Offen für Neues

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Querspur - das Zukunftsmagazin des ÖAMTC

Querspur Das Zukunftsmagazin des ÖAMTC

Ausgabe 10/2016

Offen für Neues

Offen für Neues

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offen für neues

Quellen: 1. Nature Neuroscience

Wo ist das

Zentrum der Neugier

im menschlichen Gehirn?

Wissenschafter haben herausgefunden,

dass das Zentrum der Neugier und damit der

Ausgangspunkt von Innovation im Gehirn nicht

einer bestimmten Hirnregion zuzuordnen ist.

Vielmehr geht es um die Verbindungsstärke

bestimmter Hirnregionen. Neugierige Menschen

zeichnen sich vor allem durch eine besonders

gut funktionierende Verbindung von

Striatum (Sitz des Belohnungssystems) und

Hippocampus (für bestimmte

Gedächtnisfunktionen

zuständig) aus. 1

Was ist der

Unterschied zwischen

Invention und Innovation?

Was ist Neugier?

Das Lexikon der Psychologie definiert

Neugier als einen Zustand, „der einhergeht

mit einer erhöhten Bereitschaft eines Organismus,

sich neuen, ungewohnten und komplexen Situationen

und Objekten auszusetzen bzw. diese aktiv aufzusuchen“.

Es kann zwischen epistemischer und perzeptiver Neugier

unterschieden werden. Bei Ersterer geht es um den reinen

Erkenntnisweg (griech.: epistéme, dt.: Wissen, Erkenntnis).

Diese Art der Neugier wird ausgelöst, wenn sich

eine Person gedanklich mit Dingen beschäftigt und

diese verstehen will.

Perzeptive Neugier (lat.: percipere, dt.: wahrnehmen)

hingegen entsteht in einer Situation, in der man über

eine Wahrnehmung sofort dazu angeregt ist,

mehr über eine Sache zu erfahren. Etwa

wenn ein Kind vor einer Baustelle steht

und sich diese in der Situation

genau ansehen

möchte.

Eine Invention ist eine Erfindung.

Hierbei kann es sich um eine bloße Idee,

um eine auf wissenschaftlicher Methode

erforschte Erkenntnis oder um eine konkrete

Konzeptentwicklung bis hin zum Prototypen

handeln. Die Invention ist jedoch in der

vormarktlichen Phase verankert.

Erst wenn die Invention produziert und

erfolgreich im Markt platziert ist,

spricht man von

Innovation.

Impressum und Offenlegung

Medieninhaber und Herausgeber

Österreichischer Automobil-, Motorrad- und Touring Club (ÖAMTC),

Schubertring 1-3, 1010 Wien, Telefon: +43 (0)1 711 99 0

www.oeamtc.at

ZVR-Zahl: 730335108, UID-Nr.: ATU 36821301

Vereinszweck ist insbesondere die Förderung der Mobilität unter

Bedachtnahme auf die Wahrung der Interessen der Mitglieder.

Rechtsgeschäftliche Vertretung

DI Oliver Schmerold, Verbandsdirektor

Mag. Christoph Mondl, stellvertretender Verbandsdirektor

Konzept und Gesamtkoordination winnovation consulting gmbh

Chefredaktion Dr. Florian Moosbeckhofer (ÖAMTC),

Dr. Gertraud Leimüller (winnovation consulting)

Chefin vom Dienst Silvia Wasserbacher-Schwarzer, BA, MA

Mitarbeiter dieser Ausgabe Dipl.-Bw. Maren Baaz, Ancuta Barbu,

Catherine Gottwald, Margit Hurich, Mag. (FH) Christian Huter, Mag. Claudia Kesche,

Mag. Astrid Kuffner, MMag. Ursula Messner, Dr. Daniela Müller, Dr. Ruth Reitmeier,

DI Anna Vardai, Silvia Wasserbacher-Schwarzer, BA, MA, Armin Winter

Fotos Karin Feitzinger; Umschlag: Karin Feitzinger

Grafik Design, Illustrationen Drahtzieher Design & Kommunikation, Barbara Wais, MA

Korrektorat Mag. Christina Preiner, vice-verba

Druck Hartpress

Blattlinie Querspur ist das zweimal jährlich erscheinende Zukunftsmagazin des ÖAMTC.

Ausgabe 10/2016, erschienen im Oktober 2016

Download www.querspur.at


Foto: © Karin Feitzinger

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Heute

Mit anderen Augen

gegen den Strom

Aus der eigenen Welt ausbrechen,

um Neues zu schaffen.

Von Ruth Reitmeier

Sesam öffne dich

Organisationen müssen sich schon

heute für Innovationsaktivitäten öffnen,

um auf der Überholspur zu bleiben.

Von Silvia Wasserbacher-Schwarzer

Meine Idee

Externe Ideengeber der ÖAMTC

Future Challenge im Portrait.

Von Astrid Kuffner

Futurnauten

Die Jury-Mitglieder der ÖAMTC

Future Challenge im Interview.

Von Catherine Gottwald

Der Schlüssel zum Erfolg

Ob sich eine Innovation auf dem Markt

durchsetzt, hängt von vielen Faktoren

ab. Mitunter auch vom Zeitalter,

in dem sie geschaffen wird.

Von Astrid Bonk

Zeichen der Zeit

Bald wird Europa zum Eldorado

für Start-ups.

Von Silvia Wasserbacher-Schwarzer

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Foto: © shutterstock Foto: © Günther Huck

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Illustration: © Barbara Wais

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offen für neues

Wie wichtig ist den

Österreichern Wissenschaft?

Eine Studie im Auftrag des

Wissenschaftsministeriums (BMWFW) ergab,

dass 92 % der Befragten (2.000 Erwachsene)

Wissenschaft in Bezug auf Arbeitsplätze in Österreich

und den Wirtschaftsstandort insgesamt als sehr

wichtig oder eher wichtig beurteilen. Der Einfluss von

Wissenschaft auf das internationale Ansehen,

den Wohlstand und das tägliche Leben in Österreich

wird ähnlich hoch bewertet. Können sich die

Menschen vorstellen, auch privat Geld für

Wissenschaft und Forschung zu spenden?

Dieser Frage stimmten

acht Prozent voll zu, 28 Prozent

stimmten eher zu. 1

Was ist STARTS?

STARTS

(SCIENCE + TECHNOLOGY + ARTS)

ist ein von der Ars Electronica in Linz und im

Auftrag der Europäischen Kommission

ausgeschriebener Preis, der Projekte an der

Schnittstelle von Wissenschaft, Technologie und

Kunst auszeichnet. Der Hintergrund:

Jene Kunstprojekte sollen prämiert werden,

die als Katalysator angesehen werden, um

wissenschaftliches und technologisches Know-how

in der breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen

und innovative Prozesse anzustoßen.

Dotiert ist der STARTS-Preis mit

zwei Mal 20.000 EUR.

www.starts-prize.aec.at

Was ist

Citizen Science?

Als Citizen Science wird eine

Arbeitsmethode bezeichnet, bei der

wissenschaftliche Projekte partizipativ mit

interessierten Amateuren durchgeführt werden. 2

Längere Tradition hat dies in der Vogelkunde oder

Astronomie, wo es um die Erfassung und Verarbeitung

sehr großer Datenmengen geht. In jüngerer Zeit wurde

Citizen Science auch auf andere Bereiche übertragen.

Etwa wird die Crowd nach spezifischen Lösungen für

sehr konkrete Fragestellungen, z. B. für neue Algorithmen,

gefragt. Aber auch in der Wissenschaft können

Laienforscher unter dem Stichwort

„partizipative Forschung“ einen großen Beitrag

leisten und schon in sehr frühen Phasen

eingebunden werden. Zum Beispiel in der

Themensetzung und Formulierung von

Forschungsfragen.

Quellen: 1. Wissenschaftsmonitor 2015; 2. citizen-science.at

Seit wann gibt

es Citizen Science?

In seiner heutigen, digital unterstützten

Form erst seit wenigen Jahren. Die Idee dazu

ist aber nicht neu. Als eines der ersten Citizen

Science-Projekte kann der Christmas Bird Count

(dt.: Wintervogelzählung) angesehen werden, der

im Jahr 1900 das erste Mal durchgeführt wurde.

Anstatt der Tradition nachzugehen und Vögel zu

jagen, schlug der US-amerikanische Ornithologe

Frank M. Chapman vor, die Vögel zu zählen.

Heute nehmen an den jährlich stattfindenden

Vogelzählungen mehrere zehntausend

Hobbyornithologen in den

USA und Kanada teil.

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Morgen

Mengenlehre

Crowdsourcing wird in Zukunft immer

öfter eine Rolle spielen. Die Methode

ist aber kein Allheilmittel.

Von Ruth Reitmeier

Kein Stau mehr auf

der letzten Meile

Das letzte Wegstück in der Lieferkette

von Onlinebestellungen muss neu

gedacht werden.

Von Daniela Müller

Kunst zeigt neue Wege auf

Über Kunst, die Innovation anstößt.

Christopher Lindinger von der Ars

Electronica im Interview.

Von Catherine Gottwald

Wissenschaft zum Mitmachen

Open Innovation in der Wissenschaft.

Drei Pioniere der Citizen Science im

Interview.

Von Astrid Kuffner

Ab in den Urlaub

Wie könnte eine Reise mit der Familie

in Zukunft aussehen, wenn Ideen

aus der ÖAMTC Future Challenge

umgesetzt sind?

Von Johanna Stieblehner

Zeit ist Geld

Das fahrerlose Auto wird das

Verkehrssystem verändern.

Insassen wie Umwelt müssen sich auf

die neue Art des Transports einstellen.

Das wird dauern.

Von Daniela Müller

Gesund werden in

einer zweiten Welt

Die Rehabilitation der Zukunft wird

vermehrt auf virtuelle Realitäten und

Maschinen setzen, die dem Menschen

individuelles Feedback geben.

Von Ruth Reitmeier

Start-ups

Spannende Ideen zum

Thema „Offen für Neues“.

Von Ancuta Barbu

Die Kleidung denkt mit

Smart-Clothes – Kleidung, die durch

verwebte Hightech immer klüger

wird und mitunter vor falschen

Bewegungen warnt.

Von Armin Winter

Foto: © Karin Feitzinger

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Foto: © waverlylabs.com Foto: © Florian Voggeneder

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Mit

anderen

Augen

gegen

den

Strom

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Foto: © Karin Feitzinger


Neues vollBRINGt, wer bereIT dazu ist, auszubreCHen,

MIT den Augen anderer zu sehen und bei BeDArf in die

TrICKKIste der PsyCHOLOGIe zu greifen. Von Ruth Reitmeier

In einer Wiener Bankfiliale hängt ein

Bildschirm. Dort läuft das Security-

Programm, das die Aktivität des Eingangsbereichs

filmt und zeitgleich

abspielt. Ein vielleicht fünfjähriges

Mädchen beäugt zunächst fasziniert

ihre Reflexion und beginnt dann wie

vor einer interaktiven Spielkonsole

zu tanzen. Da die Musik fehlt, singt

sie selbst. Sie legt eine ziemlich gute

Show hin, die endet, sobald ihr Vater

seine Bankgeschäfte erledigt hat.

Was dieses Beispiel zeigt: Das Kind

hat es verstanden, einer Sicherheitseinrichtung

einen ganz anderen

Zweck zu verleihen, nämlich dem

der Unterhaltung zur Überbrückung

langweiliger Wartezeit.

TrADITIOn ist

MAnCHMAL auch

ein Hindernis

Unkonventionelle Ideen sind heute

in fast allen Berufen und Branchen

gefragt, doch das ist gerade in festgefahrenen

Strukturen ein Widerspruch

in sich. Tatsächlich führen

Organisationen mit ihren tradierten

Handlungsweisen nicht selten zu

einer Fixiertheit der Belegschaft.

Genau zu wissen, wie der Hase läuft

und verinnerlichte Regeln stehen der

Innovation im Weg. Das so oft geforderte

„thinking outside the box“

ist schwierig, wenn man im „Kastl“

drinnen ist. In hochspezialisierten

Fachabteilungen lässt es sich, wie

es im Volksmund heißt, ungestört

„im eigenen Saft schmoren“. Experten

neigen dazu, auf ihr Tun so fixiert zu

sein, dass sie keine Veranlassung

sehen, Informationen mit anderen, die

noch dazu weit weniger als sie selbst

vom Fach verstehen, zu teilen. So soll

es schon vorgekommen sein, dass

in Großkonzernen zwei Abteilungen

parallel an der Entwicklung desselben

Produkts gearbeitet haben

und es Monate dauerte, bis dies ans

Tageslicht kam.

Silodenken

verhindert neue

Ideen und sCHAfft

so manCHes PrOBLem

In der Managementliteratur nennt sich

dieses Phänomen „Silodenken“ – ein

etwas sperriger Begriff für das gängigere

Wort „Inseldenken“. Die britische

Finanzjournalistin Gillian Tett

analysiert die Auswirkungen dieses

Denkens in ihrem aktuellen Buch

„The Silo Effect“. Ihr Ausgangspunkt

war die Finanzkrise 2008, für die Tett

zu einem guten Teil Inseldenken verantwortlich

macht. Nicht nur, dass,

wie sich herausstellte, Abteilungen

großer Finanzinstitutionen nicht miteinander

kommunizierten, operierte

die Bankenwelt insgesamt in sich abgeschottet.

Tett betont zwar, dass Silos durchaus

ihre Berechtigung haben, dass es

Kompetenzzentren braucht – denn

wer will sich schon vom Orthopäden

am offenen Herzen operieren lassen –,

sie zeigt zugleich viele Fälle auf, wo es

sinnvoll war, Fachbereiche zu öffnen

und das Inseldenken zu überwinden.

Nicht zu

unterschäTZen:

Die Lösungsideen

VOn FachfreMDen

Denn Fachfremde sehen Probleme

und ihre Lösungen mitunter glasklar,

die Experten mit Tunnelblick nicht

wahrnehmen. Zuviel Wissen kann der

Innovation durchaus im Wege stehen,

nicht zuletzt deshalb, weil Dogmen

verinnerlicht und mit dem Wissen

verknüpfte Denkweisen als unveränderlich

angesehen werden. Es gibt

zahlreiche Beispiele in der Wissenschaftsgeschichte,

wo echte Durchbrüche

von Fachfremden geleistet

wurden. Inzwischen haben führende

Forschungs institutionen wie z. B. die

US-Raumfahrtbehörde NASA auch

dieses Problem erkannt und laden Tüftler

aus ganz anderen Fachgebieten und

aller Welt dazu ein, ihre Probleme zu lösen

(siehe Artikel „Mengenlehre“, S. 14).

KreATIVITät

entsteht nICHT

auf KnopfdruCK

Eine unkonventionelle Lösung ist

gesucht. Was tun? Die Aufgabenstellung

erfordert einen Geistesblitz,

doch der bleibt aus. Eine Idee muss

her, eine ganz andere. Da stellt sich

zunächst einmal die Frage, ob man

dann eigentlich der/die Richtige für

den Job ist. Denn wenn eine völlig

andere Lösung gefragt ist, braucht

es ja vielleicht jemand anderen dafür,

den man sich kurzfristig dazu holen

könnte. Oder zumindest einen anderen

Zugang. Wenn der Druck steigt

und trotzdem nichts kommt, hilft es

vielleicht, sich bewusst zu machen,

dass es keine Faustregel für Kreativität

gibt.

Es gibt nicht nur einen Weg, doch ein

ganz guter ist Blaumachen. Man soll

ja schließlich entspannt an die Sache

herangehen. Macht man sich jedoch

mit dem fixen Plan nachmittags ins

Freibad auf, dass einem dort beim

Slalomschwimmen durch aufgekratzte

Kinder der zündende Gedanke kommen

wird, ist das gemogelt und wird

vermutlich nicht funktionieren. Denn

die wirklich guten Einfälle passieren,

wenn man eben nicht mit ihnen rechnet.

Spontan. So bleiben vom geschwänzten

Nachmittag im Freibad

vermutlich ein leichter Sonnenbrand

und die hohen Preise am Kiosk in

Erinnerung, der Geistesblitz aber aus.

Offen für Neues

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Man sollte sich wohl wilder, instinktiver

ins Abenteuer des Neuen stürzen

und in der Art von Werbeguru Don

Draper, dem Helden der TV-Serie

Mad Men, an die Dinge herangehen.

Der setzt sich dann eben ins Auto und

fährt drauflos, begegnet neuen Menschen,

sammelt Erfahrungen, um am

Ende mit einer brillianten Idee für eine

Werbekampagne in die New Yorker

Agenturwelt zurückzukehren. Don

Draper hat es natürlich leicht, denn er

ist ein fiktiver Charakter, der sich die

ausgedehnten Spritztouren erlauben

kann. Denn einen Nachmittag einfach

die Arbeit zu schwänzen ist das eine,

sich jedoch wie Don über Wochen aus

dem Staub zu machen, um sein eigenes

Roadmovie zu leben, eine ganz andere

Liga der Verantwortungslosigkeit, die

nicht jedem möglich ist.

DisTAnz zum eIGenen

ICH aufbauen und

MIT anderen Augen

sehen

Wie kann man dennoch den Trott

ausbremsen und zu neuen Ufern

aufbrechen? Inzwischen ist ganz gut

erforscht, wie man dem kreativen

Denken auf die Sprünge helfen kann –

etwa durch Perspektivenwechsel.

Wer stets in den gleichen gedanklichen

Bahnen nach einer neuen Idee

sucht, wird sie vermutlich nicht finden.

Es empfiehlt sich, ab und an die Welt

mit anderen Augen zu sehen. Aus der

Psychologie wissen wir: Es ist vor

allem das Ich, das uns dabei im Wege

steht. Doch um anders zu denken,

müssen wir zwischenzeitlich zum

Ich auf Distanz gehen und uns vorstellen,

wir seien jemand anders.

Durch solche Ausflüge der Fantasie

läuft der Mensch aber nicht gleich

Gefahr, beim Psychiater zu landen.

Rollenwechsel ist schließlich des

Schauspielers täglich Brot.

GrieCHenland als

sTICHWOrt der

ImaginATIOn

Distanz wirkt. Um Ideen auf die

Sprünge zu helfen, kann es schon

reichen, sich vorzumachen, dass der

Aufgabensteller oder Auftraggeber

ein ganz anderer ist, am besten aus

einem weit entfernten Land. Das

Wissenschaftsmagazin „Spektrum“

berichtet von einem Experiment, das

der Psychologe Lile Jia an der Indiana

University (USA) durchführte. Er beauftragte

zwei Gruppen von Studenten,

sich möglichst viele Transportmittel

vorzustellen. Einer Gruppe gab er

noch mit, dass die Aufgabenstellung

von Griechen erdacht wurde. „Griechenland“

reichte, um die Fantasie der

Studenten auf Reisen zu schicken.

Das Team erdachte neben dem

Standardprogramm einige unkonventionelle

Transportmittel wie die Meditation

oder Fortbewegung durch Radschlag.

Träumen als

Ideen-TurBO

Lässt der rettende Geistesblitz aber

auf sich warten, ist es wichtiger denn

je, gut zu schlafen. Der Beweis ist

zwar noch nicht eindeutig erbracht,

jedoch geht die Forschung davon aus,

dass in traumreichen Tiefschlafphasen

bestimmte, für die Impulskontrolle

wichtige Gehirnregionen quasi dicht

machen. Beim angeregt Träumenden

sind also Kontrollsysteme heruntergefahren

und das entfesselte Gehirn

verknüpft Informationen miteinander,

die im Wachzustand wohl nicht zustande

kämen. Fazit: Tief zu schlafen

tut der Kreativität richtig gut. Und

wenn trotz allem gar nichts kommt,

empfehlen Experten, dazwischen an

etwas anderem zu arbeiten. Das Neue

lässt sich eben nicht erzwingen.

In anderen

fACHGebieten

nACH Ideen sTÖBern

Multi(fa)kulti ist ein bewährtes Ambiente

für Innovation. Der Unternehmensberater

Frans Johansson zeigt

in seinem Buch „The Medici Effect“,

dass Kollisionen oder auch Kombinationen

unterschiedlicher Fachgebiete

Innovation hervorbringen. Die Menschen

hinter den großen Ideen

be geben sich mitunter durchaus

bewusst an interdisziplinäre Überschneidungspunkte,

um dort ihre

kreative Kraft zu entzünden. Wie

etwa Architekt Mick Pearce, der

durch die Verknüpfung von menschlichem

Planen und jenem der Natur

bahnbrechende Bauten geschaffen

hat, wie den Büro- und Shoppingkomplex

Eastgate Centre in Harare

(Simbabwe), der ohne Klimaanlage

auskommt und trotzdem eine Innentemperatur

von 22 bis maximal 25

Grad hält. Pearce dienten dabei die

Prinzipien des Termitenbaus als Vorbild.

Das genaue Gegenteil

denken, um auf Neues

zu kommen

Johansson teilt ein paar Tricks mit

seinen Lesern, wie man aus der

Spur denkt oder etwa das genaue

Gegenteil von gesicherten Fakten

anzunehmen. Das funktioniert so:

Wir wissen, dass im Restaurant Essen

serviert wird. Die entgegengesetzte

Behauptung lautet also: Im Restaurant

wird kein Essen serviert. Und

dies kann der Grundstein eines Geschäftsmodells

sein, wo Gäste ihr

eigenes Essen mitbringen und dafür

bezahlen, dass sie in einer schönen

Location mit Freunden zusammenkommen.

Das Neue in die WeLT

zu bringen, ist nICHT

leICHT

Doch machen wir uns nichts vor,

gegen den Strom zu schwimmen ist

schwer, Gruppendruck und Anderssein

stresst. Routine hingegen garantiert

einen reibungslosen Alltag in der

Komfortzone ohne allzu hohe Wellen

und tiefe Konflikte. Mit völlig neuen

Konzepten tun sich viele Menschen

schwer und oft auch mit den Menschen,

die sie parat haben. Der Wissenschaftsjournalist

Jürgen Schaefer

bringt es auf den Punkt, wenn er

meint, Querdenker seien oft erst dann

populär, wenn sie lange genug tot

sind, im eigenen Team schätze man

sie eher nicht. Zugleich braucht die

Menschheit aber die unbequemen

Spinner. Denn ohne Querdenker

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Foto: © Karin Feitzinger

Nicht selten nimmt man aufgrund des eigenen Silodenkens nur einen kleinen Ausschnitt der Realität wahr.

Durch die Brille eines anderen zu schauen, eröffnet oft einen ganz neuen Horizont.

säßen wir vermutlich noch in der

Höhle. Alles, was wir heute wissen,

war einmal gedankliches Neuland.

Kreativität ist laut dem deutschen

Physiker und Nobelpreisträger Gerd

Binnig im Wesentlichen die Fähigkeit

zur Evolution.

GrOsse

Wissenschafter

MITunter verKAnnt

In der Geschichte der Wissenschaft

wimmelt es von Fällen großer Denker,

die zu ihren Lebzeiten für verrückt erklärt

wurden, darunter Galileo Galilei,

der das Weltbild neu erfand, oder der

Entdecker des Kindbettfiebers, Ignaz

Semmelweis. Gerd Binnig beschreibt

in seinem Buch „Aus dem Nichts“,

dass ihm und den beiden anderen Erfindern

des Rastertunnelmikroskops,

für das die Wissenschafter 1986 den

Nobelpreis entgegennahmen, zwar

nicht gerade mit Scheiterhaufen oder

Irrenanstalt gedroht wurde, doch

auch ihnen schlug offene Aggression

aus Teilen der Scientific Community

entgegen. „Es sind Leute zu uns

ins Labor gekommen und haben uns

angeschrien, wir seien Lügner“, erinnert

sich Binnig noch Jahre später.

Der Physiker beschreibt die psychologischen

Barrieren im wissenschaftlich-kreativen

Prozess anhand der eigenen

Erfahrung: Das Konzept des

Rastertunnelmikroskops war entwickelt,

dann wurde es gebaut. Die Realisierung

hatte bereits fast ein Jahr an Zeit,

Werkstattkosten und Arbeitseinsatz

verschlungen, als sich das Erfinderteam

eingestehen musste, dass es

den falschen Weg eingeschlagen

hatte. Das Ding funktionierte nicht.

Die Angst vor der

ReAKTIOn anderer

heMMT Innovation

Dies sei laut Binnig der wichtigste

und zugleich schwerste Entschluss in

der gesamten Entwicklung gewesen.

Denn nicht nur die Mechaniker, sondern

die Wissenschafter selbst waren

von sich enttäuscht. Sie brachen also

die Arbeit am Prototyp ab, ohne

Garantie, dass sie es beim nächsten

Anlauf besser machen würden.

Binnig betont, dass es, wenn auch

sinnlos, viel leichter gewesen wäre,

noch eine Zeit lang daran herumzudoktern.

Sein Fazit: Die Angst vor

Verachtung führt dazu, dass wir oft

Dinge tun, von denen wir wissen,

dass sie unsinnig sind. Im konkreten

Fall nahm die Geschichte ein gutes

Ende, der Neustart führte letztlich

dazu, dass das Rastertunnelmikroskop

den Nobelpreis für Physik abräumte.

Nach einer fALsCHen

EntsCHeidung

einfACH eine neue

treffen

Ob man nun offen für das Neue ist,

ist vor allem eine Lebenseinstellung.

Das Geheimnis von Menschen, die

mit dieser Grundhaltung durch ihr

Leben gehen und sich nicht vor dem

Neuen drücken, liegt nicht zuletzt

darin, ihm wertfrei zu begegnen.

Steht eine größere Entscheidung an,

die vieles verändern wird, vertrauen

sie zudem darauf, dass man, sollte

sich diese zuletzt gefällte Entscheidung

als Fehler herausstellen, ja

auch wieder eine neue treffen kann. •

Offen für Neues

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Sesam

öffne

dich

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Foto: © Karin Feitzinger


In einer digitalisierten Welt mit hochdynAMIsCHen MarKTstruKTuren

sind alte LösuNGen für neue PROBleme keINe Option meHR.

Wenn sICH OrGAnisATIOnen zu InnovationsZWeCKen nicht öffnen,

sind sie auf der VerLIererstrAsse. Neues von aussen hereinzuHOLen,

ist aber auCH kein SpazierGAng.

