Was die erste Studie über Ausländer in Köln (1967 ... - Drehscheibe

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Was die erste Studie über Ausländer in Köln (1967 ... - Drehscheibe

Seite18 Serie Dienstag,16.August2011

WenndieFremde

zurHeimatwird

50Jahretürkische

GastarbeiterinKöln

EXPRESS-Serie,Teil1

Vor 50 Jahren schloss die Bundesrepublik

Deutschland nach früheren Vereinbarungen

mit Italien, Griechenland

und Portugal ein Abkommen zur Anwerbung

von Gastarbeitern aus der Türkei –

der 30. Oktober 1961 wurde zum historischen

Datum. Die Türken wollten einige

Jahre arbeiten, gutes Geld verdienen und

sich damit in der Heimat ein ordentliches

Leben aufbauen. Deutschland war für sie

„gurbet“, die Fremde. Doch die Fremde

wurde für viele zur neuen Heimat, auf

Dauer. Viele holten ihre Familien nach

oder gründeten Familien in Deutschland.

Der Traum von der Rückkehr erblasste.

EXPRESS erzählt Lebensgeschichten von

Deutsch-Türken der ersten, zweiten und

dritten Generation. Geschichten von

Sehnsucht, Träumen und Erfolg.

ErwarGastarbeiter–undwurdeAufsichtsrat

EinLebenfürFord

VonMEHMETATA

türkische Gastarbeiter. Ford war das erste Betriebsrat, kümmerte sich um die Neuan-

Unternehmen, das nach dem Anwerbeabkömmlinge bei Ford. „Alle 14 Tage

Köln – Als Salih Güldiken (74) Anfang des kommen zwischen Deutschland und der kam eine Gruppe aus der Türkei, et-

Jahres 1962 nach Deutschland kam, Türkei Gastarbeiter anforderte. Deswegen wa 50 Personen. Sie alle kamen zu

wusste er nicht, was ihn hier erwarten war Köln von Anfang an ganz wichtig für mir.“ Güldiken wurde für die Tür-

würde. Er kam als Gastarbeiter. Er ging zu die türkische Einwanderungsgeschichte. ken zu „Papa Salih“. Ihm vertrauten

Ford. Zehn Jahre später gehörte der Ford- Zeitweise arbeiteten 12 000 türkische Ar- sie ihre Sorgen an. Viele der stolzen

ler Güldiken schon zum Betriebsrat, dann beiter in den Niehler Ford-Werken. Männer weinten neben ihm, weil

sogar zum Aufsichtsrat. Aber für die vie- Erste Station von Güldiken: Die Halle Y, sie ihr Heimweh nicht ertrugen. Sie

len türkischen Kollegen war er einfach Montagehalle. Schichtarbeit, Fließband. vermissten ihre Frauen, ihre Kin-

nur „Papa Salih“, der ihnen Trost spende- „Der Schichtführer stoppte immer die Zeit. der, ihre Eltern. Viele verfluchten

te, wenn sie vor Heimweh weinten. Und wir Türken wollten beweisen, dass wir Deutschland, das Leben in der

Drei Tage war Güldiken im Zug aus Istanbul

unterwegs, ehe er am 8. März 1962

schnell und gut arbeiten können“, erzählt

Güldiken. Viel Freizeit hatte er nicht. Denn

obwohl er in Köln arbeitete, war er in einem

Fremde. „Unsere Generation hatte

es am schwersten“, sagt Güldiken:

„Wir waren einsam hier.“

in Köln ankam. Als einer der allerersten Gastarbeiter-Wohnheim in Wipperfürth

Gastarbeiter aus der Türkei. In der Heimat

hatte er eine Ausbildung zum Elektriker ge-

untergebracht. In Köln war schlichtweg

nichts frei. „Wir mussten jeden Morgen um

ErsterTürkeimAufsichtsrat

macht. Nun wollte er ein paar Jahre in „Al- 5 Uhr aufstehen, wurden von einem Shut- Für Güldiken selbst lief es gut.

manya“ bleiben, hart arbeiten und gutes tle-Bus abgeholt und nach Köln gebracht.“ 1972 wurde er in den Betriebsrat gewählt,

Geld verdienen.

Sehr bald wurde dem jungen Arbeiter als erster Türke in Deutschland. Und 1978

Güldiken fing bei Ford an. Wie so viele klar: Ohne Deutschkenntnisse wird es auf schaffte er es sogar in den Aufsichtsrat,

Dauer schwer. Also begann er einen auch als erster Türke in Deutschland. „Eines

Deutsch-Kurs an der VHS am Neumarkt. habe ich in Deutschland gelernt: Wenn du

Die beste Entscheidung seines Lebens. gut arbeitest, wird das auch gewürdigt.“

Denn schon bald wurde Güldiken als Güldiken heiratete 1970, wurde Vater von

Dolmetscher am Band eingesetzt. „Da- zwei Kindern. Sein Sohn Levent (39) hat

für gab es 25 Pfennig extra in der Stun- Maschinenbau studiert und arbeitet für

de“, erzählt Güldiken und lacht dabei. Ford. Tochter Özlem (37) ist Apothekerin in

Inzwischen war er auch in einem Heim den USA. Er selbst lebt allein in seiner Woh-

in Köln untergekommen.

nung in Riehl. Seine Frau ist vor

StolzeMännerweinten

nebenihm

drei Jahren verstorben. „Ich habe

mich an die Einsamkeit gewöhnt.“

Güldiken könnte in die

Ein fleißiger junger Türke, der gut Türkei zurückkehren, seinen Le-

Deutsch sprach: Güldiken fiel auf. bensabend dort verbringen.

Der Betriebsrat wollte ihn verpflichten. Doch er will nicht. „Meine Hei-

GüldikensReisepassmitGrenzstempeln: „Aber mein Meister wollte mich nicht hermat ist Köln“, sagt er und blickt

ÜberGriechenlandreisteernachKöln. geben.“ Letztlich arbeitete er doch für den vom Balkon auf den Rhein.

„FürunsistderDeutschealles“

Was die erste Studie über Ausländer in Köln (1967) so alles enthüllte

!

Dat

jiddet

janit

Was hielten die Gastarbeiter

von den Deutschen –

und wie war es umgekehrt? Eine

spannende Frage. Die erste

von der Stadt Köln in Auftrag

gegebene Studie zum Gastarbeiter-Thema

aus dem Jahr

1967 (Titel „Die Integration der

ausländischen Arbeitnehmer

in Köln“) gab erstaunliche

Antworten.

Untersucht wurden mittels

Interviews und Fragebögen

gegenseitige Akzeptanz und

Erwartungen. Demnach hätten

die meisten Ausländer „eine

hohe, von Tugendhaftigkeit

SalihGüldikenalsjungerMannin

derTürkei

undaufdem

Balkonseiner

Wohnungin

Riehl.

