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Hat Freud nur geträumt? - Institut für Psychologie und ...

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Universität Bremen<br />

Studiengang <strong>Psychologie</strong><br />

Bremer <strong>Institut</strong> <strong>für</strong> Theoretische <strong>und</strong> Angewandte Psychoanalyse<br />

<strong>und</strong><br />

<strong>Institut</strong> <strong>für</strong> <strong>Psychologie</strong> <strong>und</strong> Kognitionsforschung<br />

<strong>Hat</strong> <strong>Freud</strong> <strong>nur</strong> <strong>geträumt</strong>?<br />

Die Funktion von Träumen<br />

aus psychoanalytischer <strong>und</strong> neurowissenschaftlicher Sicht<br />

Diplomarbeit<br />

vorgelegt von Jana Steinig<br />

Bremen, Juli 2005<br />

Erstgutachterin: Prof. Dr. E. Reinke<br />

Zweitgutachterin: Prof. Dr. C. Basar-Eroglu


Inhaltsverzeichnis<br />

1. Einleitung.............................................................................................................. 1<br />

2. Definition <strong>und</strong> historischer Rückblick ............................................................... 5<br />

2.1. Definition ......................................................................................................... 5<br />

2.2. Historischer Rückblick..................................................................................... 6<br />

3. Psychoanalytische Traumtheorie........................................................................ 8<br />

3.1. <strong>Freud</strong> <strong>und</strong> die Traumdeutung .......................................................................... 8<br />

3.1.1. Die Traumarbeit ...................................................................................... 9<br />

3.1.2. Die Funktion von Träumen ................................................................... 16<br />

3.2. Psychoanalytische Traumdeutung nach <strong>Freud</strong>.............................................. 23<br />

3.2.1. Der Traum in der analytischen Therapie............................................... 25<br />

3.2.2. Experimentelle psychoanalytische Traumforschung ............................ 27<br />

3.3. Die Funktion des Traumes aus psychoanalytischer Sicht.............................. 30<br />

3.3.1. Der Traum als Kompensation ............................................................... 30<br />

3.3.2. Der Traum als Prospektion / Konfliktlösung ........................................ 31<br />

3.3.3. Der Traum als Ausdrucksmittel des seelischen Zustandes ................... 32<br />

3.3.4. Der Traum als Kommunikationsmittel.................................................. 33<br />

3.3.5. Die integrative Funktion ....................................................................... 34<br />

4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie............................................................. 37<br />

4.1. Physiologische Gr<strong>und</strong>lagen ........................................................................... 37<br />

4.1.1. Das Elektroenzephalogramm ................................................................ 37<br />

4.1.2. Die verschiedenen Schlafstadien........................................................... 38<br />

4.2. Anfänge der neurowissenschaftlichen Traumforschung ................................ 41<br />

4.2.1. Die Entdeckung des REM-Schlafes...................................................... 41<br />

4.2.2. Das Modell der reziproken Interaktion ................................................. 43<br />

4.2.3. REM-Schlaf = Träumen? ...................................................................... 47<br />

4.2.4. Die klinisch-anatomische Korrelation................................................... 48


4.3. Neurowissenschaftliche Traumforschung heute ............................................ 52<br />

4.3.1. Die Neurodynamik des Träumens......................................................... 52<br />

4.3.2. Träume <strong>und</strong> bildgebende Verfahren...................................................... 60<br />

4.4. Die Funktionsfrage aus neurowissenschaftlicher Sicht ................................. 63<br />

4.4.1. Die Funktion des Schlafes..................................................................... 64<br />

4.4.2. Die Funktion des REM-Schlafes........................................................... 66<br />

4.4.3. Die Funktion von Träumen ................................................................... 71<br />

5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften - Zusammenführung der beiden<br />

Ansätze ................................................................................................................ 74<br />

5.1. <strong>Freud</strong>s Wandel von den Neurowissenschaften zur Psychoanalyse................ 74<br />

5.2. Das Zustands-Wechsel-Modell nach Koukkou <strong>und</strong> Lehmann........................ 78<br />

5.3. Der dynamische Traumprozess nach Solms <strong>und</strong> seine Implikationen <strong>für</strong> die<br />

Psychoanalyse................................................................................................ 81<br />

5.4. Der Traum <strong>und</strong> die Psychosen ....................................................................... 89<br />

5.5. Kritik an der Neuro-Psychoanalyse............................................................... 91<br />

6. Zusammenfassung <strong>und</strong> Ausblick...................................................................... 96<br />

6.1. Zusammenfassung .......................................................................................... 96<br />

6.2. Ausblick.......................................................................................................... 98<br />

Danksagung ............................................................................................................ 100<br />

Literatur.................................................................................................................. 101<br />

Erklärung gem. § 16 Abs. 6 DPO ........................................................................ 109


1. Einleitung<br />

1. Einleitung<br />

Fast jeder Mensch träumt, die meisten können sich - zumindest schemenhaft - an ihre<br />

nächtlichen Traumschöpfungen erinnern, aber <strong>nur</strong> wenige haben eine Vorstellung,<br />

worum es sich dabei wirklich handelt: Was genau sind Träume? Warum können sich<br />

manche von uns an sie erinnern, andere dagegen nicht? Enthält der Traum eine Bot-<br />

schaft, die es zu entschlüsseln gilt? Was geschieht in unserem Gehirn, während wir<br />

träumen? Und vor allem: Warum träumen wir überhaupt?<br />

Als ein äußerst subjektives Phänomen haben sich Träume lange Zeit jeglicher wis-<br />

senschaftlichen Beobachtung <strong>und</strong> Kontrolle entzogen. Aus Mangel an objektiven<br />

Kriterien <strong>und</strong> Maßstäben sowie Kontroll- <strong>und</strong> Vergleichsmöglichkeiten ist man ver-<br />

sucht zu glauben, bei den Träumen handle es sich lediglich um eine höchst persönli-<br />

che, individuell sehr unterschiedliche Erscheinung, die jedoch den Anforderungen<br />

der wissenschaftlichen <strong>und</strong> experimentellen Untersuchung nicht genügt. Trotzdem<br />

fasziniert das Thema Träume die Menschheit seit jeher. Die Alten in der Antike, die<br />

Griechen, die Gelehrten <strong>und</strong> die Laien - alle bilden sich, wie wir im 2.Kapitel dieser<br />

Arbeit sehen werden, schon seit Menschengedenken ihre ganz eigene Meinung <strong>und</strong><br />

Theorie zu diesem Thema.<br />

Als der Österreicher Sigm<strong>und</strong> <strong>Freud</strong> (1856-1939) im Jahre 1900 mit seiner ‚Traum-<br />

deutung’ den ersten umfassenden Versuch unternimmt, eine allgemeingültige Traum-<br />

theorie zu etablieren, ist ein wichtiger Schritt getan, Träume zu einem wissenschaft-<br />

lichen Thema zu machen. So wichtig die ‚Traumdeutung’ <strong>für</strong> <strong>Freud</strong> persönlich <strong>und</strong><br />

sein weiteres Schaffen ist, so wichtig ist sie auch <strong>für</strong> den Traum selbst, der damit auf<br />

einmal ins Zentrum einer wissenschaftlich orientierten Öffentlichkeit gerückt ist.<br />

Auch wenn es in der heutigen Zeit immer mehr Kritik an <strong>Freud</strong>s - angeblich veralte-<br />

ten - Theorien gibt <strong>und</strong> eine experimentelle Untermauerung der aufgestellten Hypo-<br />

thesen verlangt wird, bedeutet dies nicht, dass der Traum völlig von der Bildfläche<br />

verschw<strong>und</strong>en wäre. Interessanterweise suchen heute immer mehr Neurowissen-<br />

schaftler die Herausforderung, sich mit diesem schwierigen Thema zu befassen <strong>und</strong><br />

neurophysiologische Hinweise <strong>für</strong> oder gegen die <strong>Freud</strong>sche Theorie zu finden.<br />

Wie im 5.Kapitel dieser Arbeit ersichtlich werden wird, scheint diese Verknüpfung<br />

von Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften (unter diesem Begriff fasse ich Neuro-<br />

physiologie, Neurochemie, Neurobiologie <strong>und</strong> Neuropsychologie zusammen) gar<br />

1


1. Einleitung<br />

nicht so weit hergeholt zu sein. <strong>Freud</strong> selbst, der von Haus aus Neurologe ist, hat<br />

ursprünglich zum Ziel, ein „Arbeitsmodell der Psyche als eines neurologischen Ap-<br />

parates“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.18) zu errichten. Während der Entstehung seines ‚Entwurfs<br />

einer <strong>Psychologie</strong>’ im Jahre 1895, strebt er an, „psychische Vorgänge darzustellen<br />

als quantitativ bestimmte Zustände aufzeigbarer materieller Teile“ (<strong>Freud</strong>, 1900,<br />

S.17), wobei er mit „materiellen Teilen“ die Neurone meint. Dabei wird deutlich,<br />

dass <strong>Freud</strong> hier bereits eine Zusammenführung der Psychoanalyse <strong>und</strong> der Neuro-<br />

wissenschaften anstrebt. Aus Mangel an neurowissenschaftlichen Erkenntnissen zu<br />

seiner Zeit, aber auch aus verschiedenen anderen Gründen (siehe Kapitel 5.1), inte-<br />

ressiert sich <strong>Freud</strong> nach Abschluss seines ‚Entwurfs’ jedoch immer mehr <strong>für</strong> die psy-<br />

chologischen <strong>und</strong> klinischen Aspekte als <strong>für</strong> die medizinischen <strong>und</strong> theoretischen<br />

Probleme, bis er sich schließlich ganz von den Neurowissenschaften ab <strong>und</strong> der Psy-<br />

choanalyse zu wendet. Von nun an bemüht er sich nicht mehr explizit um die neuro-<br />

physiologische F<strong>und</strong>ierung seiner Theorien, obwohl davon ausgegangen werden<br />

kann, dass er nie ganz aufhört hat zu hoffen, dass eines Tages die naturwissenschaft-<br />

lichen Beweise <strong>für</strong> seine Annahmen geliefert werden würden.<br />

Dies stellt sich lange Zeit als unrealistische Hoffnung dar, wird doch gerade der Psy-<br />

choanalyse vorgeworfen, ihre Hypothesen ohne wissenschaftliche Belege zu vertre-<br />

ten. So kam es, dass sich Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften einander lange<br />

Zeit fast feindselig gegenüberstanden. Während die Neurowissenschaftler <strong>Freud</strong>s<br />

Theorien als unhaltbar <strong>und</strong> hypothetisch kritisieren, vertreten die Psychoanalytiker<br />

die Meinung, dass <strong>nur</strong> mit Hilfe der ihnen eigenen Techniken (freie Assoziation,<br />

Übertragung, Gegenübertragung, etc.) die unbewussten Konflikte <strong>und</strong> Wünsche auf-<br />

gespürt werden können, die sich ihrer Ansicht nach hinter den Neurosen <strong>und</strong> ihren<br />

Symptomen verbergen. Erst seit kurzem, also r<strong>und</strong> h<strong>und</strong>ert Jahre später, entsteht ein<br />

neuer Trend, der zu einer Annäherung beider Disziplinen führt. Im Jahre 2000 wird<br />

in London die internationale Gesellschaft <strong>für</strong> Neuro-Psychoanalyse gegründet mit<br />

dem Ziel, eine Zusammenführung der beiden Disziplinen anzustreben. Vorsitzende<br />

sind der englische Neurowissenschaftler <strong>und</strong> Psychoanalytiker Mark Solms <strong>und</strong> der<br />

estnische Neurowissenschaftler Jaak Panksepp. Die Zeitschrift „Neuro-<br />

Psychoanalysis“ erscheint zweimal im Jahr <strong>und</strong> soll den Austausch innerhalb der<br />

beiden Richtungen gewährleisten. Auch in Deutschland gibt es ähnliche Strömungen.<br />

So entsteht am Sigm<strong>und</strong>-<strong>Freud</strong>-<strong>Institut</strong> in Frankfurt im Jahre 2003 das ‚Center for<br />

2


1. Einleitung<br />

Neuro-Psychoanalysis’ das sich in einem von mehreren Forschungsprojekten auch<br />

mit der neurophysiologischen Traumdynamik <strong>und</strong> ihren Verbindungen zur <strong>Freud</strong>-<br />

schen Traumtheorie befasst. Weitere Zentren gibt es außer in London <strong>und</strong> Frankfurt<br />

noch in New York, Michigan <strong>und</strong> Kapstadt <strong>und</strong> in Kürze vermutlich auch in Stock-<br />

holm <strong>und</strong> Paris. Auf diese Weise wird <strong>Freud</strong>s Wunsch, seine <strong>Psychologie</strong> auf ein<br />

physiologisches F<strong>und</strong>ament zu stellen, immer wahrscheinlicher, da sich heute ver-<br />

schiedene Forscher weltweit darum bemühen, die scheinbar gegensätzlichen Annah-<br />

men von Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften miteinander zu vereinigen.<br />

Ich persönlich finde diesen Versuch, <strong>Freud</strong>s h<strong>und</strong>ertjährige psychoanalytische Theo-<br />

rien einer neurowissenschaftlichen Betrachtung zu unterziehen <strong>und</strong> zu versuchen,<br />

seine Vermutungen auf Gr<strong>und</strong> aktueller Ergebnisse der Hirnforschung zu widerlegen<br />

oder zu bestätigen, höchst spannend. Dass sich diese zwei, bislang eher skeptisch,<br />

wenn nicht gar feindselig gegenüber stehenden Disziplinen, damit annähern, halte<br />

ich <strong>für</strong> äußerst fruchtbar <strong>und</strong> vielversprechend. Dabei geht es meiner Ansicht nach<br />

allerdings nicht darum nachzuweisen, wer ‚Recht’ hat <strong>und</strong> wer nicht, sondern viel-<br />

mehr um eine gegenseitige Ergänzung.<br />

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit möchte ich die Ergebnisse dieser Annäherung<br />

im Bereich der Traumforschung darstellen. Ich konzentriere mich dabei vor allem<br />

auf die Frage nach der Funktion von Träumen. Warum träumen wir? <strong>Hat</strong> es über-<br />

haupt einen Sinn oder handelt es sich dabei lediglich um völlig bedeutungslose Es-<br />

kapaden unseres schlafenden Gehirns? Eine isolierte Betrachtungsweise allein der<br />

Funktion des Träumens erweist sich als sehr schwierig, da es eine kaum überschau-<br />

bare Menge an Theorien zum Thema Träume gibt. Im Rahmen dieser Arbeit soll der<br />

Schwerpunkt daher auf den psychoanalytischen <strong>und</strong> neurowissenschaftlichen Theo-<br />

rien liegen.<br />

Dazu befasse ich mich im 2.Kapitel zunächst mit einer möglichen Definition des<br />

Traumes <strong>und</strong> einem kurzen historischen Rückblick. Anschließend gehe ich im<br />

3.Kapitel auf die psychoanalytischen Traumtheorie ein. Nach Vorstellung der we-<br />

sentlichen Annahmen aus <strong>Freud</strong>s epochalem Werk - der ‚Traumdeutung’ - werde ich<br />

auf weitere psychoanalytische Theorien zu diesem Thema, sowie auf aktuellere, ex-<br />

perimentelle Untersuchungen innerhalb der psychoanalytischen Traumforschung<br />

hinweisen. Abschließend stelle ich verschiedene Modelle zur Funktion des Traumes<br />

aus psychoanalytischer Sicht dar. Im 4.Kapitel möchte ich einige der wichtigsten<br />

3


1. Einleitung<br />

Annahmen der neurowissenschaftlichen Traumtheorie, sowie die da<strong>für</strong> essentiellen<br />

physiologischen Gr<strong>und</strong>lagen aufzeigen. Auch hier gibt es zahlreiche Theorien zur<br />

Funktion des Träumens bzw. Schlafens, auf die ich abschließend eingehe. Daran<br />

anknüpfend stelle ich im 5.Kapitel eine mögliche Synthese der bis dahin vorgestell-<br />

ten Annahmen dar <strong>und</strong> zeige anhand einer denkbaren Abfolge des Traumprozesses<br />

aus neurowissenschaftlicher Sicht auf, inwiefern sich Anknüpfungspunkte zur <strong>Freud</strong>-<br />

schen Theorie ergeben. So wird hoffentlich deutlich, wie fruchtbar die Integration<br />

von Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften - zumindest im Bereich der Traumfor-<br />

schung - sein kann. Somit hoffe ich dann auch die eingangs gestellte Frage nach der<br />

Funktion der Träume aus dieser erweiterten Perspektive ausführlicher <strong>und</strong> erschöp-<br />

fender beantworten zu können. Dabei möchte ich an den Leser mit den Worten Roths<br />

appellieren: „Was ich vortrage, ist unvermeidbar lückenhaft <strong>und</strong> von Fehlern durch-<br />

setzt; niemand kann - soviel Mühe <strong>und</strong> Zeit er auch aufwendet - alles, was einschlä-<br />

gig ist, lesen <strong>und</strong> dann auch noch korrekt wiedergeben. In dieser Hinsicht bitte ich<br />

den Leser eindringlich um die gebotene Nachsicht.“ (Roth, 2001, S.10)<br />

4


2. Definition <strong>und</strong> historischer Rückblick<br />

2. Definition <strong>und</strong> historischer Rückblick<br />

2.1. Definition<br />

Bereits bei der Definition des Begriffes „Traum“ taucht das erste Problem auf, denn<br />

eine gemeinhin akzeptierte Traum-Definition scheint es bisher nicht zu geben. Ur-<br />

sächlich hier<strong>für</strong> ist vermutlich, wie in der Einleitung bereits angesprochen, die Tatsa-<br />

che, dass das Thema Träume so wenig greifbar ist. Es gibt keine objektiven Maßstä-<br />

be - letzen Endes ist nicht einmal die Person, die ihren nächtlichen Traum berichtet,<br />

objektiv, denn auch sie kann <strong>nur</strong> das berichten, was sie zu erinnern glaubt. Überprü-<br />

fen kann dies jedoch niemand. Da sich somit keine allgemeingültigen Kriterien <strong>für</strong><br />

Träume aufstellen lassen, fällt auch die Definition schwer.<br />

<strong>Freud</strong> (1900) definiert den Traum als „sinnvolles psychisches Gebilde (...), welches<br />

an angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist“ (S.29).<br />

Schredl (1999) schlägt in seinem Buch die relativ nüchterne Definition von Hall <strong>und</strong><br />

van de Castle (1966) vor:<br />

Ein Traum kann operational als das definiert werden, was eine Person berichtet,<br />

wenn sie nach einem Traum gefragt wird; abgesehen von Aussagen, die Kom-<br />

mentare über den Traum oder Interpretationen des Traums sind.<br />

(Zitiert nach Schredl, 1999, S.12)<br />

Allerdings räumt Schredl ein, dass diese Definition die Entscheidung, was genau als<br />

Traum angesehen wird, der jeweiligen Person überlässt. Im Verlauf dieser Arbeit<br />

werde ich darüber hinaus noch andere Gründe aufzeigen, aus denen diese Definition<br />

als unzureichend betrachtet werden kann. Trotzdem möchte ich sie <strong>für</strong> den Moment<br />

so akzeptieren.<br />

Eine weitere, meiner Ansicht nach gelungene Definition, schlagen Hobson, Pace-<br />

Schott & Stickgold (2000) vor. Sie sehen Träumen als:<br />

Mental activity occurring in sleep characterized by vivid sensorimotor imagery<br />

that is experienced as waking reality despite such distinctive cognitive features<br />

as impossibility or improbability of time, place, person and actions; emotions,<br />

especially fear, elation, and anger predominate over sadness, shame, and guilt<br />

5


2. Definition <strong>und</strong> historischer Rückblick<br />

and sometimes reach sufficient strength to cause awakening; memory for even<br />

very vivid dreams is evanescent and tends to fade quickly upon awakening. 1<br />

(Hobson et al., 2000 ; S.795)<br />

Solms (2000) wiederum definiert Träume als „subjective experience of a complex<br />

hallucinatory episode during sleep“ (S.849) 2 - eine Definition, die den stark subjekti-<br />

ven Aspekt des Träumens betont.<br />

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass es sich als sehr schwierig erweist, eine<br />

stimmige, alles umfassende Definition des Traumes zu erstellen.<br />

2.2. Historischer Rückblick<br />

Die Frage nach der Funktion von Träumen, ihrer Bedeutung <strong>und</strong> ihrem Sinn, hat die<br />

Menschen zu allen Zeiten in allen Kulturen beschäftigt. Die Ägypter sind der Über-<br />

zeugung, während des Schlafes Nachrichten der Toten aus dem Jenseits vermittelt zu<br />

bekommen. Gleichzeitig schreiben sie ihren Träumen eine prophetische Funktion zu,<br />

indem sie davon ausgehen, dass sie „den Menschen in seine Zukunft führen“ (Tho-<br />

mas, 1989, S.17). Im alten Mesopotamien gehen die Menschen ebenfalls davon aus,<br />

dass der Traum Einblicke in die Zukunft ermöglicht. Gleichzeitig sind sie überzeugt,<br />

„dass die Wirkung des Traumes von der Deutung abhängt <strong>und</strong> dass Träume auch das<br />

Alltagsleben widerspiegeln“ (Fink, 1977, S.8). Eine ähnliche Auffassung vertreten<br />

die alten Griechen. Sie sind der Ansicht, der Traum sei von den Göttern oder Dämo-<br />

nen gesandt, um die Handlungen der Menschen zu lenken. Ihrer Meinung nach haben<br />

Träume die eindeutige Funktion, dem Träumer seine Zukunft zu verkünden <strong>und</strong> so<br />

das Schicksal der Menschen zu beeinflussen (<strong>Freud</strong>, 1900). Sowohl Homer im 9.<br />

Jahrh<strong>und</strong>ert v. Chr., als auch Plato (427-347 v. Chr.) <strong>und</strong> Sokrates (469-399 v. Chr.),<br />

sind davon überzeugt, dass ein Großteil der Träume Einblick in die Zukunft ver-<br />

schafft. Trotzdem, so merkt Homer an, sind Träume auch manchmal „belanglose<br />

Gebilde, die keine Beachtung verdienen“ (Thomas, 1989, S.22). Sokrates nimmt in<br />

1 „Mentale Aktivität, die während des Schlafes auftritt <strong>und</strong> durch lebhafte sensomotorische Bilder<br />

charakterisiert ist <strong>und</strong> trotz ausgeprägter kognitiver Eigenschaften wie Unmöglichkeit <strong>und</strong> Unwahrscheinlichkeit<br />

von Zeit, Ort, Person <strong>und</strong> Handlungen als wache Realität erlebt wird; Emotionen, vor<br />

allem Angst, <strong>Freud</strong>e <strong>und</strong> Wut dominieren über Trauer, Scham <strong>und</strong> Schuldgefühlen <strong>und</strong> erreichen<br />

manchmal ein ausreichendes Maß an Intensität, um zum Erwachen zu führen; die Erinnerung, selbst<br />

<strong>für</strong> sehr lebhafte Träume, ist sehr gering <strong>und</strong> tendiert dazu, nach dem Erwachen sehr schnell zu verschwinden“<br />

(eigene Übersetzung).<br />

2 „Subjektives Erleben komplexer halluzinatorischer Episoden während des Schlafes“ (eigene Über-<br />

setzung).<br />

6


2. Definition <strong>und</strong> historischer Rückblick<br />

beachtlicher Weise bereits einige der psychoanalytischen Erkenntnisse <strong>Freud</strong>s (siehe<br />

Kapitel 3.1) voraus, indem er sagt:<br />

Unter den entbehrlichen sinnlichen Genüssen <strong>und</strong> Trieben befinden sich einige,<br />

die verbrecherisch sind. (...). Ich meine die, welche im Schlafe hervortreten. Der<br />

eine Teil der Seele, der vernünftige, gemäßigte Herr des anderen Teiles, ruht;<br />

dieser andere aber, der tierische, ungebändigte (...) wird lebendig. (...). Du<br />

weißt, er ist dann zu allem fähig; alle Scham <strong>und</strong> Besinnung ist ihm abhanden<br />

gekommen. Er schrickt nicht davor zurück, in Gedanken die eigne Mutter zu<br />

umarmen, ebenso jeden anderen Menschen, jeden Gott, jedes Tier. Er begeht<br />

jeden Mord <strong>und</strong> genießt jede Speise, nach der es ihn gelüstet. Mit einem Wort,<br />

es gibt keine Torheit <strong>und</strong> Frechheit, die er nicht beginge.<br />

(Zitiert nach Thomas, 1989, S.23-24)<br />

Als sich Aristoteles (384-322 v. Chr.) in seinen Schriften mit dem Traum befasst, ist<br />

dieser bereits ein Gegenstand der <strong>Psychologie</strong> geworden. So geht er weniger davon<br />

aus, dass es sich bei den Träumen um gottgesandte Botschaften oder Nachrichten aus<br />

der Zukunft handelt, sondern definiert Träume als „Seelentätigkeit des Schlafenden“<br />

(zitiert nach Thomas, 1989, S.34). Im 5. Jahrh<strong>und</strong>ert v. Chr. betont der Arzt Hippo-<br />

krates vor allem den medizinischen Aspekt der Zukunftsweisung von Träumen <strong>und</strong><br />

stellt fest, dass Träume oft dazu dienen, unbemerkte Körperempfindungen zu ver-<br />

stärken <strong>und</strong> somit Hinweise auf bevorstehende Krankheiten liefern.<br />

Von der Antike übers Mittelalter zur Neuzeit, vom Talmud über den Koran zur Bi-<br />

bel, in den verschiedensten Kulturen, Religionen <strong>und</strong> Mythen findet man die unter-<br />

schiedlichsten Theorien <strong>und</strong> Hypothesen zum Wesen <strong>und</strong> zur Funktion der Träume.<br />

Das Geheimnis, das sie umgibt, fasziniert die Menschen auch heute noch - gibt es<br />

doch nach wie vor keine allgemeingültige Theorie, die das Rätsel vollständig löst.<br />

In den folgenden Kapiteln werde ich die psychoanalytische Traumtheorie <strong>Freud</strong>s,<br />

sowie die aktuellere neurowissenschaftlich orientierte Traumforschung vorstellen.<br />

Vielleicht kann durch die Kombination dieser beiden Ansätze das Rätsel des Trau-<br />

mes eines Tages gelöst werden.<br />

7


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

3.1. <strong>Freud</strong> <strong>und</strong> die Traumdeutung<br />

Mit <strong>Freud</strong>s ‚Traumdeutung’, die bereits Anfang November 1899 erschien, auf der<br />

Titelseite jedoch ins neue Jahrh<strong>und</strong>ert vordatiert wurde, entstand wohl ein „Meister-<br />

werk von Weltrang“ (Mahony, 1999, S.287) <strong>und</strong> zweifelsfrei ein Meilenstein in der<br />

Geschichte der Traumdeutung. Gleichzeitig kann der Zeitpunkt des Erscheinens die-<br />

ses Werkes als „Geburtsst<strong>und</strong>e der Psychoanalyse“ (Zauner, 1983, S.3) angesehen<br />

werden. <strong>Freud</strong> selbst betrachtet die ‚Traumdeutung’ als sein größtes Werk <strong>und</strong> dar-<br />

über hinaus als Stück seiner Selbstanalyse, die als Reaktion auf den einschneidenden<br />

Verlust durch den Tod seines Vaters im Oktober 1896 erfolgte. Bei vielen der berich-<br />

teten Träume handelt es sich um seine eigenen, so dass sich Selbstanalyse <strong>und</strong><br />

Schreiben mit der Zeit immer mehr vermischen. Insgesamt arbeitet <strong>Freud</strong> von Ende<br />

1897 bis Ende 1899 an der ‚Traumdeutung’ (Mahony, 1999).<br />

Auch wenn die ‚Traumdeutung’ noch Jahre nach ihrer Erscheinung von der Öffent-<br />

lichkeit weitgehend ignoriert wird, ist <strong>Freud</strong> sich der Bedeutung dieses Werkes stets<br />

bewusst. In dem Vorwort zur dritten englischen Ausgabe heißt es: „Insight such as<br />

this falls to one’s lot but once in a lifetime“ (<strong>Freud</strong>, 1931; zitiert nach Flanders, 1993,<br />

S.2). Allerdings zeigen sich die damaligen Ärzte, Psychiater sowie die breite Öffent-<br />

lichkeit von <strong>Freud</strong>s neuer Auffassung der Träume derartig befremdet, dass er be-<br />

<strong>für</strong>chtet, „dass Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines Werkes sein<br />

müsse“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.23). Auch wenn das Interesse bis zur Veröffentlichung der<br />

fünften Auflage im Jahre 1918 etwas ansteigt, ist <strong>Freud</strong> der Meinung, sein Werk ha-<br />

be nun „in nahezu zwanzigjähriger Existenz seine Aufgabe erledigt“ (<strong>Freud</strong>, 1900,<br />

S.26). Bereits drei Jahre später, im Vorwort zur sechsten Auflage, revidiert er jedoch<br />

diese Aussage <strong>und</strong> sieht sich nun vor der neuen Herausforderung, die sich bis dato<br />

aus der ‚Traumdeutung’ ergebenden Missverständnisse aufzuklären. 3<br />

Im Laufe der Jahre wird die ‚Traumdeutung’ in diverse Sprachen übersetzt <strong>und</strong> fin-<br />

det nach <strong>und</strong> nach weltweite Anerkennung. Auch heute noch hat dieses Werk nichts<br />

3 So zum Beispiel die nie aufgestellte Behauptung, alle Träume seinen sexueller Natur (<strong>Freud</strong>, 1933).<br />

8


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

an Bedeutung eingebüsst, selbst wenn es im Verlauf des vergangenen Jahrh<strong>und</strong>erts<br />

immer wieder zu heftigen Diskussionen <strong>und</strong> Auseinandersetzungen geführt hat.<br />

Bereits zehn Jahre vor Veröffentlichung der ‚Traumdeutung’ stößt <strong>Freud</strong> bei der Be-<br />

handlung von Frau Emmy von N. auf die Bedeutung des Traumes, als er beobachtet,<br />

dass diese Patientin von sich aus ihre Träume berichtet. Er beginnt, den Traum als<br />

Ausgangspunkt <strong>für</strong> die freie Assoziation zu benutzen (Altman, 1981). Dabei handelt<br />

es sich um eine von <strong>Freud</strong> entwickelte Technik, bei der der Patient seine Gedanken<br />

schweifen lässt <strong>und</strong> seine Einfälle dem Analytiker ohne Einschränkung <strong>und</strong> mit<br />

„Verzicht auf die Kritik der wahrgenommenen Gedankenbildungen“ (<strong>Freud</strong>, 1900,<br />

S.121) mitteilt. Schiller beschreibt diese Methode als „Zurückziehen der Wache von<br />

den Toren des Verstandes“ (zitiert nach <strong>Freud</strong>, 1900, S.123). Auf diese Weise erhofft<br />

sich <strong>Freud</strong> zu den unbewussten Gedanken hinter den Symptomen <strong>und</strong> Träumen vor-<br />

zudringen.<br />

Mit der Möglichkeit, den Traum einer Deutung zu unterziehen, <strong>und</strong> der Ansicht,<br />

„dass der Traum kein somatisches, sondern ein psychisches Phänomen ist“ (<strong>Freud</strong>,<br />

1916-17, S.116), widersetzt sich <strong>Freud</strong> der damals vorherrschenden Theorie zu<br />

Traumentstehung <strong>und</strong> -funktion, die von einem somatischen Ursprung des Traumer-<br />

lebens ausgeht (z.B. Maury, 1878; vgl. <strong>Freud</strong>, 1900). Doch obwohl die Vertreter die-<br />

ser Theorie davon überzeugt sind, dass körperliche Reize oder auch äußere Sinnes-<br />

reize als Auslöser des Träumens fungieren, existiert vor allem unter den Laien die<br />

Meinung, jeder Traum habe eine tiefere Bedeutung - eine Botschaft die es zu ent-<br />

schlüsseln gilt. Dieser Meinung schließt <strong>Freud</strong> sich an <strong>und</strong> entwickelt seine eigene<br />

Theorie zur Technik der Traumdeutung.<br />

3.1.1. Die Traumarbeit<br />

<strong>Freud</strong> unterscheidet in seiner Traumtheorie den manifesten vom latenten Traumin-<br />

halt. Als manifesten Traum bezeichnet er das, was der Patient von seinem Traum<br />

erinnert <strong>und</strong> erzählt. Hierbei handelt es sich seiner Ansicht nach um eine verborgene<br />

Botschaft, die im Rahmen der Analyse mit der Methode der Traumdeutung ent-<br />

schlüsselt werden muss. Hinter diesem manifesten Traum stehen vorbewusste <strong>und</strong><br />

unbewusste Gedanken <strong>und</strong> Emotionen, die den sogenannten latenten Trauminhalt<br />

bilden. Moser (2003) formuliert es so: „Der manifeste Traum gleicht einer sprachlich<br />

formulierten Karte über die Orte möglicher Bohrlöcher“ (S.649). Obwohl wir uns im<br />

9


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

Alltag mehr <strong>für</strong> den manifesten Traum interessieren, ist es vor allem der dahinter<br />

stehende latente Trauminhalt, der weitaus bedeutsamer ist, sagt er doch viel mehr<br />