Von Silvia Wasserbacher-Schwarzer

Der Chauffeur-Dienstleister Uber besitzt

keine Fahrzeugflotte, der Online-

Videodienst und Filmproduzent Netflix

keine Kinosäle, der Telefondienst

Skype keine Telefon-Infrastruktur. Nur

drei Beispiele für Unternehmen, die

mit innovativen Geschäftsmodellen

Erfolg haben. „Wenn Organisationen

glauben, dass sie sich der Digitalisierung

und den damit einhergehenden

sehr schnellen sozialen und gesellschaftlichen

Veränderungen entziehen

können, sind sie am Holzweg“,

bringt es Werner Wutscher, Founder,

Unternehmer und Start-up-Experte

auf den Punkt. „Märkte und Gesellschaft

entwickeln sich in einem sehr

hohen Tempo. Dem können Unternehmen

nur schwer nachkommen. Schon

gar nicht, wenn sie sich nur auf interne

Innovationsprozesse verlassen.“

„CuLTure eATs strATegy

for breAKfast“ –

Unternehmenskultur

KAnn innovationshemmend

wirken

Öffnung für Innovationszwecke

ist nicht immer leicht. Kleineren

Unternehmen fehlt es oftmals an

Ressourcen. Große Unternehmen

sind vor allem kulturell und mit ihren

Compliance-Richtlinien oft meilenweit

davon entfernt, auf schnellen Input

von außen zu reagieren – sei es über

Crowdsourcing-Prozesse, über den

Input von Lead Usern, bzw. Experten

(Anm.: besonders fortschrittliche

Anwender, die für sehr spezifische

Innovationsfragen gesucht und

konsultiert werden können), oder

über die Zusammenarbeit mit Startups.

Und dennoch: Einige Organisa-

tionen haben den Schritt bereits gewagt,

weil sie erkannt haben, dass

neue Probleme nicht mit alten Lösungen

bedient werden können. Die

Fraunhofer-Gesellschaft befragte

etwa gemeinsam mit der University of

California in Berkeley 125 Führungskräfte

aus Unternehmen in Europa

und den USA, wie sie Open Inno vation

(Anm.: offene Innovationsprozesse)

praktizieren. 78 Prozent der

Befragten gaben an, seit mehreren

Jahren einem offenen Innovationsansatz

zu folgen. Keines dieser Unternehmen

ist bisher zum rein geschlossenen

Ansatz zurückgekehrt.

Offene Innovation

ist nICHT den

GrOssKOnzernen

VOrbehalten

In die Reihe bekannter Großkonzerne

und Multis, die offene Innovationsprozesse

fest in ihr System integriert haben

– etwa Siemens, Coca Cola oder

Nestlé, reihen sich auch immer mehr

kleinere Unternehmen, NGOs und

Vereine ein. Etwa der ÖAMTC. Als

größter Verein Österreichs mit über

zwei Millionen Mitgliedern und einer

120-jährigen Geschichte hat der Mobilitätsclub

im Herbst 2015 mit der

Planung eines Crowdsourcing-Prozesses

begonnen. Unter dem Titel

„ÖAMTC Future Challenge“ wollte

er sich als Mitgliederorganisation an

eben diese und die breite Öffentlichkeit

wenden. „Wir leben in einer Zeit,

in der auch Mobilität einem starken

Veränderungsprozess unterworfen

ist. Es war klar, dass wir in die Frage,

was wir tun können, um bei unseren

Mitgliedern relevant zu sein und auch

zu bleiben, die Mitglieder selbst miteinschließen

müssen“, erklärt Florian

Moosbeckhofer, Leiter der Abteilung

Innovation und Mobilität im ÖAMTC.

Über eine eigens eingerichtete

Crowdsourcing-Plattform konnten

alle Interessierten im Zeitraum April/

Mai 2016 ihre Ideen zur Frage „Wie

kann der ÖAMTC Menschen in ihrer

Mobilität künftig noch besser unterstützen?“

einreichen. „Wir haben

nicht nur 450 Ideen und Konzepte

erhalten, die inhaltlich sehr interessant

waren. Es wurde uns auch vermittelt,

wie der ÖAMTC wahrgenommen

wird.“ Viele Ideen beziehen sich

auf Services, die nur dann funktionieren,

wenn Kunden dem Anbieter stark

vertrauen. Etwa der Vorschlag, dass

der ÖAMTC einen Schlüssel-Notfalldienst

anbieten solle: Man hinterlegt

einen Zweitschlüssel beim ÖAMTC.

Schließt man sich aus der eigenen

Wohnung aus, so könnte man einen

Gelben Engel rufen, der zur Adresse

kommt und nach Identitätsüberprüfung

den Schlüssel aushändigt. Hintergrund

der Idee sei einerseits die

ständige Erreichbarkeit des ÖAMTC,

die bei Freunden und Nachbarn nicht

gegeben ist. Zusätzlich würden teure

Sicherheitsschlösser durch ein nötiges

Aufbrechen durch einen Schlüsseldienst

nicht beschädigt werden.

NeTZWerkgeseLLsCHAft

verLAnGT Öffnung

In Österreich sind es noch nicht

sehr viele Organisation, die sich für

Innova tionszwecke öffnen, „obwohl

wir durch die Digitalisierung und

Globalisierung in einer Netzwerk-

Offen für Neues

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Foto: © Schindler AG

Innovation durch Öffnung: Der Fahrtreppenhersteller Schindler AG mit Niederlassungen auf der ganzen Welt und

vielen Jahrzehnten an Tradition holt sich Innovations-Know-How auch aus analogen Märkten – Bereiche fern der

eigenen Branche mit ähnlichen Problemstellungen, die bereits über interessante Lösungen verfügen.

gesellschaft leben und die Voraussetzung

für Austausch und Kooperationen

gegeben wären“, wie Ursula

Maier-Rabler es beschreibt. Die

stellvertretende Leiterin der Abteilung

Center for Information and Communication

Technologies & Society im

Fachbereich Kommunikationswissenschaft

der Universität Salzburg beschäftigt

sich schon lange mit diesem

Thema. Umgelegt auf Organisationen

bedeute dies, dass ein isoliertes Arbeiten

künftig nicht mehr funktioniere.

GesCHLOssene Türen

aus Angst vor dem

Machtverlust

„In Österreich stehen wir aber vor der

kulturell bedingten Herausforderung,

dass man dem Teilen von Wissen und

Information eher skeptisch gegenübersteht.

Man hat Angst vor einem

ökonomischen Machtverlust.“ Fortschrittlichere

Informationskulturen,

wie Maier-Rabler sie nennt, fände

man in skandinavischen Ländern

wie Schweden, aber auch in England,

Irland und den USA. Begründet sei

das mitunter in einer protestantischen

Wirtschaftsauffassung, bei der der

Erfolg des Einzelnen als positiv empfunden

werde.

Interne ErWArtungen

sind heMMnisse in

innOVATIOnsprojeKTen

Ob eine offene Innovationsoffensive

gelingt, hängt mitunter auch ganz

stark von internen Prozessen und der

Innovationskultur einer Organisation

ab, etwa von den Erwartungen verschiedener

Abteilungen die Ergebnisse

betreffend. Eine Studie der

Fachhochschule Wels in Oberösterreich

ergab, dass interne Interessenskonflikte

zwischen beteiligten Abteilungen

für enttäuschte Erwartungen

sorgen können: Versteht das Marketing

ein Crowdsourcing-Projekt vor allem

als Online-Kommunikation mit hohem

Aufmerksamkeitsfaktor, erwartet die

Produktentwicklung umsetzbare Innovationsideen.

Um das zu über brücken,

braucht es gezieltes Training für die

Mitarbeiter. Die Lappeenranta University

of Technology in Finnland

entwickelte beispielsweise ein Open

Innovation Competence Model mit

26 Kernkompetenzen, die es sich als

Mitarbeiter anzueignen gilt: Unter

anderem sind darin Collaboration

Skills (z. B. Networking, Aufbau von

Vertrauen), Explorative Skills (z. B.

Flexi bilität, Fehlertoleranz) und

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Foto: © Karin Feitzinger

Organisationen können sich vor

globalen Vernetzungen nicht

mehr abschotten. Wer den Anschluss

nicht verpassen will, muss offen sein

und auch außerhalb seiner Organisation

nach Neuem suchen.

sogenannten exploitative Skills

(Management von Schutzrechten,

Verhandlungsgeschick) enthalten.

Schindler

fAHrtrePPen

arbeitet seit

jAHren mit offenen

InnOVATIOnsmeTHODen

„Mutig sein, Risiko eingehen, Fehler

zulassen“, sind aus Wutschers Erfahrung

die größten Herausforderungen

für Organisationen, die sich zum ersten

oder mitunter zweiten Mal zu Innovationszwecken

nach außen hin

öffnen. Einer, der dies bereits hinter

sich hat, ist Thomas Novacek. Der

Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung

des Fahrtreppenherstellers

Schindler AG mit Niederlassungen

auf der ganzen Welt sieht in

der Öffnung vor allem eines: Den entscheidenden

Wettbewerbsvorteil.

„Wir haben schon einige Open Innovation-Projekte

durchgeführt. Innovation,

abgeschottet von der Außenwelt,

würde für uns nicht funktionieren.“

GesCHLOssene

InnOVATIOn

aufgrund globalen

WeTTBewerbs nICHT

mehr möglich

Der globale Wettbewerb sei enorm –

ob im High-End-Bereich, in dem

es vor allem um qualitativ sehr

hochwertige Produkte gehe, oder im

Low-End-Bereich, in dem vor allem

der Preis das Geschäft bestimme.

„Wenn wir da mithalten wollen, vor

allem mit der Konkurrenz aus China,

müssen wir schauen, was um uns

herum passiert.“ Ein Blick in sogenannte

analoge Märkte sei oft sehr

gewinnbringend. Dabei handelt es

sich um Bereiche fern der eigenen

Branche mit ähnlichen Problemstellungen,

die jedoch bereits über interessante

Lösungen verfügen. Daraus

kann man lernen. Novacek, der während

seines Studiums an der US-

Elite-Universität MIT in Boston erstmals

mit Open Innnovation-Methoden

in Kontakt gekommen ist, schätzt den

Vorsprung auf die Konkurrenz durch

die Anwendung von Open Innovation-

Methoden und -Prinzipien in der täglichen

Entwicklungsarbeit auf mehrere

Jahre.

TransdisZIPLInäres

Arbeiten auCH

für UniversITäten

sCHWIerig

Zu traditionellen Organisationen

zählen auch Universitäten. Diesen

gelinge es schwer, aus ihrem Silodenken

herauszukommen. „Es gab

immer wieder Versuche, interdisziplinäre

Institute zu etablieren“, so Maier-

Rabler. Es hake aber an der Praxis,

dass Förderungen vor allem an jene

ausgegeben werden, die eng an ihrer

Kerndisziplin forschen. „Die eingereichten

Projekte werden von Einzelwissenschaftern

begutachtet, die danach

trachten, dass ihr Fachgebiet

möglichst stark vertreten ist.“ Auch

der Publikationsdruck in Fachzeitschriften

fördere keine Kultur der

Offenheit. Schließlich komme auch

eine persönliche Komponente hinzu.

„Wenn ich transdisziplinär arbeiten

will, muss auch ich mich ändern. Ich

muss den Fachbereich, aus dem ich

komme, hinter mir lassen und mich

auf andere und anderes einlassen.

Sonst kann nichts Neues entstehen.“

ÖAMTC für Ideen aus

der CrOWD weiterHIn

erreichbar

Zurück zum ÖAMTC: Wie viele Ideen

aus dem Crowdsourcing-Projekt tatsächlich

umgesetzt werden, kann

Florian Moosbeckhofer heute noch

nicht sagen. Man wolle jedenfalls

rasch in eine Umsetzung kommen.

Ein wichtiger Faktor sei es, mit den

Ideen gebern und Ideengeberinnen

weiter in Kontakt zu bleiben, um die

Konzepte weiterentwickeln zu können.

Auch Fokusgruppen seien vorstellbar.

„Wir haben so viel wertvollen Input

von außen bekommen, diesen Kanal

möchten wir unbedingt offenhalten“,

freut sich Moosbeckhofer. „Wir planen

zwar derzeit kein neues Open Innovation-Projekt,

möchten aber unbedingt

für Ideen aus der Community

offen sein. Über die E-Mailadresse

innovation@oeamtc.at sind wir auch

weiterhin erreichbar.“ Moosbeckhofer

könne jedem nur empfehlen, einen

offenen Innovationsprozess zu wagen,

obwohl dahinter viel Arbeit stecke.

„Und jetzt geht es ans Abarbeiten

der vielen Ideen aus der ÖAMTC

Future Challenge.“ •

Offen für Neues

13


Mengenlehre

14

Foto: © Karin Feitzinger


CROwdsouRCING ist eIN noch juNGes INNOVAtionsINstrument mit

VIel Potenzial. Was vor wenigen Jahren aufgrund der fehlenden

TeCHnologie noch nicht möglich war, ist heute eine vieLGeLOBTe

InnovationsmeTHODe. Nicht nur in der WirtsCHAft, auCH in der

WissensCHAft und sOGAr in der POLITIK gibt es erfolgreICHe

ProjeKTe. Aber nICHT jede FrAGe kann die CrOWD, also FreIWILLIGe,

DIe an einem CrOWDsourcing-Projekt mitmachen, beanTWOrten.

Von Ruth Reitmeier

Polizeiliche Fahndungsfotos oder

Wanted-Poster im Wilden Westen,

die sich an Unbekannte richten, in

der Hoffnung, dass sie über wertvolle

Information verfügen, sind Crowdsourcing

in seiner Urform. „Die Verbreitung

des Internets markiert einen

Paradigmenwechsel“, sagt der Experte

für webbasierte Innovation

Thomas Gegenhuber von der

Johannes Kepler Universität Linz.

Mittlerweile richten sich Aufrufe zu

allen möglichen Themen und Problemstellungen

an unterschiedliche

Zielgruppen. Prinzipiell kann jeder

Mensch eine Crowd erreichen und

mobilisieren. Tatsächlich bedienen

sich aber vor allem größere Unternehmen,

Organisationen und Institutionen

dieser Kommunikationsform,

und nicht überall, wo Crowdsourcing

draufsteht, ist es auch drin. „Es ist

teilweise ein Hype“, sagt Gertraud

Leimüller, Expertin für Innovationsmanagement,

„die Bandbreite der

Projekte reicht von der einfachen Suche

nach einem neuen Markenclaim

bis hin zu differenzierten Aufgaben

wie etwa technische Lösungen für

sehr spezifische Industrieprobleme.“

In der Welt der Unternehmen wird aktuell

intensiv experimentiert. Welche

Standards sich dabei etablieren, wird

die Zukunft zeigen. Als sicher gilt jedoch,

dass es sich beim Crowdsourcing

um mehr als eine Mode erscheinung

handelt. Als Innovationsmethode ist es

für Unternehmen wie Organisationen

unverzichtbar geworden.

Beim CrOWDsourcing

geHT es nICHT immer

nur um neue Ideen

Die Crowd wird zumeist dann befragt,

wenn sich Unternehmen auf der Suche

nach Innovation öffnen wollen

oder müssen, wenn es darum geht,

Riesenprojekte zu verwirklichen oder,

um neuartige Zugänge und Lösungen

für ein Problem zu finden, an dem

sich andere vergeblich die Zähne

ausgebissen haben. Dabei geht es

selten um die Lösung allein, sondern

auch um das Einbeziehen der Menschen,

sei es, um eine direkte Verbindung

zum Markt herzustellen und/

oder um Projekt-Botschafter zu gewinnen.

Wer heute eine Crowd hat,

also eine Gruppe an Menschen, die

sich für die von einer Organisation

zur Lösung gestellten Probleme interessiert

und auch über das jeweils

relevante Wissen verfügt, kann sich

glücklich schätzen und ist gut beraten,

sie zu pflegen. Transparenz

und Feedback sind das Um und Auf.

Denn die Crowd ist das Kostbarste

überhaupt. So kann Missbrauch des

Instruments zu Marketingzwecken

einem Unternehmen mehr schaden

denn nutzen. „Menschen durchschauen

das und reagieren sehr

empfindlich, sobald sie sich ausgenutzt

fühlen“, betont Leimüller.

Die NASA nuTZT

Crowdsourcing

seit Jahren

Läuft es jedoch gut, vermag eine

hochmotivierte Crowd innovative

Lösungen zu finden, die anders kaum

zu erbringen wären: Die US-Raumfahrtbehörde

NASA war mit ihrem

Latein am Ende. Unzufrieden mit den

eigenen Versuchen, ein Verfahren

zur Vorhersage von Sonnenaktivität

zu entwickeln – mehrere Jahre Arbeit

und Ausgaben in zweistelliger Millionenhöhe

hatten lediglich eine 55-prozentige

Prognosesicherheit gebracht –,

wandte sie sich 2010 an Innocentive,

eine hochspezialisierte Crowdsourcingplattform,

die über ein Netzwerk

von mehr als 350.000 poten ziellen

Problemlösern verfügt. Innocentive

stellte den Aufruf samt Preisgeld von

30.000 US-Dollar für die beste Idee

online. Innerhalb von drei Monaten

interessierten sich 500 Personen aus

53 Ländern für das Problem, elf

reichten Lösungsvorschläge ein.

Die SonnenAKTIVITät

VOn der Erde aus

besTIMMen

Wettbewerbssieger wurde ein pensionierter

Telekommunikationstechniker,

dessen Lösung eine 81-prozentige

Prognosesicherheit für Sonnenaktivität

liefert. Seine Methode stützt sich

auf Daten, die von der Erde aus erhoben

werden können. Die NASA hatte

zuvor – was sonst – ausschließlich

Satellitendaten benutzt. „Ohne

Crowdsourcing hätte man diesen

Mann wohl nie gefunden“, sagt Gegenhuber.

Das Preisgeld ist übrigens

meist nur ein erster Motivationsfaktor,

sich eine Lösung für das Problem zu

überlegen. Es gibt sogar Projekte,

bei denen es gar keinen materiellen

Preis gibt. Oftmals beteiligen sich die

Menschen allein deshalb, weil ihnen

die Lösung des Problems wirklich am

Herzen liegt.

Überhaupt scheint die NASA die

Crowd als Talentepool entdeckt zu

haben, bediente sie sich doch auf der

Suche nach einem Algorithmus des

Big-Data-Portals Kaggle. Dort treiben

sich vorwiegend Datenexperten

herum, die sich mit smarten Lösungen

um attraktive Preisgelder matchen.

Die Aufgabenstellung der NASA:

Mit Hilfe von 100.000 Bildern von

Galaxien sollten die Tüftler einen Algorithmus

entwickeln, der Hinweise

auf dunkle Materie aufspürt und so

Offen für Neues

15


hilft, das Universum zu vermessen.

In weniger als einer Woche stieß

unerwarteterweise ein Cambridge-

Student der Geologie, spezialisiert

auf Gletscherkunde, auf eine Lösung,

die mit den Ergebnissen der besten

NASA-Experten durchaus mithalten

konnte.

Nicht jede FrAGe

ist geeIGnet für

die Menge

Crowdsourcing ist aber nicht die Lösung

für jede Frage. Etwa, wenn eine

Organisation schon weiß, was sie als

Lösung für ein Problem ausschließen

will. Oder wenn gewiss ist, dass sich

die potenzielle Zahl derer, die eine

Frage beantworten oder Ideen einreichen

könnten, auf wenige Menschen

weltweit beschränkt. Das ist bei ganz

spezifischen Problemen der Fall. Hier

sind andere Open Innovation-Methoden

zielführender, etwa die Suche

nach Lead Usern.

Im Bereich der

Wissenschaft ist

üBerseTZungsleistung

gefrAGT

Oft geht es in der Wissenschaft nicht

nur darum, geniale Lösungen aus den

Daten zu heben. Zunächst müssen

diese erst gesammelt werden.

Millionenfach. Die Forschung hat

die Kapazitäten der Crowd längst

für sich entdeckt, um Megaprojekte

zu realisieren, die anders kaum finanzierbar

wären oder viel zu viel Zeit in

Anspruch nehmen würden. Damit

Laien an solchen wissenschaftlichen

Projekten mitarbeiten können, müssen

sich Wissenschafter erst einmal

vom Fachchinesisch verabschieden

und die konkrete Aufgabenstellung

verständlich formulieren. Gelingt das,

so vermag die mobilisierte Masse

wissenschaftliche Herkulesaufgaben

zu übernehmen und effizient zu erledigen:

Die von britischen und USamerikanischen

Forschern gegründete

Plattform Galaxy Zoo lud bereits

2007 die breite Öffentlichkeit erstmals

ein, an der Klassifizierung von

900.000 Galaxien mitzuwirken. Sie

nutzt dabei Fotos von Galaxien und

kann von astronomischen Laien

durchgeführt werden, die mit kurzen

Fragen zum Bild informiert werden,

worauf bei der Klassifizierung zu

achten ist. Bereits am Tag nach dem

Start der Plattform nahmen Interessierte

bis zu 70.000 Klassifizierungen

pro Stunde vor. Innerhalb von sieben

Monaten wurden von 150.000 Personen

50 Millionen Klassifizierungen

geleistet – diese wurden mehrfach

durchgeführt, um ein sicheres Ergebnis

zu erhalten –, was einem Arbeitseinsatz

von zirka 83 Mannjahren entspricht.

Interessierte

entsCHLüsseln

TelegrAMMe aus

dem Bürgerkrieg

Mittlerweile wird die Crowd von der

Scientific Community auch in andere

durchaus fordernde Aufgaben eingebunden.

Ein aktuelles Beispiel ist das

historische Projekt „Decoding the

Civil War“, wo es um die Entschlüsselung

der Telegramme der US-Army

aus dem amerikanischen Bürgerkrieg

(1861–1865) geht – Nachrichten von

Präsident Abraham Lincoln inklusive.

Die gegnerische Konföderationsarmee

hatte zwar immer wieder

Nachrichten abgefangen, sie aber

niemals entschlüsselt. Was damals

nicht gelang, soll nun die Crowd

schaffen. 15.971 Telegramme aus

dem Archiv der Huntington Library

in Kalifornien wurden jüngst auf der

Wissenschaftsplattform Zooniverse

online gestellt, in denen es auf den

ersten Blick sinnlos um Zebra, Emma,

Bologna und Tierkreiszeichen geht.

Im Herbst 2016 wird mit dem Decodieren

begonnen. Es soll gemeinschaftlich

gearbeitet werden, zumal

nur sechs der insgesamt zehn Decodierungsbücher

die eineinhalb Jahrhunderte

seit Ende des Sezessionskriegs

überstanden haben. Es wird

also eine perfekte Kombination aus

Software und Hirnschmalz nötig sein,

um den Code zu knacken.

AuCH in der MeDIZIn

sind die AnTWOrten

der CrOWD gefrAGT

Selbst die Medizin öffnet sich für das

wertvolle Wissen Betroffener, wenn

etwa Forschungsfragen identifiziert

werden sollen, die aus Sicht der Patienten

und/oder Angehörigen hoch

relevant sind. Die Ludwig Boltzmann

Gesellschaft startete 2014 ein europaweit

einzigartiges Projekt und befragte

Betroffene, was im Bereich

psychischer Erkrankungen unerforscht

sei. Knapp 400 hochqualitative

Beiträge wurden eingereicht. Auf

Basis der Ergebnisse wurden neue

Forschungsfragen formuliert, die

schließlich in Ludwig Boltzmann

Instituten bearbeitet werden (siehe

Interview zum Open-Science-Projekt

der Ludwig Boltzmann Gesellschaft,

S. 40).

IN FINNLAND BRINGen

DIE BürGer IHre IDeen

für NEUE GeseTZE EIN

Das berühmte Zitat des österreichischen

Schriftstellers Karl Kraus

(1874–1936) „Ungerechtigkeit muss

sein, sonst kommt man zu keinem

Ende“ hat sich überholt. Gerade

im Bereich der partizipatorischen

Demokratie – sollen etwa Gesetze

novelliert werden – kann die Crowd

wertvollen Input geben. Auf diesem

Gebiet ist Finnland ein Vorreiter, hat

das nordische Land doch bereits

mehrfach Vorschläge für Gesetze von

seinen Bürgern eingeholt. „Getragen

werden partizipatorische Projekte von

einem Thinktank, der sich „Zukunftskomitee

der Regierung“ nennt, erklärt

die finnische Soziologin Tanja

Aitamurto, die wissenschaftliche

Beraterin des Komitees ist und an

16


Foto: © shutterstock

Auch im Bereich der Geschichtswissenschaften wird die Crowd um Unterstützung gebeten. Das Archiv der

Huntington Library in Kalifornien stellte kürzlich Telegramme aus dem US-amerikanischen Bürgerkrieg online,

um sie von interessierten Nutzern dechiffrieren zu lassen.

der US-Universität Stanford forscht.

Der Thinktank steht hinter Policy-

Making-Projekten wie diesem:

In Finnland regelt ein eigenes Gesetz

den Verkehr abseits der regulären

Straßen. Das betrifft vor allem den

Snowmobil-Verkehr in ländlichen Regionen.

Vor drei Jahren entschied das

Umweltministerium, dieses Gesetz zu

überarbeiten und die Bürger einzubeziehen.

Dabei wurde die Crowd zunächst

nach konkreten Problemen befragt.

Im nächsten Schritt wurde sie

aufgefordert, Lösungsvorschläge einzubringen.

Die Plattform hatte zirka

10.000 Besucher, davon 1.000 registrierte,

die insgesamt 4.000 Kommentare

abgaben und 500 konkrete Ideen

einsandten. Es zeigte sich, so Aitamurto,

dass die Bürger das Mitgestalten als

Empowerment empfunden haben.

„Die Crowd muss gut gepflegt werden.

Menschen, die sich engagieren,

verbringen oft viele Stunden auf einer

Plattform. Deshalb ist es sehr wichtig,

sie über Fortschritt und Ergebnis des

Projekts zu informieren, ansonsten

riskiert man, dass sie beim nächsten

Mal nicht mehr mitmachen“, betont

die Forscherin.

Die BearbeITung

der DATenmenge

ALs grOsse

Herausforderung

Der wissenschaftliche Beweis, dass

durch Crowdsourcing bessere Gesetze

entstehen, steht noch aus. Die

bisherigen internationalen Erfahrungen

zeigen aber, dass die Komplexität

von Problemen, die es gesetzlich zu

regeln gilt, durch Crowdsourcing realitätsnaher

erfasst wird. Noch nicht

gelöst ist die Schwierigkeit, die Datenmengen

zu bewältigen. Tausende

Kommentare zu sichten und Vorschläge

zu evaluieren, ist vor allem

eines: viel Arbeit. In Stanford wird

deshalb gerade das selbstlernende,

automatisierte System Civic Crowd

Analytics entwickelt, das mittels

Spracherkennung die Beiträge der

Crowd erfasst und ordnet. Wie überall,

wo es Komplexität zu bewältigen

gilt, wird man künftig an Big-Data-

Lösungen nicht vorbeikommen.

