Schwarzbuch Leiharbeit - Antileiharbeits-Initiative Düsseldorf

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Schwarzbuch Leiharbeit - Antileiharbeits-Initiative Düsseldorf

SCHWARZBUCH

LEIHARBEIT


VORWORT Detlef

Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf

gleichen Lohn für gleiche Arbeit". Dieses Zitat

stammt aus der Allgemeinen Erklärung der

Menschenrechte von 1948. Bei der Leiharbeit

wird dieses Menschenrecht in Deutschland

tagtäglich verletzt. Hunderttausendfach.

Deshalb klagen wir an: Wir nehmen es nicht

hin, dass Leiharbeiter/-innen bei gleicher Arbeit

im Durchschnitt 30 bis 40 Prozent weniger als

Stammbelegschaften verdienen. Wir nehmen es

nicht hin, dass es Menschen erster und zweiter

Klasse geben soll. Und wir nehmen es nicht hin,

dass Unternehmen Leiharbeit missbrauchen,

um Stammbelegschaften zu ersetzen und unter

Druck zu setzen. Das ist die schwarze Seite

der Leiharbeit, die wir in diesem Schwarzweiß­

buch anprangern.

Wetzel

2. Vorsitzender

der IG Metall

Aber es gibt auch eine andere Seite: In vielen

Fällen setzen sich Betriebsräte und Vertrauens­

leute für die Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter

ein. Weil ihnen das Schicksal derjenigen nicht

egal ist, die mit ihnen tagtäglich ihre Arbeit ver­

richten. In vielen Fällen konnten sie bereits Re­

gelungen durchsetzen, um die Situation der Leih­

arbeiterinnen und Leiharbeiter zu verbessern.

Die Bandbreite dieser Vereinbarungen ist groß:

Sie reicht von deutlichen Einkommenserhö­

hungen bis zur vollständig gleichen Bezahlung

(„Equal pay"). Aber es gibt auch kleine Erfolge:

Etwa wenn die Leiharbeitskräfte nicht mehr

den erhöhten Kantinenpreis bezahlen müssen,

sondern ihr Essen genauso bezuschusst wird

wie das der Stammbelegschaft.

Die IG Metall hat auf dem Gewerkschaftstag

im November vergangenen Jahres ihr „Leipziger

Signal" beschlossen. Wir hatten uns vorge­

nommen, 200 „Besser"-Vereinbarungen in den

Betrieben abzuschließen. Bis August 2008

hatten wir 328 solcher Vereinbarungen geschlos­

sen. Das Ziel, das wir uns selbst gesetzt hatten,

ist also mehr als erfüllt. Auch unser anderes Ziel

werden wir erreichen: Wir hatten uns vorge­

nommen, im Jahr 2008 mindestens 10.000 neue

Mitglieder unter den Leiharbeiterinnen und

Leiharbeitern zu gewinnen. Mehrere Tausend

Leiharbeiter sind bereits der IG Metall bei­

getreten.


Auf diesem Weg werden wir weitermachen.

Wir wollen konkrete Verbesserungen für die Leih-

arbeitsbeschäftigten erreichen. Dabei ist aber

auch der Einsatz der Leiharbeiterinnen und Leih­

arbeiter gefragt: ihr Handeln, ihr Beitritt zur

IG Metall. Denn eine Gewerkschaft ist nur stark

im Handeln, wenn sie eine starke Mitglieder­

basis hat. Verbesserungen für die Leiharbeitneh-

mer/-innen können wir nur mit ihnen zusammen

erreichen, nie stellvertretend für sie.

Bei der Leiharbeit ist obendrein die Politik ge­

fordert: Sie hat die Gesetze geschaffen, die

seit 2004 zu einer dramatischen Ausweitung der

Leiharbeit geführt haben. All denen, die sich

dafür einsetzen, diese Regeln wieder im Sinne

der Beschäftigten zu verbessern, wollen wir

Fakten und Argumente an die Hand geben.

Wir lassen nicht locker. „Gleiche Arbeit -

Gleiches Geld" ist Menschenrecht. Wir wollen,

dass es durchgesetzt wird. Dieses Schwarz­

weißbuch soll ein Beitrag dazu sein.

Detlef Wetzel

2. Vorsitzender

der IG Metall

Vorwort


INHALT

t

MÄRKTE, MACHER,

MACHENSCHAFTEN

Leiharbeit unter der Lupe 8

Grenzenlos flexibel

Zur Geschichte der Leiharbeit in Deutschland -

Dumpinglöhne im Namen des Herrn

Der Christliche Gewerkschaftsbund

macht Tarifverträge, wie Arbeitgeber

sie wünschen-14

Stellst du noch ein oder leihst du schon?

Strategien für Millionen-18

Spiele ohne Grenzen

Die Milliardenumsätze der Leiharbeitsriesen-

Betriebsrat? Fehlanzeige.

Keine betriebliche Mitbestimmung bei

kleinen Leiharbeitsfirmen-27

Tatort „Marienhof"

Die Macht der Lobbyisten-30

Leiharbeit im europäischen Vergleich

Unterschiedliche Rechtssysteme

erschweren europaweite Umsetzung

von „Equal treatment-34


STATUSREPORT LEIHARBEIT -

DIE SCHWARZE SEITE

Der Skandal hat Methode-38

„Nun stellen Sie sich mal nicht so an"

Leidensweg eines Leiharbeiters-39

Der Fall Nokia

Oder wie man mit Leiharbeit den

Kündigungsschutz aushebelt-42

„Hauptsache Arbeit"

Einblicke in den Alltag eines Leiharbeiters-45

Im Namen des Wettbewerbs

Rendite steigern, Lohnkosten senken

- eine deutsche Erfolgsstory-48

„Ich hab ja keine Alternative"

Statt Lohnerhöhung weniger Urlaub -

dank „christlichem" Tarifvertrag- 52

Staatlich geförderte Sklavenmärkte

Arbeitsagenturen machen mit

Leiharbeitsfirmen gemeinsame Sache-55

„Ich sehe keinen Weg da raus"

Leiharbeiter in der beruflichen Sackgasse-58

Abenteuer Betriebsratswahl

Die Tricks der Leiharbeitsfirmen

gegen Betriebsräte 63

Leiharbeiter: Ein Beruf mit Zukunft?

Deutsche Steinkohle AG verleiht

Azubis als Fließbandarbeiter-67

Zwei ungleiche Töchter

Mit der Gründung von Tochterfirmen

umgeht Manpower den Tarifvertrag-70

Menschen zweiter Klasse?

Leiharbeiter: Gemobbt und ausgegrenzt-72

Inhalt

Rechentricks gegen Abfindung und Sozialpläne

Ein Unternehmen rechnet sich arm-75

Leiharbeit erhöht den Blutdruck

der gesamten Belegschaft"

Der Soziologe Hajo Holst über die Auswirkungen

von Leiharbeit auf das Arbeitsklima - 79

Tod eines Leiharbeiters

Das Risiko, einen Arbeitsunfall zu haben,

ist bei Leiharbeitern dreimal so hoch-83

Leben mit der Angst

Ausnahme Übernahme-86

„Ich hab die Hoffnung aufgegeben"

Leiharbeit im Osten: Eine Reise durch

Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen -91


i

MÄRKTE, MACHER,

MACHENSCHAFTEN

Leiharbeit unter der Lupe

Leiharbeit ist in Deutschland eine der am schnellsten wachsenden Branchen überhaupt.

Seit das Monopol der Arbeitsvermittlung nicht mehr beim Staat liegt, machen einige wenige

Branchenriesen und viele kleine Leiharbeitsfirmen Millionengeschäfte mit dem Heer der

Arbeitssuchenden. Wo es um viel Geld geht, wird häufig keine Rücksicht auf Menschenwürde

und Gerechtigkeit genommen - die Leiharbeitsbranche bildet hierbei keine Ausnahme.

Der Staat unterstützt diese Vorgehensweise, seine Gesetze haben die Ausbreitung der Leiharbeit

erst möglich gemacht. Dazu kommen mächtige Lobbyisten, die ein rosiges Bild

vom glücklichen Leiharbeiter malen.


Grenzenlos flexibel

Zur Geschichte der Leiharbeit in Deutschland

Die Anfänge

Märkte, Macher, Machenschaften 9

Im Jahr 1922 regelte das Arbeitsnachweisgesetz erstmals die Vorausset- MONOPOLISIERUNG

zungen für Leiharbeit in Deutschland. Fünf Jahre später übernahm der Gesetz­

geber viele dieser Regelungen in das Gesetz über die Arbeitsvermittlung

und Arbeitslosenversicherung. Unter den Nationalsozialisten wurde die Ar­

beitsvermittlung monopolisiert und bis in die 1960er Jahre gab es in der

Bundesrepublik keine Leiharbeitsvermittlung mehr. 1967 legte das Bundes­

verfassungsgericht fest, unter welchen Bedingungen Zeitarbeitsfirmen

tätig werden dürfen. Die nachfolgenden Jahre waren von rechtlichen Ausei­

nandersetzungen darüber geprägt, welche Formen der Arbeitnehmer­

überlassung zulässig sind.

Die Gewerkschaften schalten sich ein

1970 unterzeichneten die Deutsche Angestelltengewerkschaft und der Unter­

nehmensverband für Zeitarbeit einen ersten Tarifvertrag. Die Bundesregie­

rung musste wegen der vorherrschenden Skepsis gegenüber der Zeitarbeit

alle vier Jahre überprüfen, inwieweit sie sinnvoll genutzt wurde.

Keine Zeitarbeit im Baugewerbe

Für das Baugewerbe gilt seit 1982, dass keine Zeitarbeiter beschäftigt werden

dürfen. Denn immer wieder hatten Arbeitgeber ihre Pflichten gegenüber

Leiharbeitern verletzt.

Mittlerweile hatte der „Bundesverband Zeitarbeit" den „Unternehmens- MINDESTSTANDARDS

verband für Zeitarbeit" abgelöst und setzte 1988 verbindliche Mindestarbeits­

bedingungen fest. Parallel dazu weitete der Gesetzgeber allerdings mehrere

Male die Zeit aus, die ein Leiharbeiter im gleichen Betrieb beschäftigt

werden darf.


Das Monopol fällt

1994 fiel das Vermittlungsmonopol der Bundesagentur für Arbeit. Seitdem

darf Arbeit privat und gewerbsmäßig vermittelt werden. Drei Jahre später trat

die erste große Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes in Kraft.

Nun durften Leiharbeiter/-innen bis zu zwölf Monate im gleichen Betrieb

arbeiten. Eine Leiharbeitsfirma musste jeden Mitarbeiter ab diesem Zeitpunkt

einmalig auch nur so lange beschäftigen, wie sie auch einen Entleihbetrieb

für ihn hatte. Sobald sie ihn also nicht mehr vermitteln konnte, durfte sie ihn

entlassen.

Nach einer Wiedereinstellung galt dann allerdings das so genannte Synchro

nisationsverbot. Die Leiharbeitsfirma durfte die Beschäftigung dann nicht

mehr davon abhängig machen, ob sie auch einen interessierten Entleihbe­

trieb hatte oder nicht.

Die Veränderungen im Zuge der „Hartz-Reformen"

Das „Gesetz zur Regelung der gewerbsmäßigen Arbeitnehmerüberlassung"

(AUG) gilt seit dem Jahr 1972. Allerdings änderte der Gesetzgeber es seither

häufig - besonders weitreichend im Zuge der „Hartz-Reformen". Die Fas­

sung des AUG von 2004 bildet bis heute die Grundlage für jedes Beschäfti­

gungsverhältnis, das eine Leiharbeitskraft eingeht.

Per „Merkblatt für Leiharbeiter" werden alle Beschäftigten der Leiharbeits-

branche über ihre wichtigsten Rechte und Pflichten informiert. Allerdings geht

das Schriftstück der Bundesagentur für Arbeit nicht auf einige grundlegende

Änderungen der Reform aus dem Jahr 2004 ein.

Die letzten Grenzen fallen

So weitete der Gesetzgeber schon in den 1980er und 1990er Jahren die so

genannte Höchstüberlassungsdauer immer wieder aus. 2004 schaffte er

die Begrenzung der Überlassungsdauer komplett ab. Das bedeutet: Beschäf­

tigte können über eine Leiharbeitsfirma ohne Zeitbegrenzung im selben

Entleihbetrieb eingesetzt werden. Außerdem gibt es kein Synchronisations­

verbot für Leiharbeitsfirmen mehr. Sie müssen nun Mitarbeiter/-innen unter

Einhaltung der Kündigungsfristen nur noch so lange beschäftigen, wie sie

auch einen Entleihbetrieb haben, der an der Tätigkeit dieser Leiharbeitskräfte

interessiert ist.

Märkte, Macher, Machenschaften

SYNCHRONISATIONS­

VERBOT


Das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz 1972 bis heute

Vorschrift Bis zum 31. Dezember 2003 Seit 1. Januar 2004

Beschränkung der Überlassungs-

höchstdauer

Erhöhung von:

3 auf 6 Monate (ab 1985)

6 auf 9 Monate (ab 1994)

9 auf 12 Monate (ab 1997)

12 auf 24 Monate (ab 2002)

Gleichbehandlungsgrundsatz

nach 12 Monaten (ab 2002)

Synchronisationsverbot

Einmalige Synchronisation erlaubt

für schwervermittelbare Arbeitslose,

wenn diese direkt in ein anderes

Beschäftigungsverhältnis überwech­

seln (ab 1994).

Einmalige Synchronisation möglich

(ab 1997).

Die Einsatzdauer einer Zeitarbeitskraft

bei einem Entleihbetrieb darf

24 Monate nicht überschreiten. Nach

dem ersten Jahr gelten für Zeitarbeits­

kräfte die im Entleihbetrieb üblichen

Arbeitsbedingungen einschließlich des

Arbeitsentgeltes.

Nur beim erstmaligen Einsatz ist

eine Synchronisation der Dauer des

Verleihs und des Arbeitsverhält­

nisses gestattet. Ansonsten muss

letzteres die Einsatzdauer um

mindestens 25 Prozent übersteigen.

Ist entfallen. Der Einsatz

ist unbeschränkt möglich.

Ist entfallen. Die Beschäftigung beim

Verleiher und der Einsatz im Entleihbe­

trieb dürfen jetzt zeitgleich sein. Der

Beschäftigte in Leiharbeit kann - unter

Berücksichtigung der Kündigungsfris­

ten - entlassen werden.

Beschränkung des Verleihs Verbot der Arbeitnehmerüberlassung Besteht fort.

im Bauhauptgewerbe im Bauhauptgewerbe, mit Ausnahme

Verbot der Arbeitnehmerüberlassung

im Bauhauptgewerbe (ab 1982).

Zulassung der Arbeitnehmer­

überlassung zwischen Betrieben im

Baugewerbe (ab 1994).

Besonderes Befristungsverbot

Einmalige Befristung

ohne Angabe eines sachlichen

Grundes möglich (ab 1997).

der Arbeitnehmerüberlassung

zwischen Betrieben des Baugewerbes

(Kollegenhilfe), wenn diese Betriebe

von denselben Rahmen- und Sozial-

kassentarifverträgen oder von deren

Allgemeingültigkeit erfasst werden.

Mit Ausnahme einer einmaligen

Befristungsmöglichkeit ohne sach­

lichen Grund ist das Beschäftigungs­

verhältnis zwischen der Zeitarbeits­

firma und dem Zeitarbeitsbeschäf-

tigten generell unbefristeter Natur, es

sei denn eine Befristung lässt sich aus

der Person der/des Beschäftigten

rechtfertigen.

Ist entfallen. Befristungen ohne

sachlichen Grund unbeschränkt

möglich.

Wiedereinstellungsverbot Entlässt eine Zeitarbeitsfirma einen Ist entfallen.

Einmalige Wiedereinstellung möglich Leiharbeiter, so darf sie diesen

(ab 1997). erst nach drei Monaten erneut ein­

stellen. Einmalig darf von dieser

Regelung abgewichen werden.


Immer wieder Ausnahmen

Das Merkblatt der Bundesagentur weist die Beschäftigten in Leiharbeit da­

rauf hin, dass sie für die Zeit der Überlassung an einen Entleihbetrieb so

Märkte, Macher, Machenschaften 13

zu behandeln sind wie vergleichbare Festangestellte. Dies gilt sowohl für die GLEICHBEHANDLUNG

gleiche Entlohnung („Equal pay") als auch für die sonstigen Arbeitsbedin­

gungen („Equal treatment"). Allerdings gibt es hierfür Ausnahmen: So kann

die Anwendung eines gesonderten Tarifvertrags für Leiharbeiter/-innen

vereinbart werden, durch den von der Gleichbehandlung gegenüber Festan­

gestellten abgewichen werden kann.

Waren Leiharbeitsbeschäftigte zuvor arbeitslos, muss ihnen die Leiharbeit

firma in den ersten sechs Wochen zudem nur so viel als Nettolohn zukom­

men lassen, wie sie zuvor als Arbeitslosengeld bekommen hätten. Jederzeit

muss ein Entleihbetrieb einer Leiharbeitskraft allerdings offenlegen, wie

viel ein fest angestellter Mitarbeiter in vergleichbarer Stellung verdient und

wie dessen Arbeitsbedingungen aussehen. Ausdrücklich verpflichtet das

AUG die Leiharbeitsfirma, ihren Beschäftigten auch dann das Arbeitsentgelt

zu zahlen, wenn sie für diese gerade keinen Entleihbetrieb hat. Natürlich

gilt die Regelung aber ebenfalls nur, bis die gesetzliche Kündigungsfrist er­

reicht ist.

Betriebliche Mitbestimmung

Generell soll es auch in Leiharbeitsfirmen Beteiligungsrechte für die Leih­

arbeitskräfte geben - so beispielsweise einen Betriebsrat. Im Einsatzbetrieb BETRIEBSRAT

dürfen sich Leiharbeiter/-innen zwar nicht zur Wahl für den Betriebs- oder

Aufsichtsrat stellen, können aber dessen Sprechstunden aufsuchen und an

Versammlungen teilnehmen. Außerdem können sie den Betriebsrat im Ein­

satzbetrieb mitwählen, wenn ihr Einsatz dort mindestens drei Monate dauert

oder so lange beabsichtigt ist. Bei der Ermittlung der Schwellenwerte (Größe

des Betriebsrats, Freistellungen) werden die Leiharbeitnehmer/-innen

allerdings nicht mitgezählt.

Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter dürfen außerdem nicht gezielt eingesetzt

werden, um bei Streiks im Entleihbetrieb die Produktion am Laufen zu halten.

Wenn der Einsatzbetrieb in einem Arbeitskampf steckt, haben Leiharbeit

beschäftigte ein Arbeitsverweigerungsrecht, auf das sie auch ihr Verleihunter­

nehmen aufmerksam machen muss. Die Verleihfirma darf ihnen allerdings

einen anderen Einsatzort zuweisen.


Dumpinglöhne im Namen des Herrn

Der Christliche Gewerkschaftsbund macht

Tarifverträge, wie Arbeitgeber sie wünschen

Die Unterbietungskonkurrenz durch die „christlichen Gewerkschaften"

ist der IG Metall und den anderen DGB-Gewerkschaften schon lange ein

Dorn im Auge. Auch bei der Leiharbeit machen die „Christlichen" Tarif­

verträge, die jeder Beschreibung spotten.

Zum Thema Mindestlohn hat Matthäus Strebl eine gefestigte Meinung.

„Es darf nicht sein, dass das Entsendegesetz missbraucht wird, um Wettbe­

werb zu verhindern und Arbeitsplätze in einem derzeit funktionierenden

Gebiet zu gefährden", erklärt der Vorsitzende des Christlichen Gewerkschafts­

bundes (CGB). „Wettbewerb verhindern", „Arbeitsplätze gefährden"-

diese Argumente kennt man hinreichend aus dem Arbeitgeberlager. Aber

spricht so auch ein Gewerkschafter?

Tariffähigkeit der „Christlichen" zweifelhaft

Man könnte sogar fragen: Ist der CGB überhaupt eine Gewerkschaft?

Die Arbeitsgerichte haben da so ihre Zweifel. Immer wieder müssen sie

sich mit der Tariffähigkeit des CGB und seiner 16 Einzelorganisationen

beschäftigten, zuletzt im Februar 2008 vor dem Arbeitsgericht Berlin. Das

Verfahren musste aus formellen Gründen eingestellt werden. Doch die

Berliner Richter/-innen ließen laut eigener Mitteilung „Zweifel daran durchbli­

cken, dass eine Tariffähigkeit der Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerk­

schaften für Zeitarbeit gegeben sei". Eine Umfrage der Universität Mainz bei

allen deutschen Arbeitsgerichten zeigte im Jahr 2007, dass 84 Prozent der

Klagen gegen christliche Tarifverträge mit einem Vergleich enden. Das Arbeits­

gericht Osnabrück argumentierte im Januar 2007, die Verträge der christ­

lichen Gewerkschaft hätten lediglich das Ziel, gesetzliche Mindeststandards

zu unterlaufen (Aktenzeichen 3 Ca 535/06.). Konkrete Konsequenzen haben

die Beschlüsse aber nicht. Mit Tricks und juristischen Winkelzügen können

sich die „Christlichen" immer wieder aus der Affäre ziehen. Vor allem für die

Leiharbeitsbranche hat das schlimme Konsequenzen.


Immer nur das Beste...

Märkte, Macher, Machenschaften

Generell gilt in der Bundesrepublik das so genannte Günstigkeitsprinzip. GÜNSTIGKEITSPRINZIP

Tarifvertrag oder Gesetz - Arbeitnehmer können sich immer auf das berufen,

wab für sie günstiger ist. Beispiele: Während gesetzlich vier Wochen Ur­

laub pro Jahr vorgeschrieben sind, haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeit­

nehmer in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie tarifvertraglich

Anspruch auf sechs Wochen bezahlten Urlaub. Oder Arbeitszeit: Per Gesetz

sind 48 Wochenstunden zulässig (bei entsprechendem Ausgleich sogar

60 Stunden in der Woche), in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie

sind es 35 Stunden. Bei Streit mit dem Arbeitgeber können sich Arbeitneh-

mer/-innen immer auf die günstigere Regelung berufen. Tarifverträge unter

dem gesetzlichen Standard abzuschließen, macht für Gewerkschaften

keinen Sinn.

Tarifliche Monatseinkommen

Metall- und Elektroindustrie NRW und Sachsen (M+E)

im Vergleich mit der Leiharbeitsbranche (AMP, iGZ, BZA).

Bezogen auf Lohngruppe 2 (in Euro)

964,62

1.146,63

Quelle: IG Metall 2007

1.656,00

1.695,81


... außer für die Leiharbeiter/-innen

Nur eine einzige Branche macht da eine Ausnahme: die Leiharbeit. Mit den

Gesetzen „für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt", die 2003 in Kraft

traten, sollte Leiharbeit unkomplizierter werden. Fast alle Schutzvorschriften

für Leiharbeitsbeschäftigte - vom Synchronisationsverbot bis zur maximalen

Verweildauer - wurden aufgehoben. Im Gegenzug sollten solche „Vereinba­

rungen, die für den Leiharbeitnehmer (...) schlechtere Arbeitsbedingungen als

die im Betrieb des Entleihers (...) geltenden" vorsehen, nicht mehr zulässig

sein. „Equal pay" (gleiche Bezahlung) und „Equal treatment" (gleiche Behand­

lung) sollten die Regel sein. Mit einer Ausnahme: „Ein Tarifvertrag kann ab­

weichende Regelungen zulassen" - so Paragraf 9, Ziffer 2 des Arbeitnehmer­

überlassungsgesetzes.

Somit hat sich das Verhältnis zwischen Tarifvertrag und Gesetz in der Leih­

arbeit umgedreht. In allen anderen Branchen heißt die Regel: Es gilt min­

destens das Gesetz - Tarifverträge können es verbessern. Die Regel bei der

Leiharbeit lautet: Es gilt höchstens das Gesetz - Tarifverträge können es

verschlechtern.

Erbarmen, die „Christen" kommen

Dass es so weit kommen konnte, liegt an den „christlichen Gewerkschaften".

Im Sommer 2003 hatte sich der DGB gerade mit den beiden Leiharbeitsver-

bänden iGZ und BZA weitestgehend über einen Stufenplan geeinigt, wie

„Equal pay" in den Unternehmen erreicht werden könnte, da schaltete sich

die „Tarifgemeinschaft Christlicher Gewerkschaften für Zeitarbeit und Per­

sonal-Service" (CGZP) ein. Sie schloss mit dem Arbeitgeberverband Mittel­

ständischer Personaldienstleister (AMP) einen Vertrag, der das „Equal pay"-

Prinzip nicht mal erwähnte. Kaum war der CGZP-Vertrag unterzeichnet,

machten auch iGZ und BZA einen Rückzieher.

Der DGB war machtlos. Er einigte sich mit den Arbeitgebern auf einen

Abschluss, der zwar immer noch über dem CGZP-Tarif lag, aber dem Prinzip

„gleiches Geld für gleiche Arbeit" nicht im Entferntesten entsprach. „Hätten

wir das nicht gemacht, hätten auch BZA und iGZ mit den Christen verhandelt",

sagt Juan-Carlos Rio Antas aus dem Funktionsbereich Tarifpolitik der

IG Metall, der an den Tarifverhandlungen in der Leiharbeitsbranche teilnimmt.

„Wir sind in der absurden Situation, mit den Arbeitgebern miese Verträge

abschließen zu müssen, damit diese mit den Christen nicht noch miesere

Vereinbarungen treffen."


Für die Leiharbeitskräfte hat das schlimme Konsequenzen, denn die Ar­

beiterinnen verdienen hier deutlich weniger als ihre Kolleginnen und Kol­

legen. Die so genannten Christen sind sich noch nicht einmal zu schade,

sich selbst zu unterbieten - mit Haustarifen unterhalb des Flächen-Tarifs. Die

„christlichen" Flächentarifverträge sehen in der untersten Entgeltgruppe

6,00 Euro vor. Doch die beiden Leiharbeitsverbände BZA und iGZ klagen über

„Haustarifverträge der CGZP mit Vergütungen, die deutlich unter denen des

eigenen Verbandstarifvertrags liegen." Es werde „von weniger als 5 Euro pro

Stunde berichtet", so BZA und iGZ.

Dauerthema Mindestlöhne

Zumindest Teile der Politik haben mittlerweile erkannt, dass Arbeitgeber

und christliche Gewerkschaften die Änderungen des Arbeitnehmerüberlas­

sungsgesetzes für ihre Zwecke ausnutzen. Sie wollen jetzt branchenweite

Mindestlöhne einführen. 7,51 Euro sollen es sein, haben BZA, iGZ und

DGB-Tarifgemeinschaft gemeinsam beantragt.

Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) macht aus seinem Ärger über

die „christliche Unterbietungskonkurrenz" kein Hehl. „Tarifverträge, die ein­

zig und allein dem Ziel dienen, Lohndrückerei zu Lasten der Leiharbeitneh­

mer und Stammbelegschaften zu betreiben, entsprechen nicht den Vorstel­

lungen des Reformgesetzgebers", sagte er im Juni 2008 vor den Vertretern

der iGZ. Scholz: „Solche Tarifverträge werden nicht im Interesse der vertre­

tenen Arbeitnehmer ausgehandelt, sondern den Arbeitgebern von sozialpoli­

tisch verantwortungslosen Organisationen angedient, die damit ihr eigenes

Dasein rechtfertigen - und finanzieren."

Zu unmoralisch für die Katholiken

Unterdessen behauptet CGB-Vorsitzender Strebl munter weiter, er wolle

Märkte, Macher, Machenschaften 17

„christliche Werte" in die Arbeitswelt bringen. Das nehmen ihm nicht einmal UNMORALISCH

mehr seine Glaubensbrüder ab. Die Katholische Betriebsseelsorge der

Diozöse Augsburg erklärte, sie halte „die untertariflichen Lohn- und Mantel­

tarifverträge für sehr schädlich, wie sie die CGZP abgeschlossen hat".

Diakon Erwin Helmer: Ohnehin „schlecht verdienende Zeitarbeitnehmer

noch schlechter zu bezahlen, ist unmoralisch."


Stellst du noch ein oder leihst du schon?

Strategien für Millionen

Die Zahl der Leiharbeitsbeschäftigten hat sich seit 2004 mehr als ver­

doppelt. Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter ersetzen immer öfter das

Stammpersonal und müssen für deutlich weniger Geld arbeiten als ihre

Kollegen/-innen.

900.000 Kein anderer Wirtschaftszweig ist in den vergangenen Jahren so sehr ge-

LEIHARBEITSKRÄFTE wachsen wie der für Leiharbeit. Der bisher ungebremste Boom der Branche

begann 2004, nachdem fast alle bis dahin geltenden gesetzlichen Beschrän­

kungen weggefallen sind. Seither verzeichnet die Branche Jahr für Jahr zwei­

stellige Wachstumsraten. Mitte 2007 arbeiteten 731.000 Menschen als

Leiharbeiter/-innen - das sind rund 2,4 Prozent aller Beschäftigten und mehr

als doppelt so viele wie noch vor Inkrafttreten der Reform.

In der Leiharbeitsbranche arbeiten damit so viele Menschen wie in der

gesamten deutschen Automobilindustrie. Rechnet man die hohe Fluktuation

hinzu, sind es sogar noch mehr Betroffene. Rund 900.000 Beschäftigte dürf­

ten im vergangenen Jahr als Leiharbeitskräfte beschäftigt gewesen sein. In

der Metall- und Elektroindustrie waren es Mitte 2007 rund 220.000 Beschäf­

tigte. Wenn man die in der Leiharbeit häufigen Jobwechsel berücksichtigt,

dürften es im Verlauf des Jahres rund 260.000 Beschäftigte gewesen sein.

Boombranche Leiharbeit

Ein Ende des Booms ist noch lange nicht in Sicht: „Derzeit gibt es keinen

Hinweis darauf, dass sich dieses Wachstum abschwächt", heißt es in einer

Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das Institut

für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) prognostiziert einen Anstieg auf

fünf Millionen Leiharbeitsbeschäftigte innerhalb der nächsten zehn Jahre.


Weniger Rechte, weniger Geld

Kein anderes Unternehmen stellte im Jahr 2007 mehr neue Mitarbeiterinnen

Märkte, Macher, Machenschaften 19

ein als die Branchenriesen Randstad und Adecco. Doch diese auf den er- BRANCHENRIESEN

sten Blick guten Nachrichten zeigen nur die halbe Wahrheit. Wahr ist auch,

dass viele Firmen Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter einsetzen, um ihre

reguläre Stammbelegschaft damit zumindest zum Teil zu ersetzen. Die Unter­

nehmer erhoffen sich dadurch mehr Flexibilität und geringere Kosten. Für

die Leiharbeitskräfte bedeutet das jedoch: Weniger Rechte und weniger Geld.

Beschäftigte zweiter Klasse

Beispiel BMW: Im Leipziger Werk des Autohersteliers bauen rund 3.700 Mit- BMW

arbeiter/-innen die Karosserien von Limousinen, Coupes und Cabrios. Äußer­

lich unterscheiden sich die Arbeiterinnen und Arbeiter kaum voneinander:

Sie alle tragen blaue T-Shirts und graue Latzhosen, sie benutzen die gleichen

Werkzeuge und erledigen auch dieselbe Arbeit. Doch fast jeder dritte von

ihnen ist anders als der Rest: Sie sind Leiharbeitskräfte, Autobauer/-innen

zweiter Klasse - zumindest bis vor kurzem. Denn gleiches Geld für gleiche

Arbeit gab es bei BMW lange Zeit nicht. Bis April verdienten die Leiharbeiter

von BMW in Leipzig bis zu 50 Prozent weniger als ihre festangestellten Kol­

leginnen und Kollegen. Im April 2008 erzielte die IG Metall mit den für BMW

tätigen Leiharbeitsfirmen eine Einigung, dass die dort tätigen Leiharbeitneh-

mer/-innen so bezahlt werden wie die Stammbeschäftigten des Werkes.

Drastischer Anstieg der Leiharbeit

Zahl der Leiharbeitskräfte

im Jahresdurchschnitt

*Wert 2007 bis 30. Juni

Quellen: Bundesagentur für Arbeit, IW Zeitarbeitindex

© Hans-Böckler-Stiftung 2007


20

LeiharbeiterV-innen ersetzen das Stammpersonal

Insgesamt wurden in jedem vierten Unternehmen, das Leiharbeit nutzt,

Teile des festangestellten Stammpersonals durch zusätzliche Leiharbeitskräfte

ersetzt. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Hans-Böckler-Stif­

tung unter 2.000 Betriebsräten. Auch die Zahl der so genannten Intensivnutzer

von Leiharbeit steigt stetig an: Im Jahr 2002 hatte nur jedes fünfzigste Un­

ternehmen mit über 150 Beschäftigten mehr als 20 Prozent Leiharbeitnehmer-

innen und Leiharbeitnehmer in seiner Belegschaft. 2007 war der Anteil der

Leiharbeitsbeschäftigten bereits in jedem zehnten Unternehmen so hoch. Vor

allem die Metall- und Elektroindustrie und Dienstleistungsunternehmen wie

zum Beispiel Call-Center greifen auf Leiharbeiter/-innen zurück.

Dumping-Löhne statt „Equal pay"

LOHNDUMPING So gut wie überall gilt: Die Bezahlung ist für Leiharbeitskräfte meist deut­

FLUKTUATION

i

lich schlechter als für die Stammbelegschaft. Im Schnitt bekommen Leihar-

beiter/-innen für die gleiche Arbeit rund 30 Prozent weniger als ihre Kol­

leginnen und Kollegen. „Neben der Überbrückung von personellen Engpässen

wird Leiharbeit zunehmend zur Senkung der Arbeitskosten eingesetzt",

diagnostiziert das arbeitgebernahe Institut für Wirtschaft und Gesellschaft.