über unsere unbewussten Wünsche, Sehnsüchte <strong>und</strong> ‚Bohrlöcher’ aus (Altman, 1981;<br />

<strong>Freud</strong>, 1900). Mit Hilfe der Traumarbeit wird die Sprache der latenten Traumgedan-<br />

ken in die Bilderschrift des manifesten Traumes übersetzt - in Bilder umgesetzt, er-<br />

scheinen uns diese latenten Gedanken <strong>und</strong> Gefühle dann im manifesten Traum. Hier-<br />

bei handelt es sich um einen äußerst bedeutsamen Prozess, wie <strong>Freud</strong> ausdrücklich<br />

betont. Der Traumarbeit gegenüber steht die Deutungsarbeit, mit deren Hilfe die<br />

Traumarbeit quasi aufgehoben wird, indem man vom manifesten Trauminhalt das<br />

latente Traummaterial zurück verfolgt (<strong>Freud</strong>, 1916-17).<br />

Bevor ich auf die verschiedenen Mechanismen der Traumarbeit zu sprechen komme,<br />

werde ich einen kurzen Überblick über <strong>Freud</strong>s Vorstellung des psychischen Appara-<br />

tes geben, da dieser Hintergr<strong>und</strong> sowohl <strong>für</strong> das Verständnis seiner Traumtheorie, als<br />

auch in Hinblick auf die angestrebte Verknüpfung der psychoanalytischen <strong>und</strong> der<br />

neurowissenschaftlichen Traumtheorie im 5.Kapitel dieser Arbeit wichtig <strong>und</strong> inte-<br />

ressant ist.<br />

<strong>Freud</strong>s Ansicht nach, besteht der „seelische Apparat“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.512) aus ver-<br />

schiedenen Systemen, die bei einem psychischen Ereignis (zeitlich) nacheinander<br />

durchlaufen werden. Zusätzlich besitzt dieser Apparat zwei Enden: ein sensibles zum<br />

Empfangen von Wahrnehmungen <strong>und</strong> ein motorisches Ende. Da dieser Apparat (an-<br />

knüpfend an Fechners Konstantprinzip) nach einem möglichst neutralen Erregungs-<br />

zustand strebt, wird von außen - oder von innen - ankommende sensible Erregung<br />

alsbald auf motorischem Wege abgeführt. <strong>Freud</strong> geht also davon aus, dass ein psy-<br />

chischer Vorgang vom Wahrnehmungs- zum Motalitätsende verläuft (progrediente<br />

Richtung). Gemäß seines topographischen Modells ist vor dem motorischen Ende<br />

das Unbewusste (Zugang zum Bewusstsein wird <strong>nur</strong> über das Vorbewusste <strong>und</strong> unter<br />

Bedingung gewisser Veränderungen gestattet) <strong>und</strong> das Vorbewusste (Erregungsvor-<br />

gänge können bei ausreichender Intensität <strong>und</strong> Aufmerksamkeit ungehindert ins Be-<br />

wusstsein gelangen) zwischengeschaltet. 4 Während tagsüber ein bestimmter Hemm-<br />

mechanismus, den <strong>Freud</strong> als Zensur bezeichnet, verhindert, dass unbewusste Gedan-<br />

4 Im Jahre 1923 führt <strong>Freud</strong> in seinem Werk ‚Das Ich <strong>und</strong> das Es’ anstelle des früheren topographischen<br />

Modells den strukturellen Ansatz ein, der den psychischen Apparat in die drei Systeme Es, Ich<br />

<strong>und</strong> Über-Ich gliedert. Diese Strukturtheorie kann als Beginn der ‚Ich-<strong>Psychologie</strong>’ betrachtet werden<br />

(Struck, 1992).<br />

10


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

ken ins Vorbewusste vordringen, scheint dieser Widerstand im Schlaf herabgesetzt<br />

<strong>und</strong> die Grenze zwischen Unbewusstem <strong>und</strong> Vorbewusstem weniger streng bewacht<br />

zu sein. So könnte es der Traumerregung gelingen, sich bis ins Vorbewusste durch-<br />

zusetzen <strong>und</strong> einen Traum zu generieren. Das kann allerdings nicht der alleinige<br />

Gr<strong>und</strong> sein, da dies zu nächtlichen Vorstellungen <strong>und</strong> Gedanken führen würde, die<br />

denen des Wachzustandes ähneln, nicht aber zu jenen halluzinatorischen Erlebnissen,<br />

die <strong>für</strong> unsere Träume so charakteristisch sind. <strong>Freud</strong> erklärt dies damit, dass die Er-<br />

regung einen rückläufigen Weg einschlägt. Statt also, wie im Wachzustand vom sen-<br />

siblen zum motorischen Ende zu laufen, schlägt sie die umgekehrte Richtung ein <strong>und</strong><br />

läuft vom motorischen zum sensiblen Ende (regrediente Richtung), wo es dann zur<br />

„halluzinatorische[n] Belebung der Wahrnehmungsbilder“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.519)<br />

kommt. Der Träumer scheint also - auf Gr<strong>und</strong> des Widerstandes <strong>und</strong> der Tatsache,<br />

dass im Schlaf der Weg über die Motilität blockiert ist - innerhalb des psychischen<br />

Apparates zu regredieren, so dass „sich im Traum die Vorstellung in das sinnliche<br />

Bild rückverwandelt, aus dem sie irgendeinmal hervorgegangen ist“ (<strong>Freud</strong>, 1900,<br />

S.519). 5 Eine während des Schlafes aufkommende Triebregung wird demnach nicht<br />

in einen Handlungsimpuls, sondern in eine halluzinatorische Wahrnehmung umge-<br />

setzt. Dabei regrediert der Träumer auf eine „primitive archaische Stufe seelischer<br />

Funktionsweisen, die <strong>für</strong> die früheste Seelentätigkeit typisch ist, d.h. zum Primärpro-<br />

zess“ (Altman, 1981, S.20). Auf dieser Stufe drängen Bedürfnisse auf unmittelbare<br />

Befriedigung, Spannungsabfuhr erfolgt direkt <strong>und</strong> unkontrolliert <strong>und</strong> auf Rationalität<br />

<strong>und</strong> Realität wird kein Wert gelegt. 6 Die Traumarbeit operiert nach diesen Prinzipien<br />

des Primärprozesses <strong>und</strong> auch die Denkweise im Traum ist primärprozesshaft, was<br />

<strong>für</strong> die Bizarrheit der meisten manifesten Träume mitverantwortlich zu sein scheint<br />

(Altman, 1981). Innerhalb der Traumarbeit werden die folgenden Mechanismen un-<br />

terschieden:<br />

5 <strong>Freud</strong> sagt weiter: „Das Gefüge der Traumgedanken wird bei der Regression in sein Rohmaterial<br />

aufgelöst.“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.519;Hervorhebung v. Verf.)<br />

6 Diese Regression, die während des Träumens zu beobachten ist, tritt auch bei der neurotischen Symptomatik<br />

deutlich hervor (Struck, 1992). Diese Gemeinsamkeit unterstützt <strong>Freud</strong>s Hypothese, dass<br />

eine Auseinandersetzung mit dem Thema Träume zu einem besseren Verständnis der Neurosen führen<br />

würde (<strong>Freud</strong>, 1900).<br />

11


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

Verdichtung<br />

Es ist offensichtlich, dass auf dem Weg von den latenten Traumgedanken zum mani-<br />

festen Trauminhalt eine starke Verdichtung stattfindet. Im Vergleich zu den weit-<br />

schweifigen, umfangreichen Traumgedanken erscheint der Traum selbst eher kurz<br />

<strong>und</strong> knapp. Oftmals erliegt man der Versuchung, das Ausmaß dieser Verdichtung zu<br />

unterschätzen, wenn man „die ans Licht gebrachten Traumgedanken <strong>für</strong> das voll-<br />

ständige Material hält“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.282). Dabei kann weitere Deutungsarbeit<br />

meist immer noch mehr versteckte Gedanken enthüllen, so dass man letztlich nie<br />

ganz sicher sein kann, einen Traum vollständig gedeutet zu haben. Dabei sagen wir<br />

im Traum oft viel mehr, als uns klar ist. Meist handelt es sich um Dinge, die wir im<br />

Wachzustand niemals mitteilen würden, „aus Angst, uns zu verraten“ (Altman, 1981,<br />

S.21). Aufgabe der Analyse ist es nun, das durch die Verdichtung entstandene Kon-<br />

zentrat wieder aufzulösen.<br />

Verdichtung kann sich in der Verschmelzung mehrerer Bilder oder Gedanken äu-<br />

ßern. So entstehen die zahlreichen Mischgestalten der Träume, indem z.B. einzelne<br />

Züge einer Person mit denen einer anderen vermischt werden.<br />

Meine Mutter sprach, aber nicht mit ihrer Stimme. Es klang wie meine Schwes-<br />

ter; sie hatte das rote Haar meiner anderen Schwester <strong>und</strong> trug ein Kleid von ihr.<br />

(Altman, 1981, S.20)<br />

Laut <strong>Freud</strong> (1900) ist die „Herstellung von Sammel- <strong>und</strong> Mischpersonen (...) eines<br />

der Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung“ (S.295). Eine andere Möglichkeit der<br />

Verdichtung besteht darin, verwandte Begriffe zu einem einzigen zusammenzufas-<br />

sen, so dass ein Begriff daraufhin mehrere Bedeutungen besitzt. Dabei entstehen<br />

oftmals komische Wortneuschöpfungen. 7<br />

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Verdichtungsarbeit eine ungeheure<br />

Einsparung an Zeit <strong>und</strong> Energie bedeutet, indem bestimmte Inhalte so stark kompri-<br />

miert werden, dass mittels weniger Bilder viel mehr gesagt wird, als man auf den<br />

ersten Blick vermuten würde. Außerdem liegt der Sinn der Verdichtung offenbar<br />

darin, „beunruhigende Gedanken durch die verdichtende Umformung abzumildern“<br />

(Struck, 1992, S.51).<br />

7 Diese Wortschöpfungen erinnern an die Wortkreationen kleiner Kinder, die in einer bestimmten<br />

Phase großen Gefallen an solchen Neuschöpfungen finden.<br />

12


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

Bei der Fülle der möglichen, hinter dem Traum stehenden latenten Traumgedanken,<br />

stellt sich jedoch die Frage, was die Auswahl der letztlich im Traum erscheinenden<br />

Elemente bestimmt. Hier kommt <strong>Freud</strong> zu dem Schluss, dass diejenigen Elemente in<br />

den Traum Einzug finden, die „mit den meisten Traumgedanken die ausgiebigsten<br />

Berührungen aufweisen können, also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele<br />

der Traumgedanken zusammen treffen“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.286). Demnach wird also<br />

das Element ausgewählt, welches mehrfach in den Traumgedanken vertreten ist. Das<br />

bedeutet, „infolge der Verdichtung kann dann ein Element im manifesten Traum<br />

zahlreichen Elementen in den latenten Traumgedanken entsprechen; umgekehrt kann<br />

aber auch ein Element der Traumgedanken durch mehrere Bilder im Traum vertreten<br />

werden“ (<strong>Freud</strong>, 1933, S.463).<br />

Verschiebung<br />

Während mit Hilfe der Verdichtung latente Trauminhalte durch Verschmelzung oder<br />

Vereinigung verschlüsselt werden, führt die Verschiebung zu einer Verlagerung der<br />

Bedeutung. Dies ist ein unbewusster Vorgang <strong>und</strong> dient dazu, verpönte Triebwün-<br />

sche unbewusst zu machen. Das bedeutet, der Sinn der Verschiebung besteht darin,<br />

ein unangenehmes Gefühl, welches mit einer bestimmten Situation verb<strong>und</strong>en ist, auf<br />

eine andere zu verschieben, um so vom eigentlichen Objekt abzulenken. Dies kann in<br />

vielen verschiedenen Formen geschehen <strong>und</strong> sowohl Menschen, Orte, Gefühle oder<br />

Handlungen betreffen.<br />

Altman beschreibt den Fall eines Patienten, der folgenden Traum hat, nachdem er<br />

den Wunsch äußert, die Analyse abzubrechen, gleichzeitig aber Angst vor den Kon-<br />

sequenzen verspürt:<br />

Ich ging in ein Drugstore an der Ecke, nahe bei Ihrer Praxis. Das Geschäft<br />

schien schlecht zu gehen <strong>und</strong> sollte geschlossen werden. Hinter der Theke<br />

träumte der Verkäufer. Er schenkte mir keine Aufmerksamkeit, <strong>und</strong> ich dachte:<br />

„Der wird nicht lange bleiben.“<br />

(Altman, 1981, S.24)<br />

In diesem Fall bezieht sich die Verschiebung offensichtlich auf Ort <strong>und</strong> Person. Der<br />

Verkäufer steht <strong>für</strong> den Analytiker <strong>und</strong> der Drugstore <strong>für</strong> seine Praxis. Dieser Traum<br />

erklärt den Wunsch des Patienten, die Analyse abzubrechen, da sich der Analytiker<br />

13


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

(Verkäufer) seinem Gefühl nach nicht <strong>für</strong> ihn interessiert <strong>und</strong> „nicht lange bleiben“<br />

wird.<br />

Die Verschiebung betrifft nicht <strong>nur</strong> Orte, Personen <strong>und</strong> Handlungen, sondern kann<br />

auch eine gewisse Mehrdeutigkeit schaffen, indem ein Teil <strong>für</strong> das Ganze steht. Eine<br />

weitere Möglichkeit der Verschiebung besteht in der Umkehrung, wodurch latente<br />

Traumgedanken besonders wirkungsvoll entstellt werden. Als Beispiel hier<strong>für</strong> be-<br />

richtet Altman den Traum eines anderen Patienten:<br />

Ich lag auf der Couch, als jemand sich mir von hinten näherte <strong>und</strong> mir auf den<br />

Kopf schlug.<br />

(Altman, 1981, S.25)<br />

Die in diesem Traum geäußerte Feindseligkeit lässt Vermutungen darüber zu, wer<br />

hier in Wirklichkeit zuschlagen will <strong>und</strong> ob es sich hier eventuell um eine Umkeh-<br />

rung handelt. Das würde bedeuten, dass der Träumer selbst aggressive Impulse ver-<br />

spürt, die er in seinem Traum jedoch auf andere Personen verschiebt. Dabei werden<br />

nicht <strong>nur</strong> Handlungen umgekehrt, sondern auch Gefühle. So können beispielsweise<br />

sexuelle Phantasien im Traum als negative Affekte wie Scham oder Verlegenheit<br />

getarnt erscheinen (Altman, 1981). Die Verschiebung kann dazu führen, dass Ele-<br />

mente, die sich im Trauminhalt besonders hervor tun, in den Traumgedanken kaum<br />

eine Rolle spielen <strong>und</strong> umgekehrt. Was also im manifesten Traum als zentrales<br />

Merkmal erscheint, muss im latenten Trauminhalt kaum wesentlich sein. Es handelt<br />

sich um eine durchaus „inkonstante Relation zwischen Traumgedanken <strong>und</strong> Traum-<br />

inhalt“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.306). Somit trägt die Verschiebung ebenfalls erheblich zur<br />

Entstellung des Traumes bei.<br />

Symbolbildung<br />

Neben den Mechanismen der Verdichtung <strong>und</strong> Verschiebung spielt auch die Symbo-<br />

lisierung eine wichtige Rolle bei der weiteren Entstellung der latenten Traumgedan-<br />

ken. Dabei werden die Symbole nicht von der Traumarbeit erschaffen, sondern sind<br />

in Kultur, Zeit <strong>und</strong> Sprache bereits vorhanden. Symbole sprechen eine allgemeingül-<br />

tige Sprache, sie schaffen Verbindungen zwischen einander ähnlichen Gedanken,<br />

Bildern <strong>und</strong> Affekten. Diese Beziehungen entstehen durch das „infantile unbewusste<br />

Denken, das typischerweise Objekte, die eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, gleich-<br />

setzt“ (Altman, 1981, S.28). Während der Regression im Traum kommt es auch zu<br />

14


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

einer Regression der Wahrnehmung <strong>und</strong> Begriffe, was zu Symbolbildung <strong>und</strong><br />

-sprache führt. Somit sind Symbole quasi die Überbleibsel der infantilen Denkweise.<br />

Da der Erwachsene diese Denkweise im Verlauf seines Lebens aber vergessen hat,<br />

ist er meist nicht mehr in der Lage, den Zusammenhang zwischen Symbol <strong>und</strong> ur-<br />

sprünglicher Bedeutung zurück zu verfolgen (Altman, 1981). Darum erscheinen uns<br />

unsere Träume auch so sonderbar <strong>und</strong> wir verstehen oftmals nicht die darin ver-<br />

schlüsselte Botschaft.<br />

Neben individuell unterschiedlich häufig auftretenden Symbolen gibt es eine Reihe<br />

typischer Symbole, anhand derer der erfahrene Analytiker den manifesten Traum in<br />

die latenten Traumgedanken ‚übersetzen’ kann (Altman, 1981). Selbstverständlich<br />

handelt es sich dabei nicht um eine bloße Eins-zu-Eins-Übersetzung, denn natürlich<br />

kann ein <strong>und</strong> dasselbe Symbol von Person zu Person unterschiedliche Bedeutungen<br />

haben <strong>und</strong> individuelle Lebensumstände <strong>und</strong> Hintergründe müssen unbedingt mit<br />

berücksichtigt werden. Selbst wenn das Symbol scheinbar eindeutig ist, können <strong>nur</strong><br />

die Assoziationen des Träumers zu dem dahinter stehenden Sinn führen.<br />

Wie <strong>Freud</strong> (1916-17) bereits feststellt, ist „der Umfang der Dinge, die im Traume<br />

symbolische Darstellung finden, (...) nicht groß“ (S.162). Dies ist aber nicht weiter<br />

verw<strong>und</strong>erlich, wenn man bedenkt, dass sich die Bedeutung der Symbole auf die<br />

ursprünglichen <strong>und</strong> generellen Interessen von Kindern beziehen. Dabei handelt es<br />

sich vorwiegend um Themen wie Tod, Geburt, Körper <strong>und</strong> Sexualorgane, sowie na-<br />

hestehende Menschen (Altman, 1981).<br />

Darstellbarkeit des Traumes<br />

Im Traum werden die latenten Traumgedanken durch visuelle Bilder dargestellt, was<br />

neben der Verdichtung, Verschiebung <strong>und</strong> Symbolbildung außerdem zu einer Ent-<br />

stellung führt. 8 Gleichzeitig erfordert dies ein hohes Maß an Kreativität, schließlich<br />

muss es dem Traum irgendwie gelingen, die logischen Relationen zwischen den<br />

Traumgedanken dazustellen. So wird ein logischer Zusammenhang im Traum bei-<br />

spielsweise durch Gleichzeitigkeit mehrerer Elemente ausgedrückt <strong>und</strong> eine Kausal-<br />

beziehung durch Konstruktion eines Vor- <strong>und</strong> eines Haupttraumes verdeutlicht. Ein<br />

8 Anders ist es bei Affekten, die nicht umgewandelt werden, sondern auch im Traum als Affekte auftauchen<br />

– wenn auch möglicherweise in veränderter oder umgekehrter Form (Altman, 1981).<br />

15


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

„Entweder-Oder“ darzustellen ist der Traum hingegen kaum in der Lage - die Alter-<br />

nativen werden lediglich aneinandergereiht <strong>und</strong> erscheinen dadurch gleichberechtigt.<br />

Auch Gegensätze „werden mit Vorliebe zu einer Einheit zusammengezogen“ (<strong>Freud</strong>,<br />

1900, S.316), so dass der Traum kaum zu einem klaren „Nein“ fähig ist. Ähnlichkeit,<br />

Übereinstimmung <strong>und</strong> Gemeinsamkeit wiederum erfahren im Traum vielfältige Dar-<br />

stellungsweisen. Meist werden dabei die betreffenden Elemente zu einer Einheit zu-<br />

sammengezogen, was z.B. zu Identifizierungen oder Mischbildungen führen kann<br />

(siehe Verdichtung) (<strong>Freud</strong>, 1900).<br />

Insgesamt mangelt es der bildhaften Darstellung durch den Traum durchaus nicht an<br />

Phantasie <strong>und</strong> Einfallsreichtum.<br />

3.1.2. Die Funktion von Träumen<br />

Neben den oben beschriebenen Mechanismen der Traumarbeit beschäftigt sich <strong>Freud</strong><br />

auch mit der Frage nach der Funktion von Träumen. Dazu beschreibt er zunächst,<br />

anknüpfend an das oben beschriebene Modell des psychischen Apparates, zwei mög-<br />

liche Wege, die ein unbewusster Erregungsvorgang nehmen kann. „Entweder er<br />

bleibt sich selbst überlassen, dann bricht er endlich irgendwo durch <strong>und</strong> schafft sei-<br />

ner Erregung <strong>für</strong> dies eine Mal einen Abfluß in die Motilität, oder er unterliegt der<br />

Beeinflussung des Vorbewussten, <strong>und</strong> seine Erregung wird durch dasselbe geb<strong>und</strong>en<br />

anstatt abgeführt“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.550; Hervorhebung v. Verf.). Letzteres ist nun<br />

beim Traum der Fall. Das bedeutet, es wird zugelassen, dass der unbewusste Wunsch<br />

einen Traum auslöst, der wiederum durch einen verhältnismäßig geringen Aufwand<br />

an vorbewusster Arbeit geb<strong>und</strong>en <strong>und</strong> unschädlich gemacht wird. Weitaus aufwendi-<br />

ger wäre es, das Unbewusste die ganze Nacht hindurch in Schach zu halten. Dem-<br />

nach besteht die Funktion des Traumes darin, „die freigelassene Erregung des Ubw<br />

[Unbewussten] wieder unter die Herrschaft des Vorbewussten zu bringen“ (<strong>Freud</strong>,<br />

1900, S.551). 9 So findet die unbewusste Erregung ein Ventil <strong>und</strong> kann auf diese<br />

Weise abgeführt werden, ohne den Schlaf nachhaltig zu stören. Es handelt sich also<br />

quasi um eine Art Kompromissbildung, indem der Traum versucht, beiden Ansprü-<br />

chen gerecht zu werden: der unbewussten Wunschregung nach zu kommen <strong>und</strong><br />

9 In seinem 1923 eingeführten strukturellen Modell sieht <strong>Freud</strong> den Traum „nunmehr als das Ergebnis<br />

einer Kompromissbildung zwischen den Triebwünschen des Es, den unbewusst operierenden Abwehrmechanismen<br />

des Ichs <strong>und</strong> den normativen Bewertungen des Über-Ichs“ an (Mertens, 1993,<br />

S.106).<br />

16


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

trotzdem die Fortdauer des Schlafes zu gewährleisten. Der Traum hat also vor allem<br />

zwei Aufgaben:<br />

Der Traum als Wunscherfüllung<br />

Während der intensiven Beschäftigung mit einem seiner eigenen Träume (dem be-<br />

rühmten ‚Irma-Traum’) stößt <strong>Freud</strong> - scheinbar nebenbei - auf eine mögliche Funk-<br />

tion von Träumen. „Der Traum erfüllt einige Wünsche“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.137), so<br />

<strong>Freud</strong> selbst. Ein denkbares Motiv scheint demnach die Wunscherfüllung zu sein.<br />

Damit setzt <strong>Freud</strong> voraus, dass der Traum an sich nicht unsinnig <strong>und</strong> nutzlos, son-<br />

dern durchaus sinnvoll ist. Er stellt seiner Meinung nach ein „vollgültiges psychi-<br />

sches Phänomen“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.141) dar <strong>und</strong> ähnelt somit unseren ebenfalls sinn-<br />

vollen Aktionen im Wachleben.<br />

<strong>Freud</strong> führt in Kapitel VII seiner ‚Traumdeutung’ vier verschiedene Möglichkeiten<br />

<strong>für</strong> den Ursprung eines solchen Wunsches an:<br />

1. Es kann sich um einen tagsüber erregten Wunsch handeln, der aber keine Be-<br />

friedigung erfahren hat. Somit handelt es sich um einen anerkannten, aber un-<br />

erledigten Wunsch.<br />

2. Der Wunsch kann tagsüber aufgetaucht, aber gleich wieder verdrängt worden<br />

sein, d.h. es handelt sich um einen unterdrückten <strong>und</strong> unerledigten Wunsch.<br />

3. Außerdem kann der Wunsch zu denen gehören, die sich erst nachts aus dem<br />

Unterdrückten regen, wobei es sich also um unbewusste <strong>und</strong> verdrängte<br />

Triebregungen handelt.<br />

4. Eine letzte Quelle des Traumwunsches stellen Bedürfnisse dar, die sich aktu-<br />

ell während des Schlafes regen, wie z.B. Durst oder sexuelles Verlangen. 10<br />

Während ein tagsüber unbefriedigt gebliebener Wunsch der ersten Gruppe vor allem<br />

bei Kindern als Traumerreger ausreicht <strong>und</strong> sich im Traum relativ unverhüllt äußert,<br />

geht <strong>Freud</strong> davon aus, dass solch ein vorbewusster Wunsch bei Erwachsenen Ver-<br />

stärkung in Form eines unbewussten Wunsches benötigt, um einen Traum auszulö-<br />

sen. Hierbei handelt es sich seiner Ansicht nach stets um einen verdrängten infantilen<br />

10 <strong>Freud</strong>s topographischer Ansicht des psychischen Apparats zufolge, kann die erste Gruppe der Wünsche<br />

dem Vorbewussten zugeordnet werden, während die Wünsche zweiter Art vom Vorbewussten<br />

ins Unbewusste zurück gedrängt worden sind <strong>und</strong> die dritte Gruppe ausschließlich im Unbewussten<br />

anzusiedeln ist (<strong>Freud</strong>, 1900).<br />

17


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

Wunsch. Mit dieser Theorie tritt die Bedeutung der Wunschregungen aus dem be-<br />

wussten Wachzustand in den Hintergr<strong>und</strong>. Zwar lassen sich diese sogenannten Ta-<br />

gesreste mannigfach im Trauminhalt nachweisen, allerdings müssen sie sich den Be-<br />

dingungen des Unbewussten fügen, um in den Traum aufgenommen zu werden (sie-<br />

he auch Kapitel 5.4.1). In diesem Zusammenhang verwendet <strong>Freud</strong> das Gleichnis des<br />

Unternehmers (der Tagesgedanke), der die Unterstützung des Kapitalisten (der un-<br />

bewusste Wunsch) benötigt, um groß raus zu kommen. Die treibende Kraft, aus der<br />

heraus ein Traum entsteht, ist demnach immer der verdrängte, infantile Wunsch<br />

(<strong>Freud</strong>, 1900). 11<br />

Als einfaches Beispiel <strong>für</strong> einen Traumwunsch aus der letzten Gruppe führt <strong>Freud</strong><br />

den ‚Dursttraum’ an, der deutlich zeigt, wie der Schlafende bereits im Traum sein<br />

Bedürfnis stillt, indem er davon träumt, zu trinken. Obwohl dies eher einen „Be-<br />

quemlichkeitstraum“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.142) darstellt, ist die Wunscherfüllung darin<br />

offensichtlich. 12 Darüber hinaus gibt es zahlreiche ähnliche Träume, in denen der<br />

Wunscherfüllungscharakter ebenso deutlich sichtbar ist. So war es <strong>Freud</strong> beispiels-<br />

weise ein Leichtes, den Traum der Ehefrau eines Fre<strong>und</strong>es zu deuten, die träumte,<br />

ihre Periode zu bekommen. Da dies aber in Wirklichkeit offensichtlich nicht der Fall<br />

war, erfüllte sich ihr Wunsch, nicht mit so jungen Jahren bereits Mutter zu werden,<br />

im Traum (<strong>Freud</strong>, 1900).<br />

Zwar handelt es sich bei Kinderträumen meist um „simple Wunscherfüllungen“<br />

(<strong>Freud</strong>, 1900, S.145), trotzdem stellen bekanntermaßen längst nicht alle Träume den<br />

darin verborgenen Wunsch so unverhohlen zur Schau. Dennoch sind sie wichtig, um<br />

einerseits zu beweisen, „dass der Traum seinem innersten Wesen nach eine Wunsch-<br />

erfüllung bedeutet“ (<strong>Freud</strong>, 1916-17, S.141) <strong>und</strong> um andererseits aufzuzeigen, dass<br />

die Traumentstellung „nicht zum Wesen des Traumes“ (ebd.) gehört. Vor allem bei<br />

Erwachsenen handelt es sich oftmals um weitaus kompliziertere, verworrenere<br />

Traumgebilde, die auf den ersten Blick kaum eine Wunscherfüllung vermuten lassen.<br />

Gerade diese Träume benutzen Kritiker, um <strong>Freud</strong> zu beweisen, dass keinesfalls je-<br />

11 Dass es sich bei den Elementen aus dem Tagesgeschehen meist um völlig indifferente <strong>und</strong> gleichgültige<br />

handelt, erklärt <strong>Freud</strong> damit, dass sie „von der Widerstandszensur am wenigsten zu be<strong>für</strong>chten<br />

haben“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.537).<br />

12 Ebenso deutlich wird hierbei die unten beschriebene Funktion des Traumes als Hüter des Schlafes,<br />

denn wie <strong>Freud</strong> richtig beobacht, gilt die in diesen Träumen vorgegaukelte Befriedigung der Bedürfnisse<br />

auch dazu, den Träumer vor dem Erwachen zu schützen.<br />

18


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

der Traum auf die Erfüllung eines Wunsches abzielt. Wie kann beispielsweise ein<br />

Traum mit hoch peinlichem oder unangenehmem Inhalt einen Wunsch erfüllen wol-<br />

len? Was ist mit Angst-, Straf- <strong>und</strong> Alpträumen? Hier muss man allerdings beden-<br />

ken, dass es sich aufgr<strong>und</strong> der Entstellung, die durch die oben beschriebenen Mecha-<br />

nismen der Traumarbeit erfolgt, oftmals als sehr schwierig erweist, den jeweiligen<br />

Wunsch herauszufinden. Außerdem bezieht sich die Wunscherfüllungstheorie nicht<br />

auf den manifesten Traum, sondern auf die dahinter stehenden latenten Traumgedan-<br />

ken. Somit kann eine sorgfältige Deutung des manifesten Traumes auch hinter einem<br />

peinlichen oder einem Angsttraum eine versteckte Wunscherfüllung zutage fördern<br />

(<strong>Freud</strong>, 1900). 13<br />

Trotzdem stellt sich die Frage, warum ein Traum überhaupt gedeutet werden muss<br />

<strong>und</strong> warum der Trauminhalt nicht einfach ohne Umwege das ausdrückt, was er zu<br />

sagen beabsichtigt. Wozu also dient die Traumenstellung? <strong>Freud</strong> erklärt die aufwen-<br />

dige Entstellung der latenten Traumgedanken damit, dass das Ich des Träumers nie-<br />

mals ganz schläft. Die Zensur - der kontrollierende Anteil des Ich - die verhindert,<br />

dass unbewusste Triebregungen an die Oberfläche gelangen, ist auch während des<br />

Schlaf-Zustandes weitestgehend aktiv. In dem Fall, in dem die Wunscherfüllung bis<br />

zur Unkenntlichkeit entstellt worden ist, muss eine starke Abwehr gegen diesen<br />

Wunsch vorhanden gewesen sein, die dazu geführt hat, dass dieser Wunsch <strong>nur</strong> ver-<br />

schlüsselt, bzw. zensiert im Traum erscheint. 14 An dieser Stelle kommen die oben<br />

bereits beschriebenen Mechanismen der Traumarbeit (Verdichtung, Verschiebung<br />

etc.) zum Einsatz (<strong>Freud</strong>, 1900).<br />

Was dies zusammenfassend bedeutet, beschreibt <strong>Freud</strong> mit folgenden Worten: „Wir<br />

dürfen also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische Mächte (Strömun-<br />

gen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von denen die eine den durch den<br />

Traum zum Ausdruck gebrachten Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an<br />

diesem Traumwunsch übt <strong>und</strong> durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung<br />

erzwingt“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.160). Da der latente Trauminhalt vor der Analyse unbe-<br />

13 Mit dieser Behauptung zieht <strong>Freud</strong> sich wohl die schärfste Kritik zu. Trotzdem hält er daran fest<br />

<strong>und</strong> sieht <strong>nur</strong> das wiederholte Auftauchen eines erlebten psychischen Traumas im Traum als Ausnahme<br />

dieser Regel (<strong>Freud</strong>, 1933).<br />

14 Eben diese Abwehr äußert sich oftmals als Widerstand gegen die Deutung der Träume in der Analyse.<br />

Später (1923) ordnet <strong>Freud</strong> diesen Aspekt der Kontrollinstanz in seiner Strukturtheorie dem<br />

Über-Ich zu.<br />

19


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

wusst ist <strong>und</strong> <strong>nur</strong> der manifeste Traum bewusst erinnert wird, scheint die Funktion<br />

der zweiten Instanz - der Zensur - in der Zulassung zum Bewusstsein bzw. der even-<br />

tuell erforderlichen Verschlüsselung zu bestehen. Dementsprechend muss jeder<br />

