Drucken Layout 1 - Priesterseminar-Stuttgart

gcpImJGiW2

Drucken Layout 1 - Priesterseminar-Stuttgart

Seminar|brief

Freie Hochschule der Christengemeinschaft Stuttgart

Sommer 2013

PRIESTERSEMINAR STUTTGART

FREIE HOCHSCHULE DER

CHRISTENGEMEINSCHAFT e.V.

In eigener Trägerschaft, ohne staatliche Anerkennung


Über den

„Seminarbrief“

Die Freie Hochschule der Christengemeinschaft Stuttgart ist eins von insgesamt

drei Priesterseminaren der Christengemeinschaft. Die Christengemeinschaft ist

eine weltweite Bewegung für religiöse Erneuerung – in den inneren und äußeren

Umgestaltungen unserer Zeit – gegründet für die Menschen, die ein modernes

sakramentales Leben suchen. In ihrem Mittelpunkt steht der neue Gottesdienst,

die Menschenweihehandlung. Um ihn versammeln sich Menschen in freien

Gemeinden.

Geleitet wird das Priesterseminar von Georg Dreißig, Stephan Meyer und Gisela

Thriemer.

Der „Seminarbrief“ wird von den Studenten des Priesterseminars für dessen

Freunde und Förderer geschrieben. Er richtet sich darüber hinaus an alle, die auf

diese Weise das Seminar kennen lernen wollen. Unser Ziel ist es, in den Beiträgen

unsere persönlichen Erfahrungen im Studium und im gemeinsamen Leben anschaulich

und miterlebbar zu machen. Der „Seminarbrief“ erscheint zwei Mal

jährlich und kann durch das Sekretariat der Freien Hochschule bezogen werden.

Weitere Informationen erhalten Sie ebenfalls durch das Sekretariat oder Sie finden

sie auf unserer Webseite:

Priesterseminar

Freie Hochschule der Christengemeinschaft Stuttgart e.V.

in eigener Trägerschaft ohne staatliche Anerkennung

Spittlerstraße 15

D-70190 Stuttgart

Tel. +49 (0)7 11 / 166 83 10

E-Mail: info@priesterseminar-stuttgart.de

www.priesterseminar-stuttgart.de


Liebe Leser, liebe Freunde des Seminars,

im März haben in Stuttgart Priesterweihen stattgefunden.

Wir haben miterleben dürfen, wie zehn

unserer Mitstudenten ihre Zeit am Seminar zu einer

gewissen Vollendung gebracht haben und nun in

ihre ersten Gemeinden entsandt worden sind.

Es ist immer wieder spannend, wenn die Bemühung

um ein tieferes Verständnis des Menschenwesens in

einer Seminaristenbiografie bestimmend wird. Von

außerhalb des Seminars, von Leuten die u. U. den

Anspruch erheben, viel mehr im „vollen Leben“ zu

stehen, wird dies im Gespräch mit Seminaristen

zuweilen ja gerade als Widerspruch hingestellt: das

volle Leben und innere Arbeit. Ja, wie geht denn das:

Fördert das Studium am Seminar die Lebenslust oder

nicht? In der Gemeinschaft des Priesterseminars

stellt sich die Frage auch so: Führt die Beschäftigung

mit Religion zu einem selbstbezogenen Studium,

oder regt sie zur Gemeinschaftspflege an? Beides

gehört zum Studium am Seminar. Gerade die Frage,

wie man den Impuls der Menschenweihehandlung

mit ins Leben nehmen kann, hat sowohl mit

Gemeinschaftsbildung als auch mit dem Einzelnen

zu tun.

„Was kann ich sein für die Gemeinschaft?“ Sich

selbst zu pflegen, ist bereits ein wichtiges Stück

Gemeinschaftspflege – aber nur, wenn die Arbeit an

sich selbst auch unter dem Gesichtspunkt der Hingabe

an etwas Höheres geschieht, das im Zwischenmenschlichen

lebt. Und dieser Gesichtspunkt ist ja

ein zentraler Hinweis der Menschenweihehandlung.

Im Sinne dieser Betrachtung haben wir für diesen

Seminarbrief das Thema „Synthese“ gewählt. Wir

wollen in einigen Aufsätzen gerade solche Themen

bewegen, die Gegensätze aller Art zu Tage bringen,

und sind dabei immer darauf bedacht, die Möglichkeit

der Synthese dieser Gegensätze zu erkunden.

Es gilt ernstlich zu prüfen, ob die Gegensätze unter

sich auch schon einen genügenden Zusammenhang

haben, so dass beide zusammen dann die Synthese

tragen können.

Ich möchte noch meine Freude mit Ihnen teilen darüber,

dass unser Seminarbriefthema so gut zu dem

der internationalen Jugendtagung passt, die zu

Pfingsten in Leipzig unter dem Titel „UND – Gegensätze

denken“ stattgefunden hat. Es ist doch schön,

dass sich die Jugend der Christengemeinschaft weltweit

um ähnliche Gedanken bemüht, wie wir

Studenten am Priesterseminar sie pflegen. Es lässt

einen inneren Zusammenhang zwischen dem Studium

am Priesterseminar und der Jugendarbeit ahnen.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

Michael Sölch, 3. Trimester

Grußwort der Redaktion

3


4

Inhalt

Wege zum Seminar

Synthese

Lernen

Leben & Begegnung

Grußwort der Redaktion

Ein Seminarbriefjubiläum will gefeiert werden

Studenten des 3. Trimesters | Sommer 2013 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6

Mein Weg zum Seminar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Streiflichter aus 53 Jahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

Studenten des 6. Trimesters | Sommer 2013 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Auf der Suche nach einem Ziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12

Von draußen nach drinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14

Die Weichen neu gestellt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

Wladimir Solowjew . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18

Soll ich meines Bruders Hüter sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

Umgang mit Andersgesinnten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

Die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

Hexen und Heilige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

Referate im Sommertrimester 2013 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

Kurse im Sommertrimester 2013 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

Einige Betrachtungen zum Wort Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32

Der Entschluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34

Neugeweihte Priester . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

Vom täglichen Lernen eines werdenden Priesters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

Die Wirklichkeit der Schwelle heute . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37

Die Haut des Logos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

Steinbildhauerei in der Osterzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39

Was verbindet uns? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

Jeder Mensch ist ein verbogener Gottesname . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

Was hat Improvisationstheater mit christlicher Erneuerung zu tun? . . . . . 42

Studenten im Praktikum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44

Jugendtagung zur Priesterweihe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45

Orientierungswoche am Priesterseminar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46

Erfahrungen aus dem Rettungsdienst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

Grußwort der Seminarleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49

Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

In eigener Sache: Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass die männliche Form in der Sprache nur einen

Teil der Bevölkerung bezeichnet. Dennoch haben wir zugunsten einer besseren Lesbarkeit darauf verzichtet,

konsequent immer von AutorInnen oder Leserinnen und Lesern zu sprechen. Wir bitten Sie daher,

grundsätzlich auch die weibliche Hälfte der Bevölkerung mitzulesen und mitzudenken, wenn Sie im

Folgenden von Bewohnern, Helfern, Studenten und anderen Wesen lesen.


Erinnerung an die Zukunft –

Ein Seminarbriefjubiläum will gefeiert werden

Im 5. Trimester haben wir uns die Paulus-Briefe erarbeitet.

Im 2. Korinther-Brief (3,3) steht: „Ihr seid ein

Brief Christi,..., geschrieben nicht mit Tinte, sondern

mit dem Geist des lebendiges Gottes.“ Diese Briefe

wurden an verschiedene Gemeinden geschickt, die

Paulus abgesehen von den Römern schon kannte. Da

gab es schon einen Unterschied in der Art, wie er den

Brief den bekannten Gemeinden geschrieben hat.

Mit dem Ziel, andere Gemeinden zu erleben und kennen

zu lernen, sind einige von uns in den Ferien zu

einer Gemeindereise aufgebrochen; eine begegnungsreiche

Erfahrung, die uns bereichert hat, wie es

in dem Artikel zur Gemeindefahrt beschrieben ist. Es

gab immer dort „einen Schatzmoment“ für mich,

wenn die einzelnen Menschen von jeder Gemeinde,

die uns geduldig und herzlich zugehört haben, uns im

Kreise der Anwesenden ihre Fragen stellten. Ein

Augenblick, ein Gespräch, wie wenn man einen Brief

bekommt und langsam den Umschlag öffnet: Da

offenbart sich leise, zwischen Schweigen und Reden,

mit Scheu ein Wesen.

Als ich nach der Gemeindereise in den Ferien nochmals

im Seminar war, schaute ich noch ein wenig in

die Vergangenheit, las ein paar alte Seminarbriefe

und das Buch von Herrn Schroeder über das Seminar,

und da habe ich gelesen, wie und wann der Seminarbrief

entstanden ist.

In meinem ersten Studienjahr durfte ich einen neunzigjährigen

Mann begleiten, der im Cusanus-Haus,

einem Altenheim im Stuttgarter Umkreis, wohnte. Er

ist schon gestorben und begleitet mich irgendwie in

die Zukunft. Während des Vorlesens verschiedener

Artikel oder Bücher konnte ich spüren, wenn da

etwas Wichtiges für ihn war. Er hatte die Christengemeinschaft

mit 17 Jahren kennengelernt, und der

Name Friedrich Rittelmeyer hat in ihm sicher vieles

aus dieser Zeit erweckt. Ahnend kann ich sagen, dass

er sich von Friedrich Rittelmeyer irgendwie begleitet

fühlte.

Immer wieder, wenn ich versuche, mich mit diesem

Anfang, dem Samenzustand der Christengemeinschaft,

zu verbinden, um in die Zukunft zu schauen,

entsteht auch die Frage: Wer waren die anderen

Menschen, die das alles mit gegründet haben, aber

nicht Priester waren? Wie wäre eine Begegnung zwischen

den ersten Priesterseminaristen und den gerade

gegründeten Gemeinden gewesen? Und wie hat

sich das Gespräch zwischen diesen beiden Kreisen in

diesen 80 Jahren entwickelt? In diesem Sinn frage ich

mich nun, ob es vielleicht unter unseren Seminarbrief-Lesern

Menschen gäbe, die sich trauten, selbst

„BRIEF“ zu werden, die den Prozess der wechselnden

Priesterseminaristen über längere Zeit begleitet

haben und auch etwas aus ihrem Erfahrungsschatz

mitteilen möchten. Hoffentlich gibt es noch Erwartungen,

„Perlen“, Wünsche, Ideale oder Fragen, die

von Lesern und Seminaristen zusammen weiterentwickeln

werden könnten. Das wäre auch eine

Möglichkeit von Synthese. Für Ihre Beiträge und um

den Geburtstag des Seminarbriefs zu feiern, sind die

Türen, die Umschläge des Seminarbriefes geöffnet.

Und in der nächsten Ausgabe können wir zusammen

feiern, zusammen lesen, wenn die gesammelten

Beiträge aus dem Kreise der Leser ergänzt durch Beiträge

von heutigen Seminaristen erscheinen. Fast als

wären wir im Kreise versammelt, in einem gemeinsamen

Gespräch, schauend auf die Zukunft!

Diana Hurst

Anmerkung der Redaktion:

Im August 1933 erschien in der Zeitschrift der Christengemeinschaft

die Ankündigung des ersten Seminarbriefes als sogenannte

„Seminar-Nachrichten“. Diese sind dann wohl im September 1933

erstmals erschienen, weil im September 1934 in der Zeitschrift vom

dritten Seminarbrief berichtet wurde. Also wird der nächste

Seminarbrief sein 80. Jubiläum feiern.

Wege zum Seminar

5


Wege zum Seminar

6

Studenten des 3. Trimesters | Sommer 2013

Von links nach rechts

hinten

Von links nach rechts

vorne

Michael Sölch, 1990, Schweiz

Jaqueline Steigner, 1989, Deutschland

Martin Thiele, 1980, Deutschland

Götz Feeser, 1976, Deutschland

Till Sarrach, 1962, Deutschland

Lisa Holthaus, 1984, Deutschland

Willem Boonstoppel, 1965, Niederlande

Marcus Cheney, 1963, England

Daniel Holenweger, 1963, Schweiz

Kateryna Gagarina, 1988, Ukraine

Daiske Kaya, 1980, Japan

Margrit Brunner, 1964, Schweiz

Antonia Alves de Oliveira, 1956, Brasilien

Valentino Franzoi, 1989, Italien


Montsalvat und Golgatha

| Michael Rheinheimer, 6. Trimester

Wie jeder Weg, der zum Seminar führt, ist auch dieser

vollkommen individuell. Vielleicht braucht es aber

bei meiner Geschichte besondere Bereitschaft, ihn

innerlich mitzugehen, um mich nicht fehlzuinterpretieren.

Darum bitte ich Sie herzlich!

Im Frühjahr 2006 stoße ich auf der Suche nach einem

Thema für meine Diplomarbeit am „Deutschen Literaturinstitut

Leipzig“ auf die Gestalt des Gralsforschers

Otto Rahn, die fortan mein weiteres Leben

entscheidend bestimmen wird. Anfang der dreißiger

Jahre des vorigen Jahrhunderts war der junge deutsche

Schriftsteller in die Pyrenäen nach Südfrankreich

gereist, um zu beweisen, dass die Katharerfestung

Montségur die geheimnisvolle Gralsburg

Monsalvat gewesen ist, die Wolfram von Eschenbach

in seinem „Parzival“ beschreibt. Während politisches

Chaos und das soziale Elend der Weltwirtschaftskrise

seine Heimat Deutschland fest im Griff haben, durchforstet

Rahn die Höhlen und Burgen der uralt heiligen

Kulturlandschaften des Languedoc auf der Suche

nach einem Gralschristentum, das er mit dem gnostizistischen

Dualismus der von der römischen Kirche

verfolgten Katharerbewegung in Beziehung bringt. Er

veröffentlicht seine Forschungen in dem Buch

„Kreuzzug gegen den Gral“, durch das einige Jahre

später Heinrich Himmler auf ihn aufmerksam wird,

der seine Ergebnisse ideologisch umzumünzen versucht.

So landet der verarmte Schriftsteller im persönlichen

Stab des Reichsführers SS.

Von nun an nimmt sein Leben eine tragische Wende.

Wesen und körperliche Voraussetzungen Rahns lassen

sich bald nicht mehr mit den unmenschlichen

Anforderungen an einen SS-Mann vereinbaren.

Denunziationen und kompromittierende Äußerungen

über sein Privatleben treiben ihn immer weiter in die

Enge. Man steckt ihn zur Abhärtung in die Wachmannschaften

der Konzentrationslager Dachau und

Buchenwald, wo er innerlich zerbricht. Verzweifelt

bittet er um Entlassung aus der Schutzstaffel. Hein-

rich Himmler und Gestapochef Heydrich stellen ihn

vor die Wahl: Selbstmord oder KZ. Im März 1939

nimmt er sich in den Bergen Tirols das Leben, in der

Nähe eines alten keltischen Sonnenheiligtums, der

Hohen Salve. Soweit der offizielle Stand der Forschung.

In den kommenden Jahren durchstöbere ich Archive,

recherchiere, befrage die letzten noch lebenden Zeitzeugen,

reise und besuche dabei möglichst jeden Ort,

an dem der Gralssucher Spuren hinterlassen hat. Ich

will darüber einmal einen Roman schreiben oder eine

Biografie: die Geschichte eines modernen Parzival,

der auszieht, den Heiligen Gral zu suchen und in

einer zweiten Aventiurekette durch das Reich des

bösen Zauberers Klingsor muss. Für dieses Thema bin

ich gewissermaßen prädestiniert. Es gibt da nämlich

seit der Begegnung mit dem Sagenkreis der Gralsund

Artusmythen schon in frühen Waldorfschultagen,

über die Auseinandersetzung mit dem Faust-

Stoff während einer mehrjährigen Tätigkeit als

Regieassistent am Theater einen geheimen Faden in

meinem Leben, der mich immer wieder zu denselben

Themen und Motiven leitet. Zugleich wird mich aber

auch das ausführliche Studium der Anthroposophie

während meiner Forschungen als helfender und

sicherer Leitfaden begleiten, um mich immer weiter

in das Thema zu vertiefen und das Wesentliche unter

all dem Schmutz und all der Dunkelheit zu erkennen

und herauszuarbeiten. Denn Otto Rahns Suchen und

Ringen drehen sich zeitlebens um das Kerngeheimnis

des Christentums, die Frage nach der Menschwerdung

und Auferstehung Jesu Christi. Christus wurde

nicht Mensch, schreibt er anfangs in seinem „Kreuzzug“,

in dem er noch ganz der dualistischen Weltsicht

der Katharer anhängt. Ein menschlicher Körper kann

nicht sterben und in den Himmel kommen. Gleichzeitig

kreist sein Denken aber immer wieder um die

Frage, wie der Paraklet, der tröstende Kuss Gottes, die

durch Luzifer gefallenen Menschenseelen anstelle

des alten Adam wieder erlösen kann.

Wege zum Seminar

7


Wege zum Seminar

8

… Mein Weg zum Seminar

Bei meinen Recherchen im Berliner Bundesarchiv

finde ich in Rahns Personalakte schließlich Briefe von

ihm an Himmler, die ein erweitertes, offenbar neues

Verständnis dieser Fragen nahelegen. Er schreibt da,

er sei nach jahrelangen Forschungen auf ganz große

Überraschungen gestoßen und kündigt – streng vertraulich

– dem Reichsführer ein Buch mit dem Titel

„MONTSALVAT UND GOLGATHA“ an. In einem weiteren

Brief berichtet er ihm mit bemerkenswerter

Unbekümmertheit von einem Roman über den christlichen

Märtyrer Sebastian, der ihn seit Jahren zutiefst

beschäftige und in welchem er die Quintessenz seiner

bisherigen Erkenntnisse und Thesen niederlegen

wolle.

Was eine solche Entwicklung eines Menschen zum

Christentum hin in Himmler ausgelöst haben muss,

lässt sich nur erahnen. Beobachten kann man aber,

wie man den wegen seines Privatlebens angreifbaren

Rahn von nun an innerhalb der SS zu brechen versucht,

worüber Himmler penibel Tagebuch führt. Ein

mephistophelischer Kampf um die Seele eines

suchenden Menschen entbrennt, der sich in die

Finsternis begeben hat und darin immer mehr zum

Licht erwacht. Die beiden Werke, in denen Rahn über

Golgatha und den Heiligen Sebastian schreiben will,

sind spurlos verschwunden, wahrscheinlich sogar

vernichtet worden. Stattdessen wird unter seinem

Namen ein Buch veröffentlicht, das sich in großen

Teilen weder stilistisch noch inhaltlich mit ihm in

Einklang bringen lässt, auch wenn es auf seinen

Reisetagebuchblättern basiert. Schließlich wird er

von Himmler persönlich in die SS-Totenkopfverbände

abkommandiert. Zur Reichskristallnacht ist er im

Lager Buchenwald stationiert. Einem Freund vertraut

er an: „Ich kann nicht sagen, wo ich war“. Ich habe

Dinge gesehen, mit denen ich nicht fertig werde.

Wenige Monate später finden Kinder beim Spielen

neben einem Bachbett in den Bergen Rahns Leiche.

Viele Menschen sind von dieser Geschichte berührt

und fordern mich auf, davon zu erzählen. Das verdeutlicht

den geistigen Kampf, der hinter den äußerlich

wahrnehmbaren Ereignissen der Geschichte

stattfindet, sagen sie. Andere greifen mich deswegen

an. Du versuchst, jemanden zu rechtfertigen, der sich

mit den Nazis eingelassen hat, heißt es. Der Vorwurf

trifft mich deshalb, weil er ja nicht von der Hand zu

weisen ist. Trotzdem fühle ich mich der Geschichte

dieses Menschen verpflichtet. Im Evangelium wird

immer wieder davon gesprochen, dass vor der

Wiederkunft des Menschensohnes der satanische

Widersacher die Menschen durch Zeichen und

Wunder verführen wird. Es gibt die großen Zeugen

dieser Wiederkunft wie Hermann Kükelhaus, Albrecht

Haushofer oder Jaqcues Lusseyrant, die wachsam

waren und standhaft geblieben sind. Es gibt die

Menschen des Chaos, die sich dem Abgrund verschreiben

und allen Versuchungen zum Bösen ausgesetzt

sind, und dann gibt es auch noch die, über die

Jesus sagt: „ … dass womöglich auch jene verführt

werden können, in denen das höhere Sein schon lebt“.

