhältlich ab 25.05.

futuraMa

die 5. staffel, neu auf dvd

Die Crew von Planet Express hat die Rufe

der Fans erhört: „Futurama“, die legendäre

Animationsserie von „Simpsons”-

Schöpfer Matt Groening, ist zurück und unserer

Zeit um Lichtjahre voraus! Die 5. Staffel

erscheint am 25. Mai als 2-Disc-Box.

Fry, Bender, Leela und der Rest der Gang

sind also wieder da: 13 brandneue Episoden,

die einige der heiß umstrittensten Themen

der Galaxie behandeln, inklusive Katzen-Intelligenz,

robosexuelle Ehe, Einweg-Zeitmaschinen

und Evolution… Schließlich erfährt

die Planet Express-Crew auch noch die wahre

Bedeutung von Weihnachten, Robanukka

und Kwanzaa…

Die DVD-Box bietet auch jede Menge Bonusmaterial:

So gibt es unter anderem Audiokommentare,

entfallene Szenen, die Featurettes

„Die Entstehung des Superhits ‚Shut

up and love me‘“, „Was bisher geschah“,

und „Die Abenteuer von Lieferjungen-Man“

von Philip J. Fry, sowie das „Bieg es wie

Bender“-Musikvideo und die „Im Körper des

Freundes“-Skriptlesung Erhältlich ab 25.05.

celluloid 2a/2012 13


abspann

iM Mai & juni 2012

14 celluloid 3a/2012

Skurriler Humor von Wes Anderson: Zwei junge Pfadfinder büchsen 1965 aus einem Sommercamp aus, die Erwachsenen beginnen eine aufwändige Suche. Mit Bruce Willis, Ed Norton, Bill Murray und Tilda Swinton.

1mooNRISe KINGdom von Wes Anderson - ab 25.05. im Kino

5

die

Top

der

Redaktion

Ein kleines Mädchen gibt sich bei Freunden

3

TomBoy

ab 04.05. im Kino

als Bub aus.

Lars Eidinger und Peri Baumeister als Geschwister Georg und Grete Trakl, die mehr als nur

2 TABU

von christoph stark - ab 15.06. im Kino

4

Pierre Richard und Jane Fonda entkommen

UNd WeNN WIR ALLe

zUSAmmeNzIeHeN?

ab 22.06. im Kino

celluloid Nr. 3/2012 ist ab 30. April 2012 im gut sortierten zeitschriftenhandel erhältlich!

dem Altersheim.

Komödie: Jean Reno als Sternekoch, dessen

5 Fotos:

KoCHeN IST

CHeFSACHe

ab 07.06. im Kino

Geschwisterliebe füreinander empfinden.

Ruf auf dem Spiel steht.

Tobis; Filmladen (2); Thimfilm; Constantin


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