Zwar hat der Gesetzgeber festgeschrieben, dass Leiharbeitsbeschäftigte

grundsätzlich nicht weniger Lohn bekommen dürfen als vergleichbare Arbeit-

nehmer/-innen in dem Einsatzbetrieb, per Tarifvertrag können Unterneh­

men die gleiche Bezahlung („Equal pay") jedoch unterschreiten. Der Arbeit­

geberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP) schloss des­

halb Dumping-Tarifverträge mit den so genannten „christlichen Gewerkschaf­

ten" ab. In diesen Tarifverträgen wurden Löhne von unter sechs Euro pro

Stunde vereinbart. Da man davon nicht leben kann, ist es nicht verwunderlich,

dass jeder achte Vollzeit-Leiharbeiter neben seinem Lohn auch noch Hartz IV

beziehen muss. In keiner anderen Branche muss der Staat so vielen Beschäf­

tigten mit aufstockenden Sozialleistungen unter die Arme greifen.

Viele Leiharbeitsunternehmen versuchen, ihr wirtschaftliches Risiko zu­

dem vollständig auf die Leiharbeiter/-innen abzuwälzen: Erst wenn ein Auf­

tragvorliegt, stellen sie Leiharbeitskräfte ein. Sobald der Auftrag wieder

wegfällt, bekommen die Beschäftigten in Leiharbeit schon am nächsten Tag

die Kündigung. Die Fluktuation in der Leiharbeitsbranche ist daher enorm:

Im ersten Halbjahr 2007 wurden 520.000 Leiharbeiter/-innen eingestellt und

zugleich 470.000 wieder entlassen. 55 Prozent der Leiharbeitsverträge

endeten bereits nach weniger als drei Monaten.


Die Mär, dass Leiharbeit für viele Arbeitslose den ersten Schritt zur Festan­

stellung darstellt, stimmt nur in den allerwenigsten Fällen. Den Sprung in ein

reguläres Beschäftigungsverhältnis schafft nur jede siebte Leiharbeitskraft.

Quelle: Marktforschung Lünendonk

Märkte, Macher, Machenschaften


22

Spiele ohne Grenzen

Die Milliardenumsätze der Leiharbeitsriesen

Die internationalen Konzerne, die in Deutschland den Leiharbeits-

markt dominieren, haben ihre Gewinne deutlich steigern können.

Leiharbeit lohnt sich - zumindest für diejenigen, die damit richtig Geld

verdienen. Die Großen der Branche heißen Adecco, Randstad und Manpower -

internationale Konzerne, die sich in den vergangenen Jahren über prächtige

Gewinne freuen durften. 735 Millionen Euro verdiente Adecco, das weltgrößte

Leiharbeitsunternehmen, im Jahr 2007 (Steigerung um 20 Prozent). Randstad

machte Gewinne von 385 Millionen Euro (plus sieben Prozent) und Manpower

steigerte seinen Jahresüberschuss um 22 Prozent auf umgerechnet rund

310 Millionen Euro. Das heißt: Allein die drei großen Firmen verdienten am Ge­

schäft mit der Leiharbeit 1,43 Milliarden Euro. Der deutsche Markt hat daran

einen erheblichen Anteil: Bis zu 18 Prozent ihrer Umsätze erwirtschaften die

großen Leiharbeitsunternehmen hierzulande.

Billig einkaufen, teuer verkaufen

GEWINNMARGEN Ihre Gewinne machen die Leiharbeitsfirmen nach dem Prinzip: Billig ein­

kaufen, teuer verkaufen. Von den Unternehmen, an die sie Mitarbeiter/-innen

verleihen, verlangen sie in der Regel das Zwei- bis Zweieinhalbfache dessen,

was sie dem Leiharbeitsbeschäftigten an Lohn bezahlen. Nach Abzug von

Sozialabgaben und Verwaltungskosten bleiben den Verleihfirmen pro Leihar-

beiter/-in und Arbeitsstunde rund 50 Cent Gewinn. Beim Verleih von Fach-

arbeitern/-innen beträgt die Gewinnspanne sogar mehrere Euro pro Stunde.


Die fünfzehn größten

Leiharbeitsfirmen in Deutschland (2007)

Name

1 Randstad Deutschland GmbH & Co. KG

2 Manpower GmbH & Co. KG

3 Adecco Personaldienstleistungen GmbH

4 Persona Service Verwaltungs AG & Co. KG

5 Tuja Zeitarbeit Holding GmbH, Ingolstadt

6 DIS Deutscher Industrie Service AG

7 Hays AG

8 Orizon GmbH

9 TimePartner Holding GmbH

10 ZAG Zeitarbeits-Gesellschaft GmbH

11 I.K. Hofmann GmbH

12 AutoVision GmbH

13 Trenkwalder Holding AG

H Allgeier Dienstleistungs GmbH

15 Tempton GmbH

Quelle: Marktforschung Lünendonk

Wachstum dank Deregulierung

•1 Umsatz (in Mio. Euro)

•1 Beschäftigte

• • • • • • • 580,0

• • • • • • • 579,6

• • • • • • • 5 7 3 . 0

«MMt> 17.500

• • • • • 4 6 2 . 0

• • • • • • • 17.700

• • • • • 446,2

••••8.995

H B 335,0

• • • 7.000

• • • • 307,1

••••9.053

• • • 265,0

••16.400

•••261,0

• • • • 1 1 . 0 0 0

•••259,0

««MM 10.770

• • • 239,00

••5.730

••1202,5

•••7.335

••1 200,0

•••8.000

• • J 187,0

••5.500

Die internationalen Leiharbeitsriesen beherrschen auch in Deutschland

den Markt. Im vergangenen Jahr nahmen die drei Unternehmen zusammen

mehr als zweieinhalb Milliarden Euro ein - mehr als doppelt so viel wie

noch im Jahr 2004. Die Liberalisierung des Marktes in Deutschland war für

die großen Konzerne der Startschuss für ihr enormes Wachstum: Mit fast

60.000 Mitarbeitern/-innen beschäftigt Randstad dreimal so viele Leiharbei­

terinnen und Leiharbeitern wie noch 2003. Adecco und Manpower haben

ihre Beschäftigtenzahl in dieser Zeit mehr als verdoppelt und liegen mittler­

weile bei jeweils rund 25.000 Leiharbeitskräften.

Märkte, Macher, Machenschaften


24

KONZENTRATION Das enorme Wachstum der Branchenriesen ist zu einem großen Teil auf

Übernahmen zurückzuführen: Die internationalen Konzerne kauften in den

vergangenen Jahren alles, was ihnen unter die Finger kam. Für 800 Millio­

nen Dollar übernahm Adecco das Ingolstädter Unternehmen Tuja, das sich vor

allem auf den Verleih von Facharbeitern/-innen an die Automobilbranche

spezialisiert hat. Das brachte dem Schweizer Weltmarktführer in Deutschland

einen kräftigen Sprung von neun auf dreizehn Prozent Marktanteil. Bereits

ein Jahr zuvor kaufte Adecco für 550 Millionen Euro den Ingenieurdienstleis­

ter DIS AG. Die Konkurrenz steht dem in Nichts nach: Randstad kaufte 2006

die Bindan-Gruppe, das älteste Leiharbeitsunternehmen Deutschlands.

Im Mai 2008 wurde Randstad für einen Kaufpreis von 3,3 Milliarden Euro auch

Mehrheitsaktionär der niederländischen Leiharbeitsfirma Vedior, die auch in

Deutschland aktiv ist und hier zuletzt über 130 Millionen Euro Umsatz machte.

Der deutsche Verleiher-Markt ist mit insgesamt 14.400 Unternehmen im

internationalen Vergleich allerdings nach wie vor stark zersplittert. Marktfor­

scher erwarten daher eine weitere Konzentration an der Spitze: „Derzeit

spricht vieles für verstärkte strategische Übernahmen der führenden euro­

päischen und internationalen Zeitarbeitsunternehmen", heißt es in einer

Studie des Marktforschungsinstituts Lünendonk.

Töchter im Verleihgeschäft

Zu den Marktführern der Branche gehören neben Adecco und Co. mittler­

weile auch die Tochter-Gesellschaften großer deutscher Unternehmen,

die ihre Beschäftigten innerhalb und außerhalb des Konzerns verleihen.

Große deutsche Unternehmen gliederten in den vergangenen Jahren Tau­

sende von Mitarbeitern/-innen in solche Tochterunternehmen aus. Die

Betroffenen arbeiten in vielen Fällen an gleicher Stelle als Leiharbeitskräfte

VIVENTO weiter - oft zu deutlich schlechteren Konditionen. Bei „Vivento", dem

Mitarbeiterverleih der Deutschen Telekom, arbeiten zurzeit rund 8.000 Be­

schäftigte, die nach den Worten von Konzernchef Obermann im Unter­

nehmen „auf Dauer keine Beschäftigungsperspektive hatten". Über „DB

Zeitarbeit" sind rund 3.000 Leiharbeitskräfte großteils im Deutsche

Bahn-Konzern beschäftigt.


Märkte, Macher, Machenschaften 25

Ein anderes Modell verfolgt der Volkswagen-Konzern: Seine Leiharbeits- AUTOVISION

tochter AutoVision erzielt mit 7.000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von

280 Millionen Euro und ist damit der zwölftgrößte Anbieter der Personal­

dienstleistungsbranche. Autovision ist neben der WOB AG (die je zur Hälfte

VW und der Stadt Wolfsburg gehört) eine Art Personaldrehscheibe. Sie sorgt

dafür, dass in den ostdeutschen VW-Werken so viel Personal eingesetzt

werden kann wie dort jeweils benötigt wird, und verleiht auch an Betriebe

außerhalb des VW-Konzerns. Die Mitbestimmung zu umgehen war - im

Gegensatz zu vielen anderen Leiharbeitsfirmen - keine Motivation, Autovision

zu gründen: Der VW-Verleiher ist voll in die Betriebsrats-Strukturen des

Autobauers einbezogen.


Betriebsrat? Fehlanzeige.

Keine betriebliche Mitbestimmung

bei kleinen Leiharbeitsfirmen

Mehr als die Hälfte der Leiharbeitsunternehmen hat weniger als

40 Mitarbeiterinnen. Arbeitnehmerrechte durchzusetzen fällt in diesen

Betrieben oft besonders schwer.

Wie sie Harald Elter loswerden wollten, war fast schon kriminell. Der 52-jäh­

rige hatte sich auf dem Weg zu einem Einsatz für seine Leiharbeitsfirma

verletzt. Während er im Krankenhaus lag, schickte ihm sein Arbeitgeber einen

Aufhebungsvertrag für seine Stelle als Leiharbeiter. Unterzeichnet war das

Dokument nicht nur von seinem Chef, es trug auch die vermeintliche Unter­

schrift von Harald Elter. „Ich wusste aber genau, dass ich das niemals unter­

Märkte, Macher, Machenschaften 27

schrieben hatte", sagt Elter. „Außerdem war der Vertrag auf einen Tag datiert, FÄLSCHUNG

an dem ich bereits im Krankenhaus lag." Weil Harald Elter wegen seiner

Verletzung für längere Zeit ausfiel, wollte ihn die Leiharbeitsfirma möglichst

schnell loswerden. Die Unterschrift unter seiner Kündigung war eine Fäl­

schung. Erst Monate nach seiner Kündigung wurde das auch vor Gericht

festgestellt. „In der Zwischenzeit gab es niemanden, der mir helfen konnte",

sagt Harald Elter. „Einen Betriebsrat gab es bei uns schließlich nicht."

Kein Betriebsrat weit und breit

Mehr als 14.000 Unternehmen verdienen in Deutschland ihr Geld mit Leih­

arbeit. Der Großteil davon sind kleine und mittelständische Unternehmen.

Hier ist es für Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter oft besonders schwer,

ihre Rechte durchzusetzen. Denn Betriebsräte, die helfen können, gibt es in

vielen Fällen nicht. Abgesehen von den wenigen großen Unternehmen ist

betriebliche Mitbestimmung in der Branche nach wie vor eine Seltenheit. Das

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) versuchte im Jahr 2006

Betriebsräte in kleinen und mittleren Leiharbeitsunternehmen ausfindig

zu machen. Trotz intensiver Suche konnte das IAB keinen einzigen finden.


Wachsam, wenn es darum geht, Betriebsratswahlen zu unterdrücken

Der Anteil der kleinen und mittleren Verleihbetriebe am Leiharbeitsmarkt ist

groß: Über 80 Prozent der Leiharbeitsunternehmen beschäftigen weniger

als 100 Mitarbeiterinnen. Mehr als die Hälfte aller Verleihbetriebe hat sogar

weniger als 40 Beschäftigte. Sich zu organisieren fällt unter solchen Umstän­

den besonders schwer: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden meist

in unterschiedlichen Betrieben eingesetzt, was dazu führt, dass viele Leihar-

beitsbeschäftigte ihre Kollegen gar nicht kennen. Außerdem gilt: Je kleiner

der Verleihbetrieb ist, umso wachsamer sind die Augen des Chefs, wenn es

darum geht, Betriebsratswahlen zu unterdrücken.

So war es auch bei Timo W.* Er arbeitete für ein mittelständisches Leihar­

beitsunternehmen in Nordrhein-Westfalen und war als Staplerfahrer bei

einem Automobilzulieferer eingesetzt. Mit seinem Arbeitgeber wäre er ganz

zufrieden gewesen, hätte es da nicht die vielen Unregelmäßigkeiten bei den

Abrechnungen gegeben. Mal wurde vergessen die Überstunden zu bezahlen,

mal fehlten die Zuschläge für Einsätze am Wochenende. Die Fehler auf dem

Gehaltszettel kamen so häufig vor, dass es fast schon nach Absicht aussah.

Dagegen wollte Timo W. etwas tun. „Auch wenn es nur um einen Euro geht:

Das ist mein Euro, den habe ich verdient."

Kündigung statt Betriebsrat

Zusammen mit mehreren Kollegen wollte W. den ersten Betriebsrat

in der Geschichte seiner Verleihfirma gründen, um das Problem mit den

falschen Abrechnungen zu beseitigen. Die Vorbereitungen zur Betriebsrats­

wahl waren bereits weit fortgeschritten, doch mit einem Schlag wurde der

Plan vernichtet: Mitte April wurde W. gekündigt. Und nicht nur ihm. Alle

Beteiligten an der Betriebsratswahl mussten gehen. Offiziell hieß es, es gäbe

zu wenige Aufträge. W. ist sich aber sicher: Die Leiharbeitsfirma wollte so

lediglich verhindern, dass ein unbequemer Betriebsrat zustande kommt. Ob

die Kündigung rechtmäßig war, werden nun die Gerichte entscheiden.

Löhne von unter sechs Euro die Stunde keine Seltenheit

Ein Problem ist für viele Beschäftigte kleiner Leiharbeitsfirmen nicht nur

der fehlende Betriebsrat, sondern auch die schlechte Bezahlung: Der Arbeit­

geberverband Mittelständischer Personaldienstleister (AMP) vertritt nach

eigenen Angaben rund 1.100 kleine und mittelständische Leiharbeitsfirmen.

Der Verband vereinbarte die niedrigsten Tarifverträge der Branche mit

den so genannten „christlichen Gewerkschaften". So kamen Löhne von unter

sechs Euro pro Stunde zustande.


Es geht auch anders

Doch unter den kleinen Leiharbeitsunternehmen finden sich nicht nur

Ausbeuter, die Dumping-Löhne bezahlen. Leiharbeit kann auch im Sinne der

Unternehmen eingesetzt werden und trotzdem die Rechte der Arbeitneh-

Märkte, Macher, Machenschaften

mer/-innen wahren. Die Kooperationsinitiative Maschinenbau in Braunschweig KOOPERATIONS-

ist so ein Beispiel. Hier haben sich 22 mittelständische Unternehmen zusam- INITIATIVE

R

mengeschlossen und verleihen sich gegenseitig ihre Mitarbeiterinnen und Mit­

arbeiter. Wenn in einer der Mitgliedsfirmen Not am Mann ist, helfen die an­

deren mit ihrem Personal aus. Bei der schlechten Auftragslage vor einigen Jah­

ren gelang es so, Arbeitsplätze zu erhalten. Heute gibt es wieder viel zu tun

und die Gemeinschaft hilft, wenn Fachkräfte fehlen. Selbstverständlich dürfen

die Beschäftigten bei jedem Einsatz selbst entscheiden, ob sie wirklich ver­

liehen werden möchten. Und bezahlt werden die Ausgeliehenen der Braun­

schweiger Initiative nicht wie Beschäftigte zweiter Klasse, sondern so wie alle

anderen auch.

*Name geändert

MASCHINENBAU


Tatort „Marienhof"

Die Macht der Lobbyisten

Jenny freut sich: „Ich habe einen Job!", ruft sie. „Bei dieser Leiharbeits-

firma?", fragt ihr Freund Matthias. „Nicht nur einen Job!", strahlt Jenny,

„eine richtig feste Anstellung!" Was dann folgt, ist ein Jubelgesang über

flexible Arbeitszeiten, Sozialversicherung, Urlaubsgeld und 13. Monatsge- Als I

halt, und überhaupt, über die Abwechslung in einer solchen Anstellung. Da i;

Leiharbeit, da ist sich Jenny sicher, ist eine tolle Sache: „Durch die unter- ihn r

schiedlichen Einsätze ist Abwechslung garantiert." Radi

Sein

58.670 Euro für acht Folgen Jubel über Leiharbeit men

Jenny und Matthias sind Figuren in der ARD-Vorabendserie Marienhof. Doch dam

mit unverfänglichem Soap-Geplapper hatte deren Folge 1938 nichts zu tun. kabi

Denn die Dialoge sind im Auftrag der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft' unte

(INSM) entstanden. Nur durch ihr Geld haben sie den Weg ins Drehbuch und tiker

auf die Bildschirme geschafft. Die INSM ist eine Lobbyorganisation des Arbeit mit 5

geberverbandes Gesamtmetall. Seit Jahren kämpft sie gegen Kündigungs- Euro

schütz und soziale Sicherung, und versucht dabei gezielt, die Grenzen zwi­

schen Journalismus und PR zu verwischen. Die INSM hat der Produktionsfirma Wie <

von „Marienhof" 58.670 Euro gezahlt, damit Jenny und die anderen acht sein«

Folgen lang über Leiharbeit und andere angebliche Segnungen eines „flexib- über

leren" Arbeitsmarktes jubeln. Prob

Arbe

Die Schleichwerbung im Marienhof ist nur ein besonders Aufsehen erregen- uns i

des Beispiel für die Lobbyarbeit der Leiharbeits-Verfechter. Ob Politiker

in Aufsichtsräten oder große Aktionen in den Medien: Immer wieder gelingt Polit

es den Leiharbeits-Lobbyisten, Politiker und Medien für ihre Zwecke ein- Ein a

zuspannen. hafte

sider

Gere

Gast

scha


Als Dankeschön ein Aufsichtsratsposten

„Marienhof":

Geld für's Drehbuch

Da ist zum Beispiel „Mr. Leiharbeit" Wolfgang Clement, wie der „Stern"

ihn nannte. Der ehemalige Wirtschafts- und Arbeitsminister war es, der die

Radikalreform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes durchdrückte.

Sein Gesetz entsprach fast eins zu eins den Forderungen der Leiharbeitsfir-

men. Adecco, die größte dieser Firmen, hat nicht vergessen, was Clement

damals für sie getan hat. Nach dem Ausscheiden Clements aus dem Bundes­

kabinett gab es für ihn erst einen Aufsichtsratsposten in einem Tochter­

unternehmen, dann ein ganzes Institut: Seit Oktober 2006 ist der SPD-Poli­

tiker Vorsitzender des „Adecco Institute zur Erforschung der Arbeit", das

mit Studien „einen wesentlichen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung

Europas leisten möchte", wie Clement großspurig verkündete.

Wie diese gesellschaftliche Entwicklung nach Meinung von Clement und

seinem Geldgeber auszusehen hat, zeigte sich dann schnell: Das Institut klagt

über zu wenig gut ausgebildeten Nachwuchs, weshalb die Unternehmen vor

Problemen stünden. Für Clement ist außerdem klar, „dass der Faktor private

Arbeitsvermittlung in fast allen europäischen Ländern, aber nicht zuletzt bei

uns in Deutschland, erheblich an Bedeutung gewinnen muss".

Politiker gegen Mindestlohn

Ein anderer Politiker, der zwar noch im Amt ist, aber trotzdem ein zweifel­

haftes Verhältnis zur Leiharbeitsbranche pflegt, ist der hessische Ministerprä­

sident Roland Koch. Der CÜU-Spitzenpolitiker ist nicht nur bekannt für sein

Gerede vom „Lebensstil Sozialhilfe", sondern öfters auch mal bei der INSM zu

Gast. Koch pflegt obendrein ein gutes Verhältnis zu der Dumpinglohn-Gewerk­

schaft CGM. Auf deren Bundeskongress in Frankfurt hat er im Oktober 2007

ein Grußwort gesprochen.

Märkte, Macher, Machenschaften 31

NACHWUCHS

MINDESTLÖHNE


Die CGM habe sich „in der Politik durch ihr konstruktives Verhalten als

verlässlicher Sozialpartner einen Namen gemacht", lobte Koch und wurde

dafür von den versammelten CGMIern mit Applaus bedacht. Koch lehnt -

ebenso heftig wie die „christlichen Gewerkschaften" - einen gesetzlichen

Mindestlohn für die Leiharbeitsbranche ab.

Koch ist nicht der einzige CDU-Ministerpräsident, der auf einem CGM-Bundes-

kongress sprach. Auch der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus trat

dort auf. Und ein dritter CDU-Landesvater wurde aktiv, als im April 2008 der

CGM-Vorsitzende Reinhardt Schiller als „herausragender baden-württember­

gischer Gewerkschafter" mit der Landesmedaille von Baden-Württemberg

ausgezeichnet wurde: Er erhielt sie von Ministerpräsident Günther Oettinger.

Auch die Medien mischen mit

Doch nicht nur Politikerinnen und Politiker tun sich gerne mal mit der Leih­

arbeitsbranche zusammen. Auch die vierte Macht im Staate ist dabei. Ganz

vorn: „Bild". Deren Online-Portal hatte gemeinsam mit Randstad im Früh­

jahr 2007 die Kampagne „2007 Jobs für Deutschland" ausgerufen. Unter dem

Slogan „Die schnellsten Jobs Deutschlands" versprachen das Boulevard-Blatt

und der Leiharbeits-Riese, innerhalb von sechs Wochen 2007 Jobs zu vermit­

teln. Was aus den Teilnehmern/-innen geworden ist, wie viele von Ihnen

wirklich in einen dauerhaften Job gekommen sind, darüber findet man auf

„www.bild.de" nichts.

job@city Und dann gibt es da noch „Job@City". Das ist ein Gratismagazin, das seit

JO

Arbeit • Bei

Mogozin für Arbeitgeber, Arbeih

| Blickfeld Beruf

: Fi

I

September 2007 vor allem im Kölner Raum, mittlerweile aber auch in Halle

und anderen Städten, in Kneipen und Fastfood-Ketten ausliegt. Die Auf­

lage liegt bei über 80.000 Exemplaren und soll weiter steigen.

ity

erspektiven

.rbeitsucnende und Existenzgrunder

Branche reinigt Image / Bewerber mangel spürbar •Bä^^^.

B O O M Zeitarbeit HB

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ran Coorh IKmi (tttUj '- J/' 9W*


Es nennt sich selbst „Verbrauchermagazin" und macht mit Texten über

EC-Karten-Betrug oder die besten Spar-Tricks auf. Auf den ersten Blick hat

das mit Stimmungsmache nichts zu tun. Doch auf den zweiten Blick fällt

auf, wie umfangreich und durchgehend positiv die Berichterstattung über

Leiharbeit in dem Magazin ausfällt. Schon in der zweiten Ausgabe im Oktober

2007 jubelte die Titelgeschichte über den „Boom Zeitarbeit" und zeigte

großes Verständnis, „dass sie anhand des momentanen Erfolges als Segen

betrachtet wird".

*

Direkt im ersten Teil der Serie übernahm die Redaktion wörtlich die Defini­

tion des Arbeitgeberverbandes BZA für Leiharbeit. Darin heißt es unter

anderem: „Zeitarbeitsunternehmen sind Arbeitgeber wie andere Arbeitgeber

auch." - Dass sie bei gleicher Arbeit meist deutlich schlechter bezahlen,

erwähnt „Job@City" nicht.

Lobbyarbeit, getarnt als journalistische Naivität

In ähnlicher Manier geht es weiter: Da ist zum Beispiel ein Interview mit

dem BZA-Hauptgeschäftsführer Ludger Hinsen in der Mai-Ausgabe, das im

Editorial so angekündigt wird: „Im Bundesverband für Zeitarbeit will er

für gerechtere Bedingungen am ,Motor der Beschäftigung' sorgen. Sein fröh­

liches Gesicht lässt es mich glauben." Auf den ersten Blick könnte man das

als journalistische Naivität abtun. Doch auf den zweiten Blick wird die Sache

Märkte, Macher, Machenschaften 33

kritischer: „Job@City" wird gemacht von der „Jobkontakt GmbH". Die nennt JOBKONTAKT GMBH

sich selbst „Dienstleister zur Optimierung der Vermittlungsprozesse in eine

sozialversicherungspflichtige Beschäftigung." Das passt nicht so recht zum

Herausgeber eines „Verbrauchermagazins". Jörg Prüfer, Chef der Jobkontakt

GmbH, ist selbst öfters mal zu Gast auf Kongressen des Arbeitgeberver­

bandes iGZ und hat für das „AUG Netzwerk Kompetente Personallogistik",

einen weiteren Interessenverband von Firmen aus der Leiharbeitsbranche,

ein „Bewerbermanagementsystem" konzipiert.

Rüge vom Deutschen Rat für Public Relations

Im „Marienhof" hatte das persönliche Bewerbungsmanagement von Jenny

natürlich ein Happy End: Sie wurde rund 40 Folgen später in eine Festanstel­

lung übernommen. Eher lange Gesichter gab es dagegen bei der INSM:

Die Arbeitgeberlobby kassierte für ihre Schleichwerbung eine öffentliche

Rüge vom Deutschen Rat für Public Relations.


34

EIRO

Leiharbeit im europäischen Vergleich

Unterschiedliche Rechtssysteme erschweren

europaweite Umsetzung von „Equal treatment"

Leiha. beiteiV-innen und Festangestellte sollen die gleichen Rechte

haben - so lautet die europaweite Forderung. Doch unterschiedliche Rechts­

systeme machen die Umsetzung schwierig. Rund acht Millionen Menschen

sind in der Europäischen Union (EU) als Leiharbeitskraft beschäftigt. Die

meisten verdienen trotz gleicher Arbeit oft deutlich weniger Geld als ihre

Kollegen, haben kaum soziale Sicherheiten und bekommen weniger Urlaub.

Gerade Deutschland ist beim Schutz der Beschäftigten in Leiharbeit alles

andere als ein europäischer Musterknabe.

Leiharbeit in Europa - das ist ein Dauerthema, das sich seit fast einem Jahr­

zehnt hinzieht. Schon 1999 wies das European Relations Industrial Observato-

ry (EIRO) auf die schlechten Bedingungen der Leiharbeiter/-innen in den da­

mals 15 EU-Ländern hin. Und seit 2002 wird versucht, einen Gesetzesvorschlag

für eine Rahmenregelung der Leiharbeit zu verabschieden. Die zentrale Forde­

rung: Festangestellte und Leiharbeitsbeschäftigte sollen gleich behandelt

werden.

Unterschiedliche Rechtssysteme erschweren Vereinheitlichung

Die Schwierigkeit, zu einheitlichen Regeln zu kommen, liegt unter anderem

in den unterschiedlichen Rechtssystemen - dem EIRO zufolge „vor allem

an der Dreiecks-Beziehung des Vertrags zwischen Verleihfirmen, Entleihern

und Angestellten". Das mache die Aufgabe „sehr komplex".

Auch die Arbeitsmarktsysteme in den EU-Mitgliedsländern sind völlig un­

terschiedlich. Beispiel Dänemark: Dort sind Flexibilität und Schutz von

Beschäftigten ganz anders austariert als in Deutschland. Die Dänen kennen

auf der einen Seite fast keinen gesetzlichen Kündigungsschutz. Doch für

immerhin 60 bis 70 Prozent der dänischen Beschäftigten ist er über Tarifver­

träge geregelt, und Arbeitslose bekommen dort eine deutlich höhere

Unterstützung als in Deutschland. Bei den Dänen ist Leiharbeit nicht ein­

mal als separate Beschäftigungsform gesetzlich definiert.


Ein früheres Gesetz wurde abgeschafft und die Regelung der Tarifpolitik über­

lassen - gleiche Bezahlung gilt als Selbstverständlichkeit. Nächste Schwie­

rigkeit: In Ländern wie Irland, Griechenland, Norwegen, Portugal und Großbri­

tannien gibt es keinen Flächentarifvertrag, sondern lediglich Firmenabkom­

men. Wenn also gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit gelten soll, woran soll

man sich orientieren?

Märkte, Macher, Machenschaften

Einer Studie der European Foundation for the Improvement of Living and EUROFOUND

Working Conditions (Eurofound) von 2006 zufolge werden Leiharbeiter/-innen

grundsätzlich definiert als „Beschäftigte einer Zeitagentur, die aber unter der

Weisungsbefugnis der Entleihfirma arbeiten". Nur in Irland ist die Situation

einzigartig: dort gilt eine Leiharbeitskraft als Angestellte/-r der Entleihfirma.

Dort gibt es - ebenso wie in Großbritannien - keinerlei Vorgaben, wie genau

ein Arbeitsvertrag von Leiharbeitskräften aussehen soll.

Leiharbeit in der erweiterten Europäischen Union

Gesetzliche Regulierung der Leiharbeit

in den EU15 und Norwegen

Land

Belgien

Equal

Treatment

Grund des

Einsatzes

Zeitliche

Begrenzung

Beschäftigungsmöglich­

keit eingeschränkt

Portugal X X X X

Frankreich X X X X

Spanien X X - X

Luxemburg X X X -

Griechenland X - X -

Deutschland X - - •

Italien X X - -

Österreich, Finnland,

Niederlande

X — -

Norwegen - X -

Großbritannien, Däne- -

mark, Schweden, Irland

Quelle: http://www.eurofound.europa.eu/

European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions 2005


In den meisten EU-Ländern brauchen Leiharbeitsfirmen eine Lizenz, um

tätig zu sein. In einigen Ländern wie Frankreich oder Luxemburg müssen die

Firmen gar regelmäßig bei den Behörden Bericht erstatten. Norwegen und

Schweden haben dagegen keine Lizenzvereinbarungen. Finnland, die Nieder­

lande und Großbritannien haben ihre Lizenzvorschriften Mitte der 1990er

Jahre abgeschafft.

Regelungen zum Einsatz von Beschäftigten in Leiharbeit

Strenge Regeln gelten in vielen europäischen Ländern auch für den Einsatz

von Leiharbeitskräften. In Belgien dürfen sie nur unter drei Umständen ein­

gesetzt werden: um eine/-n Stammarbeiter/-in zeitweilig zu ersetzen, wenn

die Firma die anfallende Arbeit sonst nicht schaffen würde und für ungewöhn­

liche Arbeit. Wie lange Verliehene dort eingesetzt werden dürfen, hängt auch

davon ab, ob die Gewerkschaft zustimmt. Auch in Portugal dürfen Leiharbei­

terinnen und Leiharbeiter nur eingesetzt werden, um die Belegschaft zu

unterstützen, um abwesende Mitarbeiter/-innen zu ersetzen, für Saisonarbeit

oder um eine kurzzeitig aufgetretene Lücke in der Belegschaft zu füllen.

Grundsätzlich sollte eine Leiharbeitskraft dort nicht länger als sechs Monate

eingesetzt werden, der Einsatz kann auch nur auf maximal zwei Jahre verlän­

gert werden.

In Luxemburg darf ein Leiharbeitsverhältnis maximal 12 Monate andauern

und kann auch nur bis zu zwei Mal verlängert werden. Alles was darüber hin­

ausgeht, gilt als unbefristeter Vertrag. In Frankreich dürfen Leiharbeitskräf­

te Festangestellte nur kurzzeitig ersetzen oder eine Stelle einnehmen, so­

lange hierfür noch keine Stammbeschäftigten gefunden sind. Erst 2005 hat

die französische Regierung zwei weitere Gründe eingeführt: Erstens, um

älteren, behinderten oder gering qualifizierten Arbeitslosen den Wiederein­

stieg ins Berufsleben zu erleichtern und zweitens, um berufliche Ausbil­

dung zu ermöglichen.

Frankreich und die Niederlande belohnen Leiharbeiter mit extra Prämien

In Deutschland wird Leiharbeit offen dazu genutzt, einen Niedriglohnsektor

zu etablieren. Anders beispielsweise in Frankreich: Dort haben Zeitarbeits­

kräfte nicht nur Anspruch auf den gleichen Lohn wie vergleichbare Stammbe­

schäftigte, sondern sie erhalten zusätzlich sogar noch eine so genannte

„Prekaritätsprämie" in Höhe von zehn Prozent. Auch in den Niederlanden wird

Leiharbeit mit einem Flexibilitätszuschlag belohnt.


Märkte, Macher, Machenschaften

Dass es europaweit jahrelang bei der Gleichbehandlung nicht weiterging, EU-RICHTLINIE

lag vor allem an Großbritannien und Deutschland. Die Regierungen bei­

der Länder sperrten sich gegen einheitliche Regelungen bei Leiharbeit und

Arbeitszeit. Erst als die Briten sich bewegten, konnte sich der EU-Minister­

rat im Juni 2008 auf einen Richtlinienentwurf einigen. Dieser Entwurf muss

noch das Europäische Parlament passieren, bevor er gilt.

