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syndicom magazin Nr. 34

Das syndicom-Magazin bietet Informationen aus Gewerkschaft und Politik: Die Zeitschrift beleuchtet Hintergründe, ordnet ein und hat auch Platz für Kultur und Unterhaltendes. Das Magazin pflegt den Dialog über Social Media und informiert über die wichtigsten Dienstleistungen, Veranstaltungen und Bildungsangebote der Gewerkschaft und nahestehender Organisationen.

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<strong>syndicom</strong><br />

<strong>Nr</strong>. <strong>34</strong> März-April 2023<br />

<strong>magazin</strong><br />

Grosser<br />

Streik am<br />

14. Juni!


Anzeige<br />

Mit guten Jobs den<br />

Umweltschutz vorantreiben!<br />

Mit der Klimafonds-Initiative…<br />

schützen wir<br />

die Umwelt:<br />

0.5 bis 1% der Wirtschaftsleistung<br />

sollen jährlich investiert<br />

werden. Damit können erneuerbare<br />

Energien und energetische<br />

Sanierungen vorangetrieben<br />

werden, ohne die Kaufkraft der<br />

Arbeitnehmenden zusätzlich zu<br />

belasten.<br />

schaffen wir<br />

gute Jobs:<br />

durch Investition in klimafreundliche<br />

Projekte entstehen<br />

nachhaltige und gut bezahlte<br />

Arbeitsstellen. Durch den<br />

Klimafonds werden auch Ausbildungen<br />

und Umschulungen<br />

finanziert, wenn sie nötig sind.<br />

So bleibt niemand zurück.<br />

stärken wir den<br />

Service public:<br />

die Klimawende schaffen wir<br />

nur mit einem Ausbau des<br />

öffentlichen Verkehrs und der<br />

erneuerbaren Energien. Das<br />

sichert nachhaltig Mobilität und<br />

Versorgung.<br />

→ Jetzt Klimafonds Initiative<br />

unterschreiben!<br />

www.sgb.ch/klimafonds


Inhalt<br />

4 Kurz und bündig/Agenda<br />

5 Gastautorin Dore Heim<br />

6 Dossier: Die Stimmen<br />

der Frauen<br />

14 Bessere Arbeitswelt<br />

18 Der Blaue Marsch<br />

20 Öffentliches Geld für<br />

Credit Suisse<br />

21 Recht so!<br />

22 Tipps<br />

24 Der 8. März in Bildern<br />

26 ALLE an den<br />

feministischen Streik!<br />

27 Kreuzworträtsel<br />

28 Aus dem Leben von ...<br />

Aufruf zum Feministischen Streik<br />

Seit dem Streik 2019 ist Bewegung in die Gleichstellung<br />

gekommen. Wir wählten mehr Frauen in<br />

die Parlamente. Wir diskutierten während der Pandemie<br />

über den Wert unbezahlter und unterbezahlter<br />

Care-Arbeit. Lohnungleichheiten zwischen<br />

den Geschlechtern waren plötzlich ganze Medienberichte<br />

wert. Am 14. Juni 2023 gehe ich erneut<br />

zum feministischen Streik auf die Strasse.<br />

Warum? Weil ich wütend bin. Auf ein System,<br />

das mich von Geburt an in eine Rolle zwängt,<br />

weil ich als Mädchen kategorisiert wurde. Ich<br />

bin wütend, dass von mir erwartet wird, Kinder<br />

zu gebären, und ich dafür mit Löhnen und Renten<br />

bestraft werde, von denen ich nicht leben<br />

kann. Wütend, dass Frauen, intergeschlechtliche,<br />

nonbinäre, trans, agender und queere<br />

Menschen kaum Schutz vor Gewalt erhalten.<br />

Ich bin wütend, weil mein Körper seit der Pubertät<br />

nicht mehr mir gehört und ich Sexismus und<br />

sexuelle Gewalt einfach hinnehmen muss.<br />

Ich gehe auf die Strasse, um gegen ein<br />

zutiefst ungerechtes System zu kämpfen, in<br />

dem Menschen aufgrund ihres Geschlechts,<br />

der sexuellen Orientierung, ihrer Herkunft, des<br />

sozialen Stands und/oder ihrer Behinderung<br />

täglich diskriminiert werden.<br />

Als Gewerkschaft sind wir immer für soziale<br />

Gerechtigkeit eingetreten. Der Generalstreik<br />

1918 hat eine soziale Wende eingeläutet. Läuten<br />

wir am 14. Juni eine feministische Wende ein.<br />

Lasst uns die Ketten des Patriarchats sprengen<br />

und gemeinsam für eine gendergerechte Zukunft<br />

kämpfen.<br />

6<br />

18<br />

28<br />

Catalina Gajardo<br />

Praktikantin Kommunikation <strong>syndicom</strong>


4 Kurz und<br />

bündig<br />

Nationaler Aktionsplan Presse kommt voran \ Vorstellung der<br />

Erwerbsausfall-Versicherung für Selbständige \ Höhere Postund<br />

Skyguide-Löhne verhandelt \ Grafikdesignerinnen am<br />

Streiktag \ Mindestlohn für die Ostschweiz \ Uber AHV-pflichtig<br />

Aktionsplan Presse<br />

fast druckreif<br />

Der Bericht zum «Nationalen Aktionsplan<br />

für die Sicherheit von Journalist:innen<br />

in der Schweiz», an dem <strong>syndicom</strong> im<br />

Sounding Board mitgewirkt hat, ist in<br />

der Schlussphase der Redaktion. Die<br />

wichtigsten Massnahmen sind: Runder<br />

Tisch mit Medienschaffenden und Polizei,<br />

Erhebung von Daten zur Sicherheitslage<br />

von Medienschaffenden, Branchendialog<br />

einheitliche Presseausweise,<br />

Analyse von missbräuchlichen Klagen<br />

(sog. SLAPPs) und das vom Bundesrat<br />

versprochene Diskussionspapier zur<br />

Regulierung von Kommunikationsplattformen<br />

in der Schweiz.<br />

Selbständige: Schluss mit<br />

der Lücke im System!<br />

Selbständigerwerbende in der Schweiz<br />

sind bisher bei Erwerbsausfall nicht abgesichert.<br />

Nun haben <strong>syndicom</strong> und die<br />

Fachhochschule Nordwestschweiz ein<br />

Modell für eine Auftragslosen-Versicherung<br />

entwickelt, das ohne staatliche<br />

Subvention funktioniert. Selbständige<br />

und Auftraggebende würden analog zum<br />

Angestelltenverhältnis je 4 % des Honorars<br />

einzahlen. Das Modell soll jetzt<br />

breit diskutiert werden. Alle Infos und<br />

eine Umfrage auf <strong>syndicom</strong>.ch/alvs.<br />

Erfolgreiche<br />

Lohnverhandlungen<br />

Darauf können wir stolz sein! Bei Post<br />

CH, PostFinance, IMS und PostLogistics<br />

erhalten alle GAV-Angestellten 2,5 %<br />

mehr, die Mindestlöhne gehen 3 % nach<br />

oben. Auch das hohe Engagement der<br />

PostAuto-Angestellten zahlt sich aus –<br />

mit ca. 2,5 % höherer Lohnsumme. Bei<br />

SPS gibt es 2,1 % mehr. Der Lohnrechner<br />

wurde aktualisiert: auf <strong>syndicom</strong>.ch/<br />

lohnpost können Post-Angestellte<br />

nachschauen, was ihnen zusteht.<br />

Zu einer Einigung kam es ebenfalls<br />

bei Skyguide: ab 1. 4. gibt es 1,5 % mehr<br />

Lohn für das AOT-Personal, und die<br />

Lohnbänder steigen um 1,5 %.<br />

Grafikdesigner:innen<br />

am feministischen Streik<br />

Die Berufsgruppe der Grafikdesigner:<br />

innen – in der sich bislang nur Frauen<br />

engagieren – wird am feministischen<br />

Streiktag präsent sein und für eine faire<br />

Preispolitik in der visuellen Kommunikation<br />

einstehen. Vor Ort am 14. Juni<br />

und bereits einige Wochen davor werden<br />

sie Aktionen mit textilem Siebdruck<br />

durchführen, wo mitgebrachte<br />

T-Shirts und Stoffbeutel kämpferisch<br />

bedruckt werden können. Folgen auf:<br />

Instagram.com/<strong>syndicom</strong>_grafikdesign<br />

Ein Mindestlohn für die<br />

Ostschweiz<br />

20 Prozent der St. Galler Bevölkerung<br />

sind armutsgefährdet. In den drei Ostschweizer<br />

Kantonen arbeiten 25 000<br />

Menschen zu einem Stundenlohn unter<br />

23 Franken. «Natürlich» sind darunter<br />

überdurchschnittlich viele Frauen. Solche<br />

Tieflöhne reichen nicht zum Leben<br />

und führen in die Alters armut: das darf<br />

nicht so bleiben. Darum fordern die<br />

kantonalen Gewerkschaftsbünde von<br />

St. Gallen, Thurgau und Appenzell einen<br />

Mindestlohn in der Ostschweiz von 23<br />

Franken und starten mit einer Petition:<br />

Einlohnzumlebenostschweiz.net.<br />

Bundesgericht:<br />

Uber ist AHV-pflichtig<br />

Das Urteil war lange erwartet und hat<br />

die Entscheide des Sozialversicherungsgerichts<br />

Zürich bestätigt: Ja,<br />

Firmen, die mit der Uber-App arbeiten,<br />

sind sozialversicherungspflichtig.<br />

Die Bedingungen für eine selbständige<br />

Erwerbstätigkeit sind nicht erfüllt.<br />

<strong>syndicom</strong> wird Uber und die Kantone<br />

in die Pflicht nehmen, die Arbeitsverhältnisse<br />

zu regularisieren und<br />

Sozial partnerschaften aufzubauen.<br />

In Genf konnte <strong>syndicom</strong> bereits einen<br />

GAV abschliessen mit einer Firma, die<br />

mit Uber-Technologie arbeitet und über<br />

450 Personen beschäftigt.<br />

Agenda<br />

April<br />

1.–22. April<br />

Der Blaue Marsch<br />

Hunderte Frauen pilgern in Etappen<br />

von Genf nach Bern, um oberste Priorität<br />

für die Klimaziele zu verlangen.<br />

Mitmachen: Lamarchebleue.ch<br />

Mai<br />

1. Mai<br />

Heraus zum 1. Mai<br />

Maibändel, Risotto und Internationale!<br />

Infos: <strong>syndicom</strong>.ch/1mai23<br />

3. Mai<br />

Tag der Pressefreiheit<br />

Die Gewerkschaft <strong>syndicom</strong> steht ein<br />

für Pressefreiheit und wehrt sich gegen<br />

jegliche Art von Einschränkungen.<br />

<strong>syndicom</strong>.ch<br />

4. Mai bis 4. Juni<br />

World Press Photo 2023<br />

Die weltweite Wanderausstellung des<br />

Fotojournalismus und der Dokumentarfotografie<br />

macht Halt im Zürcher Landesmuseum.<br />

5. Mai<br />

Tagung IG Freischaffende<br />

Ab 13 Uhr im Berner Generationenhaus<br />

am Bahnhof. Thema: «Hire and Fire –<br />

Eine gute Zukunft für uns Freischaffende».<br />

Anmelden: my.<strong>syndicom</strong>.ch.<br />

Juni<br />

14. Juni 2023<br />

Feministischer Streik<br />

Alle zusammen auf die Strasse für eine<br />

Welle der Gleichstellung! Die Demos<br />

und Aktionen auf Frauenstreik.ch.<br />

17. Juni<br />

Delegiertenversammlung<br />

<strong>syndicom</strong><br />

Bern, Bierhübeli, Info: dv@<strong>syndicom</strong>.ch.<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/agenda