Fotos/Repros:

Gottschalk(3),

Rakocy,privat

geprägte Meinung von

Deutschland und den Deutschen

(“Für uns ist der Deutsche

schlechthin alles“). Der

Gastarbeiter hoffe deshalb auf

„Führung und Schutz“, erwarte

weiterhin auch „freundschaftlichen

Kontakt, Ansprache,

Hilfe und Gastfreund-

d-xkpt/lokal/XLO03A - 15.08.2011 17:03:23 - Verantwortlich:

Cyan Magenta Gelb Schwarz

PPaappaaSSaalliihh PapaSalih PPaappaaSSaalliihh PapaSalih

schaft, also die Haltung eines

starken, interessierten, wohlwollenden

und gerechten Vaters“,

wie es die Autoren der

Studie formulieren. In Wirklichkeit

treffe der Gastarbeiter

aber auf Zurückhaltung und

Ablehnung.l

Im Fazit der Studie kommt es

dann zu einer skurril anmutenden

Nationenwertung: „Die

Kölner sympathisieren am

meisten mit den Spaniern. Der

stolze Spanier ist gastfreundlich

und zuverlässig, sein heißes

Blut macht ihn impulsiv.

Der Grieche ist ein guter Lieb-

haber. Die Griechen erscheinen

als ein ruhiges,

arbeitsames, wenn auch

armes Volk. Italiener sind

in den Augen der Kölner

weder ruhig, ernst, zuverlässig

noch stolz und sauber.

Das Bild des Türken

ist für die Kölner ganz undifferenziert.

Die Türken

werden für bescheiden gehalten.

Ihre Unbeholfenheit und

Unhöflichkeit – beides Eigenschaften,

die ihnen zugesprochen

werden – dürften durch

EinechtesPostkartenmotiv:KölnerGastarbeiterposiertenfürFotosamliebstenvordemDom.

die extremen Sprachschwierigkeiten

beeinflusst sein.“

Entnommenaus:AyhanDemirci

(2005): „Eine türkische Meile – Die

Geschichte der Kölner Keupstraße.“

MagisterarbeitanderFUBerlin

Morgen:„TürkeTas“,dasFC-As

GüldikenwarBerater

fürseinetürkischen

Kollegen,spendete

ihnenTrost,wennes

malnichtlief.Sie

nanntenihnliebevoll

„PapaSalih“.

ImBetriebsratsbüro:

Güldikenarbeitete

erstalsDolmetscher

fürdenBetriebsrat,

dannwurdeer1972

selbstindenBetriebsratgewählt.

Güldiken1980aufdemWeg

indieTürkei.Mitdabei:TochterÖzlem(r.),SohnLevent

undeinFreund(l.)vonihm

i

SovielYilmaz

imTelefonbuch

Heutelebenknapp80000

Menschenmittürkischer

HerkunftinKöln.Allein86maltauchtderName„Yilmaz“imKölnerTelefonbuch

auf.Insgesamtlebengut2,9

Millionentürkischstämmige

BürgerinDeutschland.

Mehrals80Prozentvonihnensindseitmindestens10

JahreninDeutschland.Und

jedesJahrlassensichmehr

als20000Türkeneinbürgern(Tendenzleichtsinkend).


Seite22 Serie Mittwoch,17.August2011

WenndieFremde

zurHeimatwird

50Jahretürkische

GastarbeiterinKöln

EXPRESS-Serie,Teil2

Vor 50 Jahren, Ende 1961, kamen die ersten

türkischen Gastarbeiter nach Köln.

Sie wollten ein paar Jahre arbeiten, gutes Geld

verdienen. Deutschland war für sie „gurbet“, die

Fremde. Doch die Fremde wurde mehr und mehr

zur neuen Heimat.

EXPRESS erzählt Lebensgeschichten von

Deutsch-Türken der ersten, zweiten und dritten

Generation.

CoskunTas(76)vorseinem

HausinKöln.SiebenMonateimJahrlebter

hier,fünfMonateinderTürkei.

VonMEHMETATA

undAYHANDEMIRCI

Köln – Fester Wille im Blick,

Leidenschaft im Herzen, der

Geißbock auf der Brust. Das

große Bild, das Sie sehen, ist

das Bild zu einer wundersamen

Geschichte, der am Ende

die Krönung fehlte. Warum

das so war, darüber redet Coskun

Tas, heute 76, nicht ohne

Traurigkeit. Er, der erste Türke

beim FC. Er, der nicht Meister

werden durfte.

Doch der Reihe nach. Herr

Tas, was auf Deutsch Herr

Stein heißt, war kein Gastarbeiter

im herkömmlichen Sinn.

Niemand hatte ihn gerufen. Tas

war Fußballer bei Besiktas Istanbul,

und wollte nach dem

Studium Deutsch lernen. Über

einen Journalisten des „kicker“,

dessen Redaktion in Köln saß,

nahm er Kontakt zum 1. FC

Köln auf – und tatsächlich: Präsident

Franz Kremer schickte

einen Brief an den Bosporus: Ja,

man suche einen Linksaußen.

Tas packte seine Sachen:

Schiff nach Venedig, Zug zum

Kölner Hauptbahnhof, Ankunft

am Abend. Der neue

Mann ruft aus der Telefonzelle

im Geißbockheim an, Kremer

ist persönlich dran: „Hier Türke

d-xkpt/lokal/XLO03A - 16.08.2011 16:59:36 - Verantwortlich:

Cyan Magenta Gelb Schwarz

Dietolle(undtraurige)StorydesFC-StarsCoskunTas

Tas!“, meldet Herr Stein seine

Ankunft. Die paar Brocken

Deutsch hat er von seinem Vater,

der noch im Kaiserreich im

Rahmen der guten wilhelminisch-osmanischenBeziehungen

einige Jahre als Bauzeichner

in Leipzig arbeitete. Kremer

sagt, Tas solle am Blumenladen

warten. Er schickt Frau Kremer

los, die ihn mit dem Auto abholen

soll.

Erspielteschongegen

PuskásundDiStefano

Einige Tage später, nach dem

Probetraining, entscheidet der

FC: Tas bleibt! Der Junge ist ein

Glücksgriff, er kommt ablösefrei

und hat schon internationale

Erfahrung. Er hat mit Besiktas

im Europapokal gegen

Real Madrid (mit Puskás und Di

Stefano) gespielt und mit der

türkischen Nationalmannschaft

bei der WM 1954 zweimal

gegen das Herberger-Team

und seinen jetzt neuen Mannschaftskollegen

Hans Schäfer

gekämpft (und verloren). Kremer

besorgt Tas einen alten Fiat

und ein Praktikum bei Kaufhof,

wo er mit Karl-Heinz Schnellinger

zusammenarbeitet.

Drei Jahre, von 1959 bis

1961, wird Tas beim 1.FC Köln

spielen - seine große Stunde

schlägt in der Meisterschafts-

VerliebtinKöln:CoskunTasundseineFrauGertrudindenfrühen60erJahren.