Auf den ersten Blick scheint die EU-Richtline ein Durchbruch. Die „wesent­

lichen Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der Leiharbeitnehmer

entsprechen (...) mindestens denjenigen, die für sie gelten würden, wenn sie

(...) unmittelbar für den gleichen Arbeitsplatz eingestellt worden wären",

soder Entwurf in Kapitel II, Artikel 1, Absatz 1. Die Einschränkung folgt jedoch

bereits in Absatz 3. Dort wird den EU-Ländern die Möglichkeit eingeräumt,

„Tarifverträge aufrechtzuerhalten oder zu schließen, (...) welche von den in

Absatz 1 aufgeführten Regelungen abweichen können." Für Deutschland

bringe die Einigung somit „keinen Fortschritt", kritisiert Detlef Wetzet, Zweiter

Vorsitzender der IG Metall.


I

LEIHARBEIT-

DIE SCHWARZE SEITE

Der Skandal hat Methode

Gleichen Lohn für gleiche Arbeit: Nicht mehr und nicht weniger wünschen sich

die rund 700.000 Menschen, die in Deutschland als Leiharbeitnehmer/-innen tätig

sind. Wie ihre Realität aussieht, davon berichtet dieser Statusreport.


„Nun stellen Sie sich mal nicht so an"

Leidensweg eines Leiharbeiters

Dass er einmal froh darüber sein würde, seinen Job zu verlieren, hätte

Joachim Backes auch nicht gedacht. Er wollte ja arbeiten, er wollte sich

seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. „Aber nicht so", sagt er. Und

damit meint Backes seine fast zweijährige Arbeit als Leiharbeiter für

den Personaldienstleister Tremonia. Eine Zeit, von der der 49-jährige im

Nachhinein sagt: „So etwas zu erleben, das wünsche ich niemandem."

Begonnen hatte alles im Juni 2006. Joachim Backes, gelernter Kfz-Mecha-

niker, war damals Hartz-IV-Empfänger und auf der Suche nach Arbeit. In der

Zeitung entdeckte er eine Anzeige für eine Produktionshelfer-Stelle ganz in

seiner Nähe, in der von übertariflicher Bezahlung die Rede war. Backes rief an.

Wenige Tage später saß er in der Bonner Filiale des Personaldienstleisters

Tremonia. Erst da wurde Backes klar, dass er sich auf eine Leiharbeitsstelle

beworben hatte. In der Anzeige war davon keine Rede gewesen. Dann ging

alles sehr schnell: Arbeitsbeginn sei quasi sofort, teilte man ihm mit, und

wenn er den Vertrag nicht zügig unterschreibe, eine Bedenkzeit erbete oder

gar ablehne, müsse man die zuständige ARGE eben davon unterrichten, dass

er arbeitsunwillig sei. Backes war klar: Diese Meldung bei der ARGE-der

Arbeitsgemeinschaft zwischen Kommune und Arbeitsagentur - hätte bedeu­

tet, dass sein Hartz IV gekürzt oder gar gestrichen würde. Was blieb

ihm übrig? Backes unterschrieb.

Leiharbeit - die schwarze Seite

Wenn er den Vertrag nicht zügig unterschreibe,

eine Bedenkzeit erbete oder gar ablehne, müsse

man die zuständige ARGE davon unterrichten,

dass er arbeitsunwillig sei.

In den ersten drei Monaten war er noch optimistisch. Die Firma, in der er

arbeitete, gefiel ihm, „und ich war so fleißig, dass ich mir echte Hoffnungen

auf eine Festanstellung gemacht habe", erinnert Backes sich.


Da nahm er manches hin, zum Beispiel bei der Arbeitskleidung: Selbst

mitbringen war nicht erlaubt, Schuhe und Klamotten mussten bei der Firma

geliehen werden und wurden vom Lohn abgezogen.

Oder beim Entgelt: Erst am 20. des Folgemonats bekam Backes seinen Lohn

von Tremonia ausgezahlt - der dann auch mehr als mickrig war: 6,15 Euro

pro Stunde bekam er brutto. Tremonia zahlte nach dem Dumpinglohn-Tarifver­

trag der „christlichen Gewerkschaften". Im ersten Monat arbeitete Backes

120 Stunden - und hatte am Ende gerade mal 575 Euro auf dem Konto. Mit

der übertariflichen Bezahlung, die ihm die Anzeige versprochen hatte, war es

nicht weit her. Und auch von der Hoffnung auf eine feste Stelle musste

Backes sich bald verabschieden - von einem Tag auf den anderen wurde er

zu einer neuen Firma beordert.

Im ersten Monat arbeitete Backes

120 Stunden und hatte am Ende gerade

mal S75 Euro auf dem Konto.

Mittagspausen waren verboten, und auf die

Toilette sollte man gefälligst zu Hause gehen.

Dort waren die Bedingungen ungleich schlechter: Mittagspausen waren

verboten, und auf die Toilette sollte man gefälligst zu Hause gehen. Auch die

Kosten für die Fahrt zu dem weit entfernten Arbeitsplatz wurden nicht er­

stattet. „Ich musste drei Monate lang das Haus um halb fünf Uhr morgens

verlassen und war erst um 19 Uhr wieder da - und das bei einem Achtein-

halb-Stunden-Tag!" erregt sich Backes noch heute.

Wenn Backes mal wieder zu einer neuen Stelle geschickt werden sollte,

dann ging dafür schon mal ein halber Tag drauf. Die Disponenten der Tremo-

nia-Filiale in Bonn ließen ihn warten. Bezahlt wurde Backes dafür nicht -

neue Stellenanweisungen galten als Privatzeit. Eine schriftliche Übersicht

der Urlaubstage oder Überstunden gab es sowieso nicht.

So ging es fast zwei Jahre. Manchmal beschwerte sich Backes. Zum Beispiel

darüber, dass er, obwohl er kein Auto hat, zu weit entfernten Firmen beordert

wurde, zu denen keine Busse oder Bahnen fuhren.


Er solle sich mal nicht so anstellen, sagten ihm dann die Tremonia-Ange-

stellten, er könne doch mit dem Fahrrad fahren. Eigentlich hatte Joachim

Backes gehofft, durch seinen Job wieder Anschluss zu bekommen - ein ganz

normales Leben jenseits von Hartz IV führen zu können. Stattdessen muss-

te er erfahren, wie die unberechenbaren Arbeitsbedingungen in der Leiharbeit

seinen Alltag zunehmend zerstörten: „Arzttermine zu machen war fast un­

möglich", beschreibt er sein Dilemma. „Die Arbeitszeiten und -orte können

sich ja von einem Tag auf den anderen ändern." Auch wurde von ihm ver­

langt, seinen Urlaub zu unterbrechen, um ein paar Schichten abzureißen. Wer

dazu nicht bereit war, kassierte eine Abmahnung.

Bezahlt wurde er als Hilfsarbeiter,

in der Praxis arbeitete Backes auch

als Maschinenführer.

Auch mit der Art seiner Arbeit nahm es Tremonia nicht so genau: Eingestellt

und bezahlt wurde er als Hilfsarbeiter. In der Praxis arbeitete Backes als

Maschinenführer, aber auch in der Maschinenwartung, in Schlossereien und

beim Innenabriss von Gebäuden.

Im März 2008 lief das Fass dann über, Joachim Backes konnte nicht mehr.

An einem Freitagabend kam die E-Mail von Tremonia, er habe sich am Sonn­

tagabend zur Spätschicht bei einem neuen Betrieb einzufinden. Doch dort­

hin fuhr um die Zeit kein Bus mehr, und draußen schneite und regnete es.

Backes hätte allein für den Hinweg über zehn Kilometer mit dem Fahrrad

durch das unwirtliche Wetter strampeln müssen. Seine Herzklappe ist nicht

mehr ganz gesund, er hatte Angst um seine Gesundheit. Er blieb zuhause.

Am Montag war er seinen Job los, Tremonia hatte ihm gekündigt. Die Leihar-

beits-Odyssee des Joachim Backes war beendet.

Leiharbeit - die schwarze Seite 41


Der Fall Nokia

Oder wie man mit Leiharbeit

den Kündigungsschutz aushebelt

Eineinhalb Jahre hat Peter P.* beim Handyhersteller Nokia Mobiltelefone

zusammengebaut. Nie war Nokia selbst sein Arbeitgeber. Immer war er

ausgeliehen über Leiharbeitsfirmen. Als das finnische Unternehmen Mitte

Januar 2008 aus heiterem Himmel bekannt gab, das Bochumer Werk zu

schließen und die Produktion nach Rumänien zu verlagern, stand Peter P.

schon eine Woche später auf der Straße.

Kurz zuvor hatte er die Leiharbeitsfirma wechseln müssen. Bei der neuen

war er wieder in der Probezeit - sie konnte ihn sofort entlassen. Ohne

Anspruch auf eine Abfindung. Wie Hunderte seiner Kollegen, die bei Nokia

als Leiharbeiter eingesetzt waren.

Der Fall Nokia demonstriert eindrucksvoll, dass die Unternehmer nicht alle

Motive nennen, warum sie Leiharbeit einsetzen: Abdeckung von Auftragsspit­

zen, Sprungbrett in den Arbeitsmarkt - all das klingt nachvollziehbar und

positiv, ist aber nur die halbe Wahrheit. Höchstens.

Ein aktuelles Beispiel aus der Praxis ist Nokia. Das Unternehmen ist durch dea'Einsatz von

Zeitarbeitern in der Lage flexibel zu agieren und die Produktion schneller von Bochum nach

Rumänien zu verlagern.

Quelle: Hamburger

— — T T - — - — - . —— — ——

Fern-Hochschule (HFH),

Studienbrief- Heft 4, 2008


Das belegt auch Schulungsmaterial, das in der Leiharbeitsbranche kursiert.

So etwa ein „Studienbrief" der Hamburger Fern-Hochschule. Ihn verfassten

Kerstin Hooß und Edgar Schröder, die als Berater der Zeitarbeitsbranche tätig

sind. Heft 4 beschäftigt sich seitenlang mit der „Ökonomie von Personal­

dienstleistungen".

Leiharbeit - die schwarze Seite

„ Kündigungsvorschriften beispielsweise

beschränken die Flexibilität von Unternehmen,

jedoch können diese durch die Einstellung

von Zeitarbeitskräften umgangen werden."

Ganz schnell kommen Hooß und Schröder auch zum Fall Nokia: „Das Unter­

nehmen ist durch den Einsatz von Zeitarbeitern in der Lage, flexibel zu

agieren und die Produktion schneller von Bochum nach Rumänien zu ver­

lagern."

Hooß und Schröder schreiben weiter: „Kündigungsvorschriften beispielswei­

se beschränken die Flexibilität von Unternehmen, jedoch können diese durch

die Einstellung von Zeitarbeitskräften umgangen werden." Das Autoren­

team rühmt ausdrücklich die „Nutzung von Personaldienstleistungen zur Um­

gehung gesetzlicher Arbeitsmarktvorschriften".

Bei aller Marktgläubigkeit bricht die Moral sich zumindest in einem Halb­

satz Bahn. Leiharbeit als Kündigungs-Beschleuniger - das sei zumindest ein

„gesellschaftlich negativer Aspekt".

* Name geändert


anvertrj

Verleihfi

geweser


„Hauptsache Arbeit"

Einblicke in den Alltag eines Leiharbeiters

Die Festanstellung immer im Blick, nehmen Leiharbeiter häufig klaglos

ungerechte Behandlung in Kauf. Eine wahre Geschichte:

Carsten S.* arbeitet seit zwei Jahren bei einem kleinen Zeitarbeitsunterneh­

men in der Nähe von Koblenz. Nach der Lehre als Anlagenmechaniker über­

nahm ihn der mittelständische Ausbildungsbetrieb nicht, er wurde arbeitslos.

Ich will arbeiten, sagte sich Carsten S. und heuerte bei der Zeitarbeitsfirma F.

an. Sechs Tage die Woche arbeitet er bei einem Automobilzulieferer. Seite an

Seite mit langjährigen Betriebsangehörigen. Er macht die gleiche Arbeit.

„Manchmal auch mehr, denn ich bin jung und stark. Da helfe ich eben den

älteren Kollegen", sagt Carsten S.

Hauptsache Arbeit, sagte sich S. immer noch, als die Arbeitsbedingungen

für ihn immer härter wurden. Vor einigen Wochen habe ihn sein Disponent an­

gesprochen, ob er nicht an seinem freien Tag einen Auftrag übernehmen

könne für einen Kollegen in einem anderen Entleihbetrieb. Carsten S. sagte ja.

Doch als in der vergangenen Woche der Disponent wieder fragte, weigerte

er sich. Seitdem hat ihn der Disponent auf dem Kieker. „Du willst Urlaub

haben? Das muss ich mir aber genau überlegen", hat er ihm kürzlich gesagt.

Selbst der Schichtleiter beschwichtigte.

S. solle bloß nicht aufmucken. Denn in ein paar Wochen sind die Übernah­

megespräche für die zehn Leiharbeitnehmer, denen das Entleihunternehmen

einen unbefristeten Beschäftigungsvertrag anbieten will. Carsten S. ist

einer von vielen, die raus wollen aus der Zeitarbeitsfirma. Deshalb schweigt

er. Er hat überlegt, ob er sich dem Betriebsrat des Entleihunternehmens

anvertrauen soll. Andere Ansprechpartner kennt er nicht, denn von Seiten der

Verleihfirma ist er seit dem ersten Augenblick an auf sich allein gestellt

gewesen.

Leiharbeit-die schwarze Seite 45


Das fing damals an, als er morgens zum Vorstellungsgespräch gebeten

wurde und schon am Nachmittag zum Arbeitseinsatz geschickt wurde. Ein

anderer Leiharbeitnehmer hat ihn am Tor des Entleihunternehmens ab­

geholt und ihm eine kurze Sicherheitsunterweisung gegeben. Für 7,40 Euro

pro Stunde brutto arbeitet Carsten S. im Drei-Schicht-System sechs Tage

in der Woche. Früher erhielt er fünf Euro Spesengeld am Tag dazu. Die sind

seit ein paar Monaten gestrichen worden. Rund 1.000 Euro bringt er nach

Hause. Die festangestellten Kollegen erhalten zwischen 1.800 und

1.900 Euro, sagt Carsten.

Für 7,40 Euro pro Stunde brutto arbeitet

Carsten im Drei-Schicht-System sechs Tage

in der Woche.

Die Abrechnung, die er bekommt, versteht er manchmal nicht. Da sind nicht

nachvollziehbare Streichungen, Urlaubskürzungen oder Nachtzuschläge

erst ab 23 Uhr eingetragen. Anspruch auf Akkordzulagen hat er nicht. Haupt­

sache Arbeit? Mittlerweile ist Carsten skeptisch. Er hat keine Lust mehr,

Arbeiter zweiter Wahl zu sein. Doch eine befristete Festanstellung wird erst

wieder im Februar vergeben. Carsten hofft, dieses Mal dabei zu sein. Bis

dahin ist er ruhig.

Weil es ihm schlecht ging, gab er die

Krankmeldung einen Tag später ab.

Die Zeitarbeitsfirma stellte ihm umgehend

eine Abmahnung zu.

Ende Januar wurde S. dann krank. Probleme mit dem Magen, ein Infekt

jagte den anderen. Weil es ihm schlecht ging, gab er die Krankmeldung vom

Arzt einen Tag später ab. Die Zeitarbeitsfirma stellte ihm umgehend eine

Abmahnung zu. Am Montag dann wurde er angerufen, er solle innerhalb von

zwei Stunden im Personalbüro auftauchen, doch er entschuldigte sich, er

sei beim Arzt zu einer größeren Untersuchung. Was er nicht ahnte: Das war

der ausschlaggebende Punkt für die Zeitarbeitsfirma, ihm fristlos für den

nächsten Tag zu kündigen. Carsten S. ist fassungslos. Hätte er doch lieber

arbeiten gehen sollen, obwohl er krank war?


Er rief im Personalbüro an und protestierte: Er werde zum Betriebsrat des

Entleihunternehmens gehen und ihn informieren. Wenn er das tue, habe das

weit reichende Konsequenzen für ihn, hieß es. Man verbiete ihm den Kon­

takt mit „dem Kunden". Im Gegenzug solle er aber seine Arbeitskleidung zu­

rückgeben, die ihm die Zeitarbeitsfirma gestellt hat. Falls er sie nicht zu­

rückgebe, werde sie ihm vom noch ausstehenden Lohn abgezogen. Was mit

seinem Resturlaub von 18 Tagen passiere, wollte S. dann noch wissen.

Bislang hat er noch keine Antwort.

*Name geändert

Leiharbeit-die schwarze Seite 47


48

Im Namen des Wettbewerbs

Rendite steigern, Lohnkosten senken -

eine deutsche Erfolgsstory

Zum Geburtstag kam sogar der Ministerpräsident. 125-jähriges Firmenbe­

stehen. Das ist ja schließlich ein guter Grund zum Feiern für die familienge­

führte Amazone-Unternehmensgruppe, einem Landmaschinenhersteller

mit Hauptsitz in Gaste bei Osnabrück. „Unermüdlich und mit großem Ein­

satz hat die Gründerfamilie ihr Unternehmen aufgebaut und dabei immer

den Blick auf die nächste Generation gerichtet. Das nenne ich eine echte

Erfolgsstory", schwärmte Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff

in seiner Festrede. Innovationsfähigkeit, Verantwortung und Pionierlei­

stungen sind die Schlagwörter, die der CDU-Politiker immer wieder betont.

Und tatsächlich: Auf den ersten Blick wirkt Amazone wie ein wahres Vor­

zeigeunternehmen. Die insgesamt 1.500 Mitarbeiter, die auf sieben Standorte

verteilt sind, haben im vergangenen Jahr 290 Millionen Euro Umsatz erwirt­

schaftet. Ein Fünftel mehr als im Vorjahr. 80 Prozent seiner Maschinen für den

Getreideanbau exportiert Amazone ins Ausland, wo sich mit High-Tech-Agrar-

geräten gutes Geld verdienen lässt. Alleine für den Bereich Westeuropa be­

ziffert die Geschäftsführung die Umsatzsteigerung im zurückliegenden Jahr

auf stolze 35 Prozent.

„Da werden Personalkosten gedrückt ohne Ende."

Ulrich Weikert, Betriebsratsvorsitzender in der Hauptniederlassung in Gaste,

lassen solche Betriebsergebnisse kalt. Wenn Weikert über die jüngere

Firmengeschichte spricht, fallen ihm ganz andere Zahlen ein: „Vor fünf Jahren

haben gerade mal sechs Leiharbeiter hier in Gaste gearbeitet, heute sind es

176. Das sind mehr als die Hälfte der Mitarbeiter im gewerblichen Bereich."

Unter Metall-Tarif bezahlt und ohne konkrete Aussicht auf eine Festanstellung

machen die Leiharbeiter bei Amazone einen immer größeren Anteil der

Beschäftigten aus.


Intensivnutzung der Leiharbeit nimmt zu

Betriebe ab 150 Beschäftigten*

nutzen Leiharbeit in:

* und mindestens drei Leiharbeitnehmer/-innen

Quelle: lAB-Betriebspanel 1998-2006, Berechnungen Bellmann 2007

© Hans-Böckler-Stiftung 2007

geringem Umfang

(bis 5% der Belegschaft)

•H stärkerem Umfang

(über 5% der Belegschaft)

•• intensivem Umfang

(über 20%)

Leiharbeit - die schwarze Seite

1998 2002 2004 2006

Und das, obwohl es dem Landmaschinenhersteller finanziell gut geht. Kein

Wunder, dass die Stimmung des Betriebsrats am Boden ist. „Früher waren wir

hier eine große Familie. Heute werden wir Mitarbeiter wie Stiefkinder behan­

delt. Da werden Personalkosten gedrückt ohne Ende", beschreibt Weikert die

Situation.

Ufer als Leiharbeiter Übernahmechancen

haben möchte, muss sich auf Gehälter unter

Metall-Tarif einlassen.

Zu Beginn des Jahrtausends gaben die Seniorchefs Klaus und Dr. Heinz

Dreyer die Geschäftsführung an ihre Söhne Christian und Dr. Justus Dreyer

weiter. Pünktlich zum Firmenjubiläum erinnerten sich die beiden Neuen

an die ursprüngliche Firmenphilosophie: „Danke an unsere Vorfahren! Die

Werte, die sie geschaffen haben, wollen wir nachhaltig weiterentwickeln"

schrieben sie in einer Pressemitteilung. Es dürfe nämlich nicht um kurzfristige

Rendite gehen, sondern um kluges Planen und Investieren, betonen die

beiden: „Mittelfristig soll Amazone einen Umsatz von 500 Millionen Euro

pro Jahr erreichen."


Der Generationenwechsel hat bei dem Landmaschinenhersteller tiefe Spuren

hinterlassen: Offiziell, weil die Produktionskapazität im Stammwerk in Gaste

nicht ausreichte, aber ganz sicher auch, um die dortige Tarifbindung zu

umgehen, gründete die Geschäftsführung 2007 kurzerhand ein neues Werk

im acht Kilometer entfernten Leeden, das als eigenständige Gesellschaft

geführt wird. Eingestellt wird hier grundsätzlich auf Leiharbeitsbasis oder mit

einem Einzelarbeitsvertrag ohne Bindung zum Tarifvertrag der Metall- und

Elektroindustrie. Wer als Leiharbeiter Übernahmechancen haben möchte,

muss sich auf Gehälter unter Metall-Tarif einlassen. Die Belegschaft besteht

derzeit aus 34 Amazone-Mitarbeitern, die aus Gaste in die neue Gesell­

schaft wechselten und von denen jeder zweite unterhalb des Metall-Tarifs

arbeitet, sowie aus 21 Leiharbeitern.

Dass ein Landmaschinenhersteller Leiharbeiter einstellt, kann wegen der

großen Saisonabhängigkeit in der Agrarbranche durchaus Sinn machen. Das

Ausmaß der Leiharbeit und das erkennbare Ziel, die Lohnkosten durch Leih­

arbeit zu reduzieren, führen den Leiharbeitsgedanken bei Amazone jedoch ad

absurdum. Betriebsrat Weikert berichtet, dass es keine Seltenheit sei, dass

Leiharbeiter vier Jahre und länger im Betrieb bleiben, seit die gesetzlichen

Befristungen aufgehoben wurden. Ebenso komme es vor, dass Auszubilden­

de, die übernommen werden sollen, anstelle einer festen Anstellung zu einer

Zeitarbeitsfirma geschickt werden und von dieser dann wieder zurück zu

Amazone vermittelt würden. „Außerdem arbeiten Leiharbeiter bei uns längst

nicht mehr nur auf der untersten Stufe. Viele übernehmen verantwortungs­

volle Aufgaben mit Kontrollfunktionen. Sie haben Jobs, in die man

erst aufsteigen muss", sagt Weikert.

Von gleichem Lohn für gleiche Arbeit kann bei

Amazone keine Rede sein. Mitarbeiter mit Metall-

Tarif verdienen 8.600 Euro mehr im Jahr als

Leiharbeiter.

Von gleichem Lohn für gleiche Arbeit kann bei Amazone keine Rede sein.

Der Betriebsrat rechnete kürzlich aus, wie hoch die Lohndifferenz zwischen

regulär Beschäftigten und Leiharbeitern ist: Für die gleiche Tätigkeit be­

kommen die nach Metalltarif bezahlten Mitarbeiter 2.572 Euro Brutto im

Monat, während der Leiharbeiter mit nur 2.012 Euro auskommen muss.


Noch heftiger sind die Lohnunterschiede, wenn man den Jahresverdienst

vergleicht. Weil Leiharbeiter weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld beziehen,

gehen sie mit 25.500 Euro nach Hause; der Mitarbeiter mit Metall-Tarif

bekommt 8.600 Euro mehr. Eigentlich sei die Stimmung zwischen regulär An­

gestellten und Zeitarbeitern relativ gut, weil alle froh sind, überhaupt be­

schäftigt zu sein, sagt Weikert. „Aber wenn sich die Leiharbeiter diesen Lohn­

unterschied bewusst machen, sind sie natürlich frustriert."

Leiharbeit - die schwarze Seite

Beschäftigte als Kostenfaktor - am günstigsten

in der russischen Niederlassung mit 2,50 Euro

Bruttostundenlohn, am teuersten in Gaste mit

16,50 Euro brutto. Die Botschaft an die Arbeiter

in Gaste hätte nicht deutlicher sein können:

Ihr seid nicht wettbewerbsfähig.

Außerhalb des Stammsitzes in Gaste hat die Amazone-Führung es hinbe­

kommen, den Metall-Tarif komplett zu umgehen. Entweder existiert gar keine

Tarifbindung, wie beispielsweise in der Leipziger Niederlassung, oder es

gelten Tarifabschlüsse mit den „christlichen Gewerkschaften", so zum Bei­

spiel in der zweitgrößten Niederlassung in Hude. Diese Abschlüsse sind -

besonders was Urlaubs- und Weihnachtsgeld angeht - nicht mit Metallab­

schlüssen zu vergleichen. Nur in Gaste konnte sich Amazone bislang nicht der

ursprünglichen Tarifbindung entziehen. „Die Geschäftsleitung weiß, dass

wir den Laden hier jederzeit lahm legen könnten", sagt Betriebsrat Weikert.

Weites auf die rabiate Weise nicht funktioniert, übt die Geschäftsführung

auf anderem Weg Druck auf die Gaster Belegschaft aus. Bei einer Betriebs­

versammlung im Dezember 2006, ein halbes Jahr, nachdem Amazone im

Nebenstandort Hude aus der Tarifbindung ausgestiegen war, präsentierte

die Geschäftsleitung den versammelten Mitarbeitern ein Säulendiagramm,

dem zu entnehmen war, wie hoch die Kosten sind, die Mitarbeiter in den

verschiedenen Standorten verursachen. Beschäftigte als Kostenfaktor-am

günstigsten in der russischen Niederlassung mit 2,50 Euro Bruttostunden­

lohn, am teuersten in Gaste mit 16,50 Euro brutto. Die Botschaft an die

Arbeiter in Gaste hätte nicht deutlicher sein können: Ihr seid nicht wettbe­

werbsfähig. Seitdem hat sich Leiharbeiterquote im Stammsitz mehr als

verdoppelt.


„Ich hab ja keine Alternative"

Statt Lohnerhöhung weniger Urlaub -

dank „christlichem" Tarifvertrag r

„Zeitarbeit als Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt" wirbt die Annonce

in der „Thüringer Allgemeinen". Vielen Menschen in der Region geben

solche Anzeigen Hoffnung. So auch Rainer M.*, 47 Jahre alt und seit dem

Jahr 2000 Leiharbeitnehmer.

Auf dem normalen Arbeitsmarkt findet der gelernte Fußbodenleger nichts.

Seit Jahren ist er bei der gleichen Zeitarbeitsfirma beschäftigt. In all den

Jahren hat sich sein Lohn nicht geändert. 6,41 Euro brutto bekommt er die

Stunde.

In all den Jahren hat sich sein Lohn nicht

geändert. 6,41 Euro bekommt er die Stunde.

Rainer M. hat Pech gehabt. Eigentlich hätten ihm schon zwei Lohnerhöhungen

zugestanden - wenn die Verleihfirma nur im Interessenverband Deutscher

Zeitarbeitsunternehmen (iGZ) geblieben wäre. Doch als die erste Lohnerhö­

hung anstand, hat das Unternehmen den Arbeitgeberverband umgehend

verlassen und ist nun Mitgliedsunternehmen beim Arbeitgeberverband Mittel­

ständischer Personaldienstleister (AMP). Der hat - anders als iGZ und der

andere große Verband BZA - keinen Tarifvertrag mit der DGB-Tarifgemein­

schaft. Sondern er hat sich mit den „christlichen Gewerkschaften" auf einen

Tarifvertrag geeinigt, der deutlich schlechter ist.

Als der Arbeitgeber zum AMP wechselte, erhielten alle Beschäftigten ein

Kündigungsschreiben und einen neuen Arbeitsvertrag. Darin war zwar die

gleiche Bezahlung garantiert - aber im Kleingedruckten standen jede Menge

Verschlechterungen. Künftig sollten die Leiharbeiter ihre Fahrten zu den

Einsatzbetrieben selbst bezahlen.

1

a


Für Rainer ist das keine Kurzstrecke, denn er legt täglich 100 Kilometer vom

Wohnort bis zum Arbeitsplatz zurück. „Bei den Spritpreisen reißt das ganz

schöne Löcher", sagt er resignierend. Obwohl er mit einigen Kollegen zusam­

men eine Fahrgemeinschaft gegründet hat, muss er von den 830 Euro, die er

am Monatsende bekommt, allein 130 Euro für die Benzinrechnung abziehen.

Doch nicht nur beim Geld muss Rainer Einbußen hinnehmen, auch bei Ur­

Leiharbeit - die schwarze Seite

„Nach zwei Tagen in der Kur haben sie

angerufen, dass mein Urlaub nicht genehmigt

werden könne."

laub und Schichtzulagen. Laut Arbeitsvertrag stehen ihm nur 24 Tage Urlaub

zu. Die darf er jedoch nicht nehmen wann er will, sondern wann er gesagt

bekommt - beispielsweise bei schlechter Auftragslage. Als Rainer im vergan­

genen Jahr wegen eines Bandscheibenvorfatls in die Reha sollte, sagte sein

Arbeitgeber, dass er nur zwei Wochen Urlaub am Stück nehmen könne. „Nach

zwei Tagen in der Kur haben sie angerufen, dass mein Urlaub nicht geneh­

migt werden könne. Wir machen finanzielle Verluste, wenn wir jedem so viel

Urlaub geben, haben sie mir als Begründung gesagt", erzählt Ralf. Auch wenn

er Nachtschicht hat, ist er gegenüber der Stammbelegschaft schlechter ge­

stellt. Die Leiharbeitnehmer bekommen die Nachtschichtzulage erst ab 23 Uhr

ausgezahlt, eine Stunde später als die Stammbeschäftigten.

„Ich hab ja gar keine Alternative. Normale

Arbeit findet man in Thüringen kaum."

Trotz all dieser Nachteile will Rainer bei dem Verleiher bleiben. „Ich hab ja

gar keine Alternative. Normale Arbeit findet man in Thüringen kaum. Ich habe

ja immer noch die Hoffnung, dass ich irgendwann übernommen werde."

Gutes Geld für gute Arbeit, das wünscht sich Rainer für seine berufliche

Zukunft. „Gutes Geld, mit dem ich dann auch endlich meinem studierenden

Sohn etwas mehr unter die Arme greifen könnte", sagt der Leiharbeitneh­

mer. Derzeit kann ihm Rainer nur 15 Euro im Monat zu seinem Studium

beisteuern. Mehr ist einfach nicht drin.

*Name geändert


Staatlich geförderte Sklavenmärkte

Arbeitsagenturen machen mit

Leiharbeitsfirmen gemeinsame Sache

Eigentlich braucht es nur dieses eine Wort: „Premiumkunden". So nennen

die Arbeitsagenturen nicht etwa die Erwerbslosen, denen sie bei der

lobsuche helfen sollen. Nein, so nennen sie die großen Leiharbeitsagen-

turen. Mit diesen machen sie bundesweit gemeinsame Sache.

Grund dafür sind, wie so oft, die Hartz-Gesetze. Seit 2003 gelten deutlich

verschärfte Zumutbarkeitskriterien. Arbeitslose müssen quasi jede Stelle

annehmen, solange sie legal und nicht sittenwidrig ist. Wer sich weigert, dem

werden die Zuwendungen gekürzt oder gleich ganz gestrichen. Unter ande­

rem diese Gesetzesänderung löste den Leiharbeitsboom in Deutschland aus.

Denn das Heer der Leiharbeiter rekrutiert sich vor allem aus Arbeitslosen, die

von ihren Arbeitsagenturen in die neuen Billig-Jobs gezwungen werden. In

Köln zum Beispiel ist mittlerweile jede zweite gemeldete offene Stelle eine

Leiharbeitsstelle. Und auch ein Blick in die Jobbörsen von Chemnitz, Jena oder

Dortmund zeigt: hinter fast jedem zweiten Angebot steht ein gewerblicher

Vermittler.

Leiharbeit-die schwarze Seite 55

Das Heer der Leiharbeiter rekrutiert

sich vor allem aus Arbeitslosen, die von den

Arbeitsagenturen in die neuen Billig-Jobs

gezwungen werden.

ie Vorzugsbehandlung für die Branche geht auch auf einen Kooperations­

vertrag zurück, den die Bundesagentur für Arbeit (BA) und der Leiharbeits-

Arbeitgeberverband BZA im Frühjahr 2007 geschlossen haben. Darin ver­

pflichtet sich die Arbeitsagentur, „Bedürfnisse der Leiharbeitsunternehmen

soweit wie möglich zu berücksichtigen" und persönliche Ansprechpartner zu

benennen. Außerdem können die Leiharbeitsfirmen auf die Job-Börse der

Arbeitsagenturen zugreifen.


Der DGB kritisiert das scharf: „Der Branche wird eine Vorzugsbehandlung

eröffnet, und das im Unterschied zu vielen Klein- und Mittelbetrieben," sagt

Annelie Buntenbach, für Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zuständiges DGB-

Bundesvorstandsmitglied. „Mit der Sonderbehandlung wird die Rotation am

Arbeitsmarkt befördert, denn Heuern und Feuern sind in dieser Branche

keine Seltenheit."

Damit nicht genug - auch finanziell greift die staatlich finanzierte Bundes­

agentur den Verleihern kräftig unter die Arme: Die Leiharbeitsbranche erhält

überdurchschnittlich oft Lohnkostenzuschüsse, so dass sie ihren Leute noch

weniger als sowieso schon zahlen muss. Und über die sogenannten „Vermitt­

lungsgutscheine" landet noch mehr BA-Geld in den Taschen der Personal­

dienstleister. Von der angeblichen „Beschäftigungsmaschine" Leiharbeit kann

angesichts solcher Subventionierung kaum noch die Rede sein.

