Hat Freud nur geträumt? - Institut für Psychologie und ...

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Hat Freud nur geträumt? - Institut für Psychologie und ...

Universität Bremen

Studiengang Psychologie

Bremer Institut für Theoretische und Angewandte Psychoanalyse

und

Institut für Psychologie und Kognitionsforschung

Hat Freud nur geträumt?

Die Funktion von Träumen

aus psychoanalytischer und neurowissenschaftlicher Sicht

Diplomarbeit

vorgelegt von Jana Steinig

Bremen, Juli 2005

Erstgutachterin: Prof. Dr. E. Reinke

Zweitgutachterin: Prof. Dr. C. Basar-Eroglu


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.............................................................................................................. 1

2. Definition und historischer Rückblick ............................................................... 5

2.1. Definition ......................................................................................................... 5

2.2. Historischer Rückblick..................................................................................... 6

3. Psychoanalytische Traumtheorie........................................................................ 8

3.1. Freud und die Traumdeutung .......................................................................... 8

3.1.1. Die Traumarbeit ...................................................................................... 9

3.1.2. Die Funktion von Träumen ................................................................... 16

3.2. Psychoanalytische Traumdeutung nach Freud.............................................. 23

3.2.1. Der Traum in der analytischen Therapie............................................... 25

3.2.2. Experimentelle psychoanalytische Traumforschung ............................ 27

3.3. Die Funktion des Traumes aus psychoanalytischer Sicht.............................. 30

3.3.1. Der Traum als Kompensation ............................................................... 30

3.3.2. Der Traum als Prospektion / Konfliktlösung ........................................ 31

3.3.3. Der Traum als Ausdrucksmittel des seelischen Zustandes ................... 32

3.3.4. Der Traum als Kommunikationsmittel.................................................. 33

3.3.5. Die integrative Funktion ....................................................................... 34

4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie............................................................. 37

4.1. Physiologische Grundlagen ........................................................................... 37

4.1.1. Das Elektroenzephalogramm ................................................................ 37

4.1.2. Die verschiedenen Schlafstadien........................................................... 38

4.2. Anfänge der neurowissenschaftlichen Traumforschung ................................ 41

4.2.1. Die Entdeckung des REM-Schlafes...................................................... 41

4.2.2. Das Modell der reziproken Interaktion ................................................. 43

4.2.3. REM-Schlaf = Träumen? ...................................................................... 47

4.2.4. Die klinisch-anatomische Korrelation................................................... 48


4.3. Neurowissenschaftliche Traumforschung heute ............................................ 52

4.3.1. Die Neurodynamik des Träumens......................................................... 52

4.3.2. Träume und bildgebende Verfahren...................................................... 60

4.4. Die Funktionsfrage aus neurowissenschaftlicher Sicht ................................. 63

4.4.1. Die Funktion des Schlafes..................................................................... 64

4.4.2. Die Funktion des REM-Schlafes........................................................... 66

4.4.3. Die Funktion von Träumen ................................................................... 71

5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften - Zusammenführung der beiden

Ansätze ................................................................................................................ 74

5.1. Freuds Wandel von den Neurowissenschaften zur Psychoanalyse................ 74

5.2. Das Zustands-Wechsel-Modell nach Koukkou und Lehmann........................ 78

5.3. Der dynamische Traumprozess nach Solms und seine Implikationen für die

Psychoanalyse................................................................................................ 81

5.4. Der Traum und die Psychosen ....................................................................... 89

5.5. Kritik an der Neuro-Psychoanalyse............................................................... 91

6. Zusammenfassung und Ausblick...................................................................... 96

6.1. Zusammenfassung .......................................................................................... 96

6.2. Ausblick.......................................................................................................... 98

Danksagung ............................................................................................................ 100

Literatur.................................................................................................................. 101

Erklärung gem. § 16 Abs. 6 DPO ........................................................................ 109


1. Einleitung

1. Einleitung

Fast jeder Mensch träumt, die meisten können sich - zumindest schemenhaft - an ihre

nächtlichen Traumschöpfungen erinnern, aber nur wenige haben eine Vorstellung,

worum es sich dabei wirklich handelt: Was genau sind Träume? Warum können sich

manche von uns an sie erinnern, andere dagegen nicht? Enthält der Traum eine Bot-

schaft, die es zu entschlüsseln gilt? Was geschieht in unserem Gehirn, während wir

träumen? Und vor allem: Warum träumen wir überhaupt?

Als ein äußerst subjektives Phänomen haben sich Träume lange Zeit jeglicher wis-

senschaftlichen Beobachtung und Kontrolle entzogen. Aus Mangel an objektiven

Kriterien und Maßstäben sowie Kontroll- und Vergleichsmöglichkeiten ist man ver-

sucht zu glauben, bei den Träumen handle es sich lediglich um eine höchst persönli-

che, individuell sehr unterschiedliche Erscheinung, die jedoch den Anforderungen

der wissenschaftlichen und experimentellen Untersuchung nicht genügt. Trotzdem

fasziniert das Thema Träume die Menschheit seit jeher. Die Alten in der Antike, die

Griechen, die Gelehrten und die Laien - alle bilden sich, wie wir im 2.Kapitel dieser

Arbeit sehen werden, schon seit Menschengedenken ihre ganz eigene Meinung und

Theorie zu diesem Thema.

Als der Österreicher Sigmund Freud (1856-1939) im Jahre 1900 mit seiner ‚Traum-

deutung’ den ersten umfassenden Versuch unternimmt, eine allgemeingültige Traum-

theorie zu etablieren, ist ein wichtiger Schritt getan, Träume zu einem wissenschaft-

lichen Thema zu machen. So wichtig die ‚Traumdeutung’ für Freud persönlich und

sein weiteres Schaffen ist, so wichtig ist sie auch für den Traum selbst, der damit auf

einmal ins Zentrum einer wissenschaftlich orientierten Öffentlichkeit gerückt ist.

Auch wenn es in der heutigen Zeit immer mehr Kritik an Freuds - angeblich veralte-

ten - Theorien gibt und eine experimentelle Untermauerung der aufgestellten Hypo-

thesen verlangt wird, bedeutet dies nicht, dass der Traum völlig von der Bildfläche

verschwunden wäre. Interessanterweise suchen heute immer mehr Neurowissen-

schaftler die Herausforderung, sich mit diesem schwierigen Thema zu befassen und

neurophysiologische Hinweise für oder gegen die Freudsche Theorie zu finden.

Wie im 5.Kapitel dieser Arbeit ersichtlich werden wird, scheint diese Verknüpfung

von Psychoanalyse und Neurowissenschaften (unter diesem Begriff fasse ich Neuro-

physiologie, Neurochemie, Neurobiologie und Neuropsychologie zusammen) gar

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1. Einleitung

nicht so weit hergeholt zu sein. Freud selbst, der von Haus aus Neurologe ist, hat

ursprünglich zum Ziel, ein „Arbeitsmodell der Psyche als eines neurologischen Ap-

parates“ (Freud, 1900, S.18) zu errichten. Während der Entstehung seines ‚Entwurfs

einer Psychologie’ im Jahre 1895, strebt er an, „psychische Vorgänge darzustellen

als quantitativ bestimmte Zustände aufzeigbarer materieller Teile“ (Freud, 1900,

S.17), wobei er mit „materiellen Teilen“ die Neurone meint. Dabei wird deutlich,

dass Freud hier bereits eine Zusammenführung der Psychoanalyse und der Neuro-

wissenschaften anstrebt. Aus Mangel an neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zu

seiner Zeit, aber auch aus verschiedenen anderen Gründen (siehe Kapitel 5.1), inte-

ressiert sich Freud nach Abschluss seines ‚Entwurfs’ jedoch immer mehr für die psy-

chologischen und klinischen Aspekte als für die medizinischen und theoretischen

Probleme, bis er sich schließlich ganz von den Neurowissenschaften ab und der Psy-

choanalyse zu wendet. Von nun an bemüht er sich nicht mehr explizit um die neuro-

physiologische Fundierung seiner Theorien, obwohl davon ausgegangen werden

kann, dass er nie ganz aufhört hat zu hoffen, dass eines Tages die naturwissenschaft-

lichen Beweise für seine Annahmen geliefert werden würden.

Dies stellt sich lange Zeit als unrealistische Hoffnung dar, wird doch gerade der Psy-

choanalyse vorgeworfen, ihre Hypothesen ohne wissenschaftliche Belege zu vertre-

ten. So kam es, dass sich Psychoanalyse und Neurowissenschaften einander lange

Zeit fast feindselig gegenüberstanden. Während die Neurowissenschaftler Freuds

Theorien als unhaltbar und hypothetisch kritisieren, vertreten die Psychoanalytiker

die Meinung, dass nur mit Hilfe der ihnen eigenen Techniken (freie Assoziation,

Übertragung, Gegenübertragung, etc.) die unbewussten Konflikte und Wünsche auf-

gespürt werden können, die sich ihrer Ansicht nach hinter den Neurosen und ihren

Symptomen verbergen. Erst seit kurzem, also rund hundert Jahre später, entsteht ein

neuer Trend, der zu einer Annäherung beider Disziplinen führt. Im Jahre 2000 wird

in London die internationale Gesellschaft für Neuro-Psychoanalyse gegründet mit

dem Ziel, eine Zusammenführung der beiden Disziplinen anzustreben. Vorsitzende

sind der englische Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker Mark Solms und der

estnische Neurowissenschaftler Jaak Panksepp. Die Zeitschrift „Neuro-

Psychoanalysis“ erscheint zweimal im Jahr und soll den Austausch innerhalb der

beiden Richtungen gewährleisten. Auch in Deutschland gibt es ähnliche Strömungen.

So entsteht am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt im Jahre 2003 das ‚Center for

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1. Einleitung

Neuro-Psychoanalysis’ das sich in einem von mehreren Forschungsprojekten auch

mit der neurophysiologischen Traumdynamik und ihren Verbindungen zur Freud-

schen Traumtheorie befasst. Weitere Zentren gibt es außer in London und Frankfurt

noch in New York, Michigan und Kapstadt und in Kürze vermutlich auch in Stock-

holm und Paris. Auf diese Weise wird Freuds Wunsch, seine Psychologie auf ein

physiologisches Fundament zu stellen, immer wahrscheinlicher, da sich heute ver-

schiedene Forscher weltweit darum bemühen, die scheinbar gegensätzlichen Annah-

men von Psychoanalyse und Neurowissenschaften miteinander zu vereinigen.

Ich persönlich finde diesen Versuch, Freuds hundertjährige psychoanalytische Theo-

rien einer neurowissenschaftlichen Betrachtung zu unterziehen und zu versuchen,

seine Vermutungen auf Grund aktueller Ergebnisse der Hirnforschung zu widerlegen

oder zu bestätigen, höchst spannend. Dass sich diese zwei, bislang eher skeptisch,

wenn nicht gar feindselig gegenüber stehenden Disziplinen, damit annähern, halte

ich für äußerst fruchtbar und vielversprechend. Dabei geht es meiner Ansicht nach

allerdings nicht darum nachzuweisen, wer ‚Recht’ hat und wer nicht, sondern viel-

mehr um eine gegenseitige Ergänzung.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit möchte ich die Ergebnisse dieser Annäherung

im Bereich der Traumforschung darstellen. Ich konzentriere mich dabei vor allem

auf die Frage nach der Funktion von Träumen. Warum träumen wir? Hat es über-

haupt einen Sinn oder handelt es sich dabei lediglich um völlig bedeutungslose Es-

kapaden unseres schlafenden Gehirns? Eine isolierte Betrachtungsweise allein der

Funktion des Träumens erweist sich als sehr schwierig, da es eine kaum überschau-

bare Menge an Theorien zum Thema Träume gibt. Im Rahmen dieser Arbeit soll der

Schwerpunkt daher auf den psychoanalytischen und neurowissenschaftlichen Theo-

rien liegen.

Dazu befasse ich mich im 2.Kapitel zunächst mit einer möglichen Definition des

Traumes und einem kurzen historischen Rückblick. Anschließend gehe ich im

3.Kapitel auf die psychoanalytischen Traumtheorie ein. Nach Vorstellung der we-

sentlichen Annahmen aus Freuds epochalem Werk - der ‚Traumdeutung’ - werde ich

auf weitere psychoanalytische Theorien zu diesem Thema, sowie auf aktuellere, ex-

perimentelle Untersuchungen innerhalb der psychoanalytischen Traumforschung

hinweisen. Abschließend stelle ich verschiedene Modelle zur Funktion des Traumes

aus psychoanalytischer Sicht dar. Im 4.Kapitel möchte ich einige der wichtigsten

3


1. Einleitung

Annahmen der neurowissenschaftlichen Traumtheorie, sowie die dafür essentiellen

physiologischen Grundlagen aufzeigen. Auch hier gibt es zahlreiche Theorien zur

Funktion des Träumens bzw. Schlafens, auf die ich abschließend eingehe. Daran

anknüpfend stelle ich im 5.Kapitel eine mögliche Synthese der bis dahin vorgestell-

ten Annahmen dar und zeige anhand einer denkbaren Abfolge des Traumprozesses

aus neurowissenschaftlicher Sicht auf, inwiefern sich Anknüpfungspunkte zur Freud-

schen Theorie ergeben. So wird hoffentlich deutlich, wie fruchtbar die Integration

von Psychoanalyse und Neurowissenschaften - zumindest im Bereich der Traumfor-

schung - sein kann. Somit hoffe ich dann auch die eingangs gestellte Frage nach der

Funktion der Träume aus dieser erweiterten Perspektive ausführlicher und erschöp-

fender beantworten zu können. Dabei möchte ich an den Leser mit den Worten Roths

appellieren: „Was ich vortrage, ist unvermeidbar lückenhaft und von Fehlern durch-

setzt; niemand kann - soviel Mühe und Zeit er auch aufwendet - alles, was einschlä-

gig ist, lesen und dann auch noch korrekt wiedergeben. In dieser Hinsicht bitte ich

den Leser eindringlich um die gebotene Nachsicht.“ (Roth, 2001, S.10)

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2. Definition und historischer Rückblick

2. Definition und historischer Rückblick

2.1. Definition

Bereits bei der Definition des Begriffes „Traum“ taucht das erste Problem auf, denn

eine gemeinhin akzeptierte Traum-Definition scheint es bisher nicht zu geben. Ur-

sächlich hierfür ist vermutlich, wie in der Einleitung bereits angesprochen, die Tatsa-

che, dass das Thema Träume so wenig greifbar ist. Es gibt keine objektiven Maßstä-

be - letzen Endes ist nicht einmal die Person, die ihren nächtlichen Traum berichtet,

objektiv, denn auch sie kann nur das berichten, was sie zu erinnern glaubt. Überprü-

fen kann dies jedoch niemand. Da sich somit keine allgemeingültigen Kriterien für

Träume aufstellen lassen, fällt auch die Definition schwer.

Freud (1900) definiert den Traum als „sinnvolles psychisches Gebilde (...), welches

an angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist“ (S.29).

Schredl (1999) schlägt in seinem Buch die relativ nüchterne Definition von Hall und

van de Castle (1966) vor:

Ein Traum kann operational als das definiert werden, was eine Person berichtet,

wenn sie nach einem Traum gefragt wird; abgesehen von Aussagen, die Kom-

mentare über den Traum oder Interpretationen des Traums sind.

(Zitiert nach Schredl, 1999, S.12)

Allerdings räumt Schredl ein, dass diese Definition die Entscheidung, was genau als

Traum angesehen wird, der jeweiligen Person überlässt. Im Verlauf dieser Arbeit

werde ich darüber hinaus noch andere Gründe aufzeigen, aus denen diese Definition

als unzureichend betrachtet werden kann. Trotzdem möchte ich sie für den Moment

so akzeptieren.

Eine weitere, meiner Ansicht nach gelungene Definition, schlagen Hobson, Pace-

Schott & Stickgold (2000) vor. Sie sehen Träumen als:

Mental activity occurring in sleep characterized by vivid sensorimotor imagery

that is experienced as waking reality despite such distinctive cognitive features

as impossibility or improbability of time, place, person and actions; emotions,

especially fear, elation, and anger predominate over sadness, shame, and guilt

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2. Definition und historischer Rückblick

and sometimes reach sufficient strength to cause awakening; memory for even

very vivid dreams is evanescent and tends to fade quickly upon awakening. 1

(Hobson et al., 2000 ; S.795)

Solms (2000) wiederum definiert Träume als „subjective experience of a complex

hallucinatory episode during sleep“ (S.849) 2 - eine Definition, die den stark subjekti-

ven Aspekt des Träumens betont.

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass es sich als sehr schwierig erweist, eine

stimmige, alles umfassende Definition des Traumes zu erstellen.

2.2. Historischer Rückblick

Die Frage nach der Funktion von Träumen, ihrer Bedeutung und ihrem Sinn, hat die

Menschen zu allen Zeiten in allen Kulturen beschäftigt. Die Ägypter sind der Über-

zeugung, während des Schlafes Nachrichten der Toten aus dem Jenseits vermittelt zu

bekommen. Gleichzeitig schreiben sie ihren Träumen eine prophetische Funktion zu,

indem sie davon ausgehen, dass sie „den Menschen in seine Zukunft führen“ (Tho-

mas, 1989, S.17). Im alten Mesopotamien gehen die Menschen ebenfalls davon aus,

dass der Traum Einblicke in die Zukunft ermöglicht. Gleichzeitig sind sie überzeugt,

„dass die Wirkung des Traumes von der Deutung abhängt und dass Träume auch das

Alltagsleben widerspiegeln“ (Fink, 1977, S.8). Eine ähnliche Auffassung vertreten

die alten Griechen. Sie sind der Ansicht, der Traum sei von den Göttern oder Dämo-

nen gesandt, um die Handlungen der Menschen zu lenken. Ihrer Meinung nach haben

Träume die eindeutige Funktion, dem Träumer seine Zukunft zu verkünden und so

das Schicksal der Menschen zu beeinflussen (Freud, 1900). Sowohl Homer im 9.

Jahrhundert v. Chr., als auch Plato (427-347 v. Chr.) und Sokrates (469-399 v. Chr.),

sind davon überzeugt, dass ein Großteil der Träume Einblick in die Zukunft ver-

schafft. Trotzdem, so merkt Homer an, sind Träume auch manchmal „belanglose

Gebilde, die keine Beachtung verdienen“ (Thomas, 1989, S.22). Sokrates nimmt in

1 „Mentale Aktivität, die während des Schlafes auftritt und durch lebhafte sensomotorische Bilder

charakterisiert ist und trotz ausgeprägter kognitiver Eigenschaften wie Unmöglichkeit und Unwahrscheinlichkeit

von Zeit, Ort, Person und Handlungen als wache Realität erlebt wird; Emotionen, vor

allem Angst, Freude und Wut dominieren über Trauer, Scham und Schuldgefühlen und erreichen

manchmal ein ausreichendes Maß an Intensität, um zum Erwachen zu führen; die Erinnerung, selbst

für sehr lebhafte Träume, ist sehr gering und tendiert dazu, nach dem Erwachen sehr schnell zu verschwinden“

(eigene Übersetzung).

2 „Subjektives Erleben komplexer halluzinatorischer Episoden während des Schlafes“ (eigene Über-

setzung).

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2. Definition und historischer Rückblick

beachtlicher Weise bereits einige der psychoanalytischen Erkenntnisse Freuds (siehe

Kapitel 3.1) voraus, indem er sagt:

Unter den entbehrlichen sinnlichen Genüssen und Trieben befinden sich einige,

die verbrecherisch sind. (...). Ich meine die, welche im Schlafe hervortreten. Der

eine Teil der Seele, der vernünftige, gemäßigte Herr des anderen Teiles, ruht;

dieser andere aber, der tierische, ungebändigte (...) wird lebendig. (...). Du

weißt, er ist dann zu allem fähig; alle Scham und Besinnung ist ihm abhanden

gekommen. Er schrickt nicht davor zurück, in Gedanken die eigne Mutter zu

umarmen, ebenso jeden anderen Menschen, jeden Gott, jedes Tier. Er begeht

jeden Mord und genießt jede Speise, nach der es ihn gelüstet. Mit einem Wort,

es gibt keine Torheit und Frechheit, die er nicht beginge.

(Zitiert nach Thomas, 1989, S.23-24)

Als sich Aristoteles (384-322 v. Chr.) in seinen Schriften mit dem Traum befasst, ist

dieser bereits ein Gegenstand der Psychologie geworden. So geht er weniger davon

aus, dass es sich bei den Träumen um gottgesandte Botschaften oder Nachrichten aus

der Zukunft handelt, sondern definiert Träume als „Seelentätigkeit des Schlafenden“

(zitiert nach Thomas, 1989, S.34). Im 5. Jahrhundert v. Chr. betont der Arzt Hippo-

krates vor allem den medizinischen Aspekt der Zukunftsweisung von Träumen und

stellt fest, dass Träume oft dazu dienen, unbemerkte Körperempfindungen zu ver-

stärken und somit Hinweise auf bevorstehende Krankheiten liefern.

Von der Antike übers Mittelalter zur Neuzeit, vom Talmud über den Koran zur Bi-

bel, in den verschiedensten Kulturen, Religionen und Mythen findet man die unter-

schiedlichsten Theorien und Hypothesen zum Wesen und zur Funktion der Träume.

Das Geheimnis, das sie umgibt, fasziniert die Menschen auch heute noch - gibt es

doch nach wie vor keine allgemeingültige Theorie, die das Rätsel vollständig löst.

In den folgenden Kapiteln werde ich die psychoanalytische Traumtheorie Freuds,

sowie die aktuellere neurowissenschaftlich orientierte Traumforschung vorstellen.

Vielleicht kann durch die Kombination dieser beiden Ansätze das Rätsel des Trau-

mes eines Tages gelöst werden.

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3. Psychoanalytische Traumtheorie

3. Psychoanalytische Traumtheorie

3.1. Freud und die Traumdeutung

Mit Freuds ‚Traumdeutung’, die bereits Anfang November 1899 erschien, auf der

Titelseite jedoch ins neue Jahrhundert vordatiert wurde, entstand wohl ein „Meister-

werk von Weltrang“ (Mahony, 1999, S.287) und zweifelsfrei ein Meilenstein in der

Geschichte der Traumdeutung. Gleichzeitig kann der Zeitpunkt des Erscheinens die-

ses Werkes als „Geburtsstunde der Psychoanalyse“ (Zauner, 1983, S.3) angesehen

werden. Freud selbst betrachtet die ‚Traumdeutung’ als sein größtes Werk und dar-

über hinaus als Stück seiner Selbstanalyse, die als Reaktion auf den einschneidenden

Verlust durch den Tod seines Vaters im Oktober 1896 erfolgte. Bei vielen der berich-

teten Träume handelt es sich um seine eigenen, so dass sich Selbstanalyse und

Schreiben mit der Zeit immer mehr vermischen. Insgesamt arbeitet Freud von Ende

1897 bis Ende 1899 an der ‚Traumdeutung’ (Mahony, 1999).

Auch wenn die ‚Traumdeutung’ noch Jahre nach ihrer Erscheinung von der Öffent-

lichkeit weitgehend ignoriert wird, ist Freud sich der Bedeutung dieses Werkes stets

bewusst. In dem Vorwort zur dritten englischen Ausgabe heißt es: „Insight such as

this falls to one’s lot but once in a lifetime“ (Freud, 1931; zitiert nach Flanders, 1993,

S.2). Allerdings zeigen sich die damaligen Ärzte, Psychiater sowie die breite Öffent-

lichkeit von Freuds neuer Auffassung der Träume derartig befremdet, dass er be-

fürchtet, „dass Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines Werkes sein

müsse“ (Freud, 1900, S.23). Auch wenn das Interesse bis zur Veröffentlichung der

fünften Auflage im Jahre 1918 etwas ansteigt, ist Freud der Meinung, sein Werk ha-

be nun „in nahezu zwanzigjähriger Existenz seine Aufgabe erledigt“ (Freud, 1900,

S.26). Bereits drei Jahre später, im Vorwort zur sechsten Auflage, revidiert er jedoch

diese Aussage und sieht sich nun vor der neuen Herausforderung, die sich bis dato

aus der ‚Traumdeutung’ ergebenden Missverständnisse aufzuklären. 3

Im Laufe der Jahre wird die ‚Traumdeutung’ in diverse Sprachen übersetzt und fin-

det nach und nach weltweite Anerkennung. Auch heute noch hat dieses Werk nichts

3 So zum Beispiel die nie aufgestellte Behauptung, alle Träume seinen sexueller Natur (Freud, 1933).

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3. Psychoanalytische Traumtheorie

an Bedeutung eingebüsst, selbst wenn es im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts

immer wieder zu heftigen Diskussionen und Auseinandersetzungen geführt hat.

Bereits zehn Jahre vor Veröffentlichung der ‚Traumdeutung’ stößt Freud bei der Be-

handlung von Frau Emmy von N. auf die Bedeutung des Traumes, als er beobachtet,

dass diese Patientin von sich aus ihre Träume berichtet. Er beginnt, den Traum als

Ausgangspunkt für die freie Assoziation zu benutzen (Altman, 1981). Dabei handelt

es sich um eine von Freud entwickelte Technik, bei der der Patient seine Gedanken

schweifen lässt und seine Einfälle dem Analytiker ohne Einschränkung und mit

„Verzicht auf die Kritik der wahrgenommenen Gedankenbildungen“ (Freud, 1900,

S.121) mitteilt. Schiller beschreibt diese Methode als „Zurückziehen der Wache von

den Toren des Verstandes“ (zitiert nach Freud, 1900, S.123). Auf diese Weise erhofft

sich Freud zu den unbewussten Gedanken hinter den Symptomen und Träumen vor-

zudringen.

Mit der Möglichkeit, den Traum einer Deutung zu unterziehen, und der Ansicht,

„dass der Traum kein somatisches, sondern ein psychisches Phänomen ist“ (Freud,

1916-17, S.116), widersetzt sich Freud der damals vorherrschenden Theorie zu

Traumentstehung und -funktion, die von einem somatischen Ursprung des Traumer-

lebens ausgeht (z.B. Maury, 1878; vgl. Freud, 1900). Doch obwohl die Vertreter die-

ser Theorie davon überzeugt sind, dass körperliche Reize oder auch äußere Sinnes-

reize als Auslöser des Träumens fungieren, existiert vor allem unter den Laien die

Meinung, jeder Traum habe eine tiefere Bedeutung - eine Botschaft die es zu ent-

schlüsseln gilt. Dieser Meinung schließt Freud sich an und entwickelt seine eigene

Theorie zur Technik der Traumdeutung.

3.1.1. Die Traumarbeit

Freud unterscheidet in seiner Traumtheorie den manifesten vom latenten Traumin-

halt. Als manifesten Traum bezeichnet er das, was der Patient von seinem Traum

erinnert und erzählt. Hierbei handelt es sich seiner Ansicht nach um eine verborgene

Botschaft, die im Rahmen der Analyse mit der Methode der Traumdeutung ent-

schlüsselt werden muss. Hinter diesem manifesten Traum stehen vorbewusste und

unbewusste Gedanken und Emotionen, die den sogenannten latenten Trauminhalt

bilden. Moser (2003) formuliert es so: „Der manifeste Traum gleicht einer sprachlich

formulierten Karte über die Orte möglicher Bohrlöcher“ (S.649). Obwohl wir uns im

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3. Psychoanalytische Traumtheorie

Alltag mehr für den manifesten Traum interessieren, ist es vor allem der dahinter

stehende latente Trauminhalt, der weitaus bedeutsamer ist, sagt er doch viel mehr

über unsere unbewussten Wünsche, Sehnsüchte und ‚Bohrlöcher’ aus (Altman, 1981;

Freud, 1900). Mit Hilfe der Traumarbeit wird die Sprache der latenten Traumgedan-

ken in die Bilderschrift des manifesten Traumes übersetzt - in Bilder umgesetzt, er-

scheinen uns diese latenten Gedanken und Gefühle dann im manifesten Traum. Hier-

bei handelt es sich um einen äußerst bedeutsamen Prozess, wie Freud ausdrücklich

betont. Der Traumarbeit gegenüber steht die Deutungsarbeit, mit deren Hilfe die

Traumarbeit quasi aufgehoben wird, indem man vom manifesten Trauminhalt das

latente Traummaterial zurück verfolgt (Freud, 1916-17).

Bevor ich auf die verschiedenen Mechanismen der Traumarbeit zu sprechen komme,

werde ich einen kurzen Überblick über Freuds Vorstellung des psychischen Appara-

tes geben, da dieser Hintergrund sowohl für das Verständnis seiner Traumtheorie, als

auch in Hinblick auf die angestrebte Verknüpfung der psychoanalytischen und der

neurowissenschaftlichen Traumtheorie im 5.Kapitel dieser Arbeit wichtig und inte-

ressant ist.

Freuds Ansicht nach, besteht der „seelische Apparat“ (Freud, 1900, S.512) aus ver-

schiedenen Systemen, die bei einem psychischen Ereignis (zeitlich) nacheinander

durchlaufen werden. Zusätzlich besitzt dieser Apparat zwei Enden: ein sensibles zum

Empfangen von Wahrnehmungen und ein motorisches Ende. Da dieser Apparat (an-

knüpfend an Fechners Konstantprinzip) nach einem möglichst neutralen Erregungs-

zustand strebt, wird von außen - oder von innen - ankommende sensible Erregung

alsbald auf motorischem Wege abgeführt. Freud geht also davon aus, dass ein psy-

chischer Vorgang vom Wahrnehmungs- zum Motalitätsende verläuft (progrediente

Richtung). Gemäß seines topographischen Modells ist vor dem motorischen Ende

das Unbewusste (Zugang zum Bewusstsein wird nur über das Vorbewusste und unter

Bedingung gewisser Veränderungen gestattet) und das Vorbewusste (Erregungsvor-

gänge können bei ausreichender Intensität und Aufmerksamkeit ungehindert ins Be-

wusstsein gelangen) zwischengeschaltet. 4 Während tagsüber ein bestimmter Hemm-

mechanismus, den Freud als Zensur bezeichnet, verhindert, dass unbewusste Gedan-

4 Im Jahre 1923 führt Freud in seinem Werk ‚Das Ich und das Es’ anstelle des früheren topographischen

Modells den strukturellen Ansatz ein, der den psychischen Apparat in die drei Systeme Es, Ich

und Über-Ich gliedert. Diese Strukturtheorie kann als Beginn der ‚Ich-Psychologie’ betrachtet werden

(Struck, 1992).

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3. Psychoanalytische Traumtheorie

ken ins Vorbewusste vordringen, scheint dieser Widerstand im Schlaf herabgesetzt

und die Grenze zwischen Unbewusstem und Vorbewusstem weniger streng bewacht

zu sein. So könnte es der Traumerregung gelingen, sich bis ins Vorbewusste durch-

zusetzen und einen Traum zu generieren. Das kann allerdings nicht der alleinige

Grund sein, da dies zu nächtlichen Vorstellungen und Gedanken führen würde, die

denen des Wachzustandes ähneln, nicht aber zu jenen halluzinatorischen Erlebnissen,

die für unsere Träume so charakteristisch sind. Freud erklärt dies damit, dass die Er-

regung einen rückläufigen Weg einschlägt. Statt also, wie im Wachzustand vom sen-

siblen zum motorischen Ende zu laufen, schlägt sie die umgekehrte Richtung ein und

läuft vom motorischen zum sensiblen Ende (regrediente Richtung), wo es dann zur

„halluzinatorische[n] Belebung der Wahrnehmungsbilder“ (Freud, 1900, S.519)

kommt. Der Träumer scheint also - auf Grund des Widerstandes und der Tatsache,

dass im Schlaf der Weg über die Motilität blockiert ist - innerhalb des psychischen

Apparates zu regredieren, so dass „sich im Traum die Vorstellung in das sinnliche

Bild rückverwandelt, aus dem sie irgendeinmal hervorgegangen ist“ (Freud, 1900,

S.519). 5 Eine während des Schlafes aufkommende Triebregung wird demnach nicht

in einen Handlungsimpuls, sondern in eine halluzinatorische Wahrnehmung umge-

setzt. Dabei regrediert der Träumer auf eine „primitive archaische Stufe seelischer

Funktionsweisen, die für die früheste Seelentätigkeit typisch ist, d.h. zum Primärpro-

zess“ (Altman, 1981, S.20). Auf dieser Stufe drängen Bedürfnisse auf unmittelbare

Befriedigung, Spannungsabfuhr erfolgt direkt und unkontrolliert und auf Rationalität

und Realität wird kein Wert gelegt. 6 Die Traumarbeit operiert nach diesen Prinzipien

des Primärprozesses und auch die Denkweise im Traum ist primärprozesshaft, was

für die Bizarrheit der meisten manifesten Träume mitverantwortlich zu sein scheint

(Altman, 1981). Innerhalb der Traumarbeit werden die folgenden Mechanismen un-

terschieden:

5 Freud sagt weiter: „Das Gefüge der Traumgedanken wird bei der Regression in sein Rohmaterial

aufgelöst.“ (Freud, 1900, S.519;Hervorhebung v. Verf.)

6 Diese Regression, die während des Träumens zu beobachten ist, tritt auch bei der neurotischen Symptomatik

deutlich hervor (Struck, 1992). Diese Gemeinsamkeit unterstützt Freuds Hypothese, dass

eine Auseinandersetzung mit dem Thema Träume zu einem besseren Verständnis der Neurosen führen

würde (Freud, 1900).

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3. Psychoanalytische Traumtheorie

Verdichtung

Es ist offensichtlich, dass auf dem Weg von den latenten Traumgedanken zum mani-

festen Trauminhalt eine starke Verdichtung stattfindet. Im Vergleich zu den weit-

schweifigen, umfangreichen Traumgedanken erscheint der Traum selbst eher kurz

und knapp. Oftmals erliegt man der Versuchung, das Ausmaß dieser Verdichtung zu

unterschätzen, wenn man „die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das voll-

ständige Material hält“ (Freud, 1900, S.282). Dabei kann weitere Deutungsarbeit

meist immer noch mehr versteckte Gedanken enthüllen, so dass man letztlich nie

ganz sicher sein kann, einen Traum vollständig gedeutet zu haben. Dabei sagen wir

im Traum oft viel mehr, als uns klar ist. Meist handelt es sich um Dinge, die wir im

Wachzustand niemals mitteilen würden, „aus Angst, uns zu verraten“ (Altman, 1981,

S.21). Aufgabe der Analyse ist es nun, das durch die Verdichtung entstandene Kon-

zentrat wieder aufzulösen.

Verdichtung kann sich in der Verschmelzung mehrerer Bilder oder Gedanken äu-

ßern. So entstehen die zahlreichen Mischgestalten der Träume, indem z.B. einzelne

Züge einer Person mit denen einer anderen vermischt werden.

Meine Mutter sprach, aber nicht mit ihrer Stimme. Es klang wie meine Schwes-

ter; sie hatte das rote Haar meiner anderen Schwester und trug ein Kleid von ihr.

