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E_1939_Zeitung_Nr.022

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE FREITAG, 10. MÄRZ 1939 — N° 22 Bekämpfung von Geräuschen und Vibrationen ein. Elastische Aufhängung, Auswuchtung von Kurbel- und Nockenwelle, grössere Zahl von Lagerstellen der Kurbelwelle (drei bei 4-Zylinder-Moto- st«n Firmen in Angriff genommen und gelöst wurden, nachdem bei anderen Marken, wie etwa Alfa Romeo mit seinen langjährigen Rennerfahrungen, das Problem .schon längstrerkannt worden war und eine zweckentsprechende Lösung erfahren hatte. Man wendet heute neben direkt vom Ventilatorwind umspülten Oelkühlern auch ins Kühlsystem eingebaute Kühlschlangen an,. worin die überschüssige ren), Wärme des Schmieröls ans Kühlwasser übergeht. Meist ist ein automatisches Ventil vorgesehen, damit der Oelkühler erst in Tätigkeit tritt, wenn das Oel tatsächlich der Rückkühlung bedarf. Einen breiten Raum nimmt in der Vervollkommnung der Motoren schliesslich die (Stand 231) Eine reiche Auswahl von Akkumulatoren aller Art ziert den Stand dieses bekannten Yverdoner Unternehmens. Besonderer Wertschätzung erfreuen sich in Motorfahrerkreisen die Motorradbatterien mit Glasbehälter, deren Zustand sich leicht von aussen kontrollieren lässt. Die LSA-Startbatterie anderseits ist vornehmlich für den Einbau in Automobile bestimmt. Einem noch anderen Zweck dient eine dritte Gruppe ausgestellter Akkumulatoren, wie sie schon in grosser Zahl bei den Telephonämtern in Gebrauch stehen. Eine weitere Spezialität der Firma Leclanche sind die Nickel-Eisen- und Nickel-Kadmium-Batterien, die in die Klasse der alkalischen Akkumulatoren gehören. Als wichtigste Eigenheit verfügen sie über eine ungewöhnliche mechanische Festigkeit, da ihre sämtlichen Bauteile, abgesehen von den Isolationsstoffen, aus Stahl bestehen. "Die Platten bilden daher einen nicht verformbaren Block. Die aktive Masse ist in Stahltaschen eingeschlossen, woraus sie nicht entweichen und sich daher nicht am Boden als Schlamm ansammeln kann. Gefüllt sind die Batterien nicht mit Säure, sondern mit chemisch reiner Kalilauge. Dank ihrer besondern Konstruktion ertragen sie mühelos auch sehr starke Entladungen. Ihr Unterhalt beschränkt sich auf das gelegentliche Nachfüllen von destilliertem Wasser.' Die Selbstentladung bei offenem Stromkreis ist sehr gering und mit einem Altern muss überhaupt nicht gerechnet werden, kein Wunder also, dass sich derartige Akkumulatoren für Spezialzwecke einen Kreis treuer Anhänger gewonnen haben. selbstnachstellende, hydraulische Ventilstössel, Schwingungsdämpfer auf der Kurbel- und Nockenwelle, vervollkommnete Ansauggeräuschdämpfer und Geräuschisolation des Kipphebelgehäuses stellen einige der Etappen auf dem Wege zum unhörbaren Motor der Zukunft dar, von dem uns nur noch ein paar ganz kleine Schritte trennen. -b- Letzte Schau au! die Stände Leclanche. Westinghouse. (Stand 203) Kupferoxyd-Trockengleichrichter zur Aufladung von Akkumulatoren von 6, 12 und 24 Volt mittels Lichtstrom sind hier in verschiedenen Grossen zu sehen. Besonders grosse Ausführungen von solchen Trockengleichrichtern werden von Elektrolysieranstalten benötigt. Eine Eigenart der Westinghouse- Trockengleichrichter stellt die verlustarme, magnetische Regulierung der Spannung dar, welche nicht vermittels der üblichen Schiebe- Rheostaten, sondern durch Ablenkung eines Teils der magnetischen Kraftlinien aus dem Kern des im Innern enthaltenen Transformators geschieht. Hoher Wirkungsgrad, grosse Widerstandsfähigkeit, geräuschloses