Wunsch (erstes System) stets an der zweiten Instanz (Zensur) vorbei. 15 So kann es<br />

dann auch passieren, dass beispielsweise besonders peinliche Trauminhalte tatsäch-<br />

lich zur Verschleierung eines erwünschten Inhalts dienen. Mit anderen Worten „kön-<br />

nen wir jetzt auch sagen, die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der<br />

zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der ersten Instanz<br />

erfüllt“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.161).<br />

Da also jeder Traum vom ersten System ausgeht, ist jeder Traum ein Wunschtraum,<br />

oder wie <strong>Freud</strong> selbst es ausdrückt: „Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines<br />

(unterdrückten, verdrängten) Wunsches“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.175). Konzentriert man sich<br />

jedoch lediglich auf den Beitrag der zweiten Instanz <strong>und</strong> die entstellten Elemente des<br />

manifesten Trauminhalts, wird der Traum, sowie seine Bedeutung, wohl immer un-<br />

verständlich bleiben.<br />

Der Traum als Hüter des Schlafes<br />

Im Zusammenhang mit der oben beschriebenen Wunscherfüllungstheorie nennt<br />

<strong>Freud</strong> eine weitere Funktion der Träume. „Aus den Kinderträumen haben wir erfah-<br />

ren, die Traumarbeit beabsichtige die Beseitigung eines den Schlaf störenden seeli-<br />

schen Reizes durch eine Wunscherfüllung“ (<strong>Freud</strong>, 1916-17, S.217), so <strong>Freud</strong> selbst.<br />

Hiermit spielt er auf seine Theorie an, der zufolge der Traum als „Wächter des Schla-<br />

fes“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.240) fungiert. Da im Schlaf die Mechanismen der Verdrängung<br />

herabgesetzt sind, besteht die Gefahr, dass der Schlafende durch äußere Sinnesein-<br />

drücke, Tagesreste die ihn weiter beschäftigen, oder unbewusste Triebregungen, die<br />

an die Oberfläche drängen, geweckt wird. Der Traum hat nun die Funktion, diese<br />

Einflüsse in ein „unschädliches halluzinatorisches Erlebnis“ (<strong>Freud</strong>, 1933, S.459)<br />

umzuformen, um so die Fortsetzung des Schlafes zu gewährleisten. 16<br />

Diese Aufgabe gilt ebenso <strong>für</strong> Angstträume, auch wenn sie uns oftmals zum Erwa-<br />

chen bringen. Das liegt daran, dass in diesen Fällen der Schlaf unterbrochen wird,<br />

15 <strong>Freud</strong> (1900) vergleicht Träume mit Zeitungen unter einer Diktatur: Träume müssen nachts herauskommen,<br />

dabei dürfen sie aber die Wahrheit nicht offen sagen, sondern müssen sie verschlüsseln.<br />

16 Vgl.: „Die Träume sind Beseitigungen schlafstörender (psychischer) Reize auf dem Wege der halluzinierten<br />

Befriedigung.“ (<strong>Freud</strong>, 1916-17, S.148)<br />

20


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

„ehe der verdrängte Wunsch des Traumes seine volle Erfüllung gegen die Zensur<br />

durchgesetzt hat“ (<strong>Freud</strong>, 1916-17, S.221). Angstträume sind laut <strong>Freud</strong> nämlich<br />

meist dadurch gekennzeichnet, dass sie eine „offene Erfüllung eines verdrängten<br />

Wunsches“ (<strong>Freud</strong>, 1916-17, S.220) darstellen. Die Angst entsteht, weil die Zensur<br />

es nicht schafft, die aufkommenden verpönten Triebregungen zu unterdrücken <strong>und</strong><br />

der verdrängte Wunsch sich anschickt unverhüllt an die Oberfläche zu gelangen. Der<br />

Schläfer erwacht, um dies zu vermeiden. Auch wenn dadurch der Schlaf unterbro-<br />

chen wird, nimmt der Traum seine Funktion als Schlafhüter dennoch wahr, indem er<br />

noch größeren Schaden vermeidet. 17<br />

Morgenthaler (1986) beschreibt dieses Verhältnis von Träumer, Traum <strong>und</strong> unbe-<br />

wussten Triebregungen sehr anschaulich mittels folgender Theater-Analogie:<br />

Im Schlaf sitzt der Träumer als Besucher in einem Theater. Der Vorhang geht<br />

auf <strong>und</strong> er sieht auf der Bühne eine Szene, zum Beispiel den Sommernachts-<br />

traum von Shakespeare. Hinter den Kulissen sitzen die Traumregisseure. Das<br />

sind die Instanzen der unbewussten Ichanteile, die da<strong>für</strong> sorgen, dass auf der<br />

Bühne alles so vor sich geht, wie es geplant ist (...). Das Volk aber ist unzufrie-<br />

den, weil im Theater nie das aufgeführt wird, was es wirklich will. Unzufrieden<br />

sind vor allem die ungesitteten, schwer unter Kontrolle zu haltenden Aufbegeh-<br />

rer, die alles immer in Unordnung bringen wollen. Während der Theaterauffüh-<br />

rung drängen diese Leute von der Straße durch den Artisteneingang ins Theater.<br />

Einige sind betrunken, andere kommen mit einem H<strong>und</strong> oder Ziegenbock. Eine<br />

schreiende Frau ist auch dabei <strong>und</strong> vieles mehr. Diese Leute sind Störfaktoren<br />

<strong>und</strong> drohen auf die Bühne durchzubrechen (...). Die Eindringlinge sind die un-<br />

bewussten Triebregungen. Auf der Bühne muss alles schön <strong>und</strong> geregelt ablau-<br />

fen, damit der Träumer, der im Theater sitzt, nicht erwacht. (...) Nun kommen<br />

die Traumregisseure in Aktion. Ihnen steht das Arsenal der Vergangenheit von<br />

allem Erlebten zur Verfügung, um daraus die Requisiten <strong>und</strong> Verkleidungsmög-<br />

lichkeiten zu wählen, mit denen sie die Eindringlinge so verändern, (...) dass sie<br />

dann, (...) die Szene, die gerade gespielt wird, nicht stören. Je intensiver <strong>und</strong><br />

drängender die Impulse sind, die zur Bühne gelangen wollen, je schneller das<br />

vor sich geht <strong>und</strong> je größer die Menge der Eindringlinge ist, desto schwieriger<br />

wird es <strong>für</strong> die Traumregisseure, alles rechtzeitig zuzudecken. Es kann dann<br />

17 <strong>Freud</strong> vergleicht den Traum mit einem Nachtwächter, der mitunter nicht vermeiden kann, etwas<br />

Lärm zu machen um den Ruhestörer zu vertreiben, der den Träumenden mit seinem Krach andernfalls<br />

wecken würde (<strong>Freud</strong>, 1916-17).<br />

21


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

vorkommen, dass eine Prinzessin auf der Bühne noch irgendein Horn trägt, weil<br />

es der Traumregie nicht mehr gelungen ist, den Ziegenbock ganz zu verkleiden.<br />

Geraten die Traumregisseure durch die eindringenden unbewussten Triebimpul-<br />

se in noch größere Schwierigkeiten, können sie den zentralen elektrischen<br />

Schalter bedienen <strong>und</strong> das ganze Theater Dunkelheit hüllen. In solchen Fällen<br />

wacht der Träumer nicht auf (...). Wenn die Traumregisseure ihre Aufgabe nicht<br />

mehr bewältigen <strong>und</strong> ein Durchbruch der Eindringlinge auf die Bühne droht,<br />

lassen sie den Vorhang herunter <strong>und</strong> schalten das Licht im Publikumsraum an.<br />

Das entspricht dem Erwachen aus einem Traum. Das Erwachen aus einem<br />

Traum ist immer ein Zeichen da<strong>für</strong>, dass Angst aufträte, wenn der Traum wei-<br />

terginge (...).<br />

(Morgenthaler, 1986, S.81-84) 18<br />

Neben dem Aufwachen steht dem Träumer noch eine weitere Möglichkeit zur Ver-<br />

fügung, um den Schlaf beruhigt fortsetzen zu können. In dem Fall, in dem die Zensur<br />

durch einen bereits zugelassenen Traum überrumpelt wird, kann sie dies durch die<br />

Äußerung „Es ist ja <strong>nur</strong> ein Traum“ herunterspielen. Dies dient „zur Einschläferung<br />

einer gewissen Instanz, die in dem gegebenen Moment alle Veranlassung hätte, sich<br />

zu regen <strong>und</strong> die Fortsetzung des Traums (...) zu verbieten“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.470).<br />

Mit der Rechtfertigung „Es ist ja <strong>nur</strong> ein Traum“ kann der Schlaf jedoch ruhigen<br />

Gewissens fortgesetzt <strong>und</strong> der Traum geduldet werden. Anscheinend kommt also<br />

„der sonst <strong>nur</strong> als Zensur tätigen psychischen Instanz ein regelmäßiger Anteil an der<br />

Traumbildung“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.471) zu, was darauf hindeutet, dass das Traummate-<br />

rial vermutlich nicht ausschließlich aus den Traumgedanken stammt. Der Anteil die-<br />

ser besagten psychischen Instanz besteht dabei nicht <strong>nur</strong> in der oben bereits be-<br />

schriebenen Funktion der Zensur, die in Entstellungen, Abschwächungen <strong>und</strong> Aus-<br />

lassungen besteht, sondern offensichtlich auch in Einmischungen <strong>und</strong> Vermehrungen<br />

des Trauminhalts. Mit diesen Zusätzen werden die „Lücken im Aufbau des Traums“<br />

(ebd.) gestopft, so dass er weniger zusammenhangslos erscheint. Diese sogenannte<br />

sek<strong>und</strong>äre Bearbeitung, die ebenfalls zu den Mechanismen der Traumarbeit zählt,<br />

versucht also, den Trauminhalt in einen logischen Rahmen zu fügen, so dass ein<br />

halbwegs sinnvolles Ganzes entsteht. Mit Altmans Worten wissen wir demnach,<br />

18 Die Frage, inwieweit die Tatsache, dass der Träumer in dieser Analogie als passiver Zuschauer <strong>und</strong><br />

nicht als aktiver Darsteller verstanden wird, Sinn macht, soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert<br />

werden.<br />

22


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

„dass Zusammenhang <strong>und</strong> Logik im manifesten Traum das Ergebnis der sek<strong>und</strong>ären<br />

Bearbeitung sind“ (1981, S.39).<br />

Nach der Vorstellung der <strong>Freud</strong>schen Theorie zu Traumentstehung, Traumfunktion<br />

<strong>und</strong> Traumdeutung, geht es in den folgenden Abschnitten vor allem um die Weiter-<br />

entwicklung der psychoanalytischen Traumtheorie. Wie wir sehen werden, musste<br />

<strong>und</strong> muss der Traum bis heute noch um seine Position innerhalb der psychoanalyti-<br />

schen Praxis kämpfen. Während es eine Reihe Analytiker gibt, die dem Traum seine<br />

einzigartige Bedeutung absprechen, betonen andere nach wie vor den wichtigen Stel-<br />

lenwert des Traumes.<br />

3.2. Psychoanalytische Traumdeutung nach <strong>Freud</strong><br />

In seiner ‚Revision der Traumlehre’ (1933) beklagt sich <strong>Freud</strong> über das scheinbar<br />

deutlich nachlassende Interesse am Traum: „Die Analytiker benehmen sich, als hät-<br />

ten sie über den Traum nichts mehr zu sagen, als wäre die Traumlehre abgeschlos-<br />

sen“ (S.452). Bereits in den 20er Jahren besitzt der Traum eine immer geringer wer-<br />

dende Bedeutung innerhalb der Psychoanalyse. Leuschner (1999) führt dies darauf<br />

zurück, dass es sich als weitaus schwieriger erwies, die latenten Traumgedanken hin-<br />

ter dem manifesten Trauminhalt zu erkennen, als <strong>Freud</strong> es darstellt. Dies kann seiner<br />

Ansicht nach vor allem daran liegen, dass es sich bei vielen der in der ‚Traumdeu-<br />

tung’ behandelten Träume um <strong>Freud</strong>s eigene handelt. Dementsprechend muss er sich<br />

<strong>nur</strong> wenig bis gar nicht mit Phänomenen wie Widerstand, Übertragung <strong>und</strong> Gegen-<br />

übertragung auseinander setzen, mit denen sich die Analytiker tagtäglich in ihrer<br />

Praxis konfrontiert sehen <strong>und</strong> die die Deutungsarbeit erschweren.<br />

Auch heute zweifeln einige Analytiker an der Relevanz von Träumen <strong>für</strong> die psycho-<br />

analytische Praxis, so dass die Bearbeitung von Träumen im Rahmen der Analyse<br />

oftmals <strong>nur</strong> noch eine untergeordnete Rolle spielt. Es stellt sich tatsächlich die Frage,<br />

ob der Traum <strong>nur</strong> noch ein „Stiefkind der Psychoanalyse“ (Zauner, 1983, S.3) ist. In<br />

diesem Zusammenhang kommt die Kris Study Group 1967 (vgl. Greenson, 1970)<br />

nach einer zweijährigen Traum-Studie u.a. zu folgenden ernüchternden Schlussfolge-<br />

rungen: der Traum stellt ein ganz gewöhnliches Kommunikationsmittel innerhalb der<br />

Psychoanalyse dar, er eröffnet in keiner Weise Zugang zu Materialien, die sonst ver-<br />

deckt bleiben würden <strong>und</strong> er ist nicht in besonderer Weise dazu geeignet, unterdrück-<br />

te Kindheitserinnerungen ans Licht zu bringen. Auf diese Weise wird dem Traum<br />

23


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

jegliche herausragende Bedeutung abgesprochen <strong>und</strong> <strong>Freud</strong>s Theorie zur Traumar-<br />

beit <strong>und</strong> Traumdeutung völlig vernachlässigt. Auch Brenner (1969) ist der Überzeu-<br />

gung, dass die Traumdeutung nicht die einzige Methode darstellt, mit deren Hilfe<br />

man unbewusstem Material auf die Spur kommen kann. Seiner Ansicht nach stellen<br />

ebenso wie der Traum auch neurotische Symptome, Fehlleistungen, Witze, viele<br />

Charakterzüge <strong>und</strong> sogar die Wahl des Berufes, Tagträume, bewusste Kindheitserin-<br />

nerungen <strong>und</strong> vor allem die freien Assoziationen während der Analyse einen Kom-<br />

promiss zwischen instinktiven Wünschen <strong>und</strong> den Anforderungen des Über-Ich dar.<br />

Wie jeder Traum reflektieren auch sie das Ergebnis eines Zusammenspiels unbe-<br />

wusster, vorbewusster <strong>und</strong> bewusster Strebungen bzw. des Es, Ich <strong>und</strong> Über-Ich.<br />

Demnach sollte laut Brenner die Bedeutung des Traumes nicht überschätzt <strong>und</strong> die<br />

Aufmerksamkeit ebenfalls auf alle anderen Aspekte dessen, was der Klient mitteilt,<br />

gerichtet werden.<br />

Altman (1969) macht vor allem den Trend zur Ich-<strong>Psychologie</strong> <strong>für</strong> das nachlassende<br />

Interesse am Traum verantwortlich. Während sich das Hauptaugenmerk nun auf die<br />

Analyse der Abwehr richtet, wird die Arbeit am Traum zur Erforschung unbewusster<br />

Triebwünsche mehr <strong>und</strong> mehr vernachlässigt. Dies liegt nach Ansicht von Altman<br />

daran, dass Analytiker seit dem Beginn der Ich-<strong>Psychologie</strong> kaum noch die Erfah-<br />

rung einer Analyse ihrer eigenen Träume machen können <strong>und</strong> dementsprechend<br />

Träume auch bei der Arbeit mit ihren Klienten in den Hintergr<strong>und</strong> treten.<br />

Ermann (1983) <strong>und</strong> Moser (2003) weisen darüber hinaus auf eine wichtige Verschie-<br />

bung in der Bewertung des Traums hin, die ebenfalls mit dem Beginn der Ich-<br />

<strong>Psychologie</strong> zusammen fällt. Diese Verschiebung besteht darin, dass der immensen<br />

Bedeutung der Entschlüsselung des latenten Trauminhalts zur Aufdeckung unbe-<br />

wusster Triebe <strong>und</strong> Wünsche der manifeste Traum inzwischen fast gleichwertig ge-<br />

genüber steht. 19 Er wird dabei als „Äußerung des Ich in seinem Bemühen um die<br />

Strukturierung der Primärprozesse des Unbewussten“ (Ermann, 1983, S.X) angese-<br />

hen. So vertritt Ehebald (1981; vgl. Zauner, 1983) die Ansicht, dass der manifeste<br />

Traum nicht <strong>nur</strong> eine Wunscherfüllung darstellt, sondern auch Einblicke in die Ar-<br />

beitsweisen des Ich erlaubt <strong>und</strong> damit ebenso viel Aufmerksamkeit wie der latente<br />

19 Spanjaard (1969) weist darauf hin, dass Federn 1914 als Erster das Interesse auf den manifesten<br />

Traum lenkt. Im Wesentlichen geht diese Verschiebung der Aufmerksamkeit jedoch auf Erikson zurück,<br />

der im Jahre 1949 am Psychoanalytischen <strong>Institut</strong> von San Franzisko ein Seminar abhält, in dem<br />

er das Augenmerk vor allem auf den manifesten Traum richtet (Beese, 1983).<br />

24


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

Trauminhalt verdient. 20 Darüber hinaus wird vor allem in der Arbeit mit Ich-<br />

gestörten Patienten die Arbeit mit Träumen vermieden, da die Traumassoziation,<br />

sowie wie freie Assoziation zu regressionsfördernd ist <strong>und</strong> damit zu Dekompensatio-<br />

nen führen kann.<br />

Selbstverständlich gibt es daneben nach wie vor zahlreiche Analytiker, die die Be-<br />

deutung der Träume keineswegs anzweifeln (z.B. Altman, 1981, Greenson, 1970). 21<br />

So ist Greenson (1970) überzeugt, dass eine erfolgreiche, tiefgehende Analyse nicht<br />

ohne das Verständnis <strong>und</strong> den Einbezug der Träume möglich ist. Auch Mertens<br />

(1993) ist der Ansicht, dass Träume - wenn auch meist in verschlüsselter Form - „den<br />

Weg zu den kindlichen Konflikten <strong>und</strong> Konfliktverarbeitungen weisen <strong>und</strong> wertvolle<br />

Rekonstruktionshilfen bereitstellen, die dann wiederum ein besseres Verständnis der<br />

Übertragungsbeziehung im Hier <strong>und</strong> Jetzt ermöglichen“ (S.109). Somit stellt der<br />

Traum seiner Ansicht nach ein wertvolles Mittel dar, Ereignisse der Gegenwart mit<br />

Erlebnissen, Emotionen <strong>und</strong> Wünschen der Vergangenheit zu verbinden.<br />

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass, obwohl Phänomene wie z.B. Wider-<br />

stand, Übertragung <strong>und</strong> Gegenübertragung heutzutage einen großen Stellenwert in<br />

der psychoanalytischen Praxis haben, nach wie vor ein großes Interesse am Traum<br />

besteht. Allerdings wird er dabei von manchen Autoren inzwischen weniger als „Via<br />

Regia zur Kenntnis des Unbewussten“ (<strong>Freud</strong>, 1900; S.577; Hervorhebung v. Verf.),<br />

sondern als weitere Möglichkeit zum Verständnis der Arbeitsweise des Ich angese-<br />

hen.<br />

Die wohl bekannteste Weiterentwicklung der <strong>Freud</strong>schen Traumtheorie stellt die<br />

C.G. Jungs dar. Im Rahmen dieser Arbeit werde ich seine Erkenntnisse jedoch aus<br />

Platzgründen weitestgehend vernachlässigen <strong>und</strong> <strong>nur</strong> kurz im Abschnitt 3.3.1 andeu-<br />

ten, womit ich ihre Bedeutung aber keinesfalls herunterspielen möchte.<br />

3.2.1. Der Traum in der analytischen Therapie<br />

Bei denjenigen Analytikern, die Träume weiterhin als „Königsweg“ zum Unbewuss-<br />

ten ansehen, geht es, anknüpfend an <strong>Freud</strong>, vor allem darum, mittels Deutungstech-<br />

20 In diesem Zusammenhang wird auch die Traumarbeit als „eine besondere (integrative, konfliktlösende<br />

bzw. schöpferische) Leistung des Ich“ (Struck, 1992, S.76) angesehen.<br />

21 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird ersichtlich werden, dass die Traumdeutung heute ausgerechnet<br />

von Seiten der Neurowissenschaften einen erneuten Aufschwung erfährt, seitdem auch dort<br />

Träume als Forschungsgegenstand entdeckt wurden.<br />

25


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

niken den latenten Traumgedanken auf die Spur zu kommen, die sich hinter dem<br />

manifesten Trauminhalt verbergen, um so die Gr<strong>und</strong>lagen der Konflikte <strong>und</strong> Sym-<br />

ptome aufdecken, bearbeiten <strong>und</strong> integrieren zu können. Eine wichtige Technik ist<br />

hier die unter 3.1 bereits beschriebene Methode der freien Assoziation. <strong>Freud</strong> geht<br />

davon aus, dass diese Technik am besten dazu geeignet sei, Zugang zur Bedeutung<br />

des Traumes zu erlangen, da die „zunächst oft beziehungslos scheinenden, schwei-<br />

fenden Gedanken unweigerlich in die Nähe der unbewussten Motivation“ (Struck,<br />

1991, S.81) führen, die sich hinter dem manifesten Trauminhalt verbirgt. Allerdings<br />

gilt es zu bedenken, dass diese Assoziationen <strong>und</strong> Einfälle noch nicht die latenten<br />

Traumgedanken darstellen, sie liefern lediglich Hinweise <strong>und</strong> deuten Mögliches an.<br />

Bei der Traumdeutung in der analytischen Praxis kann es zu gewissen Schwierigkei-<br />

ten kommen, da Analytiker <strong>und</strong> Analysand oftmals unterschiedliche <strong>und</strong> sehr subjek-<br />

tive Traumtheorien haben. Ziel ist darum zunächst, „die Übernahme des Traums in<br />

die gemeinsame interpretative Mikrowelt von Analytiker <strong>und</strong> Analysand“ (Moser,<br />

2003, S.645). Im Laufe der Deutung des Traumes kann es dazu kommen, dass sich<br />

der Analysand gegen bestimmte Interpretationen oder die gesamte Traumarbeit<br />

wehrt. Solche Widerstände äußern sich z.B. darin, dass der Analysand einen Traum<br />

gar nicht mehr erzählt, vorgibt, ihn vergessen zu haben, dem Analytiker <strong>nur</strong> einzelne<br />

Fragmente liefert oder jegliche Bedeutung seines Traumes abstreitet. Dies stellt nach<br />

Ansicht von Moser ein wichtiges Problem dar, denn „Distanzierungen in Bezug auf<br />

den Traumprozess, offen oder versteckt, sind ein untrügliches Zeichen da<strong>für</strong>, dass<br />

der psychoanalytische Prozess intellektualisiert verläuft“ (Moser, 2003, S.645).<br />

Laut Fink (1977) erfüllt der Traum in der analytischen Therapie nach wie vor einige<br />

wichtige Aufgaben. So weist Fink auf die Bedeutung des ersten Traumes, der vom<br />

Analysand berichtet wird, hin. Er geht, wie auch Jung (1945), davon aus, dass dieser<br />

sogenannte Initialtraum den derzeitigen Zustand des Klienten widerspiegelt <strong>und</strong> so-<br />

mit eine wichtige diagnostische <strong>und</strong> prognostische Funktion hat. Darüber hinaus re-<br />

flektieren die berichteten Träume die jeweilige Interaktion <strong>und</strong> können somit auch<br />

Auskünfte über die Beziehung zwischen Analysand <strong>und</strong> Analytiker liefern. Die Art<br />

<strong>und</strong> Weise, wie auch die Häufigkeit, mit der Träume während der Analyse berichtet<br />

werden, gibt dem Analytiker außerdem wichtige Hinweise auf den „jeweiligen Stand<br />

des Widerstandes“ (Fink, 1977, S.291) des Klienten. Abschließend vermutet Fink,<br />

26


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

dass der Inhalt des Traumes (oral, anal, genital, narzisstisch etc.) Aufschluss über das<br />

Ausmaß der Regression gibt.<br />

3.2.2. Experimentelle psychoanalytische Traumforschung<br />

Bei der Psychoanalyse handelt es sich um eine über h<strong>und</strong>ertjährige Wissenschaft.<br />

Doch gerade der wissenschaftliche Status dieser Disziplin wird von Gegnern <strong>und</strong><br />

Kritikern der Psychoanalyse immer wieder massiv in Frage gestellt. Tatsächlich sind<br />

sich auch immer mehr Vertreter aus den eigenen Reihen der Tatsache bewusst, dass<br />

die Psychoanalyse weitaus erfolgreicher darin ist, Hypothesen aufzustellen, als sie<br />

experimentell zu testen <strong>und</strong> zu überprüfen. So weist der Nobelpreisträger Eric Kan-<br />

del (1999) darauf hin, dass es die Psychoanalyse vor allem versäumt habe, sich wis-<br />

senschaftlich weiter zu entwickeln. Dies äußere sich in dem gravierenden Mangel an<br />

objektiven Methoden, mit deren Hilfe die Vermutungen <strong>und</strong> Hypothesen über die<br />

Psyche des Menschen belegt werden könnten. Auch Leuschner, Hau & Fischmann<br />

(1998) warnen vor der „Gefahr des wissenschaftlichen Stillstandes“ (S.825) <strong>und</strong> plä-<br />

dieren <strong>für</strong> „methodische Erweiterungen“ (ebd.), um die psychoanalytischen Theorien<br />

(über)prüfen <strong>und</strong> (weiter)entwickeln zu können. Kandel bedauert den allmählich<br />

nachlassenden Einfluss der Psychoanalyse im 21. Jahrh<strong>und</strong>ert, da sie seiner Meinung<br />

nach immer noch das schlüssigste <strong>und</strong> intellektuell befriedigendste Modell unserer<br />

Psyche darstellt. Als Ausweg aus dieser Misere schlägt er eine größere Offenheit<br />

anderen Disziplinen, wie z.B. der Biologie <strong>und</strong> den Neurowissenschaften gegenüber<br />

vor. Dies wird das Thema des 5.Kapitels sein. Im Folgenden möchte ich zunächst auf<br />

Bestrebungen eingehen, die innerhalb der psychoanalytischen Schlaf- <strong>und</strong> Traumfor-<br />

schung stattgef<strong>und</strong>en haben, mit dem Ziel, die aufgestellten Hypothesen experimen-<br />

tell zu validieren.<br />

Auch wenn der Mangel an hypothesengeleiteter, experimenteller Untersuchung der<br />

psychoanalytischen Theorien dieser Fachrichtung heute deutlich angekreidet wird,<br />

sollte man nicht vergessen, dass die experimentelle Untersuchung des Traumes den-<br />

noch eine lange Tradition innerhalb der Psychoanalyse hat. Bereits im Jahre 1878<br />

führt Maury (vgl. Fink, 1977) erwähnenswerte Traum-Experimente durch. Ihm ge-<br />

lingt es schon zu diesem Zeitpunkt nachzuweisen, dass während des Schlafes darge-<br />

botene Reize in den Traumbericht Zugang finden. Auch Schrötter (1912; vgl. <strong>Freud</strong>,<br />

1916-17) macht die Beobachtung, dass sich bestimmte Inhalte, die er hypnotisierten<br />

27


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

Personen suggeriert, anschließend in den Träumen dieser Personen nachweisen las-<br />

sen. Einen mindestens ebenso wichtigen Beitrag liefert Pötzl (1917; vgl. Leuschner,<br />

1999), der mit Hilfe seiner Experimente die Existenz unbewusster Prozesse offen<br />

legt. Indem er seinen Versuchspersonen bestimmte Bilder subliminal (also quasi un-<br />

bewusst, durch die Darbietung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle) präsentiert,<br />

die dann nachweislich im darauffolgenden Traumschlaf auftauchen, liefert er bedeut-<br />

same Hinweise auf die offensichtlich existierende unbewusste Wahrnehmungsverar-<br />

beitung. Dieser Methode der subliminalen Wahrnehmung bedienen sich zahlreiche<br />

weitere Forscher, um die Träume ihrer Probanden experimentell zu beeinflussen<br />

(siehe unten).<br />

Mit der Entdeckung des REM-Schlafes im Jahre 1953 (siehe Kapitel 4.2.1) kommt es<br />

vor allem im Bereich der physiologischen Schlaf- <strong>und</strong> Traumforschung zu einem<br />

erheblichen Anstieg der experimentellen Untersuchung des Traumes. Da sich daran<br />

auch einige Psychoanalytiker wie z.B. Shevrin, Fiss, Pine <strong>und</strong> Fisher beteiligen, wird<br />

es möglich, die innerhalb der analytischen Situation gesammelten Erfahrungen <strong>und</strong><br />

Vermutungen im Labor zu überprüfen.<br />

Whitman stellt 1963 (vgl. Leuschner, 1999) bei einer vergleichenden Untersuchung<br />

fest, dass Patienten innerhalb der Analyse andere Träume berichten als im Labor.<br />

Dies erklärt er mit der jeweils unterschiedlichen Übertragungsbeziehung, die zwi-<br />

schen Patient <strong>und</strong> Analytiker bzw. Patient <strong>und</strong> Forscher besteht. Fiss untersucht 1980<br />

die Labor-Träume von Alkoholikern während des Entzugs <strong>und</strong> stellt fest, dass „die<br />

hochgradig Süchtigen weitaus häufiger vom Trinken träumen, als die weniger ‚Be-<br />

gierigen’“ (Leuschner, 1999, S.366). Dies spricht zunächst <strong>für</strong> die <strong>Freud</strong>sche Theorie<br />

der Wunscherfüllung, allerdings weist Fiss (1993) darauf hin, dass jene Träumer zu-<br />

sätzlich stark konfliktgeladene <strong>und</strong> selbst abwertende Trauminhalte aufweisen.<br />

Greenberg <strong>und</strong> Pearlman (1975) untersuchen ebenfalls den Trauminhalt ihrer Patien-<br />

ten aus der analytischen Praxis im Labor <strong>und</strong> stellen fest, dass ein Großteil des mani-<br />

festen Trauminhaltes direkt auf die dem Schlaf vorangegangene analytische Sitzung<br />

zurück zu führen ist. Dies interpretieren die Autoren dahingehend, dass Träume die<br />

Gelegenheit bieten, rezente Erfahrungen neu zu organisieren <strong>und</strong> mit vergangenen<br />

Erfahrungen zu integrieren. Eine ähnliche Auffassung vertreten French <strong>und</strong> Fromm<br />

(1964) <strong>und</strong> postulieren, dass der Traum einen Adaptionsprozess, bzw. einen Versuch,<br />

gegenwärtige Konflikte zu lösen, darstellt (siehe Kapitel 3.3.2). Nach Ansicht von<br />

28


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

Greenberg <strong>und</strong> Pearlman erlaubt der manifeste Trauminhalt demnach Rückschlüsse<br />

auf emotional bedeutsames Material, welches den Träumer aktuell, vor allem inner-<br />

halb der Analyse, beschäftigt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass dieses Material<br />

völlig unverzerrt im Traum erscheint, sondern meist in eine Art metaphorischer<br />

Sprache umgewandet wird (vgl. <strong>Freud</strong>s Traumarbeit). Anknüpfend an <strong>Freud</strong> gehen<br />

sie zusammenfassend davon aus, dass Träume die Integration von vergangenen<br />

Wünschen <strong>und</strong> gegenwärtigen Bedürfnissen reflektieren.<br />

Wie oben bereits angedeutet machen sich viele Forscher die von Pötzl angewandte<br />

Methode der subliminalen Wahrnehmung zu Nutze, um die Verarbeitung unbewuss-<br />

ter Informationen während des Traumes zu beobachten. So stellen Spence <strong>und</strong> Gor-<br />

don 1973 (vgl. Leuschner, 1999) mit Hilfe der Pötzl-Methode beispielsweise fest,<br />

dass subliminale Stimuli „gr<strong>und</strong>sätzlich in der Lage sind, Zugang zu unbewussten<br />

Phantasien zu verschaffen bzw. unbewussten Wünschen ermöglichen, im Traum zu<br />

erscheinen“ (Leuschner, 1999, S.368). Leuschner selbst entwickelt mit seinen Kolle-<br />

gen das sogenannte tachyakustische Verfahren. Dabei wird dem Probanden ein be-<br />

stimmter Text in 2,5-facher Geschwindigkeit vorgespielt, so dass bewusstes Verste-<br />

hen völlig unmöglich ist. Trotzdem kommt es daraufhin zu einem statistisch signifi-<br />

kanten Wiederauftreten von Inhalten dieser Texte im Traumbericht, sowie in freien<br />

