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E_1934_Zeitung_Nr.025

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1934 - N° 25 S#*«assen üftenhaltung des Julierpasses. Als Ergänzung zu der unter diesem Titel in Nr.'21 der « Automobil-Revue » erschienenen Notiz teilt uns Herr Oberingenieur Sutter in Chur noch folgendes mit : « Nachdem die Oeffnung einmal durchgeführt war, sind die weitern Arbeiten nicht mehr besonders schwierig gewesen, weshalb sich auch die Kosten für das Offenhalten in den künftigen Jahren bedeutend niedriger halten werden, als vor Beginn der Versuche am Julier angenommen werden konnte. Die Kosten für die Offenhaltung des Passes bis zum 1. Mai betraeen ca. 20.000 Fr., wovon der Kanton Graubünden 12,000 Fr. und d'e übrige Interessenz 8000 Fr. zu übernehmen gewillt seien. In welcher Weise die Finanzierung der nächsten Jahre durchgeführt werden soll, wird sich nach Abschluss dieses ersten Versuches 1933/34 zeigen. Jedenfalls wird angenommen, dass lediglich Kanton und Bund, nicht aber die Interessenz hierfür in Frage kommen. » Das Haslibergsträsschen, welches bekanntlich an der Brünigstrasse bei Hohfluh abzweigt, ist eine Gemeindestrasse, die für Kurorte am Hasliberg besuchen können. A Vom schwyzerischen Strassenbau. Im Kanton Schwyz, dem bekanntlich infolge eines sonderbaren Steuergesetzes nur wenig Mittel zum Ausbau seiner Strassen zur Verfügung stehen, hat am letzten Sonntag in Rothenturm die Vertrauensmännerversammlung der kantonalen Jungliberalen beschlossen, eine Volksinitiative zu lancieren, wonach der Staat zum Weiterausbau seines Strassennetzes eine Anleihe in der Höhe von 3 Millionen Fr. sofort nach Annahme der bezüglichen Gesetzesvorlage aufnehmen soll. Die Strasse ron Gandria. Nachdem bekanntlich das italienische Teilstück bis zur Schweizergrenze bereits vollkommen ausgebaut ist, hat man nun auch auf tessinischer Seite die Arbeiten seit einiger Zeit in Angriff genommen und setzt diese in forschem Arbeitstempo fort. Der schwierigste Bauabschnitt, derjenige, in welchem die Felspartien oberhalb Gandria eingeschlossen sind, ist von 130 Arbeitern in Angriff genommen worden, welche sich gruppenweise in ununterbrochenem Schichtenbetrieb ablösen. Vor allem konzentriert sich die Arbeit auf dieser Baustrecke auf die Tunnelbauten. Nicht nur während des Tages, sondern auch während den Nachtstunden wird hier fleissig gearbeitet. Die Baustellen sind während der Nacht W^i»t*J»afil»«h^» Kein Streik in der schweizerischen Automobilindustrie. Den Einigungsvorschlägen auf Lohnabbau in der Metall- und Maschinenindustrie haben die Arbeiter der Saurer A.G. in Arbon zugestimmt. Etwas schwieriger verliefen die Verhandlungen mit der Arbeiterschaft der Motorwagenfabrik Berna A.G. Automobile nur zeitweise geöffnet ist. Vom 15. Juni bis 15. September, also im Zeitpunkt in Ölten. Vorerst lagen Streikandrohungen des wichtigen Fremdenverkehrs, ist dasauf Montag den 19. März vor. Daraufhin Strässchen für Motorfahrzeuge gesperrt. setzte sich der Stadtammann von Ölten, Dr. unlängst eine Oelkommission ernannt worden ist. die sich ausschliesslich mit Oelfra- Dies hat in der « Automobil-Revue» schon Meyer, mit dem Unternehmen und den ver- wiederholt zu unliebsamen Erörterungen gen zu befassen hat. Die Kommission strebt