Gastautorin<br />

Frauenstreik zum Dritten: manch<br />

einer in den Gremien rollt mit den Augen, stöhnt.<br />

Schon wieder! Muss das denn sein? Es muss.<br />

Die Frauen sind heute zahlenmässig ein Schwergewicht<br />

in den Gewerkschaften, aber auf dem<br />

Arbeits markt bleibt ihre Lage prekär. Hat sich<br />

irgend was an den miesen Arbeitsbedingungen<br />

in der Pflege und Betreuung geändert? Und der<br />

Taschen spielertrick mit der Rentenreform:<br />

Neu sollen auch Geringverdienende in die Pensionskasse<br />

einzahlen und der Umwandlungssatz<br />

wird gesenkt. Jetzt nehmen und später nichts<br />

geben?* Und was ist mit der Angestellten, die<br />

schwanger ist und sich fürchtet, das ihren Vorgesetzten<br />

zu sagen? Der so genannte Mutterschafts-«Urlaub»,<br />

der im Betrieb als Störmanöver<br />

der Arbeitnehmerin wahrgenommen wird?<br />

Wegen des Fachkräftemangels hätten die Arbeitnehmenden<br />

aktuell Verhandlungsmacht,<br />

heisst es. Viele Frauen fragen sich vermutlich,<br />

wann sie das mal erleben werden.<br />

Aber immerhin. Immerhin sind wir so weit<br />

gekommen, dass die Gewerkschaften für die<br />

Frauen kämpfen. Dank entschlossenen Kolleginnen,<br />

die sich nicht scheuten, unbeliebt zu sein.<br />

Und dank einigen Kollegen, die ihnen damals<br />

Türen aufgestossen haben. Dank den Kolleginnen,<br />

die vor Jahrzehnten schon den Mut hatten,<br />

sich an die Spitze der Bewegung zu stellen, und<br />

dank ihren Nachfolgerinnen, die heute unsere<br />

Gewerkschaften leiten. Sie kennen die Lebensrealität<br />

der Frauen.<br />

Zusammenstehen, laut und stur sein! Es geht<br />

auch 2023 um die Existenzsicherung. Denn der<br />

Arbeitsmarkt hat sich für die Frauen seit Juni<br />

2019 nicht zum Besseren verändert. Viele arbeiten<br />

unter schlechten Bedingungen, haben einen<br />

riesigen Stress, um ihren Alltag zu organisieren.<br />

Die Krankenkassenprämien fressen die Löhne<br />

weg, die Mietkosten steigen. Und die Arbeitgeber<br />

und die Politik? Die geben nur nach, wenn<br />

Tausende an die Türe poltern. Dafür braucht es<br />

den Frauenstreik zum Dritten.<br />

Warum schon wieder<br />

auf die Strasse?<br />

Dore Heim ist Historikerin und engagiert<br />

sich heute im Evangelischen Frauenbund<br />

Zürich, der Sozialberatung für<br />

Frauen anbietet, ein Kinderheim und<br />

eine Kindertagesstätte betreibt und mit<br />

dem Brahmshof preisgünstigen Wohnraum<br />

in der Stadt Zürich anbietet.<br />

Als Frauenbeauftragte der Schweizerischen<br />

Journalisten-Union, einer<br />

Vorgängerorganisation von <strong>syndicom</strong>,<br />

organisierte sie den ersten Frauenstreik<br />

1991.<br />

Von 1999 bis 2012 war sie Leiterin<br />

des Gleichstellungsbüros der Stadt<br />

Zürich. Bis 2020 arbeitete sie als<br />

Zentralsekretärin des Schweizerischen<br />

Gewerkschaftsbundes, wo sie u. a. die<br />

Hundertjahrfeier des Generalstreiks von<br />

1918 organisierte.<br />

*Das Referendum ist lanciert!<br />

Unterschreiben: Rentenabbau.ch<br />

5


Dossier<br />

Die<br />

Stimmen<br />

der Frauen


7<br />

Fotostrecke<br />

Um die Vielfalt der feministischen<br />

Kämpfe abzubilden, begleitete die<br />

Fotografin Brigitte Besson am 8. März<br />

die Demo in Lausanne, die das feministische<br />

Streikkollektiv Waadt zum Internationalen<br />

Frauentag organisiert hatte.<br />

Auch bei der Flyeraktion von <strong>syndicom</strong><br />

am 8. März bei der Post war sie dabei.<br />

Brigitte Besson lebt und arbeitet als<br />

freie Fotografin in der Region Lausanne.<br />

Sie betrachtet die Menschen mit einem<br />

wohlwollenden Blick und stellt ihre<br />

Arbeit in den Dienst von Themen,<br />

Bewegungen und Projekten, in denen<br />

Gruppen oder Einzelne mit grossem Engagement<br />

etwas in Gang bringen wollen.<br />

Brigitte engagiert sich aktiv für den<br />

Klimaschutz und die Erhaltung des<br />

Lebens auf der Erde.<br />

www.brigittebesson.com


Feministischer Streik, 14. Juni 2023<br />

Respekt<br />

Geld<br />

Gleichstellung<br />

jetzt!<br />

Zeit<br />

Auf dem Weg zu …<br />

1971<br />

Stimm- und Wahlrecht<br />

für Frauen auf<br />

Bundesebene<br />

1981<br />

Prinzip der Rechtsgleichheit<br />

in der Bundesverfassung<br />

verankert<br />

14.6.1991<br />

Frauenstreik<br />

1996<br />

Inkrafttreten des Bundesgesetzes<br />

über die Gleichstellung<br />

14.6.2019<br />

Frauenstreik<br />

14.6.2023<br />

Frauenstreik!!<br />

2008<br />

40 % unerklärter Anteil des<br />

Lohnunterschieds zwischen<br />

Frauen und Männern<br />

2020<br />

47,8 % unerklärter Anteil des<br />

Lohnunterschieds zwischen<br />

Frauen und Männern<br />

Quelle: BFS<br />

Respekt<br />

Geld<br />

Fast jede 3. Frau und jeder 10. Mann wird am<br />

Arbeitsplatz sexuell belästigt.<br />

Fast die Hälfte der Lohnunterschiede zwischen Frauen und<br />

Männern ist «unerklärt»: Dieses «Loch» von brutto 717 Franken<br />

monatlich im Portemonnaie der Frauen lässt sich weder durch<br />

das Alter, die Bildung oder die Position noch durch die<br />

Wirtschaftsbranche erklären.<br />

Männer<br />

Frauen<br />

8 317 Durchschnittlicher Monatslohn<br />

6 817 Durchschnittlicher Monatslohn<br />

18 %<br />

Erklärter Lohnunterschied 52,2 %<br />

Unerklärter Lohnunterschied 47,8 %<br />

Quelle: Unia Schweiz<br />

Quelle: BFS<br />

Zeit<br />

2021 arbeiteten nur 41,4 % der Frauen<br />

Vollzeit. Bei den Männern waren es 81,8 %!<br />

Als Hauptgründe für die Teilzeitarbeit nennen<br />

die Frauen die Kinderbetreuung und andere<br />

familiäre Verpflichtungen. Teilzeitbeschäftigte<br />

Männer hingegen geben als Grund häufiger<br />

Ausbildung und Studium oder mangelndes<br />

Interesse an einer Vollzeitstelle an.<br />

27,0 %<br />

22,2 %<br />

23,4 %<br />

35,2 %<br />

4,2 %<br />

3,5 %<br />

6,9 %<br />

11,3 %<br />

… Ungleichheit<br />

Dieser Unterschied spiegelt sich in der<br />

ungleichen Verteilung der Hausarbeit wider.<br />

Aufteilung der Hausarbeit in Paarhaushalten,<br />

2018<br />

31,1 %<br />

Beide<br />

partner<br />

62,4 %<br />

Die Frau<br />

Vollzeit 90–100 %<br />

Teilzeit 50–89 %<br />

Teilzeit weniger als 50 %<br />

Quelle: BFS<br />

50,8 %<br />

1991 2021 1991 2021<br />

Frauen<br />

41,4 %<br />

92,3 %<br />

Männer<br />

81,8 %<br />

6,0 %<br />

Der Mann<br />

0,5 %<br />

Eine andere Person<br />

Quelle: BFS


Dossier<br />

9<br />

Mit der Frauenkommission habe ich am 4. März in Freiburg<br />

an der nationalen Assise des feministischen Streiks<br />

teilgenommen. Versammelt waren über 250 Teilnehmerinnen<br />

verschiedener Altersstufen, Herkünfte und Berufsgruppen,<br />

aus allen Ecken der Schweiz. Die kantonalen<br />

Kollektive, die Gewerkschaftsorganisationen – über ihre<br />

Gleichstellungskommissionen – und der SGB haben angesichts<br />

der zahlreichen und notwendigen Forderungen<br />

den nationalen Aufruf zum Streik am 14. Juni lanciert.<br />

In den Workshops zeigte sich eine Vielzahl von Arbeits-,<br />

Lebens-, Ausbildungs- und Freizeitsituationen.<br />

Hinzu kommt die lange Liste von Beschwerden, die mir in<br />

den vergangenen sieben Jahren als Leiterin Gleichstellung<br />

bei <strong>syndicom</strong> zugetragen wurden. Ich spürte die Entschlossenheit<br />

all dieser Frauen – trotz der eher bescheidenen<br />

Fortschritte, die seit dem Streik von 2019 gemacht<br />

worden sind.<br />

Zwar wurden an der Urne die Ehe für alle und ein zweiwöchiger<br />

Vaterschaftsurlaub angenommen. Zwar ist der<br />

Frauenanteil im Parlament auf 42 Prozent angestiegen.<br />

Aber beim Rest haben sich Behörden, Regierungen und<br />

Parlamente taub gestellt. Schlimmer noch: Der Widerstand<br />

gegen eine echte Gleichstellung ist spürbar. Ein Beispiel<br />

ist die sexuelle und reproduktive Gesundheit. Diese<br />

wird bedroht durch zwei Initiativen, die die seit 2002 geltende<br />

Fristenregelung angreifen. Zudem weigert sich der<br />

Nationalrat, auf eine parlamentarische Initiative zur Entkriminalisierung<br />

des Schwangerschaftsabbruchs einzutreten.<br />

Erwähnen möchte ich auch die Ohrfeige bei der<br />

Abstimmung über die AHV21. Und die Reform der beruflichen<br />

Vorsorge lässt das Schlimmste befürchten.<br />

Auch wenn ich Sätze höre wie: «Aber was wollen sie<br />

denn, wir haben schon Gleichstellung!», bin ich überzeugt,<br />

dass Gleichstellung gemeinsam erreicht werden<br />

wird und dass immer mehr Menschen das wissen. Kulturelle<br />

und gesellschaftliche Hemmnisse sind einfach so<br />

stark verwurzelt, dass es schwierig ist, die Einstellung zu<br />

verändern. Aber für mich geht die Mobilisierung so lange<br />

weiter, wie es bei der Arbeit, innerhalb der Partnerschaft,<br />

bei der Pensionierung oder bei der Ausbildung Ungleichheit<br />

und so lange es sexuelle und sexistische Gewalt und<br />

Belästigung gibt. Wir lassen uns nicht entmutigen und ich<br />

bin stolz auf die feministische Energie, die Kreativität,<br />

den Einfallsreichtum und den Humor, die am 8. März auf<br />

den Plakaten und Schildern zu sehen waren. Ich träume<br />

von einer violetten Welle am 14. Juni mit Menschen aller<br />

Geschlechter und jeder sozialen Herkunft. Kommt auch!<br />

Melde dich, mach mit: gleichstellung@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

<strong>syndicom</strong>-Dossier: www.frauenstreik.ch<br />

Streikaufruf der nationalen Assise: frauen-streiken.ch<br />

«Ich bin stolz auf die feministische<br />

Energie, die Kreativität, den Einfallsreichtum<br />

und den Humor, die<br />

am 8. März auf den Plakaten und<br />

Schildern zu sehen waren.»<br />

Patrizia Mordini


10 Dossier<br />

Nachdem Anuschka Roshani ihren Erfahrungsbericht im<br />

Spiegel veröffentlicht hatte, waren wir auf der elleXX-<br />

Redak tion schockiert – aber nicht überrascht. Auf unseren<br />

Post auf Instagram meldeten sich unzählige Frauen,<br />

die selber Übergriffe erlebt hatten.<br />

Sie alle haben eine Geschichte und genug vom Schweigen.<br />

Dass der Journalismus ein Sexismusproblem hat, ist<br />

nichts Neues und wurde bereits 2019 von der Tages-Anzeiger-Journalistin<br />

Simone Rau im Rahmen ihrer #Media-<br />

Too-Recherche aufgedeckt. 2020 folgte der sogenannte<br />

«Frauenbrief», in dem 78 Tamedia-Journalistinnen Sexismus<br />

im Unternehmen anprangerten und Veränderungen<br />

forderten. Gebracht hat er noch nicht viel.<br />

«Wir müssen nachhaltig über<br />

das Arbeitsklima im Journalismus<br />

sprechen und an Verbesserungen<br />

arbeiten.» Miriam Suter<br />

Als Journalistin war ich zutiefst beeindruckt von einer<br />

Frau, die den Mut gefunden hat, mit ihrem Namen hinzustehen<br />

und zu erzählen, wie sie jahrelang ein toxisches<br />

und zutiefst problematisches Arbeitsumfeld ausgehalten<br />

und toleriert hat. Verschiedene Medien versuchten in den<br />

vergangenen Wochen herauszufinden, was denn geschehen<br />

war, und stilisierten die Geschichte mehr zu einer<br />

Schlammschlacht zwischen zwei Individuen hoch. Das ist<br />

nicht nachhaltig oder aussagekräftig: Es liessen sich<br />

sowohl ehemalige Magazin-­Mitarbeitende finden, die<br />

Rosha nis Aussagen stützen – aber auch solche, die das<br />

Gegenteil aussagten.<br />

Aber nicht nur im Verlagshaus vom Magazin gibt es<br />

Probleme – die SRG hatte 2020 mit den Vorwürfen gegen<br />

einen Moderator ihren Skandal, Ringier 2017 ebenso, als<br />

Geschichten von Übergriffen rund um einen Chefredaktor<br />

laut wurden. Beide Fälle wurden intern abgeklärt, beide<br />

Männer haben heute noch immer oder wieder einen<br />

Job in der Medienbranche, teils gar in leitender Funktion.<br />

Trotzdem: In der Chefetage der Tamedia passierte eine<br />

grosse Rochade, ein Superchefredaktor wurde abgesetzt.<br />

Das gibt Hoffnung.<br />

Wir sollten #MediaToo zum Anlass nehmen, nachhaltig<br />

über das Arbeitsklima im Journalismus zu sprechen<br />

und an Verbesserungen zu arbeiten. Und die entsprechenden<br />

Informationen zum Schutz von Übergriffen müssen<br />

für die Mitarbeitenden klar kommuniziert werden und<br />

niederschwellig zu finden sein, wie etwa das Tool, mit<br />

dem man seine Ferientage eintragen kann. Und es braucht<br />

eine Kultur, die Mut macht und nicht Furcht schürt.<br />

Die schlechte Nachricht: Unsere Redaktionen sind<br />

noch viel zu wenig Safe Spaces für uns Angestellte.<br />

Die gute Nachricht: Wir alle können Teil einer Veränderung<br />

sein.