Ich meine, die Geschichte Otto Rahns ist die


Geschichte eines solchen Verführten, auch wenn er

aus diesem höheren Sein heraus am Ende erkennen

muss, dass er der falschen Seite gedient hat. Was mir

in meiner Arbeit auf der Seele brennt, ist nicht, ihn

dafür zu verurteilen, sondern die Frage, was daraus

werden kann. Was ist aus Paulus geworden, nachdem

er vor Damaskus im Staub gelegen hat? Was ich

damit sagen will: Otto Rahns Grals- und Christussuche

war längst zu meiner eigenen geworden. In

meiner Diplomarbeit habe ich über das Thema

Streiflichter aus 53 Jahren

| Sylvia Momsen, 3. Trimester

Kindheit

Berlin, im Altenheim, sommerliche Hitze, ein Kind

wird geboren. Da bin ich, du schöne Welt! Alles tut

weh (Polio 2 J.), auf Mutters Arm ist alles gut. Vater

fährt die große Bohnermaschine, auf der ich stehe,

durch die Räume der Christengemeinschaft. Er

schneidet die Kerzen am Altar, ich sitze unter der

Kanzel. Den Teppich am Altar betreten wir nie. Wir

sprechen leise, auch im Aufbahrungsraum, schauen

auf den Verstorbenen, Vater erzählt aus dessen

Leben. Ich liebe diesen Ort, staune über die Veränderungen

des Leibes. Schweres Gewitter nachts, alle

gehen in die Kirche.

Eine Mutter weint sich bei meiner Mutter aus! Das

schmerzt tief, tief im Herzen. Wie groß muss ein Leid

sein, wenn eine Mutter weint! Einen Menschen, der

Angst hat, lässt man nie allein, sagt Mutter zu mir.

Sonntag, herausgehoben, während der Menschenweihehandlung,

tiefer Friede erfüllt die Kinderseele

außen vor der Kirchentür. Nachmittags treffen sich

die Familien, trinken Kaffee, reden und lachen. Der

geschrieben. Ein Roman oder eine Biografie ist es

nicht geworden, vielmehr bin ich selbst das Ergebnis

dieser Arbeit.

Oft werde ich jetzt gefragt: „Vom Theater und von der

Literaturszene ans Priesterseminar der Christengemeinschaft

– ist das nicht ein ziemlicher Bruch in

deinem Leben?“ Von außen sieht das wahrscheinlich

so aus. Für mich selbst könnte der Schritt folgerichtiger

nicht sein.

große Gemeindegarten ist voll von fröhlichen Kindern.

Auch die Pfarrer machen mit beim Ballspielen.

Beim Abendbrot ist die Familie selten allein.

Weihnachten. Rudolf Frieling spricht. Ich sitze ganz

still hinten in der Kirche. Gewaltig tönen seine

Worte, ergreifen mich, lassen mich nicht mehr los:

Cherubim und Seraphim! Später sitzt er bei uns am

Tannenbaum, bescheiden und mit Augen erfüllt von

liebevoller Wärme.

Schule: ich bin glücklich über alles Neue. Lerne und

schaffe gerne. Doch dann: Ungerechter Weise der

Lüge bezichtigt, wird mein rebellischer Geist geboren.

Jugend und Berufsfindung

Neunjährig: Vor mir liegt ein Neugeborenes eine

Stunde alt, ich habe das Gefühl unerschöpflichen

Glückes. Mein erster Beruf klopft an, Hebamme!

Zwölf Jahre alt: Ostverträge, wir dürfen durch die

Mauer nach Ost-Berlin. Eines Tages steht Willy

Brandt vor mir und fragt mich, was ich werden will.

Mein zweiter Beruf klingt an, Politikerin. Dann:

Konfirmation, Jugendtagungen. Mutter erkrankt an

Wege zum Seminar

9


Wege zum Seminar

10

... Streiflichter aus 53 Jahren

Krebs. Pflege, Haushalt. Sie geht ganz bewusst auf

den Tod zu, bereitet mich und meine Schwester darauf

vor. Die Gemeinde verliert einen Menschen voll

unerschöpflicher Wärme, des selbstverständlichen

Dienens, des eigenständigen Denkens und Handelns.

17 Jahre alt: Orientierungskurs am Priesterseminar.

Ein dritter Beruf steht vor mir. Doch erst in die Welt:

Aupair in Frankreich im Altersheim. Dann Praktikum

Psychiatrie, dort auf dem Bauernhof begeistertes

Kühemelken, Ausmisten, Heumachen.

Wieder in Berlin: Hebammenausbildung, Freuden und

Leiden, Geburt und Tod, ganz nah. Schließlich: Priesterseminar

Grundstudium, Referat halten. Angst. Dr.

Benesch schaut mich gütig an. Die Gedanken formen

sich, und es gelingt.

Familienzeit

Heirat. Mein Mann ist Pfarrer. Ich übernehme den

weltlichen Teil, er den religiösen. Drei Kinder bereichern

fröhlich die Familie und beschäftigen die

Mutter. Mehrfach ziehen wir um, bauen immer wieder

neu einen sozialen Umkreis auf. Der Vater ist selten

für uns da. Ich leide darunter, bin oft ungeduldig,

unzufrieden und auch ungerecht ihm gegenüber. Ich

suche eine Arbeit, die sich mit dem Lebensalltag

einer Pfarrfamilie verbinden lässt. Erlerne die

Massage, werde Heilpraktikerin, engagiere mich für

die Grünen und sitze als Abgeordnete im Stadtparlament

von Frankfurt, wohin „wir“ entsandt wurden.

Die Ehe zerbricht und vieles in mir. Doch das

Leben geht weiter, und die Kinder gehen ihre eigenen

Wege.

Und nun?

Die Selbständigkeit bringt neue Sichtweisen, auf

mich und mein Leben.

Vor einem Jahr, auf dem Weg ins Kino. Eine

Schlägerei direkt vor mir. Von Messerstichen lebensgefährlich

verletzt liegt ein Mann am Boden. Ich leiste

erste Hilfe. Er wird grauer und grauer, verliert

immer mehr Blut. „Vater unser ..., Herrgott noch mal,

lass den jetzt bloß nicht sterben!“ Er überlebt.

Irgendwie fühlt sich das eigene Leben auf einmal

ganz anders an. Ich denke viel nach. Schaue auf

meine Lebensfäden, den medizinischen, den politischen,

den religiösen. Die ersten beiden habe ich

intensiv gelebt. Doch den religiösen? Hatte ich ihn

vergessen? So hat mich die Frankfurter Unterwelt

nach 30 Jahren wieder hier ans Priesterseminar

gebracht. Altvertraute Räume, neue Menschen und

unendlich viele neue Gedanken und Erlebnisse. Die

Zukunft? Sie ist immer unbekannt, doch ein Weg

liegt jetzt sichtbar vor mir. Wo er wohl hinführt?


Studenten des 6. Trimesters | Sommer 2013

Von links nach rechts Anka Kruczek, 1977, Polen

Helge Tietz, 1975, Deutschland

Michael Rheinheimer, 1978, Deutschland

Astrid Bruns, 1970, Deutschland

Rose Steinberg, 1985, Deutschland

Viviane Malena Trunkle, 1964, Brasilien

Diana Hurst, 1977, Argentinien

Julian Rögge, 1984, Deutschland

Mette Weinhard, 1962, Dänemark

Sylvia Momsen, 1959, Deutschland

Wege zum Seminar

11


Wege zum Seminar

12

Auf der Suche nach einem Ziel

| Valentino Franzoi, 3. Trimester

Ich bin in Trento/Italien geboren. Mein Leben hat

nicht in einem anthroposophischen Umfeld angefangen.

Ich wurde zum staatlichen Kindergarten

geschickt und erst gegen Ende meiner Zeit im

Kindergarten lernte meine Mutter die Anthroposophie

kennen. Danach hatte ich das Glück, noch

einen Waldorf-Kindergarten besuchen zu können,

und bin erst mit sieben Jahren in die Waldorfschule

eingeschult worden. Die Anthroposophie verschaffte

sich immer mehr Platz innerhalb meiner Familie, und

durch die Stimmung bei mir zu Hause und die Stimmung

in der Schule lernte ich, die Welt lieb zu haben.

Respekt gegenüber der Erde zu haben, gelang mir

spontan, weil alles, was auf der Erde lebt, eigentlich

ein Geschenk für uns Menschen ist.

Ich bin mit der Anthroposophie aufgewachsen, ohne

zu wissen, was sie ist. Ich sah bei mir zu Hause viele

Bücher darüber, aber mein Interesse dafür war nicht

wach. Meine Mutter ist diejenige, die nach diesem

besonderen Wissen gestrebt hat, und sie hätte mir

gewiss gerne davon erzählt, wenn ich sie gefragt

hätte. Das hat bei mir eine Weile gedauert.

Sie hatte die Meinung: Was Rudolf Steiner in seinen

Bücher geschildert hat, das ist das wahre Leben und

das ist, wie das Leben gelebt werden muss; doch man

kann nur über Anthroposophie sprechen, wenn die

Leute selbst Interesse haben und nach diesem Wissen

fragen.

Als Kind konnte ich immer staunen über die Schönheit

der Natur, für mich war es ein Wunder zu entdecken,

wie schön die Welt ist, wie von den größten

Dingen bis zu den kleinsten alles zusammenpasst

und einer höheren Harmonie angehört. Stundenlang

konnte ich die Landschaft von Trentino betrachten.

Ich habe immer den erfrischenden Duft nach dem

Regen gerochen. Der Sonnenuntergang und die

Blumen auf den Wiesen ließen in mir ein Gefühl von

Dankbarkeit entstehen. So litt ich auch jedes Mal,

wenn ich entweder im Radio oder im Fernseher

hörte, wie Menschen schlecht mit der Erde umgehen,

sie diese kaputt machen, und ich dachte mir

dabei: Wenn die Schönheit der Natur irgendwann

nicht mehr zu beobachten wäre, dann würde das

Leben keinen Spaß mehr machen. Deswegen entschied

ich mich, nach meiner Zeit auf der

Waldorfschule in Richtung Naturschutz weiter zu

gehen. So entschloss ich mich, ins Vermessungstechniker-Gymnasium

zu gehen. Zeichnen konnte

ich nicht schlecht und dachte: Wenn ich in meiner

Zukunft umweltfreundliche Häuser planen würde,

wäre das auch ein guter Weg, um etwas gegen die

Umweltverschmutzung zu tun. Nach dem Abitur

nahm ich ein Jahr Pause, um besser auf meine

Zukunft zu schauen, und ging an den Bodensee, wo

ich ein Jahr lang in einer Camphill-Einrichtung mit

seelenpflegebedürftigen Jungen arbeitete. Das war

eine wunderschöne Erfahrung: ein neues Land, ein


neues Leben, eine neue Sprache – viele Herausforderungen.

Ich konnte wirklich alles erreichen, was die

Leute von mir erwarteten. Das Leben im Camphill

hatte mich auch begeistert, aber ich fühlte in mir

nicht einen besonderen Ruf wie z.B.: „Ja Valentino,

das kannst du wirklich im Leben machen!“ So ging

ich wieder nach Italien zurück und bewarb mich an

der Uni für Umweltingenieurwissenschaft, um meine

Ideale in Richtung Naturschutz weiterzubringen. Ich

fand auch interessant, was man da lernen konnte.

Aber dieses Studium erfüllte mich nicht. Mein Kopf

war voll von allen möglichen mathematischen

Formeln, aber meine Begeisterung für den zukünftigen

Beruf als Ingenieur war nicht so groß. Viele

Fragen, die unbeantwortet blieben, brachten mich

dazu, das Studium nach einem Jahr abzubrechen. Es

war gerade Sommer, als ich der Anthroposophie

begegnen durfte. Ich arbeitete auf einem Bauerhof,

wo ich zum ersten Mal in meinem Leben mit der biologisch-dynamischen

Landwirtschaft tatsächlich zu

tun hatte und mit den Präparaten. Was ich da

gelernt habe, weckte in mir den Wunsch, mich weiter

darüber kundig zu machen. Bei mir zu Hause

fand ich ein Buch von Rudolf Steiner dazu, und so

lernte ich ein bisschen, wie seine Gedanken über die

Erde sind.

Weil das Jahr am Bodensee so schön gewesen war,

kehrte ich wieder nach Deutschland zurück, dieses

Mal aber nach Stuttgart ans Jugendseminar. Dieses

Jahr ist so veranlagt, dass junge Leute aus der ganzen

Welt zusammenkommen können, um in die

Anthroposophie und ihre verschiedenen Anwendungsbereiche

eingeführt zu werden. So können sie

Impulse bekommen, die ihre Berufsauswahl begleiten

und inspirieren. Es war ein sehr schönes Jahr in

Begegnung mit vielen Dozenten und Themen. Am

Ende des Jahres hatte ich einige Ideen für meine

Zukunft, die aber werde ich jetzt nicht verraten.

In Italien kannte ich schon seit Langem die

Christengemeinschaft, in der ich auch konfirmiert

worden war. Weil ich noch nicht ganz sicher über

mich selbst und meine Aufgabe in der Welt war, griff

ich gern den Vorschlag auf, am Priesterseminar vorbeizuschauen.

Es wurde mir beschrieben als ein Ort,

wo die Menschen durch diese christliche Ausbildung

lernen, was es genau bedeutet, „Mensch zu werden“,

und wie mit Hilfe der Anthroposophie dieses

Menschwerden sich immer vertieft, sodass die Menschen

wirklich offen werden, neue geistige Impulse

für ihr Leben aufzunehmen. Ziemlich neugierig hospitierte

ich also ein paar Tage am Priesterseminar. So

war mein Weg zum Seminar. Um mich selbst noch

tiefer kennenzulernen, kam ich ins Priesterseminar,

wo ich nun fast schon ein ganzes Jahr bin. Und versuche,

etwas daraus zu machen – mit dem, was ich

da studiere …

Wege zum Seminar

13


Wege zum Seminar

14

Von draußen nach drinnen.

| Willem Boonstoppel, 3. Trimester

Am Weihnachtsabend ging meine Mutter mit mir ein

einziges Mal, ich war damals acht Jahre alt, zur

katholischen Messe. Was da drinnen geschah, daran

habe ich kaum Erinnerungen. Aber draußen vor der

Tür gab es einen Weihnachtsstall mit riesigen, dunkelbraunen

Holzfiguren. Da hat Joseph mich ganz

ernsthaft angeschaut und einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Wie verzaubert stand ich da. Und eigentlich

ist es immer so geblieben: Das, was innerhalb

der Kirche stattfand, hat mich nie so richtig beeindrucken

können, das, was außerhalb zu beobachten

war, umso mehr.

Eine religiöse Erziehung bekam ich nicht. Nicht in

dem Sinn, dass wir uns als Familie zu einer Religion

bekannten, in die Kirche gingen oder ein Tischgebet

sprachen. Es gab Religionsunterricht im Gymnasium,

aber wirklich gut aufgepasst habe ich wahrscheinlich

nicht. Das Singen im Chor der Evangelische

Kirche hat mir Spaß gemacht, weil so viele Freunde

auch daran beteiligt waren; die Texte fand ich immer

ein bisschen merkwürdig.

Als ich 15 Jahre alt war, ist mein Vater gestorben.

Meine Mutter konnte das kaum ertragen, sie hat

damals versucht, mir die Verantwortung zu übergeben.

Selber hatte sie nie so richtig gelernt, wirklich

das Leben zu ergreifen und etwas daraus zu machen.

Diese Aufgabe war für mich zu schwer. Erst viel später

habe ich verstanden, dass es natürlich eine

unmögliche Aufgabe war, die ich gar nicht erfüllen

konnte. An meinem achtzehnten Geburtstag zog ich

aus, ich wollte so weit weg wie möglich vom

Elternhaus gehen, ohne über die Landesgrenze zu

stolpern.

So fingen die Schelmenjahre an, wo ich genau dasjenige

versuchte, was meiner Mutter nie gelungen

war: das Leben zu ergreifen und etwas daraus zu

machen, aber ohne dass ich mir viel Mühe gab, mich

in die Umwelt einzufügen. Eher war es umgekehrt,

das Leben sollte sich mir anpassen.

Musiker wollte ich werden, spielte Bass und

Schlagzeug in einer Rockband. Es war mir vollkommen

unverständlich, dass wir nicht sofort zu großer

Berühmtheit und Reichtum aufstiegen! Oder Maler,

ich malte nächtelang und war sehr enttäuscht, als

sie mich mit meiner jugendlichen Ungeduld in der

Kunstakademie nicht haben wollten. Also dann,

Schriftsteller sollte ich sein! In wenigen Wochen

schrieb ich einen Roman und sandte ihn an einen

Verlag. Und wieder war ich überrascht, dass ich das

Manuskript – zwar begleitet von guten Kommentaren

– wieder zurück bekam mit dem Rat, es noch

einmal zu versuchen.

In dieser Zeit begegnete ich meiner ersten Gattin,

und in den Künstlerkreisen von damals machte es

einfach Spaß, ein großes Fest zu veranstalten und zu

heiraten. Dieses hektische Leben war ganz schön

anstrengend. Und etwas Wichtiges fehlte. Was das

wohl war, konnte ich nicht so genau sagen. An einem

Tag kam bei einem unserer Konzerte jemand aus dem

Publikum auf mich zu, ganz betrunken, aber vielleicht

deswegen ehrlich und frei. Er erzählte mir, wie

schmerzhaft es für ihn war, dass wir so viel Unzufriedenheit

ausstrahlten. Es kam wie ein Blitz: Jetzt

muss sich etwas ändern.

Als ich meiner zweiten Frau begegnete war es sofort

klar; sie sollte die Mutter meiner Kinder sein. Dieses

Gefühl war gegenseitig, und innerhalb von sechs

Jahre wurden unsere beiden Kinder geboren, eine

Tochter und ein Sohn. Wir gründeten eine richtige

Familie mit Kindern, Hund und Auto und hatten ein

schönes kleines Häuschen in einem schönen kleinen

Dorf. Einen richtigen Beruf fand ich schließlich auch

noch. Bei einem Großhändler für ökologische

Lebensmittel wurde ich allmählich eingeführt in ein

umweltbewusstes Denken und ein wirtschaftliches

Handeln. Etwas ganz Wichtiges war aber noch

immer nicht da.

All diese äußerlichen Sachen, die man unbedingt

haben soll, um glücklich zu sein, reichten mir ein-


fach nicht. Dann habe ich angefangen zu suchen.

Innerlich spürt man ja schon, dass es etwas mehr

gibt zwischen Himmel und Erde, aber hinter jeder

geöffneten Tür fand ich zwar viel Wertvolles, aber

nie dasjenige, was bei mir wirklich diese Erfahrung

vom Weihnachtsstall hätte wiedererwecken können.

Auch meine Frau erfuhr eine Lehre in unserem Leben,

sie aber glaubte, die Lösung außerhalb unsere Beziehung

finden zu können und zog mit unseren beiden

Kindern weiter. Da war ich plötzlich allein mit

meinem Hund und meinem Häuschen – ratlos und

unglücklich.

In meiner Tätigkeit als Verkaufsmitarbeiter begegnete

ich Lucienne, der Mitarbeiterin in einem Naturkostladen,

und wir wurden während unserer geschäftlichen

telefonischen Gespräche gute Freunde.

Diese Gespräche nahmen, ohne dass wir es selbst

recht bemerkten, immer mehr einen anthroposophischen

Charakter. Über Rudolf Steiner erzählte sie

und die Waldorfschule, biologisch-dynamische

Landwirtschaft, Eurythmie … Das war mir alles bis

dahin völlig unbekannt, aber jedes Mal klingelte da

irgendein Glöckchen in mir. Etwas in mir wurde

berührt, sprach von dem Wahren, dem Guten, dem

Schönen. Daneben gab es natürlich noch viel mehr

zu besprechen, und allen Kollegen war schon lange

klar, wohin das führen würde …

Am Silvesterabend 2005 waren wir dann zusammen

in meinem kleinen Haus. Lucienne erzählte von der

Christengemeinschaft, da gab es so ein kleines

Kirchlein, in das sie immer schon hatte gehen wollen,

wozu sie aber nie den Mut gefunden. Etwas von

meinem früheren Sturm und Drang war noch lebendig,

und schon am nächsten Tag, dem ersten Januar,

saßen wir beide in der Menschenweihehandlung.

Wie ist es möglich, dass man 40 Jahre in der Welt

herumwandert und erst dann bemerkt, wo man zu

Hause ist? Dass alles, was man an Spiritualität

gesucht hat und dessen Vorhandensein man ahnte,

sich plötzlich auf einer Stelle finden lässt?