400MuslimebetenimDom

Vor mehr als 45 Jahren haben

uns Christen und

teppiche aus. Sie feierten das

islamische Opferfest am Ende

Kardinal Joseph Frings hatte

die Erlaubnis zur Aktion

Muslime aus Köln gezeigt, wie des Fasten-Monats Ramadan. gegeben, er hatte dafür ge-

ein gelungener „Dialog

der Kulturen“

aussieht.

400 türkische Gastarbeiter

rollten am 3.

Februar 1965 im Kölner

Dom ihre Gebets- !

„Mohammedasorgt, dass die Muslime in

ner beten im den beiden nördlichen Sei-

Dat

Dom“, titelte der tenschiffen Platz erhielten.

EXPRESS und Auch die Domprobstei

jiddet zeigte ein groß- zeigte sich unaufgeregt:

janit formatiges Foto. „Das ist durchaus nichts

Der damalige Ungewöhnliches.“

Einmol

Meister

sin...

endrunde 1960. Der

Flügelflitzer ist in allen

sechs Spielen dabei,

schießt selbst drei Tore,

wird von der Presse gefeiert

- und erreicht das

Finale! Der FC steht vor

der ersten Deutschen

Meisterschaft!

Und so war jener

25.Juni 1960 im Frankfurter

Waldstadion ein

Tag, um Helden zu

schaffen. Endspiel gegen

den

HSV. Es

wird ein

Drama.

Vier Minuten

vor

Schluss

macht Uwe

Seeler das

3:2. Der FC

verliert. Der

türkische

Star der

Mannschaft

ist am Boden

zerstört.

Schockiert.

Er versteht

die Welt nicht mehr. Denn: Er

hat gar nicht mitgespielt.

„Ich gehe davon aus, dass sie

damals eine reine deutsche

Mannschaft haben wollten“,

sagt Tas heute noch. Eine an-

1.FCKöln,1960:CoskunTas(5.vonlinks),Karl-Heinz

Schnellinger(4.v.rechts)undHansSchäfer(rechts)

dere Erklärung hat er

nicht. „Sie haben sogar einen

Spieler eingesetzt, der 10 Tage

vorher am Blinddarm operiert

worden war.“ Jener Georg Stollenwerk,

dem in der letzten halben

Stunde die Puste aus-

CoskunTaswarals

guterDribblerund

Kämpferbekannt.

InderEndrunde

1960erzielteerdrei

Treffer,unteranderemgegenFKPirmasens(oben).Fotos:dpa,Horstmüller,

Gottschalk (2), Wand (1)

gegangen war, sagte

später zu ihm: „Cos-

kun, es war ein Fehler, dass ich

gespielt habe und du nicht.“

Auch den Funktionären

scheint die Sache unangenehm

gewesen zu sein: „Nach dem

Spiel kam Franz Kremer etwas

geknickt zu mir und sagte, ich

DiesesFotoerschienam4.Februar1965imEXPRESS.400

MuslimebetetendamalsimDom.

i

6.6.60:FC-LinksaußenCoskun

Tasstürmtgegen

TasmaniaBerlin.

Foto:Horstmüller

Bekirvom

Bosporus

CoskunTasgiltalserster

TürkeimdeutschenFußballüberhaupt,erhatte

abereinenVorgänger

nochzuZeitenderWeimarerRepublik:BekirRefet(geb.1899inIstanbul,gest.1977inKarlsruhe)wechselte1921von

GalatasarayzuPhönix

Karlsruhe,späterzum

1.FCPforzheim,dann

zumKarlsruherFV.

würde auch die laut Satzung

zustehenden 500 DM bekommen.“

Von der Endspiel-Enttäuschung

hatte sich Tas nicht

mehr erholt, er blieb nur noch

ein weiteres Jahr beim FC,

spielte dann noch in der Zweiten

Liga beim Bonner FV. Tas

arbeitete dann lange Jahre bei

Ford in der Verkaufsplanung.

Zu den Gastarbeitern, die nun

Jahr für Jahr eintrafen, hatte

Coskun Tas eine Distanz, weil

ihm, dem Großstädter, viele der

Menschen aus dem tiefen Anatolien

„einfach fremd“ waren,

wie er einmal dem Magazin „11

Freunde“ erzählte.

Tas lebt heute, verheiratet

mit seiner Frau Gertrud und

Vater eines Sohnes, in Köln-

Longerich. Ich bin heute vieles,

hat er einmal gesagt: „Ein Kind

Atatürks, denn ich bin stolz auf

das Land, aus dem ich komme,

ein Fußballer, ein Mensch, der

über 30 Jahre bei Ford gearbeitet

hat, ein Familienvater, deutscher

Staatsangehöriger und

vor allem ein Kölner.“

Morgen:Die

nächsteGeneration


Seite22 Serie Donnerstag,18.August2011

WenndieFremde

zurHeimatwird

50Jahretürkische

GastarbeiterimRheinland

EXPRESS-Serie,Teil3

Vor 50 Jahren, Ende 1961,

kamen die ersten türkischen

Gastarbeiter nach Köln.

Sie wollten ein paar Jahre arbeiten,

gutes Geld verdienen.

Deutschland war für sie „gurbet“,

die Fremde. Doch die

Fremde wurde mehr und mehr

zur neuen Heimat.

EXPRESS erzählt Lebensgeschichten

von Deutsch-Türken

der ersten, zweiten und dritten

Generation.

Tülayanihremersten

Schultagim

September

1986.

ZweiMigrantenkindererzählenihreGeschichte

KleineTülaylehrt

unsjetztDeutsch

VonMEHMETATA

als ihm. Er tat alles dafür, dass Tü- Tülay. „Sie sagen

lay und ihre Brüder die Uni besu- mir, dass ich sie viel

Köln – Tülay Altun (31) war eine chen können. „Er verbot uns sogar, besser verstehe als

schlechte Schülerin. Bis der Papa arbeiten zu gehen, damit wir nicht andere Lehrer.“

ihr zwei Sätze auf den Weg gab: die Schule vernachlässigen“, er- Tülay nutzt ihren

„Du musst selber wissen, ob du zählt Tülay.

kulturellen Hinter-

lernen willst. Du kannst ja eines Sie studierte an der Uni Duisgrund, um auf El-

Tages in der Firma deines Bruders burg-Essen Lehramt, es folgte das tern einzuwirken.

Putzfrau werden.“ Heute ist Tülay Referendariat an einer Kölner „In meiner Klasse

Lehrerin und Vorbild für ihre tür- Hauptschule. Dann das erste Ge- durfte ein Mädchen

kischen Schüler.

spräch mit der Direktorin: „Nach 45 mit Kopftuch nicht

Dass sie es so weit gebracht hat,

hat sie vor allem ihrem Vater

Minuten sagte sie zu mir, dass ich

gut Deutsch spreche.“ Tülays Antwort:

„Danke, Sie aber auch.“

auf Klassenfahrt mit.

Ich habe dann auf

Türkisch mit den El-

Haydar zu verdanken, der 1973 als Seit einem Jahr lehrt Tülay an der tern gesprochen und

Gastarbeiter in die Schwerindustrie Willy-Brandt-Gesamtschule in Hö- gesagt, dass ich ihre

nach Witten kam. Seinen Traum henhaus. Jeder zweite Schüler hier Ängste verstehe. Nach

bin hier

vom Maschinenbau-Studium hatte hat Migrationshintergrund. „Ich langem Zureden durfte das Mäd- nicht die Migrationsbeauftragte.

er dafür begraben. Seinen Kindern bin vor allem für die türkischen chen doch mit.“

Ich bin in erster Linie Deutsch- und

sollte es eines Tages besser gehen Schülerinnen ein Vorbild“, erzählt Tülay Altun sagt aber auch: „Ich Geschichtslehrerin.“

VaterwarTürkei-Soldat,SohndientbeiBundeswehr

I hreElternundGroßelternkamenalsFremdehierher.Doch

für Caglar Ilhan (27) und Deniz

Hüseyin Irtem (25) ist Deutschland

zum neuen Vaterland geworden.

Sie dienen in der Bundeswehr.

Deniz sitzt im Cockpit des Eurofighters.

Er führt noch die

letzten Checks durch, der Pilot

will gleich losfliegen. Deniz ist

Mechaniker bei der Bundeswehr

in Nörvenich. Der 25-Jährige

sorgt dafür, dass die Kampfflieger

einsatzbereit sind.

Von seinen Kameraden wird

er nur „Türke“ genannt. „Weil

ich immer so viel Türkisch am

Telefon rede“, lacht Deniz. Der

Spitzname ist nicht böse gemeint,

im Gegenteil: Die Kameraden

gehen locker damit um,

dass Deniz’ Eltern aus der Türkei

DieSoldatenDeniz

(l.)undCaglarvoreinemEurofighterder

Luftwaffe. Foto:Wand

stammen. Der Enkel eines Gastarbeiters

ist seit fünf Jahren bei

der Bundeswehr – und er will

noch bis mindestens 2019 bleiben.

Ist es komisch, als Migrant

für Deutschland zu dienen?

Deniz: „Nein, schließlich habe

ich diesem Land alles zu verdanken.“

d-xkpt/lokal/XLO03A - 19.08.2011 09:31:50 - Verantwortlich:

Cyan Magenta Gelb Schwarz

Sein Kamerad Caglar „Charly“

Ilhan arbeitet seit einem Jahr in

der Verwaltung der Kaserne. Als

das Unternehmen, bei dem er gearbeitet

hat, nach Polen verlagert

wurde, hatte Charly plötzlich

keinen Job mehr. Er bewarb

sich bei der Bundeswehr. Dafür

musste er erst mal seine Verwei-

1985:VaterHaydar,MutterFatma,Bruder

KubilayundTülaybeieinerWeihnachtsfeier

Deniz’VaterKazimdientenoch

fürdieTürkei(1992).

gerung zurückziehen; er hatte

auch schon Zivildienst geleistet.

Bereut hat er den Schritt nicht.

Morgen:TürkischeUnternehmerinZukunftsbranchen

TülayAltun(31)istseit

einemJahrLehrerinan

derWilly-Brandt-GesamtschuleinHöhenhaus.

Fotos: Gottschalk, privat

DasOrakelvon1486:

Sultans-TodinCölln

VonA.DEMIRCI

Die Türken kommen

– jahrhundertelang

ein Schreckensruf.

Trost

spendete der AstrologeJohannesLichtenberger

1486. Ja,

bestätigte er zwar,

der Türken-Sturm

werde als Zuchtrute

Gottes auch Deutschland

heimsuchen,

aber in Köln sei dann

Schluss damit: Hier,

„bey dem gülden apffel

zu cölln“ werde der Sultan

„umbkommen und

erwürget“ werden, und

das mit Hilfe von den

Heiligen Drei Königen,

deren Reliquien seit 1164

in Köln ruhten. ●●● Die

Türken kamen schließlich

doch, aber legal. Das

besang die Düsseldorfer

Band„Fehlfarben“ 1980

im grotesken Song „Militürk“

aus dem Album

„Monarchie & Alltag“

! Datjiddet

Datjiddet

janit

mit einem eiskalten Gitarrenriff

und der Textzeile:

„Wir sind die Türken

von morgen.“ ●●●

Von gestern, eine sagenhafteEinwandererkarriere:

Der 1827 in Brandenburg

geborene Karl Detroit

kam als Schiffsjunge

in die Osmanenkapitale

Istanbul, ein Großwesir

holte ihn in die Armee,

aus Karl wurde Offizier

Mehmet Ali Pascha. Er

war Oberbefehlshaber

auf dem Balkan, vertrat

die Türkei beim Berliner

Kongress 1878 -

Karl/Mehmet fiel bei einem

Aufstand in Albanien

.


Seite22 Serie Freitag,19.August2011

Als KemalCakir

(40) vor

20 Jahren

seine Ausbildung

zum

Krankenpflegerbegann,runzelten

sie in der Familie

die Stirn. Denn der Pflegerberuf

ist in türkischen

Familien nicht sehr angesehen.

Heute ist Cakir der

Einzige aus der Familie,

der sein eigenes Unternehmen

führt. „Dabei haben

alle meine Geschwister

studiert“, lacht der 40-

Jährige.

Vor zwölf Jahren hat

Cakir in Bönen (Westfalen)

eines der ersten türkischen

Pflegezentren in Deutschland

eröffnet. „Der Bedarf

war riesig“, erzählt er.

„Wenn Menschen krank

sind, werden sie konservativer,

emotionaler, religiöser.

Türken wollen dann

oft von Türken gepflegt

werden.“ Heute bietet Cakir

häusliche und stationäre

Pflege für Deutsche

und Migranten an. 182

Mitarbeiter hat er inzwischen,

allein 30 im Raum

Köln/Aachen. Das Rheinland

wird immer wichtiger

für den Geschäftsmann. In

Kürze will er in Porz ein

Büro eröffnen.

Computer–Solarenergie–Altenpflege

TürkischeUnternehmer:Die

MacherderZukunft

VonMEHMETATA

Köln – Türkische Unternehmer? Da denkt man an den

Döner-Verkäufer um die Ecke – vielleicht noch an einen

Juwelier. Und tatsächlich: Der Großteil der türkischen

Unternehmer in Deutschland ist im Gastgewerbe und

Handel tätig. Doch mehr und mehr Geschäftsleute trauen

sich inzwischen

in

neue Geschäftszweige.

„Die rund

70 000 türkischenUnter-

nehmer sind

heute in fast

allen Branchenvertreten“,

sagt Bilgehan

Yildiz

von der Türkisch-DeutschenIndustrie-

und Han-

WenndieFremde

zurHeimatwird

50Jahretürkische

GastarbeiterinKöln

EXPRESS-Serie,Teil4

delskammer in Köln. Dabei schaffen sie schätzungsweise

260 000 Arbeitsplätze.

Inzwischen gibt es sogar viele Unternehmer, die in sogenannten

Zukunftsbranchen ganz vorne mitmischen.

Sie gründen Hightech-Unternehmen oder engagieren

sich in der immer wichtiger werdenden Altenpflege.

