Gefahr für Neulati - Jungschar.biz

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Gefahr für Neulati - Jungschar.biz

Gefahr für Neulati

Inhaltsverzeichnis

Ein Jugendbuch von Lothar Sauer, erschienen als Neuaflage1971 im Otto –

Maier – Verlag Ravensburg, erstmals 1960 unter dem Titel Die Chronik des

Staates Neulati' vom Erich-Schmidt-Verlag, Bielefeld herausgegeben.

Nur zu Vorlese- und Erzählzwecken in der Jungschar gedacht – und zu sonst

nichts!

Knabe mit dem Blasrohr ist einer der vier Gründer des Jungenstaates Neulati.

Die Freunde bauen sich ein tolles Hauptquartier. Aber ihre Feinde, die

Teichsträßer, entdecken es: Gefahr für Neulati!

Mit List und in harten Kämpfen verteidigen die Bürger von Neulati ihr Reich.

Doch dann finden sie eine Bombe aus dem letzten Krieg: Gefahr für Neulati! –

Gefahr für alle!

10. August .............................................................................................................................................3

11. August .............................................................................................................................................4

12. August .............................................................................................................................................5

20. August .............................................................................................................................................7

23. August ...........................................................................................................................................10

25. August ...........................................................................................................................................11

26. August ...........................................................................................................................................11

28. August ...........................................................................................................................................16

29. August ...........................................................................................................................................21

30. August ...........................................................................................................................................29

31. August ...........................................................................................................................................33

1. September........................................................................................................................................33

2. September........................................................................................................................................33

3. September........................................................................................................................................33

4. September........................................................................................................................................34

5. September........................................................................................................................................42

6. September........................................................................................................................................44

7. September........................................................................................................................................44

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Die grauen Wolken fuhren gelassen durch den Regen. Ich finde, das ist ein wundervoller Satz, und

deshalb habe ich ihn auch an den Anfang dieser Blätter gesetzt. Die grauen Wolken also fuhren gelassen

durch den Regen, als wir unter dem Regendach der Limonadenbude die Gründung unserer Bande

beschlossen. Wir, das waren vier Mann: Goggo, Knabe, Marabu und ich.

Vor uns sprang der Regen tausendfach in winzigen Fontänen vom Asphalt, über unsern Köpfen rann er

knisternd auf das Leinwanddach, hinter uns die Limonadentante hatte ihren Schalter zugeknallt und

machte Mittagspause, denn es war so gegen eins, und wir waren auf dem Heimweg von der Schule.

Goggo lehnte mürrisch mit dem Hinterkopf am Holz der Budenwand, spielte mit den Riemen seiner

Mappe und bezeichnete die Witterung als „polizeiwidriges Pladderwetter“, der Ausdruck war typisch für

ihn; denn Goggo ist Sohn eines Studienrates in Deutsch und kennt eine Masse verwegener Vokabeln.

Marabu liebkoste unterdessen seine rosa Spritzpistole, die er eben erst am Teich geladen hatte, setzte sie

sich manchmal an die Schläfe, aber schoss nicht, denn wir waren ohnehin schon sehr befeuchtet. Knabe

belutschte versonnen sein Blasrohr, mit dem er seit einigen Tagen das Zielschießen übte; ich aber guckte

den Himmel an, aus dem der Regen gleichmäßig herunterstrich, und die Stimmung war, wie Goggo sich

ausdrücken würde, „gelangweilt und redefaul“.

Schließlich schob Knabe sein Beerengeschütz in die Tasche zurück und bemerkte hintersinnig: „Ich hatte

da übrigens neulich ‘ne kleine Idee.“

„Was du nicht sagst“, gähnte Goggo und klappte den Mund erst wieder zu, als Knabe gelassen fortfuhr:

„Ich habe da nämlich per Zufall das Wort Italien mal von hinten gelesen.“

Goggo furchte die Brauen und stellte im Geiste die Buchstaben um, aber Marabu konnte das schneller

und sagte befremdet: „Neilati! Na ja, und was dann?“

„Dann ändre ich das um, damit es besser klingt, und kriege dann Neulati raus“, erklärte Knabe

seelenruhig.

„Spannend“, gähnte Goggo, „und was soll das?“

Knabe furchte seine Alabasterstirne, mit der ihn Goggo so gerne veräppelt, und erklärte bieder: „Ratet

mal!“

Woraufhin ich die Vermutung wagte, dass Neulati wohl so etwas wäre wie ein Ländername. „Klar, das

ist ein Phantasiestaat“, schloss auch Marabu sich an, „klingt noch nicht mal übel, find‘ ich!“

Aber Goggo blieb finster; er spuckte müde in die nächste Pfütze, lehnte seinen Hinterkopf ans Holz

zurück und fragte: „Und was soll das jetzt im Endeffekt?“

„Das soll im Endeffekt der Vorschlag sein“, versetzte Knabe, „dass man diesen Staat Neulati gründen

könnte. Wir sind zu vieren, und das reicht ja, und es wäre mal was anderes.“

Goggo ließ das Knibbeln an der Mappe bleiben, schüttelte erregt seine schwarze Mähne und meinte

betroffen: „Du bist ein Edelknabe, Mensch! Wo hast du die Idee her?“

„Das hab‘ ich dir doch grad erklärt“, versetzte Knabe. „Wobei du dich natürlich selber schon als König

vorgesehen hast!“ mutmaßte Marabu.

„Quatsch, König!“ schaltete sich Goggo ein, „Neulati wird natürlich Republik! Das kriegt ‘ne

demokratische Verfassung, mit Wahlrecht und Gleichberechtigung und so!“ Er war auf das Spezialgebiet

seines Vaters, Politik, geraten und redete wie ein Wasserfall. „Und dann gibt‘s Krieg mit echter

Kriegserklärung!“ hoffte Marabu. „Dann hauen wir die Teichsträßer mal in die Pfanne mit allen

Schikanen“ — die Teichstraße (Häuptling: Stitz Schlosser!) liegt nämlich seit langem mit uns in der

Fehde. Und ich regte an, auch ein Büdchen zu bauen als Hauptstadt des Staates, und zweitens, ein

Tagebuch anzulegen, worin der Staatsgeschichtsschreiber alle Ereignisse einträgt:

„Diesen Schreiber müssen wir natürlich erst ernennen“, schlug ich vor.

„Na, Marabu,

du alte Kuh,

was meinst denn du dazu?“

(Auf Marabu lässt sich ja allerhand reimen, und deshalb veruze ich Marabu gerne durch möglichst blöde

Reime auf u.)

Marabu lächelte bloß noch, er war das gewöhnt; aber sowohl dem Büdchen als auch dem Chronisten

stimmte er zu. Wir hatten auf einmal die Köpfe voll Pläne und stiefelten los durch den Regen, den keiner

mehr spürte. Marabu entriss seinem erbsengrünen Anorak die Spritzpistole, die er eben erst geladen

hatte, sandte Knabe einen wohlgezielten Spritzer in die weiche blonde Tolle und erklärte: „Die Taufe

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unseres neuen Staates auf den Namen Neulati wurde soeben mit einem Schuss Teichwasser an seinem

Erfinder Knabe symbolisch vollzogen.

Knabe angelte postwendend sein Blasrohr aus der Tasche, schoss Marabu eine Ebereschenbeere aus zwei

Metern Entfernung gegen das Knie und fuhr fort:

„Als Gegengabe wurde die Übersendung von Beerenobst an Marabu ebenfalls symbolisch vollzogen!“,

womit der Festakt abgeschlossen war.

Auf dem Heimweg wurde die Verfassung von Neulati weiter ausgeknobelt: Für Beschlüsse musste

jeweils eine Mehrheit von drei Stimmen gegen eine existieren. Bei Stimmengleichheit, also bei zwei

gegen zwei, konnte in weniger wichtigen Fällen das Los entscheiden, also Knobeln oder Pfennigwerfen;

die Entscheidung, wann das Los entscheiden durfte, musste durch erneute Stimmabgabe getroffen

werden. Kam bei dieser erneuten Abstimmung ebenfalls die Gleichheit zwei zu zwei heraus, so hatte das

als positiv zu gelten und bedeutete also ein Ja für das Los.

Natürlich war es Goggo, der diese Sorte Grundgesetz ausgetüftelt hatte, er hielt es für glasklar und

unmissverständlich. Uns aber summte der Kopf. Ich hoffe indessen, es einigermaßen deutlich

ausgedrückt zu haben.

Ich wurde nämlich noch auf dem Nachhauseweg zum Staats-Chronisten von Neulati ernannt! Die Wahl

fiel auf mich, weil ich früher schon mal ein paar Hefte voll Wildwestgeschichten spintisiert hab‘ und der

unbestritten beste Aufsatzschreiber unsrer Klasse bin. Ich übernahm mein Amt mit gelassenem Stolz und

versprach, dass mein Füller nicht rosten solle!

Jetzt sitz ich also hier am Tisch und nenne meinen Namen nicht, denn als Chronist bin ich verpflichtet,

von mir selbst in der dritten Person zu berichten. Wer eine Chronik zu schreiben hat, in der er selber

mitspielt —und das ist bei mir der Fall —‚ der pflegt sich stets nur in der dritten Person zu erwähnen, das

ist in den Chroniken üblich und macht einen unparteiischen Eindruck. Caesar beispielsweise schrieb in

diesem Stile den Bericht von seinen eignen Kriegen. Also jedes Mal, wo es heißen musste: „Am nächsten

Morgen führte ich das Heer bis an die Küste“ schrieb er: „Am nächsten Morgen führte Caesar das Heer

an die Küste.“

So denke ich das also auch zu halten: Jedes Mal, wo von mir die Rede ist, schreibe ich: Der Chronist,

oder auch mal zur Abwechslung: Der Geschichtsschreiber.

(Im übrigen aber ist Caesar ein schauderhaft schweres Latein; der Chronist zum Beispiel hatte in der

ersten Klassenarbeit, wo wir einen Caesartext bekamen, bloß vier plus!)

Und so sitzt er denn nun hier und ist gerüstet: Hoffen wir, dass allerhand passiert! Auch wenn er sich die

Finger dabei wundschreibt. Bitte wenden!

10. August

Beginn der regelmäßigen Geschichtsschreibung des Staates Neulati

Gründung des Staates: 9. August, gegen 1 Uhr mittags

Zahl der Bürger zum Zeitpunkt der Gründung: 4

Nämlich:

1. Goggo (Spitzname; wirklicher Vorname: Gottfried; wenn man ihn besonders ärgern will, nennt

man ihn Götz), 13 Jahre. Bestes Fach: Geschichte.

2. Knabe (Spitzname, da vom Lateinpauker Ipsi einmal so genannt), 14 Jahre. Klassenprimus.

3. Marabu (Spitzname von unbekannter Herkunft), 12 Jahre, aber schon sehr stark, er legt zum

Beispiel Knabe. Kann fabelhaft zeichnen.

4. (aus Bescheidenheit an letzter Stelle:) Chronist (Spitzname, der erst seit gestern existiert), 13

Jahre. Primus in Deutsch.

Alle vier Bürger sind gleichberechtigt. Rangstufen gibt es keine.

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11. August

Heute erste Beratung über den Bau eines Regierungszentrums, das heißt eines Büdchens. Wir hatten uns

im Engelwald (von den Erwachsenen wegen der dort stattfindenden Kriege meistens Bengelwald

genannt) in einen Bombentrichter gesetzt und diskutierten den Ort, wo das Büdchen am verstecktesten

wäre. Dass nur der Wald in Frage kam, war klar. Marabu schlug die Buchenschonung am Stadtwall vor,

sie war mit Verbotsschildern förmlich eingezäunt und wurde deshalb nur selten betreten. Knabe war

einverstanden, desgleichen der Chronist, bloß Goggo fand das „illegal“.

„Wenn wir die Hauptstadt auf dem Hoheitsgebiet eines anderen Staates anlegen“, schimpfte er, „dann hat

dieser andere Staat auch das Recht, sie hernach zu zerstören.“

„Drück dich weniger geschwollen aus!“ verlangte der Chronist. „Du meinst, wenn ein Flurhüter

dahinterkommt, macht er uns das Büdchen kaputt?“

„Jawohl!“ schmollte Goggo.

„Wir müssen es selbstredend so versteckt anlegen, dass es keiner findet“, sagte Knabe und schoss mit

dem Blasrohr auf sechs Meter Entfernung gegen einen Buchenstamm.

„Im Übrigen aber hat Goggo ja sein famoses Abstimmungssystem entwickelt, und wir wollen also mal

abstimmen Wer ist dafür, die Hauptstadt in der Buchenschonung anzulegen?“

Marabu, Knabe und der Geschichtsschreiber hoben die Hand. „Unanfechtbar“, brummte Goggo, „also

mach ich mit.“

Wir pilgerten sofort zum Baugelände. Die Buchenschonung ist ungefähr dreihundert Meter lang und liegt

auf dem Abhang vor der alten Stadtmauer, die übrigens an diesem Teil der Stadt noch stellenweise

erhalten ist. Dann gab es eine zweite Abstimmung:

„Ich bin dafür, das Büdchen unterirdisch anzulegen“, äußerte Marabu.

„Und wo willst du mit der Erde hin?“ fragte der Chronist.

„Die Erde schütten wir in einen Bombentrichter.“ „Das fällt aber auf!“

„Dann decken wir sie eben mit Laub und Reisig wieder zu.“

„Vor allem muss man erst mal diesen Bombentrichter finden“, brummte Goggo.

„Schon passiert!“ erklärte Knabe. „Kommt mal mit!“ und stürmte uns durch das Gebüsch voran. Wenig

später standen wir vor einem Bombentrichter. Hohes Gras wuchs büschelweise auf dem Grund; über den

Rand neigten sich die seit dem Kriege nachgewachsenen Buchenbüsche, die in dieser Schonung drei bis

vier Meter Höhe haben.

Überhaupt ist die Schonung ein wahrer Verhau aus niedrigem Unterholz, ein wüst verfilztes Dickicht, in

dem man keine drei Meter weit sehen kann. Und deshalb war sie für den Büdchenbau famos geeignet.

„Wir schütten diesen Trichter einfach zu“, schlug Knabe vor.

„Und wenn dann mal einer vorbeikommt, dann nimmt er das hin, ohne sich zu wundern“, knurrte Goggo

sarkastisch.

„Das muss man schon riskieren“, sagte Marabu, „aber wer kennt den Trichter überhaupt? Es gibt so viele

hier, dass keiner sie auswendig weiß. Ich bitte also um Abstimmung: Wer ist für den Bau eines

unterirdischen Büdchens in der Nähe dieses Trichters?“

„Ich opponiere!“ grunzte Goggo.

Aber Knabe, Marabu und der Geschichtsschreiber hoben die Hand.

„Also wieder überstimmt“, seufzte Goggo.

„Der Erfinder der Demokratie von Neulati muss die Folgen seines Systems eben tragen!“ höhnte

Marabu.

„Tut er ja auch!“ maulte Goggo.

„Redet nicht soviel! Ich bitte Knabe, uns sofort den Ort zu zeigen, wo der Bunker liegen soll.“

Knabe stiefelte also ins Dickicht, wo es am dicksten war, und machte nach zehn Metern halt. Wir knieten

hinter ihm und zupften uns die Ästchen aus den Haaren. Dicht überm Boden war das Dickicht noch

locker; man konnte, wenn man sich auf den Bauch legte, zwischen den schnurgeraden Reihen der

Buchenstämmchen wie durch eine Allee zehn Meter weit sehen. Sobald man sich aber aufrichtete, hatte

man verfilztes Astgewucher vorm Gesicht.

Goggo angelte sich vorsichtig eine grüne Raupe aus dem Nacken und vermutete: „Also in diesem

Urwald soll nach der Meinung des Kongresses die Hauptstadt Neulatis entstehen? Viel Vergnügen!“

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Marabu schoss sich mit der Pistole einen Spritzer Wasser in den Mund, spuckte es aus und sagte: „Am

besten mieten wir ein Förderband, um die Erde in den Trichter zu transportieren.“

„Marabu,

das Känguru,

ist natürlich mal wieder zu faul dazu!“ reimte tadelnd der Chronist.

„Unser Chronist

redet mal wieder Mist!“ revanchierte sich Marabu. Knabe aber meinte: „Erstens dürfen wir das Dickicht

hier auf keinen Fall zerschneiden, denn es dient dem Büdchen hinterher als Tarnung; zweitens muss das

Ausschachten mucksmäuschenstill passieren.“

„Vielleicht erfindest du für diesen Zweck eine Spitzhacke mit Schalldämpfer“, witzelte Goggo; aber

Knabe versetzte gelassen: „Wir brauchen bloß eine Rosenschere zum Abzwacken der Wurzeln und ein

paar kleine Hacken. Der Boden hier ist reiner Lehm, da kann man leise arbeiten.“

Und er kratzte mit der Hand das Laub beiseite, bis der Lehm auf einer Fläche von anderthalb mal zwei

Meter zutage trat. Die Reihen der Buchen hatten einen Abstand von zwei Metern, so dass der Rand der

Grube auf jeder Seite ein paar Handbreit von den Bäumchen entfernt sein würde. Zehn Meter weiter

unten am Hang sah man die kleine Lichtung des Bombentrichters schimmern, und Goggo, der noch

immer Opposition spielte, schlug also vor, eine Eisenbahn vom Büdchen zum Trichter zu bauen, um die

Erde zu transportieren.

„Goggo wird bestimmt mal Ingenieur“, lobte der Chronist, „aber seine Idee ist gar nicht so übel! Man

müsste eine Art von großem Kuchenblech haben, einen flachen Blechkasten, den man mit einer Kordel

wie einen Schlitten vom Büdchen zum Trichter und wieder zurück schleift. Die Schleifspuren müssten

natürlich hinterher verwischt und mit Laubwerk zugedeckt werden:

Marabu, du Kakadu,

was meinst nun du dazu?“

„Ich merke, Chronist, dass du doch nicht so dämlich bist!“ zahlte Marabu zurück. Dann stahlen wir uns

aus der Schonung fort und vereinbarten für morgen Nachmittag, das ist ein Samstag, den Beginn der

Ausschachtungsarbeiten. Der Geschichtsschreiber sollte eine Gartenschere besorgen, die drei andern

jeder eine Hacke oder Kohlenschaufel. Den Blechkasten wollte Marabu ausfindig machen.

Während der Chronist dies schreibt, liegt die Gartenschere bereits in seiner Schublade.. Er hat nämlich

glücklicherweise ein eigenes Zimmer und kann darin verstecken, was er will. Im Übrigen hat er heute

genug geschrieben und legt sich jetzt schlafen: Es ist schon viertel vor zehn!

12. August

Heute Nachmittag um 15 Uhr 15 traf der Chronist, mit der Baumschere unter der Jacke, am

Bombentrichter ein. Vom Bauplatz her hörte man gedämpfte Hackenschläge; der Geschichtsschreiber

robbte unter dem Dschungel durch zum Büdchen und erkannte Goggo, der bereits einen Riesenhaufen

Erde vor sich liegen hatte und gelb beschmiert war wie ein Indianer.

„Hoffentlich kommt Marabu mit seinem Kasten bald!“ erklärte er und pustete erschossen vor sich hin.

„Ich weiß kaum noch, wohin mit meiner Erde.“

Gott sei Dank kam fast im selben Augenblick schon Marabu mit seiner Kiste angezockelt. „Spät kommt

er, doch er kommt!“ zitierte Goggo. Er hatte das Zitat von seinem Vater, dem Deutschpauker, der es oft

gebrauchte, wenn Goggo zu spät kam.

Aber Marabu war nicht zum Witzeln aufgelegt: „Die Teichsträßer haben schon Lunte gerochen!“ zischte

er aufgeregt. „Lasst euch kurz erzählen, wie. Ich habe den Kasten beim Wassersäger gekauft.“

(Einfügung des Chronisten: Wassersäger ist der Altmetallhändler unseres Viertels.) „Für siebzig

Pfennig.“

„Wir werden selbstverständlich sofort eine Staatskasse gründen und aus ihr die Geldfrage regeln!“

unterbrach ihn Goggo.

„Meinetwegen“, nickte Marabu, „aber lass mich weiterreden! Als ich nämlich mit dem Kasten unterm

Arm durch die Toreinfahrt abhaue, steht auf der Straße Stitz Schlosser...“

Der Chronist sieht sich genötigt zu erklären, wer Stitz Schlosser ist. Stitz Schlosser ist der Häuptling der

Teichstraße. Er ist 14 Jahre alt, einsachtundsechzig groß und Mittelläufer in der Schülermannschaft

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unseres ASV. Die ersten Spuren von Stitz Schlossers Dasein entdeckte der Chronist übrigens in der

Praxis seines Vaters. Der Vater des Geschichtsschreibers ist nämlich Arzt. Als der Chronist also damals

— es ist wohl schon zwei Jahre her — bei seinem Vater in die Praxis kam, lagen da in einer Schale auf

dem Tisch so ein paar Büschel weißlich-blonden Haares, das von schwärzlich-rotem Blut verklebt war.

Der Chronist fragte, wem die Haare gehörten.

„Die sind vom Hänschen Schlosser“, sagte der Vater, „dem hat ein andrer Junge heute morgen einen

Stein auf den Kopf geworfen. Es war eine stark blutende Wunde; ich habe die Haare am Wundrand

abschneiden müssen, um das Pflaster aufkleben zu können. Da siehst du mal wieder, wie gefährlich

dieses Steinewerfen ist!“

Das also war Stitz Schlossers erstes Auftreten im Gesichtskreis des Chronisten. Wer den Stein geworfen

hat, das weiß man übrigens heute auch: nämlich Marabu! Und von diesem Zeitpunkt an besteht die

Feindschaft zwischen der Teichstraße und uns, das heißt dem jetzigen Staate Neulati. Doch zurück zu der

Erzählung Marabus:

„Stitz Schlosser stand vor der Toreinfahrt und schnitzte wie zufällig mit seinem Hirschfänger — ihr wisst

ja, was das für ein Angeber ist — seine Anfangsbuchstaben in den Torpfosten. Kaum dass ich an ihm

vorbei war, steckte er das Messer weg und schlenderte hinter mir her. Ich ging also erst mal nach Hause,

denn ich musste den Kasten, eine ehemalige Biskuitbüchse, zunächst an der Breitseite aufschneiden. Eh

ich in der Kellertür verschwand, drehte ich mich um, und als der Stitz da auf der Straße stand — ja, ich

weiß, ich hätte es lassen sollen, aber meine Schadenfreude war zu groß — da hab‘ ich ihm die Zunge

rausgestreckt!“

„Du Rhino!“ sagte Goggo aufgebracht. „Was meinst du, was der mit dir anfängt, wenn er dich alleine in

die Finger kriegt!“

„Marabu,

du bist kein Winnetou!“ bekräftigte der Staatsgeschichtsschreiber besorgt.

„Weiß ich“, sagte Marabu geknickt, „aber hört weiter! Im Keller hatte ich eine halbe Stunde zu tun, um

die eine große Seitenfläche dieses Kekskanisters mit dem Meißel rauszuschneiden. Als ich dann aufs

neue aus der Türe trete, ist der Stitz natürlich nicht mehr da.“

„Eine halbe Stunde zu warten, ist unter seiner Würde“, bemerkte Goggo.

„Jawohl!“ rief Marabu. „Aber vor der Türe spielten statt dessen zwei Teichsträßer Fußball. Ganz

gemütlich. Schoben sich den Ball im Flachpass zu. Haargenau vor unsrer Haustür.“

„Das wird ja spannend!“ sagte der Chronist.

„Leider“, seufzte Marabu. „Ich klemme mir also meine Zwiebackbüchse unter den Arm und ziehe los.“

„Und die beiden Teichsträßer stecken natürlich ihr Bällchen ein und folgen dir ganz unauffällig“,

ergänzte Goggo.

„Haargenau“, bestätigte Marabu. „Und als ich in die Nähe unsrer Schonung kam und die beiden immer

noch hinter mir herpatrouillierten, bin ich wieder ins Wohnviertel zurückgestiefelt und habe sie in den

Straßen durch Zickzacklaufen und Hakenschlagen abgeschüttelt.“

„Marabu,

dich segne Manitou!“ reimte der Chronist erleichtert.

Marabu aber schloss mit dem Satz: „Und deshalb bin ich etwas später eingetrudelt, als ich wollte.“

Dann begann die Arbeit an der Baustelle. An den Kastenschlitten Marabus band man an beiden Enden

jeweils eine Kordel von zehn Meter Länge. Goggo und der Geschichtsschreiber luden ihn am Büdchen

mit der Kohlenschaufel voll, und Marabu, am Rand des Bombentrichters kniend, zog den vollen Kasten

mühelos den Hang hinunter durch die niedrige Passage bis zum Trichter, wo er ihn ausleerte. Der

Geschichtsschreiber zog ihn dann mit der anderen Kordel wieder herauf —es war ein Pendelverkehr, der

jedes Mal etwa zwei Eimer Erde beförderte.

Als die Grube 30 cm tief war, richtete sich Goggo auf, strich sich mit lehmverkrusteter Hand durch die

schwarze Frisur, wobei er sie mit gelben Lehmbröckchen berieselte, und fragte ächzend: „Warum ist

denn Knabe noch nicht da?“

„Konfirmandenunterricht!“ rief Marabu vom Trichter her.

„Ach so“, sagte Goggo, „dann also weiter!“

Das Ausschachten war unter dem niedrigen Wust von Buchenzweigen nur auf den Knien möglich und

strengte mörderisch an. Der Chronist knipste mit der Rosenschere die zahlreichen Wurzeln ab.

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„Hoffentlich gehen die Bäumchen nicht kaputt“, sagte Goggo, „sonst würden sie nämlich durch ihr

welkes Laub unser Büdchen verraten.“

Nach einer Stunde machten die Ausschachter eine Pause. Der Chronist knetete aus dem Lehm einen

Schneeball und warf ihn im Steilfeuersystem über die Buchen hinweg in den Trichter. Man hörte, wie er

dumpf im Trichter aufschlug, und sofort darauf das Zetern des empörten Marabu, den der Knubbel

scheinbar voll aufs Dach getroffen hatte: Er kam, die Haare und die Augenbrauen gelb bepudert und

berieselt, ein paar Meter weit den Schlittengang emporgekrochen und brüllte: „Heiliges Kanonenrohr,

seid ihr denn noch ganz bei Trost?“

„Leute, zettelt keinen Bürgerkrieg im Staat Neulati an!“ warnte Goggo. „Ein Bürgerkrieg ist die Bankrotterklärung

jedes Staates.“

„Ach Marabu, ich geb‘ ja zu, ich war ein Gnu;

doch konnt‘ ich wirklich nichts dazu!“

entschuldigte sich der Chronist; dann ging die Arbeit weiter. Goggo wurde von Marabu abgelöst, und

nach insgesamt dreistündiger Arbeit hatte die Grube die Tiefe von 70 cm erreicht. Sauber abgestochene

Wände, es sah schon respektabel aus. Wir trampelten anschließend den Lehmhaufen im Trichter fest und

bedeckten ihn mit welkem Laub und Gras, auch die Schlittenspur wurde verwischt. Dann robbten wir

den Hang hinunter bis zum Weg. Dort hielt man vorsichtshalber an. Der Chronist streckte den Kopf ganz

langsam aus der Dickung, um festzustellen, ob kein Zeuge das Verlassen der verbotenen Schonung

bemerke. Er wandte erst den Kopf nach rechts: Kein Lebewesen war zu sehen. Dann nach links: Und

hastig fuhr sein Kopf in das Buschwerk zurück! Denn keine zehn Meter entfernt, am jenseitigen Rande

des Weges, saß ein Junge, mit dem Rücken gegen einen Buchenstamm gelehnt, und beobachtete den

Rand der Schonung!

„Kommt nur ruhig raus, ihr Helden“, sagte — Knabe, denn er war es- „ihr macht ja einen Spektakel, dass

man bis zum Weg herunter beinah jedes Wort versteht. Außerdem habt ihr euch redlich mit Lehm bekleckert

Dass ihr ein Büdchen ausgeschachtet habt, kann jeder Blinde mit dem Krückstock fühlen.“

Wir klopften uns, so gut es ging, den trockenen Lehmstaub von Knien und Kleidern.

„Wie lang hast du denn hier gesessen?“ fragte Marabu. „Zirka eine Stunde“, sagte Knabe, „ich habe euch

sozusagen bewacht. Es brauchte bloß ein Teichsträßer vorbeizukommen, und die ganze Büdchenbauerei

hing an der großen Glocke. Muss in Zukunft leiser werden!“

Auf dem Heimweg stiftete Knabe seinen Taschenkamm, damit sich Marabu die Erde aus den Haaren

kämmen konnte: Der Lehmball des Chronisten war ihm nämlich mitten auf dem Kopf zerplatzt. Der

Weg, der unter der Buchenschonung die Talsohle entlanglief, war übrigens von einem Bach begleitet,

und dieser Bach lief 300 m weiter unten in den sogenannten Teich. Der Teich war ziemlich schlammig,

in der Mitte etwa anderthalb Meter tief und eher zum Floßfahren als zum Schwimmen geeignet. Von der

Stadtmauer zu ihm hinunter lief die Teichstraße. Und auf dieser Teichstraße geschah es, dass wir auf dem

Rückweg Stitz Schlosser sozusagen in die Finger liefen.

Er stand vor der Kellertür, seitlich am Haus, und hackte Holz, mit nacktem Oberkörper. Seine sehnigen

Arme schwangen das Beil mit einer Wucht, die uns durch Mark und Bein ging. Gott sei Dank, dass wir

zu vieren waren! Als wir vorbeikamen, sah er Marabu mit vernichtendem Blick von oben bis unten an.

Marabu wurde unsicher und senkte den Blick. Und was er da an seinen Schuhen sah, das war nicht sehr

erfreulich:

Nämlich dicke Klumpen Lehm!

Und Stitz Schlosser hatte sie gesehen!

Und er wusste, dass Neulati ein Büdchen baute!

Er schleuderte mit markiger Kopfbewegung sein Haar über die Stirne zurück und hieb mit fürchterlicher

Wucht auf seinen Holzklotz ein. Es krachte, als sei der ganze Staat Neulati explodiert...