geführt. Nunmehr hat der bernische Regierungsrat das Strässchen als Staatsstrasse den Erwerb von Erdölfeldern in verschiedenen Gebieten Niederländisch-Indiens an. Zur übernommen; es darf infolgedessen damit Zeit wurden aber auch verschiedene Versuche zur grosstechnischen Durchführung gerechnet werden, dass die Strasse etwas besser ausgebaut wird, damit auch während d°r Hauptfrequenz die Automobilisten die schiedenen Arbeitersekretariaten in Verbindung und konnte in Vermittlungsverhandlungen es dazu bringen, dass der Lohnkonflikt durch beiderseitiges Entgegenkommen nicht zum Ausbruch gelangte. Es findet ein Lohnabbau von 3 % statt. Zunahme des englischen Treibstoffverbrauches. Nach neuesten Schätzungen hat sich der Brennstoffverbrauch Grossbritanniens im abgelaufenen Jahre auf 1166 Millionen Gallonen (ca. 3,87 Mill. t) belaufen. Im Jahre 1932 wurden 1042 Millionen Gallonen oder 3,46 Mill. t verbraucht, so dass daraus eine Zunahme um 12 % resultiert, die nicht nur relativ sondern auch absolut die grösste Konsumsteigerung in allen europäischen Ländern darstellen dürfte. Im einzelnen setzt sich der Verbrauch folgendermassen zusammen : Mengen in Gallonen 1932 1933 Inland-Benzinexzeugung 147 400 156.625 Benzineinfuhr 971.155 1.118.555 1.076.601 1.233.226 Export von in Grossbritannien Mengen in Gallonen 1932 1933 gewonnenem Benzin 34.095 45.251 Reexport 42 951 21.985 Inlandsverbrauch' 1.041.869 1.165.990 In den vorstehenden Ziffern ist Benzol nicht enthalten, doch dürfte der englische Benzolverbrauch im abgelaufenen Jahre ebenfalls eine Zunahme zu verzeichnen haben, da die Inlandsproduktion steigende Tendenz bekundete. Japanisches Interesse für die Steinkohlenhydrierung. In Berücksichtigung der japanischen Expansionspolitik ist es verständlich, wenn dieses Land danach trachtet, seine durch starke Scheinwerfer schon von wei-Treibstoffbasitem gekennzeichnet. Daneben erfordert diese so stark als möglich auszu- Strecke die Erstellung mehrerer Brücken, den Bau eines Viaduktes sowie eines Leitungssystems für komprimierte Luft. bauen. Mehrere Mitglieder des japanischen Oberhauses haben denn auch eine scharfe Kritik an der mangelhaften Organisation der Petroleurnversorgung ihres Landes erhoben. Ein Oberhausmitglied wies sogar daraus hin, dass aller Voraussicht-nach im Jahre 1935/36 eine sehr ernste nationale Krise zu erwarten sei und stellt in diesem Zusammenhang schwere Versäumnisse der Regierung auf dem Gebiete der Oelversorgung fest. Nach Ansicht dieses Sprechers stelle der Brennstoffmangel die verhängnisvollsten Lücken des japanischen Verteidigungssystems dar und gefährde vitale Interessen der japanischen Flotte. Aus Erklärungen des japanischen Handelsministers geht hervor, dass der Steinkohlenhydrierunsr unternommen. Diese wenigen Bemerkungen lassen mit aller Deut'ichkeit ^rkfnnen. welch viel wichtigere Polle das Rohprodukt Erdöl mit seinen Derivaten in einer zukünftigen kriegerischen Auseinandersetzung soielen wird nachdem bereits im Wp'tk r '^ge ein eneüscher Ministerpräsident die Worte geprägt hat. dass nur auf