Nach diesem Tag ging es relativ schnell. Mitglied

wurden wir im Jahr 2007 zusammen am Michaelstag.

Das Sakrament der Ehe empfingen wir zwei

Jahre später, auch in der Michaelizeit. Als Hausmeister-Ehepaar

lernten wir die Gemeinde von innen

und außen kennen. Und immer war da eine Stimme

im Hintergrund, die jeden Tag gesprochen hat,

manchmal leise, manchmal sehr laut: Ob es vielleicht

auch möglich sein könnte, dass eines Tages,

später… ja, dass ich wirklich wissen würde, was

meine Aufgabe in diesem Leben sein könnte. Kein

Rockstar, aber vielleicht etwas Musikalisches. Kein

Maler, aber vielleicht etwas Bildhaftes. Kein

Schriftsteller, aber vielleicht etwas im Umgang mit

dem Wort.

Nicht mehr draußen vor der Tür, staunend über einen

beeindruckenden Joseph, aber drinnen, in der Kirche,

weiter suchend und arbeitend mit dem Wahren, dem

Guten und dem Schönen. Deswegen bin ich jetzt hier

am Seminar, lauschend und dem nachspürend, ob

diese Stimme recht hat, ob sie mich lenken kann von

draußen nach drinnen.

Wege zum Seminar

15


Wege zum Seminar

16

Die Weichen neu gestellt...

| Margrit Brunner, 3. Trimester

Es kommt vor, dass ich mich heute noch manchmal in

den Arm kneife, um sicher zu gehen, dass ich mich

tatsächlich am Priesterseminar befinde. Bis vor etwa

dreieinhalb Jahren wusste ich nicht einmal, dass es

die Christengemeinschaft überhaupt gibt, obwohl ich

in meiner Heimatstadt Zürich bereits des Öfteren am

wunderschönen Haus der Gemeinde in der historischen

Altstadt vorübergegangen war. Ich erinnere

mich sogar, einmal das Gemeindeprogramm im Aushang

studiert zu haben. Was da stand, weiß ich nicht

mehr. Sehr angesprochen fühlte ich mich wohl nicht.

So war es bei mir, wie bei vielen anderen Menschen

auch – durch einen Schicksalsschlag wurde ich

unsanft wachgerüttelt und nahm meine für längere

Zeit unterbrochene Suche nach einer lebendigen,

weltzugewandten Spiritualität wieder auf. Damals,

im Spätherbst 2009, lag mein Mann, ein chilenischer

Kunstmaler, mit einer fortgeschrittenen Krebserkrankung

in einer anthroposophischen Klinik. Für die Anthroposophie

an sich hegten wir kein Interesse,

jedoch war uns der ganzheitliche medizinische

Ansatz sehr wichtig. Mein Mann war ein tiefreligiöser

Mensch, der sich aber keiner Bekenntnisgemeinschaft

zugehörig fühlte. Er bezeichnete sich

stets als „christlicher Freidenker“. Wir hatten glücklicherweise

keine Scheu, über den Tod miteinander zu

sprechen, und so thematisierten wir auch unsere

Vorstellung einer idealen Bestattung. Er meinte, dass

er eine Rede verfassen würde, die ich dann an seinem

Grab vorlesen könne, und danach solle ein fröhliches

Fest stattfinden. Er wünschte ausdrücklich keinen

Pfarrer bei seiner Beerdigung. Seinen Wunsch konnte

ich zwar gut verstehen, jedoch konnte ich mich gar

nicht mit der Idee einer Bestattung ohne Kultus

anfreunden.

Ich nahm mir nun die Zeit, im Internet nach Ant–

worten auf meine Frage nach einer kultischen

Bestattung für Menschen ohne Religionszugehörigkeit

zu fahnden. So stieß ich auf die Christengemeinschaft.

Auf meine Mailanfrage erhielt ich von der

Gemeindehelferin den Rat, doch einen der Pfarrer

telefonisch zu kontaktieren, dies verbunden mit einer

Einladung zur Teilnahme an einer Menschenweihehandlung.

Da es mir innerlich zutiefst widerstrebte,

mit einem mir unbekannten Menschen zu telefonieren

und dies noch dazu in einer eher schwerwiegenden

Angelegenheit, beschloss ich, erst einmal unverbindlich

an einem solchen Gottesdienst teilzunehmen.

So stand ich eines trüben, kalten Novembermorgens

vor dem Eingang der Zürcher Gemeinde. Ich

öffnete die Türe und fand mich in einem langen

dunklen Flur wieder, an dessen Ende sich noch eine

weitere Türe befand. Auch diese Türe hinter mir lassend,

passierte ich einen Hof, an dessen Ende wiederum

eine Tür zum Kirchenvorraum zu durchschreiten

war. Dann endlich befand ich mich zum ersten Mal

im Weiheraum, der mir in seiner düsteren, unheimlichen

Stille sehr missfiel. Die Menschenweihehandlung

fand statt, und ich beschloss, kein zweites Mal

hinzugehen - so befremdend fühlte sich das Ganze

an. Doch ein im Gemeindeprogramm angekündigter

Kurs zur Begleitung Sterbender und Verstorbener

fand mein Interesse. Ich ging hin und führte dann in

der Folge auch ein erstes Gespräch mit der Pfarrerin,

die diesen Kurs leitete. Es tat mir in der Seele wohl,

endlich auf ein Gegenüber zu treffen, das verstand

wie ich mich fühlte. Aus diesem Grund schlug ich am

folgenden Tag meinem Mann vor, sich doch zu öffnen

für ein Gespräch mit einem Pfarrer der Christengemeinschaft.

Zu meinem großen Erstaunen stimmte er

meinem Vorschlag sofort zu. Leider konnte der vereinbarte

Besuch nicht mehr stattfinden, da mein

Mann, sich innerlich treu bleibend, drei Stunden vor

dem Termin die Schwelle zur geistigen Welt überschritt.

Er wurde trotzdem kurz vor Weihnachten

2009 mit dem Kultus der Christengemeinschaft

bestattet. Ich bin sehr dankbar dafür und auch überzeugt,

dass es schließlich so auch für meinen Mann

stimmig war. Es eröffneten sich dadurch auch für

mich neue Wege, und ich wollte erfahren, welche

Antworten auf meine vielen Fragen denn mit Hilfe


der Anthroposophie zu finden sind. Das spannende

Resultat dieser Forschung war – hinter jeder gefundenen

Antwort verstecken sich neue Fragen. Ich

durfte nun die Christengemeinschaft in ihrer großen

Fülle erfahren - in den Sakramenten, im gemeinschaftlichen

Wirken und Arbeiten und in der Suche

nach Erkenntnis.

Eine große Entdeckung war für mich der weltumspannende

Aspekt der Bewegung. Ich durfte teilnehmen

an den Feierlichkeiten zur Gründung der Christengemeinschaft

in Spanien und in Ungarn. Mich zu

verbinden mit Menschen aus vielen Nationen und

Kulturen, die den Christusimpuls auf Erden verwirklichen

wollen, war für mich ein Riesengeschenk. Anfang

2012 fiel mir dann der Stuttgarter Seminarbrief

in die Hände, den ich sogleich mit großem Interesse

verschlang. Besonders die Berichte unter der Rubrik

„Wege zum Seminar“ hatten es mir angetan. Ich entnahm

daraus, dass Menschen mit ganz verschiedenen

Werdegängen, Berufen und Schicksalen den Weg

ins Priesterseminar gefunden haben und dass sich

auch schon ein paar ältere Semester unter die

Studentenschar reihten. Mich beschäftigte schon

länger die Idee, ein anthroposophisches Studium aufzunehmen,

und auch der Gedanke, ob meine langjährige

Arbeit für die Schweizerischen Bundesbahnen

mich wirklich noch in die Zukunft tragen kann oder

ob eventuell noch andere Herausforderungen auf

mich warten, ließ mich nicht zur Ruhe kommen.

Meine Arbeit am Flughafenbahnhof in Zürich war

durchaus interessant – aber kam in ihr wirklich meine

wahre Lebensaufgabe zum Tragen? So reifte in mir

der Impuls, besonders nach dem Tod meiner Mutter,

deren letzte Erdenzeit so unendlich viel schwieriger

war als die meines Mannes, jetzt nicht mehr zuzuwarten,

sondern die Sache in Angriff zu nehmen und

Grundsätzliches in meinem Leben zu ändern. Ich raffte

mich auf und sandte dem Seminar eine Mail mit

der Bitte, mir doch bitte die Daten für alle geplanten

Orientierungswochen zuzusenden. Es kam eine sehr

freundliche Antwort mit dem Hinweis, dass ich mich

gerne für die Orientierungswoche im Februar anmelden

dürfe, falls – ja falls ich noch nicht älter als 45

Jahre alt sei. Nun war ich zu dem Zeitpunkt bereits

47 Jahre alt, und so schrieb ich dann zurück, dass ich,

falls mein Alter wirklich ein Hindernis sei, bereit sei,

bis zu meiner nächsten Inkarnation zu warten. Und

dann ging es Schlag auf Schlag: Ich durfte eine

Orientierungswoche im Sommer besuchen, und die

Seminarleitung war bereit, mir einen Einstieg ins

Studium im zweiten Trimester zu ermöglichen, da

meine Kündigungsfrist bei der Bahn sechs Monate

betrug. Für diese Möglichkeit bin ich unendlich dankbar,

ich habe zusammen mit zwei weiteren Kollegen

das Studium im Januar begonnen und bin begeistert

vom Geist der im Seminar herrscht.

Ich freue mich sehr, dass hier „mit Kopf, Herz und

Hand“ (Pestalozzi) gelernt werden darf. Wohin mich

der Weg führen wird, ist noch nicht bekannt, aber eins

weiß ich bestimmt: Die Möglichkeit, hier an diesem

besonderen Ort einige Zeit verbringen zu dürfen, wird

meine Sicht auf die Welt verändern und meinen künftigen

Lebensweg sinngebend befruchten.

Wege zum Seminar

17


18

Synthese

Wladimir Solowjew

| Kateryna Gagarina, 3. Trimester

Wladimir Solowjew ist ein Mensch, dessen Leben und

Werk ein Beispiel für das Synthese-Prinzip ist. Er hat

Gegensätze wie die östliche und die westliche

Theologie, die Gnosis und die Mystik sowie die pantheistische

und die rationalistische Philosophie vereint.

Er hat den deutschen Idealismus und das naturwissenschaftliche

Denken des 19. Jahrhunderts aufgenommen

und hat sie in seinem System einer „positiven

christlichen Philosophie“, durch das er die

ewige Wahrheit des Christentums in eine ihr angemessene

geistige Form bringen wollte, miteinander

verflochten. „Seine Weltanschauung strömt eine

wunderbare Seelenwärme aus. Die Philosophie wirkt

wie religiöse Betrachtung; die Religion wirkt wie in

der Seele erlebte Philosophie.“ 1

Wladimir Solowjew wurde am 16. Januar 1853 in

Moskau geboren. Schon mit 20 Jahren hat er in

einem Brief an seine Kusine Jekaterina Romanowa in

folgenden Worten seine Lebensaufgabe festgehalten:

„…den ewigen Inhalt des Christentums in eine neue,

ihm gemäße Form, d.h. in eine unbedingt vernünftige

Form zu bringen. Dafür muss man alles ausnutzen,

was in den letzten Jahrhunderten durch den menschlichen

Geist erarbeitet worden ist. Man muss sich die

allgemeinen Resultate der wissenschaftlichen

Entwicklung aneignen, man muss die gesamte

Philosophie studieren. Das tue ich und werde es weiterhin

tun“.

Sein Interesse für Naturwissenschaft und Materialismus

hatte ihn in Kontakt mit Hegel, Spinoza und

Schelling, Schopenhauer und Eduard von Hartmann

gebracht. Das half ihm, schnell seine eigene

Konzeption der Entwicklung philosophischer

Gedanken zu schaffen. Er vertritt dabei ein Prinzip,

das Leibniz, der berühmte Philosoph und Mathematiker,

einst so formulierte: „Der Mensch hat immer

unrecht, wenn er negiert, besonders ein Philosoph;

jede Lehre ist wahr, wo sie feststellt und begründet,

und ist unwahr, wo sie ausschließt.“ Dies war der

wichtigste Grundsatz in Solowjews Leben und

Denken. Ihm war selbstverständlich, dass nichts in

dieser Welt belanglos ist, weil sich sein Denken überall

dem Prinzip der Synthese verpflichtet fühlt. Um

Ganzheit ging es ihm nicht nur in seiner Philosophie,

sondern auch in seinem Leben.

Im Jahr 1878 hielt Wladimir Solowjew in St. Petersburg

eine öffentliche Vortragsreihe, die später unter

dem Titel „Zwölf Vorlesungen über das Gottmenschentum“

publiziert wurde. In diesen Vorträgen thematisierte

er die Beziehung zwischen Mensch und

Gott. Er kam darauf wegen des kläglichen Zustandes

des Christentums in seiner Zeit. Er fühlte, dass dieses

Problem in den Herzen der Menschen seine Ursache

hatte, weil sie keine Fähigkeit hatten, die Vorstellungen

der geistigen und physischen Welt in sich

selbst zu verbinden, und deshalb die Religion nicht

akzeptieren konnten. Er sagte, dass die Zivilisation

des Westens das menschliche Bewusstsein von allen

äußeren Grenzen befreie und die absoluten Rechte

des Menschen verkünde. Obwohl das einen wichtigen

Erfolg für die Zivilisation bedeute, lehne diese

dadurch zugleich jedes absolute göttliche Prinzip ab,

das die Fülle des Daseins habe. Aber diese moderne

Umgangsform mit irdisch Gesetzlichem begrenze

auch das Leben und Bewusstsein der Menschen

durch Abhängigkeit und Vergänglichkeit.

Solowjew möchte darauf hinweisen, dass das alleinige

Streben des Menschen auf solchen Wegen

unmöglich zu Befriedigung führen könne. Der moder-

© siehe Impressum


ne Mensch hält sich für innerlich frei und behauptet,

der Mittelpunkt aller Dinge zu sein, ist in Wirklichkeit

aber nur ein unendlich kleiner, verschwindender

Punkt im Weltall. Moderne Erkenntnis gibt der

menschlichen Persönlichkeit wohl göttliche Rechte,

aber sie gibt ihr weder göttliche Kräfte noch einen

göttlichen Inhalt, denn der Mensch der Gegenwart

lässt im heutigen Leben und in der Wissenschaft nur

eine begrenzte und bedingte Wirklichkeit gelten: die

Wirklichkeit vereinzelter Tatsachen und Erscheinungen.

Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet ist

aber auch der Mensch selbst nichts anderes als nur

eine einzelne Tatsache.

Somit ist der Mensch einerseits ein Wesen, das eine

absolute Bedeutung und großartige Rechte hat, und

derselbe Mensch ist zugleich auch nur eine begrenzte

und vorübergehende Erscheinung, nur eine

Tatsache unter einer Vielheit anderer Tatsachen, die

ihn von allen Seiten einengen und von denen er

abhängig ist. Wenn dieser Gegensatz nur theoretisch

wäre, dann wäre er nicht so verhängnisvoll und so

tragisch, dann könnte der Mensch sich von ihm

abwenden. Aber er befindet sich im Mittelpunkte des

menschlichen Bewusstseins, er betrifft das menschliche

Ich selbst. Aber der Mensch will nicht nur eine

Tatsache sein. Und dieses Nichtwollen deutet auch

schon darauf hin, dass er in Wirklichkeit etwas

Höheres ist.

Wenn wir beginnen können, in der Überzeugung zu

leben, dass wir nicht nur als Tatsache, als vereinzelte

Erscheinung betrachtet werden müssen, sondern dass

wir auch zu einer Fülle des Seins, zu einem umfassenden

Inhalt kommen können – und daher dieser

absolute Inhalt und diese Fülle des Seins nicht eine

Phantasie, sondern wahre, kraftvolle Wirklichkeit ist

–, dann ist in diesem Sinn der Glaube an sich selbst,

der Glaube an die menschliche Persönlichkeit

zugleich auch der Glaube an Gott. Sowohl Gott als

auch Mensch haben Teil an dieser göttlichen Absolutheit,

mit dem Unterschied nur, dass Gott sie hat

und der Mensch nur nach ihr streben kann. Wie sich

Synthese

die äußere Natur nur allmählich dem menschlichen

Denken offenbart und wir daher von einer Entwicklung

der experimentellen Naturwissenschaft reden

können, so offenbart sich dem Menschen auch das

göttliche Prinzip nur allmählich, und wir müssen

daher ebenso auf eine Entwicklung der religiösen

Erfahrung und des religiösen Denkens hinweisen.

Solowjew behauptet, dass das Resultat des religiösen

Denkens die Religionsphilosophie sei, die den ganzen

Inhalt der religiösen Evolution umfassen müsse. Sie

muss die Einheit aller Religionen in der Fülle, nicht

der Unterschiedslosigkeit suchen. Darin besteht seine

positive religiöse Synthese oder das Gottmenschentum.

Die Einheit der Kirchen suchte Wladimir Solowjew im

Lauf des ganzen Lebens. Er sah in allen Kirchen

Stärken und Schwächen. Es gab eine Zeit, in der er

sich stärker der römisch-katholischen Kirche

zuwandte, die seiner Wahrnehmung nach mit ihrer

größeren institutionellen Selbständigkeit und ihrer

starken moralischen Kraft die christlichen Prinzipien

klarer vertrat als die Orthodoxie und der Protestantismus.

Er sah aber auch in der römisch-katholischen

Kirche schwere Fehler, gleichwohl erkannte er Rom

als das traditionelle und legitime Zentrum der christlichen

Welt an. Er hoffte, dass die russisch-orthodoxe

Kirche zu Rom zurückkehren und auch der Protestantismus

sich wieder mit der universalen Kirche zu

einer staatlichen Macht vereinigen würde und dass

das Judentum in dieser freien Theokratie die

Erfüllung seiner messianischen Hoffnungen sehen

möge. Seine Form der Vereinigung ist keine Verflachung

und Einebnung. Sie bedeutet vielmehr, dass

jeder Teil die anderen anerkennt und sich mit ihnen

zu einer höheren Einheit zusammenschließt. Aber in

Russland und in Rom wurde er missverstanden. Er

sah, dass seine Hoffnungen sich nicht erfüllen konnten.

Aber er trug diese Idee alleine durch sein Leben

und verwirklichte sie nach seinen Kräften zu einer

Synthesekonzeption, die seine Person zu einem

19


20

Synthese

... Wladimir Solowjew

genialen Philosoph, einem überaus begabten und

feinfühligen Dichter, Gelehrten und Schriftsteller,

Historiker und Theologen, zu einem scharfsinnigen

Denker und tiefgläubigen Christen werden ließ.

In unserem täglichen Leben zersplittern wir ja oft

alles in Teile und Komponenten, um so einen Gegenstand

bewusst wahrzunehmen. Wir schätzen oft nur

diese Sichtweise, weil unser Verstand die Fülle des

Seins aller Phänomene nicht gleichzeitig erfassen

kann. Das Denken des modernen Menschen kann

leicht analysieren, eine Einheit zerteilen. Aber man

darf nicht vergessen, diesen abstrakten Begriffen

oder Erscheinungen wieder die Gesamtheit ihrer

Existenz zurückzugeben. Oft sind die Menschen gezwungen,

sich zu teilen; wenn sie keinen Weg zur

Koexistenz von materiellem und religiösem Leben zur

einheitlichen Weltauffassung kennen. Weil beide

Seiten in Solowjew stark waren, sowohl die naturwissenschaftliche

als auch die spirituelle, konnte er

die Welt als eine große und harmonische Synthese

Soll ich meines Bruders Hüter sein?

| Martin Thiele, 3. Trimester

Zwischen dem ersten Sündenfall mit der Vertreibung

aus dem Paradies und dem zweiten Sündenfall mit

der Sintflut ereignet sich die Geschichte von Kain

und Abel. Diese beiden Namen stehen für zwei gegensätzliche

Geistesströme in der Menschheitsentwicklung.

Am Anfang waren die beiden Ströme vereint

und wurden dann durch den Brudermord getrennt.

Betrachten wir die Berufe der beiden Brüder, fallen

gleich die Unterschiede ins Auge. Kain bearbeitet die

Erde. Der Acker trägt nach der Vertreibung aus dem

Paradies bereits Disteln und Dornen. Hart und körperlich

ist die Arbeit Kains. Er muss die Erde pflügen

und von Unkraut und Steinen befreien. Er muss ganz

in den Willen hinabtauchen und ungeheure Kräfte

sehen und die Konzepte zur Einheit zusammenbringen.