20. August

Wenn der Chronist es richtig überdenkt, dann hätte man mit der ganzen Büdchenbauerei und der

Staatsgründung schon in den Ferien anfangen sollen! Jetzt, nachdem die Schule seit 4. August wieder

läuft, kriegt man nur noch selten Zeit, mal einen ganzen Nachmittag dem Ausschachtungsgeschäft zu

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opfern. Andererseits aber ist es besser, nicht so Tag für Tag in der Schonung zu spuken, weil die

Teichsträßer uns dann leichter auf die Schliche kommen würden. Sie können schließlich nicht aufs

Geratewohl die ganze Schonung durchkämmen, das ist in diesem Dickicht glatt unmöglich. Aber dass sie

uns gefährlich auf der Spur sind, bewies schon der heutige Nachmittag!

Heute Nachmittag nämlich, gegen drei Uhr, holte der Chronist den ganz in seiner Nähe wohnenden

Goggo ab, und beide pilgerten zur Schonung, wo auch Knabe zu erwarten war: Man wollte die

Ausschachtung energisch weitertreiben. Marabu war entschuldigt, er hatte Tennisstunde; sein Vater will

das, und er ist im übrigen nicht unbegabt, er kriegt schon mitunter ganz saubere Schmetterbälle zustande.

Als wir beiden also auf dem Weg an der Schonung entlang etwa auf der Höhe des Büdchens

angekommen waren, fanden wir Knabe gemütlich am Wegrand im Grase liegen.

„Da liegt das Faultier und kuckt in die Wolken“, begrüßte ihn Goggo.

„Es kuckt auch noch woanders hin“, versetzte Knabe seelenruhig. „Es kuckt zum Beispiel in die Buche

rauf, die ihr da vorne seht; bitte redet leise und glotzt nicht so auffällig hin!“

Wir hoben unsre Blicke so verstohlen, wie es ging, in die Buche hinauf, die Knabe uns mit einer leichten

Kopfwendung bezeichnet hatte. Und in der Buche, es war kaum zu glauben, da saß doch wahrhaftig ein

Teichsträßer drin! Seine Beine baumelten von einem Ast, in mindestens zehn Meter Höhe, er musste die

ganze Schonung überblicken können.

Goggo drehte sich langsam wieder um und fragte, als wolle er bauchreden: „Kennst du den?

Teichsträßer?“

„‘türlich“, sagte Knabe und streichelte angelegentlich seine Schuhriemen, um ja nicht in Richtung der

Buche zu blicken, „das ist der Hubba Sauerbrei, der war auf der Volksschule ‘ne Klasse unter uns, der

kennt uns alle. Freund von Stitz.“

„Wie ist der Saftsack bloß da raufgekommen?“ staunte Goggo.

„Mit ‘ner Wäscheleine“, sagte Knabe, „er hat sie aufgewickelt in der Hand, damit er sich dann später

wieder runterlassen kann, wenn er genug gesehen hat. Er belauert mich schon seit den zehn Minuten, die

ich hier bin; ich ihn aber auch! Ahnt noch nicht, dass er entdeckt ist. Ich bin jetzt dafür, wir marschieren

lustig unter seinem Bäumchen durch und verraten dabei laut brüllend, dass unser Büdchen in dem

Gebüschstreifen am Friedhof liegt!“

„Blendend!“ lobte der Chronist. „Und anschließend entdecken wir ihn, holen ihn runter und erpressen

Schweigepflicht für unser Geheimnis! Denn wir müssen doch so tun, als läge uns Gott weiß was an der

Geheimhaltung des Büdchens; das wirkt dann echter.“

„Und außerdem müssen wir den Kerl da runterholen, damit wir überhaupt in die Schonung können“,

überlegte Goggo, „denn sonst sähe er uns ja! Können uns doch nicht gefallen lassen, dass man uns ‘nen

Ausguckposten vor die Nase setzt!“

„Wenn wir ihn laufen lassen“, meinte Knabe, „dann klettert er sofort, nachdem wir außer Sicht sind,

runter und sagt dem Stitz Schlosser Bescheid. Und ‘ne Viertelstunde später zieht dann garantiert die

halbe Teichstraße hier an der Schonung vorbei in Richtung Friedhof.“

„Und dabei hört sie dann zufällig einen Reim von dem Chronisten aus der Schonung dringen, und wir

sind verratzt!“ schloss Goggo.

„Also klarer Fall: Wir binden ihn am Teich an eine Pappel oder so und lassen ihn da stehen, er wird

schon schnell genug entdeckt.“

„Und wie wollt ihr ihn da aus dem Baum herunterkriegen?“ fragte Knabe.

„Steinewerfen“, sagte der Chronist lakonisch, „aber selbstverständlich nicht gezielt! Nur so durch die

Äste pfeifen, und ich garantiere, dass der Kerl nach drei Minuten runterkommt.“

„Also dann avanti, Leute“, sagte Knabe und erhob sich. Es war ein sehr komischer Kriegsrat gewesen:

Man redete in einem fort von Hubba, aber keiner guckte in die Richtung, wo er saß, die ganzen fünf Minuten

lang!

Wir zogen also gleich darauf in laut gebrüllter Unterhaltung unter dem Horchposten durch, und Goggo

rief dabei programmgemäß: „Ein Glück, dass die dämlichen Teichsträßer noch nicht dahinter gekommen

sind, dass unser Büdchen in der Hecke vor dem Friedhof liegt. Die glauben immer noch, wir hätten es

hier in der Schonung!“

Zwei Schritte weiter aber zischte Knabe: „Ruhe mal! Ich glaub‘, ich hab‘ da oben in der Buche einen

Specht gehört!“

„In welcher?“ fragte hastig der Chronist. „‘nen echten Specht? Das wäre ja toll!“

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Und wir blieben stehen und starrten in die Buche rauf wie Reisende in ein berühmtes Kirchenschiff:

Hubba, der entdeckte Specht, starrte käsebleich auf uns herunter; sein ängstliches Mausegesicht verriet

das Entsetzen. Er hielt die aufgeknäulte Wäscheleine krampfhaft vor die Brust gedrückt und sagte keinen

Piep. Auch wir standen in gespieltem Erschrecken, bis Goggo sich scheinheilig fasste und ausrief:

„Heiliger Strohsack, da sitzt ja der Hubba! Mensch, was machen wir jetzt bloß? Er hat gehört, wo unser

Büdchen liegt!“

„Ist nicht wahr“, beteuerte Hubba, der mit echtem Namen Hubert hieß und erst elf Jahre war, „ich hab‘

hier oben bloß nach ‘ner Spechthöhle gesucht!“

„Das glaubt dir deine eigne Oma nicht!“ rief der Chronist. „Runterkommen, sonst passiert was!“

„Ihr habt kein Recht“, versetzte Hubba hilflos, „ich hab‘ euch nichts getan, und ihr habt mir nichts zu befehlen!“

Und er klammerte sich mit beiden Händen an den Stamm und hängte hinter sich die Kordel über den Ast,

auf dem er rittlings saß.

„Also schießen wir dich einfach ab!“ folgerte Goggo mit der Eiseskälte eines Taktikers und las sich eine

Handvoll Steine auf; der Chronist und Knabe ebenfalls. Und wer einmal, hoch im Baum auf einem Aste

kauernd, wehrlos einen Hagel Steine um sich rum durchs Astwerk zischen hörte, wird verstehen, warum

der Hubba schon nach zwei Minuten quäkte: „Hört doch auf, ich komm ja runter!“

Dann legte er seine Wäscheleine über den Ast und ließ die beiden Enden beiderseits herunterfallen, so

dass er an dem doppelten Strang den Baum entlang zu Boden hangeln konnte. Da stand er nun, mit

seinem verängstigten Mausegesicht, und stotterte in einem fort: „Ich hab‘ euch nichts getan, ich hab‘

euch nichts getan.“

„Wir tun dir auch nichts“, sagte Goggo, „wenn du uns dein Ehrenwort gibst, keinem Menschen zu

verraten, wo unser Büdchen liegt.“

„Welches Büdchen?“ staunte Hubba und war trotz seiner Angst noch schlau genug zu lügen.

„Tu nicht so scheinheilig!“ fauchte Knabe. „Du hast genau gehört, was wir vorhin geredet haben. Aber

wozu hat man überhaupt die Wäscheleine? Wir wickeln dich erst mal ein bisschen ein; bis dahin wirst du

dich erinnert haben, welches Büdchen wir wohl meinen.“

Der Chronist zog also nach und nach das eine Ende der Wäscheleine nach unten, so dass das andere nach

oben fuhr und dann geringelt in das Laub herunterplumpste.

Hubba sah sich hilflos um: Über den Spitzen der Buchenschonung sah man die Kamine von den Häusern

hinter der Stadtmauer. Bis zur Teichstraße waren es sicherlich 400 Meter; der kleine Hubba war verloren.

Er wurde also trotz seiner Unschuldsseufzer sorgsam um den Oberkörper rum gefesselt, die Arme nach

hinten. Etwa drei Meter Leine behielten wir übrig und führten ihn daran den Weg entlang in Richtung

Teich. Unterwegs gab er dann zu, unser Büdchengeheimnis gehört zu haben, aber er verweigerte das

Ehrenwort, es keinem zu verraten:

„Das wäre ja bloß ein erzwungenes Ehrenwort“, sagte er trotzig, „und das gilt ja nicht, das ist erpresst.“

Goggo zwinkerte den beiden andern heimlich zu; das sollte heißen: Desto besser, denn er soll es ja so

bald, wie‘s geht, verraten!

Der Chronist aber holte sein Taschentuch raus, wickelte sich‘s um die Hand und brach damit eine

Brennnesselstaude vom Wegrand ab. Er hielt sie dem entsetzten Hubba eine Handbreit vor die Nase und

erklärte drohend: „Jetzt woll‘n wir doch mal sehen, ob ein erzwungenes Ehrenwort gilt oder nicht! Also,

Hubba:

Sagst du‘s oder sagst du‘s keinem?“

„Keinem!“ winselte Hubba und nahm den Kopf zurück vor dem drohenden Stängel. „Ihr seid gemein,

mit eurer...“

„Sind wir auch!“ höhnte der Chronist. „Also gut, du versprichst es!“

Und wir drückten ihm nacheinander mit einiger Schwierigkeit seine auf den Rücken gefesselte rechte

Hand. Dann zerrte Goggo ihm sein Taschentuch aus der Hose und band es ihm quer durch den Mund und

im Nacken zusammen. Hubba ließ sich alles gefallen, denn der Chronist stand mit der Brennnessel dabei;

dann führten wir ihn bis zum Rand des Teiches.

Im Teich schwamm seit einiger Zeit ein aus Balken und zwei Benzinkanistern gebasteltes Floß; es

gehörte so ziemlich der ganzen Umgebung und nicht nur der Teichstraße, deshalb machte es auch keiner

kaputt.

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Auch der Staat Neulati war nicht so feige, es zu demolieren, ohne es vorher von der Teichstraße ehrlich

erbeutet zu haben. Auf dieses Floß also legten wir Hubba, nachdem wir ihm auch noch die Füße

zusammengebunden hatten, und stießen es ganz sachte auf den etwa 20 Meter breiten Teich hinaus, es

schaukelte gemächlich in der Mitte.

„Eigentlich gefährlich!“ sagte Knabe sorgenvoll. „Wenn es umkippt oder auseinander fällt, kann er sich

nicht retten.“

„Leider“, brummte der Chronist, „wenn er sich rührt oder rumwälzt, ist er ‘ne Leiche. Aber das Floß ist

stabil; ich glaube nicht, dass was passiert.“

„Also, Hubba, nicht bewegen!“ zischte Goggo eindringlich. „Sonst kippst du um und bist hinüber! Und

im übrigen: Betrachtet euch von heut an als im Krieg mit uns! Sag das deinem Stitz Schlosser und den

übrigen Coyoten aus der Teichstraße!“

Das unterste Haus der Teichstraße war nur etwa 150 Meter weit vom Teich entfernt; man hätte Hubba

auf dem Floß von dort bemerken können, wenn nicht eine Reihe Pappeln, die das Ufer säumte, die Sicht

behindert hätte. Wir pirschten uns also mit schlechtem Gewissen davon, in der Hoffnung, dass man

Hubba möglichst bald entdecken sollte.

„Hoffentlich verrät er jetzt das falsche Büdchen auch“, meinte Knabe unterwegs. „Wenn er‘s nicht tut,

war die ganze Erpressung für die Katz.“

Goggo und der Geschichtsschreiber guckten sich zweifelhaft an!

Fünf Minuten später aber waren wir bereits in unserm Büdchen an der Arbeit. Man konnte jetzt schon

aufrecht in der Grube stehen, ohne dass der Kopf in dem Gewirr der Zweige stak. So ging die Arbeit flott

vom Fleck, und nach zwei Stunden war die Grube schon einsvierzig tief; die Wurzeln der Buchen hörten

bei etwa einem Meter Tiefe auf. Noch einen Tag, und das Loch ist fertig.

Auf dem Rückweg kamen wir überein, nie mehr in der Nähe der Teichstraße aufzukreuzen, ohne

mindestens zu dritt zu sein. Der Krieg war jetzt erklärt, und die Teichstraße hatte neben Stitz Schlosser

noch vier Mann, das kleine Gemüse von neun, zehn Jahren gar nicht mitgerechnet!

Der Chronist schließt für heute. Er wird, das muss er gestehen, das Gefühl nicht los, dass es nicht sehr

anständig war, was Neulati heute mit dem kleinen Hubba, der doch erst elf Jahre ist, gemacht hat. Und

besonders, ihn gefesselt auf das Floß zu legen, war wohl eine Quälerei. Wenn uns die Teichstraße

irgendwann in die Finger kriegt, dürfte es Rache mit Blutwurst geben.

23. August

Heute in der Schule berichtete Marabu, wie man Hubba entdeckt hat. Marabu war gestern auf dem

Stadion der TSG. zum Leichtathletik-Training und hat dort einen Neutralen getroffen, der in der Nähe

der Teichstraße wohnt.

Und der ist mit dabei gewesen, wie zwei Teichsträßer das Floß mit dem Gefangenen in der Mitte des

Teiches entdeckten. Der eine ist dann gleich nach Haus gelaufen und hat den Stitz herbeizitiert; der

andere unterdessen hat mit Steinen, die er dicht vor das Floß warf, den Hubba ans Ufer getrieben. Hubba

war von den Spritzern so ziemlich klatschenass, aber das macht im Hochsommer nicht sehr viel aus. Er

weinte vor Wut, als sie ihn losbanden. Dann erzählte er dem Stitz, was ihm passiert war, und gestand, er

hätte das Ehrenwort gegeben, nicht zu verraten, was er wüsste. Stitz Schlosser wurde dunkelrot vor Wut;

er nahm den dicksten Stein, den er am Ufer fand, und schmiss ihn mit schauerlicher Wucht ins Wasser.

Hubba rieb sich schluchzend seine Handgelenke.

„Heul‘ nicht!“ schnauzte Stitz. „Ich weiß jetzt, wie wir‘s machen: Du brauchst mir nicht zu sagen, wo

das Büdchen liegt. Aber du darfst ruhig verraten, wo es nicht liegt! Dann hast du dein Versprechen nicht

gebrochen. Ist das klar?“

„Ja“, schnaufte Hubba gedrückt. „Also dann fang an und frage!“

Stitz Schlosser lehnte sich finster an eine Pappel und begann: „Liegt es in der Buchenschonung?“

„Nein.“

„Dann vielleicht in einem Garten?“

„Nein!“

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„Etwa in dem Tannendreieck vor der Autobrücke?“

„Nein.“

„Dann weiß ich nur eine Möglichkeit“ — Stitz Schlosser spuckte im Bogen ins Wasser —‚ „es liegt in

dem Gebüsch am Friedhof!“ Hubba schluckte und blickte seinen Häuptling schweigend an.

„Also klare Sache“, schloss Stitz Schlosser und wandte sich an den Neutralen, der dabeistand: „Sage

deinem Kumpel Marabu und den anderen Musterknaben:

Rache ist süß! Sie werden schon kapieren, was das heißt. Und kannst ihnen ja auch erzählen, dass der

Hubba sein Ehrenwort nicht gebrochen hat. Jedenfalls, wir werden von uns hören lassen!“

Damit schlug er Hubba auf die Schulter, drehte sich rum und stiefelte den Abhang rauf in Richtung

Teichstraße.

25. August

Gestern hat der Chronist den Anfang seiner Chronik, die bereits ein ganzes Aufsatzheft umfasst, der

Vollversammlung von Neulati vorgelesen. Die Kritik fiel ziemlich saftig aus.

„Du hast verdammt viel wörtliche Reden da reingezaubert“, stellte Goggo fest. „Das ist an sich nicht

schlecht. Aber ob die wirklich alle nötig sind? Und ich hab‘ so das Gefühl, du machst dich da drin viel zu

sehr über uns lustig!“

„Und ob du die ganzen Reime auf Marabu reinbringen musstest, ist auch noch ‘ne Frage“, setzte Knabe

aus. „Die haben mit der Handlung doch gar nichts zu tun!“

„Und die große Beschreibung der Örtlichkeiten ist überflüssig“, fand Marabu. „Die kennen wir doch sowieso!

Du tust ja manchmal, als schriebst du die Chronik für die Zeitung anstatt für den Staat Neulati. Du

sollst aber keinen Roman für fremde Leser schreiben, sondern eine knappe Chronik. Also verkneif dir

das Landschaftsbrimborium und konzentrier dich auf die Handlung!“

Der Chronist war unter diesem Bombardement von Einwänden ziemlich zerknickt. Er hätte ihnen am

liebsten den ganzen Salat hingeschmissen und gesagt:

„Dann soll ihn Goggo schreiben oder Marabu!“

Knabe aber meinte, dass auch manches Gute an der Chronik sei, zum Beispiel der wendige Stil und die

ausführlichen Besprechungen und Abstimmungen der Staatsmitglieder. Er hätte sich jedenfalls nicht

gelangweilt. Man sollte mal ruhig so weiterschreiben. Vielleicht könnte man das Ganze sogar drucken

lassen; Paul Keller hätte doch auch schon mit dreizehn Jahren seine ersten Gedichte in die Zeitung

gebracht!

„Ach Knabe,

du alte Küchenschabe,

dein Lob ist mir ‘ne Labe!“

reimte der ermutigte Chronist, denn auf Marabu zu reimen, hat ihm Knabe ja verboten. (Er merkt aber

mit Schrecken, dass er ja schon wieder einen Reim in seine Chronik verarbeitet hat, und bittet den Staat

Neulati um Verzeihung dafür.) Jedenfalls wollen wir uns morgen, wenn schön‘ Wetter ist, am Büdchen

treffen, um zu Ende auszuschachten.

26. August

Heute war es brüllend heiß. Die Vollversammlung von Neulati traf sich, wie besprochen, an der

Limonadenbude. Knabe in Turnhose leimte bereits an der Seitenwand und blies in sein Blasrohr wie in

eine Blockflöte, als der Geschichtsschreiber und Goggo auftauchten.

„Na, du alter Kultusminister“, sagte Knabe zum Chronisten, „hast du auch ‘nen Sack voll Reime mitgebracht?“

„Aber sicher, mein Knabe,

du struppiger Rabe,

mit deinem ewigen Blasrohrstabe!“

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grinste der Chronist, der es sich nicht verkneifen kann, seine wohlgelungenen Reime weiter in die

Chronik einzuflechten.

„Kinders!“ sagte Goggo, der mit nacktem Oberkörper kam und nur die Lederhose und Turnschuhe

anhatte, „ich bin dafür, dass jeder jetzt zehn Pfennig spendiert, und dann kaufen wir ‘ne Flasche Limo.“

„Akzeptiert!“ rief Knabe und begrüßte den im Dauerlauf heranstampfenden Marabu mit einer Salve

Ebereschenbeeren. „Hast du gehört, du Obersportminister, wir leisten uns ‘ne Flasche mit Geschmack!“

„Meinetwegen“, schnaufte Marabu und entkorkte seine leere Spritzpistole. „Ich fülle mir damit mein

Pistölchen auf; dann kann ich mir, sobald ich Durst hab‘, einen Spritzer auf die Zunge schießen; nur so

zur Erfrischung, weißt du.“

Und während wir drei also brav aus den Pappbechern tranken, träufelte Marabu seinen Anteil in sein

Spritzpistölchen und verkorkte es. Die Tante in der Limonadenbude guckte sprachlos zu.

„Wie ist das eigentlich mit den siebzig Pfennig, die ich damals für den Blechkanister ausgegeben habe?“

fragte Marabu und stopfte sein geladenes Geschütz behutsam in die Tasche seiner Lederhose.

„Klar, das muss erledigt werden“, sagte Goggo und kramte zwei Groschen heraus. „Ich schlage vor, wir

geben Marabu jeder 20 Pfennig; dann hat er 60 und braucht selber nur ‘nen Groschen zu spendieren: Wir

wollen ihm die Arbeit, die er mit dem Kasten hatte, anrechnen. Seid ihr dafür?“

„Jawohl, Herr Finanzminister“, spöttelte Knabe; auch der Geschichtsschreiber war es zufrieden, und so

kriegte Marabu sofort die 60 Pfennig in die Hand gedrückt. Das war die erste Amtshandlung der

Neulatischen Staatskasse.

Anschließend zogen wir ganz unverfroren am Teich vorbei, auf dem das Floß alleine in der Siedehitze

schwamm, und kamen unbeobachtet am Büdchen an. Hier schoss sich Marabu zum ersten Mal ein

Strählchen Limonade in den Mund, hängte dann sein himmelblaues Turnhemd überm Büdchenloch auf

einen Buchenzweig und sagte: „Also ran ans Werk, ihr Leute! Zwei ins Büdchen, einer in den Trichter an

den Schlitten, und der vierte als Wachtposten unten an den Weg! Ablösung nach Bedarf!“

Nach drei Stunden angestrengter Arbeit waren alle Stirnen schweißbedeckt, alle Körper lehmbeschmiert,

Marabus Pistölchen leer und unser Büdchen glatt einsachtzig tief!

Goggo sah aus wie die Gottheit Lehms, er hatte die drei Stunden lang nur ausgeschachtet!

Jetzt aber lehnte er die Schaufel in die Ecke, steckte seinen Kopf über den unteren Rand der Grube, wo

sie nur einssechzig tief war, weil da der Eingang liegen sollte, und sah den letzten Schlitten Erde leise

schlingernd durch die tiefzerfurchte Gasse in den Trichter runterfahren, wo ihn der Chronist mit stolzem

Grinsen in die beinah ausgefüllte Trichtermulde kippte. (Das ist ein fürchterlicher Schachtelsatz

geworden, und ich glaube, dass ihn Waldi, unser Deutschpauker, rot unterschlängeln würde; aber das

gehört ja nicht zur Chronik.)

Jedenfalls trafen sich dann alle vier — der Posten Knabe wurde eingezogen — zu einer feierlichen

Besichtigung der fertigen Grube. Wir sprangen hintereinander in das mächtige Viereck hinunter,

streichelten die glatte, hohe, kühle Wand aus Lehm und sahen uns begeistert an. Ein paar Sonnenkleckse,

die durchs Dach des Buchendickichts fielen, wackelten auf den Gesichtern.

„Das ist ein tolles Loch geworden“, staunte Marabu. „Jetzt das Dach drauf, Erde drüber, und das Hauptquartier

ist fertig.“

„Bloß, es kam mir fast so vor, als klänge es hohl hier unterm Boden“, sagte Knabe beunruhigt und

stampfte mit dem Fuße auf.

„Ich glaub‘, es ist in deinem Kopf ein bisschen hohl“, rief Goggo.

„Und in deinem Blasrohr“, fügte Marabu hinzu.

„Ach Knabe,

du alter Schwabe,

mit deinem ewigen Hohlheitsgehabe!“ reimte der Chronist als dritter.

„Meinetwegen“, brummte Knabe missgestimmt.

„Dann ist es also nicht hier drunter hohl. Aber wenn ihr eines Tages mitsamt eurem Büdchen ‘ne Etage

tiefer saust, in irgend so ‘ne unterirdische Kammer rein, dann wisst ihr, was los ist.“

„Mensch!“ rief Goggo. „Was? ‘ne unterirdische Kammer? Hier unter unserm Büdchen?“

„Kinders!“ brüllte der Chronist. „Das wäre phantastisch! Ich hab‘ schon öfters was davon gehört, dass

hier in der Nähe der Stadtmauer...“

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„Weitergraben!“ zischte Marabu, und seine Augen funkelten. „Aber erst mal hören, ob‘s hier wirklich

hohl ist...“

„Ruhe!“ donnerte Goggo. „Alles stille sein, ich trete jetzt mal auf den Boden hier!“

Nach ein paar Sekunden war es dann soweit: Wir lagen ohne Laut um unser Büdchen rum, die Köpfe

atemlos über die Kante gestreckt; bloß Goggo stand noch unten drin und hob mit feierlicher Langsamkeit

den Fuß. Und in der erwartungsvollen Stille hörte man — die Stimme von Stitz Schlosser klar und laut

vom Wege her: „Wenn ihr dreckigen Schakale nicht zu feige seid, kommt runter auf den Weg und lasst

euch vorher eure Knochen nummerieren!“

Goggos Fuß erstarrte in der Luft überm Boden des Büdchens. Keiner von uns vieren brachte ein Wort

heraus.

„Raus hier!“ zischte Goggo schließlich. „Alles runter an den Trichter, grabt das Werkzeug ein und deckt

die Erde zu! Ich wisch die Schleifspur weg, macht dalli, Leute!“

In rasender Eile schlängelten wir uns die Spur entlang in den Trichter, vergruben in dem losen Lehm den

Blechkasten, Schaufel und Hacken, deckten ihn mit Gras und Laubwerk zu und putzten uns, so gut es

ging, den verräterischen Lehm von Schuhen und Händen. Wir bewegten uns mit der irrsinnigen

Geschwindigkeit von Trickfilmfiguren.

Goggo kam gerade wie ein wildgewordener Dackel mit den Beinen voran aus dem Buchentunnel

geschossen, da zerteilte schon Stitz Schlosser mit entschlossenem Gesicht das Buschwerk am unteren

Rande des Trichters. Neben ihm erschien der Kopf von Hubba Sauerbrei, und hinter ihnen im Dickicht

prasselte die halbe Teichstraße!

Jetzt hieß es nur noch: Auf ihn mit Gebrüll! Zur demokratischen Abstimmung hatte keiner mehr Zeit. In

Sekundenschnelle war der Trichter ein Gewirbel von vier Neulatiern, die mit der Wut der Verzweiflung

das Geheimnis ihres Büdchens verteidigten, und fünf oder sechs Teichsträßern, die sich wortlos und

erbittert mit uns durch den Trichter wälzten.

Der Chronist gesteht es schamerfüllt: Die neulatischen Streitkräfte wurden gänzlich auf das Haupt

geschlagen. (Ob er diesen Ausdruck nun von Goggo oder aus dem Geschichtsbuch hat, weiß er leider

selber nicht.)

Goggo tobte wie ein Löwe, Knabes Blasrohr ging in Trümmer, Stitz aber fertigte Mann um Mann alleine

ab: Er warf sich erst auf Goggo, riss ihm mit unglaublicher Gewalt die Arme auf den Rücken, Hubba

flitzte affengleich herbei und schnürte sie mit dicker Kordel fest.

„Warum habt ihr auch so laut durch die Gegend gebrüllt?“ schnaufte Goggo und musste mit ansehen, wie

Stitz den Chronisten verschnürte, während Knabe, der bereits gefesselt am anderen Rande des Trichters

saß, erwiderte: „Als hättest du nicht auch geschrieen, du Oberheini!" Dann ging auch Marabu mit

fliegenden Fahnen unter.

Stitz Schlosser sandte triumphierend seine Blicke in die Runde; seine fünf Getreuen standen keuchend

um ihn rum.

„So, ihr räudigen Hyänen“, sagte er sind spuckte aus, „nun woll‘n wir doch mal sehen, wo euer Büdchen

ist.“

Überall im Trichter sah der Lehm durch die zerfetzte Schicht aus Laub und Gras! Es war nur allzu

deutlich zu erkennen, dass hier in der Nähe eine Grube ausgeschachtet war. Hubba tauchte in das

Dickicht, haargenau entlang der Schleifbahn, die von Goggo provisorisch zugescharrt war. Einige

Sekunden voller Herzklabastern hofften wir, er werde doch das Büdchen nicht entdecken —‚ aber dann

erschien er stolz und meldete: „Wir brauchen noch nicht mal die Brennnesseln, Leute! Das Büdchen liegt

schon gleich hier vorne!“

Stitz zog gelassen den Hirschfänger raus, sagte kalt:

„Dann woll‘n wir‘s mal besichtigen“, und hieb sich mit dem Messer rücksichtslos die Gasse bis zum

Büdchen frei. Wir Neulatier hätten heulen mögen: Jetzt war alles für die Katz!

„Ihr habt euch da ein schönes Loch gekratzt“, meinte Stitz vom Büdchen her und rammte sich sein

Messer klatschend in die Scheide. „Das lässt sich prima als Gefängnis brauchen!“

Und er kam zurück, ließ uns auch die Füße noch zusammenbinden, und dann schleiften uns zwei Teichsträßer,

einen nach den andern, durch die freigelegte Gasse bis zum Büdchenloch, in das sie uns dann alle

vier hinunterließen.

Goggo rollte mit den Augen, als wolle er den Stitz lebendig fressen, Marabu zitterte vor kalter

Verachtung, Knabe aber grinste leise und zwinkerte dem Geschichtsschreiber unmerklich zu: Da

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erinnerte sich der Chronist mit einer Freude, die ihm warm durch alle Glieder lief, dass Stitz Schlosser ja

das Tollste gar nicht wusste: Dass es nämlich unter diesem Loch vielleicht eine weitere unterirdische

Kammer gab!

„Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“, versuchte ein Teichsträßer zu witzeln; Stitz aber erklärte

kalt: „Wir lassen euch jetzt erst mal was allein! Kommen dann mit ein paar Hacken wieder, damit

ihr euer Büdchen fleißig wieder kaputtmachen könnt.“

„Bild dir bloß nicht ein, als könntest du uns dazu zwingen!“ fauchte Goggo.