Arbeiten und praktisch unbegrenzte Lebensdauer sind die wichtigsten Vorteile solcher Anlagen. Im Betrieb tritt keinerlei Abnützung ein und zudem benötigen die Apparate keinen Unterhalt, da sie weder Lampen noch bewegliche Teile enthalten. Auch der Radioempfang wird durch sie in keiner Weise gestört. Weiter zeigt Westinghouse an seinem Stand eine Anzahl verschiedener Bremssysteme, wie sie speziell bei Lastwagen zum Einbau kommen. Bekannt ist beispielsweise die ins Auspuffsystem eingebaute Westinghouse-Motorbremse System Oetiker, die mittels Rückstau der Abgase arbeitet. Daneben baut Westinghouse sowohl Unterdruck (Vakuum)- wie Niederdruck- und Hochdruckbremsen für Lastwagen, Lastwagenzüge und Bahnen. Die Niederdruckanlagen arbeiten mit Luftdrucken von 2—3 Atmosphären, die Hochdruckanlagen mit solchen von 7—9 Atmosphären. Auf einer Bank im Hintergrutid wird eine' komplette Lastwagen-DrucklufF-" Bremsanlag© mit allen Rohrleitungen, Bremszylindern, Ventilen usw. gezeigt, um einen Begriff davon zu geben, was alles zu einer solchen Ausrüstung gehört Urania. (Stand 222) Tanksäulen Marke Beckmeter nebst ihren inneren Organen, die zum Teil im Betrieb vorgeführt werden, nehmen hier das Auge der Besucher und darunter offensichtlich vieler ernster Interessenten gefangen. Im Prinzip handelt es sich um eine jener modernen Tanksäulen-Konstruktionen, die jede beliebige Menge auszuschenken gestatten und nicht an die fünfliterweise Abgabe gebunden sind. Ein Zählwerk gibt die entnommene Benzinmenge in Liter und Deziliter sowie den Preis auf Franken und Rappen genau an. Der Schlauch bleibt dauernd bis zum Ventil am Zapfhahn hin gefüllt, wobei das Benzin durch eine von einem vollständig gekapselten Elektromotor angetriebene Pumpe unter Druck gesetzt wird, sobald man den Zapfhahn vom Haken an der Säule abhängt. Solange kein Brennstoff ausfliesst, strömt er ganz einfach durch ein Ueberdruckventil und eine Umwegleitung auf die Saugseite der Pumpe zurück. Als Messgerät dient ein packungsloser Kolbendurchlaufzähler, dessen Kolben auf eine Taumelscheibe arbeiten, welche ihrerseits das Zählwerk antreibt Die Zählerkolben laufen mit sehr geringem Spiel von nur ca. 1/100 mm in ihren Bohrungen und besitzen zur Abdichtung lediglich kreisförmige Nuten, jedoch keine Kolbenringe. Die Einstellung der Säulen auf den gerade gültigen Literpreis ist eine Sache von Sekunden und kinderleicht zu besorgen. Ebenso ist auch die Bedienung solcher Säulen ein Kinderspiel. Nach Schluss der Brennstoffabgabe muss der Zähler mittels Handkurbel wieder auf Null zurückgestellt werden. Erst dann gibt die Säule von neuem Brennstoff ab. Die Wartung solcher Säulen ist sehr einfach, und es können viele Millionen Liter Benzin abgegeben werden, ehe eine Ueberholung notwendig ist. Da der Kunde den Tank an solchen Säulen meist ganz auffüllen lässt, ist eine wesentliche Umsatzsteigerung die Folge. Angesichts dieser Vorzüge dürften sich die neuen Säulen rasch grosser Beliebtheit erfreuen. Nebenbei stellt die Firma Urania noch einen Satz von vier fahrbaren Weaver-Wagenhebern unterschiedlicher Grosse für Service- Stationen aus. International. (Stand 108) Drei komplette Nutzfahrzeuge sowie eine Anzahl von Schnittmodellen vermitteln einen Einblick in die Konstruktion dieser amerikanischen Firma. Den Vordergrund nehmen ein Kippwagen auf dem Chassis Modell DS-35 sowie ein 26plätziger Car Alpin mit Faltverdeck auf dem speziell für diese Wagenklasse konstruierten Chassis DS-35-B ein. Beide sind mit Sechszylindermotoren ausgerüstet, und zwar der