Auch in Sachen Qualifizierung bedient sich die Branche gerne aus den öffent­

lichen Kassen: Sie bildet selbst kaum aus und ist „sehr ideenreich, um sich

die Qualifizierung aus Beitragsmitteln finanzieren zu lassen", wie Annelie Bun

tenbach kritisiert. In Sachen Lohnhöhe zeigt sich der Staat, zum Schaden

der Arbeitnehmer, ebenso nachgiebig: Selbst mit Verleihern, die ihre Mitarbei­

ter unterhalb des vom DGB ausgehandelten Tarifs bezahlen, arbeitet die BA

zusammen. So öffnet sie auch die Tür für die Dumpinglöhne der so genannten

„christlichen Gewerkschaften".

Die Arbeitsagentur arbeitet selbst mit Verleihfirmen

zusammen, die ihre Mitarbeiter unterhalb

des vom DGB ausgehandelten Tarifs bezahlen.

Seit 2007 dürfen sich die Leiharbeitsfirmen zudem über einen weiteren

Service der Arbeitsvermittler freuen: Leiharbeitsmessen. In vielen Städten

laden Arbeitsagenturen die örtlichen Leiharbeitsfirmen ein, sich und ihre

Stellen zu präsentieren. Die Seriosität der Unternehmen und die Qualität ihrer

Angebote werden vorher nicht geprüft. Auch die gemeldeten Arbeitslosen

werden eingeladen. Oder besser: schriftlich zur Teilnahme aufgefordert - in

nicht wenigen Orten mit der Behauptung, die Teilnahme sei angeblich ver­

pflichtend. Und so trotten hunderte Arbeitslose zu den Leiharbeitsmessen, die

sie oft nur noch „Sklavenmärkte" nennen, aus Angst, von der Arbeitsagentur

abgestraft zu werden, wenn sie nicht erscheinen. So kann es dann auch kaum

noch verwundern, dass sich die Veranstalter nachher über „großen Andrang"

auf ihren Messen freuen.


Der Arbeitsmarkt ist für die Verleihfirmen so dank freundlicher Unter­

stützung aus Politik und Verwaltung zum Selbstbedienungsladen geworden.

Die Agenturen liefern neue Kräfte quasi frei Haus und legen oft noch Geld

drauf. Verleiher, die überflüssige Arbeitskräfte wieder loswerden wollen, stel­

len sie kurzerhand wieder vor den Toren der Arbeitsagentur ab. Während

jeder normale Arbeitgeber das personalpolitische Risiko selbst tragen muss,

können die Verleihfirmen es einfach auf die Leiharbeitsbeschäftigten und

auf die Arbeitslosenversicherung abwälzen.

„Das muss die Arbeitsagentur in Zukunft verhindern", fordert DGB-Vorstands­

mitglied Buntenbach. Zuschüsse vom Staat dürfe es nur noch geben, wenn

die Verleihfirmen für unbefristete Arbeitsverhältnisse und wirklich existenzsi­

chernde Löhne sorgen.

Doch nach solch einem vernünftig distanzierten Verhältnis zwischen Arbeits­

agenturen und Verleihern sieht es momentan nicht aus. Ganz im Gegenteil.

Dafür reicht ein Blick nach Ludwigshafen. Dort haben Arbeitsagentur und Leih

arbeitsbranche der Einfachheit halber auch gleich die räumliche Distanz auf­

gegeben: Seit Juni vergangenen Jahres sitzt die Agentur Trenkwalder unter

einem Dach mit der Arbeitsagentur. So können die Vermittler ihre „Kunden"

gleich rüber schicken, zum Schreibtisch des Leiharbeits-Disponenten. Bei der

Eröffnung stießen Lokalpolitiker und Trenkwalder-Vertreter gemeinsam an -

auf einen „Meilenstein der Arbeitsmarktpolitik".

Leiharbeit: Kein echtes Sprungbrett

Berufliche Situation von Leiharbeitskräften

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in Westdeutschland '''''WKKKKß nich

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2006,

©Hans-Böckler-Stiftung

Leiharbeit-die schwarze Seite 57

Der Arbeitsmarkt ist für die Verleih firmen

zum Selbstbedienungsladen geworden -

mit freundlicher Unterstützung aus Politik

und Verwaltung.

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2003

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„Ich sehe keinen Weg da raus"

Leiharbeiter in der beruflichen Sackgasse

Sein Abitur hat Franco C* noch gemacht, doch dann „lockte das Geld". Statt

zu studieren, absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung. Jetzt ist er

Anfang 40, sitzt neben seiner Freundin am Wohnzimmertisch und bilanziert

sein bisheriges Leben: „Ich sehe keinen Weg da raus."

Seit über einem Jahr ist C. als Leiharbeiter in einer Fabrik in Südhessen, etwa

50 Kilometer von Frankfurt entfernt. „Es gibt keinen klar definierten Aufgaben­

bereich für mich", sagt er. Richtig eingearbeitet wurde er nie, nur kurz an

neuen Maschinen eingewiesen. Zufrieden ist er nicht. Doch einen anderen Job

zu finden, sei schwierig, sagt er.

„Ich komme auf keinen grünen Zweig mehr.

Ich habe ja noch nicht mal mehr die Zeit,

mich vernünftig zu bewerben."

Seinen Vertrag hat die Leiharbeitsfirma vor kurzem verlängert, allerdings

läuft er grundsätzlich nur mit einer sechsmonatigen Befristung. So ist der Leih­

arbeiter immer in der Probezeit und innerhalb von 14 Tagen kündbar. Den­

noch ist der Entleihbetrieb sehr zufrieden mit ihm, erzählt C: „Der Personal­

chef hat gesagt, dass ich langfristig eingeplant bin, aber weiterhin nur als

Zeitarbeiter, mit einer Festanstellung wird es nichts werden. Das letzte Mal

haben die im Mai 2007 jemanden übernommen."

Früher hat der Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters

ganz andere Erfahrungen mit Leiharbeit gesammelt: „Für mich war so eine

Beschäftigung immer gut, wenn es darum ging, einen kurzen Zeitraum

zu überbrücken oder wenn ich ein Sprungbrett in einen neuen Job brauchte."


Mittlerweile ist er mit dem vermeintlichen Sprungbrett allerdings in eine

Abwärtsspirale geraten: „Ich komme auf keinen grünen Zweig mehr. Ich habe

ja noch nicht mal mehr die Zeit, mich vernünftig wo anders zu bewerben."

Natürlich, sagt C, lautet die Vorgabe eigentlich, dass nicht mehr als

zwölf Stunden pro Tag gearbeitet werden darf. Doch mit elfeinhalb Stunden

regulärer Arbeit, einer halben Stunde Mittagspause, eineinhalb Stunden

Säubern der Maschine und einer halben Stunde fürs Umziehen kommt er re­

gelmäßig auf mehr. Außerdem muss C. ja auch noch zur Arbeit kommen,

was auf dem Lande eigentlich nur mit dem Auto funktioniert. Doch das darf

nur seine Lebensgefährtin fahren. Denn C. selbst hat keinen Führerschein

mehr: „Anfang der 90er Jahre wurde der mir einige Monate gesperrt. Danach

habe ich ihn erstmal nicht auf dem Amt abgeholt, weil ich ihn in der Stadt

nicht brauchte, in der ich lebte. Als ich ihn abholen wollte, erklärten die mir,

dass ich ihn neu machen muss. Irgendeine Frist war abgelaufen, von der

ich nichts wusste." Das Geld, den Führerschein neu zu machen, fehlt Franco C.

bis heute.

Leiharbeit - die schwarze Seite

„Manchmal frage ich mich, ob es nicht besser

wäre, wenn ich einfach zu Hause bleibe."

Mit seiner Lebensgefährtin und ihren Kindern lebt er zu viert in drei Zimmern -

in einem Dorf, in dem die Mieten noch halbwegs bezahlbar sind. Ein Umzug

wäre sinnvoll: „Aber wie sollen wir das Geld für einen Umzug zusammenbe­

kommen? Und welche Wohnung wird einem Leiharbeiter vermietet - ganz

ohne Sicherheiten? Da schlägt doch jeder Vermieter nur die Hände über dem

Kopf zusammen!"

Eines hat Franco C. in den vergangenen Jahren als Leiharbeiter gelernt:

Dass er sich nicht darauf verlassen kann, Arbeit zu haben. Im Frühjahr 2007

bekam er bei der Leiharbeitsfirma, bei der er noch immer beschäftigt ist,

seinen ersten Vertrag und wurde an das Unternehmen verliehen, in dem er

heute wieder beschäftigt ist. Monatelang lief alles glatt, doch eines Mon­

tags im Sommer erschien er zur Arbeit und stellte fest, dass er ab dem näch­

sten Tag nicht mehr eingeplant war. Dienstags kündigte ihm dann auch

die Verleihfirma. Sie wusste schon länger, dass das Werk, in dem er beschäf­

tigt war, keine Arbeit mehr für ihn hatte. „Aber die haben mir das extra

nicht früher gesagt, damit ich noch am Montag in der Firma erscheine und

mein Soll erfülle." Immerhin: Die 14-tägige Kündigungsfrist wurde ein­

gehalten.


6o

Danach heuerte C. bei einer anderen Leiharbeitsfirma an, die ihn für

6,38 Euro Akkord am Fließband arbeiten ließ. Doch „das ging für mich kör­

perlich einfach nicht". Nach wenigen Tagen hatte die vorherige Leiharbeit

firma Wiederverwendung für ihn - in der gleichen Fabrik, in der sie ihn

wenige Wochen zuvor ausgemustert hatte. Jetzt waren auch seine PC-Kennt­

nisse gefragt: Er sollte selbst den Wareneingang kontrollieren und mangel­

hafte Lieferungen zurückschicken. Wieder ohne Einarbeitung. Wieder für

sieben Euro in der Stunde. „Manchmal frage ich mich, für was ich das alles

mache und ob es nicht besser wäre, wenn ich einfach zu Hause bleibe."

Das Verhältnis zur Stammbelegschaft in der Entleihfirma ist gut, wird aber

zusehends schlechter, berichtet Franco C. Denn die Festangestellten bekom­

men Zuschläge, wenn sie Maschinen führen. Die Leiharbeiter bekommen

weiterhin ihre sieben Euro ausgezahlt, besetzen aber die bei den Stammmit­

arbeitern begehrten Posten an den Maschinen. In der Produktion seines

Entleihbetriebs machen Leiharbeiter mittlerweile fast 20 Prozent der Beleg­

schaft aus, schätzt er. Die Stimmung kippt, der Konkurrenzgedanke wächst.

„Meine Qualifikation spielt überhaupt keine Rolle

mehr. Du bist wie eine Nummer, du musst einfach

funktionieren, du bist völlig austauschbar."

Franco C. fühlt sich nicht nur deshalb ausgelaugt und fertig: „Meine Quali­

fikation spielt überhaupt keine Rolle mehr. Du bist wie eine Nummer, du

musst einfach funktionieren, du bist völlig austauschbar." Und sein Arbeitge­

ber - die Leiharbeitsfirma - versucht zu tricksen, wo sie nur kann. Nicht nur

mit der Kündigung, gefolgt von einer Wiedereinstellung: Macht der Entleihbe­

trieb einen Tag dicht, wenn nichts zu tun ist, werden C. bei seinem Arbeitge­

ber Minusstunden aufgeschrieben, weil er ja nicht produktiv war, berichtet er.

Als sein Arbeitgeber ihm vor einigen Wochen zwei Tage ohne Beschäftigung

in der Entleihfirma zu unbezahltem Urlaub umdeutete, ging Franco C. auf die

Barrikaden. Mittlerweile hat er das Geld für die zwei Tage auf seinem Konto

- allerdings nur, weil er sich beschwerte. Und die Verärgerung bleibt: „Es ist

doch deren Aufgabe, mich in solchen Situationen woanders hin zu vermitteln.

Aber einfach so unbezahlten Urlaub abrechnen geht zu weit."


Er warnt junge Menschen davor, gleich nach dem Schulabschluss als Zeitar­

beiter anzufangen: „Die machen dann nie eine Ausbildung und bleiben da für

immer drin stecken." Einen Ausweg aus der Abwärtsspirale sieht er für sich

selbst momentan nicht. Ab und an schafft er es aber, sich irgendwo zu bewer­

ben. Bislang erfolglos. Teilweise sehen die Personalchefs schon sein Alter

als Problem, mit dem er nicht mehr ins Team passt. Manchmal kommen An­

fragen anderer Personaldienstleister, aber „da würde sich ja auch nichts

ändern". Und dort, wo er jetzt ist, kann er aber auch nicht ewig bleiben: „So

einen Knochenjob kann ich nur noch vier oder fünf Jahre machen."

Leiharbeit - die schwarze Seite

„Die machen dann nie eine Ausbildung

und bleiben da für immer drin stecken."

Es ist vor allem die Würde, die er sich bewahren will und die ihn überhaupt

noch zur Arbeit gehen lässt. Vor der Leiharbeit war er arbeitslos und hat sogar

als Ein-Euro-Jobber in einem städtischen Archiv gearbeitet, nur um etwas zu

tun zu haben. Und doch bleiben die Zweifel am Sinn seines Daseins als Leihar­

beiter: „Meine Freundin und ich leben in einer Bedarfsgemeinschaft. Wir

liegen nur knapp über der Bemessungsgrenze für das Arbeitslosengeld II."

*Name geändert


Leiharbeitsfirmen ihre Mitarbeiter

Sehr geehrter Herr|

Niederlassung Kiel

Wildrosenweg 7

24119 Kronshagen

Tel. (04 31)9 90 99-0

Fax. (04 31)9 90 99-13

Kronshagen, 19. Oktober 2007

wir möchten uns bei Ihnen für Ihren unermüdlichen und kontinuierlichen Einsatz für

uns bei unseren Kunden im vergangenen Monat bedanken.

Anbei erhalten Sie von uns zwei Rubbelfixiose als Anerkennung. Wir wissen, dass

diese Lose Ihren Leistungen nicht gerecht werden können, wir aber Ihren Einsatz zu

schätzen wissen.

Wir hoffen, dass Sie auch zukünftig mit gleichen persönlichen Einsatz tätig sind und

wir und unsere Kunden weiterhin mit Ihrer Zuverlässigkeit rechnen können.

Mit freundlichen Grüßen

Runtime Services GmbH-& Cp/KG

- Niederlassung Kiel -/ //

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Runtim* SCfvim GmbH b Co KG

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Abenteuer Betriebsratswahl

Die Tricks der Leiharbeitsfirmen gegen Betriebsräte

Was passiert, wenn man bei einer Leiharbeitsfirma einen Betriebsrat

wählen will? Die Firma ändert ihren Namen, geht mit einer anderen zusam­

men und lässt anfangs nur über ein Anwaltsbüro von sich hören. So ge­

schehen bei der Leiharbeitsfirma Runtime* in Karlsruhe.

Letzten Endes haben sie es geschafft. Seit Mitte Juni 2008 sind die etwa

100 Mitarbeiter der Leiharbeitsfirma Runtime in Karlsruhe durch einen Be­

triebsrat vertreten. Der Weg dahin war jedoch lang und steinig.

„Alles fing an, als sich die Leiharbeiter letztes Jahr über die schlechte Be­

handlung durch einzelne Vorgesetzte im Entleiherbetrieb BOA BKT GmbH und

die ungerechte Bezahlung beschwert haben", erinnert sich Günter Schmidtke

von der IG Metall Karlsruhe. Tatsächlich fand die IG Metall nach einer ersten

Kontaktaufnahme heraus, dass die meisten Mitarbeiter lediglich in der gerin­

gst möglichen Entgeltgruppe entlohnt werden. Je nach Steuerklasse hatten

die Beschäftigten monatlich nur 800 bis 900 Euro zur Verfügung - und das im

Drei-Schicht-Betrieb. Bei einer Bezahlung nach den Tarifverträgen der Metall-

und Elektroindustrie hätte das Entgelt fast doppelt so hoch sein müssen.

Manche der Leiharbeiter arbeiten bereits länger als fünf Jahre für BOA BKT,

die der Private-Equity-Firma Odenwald gehört. Das mache deutlich, dass es

hier nicht um Flexibilität geht, sondern um Ausbeutung, so Schmidtke.

Im Frühjahr 2008 entwickelten auf einer Versammlung, an der auch zwei

Leiharbeit - die schwarze Seite

Bei einer Bezahlung nach den Tarifverträgen

der Metall- und Elektroindustrie hätte das Entgelt

fast doppelt so hoch sein müssen.

Bundestagsabgeordnete teilnahmen, etwa 30 Runtime-Mitarbeiter die Idee,

einen Betriebsrat zu gründen.


64

Durch Fusionen und Neugründungen sorgen

Betriebsratsgründung p.

bei Leiharbeitsfirmen: " >

häufig ein echtes Aben- lei

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Günter Schmidtke und sein Kollege Martin Obst besuchten dann im März Fai

die Firma Runtime und leiteten mit der Übergabe eines Schreibens die Wahl Leii

ein. „Wir haben genau darauf geachtet, keinen Formfehler zu machen", Arb

sagt Schmidtke. Denn so sei schon oft eine Wahl verhindert worden, und

dieses Risiko wollten sie in Karlsruhe auf keinen Fall eingehen. „Dann *Die

geschah erst mal gar nichts", stellt Schmidtke fest. Erst auf mehrmaliges

Nachfragen habe sich eine Düsseldorfer Wirtschaftskanzlei gemeldet, art> e

die Runtime fortan vertrat. in di

Unternehmen dafür, dass der Betriebsrat immer

nur wenige Leiharbeiter vertritt.

Dieses Anwaltsbüro teilte der IG Metall mit, dass Runtime umstrukturiert

sei: Ab sofort waren die bei der BOA BKT GmbH Beschäftigten in einer

eigenen Firma mit dem Namen „Runtime BOA onsite Management" ange­

stellt. Das Wahlverfahren wurde also für die neue Firma eingeleitet. Kurze

Zeit später wurde die neue Firma wieder mit einer anderen verschmolzen.

Damit sorgte das Unternehmen dafür, dass der betreffende Betriebsrat nur

die Mitarbeiter vertritt, die auch bei diesem bestimmten Entleiher arbeiten -

alle anderen Runtime-Mitarbeiter blieben weiterhin ohne Betriebsrat.

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„Eigentlich gab es keine echten Behinderungen von Seiten der Geschäfts­

leitung", stellt Schmidtke mit leicht ironischem Unterton fest. „Wir haben ja

nie jemanden von der Geschäftsleitung zu Gesicht bekommen." Die Betriebs­

ratswahl hat am 17. Juni 2008 stattgefunden, fünf Mitarbeiter wurden ge­

wählt. Mittlerweile wurde auch ein verantwortlicher Geschäftsführer für die

Firma benannt, die sich jetzt „RT onsite Management" nennt. Hinter dieser

Firma steht der Sohn eines Gesellschafters der ursprünglichen Runtime. Es

bleibt also alles in der Familie. Die Geschäftsleitung von RT onsite Manage­

ment hat inzwischen angekündigt, mit dem Betriebsrat zusammenzuarbeiten.

Schmidtke: „Wir können heute aber noch nicht sagen, ob das stimmt oder

ob es sich nur um ein Manöver handelt." Im Augenblick sieht es aber danach

aus, dass RT onsite Management den Betriebsrat akzeptiert und eine gewisse

Fairness eingehalten wird. Für die BOA BKT GmbH sind noch zwei weitere

Leiharbeitsfirmen tätig. Auch dort hat die IG Metall bereits Kontakte mit den

Arbeitnehmern aufgenommen.

*Die Firma Runtime gehört nach eigenen Angaben zu den 20 größten Personaldienstleistern

in Deutschland. Sie hat über 70 Niederlassungen in sieben Ländern, 57 davon in Deutschland.

Insgesamt beschäftigt Runtime nach eigenen Angaben über 5.000 Mitarbeiter. In Karlsruhe

arbeiten alleine etwa 100 Leiharbeiter bei RT onsite Management, viele davon sind mittlerweile

in die 16 Metall eingetreten.

Leiharbeit-die schwarze Seite 65


Leiharbeiter: Ein Beruf mit Zukunft?

Deutsche Steinkohle AG verleiht Azubis

als Fließbandarbeiter

Jörg Zimmermann absolvierte bei der Deutschen Steinkohle AG eine

Ausbildung zum IT-Systemelektroniker - ein so genannter Zukunftsberuf.

Doch dann landete er als Leiharbeiter am Fließband.

Er wollte mit Computern arbeiten. Die Ausbildung als IT-Systemelektroniker

bei der Deutsche Steinkohle AG (DSK) in Saarbrücken schien genau das

Richtige zu sein für Jörg Zimmermann. Das Tochterunternehmen der RAG (ehe­

mals Ruhrkohle AG) mit Standorten im Saarland und in Nordrhein-Westfalen

bildet in verschiedenen Sparten aus. Eine Übernahme konnte das Unterneh­

men zwar nicht versprechen, denn das Saarland steigt aus dem Steinkohle­

bergbau aus - seit Jahren schon werden Stellen gestrichen. Trotzdem war Jörg

Zimmermann optimistisch: Als IT-Fachmann würde er vielleicht doch eine

Chance im Betrieb bekommen.

Drei Jahre später, im Sommer 2004, sah es anders aus. Die DSK wollte

Zimmermann als Leiharbeiter zu Bosch nach Homburg bei Saarbrücken

schicken, ein Job am Fließband. Und das, obwohl er seine Ausbildung noch

Leiharbeit - die schwarze Seite

„Da hat sich keiner getraut, was zu sagen.

Alle dachten, sie werden sonst erst recht nicht

übernommen."

gar nicht abgeschlossen hatte. „Ich habe mich gewehrt", sagt er, „Ich wollte

noch meine Abschlusspräsentation machen. Der Chef hat sich ziemlich

aufgeregt, dass ich nicht da hin wollte." Doch zwingen ließ sich Zimmermann

nicht. Er beendete seine Ausbildung im Unternehmen bevor er zu Bosch

ging. Die meisten seiner Jahrgangskollegen aber gingen in die Leiharbeit: „Da

hat sich keiner getraut, was zu sagen. Alle dachten, sie werden sonst erst

recht nicht übernommen."


So wurden aus Azubis Leiharbeiter. „SaarEinsatzTeam" nennt sich das

Konstrukt, das die Deutsche Steinkohle AG in Absprache mit der saarlän­

dischen Landesregierung gebastelt hat. Seit 1995 verleiht das Unter­

nehmen Mitarbeiter an Partnerfirmen wie Bosch oder den Autozulieferer

Halberg Guss - in der Hoffnung, dass sie dort eine feste Anstellung be­

kommen. Das Leiharbeits-Modell soll den Ausstieg aus dem Saar-Bergbau

sozialverträglicher machen. Daran hat auch die Landesregierung ein In­

teresse. Schon die Auszubildenden gehen oft zum Betriebspraktikum in

andere Unternehmen. „Wir möchten, dass die Mitarbeiter möglichst

früh verschiedene Berufserfahrungen sammeln, damit sie leichter in eine

feste Arbeit kommen", sagt Fritz König, Personaldirektor bei der DSK.

Das klingt gut. Doch Jörg Zimmermann und die meisten Kollegen in

seinem Ausbildungsjahrgang sammelten Erfahrung am Fließband: Rohre in

eine Maschine einlegen, Gewinde testen, Metallkanten abschleifen. Mit

der Ausbildung und den Berufswünschen eines IT-Systemelektronikers hat

das nichts zu tun. Ein Jahr lang arbeitete Jörg Zimmermann bei Bosch.

Die Bezahlung sei fair gewesen, sagt er, aber der Job am Fließband „doch

sehr langweilig". Und dann bekam er auch noch weniger Feiertags- und

Nachtzuschläge als die festangestellten Mitarbeiter von Bosch.

Rohre in eine Maschine einlegen, Gewinde testen,

Metallkanten abschleifen. Mit der Ausbildung

und den Berufswünschen eines IT-Systemelektronikers

hat das nichts zu tun.

Für die Leiharbeiter im SaarEinsatzTeam gelten nur Mindestbedingungen,

zum Beispiel ein Stundenlohn von zehn Euro. Eine Garantie, im eigenen Beruf

beschäftigt zu werden, gebe es nicht, sagt Theo Bilsdorfer, Leiter der Perso­

nalsteuerung Saar im DSK-Mutterkonzern Ruhrkohle AG. Aber die Mitarbeiter

bekämen eine Chance auf eine Zukunft im Entleihbetrieb: „Seit 1995 sind nur

etwa zehn Leute aus dem SaarEinsatzTeam langfristig arbeitslos geworden",

so Bilsdorfer. Bei rund 2.200 Verliehenen sei das eine gute Bilanz.


So positiv wird das Projekt bei der IG Metall in Saarbrücken nicht gesehen.

Thorsten Dellmann, Gewerkschaftssekretärin der Verwaltungsstelle Saar­

brücken, hat das Verleihen in Metallbetriebe kritisch beobachtet: „Die DSK

wollte ganz schnell möglichst viele Leute vermitteln und Erfolge zeigen."

Nicht für jeden Mitarbeiter sei das eine gute Lösung gewesen.

Auch nicht für Jörg Zimmermann. Nachdem sein Vertrag bei Bosch nach

einem Jahr abgelaufen war, bewarb er sich dort um eine längerfristige Stelle.

Vergeblich. Auf eine weitere „Chance" wollte er nicht warten: Er machte sein

Fachabitur und studiert heute Kommunikationsinformatik. Das Projekt

„SaarEinsatzTeam" läuft inzwischen aus. Die DSK denkt aber schon über ein

neues Verleihmodell nach.

Leiharbeit - die schwarze Seite 69


Zwei ungleiche Töchter

Mit der Gründung von Tochterfirmen

umgeht Manpower den Tarifvertrag

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit - das Leiharbeitsunternehmen

Manpower hat damit scheinbar kein Problem. Seit 1. Juli 2008 ist die

Tochter „Manpower Equal Treatment GmbH" am Markt. Das sei die

„perfekte Antwort" auf die IG Metall-Kampagne, sagt Thomas Reitz, Chef

von Manpower Deutschland. Was Reitz nicht so gerne sagt: Manpower

hat seit Jahren noch eine zweite Tochter. Und die legt es gezielt darauf

an, Löhne zu unterbieten.

„Wir haben mit unseren Plänen jedoch schon im vergangenen Jahr ange­

fangen, bevor von der Gewerkschaftskampagne überhaupt die Rede war",

sagt Reitz über die neue Tochter. Die Verleihfirma wolle schließlich „als

Arbeitgeber attraktiv bleiben".

Wesentlich weniger öffentliches Tamtam macht Manpower mit der älteren

Tochter. Sie wurde gezielt gegründet, um Tarifverträge zu unterbieten. Man­

power Deutschland ist Mitglied im Bundesverband Zeitarbeit (BZA). Der hat

mit der DGB-Tarifgemeinschaft einen Tarifvertrag geschlossen. Doch 2005

leitete die Firma ein Manöver ein, um diese Tarifverträge zu umgehen. Als

Steigbügelhalter bot sich die Christliche Leiharbeits-Tarifgemeinschaft CGZP

bereitwillig an.

Die Tochterfirma „Manpower Managed Services GmbH" übernahm bei

Gründung im Mai 2005 die Vereinbarung der „christlichen Gewerkschaften"

mit dem Arbeitgeberverband Mittelständischer Personatdienstleister (AMP).

Statt 7,02 Euro Stundenlohn in der untersten Entgeltgruppe sind es bei

den „Christlichen" lediglich 6,15 Euro. Die billige Manpower-Tochter kam vor

drei Jahren unter anderem in den Siemens-Fabriken in Kamp-Lintfort und

Bocholt zum Einsatz, wo schon zuvor Manpower-Leiharbeiter gearbeitet hat­

ten. „Auf einmal standen bei uns ratlose Leiharbeiter in der Geschäftsstelle,

die gerade neue Arbeitsverträge in die Hand gedrückt bekommen hatten",

erinnert sich der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Bocholt, Heinz Cholewa.


Statt für Manpower selbst sollten die Leiharbeiter für deren Tochterfirma

arbeiten. Manpower wollte sich damals zu entsprechenden Presseberichten

nicht äußern. Die Kritik an dieser Doppelstrategie hatte jedoch Folgen:

Nachdem sich der Betriebsrat der Siemens-Standorte wegen der Mitarbeiter­

politik bei Manpower beschwert hatte, beendete Siemens am Standort

Bocholt die Zusammenarbeit mit Manpower.

Leiharbeit-die schwarze Seite 71


Menschen zweiter Klasse?

Leiharbeiter: Gemobbt und ausgegrenzt

Marion K.* hat 15 Jahre lang als Leiharbeiterin im Büro eines

Spezialfahrzeuge-Herstellers gearbeitet. Sie erzählt:

„Ich bin jahrelang von meinen festangestellten Kollegen gemobbt worden.

Von allem haben sie mich ausgeschlossen, von jedem Treffen. Wenn ich

in den Raum gekommen bin, sind die Gespräche verstummt. Und meine Ideen

haben die Kollegen nie angenommen. Da hieß es immer nur 'Das haben wir

immer so gemacht, das machen wir weiter so.' Anerkennung gab es über­

haupt nicht. Nur jeden Tag diese angespannte Atmosphäre. Und immer die

Angst, Fehler zu machen. Ich musste nicht 100 Prozent bringen, ich musste

200 Prozent bringen. Wir waren dort Menschen zweiter Klasse. Einmal war

eine Lampe nicht richtig aufgehängt. Da sagte ein Mitarbeiter: 'Die trifft ja nur

die Leiharbeiter, um die wäre es nicht so schade'. Wenn man so was hört,

und dann sieht man noch den Lohnzettel der Festangestellten - das tut weh.

Seelisch war das schon ziemlich belastend. Ich habe jeden Abend geheult.

Aber ich habe mich in meinen Bereich sehr gut eingearbeitet. Da konnte mir

keiner was. Und das hat mich stark gemacht."

Luca V.*, 27, hat als Leiharbeiter in verschiedenen Unternehmen gearbeitet,

unter anderem in der Metallbranche. Er erzählt von seinen Erfahrungen als

Lagerarbeiter:

„Die Festangestellten wurden besser behandelt als wir Leiharbeiter. Sie

konnten sich Aufträge aussuchen und wir mussten immer den Stapel von

oben abarbeiten. Einmal haben mich ein paar Mitarbeiter ins Büro ge­

rufen. Die haben gesagt: Uns ist gerade eine Pflanze runtergefallen, mach

mal den Dreck weg. Das kam ein paar Mal vor, dass ich den Müll raus­

tragen musste oder den Dreck wegmachen. Da habe ich mich dann gefragt:

Warum ich? Die kamen sich sehr wichtig vor. Da war immer diese Un­

freundlichkeit, besonders gegenüber Leuten, die nicht richtig Deutsch

konnten. Das ist etwas, womit ich gar nicht klar komme.


Da habe ich auch manchmal den Mund aufgemacht, aber es hat nichts

gebracht. Ich wollte auch eine Umschulung machen. Aber beim Arbeitsamt

haben sie gesagt, dafür sei ich zu alt. Da war ich 25! Die wollten mich

einfach nur in Leiharbeit stecken."

*Namen geändert

Leiharbeit - die schwarze Seite


Demo bei Gärtner + Klinger:

Zehn Festangestellte entlassen


Rechentricks gegen Abfindung und Sozialpläne

Ein Unternehmen rechnet sich arm

Weil die Firma Gärtner + Klinger in Asperg bei Ludwigsburg Geld sparen

wollte, ließ sie hinter dem Rücken des Betriebsrats einen Teil ihrer Aufträge

durch günstige Leiharbeiter erledigen. Zehn Festangestellte wurden

inzwischen entlassen, weil ihre Abteilung angeblich nicht mehr wirtschaft­

lich gearbeitet hätte. Ein Rechentrick, um mühseligen Abfindungen und

Sozialplänen zu entgehen.

Auf einmal waren es 50. Den 110 Festangestellten standen 50 Beschäftigte

von der Leiharbeitsfirma WIR gegenüber. Die Anzahl der Neuen bei der

Firma Gärtner + Klinger wuchs schleichend. Es dauerte einige Zeit, bis die

Betriebsräte verstanden, was ihr Arbeitgeber im Schilde führte. Als ihnen

endlich ein Licht aufging, hatte Geschäftsführer Uwe Lange die ersten

Kündigungen bereits ausgesprochen.

Das war im Januar 2008. Auch Rosie M.* wurde entlassen. Viele Jahre hatte

sie für die Firma gearbeitet, nun sollte ihre Aufgabe von Leiharbeitern über­

Leiharbeit - die schwarze Seite

„Die Aufträge gingen nicht zurück, sie wurden

einfach von einer anderen Abteilung erledigt,

nämlich der mit den Leiharbeitern."

nommen werden. Neben ihr wurden inzwischen neun weitere Beschäftigte vor

die Tür gesetzt, offiziell verpackt als „betriebsbedingte" Kündigungen. Denn

Uwe Lange und sein Personalchef wollten nicht nur Geld sparen. Sie wollten

ihre Mitarbeiter auch um ihre Rechte bringen.

Wer in Deutschland eine Firma umstrukturieren will, kann das nicht einfach

so. Er braucht dafür die Zustimmung des Betriebsrats. Und die gibt es in der

Regel nur, wenn gleichzeitig ein so genannter Sozialplan vereinbart wird. Dort

wird vereinbart, wer entlassen werden kann und wie die Abfindungen gere­

gelt werden. Dem wollte die Firma Gärtner + Klinger entgehen.