„Brennnesseln“, sagte Stitz Schlosser lakonisch. „Hubba, hast du ihnen ihre Messer abgenommen?“

„Sicher“, sagte Hubba. „Aber bloß der Schwarze da“ —er deutete auf den Chronisten — „hatte eins, die

andern hatten leere Taschen.“

„Desto besser“, sagte Stitz, ließ sich von Hubba das Taschenmesser des Chronisten geben und stach es

einen halben Meter überm Boden vor dem Büdchen in eines der freigelegten Buchenstämmchen.

Marabus erbeutete Pistole legte er ins Gras darunter.

„So, ihr Hundesöhne, ruht euch aus, damit ihr nachher euer Büdchen mit frischen Kräften wieder

zuschütten könnt!“ grinste Stitz zum Abschied; dann verkrümelten sie sich.

Wir vier Neulatier guckten uns verzweifelt an. Knabe lehnte mit dem Rücken an der Lehmwand, an

seinen hochgezogenen Knien lehnte Goggo, auf Goggos Oberschenkel lagerte der Kopf des Chronisten,

und auf des Chronisten Beinen die von Marabu, der auf der anderen Seite an die Wand gedrückt lag. Und

wir waren alle vollgeschmiert mit Lehm! Es war die ungemütlichste Versammlung, die der Staat Neulati

jemals abgehalten hat.

„Redet leise“, fing dann Knabe an und pustete mit vorgeschobener Unterlippe seine Tolle aus der Stirn

zurück. „Wenn jetzt einer neben unserm Loch liegt, hört er jedes Wort von uns.“

„Kriegt denn keiner seine Fesseln auf?“ rief Goggo und zappelte wütend; aber wir andern hatten schon

gemerkt, dass gegen diese dicken Kordeln nichts zu machen war.

„Das konnte alles nur passieren, weil wir den Posten vom Wegrand weggenommen haben und dann anschließend

so laut debattiert über den hohlen Boden“, stellte Goggo klar.

Das Wort elektrisierte alle!

„Heiliger Bimbam!“ flüsterte Marabu. „Wenn hier drunter eine hohle Kammer ist, vielleicht ein Schatz

drin oder so, und wir müssen gleich das Büdchen selber wieder zuschütten! Es ist zum Kotzen!“

„Dann gehen wir übermorgen hin und schachten es von vorne aus!“ verlangte der Chronist.

„Ich wäre erst doch mal dafür, zu hören, ob es wirklich hohl ist“, sagte Knabe, „denn wir wissen‘s ja

noch immer nicht mit Sicherheit! Kann sich keiner aufrecht stellen und mal kurz hier auf den Boden

springen?“

Nach zwei Versuchen gelang es Goggo, auf die Füße zu kommen. Er stand jetzt in der Mitte des

Büdchens, wir andern quetschten uns an die Wand, damit er Platz hatte, und dann hopste er mit einem

mühsamen Schlusssprung hoch und fiel beim Runterkommen der Länge nach hin, weil er ja gefesselt war

und nicht das Gleichgewicht behalten konnte. Aber was viel toller war, das war der hohle Ton, der

wirklich von unten heraufhallte! Es gab jetzt keinen Zweifel mehr: Hier drunter musste eine Höhle sein.

„Ich hab's ja gleich gesagt“, triumphierte Knabe. „Goggo, los, spring noch mal! Aber etwas fester, wir

woll'n doch mal genauer hören, wie viel Zentimeter wohl die Höhle unter unserm Boden liegt!“

Goggo half sich wieder auf die Beine.

Wir zappelten vor Vergnügen an allen gefesselten Gliedern: Es gab hier eine Kammer drunter, und Stitz

Schlosser wusste das nicht. Es war zum Schreien schön und spannend! Goggo ging bedächtig in die

Knie, dann schnellte er sich hoch mit aller Kraft. Und als er wieder runterkam - der Geschichtsschreiber

freut sich, dass er endlich eine echte Sensation berichten kann -, als Goggo wieder runterkam, da gab es

einen Krach, und Goggo sauste wie ein Blitzstrahl durch den Büdchenboden in die Erde rein!

Wir drei andern saßen wie versteinert da und starrten auf das Loch im Boden, durch das er in das

unterirdische Gewölbe eingebrochen war. Die Decke war kaum eine Handbreit dick, das Loch hatte die

Form eines etwa 40 cm breiten Spaltes, der sich quer durch die gesamte Breite unseres Büdchens zog; so,

wie wenn ein breites Brett aus einem Plankenboden weggebrochen wäre.

„Goggo!“ kreischte der Chronist und drückte sich, am ganzen Körper bibbernd, vor dem schwarzen

Abgrund an die Wand. „Goggo, ist dir was passiert, kannst du uns noch hören?“

Krampfhaft starrten wir das schwarze Loch vor unsern Füßen an. Wir wussten jetzt, wie dünn die Decke

war, die uns von der unbekannten Grube trennte, und erwarteten, dass jeden Augenblick der Rest der

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Decke mit uns dreien in die Tiefe brechen würde. Keiner wagte nur die leiseste Bewegung. Gegen diese

Folter war der Hubba auf dem Floß beneidenswert.

„Goggo!“ wiederholte der Chronist. „Was ist mit dir, wo bist du, gib doch Antwort!“

Wir hätten jetzt die Ankunft von Stitz Schlosser mit Erleichterung begrüßt, damit er uns aus diesem

fürchterlichen Schwebezustand hätte ziehen können; selbst wenn dadurch das Geheimnis dieses

unterirdischen Gewölbes an die große Glocke kam.

Wir fingen langsam an zu schwitzen, und zwar vor Angst. Knabe drückte sachte mit dem Absatz einen

Streifen Lehm vom Rand des Spaltes los, er rutschte in das Loch hinab und landete im selben Augenblick

mit klatschendem Aufschlag am Grunde der Höhle: Man hörte deutlich, dass sie höchstens zwei, drei

Meter tief war. „Gott sei Dank!“ seufzte Knabe. „Das Loch ist nur zwei Meter tief, dem Goggo kann

nicht viel passiert sein. Wenn man bloß nicht so gefesselt wäre!“

Der Chronist erlaubt sich zu vermuten, dass diese Situation die gerechte Strafe war für das, was wir mit

dem Hubba gemacht haben.

„Goggo!“ rief er dann zum dritten Mal. „Gib doch Antwort, Mensch! Wo steckst du?“

Und nach einigen Sekunden, endlich, hörte man die Stimme Goggos seltsam dumpf und stotternd aus der

Tiefe dringen: „Ja, was ist denn, Leute? Wo bin ich?“

„Er war bis jetzt bewusstlos“, hauchte der Chronist und rief dann laut: „Du bist beim Springen

durchgekracht und liegst in dem unterirdischen Raum drin. Tut dir was weh?“

„Bloß der Kopf“, rief Goggo, „und ich hab' die Füße, glaub' ich, was verstaucht. War ich eigentlich

besinnungslos?“

„Ein paar Minuten“, sagte Knabe. „Kannst du was erkennen unten drin?“

„Ein bisschen“, sagte Goggo. „Es scheint das hier ein langer Gang zu sein, mit Holz gestützt. Hier liegt

auch ein kaputtgebrochenes Brett, sonst ist der Gang stabil und sauber. Lasst euch doch herunter, Leute;

dann findet uns der Stitz nicht wieder!“

„Aber er findet das Loch und den Gang“, ärgerte sich Marabu. „Verdammt noch mal, man müsste diese

Stricke auseinander kriegen!“

„Beißt sie mit den Zähnen durch!“ rief Goggo. „Warum haben wir das nicht schon gleich getan? Macht,

so schnell ihr könnt! Wer hat die dünnste Kordel um die Hände?“

Die dünnste Kordel hatte Knabe, der ja auch der schwächste von uns war. Und weil ja Marabu auf der

anderen Seite des Spaltes lag, kam bloß noch der Chronist in Frage, Knabes Fesseln durchzunagen.

„Stell dich aufrecht“, sagte der Chronist, „dann knie ich mich hinter dich und will probieren, ob ich mit

den Zähnen an die Kordel kann.“

Knabe hob sich langsam und in ständiger Erwartung durchzukrachen auf die Beine. Der Chronist erhob

sich auf die Knie, rutschte hinter ihn und packte mit den Zähnen Knabes Fesseln. Knabe kicherte, denn

des Chronisten Lippen kitzelten sein Handgelenk. Marabu sah über den Spalt hinweg gebannt und

wortlos zu. Der Strick war hart und ziemlich dick, nach zwei Minuten hatte der Chronist den Mund voll

Faserzeug und spuckte heftig aus. In der Spucke war schon Blut, das Zahnfleisch war zerschlissen von

der Kordel.

„Schneller!“ brüllte Goggo, der jetzt wieder völlig munter war, von unten durch das Loch herauf.

Der Chronist spuckte wiederum aus, er hatte deutlich Blutgeschmack im Mund. Die Kordel Knabes war

zur Hälfte durch!

„Weiter!“ raunte Marabu, der mit blitzenden Augen zusah. „Wir müssen fertig sein, bevor der Stitz

zurück ist. Wenn du's fertig bringst, kriegst du das Ritterkreuz des Staates Neulati!“

„Blödmann!“ knurrte der Chronist mit schmerzverzerrten Zügen, spuckte Blut und kaute weiter mit den

Schneidezähnen an Knabes Kordeln herum. Endlich, etwa drei Minuten später, sprengte Knabe mit

Gewalt den dünngenagten Strick und löste eilends auch die Fesseln des Chronisten.

Marabu, der dann als dritter befreit wurde, drückte dem Geschichtsschreiber verlegen die Hand. „Wie ein

Indianer“, sagte er. Das war das größte Lob, das er aussprechen konnte.

Der Chronist erwiderte gar nichts: Ihm tat der ganze Mund von innen weh.

„Kurzer Kriegsrat“, zischte Knabe hastig. „Was machen wir jetzt? Das Loch muss auf der Stelle

zugestopft werden, damit Stitz Schlosser nicht dahinterkommt. Den Gang, den seh'n wir uns dann später

an. Und zunächst mal holen wir Goggo da raus!“

Damit ließ er sich geschmeidig in den Spalt hinunter, knüpfte unten Goggos Fesseln auf und rief

begeistert: „Mensch, das ist feudal hier unten! Schade, dass wir nicht sofort den Gang erkunden können!“

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Mit diesen Worten schmiss er die beiden Hälften des durchgebrochenen Bretts in das Büdchen hinauf

und wurde dann von Goggo selber hinterhergestemmt. Nun zogen wir vom Rand der Grube aus - man

konnte sich an Buchenbäumchen halten - auch den Goggo selbst mit einer dicken Kordel an das

Tageslicht. Er sah ein bisschen blass aus von dem Schock, aber Reden halten konnte er wie immer.

„Dass Stitz Schlosser uns allein ließ, war ein kapitaler Schnitzer“, stellte er strategisch fest. „Er musste

uns entweder mit Draht fesseln oder einen Posten bei uns lassen. Aber jetzt mal dalli, Leute!“ Und er

legte die beiden Bretterhälften quer über den Spalt, deckte den Zwischenraum provisorisch mit den

Buchenzweigen zu, die Stitz Schlosser abgeschlagen hatte; Knabe aber buddelte in Eile aus dem

Trichterlehm die Hacke aus. Dann stürzten alle sich fanatisch auf die Büdchenwände, rissen sie mit

Hacke, Händen und Taschenmesser ein und trampelten die herunterkollernden Lehmmassen auf der

zugeflickten Büdchensohle fest. Nach drei Minuten lag gewiss ein halber Meter festgestampfter

Lehmschicht über dem ehemaligen Loch, und das Büdchen sah aus wie ein kleiner steiler Krater; die

Baumwurzeln hingen von allen Seiten aus den Wänden.

Wir hatten mit grimmiger Freude geschuftet. Der Chronist darf wohl behaupten, dass die Bauerei des

Büdchens längst nicht soviel Spaß gemacht hat wie seine Zerstörung. Denn wir wussten ja, dass damit

das Geheimnis unseres Büdchens Eigentum Neulatis blieb.

Seit Stitz Schlossers Abzug waren kaum 10 Minuten vergangen. „Beeilung, Leute“, keuchte Goggo,

„grabt die Hacke wieder in den Trichter, und dann nichts wie weg von hier! Stitz Schlosser wird sich

niedlich ärgern, wenn er mit den Brennnesseln ankommt, und das Büdchen ist bereits kaputt!“

Fünf Minuten später waren wir auf dem Nachhauseweg, so übermütig und so aufgekratzt wie selten:

Neulati kannte ganz alleine einen unterirdischen Gang! Es war ein triumphaler Tag für unsern Staat; bloß

der Chronist hatte Zahnweh, und Goggo litt an einer sogenannten leichten Gehirnerschütterung. Aber

übermorgen, wenn's an die Erforschung unsres Stollens geht, ist das garantiert behoben!

28. August

Dem Chronisten tut zwar heute nicht mehr der Mund weh, aber dafür sind's die Finger seiner

Schreibhand, die seit vorgestern so etwa fünf, sechs Stunden lang das große Abenteuer vom 26.

beschreiben mussten und ein bisschen lahm geworden sind. Trotzdem schreibt er heute weiter, denn es

ist inzwischen allerlei passiert.

Heute gegen drei Uhr nachmittags schlich man nämlich vollzählig aufs Neue in die Schonung.

Selbstverständlich drangen wir von oben her ein und nicht von der Teichstraße aus. Dass die Sippschaft

von Stitz Schlosser noch an dem kaputten Büdchen herumspukte, war kaum zu erwarten.

Goggo hatte trotz der Hitze seine Trainingsjacke angezogen. „Ich hab' gemerkt, wie kalt das unten in

dem Gang war“, sagte er. Und darunter trug er einen Lasso um den Bauch gewickelt, „falls es unten drin

so Schächte oder so was gibt“.

Marabu zog blinzelnd seine Spritzpistole aus der Tasche: Sie war voll Milch! Man sah sie weiß und

deutlich durch die dünne Hülle aus rosa Kunststoff hindurchschimmern. „Ich habe diesmal schon zu

Hause getankt“, erklärte er. „Wenn von euch vielleicht mal einer Durst kriegt und er will was frische

Milch, so kann er sich ja melden.“ Und er spritzte sich genießerisch den weißen und vermutlich schon

lauwarmen Strahl auf die Zunge. Knabe aber schoss aus einem neugebastelten Holunderblasrohr seine

Salven in die Gegend.

Ferner waren wir natürlich alle ausgerüstet mit Beleuchtungsapparaten: Goggo hatte eine Kerze und

Zündhölzer, Knabe und der Geschichtsschreiber ebenfalls, Marabu besaß sogar eine mit frischer Batterie

bestückte Taschenlampe; und wir alle waren lustig vor Erwartung.

Knabe holte unterwegs zum Beispiel ein kleines, sorgfältig gesägtes Ordenskreuz aus Sperrholz aus der

Tasche, säuberlich geschmirgelt und mit einer weißen Schlinge zum Aufhängen versehen. Er hatte auf

das Holz nicht das Geringste draufgemalt, aber das Kreuzchen wirkte dadurch besser, als hätte er weiß

Gott was für Verzierungen drauf angebracht.

„Das ist der Orden für besondere Verdienste um den Staat Neulati“, sagte er und lächelte sein leises

Knabenlächeln, „ich hab' ihn gestern ausgesägt. Den woll'n wir heute dem Chronisten feierlich verleihen

für das aufopfernde Zerbeißen meiner Stricke.“

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„Und für seine dicke Chronik“, fügte Marabu hinzu. „Ich würde ja rammdösig, wenn ich ewig soviel

schreiben müsste!“

„Dank, ihr Bürger von Neulati, hätte Geld genug mein Vati, kauft ich euch 'nen Maserati!“ reimte

mühsam der Chronist.

„Ich hoffe“, fuhr Knabe ironisch fort, „dass auch die andern Bürger von Neulati alles tun werden, um

einer solchen Dekorierung würdig zu sein.“

Aber alle Ironie ändert doch nichts daran, dass der Chronist der erste ist, der das Verdienstkreuz Neulatis

auf der Brust baumeln hat! Es hängt jetzt über seinem Arbeitstischchen an der Wand.

Am Büdchen angelangt, grub Goggo fiebernd unser Werkzeug aus, und in fünf Minuten war das Loch

aufs Neue freigelegt. Wir rissen aber nicht die ganze Länge von anderthalb Metern auf, sondern

schaufelten bloß etwa 50 cm frei, so dass sich auf dem Kratergrund ein rechteckiges Loch von etwa 50

mal 40 cm öffnete. Dann gab es eine lästige Debatte: „Wenn wir jetzt alle vier einsteigen“, verkündete

Goggo, „und Stitz Schlosser oder ein Teichsträßer kommt vorbei, dann weiß er alles!“

„Deshalb müsste also“, sagte Knabe, „einer von uns draußen bleiben, das Loch ganz provisorisch wieder

zuschütten und abwarten, bis wir klopfen, um wieder rauszukommen.“ Wir guckten uns erschrocken an!

Das war ein Opfer, das man keinem zumuten konnte.

„Wer bleibt freiwillig als Posten hier oben?“ fragte Knabe. „Ich säge ihm bis morgen ein Verdienstkreuz

aus.“ Aber keiner hatte Lust, sich das Verdienstkreuz zu verdienen; schließlich ist es kein Vergnügen,

ganz allein zwei Stunden in der Schonung rumzuhocken, während unten in dem Gang die drei andern die

spannendsten Sachen erleben.

„Ich selber komm ja nicht in Frage“, prahlte der Chronist. „Erstens muss ich immer mit dabei sein, um

alles beschreiben zu können, und zweitens hab' ich ja schon ein Verdienstkreuz.“

„Dann müssen wir auslosen“, folgerte Goggo. „Das ist wahrscheinlich noch die beste Lösung.

Abstimmung: Wer ist dafür?“

Goggo, Marabu und Knabe hoben die Hand. Bloß der Geschichtsschreiber bestand darauf, er müsse mit

auf die Erkundungsfahrt. Die andern sahen das auch ein: „Desto besser“, sagte Goggo, „dann kannst du

ja der sein, der die Auslosung veranstaltet.“

Der Chronist schnitt also drei Buchenstäbchen von Streichholzlänge ab, alle drei von gleicher Dicke, und

in eines schnitt er eine Doppelkerbe. Er klemmte die drei zwischen Mittel- und Zeigefinger, schloss die

Hand zur Faust, so dass nur die drei völlig gleichen Enden aus der Fingerritze guckten, und dann sprach

er sachlich: „Zieht!“

Knabe zog. Er kriegte eines ohne Kerbe.

Goggo zog. Auch er erwischte eins, das nicht markiert war.

Und so blieb der arme Marabu denn auf der Strecke. Er schmiss in stummer Wut sein Hölzchen hin und

trampelte darauf herum.

„Morgen kriegst du ein Verdienstkreuz aller Klassen“, tröstete ihn Knabe.

„Ich pfeif' auf deine Kreuze aller Klassen“, keifte Marabu. Er war der jüngste von Neulati und den

Tränen nah; er tat uns leid.

„Kannst du uns vielleicht dann deine Taschenlampe geben?“ fragte Knabe vorsichtig. „Wir haben ja bloß

Kerzen, und man weiß nicht, ob's da unten Wasser oder Zugluft gibt.“

„Hier hast du sie“, sagte Marabu tonlos und streckte sie gesenkten Blicks dem fast gerührten Knabe hin.

„Hals- und Beinbruch für euch drei.“

„Danke“, sagte Goggo, der schon halb im Eingang stak und auf den Rändern wie im Stütz auf einem

Barren hing. Dann schlüpfte er hinunter, bis er an dem Randbrett wie an einer Reckstange pendelte, und

ließ sich dann den halben Meter, der noch fehlte, auf den Boden runterplumpsen. Der Chronist und

Knabe turnten ebenso hinab. Marabu stand breitbeinig über dem Loch und sah uns trostlos nach.

„Also Marabu“, verabschiedete sich Goggo, „du deckst das Loch jetzt wieder zu und schüttest etwas

Erde drauf, aber nicht zuviel, im höchsten Fall zehn Zentimeter. Dann setzt du dich daneben ins Gebüsch

und wartest. Und wenn wir dann nach ein, zwei Stunden wieder hier sind, klopfen oder rufen wir, damit

du uns das Loch dann wieder öffnen kannst. Ist das klar?“ Marabu nickte melancholisch.

„Und wenn ein Teichsträßer kommt oder so, halt dich im Versteck und rühr dich nicht. Und wenn wir

nach spätestens zwei Stunden noch nicht wieder da sind, kommst du einfach nach und lässt das Loch hier

offen. Kann man sich darauf verlassen?“

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Marabu nickte verdrossen. Dann schob er rasch, damit man nicht sah, dass er weinte, die eine Bretthälfte

über den Spalt, warf einige Buchenzweige dazu, so dass es plötzlich bei uns dunkel war und nur ein

grünlich-trübes Dämmerlicht noch herrschte, und dann schlossen drei, vier Schaufeln Lehm uns völlig

von der Tagwelt ab. Goggo und der Chronist steckten je eine Kerze an; man hörte über uns noch Marabu

rumoren, ein paar Bröckchen Lehm rieselten durch die Buchenäste herunter, dann sah man sich gespannt

im Stollen um.

Er war in Abständen von drei Metern mit dicken Pfosten aus Eichenholz abgestützt, die Decke und die

Seitenwände waren lückenlose Bretterschichten. Und durch eines dieser Bretter war ja, wie man weiß,

der Goggo eingebrochen. Der Gang war etwa zwei Meter hoch und ebenso breit, er kam von der

Richtung der Stadtmauer her und fiel in ziemlich steilem Winkel nach dem Tal hin ab. Die Luft war kühl

und trocken.

„Toll, wie das hier abgestützt ist“, sagte Goggo, „aber in dem Lehm hier würde sonst der Gang nicht

halten.“

„Und alles Eichenholz!“ rief Knabe staunend. „Wahrscheinlich, weil das nicht verfaulen kann. Denn

wenn Eiche nass wird, wird sie bloß noch härter, aber niemals morsch; hab' ich irgendwo gelesen. Gehen

wir erst nach oben - oder lieber erst da runter zu?“

Wir entschieden uns für ersteres. Der Gang lief schnurgerade und im selben Anstiegswinkel wie die

Buchenschonung aufwärts in Richtung der Stadtmauer. Der Kerzenschein drang höchstenfalls zehn

Meter weit, aber Knabe hielt die Taschenlampe sozusagen entsichert und im Hüftanschlag bereit.

„Das ist bestimmt ein Fluchtweg aus dem Mittelalter“, sagte der Chronist. „Da retteten die Leute aus der

Stadt sich durch, wenn sie belagert wurden. Wenn das wirklich so ein Gang ist, ist er kilometerlang.“

„Wissen wir auch“, sagte Goggo, und man stapfte schweigend weiter. Es war bedrückend still hier unten,

fast unheimlich leblos, und der Chronist hatte Herzklopfen, obwohl man zu dritt war. Auch Goggo biss

sich nervös auf die Lippen, und selbst Knabe sah viel ernster aus als sonst.

Nach zirka 150 Metern hörten plötzlich die Holzwände auf, und der Gang lief waagrecht weiter in der

Form eines gemauerten Tunnels mit halbrund gewölbter Decke.

„Wir müssen jetzt unter der Stadtmauer durch sein“, erläuterte Goggo, „also sind jetzt über uns schon

Häuser.“

Wir starrten ungläubig die Decke an. Sie war aus groben Steinen, trocken und bucklig; komisch, sich das

vorzustellen, dass nur ein paar Meter über dieser Totenstille jetzt die Stadt in der Nachmittagssonne lag.

„Menschenskind, wenn das mein Vater wüsste“, sagte Goggo, denn wir hatten selbstverständlich nichts

erzählt zu Hause von dem selbstentdeckten Gang. Jetzt dachten wir an unsre Eltern und hatten so'n

bisschen ein schlechtes Gewissen.

Aber da war schon der Gang zu Ende! Er endete in einem runden Schacht, der senkrecht hochging wie

ein Brunnenrohr. Knabe knipste stolz die starke Taschenlampe Marabus an und sandte ihren Strahl in die

Höhlung hinauf: Etwa sechs Meter über uns schloss eine glatte, hellbraune Steinplatte den Kamin

endgültig ab.

„Man müsste mit 'ner Leiter rauf und mal probieren, ob die Platte wegzuschieben geht“, sagte der

Geschichtsschreiber.

„Blödsinn“, sagte Goggo kurz. „Erstens sieht man, dass der Stein zu schwer ist; zweitens haben wir ja

keine Leiter hier. Höchstens könnten wir mal Klopfsignale geben, ob vielleicht darüber Leute wohnen;

aber dadurch würden wir den Gang verraten.“

„Also wär's am besten“, meinte Knabe, „wir messen ungefähr die Länge des Ganges von hier bis zur

Stadtmauer ab und gucken mal über Tage nach, wo wir hier wohl etwa sind.“

Goggo rollte also seinen Lasso auf, der genau 15 Meter lang war, und maß mit ihm etappenweise die

Ganglänge ab. Er und Knabe trugen die Enden der Leine und der Geschichtsschreiber die beiden Kerzen.

Schließlich kamen wir aufs Neue am Beginn der Holzverschalung an.

„Viereinhalb mal Lassolänge“, stellte Goggo fest. „Also zirka 67 Meter“, rechnete sich Knabe aus.

„Morgen geh’n wir untersuchen, wo der Schacht wohl oben endet.“

Goggo schlang sich seinen Lasso um die Schultern, richtig zünftig sah das aus, und wir folgten dann dem

Gang zurück. Er war jetzt gar nicht mehr so unheimlich wie vorher, dafür aber teufelsmäßig kalt: Knabe

und der Geschichtsschreiber schnatterten um die Wette, Goggo tippte sich auf seine Trainingsbluse und

grinste zufrieden.

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Wenig später kamen wir aufs Neue an der Einstiegstelle an, über der jetzt Marabu wohl Trübsal blasend

im Gebüsch saß; die Neugier trieb uns ohne Aufenthalt darunter durch. Der Stollen blieb auch jetzt genau

der alte: eine viereckige Holzröhre mit glattem und trockenem Lehmboden, die sich schnurgerade vor

uns in die Ferne senkte.

Knabe klopfte mit dem Finger an das Holz der Seitenwand, es war ein bisschen feucht und schwärzlich

und so gut wie knochenhart.

„Wenn man bedenkt, dass die Bretter hier mindestens 300 Jahre alt sind!“ fiel es dem Chronisten ein.

„Und was das gekostet haben muss, all das Eichenholz hier unten!“

„Achtung“, unterbrach ihn Goggo, „macht der Gang da vorn nicht einen Knick?“

Wirklich schwenkte unser Stollen ein paar Schritte weiter schräg nach links hinunter ab: „Ungefähr in

Richtung auf den Teich hin“, tippte Goggo und marschierte, dass die Kerzenflamme, die er trug, sich

platt auf den Rand ihrer Kerze drückte. Etwa 150 Meter weiter aber blieb er plötzlich stehen und

lauschte.

„Hört mal, Leute“, raunte er, „klingt das nicht wie Wassertropfen?“ Wirklich klang uns aus der Tiefe

schwach das Glucksen und Geplinker fallender Tropfen entgegen.

„Es regnet“, witzelte der Chronist und wedelte aus Angeberei mit dem Finger nachlässig durch seine

Kerzenflamme.

„Nein!“ rief Goggo aufgeregt. „Aber wisst ihr was, Genossen? Unser Gang läuft regelrecht unter dem

Teich durch! Oder mindestens unter dem Bach. Und da sickert jetzt von oben her das Wasser ein. Weiter,

Leute!“

Wir hasteten mit hochgereckter Kerze weiter. Das Holzwerk fing vor Feuchtigkeit zu glitzern an, der

Boden wurde schlüpfrig. Rhythmisch klang das singende Glucksen der Tropfen aus der Dunkelheit.

„Knabe, mach die Lampe an und geh als erster!“ sagte Goggo plötzlich. „Es ist so rutschig hier, und

deine Lampe ist doch heller.“

„Meinetwegen“, sagte Knabe und knipste Marabus Scheinwerfer an, während Goggo, dem im

Kerzenschein die Haare in das vorgestreckte Gesicht hingen, aufgeregt beiseite trat, um Knabe nach

vorne zu lassen.

In der Lichtbahn unserer Lampe streckte sich der Gang wohl 25 Meter weit hinunter, blitzend fielen hier

und da die Tropfen senkrecht durch den Lichtstrahl. Knabe stapfte unerschrocken vorwärts. Nach 20

Metern sanken wir bei jedem Tritt bis an die Knöchel in den Lehmbrei ein. Knabe blieb urplötzlich

stehen und sagte heiser: „Seht euch das da an, ihr Leute!“

Wir standen neben ihm wie festgewurzelt: Vor uns wurde aus dem Stollen ein Kanal! Wasser füllte ihn

auf etwa 15 Meter Länge bis zur halben Höhe an. Hinter dieser Riesenpfütze sah man die Fortsetzung des

Ganges nach oben entschwinden.

„Hier sind wir also dann am tiefsten Punkt“, erklärte Goggo, der sich wieder fasste. „Auf der andren

Seite hebt der Gang sich wieder und läuft weiter: Klarer Fall! Ob es Zweck hat, sich die Schuhe

auszuziehen und durchzuwaten?“

„Selbstverständlich“, sagte der Chronist und zog die Füße, ohne sich zu bücken, aus seinen im

Lehmboden festgekleisterten Sandalen. „Aber wenn ihr nicht die Traute habt, probier ich's mal alleine.

Besser ist es allerdings, ihr seilt mich an.“

Während also der Chronist die lehmbekrusteten Strümpfe auszog und auf die festgebackenen Sandalen

warf, rollte Goggo seinen Lasso auf und schlang ihn dem Chronisten um den Nacken und von dorther

kreuzweise über die Brust unter den Armen durch auf den Rücken, wo er ihn verknotete. Dies

fachmännische Anseilsystem hatte er nämlich aus einem Jugendkalender gelernt. Der Chronist krempelte

sich unterdessen seine Lederhose hoch, bis dass sie einer Badehose glich. „Woll'n bloß hoffen, dass es

unter Wasser nicht noch steile Löcher oder Molche oder so was gibt“, sagte der Chronist und stippte

seine Zehen in den Rand des rabenschwarzen Wassers, dass ihm eine Gänsehaut den Rücken rauf und

runter fuhr, vor Kälte oder auch vor Aufregung. Goggo hielt die Leine eisern um die Faust gewickelt,

Knabe strahlte mit der Taschenlampe, und der Chronist stelzte los. Das Wasser gluckste um seine

Waden, es musste klar wie Glas sein, aber leider drang der Schein der Kerze nicht bis auf den Boden

durch, so dass es schwarz erschien wie Tinte.