(Altman, 1981, S.20)

Laut Freud (1900) ist die „Herstellung von Sammel- und Mischpersonen (...) eines

der Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung“ (S.295). Eine andere Möglichkeit der

Verdichtung besteht darin, verwandte Begriffe zu einem einzigen zusammenzufas-

sen, so dass ein Begriff daraufhin mehrere Bedeutungen besitzt. Dabei entstehen

oftmals komische Wortneuschöpfungen. 7

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Verdichtungsarbeit eine ungeheure

Einsparung an Zeit und Energie bedeutet, indem bestimmte Inhalte so stark kompri-

miert werden, dass mittels weniger Bilder viel mehr gesagt wird, als man auf den

ersten Blick vermuten würde. Außerdem liegt der Sinn der Verdichtung offenbar

darin, „beunruhigende Gedanken durch die verdichtende Umformung abzumildern“

(Struck, 1992, S.51).

7 Diese Wortschöpfungen erinnern an die Wortkreationen kleiner Kinder, die in einer bestimmten

Phase großen Gefallen an solchen Neuschöpfungen finden.

12


3. Psychoanalytische Traumtheorie

Bei der Fülle der möglichen, hinter dem Traum stehenden latenten Traumgedanken,

stellt sich jedoch die Frage, was die Auswahl der letztlich im Traum erscheinenden

Elemente bestimmt. Hier kommt Freud zu dem Schluss, dass diejenigen Elemente in

den Traum Einzug finden, die „mit den meisten Traumgedanken die ausgiebigsten

Berührungen aufweisen können, also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele

der Traumgedanken zusammen treffen“ (Freud, 1900, S.286). Demnach wird also

das Element ausgewählt, welches mehrfach in den Traumgedanken vertreten ist. Das

bedeutet, „infolge der Verdichtung kann dann ein Element im manifesten Traum

zahlreichen Elementen in den latenten Traumgedanken entsprechen; umgekehrt kann

aber auch ein Element der Traumgedanken durch mehrere Bilder im Traum vertreten

werden“ (Freud, 1933, S.463).

Verschiebung

Während mit Hilfe der Verdichtung latente Trauminhalte durch Verschmelzung oder

Vereinigung verschlüsselt werden, führt die Verschiebung zu einer Verlagerung der

Bedeutung. Dies ist ein unbewusster Vorgang und dient dazu, verpönte Triebwün-

sche unbewusst zu machen. Das bedeutet, der Sinn der Verschiebung besteht darin,

ein unangenehmes Gefühl, welches mit einer bestimmten Situation verbunden ist, auf

eine andere zu verschieben, um so vom eigentlichen Objekt abzulenken. Dies kann in

vielen verschiedenen Formen geschehen und sowohl Menschen, Orte, Gefühle oder

Handlungen betreffen.

Altman beschreibt den Fall eines Patienten, der folgenden Traum hat, nachdem er

den Wunsch äußert, die Analyse abzubrechen, gleichzeitig aber Angst vor den Kon-

sequenzen verspürt:

Ich ging in ein Drugstore an der Ecke, nahe bei Ihrer Praxis. Das Geschäft

schien schlecht zu gehen und sollte geschlossen werden. Hinter der Theke

träumte der Verkäufer. Er schenkte mir keine Aufmerksamkeit, und ich dachte:

„Der wird nicht lange bleiben.“

(Altman, 1981, S.24)

In diesem Fall bezieht sich die Verschiebung offensichtlich auf Ort und Person. Der

Verkäufer steht für den Analytiker und der Drugstore für seine Praxis. Dieser Traum

erklärt den Wunsch des Patienten, die Analyse abzubrechen, da sich der Analytiker

13


3. Psychoanalytische Traumtheorie

(Verkäufer) seinem Gefühl nach nicht für ihn interessiert und „nicht lange bleiben“

wird.

Die Verschiebung betrifft nicht nur Orte, Personen und Handlungen, sondern kann

auch eine gewisse Mehrdeutigkeit schaffen, indem ein Teil für das Ganze steht. Eine

weitere Möglichkeit der Verschiebung besteht in der Umkehrung, wodurch latente

Traumgedanken besonders wirkungsvoll entstellt werden. Als Beispiel hierfür be-

richtet Altman den Traum eines anderen Patienten:

Ich lag auf der Couch, als jemand sich mir von hinten näherte und mir auf den

Kopf schlug.

(Altman, 1981, S.25)

Die in diesem Traum geäußerte Feindseligkeit lässt Vermutungen darüber zu, wer

hier in Wirklichkeit zuschlagen will und ob es sich hier eventuell um eine Umkeh-

rung handelt. Das würde bedeuten, dass der Träumer selbst aggressive Impulse ver-

spürt, die er in seinem Traum jedoch auf andere Personen verschiebt. Dabei werden

nicht nur Handlungen umgekehrt, sondern auch Gefühle. So können beispielsweise

sexuelle Phantasien im Traum als negative Affekte wie Scham oder Verlegenheit

getarnt erscheinen (Altman, 1981). Die Verschiebung kann dazu führen, dass Ele-

mente, die sich im Trauminhalt besonders hervor tun, in den Traumgedanken kaum

eine Rolle spielen und umgekehrt. Was also im manifesten Traum als zentrales

Merkmal erscheint, muss im latenten Trauminhalt kaum wesentlich sein. Es handelt

sich um eine durchaus „inkonstante Relation zwischen Traumgedanken und Traum-

inhalt“ (Freud, 1900, S.306). Somit trägt die Verschiebung ebenfalls erheblich zur

Entstellung des Traumes bei.

Symbolbildung

Neben den Mechanismen der Verdichtung und Verschiebung spielt auch die Symbo-

lisierung eine wichtige Rolle bei der weiteren Entstellung der latenten Traumgedan-

ken. Dabei werden die Symbole nicht von der Traumarbeit erschaffen, sondern sind

in Kultur, Zeit und Sprache bereits vorhanden. Symbole sprechen eine allgemeingül-

tige Sprache, sie schaffen Verbindungen zwischen einander ähnlichen Gedanken,

Bildern und Affekten. Diese Beziehungen entstehen durch das „infantile unbewusste

Denken, das typischerweise Objekte, die eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, gleich-

setzt“ (Altman, 1981, S.28). Während der Regression im Traum kommt es auch zu

14


3. Psychoanalytische Traumtheorie

einer Regression der Wahrnehmung und Begriffe, was zu Symbolbildung und

-sprache führt. Somit sind Symbole quasi die Überbleibsel der infantilen Denkweise.

Da der Erwachsene diese Denkweise im Verlauf seines Lebens aber vergessen hat,

ist er meist nicht mehr in der Lage, den Zusammenhang zwischen Symbol und ur-

sprünglicher Bedeutung zurück zu verfolgen (Altman, 1981). Darum erscheinen uns

unsere Träume auch so sonderbar und wir verstehen oftmals nicht die darin ver-

schlüsselte Botschaft.

Neben individuell unterschiedlich häufig auftretenden Symbolen gibt es eine Reihe

typischer Symbole, anhand derer der erfahrene Analytiker den manifesten Traum in

die latenten Traumgedanken ‚übersetzen’ kann (Altman, 1981). Selbstverständlich

handelt es sich dabei nicht um eine bloße Eins-zu-Eins-Übersetzung, denn natürlich

kann ein und dasselbe Symbol von Person zu Person unterschiedliche Bedeutungen

haben und individuelle Lebensumstände und Hintergründe müssen unbedingt mit

berücksichtigt werden. Selbst wenn das Symbol scheinbar eindeutig ist, können nur

die Assoziationen des Träumers zu dem dahinter stehenden Sinn führen.

Wie Freud (1916-17) bereits feststellt, ist „der Umfang der Dinge, die im Traume

symbolische Darstellung finden, (...) nicht groß“ (S.162). Dies ist aber nicht weiter

verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich die Bedeutung der Symbole auf die

ursprünglichen und generellen Interessen von Kindern beziehen. Dabei handelt es

sich vorwiegend um Themen wie Tod, Geburt, Körper und Sexualorgane, sowie na-

hestehende Menschen (Altman, 1981).

Darstellbarkeit des Traumes

Im Traum werden die latenten Traumgedanken durch visuelle Bilder dargestellt, was

neben der Verdichtung, Verschiebung und Symbolbildung außerdem zu einer Ent-

stellung führt. 8 Gleichzeitig erfordert dies ein hohes Maß an Kreativität, schließlich

muss es dem Traum irgendwie gelingen, die logischen Relationen zwischen den

Traumgedanken dazustellen. So wird ein logischer Zusammenhang im Traum bei-

spielsweise durch Gleichzeitigkeit mehrerer Elemente ausgedrückt und eine Kausal-

beziehung durch Konstruktion eines Vor- und eines Haupttraumes verdeutlicht. Ein

8 Anders ist es bei Affekten, die nicht umgewandelt werden, sondern auch im Traum als Affekte auftauchen

– wenn auch möglicherweise in veränderter oder umgekehrter Form (Altman, 1981).

15


3. Psychoanalytische Traumtheorie

„Entweder-Oder“ darzustellen ist der Traum hingegen kaum in der Lage - die Alter-

nativen werden lediglich aneinandergereiht und erscheinen dadurch gleichberechtigt.

Auch Gegensätze „werden mit Vorliebe zu einer Einheit zusammengezogen“ (Freud,

1900, S.316), so dass der Traum kaum zu einem klaren „Nein“ fähig ist. Ähnlichkeit,

Übereinstimmung und Gemeinsamkeit wiederum erfahren im Traum vielfältige Dar-

stellungsweisen. Meist werden dabei die betreffenden Elemente zu einer Einheit zu-

sammengezogen, was z.B. zu Identifizierungen oder Mischbildungen führen kann

(siehe Verdichtung) (Freud, 1900).

Insgesamt mangelt es der bildhaften Darstellung durch den Traum durchaus nicht an

Phantasie und Einfallsreichtum.

3.1.2. Die Funktion von Träumen

Neben den oben beschriebenen Mechanismen der Traumarbeit beschäftigt sich Freud

auch mit der Frage nach der Funktion von Träumen. Dazu beschreibt er zunächst,

anknüpfend an das oben beschriebene Modell des psychischen Apparates, zwei mög-

liche Wege, die ein unbewusster Erregungsvorgang nehmen kann. „Entweder er

bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er endlich irgendwo durch und schafft sei-

ner Erregung für dies eine Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der

Beeinflussung des Vorbewussten, und seine Erregung wird durch dasselbe gebunden

anstatt abgeführt“ (Freud, 1900, S.550; Hervorhebung v. Verf.). Letzteres ist nun

beim Traum der Fall. Das bedeutet, es wird zugelassen, dass der unbewusste Wunsch

einen Traum auslöst, der wiederum durch einen verhältnismäßig geringen Aufwand

an vorbewusster Arbeit gebunden und unschädlich gemacht wird. Weitaus aufwendi-

ger wäre es, das Unbewusste die ganze Nacht hindurch in Schach zu halten. Dem-

nach besteht die Funktion des Traumes darin, „die freigelassene Erregung des Ubw

[Unbewussten] wieder unter die Herrschaft des Vorbewussten zu bringen“ (Freud,

1900, S.551). 9 So findet die unbewusste Erregung ein Ventil und kann auf diese

Weise abgeführt werden, ohne den Schlaf nachhaltig zu stören. Es handelt sich also

quasi um eine Art Kompromissbildung, indem der Traum versucht, beiden Ansprü-

chen gerecht zu werden: der unbewussten Wunschregung nach zu kommen und

9 In seinem 1923 eingeführten strukturellen Modell sieht Freud den Traum „nunmehr als das Ergebnis

einer Kompromissbildung zwischen den Triebwünschen des Es, den unbewusst operierenden Abwehrmechanismen

des Ichs und den normativen Bewertungen des Über-Ichs“ an (Mertens, 1993,

S.106).

16


3. Psychoanalytische Traumtheorie

trotzdem die Fortdauer des Schlafes zu gewährleisten. Der Traum hat also vor allem

zwei Aufgaben:

Der Traum als Wunscherfüllung

Während der intensiven Beschäftigung mit einem seiner eigenen Träume (dem be-

rühmten ‚Irma-Traum’) stößt Freud - scheinbar nebenbei - auf eine mögliche Funk-

tion von Träumen. „Der Traum erfüllt einige Wünsche“ (Freud, 1900, S.137), so

Freud selbst. Ein denkbares Motiv scheint demnach die Wunscherfüllung zu sein.

Damit setzt Freud voraus, dass der Traum an sich nicht unsinnig und nutzlos, son-

dern durchaus sinnvoll ist. Er stellt seiner Meinung nach ein „vollgültiges psychi-

sches Phänomen“ (Freud, 1900, S.141) dar und ähnelt somit unseren ebenfalls sinn-

vollen Aktionen im Wachleben.

Freud führt in Kapitel VII seiner ‚Traumdeutung’ vier verschiedene Möglichkeiten

für den Ursprung eines solchen Wunsches an:

1. Es kann sich um einen tagsüber erregten Wunsch handeln, der aber keine Be-

friedigung erfahren hat. Somit handelt es sich um einen anerkannten, aber un-

erledigten Wunsch.

2. Der Wunsch kann tagsüber aufgetaucht, aber gleich wieder verdrängt worden

sein, d.h. es handelt sich um einen unterdrückten und unerledigten Wunsch.

3. Außerdem kann der Wunsch zu denen gehören, die sich erst nachts aus dem

Unterdrückten regen, wobei es sich also um unbewusste und verdrängte

Triebregungen handelt.

4. Eine letzte Quelle des Traumwunsches stellen Bedürfnisse dar, die sich aktu-

ell während des Schlafes regen, wie z.B. Durst oder sexuelles Verlangen. 10

Während ein tagsüber unbefriedigt gebliebener Wunsch der ersten Gruppe vor allem

bei Kindern als Traumerreger ausreicht und sich im Traum relativ unverhüllt äußert,

geht Freud davon aus, dass solch ein vorbewusster Wunsch bei Erwachsenen Ver-

stärkung in Form eines unbewussten Wunsches benötigt, um einen Traum auszulö-

sen. Hierbei handelt es sich seiner Ansicht nach stets um einen verdrängten infantilen

10 Freuds topographischer Ansicht des psychischen Apparats zufolge, kann die erste Gruppe der Wünsche

dem Vorbewussten zugeordnet werden, während die Wünsche zweiter Art vom Vorbewussten

ins Unbewusste zurück gedrängt worden sind und die dritte Gruppe ausschließlich im Unbewussten

anzusiedeln ist (Freud, 1900).

17


3. Psychoanalytische Traumtheorie

Wunsch. Mit dieser Theorie tritt die Bedeutung der Wunschregungen aus dem be-

wussten Wachzustand in den Hintergrund. Zwar lassen sich diese sogenannten Ta-

gesreste mannigfach im Trauminhalt nachweisen, allerdings müssen sie sich den Be-

dingungen des Unbewussten fügen, um in den Traum aufgenommen zu werden (sie-

he auch Kapitel 5.4.1). In diesem Zusammenhang verwendet Freud das Gleichnis des

Unternehmers (der Tagesgedanke), der die Unterstützung des Kapitalisten (der un-

bewusste Wunsch) benötigt, um groß raus zu kommen. Die treibende Kraft, aus der

heraus ein Traum entsteht, ist demnach immer der verdrängte, infantile Wunsch

(Freud, 1900). 11

Als einfaches Beispiel für einen Traumwunsch aus der letzten Gruppe führt Freud

den ‚Dursttraum’ an, der deutlich zeigt, wie der Schlafende bereits im Traum sein

Bedürfnis stillt, indem er davon träumt, zu trinken. Obwohl dies eher einen „Be-

quemlichkeitstraum“ (Freud, 1900, S.142) darstellt, ist die Wunscherfüllung darin

offensichtlich. 12 Darüber hinaus gibt es zahlreiche ähnliche Träume, in denen der

Wunscherfüllungscharakter ebenso deutlich sichtbar ist. So war es Freud beispiels-

weise ein Leichtes, den Traum der Ehefrau eines Freundes zu deuten, die träumte,

ihre Periode zu bekommen. Da dies aber in Wirklichkeit offensichtlich nicht der Fall

war, erfüllte sich ihr Wunsch, nicht mit so jungen Jahren bereits Mutter zu werden,

im Traum (Freud, 1900).

Zwar handelt es sich bei Kinderträumen meist um „simple Wunscherfüllungen“

(Freud, 1900, S.145), trotzdem stellen bekanntermaßen längst nicht alle Träume den

darin verborgenen Wunsch so unverhohlen zur Schau. Dennoch sind sie wichtig, um

einerseits zu beweisen, „dass der Traum seinem innersten Wesen nach eine Wunsch-

erfüllung bedeutet“ (Freud, 1916-17, S.141) und um andererseits aufzuzeigen, dass

die Traumentstellung „nicht zum Wesen des Traumes“ (ebd.) gehört. Vor allem bei

Erwachsenen handelt es sich oftmals um weitaus kompliziertere, verworrenere

Traumgebilde, die auf den ersten Blick kaum eine Wunscherfüllung vermuten lassen.

Gerade diese Träume benutzen Kritiker, um Freud zu beweisen, dass keinesfalls je-

11 Dass es sich bei den Elementen aus dem Tagesgeschehen meist um völlig indifferente und gleichgültige

handelt, erklärt Freud damit, dass sie „von der Widerstandszensur am wenigsten zu befürchten

haben“ (Freud, 1900, S.537).

12 Ebenso deutlich wird hierbei die unten beschriebene Funktion des Traumes als Hüter des Schlafes,

denn wie Freud richtig beobacht, gilt die in diesen Träumen vorgegaukelte Befriedigung der Bedürfnisse

auch dazu, den Träumer vor dem Erwachen zu schützen.

18


3. Psychoanalytische Traumtheorie

der Traum auf die Erfüllung eines Wunsches abzielt. Wie kann beispielsweise ein

Traum mit hoch peinlichem oder unangenehmem Inhalt einen Wunsch erfüllen wol-

len? Was ist mit Angst-, Straf- und Alpträumen? Hier muss man allerdings beden-

ken, dass es sich aufgrund der Entstellung, die durch die oben beschriebenen Mecha-

nismen der Traumarbeit erfolgt, oftmals als sehr schwierig erweist, den jeweiligen

Wunsch herauszufinden. Außerdem bezieht sich die Wunscherfüllungstheorie nicht

auf den manifesten Traum, sondern auf die dahinter stehenden latenten Traumgedan-

ken. Somit kann eine sorgfältige Deutung des manifesten Traumes auch hinter einem

peinlichen oder einem Angsttraum eine versteckte Wunscherfüllung zutage fördern

(Freud, 1900). 13

Trotzdem stellt sich die Frage, warum ein Traum überhaupt gedeutet werden muss

und warum der Trauminhalt nicht einfach ohne Umwege das ausdrückt, was er zu

sagen beabsichtigt. Wozu also dient die Traumenstellung? Freud erklärt die aufwen-

dige Entstellung der latenten Traumgedanken damit, dass das Ich des Träumers nie-

mals ganz schläft. Die Zensur - der kontrollierende Anteil des Ich - die verhindert,

dass unbewusste Triebregungen an die Oberfläche gelangen, ist auch während des

Schlaf-Zustandes weitestgehend aktiv. In dem Fall, in dem die Wunscherfüllung bis

zur Unkenntlichkeit entstellt worden ist, muss eine starke Abwehr gegen diesen

Wunsch vorhanden gewesen sein, die dazu geführt hat, dass dieser Wunsch nur ver-

schlüsselt, bzw. zensiert im Traum erscheint. 14 An dieser Stelle kommen die oben

bereits beschriebenen Mechanismen der Traumarbeit (Verdichtung, Verschiebung

etc.) zum Einsatz (Freud, 1900).

Was dies zusammenfassend bedeutet, beschreibt Freud mit folgenden Worten: „Wir

dürfen also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische Mächte (Strömun-

gen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von denen die eine den durch den

Traum zum Ausdruck gebrachten Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an

diesem Traumwunsch übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung

erzwingt“ (Freud, 1900, S.160). Da der latente Trauminhalt vor der Analyse unbe-

13 Mit dieser Behauptung zieht Freud sich wohl die schärfste Kritik zu. Trotzdem hält er daran fest

und sieht nur das wiederholte Auftauchen eines erlebten psychischen Traumas im Traum als Ausnahme

dieser Regel (Freud, 1933).

14 Eben diese Abwehr äußert sich oftmals als Widerstand gegen die Deutung der Träume in der Analyse.

Später (1923) ordnet Freud diesen Aspekt der Kontrollinstanz in seiner Strukturtheorie dem

Über-Ich zu.

19


3. Psychoanalytische Traumtheorie

wusst ist und nur der manifeste Traum bewusst erinnert wird, scheint die Funktion

der zweiten Instanz - der Zensur - in der Zulassung zum Bewusstsein bzw. der even-

tuell erforderlichen Verschlüsselung zu bestehen. Dementsprechend muss jeder

Wunsch (erstes System) stets an der zweiten Instanz (Zensur) vorbei. 15 So kann es

dann auch passieren, dass beispielsweise besonders peinliche Trauminhalte tatsäch-

lich zur Verschleierung eines erwünschten Inhalts dienen. Mit anderen Worten „kön-

nen wir jetzt auch sagen, die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der

zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der ersten Instanz

erfüllt“ (Freud, 1900, S.161).

Da also jeder Traum vom ersten System ausgeht, ist jeder Traum ein Wunschtraum,

oder wie Freud selbst es ausdrückt: „Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines

(unterdrückten, verdrängten) Wunsches“ (Freud, 1900, S.175). Konzentriert man sich

jedoch lediglich auf den Beitrag der zweiten Instanz und die entstellten Elemente des

manifesten Trauminhalts, wird der Traum, sowie seine Bedeutung, wohl immer un-

verständlich bleiben.

Der Traum als Hüter des Schlafes

Im Zusammenhang mit der oben beschriebenen Wunscherfüllungstheorie nennt

Freud eine weitere Funktion der Träume. „Aus den Kinderträumen haben wir erfah-

ren, die Traumarbeit beabsichtige die Beseitigung eines den Schlaf störenden seeli-

schen Reizes durch eine Wunscherfüllung“ (Freud, 1916-17, S.217), so Freud selbst.

Hiermit spielt er auf seine Theorie an, der zufolge der Traum als „Wächter des Schla-

fes“ (Freud, 1900, S.240) fungiert. Da im Schlaf die Mechanismen der Verdrängung

herabgesetzt sind, besteht die Gefahr, dass der Schlafende durch äußere Sinnesein-

drücke, Tagesreste die ihn weiter beschäftigen, oder unbewusste Triebregungen, die

an die Oberfläche drängen, geweckt wird. Der Traum hat nun die Funktion, diese

Einflüsse in ein „unschädliches halluzinatorisches Erlebnis“ (Freud, 1933, S.459)

umzuformen, um so die Fortsetzung des Schlafes zu gewährleisten. 16

Diese Aufgabe gilt ebenso für Angstträume, auch wenn sie uns oftmals zum Erwa-

chen bringen. Das liegt daran, dass in diesen Fällen der Schlaf unterbrochen wird,

15 Freud (1900) vergleicht Träume mit Zeitungen unter einer Diktatur: Träume müssen nachts herauskommen,

dabei dürfen sie aber die Wahrheit nicht offen sagen, sondern müssen sie verschlüsseln.

16 Vgl.: „Die Träume sind Beseitigungen schlafstörender (psychischer) Reize auf dem Wege der halluzinierten

Befriedigung.“ (Freud, 1916-17, S.148)

20


3. Psychoanalytische Traumtheorie

„ehe der verdrängte Wunsch des Traumes seine volle Erfüllung gegen die Zensur

durchgesetzt hat“ (Freud, 1916-17, S.221). Angstträume sind laut Freud nämlich

meist dadurch gekennzeichnet, dass sie eine „offene Erfüllung eines verdrängten

Wunsches“ (Freud, 1916-17, S.220) darstellen. Die Angst entsteht, weil die Zensur

es nicht schafft, die aufkommenden verpönten Triebregungen zu unterdrücken und

der verdrängte Wunsch sich anschickt unverhüllt an die Oberfläche zu gelangen. Der

Schläfer erwacht, um dies zu vermeiden. Auch wenn dadurch der Schlaf unterbro-

chen wird, nimmt der Traum seine Funktion als Schlafhüter dennoch wahr, indem er

noch größeren Schaden vermeidet. 17

Morgenthaler (1986) beschreibt dieses Verhältnis von Träumer, Traum und unbe-

wussten Triebregungen sehr anschaulich mittels folgender Theater-Analogie:

Im Schlaf sitzt der Träumer als Besucher in einem Theater. Der Vorhang geht

auf und er sieht auf der Bühne eine Szene, zum Beispiel den Sommernachts-

traum von Shakespeare. Hinter den Kulissen sitzen die Traumregisseure. Das

sind die Instanzen der unbewussten Ichanteile, die dafür sorgen, dass auf der

Bühne alles so vor sich geht, wie es geplant ist (...). Das Volk aber ist unzufrie-

den, weil im Theater nie das aufgeführt wird, was es wirklich will. Unzufrieden

sind vor allem die ungesitteten, schwer unter Kontrolle zu haltenden Aufbegeh-

rer, die alles immer in Unordnung bringen wollen. Während der Theaterauffüh-

rung drängen diese Leute von der Straße durch den Artisteneingang ins Theater.

Einige sind betrunken, andere kommen mit einem Hund oder Ziegenbock. Eine

schreiende Frau ist auch dabei und vieles mehr. Diese Leute sind Störfaktoren

und drohen auf die Bühne durchzubrechen (...). Die Eindringlinge sind die un-

bewussten Triebregungen. Auf der Bühne muss alles schön und geregelt ablau-

fen, damit der Träumer, der im Theater sitzt, nicht erwacht. (...) Nun kommen

die Traumregisseure in Aktion. Ihnen steht das Arsenal der Vergangenheit von

allem Erlebten zur Verfügung, um daraus die Requisiten und Verkleidungsmög-

lichkeiten zu wählen, mit denen sie die Eindringlinge so verändern, (...) dass sie

dann, (...) die Szene, die gerade gespielt wird, nicht stören. Je intensiver und

drängender die Impulse sind, die zur Bühne gelangen wollen, je schneller das

vor sich geht und je größer die Menge der Eindringlinge ist, desto schwieriger

wird es für die Traumregisseure, alles rechtzeitig zuzudecken. Es kann dann

17 Freud vergleicht den Traum mit einem Nachtwächter, der mitunter nicht vermeiden kann, etwas

Lärm zu machen um den Ruhestörer zu vertreiben, der den Träumenden mit seinem Krach andernfalls

wecken würde (Freud, 1916-17).

21


3. Psychoanalytische Traumtheorie

vorkommen, dass eine Prinzessin auf der Bühne noch irgendein Horn trägt, weil

es der Traumregie nicht mehr gelungen ist, den Ziegenbock ganz zu verkleiden.

Geraten die Traumregisseure durch die eindringenden unbewussten Triebimpul-

se in noch größere Schwierigkeiten, können sie den zentralen elektrischen

Schalter bedienen und das ganze Theater Dunkelheit hüllen. In solchen Fällen

wacht der Träumer nicht auf (...). Wenn die Traumregisseure ihre Aufgabe nicht

mehr bewältigen und ein Durchbruch der Eindringlinge auf die Bühne droht,

lassen sie den Vorhang herunter und schalten das Licht im Publikumsraum an.

Das entspricht dem Erwachen aus einem Traum. Das Erwachen aus einem

Traum ist immer ein Zeichen dafür, dass Angst aufträte, wenn der Traum wei-

terginge (...).

(Morgenthaler, 1986, S.81-84) 18

Neben dem Aufwachen steht dem Träumer noch eine weitere Möglichkeit zur Ver-

fügung, um den Schlaf beruhigt fortsetzen zu können. In dem Fall, in dem die Zensur

durch einen bereits zugelassenen Traum überrumpelt wird, kann sie dies durch die

Äußerung „Es ist ja nur ein Traum“ herunterspielen. Dies dient „zur Einschläferung

einer gewissen Instanz, die in dem gegebenen Moment alle Veranlassung hätte, sich

zu regen und die Fortsetzung des Traums (...) zu verbieten“ (Freud, 1900, S.470).

Mit der Rechtfertigung „Es ist ja nur ein Traum“ kann der Schlaf jedoch ruhigen

Gewissens fortgesetzt und der Traum geduldet werden. Anscheinend kommt also

„der sonst nur als Zensur tätigen psychischen Instanz ein regelmäßiger Anteil an der

Traumbildung“ (Freud, 1900, S.471) zu, was darauf hindeutet, dass das Traummate-

rial vermutlich nicht ausschließlich aus den Traumgedanken stammt. Der Anteil die-

ser besagten psychischen Instanz besteht dabei nicht nur in der oben bereits be-

schriebenen Funktion der Zensur, die in Entstellungen, Abschwächungen und Aus-

lassungen besteht, sondern offensichtlich auch in Einmischungen und Vermehrungen

des Trauminhalts. Mit diesen Zusätzen werden die „Lücken im Aufbau des Traums“

(ebd.) gestopft, so dass er weniger zusammenhangslos erscheint. Diese sogenannte

sekundäre Bearbeitung, die ebenfalls zu den Mechanismen der Traumarbeit zählt,

versucht also, den Trauminhalt in einen logischen Rahmen zu fügen, so dass ein

halbwegs sinnvolles Ganzes entsteht. Mit Altmans Worten wissen wir demnach,

18 Die Frage, inwieweit die Tatsache, dass der Träumer in dieser Analogie als passiver Zuschauer und

nicht als aktiver Darsteller verstanden wird, Sinn macht, soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert

werden.

22


3. Psychoanalytische Traumtheorie

„dass Zusammenhang und Logik im manifesten Traum das Ergebnis der sekundären

Bearbeitung sind“ (1981, S.39).

Nach der Vorstellung der Freudschen Theorie zu Traumentstehung, Traumfunktion

und Traumdeutung, geht es in den folgenden Abschnitten vor allem um die Weiter-

entwicklung der psychoanalytischen Traumtheorie. Wie wir sehen werden, musste

und muss der Traum bis heute noch um seine Position innerhalb der psychoanalyti-

schen Praxis kämpfen. Während es eine Reihe Analytiker gibt, die dem Traum seine

einzigartige Bedeutung absprechen, betonen andere nach wie vor den wichtigen Stel-

lenwert des Traumes.

3.2. Psychoanalytische Traumdeutung nach Freud

In seiner ‚Revision der Traumlehre’ (1933) beklagt sich Freud über das scheinbar

deutlich nachlassende Interesse am Traum: „Die Analytiker benehmen sich, als hät-

ten sie über den Traum nichts mehr zu sagen, als wäre die Traumlehre abgeschlos-

sen“ (S.452). Bereits in den 20er Jahren besitzt der Traum eine immer geringer wer-

dende Bedeutung innerhalb der Psychoanalyse. Leuschner (1999) führt dies darauf

zurück, dass es sich als weitaus schwieriger erwies, die latenten Traumgedanken hin-

ter dem manifesten Trauminhalt zu erkennen, als Freud es darstellt. Dies kann seiner

Ansicht nach vor allem daran liegen, dass es sich bei vielen der in der ‚Traumdeu-

tung’ behandelten Träume um Freuds eigene handelt. Dementsprechend muss er sich

nur wenig bis gar nicht mit Phänomenen wie Widerstand, Übertragung und Gegen-

übertragung auseinander setzen, mit denen sich die Analytiker tagtäglich in ihrer

Praxis konfrontiert sehen und die die Deutungsarbeit erschweren.

Auch heute zweifeln einige Analytiker an der Relevanz von Träumen für die psycho-

analytische Praxis, so dass die Bearbeitung von Träumen im Rahmen der Analyse

oftmals nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Es stellt sich tatsächlich die Frage,

ob der Traum nur noch ein „Stiefkind der Psychoanalyse“ (Zauner, 1983, S.3) ist. In

diesem Zusammenhang kommt die Kris Study Group 1967 (vgl. Greenson, 1970)

nach einer zweijährigen Traum-Studie u.a. zu folgenden ernüchternden Schlussfolge-

rungen: der Traum stellt ein ganz gewöhnliches Kommunikationsmittel innerhalb der

Psychoanalyse dar, er eröffnet in keiner Weise Zugang zu Materialien, die sonst ver-

deckt bleiben würden und er ist nicht in besonderer Weise dazu geeignet, unterdrück-

te Kindheitserinnerungen ans Licht zu bringen. Auf diese Weise wird dem Traum

23


3. Psychoanalytische Traumtheorie

jegliche herausragende Bedeutung abgesprochen und Freuds Theorie zur Traumar-

beit und Traumdeutung völlig vernachlässigt. Auch Brenner (1969) ist der Überzeu-

gung, dass die Traumdeutung nicht die einzige Methode darstellt, mit deren Hilfe

man unbewusstem Material auf die Spur kommen kann. Seiner Ansicht nach stellen

ebenso wie der Traum auch neurotische Symptome, Fehlleistungen, Witze, viele

Charakterzüge und sogar die Wahl des Berufes, Tagträume, bewusste Kindheitserin-

nerungen und vor allem die freien Assoziationen während der Analyse einen Kom-

promiss zwischen instinktiven Wünschen und den Anforderungen des Über-Ich dar.

Wie jeder Traum reflektieren auch sie das Ergebnis eines Zusammenspiels unbe-

wusster, vorbewusster und bewusster Strebungen bzw. des Es, Ich und Über-Ich.

Demnach sollte laut Brenner die Bedeutung des Traumes nicht überschätzt und die

Aufmerksamkeit ebenfalls auf alle anderen Aspekte dessen, was der Klient mitteilt,

gerichtet werden.

Altman (1969) macht vor allem den Trend zur Ich-Psychologie für das nachlassende

Interesse am Traum verantwortlich. Während sich das Hauptaugenmerk nun auf die

Analyse der Abwehr richtet, wird die Arbeit am Traum zur Erforschung unbewusster

Triebwünsche mehr und mehr vernachlässigt. Dies liegt nach Ansicht von Altman

daran, dass Analytiker seit dem Beginn der Ich-Psychologie kaum noch die Erfah-

rung einer Analyse ihrer eigenen Träume machen können und dementsprechend

Träume auch bei der Arbeit mit ihren Klienten in den Hintergrund treten.

Ermann (1983) und Moser (2003) weisen darüber hinaus auf eine wichtige Verschie-

bung in der Bewertung des Traums hin, die ebenfalls mit dem Beginn der Ich-

Psychologie zusammen fällt. Diese Verschiebung besteht darin, dass der immensen

Bedeutung der Entschlüsselung des latenten Trauminhalts zur Aufdeckung unbe-

wusster Triebe und Wünsche der manifeste Traum inzwischen fast gleichwertig ge-

genüber steht. 19 Er wird dabei als „Äußerung des Ich in seinem Bemühen um die

Strukturierung der Primärprozesse des Unbewussten“ (Ermann, 1983, S.X) angese-

hen. So vertritt Ehebald (1981; vgl. Zauner, 1983) die Ansicht, dass der manifeste

Traum nicht nur eine Wunscherfüllung darstellt, sondern auch Einblicke in die Ar-

beitsweisen des Ich erlaubt und damit ebenso viel Aufmerksamkeit wie der latente

19 Spanjaard (1969) weist darauf hin, dass Federn 1914 als Erster das Interesse auf den manifesten

Traum lenkt. Im Wesentlichen geht diese Verschiebung der Aufmerksamkeit jedoch auf Erikson zurück,

der im Jahre 1949 am Psychoanalytischen Institut von San Franzisko ein Seminar abhält, in dem

er das Augenmerk vor allem auf den manifesten Traum richtet (Beese, 1983).