Sie sprach „betriebsbedingte" Kündigungen aus - die aber nur aus wirt­

schaftlichen Gründen möglich sind. Argument der Firma: Die Abteilung von

Rosie Müller mache seit einigen Monaten viel zu wenig Umsatz. Statistisch

war das korrekt, doch mit der Realität hatte es nichts zu tun. „Dem Unter­

nehmen ging es besser denn je", sagt Markus Büchting, Gewerkschaftssekre­

tär der IG Metall in Ludwigsburg. „Die Aufträge gingen nach unseren Infor­

mationen nicht zurück, sie wurden einfach von einer anderen Abteilung er­

ledigt, nämlich der mit den Leiharbeitem." So schien es zwar so, als hätten

Rosie M. und ihre Kollegen tatsächlich weniger zu tun, doch in Wirklichkeit

war das nicht mehr als ein Buchhaltertrick.

Ein Leiharbeiter, den sie verdächtigten, dass

er einen Betriebsrat gründen wollte, wurde von

einem Tag auf den anderen seinen Job los.

Die zehn gekündigten Mitarbeiter klagten vor dem Arbeitsgericht gegen

ihre Kündigung, die übrigen gingen auf die Straße. Am 23. April 2008 trafen

sich rund 120 Menschen bei Gärtner + Klinger, um gegen die Kündigungen

zu demonstrieren. Mit dabei war Markus Büchting von der IG Metall. Aber

auch Uwe Werner, Personalchef der Firma, stand mit einem Notizblock am

Rand der Menge und schrieb sich die Namen der Beteiligten auf. Jeder von

ihnen bekam später eine Abmahnung. „Die ist zwar arbeitsrechtlich wir­

kungslos, aber es macht den Leuten natürlich Angst", sagt Büchting.

Die Mitarbeiter bei

Gärtner + Klinger

demonstrieren gegen

die Kündigungen


Angst verbreitete auch die Leiharbeitsfirma WIR. Ein Leiharbeiter, den sie

verdächtigten, dass er einen Betriebsrat bei WIR gründen wollte, wurde sogar

von einem Tag auf den anderen seinen Job los. Die zehn entlassenen Festan­

gestellten bei Gärtner + Klinger wurden indes für ihre Standhaftigkeit belohnt.

Sieben, darunter auch Rosie M., bekamen vor Gericht sofort Recht, bei den

übrigen dreien wird noch verhandelt. Die Chancen, dass auch ihre „betriebs­

bedingten" Kündigungen zurückgenommen werden, stehen aber gut.

*Name geändert

Leiharbeit-die schwarze Seite 77


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Leiharbeit erhöht den Blutdruck

der gesamten Belegschaft"

Der Soziologe Hajo Holst über die Auswirkungen

von Leiharbeit auf das Arbeitsklima

Hajo Holst arbeitet am Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirt­

schaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Dort forscht

er über Formen von unsicherer Beschäftigung, zu der auch Leiharbeit

gehört. Mit seinem Team fährt er zu Unternehmen und befragt Leiharbeiter,

Personalchefs und Mitarbeiter der Stammbelegschaft. Unterstützt wird

er von der Otto-Brenner-Stiftung.

Herr Holst, die Arbeitslosigkeit ist in den letzten Jahren dramatisch

gesunken - auch durch Leiharbeit, sagen die Befürworter.

Ich bezweifle, dass viele Arbeitsplätze durch Leiharbeit entstanden sind. In

den allermeisten Fällen wurden Arbeitsplätze mit Leiharbeitern besetzt, die

im wirtschaftlichen Aufschwung ohnehin besetzt werden mussten.

Sie stehen Leiharbeit recht kritisch gegenüber.

Aber kann Leiharbeit auch Sinn machen?

Wenn sie zur Flexibilisierung eingesetzt wird, etwa um Produktionsspitzen

abzudecken oder wenn die Herstellung eines neuen Produktes anläuft, dann

finde ich das prinzipiell in Ordnung. Aber dann sollen die Leiharbeiter auch

das gleiche Geld bekommen wie ihre Kollegen von der Stammbelegschaft -

mindestens. Im Grunde müsste man ihnen sogar eine Prämie zahlen, weil sie

für den Betrieb eine wichtige Flexibilisierungsleistung erbringen. Ein Riesen­

problem sehe ich aber in den Fällen, wo Leiharbeiter dauerhaft eingesetzt

werden und eine Quasi-Stammbelegschaft mit geringeren Rechten bilden.

Denn diese Betriebe nutzen die Leiharbeit, um den gesetzlichen Kündigungs­

schutz zu umgehen und einen Teil des unternehmerischen Risikos auf die

Leiharbeiter abzuwälzen.

Leiharbeit - die schwarze Seite

Hajo Holst


Leiharbeiter haben ständig den möglichen Verlust ihres Arbeitsplatzes

im Kopf. Nutzen die Arbeitgeber diesen Druck bewusst?

Bewusst machen das nur wenige, aber es wird wohl gerne in Kauf genom­

men. Es ist ja so: Leiharbeit erhöht den Blutdruck der gesamten Belegschaft.

Die Leiharbeiter hoffen ständig, vom Unternehmen eine Festanstellung zu

bekommen. Außerdem haben sie Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Auch

die Mitarbeiter der Stammbelegschaft spüren diesen Druck. Sie wissen:

Der Leiharbeiter macht dieselbe Arbeit für meist weniger Geld. Ich habe von

fest angestellten Mitarbeitern gehört, dass ihre Vorgesetzten die Beleg­

schaftsgruppen gegeneinander ausspielen: Was ist los mit dir, der Leiharbei­

ter schafft viel mehr als du. Aus Sicht des Arbeitgebers steigert diese

Konkurrenzsituation die Produktivität.

„Betriebe nutzen die Leiharbeit, um den

gesetzlichen Kündigungsschutz zu umgehen

und einen Teil des unternehmerischen

Risikos auf die Leiharbeiter abzuwälzen."

Aber kann der Schuss auch nach hinten losgehen?

Unzufriedene Leiharbeiter, viel Druck, eine gespaltene Belegschaft:

Geht das nicht zu Lasten der Produktivität?

Ich denke ja. Bei Fließbandarbeit, zum Beispiel, beobachten wir in den letzten

Jahren kürzere Taktzeiten bei immer höheren Anforderungen an die Arbeit. Da

muss die Stimmung am Fließband gut sein, die Mitarbeiter hoch motiviert.

Wenn das Fließband steht, dann wird es teuer. Ich weiß von Unternehmen, die

da Probleme mit den schlechter bezahlten Leiharbeitern hatten. Manche

zahlen jetzt der gesamten Belegschaft denselben Lohn.

Sie sprechen viel mit Menschen, die schon seit langem Leiharbeiter sind.

Welche Folgen hat ihr Beschäftigungsstatus auf das tägliche Leben?

Leiharbeiter leben mit einer großen Unsicherheit. Dadurch wird der Planungs­

horizont sehr kurz. Wir sehen bei unseren Studien ganz klar, dass Leiharbeiter

eher zögern, eine Familie zu gründen, mit ihren Partnern zusammenzuziehen

oder sich ein Auto zu kaufen. Das erschwert die gesellschaftliche Teilhabe

ungemein. Wir sehen auch: Je länger die Unsicherheit andauert, desto mehr

verlieren die Arbeitnehmer die Hoffnung auf eine feste Stelle.


Es gibt aber doch auch positive Beispiele. Unternehmen, die allen

Mitarbeitern den gleichen Lohn zahlen. Wie hoch ist deren Anteil?

Ich schätze, dass weniger als zehn Prozent der Firmen den Leiharbeitern

den gleichen Lohn zahlen. Übrigens rechtfertigen viele den Einsatz von Leihar­

beitern damit, sie müssten Produktionsspitzen abdecken. Unsere Forschung

zeigt, dass dieser Begriff sehr dehnbar ist. Eine Personalchefin sagte mir mal:

Wir stellen Leiharbeiter nur ein, um unsere Produktionsspitzen abzudecken.

Diese Spitze haben wir jetzt schon seit fünf Jahren. Da musste auch sie lachen,

das war schon absurd.

Einige Gewerkschaftsmitglieder kritisieren, die Arbeitsagenturen

gingen zu sehr auf Tuchfühlung mit Leiharbeitsfirmen, das Verhältnis

sei viel zu unkritisch...

Da ist schon was dran. Es gibt Berichte, dass manche Agenturen Arbeits­

lose zur Teilnahme an Zeitarbeitsmessen verpflichten. Da kommt die Frage

auf, wie kritisch Leiharbeit kommuniziert wird, ob die Agenturen auch über

die Risiken von Leiharbeit aufklären. Auf der anderen Seite schaffen die

Agenturen keine Arbeit, sie sind eben nur Vermittler. Oft ist der Anteil der

Leiharbeit an den gemeldeten freien Stellen so hoch, dass es schwer wird

für die Agenturen, etwas anderes zu vermitteln.

Wo sehen Sie die Gewerkschaften beim Thema Leiharbeit?

Die aktuelle Kampagne ist gut und richtig. Die Gewerkschaften haben aber

für lange Zeit die Augen verschlossen und waren nur an den Bedingungen

für die Stammbelegschaften interessiert. Doch je höher der Anteil der

Leiharbeiter, umso schlechter wird die Verhandlungsposition der Gewerk­

schaften. Zwei verschiedene Belegschaftsgruppen senken zum Beispiel

die Streikfähigkeit. Das hat die Gewerkschaften zum Umdenken gebracht.

Auf Dauer werden die Gewerkschaften im Bereich der prekären Beschäfti­

gung nur handlungsfähig, wenn es ihnen gelingt, die Gegenüberstellung

zwischen Kern- und Randbelegschaft zu überwinden. Unsere Forschungser­

gebnisse zeigen, dass man dauerhafte Verbesserungen für die Leiharbeiter

und die Stammkräfte nur gemeinsam erreichen kann. Allein mit einer klas­

sischen Stellvertreterpolitik ist das kaum möglich. Nur in den Betrieben, in

denen die gesamte Belegschaft sensibilisiert ist und Leiharbeit als ein

politisches Thema begriffen wird, sind dauerhaft Verbesserungen möglich.

Leiharbeit - die schwarze Seite


Tod eines Leiharbeiters

Das Risiko, einen Arbeitsunfall zu haben,

ist bei Leiharbeitern dreimal so hoch

Die Uhr zeigt 3:20, als Helmut Cremer seinen Sohn zum letzten Mal sieht.

Durch die Klappe in der Müllpresse kann er den zermalmten Körper des

21-jährigen erkennen. Stefan war erst seit kurzem bei der Firma tätig. Ein

Verleihunternehmen hatte ihn geschickt.

Stefan Cremer war arbeitslos und deshalb froh, endlich einen Job zu bekom­

men. Ausgerechnet sein Vater, der bei der Firma Gewerbeabfallsortierung und

Verwertung Gesellschaft (GVG) in Köln-Niehl als Fahrer beschäftigt war, hatte

ihm zu dem Job verholfen. Da die GVG nur Leiharbeiter wollte, fragte Cremer

Uwe Jentsch, den Vorarbeiter des Verleihers Innovative Dienstleistungen Habers

(IDH), mit dem die GVG zusammen gearbeitet hat. Jentsch hatte Erfolg und so

kamen fest angestellter Vater und entliehener Sohn nun häufig zusammen zur

Arbeit.

Auch wenn der Lohn gering war - 6,80 Euro in der Stunde - strengte Stefan

sich bei der Arbeit an; er wollte den Staplerführerschein machen und hoffte,

später wie sein Vater doch irgendwann einen festen Arbeitsvertrag zu be­

kommen. In der Unfall-Nacht sah Helmut Cremer seinen Sohn noch kurz nach

zwei Uhr an der Papier- und Kartonpresse. Schon an den beiden Vortagen

sei er dort eingesetzt worden, erinnert sich der Vater.

Die Firma dagegen sagt, der junge Leiharbeiter hätte ausschließlich

als Reiniger und Sortierer arbeiten dürfen und auch so gearbeitet. Einer der

Widersprüche, die den Vater ärgern. Unklar ist auch, ob es eine fachliche

inweisung gab. Das Einweisungsprotokoll und die Unterschrift von Stefan

remer seien manipuliert worden, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Der

erleiher bestreitet dies und verweist auf ein Schriftgutachten.

Leiharbeit-die schwarze Seite

Stefan Cremer (t)

.Manchmal sind Leiharbeiter mitten in der Nacht

angekarrt worden, die dann ohne Einarbeitung

und Unterweisung arbeiten mussten."


Vorarbeiter Uwe Jentsch bleibt bei seiner Kritik: Weder der Verleiher noch

der Entleiher hätten Wert auf eine korrekte Sicherheitsbelehrung gelegt.

Manchmal seien IDH-Leiharbeiter „mitten in der Nacht angekarrt worden, die

dann ohne Einarbeitung und Unterweisung arbeiten mussten". Und so sei

es immer wieder zu einer Reihe von Verstößen gekommen. Er habe dies

seinem Chef mehrmals gesagt und um Abhilfe gebeten. Vergeblich. Noch in

seiner Probezeit habe sich das Unternehmen deshalb von ihm getrennt -

kurz vor der Todesnacht.

„Das Risiko, als Leiharbeiter einen Arbeitsunfall

zu erleiden, ist drei mal so hoch wie bei

Beschäftigten mit festen Arbeitsverhältnissen."

Wie es genau zum Unfall an der Müllpresse kommen konnte, weiß niemand.

Zeugen gibt es nicht. Klar ist, dass Stefan Cremer an der gefährlichen An­

lage nicht hätte eingesetzt werden dürfen, schon gar nicht alleine. „Doch wäh­

rend der Nachtschicht dieser Woche arbeiteten ohnehin nur sieben Männer",

erinnert sich Vater Helmut, „sonst waren es drei- bis viermal so viele". Für die

Bedienung der Presse sei wegen der Unterbesetzung nur ein Kollege in

Frage gekommen: sein Sohn. Bereits in den beiden Nächten vor dem Unfall

war er dazu eingeteilt. Stefan Cremer musste auch den Gabelstapler fahren -

obwohl er noch keinen Führerschein hatte. Ein weiterer Verstoß gegen

Sicherheitsvorschriften.

Die Anlage arbeitete nach Ansicht der Experten einwandfrei. Allerdings war

die Lichtschranke im Pressenraum verdreckt, so dass sich die Presse auch

ohne Zufuhr von Papier ständig hin und her bewegte. Auch zur Unfallzeit.


Man vermutet mittlerweile, dass der Trichter über dem Pressenraum verstopft

war und Stefan ihn frei machen wollte. Wie und warum er in die Presse

rutschte, ist unklar.

Doch auch dies hätte mit einer einfachen Funktechnik verhindert werden

können: Eine Transponder-Sicherung bringt dann das stählerne Ungetüm bei

Gefahr zum Stillstand. Das funktioniert wie bei der Diebstahlsicherung im

Schuhgeschäft: Wenn man den Laden mit neuen Schuhen verlässt ohne be­

zahlt zu haben, piepst es. In etlichen Firmen wird diese Technik eingesetzt.

Gefährdete Personen tragen die Sender, die etwa doppelt so groß sind wie ein

Feuerzeug, meist an der Hose. Die Verantwortlichen der Firma GVG - Eigen­

tümer sind die Firma Remondis und die Stadt Köln - sahen dafür keine Not­

wendigkeit. „Das ist leider nicht der erste Todesfall dieser Art", sagt

ver.di-Vorstandsmitglied Erhard Ott. „Einige Unternehmen scheuen offenbar

die Kosten für ein derartiges Sicherheitssystem. Doch offensichtlich ist

das Leben von Arbeitern und - mehr noch - das Leben von Leiharbeitern in

unserer Gesellschaft nicht viel wert", empört sich Ott.

Arbeitsschutz wird in der Leiharbeit ohnehin nicht groß geschrieben - auch

wenn es längst nicht immer tödlich endet. Das Risiko, als Leiharbeiter einen

Arbeitsunfall zu erleiden, sei drei mal so hoch wie bei Beschäftigten mit

festen Arbeitsverhältnissen, sagt die Soziatwissenschaftlerin Tatjana Fuchs

vom Internationalen Institut für empirische Sozialforschung. Sie beruft

sich dabei auf interne Statistiken, die die Berufsgenossenschaften bisher

nicht veröffentlichen wollen.

Die Berufsgenossenschaft Elektro Textil Feinmechanik räumt immerhin

ein, dass Leiharbeiter „viel häufiger Arbeitsunfälle als die sonstigen Mitar­

beiter eines Betriebes" haben.

Helmut Cremer ist sich sicher, dass Stefan noch leben könnte, wenn der

Verleiher und der Entleiher seines Sohnes mehr auf die Sicherheit geachtet

hätten. Enttäuscht ist Cremer von der Kölner Staatsanwaltschaft. Sie mus­

ste das bereits eingestellte Ermittlungsverfahren zwar nach kritischen Veröf­

fentlichungen erneut eröffnen, hat es aber mittlerweile wieder eingestellt.

Und dies ohne mit einem der Belastungszeugen auch nur zu sprechen, dem

ehemaligen Vorarbeiter Uwe Jentsch. Helmut Cremer fragt sich deshalb,

ob Leiharbeiter jetzt auch schon vor der Justiz Menschen zweiter Klasse sind.

Leiharbeit - die schwarze Seite


Leben mit der Angst

Ausnahme Übernahme

Mohamed Z*. ist ein Branchenkenner. Der 30jährige hat für mehr als

20 Leiharbeitsfirmen gearbeitet, war in über 30 Entleihbetrieben eingesetzt:

Montage in einer Fabrik für Autofedern, Ware verpacken, Steine schleppen,

alles. Dabei wollte er nur, was Leiharbeitsunternehmen so oft versprechen -

einen festen Job.

Herr Z., Sie haben innerhalb von fünf Jahren in 30 verschiedenen Betrieben

gearbeitet. Warum?

Ich habe immer versucht, eine Festanstellung zu bekommen. Jedes Mal, wenn

ich ein paar Wochen gearbeitet hatte, habe ich den Chef gefragt: Habe ich

eine Chance, irgendwann?

Aber es hat nie geklappt?

Nein. Manche haben gesagt, ich könnte nur Leiharbeit machen bei der Firma.

Das war oft so. Dann habe ich gekündigt und immer weiter gesucht.

Waren Sie mal nah dran an einem festen Job?

Einmal. Da haben sie zu mir gesagt: Wir nehmen dich. Doch dann haben

sie einen anderen Kollegen genommen. Aber ich habe es immer weiter

versucht. Manchmal habe ich über 100 Bewerbungen pro Jahr geschrieben.

Aber meistens habe ich noch nicht einmal eine Antwort bekommen.

Deshalb sind Sie in der Leiharbeit geblieben.

Ja, aber das ging auch manchmal schief. Einmal hatte die Firma, an die

ich verliehen war, keine Arbeit mehr. Eigentlich muss mir dann die Zeitarbeits­

firma einen neuen Job geben. Aber die Sekretärin hat nur gesagt: Tut mir

leid, geht nicht, wir melden uns vielleicht irgendwann. Jetzt muss ich dir kün­

digen, sonst kostet es jeden Tag Geld.


Hat sie sich noch mal gemeldet?

Nein. Das passiert oft bei Leiharbeit.

Dann haben Sie aber wenigstens Unterstützung von der Arbeitsagentur

bekommen?

Nein. Ich bin nicht zur Arbeitsagentur gegangen. Wenn sie etwas von dir

wollen, dann musst du immer da sein. Aber wenn du was brauchst, dauert es.

Und wer selbst kündigt, wird mit Sperrzeiten bestraft, in denen es kein Geld

gibt. Ich warte nicht auf diese Helfer von der Arbeitsagentur. Ich habe immer

Gas gegeben, habe überall einen Job gesucht, in ganz Nordrhein-Westfalen.

Bis zu 100 Kilometer bin ich gefahren. Obwohl man das Fahrgeld manchmal

selbst bezahlen muss. Die Hauptsache ist: Ich muss mich in meiner Seele und

in meinem Körper immer frei fühlen.

Trotzdem muss der Mensch doch etwas essen, und das kostet Geld.

Stimmt, aber mit Geld hatte ich nie Probleme. Als ich bei der ersten Leih­

arbeitsfirma angefangen habe, hatte ich noch ein bisschen Geld von meiner

früheren Arbeitsstelle in einer Pizzeria gespart. Davon habe ich gelebt,

wenn ich keine Anstellung hatte. Und später war ich immer nur kurz arbeits­

los. Mir ist es egal, ob ich für vier Euro oder fünf Euro pro Stunde arbeite.

Hauptsache, ich habe was in der Tasche. Ob dreckiger Job oder sauberer Job,

egal. Ich habe auch mal als Toilettenmann gearbeitet.

Aber vielleicht hätte es bessere Jobs gegeben.

Ich habe ja versucht, einen neuen Ausbildungsplatz zu bekommen. Bei

der Arbeitsagentur habe ich zwei Tests gemacht. Aber die sagten, das sei nur

Routine, und auf einen Ausbildungsplatz müsse ich lange warten.

Leiharbeit - die schwarze Seite

„Dann fühle ich mich wie ein Sklave: Man hat

nichts zu sagen. Man muss einfach nur arbeiten,

du bist nur für diese Zeitarbeitsfirma da."


Sie haben eine Ausbildung in einer Textilienschneiderei gemacht. Hat Ihnen

das bei ihren verschiedenen Aufgaben als Leiharbeiter geholfen?

Nein, gar nicht. Da habe ich immer als Lagerarbeiter oder Lagerist oder

im Versand gearbeitet. Damit kenne ich mich gut aus. Bei manchen Jobs habe

ich nur drei Tage gebraucht, dann war ich schon drin. Aber bei Montage ist

es in jedem Betrieb anders. Da muss man immer bei Null anfangen. Und bei

manchen Firmen habe ich nur drei oder vier Tage gearbeitet. Oft zeigen die

Kollegen dir zwei Stunden lang, wie es geht, und dann gehen sie einfach weg.

Und erwarten von dir, dass du alles perfekt machst.

Und wenn Sie es dann perfekt konnten, mussten Sie wieder weg.

Ja, das ist einfach immer so. Deshalb hatte ich auch kaum Kontakte zu meinen

Kollegen. Vielleicht ein bisschen, wenn ich mehr als drei Wochen in einem Job

geblieben bin. Aber das ist dann bald wieder auseinander gegangen.

Und die Vorgesetzten bei den Leiharbeitsfirmen?

Manche waren in Ordnung, aber manche haben auch so laut und aggressiv

mit mir gesprochen. Das mag ich nicht. Dann fühle ich mich wie ein Sklave:

Man hat nichts zu sagen. Man muss einfach nur arbeiten, du bist nur für diese

Zeitarbeitsfirma da. „Nein" gibt es nicht. Außerdem gibt es viele Tricks beim

Arbeitsvertrag.

„Ich hab mich nie gut gefühlt bei Zeitarbeit.

Weil du nie sicher bist."

Was für Tricks waren das?

Wenn zum Beispiel im Vertrag stand, dass die Überstunden ausbezahlt

werden, habe ich eine Menge Überstunden gemacht. Am Ende des Monats

habe ich gefragt: Wo ist das Geld? Antwort: Leider können wir das nicht

bezahlen, aber du kriegst Urlaub. Und wenn ich um Urlaub gebeten habe:

Momentan geht das nicht. Zu viel zu tun.


Wie sind Ihre Familie und Ihre Freunde mit dieser Unsicherheit umgegangen?

Ich hab mich nie gut gefühlt bei Leiharbeit. Weil du nie sicher bist. Du kannst

keine feste Beziehung aufbauen, keine Familie. Du arbeitest heute hier,

morgen woanders. Heute verdienst du sieben Euro, morgen vielleicht fünf.

Heute arbeitest du, morgen bist du arbeitslos. Dann musst du wieder bei Null

anfangen. Und selbst wenn man Arbeit hat: 700 bis 900 Euro netto reichen

vielleicht für eine Person. Nicht für zwei.

*Name geändert

Schlechte Noten für Leiharbeit

Leiharbeit — die schwa

Anteil der Arbeitnehmer/-innen, die Teilzeitarbeit,

befristete Beschäftigung und Leiharbeit

mit „negativ" oder „sehr negativ" bewertet haben

befristete

Teilzeit Beschäftigung Leiharbeit

13,7%

Quelle: Ostner/Kühnel/Ebert,

49,1%

Repräsentative Telefonumfrage bei 2000 Haushalten, 2004

©Hans-Böckler-Stiftung


Landkarte der Leiharbeit

Prozentualer Anteil der Leih-

arbeiter/-innen an den sozialver

sicherungspflichtig Beschäf­

tigten in Landkreisen und kreis­

freien Städten in Deutschland

< 2 Prozent

mm 2-4 Prozent

4-6 Prozent

6-8 Prozent

8-10 Prozent

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Juni 2007


„Ich hab die Hoffnung aufgegeben"

Leiharbeit im Osten: Eine Reise durch

Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen

Die Suche nach einem Mann, der den Leiharbeitern in Ostdeutschland

ein Gesicht gibt, führt auf eine Parkbank in Merseburg. Da sitzt Uwe S.*,

raucht billige Zigaretten vom Discounter und sagt: „Das hat doch alles

keinen Sinn mehr."

Der Mann aus Sachsen-Anhalt ist Mitte vierzig, aber er sieht aus wie Mitte

sechzig. Die Arbeit hat ihn gezeichnet. Er reinigt die Leitungen von Chemiewer­

ken, manchmal muss er in Tanks krabbeln und sie von innen sauber machen,

manchmal sieht er seine Familie für Wochen nicht, weil er auf Einsatz ist. Im

Moment ist Uwe S. krank geschrieben. Vor der Wende hat er in Osteuropa

an Öl-Pipelines gearbeitet, im Winter, bei minus 40 Grad. „Das war hart", sagt

Uwe S. „Aber damals habe ich wenigstens einen vernünftigen Lohn bekom­

men." Heute basiert sein Gehalt auf einem Leiharbeits-Tarifvertrag der „christ­

lichen Gewerkschaften". „Davon kann ich kaum leben", sagt Uwe S.

Geschichten wie diese gibt es viele in Ostdeutschland. Denn hier ist die

Leiharbeit - die schwarze Seite

In der Metallbranche in Sachsen-Anhalt liegt

der Anteil von Leiharbeitern bei 15 Prozent, im

benachbarten Niedersachsen bei 5,2 Prozent.

Arbeitslosigkeit besonders hoch, die Löhne sind niedriger als im Westen. Und:

In Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen liegt der Anteil der Leiharbeiter

an den Beschäftigten höher als im Bundesdurchschnitt. Nach einer Statistik

der Bundesagentur für Arbeit befinden sich unter den 15 deutschen Städten

mit dem höchsten Leiharbeiteranteil acht Städte aus diesen neuen Bundes­

ländern: Eisenach, Dessau, Gera, Zwickau, Halle, Sonneberg, Plauen und Erfurt.

So lag der Anteil in Eisenach bei 9,7 Prozent im Juni 2007, bundesweit sind

es rund 2 Prozent. Zwar verweisen die Statistiker der Arbeitsagenturen darauf,

dass die Zahlen nur den Sitz der Leiharbeitsfirmen erfassen, nicht den Wohn-

und Einsatzort der Leiharbeiter.


Es besteht jedoch kaum ein Zweifel, dass der Leiharbeiteranteil in den

meisten Regionen Ostdeutschlands deutlich höher ist als im Westen. So

kommt die IG Metall in einer Umfrage für die Metallbranche in Sachsen-Anhalt

auf einen Anteil von 15 Prozent im Jahr 2007. Der Schnitt im benachbarten

Niedersachsen liegt bei 5,2 Prozent.

Sein Lebenslauf liest sich wie ein

Überlebenskampf gegen die Arbeitslosigkeit.

Der Soziologe Hajo Holst aus Jena versucht solche Zahlen wissenschaftlich

zu erklären. „Im Osten ist die Akzeptanz von Leiharbeit insgesamt höher",

sagt Holst. Hier gebe es eine Vielzahl von neuen Betrieben, die schon seit der

Gründung Leiharbeiter angestellt hätten. „Da sind die Widerstände natürlich

geringer." Dazu käme die hohe strukturelle Arbeitslosigkeit. „Wenn der Weg

zu einem neuen Job über Monate blockiert ist, dann gibt es oft gar keine

andere Möglichkeit, als es mit Leiharbeit zu probieren", so der Wissenschaft­

ler. „Viele schlagen sich durch, von einem Leiharbeitsjob zum Nächsten."

Genauso geht es Stephan B.* Er ist 32, seine Frau hat gerade Zwillinge be­

kommen, er wohnt mit ihr in einem Vorort von Leipzig. „Zeitbude" sagt er zu

einer Leiharbeitsfirma und sein Lebenslauf liest sich wie ein Überlebens­

kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Seit 1996 hat Stephan für 15 „Zeitbuden" ge­

arbeitet, zehn Mal wurde er arbeitslos. Mal schickten die Leiharbeitsfirmen

den gelernten Schweißer zum Fegen, mal musste er Tiefkühlbrötchen eintüten.

„Das gleiche Geld wie die fest Angestellten habe ich nie bekommen." Sein

niedrigster Lohn lag bei 4,97 Euro. Seinen einzigen gut bezahlten Job hatte er

bei MAN - im Westen, in München. 15 Euro bekam er da pro Stunde. „Ich

hab die Schnauze voll und die Hoffnung aufgegeben", sagt Stephan B. und

erzählt, dass seine Frau und er noch nie in den Urlaub gefahren sind.

Seit 2003 haben die Menschen in Jena eine sehr schöne Arbeitsagentur. Sie

liegt direkt an der Saale und bietet einen schönen Blick auf die Altstadt auf der

anderen Seite des Flusses. Unten im Foyer stehen Computer, die die aktuellen

Stellenangebote für Jena ausspucken. Zwar ist Jena in Thüringen kein Spitzen­

reiter beim Anteil der Leiharbeit.


Doch auch hier erscheinen viele Leiharbeitsfirmen auf dem Bildschirm:

Die „Akzent Personaldienstleistungen" sucht einen Gabelstaplerfahrer.

„Tertia" sucht Helfer, die „gute Kenntnisse im Regalauffüllen" haben.

Im vierten Stock sitzt Agenturleiter Ulrich Gawelleck und sagt, dass „Zeit­

arbeit eine ganz normale Beschäftigungsform" sei. Politische Statements gibt

es von ihm zunächst nicht, er darf das nicht, er ist Beamter. „Ich habe gesetz­

liche Bestimmungen und da muss ich mich dran halten", sagt Gawelleck.

Irgendwann aber sagt er: „Natürlich hat man nicht immer die besten Gefühle,

wenn man Menschen in Zeitarbeit vermittelt." In der aktuellen Lage sei

man aber über jeden vermittelten Arbeitnehmer froh.

„Natürlich hat man nicht immer die

besten Gefühle, wenn man Menschen

in Zeitarbeit vermittelt."

Auf so eine vermeintliche Erfolgsstory verweist auch die Firma Faurecia,

die in Leipzig die Autositze für BMW herstellt. Personalleiterin Elke Büchner

führt durch die Werkshalle, am Band stehen meist junge Männer. „Die haben

wir alle aus der Arbeitslosigkeit geholt", sagt Büchner. Rund 30 Prozent der

Belegschaft sind Leiharbeiter. Sie tragen die selbe Arbeitskleidung, machen

denselben Job. Büchner zeigt mit dem Finger: „Leiharbeiter, Stammbeleg­

schaft, Leiharbeiter" und so weiter. Noch bis vor kurzem verdienten die Leihar­

beiter bis zu 600 Euro weniger pro Monat. Das ist heute anders. Der Faurecia-

Betriebsrat erreichte, dass beide Belegschaftsteile denselben Stundenlohn

erhalten. „Das tut uns finanziell weh", sagt Faurecia-Geschäftsführer Joachim

Sauer. „Aber so niedrige Löhne, wie wir sie damals gezahlt haben, passen

nicht mehr in unsere Zeit. Die Löhne in Ostdeutschland sind ohnehin sehr tief."

Eine solche Äußerung ist bemerkenswert. Ebenso bemerkenswert bei Faurecia

ist der fast bedingungslose Einsatz der Stammbelegschaft für die Leiharbeiter.

Der Grund: Fast alle heute fest angestellten Faurecia-Mitarbeiter fingen als

Leiharbeiter an. Der Autozulieferer verweist mit Stolz darauf, viele Leiharbeiter

in einen festen Job gebracht zu haben. Doch auch Faurecia verschweigt nicht:

Der immer noch hohe Anteil an Leiharbeitern dient der Absicherung vor schlech

teren Zeiten. Sollte die Produktion einbrechen, kann sich Faurecia sehr schnell

von den Leiharbeitern trennen. „In unserer schnelllebigen Branche brauchen

wir das", sagt Sauer.

Leiharbeit-die schwarze Seite 93


Den Leiharbeitern gefällt das nicht, aber sie trauen sich nicht, das einem

Besucher der Fabrik zu sagen. Beim Werksrundgang sind die Stammbeschäf­

tigten leicht zum Gespräch bereit. Die Leiharbeiter entfernen sich schnell.

Trotzdem können sich die Faurecia-Leiharbeiter relativ glücklich schätzen.

Denn den gleichen Lohn wie die Stammbelegschaft bekommt in Ostdeutsch­

land nur ein Bruchteil der Leiharbeiter. Sozialforscher Holst schätzt, dass

weniger als zehn Prozent der Unternehmen gleichen Lohn für gleiche Arbeit

zahlen. „Wir kämpfen weiter für faire Löhne", sagt Günter Meißner, erster

Bevollmächtigter der IG Metall in Halle. Auch den Anteil der Leiharbeit wolle

man senken. Aber gerade das sei nicht so leicht. „Die hohe Arbeitslosigkeit

im Osten führt einfach dazu, dass sich die Mitarbeiter viel gefallen lassen.

Viele Unternehmen nutzen das aus", meint der Gewerkschafter. „Wir haben

noch viel zu tun."

*Namen geändert


Leiharbeit - die schwarze Seite

„Wir haben noch viel zu tun" - so steht

es im letzten Satz des schwarzen Teils über

Leiharbeit.