Assoziationen - <strong>und</strong> das bis zu drei Tagen nach Darbietung. Dies bedeutet nach An-<br />

sicht der Autoren, dass die dargebotenen Texte vorbewusst wahrgenommen <strong>und</strong> ver-<br />

standen wurden (Leuschner et al., 1998).<br />

Es gibt demnach durchaus eine gewisse Tradition der experimentellen psychoanalyti-<br />

schen Traumforschung. Allerdings hat es die Psychoanalyse bis heute leider weitge-<br />

hend versäumt, diese Methoden <strong>und</strong> Techniken auszubauen, um mit ihrer Hilfe auch<br />

weiterhin die aufgestellten Hypothesen <strong>und</strong> Theorien zu stützen. Dabei darf nicht<br />

außer Acht gelassen werden, dass die psychoanalytische Laborforschung auch<br />

Schwierigkeiten aufweist. Im Gegensatz zur analytischen Situation gibt es laut<br />

Leuschner (1999) im Labor „keine Patienten mehr, keine Behandlung, kein Hier-<br />

<strong>und</strong>-Jetzt gemeinsamer Erkenntnis. Es gibt nicht mehr den Detektiv <strong>und</strong> nicht mehr<br />

den Archäologen, keine Hermeneutik. Übertragungsprozesse gelten erst mal nichts“<br />

(S.374). Vielleicht ist darum die Kombination von Erkenntnissen, die innerhalb der<br />

Analyse gewonnen werden <strong>und</strong> jenen, die im Labor zutage treten, so wertvoll, um<br />

auf der einen Seite nicht den Patienten <strong>und</strong> seine besondere therapeutische Bezie-<br />

29


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

hung zum Analytiker, andererseits aber auch nicht die experimentelle Validierung<br />

der aufgestellten Hypothesen aus den Augen zu verlieren. Forschung <strong>und</strong> Heilung<br />

sollten sich im Idealfall ergänzen. So sind die klinischen Erfahrungen <strong>und</strong> die aus der<br />

Praxis gewonnenen Einsichten <strong>für</strong> die Laborforschung ebenso unerlässlich, wie auch<br />

die Ergebnisse der experimentellen Untersuchung <strong>für</strong> das Verständnis des therapeuti-<br />

schen Prozesses sinnvoll sein können. So ist z.B. die mittels der subliminalen Me-<br />

thode experimentell nachgewiesenen Tatsache, dass wir nicht <strong>nur</strong> bewusst, sondern<br />

gleichzeitig auch vorbewusst wahrnehmen, verstehen <strong>und</strong> kommunizieren, <strong>für</strong> die<br />

analytische Situation von großer Bedeutung.<br />

3.3. Die Funktion des Traumes aus psychoanalytischer Sicht<br />

Wie unter 3.1.2 beschrieben, geht <strong>Freud</strong> von zwei wesentlichen Funktionen des<br />

Traumes aus: der Traum als Wunscherfüllung <strong>und</strong> der Traum als Hüter des Schlafes.<br />

Im Zuge der Weiterentwicklung der psychoanalytischen Theorie entstehen noch viele<br />

weitere Vermutungen zum Sinn <strong>und</strong> Zweck des Träumens. Im Folgenden werde ich<br />

eine Auswahl dieser Hypothesen kurz darstellen, wobei ich aus Platzgründen <strong>nur</strong><br />

einige wenige aus der großen Menge der Theorien herausgreifen <strong>und</strong> lediglich kurz<br />

andeuten kann.<br />

3.3.1. Der Traum als Kompensation<br />

Der prominenteste Vertreter der Kompensations-Theorie ist sicherlich C.G. Jung<br />

(1945). Er vermutet, dass sich im Traum jene Anteile offenbaren, die im bewussten<br />

Leben verdrängt <strong>und</strong> unterdrückt worden sind. Dabei gilt: je einseitiger die aktuelle<br />

Bewusstseinslage, desto ausgeprägter der kompensatorische Charakter der Träume.<br />

Auf diese Weise wird das Gleichgewicht der Seele garantiert - entsprechend Jungs<br />

Auffassung von einem ganzheitlichen <strong>und</strong> ausgewogenen Menschen. Im Unterschied<br />

zu <strong>Freud</strong> handelt es sich bei den zu kompensierenden Anteilen jedoch nicht aus-<br />

schließlich um verdrängte Triebregungen, sondern um alle möglichen Einstellungen<br />

<strong>und</strong> Faktoren, die im bewussten Leben nicht ausreichend vertreten werden. Dabei<br />

wird das Interesse eher auf den manifesten Trauminhalt gelenkt, während bei <strong>Freud</strong><br />

vor allem die Bedeutung des latenten Traummaterials betont wird (siehe Kapitel 3.2).<br />

Demnach ist die Wunscherfüllung <strong>nur</strong> einer von vielen möglichen manifesten Inhal-<br />

ten, es kann sich dabei ebenso um Illusionen, Erinnerungen etc. handeln. Letztlich<br />

30


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

stellt dies aber keinen Widerspruch zur <strong>Freud</strong>schen Theorie dar, denn auch <strong>Freud</strong><br />

gibt zu, dass der manifeste Traum alles mögliche darstellen kann. Wesentlich ist sei-<br />

ner Ansicht jedoch, dass der Motor des Traumbildungsprozesses stets ein unbewuss-<br />

ter Triebwunsch ist, dem der Traum eine Äußerung ermöglicht (Deserno, 1999;<br />

Eckes-Lapp,1980). 22<br />

Laut Schultz-Hencke (1949) nimmt der Mensch aufgr<strong>und</strong> frühkindlicher Erfahrun-<br />

gen stets auf seine Umwelt Rücksicht, was dazu führt, dass es zu „motorische[r] Zu-<br />

rückhaltung“, „reflektorische[n] Einschränkungen“ <strong>und</strong> sogar „völligen Ausfallser-<br />

scheinungen“ (Eckes-Lapp, 1980, S.23) kommt. Das dadurch Versäumte holt der<br />

Mensch in seinen Träumen nach, kompensiert so die tagsüber erlebten Beschränkun-<br />

gen <strong>und</strong> „füllt die Lücken des Wacherlebens“ (Schultz-Hencke, 1949, S.207). Dabei<br />

konzentriert sich Schultz-Hencke wie <strong>Freud</strong> auf die nicht-gelebten Triebanteile, wäh-<br />

rend sich der Traum bei Jung nicht <strong>nur</strong> auf Triebregungen, sondern auch auf Einstel-<br />

lungen, Emotionen u.a. bezieht.<br />

Eine ähnliche Auffassung vertritt Siebenthal (1953), indem er behauptet, dass der<br />

Traum insofern kompensatorisch ist, als er gerade das darstellt, was im Wachzustand<br />

<strong>nur</strong> ungenügende Beachtung gef<strong>und</strong>en hat. So kommt es dazu, dass der Schlafende in<br />

seinen Träumen genau mit den Emotionen, Gedanken, Trieben etc. konfrontiert wird,<br />

von denen er im bewussten Leben nichts wissen wollte - der Traum zeigt also häufig<br />

eine Einstellung, die der im Wachzustand vorzufindenden Haltung genau entgegen-<br />

gesetzt ist.<br />

All diesen Theorien ist gemeinsam, dass sie von einer ausgleichenden Funktion der<br />

Träume ausgehen. Sie werden als Äußerung des Unbewussten angesehen, die die im<br />

Wachzustand wenig beachteten Anteile berücksichtigen, um so eine Art Gleichge-<br />

wicht herzustellen <strong>und</strong> Einseitigkeit auszugleichen. Wichtig ist dabei, dass die Ver-<br />

treter dieser Theorie - im Gegensatz zu <strong>Freud</strong> - vom manifesten Traum ausgehen.<br />

3.3.2. Der Traum als Prospektion / Konfliktlösung<br />

Einige der oben genannten Autoren, wie z.B. Jung <strong>und</strong> Schultz-Hencke betonen wie<br />

Maeder <strong>und</strong> Adler neben der Kompensationsfunktion auch die prospektive Tendenz<br />

22 Darüber hinaus sieht Jung den Traum als Individuationsprozess an. Das bedeutet, dass sich im<br />

Traum die Entwicklung des Träumers, sowie seine aktuelle Lage ablesen lässt (siehe auch Kapitel<br />

3.3.2 <strong>und</strong> 3.3.3).<br />

31


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

des Traumes. So geht Maeder (1912; vgl. Boss, 1953) davon aus, dass Träume Lö-<br />

sungsversuche <strong>für</strong> Konflikte darstellen können. Indem der Traum als eine Art Trock-<br />

enübung <strong>für</strong> spätere, im Wachleben erfolgende Problemlöseversuche aufgefasst wird,<br />

wird ihm in gewisser Weise ein vorausschauender, in die Zukunft gerichteter Cha-<br />

rakter zugeschrieben. Der Traum ist somit ein „Vorläufer der Tat“ (Eckes-Lapp,<br />

1980, S.27).<br />

Auch Adler (1936) postuliert die vorausdenkende Funktion des Traumes. Er geht<br />

dabei jedoch einen Schritt weiter <strong>und</strong> behauptet, Träumen sei „ein Zeichen von Fehl-<br />

anpassung“ (Eckes-Lapp, 1980, S.28). Wenn ein Mensch sich demnach tagsüber in<br />

ausreichender Weise mit sich, seinem derzeitigen Zustand <strong>und</strong> seinem Seelenleben<br />

auseinander setzt, bräuchte er theoretisch gar nicht zu träumen. Ein Traum entsteht<br />

seiner Ansicht erst dann, wenn der Mensch mit einem Problem konfrontiert wird,<br />

welches zu lösen er im Wachzustand bisher nicht in der Lage war. Im Traum übt die<br />

betreffende Person dann die Lösung des Konfliktes <strong>und</strong> sucht den Schlüssel dazu in<br />

der Phantasie.<br />

Eckes-Lapp (1980) weist darauf hin, dass dank der prospektiven Tendenz der Träu-<br />

me eine Vorschau auf die zukünftige Entwicklung des Träumers möglich ist, so dass<br />

anhand der Träume „eine prognostische Hypothese <strong>für</strong> die Persönlichkeitsentwick-<br />

lung“ (S.31) aufgestellt werden kann.<br />

<strong>Freud</strong> (1900) hingegen wehrt sich ausdrücklich gegen diese Auffassungen. Sowohl<br />

die prognostische, als auch die problemlösende Tätigkeit sieht er lediglich als zwei<br />

unter vielen möglichen Leistungen der Tagesreste, die in Verbindung mit einem un-<br />

bewussten Wunsch im Traum auftreten. Die prognostische Funktion des Traumes ist<br />

demnach vielmehr eine Funktion des vorausgegangenen bewussten Denkens am Ta-<br />

ge <strong>und</strong> keine spezifische Funktion des Traumes an sich. <strong>Freud</strong> warnt davor, den<br />

Traum ausschließlich mit den latenten Traumgedanken gleichzusetzen, nachdem<br />

lange Zeit der Traum mit dem manifesten Traum gleich gestellt wurde.<br />

3.3.3. Der Traum als Ausdrucksmittel des seelischen Zustandes<br />

Die oben bereits erwähnten Autoren Maeder, Jung <strong>und</strong> Adler, aber auch Silberer<br />

gehen noch von einer weiteren Funktion des Träumens aus - der „Ausdrucks- <strong>und</strong><br />

Darstellungsfunktion“ (Eckes-Lapp, 1980, S.32). Im Gegensatz zu <strong>Freud</strong>s eher trieb-<br />

psychologischem Ansatz zeigt diese Theorie, ähnlich wie die der Konfliktlösung des<br />

32


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

Träumens, allerdings mehr in eine Ich-psychologische Richtung, wobei dem mani-<br />

festen Traum eine größere Rolle zugewiesen wird. Die Autoren sind der Ansicht,<br />

dass unbewusste Inhalte in Traumbilder umgesetzt werden, die somit Rückschlüsse<br />

auf die aktuelle seelische Befindlichkeit des Träumers zulassen. Demnach besteht<br />

eine unmittelbare Verbindung zwischen der Darstellungsweise der manifesten<br />

Traumbilder <strong>und</strong> dem Zustand des Unbewussten. Das bedeutet, dass eine sehr an-<br />

schauliche, ausdrucksvolle Darstellungsweise des Traumes auf einen reifen Zustand<br />

hindeutet, während eine verworrene, <strong>und</strong>eutliche Darstellungsweise eher <strong>für</strong> einen<br />

chaotischen Zustand des Seelenlebens des Träumers spricht. Zudem werden ange-<br />

nehme oder unangenehme Emotionen innerhalb des Traumes als entsprechendes<br />

Spiegelbild der realen Situation aufgefasst. Abschließend weisen die Autoren darauf<br />

hin, dass sich die Ausdrucksfunktion des Traumes nicht allein auf die Tatsache be-<br />

zieht, „dass Seelisches im Traum ausgedrückt wird, sondern dieser Ausdruck wird<br />

finalisiert, indem er den Sinn <strong>und</strong> Zweck erfüllt, das Bewusstsein auf latentes, bisher<br />

nicht zu Bewusstsein zugelassenes Erleben aufmerksam zu machen“ (Eckes-Lapp,<br />

1980, S.34).<br />

Heute geht Mancia (2002) ebenfalls davon aus, dass der Traum eine reale Erfahrung<br />

ist, „die als eine Darstellung der inneren Welt des Träumers die Ganzheit der Über-<br />

tragung in ihrer unmittelbaren Gegenwart ausdrückt“ (S.220). So erlaubt der Traum-<br />

bericht seiner Ansicht nach Rückschlüsse auf Spaltungen, Abwehmechanismen,<br />

Ängste etc. des Träumenden <strong>und</strong> kann im Rahmen einer Analyse wertvolle Hinweise<br />

auf den inneren Zustand des Patienten liefern (siehe auch nächstes Kapitel). Daneben<br />

stellt der Traum <strong>für</strong> den Träumer nach Ansicht von Mancia „ein Werkzeug zur Er-<br />

kenntnis seines Selbst“ (ebd.) dar. Außerdem schreibt er dem Traum eine Reihe wei-<br />

terer Funktionen zu: er kann eine Mitteilung an den Analytiker, die Erfüllung eines<br />

verdrängten Wunsches oder auch ein Ausagieren innerhalb der Sitzung darstellen,<br />

indem „zu Abfuhrzwecken Träume in großer Zahl gebracht werden, <strong>nur</strong> um den ana-<br />

lytischen Raum zu füllen“ (ebd.).<br />

3.3.4. Der Traum als Kommunikationsmittel<br />

Auch wenn es sich beim Träumen um ein sehr persönliches Phänomen handelt, spü-<br />

ren wir oft das Verlangen, anderen unsere Träume mitzuteilen. Diese Tendenz, den<br />

Traum als Kommunikationsmittel zu benutzen, wird vor allem im Rahmen der The-<br />

33


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

rapie bzw. Analyse deutlich. Wie <strong>Freud</strong> (1900) bereits feststellt, kommen viele Pati-<br />

enten früher oder später dazu, über ihre Träume zu berichten. Eckes-Lapp (1980)<br />

gibt einen Überblick über Vertreter dieser Theorie, zu denen Rosenbaum, Bergmann,<br />

Klauber, Becker <strong>und</strong> Grunert gehören. Sie beschäftigen sich vor allem mit dem In-<br />

halt des Traumberichtes, den der Patient seinem Therapeuten liefert. Ihrer Ansicht<br />

nach können so Rückschlüsse sowohl auf den Stand der Übertragung <strong>und</strong> die Bezie-<br />

hung zwischen Analysand <strong>und</strong> Analytiker, als auch auf die „innerpsychische Kon-<br />

fliktsituation“ (Eckes-Lapp, 1980, S.36) gezogen werden. Aus diesem Gr<strong>und</strong>e wird<br />

dem sogenannten Initialtraum in der Analyse so eine große Bedeutung zugeschrieben<br />

- dabei handelt es sich um den ersten Traum, den der Analysand seinem Analytiker<br />

mitteilt. Hier vertritt Jung (1945; siehe Kapitel 3.2.1) eine ähnliche Auffassung, in-<br />

dem er betont, dass dieser Initialtraum wichtige Informationen, z.B. über Art <strong>und</strong><br />

Schweregrad der Störung, mögliche Entwicklungsschritte <strong>und</strong> eventuell sogar sinn-<br />

volle Therapiemöglichkeiten enthält. Auch Beese (1983) geht von einer diagnosti-<br />

schen Bedeutung des Traumes aus. Dabei merkt er einschränkend an, dass ohne die<br />

genaue Kenntnis der Vorgeschichte <strong>und</strong> der Persönlichkeit des Klienten sowie seine<br />

freien Assoziationen eine Unterscheidung zwischen dem Traum eines Ges<strong>und</strong>en <strong>und</strong><br />

dem eines Neurotikers bzw. Psychotikers schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist.<br />

Allerdings können die Träume von präpsychotischen Patienten u.U. relativ deutliche<br />

Hinweise auf einen bevorstehenden Ausbruch der Psychose liefern.<br />

Der Traum ist also insofern wichtig, als dass er viele wichtige Informationen in sich<br />

trägt, die auf diese Weise einer anderen Person mitgeteilt werden. Dabei muss es sich<br />

nicht immer um eine bewusste Kommunikation handeln, sondern auch um vorbe-<br />

wusste bzw. unbewusste Vorgänge. Viele Inhalte werden auf symbolischer Ebene<br />

mitgeteilt <strong>und</strong> ebenso wie der Traum enthält auch die Mitteilung über ihn eine mani-<br />

feste <strong>und</strong> eine latente Ebene, wobei der Analytiker aufgr<strong>und</strong> seiner Erfahrungen auch<br />

diese unbewussten bzw. latenten Informationen zu verstehen in der Lage sein sollte<br />

(Eckes-Lapp, 1980).<br />

3.3.5. Die integrative Funktion<br />

Vor allem Kemper (1955) ist ausdrücklich um eine integrative Theorie zur Traum-<br />

funktion bemüht, die möglichst viele der oben erwähnten Annahmen zusammenführt.<br />

Er betont dabei insbesondere die regulierende Funktion des Traumes. Demnach ent-<br />

34


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

steht der Traum als Reaktion auf ein tagsüber statt gef<strong>und</strong>enes Erlebnis, welches die<br />

seelische Balance durcheinander gebracht hat. Indem er nun das Gleichgewicht wie-<br />

der herstellt, vereinigt er mehrere Funktionen: er behütet den Schlaf, indem er die<br />

nachts aufkommende psychische Erregung durch die Traumbildung bindet <strong>und</strong> ab-<br />

führt, er stellt eine Wunscherfüllung dar, im „Sinne des Ausgleichs von Diskrepan-<br />

zen zwischen Triebanspruch, äußeren <strong>und</strong> inneren Hemmnissen“ (Eckes-Lapp, 1980,<br />

S.41) <strong>und</strong> er erfüllt gleichzeitig eine kompensatorische <strong>und</strong> eine prospektive Funkti-<br />

on, indem er die tagsüber nicht gelebten Seiten im Traum hervorhebt. Dieser Theorie<br />

zufolge spielt der Traum eine sehr wichtige Rolle, da er seelische Funktionen regu-<br />

liert <strong>und</strong> integriert. Auch Klauber (1969; vgl. Eckes-Lapp, 1980) vertritt eine integra-<br />

tive Theorie <strong>und</strong> vermutet, dass der Traum die synthetische Funktion des Ich dar-<br />

stellt, indem er versucht, jene psychischen Strukturen zu integrieren die im Falle ei-<br />

nes aktuellen Konfliktes durcheinander geraten sind. Diese synthetische Funktion<br />

besteht in der Neutralisierung unerwünschter Es-Impulse, indem sie auf Objekte ver-<br />

schoben werden, die das Ich akzeptieren kann. Dies erinnert an das Verhältnis vom<br />

latenten zum manifesten Trauminhalt. Auch dort werden mit Hilfe der Traumarbeit<br />

unbewusste, verpönte Triebregungen umgewandelt, so dass sie <strong>für</strong> das Ich des Schlä-<br />

fers keine Gefahr mehr darstellen <strong>und</strong> somit Zutritt zum Bewusstsein erhalten.<br />

Darüber hinaus gibt es eine Reihe verhältnismäßig moderne Theorien, die eine inte-<br />

grative, regulierende bzw. reorganisierende Funktion des Träumens postulieren. 23 So<br />

geht Fosshage (1983) beispielsweise von einer organisierenden <strong>und</strong> synthetischen<br />

Funktion des Träumens aus. Er vermutet, dass die Hauptaufgabe der Träume darin<br />

besteht, psychische Prozesse <strong>und</strong> Strukturen zu entwickeln, aufrecht zu erhalten <strong>und</strong><br />

zu regulieren. Außerdem vertritt der die Ansicht, dass „Träume zur Einschätzung des<br />

Niveaus der Objektbeziehungen <strong>und</strong> des Ausmaßes an Differenzierung <strong>und</strong> Struktu-<br />

rierung von Selbst- <strong>und</strong> Objektrepräsentanzen nützlich sind“ (Mertens, 1993, S.113).<br />

Breger (1977) bezieht sich in seiner Theorie auf Ergebnisse der Gedächtnisforschung<br />

<strong>und</strong> geht davon aus, dass Träume dazu dienen, emotional erregendes Material in jene<br />

Strukturen des Gedächtnissystems einzufügen, die sich im Umgang mit ähnlichem<br />

Material bereits bewährt haben (siehe Kapitel 4.4.3). Auch Palombo (1984) ist ähnli-<br />

cher Ansicht <strong>und</strong> vermutet, dass Träumen eine adaptive Funktion besitzt, indem neue<br />

23 Einige dieser Hypothesen weisen verblüffende Ähnlichkeiten zu den in Kapitel 4.4 behandelten<br />

neurowissenschaftlichen Annahmen zur Funktion des Schlafens bzw. Träumens auf.<br />

35


3. Psychoanalytische Traumtheorie<br />

Wahrnehmungen <strong>und</strong> Erlebnisse mit bereits gespeichertem Material verb<strong>und</strong>en wird.<br />

Auf diese Weise wird der Rückgriff auf Daten aus dem Kurzzeitgedächtnis erleich-<br />

tert. Vor allem die vollständige Abwendung von jeglichen Reizen aus der Umwelt<br />

während des Schlafes macht nach Palombo das Träumen <strong>für</strong> die Synthese <strong>und</strong> inter-<br />

ne Transformation neuer Daten geeignet.<br />

Selbstverständlich erhebt diese kurze Übersicht keinerlei Anspruch auf Vollständig-<br />

keit. Neben den oben angedeuteten Hypothesen gibt es zahlreiche weitere wichtige<br />

Traumtheorien, auf die ich aus Platzgründen nicht näher eingehen kann. Zu den ver-<br />

nachlässigten oder stark verkürzt dargestellten <strong>und</strong> in ihrer Bedeutung beschnittenen<br />

Theorien gehören u.a. die von Jung, Adler oder auch die Traumtheorie aus Sicht der<br />

Ich-<strong>Psychologie</strong> (z.B. Erikson), der Selbst-<strong>Psychologie</strong> (z.B. Kohut) oder der Ob-<br />

jektbeziehungstheorie (z.B. Klein, Fairbairn).<br />

36


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Auch wenn die Hirnforschung gerade in diesen Jahren einen immensen Aufschwung<br />

erfährt <strong>und</strong> auch hier das Thema Träume mit ins Zentrum der Aufmerksamkeit ge-<br />

rückt ist, haben Neurowissenschaftler bereits kurz nach <strong>Freud</strong>s Tod im Jahre 1939<br />

damit begonnen, sich näher mit diesem Thema zu befassen. Wie im Folgenden er-<br />

sichtlich werden wird, scheinen diese naturwissenschaftliche Betrachtungsweise <strong>und</strong><br />

die so gewonnenen Ergebnisse <strong>und</strong> Erkenntnisse zunächst mehr dazu geeignet, der<br />

<strong>Freud</strong>schen Theorie zu widersprechen, als sie zu stützen. Inzwischen gibt es jedoch<br />

auch Wissenschaftler, wie z.B. Solms (1995, 1997, 2000), die der Ansicht sind, dass<br />

die Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Traumforschung mit <strong>Freud</strong>s in der<br />

‚Traumdeutung’ aufgestellten <strong>und</strong> im vorherigen Kapitel behandelten Hypothesen<br />

vereinbar sind.<br />

Dieses Kapitel befasst sich mit der physiologischen Schlaf- <strong>und</strong> Traumforschung.<br />

Nach einer kurzen Vorstellung des Elektroenzephalogramms (EEG), einem kleinen<br />

Exkurs zum Thema Schlaf, Schlafstadien <strong>und</strong> Neurobiologie bzw. -chemie des<br />

Schlafes sowie der Entdeckung des REM-Schlafes werden verschiedene Theorien<br />

<strong>und</strong> Resultate der neurowissenschaftlichen Traumforschung vorgestellt. Dabei wird<br />

die Frage nach der Funktion von Träumen sowohl aus dem Blickwinkel damaliger<br />

Forschungen als auch aktueller Ergebnisse betrachtet.<br />

4.1. Physiologische Gr<strong>und</strong>lagen<br />

4.1.1. Das Elektroenzephalogramm<br />

Im Jahre 1928 entwickelt der deutsche Psychiater Hans Berger (vgl. Zschocke, 1995)<br />

eine Methode, mit der die elektrische Aktivität des Gehirns dargestellt werden kann:<br />

das Elektroenzephalogramm (EEG). Zu diesem Zweck werden Elektroden an der<br />

Kopfhaut befestigt, welche die Spannung, die durch synchronisierte Aktivität vieler<br />

unterhalb der Elektrode befindlicher Synapsen hervorgerufen wird, messen. Die so<br />

gemessenen Signale werden durch ihre Frequenz (Anzahl der Potentialschwankun-<br />

gen pro Sek<strong>und</strong>e, Einheit ist Hertz) <strong>und</strong> Amplitude (Spannungsdifferenz) definiert<br />

(Zschocke, 1995).<br />

37


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Es werden fünf Frequenzbänder unterschieden:<br />

- Delta (0,5-3 Hz): Tiefschlaf, bei Kindern <strong>und</strong> Jugendlichen auch im Wach-<br />

zustand<br />

- Theta (4-7 Hz): tiefe Entspannung, Einschlafphase, leichter Schlaf, sowie bei<br />

Kleinkindern <strong>und</strong> pathologischen Veränderungen der Hirnaktivität<br />

- Alpha (8-13 Hz): entspannter Wachzustand, v.a. bei geschlossenen Augen<br />

- Beta (14-30 Hz): aktiver Wachzustand <strong>und</strong> in REM-Schlafphasen<br />

- Gamma (31-70 Hz): funktionelle Zuordnung ist sehr kontrovers, scheint ver-<br />

b<strong>und</strong>en mit Verarbeitung von Wahrnehmungen, Aufmerksamkeitsprozessen<br />

<strong>und</strong> komplexen Phänomenen wie Sprachverarbeitung (Hoff, 2004)<br />

4.1.2. Die verschiedenen Schlafstadien<br />

Wie viel Schlaf ein Mensch braucht, ist individuell verschieden, durchschnittlich<br />

schläft ein Erwachsener etwa 7-8 St<strong>und</strong>en täglich. Hochgerechnet bedeutet dies, dass<br />

wir fast ein Drittel unseres Lebens ‚verschlafen’. Ganz entgegen der äußerlichen In-<br />

aktivität, bleibt das Gehirn dabei jedoch stets aktiv, auch wenn es keine Sinnesein-<br />

drücke mehr verarbeitet (Hobson, 1990). Diese Aktivität lässt sich mit Hilfe des oben<br />

beschriebenen EEGs registrieren. Neben dem EEG ist auch die Aufzeichnung der<br />

Augenbewegungen mittels der sogenannten Elektrookulographie (EOG) sinnvoll, da<br />

mit ihrer Hilfe die raschen Augenbewegungen während der REM-Phase (siehe Kapi-<br />

tel 4.2.1) erfasst werden können. Der nächtliche Muskeltonus wird mit dem Elektro-<br />

myogramm (EMG) registriert (Zschocke, 1995).<br />

Mit Hilfe des EEGs wird Mitte der sechziger Jahre festgestellt, dass wir im Laufe<br />

einer Nacht verschiedene Schlafstadien durchlaufen. Nach der heute üblichen Eintei-<br />

lung von Rechtschaffen <strong>und</strong> Kales (1968; vgl. Hobson, 1990), unterscheidet man<br />

fünf solcher Stadien (vier Non-REM- <strong>und</strong> ein REM-Schlafstadium), die sich anhand<br />

unterschiedlicher Frequenzen <strong>und</strong> Amplituden der Hirnwellen im EEG voneinander<br />

<strong>und</strong> vom Wachzustand abgrenzen lassen. 24 Daneben gibt es die sogenannte hypnago-<br />

ge Phase (Einschlafphase). Hier wandeln sich die im aktiven Zustand meist vorhan-<br />

denen Beta-Wellen (14-30 Hz) bei geschlossenen Augen <strong>und</strong> entspannter Lage all-<br />

24 Während im REM-Schlaf, wie auch im Wachzustand, der Kortex weitestgehend aktiviert ist, ist <strong>für</strong><br />

den Non-REM-Schlaf eine cerebrale Deaktivierung charakteristisch (Gottesmann, 2000; siehe auch<br />

Kapitel 4.3.2).<br />

38


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

mählich in die langsameren <strong>und</strong> regelmäßigeren Alpha-Wellen (8-13 Hz) um. Die<br />

Person kann in dieser Phase noch relativ leicht geweckt werden <strong>und</strong> befindet sich<br />

daher mehr in einer Art Halbschlaf. Mit der Zeit erschlaffen die Muskeln, Herzfre-<br />

quenz <strong>und</strong> Atembewegungen werden langsamer <strong>und</strong> die Augen bewegen sich lang-<br />

sam in vertikaler Richtung (Zschocke, 1995).<br />

Dann tritt die Person in Stadium 1 der ersten Non-REM-Phase (absteigendes Stadium<br />

1) ein. In dieser Non-REM-Phase durchläuft der Schlafende die unten näher charak-<br />

terisierten Stadien 1-4. Im Anschluss daran kehrt sich die Reihenfolge der Stadien<br />

um, so dass der Schlafende über Stadium 3 <strong>und</strong> 2 wieder Stadium 1 erreicht. Nun<br />

folgt mit Stadium 5 die erste REM-Schlafphase (aufsteigendes Stadium 1) (der<br />

REM-Schlaf wird in Kapitel 4.2.1 ausführlicher behandelt). Diese erste REM-<br />

Schlafphase dauert <strong>nur</strong> wenige Minuten, darauf folgen erneut Stadium 1, 2, 3 <strong>und</strong> 4<br />

der zweiten Non-REM-Phase. Im Laufe einer Nacht werden 4-5 solcher Schlafzyklen<br />

durchlaufen. Während der Tiefschlaf vor allem in den ersten beiden Zyklen deutlich<br />

in Erscheinung tritt, dann aber immer kürzer wird, werden die REM-Schlafphasen<br />

stetig länger, je weiter fortgeschritten der Schlaf zeitlich ist. Während die erste REM-<br />

Schlafphase also <strong>nur</strong> etwa 10 Minuten dauert, ist die zweite REM-Schlafphase dop-<br />

pelt so lang. Gegen Morgen können sie sogar Längen von r<strong>und</strong> einer St<strong>und</strong>e haben.<br />

Insgesamt dauert ein solcher Zyklus, der aus jeweils 4 Non-REM- <strong>und</strong> 1 REM-<br />

Schlafphasen besteht, bei einer erwachsenen Person etwa 90 Minuten (Borbély,<br />

1998).<br />

Zusammenfassend lässt sich anhand des EEGs beobachten, dass sich nach Einsetzen<br />

des Schlafes „das Bild des EEGs kontinuierlich von einem Potentialmuster mit nied-<br />

riger Spannung (flach) <strong>und</strong> hoher Frequenz (schnell) in eines mit hoher Spannung<br />

<strong>und</strong> niedriger Frequenz (langsam)“ wandelt (Hobson, 1990, S.28).<br />

Tabelle 1 <strong>und</strong> Abbildung 1 vermitteln einen Überblick über die verschiedenen<br />

Schlafstadien, ihre jeweiligen Charakteristika <strong>und</strong> EEG-Muster.<br />