Dossier<br />

11<br />

«Velokurierin ist ein richtiger<br />

Beruf. Ich bin stolz darauf und<br />

ich möchte seine materiellen<br />

und geschlechtsspezifischen<br />

Realitäten aufzeigen.»<br />

Marie Goy<br />

Ich bin Velokurierin. Ich transportiere Laboranalysen,<br />

Dokumente, Uhrenteile, Einkaufstaschen und anderes zu<br />

Unternehmen oder Privatpersonen. Das ganze Jahr über,<br />

bei jedem Wetter, pünktlich und sorgfältig.<br />

Ich arbeite bei der Genossenschaft La Cyclone, die<br />

Standorte in Neuenburg und in La Chaux-de-Fonds hat.<br />

Wir sind alle Unternehmer:innen.<br />

Dass ich jemals eine Unternehmerin sein würde, hätte<br />

ich mir nie träumen lassen!<br />

Andere haben mehr Unternehmergeist als ich, aber<br />

hier entscheiden wir uns dafür, uns zusammenzutun. Wir<br />

funktionieren nach dem Modell der «Shared Gover nance»,<br />

mit einer Charta und mit Entscheiden im Konsens. Bei<br />

uns fahren alle, und einige dispatchen auch. Die anderen<br />

Aufgaben, die es für das Funktionieren der Genossenschaft<br />

braucht, zum Beispiel die Human Resources, werden<br />

an Arbeitsgruppen verteilt.<br />

Wie viel ich verdiene, hängt nicht von der Zahl meiner<br />

Fahrten ab. Bisher hatte ich noch nie Arbeitsbedingungen,<br />

die so sehr meinen Werten entsprachen. Allerdings<br />

liegen unsere Löhne derzeit bei ca. 21 Franken netto pro<br />

Stunde und nach zwei Jahren Arbeit hier werden die Aufgaben,<br />

die «nebenher» zu erledigen sind, erst seit Kurzem<br />

entschädigt.<br />

Unsere Freiheit hat einen Preis: Wir müssen unsere<br />

Ausgaben und die unserer Gemeinschaft an unsere niedrigen<br />

Einkommen anpassen. Ob wir unsere Löhne anheben<br />

können, hängt von den Marktpreisen ab und von der<br />

Konkurrenz anderer Bot:innen, die unter ganz anderen<br />

prekären Bedingungen tätig sind: Taxis, Lernende und<br />

Pensionierte, die von den Unternehmen losgeschickt werden,<br />

um «schnell etwas zu bringen». Das heisst, um unsere<br />

Arbeit billiger zu erledigen.<br />

Im Alltag pendeln wir zwischen Elendsgestalt und<br />

Held:in, besonders alle, die keine Cis-Männer sind. In einer<br />

neueren Kampagne hat die Zürcher Polizei die Velokurier:innen<br />

sogar dafür benutzt, um für den Polizeiberuf zu<br />

werben. «Heute Velokurierin. Morgen Polizistin»! In der<br />

kollektiven Vorstellung ist unser Beruf also «cool», aber<br />

nur solange, bis man «einen echten Beruf» findet.<br />

Wenn ich hier das Wort ergreife, dann für eine grössere<br />

Anerkennung unseres Berufs und unseres Know-hows.<br />

Und ich möchte kurz auf die Diversität der Geschlechter<br />

und die Diversität der physischen Realitäten der Velokurier:innen<br />

hinweisen: Um unsere menstruierenden und<br />

unsere Mutterkörper in diesem Beruf sichtbar zu machen.<br />

Um das Erreichte zu schützen und unsere Arbeitsbedingungen<br />

stetig zu verbessern.<br />

Ich stehe stolz und überzeugt dafür ein, dass wir Kurierinnen<br />

und nicht Polizistinnen sind.


12<br />

Dossier<br />

Hotellerie, Bank, Uhrenindustrie und die letzten 20 Jahre<br />

bei der Swisscom: Nachdem ich über 45 Jahre gearbeitet<br />

habe, werde ich in einigen Monaten pensioniert und meine<br />

AHV-Rente wird nicht ausreichen.<br />

Als ich 1991 mit meinen damaligen Kolleginnen am<br />

ersten Frauenstreik teilnahm, skandierten wir unseren<br />

Überdruss über den Sexismus, den wir in den zumeist<br />

männlich dominierten Teams, in denen wir arbeiteten,<br />

erlebten. Wer schreibt das Protokoll? Wer kümmert sich<br />

um den Fotokopierer?<br />

Wir prangerten diese Stereotype an, die wir tagtäglich<br />

erlebten.<br />

Vor allem schrien wir unse re Wut darüber hinaus, dass<br />

sich unsere Männer und die Männer allgemein zu wenig<br />

«2019 beim zweiten Streik haben<br />

wir die ganze Stadt Zürich<br />

blockiert. In der Politik hatte<br />

sich nichts bewegt.»<br />

Marina Parazzini<br />

in der Familie und in der Gesellschaft engagierten, und<br />

über die sexuelle Belästigung und das Mobbing am Arbeitsplatz.<br />

Tausende von uns gingen auf die Strasse.<br />

2019 beim zweiten Streik haben wir die ganze Stadt Zürich<br />

blockiert. In der Politik hatte sich nichts bewegt. Wie<br />

konnte man von den Frauen so viel verlangen: arbeiten,<br />

kochen, Kinder betreuen, sich um die Eltern kümmern?<br />

Ich selbst war erschöpft.<br />

Im Juni werde ich für die Forderung nach einer anständigen<br />

Rente auf die Strasse gehen. Mein eigener Fall zeigt,<br />

wie schnell die Situation prekär werden kann. Meine zweite<br />

Säule wird von Sätzen beeinflusst, die im Laufe meiner<br />

Berufslaufbahn schwankten, vor allem bei der Geburt<br />

meiner Söhne. Und ich musste kämpfen, um bei meiner<br />

Scheidung meine zweite Säule zu sichern. Dennoch werden<br />

die Renten, die ich erhalte, nicht ausreichen.<br />

Die BVG-Reform wurde auf dem Rücken der Frauen<br />

ausgetragen!<br />

Ich bin in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Meine<br />

Eltern waren in der Gewerkschaft, meine Mutter war sehr<br />

engagiert und es war für mich klar, dass auch ich der Gewerkschaft<br />

beitrete. Ich glaube an die Stärke der Gewerkschaft.<br />

Ich habe mich in verschiedenen Vorständen bei<br />

<strong>syndicom</strong> engagiert, zwei Mandate im Zentralvorstand,<br />

im Firmenvorstand. Und seit 20 Jahren bin ich Personalvertreterin<br />

bei Swisscom. Ausserdem nehme ich derzeit<br />

als Delegierte an den Verhandlungen für den Gesamtarbeitsvertrag<br />

der Swisscom teil.<br />

Ich will gerechte Löhne, ich will einen Elternurlaub<br />

und eine gesunde Lebensbalance. Ich werde für alle<br />

Migrantinnen und für alle Frauen streiken, die es hier und<br />

weltweit nicht tun können.<br />

Zum Referendum gegen<br />

die BVG-Reform


Dossier<br />

Ich bin heute Mitglied des Zentralvorstands und des<br />

ICT-Sektorvorstands und arbeite seit Januar 2023 bei<br />

Localsearch (Swisscom Directories). Und seit 2018 bin ich<br />

SP-Gemeinderätin in der Stadt Zürich.<br />

Es waren die Debatten um die Lohngleichheit, die<br />

mich politisierten und mich zu <strong>syndicom</strong> und der IG Frauen<br />

brachten: Im Juni 2015 trat ich eine neue Stelle bei YOL<br />

Communications GmbH an – damals ein unabhängiges<br />

KMU in der Mobilfunkbranche, das 2017 von Sunrise<br />

übernommen wurde. Am Sonntag vor meinem Arbeitsantritt<br />

ging ich aus Neugier an eine Networking-Veranstaltung<br />

für Frauen, die von der Gewerkschaft Unia in Zürich<br />

organisiert wurde. Ziel war es, Frauen, die nicht unbedingt<br />

in der Politik oder in einer Gewerkschaft engagiert<br />

waren, die Möglichkeit zu geben, über Lohngleichheit zu<br />

diskutieren und eventuell Aktionen zu organisieren. Aus<br />

dieser Veranstaltung entstand das Kollektiv Aktivistin.ch.<br />

Da Unia die Arbeitnehmerinnen in meiner Branche<br />

nicht vertrat, wandte ich mich an <strong>syndicom</strong>. YOL hatte damals<br />