Die IG Metall tut was: Sie setzt sich ein für

die Interessen der Stammbelegschaften und der

Leiharbeitskräfte. In den Betrieben, in der Wirt­

schaft und in der Gesellschaft. Sie macht Druck

auf die Arbeitgeber, auf ihre Verbände und

auf die Politik. Rund 2,3 Millionen Mitglieder der

IG Metall stehen für die Forderung:

Gleiche Arbeit - Gleiches Geld.


»N31I3S I3MZ

IVH sanv"

„Alles hat zwei Seiten" - so heißt es.

Das trifft auf die Leiharbeit zu. Und auch auf

dieses Buch. Es hat eine schwarze und eine

weiße Seite.

Über die weiße Seite der Leiharbeit berichtet

der andere Teil dieses Buches.

Er handelt von den Erfolgen, die hauptamtliche

Gewerkschafter, Betriebsräte und Vertrauens­

leute errungen haben. Das funktioniert nie im

Alleingang, sondern nur solidarisch mit vielen

gemeinsam. Und natürlich nur gemeinsam mit

den Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern.

Der weiße Teil des Buches handelt auch von

Kolleginnen und Kollegen, die sich tagtäglich

dafür einsetzen, dass die Leiharbeiter/-innen

für gleiche Arbeit gleich bezahlt werden. Und von

kleinen Schritten auf dem Weg dahin. Kleine

Schritte, die aber dennoch wertvoll sind. Dieser

Teil handelt auch von Betriebsräten, die Leih­

arbeit gar nicht erst zulassen wollen, weil sie

Beschäftigte lieber in festen oder befristeten

Arbeitsverhältnissen sehen als in ungeschützter

Leiharbeit. Und von Leiharbeitern, die tatsächlich

als Stammbeschäftigte übernommen werden

konnten.

Die Berichte sollen zeigen: Gemeinsam

können wir viel erreichen. Sie machen Mut, sich

weiter für „Gleiche Arbeit - Gleiches Geld"

einzusetzen.


WEISSBUCH

LEIHARBEIT

ISBN 978-3-00-025633-2


Leiharbeit als Lohndumping:

In vielen Betrieben sind Leiharbeiter

Beschäftigte zweiter Klasse.

Unsicherer Status, geringeres

Einkommen, weniger Urlaub.

Das ist ein Skandal.

„Gleiche Arbeit - Gleiches Geld":

Wenn man Leiharbeit zulässt,

dann muss dieser Grundsatz gelten.

Die bundesweite Kampagne der

IG Metall will Leiharbeit fair gestalten.

Überall. Das ist unser Ziel.

Gemeinsam in die Offensive:

Für berufliche Sicherheit.

Für eine gerechte Arbeitswelt.

Und für eine starke Gewerkschaft.

Das ist unser Auftrag.

www.gleichearbeit-gleichesgeld.de

IMPRESSUM

Herausgeber

IG Metall Vorstand

Redaktion

Robert Fuß

Mitarbeit

Hermann G. Abmayr, lens-Jean Berger,

Simone Ebel-Schmidt, Benjamin Hammer,

Jork Herrmann, Melanie Hofmann,

Johannes Pennekamp, Eva-Maria Simon

Fotos

Werner Bachmeier, Manfred Vollmer,

kp works. Berlin

Konzept und Gestaltung

kp works. Berlin

Druck

apm, Darmstadt

Produkt-Nr.

14086-21029

© September 2008


WEISSBUCH

LEIHARBEIT

GLEICHE ARBEIT

GLEICHES GELD

Leiharbeit

fair gestalten.


VORWORT

„Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf

gleichen Lohn für gleiche Arbeit". Dieses Zitat

stammt aus der Allgemeinen Erklärung der

Menschenrechte von 1948. Bei der Leiharbeit

wird dieses Menschenrecht in Deutschland

tagtäglich verletzt. Hunderttausendfach.

Deshalb klagen wir an: Wir nehmen es nicht

hin, dass Leiharbeiter/-innen bei gleicher Arbeit

im Durchschnitt 30 bis 40 Prozent weniger als

Stammbelegschaften verdienen. Wir nehmen es

nicht hin, dass es Menschen erster und zweiter

Klasse geben soll. Und wir nehmen es nicht hin,

dass Unternehmen Leiharbeit missbrauchen,

um Stammbelegschaften zu ersetzen und unter

Druck zu setzen. Das ist die schwarze Seite

der Leiharbeit, die wir in diesem Schwarzweiß­

buch anprangern.

Detlef Wetzel

2. Vorsitzender

der IG Metall

Aber es gibt auch eine andere Seite: In vielen

Fällen setzen sich Betriebsräte und Vertrauens­

leute für die Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter

ein. Weil ihnen das Schicksal derjenigen nicht

egal ist, die mit ihnen tagtäglich ihre Arbeit ver­

richten. In vielen Fällen konnten sie bereits Re­

gelungen durchsetzen, um die Situation der Leih

arbeiterinnen und Leiharbeiter zu verbessern.

Die Bandbreite dieser Vereinbarungen ist groß:

Sie reicht von deutlichen Einkommenserhö­

hungen bis zur vollständig gleichen Bezahlung

(„Equal pay"). Aber es gibt auch kleine Erfolge:

Etwa wenn die Leiharbeitskräfte nicht mehr

den erhöhten Kantinenpreis bezahlen müssen,

sondern ihr Essen genauso bezuschusst wird

wie das der Stammbelegschaft.

Die IG Metall hat auf dem Gewerkschaftstag

im November vergangenen Jahres ihr „Leipziger

Signal" beschlossen. Wir hatten uns vorge­

nommen, 200 „Besser"-Vereinbarungen in den

Betrieben abzuschließen. Bis August 2008

hatten wir 328 solcher Vereinbarungen geschlos

sen. Das Ziel, das wir uns selbst gesetzt hatten,

ist also mehr als erfüllt. Auch unser anderes Ziel

werden wir erreichen: Wir hatten uns vorge­

nommen, im Jahr 2008 mindestens 10.000 neue

Mitglieder unter den Leiharbeiterinnen und

Leiharbeitern zu gewinnen. Mehrere Tausend

Leiharbeiter sind bereits der IG Metall bei­

getreten.


Auf diesem Weg werden wir weitermachen.

Wir wollen konkrete Verbesserungen für die Leih-

arbeitsbeschäftigten erreichen. Dabei ist aber

auch der Einsatz der Leiharbeiterinnen und Leih­

arbeiter gefragt: ihr Handeln, ihr Beitritt zur

IG Metall. Denn eine Gewerkschaft ist nur stark

im Handeln, wenn sie eine starke Mitglieder­

basis hat. Verbesserungen für die Leiharbeitneh-

mer/-innen können wir nur mit ihnen zusammen

erreichen, nie stellvertretend für sie.

Bei der Leiharbeit ist obendrein die Politik ge­

fordert: Sie hat die Gesetze geschaffen, die

seit 2004 zu einer dramatischen Ausweitung der

Leiharbeit geführt haben. All denen, die sich

dafür einsetzen, diese Regeln wieder im Sinne

der Beschäftigten zu verbessern, wollen wir

Fakten und Argumente an die Hand geben.

Wir lassen nicht locker. „Gleiche Arbeit -

Gleiches Geld" ist Menschenrecht. Wir wollen,

dass es durchgesetzt wird. Dieses Schwarz­

weißbuch soll ein Beitrag dazu sein.

Detlef Wetzel

2. Vorsitzender

der IG Metall

Vorwort


INHALT

SICHERHEIT,

GERECHTIGKEIT, GEWERKSCHAFT

Die Arbeit der IG Metall-8

Leiharbeit fair gestalten.

„Gleiche Arbeit - Gleiches Geld"

Die Kampagne der IG Metall-9

Aktiv für Gerechtigkeit

Vereinbarungen decken 27 Prozent

der Beschäftigten ab-18

Zehn Argumente für die Kampagne

der IG Metall zur Leiharbeit

Leiharbeit kann besser werden -

mit der IG Metall-20


LEIHARBEIT - DIE WEISSE SEITE

Fairness ist machbar-24

Ein Happy End für Ruslan -

dank Betriebsrat und IG Metall

Erst gab's mehr Geld -

und dann die Festanstellung -25

„Wenn schon Leiharbeit, dann fair"

So muss Leiharbeit aussehen:

Gleiche Bedingungen, gleicher Lohn-28

Den Missbrauch abgestellt

Planstelle statt Mini-Job-30

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Friedhelm Adam setzt sich für die

Leiharbeitnehmer in seinem Betrieb ein-33

„Nur für Super-Notfälle - aber wir sind da"

Betriebsratsarbeit ist dringend nötig -

auch unter erschwerten Bedingungen -36

Ohne Leiharbeit geht's auch

Zeitverträge statt Leiharbeit -

Bosch-Betriebsrat setzt sich durch - 39

„Der Kampf um Mehrheiten lohnt sich"

IG Metall kämpft für bessere Arbeitsbe­

dingungen im Dresdner Infineon-Werk-42

„Es geht fast alles - aber nur mit Druck"

Erfolge in der Automobilbranche-45

Mit Herzblut und guten Argumenten

Dank Betriebsrat organisieren sich

Leiharbeiter in der IG Metall-48

Fair Play und Equal Pay

Bei GABIS gilt: Vermittlung statt Umsatz- 50

Starker Betriebsrat,

starke Gewerkschaft, starke Leistung

Inhalt

Wie aus Leihkräften feste Mitarbeiter werden - 53

„Die Situation in den Griff bekommen"

„Kaskaden-Modell" ermöglicht Übernahme

von Leiharbeitern bei Siemens TS -56

„Es wird keine Menschen

zweiter Klasse geben"

„Equal pay" und „Equal treatment"

bei Mercedes-Benz in Wörth - 57

Gutes Geld für gute Arbeit

Betriebsrat bei Thyssen Krupp

macht vor, wie's geht-58


SICHERHEIT,

GERECHTIGKEIT,

GEWERKSCHAFT

Die Arbeit der IG Metall

Die IG Metall ist die Gewerkschaft für Leiharbeiternehmerinnen und Leiharbeit­

nehmer. Gewerkschafter/-innen und Betriebsratsmitglieder in den Unternehmen setzen

sich ein für „Equal pay" und „Equal treatment" - dafür, dass Leiharbeitsbeschäftigte

nicht weiter als Menschen zweiter Klasse behandelt werden.


Leiharbeit fair gestalten.

„Gleiche Arbeit - Gleiches Geld"

Die Kampagne der IG Metall

Die IG Metall hat im April 2008 eine bundesweite Kampagne zum Thema

Leiharbeit gestartet. Diese Kampagne unter dem Titel „Gleiche Arbeit -

Gleiches Geld" ist in mehrfacher Hinsicht Ausdruck einer neuen politischen

Strategie der IG Metall.

Sicherheit, Gerechtigkeit, Gewerkschaft 9

Die Kampagne „Gleiche Arbeit - Gleiches Geld" geht auf einen Beschluss LEIPZIGER SIGNAL

des 21. Ordentlichen Gewerkschaftstages 2007 zurück. Die Delegierten

beschlossen dort das so genannte „Leipziger Signal". Es richtet sich an

vier Adressaten. Im Wortlaut:

An die Leiharbeiter und Leiharbeiterinnen:

„ Wir sind die Gewerkschaft für Leiharbeiter!"

Die IG Metall ist die Gewerkschaft für Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter.

Gemeinsam mit den Stammbelegschaften werden wir die Arbeitsbedin­

gungen verbessern und dafür sorgen, dass der Grundsatz „Gleiche Arbeit -

Gleiches Geld - Gleiche Arbeitsbedingungen" in der Leiharbeit gilt und

Leiharbeiter nicht länger ungerechtfertigt benachteiligt werden.

An die Unternehmer/-innen:

Jetzt ist Schluss mit Missbrauch!"

Der scheinbar grenzenlose Einsatz von Leiharbeit, die Verdrängung von

regulärer Beschäftigung und Lohndumping durch und auf Kosten der Leihar­

beiter ist ab sofort mit der IG Metall nicht mehr zu machen. Leiharbeit ist nur

für kurzfristige Auftragspitzen und unvorhergesehene Arbeiten akzeptabel.

Jeder Einsatz wird kritisch geprüft und Missbrauch nicht mehr zugelassen.


An die Politik:

„Ihr seid für die Menschen in Leiharbeit verantwortlich!"

Die Politik hat der Leiharbeit seit 2003 Tür und Tor geöffnet. Die daraus

resultierende Fehlentwicklung hat zu einer Zunahme der Leiharbeit

geführt, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

VERANTWORTUNG Die Politik ist aufgefordert, in Verantwortung gegenüber der in der Leih­

arbeit beschäftigten Menschen eine umfassende Regulierung einzuleiten, um

so Beschäftigung zu existenzsichernden Bedingungen sicherzustellen.

An die IG Metall:

„ Wir packen die Leiharbeit aktiv, konsequent und dauerhaft an!"

Die IG Metall wird sich ab sofort der Herausforderung „Leiharbeit" in allen

Organisationsgliederungen stellen. Wir schaffen die Voraussetzungen,

damit Betriebsräte und Vertrauensleute in den betrieblichen Auseinanderset iderset-

zungen gestärkt, Leihkräfte kompetent beraten und unterstützt und die ie

notwendigen Auseinandersetzungen mit der Politik und den Arbeitgeb Derverbänden

geführt werden können.

Für uns gilt: Die tariflichen und betrieblichen Flexibilisierungsmöglichkeiten

haben Vorrang vor Leiharbeit, und der Einsatz von Leiharbeitern muss im

Umfang reguliert werden. Dort wo Leiharbeit stattfindet muss der Grundsatz

„Gleiche Arbeit - Gleiches Geld" Anwendung finden. Wir streben einen

aktionsfähigen Organisationsgrad bei den in Leiharbeit Beschäftigten an.

Das Leipziger Signal ist die Schlussfolgerung der IG Metall aus der Entwick­

lung der Leiharbeit in den letzten Jahren. Die Arbeitnehmerüberlassung ist

in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach dereguliert worden, angefangen

mit dem Zulassen privater Arbeitsvermittlung im Jahr 1994.

Aufhebung der Regulierung der Leiharbeit

Die letzten - und bis jetzt geltenden - Änderungen im Arbeitnehmerüber­

lassungsgesetz sind zum 1. Januar 2004 in Kraft getreten. Damit wurden die

letzten flächendeckenden Regulierungen für die Leiharbeit aufgehoben:

• So ist die Höchstüberlassungsdauer von Leiharbeitskräften ständig erhöht

wurden. 1985 wurde sie von drei auf sechs Monate erhöht, in den Folge­

jahren immer weiter ausgedehnt.


Seit 2004 gibt es überhaupt keine Höchstüberlassungsdauer mehr.

Das heißt: Der Einsatz von Leiharbeiter/-innen ist zeitlich unbeschränkt

möglich.

• Das so genannte Synchronisationsverbot ist vollständig entfallen. Bis

2004 musste jeder Beschäftigte in Leiharbeit mindestens ein Viertel der

Zeitdauer seines letzten Einsatzes beim Verleihbetrieb weiter beschäf­

tigt werden, wenn der Einsatz bei einem Entleihbetrieb beendet war. Die

Verleihfirma stand so in der Pflicht oder trug zumindest das wirtschaft­

liche Risiko, für die verliehenen Arbeitskräfte eine Anschlussbeschäftigung

zu finden und sie in dieser Zeit weiter zu bezahlen. Durch den Wegfall

des Synchronisationsverbotes kann den Leiharbeitnehmer/-innen in dem

Moment gekündigt werden, wo der Einsatzbetrieb keine Verwendung

mehr für sie hat. Dadurch ist das unternehmerische Risiko in der Leiharbeit

vollends vom Verleihbetrieb auf die Leiharbeitsbeschäftigten übergegan­

gen. Dies ist umso dramatischer, als sich die Anspruchsvoraussetzungen

für den Bezug von Arbeitslosengeld in den vergangenen Jahren immer

weiter verschärft haben.

• Außerdem sind das besondere Befristungsverbot und das Wiederein-

stellungsverbot in der Leiharbeit aufgehoben worden.

• Bestehen geblieben ist einzig das Verbot der Arbeitnehmerüberlassung

in der Bauindustrie.

Im Gegenzug zu dieser Beschneidung von Rechten wurden (zumindest auf

den ersten Blick) die Rechte von Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeit­

nehmern ausgeweitet: Sie sollen für die Zeit der Überlassung an einen Ent­

leihbetrieb so zu behandeln sein wie vergleichbare Festangestellte. Dies

gilt sowohl für die gleiche Entlohnung („Equal pay") als auch für die son­

stigen Arbeitsbedingungen („Equal treatment"). Allerdings gibt es hiervon

Ausnahmen: So kann die Anwendung eines gesonderten Tarifvertrags für

Leihkräfte vereinbart werden, der ihre Bezahlung gegenüber der Bezahlung

von Festangestellten mindert. Außerdem kann bis dahin Arbeitslosen für

die Dauer von sechs Wochen ein reduziertes Arbeitsentgelt gezahlt werden.

Öffnungsklausel statt „Equal pay"

Insbesondere die Öffnungsklausel per Tarifvertrag hat dazu beigetragen,

dass sich die Bedingungen für Leiharbeiter/-innen dramatisch verschlechtert

haben. Durch diese Öffnungsklausel wurde das Verhältnis von gesetzlichen

und tarifvertraglichen Regelungen völlig auf den Kopf gestellt.

Sicherheit, Gerecht


In allen anderen Wirtschaftszweigen können die gesetzlichen Bestimmungen

durch Tarifverträge für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer günstiger ge­

staltet werden: So liegt die Arbeitszeit in der (westdeutschen) Metall- und

Elektroindustrie bei 35 Wochenstunden, während gesetzlich bis zu 48 bzw.

60 Wochenstunden zulässig sind. Die Urlaubsdauer beträgt in der Metall- und

Elektroindustrie sechs Wochen, während gesetzlich nur vier Wochen Urlaub

gewährt werden müssen.

Sicherheit, Gerechtigkeit, Gewerkschaft 13

Die Öffnungsklausel bei der Leiharbeit stellt dieses Günstigkeitsprinzip ÖFFNUNGSKLAUSEL

geradezu auf den Kopf: Tarifverträge in der Leiharbeit haben nicht die Funkti­

on, gesetzliche Standards zu verbessern, sondern können diese Standards

unterschreiten. In dieser Ausgangslage fühlten sich die so genannten „christ­

lichen Gewerkschaften" auf den Plan gerufen, eine beispiellose Unterbie-

tungskonkurrenz auszuüben.

„Christliche Gewerkschaften" drücken das Lohnniveau

Der Tarifvertrag zwischen der Tarifgemeinschaft Christliche Gewerkschaften

Zeitarbeit (CGZP) und der Arbeitsgemeinschaft Mittelständischer Personal­

dienstleister (AMP) für Ostdeutschland sah in der untersten Gruppe einen

Einstiegslohn von 5,77 Euro vor. Hinzu kommt, dass in Arbeitsverträgen die

einzelvertragliche Bezugnahme auf diesen Tarifvertrag ausreicht. Unter

diesen Umständen ist es der DGB-Tarifgemeinschaft zwar noch gelungen, mit

den beiden Leiharbeitsverbänden Bundesvereinigung Zeitarbeit (BZA) und

Interessengemeinschaft Zeitarbeit (iGZ) Tarifverträge zu schließen. Aufgrund

der Sogwirkung durch die Vereinbarungen der „christlichen Gewerkschaften"

ist das Niveau der DGB-Tarifverträge aber nur geringfügig höher ausgefallen.

Die Bundesregierung hatte die Leiharbeit dereguliert in der Erwartung, da­

durch zusätzliche Dynamik für den Arbeitsmarkt zu erzeugen, bislang Arbeits­

lose in den Arbeitsmarkt zu integrieren und über den so genannten „Klebe­

effekt" dafür zu sorgen, dass Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter in den regu­

lären Arbeitsmarkt integriert werden. Diese Erwartungen haben sich durch­

gängig nicht erfüllt. Zwar wird bisweilen reklamiert, dass ein Großteil des ge­

genwärtigen Beschäftigungszuwachses auf die Leiharbeit zurückzuführen

sei. Allerdings ist dieser Beschäftigungszuwachs nicht auf die Deregulierung

der Leiharbeit zurückzuführen, sondern weitgehend auf die ohnehin günstige

konjunkturelle Situation. Leiharbeit hat bis auf eine überschaubare Anzahl

von Stellen als Disponent/Disponentin und anderer administrativer Tätig­

keiten bei Verleihfirmen keine zusätzliche Beschäftigung erzeugt. Der Anteil

des administrativen Personals der Leiharbeitsfirmen beträgt nach Auskunft

der 15 führenden Leiharbeitsfirmen rund sieben Prozent.


14

Das würde hochgerechnet bedeuten, dass von den 300.000 Stellen, die

seit 2004 im Bereich der Leiharbeit entstanden sind, höchstens

21.000 tatsächlich neue Jobs entstanden sind.

Von den 21.000 ist noch dazu ein - nicht bezifferbarer - Teil abzuziehen,

weil die Koordination und Vergütung der Leiharbeitsbeschäftigten ansonsten

durch die Personalabteilungen der Einsatzbetriebe hätte erfolgen müssen,

deren Arbeit ebenfalls faktisch von den Verleihfirmen übernommen worden

ist. Der Rest erstreckt sich auf Arbeiten, die in den Unternehmen ohnehin

anfallen.

Leiharbeit verdrängt reguläre Arbeitsplätze

Leiharbeit hat somit dazu geführt, dass auf breiter Front bestehende reguläre

VERDRÄNGUNG Beschäftigungsverhältnisse zugunsten prekärer Beschäftigungsformen ver­

drängt worden sind. In der Folge hat sich die Beschäftigungssitutation nicht

stabilisiert, sondern diese Entwicklung hat insbesondere wegen des geringen

Entlohnungsniveaus in der Zeitarbeitsbranche im Gegenteil eher zu einer

langfristigen Schwächung der Binnenkaufkraft geführt.

Die IG Metall lehnt Leiharbeit nicht generell ab. Sie akzeptiert Leiharbeit

allerdings nur, um die Wechselfälle des Lebens abzudecken: das Abarbeiten

von Auftragsspitzen, das Absichern von Produktionsanläufen und die Über­

brückung von Krankheitsfällen.

Da das durchschnittliche Arbeitsverhältnis von Leiharbeitsbeschäftigten nur

drei Monate beträgt, hat es sich aufgrund der daraus resultierenden hohen

Fluktuation als äußerst schwierig erwiesen, dauerhafte Vertretungsstrukturen

aufzubauen, zum Beispiel Betriebsräte. Zudem ist der Kontakt der Leihar­

beitsbeschäftigten zu ihrem Entleihbetrieb weitgehend auf die Disponen-

ten/-innen und die Gehaltsbuchhaltung beschränkt. Weil sie nicht beim Ver­

leih, sondern im Einsatzbetrieb dauerhaft präsent sind, ergeben sich kaum

Kontaktmöglichkeiten zu den Betriebsräten in den Verleihbetrieben.

IG Metall nutzt Strukturen in den Einsatzbetrieben

Die Strategie der IG Metall setzt deshalb nicht in erster Linie bei den Ver­

leihbetrieben an, sondern bei den Einsatzbetrieben. Dort verfügt die IG Metall

über ausgeprägte und etablierte Vertretungsstrukturen: Betriebsräte, Ver­

trauensleute, Jugend- und Auszubildendenvertretungen. Das bedeutet, es

müssen nicht völlig neue Strukturen aufgebaut werden, sondern es können

bestehende genutzt werden.


Als Vorteil für diese neue Strategie kommt hinzu, dass das Betriebsver­

fassungsgesetz die Vertretung der Leiharbeitnehmer/-innen im Einsatzbetrieb

ausdrücklich zulässt: Für sie können Versammlungen abgehalten werden,

Leiharbeiter/-innen sind bei Betriebsratswahlen wahlberechtigt (sofern ihr

Einsatz mindestens drei Monate dauert oder so lange geplant ist). Ein ge­

setzgeberisches Manko besteht allerdings darin, dass Leiharbeiter/-innen

bei der Ermittlung der Schwellenwerte (Größe des Betriebsrats und Freistel­

lungen) nicht mitzählen.

Sicherheit, Gerechtigkeit, Gewerkschaft 15

Die Betreuung der Leiharbeiter/-innen setzt aber auch einen Mentalitäts- MENTALITÄTSWANDEL

wandel und ein anderes Selbstverständnis der Betriebsräte und Betriebs­

rätinnen in den Einsatzbetrieben voraus: Sie müssen erkennen, dass sie nicht

nur für die Vertretung der Interessen der Stammbelegschaft da sind, son­

dern müssen sich ebenso für die Belange der Leiharbeiter/-innen einsetzen,

auch wenn deren Arbeitgeber formal ein anderer ist. Sie müssen sich zudem

nicht nur einmalig des Themas annehmen, sondern die Vertretung der Leih-

arbeitsbeschäftigten als dauerhafte Aufgabe begreifen.

Die Handlungsebenen der Kampagne

Die IG Metall-Kampagne erstreckt sich auf drei Handlungsebenen, die in

den ersten zwei Jahren der Kampagnenlaufzeit zeitlich abgestuft angegangen

werden sollen:

• Die betriebspolitische Ebene: Sie hat Priorität. Hier steht vor allem der

Abschluss der „Besser"-Vereinbarungen im Mittelpunkt. Allerdings können

sich die Aktivitäten nicht nur darauf beschränken. Da die durchschnitt­

liche Verweildauer einer Leiharbeitskraft bei nur drei Monaten liegt, kommt

es ebenso darauf an, die Ansprache und die Betreuung der Leiharbeit

rinnen und Leiharbeiter zu verstetigen. Ähnlich wie die systematische An­

sprache der neuen Auszubildenden in jedem Herbst muss die Ansprache

der „neuen" Leiharbeitskräfte zur regelmäßigen Aktivität der Betriebs­

räte werden. Nicht zuletzt darin wird sich die Nachhaltigkeit der Kampagne

erweisen.

• Die tarifpolitische Ebene: Bereits in der Tarifrunde 2007 ist es teilweise

zu gemeinsamen Aktivitäten der Leiharbeiter/-innen und der Stamm­

beschäftigten gekommen. Dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz zufolge

dürfen Leiharbeiter/-innen nicht zu Streikbrucharbeiten eingesetzt werden.

Dieser Grundsatz ist in den DGB-Tarifverträgen mit BZA und iGZ noch

einmal unterstrichen worden. Das Befolgen dieses Grundsatzes wird aller­

dings nicht ausreichen.


Durch den Abschluss von „Equal pay"-Vereinbarungen auf breiterer Ebene

Sicherheit, Gerechtigkeit, Gewerkschaft 17

ist eine Situation entstanden, in der die einkommenspolitischen Interessen „EQUAL-PAY"

von Stammbeschäftigten und Leiharbeiter/-innen identisch sind, da sich

Einkommenserhöhungen der Stammbelegschaft in vollem Umfang auch auf

die Leiharbeiter/-innen auswirken. Dieser Umstand sollte zu einer breite­

ren Information und Mobilisierung genutzt werden. In Betrieben, in denen

kein „Equal pay" gilt, geht es darum, eine Diskussion über solche Verein­

barungen zu befördern und/oder um die regulären Tarifverhandlungen über

eine Verbesserung der BZA-/iGZ-Tarifverträge, die Anfang 2009 anstehen,

zusätzlich zu unterstützen.

• Die bundespolitische Ebene: Im Herbst 2009 wird ein neuer Bundestag

gewählt. Die Rahmenbedingungen, die zu einer Ausweitung und zu einem

Missbrauch der Leiharbeit geführt haben, sind politisch gesetzt worden.

Somit sind sie politisch auch veränderbar. Die ersten Reaktionen aus den

politschen Parteien auf die IG Metall-Kampagne lassen die Hoffnung

nicht unberechtigt erscheinen, dass diese Absicht zumindest teilweise auf

Akzeptanz stößt. Politiker/-innen aus allen im Bundestag vertretenen

Parteien (bis auf die FDP) haben inzwischen ihre Unterstützung der

IG Metall-Kampagne über die eigens eingerichtete Website

www.gleichearbeit-gleichesgeld.de bekundet.

Die IG Metall hat das Halten von bestehenden und das Gewinnen neuer

Mitglieder als zentrale Aufgabe in das Zentrum ihrer Aktivitäten gestellt. Dies

ist kein Selbstzweck. Mitgliedergewinnung ist nicht unpolitisch, sondern

die politischste Aufgabe der IG Metall überhaupt. An der Mitgliederstärke ent­

scheidet sich nicht nur die betriebspolitische Durchsetzungsfähigkeit, son­

dern auch die Akzeptanz und Durchsetzungsfähigkeit gewerkschaftlicher Posi­

tionen im politischen Raum.

Der Schwerpunkt auf die betriebspolitische Ebene folgt auch der Erkenntnis,

dass sich die Zukunft der IG Metall „in den Betrieben, nicht auf der Straße"

entscheidet, wie ihr Erster Vorsitzender Berthold Huber ausführte. Wie auch

bei der Diskussion um einen branchenbezogenen Mindestlohn setzt die

IG Metall in erster Linie darauf, Verbesserungen für ihre Mitglieder aus eige­

ner Kraft und unter Einbeziehung der Mitglieder zu erreichen. Die positiven

Beispiele, von denen einige exemplarisch im „weißen" Teil dieses Buches

dokumentiert sind, belegen, dass diese Strategie erste Erfolge zeigt.


Aktiv für Gerechtigkeit

Vereinbarungen decken 27 Prozent

der Beschäftigten ab

Die IG Metall hatte bis Anfang August 2008 insgesamt 328 Vereinba­

rungen zur Leiharbeit abgeschlossen. Damit ist das Ziel der Kampagne,

200 „Besser"-Vereinbarungen abzuschließen, mehr als erreicht.

Insgesamt arbeiten somit 27 Prozent der Beschäftigten in der Metall- und

Elektroindustrie in Unternehmen mit Vereinbarungen zur Leiharbeit.

„Gleiche Arbeit - Gleiches Geld": Dieser Anspruch konnte zwar nicht überall

erreicht werden. Dennoch sehen die Vereinbarungen deutliche Verbesse­

rungen vor. Bisher getroffene Vereinbarungen regeln unter anderem:

• Gleichbehandlung von Stamm- und Leihbeschäftigten

• Vorrang von befristeten Einstellungen gegenüber dem Einsatz von

Leiharbeiter/-innen

• innerbetriebliche Maßnahmen und befristete Einstellungen

• Höchstquoten in Prozent der Gesamtbelegschaft, die beim Einsatz

von Leiharbeitnehmer/-innen nicht überschritten werden dürfen

• kein Einsatz von Verleihbetrieben, die Tarifverträge der „christlichen

Gewerkschaften" anwenden

• ausschließlich Zusammenarbeit mit Personaldienstleistern, die sich

an den Tarifverträgen der IG Metall orientieren

• Gewährung von Leistungszulagen

• Aufwandsentschädigung bei überbetrieblichem Einsatz

• Unterstützung bei der Suche nach einer Unterkunft

• Bei Neueinstellungen werden bisherige Leiharbeitnehmer/-innen

vorrangig berücksichtigt


Unternehmen mit Besser-Vereinbarungen (Auswahl)

Unternehmen Branche

Daimler/

Mercedes-Benz

Automobilindustrie

Siemens Elektrogeräteindustrie

Bosch Elektrogeräteindustrie

Volkswagen Automobilindustrie

BMW Automobilindustrie

Audi Automobilindustrie

MAN Nutzfahrzeuge, Motorenbau

Ford Automobilindustrie

Opel Automobilindustrie

Schaeffler Wälzlagerindustrie

Airbus Flugzeugbau

ArcelorMittal Stahlindustrie

Motoren-

und Turbinen-

Union (MTU)

Triebwerksindustrie

Porsche Automobilindustrie

Bombardier Flugzeug- und

Schienenfahrzeugbau

Miele Elektrogeräteindustrie

Eurocopter Helikopter

Vereinbarungen zur Besserstellung

von Leiharbeiter/-innen

Sicherheit, Gerechtigkeit, Gewerkschaft

Zusatztarifvertrag 71

Betriebsvereinbarung 131

Sonstige Vereinbarung 126

insgesamt 328

Unternehmen Branche

Hella Automobilzulieferer

Salzgitter Stahlindustrie

SEW-Eurodrive Elektrische Antriebstechnik

Phoenix Contact Elektrische Verbindungs­

und Automatisierungstechnik

Linde Gase und Engineering

Deckel Maho

Gildemeister

Werkzeugmaschinen

Flender Antriebstechnik

MAN Roland Druckmaschinen

Schmitz Cargobull Last- und Transportfahrzeuge

Honsel Automobilzulieferer

Rasselstein Weißblechindustrie

STILL GmbH Gabelstapler

Hansgrohe Armaturen

und Sanitärtechnik

John Deere Landmaschinen

Fujitsu Siemens Elektronikindustrie

Osram Leuchtmittelindustrie

Vaillant Heiztechnik,

regenerative Energien


Zehn Argumente für die Kampagne

der IG Metall zur Leiharbeit

Leiharbeit kann besser werden - mit der IG Metall

Leiharbeit hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen

Früher wurde Leiharbeit in erster Linie eingesetzt, um Auftragsspitzen zu

bewältigen. Inzwischen dient sie immer mehr dazu, Stammbeschäftigte dauer­

haft zu ersetzen. Seitdem die gesetzlichen Beschränkungen für Leiharbeit

2004 aufgehoben wurden, hat sich die Zahl der Leiharbeitsbeschäftigten ver­

doppelt. Laut Bundesagentur für Arbeit gab es Ende Juni 2007 bundesweit

insgesamt 731.000 Leiharbeitnehmer/-innen. Berücksichtigt man die hohe

Fluktuation in der Branche, sind es sogar 900.000. Davon sind 215.000 in der

Metall- und Elektroindustrie tätig - unter Berücksichtigung der Fluktuation

sogar 260.000.