Dies ist ein schöpferischer Erkenntnisweg, denn

er braucht tiefe Arbeit an ihren Komponenten, nämlich

die Entwicklung des Denkens und des Gefühls,

der Ideen und der Kreativität, der Verneinung und der

Akzeptanz. Die Religion kann nicht zerteilt werden

und nur als halbe Wahrheit gelten. Man muss wieder

lernen, die Welt sowohl in ihrer Einheit als auch in

der Vielfalt wahrzunehmen; so kann das Gottmenschentum

verwirklicht werden.

1 Rudolf Steiner im Zusatz zu den „Zwölf Vorlesungen über das

Gottmenschentum“ von Wladimir Solowjew

entwickeln. Es ist schwierig, bei einer solchen Arbeit

ein klares, denkendes Bewusstsein zu entwickeln,

weil alle Kräfte in die Tat fließen müssen. Wie anders

ist dagegen die Arbeit Abels, der ein Hirte ist. Er

muss seine Herde im Bewusstsein haben. Ein guter

Hirte rennt seinen Schafen nicht hinterher. Er trägt

sie in seinem Bewusstsein, schützt sie vor dem Wolf

und führt sie zu den besten Weideplätzen. Auf seinen

Stab gestützt, betrachtet er mit klarer Seele

seine Tiere und die Welt und wacht über beide. Der

Hirte kennt seine Schafe, und sie versammeln sich

um seinen schützenden Stab. In Kain erblicken wir

den tätigen Menschen in Abel den erkennenden.

Aus ihrer Arbeit gehen verschiedene Opfergaben

hervor. Im Pflanzenopfer des Kains, den Früchten des

© siehe Impressum


Feldes, klingt die alte Sonne nach. Das Tieropfer

Abels deutet auf den alten Mond. Kain ist also mit

der Sonne, Abel mit dem Mond verbunden. Die

Sonne strahlt ihr eigenes Licht. Am Tage erreichen

uns ihre Strahlen direkt und unverändert. Der Mond

scheint nicht aus eigener Kraft. Er spiegelt das

Sonnenlicht. In der Nacht leuchtet uns also auch das

Sonnenlicht aus dem Mond entgegen. Aber es

stammt nicht direkt von der Sonne, sondern nimmt

einen Umweg über den Mond. So sind die beiden

Lichter in ihrer Leuchtkraft und in ihrer seelischen

Wirkung sehr verschieden. Sonne und Mond stehen

deshalb auch sinnbildlich für verschiedene Bewusstseinsarten.

Das Sonnenbewusstsein ist im Paradies

beheimatet, wo dem Menschen direkt die Geistessonne

scheint und ihn unmittelbar impulsiert. Das

Mondenbewusstsein ist auf der Erde beheimatet, wo

der Mensch mittels seines Gehirns das Geisteslicht

spiegelt und die Impulse der geistigen Welt im

Gedanken nachbildet. Der irdische Mensch erringt

sich auf diese Weise ein eigenes, unabhängiges

Bewusstsein. Im strömenden Blut des geopferten

Schafes wird sich Abel seiner eigenen Schuld und

des Sündenfalls bewusst. Dadurch kann sein Opfer

von der Gottheit angenommen werden. Kain lebt

noch im Bewusstsein des Paradieses und hat keine

Kenntnis vom Sündenfall. Sein Opfer kann die Gottheit

nicht annehmen und er kann seinerseits nicht

verstehen warum. Im Zorn erschlägt er seinen

Bruder, und die Gemeinschaft zwischen den beiden

zerbricht. Wird ihm nach dieser Tat erst der Sündenfall

bewusst? Als Gott nach Abel fragt, antwortet

Kain mit einer Gegenfrage. „Soll ich meines Bruders

Hüter sein?“ Im Paradies war das nicht notwendig

gewesen. Aber jetzt auf der Erde müssen die Menschen

aufeinander achten, ein Bewusstsein für Gut

und Böse entwickeln.

Kain muss von nun an „unstet und flüchtig“ auf der

Erde leben. Durch seine Tat fällt er aus der menschlichen

Gemeinschaft heraus, die fortan von der

Synthese

Abelströmung bestimmt wird. Das Erdenbewusstsein

stiftende Tieropfer prägt zentral die Entwicklung des

israelitischen Volkes. Alle großen Gestalten des Alten

Testaments ringen um das mondenhafte Bewusstsein

des Abels. Schon Abraham bildet ein irdisches

Bewusstsein aus. Dies wird deutlich, als er mit Gott

über das Schicksal von Sodom und Gomorra verhandelt.

Dennoch tauchen im Alten Testament an verschiedenen

Stellen kainitische Motive auf.

Melschisedek bringt Abraham die Sonnenopfergaben

Brot und Wein und segnet ihn. Und an anderer Stelle

brechen Einzelne immer wieder aus der Gesetzesordnung

aus und werden trotz ihrer Taten von Gott

nicht aus dem Entwicklungsstrom ausgesondert. So

wird Salomo als Erbe des Königsstromes akzeptiert,

obwohl er der Sohn aus einem Ehebruch ist. Ähnlich

wurde auch Kain nicht vernichtet, sondern durch das

Zeichen geschützt.

Durch das Mysterium auf Golgatha wird dem Abelstrom

der Kainsstrom wieder hinzugefügt. Das Widderopfer

wird abgelöst durch das Opfer Christi, des

Lammes Gottes, am Kreuz. Beim Abendmahl spendet

Christus den Jüngern das Sonnenopfer in Brot und

© siehe Impressum

21


22

Synthese

... Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Wein. Am Ende von Kapitel 7. des Matthäusevangeliums

wird berichtet, dass sich das Volk wegen der

Lehre Christi entsetzte, weil er nicht wie die Schriftgelehrten

spricht, sondern wie einer, in dem die

Schöpferkräfte selbst wirksam sind. Die Sonnenkräfte

vom Urbeginn leben in Christus. So gebietet er

selbst den Elementen bei der Stillung des Sturmes.

Die bestehende Ordnung wird auf den Kopf gestellt.

Ein Einzelner impulsiert mit seiner Geisteskraft die

Gemeinschaft, zunächst die der Jünger. Doch der

Christus nimmt sich aller offenen Menschen an.

Vorher bestimmte die Gemeinschaft mit ihrer Gesetzesordnung

den Einzelnen. Dennoch hebt der Christus

das Gesetz nicht auf. Aber er schenkt das

menschliche Ich, das die Gemeinschaft im Einzelnen

neu erstehen lässt und den lebendigen Geist in die

Menschheit einströmen lässt.

In unserer heutigen Zeit stehen wir als Menschen

immer zwischen diesen beiden Strömen. Auf der

Umgang mit Andersgesinnten

| Michael Sölch, 3. Trimester

Zu Beginn des zweiten Trimesters, als die Hälfte der

Studenten ihre in den Trimesterferien erarbeiteten

Referate der Seminargemeinschaft darstellen durfte,

kam bereits ein Hauch dessen zum Vorschein, was

nun Thema unseres Seminarbriefes ist: Ein Bedürfnis

nach Synthese. Man kann natürlich Aussagen auch

einfach nebeneinander stehen lassen und jede für

sich gelten lassen. Aber dem Anteil nehmenden Mitdenken

kann aus der Zusammenschau der formulierten

Gedanken auch das Bedürfnis entstehen, das

Gesagte gedanklich gegeneinander antreten zu lassen.

Eine Darstellung über die Katharer erweckte die

Frage: Was ist eigentlich wirklich christlich?

einen Seite das einzelne Ich mit seinen Impulsen und

Schwächen und auf der anderen Seite die zu beachtenden

Voraussetzungen und Notwendigkeiten, um

ein ehrliches Miteinander zu gestalten. Rudolf

Steiner bringt diese Spannung wunderbar in dem

Spruch zum Ausdruck: „Heilsam ist nur, wenn im

Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze

Gemeinschaft, und in der Gemeinschaft lebet der

Einzelseele Kraft.“ Die Einzelseele muss das Ganze in

sich nachbilden, in sich tragen, wie der Mond das

Sonnenlicht, um dem Ganzen gemäß handeln zu

können. Und in der Gemeinschaft muss Raum und

Offenheit für die Impulse des Einzelnen sein.

Aus der Embryologie wissen wir, dass sich das Herz

im werdenden Menschen dadurch bildet, dass sich

zwei verschiedene Blutströme verbinden und ein

gemeinsames Gefäß bilden. So bildet auch der

Christus aus dem Kain- und dem Abelstrom das

schlagende Herz der Menschheit.

Diese Frage hatten die Menschen im Mittelalter

auch. Nur führte die Auseinandersetzung, die sich an

diese Frage anschloss dazu, dass man Häretiker oder,

wie man die Katharer nannte, Ketzer verbrannte. Es

wurde deutlich, dass das Christentum verschiedene

Formen annahm, von denen einige aber als seltsame

Randgruppen galten, während andere das offizielle

Christentum repräsentierten. Das Verhältnis zwischen

den verschiedenen Auffassungen war feindlich.

Mit physischer Gewalt begegnete die offizielle

Kirche demjenigen, der eine andere Geistesart vertreten

wollte als jene, die in der Kirche als die objektiv

wahre angesehen wurde. Solche Gewalttaten

können nicht als christlich bezeichnet werden. Aber

auch eine Strömung, die den Begriff von der Real-


präsenz Christi in der Hostie leugnet, ist aus einer

gewissen objektiven Perspektive unmöglich als

christlich zu bezeichnen, sondern eher als Gefahr.

Eine Darstellung über Jan Huss öffnete in gewisser

Weise eine entgegengesetzte Perspektive. Die überlieferten

Formen der Religion, die sich lange bewährt

hatten, wurden von Jan Huss trotz seines starken

Idealismus für die Sache der Kirche eher als problematisch

erlebt, und er wurde auch zu einem Vorläufer

für jene Erneuerung, die durch das Abstreifen

äußerlicher Autorität und den Antrieb allein durch

das eigene innere Wahrheitsgefühl später mit der

Reformation eine eigene Form angenommen hat.

Hier geht es um das subjektive Erleben des göttlichen

Wortes im Gewissen (oder bei Luther dann

auch um eigenen Nachvollzug des Evangeliums). Im

anderen Referat zur Ketzerfrage geht es um das objektive

Verständnis der Tatsache des Christentums.

Wir sind also unterschiedlichen Sichtweisen

auf die Erscheinungsformen der

Kirchenströmung begegnet,

und es kann sich nun ganz

allgemein das Synthesebedürfnis

regen zwischen

der Ansicht,

die dem Innerlichen,

und jener, die

dem Äußerlichen

mehr Aufmerksamkeit

zugesteht. Ja,

um unsere europäische

Kultur heute zu

verstehen, kann es sogar

lehrreich sein, die traditionellen

Wurzeln aus den

mittelalterlichen Zeiten anzuschauen.

Man kann einerseits darauf schauen, was die offiziellen,

traditionellen Formen der Kirche zu den

bestimmten Zeitepochen den Menschen geben konnten.

Man kann aber, weil zu jeder Zeit Menschen mit

Synthese

ganz unterschiedlichen Bewusstseinsmöglichkeiten

auf der Erde leben, auch nach historischen

Verfrühungen Ausschau halten, die ein Bewusstsein

haben, das erst später für die Menschen im

Allgemeinen zeitgemäß sein wird. Wie eine wegbereitende

historische Verfrühung sicher wichtig für

die Entwicklung der Kulturgeschichte ist, so ist aber

auch das zeitlich konkrete Zusammenleben schwierig,

wenn etwa von einer weitverbreiteten

Kirchengemeinschaft eine Minderheit als ketzerisch

bezeichnet wird, die bereits eine zukünftige

Bewusstseinslage „ausprobiert“ und deshalb auch

unkonventionell mit denselben geistig wesenhaften

Tatsachen umgehen muss, mit denen auch die

Kirchenströmung umgeht.

Es kann nicht die Aufgabe dieses Artikels sein, die

ganze Entwicklung des Christentums zu überschauen,

um die Entstehung seiner Formen in Abgrenzungen

gegenüber den verschiedenen Traditionen, die objektiv

häretisch oder subjektiv unchristlich

geschimpft wurden, im Einzelnen zu

untersuchen. Es soll aber dem

Gedanken Raum gegeben werden,

dass jede der Entwicklung

dienende Abgrenzung

auch wieder eine Vereinigung

mit sich bringen

muss, wenn sie dem Erdenwerden

heilsam werden

soll.

Dieser Gedanke klingt auf in

der Inszenierung Rudolf Steiners

Mysteriendramen, wenn einem

Benediktinermönch des 14. Jahrhunderts

plötzlich durch die Begegnung mit

dem verstorbenen Stifter des Benediktiner Ordens

dieser Synthesebedarf zu Bewusstsein kommt. Der

Meister sagt dem Mönch, er solle die Impulse seiner

Schriften so erfassen, dass sie selber leben und sich

© siehe Impressum

23


24

Synthese

... Umgang mit Andersgesinnten

© siehe Impressum

im Lauf der Zeit auch wandeln können. So könnten

sich die Mönche mit den Ketzern zu gemeinsamen

Zukunftszielen einen. Versunken in seelische Antipathie

gegenüber den ketzerischen Tempelrittern, mit

denen er zu tun hat, blitzt in seinem Bewusstsein

dieser Gedanke als Eingebung auf, aber er findet selber

den Mut nicht, ihn ernstlich zu bedenken. Sofort

stürzen die Widersacher mit den schärfsten Waffen

auf ihn ein. Sie bekräftigen seine bisherige Bewusstseinslage.

Ahriman macht ihm deutlich, dass Synthese

zwar im Reich der Seligen berechtigt, aber in

der konkreten Welt nicht möglich sei. Noch schlimmer

scheint fast die luziferische Eingebung, dass die

Templer den Namen Christi böswillig missbrauchten.

Das Syntheseideal kommt in dieser mittelalterlichen

Szene des Mysteriendramas nicht unversehrt auf dem

irdischen Plan an. Will das sagen, dass es noch nicht

so weit war, dass der Friede den Weg durch die

Dogmenhärte der damaligen Kirche hätte finden

können? Für mich ist diese Inszenierung auch ein Bild

für das Gegensätzliche zwischen subjektiv strebsa-

men esoterischen Christen in der Templerburg und

objektiv rechtgläubigen exoterischen Christen in der

Kirche. Wieso ist die Kirche oft so äußerlich und kann

das Esoterische im Innern des Menschen nicht genügend

würdigen? Kann es sein, dass auch unsere

Kultur noch aus dieser misslungenen Synthese zwischen

objektiver und subjektiver Herangehensweise

an religiöse Fragen entsprungen ist? Und finden wir

als Minderheit, die sich heute mit dem Christentum

beschäftigen will, den Mut zu der Synthese, die

damals noch nicht hat verwirklicht werden können?

Man sei sich der Tragik bewusst, die entsteht, wenn

subjektives und objektives Verstehen wirklich aufeinandertreffen.

Welche Verantwortung würde demjenigen

spürbar, der vorher nur auf subjektive Religiosität

bedacht war! Und auch wer sich stark den äußeren

Formen der Religion verpflichtet fühlt, wie jener

Mönch, der das subjektive Streben ablehnt, aber

dann von seinem Meister den Ansporn erhält, sich zu

gewissen meditativen Fähigkeiten zu ertüchtigen, der

hat durch diese Synthese harte Arbeit. Er müsste nun

einer bestehenden Form durch erneute Auseinandersetzungen

mit den innersten Impulsen eine Erneuerung

einarbeiten, um eine zeitgemäße Interpretation

der lebendigen Impulse pflegen zu können. Dabei

läuft man aber Gefahr, sich auf Kosten alles dessen,

was bisher Halt gegeben hat, auf Ungewisses abzustützen.

Synthese hat für mich in erster Linie mit Mut

zu tun. Aber auch mit der Frage:

Ist es an der Zeit?

Damals hätte ein Gedanke an eine Synthese mit den

Templern und ihrer mystischen Schulung des eigenen

Wesens die Mentalität des Benediktinermönchs tiefgreifend

verändern müssen. Er ist der Überzeugung,

dass man mit frommem Herzen dem Eigenwahn entfliehen

sollte, um der Gnade würdig zu werden. Die

an sich selber arbeitenden Templer sagen jedoch:

„Aus Gottessein entstand die Menschenseele, sie

kann in Wesensgründe tauchen, sie wird dem Tod


dereinst den Geist entbinden.“ Es war vor allem auch

dem frommen Kirchengänger Thomas nicht möglich,

seinen Vater in der Templerburg zu lieben, weil er den

Widerspruch der trennenden Gedanken ernst nimmt,

die ihm zugänglich sind. Das Erlebnis seines Priesters,

das als Keimpunkt für die Synthese, die ihm ermöglichen

würde, seinen Vater zu lieben, vielleicht auch

wirksam war, bleibt seinem Bewusstsein vorenthalten.

Exoterik und Esoterik haben es nicht leicht miteinander.

Auch heute nicht. Mangelt es nur an Kommunikationsfähigkeit?

Oder wäre diese Aussage eine

Herabwürdigung von heute berechtigten Standpunkten?

Auch heute ist es wichtig, sich zu diesen Fragen

„Wenn die Hoffnungen sich verwirklichen,

daß die Menschen sich mit allen ihren Kräften,

mit Herz und Geist, mit Verstand und Liebe

vereinigen und voneinander Kenntnis nehmen,

so wird sich ereignen, woran jetzt noch kein

Mensch denken kann.“

J.W. von Goethe

Die Freundschaft dieser beiden Geistesgrößen hat

urbildlichen Charakter. Gerne wird sie als Beispiel

herangezogen, wenn von Freundschaften die Rede

ist, in denen sich die Beteiligten auf besondere

Weise gegenseitig ergänzen. Im letzten Frühjahr

hatte ich das Glück, mich mit diesem Thema anlässlich

eines Referates auseinandersetzen zu dürfen. Es

kann tief bewegen, sich in diese Freundschaft hinein

Synthese

in ein klares Verhältnis zu setzen. Soll eher das Objektive

oder das Subjektive zur Geltung kommen? Wo

wir heute einen Schwerpunkt setzten wollen, liegt in

unserer freien Entscheidung. Doch wie leichtfertig

man in eine Einseitigkeit verfallen kann, zeigt wohl

das Leben, wenn man zu geistiger Auseinandersetzung

mit Andersgesinnten kommt. Vielleicht entsteht

aber gerade in solchen Gesprächen eine

Gemeinsamkeit durch beiderseitiges Ringen, den

Anderen zu verstehen.

Und wenn das wirklich zustande kommen kann, eine

Gemeinschaft aus Ich-Menschen, dann hat die Synthese

zumindest begonnen – dann ist etwas Subjektiv-Objektives,

etwas Objektiv-Subjektives da.

Das Phänomen von Polarität und Steigerung

in der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller

| Astrid Burns, 6. Trimester

zu vertiefen, sich vor Augen zu führen, wie die beiden

Freunde von entgegengesetzten Denkpolen ausgehend

zusammentreffen, sich zunächst abstoßen,

schließlich aber einander erkennen und sich miteinander

verbinden, um in dieser Freundschaft auf beispielhafte

Weise einander zu ergänzen.

Es lässt sich hier das Phänomen von Polarität

und Steigerung erleben:

In der Gegenüberstellung mit seinem Gegenpol tritt

das Eigene deutlicher in Erscheinung. Neigen die beiden

Gegenüber sich einander zu und kommen ins

Gespräch, kann jeder allmählich Aspekte des anderen

in das Eigene integrieren. Dabei entsteht jedoch

keine Vermischung, sondern das Eigene wird nur umso

vollkommener, weil es von seiner starken Einseitigkeit

verliert und dadurch runder wird. So kann

etwas entstehen, was der eine ohne den anderen nie

hätte schaffen können.

© siehe Impressum


26

© siehe Impressum

Synthese

... das Phänomen von Polarität und Steigerung

Werfen wir einen Blick auf die Geistesart

der beiden Freunde:

Goethe ist Empiriker. Er sucht den Gott in den Erscheinungen

der Natur durch kontemplatives

Schauen, Beobachten, Entdecken und bildet sich

lebendige Begriffe. Seine Gedanken sind nie abstrakt,

sondern stetes geht er vom Konkreten aus und sucht

das Urphänomen 1 dahinter. Diese Vorgehensweise

kennen wir als Goetheanismus. Goethes Dichtungen

sind aus imaginativer traumwandlerischer Intuition

heraus gestaltet, doch alle seine Naturwissenschaftlichen

Studien sind Früchte eigener Erkenntnisleistung.