Mobilitätsfragen sind hochkomplex

und folglich eine perfekte Aufgabe für

die Crowd. Der ÖAMTC stellte sich

deshalb jüngst der „Future Challenge“

und lud die Öffentlichkeit ein, Ideen

zur Frage einzureichen, wie sie künftig

vom Club in ihrer Mobilität unterstützt

werden wolle (siehe S. 18).

Crowdsourcing ist eine sehr wirksame

Methode, um Problemlösungen

oder neue Sichtweisen auf eine

bestimmte Frage zu erhalten. Man

darf den Aufwand, der hinter der

Vorbereitung eines solchen Projektes

steht, aber nicht unterschätzen, sagen

Offen für Neues

17


Foto: © Karin Feitzinger

Die ÖAMTC Future CHAllenge:

Ein Aufruf zur Suche nach den besten und innovativsten

Ideen für Mobilitätsservices der Zukunft – ob für den Weg

zur Arbeit, zum Sport oder in den Urlaub, ob mit Auto,

Bus, Bahn, Flugzeug oder Fahrrad.

Frage: „Wie kann der ÖAMTC Menschen in ihrer Mobilität

künftig noch besser unterstützen?“

Zeitraum für Ideeneinreichung: 5. 4.– 23. 5. 2016

Ergebnisse:

454 eingereichte Ideen

801 Kommentare zu den Ideen

1358 registrierte User führten 823 Bewertungen der Ideen durch

3 Jury-Gewinner

3 Community-Gewinner

1 interner Gewinner

1 Sonderpreis

Experten. Eine Schwierigkeit liege

vor allem darin, die Frage, die man

der Crowd stellt, so zu formulieren,

dass sie von allen richtig verstanden

wird. Die Frage bestimme das Ergebnis.

WenIGer ernste

Projekte machen

den MensCHen

auCH Spass

Manchmal darf die Crowd auch einfach

nur Spaß haben. Brendon Ferris,

ein in der Dominikanischen Republik

lebender Programmierer, gibt Laien

auf crowdsound.net die Möglichkeit,

eine Melodie zu komponieren. Das

System funktioniert so: Die Crowd

stimmt über die jeweils nächste Note

ab. Was bisher vorliegt, ist eine gefällige

Melodie mit ein paar interessanten

Stellen. Nach Vollendung der

Komposition soll ein Liedtext in ähnlicher

Manier entstehen.

Crowdsourcing

KAnn auCH mit wenIG

Ressourcen ein

ErfOLG werden

In der Welt der Unternehmen findet

Crowdsourcing bislang vor allem im

Big Business statt. Das ist wohl nicht

zuletzt eine Kostenfrage. Hat jedoch

ein junges Unternehmen Social-Media-Kompetenz

und eine Facebook-

Community, lassen sich kleinere Projekte

auch dort abwickeln. Eine lokale

Bäckerei könnte ihre Kunden danach

fragen, wie sie sich das Brot der Zukunft

vorstellen und auf diese Weise

Feedback über Kundenwünsche und

Ideen für neue Rezepte bekommen.

Obwohl sich Unternehmen zusehends

öffnen und die breite Masse in Innovationsaktivitäten

einbeziehen, vergessen

sie oftmals auf die eigenen

Mitarbeiter. Gerade diese sind eine

sehr wichtige Crowd, zumal sie viele

gute Ideen haben. Das bestätigt auch

Gegenhuber: „Es hat sich gezeigt,

dass sich auf Plattformen wie Localmotors,

wo Designlösungen für die

Autoindustrie gesucht sind, viele

Mitarbeiter von Autokonzernen engagieren.“

Augenscheinlich bieten die

Arbeitgeber diesen Freizeitdesignern

im Job nicht genug Raum, sich kreativ

auszutoben.

Offene und

gesCHLOssene

InnOVATIOn parALLel

anwenden

Die Zukunft des Crowdsourcing geht

laut Experten in Richtung hybrider

Systeme, wo sich Unternehmen in

bestimmten Phasen für Ideen der

Crowd öffnen, sich in anderen

zurückziehen und intern an einer

Lösung arbeiten. Leimüller: „Es

ist ratsam, sich ganz am Anfang zu

öffnen, um Fehlstarts und Flops

zu vermeiden.“ •

18


Kein Stau

mehr auf der

leTZTen Meile

Foto: © Karin Feitzinger

Das krITIsCHe Element jeder Online-BestelluNG ist das leTZTe WegstüCK.

Die leTZTe MeILe verursACHT mitunter die Hälfte der gesAMTen

TransPOrTKOsten, enorm viel Verkehr und UmweLTVersCHMuTZung.

Das ist Grund genug, Logistik komplett neu zu deNKen – zum BeisPIel

so offen und verneTZT wie das Internet. Von Daniela Müller

Offen für Neues

19


Es gibt ein neues Wort, das die

Liefer landschaft Europas verändert:

Sofortness. Konsumenten, die ihre

online bestellten Waren sofort haben

wollen und Anbieter, die das ermöglichen.

Der Versandhändler Amazon

entwickelte daraus ein neues Geschäftsmodell

und nimmt die gesamte

Dienstleistungskette gleich

selbst in die Hand. In Berlin betreibt

das Unternehmen eine Lagerhalle mit

20.000 Artikel des täglichen Bedarfs

– verpackte frische und tiefgekühlte

Nahrung, Drogerieartikel, Getränke,

Elektronik und Spielwaren – die

per Algorithmen stets neu sortiert,

aktualisiert und aussortiert werden,

um nah an den Bedürfnissen und

Wünschen der Sofortness-Kunden

zu sein. Über eine App und eine

Mitgliedschaft in Höhe von 49 Euro

pro Jahr kann der Kunde nun online

Waren bestellen, die innerhalb Berlins

per E-Bike und damit ökologisch

schonend zugestellt werden: Wer es

besonders eilig hat, bekommt sie für

eine zusätzliche Gebühr in Höhe von

6,99 Euro innerhalb von 60 Minuten.

Wer mehr Geduld hat, kann sich ein

Zeitfenster aussuchen, in dem die

Ware gratis zugestellt wird, auf jeden

Fall noch am selben Tag.

Kunden wünsCHen

die Lieferung am

selben TAG der

BesteLLung

Konsumieren in neuen Dimensionen:

Sofort, bequem und vielschichtig.

Dem werden vor allem Online-Einkäufe

gerecht: Der Mausklick vom

Sofa ist bequem und die Lieferung

erfolgt immer schneller. Same-Day-

Delivery, also die Lieferung noch am

Tag der Bestellung, wird zur Normalität.

Denn auch im Online-Handel

steigt die Konkurrenz und der Konsument

legt Wert auf rasche Lieferungen.

Dass Paketlieferungen für Unternehmen

teuer sind und auf Kosten der

Umwelt gehen, weil abgestimmte Logistikkonzepte

mehr Theorie als Praxis

sind, bleibt den Produktempfängern

allerdings meist verborgen.

VorLAuf, HauPTLAuf,

nACHLAuf: KOMPLexe

LOGIsTIK verursACHT

HOHe Kosten

Die klassische Liefermethode ist

nämlich komplex und ineffizient:

Im sogenannten Vorlauf werden

Waren von den verschiedenen

Versendern, also den Händlern,

bei denen die Kunden bestellt haben,

an einen zentralen Punkt, einen

Hub, geschickt. Im anschließenden

Hauptlauf wird die gesammelte Ware

mit großen LKWs oder der Bahn vom

Hub zum nächsten zentralen Punkt

gefahren, von dem aus die Pakete zu

den Empfängern gebracht werden.

Das ist der sogenannte Nachlauf.

Und genau hier liegt das Problem:

Die sogenannte letzte Meile vom Verteilerzentrum

zum Kunden ist der teuerste

Teil der Lieferung. Auf ihn entfallen

bis zu 50 Prozent der Kosten

des klassischen Paketversandes, erklärt

Efrem Lengauer vom Forschungsinstitut

Logistikum der FH Steyr. Auch

seine überproportional hohen CO 2

-

Emissionen sind ein Thema.

Keine

KostenWAHrheit

in der LieferkeTTe

Kostenwahrheit gibt es hier noch

nicht: Um wettbewerbsfähig zu bleiben,

verzichten viele Onlinehändler

auf die Einhebung von Versandkosten

bei den Konsumenten. Deshalb müssen

sie an anderer Stelle einsparen –

mitunter auf Kosten der Mitarbeiter.

Auch deshalb müssen die letzten Kilometer

neu gedacht werden.

Ein LösungsansATZ

heIssT

VerneTZung

Jürgen Schrampf von der Logistikberatung

Econsult macht genau das

und sucht unter dem Stichwort

Smart Urban Logistics neue Logistikkonzepte

für den Güterverkehr in

Ballungsräumen: Je mehr online

bestellt wird, desto mehr LKWs

sind auf den Straßen unterwegs.

Um Innenstädte vom Transportverkehr

und generell die Umwelt zu

entlasten, muss die letzte Meile

eines Paketes effizienter gestaltet

werden. Für Schrampf geht es vor

allem um eine Vernetzung bisher

individuell agierender Akteure. Eine

ökonomische Bewältigung der letzten

Meile sei nur mit unterschiedlichen,

aufeinander abgestimmten Systemen

und einem Miteinander von Kurierdiensten,

Logistik- und Handelsunternehmen

sowie Start-ups möglich.

Credo: Zusammenarbeit statt Konkurrenz.

Ein wichtiger Treiber ist dabei

die Digitalisierung, durch die

sich Logistik neu denken lässt: Kann

der Warentransport künftig nicht genauso

wie jener von Information im

Internet passieren – vernetzt, offen,

ressourcenschonend? Die Idee wird

unter Logistik-Experten als Physical

Internet bezeichnet: Durch eine vollständige

Öffnung aller Lager- und

Transportkapazitäten unterschiedlicher

Anbieter sollen Transportkilometer

so gering wie möglich gehalten

und Leerfahrten vermieden werden.

Konkret bedeutet das, dass die Waren

ihre optimale Route selbstständig

bei den jeweils effizientesten „Verkehrsträgern“

finden, egal welcher

Logistik-Dienstleister mit dem Transport

beauftragt wurde. Dadurch wäre

radikal weniger Transportaufwand

nötig. Voraussetzung ist freilich, dass

sämtliche Umschlag- und Lagerstandorte

aller beteiligten Logistik-

20


Nicht nur in Berlin, auch in Wien könnte die Lieferung einer Onlinebestellung über Amazon bald nur mehr eine Stunde dauern.

Um ein solches Service auch abseits von Ballungsräumen möglich zu machen, werden von Amazon in Zusammenarbeit mit der

TU Graz Lieferdrohnen entwickelt. In einem bestimmten Radius um ein Versandzentrum könne man so Express-Lieferungen ermöglichen.

Offen für Neues

21


Die Schweizer Post testet ab September 2016 in den Städten Bern, Köniz und Biberist selbstfahrende Roboter,

die im Schritttempo auf Gehsteigen unterwegs sind und Pakete bis zu zehn Kilogramm transportieren können.

Mit einem SMS „Ihre Sendung ist da“ wird der Empfänger über die Ankunft des Roboters vor der Haustüre verständigt.

Anfangs sind die Roboter noch mit menschlichen Begleitern unterwegs.

unternehmen mit ihren Kapazitäten

und Transportmitteln dem Netzwerk

zur Verfügung stehen. Ja, mehr noch:

Auch private PKWs können das System

ergänzen, indem Lenker Pakete

mitnehmen, wenn sie ohnehin unterwegs

sind.

ProfessIOnelle

LOGIsTIKer und

prIVATe PKWs als

LOGIsTIKKOnzePT

der Zukunft

Allerdings: Bis heute ist die bestechende

Idee des Physical Internet

nicht umgesetzt. IT-Systeme und die

Abrechnung zwischen den beteiligten

Unternehmen müssten vereinheitlicht,

bestehende Logistik-Hubs und

-Terminals weiterentwickelt werden:

Von reinen Be- und Entladestellen

sollten sie hochfrequente, effizienzfördernde

Netzwerkknoten der Verkehrsträger

werden. So würden sie

mithelfen, Transportkilometer zu sparen,

meint Schrampf. Sie sollten auch

innovative Services anbieten, denen

eine direkte Anbindung an ein Liefernetz

zugute kommt wie etwa Sharing-

Points für Elektrofahrzeuge oder 3D-

Druck-Center für die On-Demand-

Produktion von Waren.

Apropos Hub: Schon heute zeigt der

Zustelldienst UPS in Hamburg eine

Mini-Version davon. An den Stadträndern

stehen Fahrzeuge oder Container,

befüllt mit Paketen, die von

Kurier diensten mit Elektrofahrzeugen

abgeholt und in der Hamburger Innenstadt

ausliefert werden. Damit wird

auch dem Umweltaspekt der letzten

Meile Rechnung getragen. Über Nacht

erfolgt dann die Neubefüllung.

Auch wenn das Physical Internet

noch Utopie ist, wird mit Teillösungen

für die effizientere Gestaltung der

letzten Meile intensiv experimentiert.

DerzeIT hilft man

sICH nOCH mit

Teillösungen

Um ein Paket schon bei der ersten

Tour abladen zu können, auch wenn

der Adressat nicht zuhause ist, wird

der PKW-Kofferraum der Paketkunden

zum Depot umfunktio niert.

Ferngesteuert, beziehungsweise per

Code kann der Paketzusteller das

Fahrzeug öffnen und das Paket hinterlegen.

Als Depot funktionieren

auch die 2.700 Packstationen, die

DHL Deutschland installiert hat.

Pakete werden in den Packstationen

vom Lieferanten hinterlassen, der

Kunde erhält eine Nachricht auf sein

Handy und kann das Paket 24 h pro

Tag abholen. In Zukunft sollen solche

Paketräume als fixe Einrichtungen

in neuen Wohnanlagen bereitstehen,

um auch den Weg des Kunden zu

einer Station so gering wie möglich

22


zu halten und sie für alle Transporteure

gegen Gebühr anzubieten.

CrOWDsOurced

Delivery –

PrIVATPersonen sind

auCH Lieferanten

Private PKWs in eine effiziente Paketzustellung

miteinzubeziehen, ist beim

sogenannten Crowdsourced Delivery

ein Schlüsselaspekt. Laut Fachhochschule

Steyr legen die Österreicher

pro Jahr in Summe 4,5 Mrd. Kilometer

nur zum Zwecke des Einkaufens zurück.

Diese Wege könnten

genutzt werden, um Bestellungen

für andere mitzunehmen. Beim österreichischen

Unternehmen Checkrobin

sind bereits 21.000 Privatpersonen

registriert, die gegen eine zuvor

vereinbarte Summe Pakete an den

Zielort bringen.

Selbst EinKAufen

zu gehen, wird in

Zukunft womöglich

obsolet

In Österreich können Private derzeit

allerdings nur in einem streng

begrenzten gesetzlichen Rahmen

als Boten tätig sein, sprich, der private

Bote darf für seine Dienste nicht

mehr als das gesetzliche Kilometergeld

berechnen. Die Checkrobin-Betreiber

Hannes Jagerhofer, Niki Lauda

und Attila Dogudan ärgert dies: Es

sei eine soziale und umweltfreundliche

Sache, mit der Synergien im

Sinne aller genutzt werden könnten,

betont Jagerhofer. Im Herbst will man

auf den deutschen Markt, wo die Justiz

über Crowd-Transporte nicht so

streng urteilt. Jagerhofer jedenfalls

sieht für Sharingangebote im städtischen

Bereich eine große Zukunft.

Vielleicht mit Zusatzleistungen, wie

kürzlich eine Checkrobin-Zustellung

zeigte: Ein Fahrer hat den transportierten

Fernseher gleich beim Empfänger

installiert.

Erstreiten und

ErsITZen für

LAngfrisTIGe

NuTZung

Als Win-Win-Situation sieht auch

Paul Brandstätter vom Wiener Botendienst

Veloce seine App „Veloce

liefert“, in der mittlerweile 10.000

Einkaufsmöglichkeiten in Wien gespeichert

sind. Der Kunde bestellt

über die App, Veloce liefert. Brandstätter

wollte damit nicht nur den

regionalen Handel stärken, sondern

dank effizienter Logistik mehrere

Fliegen mit einer Klappe schlagen:

Nicht mehr der Einzelne geht ein kaufen,

sondern ein Unternehmen beliefert

Kunden nach einem klugen und

effi zienten IT-System. Es hilft Konsumenten

auch dabei, Leerfahrten zu

vermeiden, wenn bestimmte Produkte

gerade nicht verfügbar sind. Die Nachfrage

nach solchen Diensten werde

steigen, ist sich Brandstätter sicher.

Skype-Gründer

enTWICKeln

ZustellrOBOTer

Eine ganz andere Idee, die letzte

Meile billiger und effizienter zu machen,

entwickeln die beiden Skype-

Mitbegründer Janus Friis und Ahti

Heinla. Sie setzen mit ihrem Unternehmen

Starship Technologies auf

Zustellroboter. Ihr Fahrzeug mit sechs

Rädern und zehn Kilo Gewicht läuft

derzeit im Testbetrieb in den USA

und Großbritannien und ist in der

Lage, eine noch überschaubare Warenmenge

im Umkreis von fünf Kilometern

auszuliefern. Es fährt mit rund

sechs km/h auf dem Gehsteig, ist mit

Sensoren und Kameras ausgestattet

und kann Hindernissen ausweichen.

Stationiert ist der Roboter in lokalen

Lieferzentren, wo der Kunde über

App seine Ware bestellt und zugleich

bestimmt, wann sie bei ihm sein soll.

Weil diese Zustellroboter rund um die

Uhr im Einsatz sein können, sollen

auch die Kosten pro Zustellung viel

geringer ausfallen, als bei herkömmlichen

Lieferdiensten, betont man bei

Starship Technologies. Zudem surren

bei den großen internationalen Unternehmen

schon länger Drohnen zum

Zwecke der Zustellung in der Luft.

Großteils wird dies noch von rechtlichen

Auflagen erschwert bis unmöglich

gemacht, vielfach ist diese

Liefermethode erst in der Testphase.

AuCH DrOHnen

KÖnnen PAKete

LIefern

Das Unternehmen DHL hat bereits

bekanntgegeben, dass es in absehbarer

Zeit sogenannte Paketkopter

einsetzen möchte, um Lieferungen in

geografisch schwer zugängliche Gebiete

durchzuführen. Ab Juli ist dies

in Ruanda Realität: Per Drohnen werden

Kliniken mit Medikamenten beliefert.

Im urbanen Gebiet sieht Efrem

Lengauer vom Logistikum Steyr diese

Zustellmöglichkeit als unwirtschaftlich:

Eine Drohne, wie sie in Österreich

aktuell eingesetzt werden dürfe,

könne ein, maximal zwei Pakete anliefern.

In abgelegenen Regionen, wohin

die Post aufgrund der Universaldienstleistung

transportiert werden

muss, seien Drohnen allerdings sehr

wohl eine Alternative, betont der

Logistikexper te. Weite Strecken

wegen einzelner Pakete mit dem Lieferwagen

zu fahren, würde hinfällig.

Die EU gibt vor: Bis

2030 sOLLTe LOGIsTIK

CO 2-frei erfOLGen

Die Zeit für neue Logistikkonzepte

drängt, betont Jürgen Schrampf.

Denn nach dem Weißbuch der EU

soll bis 2030 die innerstädtische

Güterlogistik in den größeren

Städten CO 2

-frei erfolgen. Es

heißt also, in die Pedale treten.

Die E-Bike-Lieferung von Amazon

ist nur ein Anfang. •

Offen für Neues

23


„Kunst zeigt ganz

neue Wege auf“

Foto: © Mirjana Rukavina

Christopher Lindinger studierte Informatik

an der Johannes Kepler Universität Linz und

Kulturmanagement in Salzburg. Er beschäftigte

sich mit hochkomplexen Visualisierungsaufgaben

und arbeitete als Wissenschafter im

Bereich der Supercomputer-Visualisierung in

Chicago für die NCSA (National Center for

Supercomputing Applications) und die Weltraumorganisation

NASA, aber auch freiberuflich

für die Computerspiele-Industrie.

Aufgrund seiner Aktivitäten im Bereich neuer

Technologien, digitaler Kultur und Kunst ist er

seit 1997 mit der Ars Electronica verbunden.

Als Co-Direktor des Ars Electronica Futurelab

verantwortet er den Bereich Forschung

und Innovation. Seine Arbeit ist geprägt von

Kooperationen mit internationalen Partnern,

mit denen er gemeinsam unternehmens- oder

organisationsinterne Innovationsstrategien entwickelt

oder Konzeptionen und Entwicklungen

radikaler Innovationen für gesellschaftliche

Zukunftsszenarien vorantreibt. In den vergangenen

Jahren arbeitete Lindinger in diesem Feld

unter anderem mit Toshiba, Mercedes-Benz,

Vodafone, Honda Robotics und Nokia zusammen.Darüber

hinaus berät er Kommunen und

Regierungseinrichtungen im Aufbau kreativwirtschaftlicher

Sektoren und ist als Lehrbeauftragter

an mehreren europäischen Universitäten

tätig.

24


KünsTLer sind von Natur aus experimenTIerfreudig.

AuCH weil Neues zu eRFORsCHen uND RisIKen eINzugehen,

als KeRN künstleRIsCHer ARBeit gilt. Der BeitrAG, den Kunst

zu InnOVATIOnen mit hohem geseLLsCHAfTLICHem NuTZen leisten kann,

ist mitunter grOss. Das Gespräch führte Catherine Gottwald

querspur: Herr Lindinger, Sie leiten

den Bereich Forschung und Innovation

im Ars Electronica Futurelab in Linz.

Ist die Kunst eine Zukunftsmacherin?

Christopher Lindinger: Grundsätzlich

ist immer die Frage: Wie versteht

man Kunst? Und in welchem Kontext

versteht man Kunst in der Innovation?

Für mich gibt es zwei mögliche

Zugänge: Einerseits hat Kunst eine

gewisse Mission: Nämlich etwas aus

einer bestehenden Struktur heraus zu

nehmen, es zu verändern, es wieder

in eine Struktur einzuführen und

hierbei eine Irritation zu erzeugen.

Was die Kunst eigentlich kann, ist

eine Perspektivenverschiebung herbeizuführen.

Diese Perspektivenverschiebung

kann entweder ästhetisch,

intellektuell oder emotional sein. Das

ist ein Potenzial von unschätzbarem

Wert und somit auch eine gute Ausgangslage

aus Innovationssicht:

Kunst zeigt neue gedankliche Zugänge

und Herangehensweisen auf

und/oder trägt wesentlich dazu bei,

diese neuen Wege überhaupt zu entdecken.

Darüber hinaus ist Kunst

eine forschende Wissenschaft.

querspur: Kunst hat verschiedene

Funktionen in der Gesellschaft, mitunter

komplexe oder abstrakte wissenschaftliche

Inhalte sichtbar zu machen

und für Laien zu übersetzen. Was sind

für Sie die Dimensionen der Kunst?

Lindinger: Natürlich schafft es Kunst,

komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge

einfacher darzustellen.

Und natürlich gelingt es der Kunst,

beispielsweise schwer lesbare medizinische

Daten so aufzubereiten, dass

sie für Laien verständlich interpretiert

werden können. Das „aesthetic

usabil ity principle“ besagt ja, dass

Dinge, die ästhetisch aufbereitet sind,

eher verwendet werden. Das ist allerdings

eine kommunikative Aufgabe.

Ich sehe die Kunst als forschende

Wissenschaft an. Kunst forscht; sie

bedient sich eben nur anderer Methoden

als „die Wissenschaft“. Das

Übersetzen von wissenschaftlichen

Zusammenhängen steht für mich

daher nicht so sehr im Zentrum. Der

Maler und Objektkünstler Marcel

Duchamps (Anm.: 1887–1968) hat

gesagt: „I don’t believe in art. I believe

in artists.“ („Ich glaube nicht

an die Kunst. Ich glaube an Künstler.“)

Eine Philosophie, nach der auch

wir im Ars Electronica Futurelab leben.

Konkret bedeutet das, dass wir

Kunstproduktionen so gestalten, dass

sie relativ frei von Vorgaben ablaufen,

Experimente zulassen und Transformationen

anregen.

querspur: Wie setzen Sie das um?

Lindinger: Was uns im Innovationskontext

primär interessiert, ist den

Künstler mit innovativen Suchfeldern,

das heißt Aufgaben- und Themenbereichen,

zu konfrontieren. Diese können

beispielsweise im Unternehmerischen

liegen. In diesem Prozess soll

nicht nur nachgedacht und erarbeitet

werden, was Lösungen sein können,

sondern auch vorab, wo die verdeckten

Fragestellungen und Probleme

liegen. Es geht ja nicht nur immer darum,

dass man in der Innovation eine

Lösung findet, sondern darum, zuerst

einmal die Frage zu identifizieren.

KünsTLer sind per

se RisIKOfreudig.

Das ist ein

InnOVATIOnsVOrteil

querspur: Sind Kunstschaffende

prinzipiell innovationsfreudig?

Lindinger: Für uns ist interessant,

dass Künstler von ihrem Wesen her

mehr oder weniger „professionelle

risk takers“, also Hasardeure, sind.

Sie sind es gewohnt, Risiken einzugehen,

sich auf Experimente einzulassen

und etwas zu produzieren,

was einer Öffentlichkeit standhalten

muss. Diese Herausforderungen anzunehmen

oder dieses Kapital mitzubringen,

ist für Innovationsprozesse

wahnsinnig befruchtend. Risikofreudigkeit

und/oder Out-of-the-Box-

Denken sind hierbei Voraussetzung.

Künstlerische Arbeiten folgen nicht

immer einer logischen Konsequenz.