39


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Schlafstadium<br />

1<br />

(Non-<br />

REM)<br />

2<br />

(Non-<br />

REM)<br />

3<br />

(Non-<br />

REM)<br />

4<br />

(Non-<br />

REM)<br />

5<br />

(REM)<br />

Frequenz<br />

/Amplitude<br />

4 – 8 Hz /<br />

50-100 mV<br />

8 – 15 Hz /<br />

50-150 mV<br />

2 – 4 Hz /<br />

100-150mV<br />

0.5 – 2 Hz /<br />

100-200mV<br />

> 12 Hz<br />

5-50mV<br />

Typ Charakteristika<br />

Alpha,<br />

Theta<br />

Theta,<br />

Schlafspindeln,<br />

K-<br />

Komplexe<br />

Delta,<br />

Theta<br />

Delta,<br />

Theta<br />

Tabelle 1: Charakteristika der verschiedenen Schlafstadien<br />

- Sehr leichter Schlaf; Übergangsphase<br />

zwischen Schlafen <strong>und</strong> Wachen; dauert<br />

<strong>nur</strong> wenige Minuten<br />

- Langsame, rollende Augenbewegungen<br />

(SEM = Slow Eye Movement)<br />

- Anfangs- <strong>und</strong> Endpunkt des wiederkehrenden<br />

Schlafzyklus<br />

- Eigentlicher Schlafbeginn<br />

- Kaum noch Augenbewegungen bzw.<br />

Muskeltonus<br />

- Auftreten von Schlafspindeln (sporadisch<br />

auftretende rasche Wellen, 12-14Hz) <strong>und</strong><br />

K-Komplexen (vereinzelte hohe, langsame<br />

Ausschläge)<br />

- Auch Delta- oder Tiefschlaf oder Slowwave-sleep<br />

(SWS) genannt<br />

- 20-50% der Hirnwellen sind Delta-,<br />

der Rest Theta-Wellen<br />

- Tiefster Schlafzustand (ebenfalls Delta-<br />

oder Tiefschlaf oder Slow-wave-sleep<br />

(SWS) genannt)<br />

- Mehr als 50% der Hirnwellen sind Delta-,<br />

der Rest Theta-Wellen<br />

- Vollständige körperliche Entspannung<br />

- Tiefste Schlafstufe vor dem REM-Schlaf;<br />

Stufen kehren sich um, dann beginnt der<br />

REM-Schlaf<br />

Beta - Desynchronisation des EEGs (ähnlich<br />

dem Wachzustand)<br />

- Plötzliches Auftreten rascher Augenbewegungen<br />

(REM = Rapid Eye Movement)<br />

- Erhöhte Atem- <strong>und</strong> Herzschlagfrequenz,<br />

ansonsten völlig erschlaffte Muskulatur<br />

- PGO-Wellen (haben Ursprung in der<br />

Pons, pflanzen sich dann zum Corpus geniculatum<br />

laterale <strong>und</strong> visuellen Kortex<br />

fort)<br />

- Auch Traum- oder ‚paradoxer’ Schlaf genannt<br />

40


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Hypnagoge<br />

Phase<br />

1<br />

2<br />

3<br />

4<br />

Abbildung 1: EEG-Muster der Schlafstadien (nach Birbaumer & Schmidt, 1996) Stadium 1 entspricht<br />

der Einschlafphase, Stadium 2 dem Schlafbeginn <strong>und</strong> Stadium 3 <strong>und</strong> 4 dem Tiefschlaf.<br />

4.2. Anfänge der neurowissenschaftlichen Traumforschung<br />

4.2.1. Die Entdeckung des REM-Schlafes<br />

Im Jahre 1953 gelingt den amerikanischen Neurologen Aserinsky <strong>und</strong> Kleitman (vgl.<br />

Solms, 1999a) mit der Entdeckung des REM-Schlafes (engl.: rapid eye movement)<br />

der erste große Durchbruch auf dem Gebiet der physiologischen Schlaf- <strong>und</strong> Traum-<br />

forschung. Sie beobachten einen eigentümlichen Zustand, der etwa alle 90 Minuten<br />

während des Schlafes auftritt <strong>und</strong> folgende charakteristische Merkmale aufweist:<br />

Veränderungen im EEG (siehe oben), gesteigerte Aktivierung des Gehirns, plötzli-<br />

ches Auftreten rascher Augenbewegungen, erhöhter Puls, beschleunigte Atemfre-<br />

quenz, genitale Erektion <strong>und</strong> Lähmung sämtlicher Körperbewegungen mit Ausnahme<br />

von Atmung <strong>und</strong> Augenbewegungen. Sie bezeichnen diesen Zustand als ‚paradoxen<br />

Schlaf’, da die Person zwar hochgradig erregt ist, gleichzeitig aber tief schläft. Auf-<br />

gr<strong>und</strong> dieser Entdeckung vermuten Aserinsky <strong>und</strong> Kleitman „dass dieser REM-<br />

Schlafzustand (...) die äußere Manifestation dessen sei, was subjektiv als Träumen<br />

erlebt wird“ (Solms, 1999a, S.101). Diese Vermutung wird durch die Beobachtung<br />

gestützt, dass Weckungen am Ende einer REM-Schlafphase zu 70-95% einen<br />

Traumbericht zur Folge haben, während Personen, die aus einer Non-REM-<br />

41


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Schlafphase geweckt werden <strong>nur</strong> in 5-10% der Fälle einen Traum berichten können<br />

(Aserinsky & Kleitman, 1955; Dement & Kleitman, 1957; Kales et al., 1967; vgl.<br />

Kahn, Pace-Schott & Hobson, 1997). 25 Durch diese Entdeckung fühlen sich die da-<br />

maligen Forscher endgültig in ihrer Ansicht bestätigt, Träume seien lediglich „ein<br />

Epiphänomen des REM-Schlafs“ (Hobson et al., 1998b; zitiert nach Solms, 1999a,<br />

S.105).<br />

Dies führt zu großer Euphorie unter den Wissenschaftlern, da man vermutet, endlich<br />

eine „objektive, körperliche Manifestation des Träumens - also des subjektivsten<br />

aller psychischen Zustände - konkret zu fassen bekommen“ (Solms, 1999a, S.102).<br />

Träume <strong>und</strong> REM-Schlaf scheinen demnach untrennbar miteinander verb<strong>und</strong>en zu<br />

sein. Als nächstes hoffen die Forscher, die <strong>für</strong> den REM-Schlaf zuständigen neuralen<br />

Mechanismen aufdecken zu können. Auf diese Weise erwarten sie, den vermeintli-<br />

chen Beleg da<strong>für</strong> zu bekommen, wie das Gehirn träumt, da ihrer Meinung nach die<br />

gleichen Hirnmechanismen, die den REM-Schlaf kontrollieren, auch <strong>für</strong> die Traum-<br />

generierung zuständig sein müssen.<br />

Daraufhin erscheinen zahlreiche<br />

Studien, in denen die Forscher bei<br />

Säugetieren (z.B. Katzen) ver-<br />

schiedene Gehirnregionen entfer-<br />

nen, um so die Hirnstrukturen<br />

herauszufinden, die den REM-<br />

Schlaf <strong>und</strong> somit angeblich auch<br />

das Träumen auslösen. Schließlich<br />

findet Jouvet (vgl. Solms, 2000)<br />

1962 heraus, dass der REM-Schlaf<br />

durch eine bestimmte Zellgruppe<br />

im Pons-Bereich des Stammhirns<br />

kontrolliert wird. Der Hirnstamm<br />

(siehe Abbildung 2) ist als<br />

Abbildung 2: Sagitalschnitt durch den Hirnstamm<br />

(aus: Birbaumer & Schmidt, 1996, S.552)<br />

Verlängerung des Rückenmarks ein Teil des Zentralnervensystems <strong>und</strong> verbindet<br />

25 Mögliche Gründe <strong>für</strong> die Tatsache, dass Weckungen aus REM-Schlafphasen mit höherer Wahrscheinlichkeit<br />

zu einem Traumbericht führen, liefert das unter 5.2 beschriebene Zustands-Wechsel-<br />

Modell.<br />

42


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

höhere Hirnstrukturen mit dem Rückenmark. Er setzt sich aus der Medulla oblongata<br />

(verlängertes Rückenmark), der Pons (Brücke), dem Hypothalamus <strong>und</strong> dem Mesen-<br />

cephalon (Mittelhirn) zusammen (Hobson, 1990). Im Gegensatz dazu scheinen höhe-<br />

re Gehirnregionen (z.B. der Kortex) bei der Traumentstehung keine wesentliche<br />

Rolle zu spielen <strong>und</strong> so gehen die damaligen Forscher davon aus, dass der REM-<br />

Schlaf, wie auch das Träumen, ausschließlich an die Aktivität des Hirnstamms ge-<br />

b<strong>und</strong>en sind. Eine Annahme, die - wie wir im Verlauf dieser Arbeit noch sehen wer-<br />

den - jedoch bald widerlegt wurde (siehe Kapitel 4.2.3).<br />

4.2.2. Das Modell der reziproken Interaktion<br />

Anfang der sechziger Jahre befassen sich Forscher mit der Frage nach den chemi-<br />

schen Eigenschaften der Hirnstamm-Neurone. Sie weisen nach, dass Nervenzellen,<br />

die in bestimmten Arealen der Pons lokalisiert sind, zwei chemische Stoffe produzie-<br />

ren <strong>und</strong> über das gesamte Gehirn verteilen. Während der Neurotransmitter Serotonin<br />

in den Nervenzellen der Raphé-Kerne gebildet wird, entsteht der Neurotransmitter<br />

Noradrenalin in den Neuronen des Nucleus locus coeruleus (siehe Abbildung 2).<br />

Beide Substanzen gehören zu der Gruppe der biogenen Amine (darum werden die<br />

Neurone, die sie produzieren ‚aminerg’ genannt) <strong>und</strong> regulieren die Reaktionsbereit-<br />

schaft des Gehirns. Im Gegensatz zu diesen beiden hemmenden Botenstoffen hat der<br />

Neurotransmitter Acetylcholin eine erregende Funktion. Die diese Substanz produ-<br />

zierenden Nervenzellen, die sich sowohl in der Pons als auch im basalen Vorderhirn<br />

<strong>und</strong> im medialen Septum befinden, werden als ‚cholinerg’ bezeichnet (Hobson,<br />

1990).<br />

Mitte der siebziger Jahre versuchen die Neurophysiologen Hobson <strong>und</strong> McCarley<br />

diejenigen Neurone zu identifizieren, die <strong>für</strong> die Auslösung der REM-Schlafphasen<br />

<strong>und</strong> somit auch <strong>für</strong> das Träumen zuständig sind. Dabei stellen sie fest, dass sich wäh-<br />

rend dieser Phasen bestimmte, tief in der Pons-Region gelegene Nervenzellgruppen<br />

buchstäblich anschalten (REM-on Zellen), während sich andere ausschalten (REM-<br />

off Zellen). Bei den REM-on Zellen handelt es sich dabei um die Nervenzellen, die<br />

Acetylcholin frei setzen <strong>und</strong> bei den REM-off Zellen um die oben beschriebenen<br />

Neurone in den Raphé-Kernen <strong>und</strong> im Nucleus locus coeruleus, die Serotonin <strong>und</strong><br />

Noradrenalin ausschütten. Auf dieser Beobachtung basiert das 1975 von Hobson <strong>und</strong><br />

McCarley aufgestellte ‚Modell der reziproken Interaktion’ (siehe Abbildung 3).<br />

43


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Demnach aktiviert die Ausschüttung des Botenstoffes Acetylcholin die höheren, kor-<br />

tikalen Hirnregionen <strong>und</strong> regt sie zur Generation bewusster Vorstellungsbilder an.<br />

Diese Vorstellungsbilder sind nach Ansicht der Autoren ohne Sinn <strong>und</strong> stellen <strong>nur</strong><br />

den Versuch der höheren Gehirnregionen dar, „aus einem schlechten Job - in Gestalt<br />

der Rauschsignale, die ihnen aus dem Hirnstamm heraufgeschickt werden - das<br />

Bestmögliche zu machen“ (Hobson & McCarley, 1977; zitiert nach Solms, 1999a,<br />

S.103.). Nach einigen Minuten setzt nun die zweite in der Pons-Region gelegene<br />

Zellformation die Botenstoffe Serotonin <strong>und</strong> Noradrenalin frei. Diese aminergen<br />

Neurotransmitter wirken der cholinergen Aktivierung vom Hirnstamm entgegen <strong>und</strong><br />

führen so zu einem ‚Abschalten’ des REM-Schlafzustandes <strong>und</strong> somit laut Hobson<br />

<strong>und</strong> McCarley auch des Traumerlebens. 26<br />

Zusammenfassend besagt das Modell, dass die cholinergen REM-on Zellen gehemmt<br />

sind, während die aminergen REM-off Zellen aktiv sind <strong>und</strong> umgekehrt <strong>und</strong> die ent-<br />

sprechenden Neurotransmitter des Hirnstamms reziprok interagieren. Das bedeutet,<br />

dass „REM-Schlaf entweder durch Verstärken der cholinergen Erregung oder durch<br />

Vermindern der aminergen Hemmung von REM-erzeugenden Neuronen“ (Hobson,<br />

1990, S.35) ausgelöst werden kann. 27<br />

Ach<br />

+<br />

REM-On<br />

Zellen<br />

(cholinerg)<br />

_<br />

NA, 5HT<br />

REM-Off<br />

Zellen<br />

(aminerg)<br />

Abbildung 3: Strukturelles Modell der reziproken Interaktion (nach Hobson et al., 2000)<br />

NA, 5HT<br />

Diese Theorie impliziert eine völlige Negierung der am Träumen beteiligten inner-<br />

psychischen Prozesse, die <strong>Freud</strong> in seiner Traumdeutung so ausdrücklich betont (sie-<br />

he Kapitel 3.1). An Stelle dieser Prozesse wird nun ein „simpler Oszillationsvor-<br />

26 Kahn, Pace-Schott & Hobson (1997) erinnern daran, dass diese aminerge Neuromodulation im<br />

Wachzustand eine wichtige Gedächtnisfunktion hat <strong>und</strong> ihr Wegfall während des REM-Schlafes somit<br />

<strong>für</strong> die kurzzeitige Amnesie verantwortlich sein könnte.<br />

27 Während im Wachzustand vor allem die aminergen Neurone aktiv, die cholinergen jedoch weitestgehend<br />

gehemmt sind, weisen im REM-Schlaf vor allem die cholinergen Neurone eine erhöhte Aktivierung<br />

auf, während die aminergen Neurone ihr Feuern einstellen (Birbaumer & Schmidt, 1996).<br />

+<br />

Ach<br />

_<br />

44


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

gang“ (Solms, 1999a, S.103) gesetzt <strong>und</strong> die Rolle von Neuronengruppen ausgerech-<br />

net in den ‚primitiveren’ Abschnitten des Gehirns (Stammhirn) betont. Hobson <strong>und</strong><br />

McCarley bringen die damals vorherrschende Ansicht auf den Punkt: „Die primäre<br />

Motivation des Träumens ist nicht psychologischer, sondern physiologischer Art“<br />

(Hobson & McCarley, 1977; zitiert nach Solms, 1999a, S.104.). Demnach stellen<br />

Traumbilder nach Auffassung der Autoren nichts weiteres dar, als den Versuch, „die<br />

vom selbstaktivierten Gehirn produzierte Flut von allenfalls rudimentär organisierten<br />

Daten auf einen möglichst passenden Nenner zu bringen“ (Hobson, 1988; zitiert<br />

nach Solms, 1999a, S.104). Träume sind also weder verschleiert noch zensiert son-<br />

dern vielmehr unverhüllt <strong>und</strong> unüberarbeitet (Hobson, 1992). Diese Auffassung<br />

drückt Zimmer (1986), der der Psychoanalyse sehr kritisch gegenüber steht, mit fol-<br />

genden Worten aus:<br />

Wenn es sich nämlich so verhält, wie Hobson <strong>und</strong> McCarley meinen, dann<br />

träumen wir etwa von einem Treppensturz nicht, weil uns irgendein psychisches<br />

Bedürfnis dazu veranlasst, uns selber eine solche Phantasie zu erzeugen, ein<br />

Wunsch nach dem Sturz oder eine Furcht davor, <strong>und</strong> wir träumen davon auch<br />

nicht, weil wir nach Geschlechtsverkehr verlangen <strong>und</strong> Treppensteigen ein<br />

Symbol da<strong>für</strong> ist, <strong>und</strong> wir den peinlichen Wunsch doppelt verstecken, indem<br />

wir das Steigen in ein Fallen umkehren. Wir träumen den Sturz, weil gerade ei-<br />

ne zufällige Impulssalve aus dem Hirnstamm hinten im Kleinhirn angekommen<br />

ist, eine dem Fallen entsprechende Aktivation ausgelöst hat, <strong>und</strong> unser Be-<br />

wusstsein sich darauf nun recht <strong>und</strong> schlecht einen Vers machen muss.<br />

(Zitiert nach Mertens, 1993, S.111)<br />

Demnach scheint sich <strong>Freud</strong> mit seiner Theorie vom Traum als „Königsweg“ zum<br />

Unbewussten wohl eher auf dem Holzweg zu befinden. Seine Theorie gerät schwer<br />

ins Wanken <strong>und</strong> weitere Forschungsergebnisse dieser Zeit unterstützen den Trend zu<br />

der Auffassung zurückzukehren, die bereits vor <strong>Freud</strong> herrschte: „Träume sind<br />

Schäume“ - mehr nicht.<br />

Eine weitere wichtige Schlussfolgerung aus der damaligen Auffassung, dass REM-<br />

Schlaf, <strong>und</strong> damit vermutlich auch Träume, durch Hirnstamm-Mechanismen kontrol-<br />

liert werden, besteht darin, dass Vorderhirn-Mechanismen <strong>für</strong> die REM-Schlaf-<br />

Regulierung irrelevant sein müssten. So weist Jouvet 1962 (vgl. Solms, 2000) nach,<br />

dass das Frontalhirn tatsächlich nicht dazu in der Lage ist, REM-Schlaf zu generie-<br />

ren, denn wenn man den Kortex vom Hirnstamm isoliert, findet der normale Zyklus<br />

45


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

der REM-Aktivität nicht mehr statt, da dieser im isolierten Hirnstamm konserviert<br />

ist. Es wird also vermutet, dass das Frontalhirn <strong>nur</strong> passiv am REM-Schlafzustand<br />

beteiligt ist.<br />

Auf dieser Basis entwickeln Hobson <strong>und</strong> McCarley 1977 (vgl. Hobson, 1990) als<br />

„psychologisches Gegenstück“ (Hobson, 1990, S.154) zum ‚Modell der reziproken<br />

Interaktion’ das sogenannte ‚Aktivierungs-/Synthese-Modell’. Kernstück dieses Mo-<br />

dells ist die Annahme, dass Träume Folge einer automatischen Hirnaktivierung im<br />

Schlaf sind. Dabei spielen nach Ansicht der Autoren dieselben thalamocorticalen<br />

Schaltkreise, die im Wachzustand dem Bewusstsein zugr<strong>und</strong>e liegen auch während<br />

des Schlaf-Zustands eine wichtige Rolle. Im Schlaf sind jedoch charakteristischer-<br />

weise sowohl die sensorischen Inputs als auch die motorischen Outputs blockiert, so<br />

dass das Gehirn, statt von außen kommende Signale zu verarbeiten, interne Signale<br />

als Informationsquellen benutzt, um aus ihnen ein Traumerlebnis zu konstruieren.<br />

Anstatt auf externe Signale zu reagieren, aktiviert sich das Gehirn praktisch selbst.<br />

Die Autoren gehen demnach davon aus, dass kausale Stimuli <strong>für</strong> die Traumbilder<br />

durch Aktivierung des Hirnstamms entstehen <strong>und</strong> nicht in den kognitiven Arealen<br />

des Großhirns. Das Vorderhirn hat nun die Aufgabe, dieser chaotischen Aktivierung<br />

aus dem Hirnstamm einen Sinn zu verleihen <strong>und</strong> bemüht sich, aus den willkürlichen<br />

Signalen eine Geschichte - unseren Traum - zu konstruieren. 28 Das bedeutet, dass<br />

Träume (als kognitive Komponente des REM-Schlafes) lediglich die geeignetste<br />

Form einer Synthese der <strong>und</strong>ifferenzierten <strong>und</strong> chaotischen Impulse des aktivierten<br />

Hirnstamms durch das Vorderhirn darstellen, oder wie Hobson (1990) es formuliert:<br />

Träume stellen „das direkte <strong>und</strong> unveränderte subjektive Bewusstwerden der automa-<br />

tischen Aktivierung des Gehirns im Schlaf“ (S.172) dar. Träume werden somit aktiv<br />

vom Hirnstamm generiert <strong>und</strong> passiv vom Vorderhirn synthetisiert. Das Frontalhirn<br />

spielt demnach vermutlich eine völlig passive Rolle. 29<br />

Wie später noch deutlich werden wird, ist diese neurophysiologische Theorie, die die<br />

formalen Traum-Charakteristika erklären soll, nicht mit den aktuellen Ergebnissen<br />

28 Diese synthetisierende Funktion des Vorderhirns könnte laut Leuschner (1999) als „neurologisierte<br />

Variante der sek<strong>und</strong>ären Bearbeitung <strong>Freud</strong>s“ (S.359) angesehen werden.<br />

29 Hobson <strong>und</strong> McCarley gehen sogar einen Schritt weiter <strong>und</strong> behaupten, dass - wenn die Annahme,<br />

dass das physiologische Substrat unseres Bewusstseins im Frontalhirn angesiedelt ist, zutrifft - die<br />

oben genannten Forschungsergebnisse nichts anderes bedeuten können, als dass “die psychische Vorstellungswelt<br />

bzw. deren neurale Substrate auf keine denkbare Weise zur primären Triebkraft des<br />

Traumprozesses beitragen können“ (Hobson & McCarley, 1977; zitiert nach Solms, 1999a, S.104).<br />

46


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

klinisch-anatomischer (Kaplan-Solms & Solms, 2003; Solms, 1997, 2000) <strong>und</strong> funk-<br />

tionell-bildgebender (Braun et al., 1997; Maquet et al., 1996, 1997) Untersuchungen<br />

vereinbar (siehe Kapitel 4.3).<br />

4.2.3. REM-Schlaf = Träumen?<br />

Parallel zu den oben genannten Forschungsergebnissen summieren sich mit der Zeit<br />

Beobachtungen einiger Neurowissenschaftler, die entgegen den oben genannten Er-<br />

kenntnissen vermuten lassen, dass REM-Schlaf <strong>und</strong> Träumen nicht gleichzusetzen<br />

sind. Auch wenn eine durchaus wichtige Verbindung zwischen REM-Schlaf <strong>und</strong><br />

Träumen besteht, scheinen beide doch klar voneinander unterscheidbare Zustände zu<br />

sein, wonach sowohl REM-Schlafphasen ohne Träume als auch Träume unabhängig<br />

vom REM-Schlaf auftreten können (Hobson, 1992). Die Behauptung, der REM-<br />

Schlafzustand sei das physiologische Korrelat des Träumens, gründet sich nämlich<br />

allein auf der oben bereits erwähnten Beobachtung, dass nach dem Wecken aus<br />

REM-Phasen in 70-95% der Fälle ein Traumbericht erfolgt, während die Wahr-<br />

scheinlichkeit bei Weckungen aus dem Non-REM-Schlaf <strong>nur</strong> bei 5-10% liegt (De-<br />

ment & Kleitman, 1957; Hobson, 1988b; vgl. Solms, 1999a). Bei näheren Untersu-<br />

chungen stellt sich jedoch heraus, dass die Gleichung REM-Schlaf = Träumen bzw.<br />

Non-REM-Schlaf = Nicht-Träumen so nicht gültig ist. So berichten bis zu 50% der<br />

Versuchspersonen, die aus Non-REM-Schlafphasen geweckt werden, über „komple-<br />

xe psychische Abläufe“ (Solms, 1999a, S.105), sobald sie, wie Foulkes 1962 heraus-<br />

findet, gefragt werden, was ihnen gerade durch den Kopf ging <strong>und</strong> nicht, was sie<br />

gerade <strong>geträumt</strong> haben. Weitere Studien bestätigen Foulkes Beobachtung <strong>und</strong> lassen<br />

die Vermutung zu, dass durchschnittlich etwa 43% Non-REM-Weckungen zu einem<br />

Traumbericht führen. 30<br />

Trotzdem scheint es qualitative Unterschiede zwischen REM- <strong>und</strong> Non-REM-<br />

Träumen zu geben. So werden Non-REM-Träume als mehr gedankenartig <strong>und</strong> weni-<br />

ger bildlich beschrieben. REM-Träume dagegen sind meist weitaus phantasievoller,<br />

bizarrer, emotional geladener <strong>und</strong> länger, enthalten häufiger andere Personen <strong>und</strong><br />

30 Dabei erweist sich die Anzahl der erhaltenen Traumberichte als abhängig sowohl von der Weck-<br />

<strong>und</strong> Interviewmethode, als auch von der Traum-Definition, des jeweiligen Untersuchers (Foulkes,<br />

1966; vgl. Solms 2000).<br />

47


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

zeigen weniger Bezüge zu Material aus dem Wachleben auf (Foulkes, 1962). 31 Dies<br />

wiederum stützt die Vermutung, dass sich die Unterschiede in den physiologischen<br />

Zuständen des REM- bzw. Non-REM-Schlafzustandes in Unterschieden der kogniti-<br />

ven Zustände der REM- bzw. Non-REM-Träume wiederspiegeln (Solms, 2000).<br />

Somit scheint die Hypothese, Träume würden einzig durch die physiologischen Me-<br />

chanismen des REM-Schlaf generiert, widerlegt <strong>und</strong> man vermutet eher einen konti-<br />

nuierlichen Traumprozess, „der innerhalb <strong>und</strong> zwischen den verschiedenen Schlaf-<br />

stadien eine gewisse Variabilität aufweist“ (Cavallero et al., 1992; zitiert nach Solms,<br />

1999a, S.106). 32<br />

Um diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen, modifiziert Hobson im Jahre 1992<br />

sein ‚Aktivierungs-/Synthese-Modell’, was dazu führt, dass die Behauptung, alle<br />

Träume werden allein durch die Hirnstamm-Mechanismen generiert, die auch <strong>für</strong> den<br />

REM-Schlafzustand zuständig sind, aufgegeben wird. In der revidierten Version<br />

(‚Activation-Input-Mode (AIM) model’) werden sowohl REM- als auch Non-REM-<br />

Träume mit den reziproken Interaktionen zwischen aminergen <strong>und</strong> cholinergen Hirn-<br />

stamm-Neuronen in Verbindung gebracht. Somit wird also die Annahme einer Kon-<br />

trolle des Träumens durch pontine Hirnstamm-Mechanismen beibehalten, obwohl die<br />

Überzeugung, auf die sie sich ursprünglich stützte, nämlich die eines Isomorphismus<br />

zwischen REM-Schlaf <strong>und</strong> Träumen widerlegt wurde. Dabei hat sich die Beweisfüh-<br />

rung <strong>für</strong> die erstere Annahme von einer phänomenologischen Verbindung zwischen<br />

REM-Schlaf <strong>und</strong> Träumen hin zu einer anatomischen Verbindung zwischen dem<br />

pontinen Hirnstamm <strong>und</strong> Träumen verschoben (Hobson, 1992; Solms, 2000).<br />

4.2.4. Die klinisch-anatomische Korrelation<br />

Auf Gr<strong>und</strong> der oben berichteten Beobachtung, dass Träume auch außerhalb von<br />

REM-Schlafphasen auftreten, wird die Annahme einer ausschließlichen Bindung von<br />

Träumen an den REM-Schlafzustand (Isomorphismus zwischen REM-Schlaf <strong>und</strong><br />

Träumen) verworfen. Die hohe Korrelation zwischen Weckungen am Ende einer<br />

31<br />

Dabei gilt, dass der Traumbericht meist umso länger ist, je ausgedehnter die jeweilige REM-Phase<br />

ausfällt (Hobson, 1990).<br />

32<br />

Interessanterweise erhält man bei Weckungen während der initialen Schlafphase (d.h. in den ersten<br />

Minuten nach dem Einschlafen) in 50-70% der Fälle Traumberichte. Dies ist ein weitaus höherer<br />

Prozentsatz als zu jedem anderen Zeitpunkt der Non-REM-Schlafphasen <strong>und</strong> erreicht fast die<br />

Traumhäufigkeit der REM-Schlafphasen. Dies könnte als Beweis da<strong>für</strong> gelten, dass Non-REM-<br />

Traumberichte nicht bloß fehlerinnerte REM-Träume sind, da die Personen noch gar nicht in die erste<br />

REM-Phase eingetreten sind (Solms, 1999a).<br />

48


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

REM-Phase <strong>und</strong> Traumberichten muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass beide auf<br />

demselben Gehirnmechanismus beruhen. Für die Kontrolle von REM-Schlaf <strong>und</strong><br />

Traumaktivität sind sogar viel wahrscheinlicher zwei verschiedene Hirnregionen<br />

zuständig. Ob es im Gehirn tatsächlich zwei anatomisch <strong>und</strong>/oder funktionell von-<br />

einander getrennte Mechanismen gibt, von denen einer <strong>für</strong> den REM-Schlafzustand<br />

<strong>und</strong> einer <strong>für</strong> das Träumen zuständig ist, kann mit Hilfe der sogenannten klinisch-<br />

anatomischen Korrelation überprüft werden. Diese Technik wurde in ähnlicher Form<br />

bereits zu <strong>Freud</strong>s Zeiten angewandt (siehe Kapitel 5.1) <strong>und</strong> noch heute benutzen sie<br />

Wissenschaftlicher wie z.B. Solms (siehe Kapitel 4.3.1), um der Beziehung zwischen<br />

mentalen Funktionen <strong>und</strong> spezifischen Gehirnarealen auf den Gr<strong>und</strong> zu gehen.<br />

Bei dieser Methode untersucht man die Fälle, in denen jene Bereiche des Gehirns<br />

entfernt oder zerstört sind, die <strong>für</strong> den REM-Schlaf verantwortlich zu sein scheinen<br />

<strong>und</strong> beobachtet, ob die betreffende Person nach wie vor Träume berichtet oder nicht.<br />

Ebenso werden jene Fälle untersucht, in denen die Anteile des Gehirns entfernt sind,<br />

deren Ausfall mit einer Unterbrechung der Traumaktivität verb<strong>und</strong>en ist <strong>und</strong> beo-<br />

bachtet, ob trotzdem noch REM-Phasen auftreten. Sollte es nun der Fall sein, dass<br />

REM-Phasen <strong>und</strong> Traumerleben in unterschiedlicher Weise beeinträchtigt werden<br />

(dissoziierte Schädigung), spricht dies da<strong>für</strong>, dass jeweils unterschiedliche Gehirn-<br />

mechanismen verantwortlich sind. Werden sie jedoch beide durch Zerstörung ein <strong>und</strong><br />

derselben Gehirnregion beeinträchtigt, kann man davon ausgehen, dass ihnen ein<br />

gemeinsamer neuraler Mechanismus zugr<strong>und</strong>e liegt.<br />

Wie Jones (vgl. Solms, 1999a) bereits 1979 heraus findet, führt die Zerstörung spezi-<br />

fischer Areale im Pons-Bereich des Hirnstamms bei Säugetieren zum Ausfall der<br />

REM-Schlafphasen. Zwar sind solche Experimente am Menschen nicht durchführ-<br />

bar, allerdings gibt es neurologische Patienten, bei denen eben diese Hirnregionen<br />

z.B. durch Unfälle, Krankheiten oder operative Eingriffe beschädigt sind. In der neu-<br />

rologischen Fachliteratur werden bis Ende der 80er Jahre etwa 26 Fälle beschrieben,<br />

bei denen es aufgr<strong>und</strong> einer Schädigung der Pons-Region zu einem Verlust des<br />

REM-Schlafes gekommen ist (Chase et al., 1968; Cummings & Greenberg, 1977;<br />

Feldman, 1971; Markand & Dyken, 1976; vgl. Vertes & Eastman, 2000). Interessant<br />

ist, dass <strong>nur</strong> einer dieser Patienten darüber hinaus auch über einen Verlust der<br />

49


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Traumtätigkeit berichtet (Feldman, 1971). 33 In allen anderen Fällen scheinen sich die<br />

Forscher nicht <strong>für</strong> die Untersuchung des Traumverhaltens zu interessieren, so dass<br />

keine weiteren Ergebnisse vorliegen. 34 Somit kann kaum eine Unterbrechung der<br />

Traumtätigkeit in Fällen von REM-Schlafverlust aufgr<strong>und</strong> von Hirnstamm-Läsionen<br />

beobachtet werden. Genau so wenig ausreichend werden allerdings Beispiele einer<br />

Erhaltung der Traumaktivität in solchen Fällen beschrieben. Dies könnte allerdings<br />

zumindest teilweise daran liegen, dass pontine Hirnstamm-Läsionen, die groß genug<br />

sind, den REM-Schlaf auszulöschen, üblicherweise dazu führen, dass die betreffende<br />

Person das Bewusstsein verliert. Somit ist die Behauptung, Träumen werde durch<br />

Hirnstamm-Mechanismen reguliert, mittels Läsions-Daten fast unmöglich zu<br />

widerlegen. Trotzdem kann sie indirekt durch die oben bereits beschriebene<br />

schlussfolgernde Hypothese widerlegt werden, die besagt, dass Träumen nicht durch<br />

Vorderhirn-Mechanismen kontrolliert wird. Das heißt, die Hirnstamm-Hypothese<br />

könnte durch die klinisch-anatomische Methode falsifiziert werden, wenn eindeutig<br />

bewiesen werden kann, dass Träumen durch Vorderhirn-Läsionen, die den<br />

Hirnstamm komplett aussparen, eliminiert wird.<br />

Bereits im Jahre 1887 beschreibt Wilbrand (vgl. Solms, 2000) als Erster den Fall<br />

eines subjektiven Traumverlustes aufgr<strong>und</strong> einer fokalen Vorderhirn-Läsion. Die<br />

betroffene Patientin berichtet, nach einer bilateralen okzipital-temporalen Thrombose<br />

fast gar nicht mehr zu träumen. Müller (vgl. Solms, 2000) beschreibt 1892 einen<br />

ganz ähnlichen Fall einer Patientin mit bilateralen okzipitalen Blutungen, die angibt,<br />

seit Beginn ihrer Krankheit nicht mehr zu träumen. Daran anknüpfend werden in der<br />