In Schiller findet er den Freund, der ihn mit der philosophischen

Methode vertraut macht und ihm damit

die denkerische Rechtfertigung seiner Sinnesart gibt.

Erst durch Schiller kommt er z.B. dazu, entscheidende

Kapitel seines Faust-Dramas zu schreiben, das

über Jahre geschlummert hatte.

Schiller befindet sich am

entgegengesetzten Pol, dem

Denkpol.

Sein geistiger Weg geht durch die Eiswüste der reinen

Abstraktion, den Todesbereich des logischen

Verstandesdenkens, das, von der Natur losgerissen,

nur Totes erfassen kann. Im reinen Gedanken sucht er

den Weg zur geistigen Welt. Alle Natur zerfällt wieder

zu Staub, die Gedanken sind ewig.

In der Natur sieht Schiller einen Widerpart, einen

Gegenspieler der Freiheit, die sein großes Thema ist.

Wie findet der Mensch zur Freiheit zwischen Vernunftnotwendigkeit,

moralischer Forderung und

Naturnotwendigkeit, dem Zwang der Instinkte und

Triebe? Was muss der Mensch an sich selber tun, um

wahrhaft frei zu werden? Dies ist seine große Frage,

um die auch seine philosophischen Briefe „Über die

ästhetische Erziehung des Menschen“ kreisen, die

schon stark von Goethes Geist beeinflusst sind. Im

Künstlerischen findet Schiller die Brücke. Der künstlerisch

schaffende Mensch nimmt das Schöne wahr

und bringt Schönes hervor. Er bildet frei am vorliegenden

Stoff, an allem, was formbar ist, auch an seinem

eigenen Charakter. An die Freiheitsfrage knüpft

sich unmittelbar die Frage nach der Möglichkeit des

Menschen zum Bösen. Alle Dramen Schillers loten

dieses Spannungsfeld auf verschiedenste Weise aus.

Zehn Jahre lang haben die beiden Freunde Goethe

und Schiller ein umfassendes Gespräch geführt und

sich darin gegenseitig „erquickt“, befruchtet und

inspiriert, um sich schließlich in einer Weise gegenseitig

zu erhöhen, dass jeder durch den anderen über

sich selbst hinauswachsen konnte. Aus der

Polarität entwickelte sich eine gegenseitige

Steigerung. Die zahlreichen Briefe geben

davon Zeugnis. Was die beiden in ihren

Gesprächen von Mund zu Ohr, die sie oft

bis tief in die Nacht hinein führten, alles

bewegt haben mögen, lässt sich nur

ahnen.


Verfolgt man die Entwicklung der beiden in ihren

Werken, so ist die gegenseitige Steigerung vom Zeitpunkt

ihrer regelmäßigen freundschaftlichen Gespräche

an augenfällig. Es ist bemerkenswert, dass Schiller

erst ab 1795 der wahre klassische Schiller, Goethe der

wahre klassische Goethe ist. Die großen überzeitlichen

Werke der Weimarer Klassik sind alle erst von

dieser Zeit an entstanden. Und es ist auffällig, wie die

beiden sich im Laufe der Jahre einander immer weiter

annähern, die Einseitigkeiten der Freunde sich ausgleichen.

Dies im Einzelnen aufzuzeigen, würde den

Rahmen eines Artikels sprengen. Doch möchte ich

dazu anregen, selber einmal darauf zu achten. Als

Goethe den sorgsam gehüteten Briefwechsel mit

Schiller herausbrachte, mehr als zwanzig Jahre nach

dem Tode des Freundes, meinte er, diese Korrespondenz

werde anschaulich machen“...daß einer ohne

den anderen nicht zu verstehen ist.“

In seiner Farbenlehre beschreibt Goethe das Phänomen

von Polarität und Steigerung. Dieses Bild lässt

sich auf die Freundschaft von Goethe und Schiller

übertragen. Zunächst stellt er die Polaritäten von

Licht und Finsternis, die er als wesenhaft erlebt einander

gegenüber. Farben bezeichnet er als Taten und

Leiden des Lichtes. Das reine weiße Licht erscheint

durch eine leichte Trübung hindurch betrachtet gelb.

Die Finsternis durch ein helles Medium hindurch

betrachtet erscheint blau. Von den Farben steht das

Gelb zunächst dem Licht, Blau zunächst der Finsternis.

Gemischt ergeben diese beiden Farben Grün. Lässt

man die beiden nun einander entgegenkommen,

indem man auf der Lichtseite die Trübung verdichtet,

steigert sich das Gelb zum Gelbrot. - Wird die Helle,

durch die wir die Finsternis sehen, zarter, steigert sich

das Blau weiter über Blaurot zum Violett. – Mischt

man nun diese beiden Farbtöne so erscheint das reinste

Purpurrot.

... Es entsteht ... diese höchste aller Farberscheinungen

aus dem Zusammentreten zweier entgegengesetzter

Enden, die sich zu einer Vereinigung nach und nach

vorbereitet haben. 2

Synthese

Diese Steigerung bezeichnet Goethe als Purpurzenit.

Die beiden Freunde haben sich einander weit angenährt,

den Purpurzenit konnten sie jedoch nicht erreichen.

Es ist Goethe nicht gelungen, die Sinnenwelt zu verlassen

und zum Schauen des reinen Geistes, der Welt

der reinen selbstgegründeten Gedanken aufzusteigen.

Es gab eine Grenze, über die er nicht hinaus konnte

oder wollte, der Abgrund der toten Abstraktion stand

seinem sonnigen Wesen zu bedrohlich entgegen. Er

konnte sich zu Hause fühlen in der webenden Bilderwelt

des Ätherischen, aber weiter aufzusteigen, blieb

ihm versagt. Am Beginn des Bewusstseinsseelenzeitalters

war Goethe der letzte, der noch Strahlen der

untergehenden Sonne des verglimmenden alten Hellsehens

auffangen konnte.

Schiller war heimisch im Bereich der reinen Gedanken.

Er ging den Weg der Bewusstseinsseele mit aller

Konsequenz, stellte die unvermeidliche Frage nach der

geistigen Freiheit des Menschen, aber es gelang ihm

nicht, seine Gedanken imaginativ zu verlebendigen,

um über das Schauen der webenden Bilderwelt in die

geistige Welt aufzusteigen. Er war der Erste, der die

Freiheitsfrage in aller Konsequenz gestellt und gelebt

hat, ein Vorbote der Morgenröte, die mit Beginn des

Michaelzeitalters aufsteigen sollte.

Rudolf Steiner konnte die beiden Strömungen des

goetheanistischen Betrachtens und des abstrakten

Denkens wirklich vereinigen. Die „Philosophie der

Freiheit“ stellt die Erfüllung dieser Bemühungen dar.

Sie ist aus dem Weben reiner Gedanken goetheanistisch

herausgewachsen.

1 Urphänomen: Ideal-real-symbolisch-identisch/Ideal, als das letzte

Erkennbare; real als erkannt; symbolisch, weil es alle Fälle begreift; identisch

mit allen Fällen. – Sprüche in Prosa 136

2 Goethes Farbenlehre § 794

27


28

Lernen

Hexen und Heilige

| Jaqueline Steigner, 3. Trimester

Im Januar hatten wir eine Woche

lang bei Frau Yaroslava Black,

Pfarrerin in Köln, einen Hauptkurs

mit dem Titel „Hexen und

Heilige“. Wir waren gespannt,

wussten wir doch nicht, was

auf uns zukommen sollte. Wilde

Spekulationen belebten den Frühstückstisch.

Hungrige Blicke, auf der

Suche nach der Hexe im Alltag, auf

der Suche nach den Heiligen unter uns,

streiften die Köpfe der Mitstudenten und

zuletzt auch die der Dozenten.

In der ersten Stunde erhielten wir einen

Überblick über die geografische Ausbreitung

der Hexenverfolgung. Dem

Osten blieb die Hexenverfolgung

erspart, da die orthodoxen Kirchen

ein anderes Menschen- und Christusbild

pflegen. Die letzte offizielle

Hexenverbrennung in der Schweiz fand im Jahr

1782 statt. Schon der Philosoph Sophokles sprach

eine in diesen Zusammenhang passende Wahrheit

aus: „Viel des Unheimlichen ist, doch nichts ist

unheimlicher als der Mensch.“

Im März des Jahres 415 nach Christus wurde Hypatia

von Alexandrien von der frühchristlichen Kirche als

Hexe verurteilt und hingerichtet. Sie war eine griechische

Philosophin und Mathematikerin. Sokrates

von Konstantinopel beschreibt sie als sehr schön,

selbstständig, außerordentlich gebildet. Sie war

ledig und lebte allein für die Wissenschaft.

Hypathia war für ihre außergewöhnliche Unterrichtsweise

bekannt, z.B. schockierte sie ihre Schüler

zunächst mit ungewöhnlichen Gedanken und ließ

diese dadurch zur Erkenntnis des Neuen kommen

Hypatias Unterricht war beliebt, von überall her

kamen die Menschen, sodass ihre Vorlesungen bes-

© siehe Impressum

ser besucht waren als der

kirchliche Gottesdienst am

Sonntag. Sie machte keinen

Unterschied zwischen Menschen

verschiedener Religionen,

alle waren herzlich eingeladen.

Außerdem unterrichtete sie

gerne die Philosophie von Aristoteles

und Plato und galt als die

meist gebildete Person ihrer Zeit.

Alexandrien galt als umkämpfte

Stadt. Hier lebte die letzte

Bastion der Freidenker, und

auch die Gnostiker fühlten

sich hier wohl. Seit das Christentum

zur römischen Staatsreligion

erklärt worden war, wurde es mit Gewalt

verbreitet. In seinem Namen vernichtete man

alles, was andersartig erschien. Theophilos von

Alexandrien, damaliger Patriarch, ließ viele Kulturstädte

zerstören, verbrannte Bibliotheken, Universitätsräume

wurden in Viehställe verwandelt. Es gab

blutige, brutale Kämpfe zwischen Juden und

Christen. Theophilos' Nachfolger Kyril scharte gewaltbereite

Mönche aus der Wüste als Miliz um sich.

Orestes, Präfekt von Alexandrien war Schüler von

Hypatia. Er konnte sich Kyril gegenüber nicht durchsetzen

und wurde, obwohl christlich getauft, von

ihm bedroht.

Kyril, der den Einfluss der Hypatia fürchtete, weil er

durch sie Macht zu verlieren drohte, erklärte sie zur

Hexe. Dabei stützte er sich auf Paulus, den er dahingehend

auslegte, dass er die Frau wegen des

Sündenfalls als unwürdig und dem Teufel verfallen

erklärte.

Hypatia wurde mit Scherben und Muscheln das

Fleisch vom Leibe gerissen. Man schleifte sie durch

die Straßen der Stadt, zerrte sie in eine Kirche und

ermordete sie dort.

© siehe Impressum


In unserem Hauptkurs betrachteten wir das Bild der

Frau gesamtgeschichtlich und in Anlehnung an die

Schöpfungsgeschichten (Rudolf Steiner half uns

dabei: GA 11 „Die Akasha-Chronik"). Steiner betont,

dass die Frau für die Entwicklung des Mannes von

großer Bedeutung war. Sie nahm in der lemurischen

Zeit Kräfte der Natur in sich auf und ließ diese in

ihrer Seele nachwirken. Daraus entstanden dann

Keime des Gedächtnisses, die wiederum die ersten

einfachsten moralischen Begriffe bildeten.

Der ausgebildete Wille des Mannes konnte dies zunächst

nicht, er folgt den Antrieben der Natur oder

anderen äußeren Einflüssen (etwa durch Eingeweihte)

noch instinktiv. Die Natur der Frau glich eher

einer seelisch-göttlichen, wohingegen die der

Männer eher einer natürlich-göttlichen glich. Die

Frauen entwickelten ihr Gedächtnis und ihre Phantasie

weiter, Erfahrungen wurden für die Zukunft immer

wichtiger. Einige wussten aus einer besonderen

Tiefe heraus zu deuten, sie äußerten dies in einer Art

Gesang; dies war der Anfang des Gottesdienstes.

Im Blick auf die Bibel fällt schnell auf, dass es bei

genauem Betrachten zwei unterschiedliche Schöpfungsgeschichten

gibt. Etwas Besonderes muss also

zwischen diesen geschehen sein. Die Bibel selbst gibt

darüber keine Auskunft, und auch die Theologen der

großen Konfessionen nehmen dies nicht zur Kenntnis.

Frau Black half uns, in diesen Zwischenraum zu

schauen: Am 6. Tag der Schöpfung wurde der

Mensch als zweigeschlechtliches Wesen (androgyn)

geschaffen (Genesis 1,27), und Gott bestätigte das

Geschaffene das erste Mal mit den Worten: „Und

siehe es war sehr gut!“ Die Entwicklung, speziell die

des Menschen, muss hier zu einem Ende gekommen

sein. Um den Menschen zu einem freien schöpferischen

Wesen machen zu können, ist die Geschlechtertrennung

notwendig. Eine Krise trat ein, und

Jahwe sprach: „Und es ist nicht gut, dass der Mensch

alleine sei" (Genesis 2,18). Es kam zu der Erschaffung

der Männin (hebr. Ischa von Isch - Mann).

Über verschiedenste Philosophen, den Urbegriff der

Hexe, Jeanne d´Arc bis hin zu den verschiedenen

Mariendogmen der katholischen Kirche, gelangten

wir am letzten Tag des Kurses zu dem Thema der

Heiligen. Weniger theoretisch, sondern aus uns heraus

wurden wir aufgefordert, unsere Gedanken in

eine Form zu setzen: Heilig ist nicht … , sondern …

Heilig ist nicht übermenschlich,

sondern menschlich.

Heilig ist nicht ein Kind,

sondern das Kind im Erwachsenen.

Heilig ist nicht, wer glaubt, heilig zu sein,

sondern wer sich weit davon entfernt fühlt.

Heilig ist nicht ein außerordentlicher Zustand,

sondern was heilt – dich und mich.

Heilig ist kein Zustand,

sondern eine Entwickelung.

Heilig ist nicht blinder Glaube,

sondern das Streben nach dem Erkennen

der Wahrheit.

Heilig ist nicht, wer das Gesetz erfüllt,

sondern wer liebt.

Heilig ist nicht jemand, der nicht sündigt,

sondern jemand, der die Sünde

im Prozess überwindet.

Lernen

29


30

Lernen

Referate im Wintertrimester 2013

| Grundstudium 2. Trimester

Daniel Holenweger Die Katharer

Michael Sölch Echnaton

Jaqueline Steigner Simone Weil

Lisa Holthaus Nelly Sachs

Kateryna Gagarina Wladimir Solowjew

Martin Thiele Die Logoslehre des Heraklit

Peter-René Brose Jan Hus und die Husiten

Referate im Sommertrimester 2013

| Grundstudium 3. Trimester

Valentino Franzoi Bernhard von Clairvaux

Kaya Daisuke Friedrich Rittelmeyer

Götz Feeser Der Manichäismus

Till Sarrach Die Entstehung des Königtums in Israel

Margrit Brunner Hildegard von Bingen

Willem Boonstoppel Die Templer

| Vertiefungsstudium 5. Trimester 2013

Sylvia Momsen Die Mission der Andacht (aus GA 58)

Liebe Leser des Seminarbriefes!

Alle Förderer sind herzlich einladen, bei Interesse die Hauptkurse des 1. Jahres wahrzunehmen. Die Kurse finden

in der Regel von Montag bis Samstag von 9.15 bis 10.30 Uhr statt. In den Kurswochen können Sie auch

mit uns morgens um 7.30 Uhr die Menschenweihehandlung in der Kapelle des Priesterseminars feiern und uns

danach bei einem guten Frühstück in geselliger Runde besser kennenlernen. Bitte melden Sie sich möglichst

frühzeitig im Sekretariat des Seminars an, denn die Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Die Förderer des Priesterseminars laden wir vom 21. bis 23. Juni zu einem Freundestreffen ein. Einzelheiten zu

all diesen Veranstaltungen können ab Beginn des neuen Jahres bei uns erfragt werden (entweder telefonisch

im Sekretariat oder über unsere Homepage). Bitte notieren Sie heute schon die für Sie interessanten Termine!

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!


Kurse im Sommertrimester 2013

KW Datum 3. Trimester 6. Trimester

17 22.4. S. Meyer: Geheimwissenschaft M. Oltmann-Wendenburg: Apokalypse

18 29.4. E. Fischer: Lukasevangelium

19 6.5. G. Dellbrügger: Deutscher Idealismus C. Schikarski: Pastoralmedizin

20 13.5. M. Gädeke:Botanik

21 19.5 Studienfreie Woche, eigene Projekte

22 27.5. R. Halfen: Die Schule von Chartres

23 3.6. M. Horák: Weltreligionen E. Ludwig: Christologie

24 10.6. C. Gerhard: Reformation G. Thriemer: Vorbereitung der Praktika

11.-15.6. Eigene Projekte

25 17.-20.6. J. Andrees: Theaterimprovisation

21.6. Kursfreier Tag

21.-23.6. Freundestreffen – Sonderprogramm, Vorstellung der Projektarbeiten

26 24.6. A. Wolpert: Christus und der Gral A. Wolpert: Leonardos Abendmahl

27 1.7. M. Debus: Trinität G. Dreißig: Das Sakrament der Trauung

Lernen

31


32

Lernen

Einige Betrachtungen zum Wort Gottes

| Daniel Holenweger, 3. Trimester

In der Auseinandersetzung mit der Bibel sind mir

hier am Priesterseminar schon eine Anzahl Erkenntnisfrüchte

gereift, für die ich sehr dankbar bin. Dem

Buch der Bücher wohnt ein unendlich tiefer Sinn

inne, wenn man nur dazu kommt, an diesem Teil zu

haben. Dies konnte ich aber für einen großen Teil

meines vergangenen Lebens nicht. Diese Schrift war

mir verschlossen, das sprichwörtliche Buch mit den

sieben Siegeln. Und bis sich mir das erste Siegel öffnete,

musste einiges an Zeit vergehen. Ich erinnere

mich, wie ich als Jugendlicher in einem selbstverfassten

Liedtext geschrieben hatte, dass das Buch

Gottes veraltet sei und ein moderner Mensch wohl

kaum noch etwas damit anfangen könne. Doch in

diesem alten Buch offenbaren sich Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft des Menschen mit dem

höchsten Wesen, Gott. Selbst dann noch, als ich

mich als Christ zu bezeichnen begann, fiel es mir

schwer, in das heilsame Bad des Wortes Gottes einzutauchen.

Das Evangelium war mir wie von hohen,

unüberwindlichen Mauern umgeben. Die Schrift

führte darum ein eigentliches Schattendasein in

meiner Sammlung von noch zu lesenden Büchern. Es

ist nicht zuletzt Rudolf Steiner zu verdanken, dass

ich die Bibel nicht ganz aufgegeben habe, wird doch

in seinen Vorträgen immer wieder deutlich, welch

lebendiger Geist in ihr verborgen ist. Dieser Umstand

des Draußenstehens begann sich langsam zu ändern,

als ich regelmäßiger die wöchentliche Evangelienlesung

in meiner Gemeinde zu besuchen begann,

und vertiefte sich dann weiter in den Kursen am

Priesterseminar.

Wie aber ist es möglich, dass aus diesen Buchstaben

und Worten, denen wir auf den Seiten des Alten und

Neuen Testamentes begegnen, das Wort des lebendigen

Gottes wird? Wie kann zu uns durch diese

Schrift das höchste Leben sprechen? Wie geschieht

die Verlebendigung des toten Buchstabens?

Ich lese, aber damit ist nicht gesagt, dass sich

Wesentliches auszusprechen beginnt. Das Wort

erscheint während des Lesens für kurze Zeit in unserer

Wahrnehmung und entschwindet wieder, nachdem

wir diese zu anderen Objekten übergehen lassen.

Oberflächlich, flüchtig kann das Wort an uns

vorüberziehen, und nichts geschieht. Der Sinn

erschöpft sich in Spiegelung und verlischt nach dem

Lesen wieder. Die Bedingungen von Zeit und Raum in

unserem gewöhnlichen, alltäglichen Leben lassen

nur selten eine Qualität zu, in welcher das Wort

mehr als nur ein flüchtiger Hauch ist. Was muss

geschehen, dass das Wort lebendig werden kann?

Von Maria, der Mutter Jesu, heißt es: „Maria aber

behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem

Herzen“ (Lk 2,19). Was bedeutet das? Das, was sie

wahrgenommen hat, hält sie in ihrer Erinnerung fest

und nimmt es mit ihrer Liebe für ihren Sohn in ihr

Herz. Im Herzen beginnt sie diesen Erinnerungsschatz

zu bewegen, sie lässt diesen aufleben, sie

denkt darüber nach. So in die Betrachtung versunken,

bekommt das Wort des Evangeliums den

Nährboden, den es braucht, um sich auf seinen tieferen

Gehalt hin aussprechen zu können. Das Wort,

das Same ist, kann so wachsen und Frucht bringen.