Der Schlamm des Grundes quoll bei jedem Schritt wie Watte um die Füße auf, ansonsten war der Boden

glatt und senkte sich wie auch im Trockenen. Nach fünf Metern stand das Wasser bis zum Knie. Der

Chronist zog beklommen den Atem ein und spürte dabei Goggos Lasso stramm und sicher um den

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Brustkorb sitzen, das war ein schönes und beruhigendes Gefühl. Ein dicker Tropfen klatschte ihm aufs

Haar. Das Wasser stieg bis an den Rand der Lederhose. Der Chronist sah sich unsicher um: „Wenn ich

jetzt noch tiefer gehe, wird die Lederhose nass!“ rief er zu den Wartenden zurück, denn es dauert halbe

Tage, bis eine nasse Lederhose wieder trocken ist, und zu Hause würde dann die Mutter schwer

Spektakel machen.

„Es hat dir ja keiner befohlen, durchzugehen“, sagte Goggo und ließ sich eine Lassowicklung von der

Faust fallen; da stakte der Chronist entschlossen weiter. Es war ein fieses Gefühl, das Wasser in der Hose

steigen zu spüren; nach zwei Metern stand er bis zum Bauch in der Flut, die Füße weich umschmiegt

vom Schlamm des Grundes. Die Tropfen klimperten lustig auf dem Wasser, es war eine ganz komische

Stimmung.

Dann begann der Gang zu steigen! Jeder Schritt hob den Chronisten eine Handbreit weiter aus dem

Wasser. Er schritt jetzt schneller aus und stand nach wenigen Metern aufatmend am anderen Ufer barfuß

auf dem Trockenen.

„Bravo!“ sagte Goggo von der andern Seite her und zuckte zusammen, denn ein dicker Tropfen klatschte

wie ein Groschenstück auf seine Kerzenflamme und zerdrückte sie. Goggo starrte den dampfenden Docht

eine Weile voll Verblüffung an, schob die Kerze schließlich in die Tasche und verkündete: „Wir

kommen auch!“

Und während Goggo und Knabe sich die Füße aus den festgeklebten Schuhen holten, band sich der

Chronist den Lasso ab und nahm sein Ende in die Faust. Goggo schlang das andre Ende um sein

Handgelenk, packte Knabe mit der andren Hand am Arm, und beide kamen ziemlich schnell und ohne

Angst herüber. Sie standen triefend und vor Kälte bibbernd barfuß auf dem Ufer. Goggo warf sich den

durchnässten Lasso auf die Schulter, „also weiter“, sagte er.

Wir wateten aufwärts durch anfangs noch glitschigen Boden, dann wurde der Gang wieder trocken wie

früher. Nach dem kalten Fußbad spürten wir auf einmal prickelnde Hitze durch die Beine rieseln und

rannten fast, mit wehender Kerzenflamme, dem Stollengang nach.

„Wenn man bedenkt, dass kein Mensch seit 300 Jahren hier unten war, das ist komisch“, sagte der

Chronist. „Wenn hier wirklich mal inzwischen einer dringewesen ist, müsste man doch in dem Lehm die

Spuren sehn.“

„Jetzt fehlt hier bloß noch ein Haufen Gerippe oder so was“, meinte Knabe. „In allen Romanen gibt's in

unterirdischen Gängen Totenköpfe oder Schätze.“

„Kann ja alles noch passieren“, sagte der Chronist beklommen.

Nach etwa 100 Metern steilen Anstiegs - wir mussten jetzt mitten unter dem Engelwald sein - stockte

Goggo plötzlich und schnappte nach Luft. Wir guckten ihm über die Schulter und erstarrten ebenfalls:

Fünf Meter vor uns lag eine Bombe!

Es war ein dickes rundes Ding, das Leitwerk unbeschädigt, sicher ein Fünf-Zentner-Exemplar, zur Hälfte

in die Erde eingewühlt, zersplittertes Holzwerk drum herum, und schwarze Walderde mit welken

Blättern lag friedlich auf der grauen Wölbung.

„Ein Blindgänger!“ hauchte Knabe. „Ist im Krieg bis in den Gang geschlagen und nicht explodiert! Was

machen wir jetzt?“

Der Geschichtsschreiber lehnte sich keuchend an die Wand, denn seine Knie wurden eigenartig zitterig,

und versetzte mit mühsamer Festigkeit: „Überlegt euch doch mal, Leute: Diese Bombe ist schon

soundsoviel Jahre alt! Warum soll sie grade heute explodieren?“

„Weil wir heute die ersten sind, die sie finden“, sagte Goggo, „und die Erschütterung von unsern

Tritten...“

„Reicht niemals aus, um eine Bombe hochzujagen!“ rief Knabe. „Menschenskind, blamiert euch nicht

vor Marabu! So jung der ist, ich glaub', der wäre nicht so feige.“

„Wenn sie losgeht“, sagte Goggo, „sind wir alle drei sofort hinüber. Wenn mein Vater das hier wüsste,

Mensch, der gäb’ mir wochenlange Strafarbeiten auf!“ Goggos Vater, der Deutschlehrer, straft seinen

Sohn nämlich nicht mit Dresche oder Ohrfeigen, sondern mit Diktaten und Nacherzählungen oder sogar

Wortschatzübungen, und vor so was hat der Goggo viel Respekt.

„Gut, dann kann sich Goggo ja zurückziehen bis ans Wasser“, sagte Knabe, „der Chronist und ich, wir

untersuchen dann den Fall alleine!“ Und weil Goggo viel zuviel Angst hatte, um mit seiner Kerze ganz

allein zum Wasser zurückzupilgern, ging er mit uns auf die Bombe los. Dem Chronisten schlug das Herz

bis in den Hals rein. Man hätte sagen können, wir sind feige. Aber der Chronist muss es beschreiben, wie

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es war, und leider war es nicht wie in den Jungenbüchern, wo die Helden ganze Verbrecherbanden

erledigen, ohne dabei das Witzemachen zu verlernen.

Dem Chronisten sind die Finger steif vom Schreiben: Fortsetzung folgt morgen.

29. August

Ende der Geschehnisse vom 28. August.

Der Tagesablauf des Chronisten besteht in letzter Zeit aus Schule, Hausaufgaben, Chronikschreiben, aus!

Keine Minute mehr bleibt ihm für anderes. Trotzdem schreibt er heute mit erholten Fingern weiter:

Über der Bombe war die Stollendecke aufgerissen, und ein runder Schacht von etwa 50 cm Dicke, den

sich die Bombe im Fallen gebohrt hatte, verlor sich senkrecht in die Höhe.

„Das Bömbchen hat uns netterweise einen Notausgang hinterlassen“, sagte Knabe. „Das Loch geht sicher

raus bis in den Engelwald. Macht mal eure Kerze aus, ob nicht was Tageslicht da runterfällt!“

Der Chronist blies seine Kerze aus. Knabe beugte sich im Licht der Taschenlampe über die Bombe,

verdrehte den Hals, um nach oben in den Schacht zu sehn, und knipste dann die Lampe aus. Im Finstern

hörte man den Atem Goggos.

„Fabelhaft!“ rief Knabe schon nach drei Sekunden. „Man sieht ganz deutlich Tageslicht da oben! Leider

hängt der Gang fast ganz voll Laub und Ästchen, aber wenn wir einen langen Knüppel hätten, könnte ich

den ganzen Mist da runterstochern.“

„Wohl, damit er auf die Bombe fällt und die dann auseinander fliegt!“ rief Goggo.

„Trotzdem wär' es besser, wir würden uns in Zukunft diesen Schacht als Eingang nehmen“, sagte der

Chronist. „Das Büdchenloch ist zu bekannt und auch zu umständlich.“

„Sicher“, sagte Knabe und knipste seine Lampe wieder an, „aber dafür muss die Bombe unter diesem

Loch weg. Wollt ihr jedes Mal beim Einstieg mit den Schuhen auf 'ner Bombe landen?“

Goggo steckte seine Kerze wieder an; er sah ein bisschen blasser aus als sonst.

„Am besten warten wir, bis Marabu dabei ist“, meinte Knabe. „Zu vieren müssten wir das Ding doch

wohl zur Seite wälzen können.“

„Geh’n wir erst mal weiter“, lenkte Goggo ab und setzte sich aufs Neue an die Spitze, der Chronist und

Knabe folgten ihm. Der Gang lief wie gewohnt in seiner Holzverkleidung weiter, 40 Meter nach der

Bombe liefen wir in ihm entlang wie auf 'nem altvertrauten Dschungelpfad im Engelwald.

„Wisst ihr, was jetzt hier noch fehlt?“ fragte Knabe und ließ den Strahl seiner Lampe albern durch den

Stollen tanzen. „So ein weißliches Gerippe, das hier einen Schatz bewacht!“

„Oder ein Gerippe, das man hat verhungern lassen!“ spintisierte Goggo weiter. „Mit den Ketten noch um

die Gelenke und 'ner dicken Eisenkugel an den Füßen, damit es nicht weglaufen kann.“

„Und daneben noch den leeren Wasserkrug, woraus es trank, bevor es hier verhungert ist“, phantasierte

grausam der Chronist, „und das müsste uns mit seinem Totenschädel angrinsen und plötzlich aufstehen

und schauerlich heulen: „Was sucht ihr hier, verwegenes Gelichter?“ brüllte Knabe in der Rolle des

Skeletts. „300 Jahre hat kein Sterblicher mein stilles Schattenreich betreten; und ich hab geschworen...“

heulte Goggo weiter, - „... beim Bart des Ritters, der mich hier verhungern ließ“, bekräftigte der

Chronist, - „... dass ich dem ersten, der vermessen seine Füße hier in diesen Gang zu setzen wagt, den

Hals rumdrehen will!“ vollendete Knabe, und Goggo imitierte abschließend des Gespenstes heiseres

Gelächter: „Haha - haha -haha!“

Aber schon im gleichen Augenblick stockte er und lauschte: Denn ein hohles Antwortlachen rollte uns

aus der Ferne des Ganges entgegen! In der Totenstille war es deutlich zu vernehmen; unsre Kerzen

fingen an zu zittern.

„Was war denn das?“ hauchte Goggo.

„Bloß das Echo“, sagte Knabe und war selber froh, die Erklärung gefunden zu haben.

„Ach so“, meinte Goggo erleichtert, „dann müssten wir hier bald an eine Querwand kommen, die den

Schall zurückwirft oder so.“

Wir kamen nicht an eine Querwand, sondern einfach an das Ende unseres Stollens. Eine Lehmwand

schloss ihn plötzlich ab.

„Komisch“, sagte Goggo und ballerte mit der Faust an den Lehm, „warum haben diese Kerls im

Mittelalter keinen Ausgang eingebaut?“

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„Ist doch logisch“, sagte Knabe, „wenn der Ausgang fix und fertig wäre, hätten die Belagerer ihn jeden

Augenblick entdecken können. Lieber stieß man erst im Notfall einen Schacht von hier nach oben, was in

ein, zwei Stunden möglich ist, und ich möchte wetten, dass wir uns hier kaum zwei Meter unterm

Engelwald befinden.“

Also machte die Expedition wieder kehrt. Auf dem Rückweg kam der Gang uns gar nicht mehr

verdächtig vor, selbst die Bombe schien in ihrem Lehmbett eingeschlafen, und die Spuren unsrer nackten

Füße in dem Schlamm am Wasser sahen richtig ulkig aus. Wir wateten in breiter Front durch den Kanal;

lehmige Wolken quollen unter Wasser in dem Schein der Taschenlampe auf, und die Wellen, die wir

warfen, klatschten gluckend an die Bretterwand. Mit triefenden Hosen stiegen wir in unsre noch im

Lehmgrund festgeleimten Schuhe, und nach drei Minuten standen wir schon wieder unter der

Gezweigschicht unsres Einstiegloches.

Goggo pumpte sich bereits die Lunge voll, um „Marabu!“ zu rufen, als ihm Marabu zuvorkam und von

oben deutlich schrie: „Aua, Mensch, ihr seid gemein!“

Und die Stimme von Stitz Schlosser erwiderte eisig: „Einmal habt ihr eure Fesseln aufgekriegt; aber

diesmal gibt's das nicht mehr, da verlasst euch drauf!“

„Mist!“ rief Goggo aufgebracht. „Oben sind sie Marabu am Fesseln! Ruhe mal: Sie reden weiter!“

Und Stitz Schlosser fing mit Marabu ein richtiges Verhör an: „Also, bester Marabu, warum bist du hier

an eurem Büdchen?“

„Weil ich noch was suchte, was ich vorgestern bei unserm Kampf verloren hatte“, sagte Marabu aufs

Geratewohl.

„Und was war das?“ forschte Stitz.

„Meine Spritzpistole“, flunkerte Marabu.

„Das ist gelogen“, brüllte Stitz. „Die Spritzpistole hab' ich hier doch an den Stamm gelegt! Das hast du

selbst gesehen, du lügnerischer Hundesohn!“

„Stimmt“, rief Marabu, „ich hab' sie ja auch grade da gefunden! Aber vorgestern, da hatt' ich sie bei

unsrer Flucht vergessen; weil das alles doch so eilig ging!“

„Kerl, du lügst!“ rief Stitz verzweifelt.

„Nein, bestimmt nicht!“ beteuerte Marabu.

„Aber warum bist du dann hier eingepennt?“ verlangte Stitz.

„Gott, es war so warm hier“, zögerte Marabu, „und ich hatte Zeit und war auch müde, und da hab' ich

mich ins Laub gelegt, und dann bin ich einfach weggeduselt.“

„Ganz gerissen!“ lobte Goggo, aber Stitz fuhr oben eisig fort: „Bindet ihm die Füße los, und dann

bringen ihn zwei runter an den Teich. Hubba und Jessi, ihr könnt das am besten; legt ihn auf das Floß

und passt drauf auf! Bleibt am Ufer sitzen, bis wir wiederkommen; auch wenn's Stunden dauern sollte.

Tauchen mittlerweile die drei andern auf, steigt sofort zu Marabu aufs Floß und haltet euch in der Mitte

des Teiches. Wenn die andern euch was wollen, biegt ihr Marabu die Finger um, bis er schreit; dann

werden euch die andern schon in Ruhe lassen. Und dann ruft natürlich uns zu Hilfe. Ist das klar soweit?“

„'türlich“, hörte man die Stimme Hubbas.

„Wir übrigen“, schloss Stitz, „wir bleiben hier im Büdchen und erwarten die drei andern; denn ich fress’

'nen Besen, wenn der Marabu uns nicht beschwindelt hat. Die hatten bestimmt 'ne Verabredung hier; was

hätte sonst der Marabu an dem kaputten Büdchen noch zu suchen?“

„Was der Stitz doch listig kombinieren kann!“ fand Knabe. „Wenn wir nicht den Bombenausgang hätten,

säßen wir jetzt eingeschlossen hier!“

Goggo fuchtelte ergrimmt mit seiner Kerze, dass das Wachs ihm auf die Finger troff; oben hörte man ein

Trappeln, das sich in Richtung zum Trichter entfernte: Wir wussten, das war Marabu, den jetzt Hubba

und Jessi gefesselt zum Teich eskortierten.

Knabe biss sich auf die Zähne, dass seine Kaumuskeln wackelten, er sah aus wie ein Wildwestfilmheld.

„Los jetzt, Leute!“ rief er, „durch das Bombenloch nach draußen, und dann hau'n wir diesen Hunden alle

Knochen kurz und klein!“

Wir donnerten mit ausgelöschten Kerzen den vertrauten Gang hinunter, preschten durch die Wassersenke

wie wildgewordene Rheindampfer, standen zwei Minuten später keuchend, nass und lehmbeschmiert vor

unsrer Bombe. Alles Folgende passierte mit zeitrafferartiger Schnelligkeit:

„Leuchtet!“ zischte Knabe, drückte Goggo die Lampe in die Hand, griff ein Bretterstück vom Boden auf

und kratzte in turbulenter Geschwindigkeit den Lehm rund um die Bombe sauber; vor ihr fegte er die

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Blätter und die Splitter aus der Bahn, so dass die Bombe wie das Vorderrad einer Dampfwalze fertig zur

Abfahrt auf der glatten Fläche lag.

„Bloß zwei Meter weiterrollen!“ keuchte Knabe und griff gebückt von hinten her unter die Bombe. „Los,

packt an, die rollt ja fast von selber! Stoßt nicht an den Zünder vorne, Goggo kann sich ja die Ohren

zuhalten für den Fall, dass es knallt!“

Goggo warf die Lampe hin, so dass ihr Licht in breiter Pfütze auf den Boden floss (kühnes Bild, nicht

wahr?), stellte sich gebückt mit in die Reihe, und wir wuchteten die Bombe aus der flachen Mulde, wo

sie drin lag, raus. Als sie schwerfällig drei Meter weit den Gang hinabgekollert war, warf ihr Knabe

einen Brettersplitter in die Bahn, und sie lief auf diesen Bremsklotz ächzend auf und war gestoppt. Sie

lag nun quer im Gang wie eine Barrikade, die Spitze mit dem Zünder ragte weit in die Mitte des Stollens,

das Leitwerk aber stieß fast an die Bretterwand. Knabe griff sich wieselartig den längsten der

herumliegenden Brettersplitter, enterte mit ihm an dem Chronisten hoch, bis dass er mit der Hand am

Rand des Bombenlochs sich halten konnte, und stocherte mit furioser Eile Ast- und Laubwerk aus dem

Schacht herunter.

„Lasso ans Bein!“ keuchte Knabe von oben, und indes ein ganzer Pfropf aus Laub und Erde aus dem

Loch geprasselt kam, schlang ihm Goggo lose seinen Lasso um den Fuß, der schmerzend auf der

Schulter des Chronisten stand.

„Knabe, du wirst mal Kaminfeger!“ ächzte der Chronist, da standen Knabes Füße schon auf seinem

Kopf! Goggo stemmte sie noch etwas höher, dann musste Knabe sich alleine in der engen Röhre

weiterquälen. Brockenweise plumpsten Lehm und Humuserde aus dem Loch herunter, langsam kroch der

Lasso, einer Schlange gleich, in die Höhlung hinauf.

Dann, als Knabe oben sich dem Rohr entwunden hatte, brach das Tageslicht mit einem Ruck herunter.

Goggo knipste seine Lampe aus. Knabe band das Lassoende oben an den nächsten Baum.

„Entert rauf, ihr Alpinisten!“ rief er; und wir klommen an dem dünnen, nassen, lehmbeschmierten Strick,

mit den Ellenbogen an den kalten Lehm der Wandung angeklemmt, keuchend die drei Meter hoch den

Schacht empor ins Freie.

Knabe stand da wie ein Weidenstamm mit Vogelnestern, klopfte sich gerade seine weichgelockten Haare

aus und musste lachen, als sich der Geschichtsschreiber, lehmbeschmiert, durchnässt und laubberieselt

wie ein Waldgott, aus der engen Öffnung zwängte. Goggo tauchte ebenso verwildert aus der Grube,

raffte schnaubend seinen Lasso auf, schmiss zur Tarnung ein paar Äste auf die Öffnung, und wir rannten

überirdisch etwa auf der gleichen Linie zurück, wie wir unterirdisch angekommen waren.

Wenige Sekunden später hielten wir in Deckung hinter Buchenstämmen 50 Meter oberhalb des Teiches.

Unten im Talkessel waberte die Hitze, auf dem Teich schwamm einsam Marabu gefesselt auf dem Floß,

Hubba saß mit Jessi am anderen Ufer und schnitzte Rindenkringel von dem Knüppel, der ihm auf den

Knien lag.

„Kurzes Umgehungsmanöver!“ flüsterte Goggo, der sich aus den Schlachten im Geschichtsbuch ein paar

Feldherrntricks vertrichtert hatte. „Wir setzen 200 Meter oberhalb des Teiches übern Bach und packen

sie im Überfall von hinten! Wenn die zwei erst mal erledigt sind, kriegen wir zu vieren auch die andern

klein: Wenn wir schlau sind, haben wir schon jetzt gewonnen!“

Wir pirschten eilig in den tieferen Bezirk des Engelwalds zurück, übersprangen 200 Meter vor dem

Teich, fast in Höhe unsres Büdchens, den Bach und schlichen unter der Schonung entlang auf den Teich

hin zurück. Schon von ferne sahen wir die beiden Wächter zwischen den Pappeln am Ufer, Jessi zog sich

gerade sein Hemd aus und legte es neben sich. Man erkannte deutlich den Bindfaden, den sie an das Floß

geknotet hatten, um es notfalls rasch ans Ufer ziehen zu können. Hubba hielt sein Ende zwischen den

Zähnen und kaute gelangweilt darauf herum. Vom Rand der Schonung aus hatten wir bis runter an den

Teich noch volle 100 Meter freies Wiesenland zu überwinden.

„Blödes Gelände!“ ärgerte sich Goggo. „Wir müssen sie von hier aus im Spurt überraschen. Also ran, so

schnell wie möglich! Schnappt euch erst den Hubba; ich halte solange den Jessi fest, bis ihr mit Hubba

fer tig seid; nehmt die Kordel, die sie da ans Floß gebunden haben.“

Wir setzten wie Banditen lautlos die Wiese hinunter zum Angriff an. Trotzdem kriegten uns die beiden

Posten schon auf halbem Wege spitz. Sie flogen mit aberwitziger Behändigkeit vom Boden hoch, lotsten

mit dem Faden hastig das Floß ans Ufer, und während der Chronist mit wüstem Ansprung über Hubba

herfiel, konnte Jessi mit verzweifeltem Gewaltsprung noch das Floß erreichen; es schaukelte unter dem

Anprall und rauschte dann schwerfällig einige Meter auf den Teich hinaus: Jessi war vorerst in

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Sicherheit; er hievte rasch die Kordel aus dem Wasser, während Marabu, vor Spaß am ganzen Leibe

zuckend, das Gefecht am Ufer verfolgte.

Hubba kämpfte wie ein untergehendes Schlachtschiff; dass er nicht noch um sich biss, war alles.

Dazwischen kreischte er aus voller Lunge. „Stihitz! Stihitz!“, und auch Jessi auf dem Floß, breitbeinig

wie ein Herold, der Trompete bläst, brüllte mörderisch den Namen seines Chefs in Richtung Schonung.

Wir knieten jetzt zu dritt auf Hubba, Goggo drückte ihm den Mund zu. „Schnell, ihr Leute“, rief er

hastig, „wo tun wir jetzt den Kerl hier hin? Ich kann doch nicht den Lasso schon verbrauchen, denn dann

bleibt uns für die andern nichts!“

„Festhexen!“ rief Marabu vom Floß her, denn die Methode der Beinfessel, die man Festhexen nannte,

hatte der Chronist seit einiger Zeit in Neulati verbreitet. Und wir hexten Hubba mühsam, denn er wehrte

sich verzweifelt, an der nächsten Pappel fest; das heißt, wir schlangen ihm die Beine derart um den

Baum, dass er trotz der freigelassenen Hände nicht mehr von dem Stamme loskam; er saß vor seinem

Baum, die Arme hinten aufgestützt, und atmete mit offnem Mund; scheinbar konnte er nicht fassen, dass

er damit sicherer gefesselt war als mit dem längsten Lasso.

Jessi auf dem Floß rief immer noch von Zeit zu Zeit nach Stitz. Er hatte Marabu inzwischen auf den

Bauch gewälzt, pulte sich den Zeigefinger des Gefangenen aus dem Knubbel seiner gefesselten Hände,

hielt ihn in der Hand wie einen Maschinenhebel und sagte mit einer Mischung von Trotz und Angst:

„Wenn ihr mir was wollt, dann bieg ich ihm sofort den Finger krumm!“

„Kruzitürken“, zischte Goggo, „einer muss sofort ans andre Ufer, weil der Jessi sonst vielleicht an Land

steigt! Und wie sollen wir jetzt an ihn ran?“

Der Teich war wegen seines metertiefen Schlammes und der schlimm verfilzten Wasserpflanzen auf dem

Grunde weder zum Durchwaten noch zum Schwimmen irgendwie geeignet. Wir standen da und wussten

nicht, wie diese schwimmende Festung zu erobern war. Dabei war vermutlich Stitz schon unterwegs!

„Nimm den Lasso“, sagte Marabu vom Floß her, „angle dir das Floß ans Ufer!“ Und indes der

Geschichtsschreiber im Dauerlauf den Teich umging, um eine Landung Jessis auf der anderen Seite zu

verhindern, machte Goggo, der der beste Lassowerfer von Neulati war, seine Schlinge wurfbereit.

„Wenn ihr mit dem Lasso werft, dann räch' ich mich an Marabu!“ drohte Jessi ängstlich von dem Floß

her; auf den Knien hockte er neben dem Gefesselten und hielt den Marterfinger kaltentschlossen in der

Hand. „Schmeißt den Lasso!“ brüllte Marabu. „Macht doch schnell! Und wenn ich schreie, das macht

nichts!“ Und im nächsten Augenblicke schrie er schon, denn Goggo ließ die Lassoschlinge fliegen; sie

klatschte neben Jessi auf das Floß, und Goggo holte sie erbittert ein. Knabe stand am Ufer und ballte die

Fäuste, Marabu schluckte die Tränen herunter und schluchzte: „Was wartet ihr denn? Werft nur weiter;

wenn ich schreie, ist egal!“

„Jessi, du gemeiner Feigling!“ brüllte Knabe außer sich. „Mensch, ich frikassiere dich mit eignen

Händen, wenn du Marabu noch einmal an den Finger packst!“

„Dann hört auch mit dem Lasso auf“, versetzte Jessi unsicher.

„Wenn ich nur was in die Schlinge kriegte“, knurrte Goggo, „aber auf zehn Meter ist mein Ziel schon

miserabel! Marabu, beiß auf die Zähne, mit dem Jessi machen wir das hinterher genauso!“

Der Lasso surrte durch die Luft, und Marabu jaulte aufs Neue. Die Schlinge landete auf Jessis Schulter,

er stieß sie ängstlich von sich, Goggo zog sie grimmig wieder ein. Marabu zappelte stumm mit den

Beinen, seine Unterschenkel winkelten sich hilflos auf und ab, er lag ja auf dem Bauch und konnte seine

Knie beugen.

„Wirf doch, Goggo!“ heulte er zum drittenmal, Knabe war fast selber schon am Weinen. Jessi brüllte

Stitzens Namen todesmutig auf die Schonung zu.

Goggo presste grimmig seine Augen zu Schlitzen zusammen und warf zum drittenmal. Die Schlinge

schwirrte durch die Luft, und unter Marabus Folterbrüllen fiel sie über seine hochgereckten

Unterschenkel; Goggo zog geschwinde an, und die Schlinge schnurrte um die Fußgelenke Marabus

zusammen!

„Zieh doch, Mensch!“ rief der Chronist. „Reiß ihn einfach durch das Wasser!“ Knabe sprang vor Freude

in die Luft. Goggo stemmte sich entschlossen in den Uferlehm und spannte den Lasso, dass er spritzend

aus dem Wasser schnellte. Marabu flutschte torpedoartig mit den Füßen voran in den Teich; sein

Schatten schoss, vom Lasso fortgerissen, wie ein Haifisch unter Wasser vier bis fünf Sekunden lang dem

Ufer zu; Jessi hockte wie ein Fakir auf dem plötzlich leeren Floß, während Goggo den tapferen Marabu,

triefendnass und lehmbesudelt, auf das Trockne zog. Er spuckte benommen das erdige Wasser aus,

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während Knabe ihm die Fesseln löste. Seine ersten Worte waren: „Schmeißt dem Drecksack sämtliche

Knochen kaputt!“ Mit dem „Drecksack“ meinte er natürlich Jessi, der von seinem Floß aus gellend nach

dem Retter Stitz verlangte.

Goggo hockte schon am Wasser, knetete sich aus dem steifen Uferschlamm eine Serie faustdicker

„Schneebälle“ und rief zum Chronisten hinüber: „Jetzt wird der Jessi bombardiert!“ Der Chronist

versorgte sich auf gleiche Weise mit Geschossen, und dann hagelten von beiden Seiten schwere nasse

Knubbel auf das Floß und seinen Kapitän. Jessi stand zunächst noch aufrecht, um den Brocken des

Chronisten auszuweichen, aber dafür warfen ihn einige Volltreffer Goggos, die von hinten kamen, fast

vom Floß. Er legte sich, verzweifelt „Stitz!“ und „Hilfe!“ brüllend, schließlich flach auf seine

Bretterfläche, steckte aber weiterhin einige Volltreffer ein: Bei bloß zehn Metern Entfernung platzte

jeder zweite, dritte Lehmball dumpf und schüttelnd auf dem Liegenden. Wir genossen unsere Rache mit

brutaler Genugtuung (sagte Goggo später, er hat ja immer fabelhafte Ausdrücke für so was). Schon nach

zwei Minuten war der Jessi völlig lehmbekrustet, heulte hemmungslos und hatte nicht den Mut, sich zu

ergeben. Marabu und Knabe halfen mit, ihn mürbzuschießen.

„Wir schmeißen, bis du von selber ans Ufer kommst“, erklärte Goggo und stemmte einen

kindskopfgroßen Lehmball auf das Hinterteil des Foltermeisters, der dann auch nach wenigen Sekunden

„gut, hört auf, ich komme!“ schluchzte und den Lasso, den ihm Goggo zuwarf, heulend auffing und so

lange festhielt, bis das Floß ans Ufer stieß. Goggo putzte ihm mit einigen Ohrfeigen den größeren Teil

des Lehmes vom Gesicht, dann schnürte Marabu ihm einige Meter der dünnen Kordel, die am Floß hing,

um Hände und Füße. Der Chronist und Knabe schmissen ihn gemeinsam in ein nahes

Brennnesselgebüsch; wenn er sich darin bewegte, musste er sich übel stechen. Er wimmerte leise, aber

protestierte nicht, denn er wusste, dass ihm recht geschah.

„Der fromme Sänger ist gerochen!“ zitierte Goggo und klopfte sich die Hände aus. „Marabu, ich glaub',

du kannst zufrieden sein!“

„Bin ich“, sagte Marabu und hielt sich seinen misshandelten Finger fest.