Literatur über h<strong>und</strong>ert weitere Fälle mit vollständigem oder beinahe vollständigem<br />

Traumverlust beschrieben, bei denen der pontine Hirnstamm stets komplett ausspart<br />

bleibt <strong>und</strong> die Läsionen andere Areale betreffen (Boyle & Nielsen, 1954; Epstein,<br />

1979; Epstein & Simmons, 1983; Farah et al., 1988; vgl. Solms, 1999a).<br />

Interessanterweise ist aber der REM-Schlafzustand in allen Fällen, in denen der<br />

Schlafzyklus evaluiert wird, vollständig erhalten (Benson & Greenberg, 1969; Jus et<br />

al., 1973; Kerr et al., 1978; Michel & Sierhoff, 1981; vgl. Solms, 2000).<br />

33<br />

Allerdings lässt sich nicht ausschliessen, dass in diesem Fall auch das Vorderhirn beschädigt wurde<br />

(Solms, 2000).<br />

34<br />

Tatsächlich sollte es noch knapp 15 Jahre dauern, bis Solms (1995) die frappierende Entdeckung<br />

macht, dass Läsionen im Bereich des Hirnstamms keineswegs zu einem Verlust der Traumtätigkeit<br />

führen, eine Tatsache, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht explizit nachgewiesen wurde (siehe Kapitel<br />

4.3.l).<br />

50


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Durch diese eindeutigen Ergebnisse wird die Theorie „vom REM-Schlafzustand als<br />

physiologischem Äquivalent des Traumzustandes“ (Solms, 1999a, S.109) erheblich<br />

ins Wanken gebracht. Statt dessen vermutet man nun, dass <strong>für</strong> Träumen <strong>und</strong> REM-<br />

Schlaf zwei voneinander getrennte Gehirnmechanismen zuständig sein müssen, die<br />

sowohl anatomisch als auch funktionell weit auseinander liegen. Während der REM-<br />

Schlaf offensichtlich von Zellgruppen im Pons-Bereich des Hirnstamms reguliert<br />

wird, lassen sich die veröffentlichen Fälle zum Traumverlust aufgr<strong>und</strong> von fokalen<br />

Vorderhirn-Läsionen in zwei Gruppen einteilen. Demnach scheint Träumen vor<br />

allem an die Aktivität folgender höherer Gehirnabschnitte geb<strong>und</strong>en zu sein:<br />

- In 16 der berichteten Fälle ist die Läsion im Marklager um die frontalen Hörner<br />

der lateralen Ventrikel lokalisiert. Genauer gesagt handelt es sich hierbei um<br />

einen Faserzug, der bilateral innerhalb der weißen Substanz der Frontallappen<br />

zu finden ist <strong>und</strong> frontale <strong>und</strong> limbische Strukturen (z.B. Gyrus Cinguli <strong>und</strong><br />

Nucleus accumbens) mit den dopaminergen Zellen im ventralen Tegmentum<br />

des Mittelhirns verbindet (Solms, 2000). Durch Ausschüttung des Neuro-<br />

transmitters Dopamin leitet er Impulse aus dem Mesencephalon an höhere<br />

Regionen des Gehirns weiter. Eine Schädigung dieser Bahn führt zu einem<br />

Verlust der Traumtätigkeit, während der REM-Schlafzyklus unbeeinträchtigt<br />

bleibt (Frank, 1946, 1950; Gloning & Sternbach, 1953; Jus et al., 1973; Solms,<br />

1997; vgl. Solms, 2000). Dies bestätigt die Theorie, dass Traum <strong>und</strong> REM-<br />

Schlaf durch unterschiedliche Gehirnmechanismen hervorgerufen werden.<br />

Während der REM-Schlaf durch cholinerge Hirnstamm-Mechanismen<br />

kontrolliert wird, scheinen <strong>für</strong> das Träumen dopaminerge Vorderhirn-<br />

Mechanismen zuständig zu sein. 35 In Kapitel 4.3.1 <strong>und</strong> 5.3 werde ich erneut auf<br />

diesen Hirnabschnitt zu sprechen kommen.<br />

- In 94 Fällen befindet sich die Läsion in der posterioren Konvexität der<br />

Hemisphären, in oder neben der Region der parieto-temporo-okzipital (PTO)<br />

Kreuzung. Dieser Bereich des Kortex stellt die höchste Stufe bei der<br />

35 Dies wird außerdem durch die Beobachtung gestützt, dass eine Stimulation dieser dopaminergen<br />

Bahn (beispielsweise mittels Medikamente, wie L-Dopa) zu einem beträchtlichen Anstieg der<br />

Traumaktivität führt, während Häufigkeit <strong>und</strong> Ausmaß der REM-Schlafphasen unverändert bleiben<br />

(Hartmann et al., 1980; Klawans et al., 1978; Nausieda et al., 1982; vgl. Solms, 1999a). Andersrum<br />

lässt sich die durch dopaminerge Stimulation ausgelöste exzessive Traumaktivität durch<br />

Dopaminantagonisten (z.B. Neuroleptica wie Haloperidol) wieder reduzieren (Sacks, 1985).<br />

51


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Verarbeitung von Wahrnehmungen dar <strong>und</strong> spielt „bei der Umsetzung konkre-<br />

ter Wahrnehmung in abstraktes Denken“ (Lurija, 1973; zitiert nach Solms,<br />

1999a, S.114) eine wichtige Rolle. In Kapitel 5.3 wird diese Region <strong>und</strong> ihr<br />

Beitrag zum Traumprozess näher behandelt.<br />

Wie im nächsten Abschnitt deutlich wird, werden diese Ergebnisse durch neuere<br />

Forschungen von Solms (1995, 1997, 2000), sowie Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms (2003)<br />

bestätigt <strong>und</strong> ergänzt.<br />

4.3. Neurowissenschaftliche Traumforschung heute<br />

Da sowohl bezüglich der genauen Mechanismen, die während des Träumens in unse-<br />

rem Gehirn ablaufen, als auch der Frage nach der Funktion von Träumen immer<br />

noch viele Fragen offen sind <strong>und</strong> das Rätsel längst nicht gelöst ist, beschäftigen sich<br />

nach wie vor viele Neurowissenschaftler mit diesem spannenden Thema. Im Folgen-<br />

den stelle ich aktuelle Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Schlaf- <strong>und</strong> Traum-<br />

forschung dar <strong>und</strong> gehe dabei vor allem auf die Resultate der Untersuchungen von<br />

Solms (1995, 1997, 2000) <strong>und</strong> Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms (2003) ein. Anknüpfend an<br />

frühere, unter 4.2.4 skizzierte Ergebnisse <strong>und</strong> die dort bereits beschriebene Methode<br />

der klinisch-anatomischen Korrelation, beschäftigen sich diese Autoren ausführlich<br />

mit der Identifizierung der am Traumprozess beteiligten Gehirnregionen <strong>und</strong> ihren<br />

jeweiligen Funktionen.<br />

4.3.1. Die Neurodynamik des Träumens<br />

Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms (2003) tragen die Ergebnisse ihrer langjährigen For-<br />

schungsarbeit an über 300 Patienten zusammen, die sich u.a. mit dem Thema Träume<br />

befasst. Am Ende dieser sorgfältigen <strong>und</strong> langwierigen Untersuchungen sind sie in<br />

der Lage, interessante <strong>und</strong> umfassende Hinweise darauf zu geben ‚wie das Gehirn<br />

träumt’. Im Folgenden gehe ich kurz näher auf die angewandte Methode ein, um an-<br />

schließend die damit gewonnenen Ergebnisse darzustellen.<br />

Die Autoren orientieren sich bei ihren Untersuchungen an der von <strong>Freud</strong> bereits ge-<br />

schätzten <strong>und</strong> von Lurija im Jahre 1939 weiterentwickelten Methode der klinisch-<br />

anatomischen Korrelation (siehe Kapitel 4.2.4). Als Fortsetzung der <strong>Freud</strong>schen<br />

Idee, der diese Methode bereits erfolgreich anwendet (siehe Kapitel 5.1), modifiziert<br />

Lurija die klinisch-anatomische Methode insofern, als dass nun auch dynamische<br />

52


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Prozesse untersucht werden können (Methode der „dynamischen Lokalisation“; Luri-<br />

ja, 2001, S.29), um so von der Beschreibung eines Symptoms auf die zerebrale Or-<br />

ganisation komplexer psychischer Prozesse (wie z.B. das Träumen) schließen zu<br />

können. Damit vertritt er die gleiche Ansicht wie <strong>Freud</strong>, der ebenfalls davon ausgeht,<br />

dass komplexe <strong>und</strong> dynamische geistige Funktionen nicht in statischen kortikalen<br />

Arealen lokalisiert werden können (Solms & Saling, 1986).<br />

In einem ersten Schritt gilt es, das Symptom sorgfältig zu bestimmen <strong>und</strong> zu qualifi-<br />

zieren. Die Defizite des Patienten werden gründlich untersucht (Symptomqualifikati-<br />

on) um die dem Symptom zugr<strong>und</strong>e liegenden (psychologischen) Faktoren zu<br />

bestimmen, denn erst wenn diese, „dem beobachteten Symptom zugr<strong>und</strong>eliegenden<br />

Ursachen erkannt sind, können Schlüsse über die Lokalisation auf den der Störung<br />

zugeordneten Herd gezogen werden“ (Lurija, 2001, S.33). 36 Anschließend wird im<br />

zweiten Schritt das Syndrom als Ganzes detailliert analysiert (Syndromanalyse), um<br />

alle Symptome, die auf dieselbe Läsion zurück gehen, zu erfassen. Auf diese Weise<br />

stößt man auf die verschiedenen Faktoren, die eine bestimmte psychische Tätigkeit<br />

bedingen <strong>und</strong> kann so Rückschlüsse auf die gr<strong>und</strong>legenden Funktionen der unter-<br />

schiedlichen Gehirnbereiche ziehen. Schließlich können so die zahlreichen Teilkom-<br />

ponenten der einzelnen Funktionssysteme identifiziert <strong>und</strong> im Gehirn lokalisiert wer-<br />

den. Der dynamische Aspekt wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Lurija (wie auch<br />

schon <strong>Freud</strong> vor ihm) davon ausgeht, dass der mentale Prozess selbst zwischen die-<br />

sen einzelnen Komponenten <strong>und</strong> ihren entsprechenden Gehirnarealen lokalisiert ist.<br />

Der Unterschied zur klassischen Methode der klinisch-anatomischen Korrelation<br />

besteht demnach darin, dass nicht versucht wird, komplexe mentale Prozesse auf eng<br />

umgrenzte Hirnregionen festzulegen. Statt die psychische Funktion als Ganzes zu<br />

lokalisieren werden ihre Teilkomponenten identifiziert <strong>und</strong> der dynamische Prozess<br />

zwischen diesen einzelnen Komponenten betont (Lurija, 2001).<br />

Diese Methode wenden die Forscher Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms in ihren Untersu-<br />

chungen an, um anhand klinischer Syndrome von Patienten mit Hirnschädigungen<br />

auf die neurologische Organisation bestimmter dynamischer mentaler Funktionen zu<br />

schließen. Sie versuchen nicht, die jeweils defekte psychische Fähigkeit einem um-<br />

36 Wie Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms (2003) feststellen, weist Lurijas Methode der Symptomqualifikation<br />

große Ähnlichkeit mit <strong>Freud</strong>s psychoanalytischer Vorgehensweise auf. Man könnte sagen, „dass Lurijas<br />

Methode <strong>für</strong> die Neurologie ist, was <strong>Freud</strong>s Methode <strong>für</strong> die Psychiatrie bedeutet“ (S.43).<br />

53


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

schriebenen Gehirnareal zuzuordnen, sondern die entsprechenden Teilkomponenten<br />

zu identifizieren, „zwischen denen physiologische Prozesse (durch dynamische In-<br />

teraktionen) das Vorhandensein psychischer Fähigkeiten abbilden“ (Kaplan-Solms &<br />

Solms, 2003, S.46).<br />

Mit Hilfe dieser Methode der dynamischen Lokalisation setzt sich Solms (1995,<br />

1997, 2000) im Rahmen seiner Forschungen schon seit längerem intensiv mit der<br />

Frage nach der Funktion <strong>und</strong> der neuronalen Organisation des Träumens auseinan-<br />

der. Dabei beschreibt er zunächst alle möglichen Störungsvarianten dieses Prozesses,<br />

indem er die jeweils geschädigten Hirnregionen <strong>und</strong> die Auswirkungen dieser Schä-<br />

digung auf das Träumen untersucht (Symptomqualifikation). Im zweiten Schritt<br />

(Syndromanalyse) wird nun untersucht, welche weiteren psychischen Funktionen<br />

ebenfalls beeinträchtigt sind <strong>und</strong> somit eine Verbindung zu dem ursprünglichen<br />

Symptom haben. Da davon ausgegangen wird, dass alle mentalen Fähigkeiten, die<br />

durch Läsion ein <strong>und</strong> desselben Gehirnareals in ihrer Funktion beeinträchtigt sind,<br />

eine Gemeinsamkeit aufweisen, kann dieser gemeinsame Faktor als die wesentliche<br />

Funktion dieses Hirnabschnitts betrachtet werden. Somit wird durch Aufdeckung<br />

dieses gr<strong>und</strong>legenden Faktors nicht <strong>nur</strong> erklärt, warum eine Läsion in diesem Bereich<br />

zu einer Einschränkung der Traumfähigkeit führt, sondern auch, welches die einzel-<br />

nen Komponenten sind, die zum Träumen notwendig sind.<br />

Als sich Solms nun daran macht, die Traumfähigkeit bei mehr als 360 Patienten mit<br />

unterschiedlichen Gehirnläsionen zu untersuchen, stößt er auf sehr verschiedene Stö-<br />

rungsbilder - je nachdem, welche Hirnregion beschädigt ist. Anhand dieser Ergebnis-<br />

se vermutet er, dass ein neuronales Netzwerk aus unterschiedlichen, vor allem höhe-<br />

ren Vorderhirnsstrukturen am Träumen beteiligt ist. Da die Ergebnisse interessante<br />

Rückschlüsse auf die am Träumen beteiligten Gehirnregionen als einzelne Kompo-<br />

nenten eines großen Ganzen zulassen, werde ich sie im Folgenden kurz zusammen-<br />

fassen. Insgesamt scheinen Solms Beobachtungen zufolge vor allem sechs Gehirn-<br />

strukturen <strong>für</strong> das Träumen von Bedeutung zu sein (siehe Abbildung 4).<br />

54


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Abbildung 4: Darstellung der am Träumen beteiligten Hirnregionen (aus: Kaplan-Solms & Solms,<br />

2003, S.56)<br />

Der linke inferiore Parietallappen<br />

Läsionen in diesem Bereich (A) führen zu einem Verlust des bewussten Traumerle-<br />

bens. Weitere Symptome einer solchen Schädigung sind: Unfähigkeit zwischen links<br />

<strong>und</strong> rechts zu unterscheiden <strong>und</strong> der Verlust der Fähigkeit die eigenen Finger zu er-<br />

55


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

kennen <strong>und</strong> zu unterscheiden (Fingeragnosie). 37 Gemeinsam ist diesen Symptomen<br />

das Unvermögen, „abstrakte Konzepte von räumlich organisierten multimodalen<br />

Informationen abzubilden“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.48). Das bedeutet, dass<br />

die betreffende Person nicht in der Lage ist, wahrgenommene Informationen symbo-<br />

lisch abzubilden. Auch wenn die Wahrnehmung an sich voll funktionsfähig ist, ge-<br />

lingt es nicht, Wahrnehmungen aller Modalitäten in abstrakte Konzepte umzusetzen.<br />

Da Traumverlust ein Teil dieses Symptomkomplexes darstellt, kann davon ausge-<br />

gangen werden, dass die Fähigkeit zur Abstraktion, Symbol- <strong>und</strong> Begriffsbildung <strong>für</strong><br />

den Traumprozess eine große Bedeutung hat <strong>und</strong> vermutlich eine der Teilkomponen-<br />

ten darstellt, die <strong>für</strong> das Träumen wesentlich sind (Kaplan-Solms & Solms, 2003). 38<br />

Der rechte inferiore Parietallappen<br />

Hier (B) führen Läsionen, genau wie im entsprechenden Bereich der linken Hemi-<br />

sphäre (siehe oben), ebenfalls zu einem Verlust der bewussten Traumerfahrung. Zu-<br />

sätzlich lassen sich in diesem Fall Störungen des visuell-räumlichen Arbeitsgedächt-<br />

nisses beobachten (Solms, 1997). Der Patient ist z.B. nicht in der Lage, sich visuell-<br />

räumliche Informationen, <strong>und</strong> sei es <strong>nur</strong> <strong>für</strong> einen kurzen Zeitraum, zu merken. Auch<br />

hier kann wieder der Schluss gezogen werden, dass diese Fähigkeit zur konkreten<br />

räumlichen Repräsentation bzw. zum Halten visuell-räumlicher Informationen im<br />

Gedächtnis vermutlich eine wichtige Rolle innerhalb des Traumprozesses spielt <strong>und</strong><br />

durch diese Hirnregion repräsentiert wird (auch wenn die Annahme, diese Funktion<br />

sei ausschließlich in diesem Bereich lokalisiert, nicht zulässig ist, wie sie auch <strong>für</strong><br />

alle anderen Hirnregionen <strong>und</strong> die damit verb<strong>und</strong>enen Funktionen nicht zulässig ist).<br />

Dies wird verständlich wenn man bedenkt, dass es nicht <strong>nur</strong> <strong>für</strong> extern, sondern auch<br />

<strong>für</strong> intern generierte Wahrnehmungen gilt <strong>und</strong> die betreffende Person aufgr<strong>und</strong> einer<br />

Schädigung des rechten inferioren Parietallappens nicht mehr in der Lage ist, die<br />

nachts generierten Traumbilder im Bewusstsein zu halten (Kaplan-Solms & Solms,<br />

2003).<br />

37 Beide Symptome stellen einen Teil des sogenannten Gerstmann-Syndroms dar (Solms, 1995, 1997).<br />

38 Diese Teilaspekte erinnern an die Mechanismen der Verdichtung bzw. Verschiebung, die Bestand-<br />

teile der <strong>Freud</strong>schen Traumarbeit sind.<br />

56


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Die tiefliegende ventromesiale Frontalhirnregion<br />

Dieser Bereich ist eine der beiden unter 4.2.4 beschriebenen Strukturen, die in<br />

früheren Forschungen bereits als wesentliche Teilhaber am Traumprozess<br />

identifiziert wurden. Kommt es zu Störungen innerhalb der weißen Substanz im tie-<br />

fergelegenen bifrontalen Bereich (C), die limbische Strukturen mit dem frontalen<br />

Kortex verbindet, führt dies zu einem vollständigen Verlust der Traumfähigkeit.<br />

Darüber hinaus kommt es zu verschiedenen anderen Symptomen, vor allem zur so-<br />

genannten Adynamie (Verlust der Fähigkeit zu spontanen eigenmotivierten Hand-<br />

lungen) <strong>und</strong> anderen Antriebsstörungen. Die betroffene Person verliert jegliches Inte-<br />

resse an der Welt, ihre Spontaneität <strong>und</strong> Motivation. Demnach spielt dieses mesocor-<br />

ticale-mesolimbische Dopamin-System offensichtlich eine entscheidende Rolle im<br />

Bereich der Motivation. Gleichzeitig scheint sie wesentlich <strong>für</strong> die Generierung von<br />

Träumen zu sein, da es <strong>nur</strong> bei Schädigungen dieser Region zu einem kompletten<br />

Ausfall der Traumaktivität kommt. Diese Beobachtung ist sehr bedeutsam <strong>für</strong> die<br />

Stützung der <strong>Freud</strong>schen Hypothese, dass Träume „sinnvolle psychische Ereignisse“<br />

(Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.50) sind <strong>und</strong> nicht bloß ‚Schäume’, doch dazu spä-<br />

ter mehr (siehe Kapitel 5.3). 39<br />

Der Okzipital- <strong>und</strong> Temporallappen<br />

Läsionen innerhalb des ventromesialen Okzipital- <strong>und</strong> Temporallappenbereichs (D)<br />

führen dazu, dass Träume zwar bewusst erfahren werden, dabei aber keinerlei bild-<br />

hafte Vorstellungen enthalten (z.B. Farben, Formen, Gesichter, Bewegungen). Diese<br />

Unfähigkeit, Bilder mental abzubilden, findet sich auch im Wachzustand <strong>und</strong> wird<br />

als Irreminiszenz bezeichnet. Damit handelt es sich quasi um das Gegenbild der unter<br />

‚Der linke inferiore Parietallappen’ beschriebenen Störung: während es im oben be-<br />

schriebenen Fall zu einer Unfähigkeit kommt, Wahrnehmungen in abstrakte Bilder<br />

umzuwandeln, kommt es hier zu einem Unvermögen, „visuell wahrgenommene In-<br />

formationen konkret abzubilden“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.51; Hervorhe-<br />

bung v. Verf.), also zu einer Art nicht-visuellen Träumens. Gestört ist in diesem Fall<br />

39 In diesem Zusammenhang erwähnen die Autoren die interessante Tatsache, dass es sich bei diesem<br />

Bereich um genau die Hirnregion handelt, die Mitte des 20. Jahrh<strong>und</strong>erts noch Ziel der sogenannten<br />

präfrontalen Leukotomie war. Damals wurden Teile dieser Region entfernt, da man hoffte, auf diese<br />

Weise schwerwiegende psychische Störungen in den Griff zu bekommen. Zwar führte dies tatsächlich<br />

zu einem Nachlassen der positiven psychotischen Symptomatik, allerdings auch zu einem Verlust der<br />

Traumfähigkeit (Kaplan-Solms & Solms, 2003; siehe Kapitel 5.4).<br />

57


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

vermutlich die sogenannte visuelle Musteraktivierung (Kosslyn, 1994; siehe auch<br />

Kapitel 5.3). Allerdings scheint die Fähigkeit zur Symbolisierung <strong>und</strong> zum räumli-<br />

chen Denken eine wichtigere Rolle zu spielen, da bei Läsionen im Bereich A oder B<br />

der gesamte Traumprozess zusammenbricht, während nach Läsionen im Bereich D<br />

Träumen weiterhin möglich ist - mit der Einschränkung, dass es dem Traum an visu-<br />

ellen Bildern mangelt. Da der Traumprozess an sich jedoch weitestgehend unbeein-<br />

trächtigt bleibt, kann dieser Faktor der visuellen Repräsentation vermutlich am Ende<br />

des Prozesses der Traumerzeugung platziert werden (Solms, 1999b). Das würde be-<br />

deuten, dass die Phasen der Abstraktion, Begriffs- <strong>und</strong> Symbolbildung der konkreten<br />

Wahrnehmung voraus gehen - ein Vorgang, der der im Wachzustand ablaufenden<br />

kognitiven Wahrnehmungsverarbeitung genau entgegengesetzt ist (siehe Kapitel<br />

5.3).<br />

Das frontale limbische System<br />

Läsionen im vorderen Teil des limbischen Systems (E) (dazu gehören die basalen<br />

Vorderhirnkerne, der mittlere paralimbische frontale Kortex, das anteriore Cingulum,<br />

sowie die anterioren <strong>und</strong> mediodorsalen Thalamuskerne) führen im Gegensatz zu den<br />

oben beschriebenen Störungsbildern keineswegs zu einer Einschränkung der Traum-<br />

funktion, sondern vielmehr zu einer Art exzessivem Träumen. Problematisch dabei<br />

ist, dass die Patienten meist nicht in der Lage sind, zwischen Traum <strong>und</strong> Realität zu<br />

unterscheiden. Zusätzlich weisen sie eine Reihe weiterer Symptome auf, die eben-<br />

falls „eine Beeinträchtigung des Urteilsvermögen hinsichtlich der Überprüfung ande-<br />

rer Wirklichkeitsaspekte“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.52) beinhalten. So leiden<br />

die Patienten beispielsweise unter Anosognosie (Leugnung der eigenen Krankheit),<br />

Neglekt (fehlende Aufmerksamkeit <strong>für</strong> die linke oder rechte Raum- <strong>und</strong> Körperhälf-<br />

te), reduplikativer Paramnesie (Verschmelzung zweier Realitäten) <strong>und</strong> konfabulatori-<br />

schen Amnesien. Gemein ist all diesen Symptomen der offensichtliche Verlust der<br />

Realitätsprüfung - der Patient ist unfähig, zwischen Traum, Wirklichkeit, Erinnerung,<br />

Wahrheit, Phantasie <strong>und</strong> Gedanken zu unterscheiden. Dies leuchtet ein, wenn man<br />

bedenkt, dass sich „wesentliche Anteile der reflexiven Systeme am frontalen Ende<br />

des limbischen Hirnbereichs“ (Solms, 1999a, S.117) befinden, während des Schlafes<br />

jedoch weitgehend inaktiv sind. Dies führt dazu, dass der Träumer seine Traum-<br />

schöpfungen nicht kritisch hinterfragt, sondern als real hinnimmt. Schädigungen die-<br />

ses Bereiches führen demnach dazu, dass die betroffene Person auch im Wachzu-<br />

58


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

stand nicht mehr in der Lage ist, zwischen Imagination <strong>und</strong> Wirklichkeit zu unter-<br />

scheiden. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:<br />

Patientin: Ich lag grübelnd in meinem Bett, <strong>und</strong> plötzlich war mein [verstorbe-<br />

ner] Mann da <strong>und</strong> unterhielt sich mit mir. Dann ging ich <strong>und</strong> badete die Kinder,<br />

<strong>und</strong> plötzlich öffnete ich die Augen <strong>und</strong> dachte: „Wo bin ich?“ - ich war allein!<br />

Untersucher: Waren Sie eingeschlafen?<br />

Patientin: Ich glaube nicht, es war eben, als ob meine Gedanken sich in Realität<br />

verwandelt hätten.<br />

(Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.53)<br />

In diesem Fall ist also nicht das Träumen an sich gestört, sondern vielmehr der Fak-<br />

tor, der unter normalen Umständen da<strong>für</strong> sorgt, das Träumen zu hemmen. Da diese<br />

Hemmung aufgehoben bzw. beeinträchtigt ist, kommt es auch tagsüber zu traumähn-<br />

lichem Denken <strong>und</strong> die betreffende Person kann nicht mehr zwischen Traum <strong>und</strong><br />

Wirklichkeit unterscheiden. Einige der typischen Traum-Charakteristika, wie z.B.<br />

Halluzinationen, Desorientiertheit <strong>und</strong> Wahnideen, könnten demnach mit einer Inhi-<br />

bition dieser Hirnstrukturen während des Schlafes zusammenhängen (Solms, 2000).<br />

Das temporale limbische System<br />

Eine weitere Form exzessiven Träumens ist bei Schädigungen des temporalen An-<br />

teils des limbischen Systems (F) zu beobachten. In diesem Fall kommt es zu stereo-<br />

typ immer wieder auftretenden Alpträumen, sowie unangenehmen halluzinatorischen<br />

Erfahrungen während des Wachzustandes. Ein ähnliches Phänomen tritt in Fällen<br />

von cerebralen Krampfanfällen in diesem Bereich auf (Kardiner, 1932; Rodin et al.,<br />

1955; Epstein, 1964; vgl. Solms 1999a). Dass zudem die künstliche Stimulation des<br />

Temporallappenbereiches dieselbe Traumszene immer wieder auslösen kann, wäh-<br />

rend entsprechende Medikation oder Operation die wiederkehrenden Alpträume un-<br />

terbinden kann, spricht da<strong>für</strong>, dass das limbische System eine wesentliche Rolle bei<br />

der Auslösung von Träumen spielt. Die typische emotionale Qualität der Träume<br />

scheint demnach auf eine Aktivierung dieser Strukturen während des Schlafes zurück<br />

zu führen zu sein (Solms, 2000). Dabei ist diese emotionale Erregung, die <strong>für</strong> den<br />

Traumprozess ebenfalls von Bedeutung ist, vermutlich gleich zu Beginn platziert,<br />

während die visuell-räumliche Repräsentation, wie oben beschrieben, am anderen<br />

Ende dieses Prozesses zu finden ist (siehe Kapitel 5.3).<br />

59


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Die Ergebnisse von Solms <strong>und</strong> Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms erlauben interessante Rück-<br />

schlüsse auf das am Träumen beteiligte neurale Netzwerk <strong>und</strong> die darin involvierten<br />

Strukturen. 40 Neben zahlreichen Patienten, die nach Läsionen einer der oben be-<br />

schriebenen Gehirnareale eine Störung der Traumaktivität berichten, beobachtet<br />

Solms auch Fälle von Schädigungen anderer Bereiche, die keinerlei Auswirkung auf<br />

den Traumprozess zu haben scheinen. So zeigt sich, dass Läsionen im Bereich des<br />

pontinen Hirnstamms (G) zwar zu einem Ausfall des REM-Schlafes führen, die be-<br />

wusste Traumerfahrung dabei jedoch unbeeinträchtigt bleibt. Frappierenderweise ist<br />

Solms (nach Feldman, 1971) der Erste, der tatsächlich nachweist, dass ein Verlust<br />

des REM-Schlafes keineswegs mit einem Verlust der Traumtätigkeit einher geht<br />

(siehe Kapitel 4.2.4). Zu weiteren Hirnstrukturen, die ebenfalls nicht essentiell <strong>für</strong>s<br />

Träumen sind, gehören der dorsolaterale präfrontale Kortex, der sensomotorische<br />

Kortex <strong>und</strong> der primäre visuelle Kortex (Solms, 1997).<br />

Im folgenden Abschnitt wird ersichtlich, dass die Ergebnisse <strong>und</strong> Vermutungen von<br />

Solms durch Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren gestützt werden. Wie der<br />

Traumprozess nach Ansicht der Autoren unter Beteiligung der beschriebenen Hirn-<br />

strukturen abläuft werde ich im Kapitel 5.3 zusammenfassen.<br />

4.3.2. Träume <strong>und</strong> bildgebende Verfahren<br />

Mit Hilfe bildgebender <strong>und</strong> elektrophysiologischer Verfahren ist es heute möglich,<br />

die Verteilung neuraler Aktivität im Gehirn abzubilden. So lässt sich feststellen, dass<br />

sowohl Wach- <strong>und</strong> Schlafzustand, als auch REM- <strong>und</strong> Non-REM-Schlaf jeweils ver-<br />

schiedene cerebrale Aktivierungen aufweisen. Während der Non-REM-Schlaf durch<br />

eine globale Deaktivierung des Gehirns charakterisiert ist, kommt es im REM-Schlaf<br />

zu einer Reaktivierung bestimmter Hirnareale, die auch im wachen Leben aktiv sind.<br />

Mit Hilfe des EEGs ließen sich schon früh, wie in Kapitel 4.1.2 bereits beschrieben,<br />

die verschiedenen Schlafstadien voneinander <strong>und</strong> vom Wachzustand abgrenzen. So<br />

lassen sich auch mittels dieser Methode Unterschiede zwischen Non-REM- <strong>und</strong><br />

REM-Schlaf bzw. Gemeinsamkeiten von REM-Schlaf <strong>und</strong> Wachzustand aufzeigen.<br />

Inzwischen hat man nachweisen können, dass während des REM-Schlafes Gamma-<br />

40 Es ist jedoch wichtig zu bedenken, dass sich die hier untersuchten Auswirkungen unterschiedlicher<br />

Läsionen auf das bewusste Traumerleben, also den manifesten Traumprozess beziehen. Um die „unbewusste<br />

Struktur psychischer Syndrome“ (Solms, 1999b, S.67) aufdecken zu können ist eine<br />

ausführliche psychoanalytische Behandlung notwendig.<br />

60


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Aktivität (die mit kognitiven Prozessen in Verbindung gebracht wird; Kahn et al.,<br />

1997) aufzutreten scheint. Nachdem Bouyer at al. 1981 (vgl. Gottesmann, 1999)<br />

Gamma-Aktivität zum erstenmal bei Katzen während hoher Vigilanz <strong>und</strong> Bewe-<br />

gungslosigkeit beobachten, können Llinás <strong>und</strong> Ribary im Jahre 1993 diese 40 Hz-<br />

Oszillationen erstmalig auch beim Menschen feststellen. Sie weisen in ihrer Untersu-<br />

chung Gamma-Aktivität sowohl während des Wachzustandes, als auch während des<br />

REM-Schlafes nach, wohingegen sie während des Non-REM-Schlafes deutlich nach-<br />

lässt. 41 Dies könnte nach Ansicht von Hobson, Pace-Schott, Stickgold & Kahn<br />

(1998) die Ursache da<strong>für</strong> sein, dass die REM-Träume im Gegensatz zu Non-REM-<br />

Träumen so lebhaft <strong>und</strong> bizarr erscheinen. So könnte die Gamma-Aktivität mögli-<br />

cherweise das neurale Substrat der gleichermaßen vielfältigen, aber qualitativ doch<br />

verschiedenen kognitiven Prozesse während des REM-Schlafes <strong>und</strong> des Wachzu-<br />

standes widerspiegeln. Im Gegensatz dazu scheint die Abwesenheit von Gamma-<br />