Nicht die rasche, pragmatische Problemlösung

steht im Zentrum, sondern

das Experiment. Erst das konkrete

Experiment, der Moment, in

dem du anfängst zu bauen, beantwortet

dir Fragen, die du dir in der Theorie

nie gestellt hättest. Und das ist genau

das Spannende, eine physische

Offen für Neues

25


Komponente, nicht nur etwas, das nur

auf dem Papier stattfindet. Das Experiment,

die Konfrontation mit der Öffentlichkeit,

die Rückschlüsse daraus

und der Erkenntnisgewinn sind Charakteristika

des künstlerischen Zugangs.

querspur: In welchem Ausmaß sind

künstlerische Arbeiten Anstoß für

tatsächlich umgesetzte Innovation,

etwa im Bereich der Technik?

Lindinger: Dazu fallen mir zwei

Beispiele zum Thema Roboter ein:

Das eine sind die „Oribots“ des

australischen Künstlers und langjährigen

Futurelab-Mitarbeiters

Matthew Gardiner, der sich intensiv

mit Origami und Faltungen und deren

künstlerischen Wirkung auseinandersetzt.

Seine Roboterblumen sind

einzelne Kunstwerke. „Ori“ kommt

vom japanischen Wort für falten und

„bots“ von Roboter – sozusagen „gefaltete

Roboter“. Sie sehen wie Blumen

aus und funktionieren so, dass

die Blumenblätter, die aus diesen Faltungen

bestehen, durch ihre Reflexionsbeschaffenheit

auf- und zu gehen

und von kleinen LEDs von innen

beleuchtet werden, wenn man näher

kommt. Die LEDs sitzen dort, wo bei

normalen Blumen der Blütenstempel

ist. Das ist ein schönes kleines

Projekt. Was als ästhetisches Experiment

ohne konkrete Aufgabenstellung

für die Industrie begonnen hat,

findet jetzt Verwendung in der Medizintechnik:

Eine japanische Firma

arbeitet an einem Patent für Herzschrittmacher

nach dem Prinzip der

„Oribots“ (Anm. d. Red.: Mehr kann

über das Projekt an dieser Stelle nicht

berichtet werden, da sich das Patent

zu Redaktionsschluss noch in Anmeldestatus

befindet). In diesem Fall haben

wir die künstlerische Arbeit von

Matthew Gardiner mit Wirtschaftstreibenden

durchdiskutiert und sind

zu diesem Ergebnis gekommen.

Ein weiteres Beispiel ist unsere

Zusammenarbeit mit Daimler und

Mercedes-Benz zur Erforschung

von Mensch-Maschine-Interaktionsszena

rien. Das selbstfahrende Auto

stellt eine der größten kulturellen Revolutionen

dar, die vor uns stehen. Wie

ändert sich also unsere Kultur und was

wären Lösungen im spekulativen Sinne,

wie könnte man an diese Fragestellungen

herangehen?

KuLTurreVOLuTIOn:

seLBstfAHrendes

Auto

Wir haben uns mit der Außenkommunikation

von Roboter-Autos beschäftigt

und der Frage, wie das autonome

Auto mit seiner Umwelt, also

mit Fußgängern, Radfahrern oder anderen

Fahrzeugen interagiert, wenn,

anders, als bei konventionellen Fahrzeugen,

Blickkontakt oder Gesten

fehlen. Was es braucht, ist eine Art

„informiertes Vertrauen“ in den Roboter,

wir nennen es „informed trust“,

damit alle Verkehrsteilnehmer sich

im Straßenverkehr sicher fühlen. Gemeinsam

mit Künstlern und Künstlerinnen

aus dem Ars Electronica

Futurelab haben wir in einem Innovationsprozess

angefangen, eine Art

funktionale Sprache zu entwickeln,

einen Grundwortschatz. Alles, was

ein Auto an einen Fußgänger kommunizieren

müsste.

ForsCHung in

der Kunst ist nICHT

so sTArk durCH

MeTHODen

reGLemenTIert

Wir haben das dann mit unterschiedlichen

Experimentierfeldern erprobt,

was funktionieren könnte, und im

Zuge dieser Forschung ist auch der

F015 entstanden – ein Prototyp eines

selbstfahrenden Autos von Daimler,

der vor eineinhalb Jahren vorgestellt

worden ist.

querspur: Was ist der Weg, der in der

Kunst eingeschlagen wird, um Neues zu

entdecken?

Lindinger: Auch in künstlerischen

Forschungsprojekten gibt es Methoden,

diese sind aber bis zu einem bestimmten

Grad offener. Wenn man

sich im Vergleich dazu traditionelle

Forschung anschaut, dann gibt es in

jeder Disziplin eine gewisse Methode.

Diese Methode ist natürlich immer

mit gewissen Schwierigkeiten verbunden,

weil die Methoden eigentlich

dazu erfunden worden sind, dass

man wissenschaftliche Ergebnisse zueinander

vergleicht. Mittlerweile haben

sich Methoden in manchen Bereichen

so stark etabliert, dass sie fast

zwangsweise den Weg darstellen, den

man gehen muss.

querspur: Werden Künstler wegen der

oft spielerisch oder dekorativ anmutenden

Auseinandersetzung mit einer Thematik

von wissenschaftlicher Seite als

Partner ernst genommen?

Lindinger: Hier muss man zwischen

industriellen Innovationprozessen

und dem Bereich Kunst und Wissenschaft

unterscheiden. Das sind

wirklich zwei unterschiedliche Paar

Schuhe. In der Industrie oder in

industrielleren Projekten geht es

wirklich um die Suche. Hier wird

Kunst, sobald man zusammenarbeitet,

automatisch als eine Möglichkeit,

Neues oder neue Ansätze zu finden,

respektiert.

Im wissenschaftlichen Kontext ist es

schwieriger: Wissenschaft erzeugt

Erkenntnisgewinn. Publikationen

gelten als höchstes Gut für den wissenschaftlichen

Output. Wenn

Künstlern in diese bereits existierenden

starken wissenschaftlichen

Strukturen- und Systeme kein Zutritt

gewährt wird und eine Begegnung auf

Augenhöhe zwischen Kunst und Wissenschaft

nicht stattfindet, entsteht

ein Missverhältnis. Dem muss man

eben entgegenwirken.

querspur: Wie und unter welchen Umständen

gelingt eine derartige Zusammenarbeit?

Lindinger: Wir versuchen Künstlerinnen

und Künstler an die vorderste

Front der wissenschaftlichen Erkenntnis

zu schicken und zu schauen, wie

das funktioniert. Hierbei bringen

wir Künstler an Orte, zu denen sie

26


Foto: © Matthew Gardiner

Von der Kunst zur Medizin: Das Prinzip der Faltblumen „Oribots“

des australischen Künstlers Matthew Gardiner wird in Zukunft

bei Herzschrittmachern zum Einsatz kommen.

Fotos: © Mercedes-Benz

Kulturelle Revolution des autonomen Fahrens: Das Concept Car F015 von Mercedes-Benz zeigt,

wie der Erholungsraum im selbstfahrenden Auto künftig aussehen könnte.

normalerweise keinen Zugang haben.

Beispielsweise zur Europäischen

Weltraumorganisation ESA oder zur

Europäischen Südsternwarte in Chile

(ESO) oder ins CERN (Europäische

Organisation für Kernforschung).

Unterstützt und begleitet werden die

Künstler bei diesen Forschungsaufenthalten

von Mitarbeitern des Ars

Electronica Futurelabs, die mit

solchen Prozessen eine gewisse Erfahrung

haben und als Schnittstelle

zwischen den Wissenschaftern und

den Künstlern fungieren. Zwar sind

oft Kunstwerke das Ergebnis dieser

Auseinandersetzung, aber der zentrale

Wert für uns sind die Irritationen,

die die Künstler durch ihre

Arbeiten in diesen Institutionen erzeugen.

Leute fangen an, anders über

Dinge nachzudenken. Und dieser Erkenntnisgewinn

geht für uns über

den Wert des Absetzens künstlerischer

Ergebnisse hinaus.

querspur: Zusammenarbeit zwischen

Kunst und Wissenschaft ist keine

Neuerfindung. Am Übergang zum

20. Jahrhundert, im sogenannten

Fin de Siècle, standen Künstler und

Wissenschafter in engem Austausch.

Könnte gerade jetzt wieder ein besonderer

Zeitpunkt dafür sein, gar eine

Notwendigkeit dafür bestehen?

KünsTLerische

InnovationsforsCHung

bei grOssen

Konzernen

bereits eTABLIert

Lindinger: Grundsätzlich würde

ich sagen, dass Kunst immer wieder

eine entscheidende Rolle gespielt hat

und sie könnte natürlich immer eine

noch entscheidendere Rolle spielen.

Denn sie hat die Möglichkeit durch

das Experimentieren, Dinge zu erproben,

die nicht unmittelbar Sinn

ergeben. Manchmal erschließt sich

dieser erst in einem zweiten Schritt.

Aus unternehmerischer Perspektive

ist es sehr wichtig, Künstler in die

Innovationsmethodik oder -prozesse

zu inte grieren. Bei vielen der multi–

natio nalen Konzerne, mit denen wir

zusammenarbeiten, von Toshiba,

Mercedes, über SAP bis Intel, um

nur einige zu nennen, ist künstlerische

Innovationsforschung bereits

etabliert.

Ein anderer Aspekt ist die Suche nach

neuen Wissenschaftskulturen. Hier

ist die Verschmelzung von Kunst und

Wissenschaft bis zu einem gewissen

Grad eine Wiederentdeckung. Es geht

in der Wissenschaft nicht mehr nur

um Erkenntnisgewinn, dem Publizieren

von Papers und dem Vorantreiben

von großen Karrieren. In einem

größeren Diskus geht es darum, die

Gesellschaft weiterzuentwickeln. Hier

schwingt auch der Gedanke mit, mit

Künstlern zusammenzuarbeiten, anders

über Probleme nachzudenken

und auch den Prozess des Erkenntnisgewinns

anders zu gestalten. •

Offen für Neues

27


USERSTORY

Meine

Idee

Die ÖAMTC Future CHAlleNGe hat über

450 User motIVIert, Ideen eINzureICHen.

DREI davon mit ihren IDEEN im PORTRAIT.

Von Astrid Kuffner

Private

Lademöglichkeiten

teilen

Foto: © Günther Huck

Günther Huck hat insgesamt acht Ideen zur Elektromobilität bei der

Future Challenge eingebracht. Der Vorschlag, die privaten Lademöglichkeiten

der ÖAMTC-Mitglieder untereinander zu teilen, wurde besonders ausgezeichnet.

Als Elektrotechniker, Analytiker, Programmierer und Abteilungsleiter

hat Günther Huck viele Jahre in der IT-Infrastruktur

gearbeitet. Dabei hat der Grazer übersehen, dass er selbst

immer unter Strom stand und schließlich das eigene System

überlastete. Nach einem Burnout war er mehrere Monate

auf Rehabilitation und hat seine Prioritäten neu geordnet.

Dabei dachte der 56-Jährige über sich und die Welt von

heute nach: „Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung, unbeschränktes

Wachstum und Ressourcenvergeudung bestimmen

unseren Umgang mit dem Planeten. Gleichzeitig

sind wir in Österreich durch unseren Lebensstil und das

Wirtschaftssystem auf Mobilität angewiesen. Nicht nur ich

sehe daher Elektromobilität als Alternative zur Erdölmobilität.“

Weil es auf jeden Einzelnen ankomme, fing Huck bei sich

selbst an. Er wohnt in einem Plusenergiehaus mit einer Photovoltaikanlage

auf dem Dach, seine Frau und er legen seit einem

Jahr den Großteil der Alltagswege mit Elektroautos (Fiat

500e Karabag) zurück, wobei er davor bereits ein Elektrofahrrad

und ein Elektromoped hatte. Günstig: Sein Wohnort

Kirchbach in der Oststeiermark ist ein Vorreiter der E-Mobilität

mit drei öffentlichen E-Ladestationen.

„Die Problematik ist nicht das Elektrofahrzeug an sich. Ende

der 1980er-Jahre wurde das erste Serien-Elektroauto, Fiat

Panda Elettra, entwickelt und ab 1990 in den Puch-Werken

bei Graz serienmäßig gebaut. Wir haben auch den nötigen

Strom. Was aber immer noch fehlt, ist die Ladeinfrastruktur“,

analysiert er. Und hier kommt die Idee eines Community-basierten

Ladenetzes ins Spiel: Aktuell sind in Österreich

4,5 Millionen private PKW angemeldet. Wenn nur die Hälfte

künftig mit Strom fahren würde, wovon Huck ausgeht, müsse

sofort damit begonnen werden, zumindest 2,5 Millionen

Lade plätze zu schaffen: „Ich habe nicht den Eindruck, dass

diese Ladeinfrastruktur politisch so wichtig genommen wird,

wie die Infrastruktur für Trinkwasser, Abwasser oder Internet,

obwohl unser Wirtschaftssystem auf Mobilität aufbaut.“

Er weiß aus eigener Erfahrung: Elektrofahrzeuge sind entweder

unterwegs oder sie hängen an der Steckdose. Statt

bloß auf Schnell-Ladestationen zu setzen, würde er die privaten

Ladeplätze von ÖAMTC-Mitgliedern unter denselben

teilen. Diese sind im Regelfall frei, weil die Besitzer mit dem

E-Auto in die Arbeit fahren. Der ÖAMTC könnte sich um Verwaltung

und Abrechnung kümmern. Seiner Idee nach könnte

jeder Strom-Guthaben in den virtuellen ÖAMTC-Pool

einspeisen: Aus der eigenen PV-Anlage oder über die Beteiligung

an Anlagen für Alternativenergie (Windpark, Biogas,

PV-Anlage) und erwirbt so das Recht, ebenso viel wieder zu

beziehen. Dieser Gedanke im Sinne der Shared Economy

und der Gemeinnützigkeit kam Huck spontan, als er via

Newsletter von der Future Challenge erfuhr. Insgesamt hat

er acht Ideen eingereicht, u. a. etwa jene an ÖBB-Züge E-

Autotransport-Waggons anzuhängen, um die Reichweite zu

verbessern. Und Huck hat nicht nur den einzelnen E-Autofahrer

im Blick: „Die technische Umsetzung eines solchen

Ladenetzes sehe ich als Chance. So kann der Wirtschaftsstandort

Österreich vielleicht ein Vorreiter in Europa in dieser

Technologie werden.“ •

28


USERSTORY

Foto: © Daniela Starcevic

Streikwarnung

statt Reisestress

Streik, strike, grève, sciopero! Daniela Starcevic ist früher viel gereist und lernte dabei die Streikfreude

in anderen Ländern Europas kennen. Als ihre Kollegen neulich ein wichtiges Geschäftstreffen beinahe

verpassten, weil der Zug nicht fuhr, stand für sie fest: Ein EU-Frühwarnsystem muss her.

Wer viel reist, erlebt auch viel. Nicht nur am Ziel, auch auf

dem Weg dorthin oder retour. Daniela Starcevic war in den

1990er-Jahren im internationalen Tourismus tätig: „Ich habe

in einem gewissen Zeitraum vermutlich öfter die Kontinente

gewechselt als andere die Bettwäsche“, sagt sie über das

Ausmaß ihrer Reisetätigkeit. Oft flog sie über das Drehkreuz

London und besuchte bei dieser Gelegenheit ihre Tante, die

am Rand der Themse-Metropole außerhalb des U-Bahn Netzes

wohnt. Dabei lernte sie die Streikfreudigkeit in den europäischen

Nachbarländern kennen und entdeckte eine Lücke:

Wenn eine nationale Fluglinie oder der Hauptstadt-Flughafen

streikt, steht das in jeder Zeitung. Reisende können sich auf

diese Weise vorbereiten. „Wenn du aber um fünf Uhr morgens

auf dem Bahnsteig der Lokalbahn stehst, um zum Flughafen

zu kommen und die streiken, hast du keine Möglichkeit,

das vorab zu erfahren“, erklärt sie. Damals, als es für

Starcevic nötig gewesen wäre, gab noch keine Smartphones,

um alternative Routen zu suchen. Wobei das angesichts

von Hektik und hoher Roaminggebühren vielleicht auch heute

nicht zielführend wäre. Verpasste (Übersee-) Flüge, verweigerte

Storni und geplatzte Termine sind jedenfalls unangenehm.

Als eine Kollegin ein zwischen internationalen Partnern mühsam

abgestimmtes Treffen für ein EU-Projekt beinahe verpasst

hätte, weil eine regionale Bahnstrecke in Frankreich

bestreikt wurde, knüpfte Daniela Starcevic an ihre eigenen

Erfahrungen wieder an und reichte ihre Idee für ein EU-Frühwarnsystem

bei der ÖAMTC Future Challenge ein: Darin

schägt sie ein Reiseportal vor, bei dem Informationen über

regionale Streiks innerhalb der EU zur Verfügung gestellt

werden. Dort könnte man sich vor Reiseantritt erkundigen. In

einer ausgefeilteren Version könnte man vorab die geplante

Route eingeben und per SMS gewarnt werden, wenn bei einem

der Verkehrsmittel Unregelmäßigkeiten auftreten sollten.

Vernetzte Mobilitätsclubs in verschiedenen Ländern könnten

damit gemeinsam eine Art EU-Frühwarnsystem für Reisende

aufbauen und auch gleich alternative Anreisemöglichkeiten

vorschlagen. Die Mitglieder könnten dann von unterwegs

kurzfristig abfragen, ob und wo Streikwarnungen vorliegen.

Heute möchte Daniela Starcevic kein Jetsetter-Leben mehr

führen: „Es ist noch stressiger geworden. Bei Fernreisen gibt

es inzwischen unzählige Möglichkeiten, wo etwas nicht klappen

könnte: Von der Baustelle bis zu verschärften Sicherheitskontrollen“.

Die 44-jährige Grazerin ist immer noch ein

Mensch, der sich viel bewegt. Beim Sport, mit dem Rad auf

dem Weg zur Arbeit, mit dem Hybrid-Auto ins Grüne zum

Wandern, mit der Straßenbahn oder zu Fuß. Es fällt ihr also

leicht, die Perspektive unterschiedlicher Verkehrsteilnehmer

einzunehmen. Sie beteilige sich oft an Umfragen, die sie

via ÖAMTC-Newsletter erreichen und brachte insgesamt

gleich drei Vorschläge bei der Future Challenge ein: „Mir gefällt,

dass ein Mobilitätsclub die Rolle als Bürgeranwalt einnimmt

und auch die Anliegen Einzelner bei den politisch Verantwortlichen

einbringt.“ •

Offen für Neues

29


USERSTORY

Foto: © Peter Spannring

Rundum-Service

für Zweiräder

Peter Spannring ist beruflich und privat viel mit dem Rad unterwegs.

Dabei kam ihm die Idee, die ÖAMTC-Stützpunkte zu Drehscheiben der Fahrradmobilität auszubauen.

Neben der eigenen Fahrrad-Pannenhilfe soll es auch Leihräder und -helme geben.

Peter Spannring weiß mit Werkzeug umzugehen. Er ist sicherheitsbewusst

und handwerklich geschickt. Und er hält viel

von regelmäßiger Wartung. Dennoch hatte er in den vergangenen

Jahren immer wieder einmal eine Panne. Mit dem

Fahrrad. „Auf einen Kettenriss kannst du dich nicht vorbereiten“,

sagt der Vielradler. Vom frühen Frühjahr bis in den späten

Herbst hinein bewältigt der 51-Jährige die 22 Kilometer

(von Leoben nach Kapfenberg) zur Arbeit mit dem Rad. Auf

dem Heimweg nimmt er nicht selten noch eine kleine Bergwertung

mit. Am Wochenende ist er rund um Leoben unterwegs

und auch bei der Salzkammergut Trophy war er heuer

erstmalig am Start. Mit Mountainbike oder Rennrad bewältigt

er rund 7.000 Kilometer und 100.000 Höhenmeter im

Jahr. Das verrät ihm sein GPS-Tracker. Und dann eben: Panne,

schieben, ärgern. Nicht immer ist ein Geschäft mit Ersatzteilen

geöffnet, nicht immer erreicht er jemanden aus der

Familie, der ihn abholen kann und nicht überall kann er ein Taxi

rufen. Hier kommt die ÖAMTC-Zweirad Pannenhilfe gerade

recht. Aber auch darüber hinaus könnte der ÖAMTC zur

Drehscheibe für Fahrradmobilität werden. Als Peter Spanning

in der Mitgliederzeitschrift von der Future Challenge las,

war das seine Gelegenheit, diese Idee einzubringen. Wobei

er auch beruflich ein starker Ideengeber ist: Bei seinem Arbeitgeber

Böhler Edelstahl in Kapfenberg werden Vorschläge

der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zur kontinuierlichen

Verbesserung sehr ernst genommen. Und Peter Spannring

koordiniert das Vorschlagswesen im Bereich Schmiedelinie.

Zudem ist er Sicherheitsfachkraft. Deswegen wird man

ihn auch nie ohne Helm fahren sehen. Er freut sich darüber,

dass immer mehr Menschen das Rad für die alltägliche Fortbewegung

nützen. Durch E-Bikes wird das auch für weniger

sportliche und ältere Menschen möglich. Der ÖAMTC

könnte neben der Zweirad-Pannenhilfe auch Servicestellen

für Zweiräder an den Stützpunkten inklusive Schlauchautomat

anbieten, meint er. Man könnte auch Fahrräder und Helme

am Stützpunkt verleihen, vor allem das Auto beispielsweise

seinen Geist aufgegeben hat und es daher am Stützpunkt

stehen bleiben müsse.

Zum Radfahren ist Peter Spannring aus gesundheitlichen

Gründen gekommen: In seiner Jugend hat er viel Krafttraining

gemacht, was nach einem Unfall aber nicht mehr möglich

war. Radfahren ist für den Genussmenschen eine ideale,

weil in den Alltag integrierbare Möglichkeit zur Gewichtsreduktion.

Umso mehr freut sich über den schönen Preis: Die

Reisegutscheine. Vermutlich wird es ihn und sein Lebensgefährtin

wieder nach Italien ziehen. Die Gegend rund um den

Gardasee liebt er besonders. Und natürlich hat er im Kofferraum

auch immer sein Rad mit dabei. In Italien gibt es neben

gutem Essen viele Radsport-Begeisterte wie ihn. Auch bemerkt

er dort viel Rücksicht und auch Leichtigkeit im Umgang

miteinander. Peter Spannring würde auch gerne Forstwege

fürs Radfahren öffnen, „wobei es hier natürlich Spielregeln

für das Miteinander braucht“. Er überlegt wohl schon, wo er

seine Ideen zu diesem Thema sinnvoll einbringen könnte. •

30


Lorenz Inou, 19

Absolvent HTL Rennweg/Mechatronik aus Wien

„Ich habe gerade die HTL-Matura gemacht. Mein Lehrer für Prozessrechentechnik

beschäftigt sich seit Mitte der 1980er-Jahre mit dem Thema Elektromobilität. Er ist

auch Erfinder und ein „Auskenner“, wenn es um technische Lösungen für die Einsparung

von CO 2

geht. In den vergangenen zwei Jahren habe ich von ihm viel darüber

gelernt. Ich wollte mit meiner Idee bei der Future Challenge signalisieren, dass

sich ein Mobilitätsclub mit dem Thema Ladenetz bereits heute auseinandersetzen

sollte. E-Mobilität ist für Österreich umwelttechnisch und finanziell ein Muss. Ich habe

mich aktiv mit Kommentaren eingebracht, weil ich klassische und bereits veraltete

Kritikpunkte gegenüber E-Mobilität ausräumen will. Ich halte den Emotionen rund

ums Autofahren gerne sachliche Information entgegen.“

USERSTORY

Katharina Aichberger, 49 Jahre, technische Angestellte aus Steyr

„Erneuerbare Energieformen mögen sich weltweit durchsetzen, das wünsche ich mir!

Neben anderen Vorteilen verursachen mit erneuerbarer Energie betankte Elektroautos

weniger Lärm. Dadurch könnte eine gut gelegene Wohnung am viel befahrenen

Wiener Gürtel eine hübsche Wertsteigerung erfahren. Freilich: Das Fehlen von

Motorgeräuschen, die viele Leute unterbewusst als Warnsignale empfinden, verlangt

eine Umstellung. Ich könnte mir schon jetzt spielerische Praxissimulationen bei

Events vorstellen wie etwa Videos, Computerspiele oder Übungskreuzungen, mit

denen die Verkehrsteilnehmer frühzeitig mit der veränderten Verkehrssituation vertraut

gemacht werden. Sie lernen, mit weniger Lärm umzugehen und freuen sich auf

eine hoffentlich bald abgasreduzierte Zukunft.“

Warum haben Sie sich an der

ÖAMTC Future Challenge beteiligt?

Maria Jakob, 66, Pensionistin aus Enns

„Ich war in den Jahren 1969 bis 1982 beruflich viel mit dem Auto unterwegs– in Österreich,

der BRD, Frankreich, Italien und ein halbes Jahr auch in England – und habe wohl

1.300.000 Straßenkilometer abgespult. Heute fahre ich mit meinem Mann und Tempomat

nur noch privat durch Österreich und habe Zeit, bei einem Ideenwettbewerb mitzumachen.

Ich schlage ein Überholverbot für LKW und Autobusse auf zweispurigen Autobahnen

vor. Bei den kilometerlangen Überholmanövern – ich nenne sie ‚Elefantenduelle‘

– kommt es zu abrupten Bremsmanövern und unnötigen Staus.“

Tomas Teverný, 40, Koch und kaufmännischer Angestellter im Tourismus aus Schwechat

„Ich habe mich bei der Future Challenge beteiligt, weil ich mir beim Thema Mobilität der Zukunft Bewegung

und Offenheit wünsche. Ich bin eine Art personifizierte Street View Map, habe halb Europa bereist

und viele gute und schlechte Lösungen gesehen. Es geht mir darum, dass alle Menschen mitgestalten

können. Ich sehe darin den Zeitgeist der neuen, sich entwickelnden Gesellschaft. Der Einfluss der Politik

bremst wichtige Entwicklungen zunehmend. Man muss kein Fachexperte sein, um zu erkennen, wo

es neuer Lösungen beim Alltagsthema Mobilität bedarf. Von den Ideen können wiederum Fachleute und

Verkehrsplaner profitieren, wenn sie sich dafür öffnen. Es reichen oft die Alltagserfahrung, das Interesse,

der Hausverstand und die Begeisterung gewöhnlicher Menschen. Der ÖAMTC sollte dieses Portal

als Sammelstelle für Ideen zur Mitgestaltung weiter betreiben.“

Offen für Neues

31


Futurnauten

Eine FACHjury aus drei Experten untersCHIedlicher Bereiche

wählte die GewINNer der ÖAMTC Future CHAlleNGe aus.