Bern, Donnerstag, 22. März 1934 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 25 Der Tänzer im Dunkel London, im Februar. Vor ein paar Jahren kam ich in Hollywood die ungarische Schauspielerin Lya de Putty besuchen. Arme Lya! Sie ist seither so grässlich gestorben. Damals war sie voll von Lebensfreud« und Uebermut. Ich sah sie auf dem grünen Rasen ihres Gartens herumtollen. Sie zog eine grosse, ernste Frau, die bei ihr war, im Spiel auf die Schaukel und begann allerlei akrobatischen Unfug zu treiben. Ich sah jene Frau lächeln, aber in das tolle Gelächter des kleinen Filmstars stimmte sie nicht ein. Ich wurde vorgestellt. Als ich den Namen der Dame hörte: Frau Romola Nijinsky — verstummte ich, dann brach ich los, ohne mich zügeln zu können: «Was? Sie sind die Witwe des grossen Tänzers Nijinsky?» «Nein,» sagte sie, die Augen senkend. «Nicht die Witwe. Ich bin seine Frau. Waslav Nijinsky lebt — im Irrenhaus.> Später hat mir diese edle und tapfere Frau mehr von dem herrlichen Menschen erzählt, dem sie auch über seinen geistigen Tod hinaus die menschliche Treue hält. Sie war hier in Hollywood, um für den Kranken im Nervensanatorium von Kreuzungen in der Schweiz Geld zu verdienen, für ihn und seine Tochter Kyra. Sie berichtete erschütternde Einzelheiten von Nijinskys Dämmer leben im Irrenhaus und zeigte mir einige von den phantastischen Zeichnungn, die er zu machen pflegte. Sie entwickelte auch ihren grossen Plan, ein Buch über ihren Gatten zu schreiben, den grössten Tänzer, den es je gegeben hat. Dieses Buch ist erst kürzlich in englischer Sprache erschienen. («Nijinsky.» Bei Gollancz in London.) Es ist, glaube ich, in der Naivität seiner Diktion eines der menschlichen Dokumente unserer Zeit, und in späteren Zeiten wird man es mit Staunen und Ergriffenheit lesen. Frau Romola schildert auf den ersten Seiten dieses Buches, wie sie im Frühling 1912 zum erstenmal den Tänzer Nijinsky sah. Romola von Pulszky war eine junge Dame der Budapester Gesellschaft. Ihre Mutter war die berühmte Schauspielerin Emilia Markus, ihr Vater war mit der ganzen ungarischen Aristokratie verschwägert gewesen. Das junge Mädchen selbst wollte Schauspielerin werden und studierte in Paris unter Leitung der grossen Rögane. — Als das berühmte russische Ballett zum erstenmal in der Städti- Die ewige Wahrheit. Roman von Oskar Sonnlechner. (Fortsetzung aas dem Hauptblatt.) Das Schicksal Waslav Nijinskys. Von Arnold Höllriegel. In einem kleinen Gastgarten, mit dem Ausblick in die Ferne, lud er sie ein, mit ihm Platz zu nehmen. Sie waren die einzigen Qäste in dieser frühen Tagesstunde. Schweigend sass sie neben ihm, wortkarg und ungesprächig, mit einem verbitterten Zug um den Mund, die Lippen aufeinandergepresst. So kannte er sie nicht. Erst als er sie an den kleinen Gastgarten bei Hellbrunn erinnerte, in dem sie einst, so wie heute, beisammensassen, da verklärte sie ein Lächeln. Nie habe er damals gedacht, dass er sie einst wiedersehen werde. Da Hess sie den Kopf hängen. Jul aber suchte klopfenden Herzens sein Ziel. «Sie gaben mir gestern abend in der Oper einen Wink, gnädige Frau», sie schreckte zusammen, «dass Sie es nicht wünschen, von mir angesprochen zu werden. Sie waren in sehen Oper zu Budapest auftrat, musste Frl. v. Pulszky natürlich bei der Premiere sein. Man gab das Tanzspiel «Karneval» zu Schumans Musik. Ein blauer Samtvorhang mit Rosenguirlanden bildete den Hintergrund der Bühne, Maskengestalten im Kostüm der Biedermeierzeit trieben sich rhythmisch davor herum. Aber auf einmal stocken alle Herzen — und das der jungen Romola Pulszky. Dies ihre eigenen Worte: «Auf einmal war ein schlanker, katzenhafter, geschmeidiger Harlekin auf der Bühne. Obschon sein Gesicht unter einer Maske verborgen war, Hessen der Ausdruck und die Schönheit seines Körpers uns alle die Nähe des Genies bemerken. Ein elektrischer Schlag lief durch das Publikum. Berauscht, behext, nach Atem ringend, folgten wir diesem übermenschlichen Wesen, dieser Verkörperung des Harlekin-Geistes: neckisch und liebenswert. Die federleichte, doch eiserne Kraft, die Geschmeidigkeit seiner Bewegung, sein unglaubliches Vermögen, in die Luft zu steigen und dort schweben zu bleiben, dann aber doppelt so langsam wieder zu Boden zu sinken, als er gesprungen war, entgegen allen Gesetzen der Schwerkraft, all das Hess dieses ausserordentliche Phänomen als die Seele des Tanzes selber erscheinen. Ganz hingerissen stand das Publikum auf und schrie.» Waslav Fomitsch Nijinsky, den die junge Romola so zum erstenmal sah, war damals 22 Jahre alt und der berühmteste Tänzer der Welt. Er stammte aus einer ursprünglich polnischen Familie, die dem russischen Ballett-Theater vor ihm schon vier Generationen von Tänzern gegeben hatte. Sowohl sein Vater Thomas Nijinsky, als seine Mutter Eleonora Bereda waren Tänzer von Beruf. Als sich Waslav Nijinsky später einmal auf der Bühne den Fuss verrenkte und man eine Röntgenaufnahme machte, sah der Arzt mit Staunen, dass der Fuss dieses Mannes anders organisiert war als der Fuss anderer Menschen. Es war* mehr ein Vogelfuss als ein Mensehenfuss — das Tanzbein eines Tänzers in der fünften Generation. Seine erste Kindheit verbrachte der Knabe Waslav hinter den Kulissen der Theater, auf denen seine Eltern gastierten. Sie zogen tanzend durch das riesige Russland. Er selbst konnte tanzen, sobald er gehen konnte. Als er acht Jahre alt war, wurde er als Eleve in die weltberühmte kaiserliche Ballettschule zu St. Begleitung von Doktor Heckmann.» Erstaunt hob sie den Kopf. «Sie irren... Sie irren... wie hätte ich daran denken sollen... im Gegenteil... es ist ein Missverständnis.» Langsam, zögernd, wie wenn sie jedes Wort überlege, sprach sie vor sich hin. Aber mit verbissener Zähigkeit hielt er an seinem Glauben fest und betonte es immer und immer wieder, um sie zum Sprechen zu bringen. Aber sie schüttelte schweigend den Kopf. Er fühlte, er müsse sich weiter vorwagen, um ein Geständnis zu erzwingen, und trieb sie in die Enge, dass es vielleicht damit zusammenhänge, dass zwischen ihr und Dr. Heckmann im Zwischenakt etwas vorgegangen sei. Ohne ein Wort zu sprechen, schüttelte sie immer wieder den -Kopf. «Sie quälen sich und mich, gnädige Frau!» Da brach sie in ihrer weiblichen Schwäche zusammen und alle ihre festen Vorsätze zerflatterten. Mit stockender Stimme begann sie, den Blick zu Boden gesenkt. Wie wenn sie durch nichts abgelenkt sein wolle. Scheinbar unauffällig schickte sie voraus, sie habe Petersburg aufgenommen. Noch bevor er diese Schule absolviert hatte, tanzte er auf der Bühne der kaiserlichen Oper zusammen mit der Pawlowa, der Karsawina. Die kaiserliche «Mariinsky>-Oper besass damals das bei weitem beste Ballettkorps der Welt, obwohl sein Ruhm erst einige Jahre später ganz Europa zu überstrahlen begann. Das war das Werk