Oszillationen während des Non-REM-Schlafes das Nicht-Vorhandensein dieser Art<br />

von kognitiven Prozesse zu erklären.<br />

Auch mit Hilfe der Positron-Emission-Tomographie (PET), die den regionalen Blut-<br />

fluss im Gehirn sichtbar macht, können die physiologischen Unterschiede zwischen<br />

Non-REM-Schlaf, REM-Schlaf <strong>und</strong> Wachzustand eindeutig nachgewiesen werden.<br />

Insgesamt lässt sich festhalten, dass der Non-REM-Schlaf im Vergleich zum REM-<br />

Schlaf bzw. Wachzustand mit einer globalen Abnahme des kortikalen Blutflusses<br />

einhergeht. Vor allem Thalamus, pontiner Hirnstamm, orbitofrontaler Kortex <strong>und</strong><br />

anteriorer cingulärer Kortex weisen eine deutliche Deaktivierung auf (Braun et al.,<br />

1997; Hofle et al., 1997; Maquet et al., 1997). Die Deaktivierung der aufsteigenden<br />

erregenden Systeme (Pons <strong>und</strong> Mesencephalon) führt nach Ansicht von Hobson et al.<br />

(1998) zu einer verminderten globalen Vorderhirn-Aktivierung <strong>und</strong> somit zu einem<br />

verringerten kognitiven Output des cerebralen Kortex. Zusätzlich verhindert vermut-<br />

lich die regionale Abnahme der Aktivierung in multimodalen Assoziations-Kortizes<br />

in präfrontalen <strong>und</strong> parietalen Arealen (Braun et al., 1997) während des Non-REM-<br />

Schlafes höhere kognitive Aktivität während dieser Phase. Die verringerte Aktivie-<br />

41 Diese Gamma-Aktivität kann im Wachzustand mittels sensorischer Stimuli evoziert werden, nicht<br />

aber im REM- oder Tief-Schlaf. Somit weisen zwar sowohl Wachzustand als auch REM-Schlaf beide<br />

Gamma-Oszillationen auf, unterscheiden sich aber durch den Mangel an sensorischen Antworten.<br />

61


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

rung der limbischen Areale wiederum führt zu einem weitaus weniger affektiv gela-<br />

denen Denken als während des REM-Schlafes.<br />

Die drastische Abnahme des regionalen Blutflusses in diesen Arealen steht in Kon-<br />

trast zur Aktivierung eben dieser Bereiche während des REM-Schlafes. Im Gegen-<br />

satz zum Non-REM-Schlaf kommt es im REM-Schlaf nämlich in bestimmten Regio-<br />

nen zu einer deutlichen Erhöhung der Stoffwechselaktivität. Dabei weisen einige<br />

jener Areale, die auch im Wachzustand aktiv, während des Non-REM-Schlafes je-<br />

doch inaktiv sind, eine cerebrale Aktivierung auf (z.B. Thalamus <strong>und</strong> pontiner Hirn-<br />

stamm). Außerdem kommt es im REM-Schlaf zu einer deutlichen Aktivierung limbi-<br />

scher <strong>und</strong> paralimbischer Areale, wie z.B. der hippocampalen Formation, dem ante-<br />

rioren Cingulum, medial orbitofrontalen Kortizes <strong>und</strong> der Amygdala (Braun et al.,<br />

1997; Nofzinger, Mintun, Wiseman, Kupfer & Moore, 1997; Maquet et al., 1996).<br />

Die Aktivität dieser Areale kann während des REM-Schlafes durchaus höher sein als<br />

während des Wachzustandes (Braun et al., 1997). Dies könnte ebenfalls eine Erklä-<br />

rung da<strong>für</strong> sein, warum die mentale Aktivität während des Träumens viel bizarrer,<br />

desorientierter <strong>und</strong> verworrener ist als unser Denken im wachen Leben (Kahn et al.,<br />

1997). Darüber hinaus stellen Madsen et al. (vgl. Gottesmann, 1999) bereits 1991 mit<br />

Hilfe der SPECT (single photon emission computed tomography) einen Anstieg des<br />

kortikalen Blutflusses in den assoziativen visuellen Kortexarealen während des<br />

REM-Schlafes fest, was auf ablaufende visuelle Traumerfahrung schließen lässt.<br />

Neben der Zunahme des kortikalen Blutflusses in diesen Arealen beobachten Madsen<br />

et al. (ebenso wie Braun et al. 1997 <strong>und</strong> Maquet et al. 1996) außerdem eine Deakti-<br />

vierung des dorsolateralen präfrontalen Kortex <strong>und</strong> des posterioren Cingulum. Ma-<br />

quet et al. (1996) vermuten daher, dass die erhöhte Aktivität der limbischen Struktu-<br />

ren die emotionalen <strong>und</strong> affektiven Aspekte der Träume bedingt, während andere<br />

formale Traum-Charakteristika (zeitliche Verzerrung, Desorientierung, Schwächung<br />

der selbstreflektiven Kontrolle, Amnesie beim Erwachen) auf die präfrontale Deakti-<br />

vierung <strong>und</strong> die damit einhergehenden exekutiven Defizite zurück geführt werden<br />

können (Gottesmann, 1999; Hobson et al., 2000). 42 Zusammenfassend lässt sich fest-<br />

halten, dass das Gehirn während des REM-Schlafes eine generalisierte Aktivität<br />

42 Bezüglich des präfrontalen Kortex gibt es diskrepante Ergebnisse. Während Maquet et al. (1996)<br />

<strong>und</strong> Braun et al. (1997) eine Abnahme der Aktivität während des REM-Schlafes in diesem Bereich<br />

beobachten, stellen Nofzinger, Mintun, Wiseman, Kupfer & Moore (1997) eine Zunahme des Glukose<br />

Verbrauchs im präfrontalen Kortex im Vergleich zum Wachzustand fest.<br />

62


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

aufweist, mit Ausnahme der exekutiven Systeme, die normalerweise an höheren<br />

kognitiven Funktionen <strong>und</strong> der Integration neuraler Informationen beteiligt sind<br />

(Braun et al., 1997). Tabelle 2 verdeutlicht die Zu- (↑) bzw. Abnahme (↓) der<br />

Aktivität unterschiedlicher Hirnstrukturen während des REM- bzw. Non-REM-<br />

Schlafes.<br />

Gehirnregion REM-Schlaf Non-REM-Schlaf<br />

Pontines Tegmentum ↑ ↓<br />

Limbische Areale (Hippocampus, anteriores<br />

Cingulum, Amygdala)<br />

↑ ↓<br />

Thalamische Kerne ↑ ↓<br />

Basalganglien ↑ ↓<br />

Cerebellum ↑ ↓<br />

Striatärer Kortex ⎯ ↓<br />

Extrastriatärer Kortex ↑ ↓<br />

Parietaler Kortex ↓ ↓<br />

Dorsolateraler Präfrontaler Kortex ↓ ↓<br />

Mediobasaler Präfrontaler Kortex ↑ ↓<br />

Medialtemporaler Kortex ↑ ↓<br />

Tabelle 2: Zusammenfassung der Ergebnisse verschiedener Studien (Braun et al., 1997, Hofle et al.,<br />

1997, Maquet et al., 1996, 1997, Nofzinger, Mintun, Wiseman, Kupfer & Moore., 1997) zur Aktivierung<br />

/ Deaktivierung unterschiedlicher Hirnstrukturen während des REM-Schlafes / Non-REM-<br />

Schlafes im Vergleich zum Wachzustand (nach Walker & Hobson, 2000)<br />

Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass sich die Ergebnisse von Studien mittels<br />

bildgebender Verfahren hervorragend mit den Resultaten der in Kapitel 4.3.1 be-<br />

schriebenen Untersuchungen mit hirngeschädigten Patienten ergänzen. In beiden<br />

Fällen wird deutlich, dass sowohl frontale <strong>und</strong> limbische Strukturen, aber auch Regi-<br />

onen innerhalb der parietalen Konvexität wesentlich <strong>für</strong> den Prozess des Träumens<br />

sind. Ebenfalls bestätigt wird die Vermutung, dass Non-REM-Schlaf, REM-Schlaf<br />

<strong>und</strong> Wachzustand jeweils klar voneinander unterscheidbare Zustände darstellen.<br />

4.4. Die Funktionsfrage aus neurowissenschaftlicher Sicht<br />

Mit der Entdeckung des REM-Schlafes im Jahre 1953 (siehe Kapitel 4.2.1) erlangen<br />

Schlaf <strong>und</strong> Träume einen wichtigen Stellenwert innerhalb der neurowissenschaftlich<br />

orientierten Forschung. Allerdings wurde <strong>und</strong> wird es oftmals versäumt, bei der<br />

Funktionsfrage zwischen Schlaf, REM-Schlaf <strong>und</strong> Träumen zu unterscheiden. Viele<br />

Forscher erstellen Hypothesen bezüglich der Funktion des REM-Schlafes, worin die<br />

der Träume stets impliziert ist. Wie oben beschrieben kommen Träume allerdings<br />

nachweislich auch in Non-REM-Phasen vor <strong>und</strong> müssen somit als eigenständiges<br />

63


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

psychisches Phänomen angesehen werden. Darum ist bei der Frage nach der Funkti-<br />

on diese Unterscheidung stets im Auge zu behalten. Insgesamt gibt es eine fast un-<br />

überschaubare Anzahl von Theorien, von denen ich einige im Folgenden kurz zu-<br />

sammenfasse.<br />

4.4.1. Die Funktion des Schlafes<br />

Zur Funktion des Schlafes gibt es unzählige Hypothesen, wie z.B. die der Einsparung<br />

von Energie durch die nächtliche Herabsetzung sämtlicher Stoffwechselprozesse.<br />

Daran anknüpfend geht Hobson (1990) davon aus, dass die Funktion des Schlafes<br />

vor allem in der Einsparung aminerger Neurotransmitter besteht. Wie oben bereits<br />

erwähnt, produzieren die Zellen der Raphé-Kerne <strong>und</strong> des Nucleus Coeruleus im<br />

Hirnstamm die Botenstoffe Serotonin <strong>und</strong> Noradrenalin, die <strong>für</strong> bewusstes Lernen<br />

<strong>und</strong> Erinnern wichtig sind. Die Ausschüttung dieser aminergen Neurotransmitter<br />

wird während der Non-REM-Phasen allmählich gedrosselt, bis sie im REM-Schlaf<br />

ganz aussetzt (darum auch die Bezeichnung REM-Off-Zellen). Hobson geht nun da-<br />

von aus, dass diese „Feuerpause“ (S.196) dazu dient, die aminergen Transmitter ein-<br />

zusparen. Da vermutlich aber auch während des Schlafes neue Transmittermoleküle<br />

synthetisiert, vor allem während der REM-Phasen aber nicht ausgeschüttet werden,<br />

führt der Schlaf einer Nacht - insbesondere mit vielen REM-Schlafphasen - dazu,<br />

dass der Vorrat an aminergen Neurotransmittern wieder aufgefüllt ist. Auch hier wird<br />

insbesondere die Rolle des REM-Schlafes betont, auf die ich weiter unten genauer<br />

eingehen werde.<br />

Tiefere Einblicke in die Funktion des Schlafes liefern vor allem die zahlreichen<br />

Schlafentzugs-Experimente (<strong>für</strong> einen Überblick siehe: Jovanovic, 1978). Die meis-<br />

ten Untersucher berichten über vielfältige Auffälligkeiten nach längeren schlaflosen<br />

Phasen, wie z.B. kognitive Einbußen, Wahrnehmungsverzerrungen, Aggressivität,<br />

Halluzinationen, Reizbarkeit, Verlangsamung der Psycho-Motorik, Schreckhaftigkeit<br />

<strong>und</strong> Konzentrationsschwäche. Laut Jovanovic führen viele Autoren diese Symptoma-<br />

tik vor allem auf den Verlust des REM-Schlafes zurück, da im Erholungsschlaf, der<br />

den Entzug-Nächten folgt, ein drastischer Anstieg des REM-Schlafes zu beobachten<br />

ist (engl.: rebo<strong>und</strong>). Ein ähnlicher Effekt ist <strong>nur</strong> noch beim Stadium 4 des Tiefschla-<br />

fes (SWS) zu beobachten. Dementsprechend scheint dem REM- <strong>und</strong> dem Tiefschlaf<br />

eine besondere Bedeutung zu zukommen, so dass vor allem versucht wird, den<br />

64


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

REM- bzw. den Tiefschlaf selektiv zu deprivieren, um weitere Antworten zu be-<br />

kommen (siehe unten).<br />

Cai (1995) geht, wie manche andere Forscher, davon aus, dass neben dem REM-<br />

Schlaf vor allem der Tiefschlaf (SWS, Stadien 3 <strong>und</strong> 4) eine große Bedeutung hat.<br />

Da<strong>für</strong> spricht die Beobachtung, dass selektive SWS-Deprivation einen Anstieg in<br />

Intensität <strong>und</strong> Dauer des SWS im Schlafzyklus der darauf folgenden Nacht zur Folge<br />

hat (Dijk & Beersma, 1989) 43 . Der Tiefschlaf erfüllt laut Cai statt bloßer körperlicher<br />

Erholung <strong>und</strong> Energie-Einsparung vermutlich zwei wichtige Funktionen: die Regu-<br />

lierung emotionaler Balance <strong>und</strong> die Verarbeitung emotionaler Gedächtnisinhalte. 44<br />

Die erste Hypothese wird durch verschiedene Beobachtungen gestützt. So führt bei-<br />

spielsweise selektive Stadium 4 Deprivation zu depressivem Verhalten (Agnew et<br />

al., 1967; vgl. Cai, 1995), während depressive Patienten charakteristischerweise kür-<br />

zere SWS-Phasen aufweisen (Kupfer et al., 1985). Entsprechend können Wehr et al.<br />

(1979; vgl. Cai, 1995) nachweisen, dass sich der depressive Zustand durch eine Er-<br />

höhung der Tiefschlaf-Dauer deutlich bessert <strong>und</strong> Kupfer, Frank, McEachran & Gro-<br />

chocinski (1990), dass Patienten mit einem hohen Anteil an Delta-Oszillationen eine<br />

geringere Wahrscheinlichkeit eines Wiederauftretens der depressiven Symptomatik<br />

haben. Zusätzlich weisen Ramm <strong>und</strong> Frost (1983) eine erhöhte regionale Stoffwech-<br />

sel-Aktivität in einigen limbischen Regionen (Hypothalamus <strong>und</strong> Hippocampus)<br />

nach, während sich der Umsatz in den sensorischen <strong>und</strong> motorischen Arealen herab-<br />

setzt. All diese Beobachtungen sprechen <strong>für</strong> eine Funktion des Tiefschlafs bei der<br />

Regulierung des emotionalen Gleichgewichts, bzw. der Bewältigung emotionaler<br />

Störungen des limbischen Systems. Da im Wachzustand die allmähliche Anhäufung<br />

zufällig erlernter emotionaler Gedächtnisinhalte in den limbischen Strukturen unwei-<br />

gerlich zu einem emotionalen Ungleichgewicht führen würde, scheint der Tiefschlaf<br />

essentiell, um diese Balance wieder herzustellen <strong>und</strong> Depressionen zu verhindern. 45<br />

Auch die zweite Vermutung, dass der Tiefschlaf bei der Verarbeitung emotionaler<br />

43 Ferrara et al. (1999) weisen nach, dass dieser Anstieg des SWS signifikant von der Dauer des SWS<br />

in der vorangegangenen Nacht abhängig ist <strong>und</strong> nicht von der totalen Schlafdauer.<br />

44 Die Aufgabe der Verarbeitung emotionaler Gedächtnisinhalte übernimmt nach Ansicht anderer<br />

Autoren nicht <strong>nur</strong> der SWS, sondern auch der REM-Schlaf (Cartwright et al., 1975; Grieser et al.,<br />

1972; McGrath & Cohen, 1978; vgl. Stickgold et al., 2001).<br />

45 Zwar kann auch im Wachzustand die emotionale Balance mit Hilfe der aufsteigenden Noradrenalin,<br />

Dopamin-, Acetylcholin- uind Serotonin-Systeme reguliert werden, allerdings handelt es sich dabei<br />

<strong>nur</strong> um einen vorübergehenden Effekt, während die emotionale Regulation während des Schlafes<br />

dauerhafter ist (Cai, 1995).<br />

65


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Gedächtnisinhalte wichtig ist, konnte durch mehrere Studien belegt werden. So fin-<br />

den Pavlides <strong>und</strong> Winson (1989) heraus, dass diejenigen hippocampalen Zellen, die<br />

im Wachzustand aktiv sind, im darauf folgenden Schlaf vor allem während des SWS<br />

eine erhöhte Entladungsrate aufweisen. 46 Dies könnte bedeuten, dass die Informatio-<br />

nen, die im Wachzustand im Hippocampus enkodiert wurden, während des Tief-<br />

schlafs weiter verarbeitet werden. Da der Hippocampus bekanntermaßen die Funkti-<br />

on hat, neu erworbene Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu über-<br />

tragen (Trepel, 1999), kann man vermuten, dass die Reaktivierung der hippocampa-<br />

len Aktivität während des Schlafes der langfristigen Speicherung neuer Gedächtnis-<br />

inhalte dient. Wie im nächsten Abschnitt deutlich wird, gibt es zahlreiche Autoren,<br />

die auch dem REM-Schlaf eine wichtige Rolle bei der Gedächtnis-Konsolidierung<br />

zusprechen.<br />

4.4.2. Die Funktion des REM-Schlafes<br />

Seit der Entdeckung des REM-Schlafes im Jahre 1953 beschäftigen sich die Forscher<br />

mit der Frage nach der Funktion dieses speziellen Zustandes. 47 Einen großen Stel-<br />

lenwert nehmen hier die sogenannten Entwicklungstheorien ein. Bereits im Jahre<br />

1966 vermuten Roffwarg et al. (vgl. Hobson, 1990), dass der REM-Schlaf eine wich-<br />

tige Rolle bei der Hirnreifung spielt. Auch Marks, Shaffery, Oksenberg, Speciale &<br />

Roffwarg (1995) gehen von einer ontogenetischen Funktion des REM-Schlafes aus<br />

<strong>und</strong> vermuten, dass die spezifischen REM-Schlaf Prozesse die Aufgabe haben, die<br />

Gehirnentwicklung voran zu treiben. Gestützt wird diese Hypothese durch die Tatsa-<br />

che, dass 70% des Schlafes Neugeborener aus REM-Schlaf besteht. Mit zunehmen-<br />

dem Alter fällt dieser Anteil immer geringer aus, bis er im Erwachsenenalter weniger<br />

als 15% beträgt (Carlson, 2004). Hobson (1990) ist der Ansicht, dass dieser hohe<br />

Anteil an REM-Schlafphasen während der frühkindlichen Entwicklung die Aufgabe<br />

hat, „dem Gehirn, <strong>und</strong> insbesondere dem Sehsystem, die <strong>für</strong> seine Entwicklung not-<br />

wendige Stimulation zu vermitteln“ (S.90). Das Gehirn aktiviert sich demnach selbst,<br />

indem das Sehsystem während des REM-Schlafes durch Signale aus dem Hirnstamm<br />

angeregt wird. Diese „Simulation von wachem Verhalten während des Schlafes“<br />

(ebd.) könnte dazu führen, dass der Fötus zum Zeitpunkt seiner Geburt bereits einen<br />

46 Wilson <strong>und</strong> McNaughton (1994; vgl. Louie & Wilson, 2001) betonen, dass dieses Wiederauftreten<br />

am stärksten in dem SWS ist, der dem Verhalten des Wachzustandes unmittelbar folgt.<br />

47 Für eine Übersicht siehe Hennevin <strong>und</strong> Leconte (1971; vgl. Hennevin,, Hars, Maho & Bloch, 1995).<br />

66


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

großen Teil seiner Funktionsfähigkeit erreicht hat. Dies stimmt mit der Beobachtung<br />

von Marks et al. (1995) überein, dass REM-Deprivation einen Einfluss auf die Ent-<br />

wicklung des visuellen Systems zu haben scheint.<br />

Die unzähligen Deprivations-Experimente zeigen deutlich, dass dem REM-Schlaf<br />

eine besondere Bedeutung zukommt, da eine Person, die während der REM-Phasen<br />

geweckt wird, diese später nachholt (Rebo<strong>und</strong>-Phänomen; siehe auch SWS oben). Es<br />

zeigt sich, dass der Anstieg des REM-Schlaf-Anteils in der dem Entzug folgenden<br />

Nacht umso höher ausfällt, je länger die Probanden unter REM-Schlafentzug litten<br />

(Jovanovic, 1978). Dement (1960) beobachtet verschiedene motivationale <strong>und</strong> beha-<br />

viorale Auswirkungen, wie z.B. Hyperaktivität, Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Irritier-<br />

barkeit <strong>und</strong> Konzentrationsschwäche, die nach REM-Schlafentzug auftauchen. So-<br />

bald die Personen nicht mehr in ihrem REM-Schlaf gestört werden, bessert sich die<br />

Symptomatik unmittelbar. Trotzdem warnt Dement vor einem allzu langen REM-<br />

Entzug, denn sonst „müsste man möglicherweise mit einem ernsthaften Zerfall der<br />

Persönlichkeit rechnen“ (S.328).<br />

Viele Forscher betonen bei der Frage nach der Funktion des REM-Schlafes vor allem<br />

seine Rolle bei Lern- <strong>und</strong> Gedächtnisprozessen. So hat Hartley (1791; vgl. Stickgold,<br />

Hobson, Fosse & Fosse, 2001) bereits vor über zweih<strong>und</strong>ert Jahren die Idee, dass<br />

Träumen der Verknüpfung neu erworbener Gedächtnisinhalte dient. Diese Hypothese<br />

wird durch zahlreiche Versuche an Tieren bestätigt (Horne & McGrath, 1984). Die<br />

Untersuchungen dieser Autoren deuten darauf hin, dass neu erlernte<br />

Gedächtnisinhalte bis zum Eintreten des REM-Schlafes labil bleiben <strong>und</strong> erst im<br />

Laufe dieser Schlafphasen gefestigt werden. Vermutlich gibt es sogar bestimmte<br />

Aufgaben, die stärker durch REM-Schlafentzug beeinträchtig werden, als andere. So<br />

scheint das Gedächtnis <strong>für</strong> deklarative bzw. explizite Aufgabentypen kaum durch<br />

REM-Deprivation gestört zu werden, während das Gedächtnis <strong>für</strong> prozedurale bzw.<br />

implizite Aufgaben durchaus Defizite nach REM-Schlafentzug aufweist (Smith,<br />

1993). 48<br />

Für die Vermutung, dass der REM-Schlaf vor allem <strong>für</strong> die Gedächtnis-<br />

Konsolidierung wesentlich ist, scheinen folgende Beobachtungen <strong>und</strong> daraus resul-<br />

tierende Schlussfolgerungen zu sprechen:<br />

48 Das Gedächtnis <strong>für</strong> explizite Aufgaben weist dagegen eine deutliche Beeinträchtigung nach SWS-<br />

Deprivation auf (z.B. Barrett & Ekstrand, 1972; vgl. Maquet, 2001).<br />

67


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

1. Intensive Lernphasen führen zu einem Anstieg der REM-Schlafdauer in der<br />

darauf folgenden Nacht (Hennevin & Leconte, 1971; Smith et al., 1974; Smith<br />

& Lapp, 1986; vgl. Smith, 1995). Dieser Anstieg ist nach Ansicht der Autoren<br />

darauf zurück zu führen, dass die neu erlernten Gedächtnisinhalte in dieser<br />

Phase konsolidiert <strong>und</strong> damit dauerhaft gespeichert werden. 49<br />

2. REM-Schlafdeprivation scheint zu Einbußen in der Gedächtnisleistung zu füh-<br />

ren, was daran liegen könnte, dass Gedächtnisinhalte nicht ausreichend konso-<br />

lidiert wurden (Fishbein & Gutwein, 1977; McGrath & Cohen, 1978; Pearlman,<br />

1979; Smith, 1985; vgl. Hennevin, Hars, Maho & Bloch, 1995).<br />

3. Wie im Tiefschlaf (siehe Kapitel 4.4.1) kommt es auch während des REM-<br />

Schlafes zu einer Reaktivierung jener Hirnareale, die bei Lernaufgaben im<br />

Wachzustand aktiv sind (Louie & Wilson, 2001), so dass während des Schlafes<br />

offensichtlich Gedächtnisprozesse abzulaufen scheinen (Hennevin et al., 1995).<br />

Träume wären demnach die Manifestation dieser Prozesse.<br />

Auch wenn die Resultate dieser Autoren auf eine enge Verbindung zwischen REM-<br />

Schlaf <strong>und</strong> Gedächtnis-Konsolidierung hinweisen, gibt es eine sehr kontroverse Dis-<br />

kussion über die Gültigkeit dieser Hypothese (Horne & McGrath, 1984; Maquet,<br />

2001; Vertes & Eastman, 2000) Daran anknüpfend berichtet Siegel (2001) in seiner<br />

Übersichtsarbeit über Ergebnisse verschiedener Studien, die jede der eben aufgeführ-<br />

ten Schlussfolgerungen <strong>und</strong> somit die gesamte Gedächtnis-Konsolidierungs-<br />

Hypothese zweifelhaft erscheinen lassen.<br />

Die erste Schlussfolgerung scheint richtig zu sein, wenn man davon ausgeht, dass im<br />

Anschluss an eine Lernaufgabe eine erhöhte Gedächtnis-Konsolidierung erforderlich<br />

wird. Da diese Gedächtnis-Konsolidierung dem REM-Schlaf zugesprochen wird,<br />

müsste es im Laufe der folgenden Nacht zu einem Anstieg der REM-Schlafdauer<br />

kommen (siehe oben). Laut Siegel ist diese Annahme jedoch zu hinterfragen, da<br />

nicht eindeutig nachweisbar ist, inwieweit nicht vielleicht Stress oder andere emotio-<br />

nale Variablen (z.B. Frustration) während der Lernsituation ebenfalls einen Einfluss<br />

49 Smith (1985; vgl. Stickgold, Hobson, Fosse & Fosse, 2001) spricht hier vom sogenannten ‚REM-<br />

Fenster‘. Dabei handelt es sich um die Zeit nach dem Erlernen einer gewissen Aufgabe, in der es zu<br />

einer überdurchschnittlichen Erhöhung des REM-Schlafes kommt. Deprivation des REM-Schlafes<br />

während dieses REM-Fensters führt laut Smith zu Gedächtnis-Einbußen. Allerdings ließen sich solche<br />

REM-Fenster bislang <strong>nur</strong> bei Tieren nachweisen (Vertes & Eastman, 2000).<br />

68


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

auf die darauf folgende REM-Schlafdauer haben. So können Gonzales et al. (1995;<br />

vgl. Siegel, 2001) <strong>und</strong> Rampin et al. (1991; vgl. Maquet, 2001) beispielsweise nach-<br />

weisen, dass bereits moderater Stress, völlig unabhängig von einer Lernaufgabe, zu<br />

einem Anstieg der REM-Schlafdauer führt. Darüber hinaus liefern die verschiedenen<br />

Studien zu diesem Thema sehr widersprüchliche Ergebnisse. So weisen Vertes <strong>und</strong><br />

Eastman (2000) darauf hin, dass Untersuchungen an Tieren zwar eine erhöhte REM-<br />

Schlafdauer nach voran gegangenen Lernexperimenten ergeben (Horne, 1988; Smith<br />

1985; vgl. Vertes & Eastman, 2000), Untersuchungen an Menschen hingegen einen<br />

ähnlichen Effekt nicht nachweisen können (Allen et al., 1972; Zimmerman et al.,<br />

1978; vgl. Vertes & Eastman, 2000). Horne <strong>und</strong> McGrath (1984) zweifeln darüber<br />

hinaus auch die Ergebnisse der Tierexperimente an <strong>und</strong> sind der Meinung, dass der<br />

Anstieg der REM-Schlafdauer auch auf einen umfassenden Anstieg der totalen<br />

Schlafdauer zurück zu führen ist, da das Verhältnis von REM-Schlaf <strong>und</strong> totaler<br />

Schlafdauer unverändert bleibt (Tagney, 1973; vgl. Vertes & Eastman, 2000).<br />

Die zweite Schlussfolgerung, die die Gedächtnis-Konsolidierungs-Hypothese stützen<br />

soll, beruft sich auf REM-Deprivations-Experimente, nach denen die betreffenden<br />

Personen Gedächtnisausfälle zeigen, was angeblich auf eine ungenügende Konsoli-<br />

dierung schließen lässt. Die unzähligen Studien, die hierzu durch geführt wurden,<br />

liefern jedoch durchaus keine einheitlichen Ergebnisse. Während einige dieser Un-<br />

tersuchungen eine Blockierung der Konsolidierung aufgr<strong>und</strong> REM-Schlaf Deprivati-<br />

on beobachten, stellen andere keinen Effekt der Deprivation fest (Miller et al., 1971;<br />

vgl. Vertes & Eastman, 2000), während wieder andere Studien sogar einen gegentei-<br />

ligen Effekt nachweisen, indem REM-Schlafentzug zu einer verbesserten Konsoli-<br />

dierung führen soll (Horne, 2000; vgl. Siegel, 2001). Untersuchungen mit Tieren von<br />

Van Hulzen <strong>und</strong> Coenen (1982), in denen Ratten auf eine vergleichsweise sanfte Art<br />

am REM-Schlaf gehindert werden (leichte schaukelnde Bewegungen des Käfigs),<br />

können als Beleg da<strong>für</strong> angesehen werden, dass Stress <strong>und</strong> nicht REM-Schlafentzug<br />

die kritische Variable ist, da diese Tiere keinerlei Lern-Defizite aufweisen. Bei Men-<br />

schen kommt es durch die Gabe von MAO-Hemmern (z.B. zur Behandlung von De-<br />

pressionen) zu einem vollständigen REM-Schlaf Verlust. In diesen Fällen können<br />

jedoch kaum Einschränkungen der Gedächtnisleistung <strong>und</strong> der kognitiven Fähigkei-<br />

69


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

ten beobachtet werden (Vertes & Eastman, 2000). 50 Dies deutet darauf hin, dass der<br />

REM-Schlaf keine wesentliche Bedeutung <strong>für</strong> Lernprozesse <strong>und</strong> Gedächtnis-<br />

Konsolidierung haben kann. Abschließend erinnern Vertes <strong>und</strong> Eastman (2000) an<br />

die Ergebnisse von Untersuchungen hirngeschädigter Patienten mit Läsionen in der<br />

Pons-Region, bei denen die Schädigung zu einem totalen Ausfall des REM-Schlafes<br />

führt (siehe Kapitel 4.2.3), während die kognitiven Fähigkeiten, einschließlich der<br />

Gedächtnisfunktionen keinerlei Einschränkungen aufweisen. Diese Beobachtungen<br />

sprechen gegen eine wesentliche Rolle des REM-Schlafes beim Lernen, so dass zu-<br />

sammenfassend festgehalten werden kann, dass die gegenwärtige Literatur <strong>nur</strong> sehr<br />

widersprüchliche Ergebnisse zur Bedeutung des REM-Schlafes bei der Gedächtnis-<br />

Konsolidierung aufweist.<br />

Die dritte Schlussfolgerung, dass während des REM-Schlafes Gedächtnisprozesse<br />

ablaufen, wird durch die Beobachtung gestützt, dass die neuronale Aktivität, die<br />

während der Lernphase registriert wird, auch in der darauf folgenden REM-<br />

Schlafphase auftritt. Dies jedoch, widerspricht Siegel (2001), muss noch kein Hin-<br />

weis auf ablaufende Konsolidierungs-Prozesse sein. Im Gegenteil könnte dieses<br />

Wiederauftreten (engl.: replay) in die genetisch vorprogrammierte neuronale Ent-<br />

wicklung involviert sein (vgl. den hohen Anteil an REM-Schlaf im frühen Kindesal-<br />

ter; siehe Kapitel 4.3.2) <strong>und</strong> bei der Löschung irrelevanter Gedächtnis-Spuren eine<br />

Rolle spielen (Crick & Mitchison, 1983; siehe Kapitel 4.3.3). Poe, Nitz, McNaughton<br />

& Barnes (2000) untersuchen (ähnlich wie Pavlides & Winson im Jahre 1989; siehe<br />

Kapitel 4.3.1) das Feuern bestimmter Zellgruppen im Hippocampus während des<br />

REM-Schlafes. Während Pavlides <strong>und</strong> Winson ein Wiederauftreten der im Wachzu-<br />

stand stattgef<strong>und</strong>enen hippocampalen Aktivität vor allem im darauf folgenden Tief-<br />

schlaf festgestellt haben, konzentrieren sich Poe et al. verstärkt auf den REM-Schlaf<br />

<strong>und</strong> seine Rolle bei der Gedächtnis-Konsolidierung. Ihre Ergebnisse deuten auf einen<br />

möglichen Mechanismus während des REM-Schlafes hin, durch den Erinnerungen<br />

an kürzlich statt gef<strong>und</strong>ene Ereignisse verstärkt <strong>und</strong> die Spuren entfernterer Erinne-<br />

rungen geschwächt werden. Louie <strong>und</strong> Wilson (2001) beobachten in ihren Untersu-<br />

chungen mit Ratten ebenfalls eine Reaktivierung der hippocampalen Aktivität des<br />