Querspur bat JuryMITGLIeder zum InterVIew. Die Gespräche führte Catherine Gottwald

Foto: © Irene Fialka

Dr. Irene Fialka ist studierte Molekularbiologin und

seit 2004 Geschäftsführerin von INiTS Universitäres

Gründerservice Wien GmbH, einem preisgekrönten

akademischen Business-Inkubator, der Start-ups in

jeder Entwicklungsphase, also von der Formulierung

ihrer Geschäftsidee bis zur Finanzierung ihres Unternehmens,

unterstützt. In der Fachjury war ihre Kernexpertise

als Start-up-Consultant gefragt.

querspur: Der ÖAMTC feiert 2016 sein

120-jähriges Bestehen und ist mit circa

zwei Millionen Mitgliedern Österreichs

größter Verein. Was bedeutet es, wenn

ein so traditioneller Club einen Crowdsourcing-Prozess

wie die ÖAMTC Future

Challenge startet und dabei interessierte

Bürger und Bürgerinnen, Mitglieder sowie

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen

dazu befragt, wie er sie in ihrer Mobilität

besser unterstützen kann? Hat ein derartiger,

offener Ideenwettbewerb Signalwirkung?

Dr. Irene Fialka: Ich finde, die

ÖAMTC Future Challenge hat absolut

hohe Signalwirkung. Damit

setzt der ÖAMTC in vielerlei Hinsicht

Zeichen: Während Open Innovation,

wie sie der ÖAMTC hier mit

der Future Challenge vorlebt, in der

Wissenschaft seit 30 Jahren praktiziert

wird, ist sie in der unternehmerischen

Realität noch immer nicht

richtig angekommen. Hier übernimmt

der ÖAMTC auch im Vergleich

mit anderen europäischen

Mobilitätsclubs eine Vorreiterrolle.

Andererseits definiert der ÖAMTC

damit auch seine Clubsprache neu.

Clubmitglieder, Mitarbeiter und interessierte

Bürger dürfen und sollen

mitreden und mitgestalten. Die eingereichten

Ideen und Konzepte betreffen

nicht aktuelle Services, bestehende

Bedürfnisse und/oder Defizite,

sondern zeigen deutlich auf, was in

Zukunft möglich und nötig sein wird.

Die Stimme des einzelnen Mitglieds/

Bürgers/Mitarbeiters wird gehört und

hat Gewicht. Die richtige Kommunikation

mit der Crowd ist ein sehr relevanter

Faktor in Crowdsourcing-

Prozessen.

querspur: Würden Sie sagen, die Kommunikation

ist in diesem Fall geglückt?

Fialka: Ja, das sieht man schon anhand

der zahlreichen Einreichungen.

Aber natürlich ist nicht nur die Zahl

der Einreichungen, sondern vor allem

die Qualität der Einreichungen

relevant.

querspur: Als Geschäftsführerin des

Universitären Gründerservice INiTS beschäftigen

Sie sich seit Jahren mit frischen

Ideen und zukunftsfähigen Konzepten.

War bei den eingereichten Ideen

der ÖAMTC Future Challenge eine dabei,

die Sie als Jury-Mitglied so nicht erwartet

hätten?

Fialka: Nein. Aber ich habe festgestellt,

dass einige Ideen absolut im

Trend liegen und deren Umsetzung

die richtigen Schritte in Richtung

Zukunft darstellen. Ein Beispiel dafür

ist die prämierte Idee der Einführung

einer ÖAMTC-Sicherheitsplakette

für Drohnen, das 57a-„Pickerl

2.0“. Das Definieren von allgemeinen,

verbindlichen, rechtlichen Rahmenbedingungen

für Drohnenpiloten sowie

die technische Überprüfung und

Zertifizierung von Drohnen ist absolut

notwendig. Außerdem besteht

Aufklärungsbedarf beim Gebrauch

von Drohnen. Das wäre eine tolle

neue Aufgabe für den ÖAMTC.

querspur: Könnte man zusammenfassend

sagen, dass die Themen, Ideen und

Vorschläge, die bei der ÖAMTC Future

Challenge ein- und vorgebracht wurden,

das Thema Mobilität auf eine höhere

Stufe gestellt haben?

Fialka: Ja. Für den ÖAMTC und seine

Clubmitglieder ganz bestimmt. •

32


Foto: © KTM

KTM-Chef DI Stefan Pierer studierte Betriebs- und

Energiewirtschaft an der Montanuniversität Leoben.

Seit 1992 ist er Aktionär und Vorstand des Sportmotorradherstellers

KTM AG. Seine unternehmerische

Vision hat aus KTM eine Weltmarke gemacht. Das

KTM Zero-Emission Motorcycle „Freeride-E“ erhielt

2011 den österreichischen Staatspreis der Kategorie

„Innovativ E-Mobil“. In der Fachjury der ÖAMTC Future

Challenge war vor allem seine Erfahrung und sein

Knowhow im Bereich motorisierte Zweiradmobilität

gefragt. Und sein Spürsinn für gelebte Innovation.

querspur: Warum haben Sie die Einladung,

als Fachjuror bei der ÖAMTC

Future Challenge mitzuwirken, angenommen?

DI Stefan Pierer: Für einen Veteranen

aus der Mobilitäts- und Fahrzeugindustrie

wie mich sind Themen, die

Mobilität betreffen, immer sehr spannend

und informativ. Egal, ob diese

Ideen und Konzepte nun direkt von

den ÖAMTC-Mitarbeitern (Anmerkung:

7,5 % der Einreichungen

bei der ÖAMTC Future Challenge

stammten von ÖAMTC-Mitarbeitern

und -Mitarbeiterinnen), Clubmitgliedern

oder interessierten Bürgern eingebracht

wurden. Der ÖAMTC ist

eine österreichische Institution, die

die gesamte Bandbreite der Mobilität,

also Vierrad- und Zweiradmobilität

abdeckt, und dabei auch das Thema

Sicherheit hoch ansetzt. Darum finde

ich es ganz wichtig, dass man einerseits

von den Mitgliedern und auch

von den eigenen Mitarbeitern Vorschläge

zur Verbesserung einholt.

querspur: Was haben Sie aus dieser

Erfahrung für sich mitgenommen?

Pierer: Ich konnte mir einen ausgezeichneten

Gesamtüberblick über

den Megatrend Mobilität verschaffen.

Das Thema urbane Mobilität ist eines

der Hauptthemen, und die urbane

Mobilität wird in Zukunft sicher sehr

stark auf Elektromobilität basieren.

Auch wir bei KTM haben viele interessante

Zukunftskonzepte im

Bereich Zweirad-Elektromobilität,

die bereits auf Rädern stehen und auf

eine sehr reelle Überleitung warten.

querspur: War auch eine Idee dabei,

die Sie überrascht hat?

Pierer: Nicht überrascht, sondern

eher bestätigt! Im Bereich Elektromobilität

hat sich klar gezeigt, dass

man nicht beim Auto beginnt und

dann bei der Zweiradmobilität endet,

sondern dass die Entwicklung umgekehrt

von unten nach oben verläuft:

Das Elektro-Bike beispielweise ist in

der breiten Bevölkerung längst angekommen

und verkauft sich bestens.

querspur: Bei KTM wird Innovation

groß geschrieben. Zahlreiche aktuelle

Motorsportrekorde im Bereich Konstruktion

zeugen vom Erfindungsgeist der

KTM-Entwicklerinnen und -Entwickler.

Wäre ein Ideenwettbewerb/Crowdsourcing-Prozess

wie die ÖAMTC Future

Challenge auch bei KTM möglich?

Pierer: Bei uns ist Innovation ein gelebter

Prozess, den wir nicht formal

ausschreiben. Feedback von Kundenund

Händlerseite fließt permanent

ein. Dennoch ist der Rennsport die

treibende Kraft. Er verbindet die beiden

Elemente aus der Innovationstheorie:

Die freiwillige Innovation

und die erzwungene. Die freiwillige

Innovation ist die schwierigere, weil

man da permanent Selbstantrieb

haben muss. Umgekehrt bedeutet

erzwungene Innovation, dass man an

der Situation dringend etwas ändern

muss, um seine Spitzenposition zu

halten. Unsere 400–500 Mitarbeiter

in der Entwicklung sind hoch motiviert

und haben meistens auch eine

Motorradvergangenheit. Sie suchen

sogar am Wochenende in ihrer Freizeit

nach Lösungen, wie man unsere

Produkte verbessern kann.

querspur: Auch sehr kleine Ideen

können eine große Resonanz haben.

Hätten Sie auch eine Idee bei der

ÖAMTC Future Challenge eingereicht,

wenn Sie nicht Mitglied der Fachjury

gewesen wären? Wäre es für Sie auch

interessant gewesen?

Pierer: Ja, vor allem das Thema Erhöhung

der Sicherheit. Im Bereich

Zweiräder, das geht vom Fahrrad

bis zum Motorrad und Mofa. Denn

dieser Verkehrsteilnehmer ist ein

sehr verwundbarer, der hat keine

Knautschzone und keine Crashzone,

ist aber ein aktiver Teilnehmer im

öffentlichen Verkehr und damit sehr

gefährdet. Alle Ideen, die dazu beitragen,

hier die Sicherheit zu erhöhen,

sind natürlich von unserer Seite nicht

nur hoch willkommen, sondern auch

angestrebt. •

Offen für Neues

33


Foto: © Nicolas Uphaus

Dr. Stephan Rammler ist Professor für Transportation

Design & Social Sciences an der Hochschule für

Bildende Künste in Braunschweig und Gründer des

Instituts für Transportation Design. Seine Arbeitsschwerpunkte

sind die Mobilitäts- und Zukunftsforschung,

Verkehrs-, Energie- und Innovationspolitik,

Fragen kultureller Transformation und zukunftsfähiger

Umwelt- und Gesellschaftspolitik. 2016 erhielt er den

ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nachhaltigkeit, der seit

2013 von der Initiative Mut zur Nachhaltigkeit, dem

Magazin ZEIT WISSEN sowie dem Unternehmer

August Oetker ausgelobt wird.

querspur: In Ihrem 2014 erschienenen

Buch „Schubumkehr – Die Zukunft der

Mobilität“ zitieren Sie den amerikanischen

Visionär R. Buckminister Fuller

„The best way to predict the future is

to design it“ (dt.: „Die beste Art, die

Zukunft vorherzusagen, ist sie zu

gestalten“) und prägen den Begriff

„Futurnauten“. Haben Sie beim

Crowd sourcing-Prozess der ÖAMTC

Future Challenge einige Futurnauten

angetroffen, die die Zukunft gestalten?

Prof. Dr. Stephan Rammler: Ja.

Futurnauten sind für mich einerseits

Experten, Wissenschafter und

Futurologen, Spezialisten in Sachen

Zukunft. Andererseits sind für mich

Futurnauten auch ganz normale

Menschen, Bürger, Konsumenten,

Mobilitätsteilnehmer usw., die versuchen,

aus ihrer eigenen Lebenspraxis

heraus einen Horizont in die Zukunft

zu öffnen. Menschen, die sich Ideen

oder Konzepte ausdenken, ob es nun

Produkte oder Dienstleistungen sind,

um ihre, aber auch die Lebenswirklichkeit

anderer Mitgenossen auf diesem

Planten zu verbessern. Insofern

sind für mich die eingereichten Ideen

Ausdruck solcher Expertise, über Zukunft

und Nachhaltigkeit anders

nachzudenken.

querspur: Sind also bei einem Crowdsourcing-Prozess

wie der ÖAMTC

Future Challenge die Beiträge von

Experten, Mitgliedern, Mitarbeitern

und interessierten Bürgerinnen und

Bürgern in gleichem Maße wertvoll?

Rammler: Unterschiedlich wertvoll.

Experten, Wissenschafter oder Spezialisten

haben den Vorteil, dass sie

sich mit einem Thema womöglich

über Jahre hinweg beschäftigen und

in diesen Gebieten genau Bescheid

wissen. Andererseits sind Konsumenten

und Bürger die besten Experten

in eigener Sache. Weil sie die Betroffenen

sind. Sie leben in der Lebenswirklichkeit,

in der Probleme auftauchen.

Sie sind die besten Experten im

Sinne Alltagspraxis und Umsetzung

von neuen Konzepten und Ideen. Insofern

brauchen wir beide Perspektiven.

querspur: Wie wichtig ist es für

Österreichs größten Mobilitäts-Club

mit einer 120-jährigen Geschichte

einen Crowdsourcing-Prozess in

Gang zu setzen?

Rammler: Gerade für einen Club,

der mit einer breiten Masse von

Konsumenten zu tun hat, ist es

immer wichtig, ein Gefühl für die

Basis zu haben. Der ÖAMTC ist

ein Publikumsverein. Ein Verein,

der breit in die Gesellschaft hineinwächst.

Insofern ist es gerade für einen

solchen Verein immer unglaublich

wichtig, auch zu wissen, was an

der Basis mit den Mitgliedern los ist.

Das ist die eine Perspektive. Die andere

ist, dass ein solcher Verein wie

der ÖAMTC – gerade weil er so breit

in die Gesellschaft ausstrahlt – ein

unglaublich gutes Sprachrohr sein

kann. Als vertrauenswürdige, althergebrachte,

traditionelle Institution

hat der ÖAMTC diesen Bonus, diesen

Vertrauensvorschuss.

Er kann vielleicht ein Stück weit noch

besser als andere Institutionen, vielleicht

auch besser als politische Institutionen,

diesen Blick auf die Zukunft

richten und diesen Prozess

auch gestalten. Wir erleben gerade

eine totale, tiefgreifende, strukturelle

Transmutation der Mobilitätswirtschaft.

Es ist nötig, dass gerade traditionelle

Institutionen beginnen sich

zu bewegen und neue Zukunftsmodelle

und -konzepte, Leitbilder,

Visionen zu entwickeln. Insofern

ist es wichtig, dass ein Club wie der

ÖAMTC, genau wie die Autobauer

und andere große Akteure der Mobilitätswirtschaft,

sich um die große

Frage der Nachhaltigkeit kümmert.

Und das tut er, indem er Crowdsourcing-Prozesse

anschiebt, abfragt und

durch diesen Prozess in das Meer seiner

Mitglieder zurückwirkt. •

34


Foto: © shutterstock

Der SchlüSSel

zum Erfolg

DIE GLÜHBIrne, DAS AUTO ODER DAS INTerneT – INNOVATIOnen,

DIE WIRTSCHAFT UND GeseLLSCHAFT NACHHALTIG VERÄNDerT HABen.

AUCH WEIL SIE ZUM RICHTIGen ZEITPunKT AM RICHTIGen ORT WAren.

DOCH LänGST NICHT Alle ERFINDUNGEN SETZEN SICH ERFOLGREICH

Auf dem MARKT DURCH. WAS IST DAS GEHEIMNIS, DAMIT NEUE SYSTEME

UND TECHNOLOGIen ZU ERFOLGreICHEN INNOVATIOnen WerDEN?

Von Astrid Bonk

Offen für Neues

35


Eine Spaghettigabel, die die Nudeln

mit eingebautem Motor selbst auf die

Zinken dreht, eine Schaukelbadewanne

oder eine Heizvorrichtung für

Fahrradsättel – Ideen, die bis auf den

Erfinder vermutlich niemals jemand

brauchen wird.

Im Jahr 2015 wurden laut Österreichischem

Patentamt fast 2.500 neue

Patente angemeldet. Auch die Schaukelbadewanne

ist patentiert. Und obwohl

die Zahl der Patente oftmals als

Maß für die Höhe an Innovationsaktivitäten

eines Landes gilt, so wird

schnell klar: Ganz aussagekräftig ist

dieser Indikator nicht. Zumal es sich

bei einem Patent per Definition noch

gar nicht um eine Innovation handelt,

sondern streng genommen um eine

Invention, also eine Erfindung. Als Innovation

gilt erst ein über den Prototypen

hinaus entwickeltes Produkt,

das auf dem Markt erfolgreich ist.

MarKTerfOLG einer

InnOVATIOn von

VIelen Faktoren

abhänGIG

Der Markterfolg ist kein Ziel, das im

standardisierten Verfahren erreicht

werden kann. Vielmehr braucht es

ein Zusammenspiel verschiedener

Faktoren. Etwa den hohen Nutzen

für eine große Anzahl an Usern als

Grundvoraussetzung für den Erfolg

einer Innovation. Gerade Inventionen,

die gezielt entwickelt werden, um andere

Lösungen zu substituieren und

deren wirklicher Anwendernutzen

nicht hoch genug ist, verschwinden

recht schnell vom Markt. Ein Beispiel:

Die DVD konnte die Videokassette

durch die höhere Qualität der Aufzeichnung

innerhalb weniger Jahre

vollkommen ersetzen. Der Nachfolger

der DVD, die Blu-Ray-Disc, die

eine noch höhere Bildqualität ermöglicht,

konnte sich indes nie behaupten.

Grund dafür: Der Unterschied zur

DVD wird als nicht groß genug empfunden.

Für den Erfolg einer Innovation ist mit

dem großen Nutzen für den User die

Bereitschaft des Marktes untrennbar

verbunden. Das bedeutet, dass nicht

nur das Produkt seinerseits ausgeklügelt

sein soll, sondern auch die Bedürfnisse

der Gesellschaft der jeweiligen

Zeit und im jeweiligen Kontext

berücksichtigen müssen. Der Markt

muss quasi nach einer Innovation

lechzen, damit diese Erfolg hat.

ÜberfLIeger

LeonarDO da VinCI

mit MisserfOLGen

Leonardo da Vinci (1452–1519) gilt

als ein Erfinder, der seiner Zeit weit

voraus war, was ihm aber nicht immer

zum Vorteil gereichte. Etwa entwickelte

er im Wunsch, fliegen zu können, um

1485 den ersten Fallschirm. 350 Jahre

vor dem Bau des ersten Flugzeugs

konnten die Menschen mit einer derartigen

Erfindung jedoch nichts anfangen.

Der Fallschirm war damit zwar etwas

radikal Neues, die Bedürfnisse der Gesellschaft

befriedigte er jedoch nicht.

Erfolgreicher verhielt es sich mit einem

Beispiel aus jüngster Zeit: Das Internet

und die Digitalisierung haben die

Art, wie wir Medien konsumieren,

radikal verändert. Video-on-Demand-

Angebote wurden für die Nutzer immer

attraktiver. Fernsehen ist nicht

mehr an den eigenen Apparat im

Wohnzimmer gekoppelt, sondern

findet statt wo und wann man will.

Nach einer Unterbrechung schaut

man einfach am nächst verfügbaren

Gerät weiter. On-Demand-Video-

Plattformen, wie wir sie von den

Homepages der herkömmlichen

TV-Sender kennen, sind da nur eine

Basisvariante. Inzwischen haben sich

eigene Internet-Pattformen wie

Netflix etabliert, die dem User in

einer Zeit der Individualisierung

und des Kon sumierens „On the Go“

das gewünschte Service bieten und

selbst die Blu-Ray-Disc als Nachfolgerin

der DVD alt aussehen lassen.

Nicht nur der

ZeITPunkt, auCH der

sOZIALe Kontext ist

wesentlich

Die Bereitschaft einer Gesellschaft

für ein bestimmtes Produkt oder

einen bestimmten Service ist das

eine, hinzu kommt mitunter der

soziale Kontext, innerhalb dessen

sich Innovation abspielt. Anders als

in Europa hat die Mehrheit der Menschen

am afrikanischen Kontinent –

vor allem jene im ländlichen Raum –

kein Bankkonto. Viele Millionen Menschen

hatten daher lange Zeit keinen

Zugang zur Geldwirtschaft.

Im Zuge der Verbreitung des Mobiltelefons

zu Beginn des 21. Jahrhunderts

änderte sich das. In vielen Regionen

Afrikas hatten die Menschen

erstmals nicht nur Zugang zu Information

und Kommunikation, sondern

auch die Übertragung von Gesprächsguthaben

als „mobiles“ Zahlungsmittel

etablierte sich rasch.

Stadtbewohner transferierten Gesprächsminuten

an ihre Familienangehörigen

auf dem Land, die statt mit

Bargeld mit dem Guthaben zum

Beispiel ihre Einkäufe bezahlten.

Der gesamte Zahlungsverkehr

wurde so wesentlich vereinfacht.

Weltweit erste

Handy-Bank in KenIA

Diesem Erfolg geschuldet, wurde

2007 mit M-Pesa die weltweit erste

mobile Bank in Kenia gegründet.

Jeder, der ein Mobiltelefon besitzt,

kann bei M-Pesa ein mobiles Konto

eröffnen. Danach kann per Handy

jederzeit einfach und schnell bargeldlos

bezahlt werden, sogar Stromrechnungen,

Schulgebühren und Löhne

werden inzwischen auf diese Weise

überwiesen. Ein- und Auszahlungen

von Bargeld werden landesweit bei

sogenannten Agents (z. B. Inhaber

von Tankstellen oder Supermärkte)

abgewickelt. Mittlerweile gibt es allein

in Ostafrika rund zwei Dutzend

ähnlicher Anbieter, allein in Kenia nutzen

über 19 Millionen Menschen die

Services von M-Pesa. Das Handy war

deshalb nicht nur eine bedeutende

technische Erfindung, sondern auch

eine der wichtigsten sozialen Innovationen

des letzten Jahrhunderts.

Zurück nach Europa: Wieviel soziale

Innovation ist nötig, wenn die technischen

Möglichkeiten schon vorhanden

sind? Florian Moosbeckhofer,

Leiter der Abteilung Innovation

und Mobilität im ÖAMTC, berichtet

36


Aufmerksamkeit

Gipfel der

überzogenen

Erwartungen

Pfad der

Erleuchtung

Plateau der

Produktivität

Illustration: © Barbara Wais

Technologischer

Auslöser

Tal der

Enttäuschungen

Zeit

Gartner Hype-Zyklus: Auf der Y-Achse ist die Aufmerksamkeit (Erwartungen) für die neue Technologie dargestellt,

auf der X-Achse die Zeit seit ihrer Entwicklung. Am Anfang gibt es stets überzogene Erwartungen, bis sich letztlich

herausstellt, wozu die Technologie wirklich taugt.

von vielen Einreichungen zum Thema

Mitfahrgelegenheit bei der kürzlich

durchgeführten Future Challenge.

„Die vielen Einmeldungen zum Thema

Mitfahrgelegenheiten haben uns gezeigt,

dass das Thema in der breiten

Öffentlichkeit angekommen ist. Während

bereits technisch ausgereifte

Lösungen verfügbar sind, scheitern

diese in der Praxis bislang häufig an

der praktischen Nutzbarkeit und der

sozialen Akzeptanz.“

Vertrauen bei

MitfAHrBÖrsen als

Thema NuMMer eins

Eingereicht wurden Beiträge wie

etwa Mitfahrservices speziell für

Events, eine ÖAMTC-eigene Mitfahrplattform

bzw. -App oder eine

Identity Card & App, die das Autostoppen

einfach und sicher macht.

Hintergrund waren für die Ideengeber

die Themen Sicherheit und Vertrauen.

Soll ich wirklich zu einem Unbekannten

ins Auto steigen? Soll ich

jemanden mitnehmen, den ich gar

nicht kenne? Was passiert bei einem

Unfall, wer übernimmt hier die Haftung?

So hält etwa Andrea Vierthaler

im Rahmen ihrer Idee „Mitfahrzentrale

ÖAMTC“ fest, dass man auf

Suchmaschinen zwar eine große Anzahl

an mehr oder minder vertrauenswürdigen

Angeboten für Mitfahrgelegenheiten

finde. Viele Menschen

hätten aber eine Hemmschwelle, solche

Angebote zu nutzen. Das sei bei

jüngeren genauso wie bei älteren

Menschen der Fall. Auch sozioökonomische

Veränderungen sind mitunter

ein Grund, ob und vor allem wann

sich eine Innovation durchsetzt. Die

Mikrowelle etwa wurde schon 1947

per Zufall erfunden. Zur Massenware

wurde sie erst in den 1970er Jahren,

als sozioökonomische Veränderungen

in der Gesellschaft eintraten.

Je mehr Frauen berufstätig waren,

desto mehr Nachfrage gab es nach

der Möglichkeit, vorgekochtes Essen

schnell aufzuwärmen.

Gartner Hype-ZyKLus

lässt MarKTerfOLG

VOrhersAGen

Ob sich technologische Innovationen

wirklich auf dem Markt durchsetzen

oder nicht, kann niemand mit Sicherheit

voraussagen. Was sich allerdings

mit Gewissheit sagen lässt,

ist, dass technologische Innovatio -

nen – sofern die Zeit reif dafür ist –

bei Markteinführung nach einem

bestimmten Muster von den Usern

aufgenommen werden, wie Experten

festgestellt haben: Mithilfe des Gartner

Hype-Zyklus lässt sich ungefähr

vorhersagen, welche Aufmerksamkeit

eine Innovation in den ersten Phasen

auf dem Markt durchläuft. Die Darstellung

erfolgt mithilfe eines Diagramms

(siehe Abbildung). Die Kurve steigt

zu Beginn sehr stark an und fällt nach

dem Peak ebenso stark ab, um sich

dann auf einem Mittelniveau einzupendeln.

Ein Beispiel, das die Kurve veranschaulicht,

sind Apps oder Smartphones:

Zu Beginn gehypt, folgt meist

eine Phase der Ernüchterung, bis sich

die jeweilige Anwendung bei einem

Niveau einpendelt.

17 MILLIOnen

InnOVATIOnen in

nAHer Zukunft

Was als nächstes unser Leben revolutionieren

wird, lässt sich noch nicht

sagen. Eine Google-Abfrage verspricht

jedoch viel: Bei Eingabe

der Worte „Innovation der Zukunft“

erhält man über 17 Millionen Treffer.

Im ersten Eintrag steht übrigens:

„Die Zukunft der Innovation: Alle

entwickeln mit.“ •

Offen für Neues

37


Foto: © shutterstock

Citizen Scientists

Bürgerinnen und Bürger,

die sich an einem

wissenschaftlichen Projekt

als Laienforscher

beteiligen.

Wissenschaft

zum Mitmachen

38


Neues Wissen zu sCHAffen ist eine KernKOMPetenz der ForsCHung.