Der Vorgang der Betrachtung selbst schafft eine

neue Qualität von Raum und Zeit, welche die Hetze

der Zeit zur Ruhe bringt und uns einen Ruhepunkt

im inneren Raum finden lässt. In dieser Gegenwart

spricht, durch das gegebene Wort des Evangeliums,

der lebendige Gott zu uns, seiner Kreatur. Eines der

Geheimnisse am Wort Gottes ist, dass es sich in der

Betrachtung niemals erschöpft, dass es sich immer

zunehmend in seiner Offenbarung vertieft.


Die Erfahrung zeigt, dass, wenn man alleine in der

Bibel liest, es nicht immer leicht ist, ihrem Sinn

nahezukommen. Das Lesen in Gemeinschaft hat sich

mir diesbezüglich als große Hilfe erwiesen. Warum

kommt einem da das Evangelium näher? Was

geschieht im Sprechen und Hören des Evangeliums?

Es kann etwas geschehen, wenn in den Teilnehmenden

Ernsthaftigkeit und Glaube anwesend sind. Ist

diese Grundkonstellation der Anwesenden gegeben,

geschieht etwas in der Verbindung von Sprechendem

und Hörenden, es bewegt sich etwas zwischen

ihnen. In diesem Austausch zwischen den Teilnehmern

entsteht ein unsichtbarer Bereich. Über den

sinnlich wahrnehmbaren Bereich von Hören und

Sprechen hinaus entsteht ein nichtsinnlicher Raum,

ein Seelenraum. Die Koordinaten dieses nichtsinnlichen

Raumes werden durch den Inhalt, den Hörende

und Sprechende bewegen, festgelegt. Im so erzeugten

Seelenraum kann sich der geistige Gehalt des

gesprochenen Wortes manifestieren. Wir sprechen

das Evangelium aus; der Sinn oder geistige Gehalt

offenbart sich im Seelenraum dem Hörenden, der ihn

dann in der sinnlichen Welt wiederum aussprechen

kann. Den geistigen Gehalt müssen wir aber wesentlich

als die Offenbarung des lebendigen Gottes verstehen.

Darum kann der Christus zu den Jüngern

sagen: „ Denn wo zwei oder drei in meinem Namen

versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“

(Mth18,20). Wo also mindestens zwei im Namen

Jesu Christi anwesend sind, wird ein Seelenraum

gebildet, in dem sich der Christus Jesus manifestieren

kann. Doch was tut er da. Es heißt in dem Bericht

von den zwei Jüngern, die nach Emmaus unterwegs

waren und denen er erschien; „ Und er fing an bei

Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was

in der ganzen Schrift von ihm gesagt war“ (Lk 24,27).

Und weiter sagen die Jünger, nachdem er sie wieder

verlassen hatte: “Brannte nicht unser Herz in uns, als

er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift

öffnete?“ (Lk 24,32).

Das Geheimnis der heiligen Schrift liegt also darin,

dass die Lesenden durch ihre Einstellung die

Möglichkeit schaffen, dass der lebendige und höchste

Gott sich ihnen direkt mitteilen kann. Die

Bedingungen, die das Wort in unserer Seele findet,

bilden den Nährboden, auf welchem das Wort wachsen

kann. Und je mehr das Wort wachsen kann,

desto mehr kann sich der Himmel darin aussprechen.

Wenn man in einer Lesegruppe einen solchen

Nährboden schafft, kann das zu ganz erstaunlichen

Früchten des Geistes führen, was mich immer wieder

mit großer Dankbarkeit erfüllt.

Lernen

33


34

Lernen

Der Entschluss

| Johanna Taraba, Praktikantin in Ostberlin

Wie ist es, eine Entscheidung zu treffen?

Einen Entschluss zu fassen?

Wann taucht ein solcher das erste Mal auf?

In allen mir bisher bekannten Bruderschaften gab es

immer verschiedene Wegstufen - häufig in Form der

Grade: Lehrling, Geselle, Meister. Bei den Phytagoreern

waren es meines Wissens die Akusmatiker (die

Hörenden), die Adepten (die schon

etwas erlangt haben) und die

Mathematiker. Von Phytagoras ist uns

der Ausspruch überliefert: „Die Zahl

ist das Wesen aller Dinge“. Auf der

dritten Stufe ist man dem Wesen aller

Dinge bereits vertrauter geworden.

Vielleicht ist es beim Studium am

Priesterseminar ähnlich. In den ersten

beiden Jahren lernt man durch viele

Kurse und künstlerische Tätigkeiten,

ein Hörender zu werden. Hierbei hört

man auch stark in sein eigenes Inneres

hinein. In der christlichen Freimaurerei

ist das Motto des Lehrling-

Grades: Schaue in dich! Im Hören

wird man sich nach und nach des

göttlichen Funkens in jedem Menschen

bewusst. Der Geselle oder Adept hat schon ein

Stück des Weges hinter sich gebracht. Er hat gewisse

Inhalte aufgenommen und ist nun bereit, einen

weiteren Schritt in den Umkreis zu wagen. Dabei

kommt er aber nicht um die anderen Menschen

herum, sind doch gerade diese sein unmittelbares

Umfeld. Hier gilt darum das Motto: Schaue um dich!

Dies ist beim Studium am Priesterseminar besonders

in der Zeit des Praktikums verankert. Geduldig lebt

man sich in konkrete Gemeindezusammenhänge ein,

lernt in ganz unterschiedlichen Begegnungen, dass

man vielleicht selber gar nicht so beweglich, vielseitig

und sozialkompetent ist, wie man noch einsam

über Steiner-Schriften brütend annahm. Oder man

Ein Blick

Ruhet

auf mir.

Er weilt nur einen Moment

Doch ist sein Wesen von Dauer.

Keine Fessel der Welt

bindet mich stärker

an mein eigenes Leben

Denn dieser Blick –

der doch

Tor zur Freiheit ist.


Dein Blick ruhet auf mir

Du Ewigkeit meines Werdens.

In stiller Erwartung

harrest du meiner.

Ich nahe dir.

lernt auf einmal Pfarrer kennen, die erst einmal gar

nicht dem erdachten Idealbild eines geweihten

Priesters entsprechen wollen. Außerdem sind da die

vielen Lebens- und Verkündigungsgewohnheiten in

den Gemeinden anzutreffen, die auch ein wenig

ernüchternd sein können. Und die lieblichen quirligen

Kinder im Unterricht, die einen womöglich daran

erinnern, dass man doch viel besser Pädagoge wäre …

Wenn man dann irgendwann an den

Punkt kommt, dass all das „Schaue

in und um dich“ nicht zu einer einsichtigen

klaren Richtungsänderung

führt, sondern einem Kraft gibt,

mutig ein „Schaue über dich“ zu

wagen – man sich also über sein

ganz Persönliches zu erheben vermag,

dass man den Impuls hat, den

Mitmenschen zu dienen, dass sie

ihrem höchsten Wesen folgend den

eigenen Erdenweg finden können –,

nähert man sich der nächsten Stufe,

dem dritten Grad.

Ausgehend von der Frage nach dem

Ursprung eines Entschlusses habe

ich hier den Text über die Grade zu

beschreiben begonnen. Nun, worin

sehe ich den Zusammenhang? Ganz einfach, der

Zusammenhang liegt in mir: Ich habe in mir die Nähe

zum Wesen des Christentums „gehört“. Schon in diesem

Hören hat sich ein zukünftiger Entschluss sachte

angekündigt. Jetzt im Praktikum prüfe ich das innerlich

Wahrgenommene an den äußeren Tatsachen.

Der Ent-Schluss – das Tor oder Nadelöhr – rückt noch

näher an mich heran. Oder gehe ich auf ihn zu?

Wie genau mein Weg weitergeht, wird sich noch zeigen.

Aber ich meine, dieses vorher erwähnte „Schaue

über dich“ anzustreben und u.a. in der Priesterweihe

veranlagt zu finden.


Neugeweihte Priester

Von links nach rechts

Männer

Von links nach rechts

Frauen

Nicht auf dem Bild

Lander van den Bussche, 1974 (entsandt nach Hamburg-Volksdorf, Deutschland)

Sebastian Schütze, 1966 (entsandt nach Basel, Schweiz)

Jakob Butschle, 1981 (entsandt nach Graz, Österreich)

Johannes Beurle, 1979 (entsandt nach Stuttgart-Möhringen, Deutschland)

Pekka Asikainen, 1950 (entsandt nach Helsinki, Finnland)

Stanislava Veselková, 1964 (entsandt nach Wien, Östereich)

Ute Lorenz, 1965 (entsandt nach Berlin-Prenzlauer Berg, Deutschland)

Miriam Röger, 1985 (entsandt nach Wuppertal, Deutschland)

Anna von Druska, 1959 (entsandt nach Tampere, Finnland)

Adam Rickets, 1968 (entsandt nach Den Haag, Holland)

Lernen

35


36

Lernen

Vom täglichen Lernen eines werdenden Priesters

| Martin Thiele 3. Trimester

Draußen ist es noch dunkel, als ich im Pyjama über

den dämmrigen Flur zur Toilette schleiche. Im Halbdunkel

kommt mir eine Gestalt entgegen, die Haare

wild wie Antennen in alle Richtungen abstehend, ein

Mitstudent auf dem gleichen Weg wie ich. Aus dem

Badezimmerspiegel schaut mir dasselbe medusenhafte

Bild des Flurs entgegen. Nachts scheinen wir

alle gleichermaßen unsere Antennen auszufahren.

Nach dieser morgendlichen Selbsterkenntnis gehe ich

frisch geordnet in die Kapelle hinunter. Der weite

Raum wird lediglich von einigen Kerzen erhellt. Ich

setze mich schweigend auf einen freien Platz. Nach

und nach füllen sich die Stuhlreihen mit Gästen und

Mitstudenten. Vorne auf der linken Seite neben dem

Predigtpult sitzen vier Priester in kultischen Gewändern.

Wir erleben gemeinsam die Menschenweihehandlung.

Heute wird auf Finnisch zelebriert. Aus

aller Welt kommen die Priester der Christengemeinschaft

als Dozenten oder Gäste zu uns. Dadurch wird

die Weihehandlung im Seminar praktisch in jeder

Sprache zelebriert, in der sie auf der Welt gehalten

wird. Nach der Handlung treffen wir uns alle zum

gemeinsamen Frühstück im Essensraum. Jetzt wird es

langsam lebendig. Das Stimmengewirr der Gespräche

an den Tischen und frischer Kaffeeduft erfüllen die

Luft. Einige Studenten führen einen kleinen Sketch

auf. Natürlich fangen wir wieder viel zu spät mit dem

Abwasch an, kommen aber gerade noch rechtzeitig

zur künstlerischen Einstimmung: zehn Minuten

Theatersport bevor sich unser Trimester im blauen

Raum zum Hauptkurs trifft.

Der Hauptkurs findet jeden Morgen statt und dauert

zu einem bestimmten Thema eine Woche lang. Diese

Woche hält Herr Harlan seinen Kurs über die Substanzen

der Taufe Wasser, Salz und Asche. Neben seinen

spannenden Ausführungen machen wir auch

Experimente. Wir beobachten die Bewegungen des

Wassers in einem Gefäß, lassen eine Salzlösung kristallisieren

und zündeln ein bisschen. Wir sind so bei

der Sache, dass wir beinahe die Obstpause um 10:30

Uhr verpassen.

Die nächste Stunde ist Nachbereitungszeit. Jeder verarbeitet

auf seine Weise das Erlebte. Manche setzen

sich in kleinen Gruppen zusammen und sprechen

über den Kurs. Andere gehen spazieren, um den Kopf

wieder frei zu bekommen. Vor dem Mittagessen haben

wir Theosophie. Wir besprechen das Kapitel über

Reinkarnation. Das Essen beginnt mit einem Gebet.

Frühstück und Mittagessen nehmen wir immer

gemeinsam ein.

Danach ist Pause, wenn man nicht beim Abwasch

helfen muss. Ich lege mich kurz aufs Ohr und lese im

Anschluss noch eine halbe Stunde im Seminargarten,

um ein kleines Referat vorzubereiten. Um kurz vor

drei treffen wir uns im Garten. Normalerweise haben

wir mittags künstlerische Fächer wie Sprachgestaltung

oder Eurythmie und zwischendurch weitere

Fachstunden z.B. zu den Evangelien oder zur Men–

schenweihehandlung. Mittwochs aber treffen wir uns

zur Gartenarbeit. Heute gilt es, einen kleineren Baum

auszureißen. Früh übt sich, wer später mit seinem

Glauben Berge versetzen will. Valentino und ich laborieren

zwei Stunden an dem Baum herum, zunächst

am Wurzelwerk, später mit vollem Körpereinsatz

gegen den Stamm. Nach getaner Arbeit gibt es im

Essensraum Kuchen für alle.

Um halb sechs beginnt der Chor. Herr Ronner leitet

uns gekonnt vom einfachen Lied bis zur Bruckner-

Motette. Der Chor ist offen für alle Studenten aus

den anderen anthroposophischen Seminaren auf der

Uhlandshöhe, die zusammen den Campus A bilden.

Manche Gäste bleiben auch noch zur anschließenden

Andacht in der Kapelle.

Beim Abendessen in der Küche treffe ich Willem und

Lisa. Wir essen gemeinsam und plaudern noch eine

Weile, bis mir mein Artikel für den Seminarbrief wieder

einfällt, der morgen fertig sein soll. Vorher aber

rufe ich noch meine Frau an. Eine ganze Anzahl derer,

die hier studieren, haben eine Familie, die sie nur am

Wochenende oder in den Ferien sehen. Manche wohnen

aber auch zu Hause und kommen von außerhalb

zu den Kursen.


Es ist schon spät als ich mich an den Schreibtisch

setze. Bevor ich einschlafe, mache ich meine Tagesrückschau.

Der steinerschen Empfehlung nach ist es

gut, den Tag rückwärts zu erinnern, vom Abend bis

zum Morgen. Ich komme fast bis zum Abendessen.

Den Rest des vergangenen Tages erinnere ich im

Schlaf weiter.

Zur Seminartagung vom 2. bis 5. Januar 2014

am Stuttgarter Priesterseminar mit dem Titel

Die Wirklichkeit

der Schwelle heute

Die Brücke

von Idee zu Taten

laden wir von Herzen alle ehemaligen Studentinnen

und Studenten der Priesterseminare der Christengemeinschaft

ein. Die Tagung wird begleitet von Herrn

Debus, Herrn Karlsson und Herrn Dreißig. Ebenfalls

herzlich eingeladen sind für 2014 erstmalig noch aktuell

Studierende der Seminare Chicago / Spring Valley,

Hamburg und Stuttgart.

Weitere Auskunft: www.seminartagung.de

Mit sehr herzlichen Grüßen,

Ellen Buhles, Angela Craig-Fournes, Nicola Marks,

Richard Nowaczek, David Plum und Heike Sommer

(Vorbereiterkreis)

Anmeldungen bitte an:

Richard Nowaczek

Hochend 36

47509 Rheurdt

TelFax 02845-60 9000

email: a.r.nowaczek@web.de

Lernen

37


38

Lernen

Die Haut des Logos

| Martin Thiele, 3. Trimester

Die Lyrik als Vorstufe zum Erleben des Geistigen

Sicht.Gesicht

zwischen all den gehetzten Idyllen

und gestohlenen Momenten

findest du immer wieder einen letzten

Augenblick in deinen Taschen

Atemuhr schlägt sieben Fenster auf

Stundenschaukel wartet hin und her

deine Finger wachsen in den Urnen

wurzeln fest in Wüste, Feld und Strand

See und Seele in den Taschen

Spiegelstille ruht auf Atemwelle

Martin Thiele

„Der logische Satz ist unkommunikativ“ schreibt

Kurt Drawert in einem seiner Essays. Beim Definieren

grenzen wir einen Gedankeninhalt von anderen Inhalten

ab und schließen ihn in einen Wortkäfig ein.

Losgelöst aus seinem lebendigen Zusammenhang

erstarrt er zur toten Abstraktion. Als Information ist

er bloßes Instrument für die Meinung seines Erdenkers.

Er teilt sich selber nicht mehr mit, führt kein

Eigenleben. Wie eine entwurzelte Pflanze auf dem

Seziertisch ist er totes Material geworden.

In der Lyrik hat nach Kurt Drawert die Sprache die

Funktion einer Haut. Sie umhüllt das eigentliche

Wesen einer Dichtung, das selbst nicht sprachlich

und dadurch für sich allein auch nicht beschreibbar

ist. Drawert nennt das etwas technisch den „Mehrwert“.

Erst mittels dieser Sprachhaut wird das lebendige

Wesen einer Dichtung erlebbar, berührbar. Sie

begrenzt und öffnet zugleich. Sie wird zum atmenden

Mittler zwischen dem Leser und dem Wesen der

Dichtung. Sie ist eine Tür, grenzt zwei Räume gegeneinander

ab und ist zugleich der Durchgang vom

einen in den anderen. Die Lyrik legt nicht fest, sondern

lässt Raum für Interpretation und Vieldeutigkeit.

Sie schafft einen geistigen Raum, in dem ein

geistiges Wesen nicht nur sich aussprechen, sondern

lebendig anwesend sein, wohnen kann. Es ist möglich,

dem Wesen selbst zu begegnen, mit ihm im

Gespräch zu sein. Eine wahre Dichtung hat immer

etwas über ihren nackten Wortlaut hinaus mitzuteilen.

Ihre homöopathische Behandlung der Sprache

und die Potenzierung der Syntax erschaffen ein winziges

Sprachgebilde mit erstaunlicher geistig-seelischer

Wirkenskraft.

Auch der Wortlaut der Menschenweihehandlung hat

eine solche Sprachhaut, die eine Hülle für den

Christus bildet. Der Logos selbst kann dadurch während

der Handlung anwesend sein. In jedem gesprochenen

Wort des Priesters kann der Christus leben

und wirken. In jeder sprachlichen Gebärde der

Weihehandlung können wir ihm begegnen. Die

Weihehandlung definiert den Christus

nicht, sondern bildet ihm einen

Raum zum Wirken. Sie ist keine Informationsveranstaltung

über die

geistige Welt, der man einmal beigewohnt

haben sollte, um auf dem neusten

Stand zu sein, sondern eine

Möglichkeit, dem Himmel auf der

Erde einen Platz zu geben. „Pflegt die

Gastfreundschaft“, schreibt Paulus

an die Römer. Das Besondere an

einem solchen geistigen Raum ist

natürlich, dass er immer wieder neu

gebildet werden muss. Auf der Erde

bauen wir ein Haus in der Erwartung,

dass es dann da ist. Wir müssen es

zwar pflegen und gelegentlich das

Material erneuern, aber es steht bei

guter Planung fest auf seinem Grund.

© siehe Impressum


Den geistigen Raum für die Weihehandlung müssen

wir immer wieder von neuem erschaffen. Er bleibt

nicht einfach stehen wie das Haus.

Das Gedicht „Sicht.Gesicht“ entstand aus der Stimmung

einer Wiederbegegnung mit guten Freunden.

Es wird gedanklich nicht gleich fassbar, was es mit

Begegnung zu tun hat. Aber vertieft man sich in ein

bekanntes Gesicht, kann man erleben, wie sich der

eigene Blick, die eigene „Sicht“ erweitert. Wie sich

die Eile des Alltags durch die Anwesenheit des Anderen

verflüchtigt. Nicht die Uhr, sondern der Atem

zählt die Stunden, die auf der Schaukel gleich Kindern

spielen, nicht um zu vergehen, sondern um zu

wachsen und zu gedeihen. Man kann die beruhigende

„Spiegelstille“ eines vollkommen ruhigen Sees

erleben und gleichzeitig innerlich von „Atemwellen“

bewegt sein.

Ich möchte damit nicht festlegen, was das Gedicht

im Einzelnen zu bedeuten hat. Jeder vermag vielleicht

etwas Anderes in diesen Zeilen zu entdecken.

Interpretation bedeutet ja nicht zu wissen, was der

Dichter „damit“ sagen wollte. Interpretation

heißt, den geistigen Lebensraum

einer Dichtung zu betreten

und im Idealfall dieses Erlebnis auch

beschreiben zu können.