Wenige Sekunden später sahen wir Stitz mit zwei weiteren Teichsträßern unterhalb der Schonung

entlanggerast kommen; er musste die letzten Jammerschreie Jessis noch gehört haben und nahte im

Galopp und einer Staubwolke (geistreicher Ausdruck, findet der Chronist!).

„Macht euch fertig, Leute“, sagte Goggo mit der gelassenen Übersicht eines siegessicheren Generals,

„du, Chronist, und ich, wir knöpfen uns den Stitz persönlich vor. Ihr“ - er nickte Marabu und Knabe zu-,

„ihr befasst euch mit den andern beiden. Wenn wir erst den Stitz mal unterkriegen, sind die andern kleine

Fische!“ Knabe guckte rasch noch nach dem festgehexten Hubba, der mit hoffnungsloser Miene auf

seine verschlungenen Beine starrte. „Der kommt nicht von selber frei“, stellte er fest. Goggo legte den

Lasso in Schleifen über seine Hand.

Dann fegte Stitz Schlosser mit seinen Kadetten lautlos wie ein Indianertrupp den Wiesenhang herunter

auf uns zu. Der Chronist und Goggo traten ihm geduckt entgegen. Und während Marabu und Knabe sich

bereits im Zweikampf mit den beiden andern die Wiese hinabwälzten und Stitz mit fürchterlichen

Schwingern sich auf Goggo stürzte, riss ihm der Chronist von hinten her die Beine weg; er fiel nach

vorne auf die Hände, Goggo warf sich über ihn, und es wurde eine schonungslose Schlägerei. Stitz

erwischte den Chronisten mehrmals im Gesicht, aber grade weil es weh tat, haute der

Geschichtsschreiber erbittert zurück. Es dauerte glatte fünf Minuten, bis sich Goggos Lasso um die

knochigen Gelenke des Tobenden schlang: Stitz lag zuckend auf dem Boden wie ein Fisch im

Trockenen, Goggo hatte Nasenbluten, dem Chronisten war die Lippe aufgeplatzt.

Dann liefen wir Knabe zu Hilfe, der seinen stämmigen Teichsträßer im Schwitzkasten hatte und mit einer

Art von krampfhaftem Hüpftanz den wüsten Tritten auswich, mit denen der Umhalste nach seinen

Beinen zielte. Wir hexten ihn zu dritt an einer Pappel fest; dann war es nur noch eine Bagatelle, auch den

Partner Marabus auf gleiche Weise kaltzumachen.

Drei Teichsträßer saßen jetzt ingrimmig zappelnd an drei Pappeln festgehext, an die vierte banden wir

Stitz Schlosser selber mit den Stricken Marabus. Er hielt die Augen verächtlich zusammengekniffen, das

weißblonde Haar im Gesicht, und sagte kein Wort.

Goggo tupfte sich mit blutbeschmiertem Taschentuch die Oberlippe ab, musterte die Galerie der

Gefangenen und sagte ausnahmsweise - gar nichts. Wir vier Sieger sahen aus wie eine Mischung von

Landstreicher, Höhlenforscher und Nackttaucher, während unsere vier Gefesselten recht sauber und

gepflegt vor ihren Bäumen saßen, etwa wie ein Tisch voll Richter, der über uns, die verwahrloste Horde,

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ein Urteil zu verhängen hätte. Es war am Nachmittag um etwa Viertel nach fünf; glücklicherweise kam

nur selten ein Erwachsener auf dem Weg über den Pappeln vorbei.

Wir ließen uns erschöpft und schnaufend am Teichrand ins Gras kippen und bildeten dadurch die

triumphalste Vollversammlung, die der Staat Neulati jemals abgehalten hat. Der Geschichtsschreiber

klemmte die kaputte Lippe in den Mund, das wärmte, und dann tat sie nicht so weh; er hatte wenig Lust

zu sprechen. Goggo aber zog entschlossen seine Nase hoch und sagte: „So, jetzt fragt es sich, was

machen wir mit dieser Bande?“

„Wir können sie alle mit Brennnesseln auspeitschen und dann stehen lassen“, meinte der immer noch

rachsüchtige Marabu, „gehen dann durch die Teichstraße nach Hause und sagen da so'n paar Knirpsen

Bescheid, damit die hingehen und sie losmachen.“

„Damit der Krieg dann ewig weitergeht und Stitz uns eines Tags aus Rache selber peitscht!“ rief Knabe

missgestimmt und schoss mit seinem Blasrohr kleine Knubbel Lehm ins Wasser, wo sie glucksend Ringe

machten. „Nein, wir müssen ihn versprechen lassen, dass er uns in Zukunft einfach nix mehr tut!“

„Du meinst, wir lassen ihn Urfehde schwören?“ spreizte sich Goggo, der aus dem Geschichtsbuch mal

wieder den richtigen Ausdruck hatte. „Mir scheint das gar nichtschlecht, ihr Leute! Das wäre ein

vernünftiger Friedensvertrag!“

„Sicher“, sagte Marabu und füllte seine Spritzpistole mit Teichwasser, „aber vorher peitschen wir sie

durch! Nutzt den Sieg doch aus, ihr Leute! Denn so bald passiert's nicht wieder, dass wir alle hier

gefesselt sitzen haben! Täten euch die Finger weh wie mir, wärt ihr längst am Peitschenschneiden!“

„Sei vernünftig!“ mahnte Knabe. „Jessi ist weiß Gott genug bestraft! Und die andern waren alle fair.

Schließlich haben wir den Krach ja angefangen, mit dem Hubba auf dem Floß und so. Nein, wir lassen

sie Urfehde schwören, und dann ist der Krach zu Ende.“

„Abstimmung!“ forderte Goggo; der Politiker in ihm erwachte. „Also: Wer ist für Bestrafung?“

Marabu erhob den Arm. Wir drei andern grinsten schadenfroh.

„Also lassen wir sie schwören“, sagte Goggo, „aber selbstverständlich nur den Stitz! Die haben ja 'ne

Diktatur, da reicht es, wenn der Führer schwört, das andere kleine Volk hat nichts zu meckern.“ Und er

hob sich stöhnend aus dem Grase, pflanzte sich vor Stitz und sagte: „Stitz, du gibst es zu, ihr habt

verloren.“

Stitz Schlosser maß ihn einen Augenblick mit kaltem Hohn, drehte dann den Kopf zur Seite und fragte

Hubba, der die Nachbarpappel innehatte: „Wo ist eigentlich der Jessi?“

„Jessi haben sie gefesselt und da hinten in die Brennnesseln geschmissen“, sagte Hubba kleinlaut.

„Warum in die Brennnesseln, Feiglinge!“ fragte Stitz und sah uns alle frech und fordernd an.

„Weil er mir die Finger umgeknickt hat, als ich auf dem Floß gefesselt war“, rief Marabu.

„Dann schmeißt gefälligst mich in die Brennnesseln!“ forderte Stitz. „Denn das war mein Befehl! Hätte

er das nicht getan, verlasst euch drauf, dann schmisse ich ihn rein, noch heute Abend!“

Wir Neulatier starrten uns fassungslos an: Das war also Diktatur! Wir waren noch niemals so stolz auf

unsere Demokratie wie in diesem Moment.

Knabe und der Geschichtsschreiber holten den Jessi sodann aus den Brennnesseln raus und warfen ihn

vor Stitz ins Gras. Er war in einer Lehmschicht förmlich eingebacken und sah zu seinem Häuptling

ängstlich auf.

„Wie haben sie das Floß erobert?“ fragte ihn Stitz. „Mit 'nem Lasso“, sagte Jessi, „haben sie den Marabu

runtergefischt und dann mich mit Lehm so lange bombardiert, bis ich nicht mehr konnte und ans Ufer

musste.“

Stitz Schlosser nickte befriedigt und fragte uns trocken: „Na los, wo bleiben eure Brennnesseln?“

„Die Brennnesseln lassen wir flachfallen“, sagte Goggo, „vorausgesetzt, dass du jetzt Urfehde schwörst!“

„Dass ich was schwöre?“ fragte Stitz.

„Urfehde!“ erläuterte Goggo. „Das heißt, du schwörst uns, dass du nie mehr gegen uns was unternehmen

wirst, dass wir ewig Frieden mit euch haben und wir so lange in der. Teichstraße rumlaufen können, wie

wir wollen, ohne dass ihr uns was tut.“

„Wenn das so ist“, sagte Stitz, „dann schwöre ich diese dämliche Urfehde nicht.“

„Und warum nicht?“ fragte Goggo verblüfft.

„Weil ich euch beim nächsten Mal die Fresse blutig schlage, dass ihr euch nicht gegenseitig

wiederkennt“, sagte Stitz mit Seelenruhe.

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Wir starrten ihn ungläubig an. „Wenn das so ist“, brüllte Goggo, „bin ich hundertprozentig für

Brennnesseln, Leute! Abstimmung: Wer ist jetzt auch dafür?“

Marabu und Goggo hoben die Hand. Stitz Schlosser sah das und war ganz betroffen. Er blickte zwischen

uns und dem vor ihm liegenden Jessi hin und her und fragte laut: „Hast du zufällig 'ne Ahnung, was das

für'n Theater sein soll?“

„Was das für'n Theater sein soll, kann ich dir genau erklären!“ keifte Goggo und starrte ihn feindselig an.

„Das ist Demokratie!“

„Ach so“, sagte Stitz, „und da stimmt ihr jetzt ab, ob ihr Brennnesseln wollt oder nicht?“

„Haargenau!“ rief Goggo. „Aber weil die Stimmen jetzt zwei gegen zwei sind, müssen wir das Los

entscheiden lassen. Wer von uns kann einen Pfennig stiften?“

Da senkte Stitz Schlosser den Kopf und fing an zu lachen, dass die Pappel wackelte - er lachte uns

regelrecht aus! Ein gefesselter Diktator, der sich glattweg über seine Sieger lustig macht: Der Chronist

kapiert das noch bis heute nicht.

„Lasst den Pfennig stecken!“ rief der Geschichtsschreiber dann. „Ich bin jetzt ebenfalls für Brennnesseln!

Der Stitz soll mal merken, wie lächerlich unsere Demokratie ist!“ Und er zog dem Gefesselten den

Hirschfänger aus der Lederhose und machte sich daran, am unteren Ende des Teiches ein paar

Brennnesselstauden zu schneiden. Wenige Sekunden später kam er, einen Strauß der hohen Stängel in

der taschentuchgeschützten Faust, wieder vor der Marterpappel an. Goggo, der ob Stitzens Lästerung in

Weißglut war, riss ihm die Hälfte des Straußes sofort aus der Hand, baute sich vor Stitz mit

zusammengebissenen Zähnen auf und fragte knirschend: „Also schwörst du uns Urfehde jetzt oder

nicht?“

„Ich hab' doch schon gesagt, ich schwöre euren Käse nicht“, versetzte Stitz. Da rammte Goggo ihm den

Strauß mit vollem Büschel ins Gesicht! Die festgehexten Teichsträßer stöhnten vor Wut.

Goggo senkte den Strauß und starrte seinen Todfeind lauernd an: „Schwörst du sie jetzt oder nicht?“

Stitz Schlosser spuckte mit verzerrten Zügen vor ihm auf den Boden, kniff die Augen zu und knirschte:

„Nein!“

Es wurde uns allmählich unheimlich. Wer einmal auch nur einen Brennnesselstich in der Haut hatte,

stelle sich vor, wie es ist, wenn man hundert hat, und alle im Gesicht! Und ohne dass man kratzen kann,

man ist ja festgeschnürt! Goggo starrte ungläubig auf Stitz und dann auf seinen Nesselbusch, er schmiss

ihn wütend hin und drehte sich rum und brüllte: „Dann macht doch, was ihr wollt, verdammt noch mal!“

„Wenn ich euch noch einmal in die Finger kriege!“ stöhnte Stitz. Er zog den Atem zischend durch den

Mund, er musste schauerliche Schmerzen haben. Wir hatten regelrechte Angst vor ihm, schon jetzt, wo

er noch wehrlos an der Pappel stand. Äußerlich auf der Gesichtshaut sah man nichts, es gibt ja erst die

Quaddeln, wenn man kratzt. Wir standen ratlos da und hatten das Gefühl, dass Stitz der eigentliche

Sieger war. Plötzlich aber riss sich Knabe aufgeregt das Pusterohr vom Mund und zischte: „Vorsicht,

Leute, oben kommt der Flurschütz!“

Wir sprangen auf und sahen in der Tat den grünbejoppten Kerl energisch von der Schonung runter auf

uns zugestiefelt kommen. Goggo sah zu Stitz hin und erklärte laut: „Wenn der Stitz uns jetzt dem Kerl

verpetzt, ist es besser, dass wir gleich verduften!“

Stitz, der ebenfalls den Flurschütz schon erkannte, lehnte sein gemartertes Gesicht mit Eiseskälte an den

Stamm zurück und streifte uns aus halbgeschlossenen Augen mit verachtungsvollem Blick. Goggo

wühlte mit dem Fuß verzweifelt in dem hingeworfenen Brennnesselbusch: Keiner konnte jetzt von Stitz

verlangen, dass er uns dem Flurschütz nicht verriet; einfach wegzulaufen, war erst recht verdächtig. Der

Geschichtsschreiber lutschte an seiner zerrissenen Lippe und entsann sich schwül der abgezwickten

Wurzeln und der dadurch wohl kaputtgemachten Buchenbäumchen, Knabe steckte umständlich sein

Blasrohr ein.

„Nein!“ schrie endlich Marabu. „Soll der Stitz uns ruhig mal verklatschen! Setzt euch hin und wartet ab!

Stitz soll merken, dass wir uns noch lange nicht vor so 'nem Flurschütz in die Hose machen!“

Und so hockten wir uns bleich ins Gras und taten harmlos, während uns im Brustkorb laut das

Herzklabastern rumste. Dann zerteilte der Flurschütz das Pappelgeäst und überflog mit forschem Blick

das Ufer. Er kam in seinen Stiefeln auf uns zu, stockte, als er die Gefesselten bemerkte, schritt auf

Stitzens Pappel zu und fragte zornig: „Weshalb seid ihr festgebunden, dumme Jungens!“

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Goggo schnellte in die Höhe, um mit seiner Antwort Stitz zuvorzukommen, wedelte verlegen mit der

Hand und sagte hastig: „Weil wir - wissen Sie - wir spielen Indianer!“ Stitz durchbohrte ihn mit kaltem

Blick und sagte nichts.

„Unsinn!“ schrie der Grünbejoppte. „Deshalb braucht ihr euch nicht derart stramm die Arme

abzuschnüren!“ Und er riss sein Messer raus und bückte sich nach Stitzens Strick, der oberhalb der Knie

um die Schenkel lief! Keiner von Neulati wagte das geringste Widerwort; stumm und mit Entsetzen

mussten wir erleben, wie uns dieser Spielverderber um den wüst erstrittenen Sieg betrog.

Stitz sah kalt auf den gebückten Kerl herunter, der das Messer schon energisch an die Kordel setzte, und

dann sagte er fast flehentlich: „Bitte, lassen Sie mich so!“

Wir Neulatier saßen erstarrt: Dieser Stitz, dem noch die Nesselstiche beizend auf der Stirne brannten,

lehnte mit der Fairness eines alten Indianers ab, dass ihn jemand künstlich um die eigene Niederlage

brachte! Wir Neulatier schämten uns beinah vor diesem Diktator, den wir grade noch gefoltert hatten.

Der Flurhüter sah ihn betroffen von unten her an, steckte dann das Messer ein und sagte: „Also, wie du

willst! Aber an euch alle hab' ich jetzt 'ne Frage, und ich hoffe, dass ihr ehrlich seid: Wer von euch hat

oben in der Schonung dieses große Loch gegraben?“

Wir Neulatier sahen uns unsicher an: Sich zu melden, war der reinste Selbstmord. Was zu Hause jedem

von uns blühte, wenn ein Protokoll ins Haus kam, wusste jeder ganz genau. Und beweisen konnte uns der

Grünbejoppte nichts. Wir schielten ungewiss zu Stitz hinüber. Er maß uns mit dem kalten Blick, in dem

wir wieder die Verachtung spürten. Ein halber Satz von ihm genügte, um uns reinzureißen.

„Seid nicht feige, Jungens!“ rief der Flurschütz. „Sagt mir, wer es war! Sonst muss ich euch alle

verdächtigen; besser, ihr meldet euch! Los, wer weiß was von dem Loch da?“

Stitz sah streng auf seine festgehexte Garde runter und erklärte laut: „Herr Flurschütz, ich schwöre Ihnen,

dass es keiner aus der Teichstraße war. Und ob's vielleicht die andern waren, das wissen wir nicht.“

„Gut“, sagte der Flurschütz und wandte sich zu uns, „das war eine deutliche Antwort. Und jetzt frag' ich

also euch: „Seid ihr das gewesen oder wisst ihr, wer es war?“

Goggo starrte zwischen seinen Knien auf den Boden und sagte kein Wort; der Chronist betastete sich

zärtlich mit dem Finger seine wunde Lippe; Marabu starrte die Stiefel des Fragenden an. Eigentlich

blamierten wir uns ganz erbärmlich! Diese halbe Minute voll Schweigen war im Grund ein bitterböser

Augenblick für unsern Staat Neulati.

Endlich drückte Knabe entschlossen die Knie durch, hob den Kopf und sagte: „Ja, das waren wir; alle

vier.“ Dem Chronisten fiel es auf, dass er unwillkürlich reimte, aber um zu grinsen, dazu raunzte uns der

Flurschütz viel zu beängstigend an: „Schön, ihr seid ja wenigstens nicht feige! Deshalb stell' ich euch

jetzt etwas frei: Wollt ihr lieber jeder eine Ohrfeige jetzt, oder lieber 'nen Brief an die Eltern? Und in

jedem Fall verpflichtet ihr euch dann, das Loch, das ihr gebuddelt habt, im Lauf der nächsten Woche

wieder zuzuschütten. Na, wie steht's?“

„Ich glaube, dass wir das wohl machen können“, zögerte Goggo und sah sich fragend in Neulati um,

„bloß der Stitz dahinten muss versprechen, dass er uns dabei nicht stört.“

„Solang ihr in der Schonung mit dem Loch beschäftigt seid“, erklärte Stitz von seiner Pappel her,

„solange tut euch keiner was; auch nicht, wenn ihr kommt und abhaut; Ehrenwort.“

„Na gut“, rief Goggo, „also, dann schütten wir's zu. Und was mich angeht: Ich will lieber 'ne Ohrfeige!“

„Vertu dich nicht, mein Junge!“ warnte der Flurhüter. „Wenn ich dir jetzt eine klebe, ist das nicht ein

Kinderspiel! Willst du also trotzdem eine?“

Stitz hob jetzt den Kopf und guckte interessiert herüber.

„Ja“, erklärte Goggo und streckte willig das Kinn vor. Der Mann holte aus. Und dann hörte man ein

Mittelding von Krachen und Klatschen, und Goggo stand nur noch auf einem Bein; mit dem andern

strampelte er in der Luft herum, bis er sein Gleichgewicht zurückgewonnen hatte. Er hielt sich den Kopf

fest und sah vor sich hin auf die Erde.

„Wie steht's jetzt mit euch?“ rief der Flurschütz. „Ihr habt geseh'n, ich haue ziemlich feste. Soll ich eure

Namen jetzt notieren, oder wollt ihr auch so'n Ding?“

„Ich will auch eins“, sagte der Chronist beklommen. „Aber bitte hau'n Sie es von links, ich habe rechts

die Lippe was kaputt.“ Der Chronist versichert, dass das wirklich keine List war, weil man ja mit links

gewöhnlich schwächer haut, sondern bloß die ganz ehrliche Angst, die Ohrfeige könnte die Lippe noch

weiter zerreißen.

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„Wie du willst“, erklärte der Flurschütz, „täusch dich nicht, ich kann's mit links genauso saftig!“ Und er

scheuerte ihm eine mit der Linken, dass ihm Kringel vor den Augen hopsten. Die Teichsträßer guckten

der Abstrafung aufmerksam zu, aber keiner lachte oder grinste bloß.

Knabe stellte sich als nächster. Sein schmächtiger Körper schaukelte unter der Ohrfeige wie ein

Bäumchen im Herbststurm, der Kerl sah einen Augenblick besorgt auf ihn herunter. Dann guckte Knabe

treuherzig hoch und sagte: „Ich glaube, es ist nichts passiert.“

Also kriegte Marabu den letzten Schlag. Er legte vorsichtshalber seine Spritzpistole weg und machte vor

dem Hieb die Augen zu, er taumelte wie auch wir anderen und strich sich mit erstauntem Ausdruck seine

Haare aus der Stirn. Der Flurhüter grinste unmerklich. „Schön, dann sind wir also quitt jetzt“, sagte er

und zupfte sich die Jacke glatt. „Also Jungs, ich hoffe, wir verstehen uns! In der Schonung treff' ich euch

noch nächste Woche, aber übernächste nicht mehr! Ist das klar?“

„Jawohl“, sagte Goggo, der als erster wieder reden konnte; dann stiefelte der Flurschütz an dem Teich

entlang talab. Wir hielten uns die Backen fest und starrten ihm benommen nach. Stitz sah wieder

ausdruckslos die Bäume auf der andern Seite an.

„Ich glaube, Leute, wir können jetzt abhau’n“, stellte Goggo fest und hob sich auf die Beine; seine Backe

war rot wie eine Adventskerze. Knabe probierte aus, ob sein Blasrohr noch funktionierte, der Chronist

belutschte seine Lippe. Er hob den Hirschfänger Stitzens vom Boden und drehte sich dem Eigentümer

zu: „Den kriegst du wieder, keine Angst!“ Dann steckte er ihn ein.

Marabu hob seine Spritzpistole auf:

„Wenn du meine Rache überleben willst, du Gurke“, sagte Stitz und sprach über Marabu weg in die Luft,

„dann schieß mir jetzt was Wasser ins Gesicht; das brennt so.“

„Kannst du haben“, sagte Marabu, „aber deine Rache überleben, du Diktator, da verzicht ich drauf!“ Und

er schoss Stitz Schlosser, der genießerisch die Augen schloss, mehrmals einen Strahl des lauen, trüben

Wassers ins Gesicht. Stitz schüttelte sich erleichtert die Tropfen vom Kinn und bedankte sich mit dem

Ratschlag: „Mach mal schon dein Testament!“

Dann zogen wir, nicht grade triumphal, der Heimat zu; Goggo ließ den Lasso an Stitz Schlossers

Händen, und wir ließen die Gefesselten alleine auf dem Ufer, das den militärischen Sieg und die

moralische Blamage Neulatis erlebt hatte. Unterwegs hat sicher jeder dran gedacht, was dieser Stitz doch

für 'n toller Charakter war.

Als wir durch die Teichstraße kamen, quatschte der Chronist das erste beste Mädchen an, das da auf der

Straße ein paar winzig kleine Kinderchen verwahrte: „Hör mal“, sagte er, „du kennst vielleicht per Zufall

Schlossers Stitz?“

Das Mädchen, das vielleicht zehn Jahre war, sah ihn erstaunt aus blauen Augen an. „Unser Hänschen?“

rief es schließlich. „Sicher kenn ich den, das ist mein Bruder!“

„Gut“, versetzte der Chronist und zog das Messer Stitzens aus der Tasche, „also schnappst du dir jetzt

mal dies Messer, und dann gehst du runter an den Teich und schneidest deinen Bruder los! Den haben

nämlich da so böse Jungens an 'nen Baum gebunden. Wiederseh’n!“

Und wir ließen sie belustigt steh’n und sah’n sie noch den Hang hinuntersausen, um den großen Bruder

abzuschneiden. Der Chronist war ziemlich stolz auf diesen Witz.

Trotzdem tun ihm jetzt die Finger weh, und er schmeißt den Füller hin und sagt sich: „Gute Nacht!“

Dieser Nachmittag, der mit Erlebnis förmlich vollgestopft war, hat ein ganzes Schreibheft voll gegeben!

30. August

Heute in der Schule eröffnete uns Goggo, dass er wegen seiner nassen Lederhose und der

lehmbeschmierten Socken eine schwere Wortschatzübung aufgekriegt hat.

„Weißt du was?“ fiel's Knabe ein, „dann kommen wir heut Nachmittag bei uns im Garten mal

zusammen, und dann machen wir den Wortsalat zu vieren! Viere wissen mehr als einer.“

„Und dann les' ich euch bei der Gelegenheit das zweite Heft der Chronik vor“, erbot sich der Chronist; er

ist ja jetzt bereits im dritten Heft.

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„Und ich“, rief Knabe, „führe euch die neuen Raketengeschosse für Blasrohre vor, eine schwer

gefährliche Erfindung. Außerdem kriegt Marabu für tapferes Verhalten auf dem Floß das

Staatsverdienstkreuz erster Klasse.“

Marabu schoss ihm zum Dank ein Strählchen Kranenwasser in die Haare und erklärte: „Ich beantrage

meinerseits, dass der Chronist mir auf dem Heimweg alles von dem Stollen mitteilt, was ich selber ja

verpasst hab. Übrigens war ich am Büdchen tatsächlich ganz eingepennt! Deshalb hat mich Stitz so leicht

erwischt.“

Und der Geschichtsschreiber musste dem unzuverlässigen Wachtposten alles erzählen, was sich in dem

Gang ereignet hatte. Marabu kann kaum erwarten, sich den Stollen auch mal selber anzusehen. Aber

vorher schütten wir das Büdchen zu.

Um halb viere fand sich der Chronist am Haus der Knabeschen Familie ein. Die Mutter wies ihn in den

Garten, wo er Knabe, mit dem Kopf nach unten, in den Kniekehlen an einem Eisengatter baumeln fand;

er guckte durch sein Blasrohr von unten wie durch ein Fernglas herauf und grinste über das Heft, das der

Chronist sich vorne aus der Lederhose nestelte.

Goggo tanzte wenig später an, auch er mit einem Heft bewaffnet, und man legte sich zu dritt ins Gras.

Marabu, der wasserschießend ebenfalls ein bisschen später eintraf, warf sich pustend neben uns und

fragte: „Na, was hat der Papa denn dem Goggo aufdiktiert?“

„Synonyme“, sagte Goggo.

„Was für Nüme?“ fragte Marabu.

„Synonyme“, wiederholte Goggo. „Das sind Worte, die so ungefähr dasselbe sagen. Etwa >heiß< und

>warm< - oder >idiotisch< und >verrückt< und >wahnsinnig< oder so.“

„Also Polizist, Schupo, Wachtmeister, Schutzmann?“ vermutete Knabe.

„Haargenau!“ bejahte Goggo. „Oder: besoffen, beschwipst, berauscht, betrunken, voll, blau,

sternhagelvoll, angesäuselt, unter Alkohol, benebelt, angeheitert, beschnapst, vielleicht sogar noch

Bierleiche. Ich hoffe, ihr habt jetzt kapiert, was wir sollen.“

„Sicher“, sagte der Chronist, „und was ist denn nun das Wort, zu dem du Synonyme suchen sollst?“

„Den Hintern versohlen“, sagte Goggo kleinlaut. „Mein Vater hat gesagt: Ich will dir ja nicht jetzt den

Hintern versohlen, aber wenigstens die Synonyme sollst du dazu suchen. Dann weißt du, was dir blüht,

wenn du noch einmal so nach Hause kommst. - Also los, wer weiß jetzt welche?“

„Vermöbeln“, begann der Chronist. „Vertrimmen“, fand Marabu. „Verkloppen“, rief Knabe.

„Halt!“ schrie Goggo. „Nicht so schnell, ich muss doch mitschreiben! Also verkloppen. Und weiter?“

„Verdreschen!“ triumphierte der Chronist. „Verwamsen“, schaltete sich Knabe ein. „Verkeilen“,

entdeckte Marabu. „Verwichsen“, frohlockte Goggo. „Verhauen!“ jauchzte Knabe.

„Da seht ihr mal, wie schnell das geht, wenn so ein ganzer Staat zusammensitzt und Wortschatz sucht.“

„Verprügeln“, fiel es Goggo ein. „Übers Knie legen“, erweiterte Marabu. „Senge geben“, löste der

Chronist ihn ab. „Den Stock zu schmecken geben“, ergänzte Knabe. „Das wären dann schon die

zusammengesetzten Formen“, meinte Goggo, „also etwa: den Hosenboden strammziehen!“

„Einem ein paar überziehen“, erinnerte sich Marabu; jetzt fielen uns die Wörter nur noch spärlich ein,

selbst der berufsmäßige Chronist durchwühlte sich den Kopf - und kapitulierte.

„Ist ja auch genug!“ rief Goggo. „Jetzt als zweites: Eine runterhauen!“

„Prima“, brüllte der Chronist, „eine Ohrfeige geben!“ „Eine Maulschelle verabreichen“, fuhr Knabe fort.

„Einen Backenstreich verabfolgen“, vervollständigte Marabu.

„Eine Backpfeife verpassen“, schrieb Goggo, „und weiter?“

„Jemandem eine kleistern“, schlug Marabu vor. „Eine kleben“, steuerte der Geschichtsschreiber bei.

„Eine schmieren“, meldete sich Knabe.

„Eine scheuern“, trumpfte Goggo auf. „Eine tafeln“, jubilierte Marabu.

„Eine verkasematuckeln“, radebrechte der Chronist. „Eine vertubacken“, fügte Knabe hinzu, dann trat

auch hier die Ebbe ein. „Eine schwalben oder schallern“, schrieb Goggo noch hin, dann war die

neulatische Wortschatzkiste endgültig geplündert.

„Das reicht ja auch“, fand Goggo, „mein Alter wird staunen. Er hat zum Beispiel auch gesagt: Wenn's für

irgendeine Handlung viele Synonyme gibt, dann ist das ein Beweis dafür, dass diese Handlung

ungeheuer oft passiert.“

„Tut sie ja auch“, grinste Knabe. „Hast du noch ein drittes Wort?“

„Jawohl“, versetzte Goggo, „nämlich: regnen.“

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„Kinderei!“ schrie Knabe. „Gießen!“ „Schütten“, packte der Chronist aus. „Plästern“, gab Marabu von

sich. „Fisseln und nieseln“, notierte sich Goggo. „Jetzt kann man auch die Substantive nehmen, also

etwa: Wolkenbruch.“ „Platzregen“, fiel der Chronist ein. „Landregen“, äußerte Marabu. „Niederschlag“,

spendierte Knabe. „Schauer“, schloss Goggo die Serie ab. „Ich glaube, jetzt reicht es, ihr Leute! Ende,

fertig, aus, vorbei!“

Ganz Neulati hätte nie geglaubt, dass das Wortschatzsuchen soviel Spaß macht. Aber wohl die tollste

Leistung hat jetzt grade der Chronist vollbracht, der die ganze Szene lang mit Synonymen für das

Wörtchen >sagen< nur so um sich warf und stolz drauf ist. Mach es nach, wer kann!