keine Sozialpartnerschaft mit <strong>syndicom</strong>, also auch<br />

keinen GAV. Mit anderen Worten: Ich hatte keine Bezugsperson<br />

für die Gewerkschaft im Unternehmen. Dank dem<br />

Jahresprogramm der Interessengruppen von <strong>syndicom</strong>,<br />

das ich damals per Post erhalten habe, fand ich die Gruppe<br />

von Gleichgesinnten aus meiner Arbeitswelt.<br />

Die Interessengruppe (IG) Frauen von <strong>syndicom</strong> befasst<br />

sich mit Fragen der Gleichstellung in der Arbeitswelt.<br />

Sie plant die Jahresstrategie und organisiert Projekte<br />

und Kampagnen zu gesellschaftlich relevanten Themen<br />

wie Lohngleichheit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie<br />

oder Arbeitsschutz. Es ist immer eine Herausforderung,<br />

unsere weiblichen Mitglieder zu motivieren, sich in unserer<br />

IG zu engagieren!<br />

Aber das ist es auch, was mich antreibt: die Kommunikation<br />

zwischen den Frauen aus allen (immer noch männerdominierten)<br />

Branchen unserer Gewerkschaft voranzubringen.<br />

Durch den persönlichen Austausch erfahren<br />

wir aus erster Hand, welche Probleme und Themen in den<br />

«Frauen zu motivieren, sich in<br />

unseren männerdominierten<br />

Branchen zu engagieren, ist eine<br />

echte Herausforderung!»<br />

Nadia Huberson<br />

Branchen akut sind, und unsere Stellungnahmen beschreiben<br />

genau die Situation, die Frauen tagtäglich an<br />

ihrem Arbeitsplatz erleben.<br />

Wir treffen uns mindestens viermal im Jahr und unsere<br />

Anträge werden der Geschäftsleitung, dem Zentralvorstand,<br />

der Delegiertenversammlung und dem Kongress<br />

unterbreitet. Ausserdem geben wir unseren Mitgliedern,<br />

die in keinem Branchen- oder Firmenvorstand tätig sind,<br />

die Möglichkeit, sich mehr in der gewerkschaftlichen Arbeit<br />

zu engagieren und darüber hinaus. Was ist unser<br />

nächstes Ziel? Der feministische Streiktag am 14. Juni!<br />

Wir hoffen auf viele neue Kolleginnen an diesem Tag und<br />

auch danach.<br />

13


14<br />

Eine bessere<br />

Arbeitswelt<br />

Wir sind noch weit entfernt<br />

von echter Gleichstellung<br />

Beatrice Müller mit Angelo<br />

Zanetti und Marco Geissbühler<br />

bei Tamedia, 2016.<br />

Unten: am Kongress 2017.<br />

(© <strong>syndicom</strong>, Arts Vivants /Fee Peper)<br />

Ich bin 64 und gehe nach 24 Jahren Arbeit<br />

bei der Gewerkschaft in Pension.<br />

Ich habe viele Konflikte erlebt, vor allem<br />

in Bezug auf Frauen.<br />

Seit ich mich erinnern kann, habe<br />

ich Interesse an der Arbeit. Mein Vater<br />

hatte ein KMU für Spezialheizungen,<br />

die er für Forschungslabors und Spitäler<br />

entwickelte. Es waren die 60er-Jahre,<br />

als die erste Generation von Hausfrauen<br />

nicht mehr zur Arbeit ging, weil<br />

der Ehemann genug Geld verdiente,<br />

um die Familie zu ernähren. Weil sie<br />

nicht mussten (und oft auch nicht<br />

durften), blühte die Heimarbeit, wo<br />

sie im Verborgenen Geld verdienen<br />

konnten. Davon profitierte auch mein<br />

Vater – er hatte ein solides Netz an<br />

Heimarbeiterinnen.<br />

Ich beobachtete sie auf unseren<br />

Besuchen und lernte schon früh den<br />

Wert der Beziehung von Mensch zu<br />

Mensch und nicht von Arbeitgeber zu<br />

Arbeitnehmerin kennen.<br />

Als ich 40 Jahre alt wurde, begann<br />

ich als Regionalsekretärin für die<br />

Branche Presse und elektronische Medien<br />

bei comedia zu arbeiten. Im<br />

Rucksack hatte ich meine eigenen Erfahrungen,<br />

die ich auf verschiedenen<br />

Redaktionen gemacht hatte. Auch<br />

eine kollektive Kündigung mit meinen<br />

Arbeitskolleg:innen hatte ich<br />

nicht ohne Stolz hinter mir – wir weigerten<br />

uns, auf einer Redaktion zu arbeiten,<br />

die fusioniert wurde und in einen<br />

Grossverlag überging. Ich wollte<br />

mich für die Arbeitsbedingungen der<br />

Journalist:innen engagieren und mich<br />

gemeinsam mit ihnen gegen Missstände<br />

und unfaire Behandlung wehren.<br />

Besonders schön war diese Arbeit,<br />

wenn wir erfolgreich waren. Jeder<br />

Konflikt am Arbeitsplatz, der gütlich<br />

beigelegt werden konnte, war gut für<br />

unser Mitglied und für uns.<br />

Es gab immer auch schwere Konflikte,<br />

die nicht erfolgreich endeten:<br />

ungerechtfertigte individuelle Entlassungen<br />

und über all die Jahre unzählige<br />

Massenentlassungen im Zuge der<br />

Profitmaximierung und der Medienkonzentration,<br />

wo wir mit aller Kraft<br />

Sozialpläne erkämpfen mussten. Ein<br />

Sozialplan kann im besten Fall die unmittelbare<br />

Not nach einer Entlassung<br />

ein wenig abfedern und lindern, in der<br />

Bilanz gibt es aber nur immer Verlierer:innen.<br />

Als Mutter von Zwillings-Töchtern<br />

kenne ich die Probleme, die Mütter an<br />

ihrem Arbeitsplatz haben können.<br />

Zwei Fälle bewegen mich bis heute:<br />

Es sind Fälle von frischgebackenen<br />

Müttern, denen ihre berufliche Kompetenz<br />

nach der Rückkehr aus dem<br />

Mutterschaftsurlaub abgesprochen<br />

wurde. Eine Redaktorin beim Radio<br />

verlor die Tagesverantwortung, die sie<br />

vor der Geburt im Turnus mit ihren<br />

Kolleg:innen über Jahre innehatte.<br />

Die Begründung des Vorgesetzten<br />

war, dass sie ja eh nur noch den ganzen<br />

Tag an ihr Kind denke. Die andere<br />

Redaktorin arbeitete bei einer grossen<br />

Tageszeitung und plante, nach der Geburt<br />

ihres Kindes wieder zu 80 Prozent<br />

zu arbeiten, was so vereinbart war. Ihr<br />

Kind kam mit Trisomie 21 zur Welt<br />

und sie musste ihr Pensum den neuen<br />

Gegebenheiten anpassen. Sie wollte<br />

auf 50 Prozent reduzieren, was vom<br />

Chefredaktor kategorisch abgelehnt<br />

wurde – sie verlor ihre Stelle.<br />

Fälle wie diese gibt es zuhauf an<br />

unseren Arbeitsplätzen. Ich will, dass<br />

Eltern schaft schlicht kein Thema<br />

mehr ist am Arbeitsplatz und dass die<br />

Verpflich tungen, die mit Mutter- und<br />

Vater schaft verbunden sind, so selbstverständlich<br />

sind wie ein Geschäftstermin.<br />

So habe ich es bei <strong>syndicom</strong><br />

erlebt, und das werde ich am 14. Juni<br />

auf der Strasse verteidigen.<br />

Beatrice Müller<br />

Beatrice Müller<br />

Jahrgang 1959, hat an der Universität<br />

Bern studiert. Nach Stationen<br />

bei Radio, Zeitung, Mediamarketing-Agentur<br />

und einer staatlichen<br />

Informationsstelle hat sie ihre Arbeit<br />

1999 bei der Gewerkschaft comedia<br />

aufgenommen. Als Regionalsekretärin<br />

hat sie ein Dutzend Jahre<br />

für die Branche Presse & elektronische<br />

Medien gearbeitet und wechselte<br />

dann in die Kommunikationsabteilung,<br />

wo sie als Webredaktorin<br />

bei <strong>syndicom</strong> bis zu ihrer Pensionierung<br />

gearbeitet hat.


«Das ist eine Facette unseres Berufs, die viele gar nicht<br />

kennen: Fahren auf Eis und Schnee!» Marie Goy, Velokurierin und Mitorganisatorin<br />

15<br />

Schneesicher und krisenfest:<br />

Profi-Velos auf 1000 Metern Höhe<br />

150 Leute aus dem In- und Ausland machten mit an der ersten<br />

Winter-Weltmeisterschaft der Velokur:ierinnen, die Spass- und<br />

Berufswettbewerb gleichzeitig war. <strong>syndicom</strong> war dabei.<br />

Eisiger Wettkampf der neuartigen Weltmeisterschaft: Schlitten-Contest. (© Mario Riggenbach, Styloncycle)<br />

Unter welchen Bedingungen arbeiten<br />

Velokurierinnen und Velokuriere auf<br />

1000 Metern über Meer? Das wollte<br />

der Verein WCMWC (Winter Cycle<br />

Messenger World Championships)<br />

mit den allerersten Winter-Weltmeisterschaften<br />

der Velokurier:innen zeigen.<br />

Seine Mitglieder gehören auch<br />

der Neuenburger Kurier-Genossenschaft<br />

La Cyclone an. «Wir sind der<br />

höchstgelegene Velokurierdienst<br />

Euro pas! Wir wollten auf eine Facette<br />

unseres Berufs aufmerksam machen,<br />

die die meisten unserer Kolleginnen<br />

und Kollegen nicht kennen: Velofahren<br />

auf Eis und Schnee!», sagt Marie<br />

Goy, Velokurierin bei Cyclone und<br />

Mitglied des Orga-Komitees der Weltmeisterschaften.<br />

Tatsächlich ist dieses<br />

Know-how eher selten: Wer ist<br />

schon je mit Spike-Reifen gefahren?<br />

Die rund 150 Teilnehmenden aus der<br />

ganzen Schweiz sowie aus Frankreich,<br />

Italien, Deutschland, Österreich, Ungarn<br />

und Grossbritannien massen<br />

sich in La Chaux-de-Fonds im Slalom<br />

am Schneehang, im Cargo-Bike-Rennen<br />

oder im Schlitten-Contest. <strong>syndicom</strong><br />

war eingeladen, den Event zu unterstützen.<br />

Der Kurierberuf gehört zu den prekärsten.<br />

Die Einkommen sind bescheiden<br />

und der Wettbewerb mit<br />

Unter nehmen, die Dumpingpreise anbieten,<br />

ist hart. <strong>syndicom</strong> hat sich als<br />

Gewerkschaft der Logis tik intensiv für<br />

einen Gesamtarbeitsvertrag mit den<br />

Kurierunternehmen eingesetzt. «Velokurier»,<br />

vélocité oder Saetta verde<br />

beispiels weise haben einen GAV unterzeichnet.<br />

Einige Genossenschafter:innen<br />

von Cyclone haben sich dem<br />

GAV individuell angeschlossen.<br />

Marie Goy nennt einen wichtigen<br />

Aspekt ihres Engagements bei Cyclone,<br />

den das Komitee auch bei diesem<br />

Event berücksichtigt hat: Er war nicht<br />

nur etwas schräg, sondern vor allem<br />

auch mit einem Aufruf zur Awareness<br />

an alle Anwesenden verbunden. «In<br />

unserer Gemeinschaft war es uns<br />

wichtig, die Wettbewerbe und das Fest<br />

inklusiv zu gestalten. Alle Preise waren<br />

frei wählbar, damit der Event für<br />

Menschen in jeder finanziellen Lage<br />

zugänglich war. Wir haben auch die<br />

Charta ‹AwareMess›, die an Meisterschaften<br />

in Brüssel und Luzern verwendet<br />

worden war, übernommen<br />

und angepasst, um gemeinsam nachzudenken<br />

und diskriminierende<br />

Handlungen und Worte nicht zu tolerieren.<br />

Die Stimmung war grossartig.»<br />

WCMWC-Komitee mit Muriel Raemy<br />

Webseite der Winter Cycle Messenger<br />

World Championships<br />

Mit Instagram zum<br />

feministischen Streik!<br />

Melina Schröter (Medien) mit Virginie Zürcher<br />

(Logistik) und Camille Golay (ICT)<br />

Am Abend des 14. Juni 2021, dem Jahrestag<br />

des Frauen*streiks, wurde den<br />

Westschweizer Gewerkschaftssekretärinnen<br />

von <strong>syndicom</strong> etwas ganz<br />

deutlich: ob Zustellerin, Schalterangestellte<br />

oder Callcenter-Agentin, Journalistin,<br />

Grafikerin oder Buchhändlerin<br />

– die meisten unserer Anliegen<br />

und Probleme in der Arbeitswelt sind<br />

dieselben: Vereinbarkeit von Privatleben<br />

und Beruf, Belästigung, Lohnungleichheit,<br />

Sexismus, Altersvorsorge,<br />

alle diese geschlechtsspezifischen<br />

Themen betreffen alle Berufe. So entstand<br />

die Idee einer sektorübergreifenden<br />

Gruppe der Frauen von <strong>syndicom</strong><br />

für die Romandie.<br />

Dieses Jahr findet erneut ein grosser<br />

feministischer Streik statt. Wir<br />

möchten die Arbeitnehmerinnen bis<br />

zum 14. Juni 2023 mobilisieren, damit<br />

wieder eine violette Welle durch die<br />

Schweizer Strassen geht. Bis dahin<br />

führen die Branchen diverse Aktionen<br />

durch. Bereits am 8. März, dem internationalen<br />

Tag für die Rechte der<br />

Frauen, waren wir in mehreren Betrieben<br />

präsent. Die Mobilisierung vor Ort<br />

mit Treffen sowie auf den sozialen<br />

Netzwerken wird weitergeführt.<br />

Die Gruppe Frauen Romandie hat<br />

nun auch einen Instagram-Account,<br />

auf dem sie zeigt, mit welchen feministischen<br />

Fragen sich <strong>syndicom</strong> beschäftigt.<br />

Wenn ihr über die Aktivitäten<br />

unserer Gruppe auf dem Laufenden<br />

bleiben möchtet, schreibt uns an<br />

groupe femmesromandie@<strong>syndicom</strong>.<br />

ch. Und kommt alle am 14. Juni auf die<br />

Strasse!


16 Arbeitswelt<br />

«Wir gehen raus für die, die nicht mehr rein können!»<br />

Motto des Google-Walkout-Protests am 15. März in Zürich<br />

Grosse Protestaktion bei Google<br />

Im Januar 2023 verkündete Google-Mutter Alphabet,<br />

dass weltweit 12 000 Mitarbeitende entlassen werden sollen.<br />

Auch in Zürich soll der Rotstift angesetzt werden.<br />

15. März: Vier- bis fünfhundert Google-Angestellte gingen in Zürich in den Ausstand. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