erste mit einem solchen von 20,2/84 PS, der Car mit einem solchen von 21,7/89 PS. Der Kipper verfügt über ein Vierganggetriebe sowie eine Hinterachse mit zwei durch einen besonderen Schalthebel wahlweise zum Eingriff zu bringenden Uebersetzungsstufen, welche die Gesamtzahl der Gänge gerade verdoppeln. Beim Omnibuschassis dagegen wird serienmässig ein Fünfganggetriebe mit drei geräuschlosen Gängen und ebenfalls eine Hinterachse mit zwei verschiedenen Gangstufen eingebaut, so dass das Total der Gänge sich hier auf zehn beläuft wovon sechs geräuschlos arbeiten. Der oberste Gang des auf dem Stand als Schnittmodell präsentierten Getriebes ist als Schnellgang übersetzt. Als dritten kompletten Wagen finden wir am Stand noch einen Kastenwagen auf dem mit Sechszyjindermotor von 17,8/78 PS ausgerüsteten Chassis D-2, der im vorliegenden Fall für eine Nutzlast von etwa 1000 kg bestimmt ist A. C. S. (Stand 207) Der Automobilclub der Schweiz bietet auf seinem Stand einen aufschlussreichen Querschnitt durch sein vielseitiges Tätigkeitsgebiet und unterstreicht zugleich die mannigfaltigen Dienste, die er seinen Mitgliedern erweist. Geschickt versteht er dabei die Wirkung des Wortes durch bildliche Darstellung zu verstärken. Was die Hauptaufgabenkreise — als da sind: Sport, Touristik, Zollwesen, Verkehr, Kommissions- und Komiteearbeiten, Zentralverwaltung, Pressedienst, Verkehrserziehung, Rechtsfragen und technischer Dienst — im einzelnen in sich schliessen, und in wieviele Verästelungen die Hauptzweige ausmünden, auch diese etwas abstrakten Dinge weiss der Stand anschaulich zu gestalten und sie dem Verständnis des Beschauers näherzubringen. Eine auf dem Stand aufliegende Broschüre gewährt noch weitere Aufschlüsse über all das, was der Club leistet. (Schluss Seite 12.) ft Liter Rp.rmn auf 100 km DER NEUE WILLYS 1939 5pl. Limousine, angebauter Koffer, Ganzstahl-Karosserie, Saurer-Montage, Luxus- Ausführung, splitterfreies Glas überall, 4-Zylinder-Motor, 11 PS, 60 Bremspferde, hydraulische 4-Radbremsen, Synchron-Getriebe, doppelte Scheibenwischer, Sonnenblenden, reichhaltiges Fabrikwerkzeug usw. DER RASSIGE AMERIKANER MIT DEM KLEINSTEN BENZIN-KONSUM! ZÜRICH: Garage Metropol A.G., Utoquai 49 BERN: Gebr. Marti, Garage, Eigerplatz 2 BASEL: Touring-Garage,St. Albananlage24 GENF: Central-Autos, 2, place Metropole LUZERN:Capitol-Garage A.G., Bundesplatz ST. GALLEIM :Hch. Grünenfelder, Adlergasse BRUGG: Garage Zulauf VERTRETER: WOHLEN/Aarg.: J. Henggl, Garage FREIBURG: Brülhardt freres, Garage rue Industrie 7 HERZOGENBUCHSEE: M. Moser, Automobile LANDQUART: F. Weibel, Landquart-Garage BELLINZONA: S.A. Arabo, Garage LOCARNO: S.A. Fratelli Ambrosoli LUGANO: E. Ferrari, Salone Riviera Generalvertreter für die Schweiz: S.A. FRATELLI AMBROSOLI, Dufourstrasse 188, Telephon 4.17.62, ZÜRICH Polst erüberzüge «honen die Origfaal'Polstenmg and sind waschbar. Wir haben ans auf die Anfertigung der« selben spezialisiert and liefern sie deshalb rasch and gegen massige Berechnung. In drin« genden Fällen branchen wir den Wagen nicht mehr als einen halben Tag. : MÜLLER 'S) MARTI Autosattltrri, BifttfUtx , Tclcpboa 3UH Nur Original- CHAMPION-KOLBENRINGE ausgestellt am Automobil-Salon Stand 218, ermöglichen selbst älteren Motoren, noch einmal 80000 km zurückzulegen, ohne die Zylinder zu schleifen. Sie verbessern die Kompression und verhindern das Oelpumpen in den Verbrennungsraum. Nur CHAMPION verfügt über amerikanische Spezial-Bronze und Spezial-Stähle, deren Produktion nur ihnen reserviert ist und die grösste Dauerhaftigkeit der Zylinder ohne Abnützung gewährleisten. (Referenzen von offiziellen Laboratorien, nach einem Versuch von 250 Stunden.) Nur CHAMPION zeigt ausser dem bekannten Typ « Lock >, Patent Nr. 419 693, mit Schloss, einen neuen, doppelspiraligen Kolbenring, Patent Nr. 831 690, der eine vollkommene radiale Abdichtung in Schwerölmotoren ergibt, für die er speziell konstruiert ist. Alleiniger Generalvertreter für die Schweiz: JOHN GAUDIN, Bue de Berne 8, GENF. VERTRETER gesucht für die deutsche Schweiz und den Tessin. in Leichtmetall oder Stahl: Eigengewicht 1000 kg, Nutzlast 4000 kg Möbelkasten, kombiniert mit Stahl und Leichtmetall Lastwagenbrücken in Leichtmetall verkörpern Qualität, Fortschritt und Wirtschaftlichkeit. Joh. Knupp, St.Gal!en-W KONSTRUKTIONS-WERKSTÄTTE Telephon 26.276 Der UNIVERSAL AUTOLIFT wird am Automobil-Salon, Stand 213 vorgeführt. Der erste, in der Schweiz erfundene, fahrbare, elektrisch arbeitende Autolift der bis heute seinesgleichen nicht kennt. Jos. Schumacher, Böle (Neuenb.) Technische Vetretungen Die Lizenz ist noch für einige Länder abzugeben.

BERN, Freitag, 10. März 1939 Automobil-Revue - III. Blatt, Nr. 22 Das Wandbild und das Publikum Von Dr. Eduard Briner Was ist ein Bild? Ein Quadratmeter Niemandsland. Es steht an der Wand des Ateliers und kehrt dem Beschauer die Rückseite zu, bis es sich einmal lohnt, einem seriösen Interessenten die Vorderseite zu zeigen. Ein Bild will Illusion geben. Und dabei weiss es selber nicht einmal ganz recht, ob es vielleicht nicht etwa selbst nur eine Art Illusion ist. Denn zur realen Wirklichkeit wird es erst dann, wenn man ihm irgendwo ein Stück Wandfiäche einräumt, wo es sich frei entfalten und zugleich auch einen praktischen Gebrauchszweck erfüllen kann. Denn auch die Kunst will irgendwie zu den veredelten Gebrauchsdingen des Lebens gerechnet werden. Da ist das Wandbild viel besser dran. Es wird meist nur dann geboren, wenn Auftrag und Bestellung, Wandfläche und raumschmückender staunen, wenn wir bei einfachen Landkirchen wie Zweck in Ordnung sind. Es sind also meist Leute etwa in Oberwinterthur oder in Wiesendangen da, die mit Spannung darauf warten, bis dassehen, wie die Kirchenwände zu einem Bilderbuch Wandbild fertig ist und die ihm eine dauernde Existenz garantieren. Und sollte einmal eine verständnislose Epoche kommen, die dieses Wandbild schonungslos übertüncht, oder sogar mit einem von wunderbarer Anschaulichkeit und Lebensfülle werden. Oder wie an einem Kirchlein des Berner Oberlandes ein «Jüngstes Gericht» oder.ein «Heiliger Christophorus» die Heilswahrheiten, die der Verputz verkleistert, so folgt nachher eine um so Geistliche von der Kanzel herab verkündete, in pietätvollere, retrospektive Zeit, die das Wandbild anschauliche Bildlichkeit umsetzen. — In der neu entdeckt und sorgfältig restauriert. — Nun schweizerischen Renaissance-Malerei mischte sich gibt es aber nicht allzu viele Privatleute, die für ein Wandgemälde, ein Mosaikbild oder eine Glasmalerei die entsprechenden Wandflächen und Geldmittel zur Verfügung stellen können. Behörden und Verwaltungen, Korporationen und Institute, müssen diese Aufgabe auf sich nehmen. Oeffentliche und halböffentliche Gebäude werden mit solcher Zier ausgestattet, und diese Kunstwerke bedeuten dann jedesmal ein Geschenk an die Oeffentlichkeit. Die Oeffentlichkeit! Im praktischen Leben nennt man sie eher Publikum. Das ist eine anonyme, buntgewürfeite Masse von Bildbetrachtern, die kein kunsthistorisches Examen ablegen, bevor sie über ein Wandgemälde ihre Glossen machen. Es ist nicht leicht, der hohen Kunst zu dienen und zugleich ein Werk zu schaffen, das gegen Schnee und Regen und gegen die banausischen Urteile von tausend Passanten imprägniert ist. Die Kunstgeschichte der Wandmalerei ist eine Kulturgeschichte ihrer Besteller und Betrachter. Der Geist einer Epoche spricht wohl nirgends stärker als aus jenen Bildern, die zu ihrer Zeit von zahllosen'Menschen mit Neugier bestaunt wurden. Die schweizerische Wandmalerei hat schon im Mittelalter auf die verschiedenartigste Weise den Kontakt mit dem Publikum gefunden. Wir müssen dann aber ein ganz neuer Bildungsehrgeiz in die grossdekorative Flächenkunst. Man musste mit der literarischen Bildung der Zeit schon sehr gut vertraut sein, um Holbeins allegorische Szenen im Basler Rathaus oder Tobias Stimmers schwungvolle Fassadenmalerei am Haus zum Ritter in Schaffhausen ganz zu verstehen. In der Barockzeit malten die kirchlichen Dekorateure dann vollends über die Köpfe der Leute hinweg. Und zwar im buchstäblichen und im geistigen Sinne. Sie zauberten die kühnsten Himmelfahrten an die Decken der Wanddekoration nach der Manier des Berner Bauernmalers Hauswirth, von Hans Fischer in Zürich, hergestellt für eine Schweizer Ausstellung im Ausland. Kirchenräume und stellten religiöse Verzückungen dar, die nur den Auserwählten vorbehalten sind. — Um so erstaunlicher wirkt jenes einzigartige Unternehmen in Luzern, wo man mit einer Galerie von Oelgemälden direkt in das Volk hineinging. Denn es gab in der Zeit um 1600 wohl nirgends eine volkstümlichere Gemäldegalerie als die Kapellbrücke und die Spreuerbrücke mit ihren langen Reihen von Dreieckbildern. Ein Bilderbuch zur Schweizergeschichte! Da wird z. B. auf einer Tafel dargestellt, wie Graf Bero zum Andenken an seinen Sohn, der von einem Bären überwältigt wurde, ein Münster stiftet, und wie Graf Ulrich dieses mit reichen Stiftungen bedenkt. Die Verse sind jeweilen nicht weniger flott geprägt als die Bilder: Bero dort ein Münster setzet, wo sein Sohn den Bären hetzet, und sich under ihm vergrabt. Ulrich selbigs reich begabt. Das ist wirklich volkstümliche Kunst, und zwar mitten im »Zeitalter hochtrabender Allegorien. — Die dekorative Malerei lernte dann im 18. Jahrhundert auch noch, sich mit eleganter Salon-Konversation zu befreunden. Das beweisen uns die Panneaux in aristokratischen Wohnräumen. Die keck hingemalten Anekdoten und Satiren im Schloss Wülflingen leiten über zu den lustigen .Sqhnöjkeln und Szenen auf den bemalten Möbeln des Bauern-Rokoko, die der letzte Ausläufer der dekorativen Malerei des Barocks sind. Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts machte man feierlich-ernste Versuche, die Wandmalerei neu zu beleben. Dabei ging man nicht vom Volkstümlichen aus, sondern von einem klassischen Bildungsideal. Als Gottfried Semper das Eidgenössische Polytechnikum baute, erhielt die Aula eine prunkvoll ausgemalte Decke, deren Pomp sich an Michelangelos Sixtina inspirierte. Die jungen Architekten sollten in ihrem eigenen Schulhause ein erhabenes Beispiel raumschmückender Kunst vor sich haben. Zum ersten Male seit langer Zeit ging man mit einer bildlichen Dekoration auch wieder auf die Strosse hinaus. Die Nordfassade des Polytechnikums erhielt eine imposante Sgraffito-Dekoration, also eine Schwarzweissmalerei auf dem Mauerverputz. Das war natürlich nicht das alte, volkstümliche Sgraffito der Bündnerhäuser. Sondern eine kunstvolle akademische Komposition in klassischem Zeichnungsstil. Dieser erste Schritt an die Oeffentlichkeit war höchst