Aber wie funKTIOniert das, wenn sICH WissensCHAft gegenüber

neuen WissensqueLLen öffnen sOLL? Drei PIONIere, die Wissen von

auSSen in ihre FORsCHuNG eINBezOGen haben („Citizen ScieNCe“),

berichten über ihre ErfahruNGen. Von Astrid Kuffner

Foto: © Wilfried Reinthaler

Partizipatives Design stellt

Mensch in den Mittelpunkt

Peter Purgathofer, Professor in der Human Computer

Inter action-Group am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung

(TU Wien) hat 2008 das Design Research-

Projekt „Sparkling Hands“ zusammen mit Schülerinnen und

Schülern durchgeführt. 2016 arbeitet er wieder mit Jugendlichen.

Im aktuellen Projekt werden Lernspiele entwickelt,

welche die Interaktion von Technologie und Gesellschaft

erfahrbar machen sollen.

www.piglab.org/sparklinggames

https://peter.purgathofer.net

Wie es zu dem Projekt kam: In unserem

Projekt „Sparkling Hands“ haben wir mit

blinden und sehbehinderten Kindern

eine haptische Lernunterlage für das

Planlesen erarbeitet, ein Kernfach

in der Ausbildung, um ein räumliches

Vorstellungsvermögen zu entwickeln.

Am Bundesblindeninstitut hat sich uns

Designern die bisher unbekannte Welt

des „Sehens durch Berührung“ eröffnet.

Die Rolle der Citizen Scientists: Unsere

Projekte regen Kinder und Jugendliche

zum wissenschaftlichen Arbeiten an.

Wir arbeiten mit dem partizipativen

Design-Ansatz. Damit nähern wir uns

schrittweise der bestgeeigneten technischen

Lösung. Bei „Sparkling Hands“

haben wir gemeinsam mit den sehbehinderten

und blinden Schülerinnen und

Schülern Anforderungen und Materialien

definiert, wie Landkarten einfach

hergestellt, erfahrbar gemacht und sinnvoll

mit Audio-Informationen verknüpft

werden könnten.

Wie verändert sich der Forschungsprozess:

Generell gehen junge Menschen

heute ganz selbstverständlich mit IKT

(Anm.: Informations- und Kommunikationstechnik)

um. Sie haben eigene und

andere Visio nen vom zukünftigen Leben

als dies heute schon Erwachsene haben

oder hatten. Bei „Sparkling Fingers“ war

es nur mit den Kindern möglich, die

beste Interaktionsform von Mensch

und Maschine zu finden. Ganz konkret:

Am Touchscreen unterscheiden zu

können, ob es sich um die Funktion

„Mehrfinger-Planlesen-Berührung“

oder „Ich will etwas dazu hören“-

Berührung handelt.

Das wollen wir verbessern: Ganz grundsätzlich

hoffen wir, dass in unseren

Projekten Jugendliche erfahren können,

was sie selbst antreibt, anstatt Prüfungsanforderungen

zu erfüllen.

Für partizipative Gestaltung brauchen

wir spezialisierte Fachleute, die sich der

Sprache und den Ideen anderer Disziplinen

öffnen wollen. Unsere gesamte Forschungsfinanzierung

steht leider konträr

zur Interdisziplinarität und zur ergebnisoffenen

Praxis. Sie passt am besten zum

klassisch naturwissenschaftlichen Ansatz.

Da will ich noch mehr wissen: Das

Motivieren und Halten einer Crowd ist

der heilige Gral der Citizen Science.

Bisher sind jedenfalls die Grundpfeiler

intrinsischer Motivation bekannt:

Mastery („ich werde oder bin meisterhaft

in diesem Feld“), Autonomy („ich kann

es allein bewältigen) und Purpose („ich

sehe einen Sinn darin).

Transparenz trägt sicher zu allen drei

Kategorien bei. Deshalb ist die verständliche

Kommunikation von Forschungs-

Ergebnissen wichtig.

Citizen Science ist eine Methode, die

der Gestaltungs- und Wirkungsforschung

nicht fremd ist. Wir haben uns

am Institut der „humanistic human

computer interaction“ verschrieben.

Bei Neuentwicklungen stellen wir den

Menschen in den Mittelpunkt statt abstrakt

psychologisch-technische Kennzahlen

und technische Möglichkeiten.

Das ist mir wichtig: Ich wünsche mir

mehr Verständnis für die Ergebnisoffenheit

von Forschungsprozessen mit

Crowdsourcing. Ich würde mich freuen,

wenn sich jemand an der TU Wien

hauptberuflich des Themas Citizen

Science annimmt. •

Offen für Neues

39


Foto: © Franz Pfluegl

Input aus der Bevölkerung

für neue Forschungsfragen

Claudia Lingner ist Geschäftsführerin der Ludwig

Boltzmann Forschungsgesellschaft. „Reden Sie mit!“ (2015)

war europaweit das erste Projekt, in dem Open Innovation-

Methoden zur Formulierung neuer Forschungsfragen in der

Wissenschaft eingesetzt wurden. Mittels Crowdsourcing

wurden Forschungsfragen zum Thema psychische Gesundheit

aus dem Blickwinkel von Betroffenen, Fachleuten und

Angehörigen gesammelt. Aktuell wird der Aufbau einer

neuen Forschungsinitiative vorbereitet, um die identifizierten

Fragen im letztlich ausgewählten Themenfeld „Psychische

Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ zu bearbeiten.

www.openinnovationinscience.at

Wie es zu dem Projekt kam: Unsere Inspiration

war ein Fallbeispiel von der

Harvard Medical School, bei dem Laien

danach gefragt wurden, was im Bereich

von Diabetes Mellitus noch nicht erforscht

ist. Der entscheidende Input für

neue Fragestellungen kam darin von den

Betroffenen selbst. Strategisch war ein

solches Projekt für die Ludwig Boltzmann

Gesellschaft eine logische Konsequenz.

Grundsätzlich arbeiten wir nahe

am Menschen, aber wir wollten noch

einen Schritt näher an das Individuum

und seine Interessen herankommen.

Bei der Themenwahl hatten wir folgende

Kriterien: Es muss Forschungslücken abdecken,

eine große Gruppe ansprechen,

im direkten Kontakt mit Betroffenen –

und nicht über Institutionen – verbessert

werden und ein neues Forschungsfeld für

die Ludwig Boltzmann Gesellschaft erschließen.

Die Rolle der Citizen Scientists:

Betroffene, Angehörige und Fachleute

wurden über offene Forschungsfragen im

Bereich psychische Gesundheit befragt

und konnten ihre Beiträge auf einer

Onlineplattform posten. Der Crowdsourcing-Prozess

musste gut vorbereitet

und begleitet werden. Aufgrund der

Tabuisierung des Themas musste die

technische Plattform entsprechend aufgebaut

sein: Zusicherung von Anonymität,

keine Kommentare oder Reaktionen

von anderen, keine Möglichkeit, dass Interessensgruppen

versuchen, ihr Thema

zu pushen.

Das haben wir gelernt: Die Crowd zu

erreichen ist harte Arbeit! Wir haben Intermediäre

besucht und in persönlichen

Gesprächen überzeugt, um Betroffene zu

erreichen. Es ist schwierig, eine gute Idee

in der analogen Welt für die breite Beteiligung

und einfache Auswertung in die

digitale Welt zu überführen.

Wie verändert sich der Forschungsprozess?

Wir wollten wissen, welche Forschung

wirklich gebraucht wird. Sich mit

den Anregungen gezielt auseinanderzusetzen,

erweitert und beeinflusst den

Forschungsprozess. Wir haben 400 hochwertige

Beiträge bekommen und daraus

700 Textstellen analysiert. Die Auswertung

ergab mehr als zehn relevante Themencluster.

Nach einem Onlinevoting

haben wir die erste Reihung an eine interdisziplinäre

Expertenjury zurückgespielt,

in der auch Vertreter von Patienten

vertreten waren. Es braucht sehr gut

durchdachte Evaluierungsprozesse, um

gute und neuartige Ergebnisse zu erzielen.

Diese müssen zum Teil deutlich von

den üblichen Prozessen in der Wissenschaft

abweichen, weil das Wissen der

Crowd und die Neuigkeit nicht „hinausevaluiert“

werden dürfen.

Das wollen wir verbessern: Wir wollen

die vielfältigen Ergebnisse für viele Spezialisten

anschlussfähig gestalten und

veröffentlichen, damit andere Organisationen

sie aufgreifen können.

Da will ich noch mehr wissen: In der

Forschung ist es angesichts begrenzter

Mittel nicht leicht, Crowdsourcing-Projekte

durchzuführen. Wir wussten ja

im Vorfeld überhaupt nicht, welche Forschungsfragen

herauskommen würden.

Dynamik kann nur entstehen, wenn man

Diskussion und Ideen zulässt. Befristungen

befördern Dynamik, können sie

aber auch abstoppen. Wir müssen neuartige

Wege einschlagen, um Forschung

mit Open Innovation-Prinzipien durchzuführen

und radikale Innovationen zu

ermöglichen.

Citizen Science ist eine Methode, mit

der man zu neuen Forschungsfragen

kommen kann. Der Input der Crowd ist

für Open Innovation in Science wertvoll,

aber ohne Experten geht es nicht.

Inter disziplinarität ist leider noch immer

schwierig. Wir sind heute gefordert zu

kommunizieren woran wir forschen und

was das bringt. Das ist ein Beitrag zur

Bewusstseinsbildung in Bezug auf Forschung.

Hier kann man nicht aktiv genug

werden.

Das ist mir wichtig: Bei Open Innovation

in Science ist das Um und Auf eine

Kultur der Transparenz, des Dialogs und

der Augenhöhe. Man muss offen kommunizieren

und Vereinbarungen einhalten,

sonst bleibt die Crowd nicht dabei.

Unser Wissen zum Thema verbreiten

wir als Ludwig Boltzmann Gesellschaft

im seit 2016 laufenden Ausbildungscurriculum

„Lab for Open Innovation

in Science“ (LOIS). Hier lernen Wissenschafter

konkret, wie sie Open Innovation-Methoden

und -Prinzipien in der

Forschung anwenden können. •

40


Foto: © Daniel Dörler

Wildtier-Statistik per

App verbessern

Florian Heigl, Dissertant am Institut für Zoologie der

Universität für Bodenkultur, betreibt seit 2013 das Projekt

„Roadkill“ mit einer App zur Erfassung überfahrener

Wirbeltiere. Vorbild sind die USA, wo Freiwillige seit 2009

tote Tiere auf der Straße für die Statistik erfassen. Er will

Lücken in der Statistik schließen und mehr Bewusstsein

für den menschlichen Einfluss auf Wildtiere schaffen.

Heigl ist außerdem Gründer und Koordinator der

Plattform citizen-science.at und Mitveranstalter der

jährlichen österreichischen Citizen Science Konferenz.

http://roadkill.at und

www.citizen-science.at

Wie kam es zum Projekt: Angefangen

hat alles 2013 mit praktischen Übungen

für Studierende, die Daten sammeln und

auswerten lernen sollten. Die Idee, in der

Übung, Daten zu überfahrenen Tieren

mittels App zu erheben, war gut, doch

die vorhandene Technik stieß bald an

ihre Grenzen. Wir bekamen viel Feedback

zu unserer Methode und konnten

die Datenerfassung seither verbessern.

Wir haben jetzt eine Website und dazugehörige

Apps (für Android und iOS)

und arbeiten seit 2014 mit der Bevölkerung

zusammen. Unser Technik partner

N!NC entwickelt gemeinsam mit uns

eine Referenz-App für solche Projekte.

Die Rolle der Citizen Scientists: Es wird

erhoben, welche Tiere auf Straßen zu

Tode kommen und welche Gründe es dafür

geben könnte. Die Crowd, also interessierte

Bürger und Bürgerinnen, erfassen

Daten zu überfahrenen Tieren. Sie

können Fotos und Beschreibungen nach

Registrierung auf der Projekt-Website

oder über eine eigens entwickelte App

melden und wir machen die statistische

Auswertung.

Das haben wir gelernt: In der Wissenschaft

kommt es fast nur auf gute Daten

an. Bei Citizen Science steht aber auch

die Kommunikation und eine leichte Bedienbarkeit

des Meldesystems für die Bevölkerung

weit oben auf der Prioritätenliste.

Da wir mit Apps arbeiten, die über

ein Smartphone bedient werden, stehen

wir bei Design und Usability in Konkurrenz

zu kommerziellen (Spiele-)Anbietern:

Die App muss super ausschauen

und komplett intuitiv sein, sonst wird sie

nicht genutzt.

Wie verändert sich der Forschungsprozess,

wenn man die Bevölkerung integriert?

Wir könnten im Rahmen eines

klassischen Forschungsprojekts an der

BOKU diese Daten nie in der Breite und

mit dem engen zeitlichen Bezug erheben.

Etwa die Krötenwanderung. Sie beginnt

regional und zeitlich gestaffelt. Wenn ein

Kälteeinbruch kommt, hört sie auf und

fängt dann wieder an. Das könnte man

von Wien aus nie durchführen. Der Roadkill,

also auf der Straße getötete Tiere,

bleibt zudem oft nur maximal zwei Tage

liegen. Selbst mit einem engmaschigen

Monitoring würde man viele tote Tiere

nicht finden. Wir bekommen zu den einzelnen

Datenpunkten viele Zusatzinfos,

die Teilnehmer lernen voneinander, und

auch wir Wissenschafter haben schon einiges

von den Teilnehmern gelernt.

Das wollen wir verbessern: Wir tasten

uns heran von zu Beginn „einfach mal

machen“ zu „gut machen“. Noch haben

wir bei den Teilnehmenden von Ost nach

West ein Gefälle. Es braucht Zeit, die

Community in Österreich aufzubauen.

Das Projekt ist nach wie vor nicht finanziert,

sondern von allen Beteiligten Freiwilligenarbeit.

Ich arbeite im Rahmen

meiner Dissertation ohne Anstellung

an der BOKU daran. Bisher entwickelt

N!NC die App im Rah men der eigenen

Produktentwickung pro bono weiter. Wir

versuchen, Sponsoren aufzutreiben, denn

eine App zu entwickeln und zu erhalten

ist teuer. In der gängigen Forschungsfinanzierung

wird so etwas nicht abgedeckt.

Inhaltlich wollen wir uns von Zufallsfunden

zur Streckenüberwachung

vortasten. Dabei melden uns Menschen,

die regelmäßig eine bestimmte Strecke

fahren, ob sie etwas gefunden haben und

auch, wenn sie nichts gefunden haben.

Da will ich noch mehr wissen: Es wäre

interessant zu erfahren, was Men schen

motiviert, über einen längeren Zeitraum

mitzumachen. Der Austausch mit Kollegen

und Kolleginnen aus verschiedenen

Fachbereichen kann uns hier weiterbringen.

Parallel setzen wir uns interdisziplinär

damit auseinander, was Wissenschaft

eigentlich ist, wo ihre Grenzen liegen

und welche Disziplin was genau darunter

versteht. Das alles macht deutlich, dass

wir Lernen de sind, nicht Allwissende.

Citizen Science ist eine Methode, die

nicht Selbstzweck sein soll und sich nicht

für jede Fragestellung eignet. Man muss

wissen, dass Kommunikation ein großer

Teil der Arbeit ist, und die ist auch teuer.

Citizen Science ist sicher keine billige

Datenerhebung. Man braucht Zeit und

muss die Ansprache designen, durchdenken,

technisch aufsetzen und die Teilnehmenden

mit Respekt betreuen. Ergebnisse

aus Citizen Science-Projekten

sind mittlerweile in der Wissenschaftswelt

anerkannt. Damit die Crowd langfristig

motiviert bleibt, müssen die Ergebnisse

jedoch übersetzt und an sie

zurückgespielt werden.

Das ist mir wichtig: Die Auseinandersetzung

auf Augenhöhe mit der Crowd

und die interdisziplinäre Interaktion

zwischen verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen.

Ich arbeite parallel daran,

dass der Begriff nicht verwaschen wird

und nicht jede Umfrage Citizen Science

genannt werden kann. •

Offen für Neues

41


Ab in

den

UrLAub

42

Foto: © Karin Feitzinger


Wie köNNte die ZukuNFt aussehen, weNN die Ideen aus der ÖAMTC

Future CHAlleNGe uMGesetzt sIND? Die folgende GesCHICHTe

über die fIKTIVe Familie Mayer auf dem Weg in den UrLAub ist ein von

der AuTOrin enTWOrfenes ZukunftsBILD, das anhand ausgewäHLTer

TeilnehmerIdeen aus dem CrOWDsourcing-WeTTBewerb enTWICKelt

wurde. Von Johanna Stieblehner

Frau Mayer freut sich schon seit

Wochen auf den gemeinsamen

Urlaub mit ihrer Familie. Dieses Jahr

besuchen sie die Eltern von Frau

Mayer in Zell am Moos in Oberösterreich.

Seitdem sie den neuen Job in

Graz hat, sehen sie einander leider

viel zu selten. Gleich nach dem letzten

Meeting am Nachmittag kann sich

Frau Mayer auf den Weg machen.

Moritz Mayer, ihr Mann, ist mit den

Kindern bereits am Vormittag mit dem

E-Car losgefahren. Sie hatten Glück,

dass das Auto noch frei war. Denn

seit einigen Jahren teilt sich Familie

Mayer das Auto mit zwei anderen

Familien. Im Alltag funktioniert das

gut. Nur in der Ferienzeit müssen

sich alle genau absprechen, denn

es scheint so, als würden alle gleichzeitig

auf Urlaub fahren wollen.

Eine APP, die InforMA-

TIOnen zu Tourismus

und Mobilität vereint

In diesem Jahr haben Moritz Mayer

und die Kinder angeboten, die

Urlaubsplanung zu übernehmen.

Herr Mayer hat dazu eine neue App

entdeckt: Tourility. Diese App wird

vom ÖAMTC betrieben und bietet

den Nutzern auf verschiedenen

Devices (z. B. Smartphone, im

Cockpit des Autos, etc.) touristische

Informationen in Kombination mit

Mobilitätsinformationen (z. B. Routenplanung,

Baustelleninformation,

Tankstellenübersicht). Herr Mayer

schwärmt regelrecht von dieser App,

scheint sie doch ein Alleskönner in

Bezug auf die Urlaubsplanung zu sein.

ZwischensTOPPs

auf der Reiseroute

VOn der COMMunity

bewertet

Vollbepackt sind die drei heute mit

dem Auto losgefahren. Erster Stopp

ist am Toplitzsee in der Nähe von Bad

Aussee. Tourility hat diesen kleinen

Umweg empfohlen. ÖAMTC-Mitglieder,

die gleichzeitig Tourility-Nutzer

sind, haben diese Empfehlung hinterlegt.

Herr Mayer konnte nachlesen,

dass die Wanderroute und der See

von ÖAMTC-Mitgliedern gut bewertet

und für einen Familienausflug geeignet

sind. Und die Kinder wollten sich

am ersten Tag sowieso „aus powern“,

wie die kleine Katharina sagte. Sie

ist gerade sechs Jahre alt geworden,

aber schon eine richtige Sportskanone

– ganz wie ihr großer Bruder

Lukas.

Eine Art MOBILITäts-

KreDITKArte

„Für den Fall, dass die Strecke doch

zu weit wird, habe ich gesehen, dass

sich ein Fahrradverleih auf der Strecke

befindet“, hat Herr Mayer seiner Frau

versichert. Die Gebühren dazu sind

auch über die Austrian Mobility Card

gedeckt. Die Austrian Mobility Card

wird Familie Mayer im Urlaub häufig

nutzen, immerhin sind nach einer

jährlichen Pauschalgebühr alle Verkehrsmittel

der Kooperationspartner

(Schlüsselakteure der österreichischen

Mobilität) inkludiert. Aber auch

Radverleihe und Bootsverleihe zählen

zu den Partnern. Mit der Austrian Mobility

Card muss sich Familie Mayer

nicht aufwändig um Fahrkarten kümmern

und sich in der Menge der Angebote,

Ermäßigungen und Sonderermäßigungen

zurechtfinden, sondern

kann z. B. den Fahrrad-Verleih oder

die Bahn einfach nutzen. Wenn die

Beine der Kinder zu schwer werden,

können die fleißigen Wanderer also

problemlos aufs Rad wechseln. Und

sollte es ganz schlimm werden, könnten

sie auch auf ein Boot umsteigen

und den See damit überqueren. Die

Gebühr für das Boot ist ja ebenfalls

über die Austrian Mobility Card gedeckt.

AuTOfAHrer machen

einander auf

sCHäden aufmerksAM

Gerade hat Frau Mayer eine Nachricht

von ihrem Mann und den Kindern

bekommen. Der Car-Communicator

unterhält die drei mit seinen Signalen.

Diesmal wurden sie informiert, dass

das linke Rücklicht nicht funktioniert.

Die Kinder finden es sehr lustig, wenn

es im Auto klingelt und sie von einem

anderen Autofahrer auf einen Schaden

am Auto aufmerksam gemacht

werden. Sie machen ein Spiel daraus

und raten, welches von den vorbeifahrenden

Autos es war. Oder sie

gehen den umgekehrten Weg und

Offen für Neues

43


Mobile Ladestation

von

Rene Decker

Tourility Touristik

und Mobilität

von

Karl Pramendorfer

Datenbrille für

Servicetechniker

von

Jürgen Pucher

KFZ-Communicator

von

Christoph Seewald

Mobilitätscard

Austria

von

Jose Luis Aabd Garcia

Ferndiagnosestecker

von

Jürgen Hube

Elektrisch gehen

von

Johann Günther

Die ÖAMTC Future Challenge: Auf die Frage, welche Services der ÖAMTC seinen Mitgliedern in Zukunft anbieten soll,

wurden eine Vielzahl an Ideen eingereicht. Der thematische Bogen ist weit gespannt. Hier eine kleine Auswahl der 454 Vorschläge.

suchen nach einem Auto mit Defekt,

den sie dem Fahrer melden können.

Das geht recht einfach, Familie Mayer

musste sich vorab nur die notwendige

App im Auto installieren. Wird ein beschädigtes

Auto erkannt, so genügt

es, das Nummernschild des betroffenen

Autos einzutippen. Der betroffene

Fahrer erhält sogleich auf seinem

Bordcomputer den Hinweis.

Wanderroute

und Anreise

auf

KnopfdruCK

Die Zugfahrt nach Zell am Moos wird

Frau Mayer nutzen, um über Tourility

eine Wanderroute zu suchen, die die

Familie inklusive ihrer Eltern und den

Kindern mühelos absolvieren können.

Besonders praktisch findet sie, dass

die App automatisch anzeigt, wie man

den Ausgangspunkt der Wanderung

mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht.

Zu sechst im Auto ist einer

zu viel und ihre Eltern fahren ja nicht

mehr mit dem Auto.

Für ihren Vater hat Frau Mayer einen

Spazierschweber reserviert, damit

er Spaziergänge mitmachen kann,

denn vor allem längere Strecken

oder Bergaufgehen sind für ihn einfach

schon sehr beschwerlich. Der

Spazierschwe ber ist ein elektrisch

unterstützter Kick-Roller. So kann

der Großvater mitgehen und hat dabei

noch mehr Ausdauer als die Kleinen.

Die Kinder finden es auch immer

spannend, wenn er das Gerät benutzt.

Die mobile

LADesTATIOn tanKT

DAs Elektro-AuTO

WIeder auf

Scheinbar hat Herr Mayer heute kein

Glück mit dem Auto. Er hat seine

Frau soeben informiert, dass der

Akku des Elektroautos plötzlich leer

war. Es sei ohne vorherige Warnung

völlig überraschend passiert. Der

Wagen hat aber sofort den ÖAMTC

verständigt, und so konnte die „Erste

Hilfe“-Kette rasch in Gang gesetzt.

Das Prozedere ist heute ja sehr einfach:

Die Autodaten werden der

Pannenhilfe online übermittelt.

Damit kann ein ÖAMTC-Techniker

per Ferndiagnose feststellen, was

fehlerhaft ist. Leicht zu behebende

Defekte kann der Pannenhelfer quasi

per Fernsteuerung direkt von seinem

PC aus erledigen. Sollten größere

Schäden vorliegen, werden die

GPS-Daten an einen ÖAMTC-

Pannenhelfer in der Nähe geschickt,

der dann vor Ort kommt. Diesmal

hatte der Gelbe Engel die mobile

Ladestation dabei. Im Prinzip funktioniert

diese wie ein Reserve kanister

für flüssigen Treibstoff. Die Batterie

wird auf 20 % gefüllt, sodass der

Fahrer zumindest bis zur nächsten

Tankstelle kommt. Dort kann die

Batterie dann vollständig geladen

bzw. weitere Schäden behoben

werden.

44


Illustration: © shutterstock

Eine DATenbrille

HILft dem TeCHniker

das GebreCHen

sCHneLL zu finden

Frau Mayer hat gerade ihren Sohn

Lukas am Telefon. Er erzählt ihr, was

an der Tankstelle passiert. Lukas ist so

aufgeregt, dass sie ihn kaum versteht:

„Nachdem Papa dem Service techniker

den Vorfall geschildert hatte, sagte der

Techniker zu Katharina und mir, dass

er jetzt seine Zauberbrille holen würde.

Ich bin gespannt, was das für eine

Brille ist!“ Es handelt sich natürlich um

eine Datenbrille, die den Techniker dabei

unterstützt, das Auto zu untersuchen,

ohne es gleich in alle Einzelteile

zerlegen zu müssen.

Während der

RePArATur können

E-BIKes ausgeBOrgt

werden

Damit steht aber auch sofort fest,

dass Herr Mayer und die Kinder eine

längere Pause an der Tankstelle einlegen

müssen. Und wieder kommt die

Tourility-App zum Einsatz. Sie zeigt

ein Freibad in der Nähe der Tankstelle

an. Es hat geöffnet und es gibt eine

Drei-Stunden-Karte. Bei diesem Wetter

das optimale Alternativprogramm!

Herr Mayer und die Kinder haben sich

die an der Tankstelle zum Verleih bereitgestellten

E-Bikes ausgeborgt und

fahren jetzt mit Sack und Pack ins Bad.

Drei Stunden sollten für die Reparatur

des Autos auch ausreichen.

LeICHT geMACHT:

MehrMALIGes

uMsteigen mit

Austrian MOBILITy

Card

Vor ihrem Meeting muss Frau Mayer

noch schauen, dass sie alle Sachen

bereit hat, damit sie danach gleich los

kann. Sie darf nicht auf die Austrian

Mobility Card vergessen; sie muss

ja mehrmals umsteigen, und mit der

Card kann sie alle Verkehrsmittel nutzen,

die sie für ihre Anreise braucht.