Bereits 2018 fand ein weltweiter Walkout<br />

statt. Die Mitarbeitenden protestierten<br />

gegen unethische Projekte und<br />

setzten sich für Transparenz und<br />

Gleichstellung ein. Hieraus entstand<br />

im Jahr 2019 das Bedürfnis, in Zürich<br />

eine Personalvertretung zu wählen.<br />

Innert kürzester Zeit wurden die Unterschriften<br />

gesammelt und eine deutliche<br />

Mehrheit der Zoogler stimmte zu<br />

und wählte ihren «ER-CH». Danach haben<br />

wir mit unseren Mitgliedern ein<br />

Netzwerk aufgebaut und dieses sollte<br />

bald die Basis werden für mehr.<br />

Die Ankündigung der Massenentlassung<br />

machte viele fassungslos und<br />

führte im Februar zu einer Protestaktion:<br />

250 Mitarbeitende verliessen ihren<br />

Arbeitsplatz und brachten in einem<br />

Walk out ihre Solidarität und<br />

Besorgnis zum Ausdruck. Parallel war<br />

das Google-Management im Gespräch<br />

mit der Zürcher Personalvertretung,<br />

die <strong>syndicom</strong> um Unterstützung bat.<br />

Enorme Solidarität<br />

Als Kontaktperson für die Zoogler<br />

habe ich hautnah erlebt, was die lange<br />

Anspannung und Unsicherheit über<br />

die Zukunft bei ihnen ausgelöst hat,<br />

besonders bei den Mitarbeitenden<br />

aus Nicht-EU/EFTA-Staaten wie der<br />

Ukraine oder Russland. Aber ich durfte<br />

ebenso miterleben, wie gross die<br />

Solida rität ist. Beinahe 2500 Zoogler<br />

haben u. a. angeboten, das Arbeitspensum<br />

freiwillig zu reduzieren, eine<br />

erhebliche Zahl wäre sogar bereit gewesen,<br />

ihre eigene Stelle zu opfern,<br />

um die Härtefälle abzuwenden. Doch<br />

alle Vorschläge wurden von Google<br />

knallhart abgelehnt und die Kündigungen<br />

ausgesprochen. Als Antwort<br />

darauf wurde von unseren Mitgliedern<br />

ein zweiter Walkout organisiert und<br />

am 15. März verliessen 400–500 Zoogler<br />

erneut ihren Arbeitsplatz unter<br />

dem Motto «We walk out for those who<br />

can’t walk back in».<br />

Seit Bekanntgabe der Massenentlassungen<br />

am 20. Januar bin ich jeden<br />

Tag in Kontakt mit den Zooglern, per<br />

E-Mail, Telefon und persönlich. Wir<br />

beraten, organisieren Informationsanlässe<br />

und kümmern uns um die Einzelfälle.<br />

Nun fordern wir einen gut<br />

ausgebauten Sozialplan und verlangen<br />

von Google im Grunde nichts anderes,<br />

als dass sie sich auf ihren eigenen<br />

Slogan zurückbesinnen und sich<br />

danach verhalten: Don’t be evil!<br />

Tammy Balzer<br />

Eine Frage der<br />

Gerechtigkeit<br />

Als Gewerkschaft setzen wir uns dafür<br />

ein, dass benachteiligte oder diskriminierte<br />

Bevölkerungsgruppen besser<br />

behandelt werden. Wir sagen dem:<br />

«Gleichstellung». Selbstverständlich<br />

Stephanie Vonarburg,<br />

Leiterin Sektor Medien und Vizepräsidentin<br />

geht es uns dabei um das Ziel der<br />

Gleichstellung «nach oben» – niemals<br />

um eine Nivellierung nach unten. Insbesondere<br />

in der Arbeitswelt gibt es<br />

hier viel Handlungsbedarf: bei den<br />

Löhnen, bei den Renten, bei der Verteilung<br />

von bezahlter und unbezahlter<br />

Arbeit, beim Respekt vor der physischen<br />

und psychischen Integrität.<br />

Vom Frauenstreik zum<br />

feministischen Streik<br />

Die grösste Menschengruppe, die aufgrund<br />

wahrgenommener Merkmale<br />

wenn auch nicht mehr primär rechtlich,<br />

aber doch faktisch krass benachteiligt<br />

wird, sind die Frauen.<br />

Diese ungerechten Verhältnisse in<br />

der Arbeitswelt stören immer mehr<br />

auch die Männer. Sei es als Ehemänner,<br />

als Verwandte oder Freunde von<br />

benachteiligten Arbeitnehmerinnen,<br />

sei es als Männer, die sich nicht den<br />

alten, herrschenden Vorgaben unterziehen<br />

wollen. Oder als Gewerkschaftskollegen,<br />

die sich in gut gewerkschaftlicher<br />

Tradition für eine<br />

gerechte Arbeitswelt einsetzen wollen.<br />

Daher steht das Jahr 2023 nicht<br />

nur im Zeichen des Frauenstreiks –<br />

sondern auch im Zeichen des feministischen<br />

Streiks. Da dürfen und sollten<br />

alle mitmachen, die sich mit ihrem<br />

Engagement diesen Zielen verschrieben<br />

haben. Denn Gleichstellung aller<br />

Geschlechter gehört zu unserer gewerkschaftlichen<br />

DNA.<br />

Mit unseren Taten und Aktionen<br />

zeigen wir auch den vielen engagierten<br />

jungen Frauen (und aufgeschlossenen<br />

jungen Männern) glaubwürdig,<br />

dass sie bei uns in der Gewerkschaft in<br />

der richtigen Organisation sind, um<br />

die Forderungen nach Gleichstellung<br />

und einer besseren (Arbeits-)Welt zusammen<br />

zu stärken.


«Nicht mal ein Prozent aller Betriebe mussten überhaupt<br />

eine Lohngleichheits-Analyse durchführen.» Teresa dos Santos Lima-Matteo<br />

17<br />

Lohngleichheit: Das ist der Stand<br />

Ein Schild vom 8. März in Lausanne: Für die Frauen, die keine Stimme haben. (© Brigitte Besson)<br />

Noch heute ist fast die Hälfte der<br />

Lohnunterschiede zwischen Frauen<br />

und Männern «unerklärt»: Das Loch<br />

von brutto 717 Franken monatlich im<br />

Portemonnaie der Frauen lässt sich<br />

weder durch das Alter, die Bildung<br />

oder die Position noch durch die Wirtschaftsbranche<br />

erklären (s. Seite 8,<br />

Info grafik). Die Gewerkschaften und<br />

Frauenorganisationen haben an zahlreichen<br />

Demonstrationen ihren Unmut<br />

über die Lohnungleichheit bekundet.<br />

Dieser Druck hat im Parlament<br />

erwirkt, dass das Gleichstellungsgesetz<br />

(GlG) seit 1. Juli 2020 revidiert ist.<br />

Betriebe, die zwischen 2020 und<br />

2021 über 100 Personen beschäftigten,<br />

wurden verpflichtet, Lohngleichheitsanalysen<br />

durchzufüh ren. Dies<br />

konnten sie entweder sozialpartnerschaftlich<br />

(gemeinsam mit Gewerkschaft<br />

und Personalvertretung) tun<br />

oder sie konnten ihre Resultate durch<br />

eine externe Stelle prüfen lassen.<br />

Bis am 30. 6. 2023 müssen börsenkotierte<br />

Unternehmen die Resultate<br />

den Arbeitnehmenden sowie dem Aktionariat<br />

bekanntgeben. Wenn die<br />

Analyse zeigt, dass die Lohngleichheit<br />

eingehalten ist, muss keine weitere<br />

Analyse durchgeführt werden. Fehlbare<br />

Betriebe werden nicht sanktioniert.<br />

Von (2019) 601 392 Betrieben in<br />

der Schweiz mit 4 570 670 Beschäftigten<br />

waren 5083 Betriebe mit mehr als<br />

100 Beschäftigten, was 2 Millionen<br />

Arbeit nehmende ausmachte. Das bedeutet,<br />

dass weniger als 1 Prozent der<br />

Betriebe die Lohngleichheitsanalysen<br />

überhaupt durchführen mussten und<br />

nicht mal die Hälfte aller Beschäftigten<br />

davon betroffen waren.<br />

Viel zu wenige Analysen mit den<br />

Sozialpartnern<br />

Die sozialpartnerschaftliche Methode<br />

wählten sehr wenige Betriebe. Diese<br />

wäre aber bitter nötig gewesen, um<br />

eine inhaltliche Prüfung vorzunehmen<br />

und somit Lohntransparenz herzustellen.<br />

Es hätte auch dazu beigetragen,<br />

dass die Resultate bei der<br />

Belegschaft mehr Akzeptanz gefunden<br />

hätten.<br />

Expert:innen, die sich seit Jahren<br />

mit dem Thema beschäftigen, sagen,<br />

dass das revidierte GlG zahnlos sei,<br />

bisher wenig über die Resultate bekannt<br />

ist und diese auch nicht wirklich<br />

aussagekräftig sind. Gespannt ist<br />

man auf eine Evaluation des GlG.<br />

Das Thema Lohn ist am Arbeitsplatz<br />

weiterhin tabu. Es wird nicht gerne<br />

gesehen, dass man mit den Arbeitskolleg:innen<br />

darüber spricht, und es<br />

kommt nicht gut an, wenn man bei<br />

den Vorgesetzten zu viele Fragen dazu<br />

stellt. So bleibt viel Frust und die<br />

Lohnunterschiede zwischen Frauen<br />

und Männern halten sich hartnäckig!<br />

Also werden wir am 14. Juni am feministischen<br />

Streik teilnehmen und uns<br />

auf diesem Weg Gehör verschaffen!<br />

Teresa Dos Santos Lima-Matteo<br />

Wenn die Traumlehre<br />

zum Albtraum wird<br />

Jane Bossard, Jugendsekretärin bei <strong>syndicom</strong><br />

Rund ein Drittel (33 %) aller Lernenden<br />

in der Schweiz werden Opfer von<br />

sexueller Belästigung am Arbeitsplatz<br />

während der Lehrzeit. Diese Zahlen<br />

sind nicht neu, sie entstammen einer<br />

Umfrage der Unia aus dem Jahr 2019.<br />

Das Institut gfs.bern erfasste ebenfalls<br />

2019 in einer repräsentativen<br />

Umfrage, wie oft Angestellte in der<br />

Schweiz am Arbeitsplatz Opfer von sexueller<br />

Belästigung werden, wobei<br />

95 % aller Opfer sich als weiblich identifizieren:<br />

Durchschnittlich 33 % aller<br />

Befragten.<br />

Die Lernenden entsprechen also<br />

dem Durchschnitt. Das ist nicht weiter<br />

verwunderlich, aber nichtsdestotrotz<br />

tragisch. Denn Lernende sind keine<br />

normalen, durchschnittlichen Arbeitenden.<br />

Sie stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis<br />

zum Lehrbetrieb, zu<br />

ihren Ausbildner: innen, den Lehrpersonen<br />

an Berufsschulen. Es werden<br />

Machtverhältnisse ausgenutzt und die<br />

Lernenden sind die Schwächeren. Soll<br />

so ein Start ins Berufsleben aussehen?<br />

Gerne möchte man glauben, dass<br />

sich die Situation in den letzten vier<br />

Jahren verbessert hat. Beweisen kann<br />

man das nicht, denn es gibt leider keine<br />

neueren Zahlen. Ob die Situation<br />

für Praktikant:innen besser ist, kann<br />

ebenfalls nicht nachvollzogen werden,<br />

da dies nie erhoben wurde.<br />

Dabei spielt es keine Rolle, ob es<br />

viele oder nur ganz wenige Opfer sind.<br />

Jede:r Einzelne ist zu viel. Die Auszubildenden<br />

müssen geschützt werden.<br />

Wir fordern eine Null-Toleranz von<br />

sexueller Belästigung am Arbeitsplatz!<br />

Es ist jetzt an der Zeit zu handeln und<br />

uns zu wehren. Gehen wir gemeinsam<br />

am 14. Juni auf die Strasse zum feministischen<br />

Streik und fordern besseren<br />

Schutz vor sexueller Belästigung,<br />

Übergriffen und sexualisierter Gewalt.