24


3. Psychoanalytische Traumtheorie

Trauminhalt verdient. 20 Darüber hinaus wird vor allem in der Arbeit mit Ich-

gestörten Patienten die Arbeit mit Träumen vermieden, da die Traumassoziation,

sowie wie freie Assoziation zu regressionsfördernd ist und damit zu Dekompensatio-

nen führen kann.

Selbstverständlich gibt es daneben nach wie vor zahlreiche Analytiker, die die Be-

deutung der Träume keineswegs anzweifeln (z.B. Altman, 1981, Greenson, 1970). 21

So ist Greenson (1970) überzeugt, dass eine erfolgreiche, tiefgehende Analyse nicht

ohne das Verständnis und den Einbezug der Träume möglich ist. Auch Mertens

(1993) ist der Ansicht, dass Träume - wenn auch meist in verschlüsselter Form - „den

Weg zu den kindlichen Konflikten und Konfliktverarbeitungen weisen und wertvolle

Rekonstruktionshilfen bereitstellen, die dann wiederum ein besseres Verständnis der

Übertragungsbeziehung im Hier und Jetzt ermöglichen“ (S.109). Somit stellt der

Traum seiner Ansicht nach ein wertvolles Mittel dar, Ereignisse der Gegenwart mit

Erlebnissen, Emotionen und Wünschen der Vergangenheit zu verbinden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass, obwohl Phänomene wie z.B. Wider-

stand, Übertragung und Gegenübertragung heutzutage einen großen Stellenwert in

der psychoanalytischen Praxis haben, nach wie vor ein großes Interesse am Traum

besteht. Allerdings wird er dabei von manchen Autoren inzwischen weniger als „Via

Regia zur Kenntnis des Unbewussten“ (Freud, 1900; S.577; Hervorhebung v. Verf.),

sondern als weitere Möglichkeit zum Verständnis der Arbeitsweise des Ich angese-

hen.

Die wohl bekannteste Weiterentwicklung der Freudschen Traumtheorie stellt die

C.G. Jungs dar. Im Rahmen dieser Arbeit werde ich seine Erkenntnisse jedoch aus

Platzgründen weitestgehend vernachlässigen und nur kurz im Abschnitt 3.3.1 andeu-

ten, womit ich ihre Bedeutung aber keinesfalls herunterspielen möchte.

3.2.1. Der Traum in der analytischen Therapie

Bei denjenigen Analytikern, die Träume weiterhin als „Königsweg“ zum Unbewuss-

ten ansehen, geht es, anknüpfend an Freud, vor allem darum, mittels Deutungstech-

20 In diesem Zusammenhang wird auch die Traumarbeit als „eine besondere (integrative, konfliktlösende

bzw. schöpferische) Leistung des Ich“ (Struck, 1992, S.76) angesehen.

21 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird ersichtlich werden, dass die Traumdeutung heute ausgerechnet

von Seiten der Neurowissenschaften einen erneuten Aufschwung erfährt, seitdem auch dort

Träume als Forschungsgegenstand entdeckt wurden.

25


3. Psychoanalytische Traumtheorie

niken den latenten Traumgedanken auf die Spur zu kommen, die sich hinter dem

manifesten Trauminhalt verbergen, um so die Grundlagen der Konflikte und Sym-

ptome aufdecken, bearbeiten und integrieren zu können. Eine wichtige Technik ist

hier die unter 3.1 bereits beschriebene Methode der freien Assoziation. Freud geht

davon aus, dass diese Technik am besten dazu geeignet sei, Zugang zur Bedeutung

des Traumes zu erlangen, da die „zunächst oft beziehungslos scheinenden, schwei-

fenden Gedanken unweigerlich in die Nähe der unbewussten Motivation“ (Struck,

1991, S.81) führen, die sich hinter dem manifesten Trauminhalt verbirgt. Allerdings

gilt es zu bedenken, dass diese Assoziationen und Einfälle noch nicht die latenten

Traumgedanken darstellen, sie liefern lediglich Hinweise und deuten Mögliches an.

Bei der Traumdeutung in der analytischen Praxis kann es zu gewissen Schwierigkei-

ten kommen, da Analytiker und Analysand oftmals unterschiedliche und sehr subjek-

tive Traumtheorien haben. Ziel ist darum zunächst, „die Übernahme des Traums in

die gemeinsame interpretative Mikrowelt von Analytiker und Analysand“ (Moser,

2003, S.645). Im Laufe der Deutung des Traumes kann es dazu kommen, dass sich

der Analysand gegen bestimmte Interpretationen oder die gesamte Traumarbeit

wehrt. Solche Widerstände äußern sich z.B. darin, dass der Analysand einen Traum

gar nicht mehr erzählt, vorgibt, ihn vergessen zu haben, dem Analytiker nur einzelne

Fragmente liefert oder jegliche Bedeutung seines Traumes abstreitet. Dies stellt nach

Ansicht von Moser ein wichtiges Problem dar, denn „Distanzierungen in Bezug auf

den Traumprozess, offen oder versteckt, sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass

der psychoanalytische Prozess intellektualisiert verläuft“ (Moser, 2003, S.645).

Laut Fink (1977) erfüllt der Traum in der analytischen Therapie nach wie vor einige

wichtige Aufgaben. So weist Fink auf die Bedeutung des ersten Traumes, der vom

Analysand berichtet wird, hin. Er geht, wie auch Jung (1945), davon aus, dass dieser

sogenannte Initialtraum den derzeitigen Zustand des Klienten widerspiegelt und so-

mit eine wichtige diagnostische und prognostische Funktion hat. Darüber hinaus re-

flektieren die berichteten Träume die jeweilige Interaktion und können somit auch

Auskünfte über die Beziehung zwischen Analysand und Analytiker liefern. Die Art

und Weise, wie auch die Häufigkeit, mit der Träume während der Analyse berichtet

werden, gibt dem Analytiker außerdem wichtige Hinweise auf den „jeweiligen Stand

des Widerstandes“ (Fink, 1977, S.291) des Klienten. Abschließend vermutet Fink,

26


3. Psychoanalytische Traumtheorie

dass der Inhalt des Traumes (oral, anal, genital, narzisstisch etc.) Aufschluss über das

Ausmaß der Regression gibt.

3.2.2. Experimentelle psychoanalytische Traumforschung

Bei der Psychoanalyse handelt es sich um eine über hundertjährige Wissenschaft.

Doch gerade der wissenschaftliche Status dieser Disziplin wird von Gegnern und

Kritikern der Psychoanalyse immer wieder massiv in Frage gestellt. Tatsächlich sind

sich auch immer mehr Vertreter aus den eigenen Reihen der Tatsache bewusst, dass

die Psychoanalyse weitaus erfolgreicher darin ist, Hypothesen aufzustellen, als sie

experimentell zu testen und zu überprüfen. So weist der Nobelpreisträger Eric Kan-

del (1999) darauf hin, dass es die Psychoanalyse vor allem versäumt habe, sich wis-

senschaftlich weiter zu entwickeln. Dies äußere sich in dem gravierenden Mangel an

objektiven Methoden, mit deren Hilfe die Vermutungen und Hypothesen über die

Psyche des Menschen belegt werden könnten. Auch Leuschner, Hau & Fischmann

(1998) warnen vor der „Gefahr des wissenschaftlichen Stillstandes“ (S.825) und plä-

dieren für „methodische Erweiterungen“ (ebd.), um die psychoanalytischen Theorien

(über)prüfen und (weiter)entwickeln zu können. Kandel bedauert den allmählich

nachlassenden Einfluss der Psychoanalyse im 21. Jahrhundert, da sie seiner Meinung

nach immer noch das schlüssigste und intellektuell befriedigendste Modell unserer

Psyche darstellt. Als Ausweg aus dieser Misere schlägt er eine größere Offenheit

anderen Disziplinen, wie z.B. der Biologie und den Neurowissenschaften gegenüber

vor. Dies wird das Thema des 5.Kapitels sein. Im Folgenden möchte ich zunächst auf

Bestrebungen eingehen, die innerhalb der psychoanalytischen Schlaf- und Traumfor-

schung stattgefunden haben, mit dem Ziel, die aufgestellten Hypothesen experimen-

tell zu validieren.

Auch wenn der Mangel an hypothesengeleiteter, experimenteller Untersuchung der

psychoanalytischen Theorien dieser Fachrichtung heute deutlich angekreidet wird,

sollte man nicht vergessen, dass die experimentelle Untersuchung des Traumes den-

noch eine lange Tradition innerhalb der Psychoanalyse hat. Bereits im Jahre 1878

führt Maury (vgl. Fink, 1977) erwähnenswerte Traum-Experimente durch. Ihm ge-

lingt es schon zu diesem Zeitpunkt nachzuweisen, dass während des Schlafes darge-

botene Reize in den Traumbericht Zugang finden. Auch Schrötter (1912; vgl. Freud,

1916-17) macht die Beobachtung, dass sich bestimmte Inhalte, die er hypnotisierten

27


3. Psychoanalytische Traumtheorie

Personen suggeriert, anschließend in den Träumen dieser Personen nachweisen las-

sen. Einen mindestens ebenso wichtigen Beitrag liefert Pötzl (1917; vgl. Leuschner,

1999), der mit Hilfe seiner Experimente die Existenz unbewusster Prozesse offen

legt. Indem er seinen Versuchspersonen bestimmte Bilder subliminal (also quasi un-

bewusst, durch die Darbietung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle) präsentiert,

die dann nachweislich im darauffolgenden Traumschlaf auftauchen, liefert er bedeut-

same Hinweise auf die offensichtlich existierende unbewusste Wahrnehmungsverar-

beitung. Dieser Methode der subliminalen Wahrnehmung bedienen sich zahlreiche

weitere Forscher, um die Träume ihrer Probanden experimentell zu beeinflussen

(siehe unten).

Mit der Entdeckung des REM-Schlafes im Jahre 1953 (siehe Kapitel 4.2.1) kommt es

vor allem im Bereich der physiologischen Schlaf- und Traumforschung zu einem

erheblichen Anstieg der experimentellen Untersuchung des Traumes. Da sich daran

auch einige Psychoanalytiker wie z.B. Shevrin, Fiss, Pine und Fisher beteiligen, wird

es möglich, die innerhalb der analytischen Situation gesammelten Erfahrungen und

Vermutungen im Labor zu überprüfen.

Whitman stellt 1963 (vgl. Leuschner, 1999) bei einer vergleichenden Untersuchung

fest, dass Patienten innerhalb der Analyse andere Träume berichten als im Labor.

Dies erklärt er mit der jeweils unterschiedlichen Übertragungsbeziehung, die zwi-

schen Patient und Analytiker bzw. Patient und Forscher besteht. Fiss untersucht 1980

die Labor-Träume von Alkoholikern während des Entzugs und stellt fest, dass „die

hochgradig Süchtigen weitaus häufiger vom Trinken träumen, als die weniger ‚Be-

gierigen’“ (Leuschner, 1999, S.366). Dies spricht zunächst für die Freudsche Theorie

der Wunscherfüllung, allerdings weist Fiss (1993) darauf hin, dass jene Träumer zu-

sätzlich stark konfliktgeladene und selbst abwertende Trauminhalte aufweisen.

Greenberg und Pearlman (1975) untersuchen ebenfalls den Trauminhalt ihrer Patien-

ten aus der analytischen Praxis im Labor und stellen fest, dass ein Großteil des mani-

festen Trauminhaltes direkt auf die dem Schlaf vorangegangene analytische Sitzung

zurück zu führen ist. Dies interpretieren die Autoren dahingehend, dass Träume die

Gelegenheit bieten, rezente Erfahrungen neu zu organisieren und mit vergangenen

Erfahrungen zu integrieren. Eine ähnliche Auffassung vertreten French und Fromm

(1964) und postulieren, dass der Traum einen Adaptionsprozess, bzw. einen Versuch,

gegenwärtige Konflikte zu lösen, darstellt (siehe Kapitel 3.3.2). Nach Ansicht von

28


3. Psychoanalytische Traumtheorie

Greenberg und Pearlman erlaubt der manifeste Trauminhalt demnach Rückschlüsse

auf emotional bedeutsames Material, welches den Träumer aktuell, vor allem inner-

halb der Analyse, beschäftigt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass dieses Material

völlig unverzerrt im Traum erscheint, sondern meist in eine Art metaphorischer

Sprache umgewandet wird (vgl. Freuds Traumarbeit). Anknüpfend an Freud gehen

sie zusammenfassend davon aus, dass Träume die Integration von vergangenen

Wünschen und gegenwärtigen Bedürfnissen reflektieren.

Wie oben bereits angedeutet machen sich viele Forscher die von Pötzl angewandte

Methode der subliminalen Wahrnehmung zu Nutze, um die Verarbeitung unbewuss-

ter Informationen während des Traumes zu beobachten. So stellen Spence und Gor-

don 1973 (vgl. Leuschner, 1999) mit Hilfe der Pötzl-Methode beispielsweise fest,

dass subliminale Stimuli „grundsätzlich in der Lage sind, Zugang zu unbewussten

Phantasien zu verschaffen bzw. unbewussten Wünschen ermöglichen, im Traum zu

erscheinen“ (Leuschner, 1999, S.368). Leuschner selbst entwickelt mit seinen Kolle-

gen das sogenannte tachyakustische Verfahren. Dabei wird dem Probanden ein be-

stimmter Text in 2,5-facher Geschwindigkeit vorgespielt, so dass bewusstes Verste-

hen völlig unmöglich ist. Trotzdem kommt es daraufhin zu einem statistisch signifi-

kanten Wiederauftreten von Inhalten dieser Texte im Traumbericht, sowie in freien

Assoziationen - und das bis zu drei Tagen nach Darbietung. Dies bedeutet nach An-

sicht der Autoren, dass die dargebotenen Texte vorbewusst wahrgenommen und ver-

standen wurden (Leuschner et al., 1998).

Es gibt demnach durchaus eine gewisse Tradition der experimentellen psychoanalyti-

schen Traumforschung. Allerdings hat es die Psychoanalyse bis heute leider weitge-

hend versäumt, diese Methoden und Techniken auszubauen, um mit ihrer Hilfe auch

weiterhin die aufgestellten Hypothesen und Theorien zu stützen. Dabei darf nicht

außer Acht gelassen werden, dass die psychoanalytische Laborforschung auch

Schwierigkeiten aufweist. Im Gegensatz zur analytischen Situation gibt es laut

Leuschner (1999) im Labor „keine Patienten mehr, keine Behandlung, kein Hier-

und-Jetzt gemeinsamer Erkenntnis. Es gibt nicht mehr den Detektiv und nicht mehr

den Archäologen, keine Hermeneutik. Übertragungsprozesse gelten erst mal nichts“

(S.374). Vielleicht ist darum die Kombination von Erkenntnissen, die innerhalb der

Analyse gewonnen werden und jenen, die im Labor zutage treten, so wertvoll, um

auf der einen Seite nicht den Patienten und seine besondere therapeutische Bezie-

29


3. Psychoanalytische Traumtheorie

hung zum Analytiker, andererseits aber auch nicht die experimentelle Validierung

der aufgestellten Hypothesen aus den Augen zu verlieren. Forschung und Heilung

sollten sich im Idealfall ergänzen. So sind die klinischen Erfahrungen und die aus der

Praxis gewonnenen Einsichten für die Laborforschung ebenso unerlässlich, wie auch

die Ergebnisse der experimentellen Untersuchung für das Verständnis des therapeuti-

schen Prozesses sinnvoll sein können. So ist z.B. die mittels der subliminalen Me-

thode experimentell nachgewiesenen Tatsache, dass wir nicht nur bewusst, sondern

gleichzeitig auch vorbewusst wahrnehmen, verstehen und kommunizieren, für die

analytische Situation von großer Bedeutung.

3.3. Die Funktion des Traumes aus psychoanalytischer Sicht

Wie unter 3.1.2 beschrieben, geht Freud von zwei wesentlichen Funktionen des

Traumes aus: der Traum als Wunscherfüllung und der Traum als Hüter des Schlafes.

Im Zuge der Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie entstehen noch viele

weitere Vermutungen zum Sinn und Zweck des Träumens. Im Folgenden werde ich

eine Auswahl dieser Hypothesen kurz darstellen, wobei ich aus Platzgründen nur

einige wenige aus der großen Menge der Theorien herausgreifen und lediglich kurz

andeuten kann.

3.3.1. Der Traum als Kompensation

Der prominenteste Vertreter der Kompensations-Theorie ist sicherlich C.G. Jung

(1945). Er vermutet, dass sich im Traum jene Anteile offenbaren, die im bewussten

Leben verdrängt und unterdrückt worden sind. Dabei gilt: je einseitiger die aktuelle

Bewusstseinslage, desto ausgeprägter der kompensatorische Charakter der Träume.

Auf diese Weise wird das Gleichgewicht der Seele garantiert - entsprechend Jungs

Auffassung von einem ganzheitlichen und ausgewogenen Menschen. Im Unterschied

zu Freud handelt es sich bei den zu kompensierenden Anteilen jedoch nicht aus-

schließlich um verdrängte Triebregungen, sondern um alle möglichen Einstellungen

und Faktoren, die im bewussten Leben nicht ausreichend vertreten werden. Dabei

wird das Interesse eher auf den manifesten Trauminhalt gelenkt, während bei Freud

vor allem die Bedeutung des latenten Traummaterials betont wird (siehe Kapitel 3.2).

Demnach ist die Wunscherfüllung nur einer von vielen möglichen manifesten Inhal-

ten, es kann sich dabei ebenso um Illusionen, Erinnerungen etc. handeln. Letztlich

30


3. Psychoanalytische Traumtheorie

stellt dies aber keinen Widerspruch zur Freudschen Theorie dar, denn auch Freud

gibt zu, dass der manifeste Traum alles mögliche darstellen kann. Wesentlich ist sei-

ner Ansicht jedoch, dass der Motor des Traumbildungsprozesses stets ein unbewuss-

ter Triebwunsch ist, dem der Traum eine Äußerung ermöglicht (Deserno, 1999;

Eckes-Lapp,1980). 22

Laut Schultz-Hencke (1949) nimmt der Mensch aufgrund frühkindlicher Erfahrun-

gen stets auf seine Umwelt Rücksicht, was dazu führt, dass es zu „motorische[r] Zu-

rückhaltung“, „reflektorische[n] Einschränkungen“ und sogar „völligen Ausfallser-

scheinungen“ (Eckes-Lapp, 1980, S.23) kommt. Das dadurch Versäumte holt der

Mensch in seinen Träumen nach, kompensiert so die tagsüber erlebten Beschränkun-

gen und „füllt die Lücken des Wacherlebens“ (Schultz-Hencke, 1949, S.207). Dabei

konzentriert sich Schultz-Hencke wie Freud auf die nicht-gelebten Triebanteile, wäh-

rend sich der Traum bei Jung nicht nur auf Triebregungen, sondern auch auf Einstel-

lungen, Emotionen u.a. bezieht.

Eine ähnliche Auffassung vertritt Siebenthal (1953), indem er behauptet, dass der

Traum insofern kompensatorisch ist, als er gerade das darstellt, was im Wachzustand

nur ungenügende Beachtung gefunden hat. So kommt es dazu, dass der Schlafende in

seinen Träumen genau mit den Emotionen, Gedanken, Trieben etc. konfrontiert wird,

von denen er im bewussten Leben nichts wissen wollte - der Traum zeigt also häufig

eine Einstellung, die der im Wachzustand vorzufindenden Haltung genau entgegen-

gesetzt ist.

All diesen Theorien ist gemeinsam, dass sie von einer ausgleichenden Funktion der

Träume ausgehen. Sie werden als Äußerung des Unbewussten angesehen, die die im

Wachzustand wenig beachteten Anteile berücksichtigen, um so eine Art Gleichge-

wicht herzustellen und Einseitigkeit auszugleichen. Wichtig ist dabei, dass die Ver-

treter dieser Theorie - im Gegensatz zu Freud - vom manifesten Traum ausgehen.

3.3.2. Der Traum als Prospektion / Konfliktlösung

Einige der oben genannten Autoren, wie z.B. Jung und Schultz-Hencke betonen wie

Maeder und Adler neben der Kompensationsfunktion auch die prospektive Tendenz

22 Darüber hinaus sieht Jung den Traum als Individuationsprozess an. Das bedeutet, dass sich im

Traum die Entwicklung des Träumers, sowie seine aktuelle Lage ablesen lässt (siehe auch Kapitel

3.3.2 und 3.3.3).

31


3. Psychoanalytische Traumtheorie

des Traumes. So geht Maeder (1912; vgl. Boss, 1953) davon aus, dass Träume Lö-

sungsversuche für Konflikte darstellen können. Indem der Traum als eine Art Trock-

enübung für spätere, im Wachleben erfolgende Problemlöseversuche aufgefasst wird,

wird ihm in gewisser Weise ein vorausschauender, in die Zukunft gerichteter Cha-

rakter zugeschrieben. Der Traum ist somit ein „Vorläufer der Tat“ (Eckes-Lapp,

1980, S.27).

Auch Adler (1936) postuliert die vorausdenkende Funktion des Traumes. Er geht

dabei jedoch einen Schritt weiter und behauptet, Träumen sei „ein Zeichen von Fehl-

anpassung“ (Eckes-Lapp, 1980, S.28). Wenn ein Mensch sich demnach tagsüber in

ausreichender Weise mit sich, seinem derzeitigen Zustand und seinem Seelenleben

auseinander setzt, bräuchte er theoretisch gar nicht zu träumen. Ein Traum entsteht

seiner Ansicht erst dann, wenn der Mensch mit einem Problem konfrontiert wird,

welches zu lösen er im Wachzustand bisher nicht in der Lage war. Im Traum übt die

betreffende Person dann die Lösung des Konfliktes und sucht den Schlüssel dazu in

der Phantasie.

Eckes-Lapp (1980) weist darauf hin, dass dank der prospektiven Tendenz der Träu-

me eine Vorschau auf die zukünftige Entwicklung des Träumers möglich ist, so dass

anhand der Träume „eine prognostische Hypothese für die Persönlichkeitsentwick-

lung“ (S.31) aufgestellt werden kann.

Freud (1900) hingegen wehrt sich ausdrücklich gegen diese Auffassungen. Sowohl

die prognostische, als auch die problemlösende Tätigkeit sieht er lediglich als zwei

unter vielen möglichen Leistungen der Tagesreste, die in Verbindung mit einem un-

bewussten Wunsch im Traum auftreten. Die prognostische Funktion des Traumes ist

demnach vielmehr eine Funktion des vorausgegangenen bewussten Denkens am Ta-

ge und keine spezifische Funktion des Traumes an sich. Freud warnt davor, den

Traum ausschließlich mit den latenten Traumgedanken gleichzusetzen, nachdem

lange Zeit der Traum mit dem manifesten Traum gleich gestellt wurde.

3.3.3. Der Traum als Ausdrucksmittel des seelischen Zustandes

Die oben bereits erwähnten Autoren Maeder, Jung und Adler, aber auch Silberer

gehen noch von einer weiteren Funktion des Träumens aus - der „Ausdrucks- und

Darstellungsfunktion“ (Eckes-Lapp, 1980, S.32). Im Gegensatz zu Freuds eher trieb-

psychologischem Ansatz zeigt diese Theorie, ähnlich wie die der Konfliktlösung des

32


3. Psychoanalytische Traumtheorie

Träumens, allerdings mehr in eine Ich-psychologische Richtung, wobei dem mani-

festen Traum eine größere Rolle zugewiesen wird. Die Autoren sind der Ansicht,

dass unbewusste Inhalte in Traumbilder umgesetzt werden, die somit Rückschlüsse

auf die aktuelle seelische Befindlichkeit des Träumers zulassen. Demnach besteht

eine unmittelbare Verbindung zwischen der Darstellungsweise der manifesten

Traumbilder und dem Zustand des Unbewussten. Das bedeutet, dass eine sehr an-

schauliche, ausdrucksvolle Darstellungsweise des Traumes auf einen reifen Zustand

hindeutet, während eine verworrene, undeutliche Darstellungsweise eher für einen

chaotischen Zustand des Seelenlebens des Träumers spricht. Zudem werden ange-

nehme oder unangenehme Emotionen innerhalb des Traumes als entsprechendes

Spiegelbild der realen Situation aufgefasst. Abschließend weisen die Autoren darauf

hin, dass sich die Ausdrucksfunktion des Traumes nicht allein auf die Tatsache be-

zieht, „dass Seelisches im Traum ausgedrückt wird, sondern dieser Ausdruck wird

finalisiert, indem er den Sinn und Zweck erfüllt, das Bewusstsein auf latentes, bisher

nicht zu Bewusstsein zugelassenes Erleben aufmerksam zu machen“ (Eckes-Lapp,

1980, S.34).

Heute geht Mancia (2002) ebenfalls davon aus, dass der Traum eine reale Erfahrung

ist, „die als eine Darstellung der inneren Welt des Träumers die Ganzheit der Über-

tragung in ihrer unmittelbaren Gegenwart ausdrückt“ (S.220). So erlaubt der Traum-

bericht seiner Ansicht nach Rückschlüsse auf Spaltungen, Abwehmechanismen,

Ängste etc. des Träumenden und kann im Rahmen einer Analyse wertvolle Hinweise

auf den inneren Zustand des Patienten liefern (siehe auch nächstes Kapitel). Daneben

stellt der Traum für den Träumer nach Ansicht von Mancia „ein Werkzeug zur Er-

kenntnis seines Selbst“ (ebd.) dar. Außerdem schreibt er dem Traum eine Reihe wei-

terer Funktionen zu: er kann eine Mitteilung an den Analytiker, die Erfüllung eines

verdrängten Wunsches oder auch ein Ausagieren innerhalb der Sitzung darstellen,

indem „zu Abfuhrzwecken Träume in großer Zahl gebracht werden, nur um den ana-

lytischen Raum zu füllen“ (ebd.).

3.3.4. Der Traum als Kommunikationsmittel

Auch wenn es sich beim Träumen um ein sehr persönliches Phänomen handelt, spü-

ren wir oft das Verlangen, anderen unsere Träume mitzuteilen. Diese Tendenz, den

Traum als Kommunikationsmittel zu benutzen, wird vor allem im Rahmen der The-

33


3. Psychoanalytische Traumtheorie

rapie bzw. Analyse deutlich. Wie Freud (1900) bereits feststellt, kommen viele Pati-

enten früher oder später dazu, über ihre Träume zu berichten. Eckes-Lapp (1980)

gibt einen Überblick über Vertreter dieser Theorie, zu denen Rosenbaum, Bergmann,

Klauber, Becker und Grunert gehören. Sie beschäftigen sich vor allem mit dem In-

halt des Traumberichtes, den der Patient seinem Therapeuten liefert. Ihrer Ansicht

nach können so Rückschlüsse sowohl auf den Stand der Übertragung und die Bezie-

hung zwischen Analysand und Analytiker, als auch auf die „innerpsychische Kon-

fliktsituation“ (Eckes-Lapp, 1980, S.36) gezogen werden. Aus diesem Grunde wird

dem sogenannten Initialtraum in der Analyse so eine große Bedeutung zugeschrieben

- dabei handelt es sich um den ersten Traum, den der Analysand seinem Analytiker

mitteilt. Hier vertritt Jung (1945; siehe Kapitel 3.2.1) eine ähnliche Auffassung, in-

dem er betont, dass dieser Initialtraum wichtige Informationen, z.B. über Art und

Schweregrad der Störung, mögliche Entwicklungsschritte und eventuell sogar sinn-

volle Therapiemöglichkeiten enthält. Auch Beese (1983) geht von einer diagnosti-

schen Bedeutung des Traumes aus. Dabei merkt er einschränkend an, dass ohne die

genaue Kenntnis der Vorgeschichte und der Persönlichkeit des Klienten sowie seine

freien Assoziationen eine Unterscheidung zwischen dem Traum eines Gesunden und

dem eines Neurotikers bzw. Psychotikers schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist.

Allerdings können die Träume von präpsychotischen Patienten u.U. relativ deutliche

Hinweise auf einen bevorstehenden Ausbruch der Psychose liefern.

Der Traum ist also insofern wichtig, als dass er viele wichtige Informationen in sich

trägt, die auf diese Weise einer anderen Person mitgeteilt werden. Dabei muss es sich

nicht immer um eine bewusste Kommunikation handeln, sondern auch um vorbe-

wusste bzw. unbewusste Vorgänge. Viele Inhalte werden auf symbolischer Ebene

mitgeteilt und ebenso wie der Traum enthält auch die Mitteilung über ihn eine mani-

feste und eine latente Ebene, wobei der Analytiker aufgrund seiner Erfahrungen auch

diese unbewussten bzw. latenten Informationen zu verstehen in der Lage sein sollte

(Eckes-Lapp, 1980).

3.3.5. Die integrative Funktion

Vor allem Kemper (1955) ist ausdrücklich um eine integrative Theorie zur Traum-

funktion bemüht, die möglichst viele der oben erwähnten Annahmen zusammenführt.

Er betont dabei insbesondere die regulierende Funktion des Traumes. Demnach ent-

34


3. Psychoanalytische Traumtheorie

steht der Traum als Reaktion auf ein tagsüber statt gefundenes Erlebnis, welches die

seelische Balance durcheinander gebracht hat. Indem er nun das Gleichgewicht wie-

der herstellt, vereinigt er mehrere Funktionen: er behütet den Schlaf, indem er die

nachts aufkommende psychische Erregung durch die Traumbildung bindet und ab-

führt, er stellt eine Wunscherfüllung dar, im „Sinne des Ausgleichs von Diskrepan-

zen zwischen Triebanspruch, äußeren und inneren Hemmnissen“ (Eckes-Lapp, 1980,

S.41) und er erfüllt gleichzeitig eine kompensatorische und eine prospektive Funkti-

on, indem er die tagsüber nicht gelebten Seiten im Traum hervorhebt. Dieser Theorie

zufolge spielt der Traum eine sehr wichtige Rolle, da er seelische Funktionen regu-

liert und integriert. Auch Klauber (1969; vgl. Eckes-Lapp, 1980) vertritt eine integra-

tive Theorie und vermutet, dass der Traum die synthetische Funktion des Ich dar-

stellt, indem er versucht, jene psychischen Strukturen zu integrieren die im Falle ei-

nes aktuellen Konfliktes durcheinander geraten sind. Diese synthetische Funktion

besteht in der Neutralisierung unerwünschter Es-Impulse, indem sie auf Objekte ver-

schoben werden, die das Ich akzeptieren kann. Dies erinnert an das Verhältnis vom

latenten zum manifesten Trauminhalt. Auch dort werden mit Hilfe der Traumarbeit

unbewusste, verpönte Triebregungen umgewandelt, so dass sie für das Ich des Schlä-

fers keine Gefahr mehr darstellen und somit Zutritt zum Bewusstsein erhalten.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe verhältnismäßig moderne Theorien, die eine inte-

grative, regulierende bzw. reorganisierende Funktion des Träumens postulieren. 23 So

geht Fosshage (1983) beispielsweise von einer organisierenden und synthetischen

Funktion des Träumens aus. Er vermutet, dass die Hauptaufgabe der Träume darin

besteht, psychische Prozesse und Strukturen zu entwickeln, aufrecht zu erhalten und

zu regulieren. Außerdem vertritt der die Ansicht, dass „Träume zur Einschätzung des

Niveaus der Objektbeziehungen und des Ausmaßes an Differenzierung und Struktu-

rierung von Selbst- und Objektrepräsentanzen nützlich sind“ (Mertens, 1993, S.113).

Breger (1977) bezieht sich in seiner Theorie auf Ergebnisse der Gedächtnisforschung

und geht davon aus, dass Träume dazu dienen, emotional erregendes Material in jene

Strukturen des Gedächtnissystems einzufügen, die sich im Umgang mit ähnlichem

Material bereits bewährt haben (siehe Kapitel 4.4.3). Auch Palombo (1984) ist ähnli-

cher Ansicht und vermutet, dass Träumen eine adaptive Funktion besitzt, indem neue

23 Einige dieser Hypothesen weisen verblüffende Ähnlichkeiten zu den in Kapitel 4.4 behandelten

neurowissenschaftlichen Annahmen zur Funktion des Schlafens bzw. Träumens auf.

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3. Psychoanalytische Traumtheorie

Wahrnehmungen und Erlebnisse mit bereits gespeichertem Material verbunden wird.

Auf diese Weise wird der Rückgriff auf Daten aus dem Kurzzeitgedächtnis erleich-

tert. Vor allem die vollständige Abwendung von jeglichen Reizen aus der Umwelt

während des Schlafes macht nach Palombo das Träumen für die Synthese und inter-

ne Transformation neuer Daten geeignet.

Selbstverständlich erhebt diese kurze Übersicht keinerlei Anspruch auf Vollständig-

keit. Neben den oben angedeuteten Hypothesen gibt es zahlreiche weitere wichtige

Traumtheorien, auf die ich aus Platzgründen nicht näher eingehen kann. Zu den ver-

nachlässigten oder stark verkürzt dargestellten und in ihrer Bedeutung beschnittenen

Theorien gehören u.a. die von Jung, Adler oder auch die Traumtheorie aus Sicht der

Ich-Psychologie (z.B. Erikson), der Selbst-Psychologie (z.B. Kohut) oder der Ob-

jektbeziehungstheorie (z.B. Klein, Fairbairn).

36


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Auch wenn die Hirnforschung gerade in diesen Jahren einen immensen Aufschwung

erfährt und auch hier das Thema Träume mit ins Zentrum der Aufmerksamkeit ge-

rückt ist, haben Neurowissenschaftler bereits kurz nach Freuds Tod im Jahre 1939

damit begonnen, sich näher mit diesem Thema zu befassen. Wie im Folgenden er-

sichtlich werden wird, scheinen diese naturwissenschaftliche Betrachtungsweise und

die so gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse zunächst mehr dazu geeignet, der

Freudschen Theorie zu widersprechen, als sie zu stützen. Inzwischen gibt es jedoch

auch Wissenschaftler, wie z.B. Solms (1995, 1997, 2000), die der Ansicht sind, dass

die Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Traumforschung mit Freuds in der

‚Traumdeutung’ aufgestellten und im vorherigen Kapitel behandelten Hypothesen

vereinbar sind.

Dieses Kapitel befasst sich mit der physiologischen Schlaf- und Traumforschung.

Nach einer kurzen Vorstellung des Elektroenzephalogramms (EEG), einem kleinen

Exkurs zum Thema Schlaf, Schlafstadien und Neurobiologie bzw. -chemie des

Schlafes sowie der Entdeckung des REM-Schlafes werden verschiedene Theorien

und Resultate der neurowissenschaftlichen Traumforschung vorgestellt. Dabei wird

die Frage nach der Funktion von Träumen sowohl aus dem Blickwinkel damaliger

Forschungen als auch aktueller Ergebnisse betrachtet.