Wie das Leben selbst hat auch ein

Gedicht unendlich viele Bedeutungsebenen

und -schichten. Immer wieder

lässt sich etwas Neues entdecken

Mit dieser erlebenden Haltung können

wir uns auch immer wieder der

Menschenweihehandlung öffnen und

an ihrem inneren Leben Anteil nehmen.

Steinbildhauerei

in der Osterzeit

| Daiske Kaya, 3. Trimester

Woher kommt

Die Ei-Gestalt

Die allen Eiern gemeinsam ist

Die Form

Und wenn Du Stein

Der schweigende Stein

Wenn dir ein Leben wär’

Welche Form du nähmest

Zeige mir

Was du in dir hast

Durch deine Geste

Ich nun

In der Form den Einklang

Der von innen heraus

Und von außen kommt

Fühle ihn in mir

Wie meine Geistigkeit mit der

Stimme des Steins sich vereint

Lausche in deine Stimme

Höre in deine Geste

Wenn immer ich den Meißel schwinge

Bemerke ich denselben Ton

Der in der ganzen Welt

Und im ganzen Weltall

Erklingt

Erschaffung

Durch diese Tat werde ich

Wissen, dass Einer des Weltalls

Ich bin

Durch die Erschaffung

Wahrhaftig werde ich

Einer des Weltalls

O Erschaffung

Die Welt

Entspringe diese Kunst

Zu schwingen den Meißel

Nicht bloß meiner Willkür sondern

Auch der Liebe zu dir

Und der Dank zu dir

Lehre mich die Liebe

O Dankbarkeit

Um die Liebe zu wissen

Sei mein Ohr

Lernen

39


Leben & Begegnung

40

Was verbindet uns?

| Julian Rögge 6. Trimester

In den Trimesterferien haben sich zehn Studierende

des Priesterseminars auf den Weg gemacht, um die

Gemeinden in Ost-Berlin, Dresden, Chemnitz, Leipzig,

Jena und Prag zu besuchen. Einen Teil der einwöchigen

Fahrt wurden wir von einem unserer Seminarleiter

begleitet. Unser Anliegen bei den Gemeindebesuchen

ist auf der einen Seite, während unseres Studiums

möglichst verschiedene Gemeinden zu erleben.

Dabei ist es uns sehr wichtig, die Menschen in den

Gemeinden kennenzulernen und mit ihnen ins

Gespräch zu kommen. Auf der anderen Seite wollen

wir von unserem Studium und unserem Leben am

Seminar berichten. Dies soll auch das Interesse an

einem Studium am Seminar wecken. Vor allem aber

besuchen wir die Gemeinden, um uns Ihnen allen, die

uns ideell und finanziell unterstützen, vorzustellen

und Ihnen auch einmal persönlich Dank sagen zu

können. Im Folgenden möchte ich Ihnen von meinen

Eindrücken berichten.

Nach einer langen Fahrt kamen wir in Berlin an. Das

Erste was auffiel: Für Ende März war es noch ziemlich

kalt. Dies sollte auch die ganze Woche über so

bleiben … Am Abend trafen wir dann die Berliner

Gemeinde. Wir waren gespannt, was uns erwarten

würde. Nach begrüßenden Worten brachten wir ein

Programm aus inhaltlichen (Leben am Seminar,

Studieninhalte etc.), persönlichen ('Mein Weg ans

Seminar') und künstlerischen (Gedichte, Lieder)

Beiträgen dar. Einen Abschluss fand der Abend mit

einer Frage- und Gesprächsrunde. Dieses bunte Programm

variierten wir für die folgenden Begegnun-

gen, sodass jeder von uns Reisenden Gelegenheit

hatte, zu unterschiedlichen Themen zu sprechen.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf nach

Dresden. Hier hatten wir zunächst etwas Zeit, um uns

die schöne Altstadt anzuschauen. Doch auch hier

trieben uns die Kälte und der schneidende Wind relativ

schnell wieder zurück in die Gemeinde. Wir waren

gewarnt worden: Man wisse nicht, wie viele Menschen

bei dem Wetter kommen würden. So waren wir

begeistert, dass wir am Abend in großer Runde

zusammensaßen und vom Seminar berichten konnten.

Wir waren mit unserem Programm schon etwas

vertraut und hatten ein sehr interessiertes Publikum,

sodass es ein runder Abend wurde.

Am nächsten Morgen ging es schon früh weiter, da

wir um 9:00 Uhr zur Menschenweihehandlung in

Chemnitz sein wollten. Danach fand auch hier eine

schöne Begegnung mit der Gemeinde und ein lebhafter

Austausch statt. Kennen Sie eine der Besonderheiten

der Chemnitzer Gemeinde? Dort gibt es eine

Kerzenwerkstatt, in welcher in Handarbeit und aus

reinem Bienenwachs unter anderem Altarkerzen hergestellt

werden. Nach einem Besuch in dieser Werkstatt

und einem leckeren Mittagessen ging es auch

schon weiter nach Leipzig. Die Kirche der dortigen

Gemeinde fällt einem sofort ins Auge. Diese Kirche

wurde in der Zeit der DDR gebaut; die Gemeinde

beherbergte bis zur Wende auch ein Priesterseminar.

Ihr Bau war möglich, da die damaligen Machthaber

Devisen aus Westdeutschland gerne annahmen.

Während der Zeit der DDR konnten sich hier auch

Initiativen aus der Anthroposophischen Bewegung

treffen. Die Kirche und ihre Pfarrer waren eine

Institution, die das kulturelle Leben der Stadt mitprägte.

Mir, der die DDR nie erlebt hat, fiel in jedem

Winkel die besondere Atmosphäre dieses Ortes auf.

Am Abend hatten wir auch hier eine lebhafte

Begegnung mit der Gemeinde. Am nächsten Morgen

ging es dann weiter nach Jena.

Die Kirche der Gemeinde in Jena wurde, wie in

Leipzig, schon zur Zeit der DDR erbaut. Sie ist deut-


lich kleiner, liegt verborgener, ist aber sehr schön. In

Jena konnten wir die Sonntagshandlung für die

Kinder und die Menschenweihehandlung miterleben.

Zwischen beiden Gottesdiensten gab es eine sehr

schöne Präsentation eines Liedes und vieler Bilder zur

Schöpfungsgeschichte, die die Kinder im Religionsunterricht

erarbeitet hatten. Im Anschluss an die

Begegnung mit der Gemeinde wurden wir noch fürstlich

bewirtet. So trennten wir uns nur zögerlich von

den vielen lieben Menschen und dem schönen Ort,

um uns auf den Weg nach Prag zu machen.

Die Gemeinde in Prag hat eine ebenso wechselvolle

Geschichte wie die Gemeinden in der ehemaligen

DDR. Sie wurde als eine der ersten Gemeinden außerhalb

Deutschlands gegründet und zunächst zweisprachig

(tschechisch/deutsch) geführt. Durch die

Nationalsozialisten verboten, konnte sie nach dem

Krieg wieder aufblühen. Doch schon bald wurde sie

auch von den neuen kommunistischen Machthabern

wieder verboten. Nach längerem Verbot konnte sie

erst im Rahmen des Zusammenbruchs der UdSSR

wieder in der Öffentlichkeit wirken. Seit ihrer Gründung

kam die Gemeinde immer wieder in neuen

Räumen unter, zur Zeit besitzt sie ein großes Haus in

der Nähe der Prager Burg. In diesem ist ein sehr schöner

Weiheraum eingerichtet, es gibt einen Kindergarten

und Wohnungen für die Pfarrer. Hier war die

Begegnung mit der Gemeinde durch den Sprachunterschied

besonders spannend. Wie würden wir die

Menschen erreichen können, wenn alles übersetzt

werden muss? Doch es gelang, und so wurde auch

dies eine bereichernde Begegnung.

Schaue ich nun auf die verschiedenen Begegnungen

zurück, so ziehen viele Bilder an mir vorbei: verschiedene

Menschen, Geschichten, Räume und Städte.

Durch all dies entstehen in den Gemeinden sehr

unterschiedliche Atmosphären. Verbindet sie auch

etwas? Es sind die Menschen in ihrem Suchen und in

ihrem Streben nach einer neuen Gemeinschaft, einer

Gemeinschaft, die hilft, die Sakramente hier auf

Erden Wirklichkeit werden zu lassen.

Jeder Mensch ist ein

verbogener Gottesname.

| Martina Müller,

| Gemeindemitglied in Stuttgart Nord

Leben & Begegnung

Ich hatte ein befreundetes Ehepaar, das bei den

Priesterweihen im Chor mitsang, am Sonntag nach

der Weihe zum Mittagessen eingeladen – quasi als

Belohnung, dass sie den neuen Priestern musikalisch

so tüchtig in Amt und Würden geholfen hatten.

Der Wohlgeruch westfälischen Grünkohls zog bereits

durch die Wohnung, als sie eintrafen und mir zur

Begrüßung ein winziges Papierröllchen in die Hand

drückten, das mit einem goldenen Band umwickelt

war.

„Jeder Besucher der Weihen“, so beantwortete SIE

meine fragenden Blicke, „hat im hinteren Foyer in

einen Korb mit lauter solchen Röllchen greifen dürfen;

auf ihnen stehen kleine Sprüche, die mit etwas

Glück in einen interessanten Zusammenhang mit

dem Schicksal des Betreffenden gebracht werden

können.“

Bei ihr träfe es auf jeden Fall zu. Und als sie das Röllchen

für mich herausgegriffen habe, habe sie ganz

fest an mich gedacht. Oha – ein Priesterorakel also!

Gespannt entfernte ich das goldene Bändchen und

entrollte das Papier. „Lies vor“, sagte ER, „was steht

bei Dir?“ Er schaute mir über die Schulter und ich las:

„Jeder einzelne Mensch ist ein verborgener Gottesname.“

– Friedrich Rittelmeyer

Hm. Ich begann angestrengt in mich zu horchen, ob

ich eine Verbindung zu meinem Schicksal herstellen

könnte, als er mich unterbrach: „Aber das steht da

doch gar nicht! Guck mal, da steht: „Jeder Mensch ist

ein verbogener Gottesname“

Tatsächlich! Wir blickten uns an und prusteten los.

Das Priester-Orakel, scheint mir, hat Humor.

Anmerkung der Redaktion: Diese Zettel waren als

Anregung gedacht und dass keine abergläubische

Schicksalsprophetie damit gemeint ist, sollte ja

eigentlich klar sein.

41


Leben & Begegnung

42

Was hat Improvisationstheater mit

christlicher Erneuerung zu tun?

| Auszüge aus einem Gespräch mit Ulrich Meier,

Seminarleiter am Hamburger Priesterseminar

Till Sarrach: Herr Meier, in der vergangenen

Woche haben wir jeden Morgen eine spannende

Einstimmung in den Tag mit Ihnen erfahren.

Theatersport. Was begeistert Sie daran?

Ulrich Meier: Mich begeistert der spielerische und

unmittelbare Kontakt zum intuitiven Bereich. Ich

kann immer wieder an die Grenze dessen gehen, dass

mir nichts mehr einfällt, und dann erleben, wie mir

das Neue geschenkt wird.

T.S.: Und wieso ist es für angehende Priester

gut zu improvisieren?

U.M.: Für Seminaristen würde ich das niemals verpflichtend

machen, auch in Hamburg ist Theatersport

freiwillig. Denn es gibt Leute, die auf andere Weise

improvisieren: musikalisch, plastisch, bildnerisch, und

nicht jeder Mensch hat eine Affinität zum Theater.

T.S.: Wäre es denkbar, eine Predigt zu improvisieren?

Gar auf Zuruf von der Gemeinde? Krieg,

Homöopathie, Osterhase, Sündenfall. Bitte, Herr

Pfarrer! Oder ist das nicht erstrebenswert?

U.M.: Die freie Rede in der Predigt ist mir in meiner

Seminarzeit empfohlen worden. Ich habe sie zunächst

nicht praktiziert, weil ich großen Respekt davor

hatte, auf der Kanzel zu sprechen. Ich habe erst

einige Jahre lang alles aufgeschrieben, mich dann

nach und nach vom Manuskript gelöst und irgendwann

nur noch frei gesprochen. Ich halte es für eine

gute Sache, dass die Predigt wirklich frei gesprochen

wird. Improvisatorisches kommt in der Predigt beispielsweise

bei Tagungen oder Abendandachten zum

Tragen, weil es hilfreich ist, dass man die Motive, die

einem aktuell beim Begleiten der Tagung in den Sinn

kommen, zu einer Predigt gestalten kann.

T.S.: … und auf Zuruf?

U.M.: Eine Predigt auf Zuruf würde ich nicht machen.

In der Aus- und Fortbildung könnte man in einem geschlossenen

Rahmen kleine Übungen machen, ein

Motiv oder ein Bild auf Zuruf mit Worten in Bewegung

zu bringen.

T.S.: Theater und Improvisation ist stetige

Erneuerung. Woher kann das Neue kommen

in die Gemeinden der Christengemeinschaft?

Soll es überhaupt kommen?

U.M.: Jeder Mensch, der neu in die Gemeinde aufgenommen

wird, sollte die Gemeinde dafür sensibilisieren,

dass sie sich jetzt ändern muss. Das gilt auch für

den Priesterkreis.

T.S.: Ich versuche es noch mal anders.

Bei der Priesterweihe haben sie die neu

geweihten Priester dazu aufgerufen,

revolutionär zu sein. Gibt es etwas, das

sie gern revolutionieren möchten?

U.M.: Ich halte es sogar für einen urchristlichen Auftrag,

revolutionär zu sein. Was ich der Christengemeinschaft

in dieser Hinsicht wünsche und wofür ich

mich gern einsetzen möchte, ist zum Beispiel ein

Wiederentdecken der Andachtskultur. Ich freue mich,

dass wir unsere Sakramente so pflegen, wie wir sie

pflegen, und ich bin immer wieder erstaunt, wie viele

Menschen auch neu den Zugang zu den Sakramenten

finden. Aber das Bedürfnis der Gemeindemitglieder

nach einer aktiveren Beteiligung an der liturgischen

Gestaltung unseres gottesdienstlichen Lebens finde

ich berechtigt. Welche Formen des gemeinsamen

Betens ließen sich zusätzlich zu den Sakramenten

finden? Ein anderer Bereich, der mir am Herzen liegt,

ist eine Stärkung der tätigen Beteiligung unserer

Gemeinden in den kulturellen und sozialen Zusam-


menhängen unserer Städte. Im christlichen Leben

gibt es neben der Einladung an die Menschen, in die

Gemeinde zu kommen, auch die Initiative, als Christengemeinschaft

aktiv in das heutige Kulturleben

hineinzugehen.

T.S.: Was für Tätigkeitsfelder würden sich da

anbieten? Eine Suppenküche zum Beispiel?

U.M.: Ich glaube, dass Gemeinden auch durch solche

religiösen, karitativen Initiativen sehr viel gewinnen

würden an innerer Kraft und vielleicht auch manches

verlieren würden an selbstbespiegelndem, melancholischem

„Ach-wir-sind-ja-nur-so-klein-Gejammer.“

T.S.: Haben wir die Macht, etwas zu bewegen?

Wie ist Ihr Verhältnis zur Macht?

U.M.: Macht verstehe ich zunächst einmal als Tatsache,

nämlich eine unterschiedliche Möglichkeit von

Menschen zu interagieren. Die einen haben mehr

Macht, die anderen haben weniger. Und die mehr

Macht haben, tragen entsprechend mehr Verantwortung.

Schwierig wird es für mich erst, wenn

Macht missbraucht wird. Oder wenn der Machtbegriff

so weit an die Seite gerückt wird – weil man

ihn für negativ erachtet –, dass man das Machtgefälle,

das in jeder sozialen Beziehung lebt, nicht

mehr beachtet. Auch dann droht der Machtmissbrauch,

wenn zum Beispiel jemand seine Macht nicht

offen zeigt, sondern sie den Menschen so überstülpt,

dass sie es nicht bemerken und sich nicht wehren

können. Auch der Ohnmächtige hat Macht.

T.S.: Manchmal bekommt der Priester

vielleicht Macht zugesprochen, ohne

dass er sie haben will …

U.M.: Das ist die große Herausforderung an den

Priester, wenn er die Führung der Gemeinde verantwortet.

Aus dem Neuen Testament können wir ablesen,

dass die Macht christlich wird, wenn sie sich mit

der Verantwortung verbindet und eine dienende

Macht wird: sich für die Prozesse in der Gemeinde

einzusetzen und sie gerade dadurch fruchtbar zu

machen, dass nicht unsere Person in die Machtsphäre

gerückt wird, sondern dass wir dienen, indem wir

dafür sorgen, dass die anderen Menschen Räume finden,

in denen sie sich selber finden und entfalten

können. Die Tradition der christlichen Kirche ist leider

durchsetzt von mancherlei Machtmissbrauch, und es

haftet der Rolle des Priesters und Pfarrers an, dass er

schnell verdächtigt wird, Macht ausüben zu wollen.

Das bedeutet für uns heute, eine besondere Achtsamkeit

bei der Verwirklichung eines erneuerten

Priesterbildes zu üben.

T.S.: Können Sie ein Beispiel geben?

In der Seelsorge werden uns von unseren Gesprächspartnern

manchmal Angebote gemacht, etwas zu

tun, das weit über die Verantwortlichkeit eines Seelsorgers

hinausgeht, zum Beispiel in biografische Entscheidungsprozesse

einzugreifen. Wir müssen aber

als Seelsorger der Entscheidungsfindung unserer

Klienten genauso dienen, wie wir den sozialen Prozessen

in der Gemeinde zu dienen haben. Wir tragen

die Verantwortung dafür, dass die Prozesse in der

Gemeinde sauber geführt werden – auch zum Schutz

derjenigen, die ohne Einflussmöglichkeit an den

Prozessen teilhaben. Weiter sollten wir auch denen,

die Verantwortung in der Gemeinde übernehmen

wollen, zur Seite stehen und ihnen Räume und

Möglichkeiten eröffnen. Den Jugendlichen zum

Leben &

Begegnung

43


Leben & Begegnung

44

... Was hat Improvisationstheater mit christlicher Erneuerung zu tun?

Beispiel vertrauen, wenn sie mit einer Eigeninitiative

kommen. Sie verantwortlich werden lassen, ihnen

Räume geben. Erneuerung gelingt, wenn ich Vertrauen

in die Potentiale der Menschen investiere.

T.S.: Rudolf Steiner empfiehlt den Pfarrern,

sich auch wirtschaftliche Kompetenz anzueignen,

um in diesen Fragen ihrer Gemeinde helfen zu

können. Aus der göttlichen Weisheit heraus.

Wie handhaben Sie das?

U.M.: Erstens sollte sich der Priester hüten, sein

Augenmerk nur auf das Immaterielle zu richten, sondern

er täte gut daran, auch die Geldprozesse in der

Gemeinde voller Interesse zu begleiten, sich auch in

die Vorgänge des Wirtschaftslebens insgesamt einzuleben.

Aber ich verstehe Rudolf Steiner nicht so, dass

der Priester ungefragt Ratschläge erteilen soll. Vielmehr

geht es darum, dass er, wenn die Menschen mit

Studenten im Praktikum

Von links nach rechts:

Gisela Thriemer, Seminarleiterin

Johanna Taraba, 1991, Deutschland

Kaori Mogi, 1982, Japan

Annette Semrau, 1967, Deutschland

Soledad Davit, 1985, Italien

wirtschaftlichen Fragen an ihn herantreten, durch

seine Kenntnis und sein Interesse den Fragenden dazu

verhelfen kann, ihre eigene Entscheidung zu finden.

Das ist für mich die zentrale Aufgabe des Seelsorgers

– auch auf anderen Lebensgebieten. Oft sind

es nicht die Lösungen, die wir als Priester empfehlen

wollen, die den Menschen weiterhelfen, sondern dass

wir im richtigen Augenblick die richtigen Fragen zu

stellen lernen.

T.S.: Und was hat das nochmal

mit Theatersport zu tun?

U M: Aus dieser Haltung gehen wir mit den Menschen,

die sich uns anvertrauen, gemeinsam an die

Grenze, an der keine alte Lösung mehr weiterhilft. Im

seelsorgerlichen Gespräch kann sich der intuitive

Raum öffnen, aus dem den Menschen das Neue

zukommt.


Jugendtagung zur Priesterweihe

| Michael Sölch, 3. Trimester

Aus allen Regionen Deutschlands sind junge

Menschen ab 14 Jahren zusammengekommen, um in

Stuttgart gemeinsam die Priesterweihe zu erleben.