18 Politik<br />

Der Blaue Marsch,<br />

Aufstand der Frauen<br />

Mit einem Protestmarsch zu Fuss von Genf nach Bern vom<br />

1. bis 22. April fordern Frauen aus der ganzen Schweiz die Politik<br />

auf, Massnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen.<br />

Veronica Fernandez Mendez, Gleichstellungsbeauftragte bei<br />

UNI Global Union, erzählt uns mehr über La Marche Bleue,<br />

den Blauen Marsch …<br />

Text: Veronica Fernandez Mendez<br />

Bild: Gabrielle Besenval/Brigitte<br />

Besson (Lancierung des Blauen<br />

Marschs, 18. Januar 2023 im Palais<br />

de Rumine, Lausanne)<br />

Als Gewerkschafterinnen wissen<br />

wir, welche Macht gemeinsames<br />

Handeln hat. Als Frauen sind wir gewohnt,<br />

für unsere Rechte zu kämpfen.<br />

Heute stehen wir der grössten<br />

Herausforderung aller Zeiten gegenüber,<br />

die nicht nur die Arbeitnehmerinnen<br />

und nicht nur die Frauen,<br />

sondern die gesamte Menschheit<br />

bedroht – dem Klimawandel.<br />

Die Klimakrise ist kein Zukunftsszenario.<br />

Der Klimawandel<br />

passiert hier und jetzt, rund um uns<br />

herum. In der Schweiz haben wir im<br />

Sommer Rekordtemperaturen und<br />

im Winter eine noch nie dagewesene<br />

Trockenheit erlebt. Woche für<br />

Woche werden weltweit extreme<br />

Klima ereignisse beobachtet. Unsere<br />

Abhängigkeit von fossilen Energien<br />

und die Untätigkeit der Regierenden<br />

haben uns in den Klimazusammenbruch<br />

getrieben. Die Zeit für<br />

eine radikale Wende ist gekommen.<br />

Die Zeit ist reif für einen Aufstand<br />

der Frauen.<br />

Botschaft der Entschlossenheit<br />

Wenn Frauen gemeinsam demonstrieren,<br />

senden sie ein starkes Signal,<br />

eine Botschaft der Solidarität, der<br />

Stärke und der Entschlossenheit.<br />

Am Marche Bleue – dem Blauen<br />

Marsch, blau wie unser Planet – werden<br />

Frauen aus allen Landesteilen<br />

gemeinsam von der Regierung konkrete<br />

Massnahmen fordern, um den<br />

CO2-Ausstoss zu senken und unsere<br />

Umwelt zu schützen.<br />

Die Emissionen der Schweiz<br />

tragen zwar weniger als 0,1 % zum<br />

globalen CO2-Ausstoss bei. Ein vom<br />

Beratungsunternehmen McKinsey<br />

2022 publizierter Bericht zeigt aber,<br />

dass Importe und international<br />

tätige Unternehmen mit Sitz in der<br />

Schweiz indirekt Einfluss auf 2 bis<br />

3 Prozent der weltweiten Emissionen<br />

haben, also das Zwanzig- bis<br />

Dreissigfache davon. Damit spielt<br />

die Schweiz in der Gewichtsklasse<br />

von Indonesien, Japan und Brasilien.<br />

Diese Emissionen haben Auswirkungen<br />

auf die Menschen in der<br />

Schweiz, aber auch weltweit, vor allem<br />

auf die Frauen. Der Klimawandel<br />

kommt zu bestehenden<br />

Ungleich heiten zwischen den Geschlechtern<br />

hinzu und beeinträchtigt<br />

die Sicherheit und die Lebensgrundlagen<br />

der Frauen. Laut<br />

Schätzungen der Vereinten Nationen<br />

sind 80 % der durch klimabedingte<br />

Veränderungen vertriebenen<br />

Menschen Frauen. Wenn Frauen


«Als Gewerkschafterinnen wissen wir, welche Macht<br />

gemeinsames Handeln hat. Als Frauen sind wir<br />

uns gewohnt, für unsere Rechte zu kämpfen.»<br />

Veronica Fernandez Mendez, UNI Global Union<br />

19<br />

und Mädchen vertrieben werden,<br />

sind sie stärker gefährdet, Opfer von<br />

sexueller Gewalt, Menschenhandel<br />

und Zwangs- oder Kinderehen zu<br />

werden.<br />

Die Klimakrise belastet die öffentlichen<br />

Haushalte und erhöht die<br />

Arbeitsbelastung der Frauen, die<br />

wichtige und dennoch schlecht<br />

bezahlte Arbeit, insbesondere in<br />

der Pflege, leisten. Dadurch erhöht<br />

sich der Druck auf die Arbeitnehmerinnen,<br />

die im Pflegebereich<br />

überrepräsentiert sind. Auch die<br />

Frauen, die nicht erwerbstätig sind<br />

und den grössten Teil der Care-Verantwortung<br />

übernehmen, leiden an<br />

Überlastung.<br />

Frauen treiben den Wandel<br />

Weltweit stehen die Frauen bei der<br />

Bekämpfung des Klimawandels an<br />

vorderster Front. Junge Frauen wie<br />

Greta Thunberg, internationale Meinungsführerinnen<br />

wie Christiana<br />

Figueres und indigene Aktivistinnen<br />

aus dem Amazonas-Gebiet wie Marina<br />

Silva.<br />

Wie diese Persönlichkeiten<br />

engagieren sich Tausende Frauen<br />

vor Ort. Wenn Frauen führen, stellen<br />

sie die Gemeinschaft in den<br />

Mittelpunkt und sorgen dafür, dass<br />

diese langfristig geschützt wird.<br />

Keine Klimagerechtigkeit<br />

ohne soziale Gerechtigkeit<br />

Eine kurzfristige Politik in Verbindung<br />

mit der ungezügelten Gier der<br />

Unternehmen und einer ungleich<br />

verteilten Macht von Wirtschaft, Politik<br />

und Arbeitnehmenden treiben<br />

den Klimawandel weiter. Mit starken<br />

Gewerkschaften ist es möglich,<br />

die Unternehmen zu kon trollieren<br />

und ein neues Kräfte gleichgewicht<br />

herbeizuführen, um so eine gerechtere<br />

Gesellschaft zu schaffen. Ohne<br />

soziale Gerechtigkeit gibt es keine<br />

Klimagerechtigkeit.<br />

Bei UNI Global Union fordern<br />

wir einen fairen Übergang zu einer<br />

nachhaltigen Zukunft, bei dem<br />

keine Arbeitenden zurückgelassen<br />

werden. Viele unserer Mitgliedsorga<br />

ni sationen in 150 Ländern weltweit<br />

ergreifen Massnahmen, um<br />

ihre Mitglieder vor den Folgen des<br />

Klimawandels zu schützen, seien<br />

dies zu hohe Temperaturen am Arbeitsplatz,<br />

eine starke Teuerung<br />

oder verheerende Unwetter.<br />

Bei UNI setzen wir uns an der<br />

Seite unserer Mitgliedsorganisationen<br />

in der Post- und Logistikbranche<br />

für umweltfreundlichere und<br />

nachhaltigere Postdienstleistungen<br />

ein. In der Medien- und Unterhaltungsbranche<br />

erarbeiten wir Richtlinien,<br />

wie sich die ökologische<br />

Nachhaltigkeit von Film- und Fernsehproduktionen<br />

verbessern lässt.<br />

Gleichzeitig setzen wir einen<br />

sozialen Dialog in Gang, um die in<br />

diesem Übergang geforderten Veränderungen<br />

in den Arbeitsbedingungen<br />

und an den Arbeitsplätzen<br />

umzusetzen. In Europa werden wir<br />

Empfehlungen für die Gewerkschaften<br />

publizieren, wie der ökologische<br />

und digitale Übergang im Handelssektor<br />

gestaltet werden kann. Wir<br />

alle können und müssen uns für den<br />

Schutz unseres Planeten einsetzen.<br />

Es ist noch nicht zu spät<br />

Die Temperaturen steigen zwar in<br />

einem alarmierenden Tempo. Doch<br />

es ist noch nicht zu spät, um zu handeln.<br />

Julia Steinberger, Professorin<br />

für ökologische Ökonomie und eine<br />

der vier Initiantinnen von La Marche<br />

Bleue, sagt: «Uns stehen sämtliche<br />

wissenschaftlichen Erkenntnisse<br />

und technologischen Lösungen<br />

zur Verfügung, die wir brauchen,<br />

um die Herausforderungen des Klimas,<br />

der Biodiversität und der übrigen<br />

planetarischen Grenzen zu bewältigen.»<br />

Wir müssen nur noch<br />

aktiv werden.<br />

La Marche Bleue ist ein Protestmarsch,<br />

aber auch ein Marsch der<br />

Hoffnung.<br />

Verschiedene<br />

Kämpfe,<br />

gleiches Ziel<br />

«Das Patriarchat zerstören, nicht<br />

das Klima.» Hinter diesem violetten<br />

Banner zogen am 8. März zahlreiche<br />

Aktivistinnen durch die Strassen.<br />

Für die jungen Frauen, die<br />

diese Parole skandieren, ist die Teilnahme<br />

an diesem Marsch zum internationalen<br />

Tag für die Rechte der<br />

Frauen eine Selbstverständlichkeit.<br />

Nicht immer wird richtig verstanden,<br />

dass sich die verschiedenen<br />

Kämpfe ergänzen.<br />

«Wir kämpfen nicht nur für<br />

Dekarboni sierung oder gegen den<br />

Klimawandel, sondern auch für das<br />

grössere Projekt einer anderen Gesellschaft»,<br />

sagen sie. Ihre Angst<br />

angesichts der aktuellen Klimakatastrophe<br />

zeigt, wie sehr sich unsere<br />

Wirtschaft, die natür liche Ressourcen<br />

und «Care»-Arbeit als gratis<br />

und unbegrenzt betrachtet, in die<br />

falsche Richtung bewegt. Bei diesem<br />

Kampf geht es nicht nur um gerechte<br />

Renten, faire Verteilung von<br />

Arbeit und Lohn oder den Respekt<br />

für Identitäten und Körper.<br />

Es geht um die Sicht auf die<br />

Welt und die Zukunft: Entweder tragen<br />

wir den ökologischen Fragen in<br />

unserem Leben und unseren Tätigkeiten<br />

wirklich Rechnung. Oder wir<br />

gehen weiter auf dem brutalen Weg<br />

dieses zerstörerischen Kapitalismus.<br />

Wenn wir beim «Marche Bleue»<br />

oder am feministischen Streik gemeinsam<br />

marschieren, können wir<br />

unsere Ängste und Frustrationen<br />

in positive Aktionen umwandeln.<br />

Solche braucht es dringend.<br />

Machen wir uns auf den Weg für<br />

einen schönen, gesunden, glücklichen<br />

und gerechten Planeten.<br />

Muriel Raemy<br />

Etappenplan und Anmeldung:<br />

Lamarchebleue.ch


20 Politik<br />

Jetzt die UBS<br />

zerschlagen!<br />

Nach dem Absturz der CS<br />

kommt die Schweiz unter<br />

die Knute einer monopolistischen<br />

Monsterbank. Die<br />

neue UBS ist zweimal grösser<br />

als unsere Wirtschaftsleistung.<br />

Ein enormes Risiko für<br />

die öffentliche Hand.<br />

Text: Oliver Fahrni<br />

Bild: Chappatte in der NZZ am<br />

Sonntag<br />

Die freisinnige Finanzministerin<br />

Karin Keller-Suter riskiert, zusammen<br />

mit der Nationalbank, für die<br />

Rettung der CS und die Megafusion<br />

UBS - CS 206 Milliarden Franken<br />

Volksvermögen, gleichzeitig will sie<br />

bei AHV, Renten und Service public<br />

scharf sparen. Wir mögen nett sein,<br />

blöd sind wir nicht. Alle, die ein<br />

Auge auf den Finanzplatz halten,<br />

wussten schon lange, wie morsch<br />

die traditionsreiche Grossbank CS<br />

war. Nicht nur, weil sie in zahllose<br />

Skandale verwickelt ist, für die sie<br />

bisher 15,7 Milliarden Franken<br />

Bussen und Gerichtskosten aufwenden<br />

musste, und für die der Bundesrat<br />

der UBS nun 9 Milliarden extra<br />

drauflegte. Auch nicht nur, weil sie<br />

mehr Boni und Dividenden auszahlte,<br />

als sie verdiente. Die Verwaltungsräte<br />

und Spitzenmanager<br />

zockten sogar in Verlustjahren<br />

Milliarden-Boni ab.<br />

Nur hätten der Bundesrat und<br />

die Finanzmarktaufsicht Finma das<br />

wissen können. Die Schweizer Börse<br />

SIX registriert unter anderem die<br />

«Management-Transaktionen»:<br />

Schon im Herbst stiessen CS-Manager<br />

ihre CS-Pakete ab. Offensichtlich<br />

hatten sie kein Vertrauen in<br />

ihre eigene Strategie «New Credit<br />

Suisse».<br />

Wenn aus einer Bank, wie es<br />

dann im März geschah, in wenigen<br />

Stunden fast 40 Milliarden Franken<br />

Einlagen abgezogen werden, dann<br />

haben nicht Hänschen Klein oder<br />

Frau Müller ihre Sparbüchlein<br />

aufgelöst («Bank-Run»). Hier waren<br />

Finanzfonds, Versicherungen,<br />

andere Banken am Werk. Sie<br />

wussten um die Risiken in der CS<br />

und nahmen den Crash vorweg.<br />

Die Bank sei solide finanziert<br />

gewesen, behauptet die Finma. War<br />

sie nicht. In den Büchern der CS<br />

stehen Finanzwetten – für mehr als<br />

das 22-fache der offiziellen Bilanzsumme.<br />

Ein stratosphärisches,<br />

ungedecktes Risiko. Solche «Derivate»<br />

hatten schon die Weltwirtschaftskrise<br />

von 2008 ausgelöst.<br />

Damals musste die UBS mit Staatsmilliarden<br />

gerettet werden.<br />

Darauf forderten Ökonominnen<br />

und Politiker, die Grossbanken<br />

aufzuspalten: in eine Geschäftsbank,<br />

eine Investmentbank (die<br />

bankrott gehen kann) und eine<br />

Vermögensverwaltung – zudem ein<br />

Verbot von Derivaten. SVP und FDP<br />

haben dies im Auftrag der Bankenlobby<br />

verhindert.<br />

Heute zirkulieren im Casino-<br />

Kapitalismus Finanzwetten der<br />

allmächtigen Männer über 150 000<br />

Milliarden Dollar. Woher? Seit der<br />

Krise 2008 haben die Zentralbanken<br />

unbegrenzte Mengen Gratis-Geld<br />

geschaffen, um das kapitalistische<br />

System zu retten. Über fast 15 Jahre<br />

lagen die Leitzinsen bei null. Dahinter<br />

steckte die neoliberale Irrlehre,<br />

das Geld werde in die Wirtschaft<br />

investiert. Aber die Banken steckten<br />

es in Finanzwetten, Immobilien und<br />

andere Blasen. Nun heben SNB,<br />

EZB, FED ihre Zinsen an, «um die<br />

Inflation einzudämmen» (andere<br />

Irrlehre). Die Inflation bleibt, nur<br />

das Kapital schichtet seine Anlagen<br />

um. Das steckte hinter der Pleite der<br />

Silicon Valley Bank, das beschleunigte<br />

den Sturzflug der CS. Nach<br />

vier Bankpleiten hat es die hektischen<br />

globalen Krisen-Aktivitäten<br />

ausgelöst, deren Teil die Zürcher<br />

Fusion ist.<br />

Stellen wir uns nur einen<br />

Moment vor, der Bundesrat hätte<br />

die 206 Milliarden in den ökologischen<br />

und sozialen Übergang, die<br />

Bildung und die Schaffung von<br />

150 000 Arbeitsplätzen investiert.<br />

Stattdessen entsteht nun ein<br />

Monster mit einer kumulierten<br />

Bilanzsumme von 1600 Milliarden<br />

Franken. Leicht könnten 10 000<br />

Banker ihre Stelle verlieren. Und wie<br />

viel die Pensionskassen von unserem<br />

Spargeld verlieren, muss erst<br />

noch untersucht werden.<br />

Wer weiss: Vielleicht erinnern<br />

sich die bedrohten Bankleute jetzt<br />

an die eigene Geschichte. Der Streik<br />

des Zürcher Bankpersonals im<br />

September 1918 war ein wichtiger<br />

Schritt zum grossen Landesstreik.<br />

Was wird im Jahr 2023?


Recht so!<br />

21<br />

Lieber Rechtsdienst<br />

Ich arbeite als Sekretärin in einem<br />

Unternehmen. Die Post wird um<br />

16 Uhr abgeholt. Briefe, die später<br />

abgegeben werden, müssen von den<br />

Sekretärinnen noch am selben Tag<br />

zur Post gebracht werden. Jedes<br />

Mal, wenn ich an der Reihe bin, lässt<br />

mich mein Teamleader auf seine Post<br />

warten. Wenn meine Kolleginnen gegangen<br />

sind, bittet er mich in sein<br />

Büro, angeblich, um mir zu zeigen,<br />

wie man arbeitet. Dort setzt er sich<br />

so neben mich, dass Körperkontakt<br />

entsteht. Manchmal legt er seine<br />

Hand auf mein Bein und sagt Dinge<br />

wie «Du siehst besser aus in Jupes»<br />

oder «Wenn du hier etwas erreichen<br />

willst, musst du bei mir brav sein».<br />

Darf sich mein Chef so verhalten?<br />

Antwort des <strong>syndicom</strong>-Rechtsdienstes<br />

Dass dein Chef dich bittet, wegen einer letzten Postsendung, die<br />

noch am selben Tag verschickt werden muss, länger im Büro zu<br />

bleiben, ist zulässig. Er hat das Recht, besondere Weisungen zu<br />

erteilen (Art. 321d OR), muss dabei aber deine Persönlichkeit<br />

achten. Nach Artikel 328 OR schützt und achtet der Arbeitgeber<br />

im Arbeitsverhältnis die Persönlichkeit des Arbeitnehmers.<br />

Er muss insbesondere dafür sorgen, dass Arbeitnehmerinnen<br />

nicht sexuell belästigt werden und Opfern von sexuellen Belästigungen<br />

keine weiteren Nachteile entstehen. Beim Verhalten<br />

deines Chefs handelt es sich um sexuelle Belästigung und<br />

ausserdem auch um Diskriminierung (Art. 4 GlG). Das verletzt<br />

deine Persönlichkeitsrechte und ist verboten.<br />

Kann ich ihn anzeigen?<br />

Ich befürchte, dass mir niemand<br />

glaubt, da es passiert, wenn niemand<br />

in der Nähe ist. Ich habe Angst<br />

vor der Kündigung. Wie soll ich<br />

reagieren?<br />

Du musst deinem Chef mündlich und schriftlich klar zu verstehen<br />

geben, dass du sein Verhalten nicht akzeptierst, und ihn<br />

auffordern, es zu unterlassen. Andernfalls würdest du ihn anzeigen.<br />

Dann solltest du unverzüglich die in den Weisungen des<br />

Unternehmens genannte Vertrauensperson informieren. Existiert<br />

keine solche Person, wende dich an den oder die nächsthöhere<br />

Vorgesetzte. Sehr wichtig ist ausserdem, detailliert und<br />

schriftlich alles festzuhalten, was du mit deinem Chef erlebst<br />

(Daten, Gesten, Aussagen, Ort usw.). Informiere zudem zu Beweiszwecken<br />

<strong>syndicom</strong> oder eine vertrauenswürdige Kollegin<br />

und bewahre alles sicher auf, auch wenn es nicht mehr geschieht.<br />

Welche Rechte habe ich im Falle einer<br />

Kündigung?<br />

Eine Kündigung ist in diesem Fall missbräuchlich gemäss Artikel<br />

336 OR. Du kannst sie anfechten und hast Anspruch auf eine<br />

Entschädigung in Höhe von sechs Monatslöhnen (Art. 336a OR).<br />

Die Kündigung ist aber auch diskriminierend gemäss Artikel 4<br />

GlG. In letzterem Fall kann das Gericht die Kündigung aufheben<br />

und die Wiedereinstellung anordnen (Art. 10 GlG). Während des<br />

Verfahrens, das zwei Jahre oder länger dauern kann, und bis<br />

sechs Monate darüber hinaus wärst du vor Kündigung geschützt.<br />

Wenn du aber nicht mehr dort arbeiten willst, kannst du auf die<br />

Aufhebung der Kündigung verzichten und eine Entschädigung<br />

gemäss Artikel 336a OR verlangen.<br />

<strong>syndicom</strong>.ch/rechtso


22 Freizeit<br />

Tipps<br />

© FILMCOOPI<br />

Kurse, die Frauen* stärken<br />

Es gibt einen sehr grossen Bedarf an<br />

Kursen, die Frauen stärken. So gut<br />

wie alle Kurse des Jahres bei Movendo<br />

sind ausgebucht und führen eine<br />

Warteliste. Wir empfehlen: Meldet<br />

euch an, trotzdem. Je mehr Interesse<br />

sichtbar wird, desto besser die<br />

Chancen, dass Wiederholungskurse<br />

aufgelegt werden.<br />

«Überzeugend auftreten als<br />

Frau», das sind zwei Tage, an denen<br />

Frauen lernen, Machtspiele zu<br />

durchschauen, gezielt zu kommunizieren<br />

und gelassen und souverän<br />

aufzutreten. Am 15. 6./16. 6. in Bern<br />

(Warteliste: 2 Personen) sowie am<br />

9. 11./10. 11. in Luzern (noch niemand<br />

auf der Warteliste).<br />

Ebenfalls geleitet von Schauspielerin<br />

und Erwachsenenbildnerin<br />

Mireille Eva Gugolz wird der Kurs<br />

«Körpersprache lesen». Von den 6<br />

(sechs) Malen, die der Kurs 2023<br />

stattfindet, gibt es genau noch 2<br />

Plätze für den 4. 10./5. 10. in Luzern!<br />

Dessen Vertiefung und Anwendung<br />

hat den Titel «Körpersprache gezielt<br />

einsetzen». Am 23. 5./24. 5. in Basel<br />

und dann wieder am 26. 9./27. 9. in<br />

Chur, Warteliste offen für beide,<br />

noch keine Wartenden.<br />

Zur Sache geht es auch im Frauenkurs<br />

«Selbstschutz und Intervention<br />

im öffentlichen Raum». Aggressionen,<br />

Beleidigungen und Übergriffe<br />

im beruflichen und gewerkschaftlichen<br />

Umfeld meistern; geübt<br />

wird nach «planR». 7. 9.–8. 9. in<br />

Wilen (Sarnen), 1 Person auf WL.<br />

Ausgebucht (1 Person auf WL) ist<br />

auch der Wen-Do-Kurs im November<br />

in Zürich. Die Inhalte reichen<br />

von Gefahreneinschätzung, Schlägen,<br />

Tritten und Befreiung über<br />

Grenzen setzen, Strategien gegen<br />

sex. Belästigung bis zur Beantwortung<br />

recht licher Fragen. Für alle<br />

Frauen* unabhängig von Alter, Fähigkeiten<br />

oder Fitnesslevel. Meldet<br />

euch trotzdem an. Rieke Krüger<br />

Allein gegen die Welt<br />

In seinem neuesten Spielfilm<br />

«La Syndicaliste» erzählt Jean-Paul<br />

Salomé von den Angriffen auf<br />

Maureen Kearney, Ex-Delegierte der<br />

grössten französischen Gewerkschaft<br />

CFDT beim Atomkonzern<br />

Areva. 2012 prangert sie ein geheimes<br />

Abkommen mit China an, das<br />

50 000 Arbeitsplätze in der Atomindustrie<br />

und Frankreichs Energiesouveränität<br />

bedroht. Die Gewerkschafterin<br />

wird wiederholt unter<br />

Druck gesetzt und eingeschüchtert<br />

und schliesslich zu Hause brutal<br />

überfallen. Damit beginnt der Albtraum<br />

aber erst: Sie wird als Lügnerin<br />

angeklagt und für schuldig befunden,<br />

bevor sie in der Berufung<br />

entlastet wird.<br />

Jean-Paul Salomé («La Daronne»)<br />

stützt sich zwar auf die Recherchen<br />

der Journalistin Caroline Michel-<br />

Aguirre. Er interessiert sich aber<br />

mehr für die «intime Dimension»<br />

und die Darstellung der Figur, die<br />

von Isabelle Huppert gespielt wird.<br />

«La Syndicaliste» erzählt vor allem<br />

die Leidensgeschichte der Whistleblowerin<br />

und markiert den unterliegenden<br />

Sexismus. Das zeigen bereits<br />

die widerwärtigen Details des<br />

Überfalls (ein Messer wird mit dem<br />

Griff voran in ihre Vagina gesteckt)<br />

sowie die darauffolgende gynäkologische<br />

Gewalt (drei Untersuchungen<br />

in einer Woche). Schliesslich wird<br />

Kearney wie den meisten Vergewaltigungsopfern<br />

nicht geglaubt.<br />

Der Ansatz ist sinnvoll, doch die<br />

Rolle von Industrie und Politik<br />

rückt in den Hintergrund. Und der<br />

Film fällt ab im Vergleich zu zwei<br />

deutlich eindringlicheren Spielfilmen<br />

mit Isabelle Huppert: «Elle»<br />

von Paul Verhoeven, in der sie eine<br />

vergewaltigte Frau spielte, und «L’Ivresse<br />

du pouvoir» von Claude Chabrol,<br />

in dem Huppert die Untersuchungsrichterin<br />

in der ELF-Affäre<br />

verkörperte. Mathieu Loewer<br />

© Limmat Verlag<br />

«Hast du Nein gesagt?<br />

Vom Umgang mit<br />

sexualisierter Gewalt»<br />

Keine andere Gewalttat ist so privat<br />

und so öffentlich zugleich wie die<br />

sexualisierte Gewalt. In der Schweiz<br />

ist jede fünfte Frau Opfer von sexualisierter<br />

Gewalt. Oder anders gesagt:<br />

Jede fünfte Person ist Täter. Aber in<br />

nur acht Prozent der Fälle wird Anzeige<br />

erstattet. Hier setzt das Buch<br />

von Miriam Suter und Natalia Widla<br />

«Hast du Nein gesagt? Vom Umgang<br />

mit sexualisierter Gewalt» an. Sie<br />

sprechen mit Polizist:innen, Opferberater:innen,<br />

Politiker:innen und<br />

mit Betroffenen. Die Kapitel sind so<br />

aufgebaut, dass eine Betroffene ihre<br />

Geschichte in der Ich-Form erzählt.<br />

Das unermessliche Leid wird spürund<br />

erlebbar.<br />

Doch nicht nur die Tat selbst<br />

führt zu einem Trauma. Der Umgang<br />

mit den Behörden führte bei<br />

allen zu einer Retraumatisierung.<br />

Sie berichten von Fehlverhalten der<br />

Polizei, von demütigenden Gerichtsverhandlungen<br />

oder Täter-Opfer-<br />

Umkehr. In den Folgekapiteln kommen<br />

die Behördenvertreter:innen<br />

zu Wort. Dort werden die Vorurteile<br />

gegen die Opfer besonders sichtbar<br />

und zeigen den dringenden Handlungsbedarf<br />

auf.<br />

Die Revision des Sexualstrafrechts<br />

bildet den politischen Hintergrund<br />

des Buches. Derzeit deutet<br />

alles auf eine «Nein heisst Nein»-Regelung<br />

hin, die im Unterschied zur<br />

«Nur Ja heisst Ja»-Regelung die Verantwortung<br />

beim Opfer belässt, sich<br />

zum Zeitpunkt der Tat zu wehren.<br />

Weshalb auch ein deutliches Nein<br />

nicht vor Vergewaltigungen schützt,<br />

zeigt das Buch eindrücklich auf.<br />

Catalina Gajardo<br />

Alle Kurse auf Movendo.ch<br />

Für Mitglieder mind. 1 Kurs/Jahr gratis<br />

Deutsche Fassung ab Juni 2023<br />

in den Kinos<br />

Das Buch erschien im März 2023 im<br />

Limmat Verlag, Zürich


1000 Worte<br />

Ruedi Widmer<br />

23


24 Bisch im Bild Der 8. März in Bildern<br />

Frauen und Gewerkschaften fordern Gleichheit, hier und jetzt. Unsere Aktionen<br />

in den verschiedenen Regionen und in allen Sektoren dienen der Vorbereitung<br />

des Grossereignisses, des feministischen Streiks am 14. Juni.<br />

2<br />

1<br />

3<br />

4<br />

5<br />

6


1 Patrizia Mordini (Mitte), Stefanie Fürst und Mike Bolettieri auf dem Weg zu den Buchhandlungen in Bern. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