Leiharbeit verdrängt reguläre Jobs

Leiharbeit schafft keine neuen Jobs. Leiharbeitskräfte erledigen Arbeit, die

in den Unternehmen ohnehin anfällt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und

Berufsforschung (IAB) hat belegt, dass in rund einem Viertel aller Entleihbe­

triebe Leiharbeit reguläre Beschäftigung verdrängt. Die jüngste Betriebs­

rätebefragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI)

kommt zu demselben Ergebnis. Auch für das Deutsche Institut für Wirt­

schaftsforschung (DIW) deutet vieles darauf hin, dass Leiharbeit reguläre

Jobs verdrängt.

Leiharbeit ist keine Arbeit wie jede andere

Beschäftigte in Leiharbeit müssen sich ständig auf neue Situationen ein­

stellen: neue Einsatzorte, neue Aufgaben, neue Kollegen. Laut einer Studie

der Technischen Universität Darmstadt leidet auch das Privatleben der

Betroffenen unter Leiharbeit. Die meisten sehen ihre Situation als extrem

belastend an. Ein wichtiges Fazit der Studie: Leiharbeit bietet kaum eine

Zukunftsperspektive. Denn wegen fehlender Qualifikationsangebote gibt

es kaum berufliche Aufstiegsmöglichkeiten.


Leiharbeit ist keine „sichere" Arbeit

Leiharbeitnehmer/-innen haben in mehrfacher Hinsicht einen unsicheren

Arbeitsplatz. Für Leihkräfte ist das Risiko deutlich höher, vom Arbeitgeber

gekündigt zu werden. Laut IAB endet jedes dritte Arbeitsverhältnis, weil

der Arbeitgeber kündigt. In der übrigen Wirtschaft ist es nur jedes siebte. Die

Fluktuation - also Jobwechsel und Jobverlust - ist extrem hoch: 60 Prozent

der Leiharbeiter/-innen sind nicht länger als drei Monate in der Branche

beschäftigt, jede/-r zehnte Leiharbeitsbeschäftigte nicht länger als eine

Woche. Im Schnitt sind Leiharbeitskräfte nur drei Monate im selben Einsatz­

betrieb tätig.

Leiharbeit ist keine „Brücke in den Beruf

Nur ein kleiner Teil der Leiharbeitnehmer/-innen wird vom Entleihbetrieb

übernommen. Das IAB schätzt den so genannten Klebeeffekt auf lediglich

15 Prozent, ein höherer Anteil sei „utopisch". Die Verbände der Verleihfirmen

unterschlagen in ihren Wechsel-Statistiken gerne, dass Leiharbeiter/-innen

mitunter zwar einen neuen Job finden - aber bei einem anderen Verleiher

und nicht in Stammbeschäftigung. Im Übrigen wird der Klebeeffekt durch die

Allgemeinen Geschäftsbedingungen vieler Leiharbeitsfirmen erschwert:

Sie verlangen, dass der Einsatzbetrieb eine saftige Gebühr an den Verleihbe­

trieb zahlt, wenn der Leihbeschäftigte dauerhaft dort bleiben soll, wo er

eingesetzt ist.

Leiharbeit ist schlecht(er) bezahlt

Leiharbeitskräfte verdienen deutlich weniger als die Stammbelegschaft. Einer

Studie der Technischen Universität Darmstadt zufolge erhalten sie 30 bis

50 Prozent weniger Entgelt. Daraus resultieren dann auch geringere Rentenan­

sprüche. Besonders wenig verdienen Beschäftigte, für die der Tarifvertrag

der „christlichen Gewerkschaften" gilt. Deren Tarifvertrag für Ostdeutschland

sieht in der untersten Gruppe einen Einstiegslohn von 5,77 Euro vor. Das ent­

spricht bei Vollzeitarbeit gerade einmal 875 Euro im Monat. Derart niedrige

Entgelte sind laut IAB „kaum als existenzsichernd" anzusehen und bergen ein

deutliches Armuts- und Abstiegsrisiko. Der dritte Armuts- und Reichtums­

bericht der Bundesregierung weist darauf hin, dass der steigende Anteil von

Niedriglöhnen eine wesentliche Ursache von Armut ist.

Sicherheit, Gerechtigkeit, Gewerkschaft


Leiharbeit ist mitbestimmungsfreie Zone

Für das Entleihunternehmen ist nicht nur die niedrigere Bezahlung von

Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitsnehmer lukrativ. Vielmehr wird Leih­

arbeit auch eingesetzt, um die betriebliche Mitbestimmung auszuhebein.

Nur die wenigsten Verleihfirmen haben einen Betriebsrat. Selbst wenn es

einen gibt, ist er weit weg-nämlich beim Verleihbetrieb. Im Einsatzbetrieb

dürfen Leiharbeitnehmer/-innen zwar mitwählen, aber nur wenn sie länger als

drei Monate dort tätig sind oder ein so langer Einsatz geplant ist. Doch bei

der Ermittlung der Größe des Betriebsrats zählen sie nicht mit. Betriebs­

räte in Einsatzbetrieben mit einem höheren Anteil an Leiharbeiter/-innen

müssen sich also um mehr Beschäftigte kümmern. Für die Betreuung jedes

einzelnen Arbeitnehmers bleibt somit weniger Zeit.

Leiharbeit ist nicht weniger produktiv

Das Statistische Bundesamt hat festgestellt, dass vor allem Personen mit

abgeschlossener Berufsausbildung als Leiharbeitnehmer/-in eingesetzt

werden (64 Prozent). In der Regel arbeiten Leiharbeitskräfte und Festange­

stellte miteinander verzahnt. Beispiel Automobilindustrie: Wenn der eine

die rechte Autotür montiert und der andere die linke, müsste das Band stän­

dig anhalten, falls die Leiharbeitnehmer unproduktiver wären. Qualität

wird auch bei Entleihfirmen groß geschrieben. Deshalb würden sie wohl kaum

Leiharbeitnehmer beschäftigen, wenn sie wirklich schlechter arbeiteten.

Leiharbeit wird intensiv genutzt

Leiharbeit wird besonders in größeren Betrieben eingesetzt. Bedenklich

ist der Anteil derjenigen Betriebe gestiegen, in denen mehr als 20 Prozent

Leiharbeitnehmer/-innen beschäftigt sind (Intensivnutzer). Ab einer Be­

triebsgröße von 150 Beschäftigten wurde Leiharbeit im Jahre 2002 nur zu

2,2 Prozent intensiv genutzt. 2006 hatte sich dieser Anteil fast verfünf­

facht (10,4 Prozent). Das IAB sieht darin eine „Strategie zur Senkung der

Lohnkosten".


Leiharbeit etabliert das Minimum als Maßstab

Leiharbeit ist seit 2004 dereguliert, so dass heute Leiharbeitskräfte unbe­

grenzt im Entleihbetrieb eingesetzt werden dürfen. Außerdem darf Leiharbeit

auf die Dauer der Arbeit in einem bestimmten Einsatzbetrieb befristet

(synchronisiert) werden. Als Ausgleich wurden Leiharbeitnehmer/-innen den

Beschäftigten im Entleihbetrieb zwar formell gleichgestellt. Dieser Gleichstel­

lungsgrundsatz ist jedoch eingeschränkt: Wenn im Arbeitsvertrag auf einen

Flächentarifvertrag Bezug genommen wird, gelten dessen Regelungen - auch

wenn sie schlechter ausfallen. So konnten die so genannten „christlichen

Gewerkschaften" arbeitgeberfreundliche Tarifverträge auf unterstem Niveau

abschließen.

Schwerpunkte der Leiharbeit:

Handwerk und Industrie

Von allen Beschäftigten in Leiharbeit

arbeiten...

Sicherheit, Gerechtigkeit, Gewerkschaft

61,1%

Quelle: lAB-Betriebspanel 2006, Berechnungen: Bellmann, 2007

© Hans-Böckler Stiftung 2007


LEIHARBEIT -

DIE WEISSESEITE

Fairness ist machbar

Aus der Leiharbeit in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis, den gleichen Stundenlohn

wie die festangestellten Kollegen, Schichtzulagen, Urlaubsgeld: Dieser Statusreport

zeigt, dass Leiharbeit fair gestaltet werden kann und dass der Kampf für mehr

Gerechtigkeit sich lohnt.


Ein Happy End für Ruslan -

dank Betriebsrat und IG Metall

Erst gab's mehr Geld - und dann die Festanstellung

Erst 5,16, dann 6,85 Euro hat der Leiharbeiter Ruslan Yusifov-Gladki für

seine schwere Arbeit in der Kernmacherei bekommen. Der Tariflohn der fest

angestellten Kollegen für die gleiche Arbeit war mehr als doppelt so hoch.

Das war 2005. Mittlerweile gehört auch Ruslan zur Kernbelegschaft der

Kolbenschmidt Aluminium-Technologie AG (ATAG) im württembergischen

Neckarsulm. Zunächst bekam er einen befristeten Vertrag, vor einem Jahr

dann einen unbefristeten.

Etwa jeder zehnte Beschäftigte des Automobilzulieferers ATAG (Motorblöcke)

arbeitete im Sommer 2005 als „Leasingkraft". Einer von ihnen war Ruslan

Yusifov-Gladki. Der Mann, der in Aserbaidschan aufgewachsen ist und

mehrere Sprachen spricht, war entsetzt, als er im viel gelobten Deutschland

erfahren musste, was Leiharbeit bedeutet: „Das ist die größte Ungerechtig­

keit, die ich hier gesehen habe", sagt er. „Das ist moderne Sklaverei."

„Das ist moderne Sklaverei."

Ruslans „Sklavenhalter" war die Firma IVP. Das Unternehmen hatte mit

dem Automobilzulieferer einen Werkvertrag abgeschlossen. Ruslan war voll

in den Arbeitsprozess in der Kernmacherei integriert, weisungsgebunden

und arbeitete wie fest angestellte ATAG-Kollegen - nur für den halben Lohn.

„Manchmal musste ich nach der Nachtschicht wieder in der Spätschicht

arbeiten. Und das vor allem im Sommer bei extrem hohen Temperaturen",

erzählt der Metaller. Ein klarer Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz und

die betriebliche Mitbestimmung.

Leiharbeit - die weiße Seite

Ruslan Yusifov-Gladki


Als der ATAG-Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Müller von den unseriösen

Praktiken der Firma IVP erfuhr, hat er sich bei der Personalabteilung be­

schwert. Doch die kannte die Verleihfirma nicht. Es stellte sich heraus, dass

das Unternehmen an den Personalern vorbei über den Einkauf angeheuert

worden war.

Leiharbeit - die weiße Seite

Der Betriebsrat konnte durchsetzen, dass Ruslan

Yusifov-Gladki und andere Leiharbeiter einen

Arbeitsvertrag bekamen.

Auf Grund des Drucks des Betriebsrats bekommt IVP seitdem von ATAG

keinen Vertrag mehr. Der Eigentümer, der Ruslan noch Geld schuldet, hat

Insolvenz beantragt und ist untergetaucht.

Der ATAG-Betriebsrat konnte 2005 durchsetzen, dass Ruslan Yusifov-Gladki

und andere Leiharbeiter einen Arbeitsvertrag mit ATAG bekamen. „Dies ist ein

Ergebnis der Vereinbarung zur Standortsicherung, die die IG Metall und der

Betriebsrat mit dem ATAG-Vorstand vereinbart hatte", berichtet Betriebsrats­

vorsitzender Müller. „Wir mussten dabei einige Kröten schlucken. Dafür

konnten wir unter anderem die Beschäftigungssicherung bis Ende 2011 und

die Reduzierung der Leiharbeit durchsetzen."

20 Leasing-Verträge wurden in ein

Nach der Vereinbarung wurde die Leiharbeitsquote 2006 auf sechs und

2007 auf drei Prozent gesenkt. Einer der ersten, die davon profitiert haben,

unbefristetes Arbeitsverhältnis umgewandelt.

war Ruslan Yusifov-Gladki. Insgesamt hat ATAG seither circa 30 Leiharbeitern

einen befristeten Arbeitsvertrag gegeben, der auf dem Metall-Tarifvertrag

basiert. 20 dieser Verträge wurden inzwischen in ein unbefristetes Arbeitsver­

hältnis umgewandelt. Insgesamt sind heute noch drei Prozent der rund

1.000 Beschäftigten in Neckarsulm Leiharbeiter.

„Ein Erfolg", sagt Rudolf Luz, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall im

württembergischen Unterland. „Doch noch lieber wäre mir die Lösung des

ATAG-Schwesterunternehmens KS in Neckarsulm. Dort haben wir die

gleiche Flexibilität ohne Leiharbeit erreicht."


„Wenn schon Leiharbeit, dann fair"

So muss Leiharbeit aussehen:

Gleiche Bedingungen, gleicher Lohn

„Wenn schon Leiharbeit, dann aber fair", sagte sich Günter Harrack,

Betriebsratsvorsitzender der Firma Zumtobel Staff in Lemgo, als das Unter­

nehmen vor drei Jahren entschied Leiharbeiter einzustellen. Es sollte

alles fair zugehen, keine Kluft zwischen den Stammarbeitern und den Leih­

arbeitern entstehen.

Deshalb arbeitet Zumtobel nur mit einer einzigen Leiharbeitsfirma zusam­

men, dem Netzwerk Lippe, das vom Kreis Lippe getragen wird. Warum? „Die

IG Metall Detmold und das Netzwerk Lippe haben einen Vertrag abgeschlos­

sen der festschreibt, dass für alle Leiharbeiter in Metall-Betrieben auch der

Manteltarif der IG Metall gelten muss", erklärt Harrack. Gleiche Arbeit zu glei­

chem Lohn, nur so könne das funktionieren. „Die Leiharbeiter bekommen

alle Prämien, alle Schicht-, Spät, Sonder- und Schwerarbeitszulagen und auch

die Treueprämien, sie werden in gleichem Maße behandelt wie alle anderen

Arbeiter auch," so Harrack.

Gleiche Arbeit - Gleiches Geld: Auch der Arbeitgeber

weiß das zu schätzen. Seine Leiharbeiter sind

motiviert und haben eine geringe Krankenquote.

Und das Unternehmen fährt gut mit seiner Devise. In den vergangenen

drei Jahren sind knapp 25 Leiharbeiter in die Stammbelegschaft übernommen

worden. „Und es steht natürlich außer Frage, dass bei uns restlos alle Leih­

arbeiter in die IG Metall eingetreten sind", sagt Harrack stolz. Anfangs seien

einzelne etwas skeptisch gewesen, aber nach zwei Monaten hätten sich

die meisten bedankt. „Die meinten, alles, was du uns versprochen hast, das

hast du auch gehalten", erinnert sich Harrack.


Gleiche Arbeit - Gleiches Geld: Auch der Arbeitgeber weiß das zu schätzen.

Schließlich hat auch er nur Vorteile: Seine Leiharbeiter sind motiviert und

haben eine geringe Krankenquote. „Die standen von vorneherein hinter uns",

so der Betriebsratsvorsitzende. „Es freut ja auch den Arbeitgeber, wenn der

Betriebsfrieden dank Gleichbehandlung nicht gestört wird."

Im März 2008 haben noch 50 Leiharbeiter bei Zumtobel gearbeitet, Ende April

musste dann aber auch der letzte gehen. „Es tat allen Leid, dass sie gehen

mussten - uns und den Leiharbeitern", sagt Harrack. Die veränderte Auftrags­

lage bei Zumtobel habe aber eine Anstellung von Leiharbeitern nicht länger

gerechtfertigt. „Wenn nötig, dann werden wir wieder Leiharbeiter beschäfti­

gen", verrät Harrack. „Aber nur zu denselben fairen Bedingungen, wie das in

den letzten drei Jahren der Fall war."

Leiharbeit - die weiße Seite


Den Missbrauch abgestellt

Planstelle statt Mini-Job

Noch am Wochenende danach war Erich B.* fassungslos und stinksauer.

„Die Firma hat die finanzielle Not einer Leiharbeiterin schamlos ausgenutzt",

empört sich der Betriebsratsvorsitzende eines großen Automobilzulieferers

in Süddeutschland. Als Erich B. von dem Fall erfahren hat, ist er gleich zum

Arbeitsdirektor des Unternehmens gegangen. „Der Missbrauch wird

abgestellt", freut sich B.

Der Missbrauch war eine ganz besondere Form von Zweitjob: am selben

Arbeitsplatz. Eine Leiharbeiterin war in der Retourenabteilung eingestellt. Bei

einer 37,5-Stunden-Woche erhielt sie rund 1.200 Euro brutto - blieben

800 Euro netto. Nach dem Ausstechen kehrte sie jeden Tag an ihren Arbeits­

platz zurück und machte weiter - auf 400-Euro-Basis, als Niedriglohnkraft

ihres Einsatzbetriebs. Für die Arbeitnehmerin war das praktisch. Sie brauchte

halt das Geld - und konnte sogar Zeit und Geld für die Fahrt zwischen zwei

Arbeitsplätzen sparen.

„Ich werde mich dafür einsetzen, dass sie eine

ordentliche Planstelle bekommt, die regulär bezahlt

wird. Die ganze Geschichte mit Mini-Jobs und

Leiharbeit, das geht nicht."

Erich B. fragte nach: Diese Konstruktion ist sogar rechtens. „Als Betriebsrat

stehe ich fast ohnmächtig davor, dass die Kollegin 45,5 Stunden arbeitet. Und

durch den Nebenjob ihr Gehalt sogar um 50 Prozent aufbessert. Das kann

doch alles nicht sein." Als Erich B. nachrechnete, kam es sogar noch dotier:

Denn der Einsatzbetrieb zahlte dem Verleiher für ihren regulären Einsatz

einen Stundensatz von rund 15 Euro. In ihrem 400-Euro-Job erhielt die Be­

schäftigte jedoch nur 12,60 Euro die Stunde.


Erich B.: „Die Überstunden waren also für die Firma noch billiger als die

reguläre Arbeitszeit als Leiharbeiterin."

„Die Leiharbeitsgesetzgebung hat eine himmelschreiende Ungerechtigkeit er­

zeugt", sagt Erich B. Er ist überzeugtes SPD-Mitglied. „Ich schäme mich, dass

meine Partei so etwas zugelassen hat." Bei dem Automobilzulieferer wird die

Beschäftigte nicht mehr zwei Jobs am gleichen Arbeitsplatz verrichten. Doch

B. weiß auch, dass die Frau auf den Zweitjob angewiesen ist. Er will ihr keinen

Bärendienst erweisen, indem er dafür sorgt, dass sie ihren Zusatzverdienst

los wird und sich anderswo andienen muss: „Sie war ja sogar begeistert über

den Zweitjob. Ich werde mich dafür einsetzen, dass sie eine ordentliche Plan­

stelle bekommt, die regulär bezahlt wird. Die ganze Geschichte mit Mini-Jobs

und Leiharbeit, das geht nicht."

* Name geändert

Leiharbeit - die weiße Seite


Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Friedhelm Adam setzt sich für die Leih­

arbeitnehmer in seinem Betrieb ein

Die Firma Winkelmann Powertrain Components (WPC) aus Ahlen beschäf­

tigt derzeit etwa 120 Leiharbeiter. Der Hersteller von rotationssymme­

trischen Motorkomponenten sowie Baugruppen für Kraftstoffmodule würde

ohne deren Hilfe nicht auskommen. Und gerade weil viele der Leiharbeiter

schon einige Jahre bei WPC arbeiten, kämpft Betriebsratsvorsitzender

Friedhelm Adam dafür, dass Leiharbeiter in seinem Betrieb unter gleichwer­

tigen Bedingungen arbeiten.

Ihr habt bereits einige Vereinbarungen mit den Leiharbeitsfirmen getroffen.

Welche sind das?

Fast alle Leiharbeiter, die bei uns eingesetzt sind, werden nach dem Tarif­

vertrag des BZA (Bundesverband Zeitarbeit) oder des iGZ (Interessenverband

Deutscher Zeitarbeitsunternehmen) bezahlt. Beide Tarifverträge haben eini­

germaßen identische Grundlöhne in den Eingangsgruppen, einzelne Punkte

wie Spätschichtzulagen, Sonn- und Feiertagszulagen und Überstunden sind

darin entweder nicht oder schlechter geregelt. Wir haben im Januar 2008

deshalb mit unseren Leihfirmen die Vereinbarung getroffen, dass in diesen

Punkten ab sofort der Manteltarifvertrag der IG Metall gilt.

Wie wirkt sich das genau aus?

Die Leihfirmen haben verschiedene Obergrenzen bei Überstunden, bei

Randstad sind das beispielsweise bis zu 263 Plusstunden. Bei uns gilt

ab sofort unsere eigene Stundenregelung, die besagt, dass ab 70 Plusstun­

den alles ausbezahlt wird - Überstunden und Prozente.

Leiharbeit - die weiße Seite

Friedhelm Adam


Das hört sich ja schon sehr gut an..

Ja, aber es geht noch weiter. Wir arbeiten derzeit an einer Vereinbarung, in

der wir den Leistungslohn einführen wollen. Unsere Stammmitarbeiter

werden nach einem Prämienakkordlohn bezahlt, das wollen wir auch für die

Leiharbeiter. Von unseren 120 Leiharbeitern sind etwa 100 Facharbeiter,

auch das muss berücksichtigt werden. Eigentlich müssen alle Löhne erhöht

werden.

„Von unseren 120 Leiharbeitern sind etwa

100 Facharbeiter, auch das muss berücksichtigt

werden. Eigentlich müssen alle Löhne

erhöht werden."

Was heißt das konkret? Wie hoch soll der Leistungslohn sein?

Unser Arbeitgeber erwartet eine Leistung von 125 bis 129 Prozent. Wir wollen

den Leiharbeitern ab Juli zunächst durchweg 125 Prozent auszahlen, danach

haben wir dann Vergleichszahlen und können von da an den tatsächlich

geleisteten Leistungslohn ausbezahlen.

Und wie wollt ihr kontrollieren, dass die Arbeiter das Geld auch bekommen?

Wir melden den Verleihern Ende des Monats, wie viel an den Mitarbeiter

ausbezahlt werden muss. Außerdem bieten wir den Leiharbeitern an, ihnen

bei der Abrechnung zu helfen, damit sie wissen, wie viel sie bekommen

müssen. Und wir kontrollieren auch, ob das tatsächlich passiert. Das haben

wir den Firmen so angekündigt.

Und da machen die Verleihfirmen einfach so mit?

Im Moment sind bei uns Leiharbeiter aus sieben verschiedenen Firmen.

Wir werden uns künftig auf zwei Verleiher konzentrieren. Diese beiden Firmen

haben uns zugesagt, dass sie uns bei diesen Regelungen unterstützen

werden.


Und der Vertrag gilt?

Sollte eine der Firmen nicht mehr mitmachen wollen, dann werden wir allen

kündigen. Wir wollen keine Konkurrenz innerhalb der Leihfirmen. Auch

deshalb konzentrieren wir uns künftig auf die beiden Firmen. Und so können

wir schwarze Schafe unter den Firmen abstoßen - obwohl das wirklich schade

um die Mitarbeiter ist.

Was sagen die Stammbeschäftigten zu der gesamten Situation?

Sie sind auf der Seite der Leiharbeiter. Auch sie sprechen uns gezielt an und

fordern uns auf, etwas für ihre Kollegen zu tun. Denn oft arbeiten sie schon

Leiharbeit - die weiße Seite

„Die Stammbeschäftigten sind auf der Seite der

Leiharbeiter. Sie sprechen uns gezielt an und

fordern uns auf, etwas für ihre Kollegen zu tun."

seit zwei oder drei Jahren zusammen - alles, was sie da unterscheidet ist das

Einkommen. Und dafür versuchen wir ja etwas zu tun.

Wissen die Leiharbeiter, was ihr für sie tut?

ja, natürlich haben sie schon einiges gehört. Wenn das jetzt aber alles durch

ist, werden wir eine Info-Veranstaltung nur für Leiharbeiter einberufen und

ihnen erklären, was es für sie finanziell bedeutet. Wer weiß, vielleicht treten

dann ja auch noch einige der IG Metall bei.

Wie viele Leiharbeiter sind denn schon beigetreten?

Wir haben seit gut einem Jahr 15 Leiharbeiter übernommen, und alle sind

Mitglieder der IG Metall. Dazu sind noch fünf weitere Leiharbeitnehmer

beigetreten. Meist machen die das, weil bei der IG Metall jemand etwas

gegen ihre ungerechte Bezahlung unternimmt.


36

„Nur für Super-Notfälle - aber wir sind da"

Betriebsratsarbeit ist dringend nötig-

auch unter erschwerten Bedingungen

Sie arbeiten weit verstreut in wechselnden Unternehmen, zu unterschied­

lichen Zeiten, in verschiedenen Abteilungen - ihre Kollegen kennen sie

häufig nicht: Keine leichte Aufgabe für die Betriebsräte in Leiharbeitsfirmen.

Kerstin Kürten arbeitet beim Leiharbeitsunternehmen Timepartner in Essen

als Disponentin. Sie weist also Leiharbeiter Entleihbetrieben zu. Da sie damit

keine leitende Position hat, darf sie sich auch im Betriebsrat engagieren.

Nach einigen rechtlichen Auseinandersetzungen wurde der Betriebsrat Ende

des Jahres 2006 gegründet. Heute ist Kürten die Betriebsratsvorsitzende.

Die anderen sechs Mitglieder sind „Externe", also Leiharbeiter, die in unter­

schiedlichen Betrieben in Nordrhein-Westfalen beschäftigt werden.

Wenn Kürten von ihrer Arbeit erzählt, redet sie schnell und präzise. Auch

wenn sie erklärt, warum in ihren Augen nur jemand aus der Verwaltung den

Vorsitz eines Betriebsrates übernehmen sollte: „Welcher Mitarbeiter möchte

seinen Einsatz, vor allem, wenn es eine interessante Tätigkeit ist, mit Arbeit

für den Betriebsrat aufs Spiel setzen? Es ist nahezu unmöglich, diesen Job

vom Betrieb des Kunden aus zu machen. Natürlich ist das rechtlich möglich.

Aber die Frage ist immer, ob man es auch durchsetzen kann und der Kunden­

betrieb mit dem Arbeitsausfall einverstanden ist!"

Nach einigen rechtlichen Auseinandersetzungen

konnte ein Betriebsrat gegründet werden.

Aktuell hat Timepartner in Essen rund 120 Mitarbeiter. Die werden an bis zu

30 Kunden im Ruhrgebiet entliehen. Entsprechend schwierig ist es für Kürten,

den Kontakt zu halten.


Noch schwieriger ist es für die Leiharbeiter, sich zusammenzufinden:

„Zeitweise arbeiten fünf von ihnen im gleichen Betrieb. Aber oft kennen sie

sich durch die verschiedenen Schichten und Abteilungen gar nicht."

Deshalb und aufgrund der räumlichen Entfernung zur Timepartner-Nieder­

lassung und zum Betriebsratsbüro könne sich nur schwer „eine Vertrauens­

basis aufbauen", und es falle nicht leicht, die Kollegen für die Betriebsrats­

arbeit zu begeistern: „Bei unserer ersten Betriebsversammlung in Essen

waren 13 der 120 Beschäftigten da. Viele Mitarbeiter nehmen lieber vor Ort

bei den Entleihbetrieben an den Versammlungen teil."

In der ganzen Zeit seit seiner Gründung sei der Timepartner-Betriebsrat nur

wenige Male eingeschaltet worden: „Es scheint, als seien wir nur für Super­

Notfälle da. Wenn der Mitarbeiter seine Probleme nicht mit den Ansprechpart-

nem in der Niederlassung klären kann, werden wir hinzugezogen."

Leiharbeit-die weiße Seite 37


I Leiharbeiter dürfen an den Betriebsratswahlen

im Einsatzbetrieb teilnehmen I


Ohne Leiharbeit geht's auch

Zeitverträge statt Leiharbeit -

Bosch-Betriebsrat setzt sich durch

Seit Jahren verhindert der Betriebsrat des Bosch-Werks Bamberg

erfolgreich den Einsatz von Leiharbeitern und setzt stattdessen auf be­

fristete Beschäftigungsverhältnisse. Der Betriebsratsvorsitzende

Hans Wolff im Gespräch.

Du bist Betriebsratsvorsitzender des Bosch-Werks Bamberg. Ein wenig

erinnert das Werk an ein berühmtes gallisches Dorf. Denn so wie dessen

Einwohner immer wieder den Römern trotzten, habt ihr euch die Leih­

arbeit bislang erfolgreich vom Hals gehalten. War diese Arbeitsform denn

nie ein Thema?

Doch, schon vor etwa sechs Jahren. Damals lief die Produktion für Bestand­

teile eines Dieselmotors aus, und die Produktion der Common Rail-Technik

sollte parallel dazu starten. 600 bis 700 zusätzliche Mitarbeiter waren nötig,

Der Arbeitgeber wollte sie per Leiharbeit in den Betrieb holen. Wir vom Be­

triebsrat wollten hingegen sozial abgesicherte Beschäftigungsverhältnisse.

Wie genau seid ihr vorgegangen, um Leiharbeit von Bosch in Bamberg

fern zu halten?

Wir setzten uns mit der Bezirksleitung der IG Metall in Verbindung und

verhandelten über einen Ergänzungstarifvertrag. Denn zum damaligen Zeit­

punkt durften Mitarbeiter maximal zwei Mal zwölf Wochen befristet be­

schäftigt werden. Doch was Bosch brauchte, waren Beschäftigungsverhält­

nisse von ein bis eineinhalb Jahren. Die IG Metall stimmte entsprechenden

Vereinbarungen zu und eine Betriebsversammlung wurde einberufen.

Leiharbeit - die weiße Seite

HansWolff


Wie konntet ihr die Beschäftigten von eurem Vorschlag überzeugen?

Wir haben versprochen, dass vor allem Familienangehörige und Arbeits­

lose aus der Region die befristeten Verträge bekommen. So war auf einmal

die persönliche Betroffenheit da. Jeder hatte einen Sohn oder Bruder oder

Bekannten, der auf der Suche nach Arbeit war. Da waren alle schnell von

unserer Idee überzeugt.

„ Wir haben mit offenen Karten gespielt und von

vornherein gesagt, dass nach der Befristung keine

Übernahme garantiert ist."

Und das, obwohl es sich nur um Arbeit auf Zeit handelte?

Wir haben mit offenen Karten gespielt und von vornherein gesagt, dass nach

der Befristung keine Übernahme garantiert ist. Aber viele waren sehr froh,

wenigstens für diese Zeit etwas zu haben. Die Arbeitslosenquote lag damals

bei rund zehn Prozent. Nach Ablauf der befristeten Verträge konnten dann

sogar 160 Personen fest übernommen werden.

Gab es seither noch einmal eine Diskussion über Leiharbeit?

Zwischenzeitlich wurden wegen einer ähnlichen Produktionsumstellung

noch einmal 60 Zusatzkräfte benötigt. Die Werksleitung von Bosch hat aber

keinerlei Anstalten mehr gemacht, noch einmal über Leiharbeit zu reden.

Stattdessen bot sie von vornherein befristete Verträge an.

Kann man die Situation bei Bosch in Bamberg auf andere Unternehmen

übertragen?

In vielen Fällen schon. Leiharbeit wird oftmals nur missbraucht. Unsere

Manteltarifverträge sind doch so flexibel, dass man zusätzliche Arbeitskräfte

problemlos über befristete Beschäftigungsverhältnisse bekommen kann.


Dennoch gibt es immer mehr Leiharbeiter in der Bundesrepublik...

Ja, weil viele Betriebsräte zu schwach sind oder sich zu schwach fühlen,

um sie zu verhindern.

Aber warum kämpft ihr so vehement gegen Leiharbeit?

Leiharbeit - die weiße Seite

„Unsere Manteltarifverträge sind so flexibel,

dass man zusätzliche Arbeitskräfte problemlos

über befristete Beschäftigungsverhältnisse

bekommen kann."

Für mich und meine Kolleginnen und Kollegen stellen Tarifverträge eine

Mindestbedingung dar. Sobald sie durchlöchert werden, sind sie nichts mehr

wert. Per Leiharbeit wird doch auch versucht, die Kosten für Festangestellte

zu drücken. Es wird dabei von den Unternehmern so getan, als sei der Tarifver­

trag die Höchst- und nicht die Mindestbedingung.

Also sollten alle Betriebsräte gegen Leiharbeit mobil machen?

Auf jeden Fall. Es muss für flächendeckende Tarifverträge gekämpft werden.

Wenn es gelingt, die Belegschaft so wie hier in Bamberg mit ins Boot zu holen,

können Arbeitgeber Leiharbeit nicht missbrauchen.


Dennoch gibt es immer mehr Leiharbeiter in der Bundesrepublik...

Ja, weil viele Betriebsräte zu schwach sind oder sich zu schwach fühlen,

um sie zu verhindern.

Aber warum kämpft ihr so vehement gegen Leiharbeit?

Leiharbeit - die weiße Seite

„Unsere Manteltarifverträge sind so flexibel,

dass man zusätzliche Arbeitskräfte problemlos

über befristete Beschäftigungsverhältnisse

bekommen kann."

Für mich und meine Kolleginnen und Kollegen stellen Tarifverträge eine

Mindestbedingung dar. Sobald sie durchlöchert werden, sind sie nichts mehr

wert. Per Leiharbeit wird doch auch versucht, die Kosten für Festangestellte

zu drücken. Es wird dabei von den Unternehmern so getan, als sei der Tarifver­

trag die Höchst- und nicht die Mindestbedingung.

Also sollten alle Betriebsräte gegen Leiharbeit mobil machen?

Auf jeden Fall. Es muss für flächendeckende Tarifverträge gekämpft werden.