Zusätzlich hat sie sämtliche Platzreservierungen

auf der Card gespeichert.

Zuerst nimmt sie das E-Citybike

vom Büro zu Bahnhof. Sie hat

sicherheitshalber rechtzeitig eines

reserviert, damit um 17:00 Uhr

auch eines bereit steht. Die Strecke

zum Bahnhof schafft sie locker in

15 Minuten. Einen Sitzplatz im Zug hat

sie auch schon im Voraus gebucht.

AuCH eine

MitfAHrBÖrse

ist im NeTZWerk

In Salzburg steigt sie in das Fahrzeug

einer Fahrgemeinschaft um. Zufällig

fährt jemand direkt von Salzburg nach

Zell am Moos, da hatte sie Glück.

Gut, dass sich der Fahrer im Austrian

Mobility Card-Netz registriert hat.

Sonst hätte sie ihn nicht gefunden.

Das Meeting hat pünktlich geendet

und Frau Mayer sitzt bereits im Zug

nach Salzburg. Herr Mayer hat ihr ein

Video geschickt mit der frohen Botschaft,

dass sie auch bereits bei ihren

Eltern angekommen sind. Das Wetter

ist heute gut und sie waren alle schon

im See schwimmen. Jetzt kann

der Urlaub auch für Frau Mayer

beginnen. •

Offen für Neues

45


Zeit ist Geld

Bild: © shutterstock

46


Das selbstfahreNDe Auto ist im beGRIFF, die StraSSen zu eROBeRN.

Bis es sICH fläCHendeCKend ausbreITet, könnten jeDOCH Jahrzehnte

vergehen. Das lässt Zeit für VisIOnen:

Basierend auf ExperteninterVIews besCHreIBT Die JournALIsTIn

DanieLA MüLLer das Leben mit RoboterauTOs im Jahr 2035.

Von Daniela Müller

On the Road im Jahr 2035. In der

Stadt fährt auf einem für selbstfahrende

Autos definierten Fahrstreifen

ein Taxi ohne Lenker, auf dem Gehsteig

bewegt sich neben einer älteren

Dame ein kleiner Roboter, der ihren

Einkauf trägt. Auf dem Universitätscampus

fährt ein Roboterauto die Studierenden

und Mitarbeiter von Institut

zu Institut. Viele Tourismusorte haben

zur Verkehrsberuhigung beschlossen,

den motorisierten Individualverkehr

durch selbstfahrende Großraumlimousinen,

in denen die Gäste transportiert

werden, zu ersetzen.

50 Minuten mehr

ZeIT pro TAG weIL

das Auto

selbst fährt

Das selbstfahrende Auto ist zwar

nicht so uneingeschränkt unterwegs,

wie man das 2016 noch geglaubt

hatte, es hat das Straßenbild aber

doch verändert. Damals, als man in

Bezug auf das autonome Fahren noch

von Testphasen sprach, galt das

Concept Car F015 von Daimler als

Vorzeigemodell, was in Sachen autonomes

Fahren möglich sein könnte.

Das großräumige Testauto sollte sich

selbst lenken, der Fahrer machte es

sich hingegen im geräumigen Fond

des Fahrzeuges bequem. 50 Minuten

mehr pro Tag, stellte eine Studie

der Unternehmensberatung McKinsey

2016 fest, würden autonome Fahrzeuge

den Insassen an Zeit schenken.

Diese könnten sie nutzen, um sich zu

entspannen, zu schlafen, zu arbeiten

oder Sitzungen abzuhalten. Damals

waren sich die Verkehrsexperten

einig: Es werde noch viel, sehr viel

Zeit vergehen, bis selbstfahrende

Fahrzeuge wie der F015 das Straßenbild

prägen würden. Etwa erwies

sich der Tesla-Unfall im Jahr 2016

als große Ernüchterung. Das damalige

Vorzeige-Elektroauto hatte we-

gen des starken Sonnenlichts einen

im Gegenverkehr linksabbiegenden

Lkw-Zug nicht gesehen und war ungebremst

in diesen gefahren. Dabei

starb der Lenker, der die Herrschaft

über das Fahrzeug an den Computer

abgegeben hatte. Neben der Technologie

müssten auch andere wesentliche

Dinge geklärt werden: Wer

ist schuld, wenn das computergesteuerte

Auto einen Unfall verursacht?

Wie sollen die Städte der Zukunft

aussehen, um die geeignete Infrastruktur

für das Roboterauto zu bieten?

Wie kommunizieren Mensch und

Maschine miteinander, etwa in unklaren

Vorrangsituationen? Und überhaupt:

Will man in einem Auto sitzen,

das man nicht selbst lenkt?

Im Jahr 2016 hatte man sich viel

vorgenommen. Internetriesen wie

Google oder Apple tüftelten an

Konzepten, wie für die Insassen

der Aufenthalt in den Fahrzeugen

interessant, unterhaltsam und bereichernd

gestaltet werden könnte.

Denn 50 Minuten mehr Zeit pro Tag

könnten mit Onlineshopping oder mit

der Nutzung kostenpflichtiger Apps

verbracht werden. Zeit wäre damit

einmal mehr Geld.

ReCHTLICHe FrAGen

sOLLTen BIs 2035

geklärt sein

Heute, 2035, sind rechtliche Aspekte

des autonomen Fahrens kein Thema

mehr, hat doch jedes Fahrzeug eine

Blackbox, die das Unfallgeschehen

genau nachvollziehbar macht. Fahrerflucht

ist damit unmöglich geworden

und die Aufgaben der Polizei haben

sich um eine Komplexitätsstufe verringert:

Per Knopfdruck kann der Unfallhergang

auf dem Screen des Polizeicomputers

wiedergegeben werden.

Das Suchen und das Befragen von

Unfallzeugen ist damit hinfällig, die

Schuldfrage recht schnell geklärt.

KOMMunikation

ZWIschen Mensch

und MasCHIne als

grOsse Aufgabe

der ForsCHung

Unterschätzt hatte man hingegen die

komplexe Aufgabe, Mensch und Maschine

miteinander in Kommunikation

zu bringen. Es brauchte jahrelange intensive

Forschung, bis fahrerlose

Autos alle Arten von Fußgängern

100-prozentig erkannten und jedem

Einzelnen signalisierten, dass er

oder sie die Straße bitteschön queren

möge. Denn nicht nur das Auto

musste ein klares Signal geben, auch

der Mensch musste dieses eindeutig

erkennen können. Man hatte damals

viel ausprobiert. Etwa gab es ein Kooperationsprojekt

des Linzer Ars

Electronica Future Labs mit Daimler

und dessen F015 Concept Car.

VOM Auto

projIZIerter

Zebrastreifen als

sIGnAL zum Queren

der StrAsse

Die Frage, wie das selbstfahrende

Auto mit einem Fußgänger kommunizieren

soll, wurde 2016 so getestet:

Will ein Fußgänger vor dem Auto über

die Straße gehen und ist das nach

Überprüfung der gesamten Verkehrssituation

durch das F015 gefahrlos

möglich, so bleibt das F015 stehen.

Mittels projiziertem Zebrastreifen und

animierten LED-Pfeilen an der Fahrzeugfront

zeigt das Auto dem Passanten

an, dass er die Straße queren

kann. Auf der Heckscheibe des Autos

erscheint ein großes Stoppschild, um

den hinterherkommenden Fahrzeugen

zu kommunizieren, dass sie sich

einbremsen müssen. Martina Mara,

die 2016 als Roboter-Psychologin im

Ars Electronica Future-Lab maßgeblich

an den Tests beteiligt war, stellte

Offen für Neues

47


Alexander

Mankowsky,

Zukunftsforscher

bei Daimler:

Markus

Maurer,

TU

Braunschweig:

Foto: © Daimler

„2035 werden weiträumige autonome Fahrfunktionen

möglich sein, von selbstfahrenden Lkws, Lastenrobotern,

Drohnen bis hin zu computergesteuerten Autos. Es wird

neue Systeme geben, etwa hochliegende Straßenbahnen

oder Drohnen, die Lasten oder auch Menschen transportieren.

Wer das Rennen als beliebtestes Transportmittel

gewinnt, wird bis dahin nicht klar sein. Selbstfahrende

Autos werden sich zunächst dort durchsetzen, wo sie

als Arbeitsmittel gebraucht werden, im öffentlichen

Nahverkehr oder bei Menschen, die sich die Autos

leisten können. Und es wird eine neue Industrie

entstehen: zwischen der Automobiltechnologie und

dem, was die großen Internetkonzerne in den Bereich

autonomes Fahren einbringen.“

Foto: © Daimler Benz Stiftung

„Ich schätze, dass automatisches Überholen auf

der Landstraße frühestens in 20 Jahren möglich

sein wird. Schon in wenigen Jahren realisierbar

könnte autonomes Fahren in Stausitua tionen

oder von selbstfahrenden Transportfahrzeugen in

definierten Zonen sein, etwa auf Campusarealen

oder in autofreien Tourismusorten. Robotaxis

könnten in etwa 15 Jahren das Stadtbild prägen.

Ich glaube, die Technologie wird nicht so das

Problem sein, sondern vielmehr, das gesellschaftliche

Konzept für autonomes Fahren auszuverhandeln.“

auch in Aussicht, dass das Auto dem

Fußgänger verbal die Querung der

Straße anzeigen könnte. Dies erwies

sich jedoch schon in Testverfahren

wenig praktikabel, da mit der steigenden

Anzahl der autonomen Autos auf

den Straßen zusammen mit dem Umgebungslärm

einzelne Sprachsignale

untergehen würden.

Schlafen, einkaufen

ODer SprACHen

lernen ansTATT das

fAHrzeug zu lenken

Die Annahme, dass autonomes Fahren

weniger Spaß machen würde als

selbst am Steuer zu sitzen, gilt 2035

als widerlegt. Die Zeit im Auto wird

nur eben anders genutzt als um zu

kuppeln, zu bremsen oder Gas zu geben.

2016 erhob eine Studie der Managementberatung

Horváth & Partners

gemeinsam mit dem Fraunhofer

Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation,

was Menschen in der potenziell

zur Verfügung stehenden Zeit

gerne machen würden. Das Ergebnis

erwies sich als zukunftsweisend: Sie

würden gerne arbeiten, online Einkäufe

erledigen, Fitnessübungen

machen, Fernsehen, Sprachkurse

absolvieren oder einfach essen und

schlafen, hieß es. Besonders interessant:

Drei Viertel der Befragten waren

schon damals breit, Geld für den

Zeitvertreib an Bord zu bezahlen. Je

nach Altersgruppe und „Unterhaltungskategorie“,

von Produktivität (Arbeiten,

Weiterbildung, etc.) über Information

bis hin zu Wohlfühl- und Fitnessprogrammen,

waren das 20 bis 40 Euro

im Monat.

20 Jahre nach Erscheinen der Studie

hat sich die Vorhersage in ein Milliardengeschäft

für die Industrie gewandelt:

Auf Wunsch der Kunden werden

Schreibtische ins Auto eingebaut,

mitunter kleine Küchenzeilen, ausklappbare

Betten oder aber auch

Bildschirme und Head-up-Displays.

Das sind Anzeigesysteme, bei denen

der Nutzer seine Kopfhaltung bzw.

Blickrichtung beibehalten kann, weil

die Informationen in sein Sichtfeld

projiziert werden. Längst haben sich

Hotels etabliert, die ihr Geschäftsmodell

erweitert haben und dem Gast

nicht nur Bett und Verköstigung anbieten,

sondern auch Transport.

ResTAurants auf

Rädern als

GesCHäftsMODeLL

der Zukunft

Restaurants auf Rädern sind vor allem

über die Mittagszeit ausgebucht. Das

Geschäft boome, doch noch mehr

Zulassungen würde das Straßennetz

nicht vertragen, sagt der Verkehrsminister.

Schließlich müsse auch noch

Platz für den Individualverkehr sein.

Und das, obwohl die Anzahl an zugelassenen

Privat-Pkws gesunken ist;

vor allem zwischen 2025 und 2035,

obwohl Verkehrsforscher dies schon

2016 prophezeiten.

WasCHstrasse,

SerVICe, Tanken –

erledigt das AuTO

selbst

Heute sind zwar weniger Privat-Pkws

zugelassen, sie sind aber länger auf

der Straße unterwegs als dies früher

der Fall gewesen ist. Carsharing, also

das Teilen eines Autos mit anderen

Nutzern, ist für viele zur Einnahmenquelle

geworden. Ausgetüftelte Apps

sorgen für den Überblick, wer das

Auto wann und wo benutzt. Weil das

Fahrzeug autonom unterwegs ist,

fährt es alleine in die Waschstraße,

zum Service und zur Ladestation.

Rückblickend betrachtet, ist es unverständlich,

warum es so lange gedauert

hat, bis sich Carsharing durchgesetzt

hat: Im Berlin des Jahres 2016

wurde ein Fahrzeug nur 36 Minuten

pro Tag verwendet, 95 Prozent seiner

Zeit stand es auf wertvollem (Park-)

Raum, der nun anderweitig genutzt

werden kann. Und die CO 2-Emissionen

waren in keinem anderen Bereich –

nicht einmal in der Industrie – so

hoch wie im Straßenverkehr.

48


Foto: © Mallaun Photography

Thomas Sauter-

Servaes, Zürcher

Hochschule für

Angewandte

Wissenschaften:

„Die ersten Fahrzeuge werden aufgrund der technologischen

Komplexität teuer sein, doch ich rechne damit,

dass durch eine Vielzahl an Fahrzeug- und Service anbietern

die Kosten bald sinken werden. Es könnte sogar,

sofern nicht regulierend eingegriffen wird, zu Effekten

wie in der Luftfahrtbranche kommen, dass Lowcost-

Anbieter andere vom Markt drängen.

Für den Nutzer könnten Mobilitätsangebote ähnlich

konsumierbar sein wie Musikdienste: Mit dem Bezahlen

einer monatlichen Flatrate kann der Nutzer so viele

Angebote in Anspruch nehmen wie er möchte.“

Foto: © Institut für Verkehrsforschung DLR

Barbara Lenz,

Institut für

Verkehrsforschung

Dlr in Berlin:

„Ich glaube nicht, dass teil- oder vollautomatisches

Fahren die Mobilität völlig umkrempeln wird. Bis

flächen deckend Roboter autos unterwegs sein werden,

vergeht noch sehr viel Zeit. Die Möglichkeit des

autonomen Fahrens bietet zunächst Bequemlichkeit

und Komfort und wird vor allem dem öffentlichen

Verkehr Konkurrenz machen. Der öffentliche Verkehr

muss hier besondere Maßnahmen bieten, um attraktiv

zu bleiben, vor allem bei den Schnittstellen, sprich

Bequemlichkeit bei Anschluss- und Umsteigemöglichkeiten.

Mit computergesteuerten Fahrzeugen könnte

vor allem der Transport auf dem Land kostengünstiger

abgewickelt werden.“

Dass nun neue Verkehrskonzepte mit

mehr Flächen für Fußgänger und

Radfahrer zur Verfügung stehen, hat

auch mit einer anderen Entwicklung,

nämlich im Gesundheitsbereich zu

tun: Versicherungsnehmer, die ihre

Bewegungsdaten über Smart Clothes

– also Kleidung, die durch verwebte

Elektronik Daten erfassen kann – aufzeichnen

und der Versicherung übermitteln,

zahlen weniger Prämien. Seither

verzichten immer mehr Menschen

auf ihr eigenes Auto. Dieser Trend ist

gerade in Städten spürbar, wo sukzessive

die Fahrspuren enger, dafür

Radfahr- und Gehwege breiter wurden.

Dazu ein nostalgischer Rückblick,

der zeigt, wie 2016 die „Macht“

im Straßenverkehr aufgeteilt war: In

New York nahmen zehn Prozent der

Verkehrsteilnehmer – nämlich die

nicht-autonomen Autos – 90 Prozent

des Verkehrsraums in Anspruch.

SeLBsTBesTIMMung

IM ALTer durCH

auTOnomes Fahren

unterstüTZT

Das Roboterauto hat nicht nur das

Fahren selbst und das damit verbundene

System des Straßenverkehrs

verändert, es hat auch neue Geschäftsmodelle

hervorgebracht und

in letzter Zeit auch vermehrt Einfluss

auf das soziale Leben genommen:

In einer Gesellschaft mit hohem Anteil

an älteren Menschen ist individuelle

Mobilität keine Frage des Alters

mehr, Selbstbestimmung hingegen

gelebte Realität. Hatten ältere Menschen

2016 das eigene Auto zu einem

bestimmten Zeitpunkt abgegeben,

so bietet ihnen das autonome

Fahrzeug 2035 noch Unterstützung.

Gewohnheiten müssen daher nicht

umgestellt werden, die Lebensqualität

bleibt erhalten. Oder sie sind Teil

einer Carsharing-Gemeinschaft. Vor

allem für jene älteren Menschen eine

gute Option, die ähnlich wie jüngere

Menschen oder wie auch Pendler nur

wenige, aber immer dieselben Wegstrecken

zu bewältigen haben. Sie

mieten sich ein Auto, das von selbst

kommt, sie abholt, sicher an ihr Ziel

und wieder nach Hause bringt.

Pendeln wird als

AKTIVe ArbeITszeIT

genuTZT

2035 ist das Überholen auf der Landstraße

für das selbstfahrende Fahrzeug

endlich möglich. Ein Vorteil für

alle, die es eilig haben. Denn z. B. die

tägliche Fahrzeit zum Arbeitsplatz, so

nicht durch interaktives Arbeiten im

Homeoffice obsolet geworden, ist

gestiegen, weil in den letzten Jahrzehnten

immer mehr Menschen ihre

Wohnsitze auf das Land verlegt haben.

In vielen Städten ist das Leben zu

teuer geworden. Und während man

am Arbeitsplatz ist, schickt man künftig

möglicherweise sein selbstfahrendes

Auto zum Geldverdienen auf die

Reise. Entweder zum nächsten privaten

Nutzer oder der Wagen gliedert

sich von selbst in ein Zustellsystem

ein, das Waren abholt und selbstständig

ausliefert. Am Abend holt das

Auto den Besitzer wieder ab und fährt

ihn in sein Haus auf dem Land.

Umweltgedanke

bei der WAHL des

VerkehrsMITTels

MITunter

aussCHLAGGebend

Doch nicht für jeden Weg ist das

autonome Fahrzeug Mittel der Wahl.

Eine Umfrage aus dem Jahr 2030

zeigt, dass die Verantwortung der

Bürger für ihr Mobilitätsverhalten

gestiegen ist. Sie lassen sich von

Algorithmen berechnen, wie viel

CO 2-Ausstoß sie für ihre Fahrt in

Kauf nehmen wollen und machen

die Wahl des Transportmittels davon

abhängig. Ausgenommen sind Tage,

an denen man aus der Hektik des Alltags

entfliehen will. Rückzugsräume

und Erholungspausen brauchen die

Menschen 2035 genauso wie 2016.

Sie finden diese nun auch im selbstfahrenden

Auto. •

Offen für Neues

49


Gesund werden

in einer

zweiten Welt

50

Foto: © shutterstock


VIRtuelle Realitäten uND MasCHINen, die so intellIGent sIND,

DAss sie den MensCHen individuelles FeeDBACK geben – diese

KOMBInATIOn wird die Art und Weise verändern, wie ReHABILITATIOn

sTATTfindet. Bis hin zu menTALem BewegungstrAIning, das bereITs in

der IntensIVsTATIOn beGInnt. Von Ruth Reitmeier

Beschreiben Experten die künftig

denkbaren Möglichkeiten der virtuellen

Rehabilitation, so erinnert dies

ein wenig an James Camerons Fantasy-Film

AVATAR, wo der von der

Hüfte abwärts gelähmte US-Marine

Jake Sully in einem künstlichen Körper,

einem Avatar, den Planeten Pandora

erkundet. Während Sullys echter

Körper regungslos in einem Medizintechnik-Gerät

liegt, turnt er im Avatar

fit und kerngesund durch den Urwald.

So oder ähnlich könnten in Zukunft

nach einem Unfall traumatisierte Intensivpatienten

verloren gegangene

Bewegungsabläufe wieder erlernen.

PATIenten müssen für

die PhysIOTHerAPIe

nICHT mehr in die

Praxis des

TherAPeuten kommen

Denn der Einsatz virtueller Realität,

also in Echtzeit computergenerierte

und interaktive virtuelle Umgebungen

und Bilder, die Patienten über Bildschirme

oder Datenbrillen erleben,

kann die Therapie von psychologischen,

neurologischen, physiologischen

oder kognitiven Erkrankungen

wesentlich unterstützen. Sie versetzt

den Patienten in einen Dschungel, ein

Raumschiff oder in einen Konzertsaal,

um einige Beispiele zu nennen. Das

erhöht nicht nur die Motivation und

den Spaßfaktor, sondern ermöglicht,

gezielt eingesetzt, auch sehr spezielle

Lerneffekte sowohl in der Klinik und

Praxis oder auch zu Hause, weit entfernt

vom Therapeuten.

EinsATZ virtueller

MöglichkeITen

ein grOsses

ZukunftsTHeMA

der Rehabilitation

„Der Einsatz von Virtualität in der Rehabilitation

ist ein noch junges und

vorerst kleines Gebiet in der Physiotherapie,

doch eines mit großem

Potenzial“, sagt Birgit Happenhofer.

Die Physiotherapeutin hat beim Grazer

Unternehmen Tyromotion, das auf

Computer- und Robotik-gestützte Rehabilitation

spezialisiert ist, unter anderem

in der Entwicklung virtueller

Rehabilitationslösungen mitgearbeitet.

Damit die Geräte von Therapeuten

und Patienten angenommen werden,

ist es wichtig, dass diese als User

von Anfang an in die Entwicklung eingebunden

werden.

InDIVIDueLLes

Feedback via

Computer, fALLs

eTWAs nICHT

rund läuft

Ganz wichtig ist, zusätzlich zur virtuellen

Realität, dass Computer mittlerweile

so intelligent sind, dass sie individuelles

Feedback geben können:

Patienten werden nicht nur in eine

andere Welt entführt. Die Übungen

des Patienten werden auch laufend

verfolgt, analysiert und via Computerprogramm,

wie durch einen echten

Therapeuten, sofort korrigiert, falls

etwas nicht stimmt.

Um zu Hause effektive Reha-Übungen

durchführen zu können, genügt

für den Patienten mitunter schon ein

kleines Endgerät wie ein Tablet. Der

Patient wird wie in ein Spiel involviert

und erhält zu bestimmten Übungen,

zum Beispiel zur Handrehabilitation,

laufend individuelle Rückmeldungen.

ZU VIEL EHRGEIZ BEIM

THerAPIE-TRAINING

KAnn KONTRA-

PRODUKTIV SEIN

In der Praxis hat sich allerdings

gezeigt, dass der Computer erst

dann zum Üben eingesetzt werden

sollte, wenn beim Patien ten der

ideale motorische Ablauf sitzt, also

der Bewegungsablauf automatisiert

und verinnerlicht wurde. „Wie sich

gezeigt hat, können Probleme entstehen,

wenn die Patienten so

hochmotiviert sind, dass sie beim

ambitionierten Training auf gut automatisierte

Bewegungsmuster zurückgreifen

und die Übenden so in ihre

pathologischen Bewegungen zurückfallen

können“, betont Gödl-Purrer

vom Institut für Physiotherapie an der

Fachhochschule Joanneum in Graz.

Je eifriger geübt wird, etwa das Werfen

eines Balls, desto stärker kann

die Kompensationsbewegung ausfallen

– und der Computer erkennt

natürlich längst nicht alle falschen

Bewegungen.

Doch es ist ein großer Vorteil, dass

das virtuelle Erlebnis und der Trainingsplan

an die individuellen Bedürfnisse

des Patienten angepasst

Offen für Neues

51


Foto: © shutterstock

Physikalische Therapie in einer virtuellen Welt: Der Computer gibt ständig individuelles Feedback an den Patienten.

werden können. Beides kann zudem

variiert werden. Virtuelle, computerunterstützte

Rehabilitation kann somit

abwechslungsreicher sein als das

ewige Hin- und Herschieben eines

Balls auf dem Tisch und beugt damit

Therapiemüdigkeit vor. Steigerungen

und Abwechslung sind das Um

und Auf, um Patienten bei der Stange

zu halten. Denn nach dem 30. Durchgang

einer Trainingseinheit, die das

Blumenpflücken simuliert, wird dies

selbst kleinen Kindern zu langweilig.

ComputerprOGrAMMe

erMÖGLICHen es,

KLeinste ErfOLGe

DArzustellen

Doch bereits ohne virtuelle Realität

hat der Einsatz von reaktiven Computerprogrammen

einen großen

Mehrwert: Sie können selbst kleine

Fortschritte der verbesserten Beweglichkeit

erkennen und entsprechend

loben und dadurch die Patienten

motivieren, weiterzumachen.

Happenhofer: „Es können auch nur drei

Grad mehr Beweglichkeit dargestellt

werden. Und das bedeutet vor allem

eines: Motivation.“ Hinzu kommt:

Patient und Therapeut sind künftig

vernetzt, und dadurch kann der Physiotherapeut

auch das Heimtraining im

Auge behalten, ohne ständig dabei

sein zu müssen – ein Fortschritt in der

Rehabilitation im häuslichen Bereich.

„Bisher haben die Patienten Übungstagebücher

geführt. Das ist jedoch

aufgrund sehr subjektiver Einschätzun-

52


gen oft wenig aussagekräftig“, betont

Barbara Gödl-Purrer.

Fokus im deutsCHsprACHIGen

Raum

nOCH auf direktem

KonTAKT zwisCHen Pa-

TIent und TherAPeut

Sie hat ihr Master-Studium an der

Queen Margaret University in Edinburgh

absolviert. In Schottland

stünde man der Integration von virtueller

Realität, neuen Geräten und

Technologien in der Therapie deutlich

positiver gegenüber als im deutschsprachigen

Raum. In Österreich steht

in der Ausbildung der taktile Kontakt

zwischen Therapeuten und Patienten

im Vordergrund. „Es ist noch eine

Wegstrecke zurückzulegen, bis die

Technik angenommen und in die Therapie

integriert wird“, betont die Expertin.