Der nächste Punkt der Tagesordnung war die Dekorierung Marabus. Knabe holte aus dem Haus das

nagelneue Staatsverdienstkreuz erster Klasse, er hatte es eben erst gebastelt. Der Orden baumelte an

langer Schlinge aus Gardinenkordel feierlich von Knabes Zeigefinger und war von bombastischem

Ausmaß: Sicher dreimal größer als das Kriegsverdienstkreuz des Chronisten, aber auch nur aus

geschmirgeltem und roh gelassenem Sperrholz. Knabe hängte es dem ziemlich stolzen Marabu bedächtig

auf die Heldenbrust; es prangte wie ein mattgelber Riesenschmetterling von dem karierten Cowboyhemd.

„Möge diese Ehrung allen anderen Bürgern Neulatis ein Ansporn zu weiteren Taten sein“, rief Knabe

und gebrauchte den schwülstigen Stil der offiziellen Feierreden mit einer Echtheit, die den Chronisten

beinah neidisch macht. „Falls in Zukunft Goggo eine tolle Heldentat vollbringt, säge ich ihm mit

Vergnügen noch ein weiteres von diesen Kreuzen aus!“

„Und wenn das so weitergeht, dann holt der nächste sich das Dingsbums mit 'nem Leiterwagen ab“, rief

Goggo, „und das übernächste ist so riesig, dass wir unsern Knabe gar nicht mehr dahinter wiederfinden!“

Marabu legte sich faul in den Rasen zurück, trommelte mit den Fingern auf dem Kreuz herum, das ihm

fast die ganze Brust bedeckte, und phantasierte sehr respektlos: „Wenn mir jetzt ein Vogel auf die Brust

macht, hab ich wenigstens 'nen Schild dafür!“

„Lästere nicht“, gähnte Goggo und verschränkte seine Arme unterm Kopf, „lieber möcht' ich jetzt mal

hören, wie uns der Chronist in seiner Chronik wieder mal durch den Kakao gezogen hat.“

„Leider hab ich keine Reime mehr auf Marabu und nur sehr wenige auf Knabe“, sagte der Chronist und

schlug das Heft der Chronik auf, „deshalb ist nicht sehr viel drin gedichtet. Und auf Goggo reimt ja leider

gar nichts.“ Und er las der Vollversammlung mehr als eine halbe Stunde lang den zweiten Teil der

Chronik vor; es gab Gelächter und Protest.

„Dein Stil wird immer mehr erwachsen“, brummte Goggo und zerkaute einen Grashalm. „Du schreibst

das fast, als sollt man das verfilmen. Und uns selber stellst du meistens nur als Hampelmänner oder

Hasenfüße dar.“

„Seid ihr ja auch meistens“, wehrte sich der Geschichtsschreiber. „Aber wenn du's besser kannst, du

kritikwütiger Literaturpapst, dann überlass' ich dir die Chronik mit Vergnügen! Ich schreib' sie sowieso

in Überstunden.“

„Schreib sie weiter“, quakte Goggo und räkelte sich, „ich sage gar nichts mehr; ich merke, dass du doch

nach deiner Nase schreibst. Und sie hört sich ja im Ganzen witzig und auch spannend an. - Knabe, hattest

du nicht vor, uns noch so'n Feuerwerk mit deinem Blasrohr vorzuführen?“

„Natürlich“, erinnerte sich Knabe, „wartet grad, ich hole die Raketen.“ Und nach fünf Sekunden kam er

wieder aus dem Haus und hatte eine Büchse voll Distelknospen in der Hand, die sahen aus wie dicke,

kleine Bomben. Rundlich, sich nach hinten zu verdünnend und am Ende wieder pinselartig in den

dichten Kranz aus Blütenfasern auseinanderstrahlend; etwa so wie Diabolo-Luftbüchskugeln.

„Diese Bömbchen sind zum Blasrohrschießen wie geschaffen“, belehrte Knabe uns und steckte eins in

seine hohle Waffe. „Der Büschel hinten schließt die Röhre luftdicht ab und wirkt dann unterwegs als

Leitwerk.“

„Ist das alles?“ fragte Goggo schläfrig und lutschte an seinem Grashalm.

„Eben nicht!“ rief Knabe. „Was die Sache nämlich erst gefährlich macht, das ist die Stecknadel, die ich

von hinten da durchstecke!“

Goggo spuckte seinen Grashalm aus und schnellte hoch: Das war ja tadellos erfunden! Knabe drückte

eine Stecknadel von hinten durch die ganze Distelknospe der Länge nach durch, sie drang dann vorne aus

dem runden Kopf zwei Zentimeter weit hervor und sah elegant und gefährlich aus. Knabe schob das

Geschoss in sein Blasrohr und zielte auf Marabu. Marabu prallte beunruhigt hoch, sein Orden schwankte

auf dem Cowboy-Hemd, und ehe er noch „Lass das sein!“ gerufen hatte, fluppte die Rakete aus dem

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Rohr und saß mit hartem „zock“ auf Marabus gewaltiger Dekoration, mitten in das Kreuz hineingenagelt;

wir waren begeistert.

„Ich ziele ziemlich sicher“, grinste Knabe, „lass das Ding mal stecken, ich schieß dir noch auf jede Ecke

eins.“ Und wirklich pflanzte Knabe mit den nächsten vier Schüssen vier weitere Knospen mit unfehlbarer

Präzision auf die vier Ecken des Kreuzes; Marabu schielte mit zusammengefaltetem Kinn auf seine Brust

herunter, wo die Dinger knackend eines nach dem andern hingezaubert saßen.

„Du kommst bestimmt noch mal zum Zirkus“, lobte Goggo. „Aber gegen die Teichsträßer dürfen wir das

nicht verwenden; wäre zu gefährlich, glaub' ich.“

„Die Dinger würden zentimetertief ins Fleisch eindringen“, bestätigte Knabe selbstbewusst und zupfte

seine fünf Raketen wieder aus dem Kreuz. „Ich glaube auch, das kann man nicht im Ernst verwenden. Ist

'ne Art Turniergeschoss für friedliches Scheibenschießen auf die Zimmertür, Kaliber zehn bis fünfzehn

Millimeter.“

„In jedem Fall beantrage ich, mit einem von euch so bald wie möglich unsern Gang zu besichtigen“,

verlangte Marabu. „Ich bin doch schließlich auch gespannt, wie das da unten aussieht.“

„Ist verständlich“, sagte Goggo weise, „aber warum willst du nicht alleine? Hast wohl Angst, du

Taufrosch, was?“ (Taufrosch ist das neueste Juxwort von Goggo; es stammt aus dem Biologieunterricht,

da sind wir jetzt bei den Amphibien.)

„Wieso denn Angst?“ begehrte Marabu auf. „Wenn keiner mitwill, geh' ich auch alleine! Ich kenn' den

Gang schon halb durch die Beschreibung in der Chronik, und ich stell' mich schließlich nicht so zittrig an

wie ihr, ihr gelbbäuchigen Unken!“ (Die Unken hatte er ebenfalls aus der Biologiestunde.)

„Blendend“, schmunzelte Goggo, „dann hab' ich 'ne Idee: Wir gehen morgen alle vier mit Eimern zum

Büdchen und schütten es zu. Vorher aber steigt der kühne Marabu hinunter und besichtigt unsern Gang,

und dann holen wir ihn eine Stunde später durch das Bombenloch heraus.“

„Sofern ihn nicht die Ganggespenster mittlerweile totgeschlagen haben“, grinste der Chronist.

„Pass nur auf, dass ich dich nicht totschlage“, giftete Marabu; er hatte doch vielleicht ein bisschen Angst.

„Beruhigt euch“, fiel Knabe ein, „der Vorschlag Goggos ist doch ganz patent! Der Bombenschacht wird

dann von jetzt ab unser Dauereingang; wir hängen einen Lasso rein als Leiter und schmeißen regelmäßig,

wenn wir abhauen, Äste auf die Öffnung. Und dann ist der Gang in Zukunft unser Hauptquartier.“

„Und die Bombe?“ fragte der Chronist.

„Ach, die Bombe“, sagte Knabe zögernd. „Eigentlich müssten wir die ja beim Rathaus melden, und dann

schicken die so'n Sprengkommando, und das macht sie unschädlich.“

„Und am nächsten Tag steht's in der Zeitung, und die ganze Stadt kennt unsern Gang!“ hohnlachte

Marabu und spritzte Knabe Wasser ins Gesicht. „Seid ihr denn bekloppt, Genossen? Eher wäre ich dafür,

sie rauszuholen und im Engelwald irgendwo hinzulegen, dann kann das Entschärfungskommando ja

immer noch kommen.“

„Du bist plemplem, mein Freund“, erklärte Goggo, „denn das Bömbchen wiegt so zwischen vier, fünf

Zentner.“

„Also lassen wir sie, wo sie ist“, entschied Knabe, „sie stört uns ja nicht. Aber wollten wir nicht noch

erkunden, wo der Schacht am andern Ende mündet? Ihr erinnert euch, 67 m hinter der Stadtmauer, das

hatten wir doch abgemessen, Goggo!“

„Selbstverständlich!“ brüllte Goggo. „Ich hab' schon eben bei der Chronik dran gedacht! Ich bin dafür,

wir fahren hin, sofort! Wer fährt mit von euch? Zwei Mann genügen.“

„Ich hab' kein Rad da“, sagte Marabu.

„Ich auch nicht“, schloss sich der Geschichtsschreiber an.

„Dann fahren also Knabe und ich, und ihr zwei andern seid entlassen!“ kommandierte Goggo. „Morgen

berichte ich dann dem Chronisten von unserm Ergebnis.“

Damit war die Vollversammlung im Knabeschen Garten zu Ende. Goggo und Knabe gondelten los mit

den Rädern, Marabu und der Chronist verschwanden in Richtung nach Hause…

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31. August

Heute Goggos Bericht über die Erkundung des anderen Gang-Endes entgegengenommen. Das Ergebnis

ist enttäuschend: Der Stollen endet wahrscheinlich im Keller eines großen Wohnhauses, dessen

Grundmauern auf den Resten mittelalterlicher Befestigungen aufsitzen. Knabe hat die Leute im Haus

interviewt, das war ein raffinierter Einfall: Er hat gesagt, wir hätten für die Schule auf, das Alter unserer

Stadt festzustellen, und müssten deshalb die ältesten Hausreste untersuchen, die in der Nähe der

Stadtmauer liegen. Da hat er dann erfahren, dass an dieser Stelle früher mal ein Turm gestanden hat; das

war so ziemlich alles, was die Leute wussten. Das reichte ja auch; es ist schließlich nicht allzu

bedeutsam, dies Ende des Ganges zu kennen, denn wir haben ja den dünnen Schacht im Engelwald, der

viel gefährlicher und schöner ist.

Weil es heute regnet, wird das Büdchenloch erst morgen zugeschüttet. Marabu hadert mit Petrus; er hätte

so gerne schon heute den Stollen besichtigt. Der Chronist ist stolz auf das seltene Verbum „hadern“.

Goggos Vater war mit unsrer Wortschatzübung sehr zufrieden; hat ja nicht erfahren, dass da viere dran

beteiligt waren. Der Geschichtsschreiber freut sich, dass er endlich Zeit hat, den Old Shurehand II zu

Ende zu lesen. Ende der Eintragung.

1. September

Es regnet auch heute. Der Bombentrichter dürfte mittlerweile ein Becken voll klebrigen Matsches sein.

Marabu zappelt vor Ungeduld.

„Geh doch heute Nachmittag alleine!“ hat Goggo ihm vorgeschlagen, aber Marabu hat heute

Tennisstunde. „Trotz des Regens?“ fragte der Chronist.

„Jawohl!“ rief Marabu. „Bei Regen ist das Training in der Halle! Außerdem: Ich käm' ja ohne eure Hilfe

gar nicht wieder raus.“

Der Chronist vermutet, dass Marabu Angst hat. Schließlich ist es kein Spaziergang, ganz alleine durch

'nen unbekannten Gang zu schleichen; der Geschichtsschreiber täte das ebenso wenig. Beginnt mit

„Huckleberry Finn“, geliehen von Marabu. Ende der Eintragung.

2. September

Heute regnet's nicht, der Lehm im Trichter dürfte zu trocknen beginnen. Morgen also

höchstwahrscheinlich Großeinsatz des Staates Neulati zum Büdchenzuschütten. Marabu hat seine

Taschenlampe mit frischer Batterie versehen, der Chronist seinen Füller mit Tinte. Huckleberry Finn ist

elefantös! Im Übrigen störend viel Schulsachen. Ende der Eintragung.

3. September

Ungeheuerlichster Tag in der Geschichte des Staates Neulati! Der Chronist ist derart durchgeschüttelt,

dass er kaum den Füller halten kann. Der Bericht folgt morgen. Ende der Eintragung.

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4. September

Gestern gegen drei Uhr nachmittags holte der Geschichtsschreiber Goggo ab, und beide pilgerten in

Richtung Teich, wo man auch Marabu und Knabe zu treffen hoffte; die Teichsträßer hatten ja

versprochen, uns nicht auf dem Wege zum Trichter zu stören. Goggo schwenkte einen Eimer - teils, um

drin den Lehm zu tragen, teils, um offen anzuzeigen, dass wir nur zum harmlosen Büdchenzerstören

einherzogen, teils, um sich an seinem Rand die Knie wundzustoßen, wenn er schnelle Schritte machte.

Unweit des Teiches fanden wir sämtliche Teichsträßer beim Fußballspiel, auf einer Wiese, die schon

ganz zerschlissen war. Stitz Schlosser machte Alleingänge und ballerte Tore aus zwanzig Metern

Entfernung; er guckte mürrisch Goggos Eimer an und spielte weiter. Marabu in Trainingsjacke lehnte

unternehmungslustig neben Knabe hinterm Teich an einer Pappel, mit dem Lasso auf der Schulter, und

anstatt der Spritzpistole sah ihm ausnahmsweise mal der Stiel der Taschenlampe aus der

Lederhosentasche. Die Brennnesseln schwammen verwelkt, aber immer noch als deutliche Erinnerung,

in dem lehmigen Wasser des Teiches, in das der Bach mit einer Art Hochwasser bräunlich

hineinrauschte. Knabe hatte sich seinen Eimer als Helm über'n Kopf gestülpt, so dass er bestenfalls noch

seine Füße sah, und quakte dumpfig „Heil Neulati!“ darunter hervor.

„Heil Neulati!“ echote Goggo und klopfte neckisch mit dem Finger an den Eimer. „Kommen Sie mal

bitte raus, Herr Blasrohrminister!“

Der Blasrohrminister nahm den Eimer rechts und links am Rand und hob ihn sich langsam von den

Schultern empor; der Hals erschien, das Kinn, und dann der Mund, und in dem Mund ein kurzes

Blasrohr, das, sobald der Eimerrand die Mündung freigab, Goggo eine Salve speichelnasser Beeren ins

Gesicht prasseln ließ. Dann senkte sich der Panzerturm wieder über das Geschütz, und Knabes Stimme

grunzte grabesdumpf: „Jetzt kannst du wiederschießen!“

Im gleichen Moment aber riss er sich wieder den Kübel vom Kopf und zischte: „Seid mal stille, Leute!

Hört ihr da nicht jemand rufen?“

Wir guckten uns unsicher um: 15 Meter hinter uns, schräg überm Teich, die fußballspielende

Teichstraße; vor uns die rauschende Mündung des Baches; in den Pappeln plapperte der Wind, jenseits

stieg der Engelwald den Hang hinan. Und ganz oben, auf der Kuppe, zwischen silbergrauen

Buchenstämmen, stand ein Mädchen, kaum erkennbar durch das Zweiggewirr, und quäkte hell und eifrig

über uns hinweg auf die Teichsträßer zu: „Hänschen! Hänschen!“

Wir wandten die Blicke nach Stitz hin. Er schnappte den Ball mit den Händen, anstatt ihn zu köpfen,

hielt ihn vor die Brust gepresst, drehte sich dem Wald und der Stimme zu und brüllte: „Jaha! Was denn?“

„Komm mal schnell hier rauf!“ trompetete das Mädchen. „Hier oben ist ein ganz, ganz tiefes Loch!“

„Mich laust der Affe!“ fauchte der Chronist. „Die meint doch wohl nicht unsern Bombeneingang?“

„Wo denn?“ brüllte Stitz. „In deinem Kopf? Damit dein Vogel raus und rein kann?“

„Nein!“ versicherte die helle Stimme zurück. „Im Boden drin, da waren Zweige drüber, und das ist ganz

tief, da kann man reinfallen!“

„Mensch, ich kenn' das Mädchen wieder“, sagte plötzlich der Chronist. „Wisst ihr, Leute, wer das ist?

Das ist die Schwester vom Stitz; ihr wisst doch: Der Witz mit dem Messer!“

„Ach du Schande!“ sagte Goggo tonlos und ließ sich schlaff auf seinen rumgedrehten Eimer sinken.

„Und das Ditti muss nun ausgerechnet unsern Bombeneingang finden! Himmel, Arm und

Wolkenbruch!“

Stitz Schlosser guckte zweifelnd zu den Mädchen rauf und dann auf uns. Knabe hielt den Eimer

selbstvergessen vor den Bauch gedrückt und horchte angestrengt; es sah fast aus, als habe er ihn grade

leergetrunken und lausche auf das Kullern aus dem überfüllten Magen.

Wir guckten geknickt und verbissen von einem zum andern: Unser Bombeneingang war gefunden! Es

war nur eine Frage von Stunden, und die Teichstraße kannte den Gang! Stitzens Schwester stand nur

etwa 30 Meter vor dem Eingang, auf die Kuppe vorgetrippelt, um den großen Bruder anzurufen. Der

Chronist bereute fast den Witz, den er sich seinerzeit mit ihr geleistet hatte; jetzt war die Strafe da. Stitz

Schlosser roch ebenfalls, dass dieses Loch 'ne Untersuchung wert war. Er kam, den Fußball unterm Arm,

im Dauerlauf herangestampft, die ganze Truppe hinter ihm. Er blieb knapp vor uns auf dem Ufer stehen

und sah uns finster an:

„Ihr seht den Bach“, erklärte er markig, „rechts davon ist euer Büdchen, keiner stört euch. Kommt ihr auf

das linke Ufer, gibt's 'ne Himmelfahrt, klar?“

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Marabu steckte die Hand in die Tasche, damit man das Ende der Lampe nicht sah, und erwiderte lässig:

„Wenn wir mal Lust auf 'ne Himmelfahrt kriegen, dann kommen wir rüber!“

Stitz flog mit federndem Satz übern Bach und setzte den Abhang hinauf, seine Horde eifrig hinterdrein.

„Der hat sich schwer vertan, der Taufrosch!“ kicherte Goggo mit Ingrimm. „Der wird sich wundern, dass

wir eher an der Bombe sind als er. So ganz ohne Blutverlust kommt der uns nicht in den Stollen, verdorri

noch mal!“

Wir spurteten im Gänseeilmarsch in die Schonung; Knabe schippte mit rasch aus dem Trichter

gebuddelter Schaufel die Lehmschicht vom Deckbrett des Eingangs. „Gott sei Dank, dass Marabu die

Lampe hat“, freute sich Goggo, „und den Lasso noch dazu! Rein, ihr Leute!“

Und wir turnten unsre Barrenstütz- und Reckhangübung mit der grimmigen Sicherheit von Kriegern vor

der Schlacht, wenn sie wissen, dass der Krieg verloren ist, auch wenn sie noch die Schlacht gewinnen

sollten. Den Eimer ließen wir stehen und den Eingang geöffnet; die Teichstraße würde sich wohl nur auf

den Bombeneingang konzentrieren, deshalb durfte das Neulati auch.

Dauerlauf den Gang hinunter, Marabus Lichtstrahl taumelte kampflustig über die Holzwände, durch das

Wasser ging's in vollem Schuhwerk. Vorsichtig quetschte man sich an der Bombe vorbei. Marabu staunte

und tuschelte ehrfürchtig: „Mann, ist das ein Riesenbrocken! Habt ihr die drei Meter weit gerollt?“ „Wie

'nen Sack Kartoffeln!“ hauchte der Chronist. „Wie wir das so konnten, weiß ich selber nicht. Hatten

wahrscheinlich zum Angsthaben gar keine Zeit.“ „Haltet doch den Schnabel!“ zischte Goggo. „Marabu,

Latüchte aus!“ Marabu knipste gehorsam die Lampe aus, und wir standen in dem bisschen Tageshelle,

das der Schacht heruntersandte. Oben hörte man die Stimme Stitzens: „Ruhe jetzt, ich schmeiß 'nen Stein

da runter; woll'n mal hören, wo er aufschlägt!“

„Weg da!“ tuschelte Knabe. „Ich schnapp ihm den Stein weg“, und bückte sich geschmeidig unter den

Schacht. Wir sahen sein gespanntes Gesicht nach oben in den bleichen Strahl gedreht, dann zog er rasch

den Kopf zurück und fing den Stein, der runterkam, mit nachgiebig federnder Hand aus der Luft. Er kam

zurück, so lautlos wie ein Gummimensch, und grinste: „Kinders, stellt euch jetzt den Stitz vor!“ Wir

mussten kichern.

„Komisch!“ hörte man dann Stitzen wettern. „Der Stein ist gar nicht aufgeschlagen, das Loch muss ja

unheimlich tief sein! Aber einmal hätt' ich fast geglaubt, ich säh' da unten ein Gesicht, das raufguckt!“

„Dann ist da Wasser drin, das war dein Spiegelbild!“ hörte man die Stimme seiner Schwester.

„Kappes!“ brummte Stitz. „Dann hätt' der Stein doch laut geklatscht. Hätt' ich bloß 'ne Bohnenstange

hier!“ „Nimm 'nen Lasso“, hörte man Jessi, „Ich hab' meinen zufällig da.“

„Her damit!“ rief Stitz. „Wer lässt sich anleinen und geht freiwillig runter? Ich kann ihn am Lasso dann

jederzeit rausreißen.“

„Wenn einer runterkommt, den machen wir kalt!“ flüsterte Marabu.

„Also, wenn sich keiner meldet“, schnauzte Stitz von oben, „dann befehl ich eben: Hubba, du bist wohl

der dünnste, du machst es. Los, komm her, ich seil' dich an.“

„Kinders, ist das ein Diktator!“ schüttelte sich Marabu. „Aber wisst ihr, was wir machen? Wir schneiden

den Lasso durch, und dann zieht er das Ende wieder rauf und glaubt, der Hubba wäre abgestürzt! Bin

doch mal gespannt, was ein Despot in so 'nem Fall dann macht!“ Hubba oben sagte nichts, er wurde

fraglos angeseilt.

„Ich bind' zur Sicherheit das Lassoende an den Baum hier“, hörte man Stitzen, „damit du nicht Angst

hast, du flutschst in so'n Bergwerk.“ Dann pfropfte sich der Körper Hubbas wie ein Aufzug in die Röhre,

und es wurde völlig finster.

„Achtung, Leute“, zischte Goggo; „packt ihn gleich um Brust und Beine; Marabu hält ihm den Mund zu,

und ich schneid' den Lasso durch!“

Wir standen um den Schacht herum auf Lauer. Hubbas Beine erschienen. „Wie geht es?“ schrie Stitz

noch von oben.

„Ich glaube, ich komm' in 'nen Hohlraum“, rief Hubba, „meine Beine sind schon frei. Lass noch

kommen!“ Dann erschien der Oberkörper, und am Ende auch der Kopf; das Licht fiel voll herunter, und

wir fielen über Hubba her. Er brachte keinen Laut heraus, Goggo säbelte den Lasso durch am höchsten

Punkt, zu dem er reichen konnte, Stitz flog oben höchstwahrscheinlich auf den Hintern.

Im Eilschritt schleiften wir Hubba, der jetzt erst zu zappeln begann, in die Tiefe des Stollens und

machten 30 Meter weit vom Einstieg halt. Marabu knipste die Lampe an: Hubba starrte in das Licht wie

in eine Atombomben-Detonation und auf uns wie auf Gespenster; wir ließen ihm nicht lange Zeit, vor

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Verblüffung den Mund aufzusperren, sondern stopften ihm ein Taschentuch hinein; ein andres banden

wir ihm quer davor und um den Nacken, zugleich wurde er mit dem Rest seines eigenen Lassos, den er

um den Brustkorb trug, gefesselt. Goggo war am Loch zurückgeblieben.

Wir schleppten den Gebündelten bis an das Ende des Stollens, er war jetzt sicher 6o Meter von dem

Einstiegloch entfernt und konnte unter seinem Knebel maunzen, wie er wollte, bis zu Stitz drang sein

Geröchel nicht.

Goggo am Schacht, als wir wieder zu ihm stießen, horchte amüsiert in die Höhlung hinauf: Das Mädchen

oben weinte hell und quiekend.

Stitz fuhr sie ungnädig an: „Wenn du heulen willst, verschwinde!“ schrie er, und man merkte an der

Stimme, dass er ziemlich ratlos war.

„Dieser Lasso ist doch nicht gerissen! Jessi, ist der durchgerissen?“

„Es sieht so aus, als wär er abgeschnitten“, sagte Jessi zaghaft.

„Na also“, herrschte Stitz, „da unten gibt es welche, die ihn abgeschnitten haben!“

„Kann ja auch ein scharfer Stein gewesen sein“, vermutete Jessi.

„Stein oder Gespenster, ich geh' jetzt persönlich!“ donnerte Stitz. „Knoten in den Lasso, dass man besser

klettern kann, und dann macht ihn an 'nem Knüppel fest und legt den quer hier übers Loch, dann bleibt

der Lasso lang genug.“

„Das ist ja bestens!“ rieb sich Marabu die Hände. „Jetzt wird der Stitz genauso glatt gefrühstückt wie der

Hubba.“

Der Lasso klatschte durch das Loch herunter; er reichte fast bis auf den Boden und war mit Knoten zum

besseren Klettern bestückt.

„Schneid ihn ab!“ riet der Chronist.

„Taufrosch!“ zischte Goggo und klappte sein Dolchmesser auf. „Dann kommt der Stitz ja nicht bis

runter! Aber bind ihm mit dem Ende seine eignen Beine aneinander, dann kriegen wir ihn schneller

kaltgemacht.“ „Prima“, hauchte der Chronist und nahm das Lassoende in die Hand; Stitzens Körper

verdunkelte bereits den Lichtschacht und begann herunterzuhangeln. Marabu machte seinen Lasso flott,

Knabe hielt sein Taschentuch, zum Knebel geballt, in der Faust; dem Chronisten fing der Knotenlasso an

zu zittern wie ein Glockenseil. Bloß, dass oben keine Glocke an ihm zerrte, sondern Stitz.

Schon kamen die Fußballschuhe des Kletterers zum Vorschein, beiderseits ans Seil geklemmt und ruhig

von Knoten zu Knoten herunterrutschend; als die Brust schon sichtbar wurde, legte der Chronist das

Lassoende locker um die starken Knöchel, und indessen Knabe den plötzlich fahl in der Helle des

Schachtes erscheinenden Stitzkopf im Hochsprung umklammerte, riss der Chronist ihm die Schlinge um

die Füße zusammen.

Marabu hing an den Schultern des Häuptlings und bog ihm die Finger vom Lasso, und, durch das

Gewicht der beiden von der Leine abgerissen, kippte Stitz mitsamt den beiden nach hinten in den Stollen

hinunter. Er prallte auf Marabu auf und wälzte sich zuckend im Knäuel der Unsrigen; bloß die Beine

schwebten in der Lassoschlinge etwa 40 cm überm Boden.

Stitz Schlosser bäumte sich auf wie ein Tiger: Goggo flog, von einem Volltreffer ins Gesicht erwischt,

ziemlich groggy an die Wand; Knabe brüllte auf, von Stitz gebissen, dem er seinen Knebel in die Zähne

stopfen wollte; Stitz bekam den Kopf frei, erkannte den Lasso um seine Gelenke und brüllte: „Zieht

rauf!“

Schon begann der Lasso zu rucken; weiß der Kuckuck, wo jetzt Goggos Messer war, Marabu erwischte

einen Rippenstoß und sackte röchelnd an die Wand. Stitz bekam zum zweitenmal den Mund frei und

donnerte: „Zieht doch! So feste ihr könnt!“

Oben rissen sie mit aller Kraft den Lasso an sich, der Chronist warf sich auf Stitzens Brust. „Kapp den

Lasso!“ schrie er keuchend, „sonst ziehen sie den Stitz wieder rauf!“

„Aber das Messer!“ schrie Knabe und schmiss sich mit der Brust über Stitzens Gesicht, seinen Hals zu

umklammern. „Wo ist denn das Messer?“

Oben zogen sie mit Pferdekräften: Stitz hing, um sich schlagend, an den Beinen wie ein

Glockenschwengel aus der Öffnung. „Zieht doch!“ brüllte er und ließ seine Fäuste blindwütig um sich

herumwirbeln - dann entschwebte er, ein tobender Herkules, in den Kamin! Der Chronist saß am Boden

und lachte sich scheckig. Oben hievten sie ihren zerzausten Diktator mit den Füßen voran aus dem

Schacht, sein Kopf war sicher puterrot vom Hängen nach unten.