eines genialen und dämonischen Menschen, der bald in das Leben des Knaben Nijinsky tritt: Sergej Pawlowitsch von Diaghileff. Diaghileff, Grandseigneur und Kunstkenner, war schon der Diktator der bildenden Künste in Russland gewesen, ehe er seine Aufmerksamkeit dem Ballett zuwandte. Im Jahre 1909 fasste er den grossen Plan, mit diesem Wunder, dem kaiserlich-russischen Ballett, die Welt bekannt zu machen. Sein grosser Einfluss beseitigte in Russland alle Widerstände und verschaffte im Ausland das nötige Kapital. Im Mai trat die Balletttruppe ihr Gastspiel im Theätre du Chätelet in Paris an. Man tanzte Borodins Ballett «Prinz Igor», Tscherepnins «Das Pavillon Armidas» und ein russisches Ballettpotpourri «Das Fest». Am nächsten Morgen stand in den Pariser Blättern hinter dem Namen des jungen Waslaw Nijinsky das Epithet: «Der Gott des Tanzes.» Der Erfolg des Ballettgastspiels war unbeschreiblich. In «Kleopatra» tanzten Nijinsky, ein junger Krieger, und die schöne Sklavin Karsawina, den Schleiertanz vor dem Thron, auf dem in strahlender Schönheit Kleopatra sass, gespielt von Ida Rubinstein. In den «Sylphiden» • zu Chopins Musik tanzte Waslav Nijinsky zwischen der Pawlowa und der Karsawina. Er selbst stellte den jungen Chopin dar. Seine Kraft ohne Schwere schien das Wunder der Welt, seine Sprünge, Entrechats und Pirouetten waren mehr als blosse Akrobatik: hier konnte ein junger Mensch fliegen, beschwingt von der Musik. Im Privatleben war er ein schüchterner Junge; sein muskulöser Leib strahlte in den einfachsten Anzügen, sein tatarisches Gesicht mit den schief gestellten Augen konnte nicht als schön gelten. Auf der Bühne war er ein Halbgott, farbig und strahlend. Die nächsten Jahre waren ein Taumel des Triumphs. Im Winter tanzte Nijinsky an der Petersburger Oper, im Frühjahr zog er mit Diaghileffs Balletttruppe durch ganz Europa, im Sommer erholte er sich in Karlsbad und auf dem Lido, immer mit Diaghileff, der ganz von ihm Besitz ergriffen hatte. Die Grossen der Welt drängten sich um diesen Knaben. Der tote Vogel Von Jakob Haringer. Es ist plötzlich seltsam still geworden in meinem Zimmer, seit die helle Zwitscherstimme meines Vogels verstummt ist. Ich erschrak ein wenig, als ich meinen langjährigen, bungefiederten kleinen Freund eines Morgens zusammengekauert auf dem Boden seines Käfigs entdeckte. Ein Zucken lief von Zeit zu Zeit durch das leichte Körperchen, die kleine Brust atmete stossweise, das anmutige Köpfchen war halb unter den Flügel gesteckt, die dunkelglitzernden Vogelaugen geschlossen. Eine ergreifende Müdigkeit and eine rührende Hingabe an jene dunkle Gewalt, die vor die Gitterstäbe seines Käfigs getreten war, lagen über der kleinen, zierlichen Kreatur. Fühlte er erschauernd den kalten Hauch, der sich auf das winzige, bebende Vogelherz legte, das Grauen, das ihm die zarte Kehle zuschnürte? Erschöpft und todesmatt glitt er hinüber in das Dunkel, das sich immer näher über ihn beugte, und in das sein helles, kleines Leben versank wie ein Blütensternchen in einen dunklen Weiher... Als ich ihn bekam, lachte ein blauer Maientag über der Welt. Vor den Fenstern jubilierten die Finken und Amseln in den leuchtenden Frühlingstag hinein, die Sonne sah tief in die Zimmer und das Leben war hell und voll Süssigkeit. Was hilft mir dieses