DIGITAL Natives für

neue TeCHnologien

offen

Auch in Österreich stellt freilich das

Studium der Physiotherapie den Anspruch,

am jeweils aktuellen Stand

der Wissenschaft zu sein, technologieunterstützte

Therapie ist folglich

Teil des Curriculums, wenn auch kein

Schwerpunkt. „Es kommt gerade einiges

in Bewegung, zumal die neue

Studentengeneration aus Digital Natives

besteht und neuen Technologien

ohne Vorbehalte gegenübersteht. Das

ist für sie eine Selbstverständlichkeit“,

sagt Gödl-Purrer.

Maximale

SelbststänDIGKeit

ALs Ziel der

PhysIOTHerAPIe

Der eine will am Meer trainieren, die

andere im Wald. Individualisierung ist

auch in der Rehabilitation angekommen.

Über Sensoren ist der Patient

mit einem Bildschirm verbunden, auf

dem Bewegungsübungen in einer attraktiven

Umgebung simuliert werden.

Etwa das Bergsteigen, weil es Patienten

optimal motiviert.

„Ziel der Physiotherapie ist es, den

Patienten in die maximale Selbständigkeit

zu führen“, sagt Gödl-Purrer.

Die Physiotherapie stellt den

Anspruch, Langzeiteffekte zu erzielen.

Über den Einsatz von Virtualität

kommt sie diesem Ziel messbar näher.

Das bedeutet einen echten Qualitätssprung,

zumal Verhaltensveränderungen

in der Motorik besonders

schwierig und langwierig sind. Basisbewegungen

sind automatisiert, erfolgen

spontan und lassen sich deshalb

am schwersten verändern. Nur durch

viel Übung und konkrete Umsetzung

im Alltag kann dies gelingen. Am Beispiel

eines Pianisten lässt sich dies

veranschaulichen: Der Musiker hat

beim Klavierspielen die Angewohnheit,

die rechte Schulter hochzuziehen.

Diese Eigenheit hat sich zu einem

schmerzhaften Problem des

Bewegungsapparats kumuliert. Mithilfe

einer Datenbrille könnte er etwa

das Spielen mit lockeren Schultern

in der virtuellen Realität des Konzertsaals

üben. Über die Verbindung mit

dem Computerprogramm bekommt

er solange ständiges Feedback über

seine Bewegungsabläufe, bis er –

motorisch quasi neu programmiert –

in den echten Konzertsaal zurückkehrt.

Virtuelle

ReHABILITATIOn

erMÖGLICHT sehr

frühen

TherAPIebeGInn

Ein weiterer Vorteil des Einsatzes virtueller

Realität in der Rehabilitation

liegt zweifellos darin, dass bereits zu

einem frühen Zeitpunkt, etwa nach einem

Unfall, mit der Mobilisierung begonnen

werden kann. Allein das Zeigen

von Bildern weckt im Gehirn jene

Assoziationen, die an Bewegung erinnern.

Motorische Abläufe hinterlassen

tiefe Spuren im Gehirn und können

durch Bilder reanimiert werden. Sehen

Menschen, die auf der Intensivstation

nach einem Unfall traumatisiert

liegen, vertraute Bewegungsabläufe

z. B. über eine Datenbrille. So kann das

Gehirn entsprechend stimuliert werden,

um die Chancen der Patien ten zu erhöhen,

schneller wieder auf die Beine zu

kommen und bessere Therapieerfolge

erzielen zu können. Dazu liefert auch

die neurowissenschaftliche Forschung

Ergebnisse: Das Gehirn von Hochleistungssportlern

ist bei einer sportlichen

Bewegung genauso aktiv wie der Körper.

Sich den Bewegungsablauf ganz

bewusst vorzustellen, ist entscheidend

für den Erfolg. So wird das Training im

Spitzensport künftig verstärkt mental

erfolgen. Diese Erkenntnis ist umso

wichtiger für verletzte Sportler, die ja

oft über Wochen und Monate ausfallen.

Wie erste Versuche zeigen, kann durch

gezieltes mentales Training während

der körperlichen Zwangspause vieles

an Zeitverlust wettgemacht werden.

Dies ist laut Neurowissenschaftern auf

die Rehabilitation der Zukunft allgemein

anwendbar. So gewöhnen sich etwa

Menschen, denen eine Gliedmaße

amputiert wurde, sehr viel schneller

an eine Prothese, wenn sie sich den

fremden Körperteil zunächst bewusst

vorstellen.

AuCH der

Kostenfaktor

für das

GesundheITssystem

sPIelt eine Rolle

Es ist laut Experten denkbar, dass

man in Zukunft Intensivpatienten

zwecks Rehabilitation gar in virtuelle

Welten schickt – ähnlich wie Jake

Sully in AVATAR. Beschleunigt sich

dadurch die Genesung, könnte neben

dem medizinischen nicht zuletzt der

wirtschaftliche Vorteil diese neuen

Therapieformen vorantreiben. In der

alternden Gesellschaft steigt der Bedarf

an Rehabilitation. Um diesen zu

finanzieren, wird eine Effizienzsteigerung

des Therapiebetriebs notwendig

werden. Virtuelle Welten und maschinelle

Intelligenz könnten dazu jedenfalls

beitragen. •

Offen für Neues

53


innovatives online & offline

StART-UPs

Spannende Ideen zum TheMA offen für neues

Von Ancuta Barbu

////// Programmieren & Robotik kinderleicht ///

Wie können Kinder bestmöglich unterstützt werden, spielerisch Programmieren, Robotik

und kreatives Denken zu erlernen – Fähigkeiten, die im 21. Jahrhundert von

großer Bedeutung sind? Eine Antwort entwickelte das Start-up Robo Wunderkind:

Bauklötze mit Sensoren und Kameras, die durch ein smartes Verbindungssystem zu

einem modularen Roboter zusammengebaut werden können. Dieser kann umherfahren,

einer Lichtquelle folgen oder selbst aufgenommene Geräusche wiedergeben.

Die Programmierung und Bedienung des Roboters erfolgt visuell und ohne Programmcodes

über die Robo App am Smartphone oder Tablet. Robo Wunderkind ist

für Kinder ab fünf Jahren konzipiert. Das Start-up wurde über eine Kickstarterkampagne

von Begeisterten aus 58 Ländern mit 246.000 US-Dollar unterstützt.

www.startrobo.com

////// Expertise-Datenbank ////////////////////////////

Laut UNHCR leben Flüchtlinge im Durchschnitt 17 Jahre im Exil. Zu viel Zeit, in der

wertvolle Potenziale ungenutzt bleiben. Die Österreicherin Julia Bachler wollte das

ändern und gründete das Start-up Use Potential: Bei der Registrierung von Flüchtlingen

in großen Camps sollen in einer Datenbank besondere Fähigkeiten (z. B. im

Handwerk, in Sprachen oder in Medizin) erfasst werden. Im Bedarfsfall kann die jeweilige

Person mit ihrer jeweiligen Fähigkeit die Arbeit im Camp unterstützen oder

anderen Flüchtlingen helfen. Der zugrundeliegende Gedanke ist, dass die Flüchtlinge

aus ihrer passiven Hilfsempfängerrolle geholt und unterstützt werden, eine aktive,

ihre Umwelt mitgestaltende Rolle übernehmen zu können.

http://socialimpactaward.at/project/use-potential

////// Smarte Designer-cArports ///////////////////

Eine modulare Autoüberdachung, die nach den eigenen Designvorstellungen selbst

aufgebaut werden kann und die über Solarpanele das Elektroauto oder -fahrrad „betankt“:

Iconic creative carport ist eine Unterstell-Konstruktion aus sehr leichtem Material

für Autos. Die Photovoltaik-Dachmembran ermöglicht, Strom zu erzeugen und

liefert so einen Beitrag zu einem energieautarken Leben. Das iconic creative carport

besteht aus modularen Teilen und wird vom Kunden online konfiguriert. Die Idee entstand

aus dem Bedürfnis, ein Carport zu schaffen, das modernes Design mit hohem

Nutzen für den User verbindet.

www.iconic-product.at

////// lAnDSchaftSPläne mittels

Drohnen-SoftWAre //////////////////////////////

Detaillierte Pläne aus der Vogelperspektive mittels Foto-Drohnen und Spezialsoftware

zu erstellen, das hat sich das Start-up Skycatch zur Aufgabe gemacht. Mittels

Drohnen werden 2D- und 3D-Aufnahmen geschossen, die über die spezielle Software

zu einem Plan zusammengesetzt werden und dem Kunden detailliert Auskunft

über große geographische Areale geben. Die Idee dazu entstand, als der Gründer

Christian Sanz während einer Vorführung seiner Drohnen von einem Bauingenieur

angesprochen wurde, die „Flugshow“ zum Fotografieren seiner Baustelle zu nutzen.

So konnte er den Baufortschritt aus der Luft beurteilen und potenziell kostspielige

Fehler frühzeitig erkennen und vermeiden.

www.skycatch.com

54


DAS Kornfeld im Haus ///////////////////////////

Landwirtschaft in Innenräumen zu ermöglichen ist die Idee von INFARM. Das Berliner

Start-up möchte Stadtbewohner mit frischen lokalen Bioprodukten versorgen –

egal zu welcher Jahreszeit. Um das Konzept bekannt zu machen, wurde nun die erste

„in-store“ Landwirtschaft in Europa eröffnet: Ein kleiner Kräutergarten in einem Berliner

Supermarkt. Er sieht aus wie ein Mini-Gewächshaus, in dem die Kunden Kräuter

und Salat selbst ernten können.

INFARM bietet auch Kurse und Workshops an, wie mittels Indoor-Landwirtschaft

günstige und umweltfreundlich erzeugte Lebensmittel für alle Menschen bereitgestellt

werden könnten. Die Idee dahinter ist es, ein Netzwerk aus Stadtbauern zu

schaffen, die ihre eigenen Lebensmittel anbauen und diese je nach Bedarf mit den

anderen Netzwerkmitgliedern tauschen.

www.infarm.de

////// untersuchung daheim statt beim Arzt ////

Telemedizin wird in Zukunft eine größere Rolle spielen. Neue Technologien machen

es möglich, dass Patienten ihre medizinischen Werte selbst erfassen und an ihren

Arzt schicken. So bleiben ihnen zumindest für die Erstuntersuchung der Weg in die

Arztpraxis und oftmals lange Wartezeiten erspart. Das US-amerikanische Unternehmen

MedWand hat nun ein Gerät in der Größe einer elektrischen Zahnbürste entwickelt,

das eine Reihe an Untersuchungen von zu Hause aus ermöglicht: Neben

einem Pulsoximeter (zum Messen von Puls, Sauerstoffsättigung, etc.) integriert Med-

Wand ein Ohrthermometer, ein digitales Stethoskop sowie eine kleine Kamera, mit

der Ohren, Augen, Hals und Rachen inspiziert werden können. Über Bluetooth können

weitere Geräte angeschlossen werden, etwa ein Blutzuckermessgerät oder ein

Blutdruck-Monitor. Die medizinischen Daten können in eine elektronische Patientenakte

überspielt werden, die der Arzt abrufen kann.

www.medwand.com

////// Übersetzer im Ohr ////////////////////////////////

Eine Welt ohne Sprachbarrieren? In Zukunft können sich zwei Menschen miteinander

unterhalten, ohne die Sprache des jeweils andern zu sprechen. Die Idee des

US-Amerikaners Andrew Ochoa ist ein kleines Hörgerät, das neueste Technologien

aus den Bereichen Spracherkennung und maschinengesteuerte Übersetzung

vereint. Wenn eine Person spricht, hört die andere Person die Konversation in ihrer

Muttersprache. Der Einfall dazu kam dem Gründer, als er eine französische Frau kennenlernte,

die nicht Englisch sprach. Ab Mai 2017 sollen die Ohrstöpsel inklusive

Übersetzungs-App für die Sprachen Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch

und Portugiesisch erhältlich sein.

www.waverlylabs.com

////// Freundin für den Urlaub ///////////////////////

Individualreisen sind beliebt. Auch bei Frauen, die immer öfter alleine unterwegs

sind. Um diese dabei zu unterstützen, unabhängig, frei und sicher zu reisen, gründete

die Österreicherin Marisa Mühlböck das Start-up „Sue met Lin“. Dabei handelt

es sich um eine Social Travel Plattform, die eine einfache Vernetzung zwischen

weiblichen Reisenden ermöglicht. Auch weibliche Locals können die Plattform nutzen.

Nachdem man sich eingeloggt hat, zeigt die App an, welche Userin sich noch

in der Nähe befindet. Die Idee zum Netzwerk hatte Marisa Mühlböck, als sie selbst

auf Urlaub war. Sie wollte sich mit einer „Freundin auf Zeit“ sicherer fühlen, wenn

sie abends ausging, die Kosten für einen Mietwagen teilen oder sich einfach mit einer

Gleichgesinnten über Erlebnisse austauschen. Die Plattform soll im Herbst 2016

online gehen.

www.suemetlin.com

Offen für Neues

55


Die Kleidung

denkt mit

Körpertemperaturmessung

Anspannungssensor

GPS

UV-Einwirkungswarnsystem

Emotionskontrolle

Herzinfarkt-

Warnsystem

Herzrhythmuscheck

Gewichtskontrolle

Hautchecksensoren

Verdauungskontrolle

Schrittzähler

Luftzirkulatoren

Massagefunktion

Hautfettmesser

Venenkontrolle

Schweißfußwarnsystem

Foto: © shutterstock; Illustration: Barbara Wais

56

Stossdämpferfunktion


KleIDuNG wIRD dank HIGHteCH immer klüger:

Sensoren in T-sHIrts, Hosen oder Socken liefern DER PersON,

DIE SIE TräGT, DATen UND KÖnnen SIE WArnen. AuCH vor einer

GeWICHTszunAHMe. Von Armin Winter

Erst kürzlich stellte Samsung einen

Gürtel vor, der nicht nur Schritte

zählt, sondern den Träger frühzeitig

informiert, wenn er an Gewicht zuoder

abnimmt. Der Gürtel-Prototyp

„Welt“ ist smart und kann eine kurzfristige

Zunahme des Taillenumfangs

während des Essens von einer dauerhaften

Zunahme unterscheiden. Die

Technologie ist in der Schnalle eingebaut.

Die Messdaten werden per App

auf das Smartphone geliefert.

TrAGBAre Systeme

BALD mit KleIDung

verWOBen

Smart Clothes – intelligente, mit

Sensoren versehene, internetfähige

Textilien – sind auf dem Vormarsch.

Durch die technologische Entwicklung

werden die elektronischen

Messteilchen, die in die Kleiderfasern

eingearbeitet sind, immer kleiner.

Damit können künftig bisher relativ

große tragbare Computersysteme

wie Schrittzähler, Pulsmesser und

Smartwatches direkt in intelligente

Stoffe integriert werden.

Von der

fITnessindustrie

in die MeDIZIn und

Arbeitswelt

„Tatsächlich sind im Moment

Freizeit und Fitness die größten

Märkte für Smart Clothes“, sagt

Antonio Krüger, Professor am

Deutschen Forschungszentrum für

Künstliche Intelligenz (DFKI) in

Saarbrücken. Konsumenten legen

hier schon lange besonderen Wert

auf die Erfassung und Überprüfung

von körperlichen Messdaten. Sportliche

Erfolge werden damit auf Knopfdruck

sichtbar, was nicht nur zu zusätzlicher

Motivation führt, sondern

wodurch auch der Trainingsplan optimiert

werden kann.

Schon morgen könnten Smart Clothes

auch im Leistungssport eine

große Rolle spielen. Ein Schweizer

Unternehmen zeigte kürzlich auf der

CeBIT, der größten Messe für Informationstechnik

in Hannover, ein intelligentes

„Leiberl“ für Fußballer, das

Teil eines Monitoring-Systems ist.

Sensoren in dem Shirt messen unter

anderem Bewegungsintensität

oder Atemfrequenz des Spielers. Die

Daten geben Aufschluss über die

körperliche Verfassung des Fußballers,

wie viel er gelaufen ist, wie

viele Pässe er angenommen hat und

wie fit er im Match noch ist. Auf Basis

dessen kann der Trainer während

des Spiels entscheiden, ob und wie

er den Spieler weiter einsetzt. Aber

auch nach dem Spiel sind die Daten

interessant: Eine eigene Software erfasst

und analysiert die Messwerte

für das gesamte Betreuerteam inklusive

Arzt und Therapeuten. So können

umfassende Trainings- und Therapiekonzepte

anhand von realen

Situationen erstellt werden.

ArbeITsanzug

sIGnALIsiert fALsCHe

BewegungsABLäufe

Smart Clothes sind auch in der modernen

Arbeitswelt ein Thema, obwohl

man derzeit nicht davon ausgehen

dürfe, dass diese schon ein

Breitenphänomen seien, wie Professor

Krüger betont. An seinem Forschungszentrum

wird auch ein Blaumann

entwickelt, ein Arbeitsanzug,

der den Träger oder die Trägerin bei

unergonomischen Bewegungen über

Vibration alarmiert und so hilft, körperliche

Schäden durch falsche Bewegungsmuster

zu vermeiden. Die

in den Anzug eingearbeiteten Sensoren

zeichnen die Bewegungen auf

und alarmieren nicht nur im Akutfall,

sondern lassen vor allem eine umfassende

Analyse durch einen Arzt oder

Therapeuten zu. Dieser kann auf Basis

der ausgelesenen Daten ein ergonomisches

Bewegungskonzept

zusammen mit dem Betroffenen erstellen.

Warnung vor

HerzinfarKT nOCH

ZukunftsmusIK

Wo der Forscher Smart Clothes in

Zukunft sieht? „Noch eine Vision ist

der umfassende Gesundheitsassistent,

der die Arterienqualität beurteilen

und vor Herzinfarkten warnen

kann.“ Erste Schritte in diese Richtung

machte das Fraunhofer-Institut

für Silicatforschung ISC in Würzburg.

Es entwickelte eine Socke für Diabetiker.

Der Messstrumpf warnt die Patienten

vor zu hoher Druckbelastung

auf den Fuß. Der Hintergrund: Diabeteskranke

verlieren oft das Empfinden

in ihren Füßen und erkennen

nicht, wann es durch Überbelastung

zu Druckstellen und Wunden kommt.

Unbehandelt kann dies zu Geschwüren

und schlimmstenfalls zur Amputation

von Fuß oder Zehen führen. In

Offen für Neues

57


den Strumpf sind Sensoren integriert,

die den Druck und die Belastung an

Sohle, Ferse, Rist und Knöchel messen.

Überschreiten die Werte eine bestimmte

Grenze, werden Trägerinnen

oder Träger aufmerksam gemacht, die

Fußposition und Belastung zu ändern.

Die Signale werden dreidimensional

aufgezeichnet. Die Messdaten kommen

per Funk auf das Smartphone

oder das Tablet.

Smart Clothes könnten in Zukunft

aber auch über die reine Datenvermessung

hinaus gehen. Zum Beispiel,

wenn sich die Farbe von Kleidung

oder Accessoirs auf Knopfdruck

ändern lässt. Was für den Privatgebrauch

eher ein Gag ist, spielt für

die Anwendung beim Militär eine

ernstere Rolle: Die Anpassung an

die Farbe der Umwelt vollautomatisch

oder auf Befehl kann im Einsatz ein

wesentlicher Vorteil sein. •

Foto: © DFKI

Smart Clothes können den Menschen im

Alltag, in der Mobilität und im Freizeitsport

unterstützen, schützen und warnen.

Antonio Krüger, Professor am Deutschen

Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI),

im Kurzinterview.

querspur: Besteht aus Ihrer Sicht

die Gefahr, dass wir uns zu sehr auf

die technologische Unterstützung,

die wir vielleicht bald an uns tragen,

verlassen? Könnte das auf Kosten der

Fähigkeit zur Gefahreneinschätzung,

der Aufmerksamkeit oder der Erinnerung

gehen?

Antonio Krüger: Selbstverständlich

führt die technologische Entwicklung

zu einem gewissen Grad

an Abhängigkeit. Schon Navigationssysteme

haben nachweislich dazu geführt,

dass sich die Leute schlechter

in fremden Umgebungen zurechtfinden.

Ähnliche Effekte kann man

auch von tragbarer Technologie im

Allgemeinen erwarten. Allerdings bin

ich zuversichtlich, dass der Mensch

als Kulturwesen sich den neuen

Technologien kreativ annehmen

wird, so wie das Internet natürlich

Einfluss auf Aufmerksamkeitsspanne

oder motorische Fähigkeiten (Handschreiben)

genommen hat, aber

auf der anderen Seite neue Wissenskulturen

entstanden sind. Um etwa

Wikipedia und Youtube zu nennen.

querspur: Gibt es schon Smart

Clothes, die speziell für den Bereich

Mobilität und Verkehr entwickelt

wurden?

Krüger: Es gibt eine Reihe von

Lösungen, um die Sichtbarkeit von

Verkehrsteilnehmern zu erhöhen,

wie zum Beispiel intelligente Westen,

die Blinken sobald ein Radfahrer

bremst oder abbiegen möchte.

querspur: Was kann man Kritikern

entgegen, die sich angesichts der

Datenmengen Sorgen wegen des

Daten schutzes machen? Wie groß ist

die Begehrlichkeit von Arbeitgebern,

Krankenkassen, Unfallversicherungen,

an noch mehr Datenmaterial heranzukommen?

Krüger: Diese Sorgen sollte man

ernst nehmen. Hier sehe ich Handlungsbedarf

in der Politik. Das Recht

an den eigenen Daten darf nicht nur

theoretisch existieren, sondern muss

vom Einzelnen auch gegenüber internationalen

Konzernen durchgesetzt

werden können. Auf der anderen

Seite wird die Analyse großer Datenmengen

dem Einzelnen riesige Vorteile

bringen. Der Einzelne, der von

einem Analyseprogramm vor dem

Herztod gerettet wurde, sorgt sich

nicht in erster Linie um den Datenschutz.


58


ZeiCHen der Zeit

Fortschrittseuphorie gab es nicht in jedem Zeitalter. In der Antike hatte Cicero seinen Gegnern „Te innovasti!“

zugerufen und damit gemeint, dass sie sich dem Neuen hingegeben hätten und vom guten Alten abgekehrt wären.

Erst in der Renaissance (ab dem 15. Jhdt.) wurde die menschliche Neugier als Motor des Neuen, der Innovation,

wieder als Tugend anerkannt und verlor den Stempel des Lasters. Viele wichtige Erfindungen sind seither entstanden.

Von Silvia Wasserbacher-Schwarzer

daten & FAKTEN

Ob jeder Innovation, die heute nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken ist, ein systematisch angelegter Erkenntnisweg

vorausgegangen ist, ist ungewiss. Auf jeden Fall sind einige Ideen schon sehr alt. 1

3650 v. Chr. 1590 1655 1810 1834 1863

Innovations-Hub EU Mehr Bürokratie, keine Kultur des Scheiterns, weniger Zugang zu Risikokapital –

europäische Städte galten lange Zeit nicht als Eldorado für Gründer. Boyd Cohen, Professor für Entrepreneurship,

Nachhaltigkeit und Smart Cities an der Universität del Desarrollo in Santiago, Chile, führt einige klare Gründe

an, warum EU-Städte bald US-amerikanische Städte als Hubs für Innovation überholen könnten.

Bessere

Lebensqualität & bessere

soziale Absicherung:

Sieben der zehn Städte mit der

besten Lebensqualität

(Mercer Ranking) sind EU-Städte.

Erst auf Platz 28 findet sich eine

us-amerikanische Stadt: San Francisco.

Auch die soziale Absicherung ist in der

eu besser. Beruflich zu scheitern hat

z. B. nicht den Verlust der

Kranken versicherung

zur Folge.

Europäische

Smart Cities:

Smart Cities sind attraktiv für

Start-ups, weil gerade in solchen

Städten neue Ideen, Konzepte

und Technologien gebraucht werden.

In der EU steht die Entwicklung und

Förderung von Smart Cities seit vielen

Jahren auf der Agenda. In den USA

wurde das Konzept von

Präsident Obama erst 2015

durch den Zuspruch eines

eigenen Budgets ($ 160 Mio)

offiziell unterstützt.

Mehr

spezifische Infrastruktur

für Entrepreneure:

Um Privatpersonen zu ermöglichen,

ihre innovativen Ideen umzusetzen,

wurden in den USA sog. Fab Labs (Fabrication

Laboratory) eingeführt. Dort steht die nötige

Infrastruktur bereit: Von der Fräsmaschine bis

zum 3D-Drucker, alles, was zum Erzeugen eines

Pototypen gebraucht wird. In den USA gibt es

115 Fab Labs, in der EU 300.

Auch Coworking Spaces sind in der EU in der

Überzahl. Barcelona etwa hat 300. In der

us-Stadt Philadelphia, die eine ähnliche

Einwohnerzahl wie Barcelona

aufweist, sind es nur ca. 12.

Quellen: 1 GEO Magazin, Ranking der 100 wichtigsten Erfindungen der Menschheit

In unserem digitalen Zeitalter, in dem Wissen weit verteilt ist, kann Innovation nicht mehr im abgekapselten Raum

entstehen. Um besser und schneller innovieren zu können, müssen sich Organisationen öffnen.

Drei große Marken, die Crowdsourcing nutzen.

Der Getränke-Riese

Coca Cola wollte seine

Kunden besser verstehen

und befragte die

Crowd in Singapur,

was sie unter dem

Claim „It’s possible“

(dt. „Es ist möglich“)

verstehen.

Das IT- und

Beratungsunternehmen

IBM betreibt seine eigene

Crowdsourcing-Seite,

auf der regelmäßig

Challenges abgehalten

werden:

collaborationjam.com

Offen für Neues

Das Wissen der

Masse nutzt auch der

Google Translator – ein

Online-Sprachübersetzungstool.

Findet der Nutzer, dass die

Übersetzung nicht gut ist, kann er

Verbesserungs vorschläge

in einer eigens dafür vorgesehenen

Box vermerken. Die

Qualität von Google Translator

wird so kontinuierlich

verbessert.

59


Querspur Das Zukunftsmagazin des ÖAMTC

Tierische Schwärme

Tiere bilden Schwärme, um sich einen

Vorteil bei der Futtersuche zu verschaffen oder

um sich besser vor den jeweiligen Feinden

schützen zu können.

1986 fand der Computerexperte Craig Reynolds

heraus, dass drei simple Regeln das Bilden und

Funktionieren eines Schwarmes ausmachen:

1. Bewege dich in Richtung des Mittelpunkts derer,

die du in deinem Umfeld siehst.

2. Bewege dich weg, sobald dir

jemand zu nahe kommt.

3. Bewege dich in etwa in

dieselbe Richtung wie

deine Nachbarn.

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