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„Menschenskind“, sagte Goggo und spuckte ganz erschlagen vor sich hin, „das ist ja 'ne Szene zum

Filmen! Wie willst du die beschreiben, du Oberchronist?“ Knabe lehnte mit schmerzverkniffenem

Gesicht an der anderen Wand und fragte trocken: „Idiot, wo ist dein Messer?“

„Messer?“ babbelte Goggo. „Weiß ich nicht. Ich weiß bloß, der hat mir das Kinn in Stücke gehauen. Das

ist doch ein humorloser Bruder, dieser Stitz.“

Der humorlose Bruder hatte mittlerweile ebenfalls wieder seine Geister gesammelt. „Wisst ihr, wer das

ist da unten?“ hörte man ihn sich entrüsten. „Das ist diese lachhafte Demokratengesellschaft; wüsst' ich

bloß, wie ich da runterkomme!“

„Haben Sie 'ne angenehme Himmelfahrt genossen?“ höhnte der Chronist hinauf. „Sie hatten uns ja eine

versprochen, Herr Diktator!“ Ganz Neulati musste lachen.

Der Herr Diktator aber grübelte verbissen und laut vor sich hin: „Wie sind die Kaffern bloß da

reingekommen?“

„Vielleicht von ihrem Büdchen aus?“ mutmaßte Jessi.

„Quatsch!“ rief Stitz. „Das Büdchen hab' ich doch geseh’n, von da aus gab es keinen Eingang. Ist ja auch

schon halb verschüttet. Also holen wir 'ne Leiter; Edi und Günter, ihr wisst, wo unsre Leiter hängt?“

„Jawohl“, rief Edis Stimme, „das ist doch die in eurem Appelbaum?“

„Genau!“ rief Stitz. „Geht hin und holt sie, schnell! Sieht euch meine Mutter, sagt ihr, ich hätte beim

Onkel Eduard Äppel zu pflücken, klar?“

„Der Stitz ist dämlich!“ freute sich Goggo. „Der verrät ja, was er tun will! Guter Krieger, aber schlechter

Stratege. Wenn er mit der Leiter kommt, binden wir ihm die Füße rechts und links an die Holmen, noch

ehe er halb unten ist!“

„Gar nicht nötig!“ eiferte Marabu. „Sondern wir machen 'nen Ausfall durch das Büdchenloch, zu zwei,

drei Mann, und fangen sie ab unterwegs.“

„Fabelhaft!“ schrie Goggo und hieb sein Messer, das er grade wiederfand, in einen Pfosten der

Verschalung. „Marabu und ich, wir sausen los! Ihr zwei andern haltet hier den Eingang. Messer lass ich

hier, zum Lassokappen, falls die oben noch mal runterwollen; Taschenlampe aber nehmen wir mit: Hell

genug hier unterm Loch. Heil Neulati!“

Damit sprangen sie über die Bombe den Stollen hinunter davon; und das, was sie oben im Tageslicht

anstellten, muss der Chronist sich nach ihren Erzählungen rekonstruieren: Sie wateten also mit rudernden

Armen durch die Wasserfurt, stemmten und zogen sich ächzend durchs Büdchenloch, hielten drei

Minuten später am Rande der Dickung. Edi und Günter verschwanden soeben in Richtung der

Teichstraße, kurz darauf erschienen sie im Trab und mit der Leiter auf der Achsel, einer vorn und einer

hinten. Sie schnauften die Wiese hinunter auf den Teich zu wie ein Kreuzer, der vom Stapel laufen will.

„Los!“ sagte Goggo und spritzte mit Marabu aus dem Gebüsch. „Du den vorne, ich den hinten! Und

sobald du deinen unterkriegst, hex ihn fest am nächsten Baum!“

Sie schnitten dem Kreuzer mit flinkem Manöver den Weg ab und erreichten ihn noch vor der

Pappelreihe. Die Teichsträßer schmissen die Leiter zu Boden, brüllten „Stihitz!“ in den Engelwald hinauf

und hüpften ängstlich um die Leiter rum, die sie nicht kampflos fahren lassen durften. Goggo und Edi

verbissen sich sofort miteinander in purzelndem Ringkampf, Edi war ebenfalls dreizehn und lieferte ein

ziemliches Gefecht. Marabu hatte es leichter mit dem zwölfjährigen Günter, er erwischte ihn am rechten

Handgelenk und wand es ihm mit zugekniffenen Augen auf den Rücken: Günter überschlug sich heulend

auf dem Boden. Marabu zwang ihn an dem halbverrenkten Arm auf die Beine zurück, bugsierte ihn mit

diesem Polizeigriff vor den nächsten Pappelstamm und fauchte: „Los, nun hex dich fest! Weißt doch, wie

das geht. Sofort!“ Und Günter umschlang mit der Linken die Pappel, wickelte brav seine Beine unter sich

auf vorgeschriebene Weise um den Stamm, und Marabu senkte ihn dann mit Gewalt in den Schneidersitz

runter - fast eigenhändig hatte sich der Gegner festgehext.

Marabu stürzte nun Goggo zu Hilfe; Goggo lag auf dem Rücken und luftradelte irrsinnig mit den Beinen,

Edi hockte auf ihm wie ein Frosch und neigte sein ganzes Körpergewicht auf die Handgelenke Goggos,

die er rechts und links von dessen Kopf ins Gras gewuchtet hielt: Goggo war schmählich auf die

Schultern gelegt.

Marabu flog im Hechtsprung über den Teichsträßer her, beide kugelten von Goggo runter, der sich flugs

vom Boden hob und mithalf, den Edi zu bändigen. Man zwang auch ihn, der gellend Stitz um Hilfe

anrief, sich an einer Pappel festzuklemmen - dann spannten sich die Sieger vor die Leiter, schleiften sie

im Galopp an das Wasser hinunter, und die beiden Festgehexten mussten, an dem unbequemen Stamm

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vorbei, zusehen, wie die Leiter, mit perlender Doppelbugwelle, wuchtig in den Teich hinein vom Stapel

lief. Sie überquerte ihn gemessen zwischen langen, schräggestreckten Wellchen und rannte sich am

andern Ufer fest in einer flachen Lehmbank: Ohne Floß war nicht mehr an sie ranzukommen.

Gleichzeitig tauchte im Engelwald oben auf der Kuppe Jessi auf und übersah das Schlachtfeld: Die

beiden Neulatier strebten im Dauerlauf wieder der Schonung zu.

Indessen hockten der Chronist und Knabe urgemütlich unterm Bombenloch wie um ein Lagerfeuer und

brachten Stitz, der oben wartete, mit hetzenden Witzen total aus dem Häuschen. Er sagte zwar nicht viel

und brüllte nicht, er war ja nie ein großer Redner, aber was er sagte, troff nur so von Hass und Rachsucht.

„Am liebsten schmiss ich euch 'ne Bombe runter“, knirschte er.

„Famos!“ rief der Chronist vergnügt. „Dann legen wir den Hubba unters Loch, und herzlichen

Glückwunsch zur Himmelfahrt dann.“

Das war ein recht gemeiner Witz, und Stitz versetzte nichts, sondern setzte sich ohnmächtig neben das

Loch und zerkaute seine Wut zwischen knirschenden Zähnen.

Wenig später piepten schwach die Hilferufe Edis durch den Wald herauf. Jessi sprang zur Kuppe vor und

kam gestikulierend zurückgestürzt:

„Edi und Günter sind abgeschnappt!“ krähte er eilig. „Von zwei von den Heinis da unten! Die Leiter

schwimmt im Teich; die beiden andern laufen Richtung Schonung.“

„Was?!“ schrie Stitz. „Dann sind ja unten in dem Loch nur zwei! Lasso her, ich geh' als erster; ihr kommt

nach!“

Der Chronist und Knabe flogen hoch!

„Messer her!“ schrie Knabe. „Kommt der Stitz noch mal hier runter, macht er uns zu Knochenmehl.

Dreh ihm, wenn er kommt, die Füße rum! Ich schneid' den Lasso ab, sobald er runterfällt.“

Der Lasso fiel; was half es, dass Knabe ihn abschnitt einen halben Meter unterm Loch? Schon erschienen

Stitzens Füße; der Chronist ergriff den einen an Spitze und Absatz und drehte ihn seitlich mit aller

Gewalt, die die Angst ihm verlieh. Der Körper von Stitz gab dem Hebeldruck nach, er drehte sich

bohrerartig in der Röhre, aber rutschte unerschrocken tiefer: Dadurch, dass er mitrotierte, tat ihm ja das

Dreh’n nicht weh.

„Hau ab!“ schrie der Chronist in höchster Angst, indessen Knabe ein verbissenes Zielboxen auf Stitzens

sich drehende Schenkel vollführte; dann ließ sich Stitz wildwestfilmartig aus der Röhre fallen und

landete auf den Knien im Gang. Sein Gesicht, im bleichen Licht des Schachtes, warf menschenfressende

Blicke ins Dunkel, dann fuhr er pantherartig auf uns los. Knabe kippte unter seinem Ansprung

hinterrücks in Richtung Bombe, der Chronist versuchte, Stitz die Füße zu verrenken, alles purzelte in

wahnwitziger Verkralltheit durcheinander. Das war kein Kampfspiel mehr, das war ein Wehetun um

jeden Preis! Knabe riss an Stitzens Haaren, bog ihm den keuchenden Kopf in den Nacken, schon rutschte

Jessi lassoabwärts in den Gang hinein, - da kreischte aus dem Schlachtgewirbel Knabes schrill entstellte

Stimme:

„Weg hier, die Bombe rollt ab!“

Wir fuhren auseinander wie Elektrisierte - man hörte das klobige Rumpeln der Bombe, die, den

Bremsklotz überrollend, schattenhaft den Gang hinunter aus dem Lichtkreis fortzukollern begann -, wir

sahen sie ins Dunkel tauchen, ihr gewichtiges Bullern erschütterte den Boden, wir standen mit

wackelnden Knien.

„Mensch, der Zünder!“ brüllte Knabe. „Wenn die mit dem Zünder an die Wand haut! Rennt, wir müssen

weg!“

Wir stoben - und Stitz mit dazwischen - ins andere Ende des Stollens hinein; den Lasso raufzuklettern

hatte keiner mehr Zeit; wir rissen Jessi mit und hasteten zehn Meter weiter schon blindlings ins

Schwarze. „Lauft!“ schrie der Chronist. „Der Gang ist 50 Meter lang und immer geradeaus!“

Wir stolperten mit vorgestreckten Händen, ständig in Erwartung der hinter uns alles zerfetzenden

Explosion, ins stickige Dunkel des Stollens; endlich bohrten sich die Finger des Chronisten in den

straffen Lehm der Endwand, seine Füße stießen an das Bündel Hubba. „Schmeißt euch hin!“ schrie

Knabe mit zitternder Stimme. „Wenn die losgeht, die haut uns um!“

Wir warfen uns verzweifelt in den Lehm, der kühl die Backe des Chronisten drückte, und horchten

atemlos den Gang hinab, wo jeden Augenblick der Blitz der Bombe alles auseinander jagen musste.

„War das ein Blindgänger?“ zischelte die Stimme Stitzens neben uns.

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„Natürlich“, sagte der Chronist gepresst; dann schwankte der Stollen unter dem zuckenden Donner der

Explosion! Den Gang herauf tobte ein Schwall aus krachender Luft; es splitterte, schmetterte, schrie um

uns rum; der Luftdruck hieb auf uns herunter wie ein unsichtbarer Gummihammer - dann war es vorbei,

und wir lagen unter Dunkelheit und Totenstille, ineinandergekrampft wie ein Nest junger Mäuse.

„Wo seid ihr?“ fragte Knabe mühsam. „Ist euch was passiert?“

„Mir nicht“, meinte Stitz, „hoffentlich sind wir nicht verschüttet.“

„Mir auch nicht“, stotterte der Chronist. „Wo ist der Jessi?“

„Hier“, sagte Jessi, „was ist mit dem Hubba?“

„Der liegt hier noch gefesselt“, sagte der Chronist beschämt und knüpfte dem neben ihm Liegenden

tastend das Taschentuch ab. „Hubba, rede! Ist dir was passiert?“

„Nein, ich glaube nicht“, nuschelte Hubba mit trockenen Lippen, „aber was war das denn für'n Knall

vorhin, was ist denn los?“

„Ein Blindgänger ist hochgegangen“, sagte Stitz; seine Stimme kam klar und friedfertig durch die

Schwärze; man spürte in dem Dunkel kaum noch, dass man selber da war, bloß die Stimmen redeten um

einen rum wie ein Hörspiel im verdunkelten Wohnzimmer. „Hat einer 'n Streichholz da?“ fragte der

Geschichtsschreiber. „Ja, ich“, versetzte Jessi. „Aber es sind bloß noch zwei oder drei in der Schachtel;

wer hat was Papier?“

Ein dumpfes Geraschel begann um uns rum, jeder wühlte seine Taschen durch und hatte in dem Dunkel

das Gefühl, als wären es die Taschen eines anderen: Man kam sich vor wie unter Ruß vergraben.

„Ich habe noch zwei Margarinebildchen“, rückte schließlich Hubba raus. „Wenn keiner was anderes hat,

dann spendiere ich die.“

„Ich hab' die Zehnerkarte da vom Freibad“, sagte Knabe, „aber ist die nicht zu schade?“

„Also dann das Bildchen, Hubba!“ kommandierte Stitz.

„Hast du's fertig?“ fragte Jessi. „Dann reiß' ich jetzt ein Streichholz an.“

Kratzend sprang die Flamme auf und strahlte die begierigen Gesichter an, wir blinzten überrascht und

fanden uns wieder: Alle fünf auf einem Knubbel sitzend, in dessen Mitte Hubba jetzt sein Bildchen in die

Flamme Jessis streckte, bis es an der Ecke brannte und der afrikanische Wasserfall, der knallig bunt da

draufgepinselt war, Feuer fing.

„Geh’n wir schnell zurück zum Eingang“, sagte Stitz. „Das Bildchen hält nicht lange vor.“

Wir sprangen auf, und Hubba ging voran und leuchtete mit dem brennenden Wasserfall; wir gingen

langsam auf dem glatten Lehm. Der Gang war ganz wie sonst; schon sah man zwanzig Meter weiter fahl

das Licht des Schachtes dämmern, da quäkte Hubba plötzlich „Au verdammt!“ und ließ das fast

erloschene Bildchen fallen, das ihm die Finger versengte. Nun ließen wir uns nur noch von dem Licht

des Schachtes leiten und standen wenig später alle fünf darunter; der Lasso hing mit seinen Knoten

regungslos von oben runter wie eine dünne tote Schlange, die alle zehn Zentimeter eine Maus gefressen

hat.

Zum Zeitpunkt der Explosion waren Goggo und Marabu grade an dem Saum der Schonung angelangt,

Goggo bog schon das Gezweig beiseite, da riss sie der plötzlich im Talkessel aufbrüllende Donnerschlag

herum: Sie sahen, wie der Teich sich hob in eine ungeheure Wassersäule, ein ganzer gelblich-brauner,

weißbeschaumter Gasometer aus Teichwasser, eine krachende Fontäne, die die Pappeln überstieg und

grollend dann in sich zusammenbrach; sie prallte in die leere Mulde des Teiches zurück und überspülte

die Ufer auf zwanzig Meter Breite mit tosender Wasserschicht. Der Explosionsknall kollerte langhallend

durch den Engelwald herauf, die Bäume bebten ringsherum, und Goggo befand sich am Boden, ohne zu

wissen, wieso.

Unten am Teich lief das Wasser in Fladen vom Ufer herab in das Teichbett zurück; man sah die beiden

Festgehexten etwa 30 Meter vor dem Wasserloch von ihren Bäumen in das Gras zurückgekippt, die

untere Hälfte der Leiter stak schräg etwa zehn Meter vor ihnen im Boden, als hätte jemand sie an einen

nicht vorhandenen Baum gelehnt, die andere Hälfte kreiste schlammüberspült auf dem bräunlichen

Wasser um einen Strudeltrichter herum wie ein Nachtfalter um die Laterne; der Strudel bohrte

höchstwahrscheinlich seine Wasser in den aufgebrochenen Gang hinab, sein gefräßiges Schlürfen war

deutlich zu hören. Die Splitter des Floßes staken rings am Ufer in dem Lehm herum.

„Menschenskind, die Bombe“, sagte Marabu. Das war nicht allzu geistreich.

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Goggo hob sich schwankend auf, hielt sich fest an einem Buchenstämmchen und sagte verdattert:

„Genau unterm Teich, Mann! Wie ist die da runtergekommen?“

„Mensch, die beiden Festgehexten!“ brüllte Marabu und raste schon mit Goggo talwärts an den Teich

zurück. Sie hoben die beiden Gefesselten an schlaffen Schultern aus ihrem magisch verschlungenen

Schneidersitz, betteten sie auf das Gras an den Bäumen, und Marabu setzte sich neben sie, und fing an zu

heulen.

Den beiden Hingestreckten fehlte äußerlich nichts; sie hatten die Augen zu in den blassen Gesichtern, das

Haar in der Stirn, und die Hände, nach oben geöffnet, weit von sich gestreckt auf der Pappellaubschicht.

Goggo stand daneben und horchte auf das verworrene, dumpfe Geschrei aus der Teichstraße: Es kämen

sicher bald die aufgescheuchten Leute! Marabu lag auf dem Bauch und schluchzte in den Ärmel seiner

Trainingsbluse; im Teichbecken gurgelte emsig der langsam sich schließende Trichter, die Leiter

taumelte darum herum wie ein müdes Karussellpferd um die Achse seines Karussells.

Goggo kniete sich tapfer neben den leblosen Edi, hob ihm das kraftlose Handgelenk auf und würgte zu

Marabu hin: „Heul doch nicht - sonst heul' ich auch noch. Sag mir lieber, wo der Puls ist, rechts oder

links?“

„Weiß ich nicht“, wimmerte Marabu eigensinnig vor sich in die Trainingsanzugswolle. „Ich glaube, auf

beiden.“

Goggo tastete aufs Geratewohl mit ängstlichem Daumen auf dem Handgelenk des Liegenden herum;

plötzlich kriegte sein Gesicht was Horchendes. „Mensch, das schlägt noch!“ schrie er außer sich. „Hör

doch auf zu heulen, Taufrosch!“

„Was, das schlägt noch?“ schluckte Marabu und drehte sein verheultes Gesicht auf dem Ärmel zur Seite

- da klappte Edi die benommenen Augen auf! Er starrte fassungslos den über ihn gebeugten Goggo an

und murmelte wacklig: „Aber was - was ist denn los?“

„Mann, er lebt noch!“ jubilierte Goggo und warf sich auf Günter, auch ihn zu befühlen. Marabu hob sich

vom Boden, zog schamhaft die Nase hoch, denn Edi sollte doch nicht merken, dass er heulte. „Tut dir

denn was weh?“ erkundigte er sich.

„Mir?“ näselte Edi und blinzelte, als käme er nach langer Nacht ans Tageslicht. „Nein, mir nicht. Was

war denn los?“

„Unterm Teich ist eine Bombe hochgegangen“, klärte Marabu ihn auf, „und der Luftdruck hat euch beide

umgeschmissen und besinnungslos gemacht. Gott sei Dank, dass nichts passiert ist.“

„Kinder, der Puls ist auch hier noch am Schlagen!“ jauchzte Goggo mit dem Daumen auf dem

Handgelenk des andern; wirklich gingen auch bei Günter schon nach wenigen Sekunden wie

programmgemäß die Augen auf, und er stammelte: „Wo bin ich denn?“

„Gott sei Dank noch nicht im Himmel!“ sagte Marabu, es war ein halber Witz. „Könnt ihr aufsteh’n, oder

ist euch übel?“

„Bisschen dusslig“, seufzte Edi und richtete sich auf den Armen halb empor, „aber sonst, ich glaub', ich

könnte laufen.“

Von der Teichstraße her sah man Leute herbeifluten, Kinder und Frauen. „Die brauchen uns hier nicht zu

finden“, rief Goggo, „könnt ihr laufen? Dann kommt mit!“

Günter hob sich torkelnd auf die Beine. „Wenn mein Vater weiß, dass ich bewusstlos war, das gibt dann

bloß 'ne Aufregung“, befürchtete er. „Am besten ist, wir hau'n jetzt ab.“

Goggo zog behutsam Edi von dem Boden auf, Marabu zog Günter mit sich, und so trabten sie das

glitschige Ufer entlang bis zum Bach. Sie übersprangen das kaum meterbreite Rinnsal alle vier aus eigner

Kraft und krabbelten den Hang hinauf in Richtung Bombenloch. Unten am Teichufer sah man das Volk

sich versammeln, man hörte deutlich eine Frau: „Das ist ja unsre Leiter!“ kreischen; die Frau war sicher

Stitzens Mutter.

Am Einstiegloch hockte noch einer der Teichsträßer, einsam wie ein Hund am Grab des Herrn: Es war

der sechste Mann der Bande neben Hubba, Jessi, Edi, Stitz und Günter, und der einzige, der oben noch

am Schacht gestanden hatte, als von unten Knabe was von „Bombe“ schrie; er sah recht ratlos und

verdattert drein und war auch erst elf Jahre alt.

„Wo sind die andern?“ forschte Marabu.

„Ins Loch da runter“, klagte der Teichsträßer. „Dann schrie da einer was von Bombe, und das Mädchen

rannte weg, und ein bisschen später kracht' es, und seitdem ist alles still.“

„Ach du großes Ei!“ rief Goggo. „Also nix wie runter, nachseh’n, was mit denen los ist!“

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„Gar nicht nötig!“ unterbrach ihn des Chronisten Stimme überraschend aus dem Loch herauf. „Wir sind

noch sehr mobil hier unten, bloß: Was ist mit euch passiert?“

„Uns geht's bestens“, meldete Marabu. „Dann ist ja also keinem was passiert? Mensch, ich spring' noch

in die Luft vor Spaß!“

„Kommt runter“, sagte Stitz, „den Gang besichtigen; der Hubba kann uns leuchten mit dem Bildchen.“

„Das Bildchen kann er sparen“, meinte Knabe. „Marabu hat doch die Taschenlampe.“

„Leider nein“, bereute Marabu, „ich hab' sie dummerweise unterm Büdcheneingang liegen lassen, ich

Kamel!“

„Also doch das Bildchen“, entschied Stitz.

Hubba nickte melancholisch und grub sich gehorsam das Bild aus der Tasche. Und indessen die fünf

Oberweltler schön am Lasso in den Stollen rutschten, steckte Jessi also auch das zweite Bildchen an - es

war eine kitschig geschmierte Gorillajagd -, und alle zehn wanderten wir gespannt den Gang hinab in

Richtung Wasser. Die Flamme des brennenden Gorillas tanzte über Hubbas vorgestreckter Hand; bereits

nach 50 Schritten aber stockte er und sagte: „Hier ist Wasser.“

Dann war der Gorilla zu Ende gebrannt, und Hubba ließ mit ärgerlichem „Aua!“ das verkohlte und mit

Funken bestickte Papierchen fallen; es zischte in dem Wasser auf, und alles war dunkel.

„Also schneid' ich mal 'nen Splitter von dem Balken“, sagte Stitz. Man hörte den Hirschfänger

knirschend im Holzwerk des Ganges rumoren, dann hatte Stitz 'nen langen Splitter von dem Pfosten

abgespalten und verlangte im gewohnten Telegrammstil: „Jessi, Streichholz!“

Jessi riss sein letztes Streichholz an, Stitz Schlosser tunkte seinen Fidibus mit der feilenförmig

zugeschnittenen Spitze in die Zündholzflamme, und der feuchte Span fing leise dampfend Feuer. Stitz

hielt ihn gesenkt wie einen kurzen Säbel vor sich hin - man sah jetzt deutlich, dass von dieser Stelle an

der ganze Gang voll Wasser war; zehn Meter weiter klatschte es bereits mit trüben Wellchen an die

Deckenbalken.

„Das ist der Wasserspiegel aus dem Teich!“ rief Marabu. „Der ganze Stollen ist ersoffen, bloß die beiden

höheren Enden sind noch trocken: Klarer Fall!“

„Schöner Stollen“, sagte sparsam Stitz und sah sich mit gesenkter Fackel anerkennend um, „läuft unterm

Teich durch; und wo kam er raus?“

„Du wirst lachen“, sagte Goggo, „aber der kommt raus in unserm Büdchen.“

„Bist verrückt“, erklärte Stitz gelassen.

„Nein“, versicherte Knabe, „damals, als du uns gefesselt in das Loch geschmissen hast, da haben wir das

erst gemerkt, und Goggo ist gefesselt eingebrochen; und dann haben wir die Kordel durchgenagt, das

Loch im Büdchenboden zugedeckt und Erde draufgekratzt vom Büdchenrand.“

„Sehr gerissen“, sagte Stitz und lächelte, „und ich kam mit meinen Nesseln, fand das Büdchen leer und

halb verschüttet; seid 'ne pfiffige Gesellschaft, ihr verdammten Demokraten!“

„Geh'n wir rauf!“ schlug Goggo vor. „Wir woll'n euch noch das andere Ende zeigen.“

Wir klommen in den Engelwald empor wie eine schon verloren geglaubte U-Boots-Besatzung; am Rand

des Loches saß das Mädchen und hörte sofort auf zu heulen, als Stitz aus der Öffnung erschien.

„Dummes Stück du!“ brummte er mit einer Art von Zärtlichkeit und stopfte sich mit spatenförmig

flachgestreckter Hand sein rausgequollenes Cowboyhemd in die Hose zurück; dann stiefelten wir

einträchtig vor auf die Kuppe.

Unten im Talkessel standen die Volksmengen brodelnd am Ufer des Teiches, ein Schlauchboot

schwamm auf seiner Mitte, und drei Feuerwehrleute standen darin und stocherten mit Einreißhaken in

dem lehmig-trüben Wasser.

„Die halbe Stadt ist alarmiert!“ freute sich diebisch der Chronist. „Menschenskinder, wenn die wüssten,

dass das wir gewesen sind!“

„Und natürlich: Keiner sagt was!“ schärfte Goggo allen ein. „Keiner braucht zu wissen, wie das mit der

Bombe wirklich war. Denn sobald das rauskommt, ist der Stollen stadtbekannt.“

„Unterschreib' ich“, sagte Stitz. „Also, Leute: Keiner sagt was von dem Stollen!“ Seine fünf Gefolgsleute

nickten ergeben: Je kürzer Stitz befahl, umso energischer war es gemeint. - „Mann, die Leiter!“ stockte

plötzlich Stitz und sah betroffen auf den Teich hinunter. „Mensch, die Leiter ist ja mittendurch!“

„Leider“, seufzte Marabu, „was würde wohl 'ne neue kosten?“

„Quatsch“, erklärte Stitz, „ich bau' die neue selber. Brauche bloß zwei lange Balken, Sprossen hab' ich

noch genug.“

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„Und was kosten wohl die Balken?“ fragte Goggo. „Vier-fünf Mark wohl“, kalkulierte Stitz.

„Au Backe“, sagte Goggo zögernd, „dann wird Neulati wohl zusammenlegen müssen.“

Neulati?“ fragte Stitz. „Was soll das heißen?“

Neulati“, dozierte Goggo stolz, „das ist der Name des demokratischen Staates, den wir vier begründet

haben.“

„Ach so, dieser Abstimmungszauber?“ lächelte Stitz.

„Genau!“ erklärte Goggo siegessicher. „Und damit du mal siehst, du alter Despot, wozu dieser

Abstimmungszauber oft gut ist, wollen wir jetzt mal abstimmen, ob wir dir die Leiterbalken bezahlen

wollen oder nicht! Denn die Leiter in den Teich geschmissen haben wir, und deshalb ist sie jetzt kaputt.

Jeder hätte also dann von seinem Taschengeld 'ne volle Mark zu blechen. Abstimmung: Wer ist dafür?“

Alle vier Neulatier rissen die Hand hoch: Das war ein moralischer Triumph der Demokratie!

„Mensch, ich dank' euch!“ sagte Stitz und sah uns voll in die Gesichter. „Denn ich wüsste nicht, woher

ich sonst die Balken kriegen sollte, und mein Vater gibt mir heute Abend Dresche, aber keinen Pfennig

Geld. Ihr seid doch 'ne verdammte Bande, ihr Demokraten.“

„Komisch!“ hänselte ihn der Chronist. „Komisch, dass sogar die Diktatoren noch verdroschen werden!“ -

und er merkte mit Verblüffung, dass kaum zehn Minuten seit dem Bombenknall verstrichen waren ...

5. September

... und man schon mit Stitz die gleichen Witze machen konnte, die man sonst nur innerhalb Neulatis riss:

Diese Aussöhnung ging sonderbar von selber.

(Diese Unterbrechung mitten in dem mühsam aufgebauten Satz erfolgte gestern Abend gegen halb elf,

als der Chronist von seiner Mutter eine Ohrfeige kriegte, weil er, statt im Bett zu liegen, noch an seinem

Tisch bei Lampenlicht besessen an der Chronik schuftete. Das hat man also dann von seinem

Arbeitsfanatismus! Trotzdem schreibt er heute ungebrochen weiter:)

„Sagst uns also in den nächsten Tagen, was die Balken kosteten“, schloss Goggo mit der Großzügigkeit

eines Kapitalisten. „Kommt jetzt, Leute, geh’n wir rüber an das Büdchen.“

Wir übersprangen den Bach etwa 200 m oberhalb des Teiches; man sah das Tal hinab die schwärzlich

angestaute Menschenmasse um den Teich gedrängt, und auf dem Teich das Schlauchboot mit der

Feuerwehr; Stitzens Schwester hing am Arm des großen Bruders, trampelte vor Neugier und wollte mit

ihm hin.

„Geh alleine“, sagte Stitz, „in dem Teich ist bloß 'ne Bombe explodiert, das ist alles.“ Und das Mädchen

hüpfte mit wippenden Zöpfen den Weg hinab an den Sensationsweiher.

Wir aber erklommen die Schonung und stiegen durchs Büdchenloch ein in den Stollen, alle zehn auf

einem Haufen, und statt Hubba mit dem Bildchen ging jetzt Marabu mit der gezückten Taschenlampe

vorneweg. Mit dem wissenden Stolz eines Fremdenführers sandte er am Ende des Stollens den Strahl an

die steinerne Schließplatte des Sechs-Meter-Schachtes hinauf; Stitz sah angestrengt am Strahl empor, so

dass sein Adamsapfel aus dem bunten Kragen trat, dann kniff er auf einmal die Augen zusammen, als

solle die Idee, die er urplötzlich hatte, nicht durch seine Lider schlüpfen, und fragte scharf und rasch:

„Was ist hier drüber?“

„Altes Wohnhaus“, sagte Goggo. „Keller ist noch aus dem Mittelalter.“

„Welches Wohnhaus?“ fragte Stitz.

„Rossmarkt 17, glaub' ich“, entsann sich Knabe.

„Schön!“ rief Stitz und wandte sich an Nummer sechs, den uns noch unbekannten Teichsträßer. „Appi,

wohnst du nicht in Rossmarkt 17?“

„Doch“, sagte Appi; er war eine Neuerwerbung der Teichstraße, etwas schüchtern noch und

semmelblond.

„Hab' ich doch gedacht!“ rief Stitz. „Habt ihr da 'nen Kellerraum?“

„'türlich“, sagte Appi leise.

„Kommst du auch in andre Keller?“ fuhr Stitz Schlosser fort.

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„Da, wo ich die Jungens kenne, schon“, versetzte Appi. „Bei Berni und Hannjo, da war ich schon öfters

im Keller, bloß der vierte Raum gehört 'ner alten Tante, und die lässt uns keinesfalls da rein. Aber diese

große Platte da, die ist in unserm Keller. Nur weiß keiner, dass da drunter dieser Schacht ist.“

Das war ja ein wahrhaft romantischer Zufall! „Mensch!“ rief Stitz. „Dann ist ja alles klar! Klopf heut

Abend auf die Platte, und probier, ob sie auf Seite geht. Denn das Büdchen muss ja zugeschüttet werden,

und was soll der Stollen ohne Eingang?“

„Wisst ihr was?“ fiel Goggo prahlerisch dazwischen. „Schenken wir doch einfach jetzt der Teichstraße

das ganze Stollenstück auf dieser Seite! Wir haben dem Flurschütz versprochen, in der Schonung nicht

mehr rumzubuddeln, und woanders kann man keinen Ausgang graben, denn im Engelwald ist's viel zu

offen. Also kriegt die Teichstraße hier diese Hälfte und Neulati dann die andre mit dem Bombenschacht.

Und dann können wir in unserer Hälfte Krieg spielen, solange wir wollen, und notfalls auch baden; was

sagt ihr dazu?“

Der Einfall war mordsmäßig! „Abstimmung!“ brüllte der Chronist. „Wer ist dafür?“

Die Hände von Neulati flogen hoch wie Kastenteufel! „Ewig durch den Keller Appis - ziemlich

umständlich für uns“, meinte Stitz und grinste leise. „Trotzdem: Danke, ihr verflixten Demokraten!“

„Könnt ja notfalls Champignons drin züchten“, riet ihm Marabu und holte den Strahl von dem

Steindeckel runter; wir gingen wieder an das Büdchenloch zurück.

„Es ist jetzt kurz nach vier“, bemerkte Stitz und blinzelte bedächtig durch den schwarzen Rahmen des

Einstiegloches in die hellbelaubten Buchen rauf. „Wir sind zu zehn Personen hier; wenn wir alle zehn

beim Büdchenverschütten jetzt mithelfen, ist das in 'ner Viertelstunde fertig.“

„Stitz,

du alter Spitz,

das ist ein herrlicher Gedankenblitz!“

rief der Chronist und freute sich, dass ihm der Name Stitz 'ne Serie von neuen Reimen anbot.

„Raus hier, Leute, und dann schütten wir's gemeinsam zu!“

Wir klommen nacheinander alle zehn ins Büdchen rauf; Goggo deckte sorgsam Brett und Zweigschicht

übers Loch, und dann ging zwischen Trichter und Büdchen ein Furioso los! Je zwei Träger hängten einen

Eimer zwischen sich, zwei weitere den Blechkanister, und dann jagten diese drei Gefäße unentwegt

gefüllt die Gasse rauf und leer wieder runter; unten schippten drei Mann ständig Trichterlehm hinein, und

der zehnte, nämlich Goggo, stand im Büdchenloch und trampelte das Reingekippte fest. Manchmal

schnappte Stitz sich ganz allein den Blechkanister, hievte ihn sich vor die Lederhose wie einen

Bauchladen und stampfte damit die Gasse hinauf; der Kerl hatte Kraft wie ein Boxer.

Eine halbe Stunde später war der Trichter leer wie vor der Gründung von Neulati und das Büdchen noch

erkennbar als ein Viereck frischen Lehmes zwischen den Stämmchen der nach wie vor grünenden

Buchen; bloß die Gasse stand Spalier mit nackten Stämmchen, deren Ästestummel nicht zu reparieren

waren.

Stitz Schlosser kam in den Trichter herab wie ein Seebär über den Landesteg; er klatschte von schräg

oben und schräg unten in die Hände, dass die trägen Wolken Lehmstaub nur so aus den Fingern

sprudelten.

„Hoffen wir, dass Appis Deckel jetzt auf Seite geht“, erklärte er, „sonst ist der Gang auf ewig zu, und wir

sind ausgesperrt!“

Knabe steckte sich das langentbehrte Blasrohr in die Lippen wie ein Nikotinsüchtiger seine Zigarette und

beschoss die sechs Teichsträßer mit heimtückisch flitzenden Beeren - da krachten schwere Stiefel durch

das Unterholz, und unser Flurschütz stand am Trichterrand!

„Donnerwetter, großer Andrang!“ stellte er fest und überflog den Trichter, aus dem wir zehn jetzt sehr

verlegen aufblickten. „Aber wie ich sehe, habt ihr sauber geschuftet, ihr Flegel!“

Er stiefelte ans Büdchen rauf und trampelte zufrieden brummend auf dem Lehm herum; doch indes er

uns den Rücken kehrte, zog sich Knabe hastig eine Streichholzschachtel aus der Tasche, schob sie auf

und entnahm ihr mit verschmitztem Grinsen eine seiner Stecknadelraketen; er stopfte sie ins Blasrohr

und umschloss es mit unauffällig hinabhängender Hand.

Der Flurschütz kam herabgestiefelt. „Prima“, sagte er und sah uns offen an. „Also, Jungs, nun raus mit

euch! Ich seh' euch keinmal mehr von jetzt ab in der Schonung. Ist das klar?“

„Jawohl“, erklärte fest und deutlich Stitz; Neulati nickte. Dann wandte sich der Kerl und wollte gerade

ins Dickicht verschwinden, da riss sich Knabe sein Geschütz zum Mund und ließ dem abgehenden

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Hünen die Rakete messerscharf von hinten in den Aufbau seines Hutes sausen! Sie steckte in dem grünen

Filz wie eine Ziernadel in einem Damenhut: Wir hielten uns den Mund und prusteten vor Lachen durch

die Finger. Der Grünbejoppte merkte nichts und stiefelte davon.

„Glückwunsch!“ sagte Stitz lakonisch und nickte Knabe grinsend zu; dann rafften wir unsere

Buddelgeräte zusammen und stapften aus der Dickung hinaus.

Am Teiche hatte sich der Volksauflauf verzogen: Eine Mondlandschaft von Fußabdrücken in dem nassen

Lehm am Ufer zeugte bloß noch von der Menschenmenge. Stitz hob sich die eine Leiterhälfte mit

süßsäuerlicher Miene auf die Schulter; seine Trabanten beluden sich mit der anderen, die die Feuerwehr

an Land geangelt hatte. „Also tschüß dann!“ sagte er und drückte Neulati die Hand. „Wenn ihr

Langeweile habt, kommt in die Teichstraße und pfeift auf den Fingern; von uns sind immer ein paar frei

und spielen gerne was mit euch, Fußball oder was ihr wollt.“

Dann zockelte er ab mit seiner Bande: Riese zwischen Zwergen, mit der Leiter auf der Schulter wie der

Mann im Mond mit seinem Bündel, und wir guckten ihm noch lange nach...

6. September

Heute Nachmittag kam Marabu per Rad vorbeigefahren, Turnschuhe auf dem Gepäckträger: Er kam

geradeswegs vom Stadion, wo Leichtathletik-Training war, und pfiff unterm Zimmer des

Geschichtsschreibers; der sprang an das Fenster. „Na, du Sportminister“, rief er runter und legte sich mit

den Ellenbogen in den Sonnenschein der Fensterbank, „hast du endlich mal 'nen Weltrekord gebrochen?“

„Beinah!“ brüllte Marabu. „Es ist ein neulatischer Landesrekord geworden: 400 m in 71 Sekunden!“ Der

Chronist war ziemlich neidisch - das war für 'nen Zwölfjährigen eine saubere Zeit!

„Stitz war auch dabei!“ rief Marabu. „Er lief so nebenbei in Fußballschuhen mit, der Kerl ging ab wie ein

Windhund, mit 68 Sekunden! Das ist 'ne phantastische Zeit, aber Stitz hat das gar nichts gemacht, er

pustete ein bisschen und ging wieder Fußball spielen. Ich bin von den 71 aber schwer erschossen! Hab'

ihn auch gefragt, wie's mit der Leiter steht.“

„Und was sagt er?“ forschte der Chronist.

„Er sagte, ziemlich miese! Hat von seinem Vater schwer den Hintern vollgekriegt!“

„Was?! Womit?“ rief der Chronist und versuchte, sich mal vorzustellen, wie das aussieht, wenn man

Stitz den Hintern haut.

„Das hat der Stitz mir nicht verraten“, grinste Marabu, „er sagte bloß, er hätte nicht gebrüllt. Vater hat

ihm dann vier Mark geliehen, dass er die zwei Balken kaufen kann; aber wenn ihm Stitz das Geld nicht

in drei Tagen wiederbringt, gibt's 'ne Neuauflage von der Dresche. Stitz will hoffen, dass wir die vier

Mark bis dann zusammen haben.“

„Ehrensache!“ sagte der Chronist. „Morgen in der Schule bringen wir das Zeug zusammen; Stitz kriegt

schließlich nicht so'n Taschengeld wie wir.“

„Gar keins kriegt er!“ bekräftigte Marabu. „Bloß, wenn er beim Fußballspiel ein Tor schießt, gibt sein

Vater ihm dafür 'nen Preis von 50 Pfennig. Aber weil der Stitz jetzt meistens Mittelläufer spielt, kann er

keine Tore schießen, ohne seinen Posten zu verlassen. Also dann bis morgen, Dichter! Wollte dir's nur

melden für die Chronik. Tschüß und Heil Neulati!“

„Heil Neulati!“

Eine Fahrradkette surrte, und ein Fenster klappte zu. Sehr viele Schularbeiten. Morgen weiter!

7. September

Wir steh'n in der Zeitung! Das heißt, nicht wir, aber die Explosion unserer Bombe. Die ganze Stadt steht

kopf, und keiner weiß, dass wir's gewesen sind. Neulati könnte Stadtgespräch im Laufe von- zwei

Stunden sein. Aber das Geheimnis zu behalten, ist ein noch viel schöneres Gefühl!

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„Kleb doch den Artikel in die Chronik!“ schlug heut auf dem Schulhof Goggo vor. „Ist zwar stures

Journalistendeutsch, aber immerhin ein Dokument.“ Toll, wie Goggo über so was urteilt! Und so

quetscht jetzt der Chronist den Rest der Uhu-Tube auf die leere Seite, legt den Zeitungsausschnitt sauber

drauf, setzt sich feste auf das zugeklappte Heft, und nach zwei Minuten steht es da:

Blindgänger im Engelwald krepiert

In den Nachmittagsstunden des gestrigen Tages erlebten die Einwohner der Teichstraße und

umliegenden Straßen einen heillosen Schrecken, als ein Bombenblindgänger, der seit der

Kriegszeit auf dem Grund des Weihers im Engelwald gelegen haben muss, aus ungeklärten

Ursachen detonierte. Die Wucht der Explosion schleuderte eine mächtige Wassersäule empor

und höhlte den Boden des Teiches beträchtlich aus. Menschen kamen dabei nicht zu Schaden.

Ein hinzugezogener Feuerwerker stellte aufgrund von im Teichschlamm aufgefundenen

Splittern der Bombe fest, dass es sich um eine Fünfzentnerbombe gehandelt haben muss, wie

sie namentlich im Sommer 1943 von Moskito-Bombern über unserer Stadt abgeworfen wurden.

Dieser Vorfall gibt erneuten Anlass zu der Warnung, dass besonders Eltern ihre Kinder über

die große Gefährlichkeit dieser Sprengkörper aufzuklären haben.

Also alte Kamellen für den Staat Neulati! Wir wissen es besser. In der Teichstraße ist übrigens die

Schaufensterscheibe eines Feinkostgeschäftes vom Luftdruck zersplittert und in tausend Stücken über die

Nüsse und Nudeln im Fenster gerasselt, und das stand ja schließlich nicht mit im Programm. Aber haben

wir die Bombe denn mit Absicht hochgejagt?

Komisch, wenn man sich mal überlegt, dass wir beinah selbst in Fetzen jetzt im Engelwalde lägen! Aber

kaum, dass dieser Knall vorbei war und die Angst uns nicht mehr schüttelte, war die Welt so seltsam klar

und friedlich. Keiner weiß genau, wieso.

Goggo ist zum Beispiel wütend, weil das alles so von selber ging. „War das neulich denn ein

Friedensschluss?“ trompetete er heute auf dem Schulhof. „War das ein Friedensvertrag oder so was?

Ging ja alles viel zu pflaumenweich und leise weinend; das ist keine staatliche Abmachung, Bürger! Wir

setzen heut noch einen waschechten Friedensvertrag aufs Papier, und Stitz wird unterschreiben mit allen

Schikanen; wo bleibt sonst die Diplomatie?“

„Fabelhaft!“ rief der Chronist. „Und auf dem gleichen Blatt auch noch einen Nichtangriffspakt, für

mindestens ein halbes Jahr!“

„Und da drunter kommt das Wappen von Neulati!“ brüllte Marabu und schoss eine Fontäne

Kranenwasser aus der Mitte unsres Kreises in die Luft. „Mann, wir müssen eine Fahne haben!“

Das Wasser klatschte vor uns in den Schulhofstaub und kollerte wie sandbeklebtes Quecksilber; Goggo

kratzte sich am Kinn.

„Stimmt ja!“ rief er dann. „Wir brauchen eine Fahne! Staat und ohne Fahne ist ja glatt unmöglich!

Marabu, du kannst am besten malen, heute Nachmittag setzt du dich hin und machst den Entwurf.

Kommst dann gegen fünf zu uns und zeigst ihn vor!“

„Und wie ist das mit 'ner Hymne?“ fragte Knabe und zog die Luft mit einem Seufzer durch das Blasrohr,

das ihm zigarettenartig von der Lippe hing. „Braucht ein Staat nicht auch ein Nationallied, Goggo, oder

wie ist das?“

„Natürlich!“ schrie Goggo. „Sofort! Der Chronist muss eins dichten! Der Kerl kann ja reimen wie

Uhland, da hat er mal endlich 'ne Aufgabe!“

„Und auf welche Melodie?“ rief Marabu; wir guckten uns betroffen an. Bloß für Goggo war das kein

Problem: „Knabe spielt doch jahrelang Klavier“, posaunte er, „der kann doch Noten schreiben! Also,

Knabe, heute Nachmittag um fünf bei mir, mit fertig aufgeschriebener Melodie!“

„Pustekuchen!“ grinste Knabe und visierte den laut deklamierenden Goggo überlegen durch sein

Blasrohr an. „Erst mal muss der Text doch da sein, dann erst kann ich ihn vertonen.“

Goggo ließ sich dadurch gar nicht bremsen. „Also gut!“ spektakelte er in ungebrochener Organisierwut.

„Dann stellt sich der Chronist um fünf mit seinen Versen vor, und um halb sechs kommt Knabe sie sich

holen. Morgen vor der ersten Stunde ist die Hymne fertig komponiert. Jedenfalls: Heut Nachmittag um

fünf bei uns!“

Wir hopsten nach Hause, von Goggos Schwung und Feuer angesteckt. Und sofort nach Mittag dann

entfaltete sich in den verschiedenen Quartieren des Staates Neulati eine begeisterte Aktivität: Der

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Geschichtsschreiber rutschte reimebrummelnd, mit dem Bleistift zwischen den Zähnen, auf dem Stuhl

herum; Marabu stibitzte sich aus der Wäschekommode ein schwanenweißes Taschentuch, spannte es mit

Heftzwecken an die Zimmertür, kramte seinen Malkasten raus, benutzte den Pinsel als Zahnstocher, um

ihn nass zu machen, und begann das Tüchlein buntzupinseln. Goggo aber malte bedächtig mit

breitschnäuziger Zierschriftfeder und vor Konzentration zwischen die Lippen geklemmter Zunge große

Zierbuchstaben auf das Urkundenblatt. Bloß Knabe - der Chronist macht jede Wette - saß im Garten

hinter seinem Haus und spickte, statt Klavier zu üben, irgendeinen Kirschbaumstamm mit haargenau

treffenden Blasrohrraketen.

Punkt um fünfe jaulte dann das Gartentörchen vor der Villa Goggos; Marabu war es, der eintrat und

grinste, weil hinter dem Haus, aus dem Garten her, Goggos nimmermüde Stimme wieder mal am

Schwadronieren war: Goggo lag auf dem Bauch unter einer Art von Zelt aus Wolldecken, die er

zwischen zwei Obstbäumen über einen straff gespannten Strick geworfen hatte. Neben ihm lag der

Chronist auf dem Rücken und studierte ergeben die Zeltdecke. Goggo aber hieb mit dem Handrücken auf

das Gedicht ein, das aufgeschrieben vor ihm lag, und schimpfte: „Ist doch ganz unmöglich! Muss

geändert werden, Musensohn!“

„Kühl dich ab!“ unterbrach ihn der herantretende Marabu und netzte Goggos flatternde Frisur mit

frischen Strählchen aus der Spritzpistole. „Lies mal vor, was hat er denn verbrochen?“

„Schauderbares Kinderdeutsch!“ schrie Goggo. „Hör dir's an, du Känguruh:

Neulati herrscht im Engelwald

Mit demokratischer Gewalt

Und notfalls Klopperei;

Denn wem Neulati nicht behagt,

Und wer uns anzugreifen wagt,

Den schlagen wir zu Brei!

Chronist und Knabe, Marabu

Und Goggo ebenfalls dazu,

Die schlagen euch zu Brei, Juchhei,

Die schlagen euch zu Brei!“

„Mensch du, das ist doch ein schmissiger Song!“ brüllte Marabu. „Was willst du denn, du Gockelgoggo?

Den kann man ja singen, bevor er komponiert ist.“

„Grölen meinst du!“ wetterte Goggo. „Das ist ein Landsknechtschlager, aber keine Hymne. Wir wollen

doch nicht ewig bloß ein Kriegslied haben.“

„Ich will dir mal was sagen, Goggo“, lachte Marabu, „sobald Neulati keinen Krieg mehr macht, egal mit

wem, wofür ist dann Neulati denn noch da?“

Goggo pustete entrüstet in die Luft, stützte seine Backen in die Hände, guckte gemartert von unten zu

Marabu rauf und stöhnte: „Zum Politikmachen natürlich! Im Krieg macht man Feldzüge und im Frieden

Politik. Bis jetzt haben wir hauptsächlich Krieg gemacht, jetzt fängt die Diplomatie an. Zum Beispiel

schon heute der Friedensvertrag mit der Teichstraße; wartet, ich hol' ihn mal.“

Und Goggo wälzte sich aus dem Zelt und verschwand im Hause, war aber bald wieder bei uns und

schwenkte die Urkunde.

„Lies mal vor, den Mist“, gähnte der Chronist und klappte unter seinem schwülen Zelt die Augen zu, so

dass ihm Goggos Stimme wie ein fernes Plätschern leise in den Schädel rann:

„Der demokratische Freistaat Neulati schließt hiermit Waffenstillstand und Frieden mit der Diktatur der

Teichstraße, das heißt mit Stitz Schlosser. Der Friede gilt für ein halbes Jahr und läuft infolgedessen am

5. März des folgenden Jahres ab, kann jedoch alsbald nach Wunsch verlängert werden. Gleichzeitig

übergibt Neulati das westlich des Teiches gelegene Ende des Stollens der Teichstraße als Geschenk,

behält aber selber als Eigentum das andere Ende samt dem Eingang im Engelwald.

Gegeben zu Neulati, den 7. September, 3 Uhr nachmittags:

Goggo.

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„Und jetzt müsst auch ihr noch eure Namen drunterkrakeln, denn in einer Demokratie haben alle gleiches

Gewicht; und dann geh’n wir gleich zu Stitz und lassen auch ihn unterzeichnen. Seid ihr einig?“

„Glasklarer Stil“, sagte der Chronist mit geschlossenen Augen. „Aber ich fürchte, jetzt wird das

neulatische Staatsleben ein stinklangweiliger Grießmehlpudding: Keine Kriege, keine Orden, keine

Kloppereien mehr, nicht mal mehr 'ne Bombenexplosion! Ich hätte Lust, gleich anschließend jemand

anderem den Krieg zu erklären!“

„Können wir ja“, sagte Goggo und rollte die Urkunde auf, „aber wem denn, du Dichter?“

„Den Paukern“, schlug Marabu vor; das sollte ein Witz sein. Dann prasselte plötzlich eine

Begrüßungssalve aus Ebereschenbeeren in das Zelt und weckte den Chronisten auf, und Knabe kam

gemächlich in den Hof spaziert. „Na, wie ist es, Hymne fertig?“ fragte er und ließ sich nieder, mit dem

Rücken gegen einen Obstbaumstamm, die Beine lässig weggestreckt ins Gras.

„Fertig, aber wie!“ rief Goggo und fiel in die laute Empörung zurück. „Schauerliches Machwerk draus

geworden; und das findet Marabu noch gut!“ Und er las sie laut und trocken und zum zweiten Male vor.

„Mensch“, rief Knabe, „gratuliere, alter Tintenfisch! Ist nicht übel, dieser Text! Singt sich fast von

selber, gib ihn her! Werden wir vertonen, dass die Häuser wackeln.“

Goggo war völlig erschlagen. Er biss im wahrsten Sinne des Wortes ins Gras und röchelte gebrochen:

„Also Abstimmung: Wer ist dafür, dass dieser grauenhafte Gassenhauer allen Ernstes unser Nationallied

wird?“ Knabe, Marabu und der Chronist hoben die Hand. Goggo schnappte nach Luft wie ein

todgeweihter Frosch; Knabe stopfte sich das Textblatt strahlend in die Lederhose. Goggo wälzte sich

unwillig schnaufend auf den Rücken und fuhr fort: „Also dann mal jetzt das Banner! Marabu, du hast es

fertig?“

Marabu zückte mit Künstlerbewusstsein das verboten kolorierte Taschentuch. Er breitete es auf die

haarige Fläche der Zeltdecke und fing an: „Zunächst mal hab' ich dieses Tuch in vier Quadrate aufgeteilt,

als Symbol, dass unser Staat ja aus vier Mann besteht.“

„Hm!“ grunzte Goggo und sah unter halboffenen Lidern weg auf Marabu. „Nicht übel! Und wie weiter?“

„Weiter hab' ich in die Mitte groß das Ordenskreuz Neulatis reingesetzt, damit die Fahne nicht nur aus

den vier Quadraten bestehen soll; das Kreuz wird gelb. Und die vier Quadrate, die jetzt alle von dem

Kreuz zur Hälfte überdeckt sind, haben jedes eine andre Farbe: Hier oben das dunkelblaue, das ist der

Chronist, wegen der Tinte, die er braucht und die ja blau ist. Das schwarze hier ist Goggo, weil er

schwarze Haare hat und immer schwarzsieht.“

Ein Gekicher gluckerte durch den Garten. Goggo klappte mitleidsvoll die Augen zu und lächelte

verächtlich vor sich hin. Marabu aber fuhr fort im Erklären: „Das rote hier, das bin ich selber: nämlich,

Rot ist meine Lieblingsfarbe...“ - „Meine auch!“ warf Knabe ein. „Tut mir leid“, erklärte Marabu, „aber

zwei Quadrate rot, das wird zuviel! Für Knabe hab' ich also weiß genommen, weil er erstens so 'ne weiße

Stirne hat, und“ - hier grinste Marabu schon vorher- „zweitens wegen seiner großen Weisheit!“

Goggo kugelte sich vor Lachen im Gras herum, der Chronist riss vor Vergnügen das Zelt ein, Marabu

schoss auf Knabe seine Spritzpistole leer und Knabe auf den Wappenmaler sein ergrimmtes Pusterohr!

„Menschenskind, das ist die originellste Fahne der Welt!“ brüllte Goggo. „Marabu, du bist ein

Taufrosch! Abstimmung: Wer lehnt das Wappen ab?“

Keiner lehnte diese witzige Standarte ab, und so muss sie der Chronist nun sauber auch in diese Chronik

pinseln. Hier ist sie:

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Dann brachen wir auf mit den Rädern und fuhren zur Teichstraße. Wir brausten mit unbändigem

Geklingel die Straße hinunter. Hubba sah uns, rannte nebenher, Stitz sprang aus der Türe und begrüßte

uns mit Händedruck.

„Also Stitz,

du blökendes Kitz,

nun erzähl uns mal 'nen Witz!“ reimte selbstgefällig der Chronist.

„Leider keine Witze zu erzählen“, eröffnete Stitz. „Leiter hab' ich fertig, aber Vater will bis morgen die

vier Mark: andernfalls gibt's Dresche.“

„Reg dich ab“, riet Goggo väterlich. „Heute hat Neulati in der Schule die vier Mark zusammengelegt.

Also halt die Hand auf, Langer!“ Und er wühlte sich das Geld bedächtig aus der Tasche; Stitz bekam die

Münzen in die Hand gedrückt und guckte uns warm in die Augen, der alte Diktator.

„Nichts zu danken!“ sagte Goggo gönnerhaft, im Vollgefühl der Würde unseres Staates. „Und nun

machen wir den Friedensabschluss!“

Feierlich entrollte er den Bogen an der Hauswand, und Stitz Schlosser las die großen Tuschbuchstaben

langsam und ein bisschen amüsiert:

„Mensch, warum denn den Tamtam?“ fragte er freundlich. „Sicher unterschreib' ich das! Aber wenn ich's

mündlich sagte, wär' es ganz genauso sicher. Wer hat das denn bloß aufgesetzt von euch? Das ist ja ein

Stil wie in Büchern.“

„Ich, im Namen von Neulati!“ tat sich Goggo wichtig.

„Gratuliere“, sagte Stitz. „Hat jetzt einer was zum Schreiben da?“

Der Chronist enthülste seinen Füller, und Stitz Schlosser setzte groß und wuchtig seinen Namen unter

das Dokument. Er schrieb dabei auf Hubbas Rücken, der gebückt die Hände auf die Knie stemmte, ein

lebendiges Schreibpult. Stitz verschraubte stolz den Füller, streckte ihn dem Geschichtsschreiber hin und

fragte: „Wie ist das eigentlich mit nächstem Sonntag? Habt ihr da was vor oder Schulsachen auf?“

„Nein!“ rief der Chronist. „Von Samstag auf Montag haben wir offiziell aufgabenfrei, das ist das einzig

Gute an der ganzen Penne, wo wir drauf sind. Also wären wir verfügbar. Hattest du denn da was vor?“

„Allerdings!“ erklärte Stitz und lehnte sich mit forsch verschränkten Armen an die Mauer. „Nämlich,

dieses Wochenende hab' ich spielfrei; unsre Schüler spielen nicht. Und da dacht' ich dann an eine

Radtour! Nur so eine Nacht mal zelten, wo so schönes Wetter ist! Etwa an die Seenplatte fahren, wäre

gar kein schlechtes Wochenende. Und mein Alter wird's erlauben, wenn ich ihm das Geld ersetze, das ihr

mir ja grad gegeben habt. Wir fahren natürlich zusammen, Neulati und Teichstraße, alle zehn Mann!“

„Also sozusagen Teichlati“, witzelte der Chronist. „Das ist 'ne Prachtidee, du alter Despot! Abstimmung,

Leute: Machen wir mit?“

Natürlich machten wir!

„Habt ihr denn auch schon 'ne Fahne?“ fragte Marabu.

„Fahne?“ furchte sich die Stirne Stitzens. „Nee. Habt ihr denn eine?“

„Klar“, rief Marabu und schwenkte prahlend sein Gemälde. „Na, wie sieht das aus, Diktator? Morgen

kommt das bunt in Tusche auf ein neues Taschentuch, damit's bei Regen nicht noch auseinander läuft.

Wie find'st du das?“

„Prima“, sagte Stitz begeistert. „Mensch, wir müssten auch so'n Wimpel haben! Darauf könnt' ich meine

Leute dann Gehorsam schwören lassen.“

„Typisch Diktatur“, bemerkte Knabe. „Aber überlegen wir doch mal! Welche Sachen könnten denn

symbolisch für euch Teicher sein?“

„Zunächst der Teich mal selber!“ brüllte Marabu und spielte seine malerische Phantasie aus. „Also

einfach einen nach unten gerundeten Halbkreis, der blau ist. Wasser nämlich ist auf Wappen immer blau.

Und darüber als Symbol für den Diktator Stitz, der alles hier am Teich beherrscht - was nehmen wir denn

da?“

„Eine aufgehende Sonne!“ triumphierte der Chronist. „Das heißt, einen roten, nach oben gewölbten

Halbkreis, und das Ganze in der Mitte eines grünen Dreieckwimpels, weil der grüne Engelwald den

Teich umgibt! Fertig ist die Teichstandarte!“

Der Chronist setzt also nun auch diese Teichstraßen-Flagge in die Chronik. Hier kommt sie:

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„Prima!“ meinte Stitz. „Ich will probieren, ob mir meine Schwester so 'nen Wimpel nähen kann; Edi soll

ihn kolorieren, der ist fabelhaft in Malen. Und am Samstag, wenn wir fahren, soll das Ding an meinem

Lenker flattern, und das eure weht von euren Rädern, und dann ging's doch mit dem Kuckuck, wenn wir

nicht ein wunderbares Wochenende auf die Beine kriegten! Also ran, besorgen wir uns Zelte! Abfahrt

Samstag um halb 3; welcher Treffpunkt?“

„Treffpunkt: Limonadenbude!“ rief begeistert der Chronist!

Und jetzt schmeißt er seinen Füller hin, klappt das dritte Heft der Chronik zu und verschiebt die

Fortsetzung auf Montag. Knabe pfeift schon unten auf der Straße seine frischgemachte Melodie der

Hymne, und der Teufel soll das Chronikschreiben holen, wenn wir morgen durch die Felder fahren und

sie singen, bis die Vögel aus den Wolken fallen! Ende der Eintragung.

-SENSE –

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