Wenn es gelingt, die Belegschaft so wie hier in Bamberg mit ins Boot zu holen,

können Arbeitgeber Leiharbeit nicht missbrauchen.


„Der Kampf um Mehrheiten lohnt sich"

IG Metall kämpft für bessere Arbeitsbedingungen

im Dresdner Infineon-Werk

„Letztes Jahr war ich in China", erzählt Wigand Cramer. „Andere waren

wegen der Arbeitsbedingungen dort schockiert. Ich kannte das aus

Dresden." Cramer ist IT-Spezialist der IG Metall und betreut in dieser

Funktion unter anderem Infineon.

Wenn er von den Zuständen in Dresden erzählt, benutzt er häufig Worte,

die „besser in keinem Text stehen sollten". Denn das Thema ist brisant, die

Lage angespannt und er ist ziemlich unzufrieden mit der Situation vor Ort.

Noch sitzen nicht nur Mitglieder der IG Metall im

Betriebsrat, doch die Zuversicht ist groß, dass der

Einfluss der IG Metall ständig wachsen wird.

Die IG Metall versucht seit Jahren, ihren Einfluss bei Infineon und dem

Tochterunternehmen Qimonda auszuweiten. Noch sitzen nämlich nicht nur

Mitglieder der IG Metall im Betriebsrat, sondern in der Mehrheit solche,

die der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB) zu­

zurechnen sind, die von Siemens gezielt mit Millionenbeträgen aufgepäp­

pelt wurde, um die IG Metall zu bekämpfen. Doch Cramer ist zuversichtlich,

dass der Einfluss der IG Metall ständig wachsen wird.

Aber selbst wenn die Mehrheit im Betriebsrat zu Gunsten der IG Metall

kippt, liegen schwere Aufgaben vor ihr, schwant es Cramer: „Dieser unterneh­

merfreundliche Betriebsrat machte bislang alles, was die Geschäftsfüh­

rung wollte. Deshalb liegt da einiges im Argen." So stimmte der Betriebsrat

einst der Einführung von Leiharbeit in den Dresdner Werken zu. Denn vor

allem zwei Arten von Halbleitern werden in Dresden produziert: einfache

Speicherchips und komplexe Prozessoren. Die Nachfrage nach Speichern ist

konstant, die nach Prozessoren hingegen schwankt stark.


Da Infineon in Dresden vor allem diese „Logik"-Chips fertigen lassen will,

sollte auch der Personalbedarf durch Leiharbeit flexibler werden. „Die

Stammbelegschaft", sagt Cramer, „sollte auf ein Minimum reduziert werden,

und die Betriebsratsmehrheit unterstützte das."

Bei 30 Prozent wurde die Höchstquote für den Einsatz von Leiharbeitern

damals festgeschrieben. In Wahrheit hätten Infineon und Qimonda mittlerwei­

le vier Arten von Beschäftigten, erläutert Cramer: Nicht nur Festangestellte

und neu eingestellte Leiharbeiter würden beschäftigt, sondern auch befristet

Beschäftigte und jene, die früher befristete Arbeitsverträge hatten und dann

überredet wurden, in die Leiharbeit zu gehen. Gerade diejenigen, die in die

Leiharbeit gewechselt sind, hätten jetzt „bis zu 500 Euro weniger im Monat

als früher". Vor einiger Zeit wurde in Dresden zudem die Zwölf-Stunden-

Schicht eingeführt - der Betriebsrat ging auch hier nicht auf die Barrikaden.

Zwölf Stunden Arbeit pro Tag sind laut Gesetz gar nicht zulässig. Doch

zwischendurch, erläutert Cramer, werden einfach knapp zweistündige, zum

Teil unbezahlte Pausen verordnet.

Widerstand gegen die Infineon-Praktiken gibt es für Cramers Geschmack viel

zu wenig: „Da herrscht überall die nackte Angst." Denn die Drohung, dass

Leiharbeit - die weiße Seite

An den deutschen Infineon-Standorten,

an denen die IG Metall die Betriebsratsmehrheit

stellt, ist eine Zwölf-Stunden-Schicht bis

heute undenkbar.

Infineon komplett ins Ausland gehen könnte, ist sehr real - ein großer Teil der

Auftragsfertigung sitzt schon jetzt in Malaysia, Singapur, Taiwan und China.

„Uns fällt es schwer, Mitarbeiter zu mobilisieren. Die Stammbelegschaft

glaubt, dass es sie nicht betrifft. Und die Leiharbeiter trauen sich nicht, etwas

zu unternehmen, weil sie dann 'individuell abgekündigt' werden, wie die

Entlassung ohne Kündigungsschutz umschrieben wird", bilanziert Cramer.

Dabei kann eine gut organisierte Arbeiterschaft sehr wohl etwas bewegen:

An den deutschen Infineon-Standorten, an denen die IG Metall die Betriebs­

ratsmehrheit stellt, ist eine Zwölf-Stunden-Schicht bis heute undenkbar.

Cramer hofft, dass die IG Metall bald auch in Dresden die Oberhand gewinnt:

„Es kann doch nicht sein, dass hierzulande High Tech zu Low Cost und mit

Lohndumping produziert wird."


„Es geht fast alles - aber nur mit Druck"

Erfolge in der Automobilbranche

In der Automobilbranche sind Leiharbeiter gefragt wie in kaum einem

anderen Sektor. Denn, so das Argument der Vorstände und Politiker, mit

Leiharbeitern können Auftragsspitzen abgefedert werden, damit die

Autobauer flexibel und wettbewerbsfähig bleiben. Für Gewerkschaften und

Betriebsräte bedeutet dieser Wunsch nach Flexibilität vor allem eines: viel

Arbeit.

Wolfgang Bergmann ist Betriebsrat im Volkswagen-Werk Zwickau. Er sieht

seine Aufgabe pragmatisch: „Wenn wir schon das System nicht abschaffen

können, dann müssen wir wenigstens die Bedingungen so gut wie möglich

gestalten." Bei VW in Zwickau scheint ihm und seinen Kollegen das gelungen

zu sein: „Arbeitssuchende sind sehr interessiert daran, bei uns eine Stelle

zu bekommen."

Verständlich, denn einst forderte der VW-Betriebsrat das gleiche Grund­

lohnniveau für Leiharbeiter wie für Stammbeschäftigte - sonst hätte er die

Zustimmung zu weiteren Leiharbeitern verweigert. Nun wird mit den Leih­

Leiharbeit - die weiße Seite

„Wenn wir schon das System nicht abschaffen

können, dann müssen wir wenigstens die

Bedingungen so gut wie möglich gestalten."

arbeitsfirmen ein finanzieller Rahmen vereinbart, der einen entsprechenden

Zuschlag für die Mitarbeiter garantiert. Auch Tariferhöhungen fließen in

die Kalkulation ein. Der Zuschlag kommt allerdings nur zum Tragen, wenn

der Mitarbeiter auch vor Ort tätig ist.

Mittlerweile liegt die Quote der Leiharbeiter bei rund zehn Prozent. Sie ist

auf maximal 700 Personen begrenzt. „200 langjährig beschäftige Leiharbeiter

wurden jetzt übernommen oder haben eine Einstellungszusage erhalten",

berichtet Bergmann. Allerdings, gibt er zu bedenken, funktioniere das alles

natürlich nicht einfach so: „Wir müssen alle Möglichkeiten ausschöpfen.

Es geht alles immer nur mit Druck."


46

„200 langjährig beschäftige Leiharbeiter

wurden übernommen oder haben

eine Einstellungszusage erhalten."

Das Verhältnis zwischen Leiharbeitern und Festangestellten hält Bergmann

für gut: „Da spielt der Konkurrenzgedanke keine Rolle. Leiharbeiter werden

gleichberechtigt mit ins Team integriert." Ein Grund dafür ist sicher auch die

Tatsache, dass der Organisationsgrad der Leiharbeitnehmer in der IG Metall

bei nahezu 100 Prozent liegt und mit jedem neuen Mitarbeiter Gespräche

geführt werden. Tatsächlich, erläutert der Betriebsrat, seien einige der Leihar­

beiter sicher schon seit dem Jahr 2000 dabei: „Einige sind echte Spezialisten,

manchmal sind sie besser qualifiziert als Festangestellte und entsprechend

lange dabei. Mit dem ursprünglichen Sinn von Leiharbeit hat das natürlich

nichts mehr zu tun." Dennoch, sagt Bergmann, können alle mittlerweile mit

der Situation im VW-Werk zufrieden sein.

Perspektiven für Leiharbeiter gibt es auch bei Opel in Rüsselsheim. Die

Leiharbeiter - überwiegend Facharbeiter und Ingenieure - sind Thema bei den

Personalgesprächen und werden gezielt bei anstehenden Festanstellungen

berücksichtigt.

Schon lange ist Leiharbeit bei Ford in Köln geregelt. 2003 wurde dort eine

Betriebsvereinbarung geschlossen, die sicherstellt, dass Leiharbeitskräfte

nach dem nordrhein-westfälischen IG Metall-Flächentarifvertrag für NRW

entlohnt werden. Zudem ist Leiharbeit dort begrenzt: Bei planbarer Abwesen­

heit dürfen maximal 3 Prozent der Belegschaft Leiharbeiter sein. Um unge­

wöhnliche Ereignisse abzufedern, können es bis zu 8 Prozentwerden.

Deutlich mehr Geld als im Leiharbeits-Tarifvertrag erhält, wer an Porsche

in Zuffenhausen ausgeliehen wird. Leiharbeitnehmer bekommen pro Stunde

17,02 Euro im Akkurd und 14,25 Euro im Zeitlohn.

Gleiche Entlohnung für Leiharbeitnehmer und Festangestellte erreichte die

IG-Metall 2007 im Rahmen einer Betriebsvereinbarung mit BMW in München.

Der Autohersteiler verpflichtete sich, an allen deutschen Standorten nur

noch mit Verleihfirmen zusammenzuarbeiten, die ein Grundentgelt nach dem

Tarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie zahlen.


Eine grundsätzliche Begrenzung der Leiharbeit gilt bei Audi in Ingolstadt:

Sie liegt bei fünf Prozent der Gesamtbelegschaft. Leiharbeiter im Bereich des

Leistungsentgeltes erhalten in den ersten drei Monaten 13,94 Euro in der

Stunde, danach 14,68 Euro. Im Bereich des Zeitentgeltes bekommen entlie­

hene Mitarbeiter unabhängig von der Einsatzdauer 12,73 Euro. Die Entgelte

werden um den gleichen Prozentsatz erhöht wie in der Metall- und Elektro­

industrie.

Auch bei Mercedes-Benz in Ludwigsfelde einigte man sich auf eine Be­

grenzung der Leiharbeit: Maximal 170 entliehene Mitarbeiter darf es im Werk

geben. „Damit hat sich der Betriebsrat auf relativ wenige Leiharbeiter ein­

gelassen. Es war ein zäher Aushandlungsprozess", weiß Hermann von

Schuckmann, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall in der zugehörigen

Verwaltungsstelle.

Mercedes zahlt der Verleihfirma nun einen Stundensatz, der dem Verleiher

die Bezahlung nach dem Grundentgelt der Metall- und Elektroindustrie

ermöglicht. Die Leiharbeitnehmer haben einen Zusatz im Arbeitsvertrag, der

beim Einsatz bei Mercedes eine „Mercedes-Benz-Zulage" regelt. Der Erste

Bevollmächtigte warnt allerdings davor, bei dieser Regelung von „Equal pay"

zu reden: „Das ist eine .Besser'-Vereinbarung, aber völlig gleich sind die

Leiharbeiter noch lange nicht gestellt. Schließlich bekommen sie keine

Leistungsentgelte - und die machen rund 25 Prozent des gesamten Entgelts

aus. Von Urlaubs- und Weihnachtsgeld ganz abgesehen."

In letzter Konsequenz seien die Leiharbeiter bei Mercedes also doch

„Beschäftigte zweiter Klasse", sagt von Schuckmann. Natürlich, berichtet er

weiter, habe es auch über eine Entlohnung mit Leistungsentgelten Ver­

Leiharbeit - die weiße Seite

Mercedes zahlt der Verleihfirma nun einen

Stundensatz, der dem Verleiher die Bezahlung

nach dem Grundentgelt der Metall- und

Elektroindustrie ermöglicht.

handlungen gegeben: „Aber wir sind hier nur ein Mercedes-Werk von vielen.

Zu glauben, dass man hier Regelungen umsetzen kann, die im Mercedes-

Werk Untertürkheim nicht gelten, ist leider illusionär."


Mit Herzblut und guten Argumenten

Dank Betriebsrat organisieren

sich Leiharbeiter in der IG Metall

Die Belange von Leiharbeitern liegen Josef Sattler besonders am Herzen.

Das Betriebsratsmitglied wirbt deshalb täglich für die IG Metall - mit

Erfolg: Über 70 Prozent der Leiharbeiter in der Zahnradfabrik Passau sind

organisiert.

Sattler ist Ansprechpartner von 135 Vertrauensleuten im Passauer Werk

der Zahnradfabrik Friedrichshafen. Und er ist Mitglied im Betriebsrat. In bei­

den Ämtern ist es seine Aufgabe, für die Mitarbeiter da zu sein. Und eine

Sache liegt Josef Sattler da besonders am Herzen: die Situation der Leiharbei­

ter. Etwa 230 Leiharbeiter sind derzeit in der Zahnradfabrik beschäftigt,

70 Prozent davon sind bereits in der IG Metall organisiert.

Wenn Josef Sattler auszieht, um unter den Leiharbeitern neue Mitglieder

für die IG Metall zu werben, klemmt er sich immer auch die IG-Metall-Broschü­

re „Fair Leihen" unter den Arm. So kann er den Arbeitern einen Überblick

über ihre Situation geben. „Ich spreche die Leute gezielt an und erkläre ihnen,

welche Vorteile sie haben, wenn sie in die Gewerkschaft eintreten, dass sie

Rechtsschutz haben und dass wir da sind, um ihre Fragen zu beantworten",

erklärt Sattler.

Im Betriebsrat kämpft er mit anderen dafür,

dass möglichst viele Leiharbeiter in die

Stammbelegschaft übernommen werden.

Oft genug kämen Leute zu ihm, die Fragen zu ihren Verträgen hätten,

weil sie deren Inhalt nicht richtig kennen - die Verträge werden aber von der

Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM) ausgestellt. Sattler und seine

Kollegen mussten sich also zunächst in deren Vertragswerke einlesen, be­

vor sie den Leiharbeitern helfen konnten.


Mit Argumenten überzeugen -

die Broschüre der IG Metall zum

Thema Leiharbeit

„Das ist auch gut für uns, dass wir die anderen Verträge mal zu sehen be­

kommen und auch darüber Bescheid wissen", findet Sattler.

Die Stammbelegschaft der Zahnradfabrik Passau zählt 4.100 Personen. Wenn

es nach Josef Sattler ginge, wären es bald 4.330. Im Betriebsrat kämpft er

mit anderen dafür, dass möglichst viele Leiharbeiter in die Stammbelegschaft

übernommen werden. „Das ist uns bisher auch schon öfter gelungen", sagt

Sattler. Auch die anderen Mitarbeiter würden es gerne sehen, dass Leiharbei­

ter unter besseren Bedingungen arbeiten. „Die kommen auf mich zu und

sagen mir, dass die Leute, wenn sie dieselbe Arbeit machen, auch dieselben

Bedingungen haben sollen." Auch für höhere Stundenlöhne der Leiharbeiter

setzt sich Sattler im Betriebsrat ein.

Die Werbung läuft gut, Sattler konnte schon viele Leiharbeiter für die

IG Metall gewinnen. Auch in Zukunft hofft er, dass es so weiter geht.

Sattler: „Wir wollen niemand dazu zwingen, aber dran bleiben müssen

wir halt."

Leiharbeit - die weiße Seite


Fair Play und Equal Pay

Bei GABIS gilt: Vermittlung statt Umsatz

Langzeitarbeitslos, schwer vermittelbar? Die Firma GABIS aus Speyer hat

täglich damit zu tun. Als gemeinnützige Arbeitnehmerüberlassung ist ihr

Geschäftsauftrag, schwer vermittelbare, arbeitslose oder von Arbeitslosig­

keit bedrohte Menschen über die Entleihphase in ein festes Arbeitsverhält­

nis zu vermitteln.

„Für uns stehen nicht Umsatz und Ergebnis im Vordergrund, sondern die

Vermittlung", sagt GABIS-Geschäftsführer Wolfgang Viertel. Im Durchschnitt

werden vierzig Prozent der Vermittelten vom jeweiligen Entleihbetrieb

übernommen.

„Für uns stehen nicht Umsatz und Ergebnis im

Vordergrund, sondern die Vermittlung."

Aber nicht nur hier unterscheidet sich GABIS von kommerzieller Leihar­

beit. Die durchschnittliche Verweildauer beträgt im Schnitt 9,7 Monate im sei

ben Entleihbetrieb. Außerdem entlohnt GABIS nach dem Grundsatz „Equal

pay". Dies ermöglicht ein Rahmentarifvertrag, der aus dem Jahr 1996 stammt

und 2004 mit der IG Metall aktualisiert wurde. Die schnelle und unbürokra­

tische Zusammenarbeit mit den Kunden ermöglicht ein Höchstmaß an Flexibi

lität. Faire Bedingungen und klare Absprachen sind das Markenzeichen von

GABIS.

Dass Menschen bei GABIS fair behandelt werden, ist in der Region um

Speyer bekannt. Immer häufiger kommt es vor, dass Leiharbeitnehmer ihr Un

ternehmen verlassen und zu GABIS wechseln. „Der gute Name ist die beste

Empfehlung", so Wolfgang Viertel. Sowohl bei Mitarbeitern als auch bei Kun­

den läuft die Empfehlung größtenteils über Mund-zu-Mund-Propaganda. Auf

Werbung oder Annoncen ist man nicht angewiesen.


Größter Kunde der GABIS GmbH ist die Daimler AG in Wörth. 1.200 ehemalige

GABIS-Mitarbeiter konnten in den letzten viereinhalb Jahren an Daimler ver­

mittelt werden. Thomas Cantzler und seine Kolleginnen und Kollegen schauen

sich den Arbeitsplatz genau an, für den ein Leiharbeitnehmer gesucht wird,

erst dann sucht GABIS die passenden Personen. DerVorteil dieser Methode:

Für den Mitarbeiter garantiert Daimler eine feste Dauer an einem festen Ar­

beitsplatz, die Firma profitiert von qualifiziertem Personal und guter Betreu­

ung. Die Fluktuation ist dabei sehr gering.

Leiharbeit - die weiße Seite

Faire Bedingungen und klare Absprachen

sind das Markenzeichen von GABIS.

Die gute Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und der Personalabteilung

ist Grundlage für die Zufriedenheit bei allen Beteiligten. „Wir finden immer

wieder Kunden, die unsere einfache Geschäftsidee mittragen," so GABIS-

Geschäftsführer Viertel. „Wünschenswert wäre nur, dass das Modell GABIS

auch im kommerziellen Bereich Schule macht."


Starker Betriebsrat,

starke Gewerkschaft, starke Leistung

Wie aus Leihkräften feste Mitarbeiter werden

Bei der STILL GmbH, einem Gabelstaplerbauer, ist Leiharbeit verhältnis­

mäßig gut geregelt. Detlef Feye, Betriebsrat und Vertrauenskörperleiter,

erklärt, warum er einen fairen Umgang mit Leiharbeitern für wichtig hält -

und wie er sich gegen das Management durchgesetzt hat.

Ihr habt für die Leiharbeiter in eurem Betrieb Regeln durchgesetzt, von

denen andere nur träumen können. Wie habt ihr das geschafft?

Durch hartes Verhandeln. 2005 ging es dem Unternehmen wirtschaftlich

gar nicht gut, es gab eine Entlassungswelle. Wir haben damals mit der Arbeit­

geberseite über eine Beschäftigungsgarantie bis 2011 verhandelt. Im Ge­

genzug wollte die andere Seite flexiblere Beschäftigungsverhältnisse, also

befristete Anstellungen - und eben auch Leiharbeit.

Und darauf habt ihr euch eingelassen?

Wir können uns nicht von der wirtschaftlichen Lage abkoppeln. Aber wir

haben durchgesetzt, dass maximal zehn Prozent der Beschäftigungsverhält­

nisse befristet sein dürfen und ebenso maximal zehn Prozent Leiharbeit

sein darf.

Und wie hat das dann mit den Leiharbeitern im Arbeitsalltag funktioniert?

Erst mal nicht besonders gut. Das lag aber nicht an den Leiharbeitern

selbst - das sind Kollegen wie alle anderen auch. Aber sie waren nun mal

Beschäftige zweiter Klasse, mit weniger Rechten, weniger Geld. Das schlägt

natürlich auf die Stimmung und die Motivation - und damit auch auf die

Qualität der Arbeit. Wir haben immer gesagt, dass wir absolut nichts gegen

die Leute haben, sondern gegen die Beschäftigungsform. Die haben es

verdammt schwer unter den Bedingungen, unter denen sie teilweise arbeiten

müssen. Deshalb haben wir uns ja dann auch für eine fairere Behandlung

eingesetzt, als wir 2007 mit dem Management neu verhandelt haben.

Leiharbeit - die weiße Seite

Detlef Feye


Und was habt ihr erreicht?

Eine Menge. Wir haben durchgesetzt, dass Leiharbeiter vom ersten Tag an

genau so bezahlt werden wie festangestellte Kollegen. Außerdem arbeiten wir

nur mit Verleihfirmen zusammen, die den eigenständigen Tarifvertrag mit der

IG Metall unterschrieben haben. Wir fahren die Leiharbeit jetzt schon zurück.

Ab 2009 soll sie nur noch bedarfsorientiert eingesetzt werden, also bei echten

Auftragsspitzen. So ist das ja ursprünglich auch gedacht.

„ Wir arbeiten nur mit Verleihfirmen

zusammen, die den eigenständigen Tarifvertrag

mit der IG Metall unterschrieben haben."

Und darauf hat sich die Arbeitgeberseite einfach so eingelassen?

Einfach so natürlich nicht. Da mussten wir schon das eine oder andere deut­

liche Wort sprechen. Wir sind hier bei STILL gewerkschaftlich sehr gut organi­

siert, die Belegschaft steht geschlossen hinter uns - und sie hat sich mit

den Leiharbeitern solidarisiert. Die Unternehmensführung wusste: „Wenn wir

uns nicht kompromissbereit zeigen, dann werden die sich schon zu wehren

wissen." Das ist eine Verhandlungsbasis auf gleicher Augenhöhe, die man

braucht. Der Schlüssel war unsere starke gewerkschaftliche Position im Unter­

nehmen.

Und wie läuft die Zusammenarbeit mit den Verleihfirmen?

Mittlerweile recht gut. Wir arbeiten mit ganz verschiedenen zusammen -

mit großen und kleinen. Die wissen, wie die Bedingungen bei uns sind. Wir

holen die Leute ja auch meist direkt für ein halbes Jahr oder länger. Das bringt

nicht nur bei den Leiharbeitern Sicherheit, sondern auch bei den Verleihern.

Deshalb schicken sie uns heute nur noch ihre besten Leute. Viele von denen

schaffen es dann ja auch in eine Festanstellung.


Wieviele sind das?

Seit Ende 2007 insgesamt 130 Leute. Wir haben in zwei Wellen Leiharbeitern

befristete Festanstellungsverträge geben können. In diesem Frühjahr haben

wir dann 100 befristete Stellen entfristet, darunter auch 20 bis 30 ehemalige

Leiharbeiter. Die haben es also innerhalb eines Jahres von der Leiharbeit zu

einer unbefristeten Stelle geschafft.

Und sind die dann auch Gewerkschaftsmitglieder geworden?

Ja. Wir haben fast 200 neue Mitglieder dadurch gewonnen. Und von den

40 Vertrauensleuten, die wir kürzlich neu gewählt haben, ist jeder dritte ein

ehemaliger Leiharbeiter. Es ist sogar ein Kollege dabei, der jetzt noch als

Leiharbeiter tätig ist. Der hat die Akzeptanz in der Belegschaft, auch wenn er

offiziell gar nicht bei uns beschäftigt ist.

„Man braucht eine Verhandlungsbasis

Leiharbeit - die weiße Seite

auf gleicher Augenhöhe. Der Schlüssel war

unsere starke gewerkschaftliche Position

im Unternehmen."

Aber wäre es nicht viel besser, wenn sich die Leiharbeiter bei ihrem

eigentlichen Arbeitgeber, dem Verleiher, gewerkschaftlich organisieren

würden?

Natürlich wäre es das. Aber dazu gehört eine Menge Mut. Gerade viele kleine

Verleiher buttern ihre Beschäftigten teilweise ganz schön unter. Wir ermun­

tern unsere Leiharbeiter, für ihre Rechte zu kämpfen. Sie wissen, dass wir auf

ihrer Seite sind. Aber aktiv werden müssen sie natürlich selbst.


56

„Die Situation in den Griff bekommen"

„Kaskaden-Modell" ermöglicht Übernahme

von Leiharbeitern bei Siemens TS

„Die aktuelle Situation haben die deutschen Politiker ganz ohne Not

verursacht", sagt Hans Hoecherl. Er ist der Betriebsratsvorsitzende bei

Siemens TS in München. Er stört sich daran, dass Firmen Mitarbeiter

mittlerweile so lange entleihen dürfen wie sie wollen.

Früher gab es eine Begrenzung der Entleihzeit auf zwei Jahre, davor war die

Leiharbeit auf wenige Monate beschränkt. Doch jetzt sei Leiharbeit „nur noch

eine Form der Arbeitnehmervermittlung" und Betriebsräte mussten die

Fehlentscheidungen der Politiker ausbaden und versuchen, sich gegen ein

Überhandnehmen der Leiharbeit zu stemmen.

Gelungen ist das bei Siemens TS im Dezember 2007, indem das so genannte

Kaskaden-Modell im Rahmen eines Ergänzungstarifvertrages angewandt

wurde. Das Modell verpflichtet die Geschäftsführung, bisherige Leihar­

beiter fest zu übernehmen, wenn sie weitere Leiharbeiter beschäftigen will.

„Wir vom Betriebsrat haben Entscheidungen nicht zugestimmt, bis eine sinn­

volle Lösung gefunden war. Wir wollten verhindern, dass die Quote der

Leiharbeiter noch höher wird und wollten die Situation wieder in den Griff

bekommen", sagt Hoecherl.

So gelang es dem Betriebsrat zu erzwingen, dass die Zahl der Festangestell­

ten bei Siemens TS von 540 auf etwa 590 anstieg und 60 statt 5 Mitarbeiter

befristete statt Leiharbeits-Verträge bekamen.


„Es wird keine Menschen zweiter Klasse geben"

„Equal pay" und „Equal treatment"

bei Mercedes-Benz in Wörth

„Natürlich ist uns ein Dauerarbeitsplatz wichtiger als ein befristeter. Aber

Leiharbeit und Befristungen werden nun einmal zunehmend vom Unterneh­

men als Flexibilisierungsinstrument eingesetzt", sagt Ulli Edelmann, Be­

triebsratsvorsitzender des Mercedes-Benz-Werkes Wörth.

Von Anfang an war jedoch klar: Der Betriebsrat verlangt ein Mitsprache­

recht bei der Auswahl der Verleihunternehmen. Ebenso war klar: Unterhalb

von „Equal pay", also gleichem Lohn für gleiche Arbeit, wird nicht verhan­

delt. Unterstützt von einer gut organisierten Belegschaft wurde sogar noch

mehr erreicht; für die Leiharbeitnehmer gibt es die gleichen Zuschlagsre­

gelungen, die gleichen Pausenzeiten, den gleichen Essenszuschuss in der

Kantine. Auch die Entgelterhöhung aus der vergangenen Metall-Tarifrunde

wurde in vollem Umfang weitergeben.

Leiharbeit - die weiße Seite

„Es wird im Werk keine Menschen zweiter Klasse

geben. Leiharbeitnehmer sind für die Zeit, in der

sie bei uns sind, unsere Kollegen."

Kein Wunder, dass der Organisationsgrad unter den Leiharbeitnehmern

ähnlich hoch ist wie bei der Stammbelegschaft.


Gutes Geld für gute Arbeit

Betriebsrat bei Thyssen Krupp

macht vor, wie's geht

Alte Menschen behaupten manchmal, dass früher alles besser war.

Patrick Wohlfeld ist erst Ende zwanzig, doch sicher liegt es nicht nur daran,

dass er ganz anderer Meinung ist. Er ist Betriebsrat bei TKIN in Leipzig.

Und dort, sagt er, war früher nichts besser.

Der Name TKIN steht für „Thyssen Krupp Industrieservice GmbH". Dahinter

verbirgt sich die hauseigene Leiharbeitsfirma des Weltkonzerns Thyssen

Krupp. Bei der Firma lag früher einiges im Argen, berichtet Wohlfeld: „Der

Haustarifvertrag orientierte sich an dem des .Unternehmerverbandes In-

dustrieService + Dienstleistungen' (UIS). Allerdings hatte das Unternehmen

alle in die unterste Lohngruppe eingruppiert. Es gab pro Stunde nur etwa

6,35 Euro." Ein Betriebsrat fehlte. Es gab also niemanden, der die Interessen

der Leiharbeiter vertrat.

„Nach einem Jahr wurden alle Leiharbeiter

neu eingruppiert. Jetzt gibt es nach der

Einarbeitungsphase mindestens 9,62 Euro

pro Stunde."

Wohlfeld hatte früher für andere Zeitarbeitsfirmen gearbeitet. Als er die

Zustände in Leipzig sah, wandte sich das Gewerkschaftsmitglied an die

IG Metall. Im Mai 2006 gründeten die TKIN-Leiharbeiter einen Betriebsrat:

„Wir waren ziemlich schnell gut organisiert. Die Belegschaft hat sofort

mitgemacht. Nach einem Jahr wurden alle Leiharbeiter neu eingruppiert. Jetzt

gibt es nach der Einarbeitungsphase mindestens 9,62 Euro pro Stunde."


Was sich im Rückblick so einfach anhört, war für Wohlfeld und seine Kol­

legen ein harter Kampf: „Anfangs hat das der Geschäftsleitung natürlich nicht

geschmeckt. Wir mussten mit einer Massenklage drohen, dann gelang die

Umsetzung." Zugute kam dem Betriebsrat dabei die Tatsache, dass die Leihar­

beiter von TKIN alle für Thyssen Krupp Automotive (TKA) arbeiten. „Letzt­

lich waren dann auch höhere Instanzen im Haus daran interessiert, den Kon­

flikt beizulegen." Denn, so Wohlfeld, diese wollen hohe Qualität und gute

Leistungen: „Das kann man für 6,35 Euro ja kaum erwarten."

Bei ihrer Forderung nach mehr Geld kam der Belegschaft auch die Arbeits­

marktsituation zu Gute: „Es gibt immer weniger Arbeitslose. Da wären zum

alten Lohn kaum Leute zu finden gewesen." Das nächste Ziel des Betriebs­

rats ist eine neue Regelung bei den Arbeitsverhältnissen der Leiharbeiter:

„Bislang sind 70 Prozent von ihnen nur befristet eingestellt, lediglich 30 Pro­

zent haben einen unbefristeten Vertrag. Das würden wir gerne umkehren."

Das Vertrauen in den Betriebsrat, meint der junge Mann, könnte dadurch

weiter gestärkt werden - selbst wenn schon jetzt über 75 Prozent der Beleg­

schaft in der IG Metall organisiert sind. Der funktionierende Betriebsrat

trage ebenfalls seinen Teil zum Arbeitsklima bei: „Mittlerweile fühlt sich

keiner mehr bloß wie eine Nummer."

Leiharbeit - die weiße Seite

Auch die Geschäftsleitung hat gemerkt,

dass nur zufriedene Leiharbeiter gute

Leiharbeiter sind.

Nach den anfänglichen Konflikten hat sich auch das Verhältnis zur Geschäfts­

leitung entspannt. „Die legen uns keine Steine mehr in den Weg", sagt

Wohlfeld. Wahrscheinlich auch, weil sie gemerkt haben, dass nur zufriedene

Leiharbeiter gute Leiharbeiter sind. Der Betriebsratsvorsitzende dazu:

„Seit wir die neue Vergütung eingeführt haben, ist der Krankenstand gesun­

ken und die Mitarbeiter sind bereit, auch Zusatzaufgaben zu übernehmen."


»N31I3S I3MZ

1VH S311V"

„Alles hat zwei Seiten" - so heißt es.

Das trifft auf die Leiharbeit zu. Und auch auf

dieses Buch. Es hat eine schwarze und eine

weiße Seite.

Über die schwarze Seite der Leiharbeit berichtet

der andere Teil dieses Buches.

Er handelt von Ungerechtigkeit, von Ausbeutung,

von unfairer Behandlung. In diesem Teil kommen

Menschen zu Wort, die viel in Kauf nehmen und viel

erdulden müssen. Sie wollen nur ihren Lebens­

unterhalt verdienen, sie wollen teilhaben an der

Gesellschaft und am Arbeitsleben. Sie haben mit

Unternehmen und Unternehmern zu tun, die aus

ihrer Notlage Kapital schlagen.

Der schwarze Teil handelt auch von Politikern

und Verbandsvertretern, die diese Ungerechtigkeit

erzeugt haben oder zumindest billigend in Kauf

nehmen. Er handelt von Unternehmern, die Dum­

pinglöhne bezahlen und Leiharbeiter behandeln wie

Menschen zweiter Klasse.

Die Berichte sollen zeigen: Es gibt viel zu tun.

Die Namen einiger Betroffener in diesem Teil haben

wir anonymisiert. Diese Menschen wollten ihre

Geschichte erzählen. Aber sie wollen nicht, dass sie

deswegen weitere Nachteile befürchten müssen.

Die tatsächlichen Namen dieser Personen sind uns

bekannt, die Fakten sind verbürgt.

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