EXPRESS stellt vier solcher Geschäftsleute vor, die im

Rheinland aktiv sind.

KemalCakir,

Pflegezentrum

Cakir

Pionierfür

Senioren

d-xkpt/lokal/XLO03A - 19.08.2011 09:33:09 - Verantwortlich: gerd.kuehnemuth

Cyan Magenta Gelb Schwarz

IlkerAydin(28),

KaiserGamesGmbH

KönigderSpiele

Ilker Aydin gehört

mit nur 28

Inzwischen betreibt

Ilker, dessen

Jahren zu den er-

Großeltern in den

folgreichstenIn- 60er Jahren nach

ternet-Unterneh

Deutschland einmern

in Deutschgewandert

sind,

land. Seine Inter-

mit seinen acht

netseiten haben

Mitarbeitern die

bis zu zwei Mil-

Internetseite

lionen Besucher

spieleaffe.de. Kin-

jeden Tag. Ilker

der können dort

bleibt aber die

kostenlos 6000

Bescheidenheit in

Mini-Spiele spie-

Person, zurücklen.

Spieleaffe gehaltend,

höflich. FürIlker(28)ist hört zu den 35

Aufgewachsen ist dieChefrollenoch meistbesuchten

er in Köln-Porz, in ungewohnt. Seiten im deut-

einer schwierigen

schen Netz. Die

Gegend. „Ich habe aufge- türkische Version der Seite

passt, dass ich nicht auf die (kraloyun.com) ist genauso

schiefe Bahn gerate“, sagt Il- beliebt.

ker. Nach dem Abitur hat er Für sein zukünftiges Leben

eine Ausbildung zum Fremd- kann sich Ilker viel vorstelsprachenkorrespondentenlen.

Nur eines will er nicht:

gemacht. Danach folgte das wegziehen. „Köln ist einfach

Studium der „Arts and Media meine Heimat, eine wunder-

Business Administration“. volle Stadt.“

MorgenlesenSie:Nazan,Fatih,Ozan–wasPromisdenken

Ibrahimhatschonmit18

JahrenseinerstesUnternehmengegründet.Mit19hatteerschon200Mitarbeiter.

Fotos:

Schwaiger, Borm, Solitem, Cakir

IbrahimEvsan(35),

UnitedPrototype VomHauptschüler

zumInternet-Unternehmer

Ibrahim Evsan (35) kennt

sich aus mit Internet-Unternehmen.

Schon mit 19 Jahren

führte er eine IT-Firma mit

200 Mitarbeitern. Später war

er Mitbegründer von sevenload.de,

einer Art deutschem

Youtube.

Inzwischen leitet er „United

Prototype“. Das 30 Mann starke

Unternehmen hat das Online-Spiel

„Fliplife“ entwickelt.

User können im Internet

Karrieren nachspielen, zum

Beispiel bei der Bayer AG. „Innerhalb

von sechs Monaten

haben sich 280 000 Spieler

angemeldet. Wir sind schon

jetzt in den schwarzen Zahlen“,

sagt „Ibo“.

Der gebürtige Warendorfer

hat eine Bilderbuchkarriere

hingelegt, hat den Sprung von

der Hauptschule in die Chefetage

geschafft. Abitur hat er

nicht machen können; seine

Eltern waren dagegen. Nicht

AhmetLokurlu(47),SolartechnikSolitem

18PreisefürseineSonnensysteme

Spätestens seit dem Atomunglück

von Fukushima ist

Öko-Strom ein großes Thema.

Für Ahmet Lokurlu sind solche

Diskussionen aber nicht

neu, er gehört zu den Pionieren

auf dem Gebiet der nachhaltigen

Stromerzeugung. Mit

seiner Aachener Firma „Solitem“

arbeitet er schon seit

1999 an solarbetriebenen Klimaanlagen.

Die Grundidee ist

einfach: Klimaanlagen werden

dann gebraucht, wenn es

sehr warm ist. Dann scheint

aber auch die Sonne am

stärksten. Warum also nicht

Sonnenenergie für Klimaanla-

aus Bösargkeit, sondern weil

sie, die ehemaligen Gastarbeiter,

die akademische Welt

nicht einschätzen konnten.

Heute setzt sich Ibo für die

Schwächeren in der Gesellschaft

ein. Er sitzt im Vorstand

der Deutschlandstiftung

Integration und ist Ko-

gen nutzen? Lokurlus Kälteanlagen

sind dreimal so effektiv

wie herkömmliche Systeme.

Seine Kunden hat der promovierte

Ingenieur vor allem

in mediterranen Ländern. 15

Mitarbeiter arbeiten bei Solitem

in Aachen, etwa 25 im

türkischen Ankara.

Lokurlu ist 1988 zum Studieren

nach Deutschland gekommen.

Seine türkische Herkunft

empfindet Lokurlu

nicht als Belastung. Im Gegenteil:

„Mehrere Kulturen

kennenzulernen war ein großer

Reichtum für mich. So war

ich immer offen für Neues.“

Hatmitseinerinnovativen

Technologieweltweitschon

18Preisegewonnen:

Dr.AhmetLokurlu

WarumdieBosporusbrückeauch„MadeinMülheim“ist

Die Verbindungen zwischen

Deutschland und

vinz Rize. Er kam 1963 nach

Deutschland, wurde Arbeiter

der Türkei, Köln und Istanbul beim Mülheimer Kabelher-

(Städtepartner) sind vielfältig.

!

steller Felten & Guilleaume,

Beispielhaft ist da

damals ein Welt-

der Gastarbeiter

konzern.

Abidin Aygün, geb. Dat

F & G stellte die

1939 in der jiddet Stahlseile für die

Schwarzmeerpro-

Istanbuler Bospo-

janit

mitee-Mitglied bei UNICEF.

„Ein Drittel meiner Arbeitszeit

wende ich für mein Engagement

auf“, erzählt er. Was

hat so ein Mann in fünf Jahren

vor? „Dann will ich erst

mal nicht mehr arbeiten. Für

mich beginnt dann die Zeit

der Erdung.“

rusbrücke her, die bei ihrer

Einweihung 1973 eine Sensation

war - und Herr Aygün

aus der Keupstraße war es, der

als Drahtprüfer kontrollierte,

ob die Stahlseile für das 1500

Meter lange Wahrzeichen, das

fortan Asien und Europa verband,

die Last auch trägt.


Seite28 Serie Samstag,20.August2011

WenndieFremde

zurHeimatwird

50Jahretürkische

GastarbeiterimRheinland

Vor einem halben Jahrhundert

kamen die ersten Gastarbeiter

aus der Türkei ins

Rheinland. Heute sind die Kinder

der ersten Migrantengeneration

in allen Branchen vertreten

– auch im Showbusiness.

Wir kennen sie aus Film und

Fernsehen.

Der EXPRESS hat mit

deutsch-türkischen Promis aus

dem Rheinland gesprochen.

Der Kabarettist Fatih Cevikkollu

(„Alles Atze“, „Fatihland“),

die Moderatorin Nazan Eckes

(„Let’s Dance“) und der „Stunker“

Ozan Akhan erzählen über

Deutschland, die Türkei und

über ihre Familiengeschichten.

Und über die Zukunft der Integration.

WirDeutsche

müssenmehrüber

unsTürkenlernen

Comedian Fatih Cevikkollu über Köln und die Integration mit „Oma Büttner“

VonMEHMETATA

EXPRESS-Serie,Teil5

HerrCevikkollu,SiesindgebürtigerKölner,lebeninNippes.WaswarfürIhreIntegrationentscheidend?

Bei uns im Haus lebte eine alte

Dame, Frau Büttner. Sie war

Jahrgang 1900. Frau Büttner

war meine erste Freundin, ich

habe sie immer „Oma“ genannt.

Sie hat mir erzählt, wie Köln

früher aussah und sie hat mir

Kölsch beigebracht. Es war die

ModerationNazanEckes(35)willsich

inIntegrationsthemeneinmischen

Freundschaft einer einsamen,

alten Dame mit einem einsamen,

kleinen Jungen. Außerdem

hat meine Mutter sehr darauf

geachtet, dass ich früh

Deutsch lerne.

WarumsindIhreElternnach

Deutschlandeingewandert?

Mein Vater kam Mitte der

60er Jahre als Gastarbeiter

nach Köln, er war Werkzeugmacher

bei Ford. Meine Mutter

kam erst im Jahr 1968 nach.

Seit zehn Jahren leben sie nun

d-xkpt/lokal/XLO05A - 19.08.2011 16:48:21 - Verantwortlich: claudia.streich

Cyan Magenta Gelb Schwarz

schon wieder in der Türkei.

FühlenSiesicheherdeutsch

odertürkisch?

Ich will mich nicht entscheiden.

Ich bin Deutschland seine

Zukunft (lacht). Man muss

selbstbewusst mit seiner Identität

umgehen. Und wir Deutsche

müssen mehr über uns Türken

lernen.

Siehabeneinevierjährige

Tochter.IstesIhnenwichtig,

dasssiedenKontaktzurTürkei

nichtverliert?

Morgen:Ata&Demirci-derDeutschland-Türkei-Talk

FatihCevikkollu

fühltsichdeutsch

undtürkischzugleich.„Ichwillmichnichtentscheiden.“

Fotos:Borm,PR

Nein. Es gibt genug Probleme

im Leben, da braucht sie nicht

auch das Identitäts-Problem.

Deutschland ist unser Lebensmittelpunkt,

nicht die Türkei.

Es ist mir aber wichtig, dass

meine Tochter Türkisch lernt.

Istesleicht,sichinKölnheimischzufühlen?

Jeder sagt, dass seine Stadt

die schönste ist. Aber bei Köln

stimmt das wirklich (lacht).

Wenn ich über die Zoobrücke

fahre, schlägt mein Herz höher.

NazanEckes:MeineMutter

hatteAngstundwartraurig

FrauEckes,inIhremBuch„GutenMorgenAbendland“erzählenSieIhreFamiliengeschichte.WarumhabenSiekeinenAutobiografiegeschrieben?

Meine Eltern haben spannendere Geschichten

zu erzählen als ich. Meine Generation

ist in diese Gesellschaft hineingeboren;

für meine Eltern war alles neu.

IhrVaterist1966alsGastarbeitergekommen.Wiehatersichgefühlt?

Einerseits war es sehr schwierig für ihn.

Andererseits hat ihn die große Welt

schon als Kind fasziniert. Mit 16 Jahren

ist er von zu Hause ausgebüxt und nach

Istanbul gefahren, um seinen Onkel zu

suchen. Das war schon filmreif.

AuchIhreMutterkommtimBuchzu

Wort.ÄrgertSie,dassnieüberdieFrauenderGastarbeitergesprochenwird?

Sehr sogar. Als ich für mein Buch recherchiert

habe, hat mir meine Mutter einen

Brief geschrieben. Ich war erstaunt,

wie wortgewandt sie ist, wie sensibel und

tiefgründig sie schreiben kann. Als ich

ihre Worte las, habe ich mich geschämt –

dafür, dass ich sie unterschätzt habe.

WiegingesihrerMutterdamals?

Anfangs ist sie nicht ohne meinen Vater

aus dem Haus gegangen. Sie hatte

Angst, weil sie die deutsche Sprache

nicht beherrschte. Und sie war oft traurig,

weil ihre Geschwister und Eltern weit

entfernt in der Türkei

waren.

Sieengagierensich

imIntegrationsbeiratderBundesregierung.Warum?

Früher habe ich

mich aus Integrations-Themenherausgehalten,

weil

ich keine Quotentürkin

sein wollte.

Aber ich will nicht

mehr nur zuschauen,

sondern mich

einmischen. Ich will

eine Stimme für türkische

Frauen sein,

auch für Frauen wie

meine Mutter.

OzanAkhan:Viele

Top-Leutegehen

leiderindieTürkei

HerrAkhan,Sielebenseit

1995inDeutschland,kennenalsodieTürkeiund

Deutschlandsehrgut.Wie

unterscheidensichTürken

dortvondenTürkenhier?

Viele Türken in Deutschland

leben in einer Konserve.

Sie haben Angst, ihre Kultur

zu verlieren. In der Türkei

sind die Menschen entspannter,

offener. Ich finde,

man darf keine Angst vor

Veränderungen haben.

WiehatDeutschlandSieverändert?

Zum Positiven. Ich bin disziplinierter

und fleißiger geworden.

Ich kann leichter

Kritik äußern als früher. Die

Deutschen sind ruhiger. Aber

manchmal fehlt mir die türkische

Spontanität doch.

FielesIhnenschwer,sichin

Deutschlandeinzugewöhnen?

Als ich hierhin kam,

sprach ich kein Wort

Deutsch. Das war nicht einfach.

Aber in Köln ist es rela-

Schauspieler

OzanAkhan

(45)hatam

türkischen

Staatstheater

inIzmirgearbeitet;1995

isternach

Kölngekommen.Seit

2000gehört

erzumfesten

Ensembleder

Stunksitzung

–alseinziger

Türke.Eine

Rückkehrin

dieTürkei

kannsichAkhannichtvorstellen.

BelgischesDorffeiertjedes

JahrKarneval„rut-wieß“

Dasistkeinanatolisches

Dorf,sondernFaymonville

inBelgien.

tiv leicht, sich einzugewöhnen.

An der Keupstraße oder

Weidengasse kann man sehr

gut Türkisch essen gehen.

Das ist gut gegen Heimweh

(lacht).

WasmüsstefürdieIntegrationderDeutsch-Türkengetanwerden?

Das Hauptproblem ist inzwischen,

dass viele hoch qualifizierte

Türken Deutschland

verlassen, weil sie keine Perspektive

sehen oder diskriminiert

werden. Migrantenkinder

müssen schon ganz

früh Deutsch lernen. Und

Deutschland muss offener

für Migranten werden.

Siegehörenseit2000zum

festenEnsemblederStunksitzung...

Ja, die Stunksitzung ist

einfach Kult. Jeden Abend

kommen mehr als 1000 Menschen,

feiern ein Volksfest.

Die Leute sind entspannt,

plaudern viel. An Karneval

zeigt sich: Die Rheinländer

sind wie Türken.

In diesem Dorf ist alles getürkt:

Im belgischen Örtchen

Faymonville (Provinz

Lüttich) hat noch nie ein Türke

gelebt, trotzdem werden

die Bewohner nur „die Türken“

genannt. Den Faymonvillern

gefällt’s, sie feiern jedes

Jahr einen großen Türkenkarneval.

Immer am 23. Februar verkleiden

sich Klein und Groß

und ziehen mit der türkischen

Nationalflagge durch

die Stadt.

Inzwischen ist das Fest so

bekannt, dass sogar türkische

Diplomaten anreisen, um

sich das Treiben der Belgier

anzuschauen.

Wie das Dorf Faymonville

zu dem Türken-Spitznamen

kam, ist nicht ganz klar.

! Datjiddet

Datjiddet

janit

Wahrscheinlichste Theorie:

Das Dorf weigerte sich im 16.

Jahrhundert, Steuern für den

Kampf gegen die Osmanen zu

zahlen. Deshalb dachten die

Nachbardörfer, Faymonville

würde die Türken unterstützen.


Sonntag,21.August2011 Serie/Köln Seite43

SCHNELLSCHNELLEREXPRESS

SchadstoffsammlunginMeschenich

Köln – Das Schadstoffmobil der AWB fährt

nun auch den Stadtteil Meschenich direkt an.

Der neue Standort ist auf dem Aldi-Parkplatz,

Brühler Landstraße 401.

VollsperrungderAusfahrtLövenich

Köln – Die Arbeiten an der Anschlussstelle

Köln-Lövenich gehen weiter: Am morgigen

Montag sperrt die Straßenbauverwaltung

NRW ab 6 Uhr morgens an der Anschlussstelle

Lövenich die Ausfahrt von Dortmund kommend.

Die Vollsperrung wird etwa zwei Wochen

dauern.

WoderPfefferwächst...

Köln – Heute findet im Botanischen Garten eine

Führung rund um das Thema „Pfeffer"

statt. Ab 11 Uhr erläutert Silvia Vermeulen,

was die Schärfe des Gewürzes ausmacht, wie

die Aromen am besten zur Geltung kommen

und viele andere interessante Aspekte.

RechteRheinseitesuchtEhrenamtliche

Köln – Ehrenamtliche Unterstützung wird

von verschiedenen rechtsrheinischen Institutionen

für die Bereiche Hausaufgaben und

Sprachförderung gesucht. Am 9. September

wird in der VHS Mülheim ein kostenfreies

Vorbereitungsseminar durchgeführt.

Eigelstein:Täterschlägtmit

Baustellenpfostenzu

Köln – Gestern um 16.09 Uhr kam es am Eigelstein

zu einer tatkräftigen Auseinandersetzung

zwischen zwei Männern. Im Laufe

des lautstarken Streits verlor einer der beiden

Beteiligten dann die Fassung. Er nahm

einen Baustellenabsperrpfosten einer naheliegenden

Baustelle und schlug damit

auf sein Opfer ein. Nachdem der Geschädigte

mit Kopfverletzungen blutüberströmt

zu Boden ging, floh der Täter. Mehrere Zeugen

verständigten unmittelbar nach der

Gewalttat die Polizei. Diese konnte im Nahbereich

einen Tatverdächtigen verhaften.

Das Opfer wurde in ein nahe gelegenes

Krankenhaus gebracht. Lebensgefahr besteht

nicht. Über den Streitauslöser ist der

Polizei derzeit noch nichts bekannt.

IMPRESSUM

Herausgeber:AlfredNevenDuMont

ChristianDuMontSchütte

Chefredakteur: Rudolf Kreitz; Stellvertreter: Berndt Thiel, Uwe Hoffmann,

ThomasKemmerer(Online);ChefvomDienst:ChristianHautop;Politik:Maternus

Hilger (Leitender Redakteur); Christian Wiermer (Hauptstadt-Korrespondent);Vermischtes:DirkAmarell,Stellvertreter:JörgPhilippi-Gerle,StefanieMonien;Sport:ChristianKnop,Stellvertreter:MarcelSchwamborn;LokalredaktionKöln:ChristianLorenz,Stellvertreter:AyhanDemirci;Chefreporter:PhilippMeckert,Dr.VolkerRoters,ThomasGassmann;Online:Alexander

Boecker (Stellvertreter); Art Director: Florian Summerer (Stellvertreter); Produktion

(Stellvertreter): Stefan Fuhr (alle verantwortlich und wohnhaft in

Köln). Verlagsleiter: Stefan Hilscher; Anzeigenleiter: Karsten Hundhausen;

Leitung Zeitungsverkauf: Uwe Müller.Verlag und Druck: M. DuMont Schauberg–ExpeditionderKölnischenZeitungGmbH&CoKG,50590Köln,Neven

DuMont Haus, oder Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln,Telefax Redaktion

(0221)2242700,Anzeigenabteilung(0221)2242491,PostbankkontoKöln250-

505–Gültig:AnzeigenpreislisteNr.51vom1.Januar2011undunsereAllgemeinen

und Zusätzlichen Geschäftsbedingungen. Erfüllungsort und Gerichtsstand,soweitgesetzlichzulässig,istKöln.FürunverlangteingesandteManuskriptekeineGewähr.FürdieHerstellungdesEXPRESSwirdRecycling-Papier

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d-so-pt/so_ex/XLO02AXS - 20.08.2011 21:19:24 - Verantwortlich: florian.summerer

Cyan Magenta Gelb Schwarz

DieEXPRESS-AutorenAtaundDemirci

IchbinDeutschland-Fan:

Duetwanicht?

Redenüber

Deutschlandunddie

Türken:DieEX-

PRESS-Autoren

MehmetAta(links)

undAyhanDemirci

vorderKulissedes

Hauptbahnhofs.

Fotos:

Udo Gottschalk, dpa

WenndieFremde

zurHeimatwird

50Jahretürkische

GastarbeiterinKöln

EXPRESS-Serie,Teil6

Fußball-Gegner

Ayhan: Mehmet, du hast den

deutschen Pass. Bist du im Fußball

auch Deutschland-Fan?

Mehmet: Ja, ganz klar. Im EM-

Halbfinale gegen die Türkei gab das

aber Ärger mit meiner türkischen

Freundin. Sie hat nach dem 3:2 geweint.

Es folgte eine kleine Beziehungskrise.

Ich musste sie dann

trösten.

Ayhan: Ich bin Türkei-Fan, war

aber letztlich zufrieden mit dem Ergebnis.

Deutschland aus dem Halbfinale

zu schießen, wäre schon gewagt

gewesen. Aber fühlst du denn

gar nichts, wenn die Türkei spielt?

Immerhin ist es das Land deiner Eltern.

Mehmet: Aber ich habe fast keinen

Bezug zur Türkei. Meine Verwandten

leben alle in NRW. Was

noch für Deutschland spricht: Wir

haben so gute Spieler wie Mesut

Özil...

Einbürgerungs-Scheu

Ayhan: Ich habe noch immer den

türkischen Pass. Vor drei Jahren habe

ich die Einbürgerung beantragt,

von den deutschen Behörden die

Einbürgerungs-Zusicherung auch

längst erhalten. Aber das ganze

liegt auf Eis. Nach der Moschee-Debatte

in Köln wollte ich den türkischen

Pass nicht mehr abgeben.

Man hängt schon dran.

Mehmet: Mein Vater hat seinerzeit

für unsere ganze Familie den

50 Jahre Gastarbeiter aus der Türkei – das ist für

den EXPRESS-Volontär Mehmet Ata (29, geb. in

Bochum) und den stellvertretenden Lokalchef

AyhanDemirci(43,geb.inKöln)Anlass,umüber

das Zusammenleben von Deutschen und Türken,

deutschen Pass beantragt. Seit dem

13. September 1994 bin ich Deutscher.

Ich bin auch sehr froh darüber.

Ich kann visumfrei in viele

Länder reisen, an Wahlen teilnehmen...

Ayhan: Mich stört es, dass meine

griechischen und italienischen

Freunde als EU-Bürger zwei Pässe

haben können. Und selbst wenn sie

den deutschen Pass nicht haben

wollen, können sie an Kommunalwahlen

teilnehmen. Den Türken ist

das nicht möglich.

Gastarbeiter-Sehnsucht

Mehmet: Als ich den ehemaligen

Ford-Mitarbeiter Salih Güldiken

(75) interviewt habe, ist mir eines

ganz deutlich geworden: Diese

Menschen haben Angst, dass ihre

Geschichten vergessen werden.

Güldiken hat ein Leben lang Dokumente

und Fotos gesammelt, um

seine Erlebnisse erzählen zu können.

Jemand wie er ist ein Teil

Nachkriegs-Deutschlands, er ist ja

kein Fremder mehr.

Ayhan: Meine Mutter kam 1964

alleine am Kölner Hauptbahnhof

an. Alles war fremd für sie: Die Religion,

die Sprache. Deutschland war

noch ein kriegsversehrtes Land.

Auf sich allein gestellt hat sie sich

als Fließband-Arbeiterin bei Stollwerck

eine Existenz aufgebaut.

Mein Vater, der später auf dem Bau

gearbeitet hat, und die Kinder kamen

nach. Es ist schade, dass die

Gastarbeiter-Geschichten nie er-

DieStadtdertürkischenSuperstars

Gewollt oder ungewollt: Einige

der bedeutendsten türkischen

Künstler lebten oder leben in Köln.

Cem Karaca, einer

der wichtigsten Vertreter

des „Anadolu Dat

Rock“, lebte von jiddet

1979 bis 1987 im

Kölner Exil. 1984

! janit

janit

nahm er hier das deutschsprachige

Album „Die Kanaken“ auf. “ Neset

Ertas, der bedeutendste lebende

Volksmusiker der Türkei,

lebt viele Monate im Jahr in

Köln. Hier schreibt er viele

seiner legendären Lieder.

So ist Köln auch eine türkische

Kulturmetropole.

zählt werden: Eigentlich müsste

diesen Menschen ein Denkmal gesetzt

werden, und wenn es ein erzählerisches

ist. Einen Film gibt es,

„Zeit der Wünsche“. Mein Bruder

hat geweint, als er den Film sah.

AusländerbildindenMedien

Ayhan: 1973 hieß es auf dem

Spiegel-Titelbild: „1 Million Türken

– Gettos in Deutschland“. Erster

Satz im Text: Rette sich wer kann –

DieZentralmoscheeinEhrenfeld

sollEnde2011fertiggestelltsein.

die Türken kommen. 2006 schreibt

der Zeit-Chefredakteur Giovanni Di

Lorenzo in einem Leitartikel sinngemäß,

die Türken im Land würden

nichts taugen, wären „erschreckend

erfolglos“. Wie kann man so etwas

behaupten? Ich hatte noch ein anderes

Schlüsselerlebnis: Der oscarprämierte

Film „Midnight Express“,

die Geschichte eines amerikanischen

Drogenschmugglers, der in

türkischen Gefängnissen ein Martyrium

erlebt. Jeder Türke im Film,

Richter, Anwälte, selbst die Kinder,

sind böse. Die ganze Welt hat den

Film gesehen. Ich dachte : So kann

man doch ein ganzes Volk nicht

darstellen. Für die Türkei war das

ein Trauma. Der Drehbuchautor

Oliver Stone hat sich später für die

den Moscheebau in Köln und die besondere Rolle

der Medien zu diskutieren. Dabei zeigt sich: Die

beiden sind sich oft nicht einig. Der eine fiebert

beim Fußball mit Deutschland mit, der andere jubelt

nur, wenn die Türkei gewinnt.

Darstellungen entschuldigt.

Mehmet: Das Türken-Bild in den

Medien hat sich in den vergangenen

zehn Jahren weiter verschlechtert.

Dabei klappt das Zusammenleben

doch gar nicht so schlecht.

Auseinandersetzungen wie in

Frankreich oder England kann ich

mir hier in Deutschland nicht vorstellen.

Ayhan: Alles, was die Kritiker anführen,

Ehrenmord, Verwandten-

Ehen, Extremismus, Ignoranz, natürlich

gibt es das, in nächster Nähe

habe ich es erlebt. Aber die absolute

Mehrheit der Menschen will damit

nichts zu tun haben.

Moschee-Bau

Ayhan: Mich stören unförmige

Moscheen im Landschaftsbild.

Manchmal liegt es daran, dass die

Minarette nicht so hoch gebaut

werden dürfen, untenrum aber der

Platz voll ausgenutzt werden soll,

so dass die Proportionen nicht stimmen.

Am Moscheebau in Köln kann

man sich ein architektonisches Beispiel

nehmen. Moscheen in

Deutschland sollten modern sein.

Mehmet: Die Zentralmoschee in

Ehrenfeld will ein Kölner Wahrzeichen

werden und Touristen anlocken.

Ich bin gespannt, ob das gelingt.

Deutsch-türkischeZukunft

Ayhan: Ich kann verstehen, wenn

alteingesessene Deutsche Angst haben.

Mit der Migration machen wir

einen epochalen Wandel durch.

Aber die Einwanderung ist letztlich

ein Glücksfall für das Land, allein

wegen des demografischen Wandels.

Für die Zukunft glaube ich daran,

dass Deutschland und die Türkei

starke Partner sein können.

Mehmet: Ich hoffe, dass es eines

Tages gar keinen Unterschied mehr

macht, ob die Eltern aus Deutschland

oder dem Ausland stammen.

Das hier ist auch mein Land.

Ende

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