Es gab Jugendliche, die aus ihrer Gemeinde extra

gekommen sind, weil sie einen Weihekandidaten gut

kannten und ihn auf einem sichtbaren Stück Lebensweg

begleiten wollten. So nutzten die Wiener

Jugendlichen die Gelegenheit, um ihren ehemaligen

Gemeindehelfer noch einmal dankend warm zu

beschenken, denn es gab Musik mit selbstgeschriebenen

Texten.

Einige Jugendliche haben selbst schon mit dem

Gedanken gespielt, sich auf den Weg zum Priestertum

zu begeben. Aber nicht nur für sie war es aufregend

und bereichernd, die Priesterweihe zu erleben.

Auch Jugendliche mit weniger konkreten

Fragen an den Priesterberuf wollten die Priesterweihe

erleben, weil sie sich mit der Christengemeinschaft

verbunden fühlen und diese besser kennenlernen

wollen. Es gab eine Begegnung der Jugendlichen

mit einigen älteren Priestern und einer neugeweihten

Priesterin, die im Kreis der Versammelten von

ihrem Weg zum Priestertum erzählten. Dabei standen

vielfältige Aspekte im Raume, die für Jugendliche

auch gut nachvollziehbar sind, wenn sie aus

einer lebendig geschilderten biografischen Erzählung

hervorgehen: das Verhältnis zwischen Christengemeinschaft

und Katholizismus, zwischen Christentum

und Islam und auch persönliche Beweggründe.

Lustig war in diesem Zusammenhang die geschilderte

Tatsache, dass in der Gemeinde die Ankündigung

der Jugendtagung mit einem kleinen Rechtschreibfehler

versehen war. Es hieß dort: „Jugendtagung zu

Priesterweihe“. So wie also etwa Wasser zu Wein

wird oder Weizen zu Brot, konnte man annehmen,

an dieser Tagung werden Jugendliche zu Priestern.

Es wurde aber auch die Frage in der Runde aufgeworfen,

was es eigentlich genau bedeute, wenn man

bekennt, Christ zu sein. Diese Frage machte bestimmt

den einen oder anderen Jugendlichen betrof-

fen, bevor dann die Priester das

Schweigen durchbrachen. Und

dennoch ist es bestimmt gut und

richtig, mit dieser Frage ein wenig

zu ringen, wenn man kurz vor

oder bereits nach der Konfirmation

steht und selbst einen Weg

sucht, Christ zu werden. Die Konfirmation

ist ja in der Christengemeinschaft

nicht als Bekenntnis

zu einer bestehenden Kirche

zu verstehen wie in anderen Konfessionen.

Sie führt den Jugendlichen

aus der mehr autoritären

Erziehungssituation des Kindes in

das selbstständigere Leben. Ein

allfälliges Bekenntnis oder auch nur das Bedürfnis,

sich überhaupt um Religion zu bemühen, ist nach

der Konfirmation gänzlich der Freiheit der Jugendlichen

überlassen. Dennoch berührt die Frage nach

dem Bekenntnis und das Ringen damit für die

Jugendlichen etwas Wertvolles: Sie werden wach für

den eigenen inneren Impuls und können schon ein

wenig Ernst fühlen lernen.

Zur notwendigen Aufgabe wird das Bekennen erst

für den Weihekandidaten. Bis dahin haben aber die

Jugendlichen, die vielleicht selbst einmal an diese

Schwelle kommen wollen, noch genügend Zeit zur

Besinnung auf ihrem Weg vor sich. Aber das

Weiheziel, das dann auch zugleich ein Anfang ist,

haben sie gesehen. Und auch im Priesterseminar

waren sie zu Besuch, um zu sehen, wo die Priester

studieren. Insofern haben die Jugendlichen in ihrem

Gedächtnis auch schon die örtlichen Stationen eingeprägt,

die eventuell bei diesem oder jenem – von

dieser Jugendtagung ausgehend – beim Antritt zur

eigenen Priesterweihe als Erinnerung auftreten

könnten.

Leben & Begegnung

45


Leben & Begegnung

46

Orientierungswoche am Priesterseminar

| Jakob Besuch, Teilnehmer der Orientierungswoche

Will ich mich wirklich

am Priesterseminar anmelden?

Mit dieser oder vielleicht ähnlichen Fragen trafen die

verschiedensten Schicksalswege zur einwöchigen

Teilnahme am Priesterseminar in Stuttgart zusammen.

Aus Frankreich, England, Belgien, Tschechien,

Israel und Deutschland (Alter zw. 22 und 44 Jahren)

hatten wir uns eingefunden und teilten nun unsere

Fragen und Hintergründe miteinander, die es zu einer

etwaigen Anmeldung als Student am Seminar geben

kann. Ob es sich um sprachliche, finanzielle und

innere Hürden, das Alter oder einen speziell gläubigen

Familienhintergrund als Schwierigkeit handelte,

für viele schien in irgendeiner Weise die Entscheidung

keine selbstverständliche zu sein.

Für mich hatte diese Frage zunächst die Oberfläche

des persönlichen Wünschens und Wollens, sie sollte

sich aber im Laufe der sechs Tage zwischen Unterricht,

Menschenweihehandlung und dem Austausch

mit den Seminaristen des ersten und zweiten Jahres

verändern.

Das begann schon gleich im allmorgendlichen

Hauptkurs des zweiten Trimesters bei Georg Dreißig,

wo in lebhafter Weise die Freiheit, aber auch die

© siehe Impressum

Wahlfreiheit der Gegenwart erörtert wurde: Während

man den Menschen, je weiter man in der Zeit zurück

geht, immer stärker als in seine traditionell vererbten

Pflichten hineingeboren vorfindet, lässt sich heute

beobachten, dass der moderne Mensch in immer ungebundenerer

Weise seine Pflichten aufsucht und

wahrnimmt. Diese wachsende Selbstbestimmung,

das Verständnis, sich auch im Alter von 50 oder 60

Jahren neu begründen zu können, spiegelt sich nicht

nur in immer bunteren Biografien sondern erweiterte

auch meinen Ausgangspunkt als Orientierungskursler

von einem „Will ich das wirklich?“ zu dem breiteren

„Was will ich denn eigentlich?“.

Ohne dass ich sie gestellt hätte, wurde auch diese

Frage zum Unterrichtsgegenstand: Sie ist eigentlich

ein Selbstgespräch zwischen Fragesteller und Adressatem,

mit welchem man sich in einer Sackgasse

befindet. Gefragt ist derjenige, welcher die Frage

selbst gestellt hat, also der, welcher keine Antwort zu

haben scheint, da er sonst die Frage ganz hätte weglassen

können. Da ich einen solchen Gedanken bisher

nicht zur letzten Konsequenz gedacht hatte, nahm er

unter Einsicht dieser Sackgassensituation an beklemmender

Realität zu. Die Beleuchtung eines solchen

Nullpunktes bekam auch im nachmittäglichen

Unterricht zum Credo, dem Glaubensbekenntnis

innerhalb der Weihehandlung, ein weiteres Licht.

Was heißt es denn, wenn die Worte im Weiheraum

gesprochen werden:

„Dann überwand er den Tod nach dreien Tagen?“

Immerhin scheint die vorher erwähnte Sackgasse

kein festes Gebilde zu sein, sondern vielmehr ein

erlebter Prozess in der Zeit. So erging es mir zumindest,

als ich mich am 3. Tag meiner Orientierungswoche

vor dem Bekenntnis fand: Als der, der ich jetzt

bin, komme ich hier jedenfalls nicht weiter. Wenn ich

an meinem persönlichen Wünschen und Wollen festhalten

möchte, das hieße, wenn ich weiterhin nur

Künstler, Zeichner, Filmschaffender bleiben möchte,

dann brauche ich hier nicht anzufangen. Das zumindest

war das Gefühl nach einem Gespräch mit der


Seminarleitung, wo ich mir im Nachhinein nicht

sicher war, was wohl helfen könnte, um die erlebte

Scham gegenüber meinen eigenen Aussagen in erträgliche

Distanz zu bringen.

Trotzdem waren diese Gefühle am nächsten Morgen

wie von mir genommen; ich verbrachte einen Tag in

völliger Ruhe. Aus dieser Gemütslage heraus, formulierte

sich langsam auch ein Thema für die Restwoche:

das, was ich bin, zu sein glaube oder gerne

sein will, soweit als möglich hinter mir zu lassen.

Und genau dafür war am Priesterseminar der Raum

gegeben: Innerhalb einer Atmosphäre, in der ich

Wohlwollen und Vertrauen begegnet bin, durfte ich

an einem Unterricht teilnehmen, der nicht nur von

humorvollen Aufweckungen begleitet war, sondern

auch mich als neu Hinzugekommenen immer persönlich

betroffen hat. Dabei war auch das Haus, welchem

man den „verbindenden Geist“ nachsagt, von

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,

niemand bespricht unsern Staub.

Niemand.

Gelobt seist du, Niemand.

Dir zulieb wollen

wir blühn.

Dir

entgegen.

Ein Nichts

waren wir, sind wir, werden

wir bleiben, blühend:

die Nichts-, die

Niemandsrose.

Mit

dem Griffel seelenhell,

dem Staubfaden himmelswüst,

der Krone rot

vom Purpurwort, das wir sangen

über, o über

dem Dorn.

Bedeutung, da es sich mit seinem weiten Blick über

Stuttgart nicht nur thematisch zwischen Himmel und

Erde befindet, sondern auch in seinen verwinkelten

Treppen und lichten Räumen Ort und Übungsfeld von

Gespräch und Begegnung bietet. In diesem Klima und

dem offenen Teilen der Widerstände, die sich ergeben,

wenn man dabei ist, ein Stück Biografie scheinbar

zurückzulassen, war es mir möglich, innerhalb

einer Woche viel Neues aufzunehmen.

Die anfangs gestellte Frage war ernsthafter geworden

und hatte am Ende der Woche ein neues Gegenüber

gefunden:

Liegt es nicht in meiner Pflicht als Mensch, mich der

Verantwortung zu stellen, welche in den nun entgegengetretenen

Fragen, dem Nullpunkt liegt? Dazu

abschließend ein Gedicht von Paul Celan, das allmorgendlich

im Hauptkurs erklang:

Leben & Begegnung

47

© siehe Impressum


Leben & Begegnung

48

Erfahrungen aus dem Rettungsdienst

| Jakob Kraul

Nachdem ich einige Jahre am Seminar war und

damit gerungen habe, wie es weitergehen soll, habe

ich mich dazu entschlossen, mit der Ausbildung zum

Rettungsassistenten zu beginnen. Letzten Herbst

ging es damit los. Dadurch, dass ich den ersten Teil

bereits abgeschlossen habe und die Ausbildung insgesamt

sehr praktisch ist, habe ich jetzt schon die

Möglichkeit, Erfahrungen in der Notfallrettung zu

sammeln.

Inzwischen arbeite und lerne ich beim Rettungsdienst

in Witten. Die Tage auf der Rettungswache

sind äußerst unterschiedlich. Mal sind wir ständig

auf Achse, mal ist es ruhig, und wir haben viel Zeit

für uns. Die Arbeit in diesem Zusammenhang unterscheidet

sich sehr vom Leben am Seminar. Auch die

Kollegen sind grundsätzlich anders. So anders und

neu es für mich ist, so spannend finde ich es, einen

ganz neuen Arbeitsbereich kennenzulernen. Das Stu-

dium am Seminar hilft dabei, Erfahrungen im Rettungsdienst

in einem anderen Licht zu sehen. Auch

wenn viele Einsätze nicht so aufregend sind, wie

man es sich oft vorstellt, gibt es doch immer wieder

Erlebnisse, die einem zu denken geben. Bei Einsätzen

sind wir oft Zeuge von schweren Schicksalsschlägen.

Wichtig ist es dann, innerlich die größtmögliche

Ruhe zu wahren.

An dieser Arbeit ist auch spannend, dass wir ständig

in eine andere Umgebung kommen: in Wohnungen,

an Baustellen, an Arbeitsplätze oder Straßenkreuzungen.

Oft finde ich die Notfallsituationen gar

nicht so erschreckend. Krasser finde ich, was dazu

geführt hat. Die Wohnungen riechen oft erbärmlich

nach Zigarettenrauch. Immer wieder sind die

Einsätze auf Pillen-, Nikotin- oder Alkoholmissbrauch

zurückzuführen. Nicht nur das Medizinische

ist in dem Zusammenhang interessant. Viel aufregender

finde ich die menschliche Begleitung. Sofern

die Patienten ansprechbar sind, ergeben sich im

Krankenwagen immer wieder spannende Gespräche.

Oft zeigt sich, wie sinnlos den Menschen ihr Leben

erscheint. In diesen Minuten ein kleiner, menschlicher

Begleiter zu sein, gehört neben dem

Medizinischen zu dem Wichtigsten an dieser Arbeit.


Liebe Leserinnen und Leser unseres Seminarbriefs,

im 90. Lebensjahr stehend ist Sara Ambrosi in den

Ostertagen verstorben (*7. August 1923 – † 21. April

2013). Am 25. April haben wir ihre Bestattung gefeiert.

Wie stimmig war da alles! Die Sonne hat warm

aus unverstelltem blauen Himmel geschienen, und

die Obstbäume standen hier in Stuttgart in voller

Blütenpracht – gerade so, als hätte die Erde sich

ihren Wunsch, wie sie sich am allerliebsten von Sara

Ambrosi verabschieden würde, erfüllen dürfen. Denn

Sonnenwärme und Blütenzauber gehörten zum

Wesen der Verstorbenen innig hinzu. Wenn sie bis

ins hohe Alter rastlos im Garten arbeitete, ging es ihr

stets darum: dass das Gepflanzte für die Sonnenkräfte

erreichbar sein, sie aufnehmen und dadurch

wachsen, erblühen und fruchten könne. Auch die

Seminaristen haben diese dem kosmischen Leben

dienenden Kräfte Sara Ambrosis deutlich gespürt: in

ihrer freundlichen Verbundenheit mit ihnen, ihrer

Herzenswärme, ihrem so völlig selbstverständlichen

Dasein für sie alle. Wer verstehen möchte, was es

damit auf sich hat, dass der Mensch sonnenhaft wirken

soll, an Sara Ambrosi konnten wir es ohne alle

Eitelkeit und Hochmut erleben. Sie brauchte auch

nicht darum zu ringen, sich nicht dafür zu kasteien,

sie war einfach so – meist mit einem freundlichen

Lächeln auf den Zügen begleitete sie die Seminargemeinschaft:

unsere Sonne vom Dienst, deren

Wärmestrahlung uns nun, da wir von ihr Abschied

genommen haben, erst als das Besondere deutlich

wird, das sie war. An Sara Ambrosi war sie nichts

Besonderes, sondern einfach Teil ihres sich selbstlos

einfügenden Wesens. So hat Sara Ambrosi auf ihre

stille, selbstverständliche Art die Studierenden hier

am Seminar etwas gelehrt, das Kurse und Fachstunden

nicht vermitteln können und für das auch

nicht leicht ein Ersatzdozent zu finden sein wird: wie

Menschsein und Sonnesein sich miteinander verbin-

den und fördern können zum Segen der Gemeinschaft.

Denn solche Lehre wird nicht durch Wort vermittelt,

sondern durch die ganz eigene Art, Mensch

zu sein.

Die Veränderungen, die das vergangene Jahr uns in

der Zusammensetzung der Seminarleitung beschert

hat, sind noch nicht ganz abgeschlossen. Zunächst

ist dankbar zu vermerken, dass Stephan Meyer, der

kurzfristig eingestiegen war, um die Durchführung

der Weihevorbereitung zu gewährleisten, sich inzwischen

bereit erklärt hat, neben seiner Mitverantwortung

im Siebenerkreises auch weiterhin in der

Seminarleitung verantwortlich mitzuarbeiten. Nun

steht für dieses Trimester ein weiterer Abschied ins

Haus: Gisela Thriemer wird nach siebenjähriger Mitarbeit

ihre Aufgaben in der Seminarleitung abgeben,

um neben ihrer Gemeindetätigkeit in Darmstadt

ebenfalls im Siebenerkreis mitzuarbeiten. Ab Herbst

wird Françoise Bihin aus Colmar die vakante Stelle in

der Seminarleitung füllen. Wir hoffen, in der neuen

Dreierbesetzung für die kommenden Jahre ein

arbeitsfähiges Gremium bilden zu können, haben

aber auch schon begonnen, uns umzuschauen, wer

in der Zukunft einmal längerfristig in die Seminarverantwortung

hineinwachsen kann. Von all diesen

Veränderungen wird dann im Herbst noch mehr zu

berichten sein.

Nun hoffen wir, dass wir beim Freundestreffen vom

21. bis 23. Juni möglichst vielen persönlich begegnen

und in lebendigen Austausch mit Ihnen treten

können.

Für die Seminargemeinschaft grüßt Sie herzlich

Ihr

Grußwort der Seminarleitung

49


50

Impressum

Text- und Bildredaktion

Titelphoto

Redaktionsadresse

Layout und Satz

Druck

Auflage

Versand

Bildnachweis

Absender

eMail

Internet

Konten Deutschland

Konto Schweiz

Stipendienfonds

Hugo-Schuster-Stiftung

Herausgeber

V. i. S. d. P.

Astrid Bruns, Martin Thiele, Till Sarrach, Michael Sölch und Helge Tietz

Mathias Jensen

seminarbrief@priesterseminar-stuttgart.de

Roland Grüter

Die Stadtdruckerei | Gebrüder Knöller GmbH & Co KG

2.300

Alle Studenten

S. 10 Michael Sell-Schopp, S. 24 Kateryna Gagarina, S. 40 Tomàs Adamec, S. 45 Nicolai Paravicini,

S. 46, 47 Jakob Besuch, S. 48 Jakob Kraul, 4. Umschlagseite: Anka Kruczek

www.commons.com

Gemeinfreie Bilder: S. 18, 21, 25, 26, 28 und 30; Bilder mit Nahmennennungspflicht: S. 20: Kirche in

Sankt Petersburg von Anna Anichkova, S. 23: Kopie eines Siegels der Tempelritter in einer Ausstellung

in Prag von Adrian Sulc.

Priesterseminar Stuttgart

Freie Hochschule der Christengemeinschaft e.V.

Spittlerstraße 15

D–70190 Stuttgart

Telefon +49 (0) 711 | 166 830

Telefax +49 (0) 711 | 166 83-24

info@priesterseminar-stuttgart.de√√

www.priesterseminar-stuttgart.de

Postbank Stuttgart

Konto: 2223-700, BLZ 600 100 70

BIC: PBNKDEFF

IBAN: DE36 6001 0070 0002 2237 00

UBS Arlesheim (PC 80-2-2)

Konto: 233-628154.01V, BC 233

Anschriften bei allen Konten: wie oben

Konten wie oben

Bei Verwendungszweck bitte vermerken: „Für Ausbildung“

Konto-Inhaber: Hugo-Schuster-Stiftung

Bank für Sozialwirtschaft Stuttgart

Konto: 7751300, BLZ 60120500

Verwendungszweck: Zustiftung (bzw. Spende)

Georg Dreißig

Michael Sölch

Bank für Sozialwirtschaft Stuttgart

Konto: 7751 400, BLZ 601 205 00

BIC: BFSWDE33STG

IBAN: DE10 6012 0500 0007 7514 00


Die Einweihung von Faust und Parzival

Die Gralssuche – ein moderner Weg der Erkenntnis und

der Liebe von Aminta Dupuis

„Es gibt nur eine Art, über den Menschen

und seine Gefühle zu sprechen: die Einfachheit

oder Einfalt. Das ist es, was ich in diesem

Werk gefunden habe. Mehr als eine

literarische Studie ist es ein Einweihungsund

Auferweckungsbuch, das universale

Gesetze und Lebensschlüssel enthüllt und

sich „im Namen aller Menschen“ an jeden

authentischen Lebensforscher richtet. Ein

Buch der Zuversicht und des Glaubens an

den Menschen und den Geist, das die Wirklichkeit

der Lebens- und Metamorphosekräfte

aufzeigt, die bei jenen am Werke

sind, die nie den Mut verlieren und die

wahrhafte Gestalt des Menschen verehren.“

Martin Gray (aus dem Vorwort)

In Gesang, Romanistik und Germanistik in Paris ausgebildet, ist Aminta Dupuis Lehrerin

für Literatur. Sie widmet sich der Kunst, namentlich der Dichtung und dem Konzertgesang.

2003 war sie Studentin am Priesterseminar Stuttgart.

ISBN 978-3-941664-33-3

1. Auflage, 208 Seiten gebunden, Euro 18,–

(A) Euro 18,50, CHF 22,–


© siehe Impressum

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine