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E_1928_Zeitung_Nr.011

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war der furchtbare

war der furchtbare Unfall Lee-Guinness' — eines meiner besten Freunde — im Jahre 1924 in San Sebastian. Wir fuhren um den spanischen Grand Prix. Da bemerkte ich plötzlich, als ich eine Kurve nahm, Lee- Guinness' Maschine zertrümmert am Strassenrande liegen. Sein Mechaniker war aus dem Sitz geschleudert und auf der Stelle getötet worden, und Lee-Guinness wurde soeben, schrecklich zugerichtet, aus den Trümmern des Wagens hervorgezogen. Die nächste Sanitätsstation war etwa drei Meilen entfernt. So hatte man die beiden Männer, den Toten und den Schwerverletzten, auf Bahren gelegt, und man trug sie an der Seite der Bahn entlang. Wir andern tnussten so bei jeder Runde an dieser traurigen Prozession vorbeifahren, und man kann sich vorstellen, welche Gefühle uns jedesmal beschlichen. Nun muss man all dieäus^ seren Eindrücke sofort verdrängen, darf sich keinen Moment lang bei ihnen aufhalten, muss seine Gedanken mit grösster Energie und unter Anspannung aller Kräfte auf den eigenen Wagen konzentrieren. Ich gewann schliesslich den spanischen Grand Prix, aber ich war nicht imstande, Genugtuung oder gar Freude zu empfinden. Eine tiefe Niedergeschlagenheit war alles, was ich fühlen konnte. Lee-Guinness war mir ein treuer Freund gewesen. Die Wirkung dieses Sturzes auf mich ist keineswegs typisch für die Einstellung der Rennfahrer zu Unfällen. Im allgemeinen vermögen die traurigen Unglückfälle ihn nicht weiter niederzudrücken: sie sind eben ein Teil des Risikos, dem dieser «Spieler», so wie jeder andere, ausgesetzt ist. Er sieht alljährlich zu viel solche Katastrophen, als dass jede einzelne einen bleibenden Eindruck hinterlassen könnte. Er ist auch während des Rennens selbst kaum imstande, Gefühle des Entsetzens zu empfinden. Er findet keine Zeit dafür. Der Rennfahrer kann auch keineswegs seine Eindrücke und Gefühle während des Rennens irgendwie übersehen und zergliedern. Nichts als ein flüchtiger Eindruck wird von seinem Gehirn aufgenommen. Später erst, wenn das Rennen längst vorüber ist, nehmen diese Momentbilder festere Formen an, Verbindungsglieder fügen die einzelnen Eindrücke zu einer Erinnerung an das, was eigentlich vor sich ging, zusammen. Der Rennfahrer als Wissenschaftler. Der ernste und erprobte Rennfahrer ist fast eher ein Wissenschaftler als ein Auto mobilist. Sein Wagen ist für ihn ein besonders kunstvoller Mechanismus, den er bis aufs letzte durchforscht hat. Er muss in stinktiv erkennen, oder besser es instinktiv fühlen, sobald nur die leiseste Veränderung im Ton seines Motors vor sich geht, er muss die Schwerkräfte in Berechnung ziehen und manches andere immerfort im Auge behalten. Der Mann, der während einer rasenden Fahrt gelernt hat, fortwährend daran zu denken, kann nicht wahnsinnig und toll sein denn er weiss zu viel. Und doch kann kein Rennfahrer damit rechnen, dass er seinen sich nach meinem Geschmack richten — für mich — es bleibt Ihnen unbelassen — > «Nun, da gilt es eben Konzessionen machen — » « Sicherlich, fangen Sie nur damit anl» «Sie sind köstlich, Gertrud! Eine so selbständige Frau ist mir noch nie vorgekommen. Und dass Sie das schon von vornherein so betonen.» « Wir machen uns beide nichts vor, mein Lieber,» er sah sie erstaunt an — « nun, ich bin ja auch schon über ihre Angewohnheiten und kleinen Liebhabereien gut unterrichtet — siehe heute bei der Fahrt! » « Das kommt schon alles,» tröstete sie ihn. « Wir werden ein recht gesundes Leben führen, denn ich muss immerfort unterwegs sein. Man ist ein ganz anderer Mensch, hat man auch bei sogenanntem schlechten Wetter seine drei, vier Stunden gehen, oder fünf bis sechs fahren hinter sich — > Er starrte sie an: « Und dies System wollen Sie auch auf mich ausdehnen —? > « Ich will hingehen, wo du hingehst,» zitierte sie. Er lachte hellauf, aber es klang nicht ganz natürlich. «Das Wort stammt aus jener guten, alten Zeit, als die Frauen sich sogar noch freiwillig ihren Schwiegermüttern unterwarfen, wie Sie wissen! Was sollen wir jetzt mit dieser Weisheit? Die erste Bedingung der modernen Ehe ist ja, dass jeder tun kann, was er mag.» Sie tat, als nähme sie das ernst. « Wirklich? » fragte sie und sah ihn mit warmem, treuem Blick an. «Wie bequem wird sich dann alles gestalten. Dächte nur jeder Mann so, fielen all die Reibungen fort, die ja dadurch entstehen, dass die Durchschnittsmänner sich nicht darein finden wollen, ihren Frauen Gleichberechtigung neben sich zu Beruf länger als zehn, höchstens fünfzehn Jahre ausüben wird, ohne eines Tages nicht doch den Todessturz zu machen. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, die ihn vor diesem Schicksal bewahren kann: er muss sich gerade dann, wenn er am besten in Form ist, ins Privatleben zurückziehen. Fährt er, wenn er den Höhepunkt erreicht hat, noch weiter, wartet er so lange, bis die Ueberzeugung von seiner eigenen Uefehlbarkeit ihn zu verwirren beginnt, dann wird er bald ausgespielt haben. Das Autorennen ist einer der gefährlichsten Sports, die es überhaupt gibt. Und die tödlichen Unfälle sind gerade bei ihm häufiger, als sonst bei irgendeiner anderen Form des Sports. Von allen Rennfahrern, die je den Grand Prix gewonnen haben, sind heute, soviel ich weiss, nur am Leben: Nazzaro, Benoist, Costantini und ich selbst und Lautenschlager ! Einmal, als ich bei dem Targa-Florio-Rennen in Sizilien mitfuhr, dieses Rennen geht über sehr bergige Strassen, und auf dem ganzen Weg sind nur wenige Strecken «glatter Bahn», jede höchstens 80 Meter lang, bemerkte ich plötzlich, dass hinter einer Felsecke, die ich gerade um fahren wollte, eine Rauchsäule aufstieg. Ich bremste ab, und als ich um die Ecke gebogen war, musste ich halt machen vor einem Wagen, der sich überschlagen hatte und den Weg vollständig sperrte. Der Mechaniker lag tot neben der umgestürzten Maschine und der Fahrer war weitab in eine Schlucht geschleudert worden. Wir, mein Beifahrer und ich, mussten den Wagen selbst aus der Bahn schleppen und den toten Mechaniker auf den Rasen zur Seite der Strasse betten, ehe wir unseren Weg fortsetzen konnten. Die Gefahr des Sturzes. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass Unfälle in vollster Fahrt gewöhnlich nicht die schrecklichsten sind. Die Unfälle bei einer Geschwindigkeit unter 130 Kilometer pro Stunde haben viel öfter einen tödlichen Ausgang als Unglücksfälle bei grösserer Geschwindigkeit. Ein Grund dafür ist die Fliehkraft, welcher der Körper des Rennfahrers unterworfen ist. Bei grösseren Geschwindigkeiten fliegt er wie eine abgeschossene Kugel in verhältnismässig gerader flacher Linie aus seinem Sitz. Und wenn er beim Aufschlagen auf eine ebene, weiche Stelle trifft, so schiesst er noch eine Zeitlang über sie hin und trägt gewöhnlich, abgesehen von der Erschütterung, nur Hautabschürfungen und Quetschungen davon. Bei geringen Geschwindigkeiten beschreibt der Körper einen grösseren Bogen, und Fall und Anprall sind viel direkter und schwerer. Ob ich Angst habe? Eine Frage wird mir oft gestellt, nämlich: ob ich heuer, als ich den Geschwindigkeitsrekord für Autorennen brach, nicht Angst empfunden hätte. Ich hatte das Glück, 325 Kilometer pro Stunde zu erreichen. Bei dieser