Bild, das aas den Tiefen der Erinnerung emporsteigt? Es liegt ein Raum von tausend Jahren zwischen jenem fernen Mai und dem heutigen. Durch einen leise fallenden Frühlingsregen grüssen mich heute Baumblüte und erstes Frühlingsgrün; ein sanfter Wind hat sich aufgemacht und wirbelt "Blütenblätter durch die Gartenstille, und das Leben hat mir mehr genommen als gegeben. Ein zartes Vögelchen starb den Tod alles Lebendigen. Eine leise Trauer bleibt und die schmerzliche Erkenntnis, dass eine grosse, unerbittliche Gewalt jedes Sein einmal auslöscht und es versinken lässt. Mein kleiner Vogel, der treue Begleiter in den verschiedenen Etappen meines Lebens ist nicht mehr Wir begraben ihn im Garten unter der alten Kastanie, wo vor kurzem die Veilchen noch so verschwenderisch blühten. Und wenn der Tod nicht Vernichtung, sondern Formwechsel, nicht letztes Ende, sondern Leben in einer anderen Gestalt Ist — dann werden alle die süssen Flötentöne, die jubilierenden Triller, die rollenden Läufer, alle die hellen Melodien seiner klingenden Vogelsprache wiedererstehen und in den dunkeln Veilchen weiterleben... zwar die Absicht gehabt, ihn nicht in ihr Vertrauen zu ziehen, und wenn sie es nun doch tue, so geschehe es nur, um sich seinen Rat zu holen und nicht ihren Mann aufstören und beunruhigen zu müssen. So log sie ihm und sich vor. Sie gestehe, er habe gestern richtig gesehen. Dr. Heckmann habe ihr auf Wunsch ihres Mannes, der verhindert war, wie schon oft, Gesellschaft geleistet... und im Zwischenakt ... im Zwischenakt... habe er ihr zu verstehen gegeben... dass er es nicht länger verbergen könne... dass er tiefe Empfindungen für sie hege... so drückte er sich wörtlich aus... dass er sie bitte, in der verzehrenden Qual seiner Gefühle... ihr dies gestehen zu dürfen... Sie atmete tief auf. Ein langes Schweigen lag zwischen Jul und ihr, bis sie fortfuhr. «Wie gelähmt hörte ich seine Worte, und endlich fand ich die Geistesgegenwart, ihn in den Hintergrund der Loge zu bitten. Ich hatte ihm in meiner Fassungslosigkeit nicht viel zu sagen. Nur ein Gedanke war es, der mich aufpeitschte, dass alles dies, was er mir gestand, vor allem sein Verhältnis zu meinem Manne zerstören müsse. Meinen Mann in seiner Ruhe aufschreckend, dem er doch Dank schulde, wie er selbst so oft betont. In diesem Sinne antwortete ich ihm. Und ich fragte ihn, was die Folge sei, wenn ich meinem Manne von dem Vorfall Mitteilung mache. Zerknirscht stand er vor mir. Er sei auf diese Antwort gefasst gewesen. Aber er hoffe, ich werde es nicht tun, es hätte nur zur Folge, dass der Herr Professor sich von ihm abwenden würde, ihn, er gäbe es zu, als Undankbaren verachten müsse und wahrscheinlich seinen heutigen Wirkungskreis sofort im Stiche lassen werde. Nur dies möge nicht geschehen. Er wolle sich mir mit keinem Blicke, keinem Worte mehr nähern, er werde sich überwinden, in dem Bewusstsein beglückt, nur Augenblicke an meiner Seite weilen zu dürfen. Mehr wolle er nicht. Wenn ich ihn nur nicht von mir weise. Was er mir gesagt, möge ich vor allem als Ausdruck seiner tiefsten Ehrerbietung auffassen. Ich glaube... dieser Ausdruck war eine Art geschickter Rückzug und Bemäntelung seiner früheren Worte.» (Fortsetzunsr folet.) Wer Stumpen und Zigarren raucht, schützt schweizerische Handarbeit