4.1. Physiologische Grundlagen

4.1.1. Das Elektroenzephalogramm

Im Jahre 1928 entwickelt der deutsche Psychiater Hans Berger (vgl. Zschocke, 1995)

eine Methode, mit der die elektrische Aktivität des Gehirns dargestellt werden kann:

das Elektroenzephalogramm (EEG). Zu diesem Zweck werden Elektroden an der

Kopfhaut befestigt, welche die Spannung, die durch synchronisierte Aktivität vieler

unterhalb der Elektrode befindlicher Synapsen hervorgerufen wird, messen. Die so

gemessenen Signale werden durch ihre Frequenz (Anzahl der Potentialschwankun-

gen pro Sekunde, Einheit ist Hertz) und Amplitude (Spannungsdifferenz) definiert

(Zschocke, 1995).

37


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Es werden fünf Frequenzbänder unterschieden:

- Delta (0,5-3 Hz): Tiefschlaf, bei Kindern und Jugendlichen auch im Wach-

zustand

- Theta (4-7 Hz): tiefe Entspannung, Einschlafphase, leichter Schlaf, sowie bei

Kleinkindern und pathologischen Veränderungen der Hirnaktivität

- Alpha (8-13 Hz): entspannter Wachzustand, v.a. bei geschlossenen Augen

- Beta (14-30 Hz): aktiver Wachzustand und in REM-Schlafphasen

- Gamma (31-70 Hz): funktionelle Zuordnung ist sehr kontrovers, scheint ver-

bunden mit Verarbeitung von Wahrnehmungen, Aufmerksamkeitsprozessen

und komplexen Phänomenen wie Sprachverarbeitung (Hoff, 2004)

4.1.2. Die verschiedenen Schlafstadien

Wie viel Schlaf ein Mensch braucht, ist individuell verschieden, durchschnittlich

schläft ein Erwachsener etwa 7-8 Stunden täglich. Hochgerechnet bedeutet dies, dass

wir fast ein Drittel unseres Lebens ‚verschlafen’. Ganz entgegen der äußerlichen In-

aktivität, bleibt das Gehirn dabei jedoch stets aktiv, auch wenn es keine Sinnesein-

drücke mehr verarbeitet (Hobson, 1990). Diese Aktivität lässt sich mit Hilfe des oben

beschriebenen EEGs registrieren. Neben dem EEG ist auch die Aufzeichnung der

Augenbewegungen mittels der sogenannten Elektrookulographie (EOG) sinnvoll, da

mit ihrer Hilfe die raschen Augenbewegungen während der REM-Phase (siehe Kapi-

tel 4.2.1) erfasst werden können. Der nächtliche Muskeltonus wird mit dem Elektro-

myogramm (EMG) registriert (Zschocke, 1995).

Mit Hilfe des EEGs wird Mitte der sechziger Jahre festgestellt, dass wir im Laufe

einer Nacht verschiedene Schlafstadien durchlaufen. Nach der heute üblichen Eintei-

lung von Rechtschaffen und Kales (1968; vgl. Hobson, 1990), unterscheidet man

fünf solcher Stadien (vier Non-REM- und ein REM-Schlafstadium), die sich anhand

unterschiedlicher Frequenzen und Amplituden der Hirnwellen im EEG voneinander

und vom Wachzustand abgrenzen lassen. 24 Daneben gibt es die sogenannte hypnago-

ge Phase (Einschlafphase). Hier wandeln sich die im aktiven Zustand meist vorhan-

denen Beta-Wellen (14-30 Hz) bei geschlossenen Augen und entspannter Lage all-

24 Während im REM-Schlaf, wie auch im Wachzustand, der Kortex weitestgehend aktiviert ist, ist für

den Non-REM-Schlaf eine cerebrale Deaktivierung charakteristisch (Gottesmann, 2000; siehe auch

Kapitel 4.3.2).

38


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

mählich in die langsameren und regelmäßigeren Alpha-Wellen (8-13 Hz) um. Die

Person kann in dieser Phase noch relativ leicht geweckt werden und befindet sich

daher mehr in einer Art Halbschlaf. Mit der Zeit erschlaffen die Muskeln, Herzfre-

quenz und Atembewegungen werden langsamer und die Augen bewegen sich lang-

sam in vertikaler Richtung (Zschocke, 1995).

Dann tritt die Person in Stadium 1 der ersten Non-REM-Phase (absteigendes Stadium

1) ein. In dieser Non-REM-Phase durchläuft der Schlafende die unten näher charak-

terisierten Stadien 1-4. Im Anschluss daran kehrt sich die Reihenfolge der Stadien

um, so dass der Schlafende über Stadium 3 und 2 wieder Stadium 1 erreicht. Nun

folgt mit Stadium 5 die erste REM-Schlafphase (aufsteigendes Stadium 1) (der

REM-Schlaf wird in Kapitel 4.2.1 ausführlicher behandelt). Diese erste REM-

Schlafphase dauert nur wenige Minuten, darauf folgen erneut Stadium 1, 2, 3 und 4

der zweiten Non-REM-Phase. Im Laufe einer Nacht werden 4-5 solcher Schlafzyklen

durchlaufen. Während der Tiefschlaf vor allem in den ersten beiden Zyklen deutlich

in Erscheinung tritt, dann aber immer kürzer wird, werden die REM-Schlafphasen

stetig länger, je weiter fortgeschritten der Schlaf zeitlich ist. Während die erste REM-

Schlafphase also nur etwa 10 Minuten dauert, ist die zweite REM-Schlafphase dop-

pelt so lang. Gegen Morgen können sie sogar Längen von rund einer Stunde haben.

Insgesamt dauert ein solcher Zyklus, der aus jeweils 4 Non-REM- und 1 REM-

Schlafphasen besteht, bei einer erwachsenen Person etwa 90 Minuten (Borbély,

1998).

Zusammenfassend lässt sich anhand des EEGs beobachten, dass sich nach Einsetzen

des Schlafes „das Bild des EEGs kontinuierlich von einem Potentialmuster mit nied-

riger Spannung (flach) und hoher Frequenz (schnell) in eines mit hoher Spannung

und niedriger Frequenz (langsam)“ wandelt (Hobson, 1990, S.28).

Tabelle 1 und Abbildung 1 vermitteln einen Überblick über die verschiedenen

Schlafstadien, ihre jeweiligen Charakteristika und EEG-Muster.

39


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Schlafstadium

1

(Non-

REM)

2

(Non-

REM)

3

(Non-

REM)

4

(Non-

REM)

5

(REM)

Frequenz

/Amplitude

4 – 8 Hz /

50-100 mV

8 – 15 Hz /

50-150 mV

2 – 4 Hz /

100-150mV

0.5 – 2 Hz /

100-200mV

> 12 Hz

5-50mV

Typ Charakteristika

Alpha,

Theta

Theta,

Schlafspindeln,

K-

Komplexe

Delta,

Theta

Delta,

Theta

Tabelle 1: Charakteristika der verschiedenen Schlafstadien

- Sehr leichter Schlaf; Übergangsphase

zwischen Schlafen und Wachen; dauert

nur wenige Minuten

- Langsame, rollende Augenbewegungen

(SEM = Slow Eye Movement)

- Anfangs- und Endpunkt des wiederkehrenden

Schlafzyklus

- Eigentlicher Schlafbeginn

- Kaum noch Augenbewegungen bzw.

Muskeltonus

- Auftreten von Schlafspindeln (sporadisch

auftretende rasche Wellen, 12-14Hz) und

K-Komplexen (vereinzelte hohe, langsame

Ausschläge)

- Auch Delta- oder Tiefschlaf oder Slowwave-sleep

(SWS) genannt

- 20-50% der Hirnwellen sind Delta-,

der Rest Theta-Wellen

- Tiefster Schlafzustand (ebenfalls Delta-

oder Tiefschlaf oder Slow-wave-sleep

(SWS) genannt)

- Mehr als 50% der Hirnwellen sind Delta-,

der Rest Theta-Wellen

- Vollständige körperliche Entspannung

- Tiefste Schlafstufe vor dem REM-Schlaf;

Stufen kehren sich um, dann beginnt der

REM-Schlaf

Beta - Desynchronisation des EEGs (ähnlich

dem Wachzustand)

- Plötzliches Auftreten rascher Augenbewegungen

(REM = Rapid Eye Movement)

- Erhöhte Atem- und Herzschlagfrequenz,

ansonsten völlig erschlaffte Muskulatur

- PGO-Wellen (haben Ursprung in der

Pons, pflanzen sich dann zum Corpus geniculatum

laterale und visuellen Kortex

fort)

- Auch Traum- oder ‚paradoxer’ Schlaf genannt

40


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Hypnagoge

Phase

1

2

3

4

Abbildung 1: EEG-Muster der Schlafstadien (nach Birbaumer & Schmidt, 1996) Stadium 1 entspricht

der Einschlafphase, Stadium 2 dem Schlafbeginn und Stadium 3 und 4 dem Tiefschlaf.

4.2. Anfänge der neurowissenschaftlichen Traumforschung

4.2.1. Die Entdeckung des REM-Schlafes

Im Jahre 1953 gelingt den amerikanischen Neurologen Aserinsky und Kleitman (vgl.

Solms, 1999a) mit der Entdeckung des REM-Schlafes (engl.: rapid eye movement)

der erste große Durchbruch auf dem Gebiet der physiologischen Schlaf- und Traum-

forschung. Sie beobachten einen eigentümlichen Zustand, der etwa alle 90 Minuten

während des Schlafes auftritt und folgende charakteristische Merkmale aufweist:

Veränderungen im EEG (siehe oben), gesteigerte Aktivierung des Gehirns, plötzli-

ches Auftreten rascher Augenbewegungen, erhöhter Puls, beschleunigte Atemfre-

quenz, genitale Erektion und Lähmung sämtlicher Körperbewegungen mit Ausnahme

von Atmung und Augenbewegungen. Sie bezeichnen diesen Zustand als ‚paradoxen

Schlaf’, da die Person zwar hochgradig erregt ist, gleichzeitig aber tief schläft. Auf-

grund dieser Entdeckung vermuten Aserinsky und Kleitman „dass dieser REM-

Schlafzustand (...) die äußere Manifestation dessen sei, was subjektiv als Träumen

erlebt wird“ (Solms, 1999a, S.101). Diese Vermutung wird durch die Beobachtung

gestützt, dass Weckungen am Ende einer REM-Schlafphase zu 70-95% einen

Traumbericht zur Folge haben, während Personen, die aus einer Non-REM-

41


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Schlafphase geweckt werden nur in 5-10% der Fälle einen Traum berichten können

(Aserinsky & Kleitman, 1955; Dement & Kleitman, 1957; Kales et al., 1967; vgl.

Kahn, Pace-Schott & Hobson, 1997). 25 Durch diese Entdeckung fühlen sich die da-

maligen Forscher endgültig in ihrer Ansicht bestätigt, Träume seien lediglich „ein

Epiphänomen des REM-Schlafs“ (Hobson et al., 1998b; zitiert nach Solms, 1999a,

S.105).

Dies führt zu großer Euphorie unter den Wissenschaftlern, da man vermutet, endlich

eine „objektive, körperliche Manifestation des Träumens - also des subjektivsten

aller psychischen Zustände - konkret zu fassen bekommen“ (Solms, 1999a, S.102).

Träume und REM-Schlaf scheinen demnach untrennbar miteinander verbunden zu

sein. Als nächstes hoffen die Forscher, die für den REM-Schlaf zuständigen neuralen

Mechanismen aufdecken zu können. Auf diese Weise erwarten sie, den vermeintli-

chen Beleg dafür zu bekommen, wie das Gehirn träumt, da ihrer Meinung nach die

gleichen Hirnmechanismen, die den REM-Schlaf kontrollieren, auch für die Traum-

generierung zuständig sein müssen.

Daraufhin erscheinen zahlreiche

Studien, in denen die Forscher bei

Säugetieren (z.B. Katzen) ver-

schiedene Gehirnregionen entfer-

nen, um so die Hirnstrukturen

herauszufinden, die den REM-

Schlaf und somit angeblich auch

das Träumen auslösen. Schließlich

findet Jouvet (vgl. Solms, 2000)

1962 heraus, dass der REM-Schlaf

durch eine bestimmte Zellgruppe

im Pons-Bereich des Stammhirns

kontrolliert wird. Der Hirnstamm

(siehe Abbildung 2) ist als

Abbildung 2: Sagitalschnitt durch den Hirnstamm

(aus: Birbaumer & Schmidt, 1996, S.552)

Verlängerung des Rückenmarks ein Teil des Zentralnervensystems und verbindet

25 Mögliche Gründe für die Tatsache, dass Weckungen aus REM-Schlafphasen mit höherer Wahrscheinlichkeit

zu einem Traumbericht führen, liefert das unter 5.2 beschriebene Zustands-Wechsel-

Modell.

42


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

höhere Hirnstrukturen mit dem Rückenmark. Er setzt sich aus der Medulla oblongata

(verlängertes Rückenmark), der Pons (Brücke), dem Hypothalamus und dem Mesen-

cephalon (Mittelhirn) zusammen (Hobson, 1990). Im Gegensatz dazu scheinen höhe-

re Gehirnregionen (z.B. der Kortex) bei der Traumentstehung keine wesentliche

Rolle zu spielen und so gehen die damaligen Forscher davon aus, dass der REM-

Schlaf, wie auch das Träumen, ausschließlich an die Aktivität des Hirnstamms ge-

bunden sind. Eine Annahme, die - wie wir im Verlauf dieser Arbeit noch sehen wer-

den - jedoch bald widerlegt wurde (siehe Kapitel 4.2.3).

4.2.2. Das Modell der reziproken Interaktion

Anfang der sechziger Jahre befassen sich Forscher mit der Frage nach den chemi-

schen Eigenschaften der Hirnstamm-Neurone. Sie weisen nach, dass Nervenzellen,

die in bestimmten Arealen der Pons lokalisiert sind, zwei chemische Stoffe produzie-

ren und über das gesamte Gehirn verteilen. Während der Neurotransmitter Serotonin

in den Nervenzellen der Raphé-Kerne gebildet wird, entsteht der Neurotransmitter

Noradrenalin in den Neuronen des Nucleus locus coeruleus (siehe Abbildung 2).

Beide Substanzen gehören zu der Gruppe der biogenen Amine (darum werden die

Neurone, die sie produzieren ‚aminerg’ genannt) und regulieren die Reaktionsbereit-

schaft des Gehirns. Im Gegensatz zu diesen beiden hemmenden Botenstoffen hat der

Neurotransmitter Acetylcholin eine erregende Funktion. Die diese Substanz produ-

zierenden Nervenzellen, die sich sowohl in der Pons als auch im basalen Vorderhirn

und im medialen Septum befinden, werden als ‚cholinerg’ bezeichnet (Hobson,

1990).

Mitte der siebziger Jahre versuchen die Neurophysiologen Hobson und McCarley

diejenigen Neurone zu identifizieren, die für die Auslösung der REM-Schlafphasen

und somit auch für das Träumen zuständig sind. Dabei stellen sie fest, dass sich wäh-

rend dieser Phasen bestimmte, tief in der Pons-Region gelegene Nervenzellgruppen

buchstäblich anschalten (REM-on Zellen), während sich andere ausschalten (REM-

off Zellen). Bei den REM-on Zellen handelt es sich dabei um die Nervenzellen, die

Acetylcholin frei setzen und bei den REM-off Zellen um die oben beschriebenen

Neurone in den Raphé-Kernen und im Nucleus locus coeruleus, die Serotonin und

Noradrenalin ausschütten. Auf dieser Beobachtung basiert das 1975 von Hobson und

McCarley aufgestellte ‚Modell der reziproken Interaktion’ (siehe Abbildung 3).

43


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Demnach aktiviert die Ausschüttung des Botenstoffes Acetylcholin die höheren, kor-

tikalen Hirnregionen und regt sie zur Generation bewusster Vorstellungsbilder an.

Diese Vorstellungsbilder sind nach Ansicht der Autoren ohne Sinn und stellen nur

den Versuch der höheren Gehirnregionen dar, „aus einem schlechten Job - in Gestalt

der Rauschsignale, die ihnen aus dem Hirnstamm heraufgeschickt werden - das

Bestmögliche zu machen“ (Hobson & McCarley, 1977; zitiert nach Solms, 1999a,

S.103.). Nach einigen Minuten setzt nun die zweite in der Pons-Region gelegene

Zellformation die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin frei. Diese aminergen

Neurotransmitter wirken der cholinergen Aktivierung vom Hirnstamm entgegen und

führen so zu einem ‚Abschalten’ des REM-Schlafzustandes und somit laut Hobson

und McCarley auch des Traumerlebens. 26

Zusammenfassend besagt das Modell, dass die cholinergen REM-on Zellen gehemmt

sind, während die aminergen REM-off Zellen aktiv sind und umgekehrt und die ent-

sprechenden Neurotransmitter des Hirnstamms reziprok interagieren. Das bedeutet,

dass „REM-Schlaf entweder durch Verstärken der cholinergen Erregung oder durch

Vermindern der aminergen Hemmung von REM-erzeugenden Neuronen“ (Hobson,

1990, S.35) ausgelöst werden kann. 27

Ach

+

REM-On

Zellen

(cholinerg)

_

NA, 5HT

REM-Off

Zellen

(aminerg)

Abbildung 3: Strukturelles Modell der reziproken Interaktion (nach Hobson et al., 2000)

NA, 5HT

Diese Theorie impliziert eine völlige Negierung der am Träumen beteiligten inner-

psychischen Prozesse, die Freud in seiner Traumdeutung so ausdrücklich betont (sie-

he Kapitel 3.1). An Stelle dieser Prozesse wird nun ein „simpler Oszillationsvor-

26 Kahn, Pace-Schott & Hobson (1997) erinnern daran, dass diese aminerge Neuromodulation im

Wachzustand eine wichtige Gedächtnisfunktion hat und ihr Wegfall während des REM-Schlafes somit

für die kurzzeitige Amnesie verantwortlich sein könnte.

27 Während im Wachzustand vor allem die aminergen Neurone aktiv, die cholinergen jedoch weitestgehend

gehemmt sind, weisen im REM-Schlaf vor allem die cholinergen Neurone eine erhöhte Aktivierung

auf, während die aminergen Neurone ihr Feuern einstellen (Birbaumer & Schmidt, 1996).

+

Ach

_

44


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

gang“ (Solms, 1999a, S.103) gesetzt und die Rolle von Neuronengruppen ausgerech-

net in den ‚primitiveren’ Abschnitten des Gehirns (Stammhirn) betont. Hobson und

McCarley bringen die damals vorherrschende Ansicht auf den Punkt: „Die primäre

Motivation des Träumens ist nicht psychologischer, sondern physiologischer Art“

(Hobson & McCarley, 1977; zitiert nach Solms, 1999a, S.104.). Demnach stellen

Traumbilder nach Auffassung der Autoren nichts weiteres dar, als den Versuch, „die

vom selbstaktivierten Gehirn produzierte Flut von allenfalls rudimentär organisierten

Daten auf einen möglichst passenden Nenner zu bringen“ (Hobson, 1988; zitiert

nach Solms, 1999a, S.104). Träume sind also weder verschleiert noch zensiert son-

dern vielmehr unverhüllt und unüberarbeitet (Hobson, 1992). Diese Auffassung

drückt Zimmer (1986), der der Psychoanalyse sehr kritisch gegenüber steht, mit fol-

genden Worten aus:

Wenn es sich nämlich so verhält, wie Hobson und McCarley meinen, dann

träumen wir etwa von einem Treppensturz nicht, weil uns irgendein psychisches

Bedürfnis dazu veranlasst, uns selber eine solche Phantasie zu erzeugen, ein

Wunsch nach dem Sturz oder eine Furcht davor, und wir träumen davon auch

nicht, weil wir nach Geschlechtsverkehr verlangen und Treppensteigen ein

Symbol dafür ist, und wir den peinlichen Wunsch doppelt verstecken, indem

wir das Steigen in ein Fallen umkehren. Wir träumen den Sturz, weil gerade ei-

ne zufällige Impulssalve aus dem Hirnstamm hinten im Kleinhirn angekommen

ist, eine dem Fallen entsprechende Aktivation ausgelöst hat, und unser Be-

wusstsein sich darauf nun recht und schlecht einen Vers machen muss.

(Zitiert nach Mertens, 1993, S.111)

Demnach scheint sich Freud mit seiner Theorie vom Traum als „Königsweg“ zum

Unbewussten wohl eher auf dem Holzweg zu befinden. Seine Theorie gerät schwer

ins Wanken und weitere Forschungsergebnisse dieser Zeit unterstützen den Trend zu

der Auffassung zurückzukehren, die bereits vor Freud herrschte: „Träume sind

Schäume“ - mehr nicht.

Eine weitere wichtige Schlussfolgerung aus der damaligen Auffassung, dass REM-

Schlaf, und damit vermutlich auch Träume, durch Hirnstamm-Mechanismen kontrol-

liert werden, besteht darin, dass Vorderhirn-Mechanismen für die REM-Schlaf-

Regulierung irrelevant sein müssten. So weist Jouvet 1962 (vgl. Solms, 2000) nach,

dass das Frontalhirn tatsächlich nicht dazu in der Lage ist, REM-Schlaf zu generie-

ren, denn wenn man den Kortex vom Hirnstamm isoliert, findet der normale Zyklus

45


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

der REM-Aktivität nicht mehr statt, da dieser im isolierten Hirnstamm konserviert

ist. Es wird also vermutet, dass das Frontalhirn nur passiv am REM-Schlafzustand

beteiligt ist.

Auf dieser Basis entwickeln Hobson und McCarley 1977 (vgl. Hobson, 1990) als

„psychologisches Gegenstück“ (Hobson, 1990, S.154) zum ‚Modell der reziproken

Interaktion’ das sogenannte ‚Aktivierungs-/Synthese-Modell’. Kernstück dieses Mo-

dells ist die Annahme, dass Träume Folge einer automatischen Hirnaktivierung im

Schlaf sind. Dabei spielen nach Ansicht der Autoren dieselben thalamocorticalen

Schaltkreise, die im Wachzustand dem Bewusstsein zugrunde liegen auch während

des Schlaf-Zustands eine wichtige Rolle. Im Schlaf sind jedoch charakteristischer-

weise sowohl die sensorischen Inputs als auch die motorischen Outputs blockiert, so

dass das Gehirn, statt von außen kommende Signale zu verarbeiten, interne Signale

als Informationsquellen benutzt, um aus ihnen ein Traumerlebnis zu konstruieren.

Anstatt auf externe Signale zu reagieren, aktiviert sich das Gehirn praktisch selbst.

Die Autoren gehen demnach davon aus, dass kausale Stimuli für die Traumbilder

durch Aktivierung des Hirnstamms entstehen und nicht in den kognitiven Arealen

des Großhirns. Das Vorderhirn hat nun die Aufgabe, dieser chaotischen Aktivierung

aus dem Hirnstamm einen Sinn zu verleihen und bemüht sich, aus den willkürlichen

Signalen eine Geschichte - unseren Traum - zu konstruieren. 28 Das bedeutet, dass

Träume (als kognitive Komponente des REM-Schlafes) lediglich die geeignetste

Form einer Synthese der undifferenzierten und chaotischen Impulse des aktivierten

Hirnstamms durch das Vorderhirn darstellen, oder wie Hobson (1990) es formuliert:

Träume stellen „das direkte und unveränderte subjektive Bewusstwerden der automa-

tischen Aktivierung des Gehirns im Schlaf“ (S.172) dar. Träume werden somit aktiv

vom Hirnstamm generiert und passiv vom Vorderhirn synthetisiert. Das Frontalhirn

spielt demnach vermutlich eine völlig passive Rolle. 29

Wie später noch deutlich werden wird, ist diese neurophysiologische Theorie, die die

formalen Traum-Charakteristika erklären soll, nicht mit den aktuellen Ergebnissen

28 Diese synthetisierende Funktion des Vorderhirns könnte laut Leuschner (1999) als „neurologisierte

Variante der sekundären Bearbeitung Freuds“ (S.359) angesehen werden.

29 Hobson und McCarley gehen sogar einen Schritt weiter und behaupten, dass - wenn die Annahme,

dass das physiologische Substrat unseres Bewusstseins im Frontalhirn angesiedelt ist, zutrifft - die

oben genannten Forschungsergebnisse nichts anderes bedeuten können, als dass “die psychische Vorstellungswelt

bzw. deren neurale Substrate auf keine denkbare Weise zur primären Triebkraft des

Traumprozesses beitragen können“ (Hobson & McCarley, 1977; zitiert nach Solms, 1999a, S.104).

46


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

klinisch-anatomischer (Kaplan-Solms & Solms, 2003; Solms, 1997, 2000) und funk-

tionell-bildgebender (Braun et al., 1997; Maquet et al., 1996, 1997) Untersuchungen

vereinbar (siehe Kapitel 4.3).

4.2.3. REM-Schlaf = Träumen?

Parallel zu den oben genannten Forschungsergebnissen summieren sich mit der Zeit

Beobachtungen einiger Neurowissenschaftler, die entgegen den oben genannten Er-

kenntnissen vermuten lassen, dass REM-Schlaf und Träumen nicht gleichzusetzen

sind. Auch wenn eine durchaus wichtige Verbindung zwischen REM-Schlaf und

Träumen besteht, scheinen beide doch klar voneinander unterscheidbare Zustände zu

sein, wonach sowohl REM-Schlafphasen ohne Träume als auch Träume unabhängig

vom REM-Schlaf auftreten können (Hobson, 1992). Die Behauptung, der REM-

Schlafzustand sei das physiologische Korrelat des Träumens, gründet sich nämlich

allein auf der oben bereits erwähnten Beobachtung, dass nach dem Wecken aus

REM-Phasen in 70-95% der Fälle ein Traumbericht erfolgt, während die Wahr-

scheinlichkeit bei Weckungen aus dem Non-REM-Schlaf nur bei 5-10% liegt (De-

ment & Kleitman, 1957; Hobson, 1988b; vgl. Solms, 1999a). Bei näheren Untersu-

chungen stellt sich jedoch heraus, dass die Gleichung REM-Schlaf = Träumen bzw.

Non-REM-Schlaf = Nicht-Träumen so nicht gültig ist. So berichten bis zu 50% der

Versuchspersonen, die aus Non-REM-Schlafphasen geweckt werden, über „komple-

xe psychische Abläufe“ (Solms, 1999a, S.105), sobald sie, wie Foulkes 1962 heraus-

findet, gefragt werden, was ihnen gerade durch den Kopf ging und nicht, was sie

gerade geträumt haben. Weitere Studien bestätigen Foulkes Beobachtung und lassen

die Vermutung zu, dass durchschnittlich etwa 43% Non-REM-Weckungen zu einem

Traumbericht führen. 30

Trotzdem scheint es qualitative Unterschiede zwischen REM- und Non-REM-

Träumen zu geben. So werden Non-REM-Träume als mehr gedankenartig und weni-

ger bildlich beschrieben. REM-Träume dagegen sind meist weitaus phantasievoller,

bizarrer, emotional geladener und länger, enthalten häufiger andere Personen und

30 Dabei erweist sich die Anzahl der erhaltenen Traumberichte als abhängig sowohl von der Weck-

und Interviewmethode, als auch von der Traum-Definition, des jeweiligen Untersuchers (Foulkes,

1966; vgl. Solms 2000).

47


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

zeigen weniger Bezüge zu Material aus dem Wachleben auf (Foulkes, 1962). 31 Dies

wiederum stützt die Vermutung, dass sich die Unterschiede in den physiologischen

Zuständen des REM- bzw. Non-REM-Schlafzustandes in Unterschieden der kogniti-

ven Zustände der REM- bzw. Non-REM-Träume wiederspiegeln (Solms, 2000).

Somit scheint die Hypothese, Träume würden einzig durch die physiologischen Me-

chanismen des REM-Schlaf generiert, widerlegt und man vermutet eher einen konti-

nuierlichen Traumprozess, „der innerhalb und zwischen den verschiedenen Schlaf-

stadien eine gewisse Variabilität aufweist“ (Cavallero et al., 1992; zitiert nach Solms,

1999a, S.106). 32

Um diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen, modifiziert Hobson im Jahre 1992

sein ‚Aktivierungs-/Synthese-Modell’, was dazu führt, dass die Behauptung, alle

Träume werden allein durch die Hirnstamm-Mechanismen generiert, die auch für den

REM-Schlafzustand zuständig sind, aufgegeben wird. In der revidierten Version

(‚Activation-Input-Mode (AIM) model’) werden sowohl REM- als auch Non-REM-

Träume mit den reziproken Interaktionen zwischen aminergen und cholinergen Hirn-

stamm-Neuronen in Verbindung gebracht. Somit wird also die Annahme einer Kon-

trolle des Träumens durch pontine Hirnstamm-Mechanismen beibehalten, obwohl die

Überzeugung, auf die sie sich ursprünglich stützte, nämlich die eines Isomorphismus

zwischen REM-Schlaf und Träumen widerlegt wurde. Dabei hat sich die Beweisfüh-

rung für die erstere Annahme von einer phänomenologischen Verbindung zwischen

REM-Schlaf und Träumen hin zu einer anatomischen Verbindung zwischen dem

pontinen Hirnstamm und Träumen verschoben (Hobson, 1992; Solms, 2000).

4.2.4. Die klinisch-anatomische Korrelation

Auf Grund der oben berichteten Beobachtung, dass Träume auch außerhalb von

REM-Schlafphasen auftreten, wird die Annahme einer ausschließlichen Bindung von

Träumen an den REM-Schlafzustand (Isomorphismus zwischen REM-Schlaf und

Träumen) verworfen. Die hohe Korrelation zwischen Weckungen am Ende einer

31

Dabei gilt, dass der Traumbericht meist umso länger ist, je ausgedehnter die jeweilige REM-Phase

ausfällt (Hobson, 1990).

32

Interessanterweise erhält man bei Weckungen während der initialen Schlafphase (d.h. in den ersten

Minuten nach dem Einschlafen) in 50-70% der Fälle Traumberichte. Dies ist ein weitaus höherer

Prozentsatz als zu jedem anderen Zeitpunkt der Non-REM-Schlafphasen und erreicht fast die

Traumhäufigkeit der REM-Schlafphasen. Dies könnte als Beweis dafür gelten, dass Non-REM-

Traumberichte nicht bloß fehlerinnerte REM-Träume sind, da die Personen noch gar nicht in die erste

REM-Phase eingetreten sind (Solms, 1999a).

48


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

REM-Phase und Traumberichten muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass beide auf

demselben Gehirnmechanismus beruhen. Für die Kontrolle von REM-Schlaf und

Traumaktivität sind sogar viel wahrscheinlicher zwei verschiedene Hirnregionen

zuständig. Ob es im Gehirn tatsächlich zwei anatomisch und/oder funktionell von-

einander getrennte Mechanismen gibt, von denen einer für den REM-Schlafzustand

und einer für das Träumen zuständig ist, kann mit Hilfe der sogenannten klinisch-

anatomischen Korrelation überprüft werden. Diese Technik wurde in ähnlicher Form

bereits zu Freuds Zeiten angewandt (siehe Kapitel 5.1) und noch heute benutzen sie

Wissenschaftlicher wie z.B. Solms (siehe Kapitel 4.3.1), um der Beziehung zwischen

mentalen Funktionen und spezifischen Gehirnarealen auf den Grund zu gehen.

Bei dieser Methode untersucht man die Fälle, in denen jene Bereiche des Gehirns

entfernt oder zerstört sind, die für den REM-Schlaf verantwortlich zu sein scheinen

und beobachtet, ob die betreffende Person nach wie vor Träume berichtet oder nicht.

Ebenso werden jene Fälle untersucht, in denen die Anteile des Gehirns entfernt sind,

deren Ausfall mit einer Unterbrechung der Traumaktivität verbunden ist und beo-

bachtet, ob trotzdem noch REM-Phasen auftreten. Sollte es nun der Fall sein, dass

REM-Phasen und Traumerleben in unterschiedlicher Weise beeinträchtigt werden

(dissoziierte Schädigung), spricht dies dafür, dass jeweils unterschiedliche Gehirn-

mechanismen verantwortlich sind. Werden sie jedoch beide durch Zerstörung ein und

derselben Gehirnregion beeinträchtigt, kann man davon ausgehen, dass ihnen ein

gemeinsamer neuraler Mechanismus zugrunde liegt.

Wie Jones (vgl. Solms, 1999a) bereits 1979 heraus findet, führt die Zerstörung spezi-

fischer Areale im Pons-Bereich des Hirnstamms bei Säugetieren zum Ausfall der

REM-Schlafphasen. Zwar sind solche Experimente am Menschen nicht durchführ-

bar, allerdings gibt es neurologische Patienten, bei denen eben diese Hirnregionen

z.B. durch Unfälle, Krankheiten oder operative Eingriffe beschädigt sind. In der neu-

rologischen Fachliteratur werden bis Ende der 80er Jahre etwa 26 Fälle beschrieben,

bei denen es aufgrund einer Schädigung der Pons-Region zu einem Verlust des

REM-Schlafes gekommen ist (Chase et al., 1968; Cummings & Greenberg, 1977;

Feldman, 1971; Markand & Dyken, 1976; vgl. Vertes & Eastman, 2000). Interessant

ist, dass nur einer dieser Patienten darüber hinaus auch über einen Verlust der

49


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Traumtätigkeit berichtet (Feldman, 1971). 33 In allen anderen Fällen scheinen sich die

Forscher nicht für die Untersuchung des Traumverhaltens zu interessieren, so dass

keine weiteren Ergebnisse vorliegen. 34 Somit kann kaum eine Unterbrechung der

Traumtätigkeit in Fällen von REM-Schlafverlust aufgrund von Hirnstamm-Läsionen

beobachtet werden. Genau so wenig ausreichend werden allerdings Beispiele einer

Erhaltung der Traumaktivität in solchen Fällen beschrieben. Dies könnte allerdings

zumindest teilweise daran liegen, dass pontine Hirnstamm-Läsionen, die groß genug

sind, den REM-Schlaf auszulöschen, üblicherweise dazu führen, dass die betreffende

Person das Bewusstsein verliert. Somit ist die Behauptung, Träumen werde durch

Hirnstamm-Mechanismen reguliert, mittels Läsions-Daten fast unmöglich zu

widerlegen. Trotzdem kann sie indirekt durch die oben bereits beschriebene

schlussfolgernde Hypothese widerlegt werden, die besagt, dass Träumen nicht durch

Vorderhirn-Mechanismen kontrolliert wird. Das heißt, die Hirnstamm-Hypothese

könnte durch die klinisch-anatomische Methode falsifiziert werden, wenn eindeutig

bewiesen werden kann, dass Träumen durch Vorderhirn-Läsionen, die den

Hirnstamm komplett aussparen, eliminiert wird.

Bereits im Jahre 1887 beschreibt Wilbrand (vgl. Solms, 2000) als Erster den Fall

eines subjektiven Traumverlustes aufgrund einer fokalen Vorderhirn-Läsion. Die

betroffene Patientin berichtet, nach einer bilateralen okzipital-temporalen Thrombose

fast gar nicht mehr zu träumen. Müller (vgl. Solms, 2000) beschreibt 1892 einen

ganz ähnlichen Fall einer Patientin mit bilateralen okzipitalen Blutungen, die angibt,

seit Beginn ihrer Krankheit nicht mehr zu träumen. Daran anknüpfend werden in der

Literatur über hundert weitere Fälle mit vollständigem oder beinahe vollständigem

Traumverlust beschrieben, bei denen der pontine Hirnstamm stets komplett ausspart

bleibt und die Läsionen andere Areale betreffen (Boyle & Nielsen, 1954; Epstein,

1979; Epstein & Simmons, 1983; Farah et al., 1988; vgl. Solms, 1999a).

Interessanterweise ist aber der REM-Schlafzustand in allen Fällen, in denen der

Schlafzyklus evaluiert wird, vollständig erhalten (Benson & Greenberg, 1969; Jus et

al., 1973; Kerr et al., 1978; Michel & Sierhoff, 1981; vgl. Solms, 2000).

33

Allerdings lässt sich nicht ausschliessen, dass in diesem Fall auch das Vorderhirn beschädigt wurde

(Solms, 2000).

34

Tatsächlich sollte es noch knapp 15 Jahre dauern, bis Solms (1995) die frappierende Entdeckung

macht, dass Läsionen im Bereich des Hirnstamms keineswegs zu einem Verlust der Traumtätigkeit

führen, eine Tatsache, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht explizit nachgewiesen wurde (siehe Kapitel

4.3.l).

50


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Durch diese eindeutigen Ergebnisse wird die Theorie „vom REM-Schlafzustand als

physiologischem Äquivalent des Traumzustandes“ (Solms, 1999a, S.109) erheblich

ins Wanken gebracht. Statt dessen vermutet man nun, dass für Träumen und REM-

Schlaf zwei voneinander getrennte Gehirnmechanismen zuständig sein müssen, die

sowohl anatomisch als auch funktionell weit auseinander liegen. Während der REM-

Schlaf offensichtlich von Zellgruppen im Pons-Bereich des Hirnstamms reguliert

wird, lassen sich die veröffentlichen Fälle zum Traumverlust aufgrund von fokalen

Vorderhirn-Läsionen in zwei Gruppen einteilen. Demnach scheint Träumen vor

allem an die Aktivität folgender höherer Gehirnabschnitte gebunden zu sein:

- In 16 der berichteten Fälle ist die Läsion im Marklager um die frontalen Hörner

der lateralen Ventrikel lokalisiert. Genauer gesagt handelt es sich hierbei um

einen Faserzug, der bilateral innerhalb der weißen Substanz der Frontallappen

zu finden ist und frontale und limbische Strukturen (z.B. Gyrus Cinguli und

Nucleus accumbens) mit den dopaminergen Zellen im ventralen Tegmentum

des Mittelhirns verbindet (Solms, 2000). Durch Ausschüttung des Neuro-

transmitters Dopamin leitet er Impulse aus dem Mesencephalon an höhere

Regionen des Gehirns weiter. Eine Schädigung dieser Bahn führt zu einem

Verlust der Traumtätigkeit, während der REM-Schlafzyklus unbeeinträchtigt

bleibt (Frank, 1946, 1950; Gloning & Sternbach, 1953; Jus et al., 1973; Solms,

1997; vgl. Solms, 2000). Dies bestätigt die Theorie, dass Traum und REM-

Schlaf durch unterschiedliche Gehirnmechanismen hervorgerufen werden.

Während der REM-Schlaf durch cholinerge Hirnstamm-Mechanismen

kontrolliert wird, scheinen für das Träumen dopaminerge Vorderhirn-

Mechanismen zuständig zu sein. 35 In Kapitel 4.3.1 und 5.3 werde ich erneut auf

diesen Hirnabschnitt zu sprechen kommen.

- In 94 Fällen befindet sich die Läsion in der posterioren Konvexität der

Hemisphären, in oder neben der Region der parieto-temporo-okzipital (PTO)

Kreuzung. Dieser Bereich des Kortex stellt die höchste Stufe bei der

35 Dies wird außerdem durch die Beobachtung gestützt, dass eine Stimulation dieser dopaminergen

Bahn (beispielsweise mittels Medikamente, wie L-Dopa) zu einem beträchtlichen Anstieg der

Traumaktivität führt, während Häufigkeit und Ausmaß der REM-Schlafphasen unverändert bleiben

(Hartmann et al., 1980; Klawans et al., 1978; Nausieda et al., 1982; vgl. Solms, 1999a). Andersrum

lässt sich die durch dopaminerge Stimulation ausgelöste exzessive Traumaktivität durch

Dopaminantagonisten (z.B. Neuroleptica wie Haloperidol) wieder reduzieren (Sacks, 1985).

51


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Verarbeitung von Wahrnehmungen dar und spielt „bei der Umsetzung konkre-

ter Wahrnehmung in abstraktes Denken“ (Lurija, 1973; zitiert nach Solms,

1999a, S.114) eine wichtige Rolle. In Kapitel 5.3 wird diese Region und ihr

Beitrag zum Traumprozess näher behandelt.

Wie im nächsten Abschnitt deutlich wird, werden diese Ergebnisse durch neuere

Forschungen von Solms (1995, 1997, 2000), sowie Kaplan-Solms und Solms (2003)

bestätigt und ergänzt.

4.3. Neurowissenschaftliche Traumforschung heute

Da sowohl bezüglich der genauen Mechanismen, die während des Träumens in unse-

rem Gehirn ablaufen, als auch der Frage nach der Funktion von Träumen immer

noch viele Fragen offen sind und das Rätsel längst nicht gelöst ist, beschäftigen sich

nach wie vor viele Neurowissenschaftler mit diesem spannenden Thema. Im Folgen-

den stelle ich aktuelle Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Schlaf- und Traum-

forschung dar und gehe dabei vor allem auf die Resultate der Untersuchungen von

Solms (1995, 1997, 2000) und Kaplan-Solms und Solms (2003) ein. Anknüpfend an

frühere, unter 4.2.4 skizzierte Ergebnisse und die dort bereits beschriebene Methode

der klinisch-anatomischen Korrelation, beschäftigen sich diese Autoren ausführlich

mit der Identifizierung der am Traumprozess beteiligten Gehirnregionen und ihren

jeweiligen Funktionen.

4.3.1. Die Neurodynamik des Träumens

Kaplan-Solms und Solms (2003) tragen die Ergebnisse ihrer langjährigen For-

schungsarbeit an über 300 Patienten zusammen, die sich u.a. mit dem Thema Träume

befasst. Am Ende dieser sorgfältigen und langwierigen Untersuchungen sind sie in

der Lage, interessante und umfassende Hinweise darauf zu geben ‚wie das Gehirn

träumt’. Im Folgenden gehe ich kurz näher auf die angewandte Methode ein, um an-

schließend die damit gewonnenen Ergebnisse darzustellen.

Die Autoren orientieren sich bei ihren Untersuchungen an der von Freud bereits ge-

schätzten und von Lurija im Jahre 1939 weiterentwickelten Methode der klinisch-

anatomischen Korrelation (siehe Kapitel 4.2.4). Als Fortsetzung der Freudschen

Idee, der diese Methode bereits erfolgreich anwendet (siehe Kapitel 5.1), modifiziert

Lurija die klinisch-anatomische Methode insofern, als dass nun auch dynamische

52


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Prozesse untersucht werden können (Methode der „dynamischen Lokalisation“; Luri-

ja, 2001, S.29), um so von der Beschreibung eines Symptoms auf die zerebrale Or-

ganisation komplexer psychischer Prozesse (wie z.B. das Träumen) schließen zu

können. Damit vertritt er die gleiche Ansicht wie Freud, der ebenfalls davon ausgeht,

dass komplexe und dynamische geistige Funktionen nicht in statischen kortikalen

Arealen lokalisiert werden können (Solms & Saling, 1986).

In einem ersten Schritt gilt es, das Symptom sorgfältig zu bestimmen und zu qualifi-

zieren. Die Defizite des Patienten werden gründlich untersucht (Symptomqualifikati-

on) um die dem Symptom zugrunde liegenden (psychologischen) Faktoren zu

bestimmen, denn erst wenn diese, „dem beobachteten Symptom zugrundeliegenden

Ursachen erkannt sind, können Schlüsse über die Lokalisation auf den der Störung

zugeordneten Herd gezogen werden“ (Lurija, 2001, S.33). 36 Anschließend wird im

zweiten Schritt das Syndrom als Ganzes detailliert analysiert (Syndromanalyse), um

alle Symptome, die auf dieselbe Läsion zurück gehen, zu erfassen. Auf diese Weise

stößt man auf die verschiedenen Faktoren, die eine bestimmte psychische Tätigkeit

bedingen und kann so Rückschlüsse auf die grundlegenden Funktionen der unter-

schiedlichen Gehirnbereiche ziehen. Schließlich können so die zahlreichen Teilkom-

ponenten der einzelnen Funktionssysteme identifiziert und im Gehirn lokalisiert wer-

den. Der dynamische Aspekt wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Lurija (wie auch

schon Freud vor ihm) davon ausgeht, dass der mentale Prozess selbst zwischen die-

sen einzelnen Komponenten und ihren entsprechenden Gehirnarealen lokalisiert ist.

Der Unterschied zur klassischen Methode der klinisch-anatomischen Korrelation

besteht demnach darin, dass nicht versucht wird, komplexe mentale Prozesse auf eng

umgrenzte Hirnregionen festzulegen. Statt die psychische Funktion als Ganzes zu

lokalisieren werden ihre Teilkomponenten identifiziert und der dynamische Prozess

zwischen diesen einzelnen Komponenten betont (Lurija, 2001).

Diese Methode wenden die Forscher Kaplan-Solms und Solms in ihren Untersu-

chungen an, um anhand klinischer Syndrome von Patienten mit Hirnschädigungen

auf die neurologische Organisation bestimmter dynamischer mentaler Funktionen zu

schließen. Sie versuchen nicht, die jeweils defekte psychische Fähigkeit einem um-

36 Wie Kaplan-Solms und Solms (2003) feststellen, weist Lurijas Methode der Symptomqualifikation

große Ähnlichkeit mit Freuds psychoanalytischer Vorgehensweise auf. Man könnte sagen, „dass Lurijas

Methode für die Neurologie ist, was Freuds Methode für die Psychiatrie bedeutet“ (S.43).

53


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

schriebenen Gehirnareal zuzuordnen, sondern die entsprechenden Teilkomponenten

zu identifizieren, „zwischen denen physiologische Prozesse (durch dynamische In-

teraktionen) das Vorhandensein psychischer Fähigkeiten abbilden“ (Kaplan-Solms &

Solms, 2003, S.46).

Mit Hilfe dieser Methode der dynamischen Lokalisation setzt sich Solms (1995,

1997, 2000) im Rahmen seiner Forschungen schon seit längerem intensiv mit der

Frage nach der Funktion und der neuronalen Organisation des Träumens auseinan-

der. Dabei beschreibt er zunächst alle möglichen Störungsvarianten dieses Prozesses,

indem er die jeweils geschädigten Hirnregionen und die Auswirkungen dieser Schä-

digung auf das Träumen untersucht (Symptomqualifikation). Im zweiten Schritt

(Syndromanalyse) wird nun untersucht, welche weiteren psychischen Funktionen

ebenfalls beeinträchtigt sind und somit eine Verbindung zu dem ursprünglichen

Symptom haben. Da davon ausgegangen wird, dass alle mentalen Fähigkeiten, die

durch Läsion ein und desselben Gehirnareals in ihrer Funktion beeinträchtigt sind,

eine Gemeinsamkeit aufweisen, kann dieser gemeinsame Faktor als die wesentliche

Funktion dieses Hirnabschnitts betrachtet werden. Somit wird durch Aufdeckung

dieses grundlegenden Faktors nicht nur erklärt, warum eine Läsion in diesem Bereich

zu einer Einschränkung der Traumfähigkeit führt, sondern auch, welches die einzel-

nen Komponenten sind, die zum Träumen notwendig sind.

Als sich Solms nun daran macht, die Traumfähigkeit bei mehr als 360 Patienten mit

unterschiedlichen Gehirnläsionen zu untersuchen, stößt er auf sehr verschiedene Stö-

rungsbilder - je nachdem, welche Hirnregion beschädigt ist. Anhand dieser Ergebnis-

se vermutet er, dass ein neuronales Netzwerk aus unterschiedlichen, vor allem höhe-

ren Vorderhirnsstrukturen am Träumen beteiligt ist. Da die Ergebnisse interessante

Rückschlüsse auf die am Träumen beteiligten Gehirnregionen als einzelne Kompo-

nenten eines großen Ganzen zulassen, werde ich sie im Folgenden kurz zusammen-

fassen. Insgesamt scheinen Solms Beobachtungen zufolge vor allem sechs Gehirn-

strukturen für das Träumen von Bedeutung zu sein (siehe Abbildung 4).

54


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Abbildung 4: Darstellung der am Träumen beteiligten Hirnregionen (aus: Kaplan-Solms & Solms,

2003, S.56)

Der linke inferiore Parietallappen

Läsionen in diesem Bereich (A) führen zu einem Verlust des bewussten Traumerle-

bens. Weitere Symptome einer solchen Schädigung sind: Unfähigkeit zwischen links

und rechts zu unterscheiden und der Verlust der Fähigkeit die eigenen Finger zu er-

55


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

kennen und zu unterscheiden (Fingeragnosie). 37 Gemeinsam ist diesen Symptomen

das Unvermögen, „abstrakte Konzepte von räumlich organisierten multimodalen

Informationen abzubilden“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.48). Das bedeutet, dass

die betreffende Person nicht in der Lage ist, wahrgenommene Informationen symbo-

lisch abzubilden. Auch wenn die Wahrnehmung an sich voll funktionsfähig ist, ge-

lingt es nicht, Wahrnehmungen aller Modalitäten in abstrakte Konzepte umzusetzen.

Da Traumverlust ein Teil dieses Symptomkomplexes darstellt, kann davon ausge-

gangen werden, dass die Fähigkeit zur Abstraktion, Symbol- und Begriffsbildung für

den Traumprozess eine große Bedeutung hat und vermutlich eine der Teilkomponen-

ten darstellt, die für das Träumen wesentlich sind (Kaplan-Solms & Solms, 2003). 38

Der rechte inferiore Parietallappen

Hier (B) führen Läsionen, genau wie im entsprechenden Bereich der linken Hemi-

sphäre (siehe oben), ebenfalls zu einem Verlust der bewussten Traumerfahrung. Zu-

sätzlich lassen sich in diesem Fall Störungen des visuell-räumlichen Arbeitsgedächt-

nisses beobachten (Solms, 1997). Der Patient ist z.B. nicht in der Lage, sich visuell-

räumliche Informationen, und sei es nur für einen kurzen Zeitraum, zu merken. Auch

hier kann wieder der Schluss gezogen werden, dass diese Fähigkeit zur konkreten

räumlichen Repräsentation bzw. zum Halten visuell-räumlicher Informationen im

Gedächtnis vermutlich eine wichtige Rolle innerhalb des Traumprozesses spielt und

durch diese Hirnregion repräsentiert wird (auch wenn die Annahme, diese Funktion

sei ausschließlich in diesem Bereich lokalisiert, nicht zulässig ist, wie sie auch für

alle anderen Hirnregionen und die damit verbundenen Funktionen nicht zulässig ist).

Dies wird verständlich wenn man bedenkt, dass es nicht nur für extern, sondern auch

für intern generierte Wahrnehmungen gilt und die betreffende Person aufgrund einer

Schädigung des rechten inferioren Parietallappens nicht mehr in der Lage ist, die

nachts generierten Traumbilder im Bewusstsein zu halten (Kaplan-Solms & Solms,

2003).

37 Beide Symptome stellen einen Teil des sogenannten Gerstmann-Syndroms dar (Solms, 1995, 1997).

38 Diese Teilaspekte erinnern an die Mechanismen der Verdichtung bzw. Verschiebung, die Bestand-

teile der Freudschen Traumarbeit sind.

56


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Die tiefliegende ventromesiale Frontalhirnregion

Dieser Bereich ist eine der beiden unter 4.2.4 beschriebenen Strukturen, die in

früheren Forschungen bereits als wesentliche Teilhaber am Traumprozess

identifiziert wurden. Kommt es zu Störungen innerhalb der weißen Substanz im tie-

fergelegenen bifrontalen Bereich (C), die limbische Strukturen mit dem frontalen

Kortex verbindet, führt dies zu einem vollständigen Verlust der Traumfähigkeit.

Darüber hinaus kommt es zu verschiedenen anderen Symptomen, vor allem zur so-

genannten Adynamie (Verlust der Fähigkeit zu spontanen eigenmotivierten Hand-

lungen) und anderen Antriebsstörungen. Die betroffene Person verliert jegliches Inte-

resse an der Welt, ihre Spontaneität und Motivation. Demnach spielt dieses mesocor-

ticale-mesolimbische Dopamin-System offensichtlich eine entscheidende Rolle im

Bereich der Motivation. Gleichzeitig scheint sie wesentlich für die Generierung von

Träumen zu sein, da es nur bei Schädigungen dieser Region zu einem kompletten

Ausfall der Traumaktivität kommt. Diese Beobachtung ist sehr bedeutsam für die

Stützung der Freudschen Hypothese, dass Träume „sinnvolle psychische Ereignisse“

(Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.50) sind und nicht bloß ‚Schäume’, doch dazu spä-

ter mehr (siehe Kapitel 5.3). 39

Der Okzipital- und Temporallappen

Läsionen innerhalb des ventromesialen Okzipital- und Temporallappenbereichs (D)

führen dazu, dass Träume zwar bewusst erfahren werden, dabei aber keinerlei bild-

hafte Vorstellungen enthalten (z.B. Farben, Formen, Gesichter, Bewegungen). Diese

Unfähigkeit, Bilder mental abzubilden, findet sich auch im Wachzustand und wird

als Irreminiszenz bezeichnet. Damit handelt es sich quasi um das Gegenbild der unter

‚Der linke inferiore Parietallappen’ beschriebenen Störung: während es im oben be-

schriebenen Fall zu einer Unfähigkeit kommt, Wahrnehmungen in abstrakte Bilder

umzuwandeln, kommt es hier zu einem Unvermögen, „visuell wahrgenommene In-

formationen konkret abzubilden“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.51; Hervorhe-

bung v. Verf.), also zu einer Art nicht-visuellen Träumens. Gestört ist in diesem Fall

39 In diesem Zusammenhang erwähnen die Autoren die interessante Tatsache, dass es sich bei diesem

Bereich um genau die Hirnregion handelt, die Mitte des 20. Jahrhunderts noch Ziel der sogenannten

präfrontalen Leukotomie war. Damals wurden Teile dieser Region entfernt, da man hoffte, auf diese

Weise schwerwiegende psychische Störungen in den Griff zu bekommen. Zwar führte dies tatsächlich

zu einem Nachlassen der positiven psychotischen Symptomatik, allerdings auch zu einem Verlust der

Traumfähigkeit (Kaplan-Solms & Solms, 2003; siehe Kapitel 5.4).

57


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

vermutlich die sogenannte visuelle Musteraktivierung (Kosslyn, 1994; siehe auch

Kapitel 5.3). Allerdings scheint die Fähigkeit zur Symbolisierung und zum räumli-

chen Denken eine wichtigere Rolle zu spielen, da bei Läsionen im Bereich A oder B

der gesamte Traumprozess zusammenbricht, während nach Läsionen im Bereich D

Träumen weiterhin möglich ist - mit der Einschränkung, dass es dem Traum an visu-

ellen Bildern mangelt. Da der Traumprozess an sich jedoch weitestgehend unbeein-

trächtigt bleibt, kann dieser Faktor der visuellen Repräsentation vermutlich am Ende

des Prozesses der Traumerzeugung platziert werden (Solms, 1999b). Das würde be-

deuten, dass die Phasen der Abstraktion, Begriffs- und Symbolbildung der konkreten

Wahrnehmung voraus gehen - ein Vorgang, der der im Wachzustand ablaufenden

kognitiven Wahrnehmungsverarbeitung genau entgegengesetzt ist (siehe Kapitel

5.3).

Das frontale limbische System

Läsionen im vorderen Teil des limbischen Systems (E) (dazu gehören die basalen

Vorderhirnkerne, der mittlere paralimbische frontale Kortex, das anteriore Cingulum,

sowie die anterioren und mediodorsalen Thalamuskerne) führen im Gegensatz zu den

oben beschriebenen Störungsbildern keineswegs zu einer Einschränkung der Traum-

funktion, sondern vielmehr zu einer Art exzessivem Träumen. Problematisch dabei

ist, dass die Patienten meist nicht in der Lage sind, zwischen Traum und Realität zu

unterscheiden. Zusätzlich weisen sie eine Reihe weiterer Symptome auf, die eben-

falls „eine Beeinträchtigung des Urteilsvermögen hinsichtlich der Überprüfung ande-

rer Wirklichkeitsaspekte“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.52) beinhalten. So leiden

die Patienten beispielsweise unter Anosognosie (Leugnung der eigenen Krankheit),

Neglekt (fehlende Aufmerksamkeit für die linke oder rechte Raum- und Körperhälf-

te), reduplikativer Paramnesie (Verschmelzung zweier Realitäten) und konfabulatori-

schen Amnesien. Gemein ist all diesen Symptomen der offensichtliche Verlust der

Realitätsprüfung - der Patient ist unfähig, zwischen Traum, Wirklichkeit, Erinnerung,

Wahrheit, Phantasie und Gedanken zu unterscheiden. Dies leuchtet ein, wenn man

bedenkt, dass sich „wesentliche Anteile der reflexiven Systeme am frontalen Ende

des limbischen Hirnbereichs“ (Solms, 1999a, S.117) befinden, während des Schlafes

jedoch weitgehend inaktiv sind. Dies führt dazu, dass der Träumer seine Traum-

schöpfungen nicht kritisch hinterfragt, sondern als real hinnimmt. Schädigungen die-

ses Bereiches führen demnach dazu, dass die betroffene Person auch im Wachzu-

58


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

stand nicht mehr in der Lage ist, zwischen Imagination und Wirklichkeit zu unter-

scheiden. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:

Patientin: Ich lag grübelnd in meinem Bett, und plötzlich war mein [verstorbe-

ner] Mann da und unterhielt sich mit mir. Dann ging ich und badete die Kinder,

und plötzlich öffnete ich die Augen und dachte: „Wo bin ich?“ - ich war allein!

Untersucher: Waren Sie eingeschlafen?

Patientin: Ich glaube nicht, es war eben, als ob meine Gedanken sich in Realität

verwandelt hätten.

(Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.53)

In diesem Fall ist also nicht das Träumen an sich gestört, sondern vielmehr der Fak-

tor, der unter normalen Umständen dafür sorgt, das Träumen zu hemmen. Da diese

Hemmung aufgehoben bzw. beeinträchtigt ist, kommt es auch tagsüber zu traumähn-

lichem Denken und die betreffende Person kann nicht mehr zwischen Traum und

Wirklichkeit unterscheiden. Einige der typischen Traum-Charakteristika, wie z.B.

Halluzinationen, Desorientiertheit und Wahnideen, könnten demnach mit einer Inhi-

bition dieser Hirnstrukturen während des Schlafes zusammenhängen (Solms, 2000).

Das temporale limbische System

Eine weitere Form exzessiven Träumens ist bei Schädigungen des temporalen An-

teils des limbischen Systems (F) zu beobachten. In diesem Fall kommt es zu stereo-

typ immer wieder auftretenden Alpträumen, sowie unangenehmen halluzinatorischen

Erfahrungen während des Wachzustandes. Ein ähnliches Phänomen tritt in Fällen

von cerebralen Krampfanfällen in diesem Bereich auf (Kardiner, 1932; Rodin et al.,

1955; Epstein, 1964; vgl. Solms 1999a). Dass zudem die künstliche Stimulation des

Temporallappenbereiches dieselbe Traumszene immer wieder auslösen kann, wäh-

rend entsprechende Medikation oder Operation die wiederkehrenden Alpträume un-

terbinden kann, spricht dafür, dass das limbische System eine wesentliche Rolle bei

der Auslösung von Träumen spielt. Die typische emotionale Qualität der Träume

scheint demnach auf eine Aktivierung dieser Strukturen während des Schlafes zurück

zu führen zu sein (Solms, 2000). Dabei ist diese emotionale Erregung, die für den

Traumprozess ebenfalls von Bedeutung ist, vermutlich gleich zu Beginn platziert,

während die visuell-räumliche Repräsentation, wie oben beschrieben, am anderen

Ende dieses Prozesses zu finden ist (siehe Kapitel 5.3).

59


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Die Ergebnisse von Solms und Kaplan-Solms und Solms erlauben interessante Rück-

schlüsse auf das am Träumen beteiligte neurale Netzwerk und die darin involvierten

Strukturen. 40 Neben zahlreichen Patienten, die nach Läsionen einer der oben be-

schriebenen Gehirnareale eine Störung der Traumaktivität berichten, beobachtet

Solms auch Fälle von Schädigungen anderer Bereiche, die keinerlei Auswirkung auf

den Traumprozess zu haben scheinen. So zeigt sich, dass Läsionen im Bereich des

pontinen Hirnstamms (G) zwar zu einem Ausfall des REM-Schlafes führen, die be-

wusste Traumerfahrung dabei jedoch unbeeinträchtigt bleibt. Frappierenderweise ist

Solms (nach Feldman, 1971) der Erste, der tatsächlich nachweist, dass ein Verlust

des REM-Schlafes keineswegs mit einem Verlust der Traumtätigkeit einher geht

(siehe Kapitel 4.2.4). Zu weiteren Hirnstrukturen, die ebenfalls nicht essentiell fürs

Träumen sind, gehören der dorsolaterale präfrontale Kortex, der sensomotorische

Kortex und der primäre visuelle Kortex (Solms, 1997).

Im folgenden Abschnitt wird ersichtlich, dass die Ergebnisse und Vermutungen von

Solms durch Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren gestützt werden. Wie der

Traumprozess nach Ansicht der Autoren unter Beteiligung der beschriebenen Hirn-

strukturen abläuft werde ich im Kapitel 5.3 zusammenfassen.

4.3.2. Träume und bildgebende Verfahren

Mit Hilfe bildgebender und elektrophysiologischer Verfahren ist es heute möglich,

die Verteilung neuraler Aktivität im Gehirn abzubilden. So lässt sich feststellen, dass

sowohl Wach- und Schlafzustand, als auch REM- und Non-REM-Schlaf jeweils ver-

schiedene cerebrale Aktivierungen aufweisen. Während der Non-REM-Schlaf durch

eine globale Deaktivierung des Gehirns charakterisiert ist, kommt es im REM-Schlaf

zu einer Reaktivierung bestimmter Hirnareale, die auch im wachen Leben aktiv sind.

Mit Hilfe des EEGs ließen sich schon früh, wie in Kapitel 4.1.2 bereits beschrieben,

die verschiedenen Schlafstadien voneinander und vom Wachzustand abgrenzen. So

lassen sich auch mittels dieser Methode Unterschiede zwischen Non-REM- und

REM-Schlaf bzw. Gemeinsamkeiten von REM-Schlaf und Wachzustand aufzeigen.

Inzwischen hat man nachweisen können, dass während des REM-Schlafes Gamma-

40 Es ist jedoch wichtig zu bedenken, dass sich die hier untersuchten Auswirkungen unterschiedlicher

Läsionen auf das bewusste Traumerleben, also den manifesten Traumprozess beziehen. Um die „unbewusste

Struktur psychischer Syndrome“ (Solms, 1999b, S.67) aufdecken zu können ist eine

ausführliche psychoanalytische Behandlung notwendig.

60


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Aktivität (die mit kognitiven Prozessen in Verbindung gebracht wird; Kahn et al.,

1997) aufzutreten scheint. Nachdem Bouyer at al. 1981 (vgl. Gottesmann, 1999)

Gamma-Aktivität zum erstenmal bei Katzen während hoher Vigilanz und Bewe-

gungslosigkeit beobachten, können Llinás und Ribary im Jahre 1993 diese 40 Hz-

Oszillationen erstmalig auch beim Menschen feststellen. Sie weisen in ihrer Untersu-

chung Gamma-Aktivität sowohl während des Wachzustandes, als auch während des

REM-Schlafes nach, wohingegen sie während des Non-REM-Schlafes deutlich nach-

lässt. 41 Dies könnte nach Ansicht von Hobson, Pace-Schott, Stickgold & Kahn

(1998) die Ursache dafür sein, dass die REM-Träume im Gegensatz zu Non-REM-

Träumen so lebhaft und bizarr erscheinen. So könnte die Gamma-Aktivität mögli-

cherweise das neurale Substrat der gleichermaßen vielfältigen, aber qualitativ doch

verschiedenen kognitiven Prozesse während des REM-Schlafes und des Wachzu-

standes widerspiegeln. Im Gegensatz dazu scheint die Abwesenheit von Gamma-

Oszillationen während des Non-REM-Schlafes das Nicht-Vorhandensein dieser Art

von kognitiven Prozesse zu erklären.

Auch mit Hilfe der Positron-Emission-Tomographie (PET), die den regionalen Blut-

fluss im Gehirn sichtbar macht, können die physiologischen Unterschiede zwischen

Non-REM-Schlaf, REM-Schlaf und Wachzustand eindeutig nachgewiesen werden.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Non-REM-Schlaf im Vergleich zum REM-

Schlaf bzw. Wachzustand mit einer globalen Abnahme des kortikalen Blutflusses

einhergeht. Vor allem Thalamus, pontiner Hirnstamm, orbitofrontaler Kortex und

anteriorer cingulärer Kortex weisen eine deutliche Deaktivierung auf (Braun et al.,

1997; Hofle et al., 1997; Maquet et al., 1997). Die Deaktivierung der aufsteigenden

erregenden Systeme (Pons und Mesencephalon) führt nach Ansicht von Hobson et al.

(1998) zu einer verminderten globalen Vorderhirn-Aktivierung und somit zu einem

verringerten kognitiven Output des cerebralen Kortex. Zusätzlich verhindert vermut-

lich die regionale Abnahme der Aktivierung in multimodalen Assoziations-Kortizes

in präfrontalen und parietalen Arealen (Braun et al., 1997) während des Non-REM-

Schlafes höhere kognitive Aktivität während dieser Phase. Die verringerte Aktivie-

41 Diese Gamma-Aktivität kann im Wachzustand mittels sensorischer Stimuli evoziert werden, nicht

aber im REM- oder Tief-Schlaf. Somit weisen zwar sowohl Wachzustand als auch REM-Schlaf beide

Gamma-Oszillationen auf, unterscheiden sich aber durch den Mangel an sensorischen Antworten.

61


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

rung der limbischen Areale wiederum führt zu einem weitaus weniger affektiv gela-

denen Denken als während des REM-Schlafes.

Die drastische Abnahme des regionalen Blutflusses in diesen Arealen steht in Kon-

trast zur Aktivierung eben dieser Bereiche während des REM-Schlafes. Im Gegen-

satz zum Non-REM-Schlaf kommt es im REM-Schlaf nämlich in bestimmten Regio-

nen zu einer deutlichen Erhöhung der Stoffwechselaktivität. Dabei weisen einige

jener Areale, die auch im Wachzustand aktiv, während des Non-REM-Schlafes je-

doch inaktiv sind, eine cerebrale Aktivierung auf (z.B. Thalamus und pontiner Hirn-

stamm). Außerdem kommt es im REM-Schlaf zu einer deutlichen Aktivierung limbi-

scher und paralimbischer Areale, wie z.B. der hippocampalen Formation, dem ante-

rioren Cingulum, medial orbitofrontalen Kortizes und der Amygdala (Braun et al.,

1997; Nofzinger, Mintun, Wiseman, Kupfer & Moore, 1997; Maquet et al., 1996).

Die Aktivität dieser Areale kann während des REM-Schlafes durchaus höher sein als

während des Wachzustandes (Braun et al., 1997). Dies könnte ebenfalls eine Erklä-

rung dafür sein, warum die mentale Aktivität während des Träumens viel bizarrer,

desorientierter und verworrener ist als unser Denken im wachen Leben (Kahn et al.,

1997). Darüber hinaus stellen Madsen et al. (vgl. Gottesmann, 1999) bereits 1991 mit

Hilfe der SPECT (single photon emission computed tomography) einen Anstieg des

kortikalen Blutflusses in den assoziativen visuellen Kortexarealen während des

REM-Schlafes fest, was auf ablaufende visuelle Traumerfahrung schließen lässt.

Neben der Zunahme des kortikalen Blutflusses in diesen Arealen beobachten Madsen

et al. (ebenso wie Braun et al. 1997 und Maquet et al. 1996) außerdem eine Deakti-

vierung des dorsolateralen präfrontalen Kortex und des posterioren Cingulum. Ma-

quet et al. (1996) vermuten daher, dass die erhöhte Aktivität der limbischen Struktu-

ren die emotionalen und affektiven Aspekte der Träume bedingt, während andere

formale Traum-Charakteristika (zeitliche Verzerrung, Desorientierung, Schwächung

der selbstreflektiven Kontrolle, Amnesie beim Erwachen) auf die präfrontale Deakti-

vierung und die damit einhergehenden exekutiven Defizite zurück geführt werden

können (Gottesmann, 1999; Hobson et al., 2000). 42 Zusammenfassend lässt sich fest-

halten, dass das Gehirn während des REM-Schlafes eine generalisierte Aktivität

42 Bezüglich des präfrontalen Kortex gibt es diskrepante Ergebnisse. Während Maquet et al. (1996)

und Braun et al. (1997) eine Abnahme der Aktivität während des REM-Schlafes in diesem Bereich

beobachten, stellen Nofzinger, Mintun, Wiseman, Kupfer & Moore (1997) eine Zunahme des Glukose

Verbrauchs im präfrontalen Kortex im Vergleich zum Wachzustand fest.

62


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

aufweist, mit Ausnahme der exekutiven Systeme, die normalerweise an höheren

kognitiven Funktionen und der Integration neuraler Informationen beteiligt sind

(Braun et al., 1997). Tabelle 2 verdeutlicht die Zu- (↑) bzw. Abnahme (↓) der

Aktivität unterschiedlicher Hirnstrukturen während des REM- bzw. Non-REM-

Schlafes.

Gehirnregion REM-Schlaf Non-REM-Schlaf

Pontines Tegmentum ↑ ↓

Limbische Areale (Hippocampus, anteriores

Cingulum, Amygdala)

↑ ↓

Thalamische Kerne ↑ ↓

Basalganglien ↑ ↓

Cerebellum ↑ ↓

Striatärer Kortex ⎯ ↓

Extrastriatärer Kortex ↑ ↓

Parietaler Kortex ↓ ↓

Dorsolateraler Präfrontaler Kortex ↓ ↓

Mediobasaler Präfrontaler Kortex ↑ ↓

Medialtemporaler Kortex ↑ ↓

Tabelle 2: Zusammenfassung der Ergebnisse verschiedener Studien (Braun et al., 1997, Hofle et al.,

1997, Maquet et al., 1996, 1997, Nofzinger, Mintun, Wiseman, Kupfer & Moore., 1997) zur Aktivierung

/ Deaktivierung unterschiedlicher Hirnstrukturen während des REM-Schlafes / Non-REM-

Schlafes im Vergleich zum Wachzustand (nach Walker & Hobson, 2000)

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass sich die Ergebnisse von Studien mittels

bildgebender Verfahren hervorragend mit den Resultaten der in Kapitel 4.3.1 be-

schriebenen Untersuchungen mit hirngeschädigten Patienten ergänzen. In beiden

Fällen wird deutlich, dass sowohl frontale und limbische Strukturen, aber auch Regi-

onen innerhalb der parietalen Konvexität wesentlich für den Prozess des Träumens

sind. Ebenfalls bestätigt wird die Vermutung, dass Non-REM-Schlaf, REM-Schlaf

und Wachzustand jeweils klar voneinander unterscheidbare Zustände darstellen.

4.4. Die Funktionsfrage aus neurowissenschaftlicher Sicht

Mit der Entdeckung des REM-Schlafes im Jahre 1953 (siehe Kapitel 4.2.1) erlangen

Schlaf und Träume einen wichtigen Stellenwert innerhalb der neurowissenschaftlich

orientierten Forschung. Allerdings wurde und wird es oftmals versäumt, bei der

Funktionsfrage zwischen Schlaf, REM-Schlaf und Träumen zu unterscheiden. Viele

Forscher erstellen Hypothesen bezüglich der Funktion des REM-Schlafes, worin die

der Träume stets impliziert ist. Wie oben beschrieben kommen Träume allerdings

nachweislich auch in Non-REM-Phasen vor und müssen somit als eigenständiges

63


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

psychisches Phänomen angesehen werden. Darum ist bei der Frage nach der Funkti-

on diese Unterscheidung stets im Auge zu behalten. Insgesamt gibt es eine fast un-

überschaubare Anzahl von Theorien, von denen ich einige im Folgenden kurz zu-

sammenfasse.

4.4.1. Die Funktion des Schlafes

Zur Funktion des Schlafes gibt es unzählige Hypothesen, wie z.B. die der Einsparung

von Energie durch die nächtliche Herabsetzung sämtlicher Stoffwechselprozesse.

Daran anknüpfend geht Hobson (1990) davon aus, dass die Funktion des Schlafes

vor allem in der Einsparung aminerger Neurotransmitter besteht. Wie oben bereits

erwähnt, produzieren die Zellen der Raphé-Kerne und des Nucleus Coeruleus im

Hirnstamm die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, die für bewusstes Lernen

und Erinnern wichtig sind. Die Ausschüttung dieser aminergen Neurotransmitter

wird während der Non-REM-Phasen allmählich gedrosselt, bis sie im REM-Schlaf

ganz aussetzt (darum auch die Bezeichnung REM-Off-Zellen). Hobson geht nun da-

von aus, dass diese „Feuerpause“ (S.196) dazu dient, die aminergen Transmitter ein-

zusparen. Da vermutlich aber auch während des Schlafes neue Transmittermoleküle

synthetisiert, vor allem während der REM-Phasen aber nicht ausgeschüttet werden,

führt der Schlaf einer Nacht - insbesondere mit vielen REM-Schlafphasen - dazu,

dass der Vorrat an aminergen Neurotransmittern wieder aufgefüllt ist. Auch hier wird

insbesondere die Rolle des REM-Schlafes betont, auf die ich weiter unten genauer

eingehen werde.

Tiefere Einblicke in die Funktion des Schlafes liefern vor allem die zahlreichen

Schlafentzugs-Experimente (für einen Überblick siehe: Jovanovic, 1978). Die meis-

ten Untersucher berichten über vielfältige Auffälligkeiten nach längeren schlaflosen

Phasen, wie z.B. kognitive Einbußen, Wahrnehmungsverzerrungen, Aggressivität,

Halluzinationen, Reizbarkeit, Verlangsamung der Psycho-Motorik, Schreckhaftigkeit

und Konzentrationsschwäche. Laut Jovanovic führen viele Autoren diese Symptoma-

tik vor allem auf den Verlust des REM-Schlafes zurück, da im Erholungsschlaf, der

den Entzug-Nächten folgt, ein drastischer Anstieg des REM-Schlafes zu beobachten

ist (engl.: rebound). Ein ähnlicher Effekt ist nur noch beim Stadium 4 des Tiefschla-

fes (SWS) zu beobachten. Dementsprechend scheint dem REM- und dem Tiefschlaf

eine besondere Bedeutung zu zukommen, so dass vor allem versucht wird, den

64


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

REM- bzw. den Tiefschlaf selektiv zu deprivieren, um weitere Antworten zu be-

kommen (siehe unten).

Cai (1995) geht, wie manche andere Forscher, davon aus, dass neben dem REM-

Schlaf vor allem der Tiefschlaf (SWS, Stadien 3 und 4) eine große Bedeutung hat.

Dafür spricht die Beobachtung, dass selektive SWS-Deprivation einen Anstieg in

Intensität und Dauer des SWS im Schlafzyklus der darauf folgenden Nacht zur Folge

hat (Dijk & Beersma, 1989) 43 . Der Tiefschlaf erfüllt laut Cai statt bloßer körperlicher

Erholung und Energie-Einsparung vermutlich zwei wichtige Funktionen: die Regu-

lierung emotionaler Balance und die Verarbeitung emotionaler Gedächtnisinhalte. 44

Die erste Hypothese wird durch verschiedene Beobachtungen gestützt. So führt bei-

spielsweise selektive Stadium 4 Deprivation zu depressivem Verhalten (Agnew et

al., 1967; vgl. Cai, 1995), während depressive Patienten charakteristischerweise kür-

zere SWS-Phasen aufweisen (Kupfer et al., 1985). Entsprechend können Wehr et al.

(1979; vgl. Cai, 1995) nachweisen, dass sich der depressive Zustand durch eine Er-

höhung der Tiefschlaf-Dauer deutlich bessert und Kupfer, Frank, McEachran & Gro-

chocinski (1990), dass Patienten mit einem hohen Anteil an Delta-Oszillationen eine

geringere Wahrscheinlichkeit eines Wiederauftretens der depressiven Symptomatik

haben. Zusätzlich weisen Ramm und Frost (1983) eine erhöhte regionale Stoffwech-

sel-Aktivität in einigen limbischen Regionen (Hypothalamus und Hippocampus)

nach, während sich der Umsatz in den sensorischen und motorischen Arealen herab-

setzt. All diese Beobachtungen sprechen für eine Funktion des Tiefschlafs bei der

Regulierung des emotionalen Gleichgewichts, bzw. der Bewältigung emotionaler

Störungen des limbischen Systems. Da im Wachzustand die allmähliche Anhäufung

zufällig erlernter emotionaler Gedächtnisinhalte in den limbischen Strukturen unwei-

gerlich zu einem emotionalen Ungleichgewicht führen würde, scheint der Tiefschlaf

essentiell, um diese Balance wieder herzustellen und Depressionen zu verhindern. 45

Auch die zweite Vermutung, dass der Tiefschlaf bei der Verarbeitung emotionaler

43 Ferrara et al. (1999) weisen nach, dass dieser Anstieg des SWS signifikant von der Dauer des SWS

in der vorangegangenen Nacht abhängig ist und nicht von der totalen Schlafdauer.

44 Die Aufgabe der Verarbeitung emotionaler Gedächtnisinhalte übernimmt nach Ansicht anderer

Autoren nicht nur der SWS, sondern auch der REM-Schlaf (Cartwright et al., 1975; Grieser et al.,

1972; McGrath & Cohen, 1978; vgl. Stickgold et al., 2001).

45 Zwar kann auch im Wachzustand die emotionale Balance mit Hilfe der aufsteigenden Noradrenalin,

Dopamin-, Acetylcholin- uind Serotonin-Systeme reguliert werden, allerdings handelt es sich dabei

nur um einen vorübergehenden Effekt, während die emotionale Regulation während des Schlafes

dauerhafter ist (Cai, 1995).

65


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Gedächtnisinhalte wichtig ist, konnte durch mehrere Studien belegt werden. So fin-

den Pavlides und Winson (1989) heraus, dass diejenigen hippocampalen Zellen, die

im Wachzustand aktiv sind, im darauf folgenden Schlaf vor allem während des SWS

eine erhöhte Entladungsrate aufweisen. 46 Dies könnte bedeuten, dass die Informatio-

nen, die im Wachzustand im Hippocampus enkodiert wurden, während des Tief-

schlafs weiter verarbeitet werden. Da der Hippocampus bekanntermaßen die Funkti-

on hat, neu erworbene Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu über-

tragen (Trepel, 1999), kann man vermuten, dass die Reaktivierung der hippocampa-

len Aktivität während des Schlafes der langfristigen Speicherung neuer Gedächtnis-

inhalte dient. Wie im nächsten Abschnitt deutlich wird, gibt es zahlreiche Autoren,

die auch dem REM-Schlaf eine wichtige Rolle bei der Gedächtnis-Konsolidierung

zusprechen.

4.4.2. Die Funktion des REM-Schlafes

Seit der Entdeckung des REM-Schlafes im Jahre 1953 beschäftigen sich die Forscher

mit der Frage nach der Funktion dieses speziellen Zustandes. 47 Einen großen Stel-

lenwert nehmen hier die sogenannten Entwicklungstheorien ein. Bereits im Jahre

1966 vermuten Roffwarg et al. (vgl. Hobson, 1990), dass der REM-Schlaf eine wich-

tige Rolle bei der Hirnreifung spielt. Auch Marks, Shaffery, Oksenberg, Speciale &

Roffwarg (1995) gehen von einer ontogenetischen Funktion des REM-Schlafes aus

und vermuten, dass die spezifischen REM-Schlaf Prozesse die Aufgabe haben, die

Gehirnentwicklung voran zu treiben. Gestützt wird diese Hypothese durch die Tatsa-

che, dass 70% des Schlafes Neugeborener aus REM-Schlaf besteht. Mit zunehmen-

dem Alter fällt dieser Anteil immer geringer aus, bis er im Erwachsenenalter weniger

als 15% beträgt (Carlson, 2004). Hobson (1990) ist der Ansicht, dass dieser hohe

Anteil an REM-Schlafphasen während der frühkindlichen Entwicklung die Aufgabe

hat, „dem Gehirn, und insbesondere dem Sehsystem, die für seine Entwicklung not-

wendige Stimulation zu vermitteln“ (S.90). Das Gehirn aktiviert sich demnach selbst,

indem das Sehsystem während des REM-Schlafes durch Signale aus dem Hirnstamm

angeregt wird. Diese „Simulation von wachem Verhalten während des Schlafes“

(ebd.) könnte dazu führen, dass der Fötus zum Zeitpunkt seiner Geburt bereits einen

46 Wilson und McNaughton (1994; vgl. Louie & Wilson, 2001) betonen, dass dieses Wiederauftreten

am stärksten in dem SWS ist, der dem Verhalten des Wachzustandes unmittelbar folgt.

47 Für eine Übersicht siehe Hennevin und Leconte (1971; vgl. Hennevin,, Hars, Maho & Bloch, 1995).

66


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

großen Teil seiner Funktionsfähigkeit erreicht hat. Dies stimmt mit der Beobachtung

von Marks et al. (1995) überein, dass REM-Deprivation einen Einfluss auf die Ent-

wicklung des visuellen Systems zu haben scheint.

Die unzähligen Deprivations-Experimente zeigen deutlich, dass dem REM-Schlaf

eine besondere Bedeutung zukommt, da eine Person, die während der REM-Phasen

geweckt wird, diese später nachholt (Rebound-Phänomen; siehe auch SWS oben). Es

zeigt sich, dass der Anstieg des REM-Schlaf-Anteils in der dem Entzug folgenden

Nacht umso höher ausfällt, je länger die Probanden unter REM-Schlafentzug litten

(Jovanovic, 1978). Dement (1960) beobachtet verschiedene motivationale und beha-

viorale Auswirkungen, wie z.B. Hyperaktivität, Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Irritier-

barkeit und Konzentrationsschwäche, die nach REM-Schlafentzug auftauchen. So-

bald die Personen nicht mehr in ihrem REM-Schlaf gestört werden, bessert sich die

Symptomatik unmittelbar. Trotzdem warnt Dement vor einem allzu langen REM-

Entzug, denn sonst „müsste man möglicherweise mit einem ernsthaften Zerfall der

Persönlichkeit rechnen“ (S.328).

Viele Forscher betonen bei der Frage nach der Funktion des REM-Schlafes vor allem

seine Rolle bei Lern- und Gedächtnisprozessen. So hat Hartley (1791; vgl. Stickgold,

Hobson, Fosse & Fosse, 2001) bereits vor über zweihundert Jahren die Idee, dass

Träumen der Verknüpfung neu erworbener Gedächtnisinhalte dient. Diese Hypothese

wird durch zahlreiche Versuche an Tieren bestätigt (Horne & McGrath, 1984). Die

Untersuchungen dieser Autoren deuten darauf hin, dass neu erlernte

Gedächtnisinhalte bis zum Eintreten des REM-Schlafes labil bleiben und erst im

Laufe dieser Schlafphasen gefestigt werden. Vermutlich gibt es sogar bestimmte

Aufgaben, die stärker durch REM-Schlafentzug beeinträchtig werden, als andere. So

scheint das Gedächtnis für deklarative bzw. explizite Aufgabentypen kaum durch

REM-Deprivation gestört zu werden, während das Gedächtnis für prozedurale bzw.

implizite Aufgaben durchaus Defizite nach REM-Schlafentzug aufweist (Smith,

1993). 48

Für die Vermutung, dass der REM-Schlaf vor allem für die Gedächtnis-

Konsolidierung wesentlich ist, scheinen folgende Beobachtungen und daraus resul-

tierende Schlussfolgerungen zu sprechen:

48 Das Gedächtnis für explizite Aufgaben weist dagegen eine deutliche Beeinträchtigung nach SWS-

Deprivation auf (z.B. Barrett & Ekstrand, 1972; vgl. Maquet, 2001).

67


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

1. Intensive Lernphasen führen zu einem Anstieg der REM-Schlafdauer in der

darauf folgenden Nacht (Hennevin & Leconte, 1971; Smith et al., 1974; Smith

& Lapp, 1986; vgl. Smith, 1995). Dieser Anstieg ist nach Ansicht der Autoren

darauf zurück zu führen, dass die neu erlernten Gedächtnisinhalte in dieser

Phase konsolidiert und damit dauerhaft gespeichert werden. 49

2. REM-Schlafdeprivation scheint zu Einbußen in der Gedächtnisleistung zu füh-

ren, was daran liegen könnte, dass Gedächtnisinhalte nicht ausreichend konso-

lidiert wurden (Fishbein & Gutwein, 1977; McGrath & Cohen, 1978; Pearlman,

1979; Smith, 1985; vgl. Hennevin, Hars, Maho & Bloch, 1995).

3. Wie im Tiefschlaf (siehe Kapitel 4.4.1) kommt es auch während des REM-

Schlafes zu einer Reaktivierung jener Hirnareale, die bei Lernaufgaben im

Wachzustand aktiv sind (Louie & Wilson, 2001), so dass während des Schlafes

offensichtlich Gedächtnisprozesse abzulaufen scheinen (Hennevin et al., 1995).

Träume wären demnach die Manifestation dieser Prozesse.

Auch wenn die Resultate dieser Autoren auf eine enge Verbindung zwischen REM-

Schlaf und Gedächtnis-Konsolidierung hinweisen, gibt es eine sehr kontroverse Dis-

kussion über die Gültigkeit dieser Hypothese (Horne & McGrath, 1984; Maquet,

2001; Vertes & Eastman, 2000) Daran anknüpfend berichtet Siegel (2001) in seiner

Übersichtsarbeit über Ergebnisse verschiedener Studien, die jede der eben aufgeführ-

ten Schlussfolgerungen und somit die gesamte Gedächtnis-Konsolidierungs-

Hypothese zweifelhaft erscheinen lassen.

Die erste Schlussfolgerung scheint richtig zu sein, wenn man davon ausgeht, dass im

Anschluss an eine Lernaufgabe eine erhöhte Gedächtnis-Konsolidierung erforderlich

wird. Da diese Gedächtnis-Konsolidierung dem REM-Schlaf zugesprochen wird,

müsste es im Laufe der folgenden Nacht zu einem Anstieg der REM-Schlafdauer

kommen (siehe oben). Laut Siegel ist diese Annahme jedoch zu hinterfragen, da

nicht eindeutig nachweisbar ist, inwieweit nicht vielleicht Stress oder andere emotio-

nale Variablen (z.B. Frustration) während der Lernsituation ebenfalls einen Einfluss

49 Smith (1985; vgl. Stickgold, Hobson, Fosse & Fosse, 2001) spricht hier vom sogenannten ‚REM-

Fenster‘. Dabei handelt es sich um die Zeit nach dem Erlernen einer gewissen Aufgabe, in der es zu

einer überdurchschnittlichen Erhöhung des REM-Schlafes kommt. Deprivation des REM-Schlafes

während dieses REM-Fensters führt laut Smith zu Gedächtnis-Einbußen. Allerdings ließen sich solche

REM-Fenster bislang nur bei Tieren nachweisen (Vertes & Eastman, 2000).

68


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

auf die darauf folgende REM-Schlafdauer haben. So können Gonzales et al. (1995;

vgl. Siegel, 2001) und Rampin et al. (1991; vgl. Maquet, 2001) beispielsweise nach-

weisen, dass bereits moderater Stress, völlig unabhängig von einer Lernaufgabe, zu

einem Anstieg der REM-Schlafdauer führt. Darüber hinaus liefern die verschiedenen

Studien zu diesem Thema sehr widersprüchliche Ergebnisse. So weisen Vertes und

Eastman (2000) darauf hin, dass Untersuchungen an Tieren zwar eine erhöhte REM-

Schlafdauer nach voran gegangenen Lernexperimenten ergeben (Horne, 1988; Smith

1985; vgl. Vertes & Eastman, 2000), Untersuchungen an Menschen hingegen einen

ähnlichen Effekt nicht nachweisen können (Allen et al., 1972; Zimmerman et al.,

1978; vgl. Vertes & Eastman, 2000). Horne und McGrath (1984) zweifeln darüber

hinaus auch die Ergebnisse der Tierexperimente an und sind der Meinung, dass der

Anstieg der REM-Schlafdauer auch auf einen umfassenden Anstieg der totalen

Schlafdauer zurück zu führen ist, da das Verhältnis von REM-Schlaf und totaler

Schlafdauer unverändert bleibt (Tagney, 1973; vgl. Vertes & Eastman, 2000).

Die zweite Schlussfolgerung, die die Gedächtnis-Konsolidierungs-Hypothese stützen

soll, beruft sich auf REM-Deprivations-Experimente, nach denen die betreffenden

Personen Gedächtnisausfälle zeigen, was angeblich auf eine ungenügende Konsoli-

dierung schließen lässt. Die unzähligen Studien, die hierzu durch geführt wurden,

liefern jedoch durchaus keine einheitlichen Ergebnisse. Während einige dieser Un-

tersuchungen eine Blockierung der Konsolidierung aufgrund REM-Schlaf Deprivati-

on beobachten, stellen andere keinen Effekt der Deprivation fest (Miller et al., 1971;

vgl. Vertes & Eastman, 2000), während wieder andere Studien sogar einen gegentei-

ligen Effekt nachweisen, indem REM-Schlafentzug zu einer verbesserten Konsoli-

dierung führen soll (Horne, 2000; vgl. Siegel, 2001). Untersuchungen mit Tieren von

Van Hulzen und Coenen (1982), in denen Ratten auf eine vergleichsweise sanfte Art

am REM-Schlaf gehindert werden (leichte schaukelnde Bewegungen des Käfigs),

können als Beleg dafür angesehen werden, dass Stress und nicht REM-Schlafentzug

die kritische Variable ist, da diese Tiere keinerlei Lern-Defizite aufweisen. Bei Men-

schen kommt es durch die Gabe von MAO-Hemmern (z.B. zur Behandlung von De-

pressionen) zu einem vollständigen REM-Schlaf Verlust. In diesen Fällen können

jedoch kaum Einschränkungen der Gedächtnisleistung und der kognitiven Fähigkei-

69


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

ten beobachtet werden (Vertes & Eastman, 2000). 50 Dies deutet darauf hin, dass der

REM-Schlaf keine wesentliche Bedeutung für Lernprozesse und Gedächtnis-

Konsolidierung haben kann. Abschließend erinnern Vertes und Eastman (2000) an

die Ergebnisse von Untersuchungen hirngeschädigter Patienten mit Läsionen in der

Pons-Region, bei denen die Schädigung zu einem totalen Ausfall des REM-Schlafes

führt (siehe Kapitel 4.2.3), während die kognitiven Fähigkeiten, einschließlich der

Gedächtnisfunktionen keinerlei Einschränkungen aufweisen. Diese Beobachtungen

sprechen gegen eine wesentliche Rolle des REM-Schlafes beim Lernen, so dass zu-

sammenfassend festgehalten werden kann, dass die gegenwärtige Literatur nur sehr

widersprüchliche Ergebnisse zur Bedeutung des REM-Schlafes bei der Gedächtnis-

Konsolidierung aufweist.

Die dritte Schlussfolgerung, dass während des REM-Schlafes Gedächtnisprozesse

ablaufen, wird durch die Beobachtung gestützt, dass die neuronale Aktivität, die

während der Lernphase registriert wird, auch in der darauf folgenden REM-

Schlafphase auftritt. Dies jedoch, widerspricht Siegel (2001), muss noch kein Hin-

weis auf ablaufende Konsolidierungs-Prozesse sein. Im Gegenteil könnte dieses

Wiederauftreten (engl.: replay) in die genetisch vorprogrammierte neuronale Ent-

wicklung involviert sein (vgl. den hohen Anteil an REM-Schlaf im frühen Kindesal-

ter; siehe Kapitel 4.3.2) und bei der Löschung irrelevanter Gedächtnis-Spuren eine

Rolle spielen (Crick & Mitchison, 1983; siehe Kapitel 4.3.3). Poe, Nitz, McNaughton

& Barnes (2000) untersuchen (ähnlich wie Pavlides & Winson im Jahre 1989; siehe

Kapitel 4.3.1) das Feuern bestimmter Zellgruppen im Hippocampus während des

REM-Schlafes. Während Pavlides und Winson ein Wiederauftreten der im Wachzu-

stand stattgefundenen hippocampalen Aktivität vor allem im darauf folgenden Tief-

schlaf festgestellt haben, konzentrieren sich Poe et al. verstärkt auf den REM-Schlaf

und seine Rolle bei der Gedächtnis-Konsolidierung. Ihre Ergebnisse deuten auf einen

möglichen Mechanismus während des REM-Schlafes hin, durch den Erinnerungen

an kürzlich statt gefundene Ereignisse verstärkt und die Spuren entfernterer Erinne-

rungen geschwächt werden. Louie und Wilson (2001) beobachten in ihren Untersu-

chungen mit Ratten ebenfalls eine Reaktivierung der hippocampalen Aktivität des

50 Siegel führt als möglichen Einwand an, dass die MAO-Hemmer eventuell lediglich die polygraphischen

Zeichen des REM-Schlafes maskieren, während der REM-Schlaf in seinen wesentlichen Aspekten

(wie z.B. der Gedächtnis-Konsolidierungs-Funktion) weiter fortbesteht.

70


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

Wachzustandes während des REM-Schlafes. Interessanterweise kommt es zu diesem

Wiederauftreten jedoch in jenen REM-Schlaf-Episoden, die den täglichen Lern-

durchgängen der Tiere unmittelbar vorausgehen und nicht in jenen, die der Lernauf-

gabe folgen. Die Autoren erklären dies damit, dass die Lernaufgaben wiederholt an

mehreren aufeinander folgenden Tagen durchgeführt wurden und sich die Reaktivie-

rung der hippocampalen Aktivität während des REM-Schlafes vermutlich jeweils auf

die Lernaufgabe des vorherigen Tages bezieht. Hier widerspricht Siegel (2001) je-

doch und behauptet, dies erkläre noch nicht, warum dieses Wiederauftreten nicht

auch im nachfolgenden REM-Schlaf erscheint. Da die gleichen Tiere darüber hinaus

keinerlei ‚Replay’ in der nachfolgenden REM-Schlafphase zeigen, wenn sie mit einer

völlig neuen Lernaufgabe konfrontiert werden, sprechen diese Ergebnisse keinesfalls

für die Gedächtnis-Konsolidierungs-Hypothese.

Insgesamt scheint die Frage nach der Funktion des REM-Schlafes nicht eindeutig

beantwortet zu sein. Auch bezüglich der Rolle bei der Gedächtnis-Konsolidierung

bleiben viele Fragen offen. Dass der REM-Schlaf eine spezielle Verbindung zu Lern-

und Gedächtnisprozessen hat, scheint unbestritten, allerdings ist es nach Ansicht von

Maquet (2001) nach wie vor unklar, ob der REM-Schlaf zur Konsolidierung von

Gedächtnisinhalten unbedingt notwendig ist, oder ob diese Phase lediglich Bedin-

gungen erfüllt, die die Konsolidierung von Erinnerungen im Gegensatz zu anderen

Erregungszuständen begünstigt.

4.4.3. Die Funktion von Träumen

Wie bereits angedeutet, ist es sehr schwer, die Frage nach der Funktion des REM-

Schlafes klar von der des Träumens zu trennen. Vor allem Vertreter der Gedächtnis-

Konsolidierungs-Hypothese (siehe Kapitel 4.4.2) sind dazu geneigt, ihre Theorien

auch auf die Funktion der Träume zu übertragen. Dabei muss jedoch im Auge behal-

ten werden, dass, wie oben beschrieben, längst erwiesen ist, dass REM-Schlaf und

Träume nicht gleich zu setzen sind. Eine Unterscheidung ist also unbedingt sinnvoll,

da Träume ein subjektives bewusstes Erleben beinhalten, während der REM-Schlaf

lediglich eine physiologisch bestimmte Phase unseres nächtlichen Schlafzyklus dar-

stellt (Revonsuo, 2000). Dementsprechend haben REM-Schlaf und Träume vermut-

lich auch sehr unterschiedliche Funktionen. Allerdings lässt sich insgesamt festhal-

71


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

ten, dass es im Vergleich zum REM-Schlaf nur wenige und sehr gegensätzliche neu-

rowissenschaftlich orientierte Theorien zur Funktion des Träumens gibt.

Auf der einen Seite positionieren sich u.a. Forscher wie Foulkes (1962), Hall und

Van de Castle (1966; vgl. Vertes & Eastman, 2000) und Domhoff (1999, 2001), die

davon ausgehen, dass Träume die Fortsetzung des mentalen Lebens aus dem Wach-

zustand darstellen (sog. ‚Kontinuitätshypothese’) und somit als durchaus sinnvoll zu

betrachten sind. 51 Für diese Annahme spricht laut von Domhoff (1999) z.B. die Beo-

bachtung, dass emotionale Themen aus dem Wachzustand oftmals im Trauminhalt

fortgeführt werden und dass der Trauminhalt Erwachsener über Jahre und Jahrzehnte

hinweg eine hohe Konsistenz aufweist.

Demgegenüber stehen z.B. Hobson (1988, 1998; vgl. Vertes & Eastman, 2000) und

seine Kollegen, die der Überzeugung sind, dass Träume ausschließlich physiologi-

schen Ursprungs sind (siehe Kapitel 4.2.2). Der Nobelpreisträger Crick und sein Kol-

lege Mitchison (1983) vertreten eine ähnliche Meinung, die den oben beschriebenen

Lerntheorien des REM-Schlafes völlig entgegengesetzt ist. So gehen sie davon aus,

dass wir träumen, um zu vergessen. Sie sind der Ansicht, dass während des REM-

Schlafes, in dem bekanntermaßen Träume am häufigsten auftreten, irrelevante Ge-

dächtnisspuren entfernt werden. Sinnlose Verbindungen, die tagsüber geknüpft wur-

den, werden auf diese Weise wieder gelöscht und das Gehirn so von unnötigem Bal-

last befreit. Dies stellt gewissermaßen einen Schutzmechanismus dar, der verhindern

soll, dass unser Gehirn mit unerwünschten und unnötigen Informationen überlastet

wird, während wichtige Informationen darin untergehen. Auch die Tatsache, dass es

uns so schwer fällt, uns an unsere Träume zu erinnern, bestätigt die Autoren in ihrer

Vermutung, „dass das Träumen eher dem Löschen als dem Verstärken bestimmter

Gedächtnisinhalte dient“ (Hobson, 1990, S.203). 52

Stickgold et al. (2001) weisen auf die möglichen Unterschiede in den Funktionen der

verschiedenen Traumarten hin. So scheinen Träume der hypnagogen Phase und der

Non-REM-Phasen, denen im Gegensatz zu REM-Träumen meist der typische bizarre

Charakter fehlt, weitaus häufiger Elemente aus dem Wachleben zu enthalten, die

51 Vgl. Freuds (1900) Annahme vom Traum als „sinnvolles psychisches Gebilde (...), welches an

angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist“ (S.29).

52 Allerdings wird meiner Meinung nach auch hier die Trennung zwischen REM-Schlaf und Träumen

nicht sehr sauber vollzogen.

72


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie

wiederum oftmals mit Erinnerungen an vergangene Ereignisse assoziiert werden.

Auch wenn Emotionen eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Erinnerungen, die in

die Non-REM-Träume miteingehen spielen, haben Träume dieser Phase an sich ei-

nen sehr geringen emotionalen Inhalt (Emberger, 2001; vgl. Stickgold et al., 2001).

Damit unterscheiden sie sich in einem weiteren wesentlichen Punkt von den REM-

Träumen, deren Inhalt oft hoch emotional ist.

Entgegen der Theorie, dass Träume lediglich ein Nebenprodukt des REM-Schlafes

darstellen, ohne dabei eine ersichtliche Funktion zu erfüllen, geht Revonsuo (2000)

davon aus, dass die Aufgabe des Träumens darin besteht, bedrohliche Ereignisse zu

simulieren, um so die Wahrnehmung und die Vermeidung von Gefahren zu üben. Er

erklärt dies aus einer evolutionstheoretischen Perspektive heraus, wonach Träume

stets einen bestimmten Sinn gehabt haben müssen, um sich bis heute durchsetzten zu

können. Dieser Sinn besteht seiner Ansicht nach schon seit jeher darin, bedrohliche

Ereignisse aus dem Wachleben im Traum wieder und wieder zu reproduzieren, um

auf diese Weise effektive Fähigkeiten zur Abwendung von Gefahren zu entwickeln.

Wie ersichtlich wird, kann die Frage nach der Funktion von Träumen aus neurowis-

senschaftlicher Sicht bis heute nicht eindeutig beantwortet werden. Zwar gibt es ei-

nige Theorien und Hypothesen, allerdings liefert keine eindeutige und unwiderlegba-

re Antworten. Dies hat vermutlich verschiedene Gründe und könnte u.a. mit der Tat-

sache zusammen hängen, dass auch heute noch REM-Schlaf und Träume oftmals

gleichgesetzt werden. Darüber hinaus birgt die naturwissenschaftliche Beobachtung

eines solch subjektiven Phänomens wie das des Träumens immense Schwierigkeiten

in sich. Da es bisher aber weder Psychoanalyse noch Neurowissenschaften geschafft

haben, allgemein akzeptierte Annahmen und Theorien zum Thema Träume zu lie-

fern, macht es vielleicht Sinn zu untersuchen, inwieweit eine Verknüpfung der bei-

den Richtungen fruchtbar ist. Wo weder die Hypothesen der einen, noch die der an-

deren Seite befriedigende Antworten liefern, liegt der Schlüssel zu einer aufschluss-

reicheren Betrachtungsweise vielleicht in der Synthese. Diese Synthese möchte ich

im folgenden Kapitel wagen.

73


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -

Zusammenführung der beiden Ansätze

Im Folgenden möchte ich aufzeigen, inwieweit die, auf den ersten Blick sehr ver-

schiedenen Annahmen und Hypothesen der psychoanalytischen Traumtheorie und

der neurowissenschaftlichen Traumforschung eventuell miteinander vereinbar sind.

Freuds ursprüngliches Vorhaben, seine psychoanalytischen Theorien auf ein neuro-

physiologischen Fundament zu stellen, wurde lange Zeit aus den Augen verloren.

Erst seit kurzem besinnen sich einige Forscher auf den gemeinsamen Ursprung dieser

beiden Disziplinen. Aus diesem Grund gehe ich in diesem Kapitel zunächst etwas

ausführlicher auf die Umstände ein, unter denen Freud vor mehr als hundert Jahren

von den Neurowissenschaften zur Psychoanalyse wechselte. Im Anschluss daran

werde ich anhand des Zustands-Wechsel-Modells von Koukkou und Lehmann

(1983) einen ersten Versuch darstellen, psychologische und psychophysische Traum-

theorien miteinander zu vereinbaren. Am etwas aktuelleren Modell der Traumentste-

hung von Solms (1995, 1997, 2000) und Kaplan-Solms und Solms (2003) zeige ich

anschließend weitere Möglichkeiten auf, wie psychoanalytische und neurowissen-

schaftliche Erkenntnisse einander ergänzen können.

5.1. Freuds Wandel von den Neurowissenschaften zur

Psychoanalyse

Wie in der Einleitung bereits angedeutet, denkt Freud schon vor gut einem Jahrhun-

dert bei der Entwicklung der Psychoanalyse als völlig neuer Wissenschaft an eine

Verbindung dieser Disziplin mit den Neurowissenschaften. Dieses Vorhaben wird

nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass die Psychoanalyse quasi aus den Neuro-

wissenschaften, bzw. der Neuropsychologie heraus entstanden ist und dort ihre Wur-

zeln hat.

Seit Beginn seiner Ausbildung im Jahre 1880 ist Freud bereits mehrere Jahre in sei-

ner Funktion als Neurologe tätig, als es zu einem entscheidenden Wandel in seiner

wissenschaftlichen Laufbahn kommt. Dieser Wandel findet seinen Höhepunkt zwi-

schen den Jahren 1895-1900, die den Beginn der Psychoanalyse markieren. Seine

Erkenntnisse über die menschliche Psyche ziehen ihn derartig in den Bann, dass er

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

sich voll und ganz seiner neu entwickelten geisteswissenschaftlichen Methode zu

und gleichzeitig von seinen bisherigen neurowissenschaftlichen Forschungen ab

wendet. Gründe für diesen Wandel gibt es sicher zahlreiche:

Freud ist anfangs ein großer Kenner und Wertschätzer der unter Kapitel 4.2.4 und

4.3.1 beschriebenen Methode der klinisch-anatomischen Korrelation. Er entwickelt

sich als wahrer Experte darin, anhand klinischer Syndrome auf die Art und Lokalisa-

tion der dahinter stehenden Schädigungen bestimmter Gehirnareale zu schließen. In

diesem Zusammenhang stellt sich bald heraus, „dass neurologische Störungen den

Patienten in seiner Persönlichkeit verändern und demzufolge das Wesen des Men-

schen irgendwo im Gehirngewebe abgebildet sein musste“ (Kaplan-Solms & Solms,

2003, S.19; Hervorhebung v. Verf.). Demnach sollte theoretisch eine physiologische

Lokalisation verschiedenster psychischer Funktion möglich sein 53 - eine Idee, für die

sich Freud sehr schnell begeistert (Kaplan-Solms & Solms, 2003).

Bereits Ende 1885 deutet sich ein erster Wandel an, als Freud von der stark anato-

misch orientierten deutschen Schule unter Helmholtz und Meynert zu der eher kli-

nisch ausgerichteten französischen Schule an der berühmten Salpêtière unter der Lei-

tung von Charcot wechselt. Ein Grund für diesen Wechsel ist vermutlich Freuds ver-

stärktes Interesse an den Neurosen, denen die deutsche Schule auf Grund nicht vor-

handener Gehirnläsionen ratlos gegenüberstand, während die klinische Methode der

französischen Schule die Symptome lediglich zu beschreiben suchte. Zwar betonen

Kaplan-Solms und Solms (2003), dass dieser „Loyalitätswechsel nicht mit dem

Wechsel von der Neurologie zur Psychologie gleichzusetzen ist“ (S.25), aber den-

noch könnte dies richtungsweisend für seine spätere Entwicklung sein.

Mit der Zeit entwickelt Freud immer mehr seine eigenen, damals einzigartigen Vor-

stellungen. Dabei distanziert er sich nach und nach von der Meinung Charcots, der

sich mit der Beschreibung der Neurosen begnügt und auf eine Enthüllung der patho-

logisch-anatomischen Zusammenhänge mittels verbesserter Techniken in der Zu-

kunft hofft. Freud jedoch vermutet, dass die Aufklärung anatomischer Aspekte allein

53 Wegweisend hierfür waren die Beobachtungen des französischen Neurologen Broca in den 60er

Jahren. Er fand heraus, dass die Schädigung eines bestimmten Gehirnabschnittes (‚Broca-Areal’) zu

einer Störung der Sprechfähigkeit führt (motorische Aphasie). Mit Hilfe der klinisch-anatomischen

Methode konnte somit erstmals der ‚Sitz’ einer bekannten mentalen Funktion im Gehirn abgebildet

werden. Einige Jahre später demonstrierte der deutsche Neurologe Wernicke, dass Schädigungen in

einem anderen Areal (‚Wernicke-Areal’) zum Verlust des Sprachverständnisses führen (sensorische

oder rezeptive Aphasie).

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

nicht ausreichen würde, um die Neurosen vollständig erklären zu können. Statt des-

sen betont er, „dass die Läsion bei den hysterischen Lähmungen ganz und gar unab-

hängig von der Anatomie des Nervensystems sein muss, denn die Hysterie benimmt

sich in ihren Lähmungen und anderen Manifestationen, als ob es die Anatomie nicht

gäbe oder als ob sie keinerlei Kenntnis derselben hätte“ (Freud, 1893; zitiert nach

Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.26). Indem er die Hysterie als psychische Störung

und „ihre physiologischen Korrelate als zwischen den anatomischen Elementen des

Nervensystems existierende ‚Assoziationen’“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.26;

Hervorhebung v. Verf.) versteht, vertritt Freud einen völlig neuen Standpunkt. Er

betont dabei die dynamischen Prozesse, gestützt durch die Beobachtung, dass Läsio-

nen bestimmter Gehirnareale nicht zum Totalausfall spezifischer psychischer Funkti-

onen, sondern vielmehr zu einer Veränderung bzw. Verzerrung derselben führt. Dar-

aus folgt, dass nicht ein bestimmtes Areal eine bestimmte mentale Funktion abbildet,

sondern dass es eine Art Wechselwirkung zwischen verschiedenen Gehirnregionen

zu geben scheint. Freud schließt daraus, „dass psychische Funktionen über eine inne-

re komplexe Organisation verfügen, die nach eigenen funktionellen Gesetzen ein

kompliziertes Ganzes ergibt und aus einem vielfältigen Wechselspiel von Wirkfakto-

ren besteht, dass sich zwischen seinen elementaren Komponenten vollzieht“ (Kap-

lan-Solms & Solms, 2003, S.27). Mit der Behauptung, dass psychische Funktionen

innerhalb eines dynamischen Systems und nicht durch streng festgelegte anatomische

Orte im Gehirn abgebildet sind 54 , widersetzt sich Freud der damals vorherrschenden

Meinung. Damit hat er interessanterweise schon vor mehr als hundert Jahren geahnt,

was heute als selbstverständlich angesehen wird, da man längst den Versuch, psychi-

sche Funktionen (wie z.B. das Gedächtnis) eng umgrenzten Gehirnarealen zuzuord-

nen, zu Gunsten einer dynamisch orientierten Theorie mehrerer beteiligter Hirnregi-

onen aufgegeben hat.

Da es zu der damaligen Zeit Freuds Ansicht nach noch nicht möglich ist, komplexe

und dynamische psychische Funktionen innerhalb des Gehirns zu lokalisieren 55 , ver-

zichtet er mit der Zeit immer mehr auf den Versuch einer anatomischen Zuordnung

54 Vgl. Freuds Ansicht, dass „Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im allgemeinen überhaupt

nicht in organischen Elementen des Nervensystems lokalisiert werden dürfen, sondern sozusagen

zwischen ihnen“ (Freud, 1900, S.579; Hervorhebung v. Verf.).

55 Dies sollte erst nach Freuds Tod mit Lurijas Methode der ‚dynamischen Lokalisation’ möglich

werden (siehe Kapitel 4.3.1).

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

klinischer Syndrome, bis er sich letztlich ausschließlich der Psychoanalyse widmet.

Hier markiert die 1900 erschienene ‚Traumdeutung’ den entscheidenden Wende-

punkt. Trotzdem - und das ist der wesentliche Punkt - negiert er keinesfalls die ana-

tomischen und physiologischen Aspekte psychischer Störungen. Er widerspricht le-

diglich der Behauptung, dass komplexe kognitive Prozesse innerhalb einzelner um-

schriebener Gehirnarealen lokalisiert werden können. Zwar widmet er von nun an

seine volle Aufmerksamkeit der psychoanalytischen Theorie, aber dies bedeutet

nicht, dass er nicht weiter an eine physiologische Fundierung seiner aufgestellten

Hypothesen glaubt. Aufgrund methodischer Grenzen und aus Mangel an neurowis-

senschaftlichen Erkenntnissen zu seiner Zeit, vor allem bezüglich der Lokalisation

dynamischer Prozesse, erwartet er lediglich zum damaligen Zeitpunkt nicht, anato-

misch-physiologische Unterstützung seiner Theorien zu erfahren. Statt dessen hofft

er darauf, dass dies zukünftig einmal möglich sein wird. 56

Nach Ansicht von Solms, kann die bisher kaum statt gefundene Annährung der bei-

den Disziplinen hauptsächlich auf das Fehlen einer geeigneten Methode, mit der die

klinischen Ergebnisse der Psychoanalyse mit den Resultaten der neurowissenschaft-

lichen Untersuchungen verbunden werden können, zurück geführt werden. Um hier

Abhilfe zu schaffen bedient er sich der unter 4.3.1 beschriebenen, von Lurija modifi-

zierten Variante der klinisch-anatomischen Korrelation, um so auch die Lokalisation

dynamischer Prozesse möglich zu machen. Mit Hilfe dieser Methode scheint nun

endlich der seit jeher von Freud gehegte Wunsch in Erfüllung zu gehen, die neurolo-

gische Organisation jener Funktionen und Prozesse aufzuspüren, die für die Psycho-

analyse wesentlich sind.

Hiermit wird deutlich, wie eng Psychoanalyse und Neurowissenschaften ursprüng-

lich miteinander verknüpft waren und das erst im Laufe der Jahrzehnte eine stetige

Auseinanderbewegung eingesetzt hat, die zu zwei scheinbar völlig gegensätzlichen

Disziplinen geführt hat. Umso erstrebenswerter erscheint das Vorhaben, den Versuch

einer Annäherung zu unternehmen und damit Freuds inzwischen hundertjährigen

Traum einer Reintegration ein Stück näher zu kommen. Neben Solms (1995, 1998,

2000) und Kaplan-Solms und Solms (2003) sind es dabei vor allem Koukkou und

56 Vgl.: „Das Lehrgebäude der Psychoanalyse, das wir geschaffen haben, ist in Wirklichkeit ein Überbau,

der irgendeinmal auf sein organisches Fundament aufgesetzt werden soll; aber wir kennen dieses

noch nicht“ (Freud, 1916-1917, S.377).

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Lehmann (1983, 1995), die sich bereits seit 20 Jahren um eine Synthese hirnphysio-

logischer und psychoanalytischer Erkenntnisse bemühen. Bei der Darstellung dieser

beiden, in erster Linie neurophysiologisch bzw. neuroanatomisch orientierten Theo-

rien werden die jeweiligen Implikationen für die Psychoanalyse in kursiver Schrift an

entsprechender Stelle kenntlich gemacht.

5.2. Das Zustands-Wechsel-Modell nach Koukkou und

Lehmann

Koukkou und Lehmann (Koukkou-Lehmann, 1995; Koukkou & Lehmann, 1983;

Lehmann & Koukkou, 1983) legen auf der Grundlage ihrer langjährigen Forschun-

gen ein „neuro-psycho-physiologisches Modell der Traumentstehung“ (Lehmann &

Koukkou, 1983, S.54) vor. Dieses Modell stellt einen, meiner Ansicht nach sehr er-

wähnenswerten Versuch dar, die Ergebnisse aus psychologischer und physiologi-

scher Schlaf- und Traumforschung miteinander in Einklang zu bringen. Kernstück ist

die Vermutung, dass der Traum das Ergebnis eines spezifischen funktionellen Zu-

standes des Gehirns während des Schlafes und den damit verbundenen spezifischen

Informationsverarbeitungsprozessen darstellt.

Die Autoren gehen davon aus, dass es eine Reihe unterschiedlicher funktionaler Zu-

stände des Gehirns gibt, die jeweils für einen anderen Modus der Informationsverar-

beitung zuständig sind und für die jeweils ein besonderer Gedächtnisspeicher exis-

tiert. Sie vermuten weiterhin, dass neue Information direkt in dem zustandszugehöri-

gen Gedächtnisspeicher abgelegt wird. Optimalerweise erfolgt auch der erneute Ab-

ruf aus dem entsprechenden funktionellen Zustand, wobei jeweils auch jenes Materi-

al abgerufen werden kann, welches in höher organisierten funktionellen Zuständen

des Gehirns gespeichert worden ist, nicht aber jenes aus niederen Zuständen (Asym-

metrie der Gedächtnisfunktionen). Somit erlaubt bzw. beschränkt ein bestimmter

funktioneller Zustand den Zugriff auf bestimmtes Material.

Der funktionelle Zustand unseres Gehirns ändert sich im Laufe eines Tages häufig,

was gemäß dem oben beschriebenen Modell dazu führt, dass z.B. Informationen, die

morgens gelernt werden, abends schwieriger wieder abzurufen sind, als am folgen-

den Morgen (gleicher funktioneller Zustand). Auch während des Schlafes durchlau-

fen wir verschiedene funktionelle Hirnzustände, die mit Hilfe des EEGs registriert

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

werden können (siehe Kapitel 4.1.2). 57 Da das EEG während der REM-Schlafphasen

dem Wachzustand mehr gleicht als das des Non-REM-Schlafes, können Träume

nach Weckungen aus REM-Schlafphasen am besten erinnert werden. Interessanter-

weise können auch im Non-REM-Schlaf mehr Träume erinnert werden, wenn das

EEG „vor der Weckung wachheitsnäher war“ (Koukkou & Lehmann, 1983, S.56).

Auch dies stützt die Vermutung, dass Gelerntes am besten dann wieder reproduziert

wird, wenn sich das Gehirn beim Abruf in einem gleichen oder ähnlichen funktionel-

len Zustand befindet, wie beim Erlernen (‚Zustandsabhängigkeit’).

Koukkou und Lehmann (1983) weisen darauf hin, dass sowohl die Wellenfrequenz

des EEGs als auch die Ausbildung differenzierter kognitiver Strategien im Laufe der

Entwicklung zunimmt. So weist das Auftreten vornehmlich langsamer Wellen im

EEG auf relativ einfache funktionelle Zustände hin. Sie treten z.B. bei Müdigkeit,

z.T. während des Schlafes und bei Kindern auf. Die Autoren vermuten, dass es wäh-

rend des Schlafes zu einer Art physiologischer Regression auf einfachere funktionel-

le Zustände kommt, die denen früherer Entwicklungsstufen ähneln. Durch das zeit-

weise Zurückfallen auf niedere funktionelle Hirnzustände wird der Weg zu jenen

Gedächtnisspeichern frei, die frühe Erinnerungen und Denkstrategien enthalten. So-

mit kommt es zu Zuständen, in denen ältere Erinnerungen und kognitive Strategien

mit neuen Erfahrungen verknüpft und die Gedächtnisspeicher der Kindheit wieder

zugänglich gemacht werden können.

Damit gehören die Autoren zu den ersten naturwissenschaftlich orientierten Traum-

forschern, die ein neurowissenschaftliches Äquivalent zur Freudschen Regression

anbieten. Ihre Vorstellung von einer ‚physiologischen Regression’ auf frühe, infanti-

le funktionelle Hirnzustände ähnelt stark dem Konzept der Regression nach Freud,

wonach der Schläfer während des Traumes auf frühkindliche Entwicklungsstufen

regrediert (siehe Kapitel 3.1.1). Dass dabei der Zugriff auf unbewusstes, verdrängtes

Material möglich wird, welches dann Richtung Bewusstsein drängt, erklärt dieses

Modell damit, dass nun auch die Gedächtnisspeicher der Kindheit wieder zugänglich

werden, während der Zugang zu ihnen im Wachzustand meist längst verschüttet ist.

57 Tatsächlich scheint ein einzelner dieser Hirnzustände jeweils nur einige Sekunden anzuhalten, so

dass es zu „fortwährenden Fluktuationen des funktionellen Zustandes“ (Koukkou & Lehmann, 1983,

S.59) kommt.

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Die Autoren erklären die vielfältigen Traum-Charakteristika (Bizarrheit, Diskontinu-

ität etc.) durch „die wiederholte Veränderung des funktionellen Zustands und die

damit bewirkte Verkettung von Gedanken, die aus verschiedenen zustandszugehöri-

gen Denkstrategien und jeweils zugänglichen Gedächtnisspeicherplätzen resultiert“

(Koukkou & Lehmann, 1983, S.63).

Durch den steten Wechsel unterschiedlicher funktioneller Hirnzustände und den je-

weils begrenzen Zugriff auf bestimmte Gedächtnisspeicher und kognitive Strategien

wird Material verschoben, verdichtet, bekommt eine neue Bedeutung, wird unver-

ständlich, bizarr, losgelöst von seinem Kontext und verknüpft sich mit anderem Ma-

terial. Dieser physiologische Wechsel entspricht nach Ansicht der Autoren den psy-

chologischen Mechanismen der Verdichtung, Verschiebung, Symbolbildung etc., kurz

- der Traumarbeit.

Parallel dazu bewirkt eine Veränderung in Richtung höher organisierte funktionelle

Hirnzustände (was u.a. immer dann geschieht, wenn die zu verarbeitenden Informa-

tionen für die Person neu und alarmierend sind), dass der Zugang zu den niederen

Gedächtnisspeichern versperrt wird. Dadurch wird es unmöglich, dass „die endgülti-

ge kognitive Interpretation der Information das gesamte Kontextmaterial berücksich-

tigen kann, das ursprünglich entscheidend für die alarmierenden Eigenschaften der

Information verantwortlich war“ (Koukkou & Lehmann, 1983, S.64).

Genau diesen Ablauf setzten Koukkou und Lehmann in enge Verbindung mit den

Mechanismen der Verdrängung und des Vergessens - also mit der Freudschen Vor-

stellung der Zensur. Die Zensur verhindert den vollen Zugriff und das Bewusstwer-

den verdrängten Materials, was im Zustands-Wechsel-Modell durch die oben be-

schriebene Asymmetrie der Gedächtnisfunktionen gewährleistet wird. Sie verhindert,

dass von einem bestimmten funktionellen Zustand aus Material, das in niederen Sys-

temen gespeichert ist, zugänglich wird.

Auch die Schwierigkeiten, sich nach dem Aufwachen an seine Träume zu erinnern,

erklärt das Modell mit der Tatsache, dass sich unser Gehirn in zu verschiedenen

funktionellen Zuständen befindet. Dabei gilt, dass die Erinnerung um so leichter fällt,

je näher sich der Zustand kurz vor dem Erwachen dem des Wachzustandes angenä-

hert hat. Auch auf die Frage nach der Funktion des Träumens bietet diese Theorie

eine Antwort: Träumen ist wichtig, um erneuten Zugang zu dem in frühen Entwick-

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

lungsphasen gesammelten Wissen zu erlangen und so früher gespeicherte Informati-

onen und Erinnerungen „unter Berücksichtigung neu aufgenommener Information in

Speicherplätze zu bringen, die von der Wachheit aus zumindest teilweise zugänglich

und somit für das bewusste Wachleben nutzbar sind“ (Koukkou & Lehmann, 1983,

S.64). Auf diese Weise werden alte Informationen mit neuen verknüpft und integriert

und das bestehende Wissen reorganisiert. Mit dieser Theorie einer adaptiven Funkti-

on des Träumens stehen die Autoren nicht alleine da (siehe Kapitel 3.3.5).

Dieses Modell versucht meiner Ansicht nach auf eine bemerkenswerte Weise, phy-

siologische Daten mit psychologischen Erfahrungen in Einklang zu bringen und bie-

tet so mögliche Erklärungen für psychoanalytische Konzepte wie Regression,

Traumarbeit oder Zensur. Auch auf die Frage, warum es uns so schwer fällt, uns im

Wachleben an unsere Träume zu erinnern, liefert die Theorie eine plausible Antwort.

Neben den Forschungen von Solms scheint mir dieses Modell ebenfalls ein Meilen-

stein auf dem Weg, Hirnforschung und Psychoanalyse miteinander zu verbinden, zu

sein.

5.3. Der dynamische Traumprozess nach Solms und seine

Implikationen für die Psychoanalyse

Im Folgenden knüpfe ich an die unter 4.3.1 bereits beschriebenen Ergebnisse von

Solms und Kaplan-Solms und Solms an und lege ihre neurodynamische Theorie des

Traumprozesses dar. Auch hierbei ergeben sich - wie beim Zustands-Wechsel-

Modell - oftmals interessante Querverbindungen zur psychoanalytischen Theorie, auf

die ich (in den kursiven Abschnitten) jeweils genauer eingehen werde. So wird mei-

ner Ansicht nach deutlich, dass sich ein neuroanatomisch und neurophysiologisch

orientiertes Modell der Traumentstehung zumindest teilweise mit den psychoanalyti-

schen Annahmen Freuds verbinden lässt.

Solms (1995, 1997, 1998, 2000) und Kaplan-Solms und Solms (2003) stellen anhand

der Ergebnisse ihrer jahrelangen Forschungsarbeit Vermutungen über die funktionel-

le Anatomie des Träumens und den dabei ablaufenden neurodynamischen Prozess

an, an dem alle sechs der unter 4.3.1 erwähnten und in Abbildung 4 dargestellten

Gehirnstrukturen beteiligt zu sein scheinen: der linke (A) und der rechte (B) inferiore

Parietallappen, der tiefgelegene ventromesiale Frontalbereich (C), der ventromesiale

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Temporal- und Okzipitallappen (D), sowie der frontale (E) und der temporale (F)

Anteil des limbischen Systems. Aber auch wenn verschiedene am Traumprozess be-

teiligte Faktoren und Areale identifiziert werden konnten, bedeutet dies nicht, dass

die einzelnen Funktionen innerhalb dieser Hirnregionen lokalisiert werden können.

Wie schon erwähnt und auch von Freud ausdrücklich betont, handelt es sich statt

dessen um einen dynamischen Prozess, der sich zwischen den einzelnen Komponen-

ten eines großen Ganzen entfaltet. Bezüglich dieser Dynamik des Traumvorganges

entwickeln die Autoren folgende Vorstellung: 58

Am Anfang des Traumprozesse steht ein bestimmter Reiz, der eine Aktivierungsre-

aktion (Arousal) zur Folge hat. Diese gesteigerte cerebrale Aktivierung des Gehirns

kann verschiedene Auslöser haben - der wohl bekannteste ist der im 90-minütigen

Rhythmus auftretende, durch spezifische physiologische Hirnstamm-Mechanismen

(G) ausgelöste REM-Zustand (siehe Kapitel 4.2.1), während dem das Gehirn hoch

aktiv ist. Darüber hinaus scheinen Traumberichte aber auch mit bestimmten Non-

REM-Phasen zu korrelieren, z.B. mit dem absteigenden Stadium 1 (Einschlafphase)

und der frühen Morgenphase. Auch bei diesen Phasen, die den Übergang zwischen

Wachen und Schlafen markieren, handelt es sich um Phasen gesteigerter Aktivie-

rung. Ein weiterer Zustand, in dem es vermehrt zu Traumberichten kommt, ist die

unter 4.3.1 beschriebene cerebrale Krampfaktivität in temporal-limbischen Arealen

(F). Da es sich hierbei jedoch um eine Art pathologische Form gesteigerter Hirn-

Aktivierung während des Schlafes handelt, führt dies vor allem zu Angst- und Alp-

träumen (Solms, 1998). Auch die Beobachtung, dass stimulierende Medikamente,

inklusive cholinerger und dopaminerger Wirkstoffe, Träume künstlich anregen kön-

nen, deutet nach Ansicht der Autoren darauf hin, dass ein gewisser Aktivierungszu-

stand des Gehirns Voraussetzung für die Initiierung des Traumprozesses ist (Solms,

2000). 59 Hierbei wird deutlich, dass der REM-Schlaf lediglich einen von vielen mög-

lichen Arousal-Zuständen darstellt, die den Traumprozess auszulösen fähig sind.

Theoretisch kann „jegliche Stimulation des schlafenden Gehirns einen möglichen

58 Solms (1997) betont ausdrücklich, dass es sich hierbei lediglich um ein spekulatives Modell handelt,

welches versucht, die Ergebnisse klinisch-anatomischer Studien mit bereits vorhandenem Wissen

zu integrieren.

59 Dabei ist es von besonderem Interesse, dass dopaminerge Wirkstoffe zwar Einfluss auf Intensität,

Dauer und Frequenz des Träumens haben, der REM-Schlaf davon jedoch gänzlich unbeeinflusst bleibt

(Hartmann et al., 1980; vgl. Solms, 2000). Dies spricht für die unter 4.2.4 bereits aufgestellt Hypothese,

das REM-Schlaf durch einen cholinergen und Träumen durch einen dopaminergen Mechanismus

kontrolliert werden.

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Auslöser für den Traumprozess darstellen“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.54;

Hervorhebung v. Verf.).

Die bloße Aktivierung des Gehirns reicht jedoch nicht aus, um den Traumprozess in

Gang zu setzen. Erst wenn der auslösende Reiz bzw. das Erregungsniveau intensiv

genug ist, das unter 4.2.4 und 4.3.1 beschriebene dopaminerge Motivationssystem

innerhalb der tiefergelegenen ventromesialen Frontallappen (C) zu aktivieren, sind

die Voraussetzungen zur Bildung eines Traumes gegeben. 60

Dass dieser Bereich eine so wesentliche Rolle zu spielen scheint, ist interessant. Aber

worum genau handelt es sich bei diesem Faserzug innerhalb der Frontallappen? Die

Funktion dieser Region scheint vor allem eine motivationale zu sein (siehe Kapitel

4.3.1). Panksepp vermutet, dass dieses System „zielgerichtete Verhaltensweisen und

Appetenzinteraktionen eines Organismus mit der Umwelt“ (Panksepp, 1985, zitiert

nach Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.57) auslöst. Das bedeutet, dass der Mensch

über diese dopaminerge Bahn dazu motiviert wird, äußere Objekte zur Befriedigung

seiner inneren Bedürfnisse aufzuspüren und mit ihnen zu interagieren. 61 Eine ähnli-

che Tendenz findet sich auch in der Freudschen Traumtheorie wieder. So ist er der

Ansicht, dass diese unbewusste Suche nach einem Objekt zur Erregungsabfuhr eine

primäre Triebkraft der Träume darstellt. Schäden innerhalb dieser Bahn führen ne-

ben einem totalen Ausfall der Traumaktivität außerdem zu Störungen, die durch

vermindertes Interesse, Initiative, Imagination und eine verminderte Fähigkeit zur

Vorausplanung gekennzeichnet sind (Panksepp, 1985; vgl. Solms, 2000; siehe

Kapitel 4.3.1). Der Zusammenhang zwischen der Beschädigung dieser Bahn, einer

Unterbrechung der Traumaktivität sowie der gleichzeitigen Verringerung eigenmoti-

vierter Verhaltensweisen ist hoch interessant, da er darauf hindeutet, dass Träume

tatsächlich „motivierte Phänomene und ihre Triebkraft Wünsche sind“ (Solms,

1999a, S.111). Anrecht darauf verschafft die Tatsache, dass der cholinerge Mecha-

60 Um es in aller Deutlichkeit zu sagen, scheint der spezifische (cholinerge / aminerge) Hirnstamm-

Mechanismus, der den REM-Schlaf generiert, weder notwendig, noch ausreichend zu sein, um den

Traumprozess zu initiieren. Im Übrigen erinnert diese Beobachtung stark an Freuds Analogie, der

zufolge ein Traum erst dann entsteht, wenn sich der traumauslösende Reiz (der Unternehmer) mit

einem unbewussten Wunsch (dem Kapitalisten) verbindet, um mit seiner Hilfe einen Traum auszulösen

(Freud, 1900).

61 Die Positiv-Symptomatik der Schizophrenie (die z.T. künstlich durch die Gabe von z.B. L-Dopa

induziert werden kann) wird mit einer Überaktivität dieses Systems in Verbindung gebracht

(Panksepp, 1998). Darüber hinaus wird es als primäre Wirkungsstätte antipsychotischer Medikation

betrachtet.

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

nismus, der die REM-Schlafphasen hervorruft, zwar als „motivational neutral“

(McCarley & Hobson, 1977; zitiert nach Solms, 1999a, S.112) anzusehen ist, der

dopaminerge Mechanismus, der für die Traumentstehung zuständig zu sein scheint,

hingegen das eben beschriebene motivationale Steuerungssystem des Gehirns dar-

stellt. Diese könnte darauf hindeuten, dass die Traumaktivität eng mit unseren in-

nersten Motivationen verbunden ist und Freud mit seiner Wunscherfüllungs-

Theorie des Traumes wohlmöglich gar nicht so Unrecht hatte.

Da diese dopaminergen Vorderhirn-Kreisläufe für den Traumprozess von unerlässli-

cher Bedeutung zu sein scheinen (bei Läsionen in diesem Bereich fällt das Träumen

vollständig aus), vermutet Solms (2000), dass diese Kreisläufe den finalen gemein-

samen Pfad darstellen, der von unterschiedlichen Formen cerebraler Aktivierung

während des Schlafes (REM und Non-REM) zum Träumen führt. Wie oben bereits

erwähnt, besteht die Aufgabe dieses Motivationssystems im Wachzustand darin, eine

Handlung zu initiieren, die auf ein bestimmtes Ziel oder Interesse hin ausgerichtet

ist. Jeglicher erregender Stimulus würde demnach in Richtung einer efferenten Ant-

wort streben, also in Richtung der motorischen Systeme. Da die motorischen Output-

Kanäle (H) während des Schlafes jedoch blockiert sind, kann die normalerweise

stattfindende zielorientierte Handlung nicht ausgeführt werden. Laut Solms (1995)

hat die bestehende Aktivierung nun zwei Möglichkeiten: entweder sie überwindet die

inhibierten motorischen Systeme und resultiert doch in einer zielgerichteten Hand-

lung, was dazu führen würde, dass der Schlaf gestört wird. Oder die Erregung schlägt

(wohlmöglich um den Schlaf zu schützen?) einen rückläufigen Weg ein und bewegt

sich von den motorischen Zentren weg in Richtung auf die posterioren Wahrneh-

mungssysteme der parieto-okzipitalen Region (A, B und D) und resultiert in einer

Halluzination. 62 Das bedeutet, dass „der Träumer im Schlaf nur in seiner Vorstellung

und nicht in Wirklichkeit sich gemäß seinen Motiven handelnd betätigt (Solms,

1999a, S.119; Hervorhebung v. Verf.).

Die Beobachtung, dass die psychische Erregung einen rückläufigen Weg nimmt, er-

innert sogleich an das Freudsche Konzept der Regression. In seiner Traumtheorie

geht er - wie in Kapitel 3.1.1 beschrieben - davon aus, dass der Mensch während des

Schlafes regrediert. Diese Regression findet seiner Ansicht nach innerhalb des psy-

62 Exakt diese Vermutung äußerte Freud bereits vor mehr als hundert Jahren (siehe Kapitel 3.1.2).

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

chischen Apparates statt, indem die psychische Erregung (im Gegensatz zum Wach-

zustand) vom motorischen zum sensorischen Ende läuft. Damit hat er vor mehr als

hundert Jahren schon genau das vermutet, was heute anhand neurowissenschaftli-

cher Untersuchungen der Wahrnehmungsverarbeitung während des Träumens bestä-

tigt werden kann.

Wie bereits in Kapitel 4.3.1 angedeutet, scheinen auch die Schritte innerhalb der

Wahrnehmungsverarbeitung während des Schlafes im Vergleich zum normalerweise

ablaufenden Verarbeitungsprozess genau umgekehrt zu sein. Während im wachen

Leben die Wahrnehmungsverarbeitung von der konkreten Wahrnehmung zur ab-

strakten Symbol- und Begriffsbildung läuft, werden im Schlaf zunächst die höheren

Ebenen der Wahrnehmungssysteme aktiviert, die für Gedächtnis und abstraktes Den-

ken zuständig sind. Im Anschluss daran kommt es zu einer Aktivierung der niederen

Systeme, die „für den konkreten Bildaufbau“ (Solms, 1999a, S.118) verantwortlich

sind. Für diese Theorie spricht die Beobachtung, dass es bei Schädigungen im Be-

reich der PTO-Kreuzung (höchste Ebene der Wahrnehmungsverarbeitung, Region A

und B) zu einem totalen Ausfall des bewussten Traumerlebens kommt (siehe Kapitel

4.2.4 und 4.3.1), während sich Schädigungen der niederen Ebene des visuellen Sys-

tems (z.B. im Bereich des Okzipitallappens) nur auf die Endphase des Traumentste-

hungsprozesses auswirken (Kerr et al. 1978, Sacks & Wasserman, 1987; vgl. Solms,

1999a). Daraus lässt sich schließen, dass bei der Traumentstehung der Beitrag der

höheren Ebenen dem der niederen Ebene zuvor kommt. Da im wachen Leben die

Wahrnehmung gerade bei Schädigungen der untersten Ebenen ausfällt, handelt es

sich demnach auch hier um einen der Reihenfolge im Wachleben entgegengesetzten

regressiven Prozess, bei dem eine Information quasi innerhalb des Systems zurück

projiziert wird (Kosslyn, 1994). Das würde bedeuten, dass beim Träumen „innerlich

erzeugt Bilder rückwärts in die visuellen Rindenfelder übermittelt [werden], so als

kämen sie von außen“ (Zeki, 1993; zitiert nach Solms 1999a, S.116). 63

Wenn nun tatsächlich „Traumbilder über einen Prozess generiert werden, der die

Umkehrung der normalen Abfolge von Schritten bei der Wahrnehmungsverarbeitung

darstellt, so ergibt sich daraus die Vermutung, dass im Traum abstrakte Gedanken

63 Dieser regressive Charakter des Traumprozesses konnte durch umfangreiche Forschungen zur visuellen

Informationsverarbeitung sowie durch Patienten mit neurologischen Erkrankungen nachgewiesen

werden (Solms, 1997).

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5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

und Erinnerungen in konkrete Wahrnehmungen umgesetzt werden“ (Solms, 1999a,

S.114-115). Dies erinnert wiederum stark an den Gedanken, den Freud bereits vor

vielen Jahren hatte, als er schrieb: „Das Gefüge der Traumgedanken wird bei der

Regression in sein Rohmaterial aufgelöst“ (Freud, 1900, S.519). Anders formuliert

ging er davon aus, dass „sich im Traum die Vorstellung in das sinnliche Bild rück-

verwandelt, aus dem sie irgendeinmal hervorgegangen ist“ (ebd.). Dementsprechend

hat Freud seinerzeit bereits vermutet, dass sich die Abfolge der Schritte der Wahr-

nehmungsverarbeitung während des Schlafes umkehrt.

Dies bedeutet also, dass sich „der Fokus des nächtlichen Erregungsprozesses auf die

posterioren Systeme des Gehirns, welche die Wahrnehmungsfunktionen steuern,

sowie die auf Wahrnehmung beruhenden höheren räumlichen und symbolischen

Operationen“ (Solms, 1999b, S.66) verschiebt. Hiermit spielt Solms auf die wichtige

Bedeutung des linken inferioren Parietallappens (A, Symbolisierung), des rechten

inferioren Parietallappens (B, räumliches Denken) und der ventromesialen Bereiche

des Temporal- und Okzipitallappens (D, visuelle Bilder) an.

Diese Beobachtung scheint wiederum in gewissem Einklang mit der Freudschen

Vorstellung einer Regression innerhalb des psychischen Apparates zu stehen. Wie

in Kapitel 4.3.2 beschrieben, kann die Stoffwechselaktivität des Gehirns im Wach-

und im Schlafzustand mit Hilfe bildgebender Verfahren beobachtet werden. Interes-

sant ist dabei vor allem, dass der dorsolaterale Frontalhirnbereich während des ge-

samten Traumprozesses vollständig inaktiv ist. Dies ist insofern erstaunlich, als ge-

rade dieser Bereich im Wachzustand äußerst aktiv ist und viele wichtige exekutive

Funktionen, wie z.B. Handlungsplanung, Inhibition oder Problemlösen koordiniert.

Dies und die oben beschriebene Tatsache, dass sich der Fokus des nächtlichen Erre-

gungsprozesses auf eher posteriore, parieto-okzipitale Areale (Wahrnehmung und

Gedächtnis) verlagert, scheint die Vermutung Fechners, „der Schauplatz, auf dem

sich die Träume (in der Seele) abspielen, sei ein anderer als der des wachen Vorstel-

lungserlebens“ (1889; zitiert nach Freud, 1916-17, S.107), zu bestätigen. Im Wach-

leben befindet sich dieser ‚Schauplatz’ im Bereich der dorsolateralen Frontalhirnre-

gion (Schaltstelle zwischen Denken und Handeln), beim Träumen hingegen im weiter

posterior gelegenen parieto-okzipitalen Bereich (Gedächtnis- und Wahrnehmungs-

systeme; Region A, B und D). Deutlich wird dies außerdem durch die oben beschrie-

bene Tatsache, dass das psychische Geschehen im Wachzustand normalerweise in

86


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Handeln mündet, während dies im Traum aufgrund der Blockierung sowohl der dor-

solateralen Frontalhirnregion, die die Schaltstelle zu den motorischen Systemen bil-

det, als auch der motorischen Outputkanäle, nicht möglich ist (Braun et al., 1997,

1998). Der ‚Schauplatz’ verlagert sich also vom motorischen zum sensorischen En-

de, entsprechend der Freudschen Vorstellung der Regression innerhalb des psychi-

schen Apparates (siehe Kapitel 3.1.1).

Da aber die reflexiven Systeme am frontalen Ende des limbischen Systems (E) wäh-

rend des Schlafs inaktiv sind, nimmt der Träumer die imaginierten Traumbilder als

reale Wahrnehmungen an (Solms, 1999a). 64 Die Tatsache, dass im Schlaf meist die

zweite der oben genannten Möglichkeiten eintritt und der Schlaf fortgesetzt werden

kann, schreibt Solms dem Einfluss des ventromesialen Frontallappenbereichs (C) zu,

der vermutlich auch eine hemmende Funktion besitzt. So fungiert diese Region zu-

sammen mit den frontalen limbischen Arealen (E) quasi als eine Art Kontrollmecha-

nismus.

Da diese Bereiche u.a. für die Affektregulation, Impulskontrolle und Realitätsprü-

fung zuständig sind, könnte man vermuten, dass sie jene Aufgaben übernehmen, die

Freud in seiner Traumtheorie der Zensur zuschreibt. Er ist der Ansicht, dass die

Zensur das ungehinderte Durchdringen unbewusster Wünsche und verdrängter Er-

innerungen zum Bewusstsein verhindert. Genau diese ‚Durchlass-Funktion’ scheinen

die eben beschriebenen Regionen C und E zu besitzen, so dass Solms (2000) vermu-

tet, dass sie zumindest mögliche Komponenten des Freudschen Konzepts der Zensur

darstellen könnten.

Solms (1995) geht demnach davon aus, dass appetitive subkortikale Impulse durch

die oben beschriebenen Areale (C und E) zensiert und anschließend aus ‚Sicherheits-

gründen’ in die posterioren Areale, die für Wahrnehmung und symbolische bzw.

räumliche Repräsentation zuständig sind (A, B und D), zurück projiziert werden.

64 Allerdings scheinen diese reflexiven Systeme während des Schlafes nicht vollständig inaktiv zu

sein, denn es gibt neurologische Erkrankungen oder Schädigungen, bei denen dies der Fall ist (siehe

Kapitel 4.3.1). Diese Patienten träumen während des gesamten Schlafes fast ununterbrochen und sind

auch im Wachzustand nicht fähig, zwischen Gedanken und realen Wahrnehmungen zu unterscheiden.

Dies deutet darauf hin, dass der psychische Prozess auch während des Schlafens nicht aussetzt und

nur unter bestimmten physiologischen Bedingungen (unter denen der REM-Schlafzustand eine, aber

bei weitem nicht die einzige Bedingung darstellt) die Form des Träumens annimmt“ (Solms, 1999a,

S.118).

87


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Schädigungen dieser hemmenden Regionen (C und E) führen dazu, dass die motori-

schen Systeme während des Schlafes nicht länger inhibiert sind, Träumen unmöglich

und der Schlaf gestört wird. Aber selbst bei intakter Funktion dieser Regionen kann

es passieren, dass sie von einem außergewöhnlich starken Reiz (wie z.B. während

nächtlicher Krampfanfälle) überwältigt werden. Dies führt zu einem massiven Auf-

treten von Angst, der Träumer wacht auf und wiederum ist der Schlaf gestört (Solms,

1995).

Deuten diese Beobachtung darauf hin, dass Freud auch mit seiner Theorie vom

Traum als Hüter des Schlafes (siehe Kapitel 3.1.2) Recht behalten könnte? Tatsäch-

lich impliziert seine Annahme, dass der Traum eine Reaktion auf etwas ist, was den

Schlaf stört. Und tatsächlich haben alle möglichen Mechanismen, die als Auslöser

für Träume fungieren können, eines gemeinsam, nämlich dass „sie alle einen Zu-

stand gesteigerter cerebraler Erregung (arousal) im Schlaf hervorrufen“ (Solms,

1999a, S.112; siehe oben). Daran anknüpfend macht Fink (1977) die Beobachtung,

dass die Weckschwelle während des REM-Schlafes, in dem nachweislich die meisten

Träume auftreten, wesentlich höher liegt, als in den anderen Schlaf-Stadien. Außer-

dem stellt er fest, „dass neurologische und psychiatrische Anfälle jeder Art niemals

in den traumanfälligen REM-Phasen auftreten“ (S.281). Solms (1995, 1997) bestä-

tigt diese Resultate in dem er nachweist, dass Patienten, bei denen es auf Grund ei-

ner Hirnschädigung zu einem Verlust der Traumfähigkeit gekommen ist, weitaus

häufiger unter Schlafstörungen leiden, als hirngeschädigte Patienten mit intakter

Traumfunktion. Diese Beobachtungen scheinen für eine mögliche Funktion des

Traumes als Hüter des Schlafes zu sprechen.

Zusammenfassend weist das eben beschriebene neuroanatomisch und neuropsycho-

logische Modell zur Traumentstehung recht deutlich darauf hin, dass es sich - wie

vor hundert Jahren bereits von Freud vermutet - beim Träumen um einen regressiven

Prozess handelt, der durch nächtliche Erregungszustände ausgelöst wird. Solch ein

efferenter Aktivierungsprozess schlägt unter der hemmenden und regulierenden Kon-

trolle mediobasal frontal-limbischer Mechanismen (Region C und E) einen regressi-

ven Weg zu den posterioren Wahrnehmungssystemen der temporo-parieto-

okzipitalen Region (A, B und D) ein. Demnach wird die Erregung nicht wie im

Wachzustand auf motorischem Wege (H) abgeführt, sondern resultiert in einem hal-

luzinatorischen Erlebnis.

88


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Anhand dieser hypothetischen Abfolge des Traumprozesses wird deutlich, dass es

zwischen der neurowissenschaftlichen und der psychoanalytischen Vorstellung von

Traumfunktion und Traumentstehung eine Reihe Parallelen gibt und eine Verknüp-

fung der Ansätze sehr fruchtbar sein kann. Da sich nicht nur bezüglich des Traum-

prozesses, sondern auch hinsichtlich der von Freud oftmals betonten Beziehung von

Traum und Psychosen interessante Ähnlichkeiten nachweisen lassen, möchte ich

darauf im Folgenden kurz eingehen.

5.4. Der Traum und die Psychosen

Schon lange vor Freud haben sich die Menschen mit der Beziehung zwischen Traum

und Geistesstörungen befasst. Kant sagt bereits 1764: „ Der Verrückte ist also ein

Träumer im Wachen.“ (S.265) und Krauß (1859): „Der Wahnsinn ist ein Traum in-

nerhalb des Sinneswachseins.“ (zitiert nach Freud, 1900, S.111). Auch Wundt (1906)

findet Gemeinsamkeiten des Traumes mit den „schwersten Formen geistiger Zerrüt-

tung“ (S.358) und bezeichnet den Traum als „Zustand normalen transitorischen Irre-

seins“ (S.355). Hier wird bereits die Parallele deutlich, die offensichtlich zwischen

Träumen und Geisteskrankheiten bzw. Psychosen besteht. Freuds Ansicht zufolge

müsste demnach das sorgfältige Studium der Träume hilfreiche Informationen über

die Psychosen ergeben und so geht er davon aus, „dass wir an der Aufklärung der

Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Geheimnis des Traumes aufzuhel-

len“ (Freud, 1900, S.113).

Beide Phänomene sind durch recht ähnliche Zustände charakterisiert, wie z.B. ver-

minderte Fähigkeit zur Realitätsprüfung, veränderte Wahrnehmungen, lose Verbin-

dung der Vorstellungen und Gedanken allein nach den Gesetzen der Assoziation,

Fehlen jeglichen Zeitgefühls etc. In beiden Fällen scheint es sich um den Durchbruch

unbewusster Regungen und Phantasien zu handeln. Der gemeinsame Mechanismus

ist demnach vermutlich, wie Griesinger 1861 (vgl. Freud, 1900) bereits vermutet und

Freud später wieder aufgreift, die Wunscherfüllung. Während sich in unseren Träu-

men verdrängte unbewusste Wünsche einen Weg ins Bewusstsein bahnen (was, wie

in Kapitel 3.1.1 beschrieben, nur nach Entstellung durch die Zensur möglich ist),

scheinen bei psychotischen Patienten diese Wünsche auch im Wachzustand durch zu

brechen. Dies liegt vermutlich an einer Schwächung eben dieser Kontrollinstanz, so

dass es im Fall der Psychose nicht nur im Schlaf, sondern auch im Wachleben zur

89


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

halluzinatorischen Befriedigung der unbewussten Wünsche kommt. Das bedeutet,

dass wir im Schlaf eine Art „harmlose Traumpsychose“ (Freud, 1933, S.459) durch-

machen, die mit dem Aufwachen wieder verschwindet, während die Psychose die

pathologische Form dieses Phänomens darstellt. Dies vermuten auch schon Scho-

penhauer (1862; vgl. Freud, 1900), der den Traum einen kurzen Wahnsinn und den

Wahnsinn einen langen Traum nennt und Radestock (1879; vgl. Freud, 1900), der

den Wahnsinn als krankhafte und übersteigerte Version des normalen Traumzustan-

des betrachtet.

Dass zwischen dem Traum und den Psychosen gewisse Gemeinsamkeiten bestehen,

wird nun auch von neurowissenschaftlicher Seite belegt. So spricht selbst Hobson

vom Traum als „nächtliche[m] Verrücktsein“ (1990, S.174) und ist - wie Freud - der

Ansicht, dass ein Verständnis des Traumprozesses zum besseren Verständnis der

Psychosen beitragen kann. Aber worin genau äußern sich diese Gemeinsamkeiten

von Traum und Psychose in neurowissenschaftlicher Hinsicht?

Im Wachzustand wird der Kortex, der für die Regulierung unserer mentalen Aktivitä-

ten zuständig ist, durch aufsteigende Impulse aus dem Hirnstamm aktiviert (Moruzzi

& Magoun, 1949; vgl. Gottesmann, 2000). Parallel zu dieser Aktivierung üben die

aminergen Neurone (Dopamin, Noradrenalin, Serotonin, Histamin) einen eher hem-

menden Einfluss aus. Durch das Zusammenwirken dieser beiden Einflüsse (Erregung

und Hemmung) wird unser logisches und rationales Denken im Wachzustand mög-

lich: während die aktivierenden Impulse die Funktionsfähigkeit des Kortex garantie-

ren, sorgen die hemmenden Impulse dafür, diese Aktivierung zu kontrollieren und so

eine ‚normale’ mentale Arbeitsweise zu ermöglichen. Im Tiefschlaf kommt es zu

einem Abfall beider Einflüsse, was dazu führt, dass die mentale Aktivität eher ge-

dankenartig wird. Während des REM-Schlafes jedoch, einer Phase in der weitaus

häufiger Träume berichtet werden, ist der Kortex weiterhin aktiviert (ähnlich dem

Wachzustand), gleichzeitig aber auch weitestgehend disinhibiert, da die hemmenden

aminergen Neurone, mit Ausnahme der dopaminergen, ihr Feuern in diesem Stadium

einstellen (siehe Kapitel 4.2.2). Die Gemeinsamkeit von REM-Schlaf und Wachzu-

stand scheint demnach in der kortikalen Aktivierung zu bestehen. Der Unterschied

zwischen diesen beiden Zuständen wiederum äußert sich darin, dass im Wachzustand

eine gleichzeitige Hemmung durch die aminergen Neurone statt findet. Während des

REM-Schlafes hingegen ist der Kortex auf Grund einer Abnahme des inhibitorischen

90


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Einflusses gleichzeitig aktiviert und enthemmt. Diese Disinhibition bzw. die vermin-

derte Kontrolle der kortikalen Erregung (hervorgerufen durch Abnahme der Aus-

schüttung der aminergen Neurone, mit Ausnahme von Dopamin), könnte die Bi-

zarrheit der mentalen Inhalte dieser Stufe erklären. 65 Genau diese Bizarrheit, ebenso

wie das Auftreten sensomotorischer Halluzinationen, verminderten selbst-

reflektiertem Bewusstseins, instinktiven Verhaltens etc. (Hobson et al., 1998; vgl.

Gottesmann, 2000) ist sowohl den mentalen Prozessen während des Träumens als

auch während der Psychose gemeinsam. Somit scheint also vor allem die andauernde

Ausschüttung von Dopamin in Zusammenhang mit dem Sistieren der Abgabe der

weiteren aminergen Neurone während des REM-Schlafes für die Psychose-ähnliche

mentale Aktivität während des Träumens verantwortlich zu sein. Diese Hypothese

wird außerdem dadurch bestätigt, dass übermäßige Ausschüttung von Dopamin zu

psychotischen Störungen führt (Buffenstein et al., 1999; vgl. Gottesmann, 2000). Im

Gegensatz dazu führte die in den 50er und 60er Jahren durchgeführte präfrontale

Leukotomie (neurochirurgische Durchtrennung der unter 4.2.4 und 4.3.1 beschriebe-

nen dopaminergen Bahn) bei der Behandlung psychotischer Störungen zu einer deut-

lichen Abnahme der psychotischen Symptome (Gottesmann, 1999, Solms, 1999a).

5.5. Kritik an der Neuro-Psychoanalyse

Auch wenn sich heute weltweit immer mehr Forscher aus den verschiedensten Dis-

ziplinen zusammen tun, um den Versuch zu unternehmen, die Neurowissenschaften

mit der Psychoanalyse zu vereinen, gibt es selbstverständlich auch heftige Gegner

dieser Strömung. Kritik bleibt nie aus - vor allem nicht, wenn es sich um so ein teil-

weise recht spekulatives Unterfangen handelt, wie das Bemühen, die Freudsche The-

orie auf ein neurophysiologisches Fundament zu stellen.

Einer der erbittersten Gegner, sowohl der Freudschen Theorien als auch der Solm-

schen Interpretationen neurowissenschaftlicher Daten im Hinblick auf die psycho-

analytischen Traumhypothesen ist Allan Hobson. Anstelle jeglicher innerpsychischer

65 Gottesmann (2000) erinnert in diesem Zusammenhang an Freuds Theorie vom manifesten Trauminhalt

als verschlüsselte Botschaft der latenten Traumgedanken (siehe Kapitel 3.1.3). So weist Freud

bereits damals auf den meist unlogischen und irrationalen Charakter des manifesten Trauminhaltes

hin. Nach Ansicht von Gottesmann und Stickgold et al. (2001) könnte dies sowohl auf die Deaktivierung

des dorsolateralen präfrontalen Kortes (siehe Kapitel 4.3.2) als auch auf die oben beschriebene

Abnahme der Ausschüttung aminerger Neurotransmitter zurück geführt werden.

91


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Prozesse, unbewusster Triebregungen und unterdrückter Wünsche setzt er sein rein

neurowissenschaftliches Aktivierungs-/Synthese-Modell (siehe Kapitel 4.2.2) und

negiert damit jegliche tiefere Bedeutung unserer Träume. Zwar räumt er in einer

neueren Version seines Modells die Möglichkeit ein, dass neben dem Hirnstamm

auch andere Bereiche (wie z.B. limbische und paralimbische Areale, sowie basale

Vorderhirnstrukturen) am Traumprozess beteiligt sein könnten, trotzdem geht er von

einem biologischen Determinismus jeglicher psychischer Prozesse aus (Gilmore &

Neressian, 2000). Seit jeher plädiert er für eine Modifizierung der psychoanalyti-

schen Traumtheorie im Hinblick auf die aktuellen neurowissenschaftlichen Ergebnis-

se (Hobson, 1992). 66 In Abbildung 5 stellt er dem psychoanalytischen Modell seine

Aktivierungs-/Synthese-Hypothese gegenüber.

Hobson wirft der Psychoanalyse vor, in ihrer Traumtheorie keinerlei Bezug zu hirn-

Psychoanalytical Dream Theory

Activation-Synthesis Hypothesis

Abbildung 5: Die Traumentstehung aus Sicht der Psychoanalyse

und aus Sicht des Aktivierungs-/Synthese-

Modells nach Hobson (aus: Hobson, 1992, S.464)

physiologischen Prozessen aufzu-

weisen. Der Traumbericht wird als

symbolisch enkodierte Transfor-

mation des tatsächlichen Traum-

reizes angesehen, der einer Deu-

tung bedarf, um den dahinter ste-

henden latenten Trauminhalt auf-

zudecken. Im Aktivierungs-/Syn-

these-Modell hingegen wird der

Traum als transparentes und

durchschaubares Produkt einer un-

gewöhnlichen Art und Weise der

Informationsverarbeitung angese-

hen; eine Unterscheidung von la-

tentem und manifestem Traumin-

halt gibt es nicht. Hobson kritisiert

die seiner Meinung nach irrige

Annahme der psychoanalytischen

66 Dieser Vorschlag, die eigenen Theorien in Hinblick auf die aktuellen Ergebnisse des interdisziplinären

Dialoges zu modifizieren, kann meiner Ansicht nach postwendend an Hobson selbst gerichtet

werden.

92


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

Traumtheorie, der zufolge es dem Nervensystem an eigener Energie fehlt, so dass es

die Energie zur Initiierung des Traumprozesses aus zwei non-neuronalen Quellen

bezieht: der äußeren Welt und der inneren Triebe. Heute wisse man aber, dass das

Gehirn seine eigene Energie generiere und weder von der äußeren Welt noch von

somatischen Trieben abhängig sei. Dementsprechend ist die Energie, die das Gehirn

während des REM-Schlafes aktiviert, neuronal (Hobson, 1992). Während Freud da-

von ausgeht, dass unbewusste Wünsche und Tagesreste die treibendenden Kräfte der

Trauminitiierung sind, stellen diese beiden Faktoren für das Aktivierungs-/Synthese-

Modell lediglich zwei von vielen möglichen formenden Kräften innerhalb des syn-

thetischen Prozesses dar. Im Gegensatz zur Psychoanalyse kann also ein verdrängter

Konflikt gemäß des Aktivierungs-/Synthese-Modells in die Traumhandlung mit ein-

gehen, stellt aber gleichzeitig nur einen von vielen möglichen Faktoren dar und ist

allein weder ausreichend noch notwendig, um den Traumprozess einzuleiten. Dem-

nach ist die Bedeutung der Träume leicht zu erkennen und kann ohne Dekodierung

erschlossen werden.

Seine drastische Ansicht fasst Hobson in folgendem wohlgemeinten Rat zusammen:

„What I mean is that if you want to understand your dreams, the last person you

would want to consult is Sigmund Freud or one of his psychoanalytic protégés!”

(Hobson, 2000, S.951). Diesen Hinweis, sich zur Interpretation seiner Träume tun-

lichst von Freud und seinen Anhängern fernzuhalten, beruht auf Hobson’s unerschüt-

terlicher Überzeugung, dass unbewusste Wünsche keinerlei wesentliche Rolle bei der

Auslösung von Träumen spielen, dass unsere Emotionen keinesfalls verschlüsselt

oder zensiert in den Trauminhalt eingehen, dass der Schlaf nicht vom Traum bewacht

wird und dass die Trauminterpretation mittels freier Assoziation jeglicher wissen-

schaftlicher Grundlage entbehrt. Statt anhand der Forschungsergebnisse von Solms

seine eigene Hypothese von Aktivierung und Synthese kritisch zu hinterfragen, will

er sie lediglich benutzen, um sein Modell dahingehend zu modifizieren, die angebli-

che Schwäche der Freudschen Theorie nur noch offensichtlicher darzulegen (Hob-

son, 2000).

Es erscheint mir fast unvorstellbar, dass Hobson eines der subjektivsten, bedeutends-

ten und vielfältigsten Phänomene - das Träumen - auf derart simple und nüchterne

Annahmen reduzieren will: Träume werden durch automatische Hirnaktivierung im

Schlaf hervorgerufen, Träume sind bizarr, weil sich dieser Aktivierungs-Prozess in

93


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

wesentlichen Punkten von dem im Wachleben unterscheidet, Träume sind hyperemo-

tional, weil das emotionale Gehirn während des Schlafes selektiv aktiviert ist, und

Träume werden vergessen, weil das Gedächtnissystem auf Grund eines zeitweiligen

Mangels aminerger Neurotransmitter für neue Erinnerungen während des Schlafes

inaktiv ist - kurz: jeglicher Eindruck psychischer Aktivität bzw. Relevanz während

unserer Träume ist durch biologische Mechanismen determiniert, oder wie Hobson

(1990) selbst es ausdrückt: „Träumen [ist] in all seinen formalen Aspekten durch die

menschliche Physiologie bestimmt (...): Die visuellen Wahrnehmungen, die

Fremdartigkeit, das unlogische Denken, der Gedächtnisausfall, die Gefühle und die

fehlende Einsicht - sie alle werden durch den physiologischen Zustand des Gehirns

im REM-Schlaf bestimmt.“ (S.151)

An dieser Stelle üben Gilmore und Nersessian (2000) berechtigte Kritik, indem sie

auf die Einseitigkeit von Hobson’s Modell hinweisen. Es handele sich dabei um eine

Einbahnstrasse, die lediglich vom Gehirn zur Psyche, aber nicht zurück führe. Dieser

‚biologische Reduktionismus’ führt zu der Annahme, dass jedes psychisches Phäno-

men durch spezifische Gehirnfunktionen determiniert ist, während psychische Ereig-

nisse jedoch nicht bestimmte Hirnfunktionen determinierten können. Gilmore und

Neressian erinnern an die Beobachtung, dass psychische Zustände neurophysiologi-

sche Veränderungen im Gehirn hervorrufen können (Gabbard, 1998; vgl. Gilmore &

Neressian, 2000), so dass die Annahme einer ausschließlich einseitigen Verlaufswei-

se nicht zutreffen kann.

Leuschner et al. (1998) kritisieren die Solmsche Vorgehensweise von einer anderen

Seite her. Sie weisen darauf hin, dass Läsionsdaten nicht dazu geeignet sind, „unmit-

telbar auf normale Teilfunktionen des psychischen Apparates zu schließen, wie

Solms das speziell im Falle der Traumbildung versucht“ (S.828). Jedoch übersehen

die Autoren meiner Meinung nach, dass Solms genau dies zu vermeiden sucht indem

er betont, dass die identifizierten, am Traumprozess beteiligten Faktoren nicht mit

den jeweiligen Funktionen der entsprechenden Strukturen gleichzusetzen sind. Dar-

über hinaus weist er stets auf den spekulativen Charakter seiner Hypothesen hin, ist

sich „der Lücken und der Inkonsitenzen“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.226)

durchaus bewusst und weist ausdrücklich darauf hin, „dass all diese Schlussfolge-

rungen mit Vorsicht zu genießen sind“ (S.224). Trotzdem stellen seine Untersuchun-

gen und Interpretationen meiner Meinung nach einen der bemerkenswertesten Ver-

94


5. Psychoanalyse und Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze

suche dar, die Neurowissenschaften mit der Psychoanalyse zu verbinden und Hin-

weise auf die neurologische Organisation bestimmter psychologischer Funktionen zu

erlangen. Da es sich hier um ein sehr großes und ehrgeiziges Projekt handelt, wel-

ches sich quasi noch in den Kinderschuhen befindet, gibt es natürlich auch Schwach-

stellen, Lücken und Kritikpunkte, aber nur so kann ein Projekt wie dieses wachsen

und sich weiter entwickeln.

95


6. Zusammenfassung und Ausblick

6. Zusammenfassung und Ausblick

6.1. Zusammenfassung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist, der Frage nach der Funktion und der Entstehung von

Träumen aus psychoanalytischer und neurowissenschaftlicher Sicht nachzugehen

und dabei aufzuzeigen, inwieweit ein interdisziplinärer Dialog für beide Seiten ge-

winnbringend sein kann.

Zu diesem Zweck habe ich zunächst Ausschnitte der wegweisenden Traumtheorie

Freuds dargestellt (siehe Kapitel 3.1). Er erkennt den Traum als „vollwichtigen psy-

chischen Akt“ (1900, S.51) an und beschreibt, wie die latenten Traumgedanken mit

Hilfe der Mechanismen der Traumarbeit in die Bilderschrift des manifesten Traumes

übersetzt werden. Triebfeder eines jeden Traumes ist seiner Ansicht nach stets ein

unbewusster infantiler Wunsch, der sich mit sogenannten Tagesresten verbindet und

von der Zensur entstellt im Traum erscheint. Demnach ist eine wichtige Funktion des

Träumens laut Freud die Erfüllung verdrängter Triebwünsche. Eine weitere Funktion

besteht seiner Ansicht nach darin, den Schlaf zu schützen, das Emporsteigen unbe-

wusster Triebregungen, Wünsche und Ängste zu verhindern und so die Fortsetzung

des Schlafes zu gewährleisten. Wie im weiteren Verlauf des 3.Kapitels ersichtlich

wird, gehen andere Vertreter der psychoanalytischen Denkweise nach Freud von

weiteren möglichen Funktionen des Traumes aus. So sehen sie den Traum z.B. als

Kompensation (Jung, 1945; Schultz-Hencke, 1949; Siebenthal, 1953), schreiben ihm

prospektive und konfliktlösende Eigenschaften zu (Adler, 1936; Eckes-Lapp, 1980),

sehen in ihm ein Ausdrucksmittel der innerpsychischen Verfassung (Adler, 1936;

Jung, 1945; Mancia, 2002), ein Kommunikationsmittel (Beese, 1983; Jung, 1945)

oder stellen eine integrative Theorie zur Traumfunktion auf (Breger, 1977; Fosshage,

1983; Kemper, 1955; Palombo, 1984).

Mit der Entdeckung des REM-Schlafes Mitte der 50er Jahre und der Beobachtung,

dass Träume vor allem nach Weckungen in diesen Phasen berichtet werden, kommt

es zu einer großen Wende innerhalb der Schlaf- und Traumforschung. Von nun an

werden Träume lediglich als Epiphänomen des REM-Schlafes angesehen und allein

die physiologischen Hirnstamm-Mechanismen, die für die Generierung des REM-

Schlafes ausschlaggebend sind, als Traumauslöser anerkannt (Hobson & McCarley,

96


6. Zusammenfassung und Ausblick

1977; vgl. Hobson, 1992). Somit verliert der Traum jegliche psychische Bedeutung

(siehe Kapitel 4.2). Im Laufe der Jahre wird aufgrund der Beobachtung, dass Träume

nicht nur in REM-Phasen vorkommen, die Behauptung eines Isomorphismus zwi-

schen REM-Schlaf und Träumen in Frage gestellt und vermutet, dass Träume von

anderen Hirnmechanismen kontrolliert werden. So gelingt es Solms (1995, 1997) mit

Hilfe einer modifizierten Variante der klinisch-anatomischen Korrelation insgesamt

6 Gehirnregionen und ihren jeweiligen Beitrag am Traumprozess zu identifizieren.

Dabei handelt es sich um Ergebnisse, die inzwischen auch mit Hilfe bildgebender

Verfahren bestätigt werden konnten (Braun et al., 1997; Hofle et al., 1997; Maquet et

al., 1997; siehe Kapitel 4.3). Diese Untersuchungen und die damit verbundenen Re-

sultate lassen - im Gegensatz zu früheren neurowissenschaftlichen Traumtheorien -

wieder neue Hypothesen über die Funktion des Träumens zu und erlauben z.T. inte-

ressante Querverweise zur psychoanalytischen Theorie.

Wie im 5.Kapitel dargestellt, ist der Versuch einer Verknüpfung der „methodologi-

schen Herangehensweise der Psychoanalyse, die dem Traum einen Sinn verleiht“

(Giampieri-Deutsch, 2002, S.27) mit „der Methodologie der Neurowissenschaften,

die die an der Produktion, Organisation und Narration des Traumes beteiligten Struk-

turen untersucht“ (ebd.) sogar sehr fruchtbar. So bieten sowohl das neuro-psycho-

physiologisches Modell der Traumentstehung nach Koukkou und Lehmann (1983;

Kapitel 5.2) als auch dass neuroanatomisch und neuropsychologisch orientierte Mo-

dell der Traumentstehung nach Solms (1995, 1997; Kapitel 5.3) interessante Mög-

lichkeiten einer möglichen Zusammenführung neurowissenschaftlicher und psycho-

analytischer Theorien. Beispielsweise lassen sich bezüglich der Freudschen Theorien

vom Traum als Wunscherfüllung und als Hüter des Schlafes von neurophysiologi-

scher und neuroanatomischer Seite Anzeichen dafür nachweisen, dass Freud mit die-

sen Annahmen zumindest nicht völlig falsch lag. Ebenso finden sich einige Theorien

psychoanalytischer Traumforscher (z.B. der Traum als Prospektion bzw. als Lö-

sungsversuch für Konflikte, die organisierende, regulierende und adaptive Funktion

des Traumes, die Verknüpfung von neuem und alten Gedächtnismaterial etc.) inner-

halb der neurowissenschaftlich orientierten Hypothesen in ähnlicher Weise wieder.

Zwar rechtfertigen diese Ergebnisse in keiner Weise Aussprüche wie „Freud hatte

Recht!“, aber immerhin erlauben sie Feststellungen wie „Vielleicht hatten wir damals

Unrecht, als wir nach den ersten Ergebnissen der neurowissenschaftlichen Schlaf-

97


6. Zusammenfassung und Ausblick

und Traumforschung allzu schnell riefen: ‚Freud ist widerlegt!’“. Mit anderen Wor-

ten: statt zu behaupten „Freud hatte Recht!“ trifft es vielleicht eher die Formulierung

Freud ist nicht widerlegt!“.

Trotzdem kann die Frage nach der Funktion von Träumen nach ausgiebiger Litera-

turrecherche weder aus Sicht der Psychoanalyse noch vom neurowissenschaftlichen

Standpunkt aus erschöpfend beantwortet werden. Auf beiden Seiten gibt es nach wie

vor zahlreiche Theorien, von denen keine eine allumfassende, allgemeingültige Lö-

sung zu bieten scheint. Meiner Ansicht nach bringt uns an dieser Stelle nur der inter-

disziplinäre Dialog weiter. Dort wo sich Überschneidungen ergeben, wo Ähnlichkei-

ten zwischen den psychoanalytischen und den neurowissenschaftlichen Vermutungen

auftauchen und sich die Hypothesen ergänzen, kann eventuell der Schlüssel zu einer

umfassenderen Antwort liegen. Das Rätsel unserer Träume ist demnach immer noch

nicht vollständig gelöst. Trotzdem lässt sich zusammenfassend festhalten, dass vor

allem die neueren neurowissenschaftlichen Beiträge zum Thema Träume z.T. durch-

aus mit der Freudschen Auffassung vereinbar sind. Abschließen möchte ich mit fol-

genden Worten:

Insgesamt scheinen die Übereinstimmungen zwischen der Psychoanalyse

Freuds und den neueren Erkenntnissen der Hirnforschung (...) zumindest soweit

zu gehen, dass sich ein intensives Gespräch zwischen den beiden ‚Lagern’

lohnt. Für den talentierten jungen Neurologen und Neurobiologen Freud wäre

dies sicher eine wunderbare Sache gewesen.

(Roth, 2001, S.376)

6.2. Ausblick

Ich denke, im Rahmen der obigen Zusammenfassung ist deutlich geworden, dass uns

die Funktion der Träume nach wie vor Rätsel aufgibt. Ich möchte mich der Meinung

von Solms anschließen, der an zukünftige neurowissenschaftlich orientierte Forscher

appelliert, die weitere Untersuchung des Traumes endgültig von der des REM-

Schlafes zu trennen. Gleichzeitig gelte es, „künftige Forschungsbemühungen (...) auf

die Erhellung der Hirnvorgänge [zu richten], die das neurale Korrelat zu den von

Freud im 6. und 7.Kapitel seines Buches geschilderten Mechanismen darstellen - den

Mechanismen der eigentlichen Traumarbeit“ (Solms, 1999a, S.120). Auf der anderen

Seite muss sich die Psychoanalyse dem immer größer werdenden Ruf nach empiri-

98


6. Zusammenfassung und Ausblick

scher Validierung ihrer Hypothesen stellen. Auch hier ist meines Erachtens eine An-

näherung an die Neurowissenschaften sinnvoll und hilfreich. Die Neuro-

Psychoanalyse ist erst in ihren Anfängen begriffen und leider gibt es auf beiden Sei-

ten noch erhebliche Widerstände gegen eine Annäherung der beiden Disziplinen.

Trotzdem denke ich, dass gerade in dieser Synthese der Schlüssel zu neuen Erkennt-

nissen liegt und hoffe sehr, dass eines Tages die neurologische Repräsentation jener

psychischen Funktionen möglich sein wird, die innerhalb der Psychoanalyse eine

wichtige Rolle spielen.

99


Danksagung

Danksagung

Nun ist diese Arbeit beendet - und mein ganz persönlicher Traum wahr geworden.

Allerdings wäre sie nicht ohne die Hilfe und Unterstützung vieler wichtiger Men-

schen entstanden.

Darum möchte ich mich vor allem sehr herzlich bei Frau Prof. Dr. Ellen Reinke und

Frau Prof. Dr. Canan Başar-Eroğlu für die wunderbare Betreuung und die Offenheit

gegenüber meiner Begeisterung für die Neuro-Psychoanalyse bedanken. Statt der

befürchteten Skepsis stieß ich auf ehrliches Interesse und Wohlwollen, so dass ich

nie an mir und meiner Arbeit zweifelte.

Ebenfalls bedanken möchte ich mich beim gesamten EEG-Labor für die herzliche

Aufnahme, die vielen Anregungen und Hilfestellungen und dafür, dass ich doch stets

daran gehindert wurde, in einem meiner diversen Anfälle tiefster Abneigung gegen-

über der elektronischen Textverarbeitung, meinen Computer aus dem Fenster zu wer-

fen.

Ein ganz besonderer Dank gebührt meinen Eltern, die mich von Anfang an liebevoll

unterstützt haben und ohne die nichts so wäre, wie es ist. Danke für Euer Vertrauen

in mich und dafür, dass Ihr immer an mich glaubt.

Ebenso aufrichtig möchte ich mich bei Maarten bedanken, der mich trotz gewisser

thematischer Interessenunterschiede immer unterstützt, mich aufgeheitert und abge-

lenkt hat. Danke auch für Deinen herrlichen Geistesblitz, aus dem heraus der Titel

dieser Arbeit entstanden ist.

Ein herzliches Dankeschön darüber hinaus an meine „Uni-Mädels“. Was wäre mein

Studium, was diese Arbeit und was die ganzen letzten Monate und Jahre ohne Euch?

Danke!!

100


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Erklärung gem. § 16 Abs. 6 DPO

Hiermit versichere ich, dass ich diese Arbeit selbständig verfasst und keine anderen

als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.

Bremen, den 20.07.2005

Jana Steinig

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