Geschwindigkeit, so meinen die meisten Menschen, müsse einem das Herz vor Entsetzen stillstehen. licherer Vorgang. Die Dame bewegte leise den Kopf zu den schönen Dingen, die er ihr nun zuflüsterte, sie lächelte auch wohl 'mal, aber ihre Augen blieben traurig. Dann stand sie auf und ihr Begleiter erhob sich gleichnerheh immer mehr gegen ihre Absichten auflehnte, bemerkte sie mit Vergnügen. Aber er wagte keinen direkten Angriff. Nur nach einiger Zeit, als hätte er kaum auf sie gehört, sondern sie nur beobachtet, sagte er: «Sie werden übrigens immer magerer, Gertrud — und ich bin weniger für die überschlanke, moderne Linie, ich ziehe das « Mollete » vor — » « Denken Sie — und ich mag an Männern eigentlich nur die Sportsfigur!» Sie verschluckte ihren kleinen Aerger tapfer und tat durchaus sachlich. «Wie machen wir das denn, Alois? Das Stärkerwerden ist nicht so schwer. Ich verbrauche etwas Kraft bei dem Steuern den ganzen Tag. In Ruhe erhole ich mich gleich. Aber Sie sollten mit strenger Diät anfangen. Stellen wir erst 'mal den Burgunder fort —», sie griff nach der Flasche, «trinken Sie den guten, leichten Landwein wie ich. Am besten wäre, Sie ässen von mittags ab keinen Bissen mehr. Sie werden sehen, wie das hilft! » «Wir sprachen ja weniger von mir, als von Ihnen — ein Mann hat wohl noch das Recht, sich gegen das ungesunde Abmagern seiner Frau zu wenden — und dies nur ihrer Eitelkeit gebrachte Opfer ihrer Gesundheit zu — zu — » «Dicksein ist viel gefährlicher! Fragen Sie nur einen Arzt — und ich will keinen Mann mit Nackenrolle —» Sie zankten sich. Gertrud verstand sich selbst nicht: nichts hasste sie ja so stark — AUTOMOBIL-REVUE Aber ich hatte bei diesem Rennen keinen Moment lang so etwas wie Angst oder Aufregung! Und ich bin überzeugt davon, dass ich keinen guten Rennfahrer in meiner Situation gefürchtet hätte. Dieses Rennen in Florida war eigentlich kein Rennen im landläufigen Sinn des Wortes, sondern ein Versuch, die grösstmögliche Geschwindigkeit einer eigens konstruierten Maschine festzustellen. Ich hatte nur an meinen Wagen zu denken und es kam nicht darauf an, wie lange ich dazu brauchte, den Motor bis zum äussersten, bis zur Rekordleistung, anzutreiben. Mit dieser Geschwindigkeit dann zu fahren, war geradezu ein Kinderspiel im Vergleich zu jenen Schwierigkeiten, die ein Rennfahrer bei grossen internationalen Strassenrennen hat. Bei einem Strassenrennen sind die erreichten Höchstgeschwindigkeiten und die errechneten Durchschnittsgeschwindigkeiten weit geringer, dafür ist aber das Risiko, das man läuft, unvergleichlich grösser. In Amerika hatte ich nur eine Angst, und zwar die, mich zu blamieren und lächerlich zu machen. Denn die Presse war von dem Erbauer meines Wagens darüber unterrichtet worden, dass er über 300 Stundenkilometer erreichen könne. Wäre es mir nun nicht gelungen, diese Geschwindigkeit zu erreichen, so hätte sicher die grosse Mehrheit daraus geschlossen, dass ich überhaupt nicht fähig sei, diesen komplizierten Wagen zu fahren. Am Ziel seiner Wünsche. Ich habe das Glück und die Befriedigung genossen, als erster und einziger Mensch zu Land eine Geschwindigkeit von 325 Kilometer zu erreichen. Damit bin ich am Ziel meiner Wünsche angelangt, mein grösster Ehrgeiz ist erfüllt, und ich gebe mich nun mit meinem Erfolg zufrieden. Ich werde in Zukunft keine Rennen mehr fahren. Es sei denn, ein amerikanischer Wagen sollte mit einem Amerikaner am Steuer meinen Rekord zu brechen vermögen. Dann würde ich — vorausgesetzt, dass kein anderer Engländer mir zuvorkommt — mich bemühen, mir einen Wagen bauen zu lassen, mit dem ich England den Rekord noch einmal sichern könnte. Pianos Pariser Omnibus-Jubiläum. Der von Pferden gezogene Omnibus, der einst dem Pariser Verkehrsbild nicht in letzter Linie die charakteristische Note gab, gehört zwar der Vergangenheit an, doch da der Autobus sein direkter Nachfolger geworden ist, und zwar so, dass er ihn nach und nach vollständig verdrängte, hat die Ville-Lumiere vollständig recht, wenn sie der Vollendung der i00 Jahre gedenkt, die seit dem Auftauchen des verschwundenen Vehikels verflossen sind. Nach einem Bericht in den «Basler Nachrichten », der wir diese Notiz entnehmen, gab am 30. Januar 1828 der damalige Polizeipräfekt De Belleyme Erlaubnis, dje ersten Omnibusse durch die Strassen von Paris zu führen. Der Betrieb der Linien wurde jedoch erst nach zweieinhalb Monaten aufgenommen, nämlich am 11. April. Von den ersten Wagentypen sind heute noch Zeichnungen erhalten. Den einen von ihnen bildete die «Ecossaise» von der Allgemeinen Omnibusgesellschaft, ein Dreispänner, der zwischen dem Münzgebäude und dem Jardin du Roi verkehrte und dessen Tarif auf 25 Cts festgesetzt war. Das Fahrzeug trug seinen Namen von den bunten Farben seines Anstriches, die an schottischen Tuchstoff erinnerten. Dann gab es noch die «Dames blanches> mit zwei Schimmeln, die «Bearnaises», deren Bezeichnung auf die südfranzösische Grenzlandschaft mit hervorragender Pferdezucht hindeutete, die «Citadines», ebenfalls zweispännig, die den Verkehr zwischen der Vorstadt Belleville und der Place de Greve vermittelten, und schliesslich die mit drei Rädern und zwei Pferden. Der in eine besondere Uniform gekeidete Wagenlenker zog auch das Fahrgeld ein und wurde, weil er den vollen Dienst zu versehen hatte, noch lange «Lakai» genannt. In allen Typen von Wagen waren mindestens zwölf Plätze für die Passagiere vorhanden, und in einigen stieg die Anzahl bis auf zwanzig. Im Jahre 1854 wurden alle Pariser Omnibusgesellschaften zu einer einzigen verschmolzen; eine Konkurrenz unter den einzelnen Unternehmungen gab es also nicht mehr, aber die Fahrpreise wurden erhöht, und der Betrieb verschlechterte sich. Die grossen Omnibusse verursachten viele Unglücksfälle. Die letzten Exemplare dieses Transportmittels wurden kurz vor dem Ausbruch des Weltkrieges nach verschiedenen Städten der Provinz verkauft, aber dort erlagen sie nach ein paar Jahren der Konkurrenz der Autobusse. Mandolmen, Lauten, Gitarren, Konzert- und Gitarre- Zithern, Handorgeln, Mundharmonikas, Utensilien, Saiten Stimmungen, Reparaturen, TEILZAHLUNG, MIETE TELEPHON) SELNAU 1509 gönnen.» Sie sprach weiter, dabei mit Genuss, aber nur in kleinen Portionen, von den gewählten Speisen essend. Dass er sich insache sind es doch nur Meinungsverschiedenheiten, nichts Ernstliches, das uns trennt — brechen wir doch den nutzlosen Streit ab —» Er war aber schon zu tief in seinem Grimm. «Ich bin es gar nicht gewohnt, dass man mir widerspricht,» verriet er, «und mir überhaupt in dieser Weise entgegentritt.» «Wer hat das Kapitel von der Gleichberechtigung heute angeschnitten? Und ich habe mir eingebildet, es sei Ihnen Ernst damit gewesen. » « Gertrud,» lenkte er betrübt ein, « das Ganze kommt ja nur daher, dass Sie so schrecklich ablehnend mit mir sind* Ich weiss schon gar nicht mehr, woran ich bin. Würden Sie mir etwas mehr Zärtlichkeit schenken, nur 'mal eine kleine Liebkosung. Ich fürchte oft, Sie haben bei alUhrem Sport Ihre weiblichen Gefühle verloren, sind hart geworden — und das ist etwas, das ich nicht vertrüge. » Gutmütig und um Verzeihung bittend, streckte er die Hand über den Tisch zu ihr hinüber. Zögernd legte sie die ihre hinein: aha! Sie vertrugen sich — das Personal zwinkerte sich zu — also doch Liebes-, wenn auch keine Eheleute, weil sie kein gemeinsames Zimmer hatten! Diese Deutschen — immer auf Dekorum! Vor ein paar Tagen war doch schon solch ähnlicher Fall dagewesen; aber da schien die Frau die Unglückliche und beklagte sich über Lieblosigkeit, bis sie über ein paar Flaschen Asti allen Schmerz vergessen und einen kleinen Rausch bekommen hatte. Die cameriera musste sie ausziehen und zu Bett bringen und erzählte Wunderdinge von ihrem entzückenden Unterzeug. Hier war die Sache entschieden umgekehrt: er begehrte und sie lehnte ab — ein natür- Null IFTCigrel Harmoniums - Violinen - Musikalien mimm A.BERTSCHINGER & Co., Zürich i Ecke SteinmQhlegasse-Sthlstrasse nächst jelmoli Im Dezember Sonntass teötfnet und dann noch in der Oeffentlichkeit! Wirt und Kellner horchten zu ihnen hinüber. Und sie Hess sich die Führung der Unterhaltung, die sie doch meinte fest in der Hand zu haben, mehr und mehr entgleiten. Was für Derbheiten sagte dieser feine Aesthet — und boshaft konnte er sein — wie ein Hass brach es plötzlich zwischen ihnen heraus «Warum quälen wir uns eigentlich so, I Alois.» fragte sie schliesslich. «In der Hauptfalls und die im Saale anwesenden Männer hofften das Beste für ihn, aber er durfte nur die Tür für sie aufmachen und ihr die Hand küssen. Darauf kehrte er zu seinem Sitz zurück, ergriff die Burgunderflasche, die am andern Ende des Tisches stand, trank sie leer und bestellte noch eine zweite. Sehr vernünftig — etwas will der Mensch haben. Kann es nicht Liebe sein, so ist es eben Wein! Aber diese Deutschen — das Trinken hatten sie nicht verlernt. Den massigen Italienern kamen zwei Flaschen doch ungeheuerlich vor, wenn es auch ihr Geschäft war. Der Herr ging spät schlafen, er dachte wohl über Vieles nach. Und das musste man ihm lassen: man merkte ihm nicht das Gerinqgste von dem kleinen Gelage an. Mannhaft und ernst ging er nach oben. Eine Nacht in Lucca! Gertrud dachte an frühere, sie konnte nicht einschlafen. Man musste ein Ende machen. Sie rieb sich auf bei diesem steten Aerger und der Spannung, die durch die Verfolgung dieses Feigen, der ihr auswich, nie nachliess. Alois hatte ganz recht: sie war mager geworden, mehr als ihrer Schönheit zuträglich war. Sie hatte nicht die Absicht, Hans auch noch zuliebe hässlich zu werden! Nein, nicht ihm zuliebe, das war wieder solch ein verkehrt angewendeter Ausdruck, aber auch nicht aus Wut über ihn wollte sie ein Atom ihres guten Aeussern hergeben! Morgen fuhr sie die doppelte Tour. Irgendwo musste man mit ihm zusammentreffen. Dann ergriff sie die Initiative, überliess es nicht wieder dem Doktor. Nachdem sie Hans nun zweimal seit ihrer Trennung getroffen hatte, würde sie das dritte Mal weder ihre Geistesgegenwart noch das rechte Wort verlieren. Sein Eindruck war abgeschwächt. Ruhig, so dass es kein Ausweichen mehr gab, wollte sie ihm vorstellen, wieviel klüger es für ihn sei, nachzugeben — oder ihn durch eine List überrumpeln — (Fortsetzung folgt.)

jvnil — 1928 AUTOMOBIL-REVUß 15 Der Sowjet-Richtungszeiger. Eine epochemachende Erfindung! Kein Problem ist im sowjetlstischen Russland einfach genug, als dass man ihm nicht mit Fragebogen, Statistiken, Gutachten, Spezialkommissionen, Prüfungsausschüssen und Kontrollinstanzen zu Leibe geht — hundert gegen eins ist zu wetten, dass im Effekt langwieriger Prüfungen eines halben Dutzend oder mehr Instanzen die komplizierteste, weiteste, umständlichste Lösung gewählt wird; diese dann freilich bis ins Tüpfelchen durchorganisiert. Ob sie noch praktisch bleibt, ist weniger wichtig, wenn sie nur neu, eigen, planmässig ist. Wer zweifelt? Bitte sehr, dieser Tage hiess nach einem deutschen Blatt, dem wir diesen Bericht entnehmen, das Problem: die Moskauer Autos brauchen Richtungsweiser. Es kann dahingestellt bleiben, ob sie sie wirklich brauchen; denn von drei, vier Punkten abgesehen, ist von irgendeiner merklichen Verkehrsdichte keine Rede, und die Zahl der Autos ist gegenüber anderen Fuhrwerken verschwindend. Aber — man denkt hier gern in tiefsten Russland dauernd in den Hauptstrassen hat, die hier zum ersten Male ein Auto sehen. Ob hier ein einfacher Wirfkarm verstanden und beachtet würde, wäre noch zu erproben. Dass der neue Apparat unverständlich bleibt, ist sicher; aber er ist wirklich wohldurchdacht, organisatorisch und theoretisch ohne Fehl! Wie berühmte Menschen arbeiteten. Ein gewisser Komfort auch in unseren Arbeitsräumen ist dem modernen Menschen zum Bedürfnis geworden. Man glaubt heute kaum mehr «richtig arbeiten» zu können, ohne ein gut eingerichtetes Bureau zur Verfügung zu haben. Interessant ist deshalb die in einem Wiener Blatte erschienene Uebersicht über Arbeitsort und Arbeitsgewohnheiten berühmter Leute, der wir folgendes entnehmen: Blättern wir in der Geschichte, dann finden wir, dass fast alle grossen und berühmten Männer unter den bescheidensten Verhältnissen lebten und arbeiteten. Walter von der Vogelweide wurde fünfzig Jahre alt bis er, Dezennien: also das Problem ist da, der der fahrende Sänger, ein eigenes Dach über Richtungsweiser soll « organisiert» werden, seinem Kopie hatte- In Nürnberg zeigt das mag er auch erst in der Zukunft nötig sein. Dürrer-Haus die klassisch arme Arbeitsstätte dieses Meisters, die an Einfachheit In irgendeinem rückständigen kapitalistischen Staate würde nunmehr der Polizeichef die vielleicht nur noch von den Wohnstuben Anbringung eines oder zweier Winker oder Beethovens und Schuberts unterboten wird. eines ähnlichen Apparates anordnen; da man Wer jemals auf der Wartburg war, wird in verschiedenen Ländern und in vielen sogar wohl nie mehr das enge Zimmerchen vergessen, in dem Luther sich abmühte, den Deut- ziemlich viel Autoverkehr hat, haben sich ja längst nur wenige Formen dieser Einrichtung schen die Bibel zu schenken. Mozart, Haydn, als praktisch herauskristallisiert. Aber im Qrillparzer, Bauernfeld, Saar, Lenau, sie alle neuen Russland kann man so natürlich nicht arbeiteten in kahlen Zimmern. Schillers niedrige Arbeitsstube, in der auch sein Feld- verfahren — wo bliebe da alle Freude am Organisieren, am Studieren, am Theoretisieren? bett stand, ist ebenso bekannt wie die leere Und ausserdem soll der erste Arbeiterstaat, Werkstatt Adolf von Menzels, von der der ein Sechstel der Erdoberfläche, nicht einen Künstler selber sagte, sie sähe aus, als ob eigenen Richtungsweiser schaffen,, einen, der der Exekutor alles fortgenommen hätte. nicht nur den Weg des Autos, sondern der auch symbolisch in die Morgenröte der Zukunft weist? Nun also — das Resultat angestrengter Studien liegt vor. Das Modell ist vom Erfin- Anderseits zeichnen sich wieder berühmte Menschen durch ganz eigentümliche Gewohnheiten beim Schaffen aus, die sehr bezeichnend für sie sind. So erzählen bekanntlich die Schüler von Sokrates, dass er beim Nach- der einer zahlreichen Kommission von Ver-denketretern aller denkbaren Moskauer Wirt- blieb und so stundenlang ausharren konnte, über ein Problem unbeweglich stehen schafts- und Verkehrsbehörden vorgeführt bis er die Lösung gefunden hatte. Auch der worden. Die Kommission war entzückt und weise Seneca gab sich gern seinen Gedanken hat beantragt, dass dieser Sowjet-Richtungsweiser für alle Moskauer Autos vorgeschriedeckt, da er als Blutarmer leicht fror und ganz hin, aber im — Bett, schön gut zugeben wird. Er kostet zwar — nach unsicherem Voranschlag und bei Voraussetzung Ebenfalls im Bett schufen Calvin, Rossini und dann zu jeder Geistesarbeit unfähig war. einer Massenproduktion — so an die 175 Fr.; Mark Twain, welche letzterer oft tagelang in aber er ist auch sehr schön. Es ist der vollendetste Richtungsweiser, den man organi- Humorstück arbeitete. Im Bett kamen oft den Federn liegen konnte, wenn er an einem sieren kann: rechts, links, geradeaus, vorwärts, rückwärts, Bremsen und die Absicht besten Einfälle, so dass er stets Papier und auch dem Walzerkönig Johann Strauss die des Schnellerfahrens (wen interessiert die?) Blei neben sich auf dem Nachtkästchen liegen kündet er weithin an. Für das Land der kühnen Technisierung, Industrialisierung und Me- rasch genug erreichen konnte, komponierte hatte; einmal aber, als er das Papier nicht chanisierung des ganzen Lebens ist er eigentlich einfach, so kompliziert er auch dem schentuch hin, das als einzigartige Sehens- er einfach seine Walzertakte auf ein — Ta- Westeuropäer scheint: ein rundes Gehäuse würdigkeit auch heute noch mit den Notenköpfen erhalten ist. Knut Hamsun, der grosse mit Mattscheiben an einer Seite des Wagens, die Scheiben in vier Sektoren geteilt, darin nordische Dichter, schrieb vieles bei Nacht vier sehr starke Lampen (ihr Licht muss ja im Bett. Er selbst erklärt, dass er nach einigen Stunden Schlaf plötzlich wach wird und auch in der Sonne zu sehen sein), ein kleines Gewirr von Einfach-, Parallel- und Doppelanschlüssen, endlich beim Chauffeur sechs arbeiten kann. dann klar denkend und äusserst empfindsam Sehr viele Berühmtheiten arbeiteten nur in der Nacht, weil sie nur dann schaffen zu können meinten. Da ist vor allem Balzac, der um Mitternacht aufstand und dann bis zum Mor- Schaltknöpfe. Und nicht nur letzterer, der nebenbei ja auch steuern und aufpassen soll, sondern auch die biederen Droschkenkutscher und Fuhrleute, endlich noch das Publikum müssen nun lernen: zwei Lampen oben heisst «geradeaus», links oben und rechts unten Licht heisst «ich bremse », zwei Lampen unten «rückwärts», vier Lichtpunkte «ich fahre schneller > usw. Und dies alles in einer Stadt, wo weder ein Chauffeur noch ein Kutscher sich um irgendeine Fahrregel kümmert, wo unter Fuhrleuten und Publikum reichlich Analpheten sind, in einer Stadt, die zahllose Besucher aus dem Kaffee u J. Gleller-Rindlishaclier „ A.-G. Zürich MITTAG- u. ABENDESSEN nach Ifenu oder Tages/earte Währschafte Zvieri „ gen arbeitete. Richelieu schlief nach dem Abendessen einige Stunden und arbeitete dann bis zum Frühstück, worauf er sich wieder niederlegte. Tolstoi setzte sich in seinen letzten Jahren zumeist abends zum Schreibtisch, wenn die Fensterladen geschlossen waren und zwei Kerzen brannten. Auch Dostojewski arbeitete gern bei Kerzenlicht. Schillers Vorliebe für den Geruch faulender Aepfel, durch den er zum Arbeiten angeregt wurde, ist allgemein bekannt. An einem kleinen Tisch durchwachte dieser Genius ganze Nächte über seinen herrlichen Werken und nahm ab und zu ein paar faule Aepfel, die stets in den Schubladen vorrätig lagen, hervor, um durch sie seine durch einen ewigen Stockschnupfen abgestumpften Geruchsnerven aufzufrischen und sich so anzuregen. Goethe verstand dies? Vorliebe seines Freundes nicht und stets überkam ihn eine grosse Uebelkeit, wenn er zum Schreibtisch Schillers trat. Goethe selbst ging, während er diktierte, in seinem Arbeitszimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken. Anatole France war ein Schwerarbeiter der Feder, jede Stunde am Schreibtisch bereitete ihm buchstäblich Qualen. Er lief in seinem Zimmer auf und ab, bis ihm der Anfang zu einem neuen Absatz gelang. War dieser niedergeschrieben, so fing die Lauferei von neuem an, bis der nächste Satz geformt war. Flaubert, der neuerdings wieder stärker gelesen wird, war ein Opfer seiner Sucht nach Genauigkeiten. Er las 400 Seiten, nur um eine Zypresse in zwei Sätzen richtig beschreiben zu können und studierte 107 Werke über den Ackerbau, um sich im «Bouvard et Pecuchet» sachkundig über denselben äussern zu können. So arbeitete er ohne Unterbrechung von früh bis abends, und es heisst, dass sein Diener nur RORSCHACH HOTEL SCHIFF Grosse See-Terrasse Bekannt gute Küche und Kellen Telephon 7. Gast .oanende Ausflugsziele und Serien lutenthalte (ilr Automobilisten ver angen in ihrem eigenen Interesse ofort Spezia lotterte für ein solche? Feld bei der Administration der „Automotm-Kaviis" Bern Ergrautes Haar erhält seine frühere Farbe wieder durch B/rken-Britlan tin e Kein neues Präparat, 40jähr. Erfahrung. Verbürgt Wirkung und Zuverlässigkeit. Gen e r a d L o t: J. Baer'8 EPÜeil, Römerschloss-Apotlieke, ZÜPiCH 7 Telephon H 6010 Asylstrasse *7C\ Sonntags zu ihm sprechen durfte. Böcklin konnte sich in seine Arbeit so verbohren, dass er den Pinsel nicht einmal fortlegte, um sich Eüin Schiölände 28, beim BeUevue. — Vorzügliche Küche, Reine Natur-Weine. Prachtv, Runds. Grosse Spielplätze i. Gesellschaften. Bauern -SpezlalH. Bekannt vorzügliche KOohe und Keller. Jules Verne war, wie männiglich weiss, ein Schriftsteller. Aber der hundertste Geburtstag, den er in diesem Monate hätte feiern können, ist zugleich auch ein technischer Gedenktag. Und die Automobilisten und die Segler der Lüfte haben alle Ursache, an dieser Jahrhundertfeier des Mannes zu gedenken, der mit den modernen Verkehrsmitteln Kontinente und Welten mass, als dies alles noch als Utopie verschrien war. Denn Jules Verne war mit seinen Romanen ein Wegbereiter populärer Technik und ein Förderer naturwissenschaftlichen Wissensdranges wie selten einer. An seinen spannenden Reise- und Abenteuer-Erzählungen: «Reise um die Welt in 80 Tagen», « 5 Wochen im Luftballon», « Reise ins Innere der Erde», «Von der Erde auf den Mond» usw., haben sich ganze Generationen ergötzt, und mit heisser Gier haben wir uns in der Jugend nächtelang (wohl noch bei der Petroleumlampe) in seine atemhemmenden Romane vertieft. Heute ist es stiller um ihn geworden. Die Tragik seines Erfolges war, dass er zu seiner Zeit mit blühender und fast wilder Phantasie kühn prophezeit hat, was dereinst wahr werden sollte und unsere Zeit verwirklicht hat. Gewiss, wir fahren noch nicht zum Mond oder in den Erdmittelpunkt hinein, aber das Weltall ist erobert, wir fahren in den Tiefen der Meere, und unsere Stimme kann ohne Draht über Kontinente verbreitet werden. So ist es offensichtlich, dass das Interesse an Jules Vernes Werk verblassen musste und in dem Moment, da all diese Wunder, die er unter Anwendung naturwissenschaftlicher Gesetze an seinem' Schreibtisch ersann, wahr wurden, seine Romane nicht mehr jene magnetische Kraft ausüben konnten, die die heute lebende Generation in ihrer Jugend noch erlebte* ZÜRICH 1 Hotel-Rest. SEEHOF stein e. Rft. Schönster Ausflugspunkt HEB Cp Dieser «bon gargon tres franeais» hat in dem Buch natürlich auch einen Namen. Er heisst genau so, wie er wirklich hiess, mit einer kleinen Buchstabenänderung, Briant. Heute schreibt sich der Schuljunge aus Nantes, den Jules Verne protegierte, Aristide Briand. Mag zünftige Literaturkritik Jules Verne auch mit Verachtung strafen, dies kleine Intermezzo zeigt &eine feine Spürnase, die sich auch in grossen technischen Dingen nicht irrte, und aus unserer Erinnerung ist er nicht zu bannen. Q