würdevoll. Gelehrte Humanisten hatten die Bildmotive und Zusammenhänge ausgedacht, und die lateinischen Sinnsprüche waren für die Passanten kaum verständlich, selbst für diejenigen, die einmal in der Lateinschule gewesen waren. Den Gipfel des Bildungsehrgeizes erstieg man mit dem Spruch «Non fuerat nasci nisi ad has», der über den Gestalten der «Kunst» und «Wissenschaft» angebracht wurde. «Es war nicht der Mühe wert, geboren zu werden, wenn nicht für diese!» (Nämlich für die Kunst und die Wissenschaft.) Nun setzte es allerdings eine Pressepolemik ab, denn es gab Leute, die solche akademische Philosophie allzu hochtönend fanden. Auch auf den Fassadenbildern der Rathäuser ging es gegen Ende des letzten Jahrhunderts hoch her. Das edle Pathos, mit dem Ernst Stückelberg auf seinen historischen Bildern in der Teilskapelle jeden Schweizer zu begeistern vermochte, verwandelte sich in theatralische Kraftmeierei, wie wir es noch heute an den Rathäusern von Schwyz, Rapperswil und Stein a. Rhein feststellen können. Bedeutend harmloser und humoriger entwickelte sich die wiederauflebende Fassadenmalerei in der Luzerner Altstadt. Man wollte hier offenbar dafür Busse tun, dass man das alte Hertensteinhaus mit Holbeins grossartiger Dekoration zerstört hatte. Gerade in Luzern hat sich die Fassadenmalerei nun seit einem halben Jahrhundert sinnvoll weiter entwickelt. Es war z. B. ein ausgezeichneter Gedanke, ein Haus am Weinmarkt mit einer biblischen Szene zu bemalen, welche an die berühmten Passionsspiele des 16. Jahrhunderts erinnert, die auf diesem Platz stattgefunden haben. Hier wird das Monumentale durch eine historische Erinnerung auch heute wieder volkstümlich. An modernen Ausstellungen •wird vielfach versucht, auch durch plastische Darstellungen dekorativ zu wirken: ein riesengrosses Edelweiss diente an der Schweizer Ausstellung in Stockholm al« Symbol für dde Schweiz. Die moderne Wandmalerei hat es gar nicht so leicht, volkstümlich zu sein. Im Jahre 1919, als in Basel der «Staatliche Kunstkredit» geschaffen wurde, damit die Künstler «an öffentlichen Wänden und Plätzen der Stadt ihre Tätigkeit im Grossen entfalten können», malte Numa Donze die Legende Johannes des Täufers in die grosse Brunnennische am Spalenberg. Warum soll man sich nicht auch einmal mitten in der Stadt einer altberühmten Historie gegenüber sehen? Der Basler Witz hat keineswegs dagegen rebelliert. Bedeutend kitzliger würde die Sache, als der gleiche Künstler es wagte, neun Jahre später wieder diese orientalische Legende zu gestalten, als ein Wettbewerb für das riesige Halbrundbild in der Bahnhofhalle von Luzern ausgeschrieben wurde. Salome tanzt mit dem Haupte des Täufers vor Herodes, umgeben von Gruppen, die aus einer Schule für Rhythmik zu stammen scheinen. Und das alles in der Schalterhalle des Luzerner Bahnhofes! Doch dafür sind ja Kommissionen eingesetzt, dass solche Künstlerträume nicht durch die Witze von Gepäckträgern profaniert werden. Der Urner Heinrich Danioth rchlug in seinem Entwurf eine fröhliche Aelplerchilbi auf grünem Hintergrund vor. Dieser Künstler durfte stolz darauf sein, dass im Jahre vorher seine ganz herben, kantigen, expressionistischen Bilder vom «Rütlischwur» und vom «Teilensprung» wirklich im neuen Teilenspielhaus zu Altdorf ausgeführt worden waren. Aber für den Bahnhof Luzern wählte man mildere Töne: Das friedvolle Blau des Vierwaldstättersees auf dem Gemälde des Welschschweizers Maurice Barraud trug den Sieg davon. Heinrich Danioth' entfachte erst kürzlich mit seiner rassigen, aufrichtigen Art