2 Auch die Delegiertenversammlung des Sektors Logistik stand ganz im Zeichen des Internationalen Frauentags. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

3 Die Regionalsekretär:innen Virginie Zürcher (r.) und Nicolas Irus (l.) mit Post-Mitarbeitenden in Lausanne. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

4 Regionalversammlung Tessin-Moësano (6. März): Unterstützung für den feministischen Streik. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

5 Patrizia Mordini, Ingrid Kaufmann und Vania Alleva (v. r. n. l.) an der Nationalen Versammlung zum Feministischen Streik, Fribourg, 4. März. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

6 Regionalsekretärin Sema Ogan bei der Swisscom in Bern. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

7–8 Am Abend des 8. März fand die grosse Demonstration in Lausanne statt. (© Brigitte Besson)<br />

9 Weiterbildungskurs für Vertrauensleute in Sessa, Tessin, 14. März. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

10 Versammlung der Berner Sektion Presse und elektronische Medien, 17. März. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

11 Diskussion bei Swisscom anlässlich des <strong>syndicom</strong>-Besuches zum Frauentag. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

12 IG Jugend zu Besuch bei Skyguide in Dübendorf, 20. Februar. (© <strong>syndicom</strong>)<br />

Korrigendum: In der letzten Ausgabe haben wir versehentlich Fatimah Lees Rede am SGB-Kongress als Rede von Zahra Rahzavi bezeichnet.<br />

Wir bitten die Leser:innen und die Betroffenen um Entschuldigung.<br />

25<br />

7<br />

8<br />

9<br />

10<br />

11<br />

12


26<br />

Alle an den<br />

Streik<br />

Deswegen streike ich am 14. Juni:<br />

«Bei den Umstrukturierungen in diesen Monaten sind es<br />

vor allem Frauen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben.»<br />

Jacques, 54 Jahre<br />

«Man will uns für dumm verkaufen!<br />

Diese Reform der AHV macht mich<br />

wütend.» Miro, 60 Jahre<br />

«Es ist inakzeptabel, dass mit der Geburt eines Kindes<br />

systematisch die Senkung der Frauenerwerbsquote<br />

einhergeht. Zuvor arbeitete die Mehrheit der Frauen in<br />

Partnerschaft in Vollzeit oder wahlweise in Teilzeit.»<br />

Daniel, 45 Jahre, Vater von zwei Kindern<br />

«Die Frauen müssen unsere moralische Unterstützung<br />

bekommen, damit sie in allen Bereichen<br />

gleichberechtigt sein können.» Arrigo<br />

«Für all die Gewalt, die ihr angetan wurde, für all die<br />

Demütigungen, die sie erlitten hat, für ihren Körper und<br />

ihre ausgebeutete Arbeit, für ihre Intelligenz, die wir mit<br />

Füssen getreten haben, für die Unwissenheit, in der wir<br />

sie gelassen haben, für die Freiheit, die wir ihr verweigert<br />

haben, für ihren Mund, den wir verstopft haben,<br />

für ihre Seele, die wir in Ketten gelegt und ihre Flügel<br />

gestutzt haben, für all das:<br />

Steht auf, Männer, an der Seite einer Frau!», Rocco<br />

«Wir kämpfen gegen ein System.<br />

Davon profitieren alle. Wir bringen nicht nur die<br />

Rechte einzelner Personen voran, sondern auch<br />

die Menschheit, die Gesellschaft als Ganzes.»<br />

Martin, 32 Jahre<br />

«Am 14. Juni werde ich auf die<br />

Strasse gehen, denn nur mit Solidarität,<br />

Empörung und Mobilisierung<br />

können wir die Ungerechtigkeiten<br />

und Ungleichheiten in<br />

unserer Gesellschaft besiegen.»<br />

Nicola<br />

«Ich unterstütze meine Frau. Ich<br />

selbst habe Dienst und kann mich<br />

nicht freimachen, aber wenn ich<br />

könnte, würde ich mit ihr demonstrieren<br />

gehen. So halte ich ihr wenigstens<br />

den Rücken frei.»<br />

Pierre, 59 Jahre<br />

«Auf jeden Fall gehe ich mit! Es ist<br />

für mich eine Prinzipiensache. Die<br />

Gleichstellung der Geschlechter<br />

ist doch geschichtlich überfällig.<br />

Gerade wir als Schweiz müssen<br />

hier vorwärtsmachen. Wir können<br />

es uns leisten und ein Vorbild abgeben.»<br />

Taddeus, 23 Jahre<br />

Folge uns auf allen<br />

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Impressum<br />

Redaktion: Muriel Raemy und Giovanni Valerio<br />

(Co-Leitung), Rieke Krüger, Catalina Gajardo<br />

redaktion@<strong>syndicom</strong>.ch, Tel. 058 817 18 18<br />

Übersetzungen: Alexandrine Bieri, Gabriele Alleva<br />

Porträtzeichnungen: Katja Leudolph<br />

Layout und Druck: Stämpfli Kommunikation, Bern<br />

Adressänderungen: <strong>syndicom</strong>, Adressverwaltung,<br />

Monbijoustrasse 33, Postfach, 3001 Bern<br />

Tel. 058 817 18 18, Fax 058 817 18 17<br />

Inserate: priska.zuercher@<strong>syndicom</strong>.ch<br />

Das Abo ist für Mitglieder kostenlos. Für Nichtmitglieder:<br />

Fr. 35.– (Inland), Fr. 50.– (Ausland)<br />

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27<br />

Verlegerin: <strong>syndicom</strong> – Gewerkschaft<br />

Medien und Kommunikation, Monbijoustr. 33,<br />

Postfach, 3001 Bern<br />

Das <strong>syndicom</strong>-Magazin erscheint sechsmal im Jahr.<br />

Die Nummer <strong>34</strong> erscheint am 15. Juni 2023.<br />

Weibliche Personenbezeichnungen können<br />

stellvertretend für alle Geschlechter stehen.<br />

Das <strong>syndicom</strong>-Kreuzworträtsel<br />

Klein, aber krisenfest: Zu gewinnen gibt<br />

es diesmal wieder einen Silberbarren,<br />

gespendet von Bank Cler.<br />

Das Lösungswort wird in der nächsten<br />

Ausgabe zusammen mit dem Namen<br />

der Gewinnerin oder des Gewinners<br />

veröffentlicht.<br />

Lösungswort und Absender an:<br />

admin@<strong>syndicom</strong>.ch oder per Postkarte<br />

an: <strong>syndicom</strong>-Magazin, Monbijoustrasse<br />

33, Postfach, 3001 Bern.<br />

Einsendeschluss: 30. 4. 23<br />

Die Gewinnerin<br />

Die Lösung des Rätsels aus dem <strong>syndicom</strong>-Magazin<br />

<strong>Nr</strong>. 33 lautet: INTEGRATION.<br />

Gewonnen hat Elisabeth Hostettler<br />

aus Bern. Die Hotelcard ist unterwegs.<br />

Wir gratulieren herzlich!<br />

Anzeige<br />

14. JUNI 2023<br />

FEMINISTISCHER<br />

STREIK<br />

frauenstreik.ch<br />

Wir fordern Lohn, Zeit, Respekt!<br />

Gleichstellung jetzt!


28<br />

Aus dem<br />

Leben von ...<br />

Shiva Khosravi: «Nichts ist<br />

selbstverständlich für Frauen im Iran»<br />

Shiva Khosravi wird 1987 im Iran geboren.<br />

Dem Willen ihres Vaters entsprechend,<br />

studiert sie zuerst Biologie in<br />

ihrem Heimatland und später in der<br />

Schweiz Internationale Beziehungen.<br />

Hier entdeckt sie eine andere Realität<br />

und beginnt, ihren eigenen Wünschen<br />

zu folgen: Shiva bricht das Studium ab<br />

und widmet sich in Genf der visuellen<br />

Kunst. 2020 schliesst sie nach harten<br />

Jahren, in denen sie studiert und arbeitet,<br />

ihren Master ab. Heute ist sie<br />

Künstlerin und auch Aktivistin. Sie<br />

setzt sich ein für die Rechte der Frauen<br />

und verleiht ihnen eine neue Stimme in<br />

der westlichen Welt, in einem Feminismus,<br />

der manchmal etwas zu bürgerlich<br />

und von den konkreten Bedürfnissen<br />

der Frauen anderer Herkunft<br />

entfernt ist. Shiva ist Mitglied der<br />

Branche Visuelle Kommunikation.<br />

Text: Elena Rusca<br />

Bild: Jean-Patrick Di Silvestro<br />

«Lass niemals deine<br />

Haare im Wind wehen»<br />

Schon als ich noch ganz klein war,<br />

wollte ich kein Mädchen sein. Mein<br />

Vater wünschte sich eigentlich einen<br />

Sohn, der den Familiennamen weiterführen<br />

würde. Aber er hatte nur<br />

meine Schwestern und mich. Ich<br />

fühlte mich deshalb abgelehnt und<br />

weigerte mich, mich selbst zu sein.<br />

Frau zu werden, war ein richtiger<br />

Albtraum.<br />

Ich habe mich immer für Kunst,<br />

Theater und die Gleichstellung von<br />

Mann und Frau interessiert. Leider<br />

hat Kunst im Iran ein sehr schlechtes<br />

Ansehen. In diesem Bereich engagieren<br />

sich nur diejenigen, die im<br />

Studium nicht erfolgreich waren. In<br />

meiner Familie gibt es Ingenieurinnen<br />

und Ärzte, aber keine Künstlerinnen<br />

oder Künstler. Mein Vater erzählt<br />

nicht gerne, dass ich eine bin.<br />

Ich kam nicht zufällig in die<br />

Schweiz. Mein Vater hatte hier studiert,<br />

und in einem patriarchalischen<br />

Land wie dem Iran zählt, was<br />

er entscheidet. Mein Vater entschied,<br />

dass ich wie er früher in die Schweiz<br />

gehen sollte. Ich habe also ein Studium<br />

der Internationalen Beziehungen<br />

begonnen, es aber nie abgeschlossen.<br />

Stattdessen widmete ich mich<br />

der Kunst. Mein Vater wusste nichts<br />

davon. Als er davon erfuhr, sprach er<br />

nicht mehr mit mir. Zwei Jahre<br />

Schweigen, das ich mit der Rückkehr<br />

in den Iran brach.<br />

Im Iran haben die Frauen nach<br />

dem Gesetz praktisch keine Rechte.<br />

Wir dürfen nicht entscheiden, was<br />

wir anziehen oder studieren wollen,<br />

wir haben nicht das Recht, uns<br />

scheiden zu lassen. Paradoxerweise<br />

gibt es dennoch eine gesellschaftliche<br />

Entwicklung: Die Leute, die ich<br />

treffe oder von denen ich höre, erzählen<br />

mir, dass in ihrer Partnerschaft<br />

beide arbeiten, wenn auch die<br />

Frauen nicht denselben Lohn oder<br />

dieselbe Verantwortung bei der Arbeit<br />

haben. Die Vorstellung, dass<br />

Frauen zu Hause bleiben sollten,<br />

geht in den heutigen Generationen<br />

verloren, aber ihr Wohlbefinden<br />

hängt mehr von ihrer Familie und<br />

der Gesellschaft als vom Gesetz ab.<br />

Nichts ist jedoch selbstverständlich:<br />

Frauen sind in vielen Aspekten<br />

des Alltags noch immer oft unsichtbar.<br />

Das frustrierte mich sehr. Meine<br />

Schwestern und meine Eltern drängten<br />

mich deshalb, in die Schweiz zurückzukehren.<br />

Hier habe ich meine Kunstform<br />

– Video – weiterentwickelt, mit der<br />

ich die Geschichte der Frauen meines<br />

Landes erzähle. Meine letzte Arbeit<br />

«Lass niemals deine Haare im<br />

Wind wehen» realisierte ich mit drei<br />

iranischen Freundinnen. Man sieht<br />

darin nur ihre Haare, die sich im<br />

Wind bewegen.<br />

Wir werden gezwungen, uns vor<br />

dem Blick der Männer zu schützen.<br />

Es nicht zu tun, hiesse, dass wir sie<br />

verführen wollen. Unsere Haare unbedeckt<br />

zu lassen, bleibt im Iran also<br />

ein Traum – es würde bedeuten, im<br />

Gefängnis zu landen oder zu sterben.<br />

Die Videoarbeit «Don’t let<br />

your hair blow with the wind»<br />

auf Youtube

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