50 Siegel führt als möglichen Einwand an, dass die MAO-Hemmer eventuell lediglich die polygraphischen<br />

Zeichen des REM-Schlafes maskieren, während der REM-Schlaf in seinen wesentlichen Aspekten<br />

(wie z.B. der Gedächtnis-Konsolidierungs-Funktion) weiter fortbesteht.<br />

70


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

Wachzustandes während des REM-Schlafes. Interessanterweise kommt es zu diesem<br />

Wiederauftreten jedoch in jenen REM-Schlaf-Episoden, die den täglichen Lern-<br />

durchgängen der Tiere unmittelbar vorausgehen <strong>und</strong> nicht in jenen, die der Lernauf-<br />

gabe folgen. Die Autoren erklären dies damit, dass die Lernaufgaben wiederholt an<br />

mehreren aufeinander folgenden Tagen durchgeführt wurden <strong>und</strong> sich die Reaktivie-<br />

rung der hippocampalen Aktivität während des REM-Schlafes vermutlich jeweils auf<br />

die Lernaufgabe des vorherigen Tages bezieht. Hier widerspricht Siegel (2001) je-<br />

doch <strong>und</strong> behauptet, dies erkläre noch nicht, warum dieses Wiederauftreten nicht<br />

auch im nachfolgenden REM-Schlaf erscheint. Da die gleichen Tiere darüber hinaus<br />

keinerlei ‚Replay’ in der nachfolgenden REM-Schlafphase zeigen, wenn sie mit einer<br />

völlig neuen Lernaufgabe konfrontiert werden, sprechen diese Ergebnisse keinesfalls<br />

<strong>für</strong> die Gedächtnis-Konsolidierungs-Hypothese.<br />

Insgesamt scheint die Frage nach der Funktion des REM-Schlafes nicht eindeutig<br />

beantwortet zu sein. Auch bezüglich der Rolle bei der Gedächtnis-Konsolidierung<br />

bleiben viele Fragen offen. Dass der REM-Schlaf eine spezielle Verbindung zu Lern-<br />

<strong>und</strong> Gedächtnisprozessen hat, scheint unbestritten, allerdings ist es nach Ansicht von<br />

Maquet (2001) nach wie vor unklar, ob der REM-Schlaf zur Konsolidierung von<br />

Gedächtnisinhalten unbedingt notwendig ist, oder ob diese Phase lediglich Bedin-<br />

gungen erfüllt, die die Konsolidierung von Erinnerungen im Gegensatz zu anderen<br />

Erregungszuständen begünstigt.<br />

4.4.3. Die Funktion von Träumen<br />

Wie bereits angedeutet, ist es sehr schwer, die Frage nach der Funktion des REM-<br />

Schlafes klar von der des Träumens zu trennen. Vor allem Vertreter der Gedächtnis-<br />

Konsolidierungs-Hypothese (siehe Kapitel 4.4.2) sind dazu geneigt, ihre Theorien<br />

auch auf die Funktion der Träume zu übertragen. Dabei muss jedoch im Auge behal-<br />

ten werden, dass, wie oben beschrieben, längst erwiesen ist, dass REM-Schlaf <strong>und</strong><br />

Träume nicht gleich zu setzen sind. Eine Unterscheidung ist also unbedingt sinnvoll,<br />

da Träume ein subjektives bewusstes Erleben beinhalten, während der REM-Schlaf<br />

lediglich eine physiologisch bestimmte Phase unseres nächtlichen Schlafzyklus dar-<br />

stellt (Revonsuo, 2000). Dementsprechend haben REM-Schlaf <strong>und</strong> Träume vermut-<br />

lich auch sehr unterschiedliche Funktionen. Allerdings lässt sich insgesamt festhal-<br />

71


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

ten, dass es im Vergleich zum REM-Schlaf <strong>nur</strong> wenige <strong>und</strong> sehr gegensätzliche neu-<br />

rowissenschaftlich orientierte Theorien zur Funktion des Träumens gibt.<br />

Auf der einen Seite positionieren sich u.a. Forscher wie Foulkes (1962), Hall <strong>und</strong><br />

Van de Castle (1966; vgl. Vertes & Eastman, 2000) <strong>und</strong> Domhoff (1999, 2001), die<br />

davon ausgehen, dass Träume die Fortsetzung des mentalen Lebens aus dem Wach-<br />

zustand darstellen (sog. ‚Kontinuitätshypothese’) <strong>und</strong> somit als durchaus sinnvoll zu<br />

betrachten sind. 51 Für diese Annahme spricht laut von Domhoff (1999) z.B. die Beo-<br />

bachtung, dass emotionale Themen aus dem Wachzustand oftmals im Trauminhalt<br />

fortgeführt werden <strong>und</strong> dass der Trauminhalt Erwachsener über Jahre <strong>und</strong> Jahrzehnte<br />

hinweg eine hohe Konsistenz aufweist.<br />

Demgegenüber stehen z.B. Hobson (1988, 1998; vgl. Vertes & Eastman, 2000) <strong>und</strong><br />

seine Kollegen, die der Überzeugung sind, dass Träume ausschließlich physiologi-<br />

schen Ursprungs sind (siehe Kapitel 4.2.2). Der Nobelpreisträger Crick <strong>und</strong> sein Kol-<br />

lege Mitchison (1983) vertreten eine ähnliche Meinung, die den oben beschriebenen<br />

Lerntheorien des REM-Schlafes völlig entgegengesetzt ist. So gehen sie davon aus,<br />

dass wir träumen, um zu vergessen. Sie sind der Ansicht, dass während des REM-<br />

Schlafes, in dem bekanntermaßen Träume am häufigsten auftreten, irrelevante Ge-<br />

dächtnisspuren entfernt werden. Sinnlose Verbindungen, die tagsüber geknüpft wur-<br />

den, werden auf diese Weise wieder gelöscht <strong>und</strong> das Gehirn so von unnötigem Bal-<br />

last befreit. Dies stellt gewissermaßen einen Schutzmechanismus dar, der verhindern<br />

soll, dass unser Gehirn mit unerwünschten <strong>und</strong> unnötigen Informationen überlastet<br />

wird, während wichtige Informationen darin untergehen. Auch die Tatsache, dass es<br />

uns so schwer fällt, uns an unsere Träume zu erinnern, bestätigt die Autoren in ihrer<br />

Vermutung, „dass das Träumen eher dem Löschen als dem Verstärken bestimmter<br />

Gedächtnisinhalte dient“ (Hobson, 1990, S.203). 52<br />

Stickgold et al. (2001) weisen auf die möglichen Unterschiede in den Funktionen der<br />

verschiedenen Traumarten hin. So scheinen Träume der hypnagogen Phase <strong>und</strong> der<br />

Non-REM-Phasen, denen im Gegensatz zu REM-Träumen meist der typische bizarre<br />

Charakter fehlt, weitaus häufiger Elemente aus dem Wachleben zu enthalten, die<br />

51 Vgl. <strong>Freud</strong>s (1900) Annahme vom Traum als „sinnvolles psychisches Gebilde (...), welches an<br />

angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist“ (S.29).<br />

52 Allerdings wird meiner Meinung nach auch hier die Trennung zwischen REM-Schlaf <strong>und</strong> Träumen<br />

nicht sehr sauber vollzogen.<br />

72


4. Neurowissenschaftliche Traumtheorie<br />

wiederum oftmals mit Erinnerungen an vergangene Ereignisse assoziiert werden.<br />

Auch wenn Emotionen eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Erinnerungen, die in<br />

die Non-REM-Träume miteingehen spielen, haben Träume dieser Phase an sich ei-<br />

nen sehr geringen emotionalen Inhalt (Emberger, 2001; vgl. Stickgold et al., 2001).<br />

Damit unterscheiden sie sich in einem weiteren wesentlichen Punkt von den REM-<br />

Träumen, deren Inhalt oft hoch emotional ist.<br />

Entgegen der Theorie, dass Träume lediglich ein Nebenprodukt des REM-Schlafes<br />

darstellen, ohne dabei eine ersichtliche Funktion zu erfüllen, geht Revonsuo (2000)<br />

davon aus, dass die Aufgabe des Träumens darin besteht, bedrohliche Ereignisse zu<br />

simulieren, um so die Wahrnehmung <strong>und</strong> die Vermeidung von Gefahren zu üben. Er<br />

erklärt dies aus einer evolutionstheoretischen Perspektive heraus, wonach Träume<br />

stets einen bestimmten Sinn gehabt haben müssen, um sich bis heute durchsetzten zu<br />

können. Dieser Sinn besteht seiner Ansicht nach schon seit jeher darin, bedrohliche<br />

Ereignisse aus dem Wachleben im Traum wieder <strong>und</strong> wieder zu reproduzieren, um<br />

auf diese Weise effektive Fähigkeiten zur Abwendung von Gefahren zu entwickeln.<br />

Wie ersichtlich wird, kann die Frage nach der Funktion von Träumen aus neurowis-<br />

senschaftlicher Sicht bis heute nicht eindeutig beantwortet werden. Zwar gibt es ei-<br />

nige Theorien <strong>und</strong> Hypothesen, allerdings liefert keine eindeutige <strong>und</strong> unwiderlegba-<br />

re Antworten. Dies hat vermutlich verschiedene Gründe <strong>und</strong> könnte u.a. mit der Tat-<br />

sache zusammen hängen, dass auch heute noch REM-Schlaf <strong>und</strong> Träume oftmals<br />

gleichgesetzt werden. Darüber hinaus birgt die naturwissenschaftliche Beobachtung<br />

eines solch subjektiven Phänomens wie das des Träumens immense Schwierigkeiten<br />

in sich. Da es bisher aber weder Psychoanalyse noch Neurowissenschaften geschafft<br />

haben, allgemein akzeptierte Annahmen <strong>und</strong> Theorien zum Thema Träume zu lie-<br />

fern, macht es vielleicht Sinn zu untersuchen, inwieweit eine Verknüpfung der bei-<br />

den Richtungen fruchtbar ist. Wo weder die Hypothesen der einen, noch die der an-<br />

deren Seite befriedigende Antworten liefern, liegt der Schlüssel zu einer aufschluss-<br />

reicheren Betrachtungsweise vielleicht in der Synthese. Diese Synthese möchte ich<br />

im folgenden Kapitel wagen.<br />

73


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -<br />

Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Im Folgenden möchte ich aufzeigen, inwieweit die, auf den ersten Blick sehr ver-<br />

schiedenen Annahmen <strong>und</strong> Hypothesen der psychoanalytischen Traumtheorie <strong>und</strong><br />

der neurowissenschaftlichen Traumforschung eventuell miteinander vereinbar sind.<br />

<strong>Freud</strong>s ursprüngliches Vorhaben, seine psychoanalytischen Theorien auf ein neuro-<br />

physiologischen F<strong>und</strong>ament zu stellen, wurde lange Zeit aus den Augen verloren.<br />

Erst seit kurzem besinnen sich einige Forscher auf den gemeinsamen Ursprung dieser<br />

beiden Disziplinen. Aus diesem Gr<strong>und</strong> gehe ich in diesem Kapitel zunächst etwas<br />

ausführlicher auf die Umstände ein, unter denen <strong>Freud</strong> vor mehr als h<strong>und</strong>ert Jahren<br />

von den Neurowissenschaften zur Psychoanalyse wechselte. Im Anschluss daran<br />

werde ich anhand des Zustands-Wechsel-Modells von Koukkou <strong>und</strong> Lehmann<br />

(1983) einen ersten Versuch darstellen, psychologische <strong>und</strong> psychophysische Traum-<br />

theorien miteinander zu vereinbaren. Am etwas aktuelleren Modell der Traumentste-<br />

hung von Solms (1995, 1997, 2000) <strong>und</strong> Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms (2003) zeige ich<br />

anschließend weitere Möglichkeiten auf, wie psychoanalytische <strong>und</strong> neurowissen-<br />

schaftliche Erkenntnisse einander ergänzen können.<br />

5.1. <strong>Freud</strong>s Wandel von den Neurowissenschaften zur<br />

Psychoanalyse<br />

Wie in der Einleitung bereits angedeutet, denkt <strong>Freud</strong> schon vor gut einem Jahrhun-<br />

dert bei der Entwicklung der Psychoanalyse als völlig neuer Wissenschaft an eine<br />

Verbindung dieser Disziplin mit den Neurowissenschaften. Dieses Vorhaben wird<br />

nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass die Psychoanalyse quasi aus den Neuro-<br />

wissenschaften, bzw. der Neuropsychologie heraus entstanden ist <strong>und</strong> dort ihre Wur-<br />

zeln hat.<br />

Seit Beginn seiner Ausbildung im Jahre 1880 ist <strong>Freud</strong> bereits mehrere Jahre in sei-<br />

ner Funktion als Neurologe tätig, als es zu einem entscheidenden Wandel in seiner<br />

wissenschaftlichen Laufbahn kommt. Dieser Wandel findet seinen Höhepunkt zwi-<br />

schen den Jahren 1895-1900, die den Beginn der Psychoanalyse markieren. Seine<br />

Erkenntnisse über die menschliche Psyche ziehen ihn derartig in den Bann, dass er<br />

74


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

sich voll <strong>und</strong> ganz seiner neu entwickelten geisteswissenschaftlichen Methode zu<br />

<strong>und</strong> gleichzeitig von seinen bisherigen neurowissenschaftlichen Forschungen ab<br />

wendet. Gründe <strong>für</strong> diesen Wandel gibt es sicher zahlreiche:<br />

<strong>Freud</strong> ist anfangs ein großer Kenner <strong>und</strong> Wertschätzer der unter Kapitel 4.2.4 <strong>und</strong><br />

4.3.1 beschriebenen Methode der klinisch-anatomischen Korrelation. Er entwickelt<br />

sich als wahrer Experte darin, anhand klinischer Syndrome auf die Art <strong>und</strong> Lokalisa-<br />

tion der dahinter stehenden Schädigungen bestimmter Gehirnareale zu schließen. In<br />

diesem Zusammenhang stellt sich bald heraus, „dass neurologische Störungen den<br />

Patienten in seiner Persönlichkeit verändern <strong>und</strong> demzufolge das Wesen des Men-<br />

schen irgendwo im Gehirngewebe abgebildet sein musste“ (Kaplan-Solms & Solms,<br />

2003, S.19; Hervorhebung v. Verf.). Demnach sollte theoretisch eine physiologische<br />

Lokalisation verschiedenster psychischer Funktion möglich sein 53 - eine Idee, <strong>für</strong> die<br />

sich <strong>Freud</strong> sehr schnell begeistert (Kaplan-Solms & Solms, 2003).<br />

Bereits Ende 1885 deutet sich ein erster Wandel an, als <strong>Freud</strong> von der stark anato-<br />

misch orientierten deutschen Schule unter Helmholtz <strong>und</strong> Meynert zu der eher kli-<br />

nisch ausgerichteten französischen Schule an der berühmten Salpêtière unter der Lei-<br />

tung von Charcot wechselt. Ein Gr<strong>und</strong> <strong>für</strong> diesen Wechsel ist vermutlich <strong>Freud</strong>s ver-<br />

stärktes Interesse an den Neurosen, denen die deutsche Schule auf Gr<strong>und</strong> nicht vor-<br />

handener Gehirnläsionen ratlos gegenüberstand, während die klinische Methode der<br />

französischen Schule die Symptome lediglich zu beschreiben suchte. Zwar betonen<br />

Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms (2003), dass dieser „Loyalitätswechsel nicht mit dem<br />

Wechsel von der Neurologie zur <strong>Psychologie</strong> gleichzusetzen ist“ (S.25), aber den-<br />

noch könnte dies richtungsweisend <strong>für</strong> seine spätere Entwicklung sein.<br />

Mit der Zeit entwickelt <strong>Freud</strong> immer mehr seine eigenen, damals einzigartigen Vor-<br />

stellungen. Dabei distanziert er sich nach <strong>und</strong> nach von der Meinung Charcots, der<br />

sich mit der Beschreibung der Neurosen begnügt <strong>und</strong> auf eine Enthüllung der patho-<br />

logisch-anatomischen Zusammenhänge mittels verbesserter Techniken in der Zu-<br />

kunft hofft. <strong>Freud</strong> jedoch vermutet, dass die Aufklärung anatomischer Aspekte allein<br />

53 Wegweisend hier<strong>für</strong> waren die Beobachtungen des französischen Neurologen Broca in den 60er<br />

Jahren. Er fand heraus, dass die Schädigung eines bestimmten Gehirnabschnittes (‚Broca-Areal’) zu<br />

einer Störung der Sprechfähigkeit führt (motorische Aphasie). Mit Hilfe der klinisch-anatomischen<br />

Methode konnte somit erstmals der ‚Sitz’ einer bekannten mentalen Funktion im Gehirn abgebildet<br />

werden. Einige Jahre später demonstrierte der deutsche Neurologe Wernicke, dass Schädigungen in<br />

einem anderen Areal (‚Wernicke-Areal’) zum Verlust des Sprachverständnisses führen (sensorische<br />

oder rezeptive Aphasie).<br />

75


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

nicht ausreichen würde, um die Neurosen vollständig erklären zu können. Statt des-<br />

sen betont er, „dass die Läsion bei den hysterischen Lähmungen ganz <strong>und</strong> gar unab-<br />

hängig von der Anatomie des Nervensystems sein muss, denn die Hysterie benimmt<br />

sich in ihren Lähmungen <strong>und</strong> anderen Manifestationen, als ob es die Anatomie nicht<br />

gäbe oder als ob sie keinerlei Kenntnis derselben hätte“ (<strong>Freud</strong>, 1893; zitiert nach<br />

Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.26). Indem er die Hysterie als psychische Störung<br />

<strong>und</strong> „ihre physiologischen Korrelate als zwischen den anatomischen Elementen des<br />

Nervensystems existierende ‚Assoziationen’“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.26;<br />

Hervorhebung v. Verf.) versteht, vertritt <strong>Freud</strong> einen völlig neuen Standpunkt. Er<br />

betont dabei die dynamischen Prozesse, gestützt durch die Beobachtung, dass Läsio-<br />

nen bestimmter Gehirnareale nicht zum Totalausfall spezifischer psychischer Funkti-<br />

onen, sondern vielmehr zu einer Veränderung bzw. Verzerrung derselben führt. Dar-<br />

aus folgt, dass nicht ein bestimmtes Areal eine bestimmte mentale Funktion abbildet,<br />

sondern dass es eine Art Wechselwirkung zwischen verschiedenen Gehirnregionen<br />

zu geben scheint. <strong>Freud</strong> schließt daraus, „dass psychische Funktionen über eine inne-<br />

re komplexe Organisation verfügen, die nach eigenen funktionellen Gesetzen ein<br />

kompliziertes Ganzes ergibt <strong>und</strong> aus einem vielfältigen Wechselspiel von Wirkfakto-<br />

ren besteht, dass sich zwischen seinen elementaren Komponenten vollzieht“ (Kap-<br />

lan-Solms & Solms, 2003, S.27). Mit der Behauptung, dass psychische Funktionen<br />

innerhalb eines dynamischen Systems <strong>und</strong> nicht durch streng festgelegte anatomische<br />

Orte im Gehirn abgebildet sind 54 , widersetzt sich <strong>Freud</strong> der damals vorherrschenden<br />

Meinung. Damit hat er interessanterweise schon vor mehr als h<strong>und</strong>ert Jahren geahnt,<br />

was heute als selbstverständlich angesehen wird, da man längst den Versuch, psychi-<br />

sche Funktionen (wie z.B. das Gedächtnis) eng umgrenzten Gehirnarealen zuzuord-<br />

nen, zu Gunsten einer dynamisch orientierten Theorie mehrerer beteiligter Hirnregi-<br />

onen aufgegeben hat.<br />

Da es zu der damaligen Zeit <strong>Freud</strong>s Ansicht nach noch nicht möglich ist, komplexe<br />

<strong>und</strong> dynamische psychische Funktionen innerhalb des Gehirns zu lokalisieren 55 , ver-<br />

zichtet er mit der Zeit immer mehr auf den Versuch einer anatomischen Zuordnung<br />

54 Vgl. <strong>Freud</strong>s Ansicht, dass „Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im allgemeinen überhaupt<br />

nicht in organischen Elementen des Nervensystems lokalisiert werden dürfen, sondern sozusagen<br />

zwischen ihnen“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.579; Hervorhebung v. Verf.).<br />

55 Dies sollte erst nach <strong>Freud</strong>s Tod mit Lurijas Methode der ‚dynamischen Lokalisation’ möglich<br />

werden (siehe Kapitel 4.3.1).<br />

76


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

klinischer Syndrome, bis er sich letztlich ausschließlich der Psychoanalyse widmet.<br />

Hier markiert die 1900 erschienene ‚Traumdeutung’ den entscheidenden Wende-<br />

punkt. Trotzdem - <strong>und</strong> das ist der wesentliche Punkt - negiert er keinesfalls die ana-<br />

tomischen <strong>und</strong> physiologischen Aspekte psychischer Störungen. Er widerspricht le-<br />

diglich der Behauptung, dass komplexe kognitive Prozesse innerhalb einzelner um-<br />

schriebener Gehirnarealen lokalisiert werden können. Zwar widmet er von nun an<br />

seine volle Aufmerksamkeit der psychoanalytischen Theorie, aber dies bedeutet<br />

nicht, dass er nicht weiter an eine physiologische F<strong>und</strong>ierung seiner aufgestellten<br />

Hypothesen glaubt. Aufgr<strong>und</strong> methodischer Grenzen <strong>und</strong> aus Mangel an neurowis-<br />

senschaftlichen Erkenntnissen zu seiner Zeit, vor allem bezüglich der Lokalisation<br />

dynamischer Prozesse, erwartet er lediglich zum damaligen Zeitpunkt nicht, anato-<br />

misch-physiologische Unterstützung seiner Theorien zu erfahren. Statt dessen hofft<br />

er darauf, dass dies zukünftig einmal möglich sein wird. 56<br />

Nach Ansicht von Solms, kann die bisher kaum statt gef<strong>und</strong>ene Annährung der bei-<br />

den Disziplinen hauptsächlich auf das Fehlen einer geeigneten Methode, mit der die<br />

klinischen Ergebnisse der Psychoanalyse mit den Resultaten der neurowissenschaft-<br />

lichen Untersuchungen verb<strong>und</strong>en werden können, zurück geführt werden. Um hier<br />

Abhilfe zu schaffen bedient er sich der unter 4.3.1 beschriebenen, von Lurija modifi-<br />

zierten Variante der klinisch-anatomischen Korrelation, um so auch die Lokalisation<br />

dynamischer Prozesse möglich zu machen. Mit Hilfe dieser Methode scheint nun<br />

endlich der seit jeher von <strong>Freud</strong> gehegte Wunsch in Erfüllung zu gehen, die neurolo-<br />

gische Organisation jener Funktionen <strong>und</strong> Prozesse aufzuspüren, die <strong>für</strong> die Psycho-<br />

analyse wesentlich sind.<br />

Hiermit wird deutlich, wie eng Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften ursprüng-<br />

lich miteinander verknüpft waren <strong>und</strong> das erst im Laufe der Jahrzehnte eine stetige<br />

Auseinanderbewegung eingesetzt hat, die zu zwei scheinbar völlig gegensätzlichen<br />

Disziplinen geführt hat. Umso erstrebenswerter erscheint das Vorhaben, den Versuch<br />

einer Annäherung zu unternehmen <strong>und</strong> damit <strong>Freud</strong>s inzwischen h<strong>und</strong>ertjährigen<br />

Traum einer Reintegration ein Stück näher zu kommen. Neben Solms (1995, 1998,<br />

2000) <strong>und</strong> Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms (2003) sind es dabei vor allem Koukkou <strong>und</strong><br />

56 Vgl.: „Das Lehrgebäude der Psychoanalyse, das wir geschaffen haben, ist in Wirklichkeit ein Überbau,<br />

der irgendeinmal auf sein organisches F<strong>und</strong>ament aufgesetzt werden soll; aber wir kennen dieses<br />

noch nicht“ (<strong>Freud</strong>, 1916-1917, S.377).<br />

77


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Lehmann (1983, 1995), die sich bereits seit 20 Jahren um eine Synthese hirnphysio-<br />

logischer <strong>und</strong> psychoanalytischer Erkenntnisse bemühen. Bei der Darstellung dieser<br />

beiden, in erster Linie neurophysiologisch bzw. neuroanatomisch orientierten Theo-<br />

rien werden die jeweiligen Implikationen <strong>für</strong> die Psychoanalyse in kursiver Schrift an<br />

entsprechender Stelle kenntlich gemacht.<br />

5.2. Das Zustands-Wechsel-Modell nach Koukkou <strong>und</strong><br />

Lehmann<br />

Koukkou <strong>und</strong> Lehmann (Koukkou-Lehmann, 1995; Koukkou & Lehmann, 1983;<br />

Lehmann & Koukkou, 1983) legen auf der Gr<strong>und</strong>lage ihrer langjährigen Forschun-<br />

gen ein „neuro-psycho-physiologisches Modell der Traumentstehung“ (Lehmann &<br />

Koukkou, 1983, S.54) vor. Dieses Modell stellt einen, meiner Ansicht nach sehr er-<br />

wähnenswerten Versuch dar, die Ergebnisse aus psychologischer <strong>und</strong> physiologi-<br />

scher Schlaf- <strong>und</strong> Traumforschung miteinander in Einklang zu bringen. Kernstück ist<br />

die Vermutung, dass der Traum das Ergebnis eines spezifischen funktionellen Zu-<br />

standes des Gehirns während des Schlafes <strong>und</strong> den damit verb<strong>und</strong>enen spezifischen<br />

Informationsverarbeitungsprozessen darstellt.<br />

Die Autoren gehen davon aus, dass es eine Reihe unterschiedlicher funktionaler Zu-<br />

stände des Gehirns gibt, die jeweils <strong>für</strong> einen anderen Modus der Informationsverar-<br />

beitung zuständig sind <strong>und</strong> <strong>für</strong> die jeweils ein besonderer Gedächtnisspeicher exis-<br />

tiert. Sie vermuten weiterhin, dass neue Information direkt in dem zustandszugehöri-<br />

gen Gedächtnisspeicher abgelegt wird. Optimalerweise erfolgt auch der erneute Ab-<br />

ruf aus dem entsprechenden funktionellen Zustand, wobei jeweils auch jenes Materi-<br />

al abgerufen werden kann, welches in höher organisierten funktionellen Zuständen<br />

des Gehirns gespeichert worden ist, nicht aber jenes aus niederen Zuständen (Asym-<br />

metrie der Gedächtnisfunktionen). Somit erlaubt bzw. beschränkt ein bestimmter<br />

funktioneller Zustand den Zugriff auf bestimmtes Material.<br />

Der funktionelle Zustand unseres Gehirns ändert sich im Laufe eines Tages häufig,<br />

was gemäß dem oben beschriebenen Modell dazu führt, dass z.B. Informationen, die<br />

morgens gelernt werden, abends schwieriger wieder abzurufen sind, als am folgen-<br />

den Morgen (gleicher funktioneller Zustand). Auch während des Schlafes durchlau-<br />

fen wir verschiedene funktionelle Hirnzustände, die mit Hilfe des EEGs registriert<br />

78


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

werden können (siehe Kapitel 4.1.2). 57 Da das EEG während der REM-Schlafphasen<br />

dem Wachzustand mehr gleicht als das des Non-REM-Schlafes, können Träume<br />

nach Weckungen aus REM-Schlafphasen am besten erinnert werden. Interessanter-<br />

weise können auch im Non-REM-Schlaf mehr Träume erinnert werden, wenn das<br />

EEG „vor der Weckung wachheitsnäher war“ (Koukkou & Lehmann, 1983, S.56).<br />

Auch dies stützt die Vermutung, dass Gelerntes am besten dann wieder reproduziert<br />

wird, wenn sich das Gehirn beim Abruf in einem gleichen oder ähnlichen funktionel-<br />

len Zustand befindet, wie beim Erlernen (‚Zustandsabhängigkeit’).<br />

Koukkou <strong>und</strong> Lehmann (1983) weisen darauf hin, dass sowohl die Wellenfrequenz<br />

des EEGs als auch die Ausbildung differenzierter kognitiver Strategien im Laufe der<br />

Entwicklung zunimmt. So weist das Auftreten vornehmlich langsamer Wellen im<br />

EEG auf relativ einfache funktionelle Zustände hin. Sie treten z.B. bei Müdigkeit,<br />

z.T. während des Schlafes <strong>und</strong> bei Kindern auf. Die Autoren vermuten, dass es wäh-<br />

rend des Schlafes zu einer Art physiologischer Regression auf einfachere funktionel-<br />

le Zustände kommt, die denen früherer Entwicklungsstufen ähneln. Durch das zeit-<br />

weise Zurückfallen auf niedere funktionelle Hirnzustände wird der Weg zu jenen<br />

Gedächtnisspeichern frei, die frühe Erinnerungen <strong>und</strong> Denkstrategien enthalten. So-<br />

mit kommt es zu Zuständen, in denen ältere Erinnerungen <strong>und</strong> kognitive Strategien<br />

mit neuen Erfahrungen verknüpft <strong>und</strong> die Gedächtnisspeicher der Kindheit wieder<br />

zugänglich gemacht werden können.<br />

Damit gehören die Autoren zu den ersten naturwissenschaftlich orientierten Traum-<br />

forschern, die ein neurowissenschaftliches Äquivalent zur <strong>Freud</strong>schen Regression<br />

anbieten. Ihre Vorstellung von einer ‚physiologischen Regression’ auf frühe, infanti-<br />

le funktionelle Hirnzustände ähnelt stark dem Konzept der Regression nach <strong>Freud</strong>,<br />

wonach der Schläfer während des Traumes auf frühkindliche Entwicklungsstufen<br />

regrediert (siehe Kapitel 3.1.1). Dass dabei der Zugriff auf unbewusstes, verdrängtes<br />

Material möglich wird, welches dann Richtung Bewusstsein drängt, erklärt dieses<br />

Modell damit, dass nun auch die Gedächtnisspeicher der Kindheit wieder zugänglich<br />

werden, während der Zugang zu ihnen im Wachzustand meist längst verschüttet ist.<br />

57 Tatsächlich scheint ein einzelner dieser Hirnzustände jeweils <strong>nur</strong> einige Sek<strong>und</strong>en anzuhalten, so<br />

dass es zu „fortwährenden Fluktuationen des funktionellen Zustandes“ (Koukkou & Lehmann, 1983,<br />

S.59) kommt.<br />

79


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Die Autoren erklären die vielfältigen Traum-Charakteristika (Bizarrheit, Diskontinu-<br />

ität etc.) durch „die wiederholte Veränderung des funktionellen Zustands <strong>und</strong> die<br />

damit bewirkte Verkettung von Gedanken, die aus verschiedenen zustandszugehöri-<br />

gen Denkstrategien <strong>und</strong> jeweils zugänglichen Gedächtnisspeicherplätzen resultiert“<br />

(Koukkou & Lehmann, 1983, S.63).<br />

Durch den steten Wechsel unterschiedlicher funktioneller Hirnzustände <strong>und</strong> den je-<br />

weils begrenzen Zugriff auf bestimmte Gedächtnisspeicher <strong>und</strong> kognitive Strategien<br />

wird Material verschoben, verdichtet, bekommt eine neue Bedeutung, wird unver-<br />

ständlich, bizarr, losgelöst von seinem Kontext <strong>und</strong> verknüpft sich mit anderem Ma-<br />

terial. Dieser physiologische Wechsel entspricht nach Ansicht der Autoren den psy-<br />

chologischen Mechanismen der Verdichtung, Verschiebung, Symbolbildung etc., kurz<br />

- der Traumarbeit.<br />

Parallel dazu bewirkt eine Veränderung in Richtung höher organisierte funktionelle<br />

Hirnzustände (was u.a. immer dann geschieht, wenn die zu verarbeitenden Informa-<br />

tionen <strong>für</strong> die Person neu <strong>und</strong> alarmierend sind), dass der Zugang zu den niederen<br />

Gedächtnisspeichern versperrt wird. Dadurch wird es unmöglich, dass „die endgülti-<br />

ge kognitive Interpretation der Information das gesamte Kontextmaterial berücksich-<br />

tigen kann, das ursprünglich entscheidend <strong>für</strong> die alarmierenden Eigenschaften der<br />

Information verantwortlich war“ (Koukkou & Lehmann, 1983, S.64).<br />

Genau diesen Ablauf setzten Koukkou <strong>und</strong> Lehmann in enge Verbindung mit den<br />

Mechanismen der Verdrängung <strong>und</strong> des Vergessens - also mit der <strong>Freud</strong>schen Vor-<br />

stellung der Zensur. Die Zensur verhindert den vollen Zugriff <strong>und</strong> das Bewusstwer-<br />

den verdrängten Materials, was im Zustands-Wechsel-Modell durch die oben be-<br />

schriebene Asymmetrie der Gedächtnisfunktionen gewährleistet wird. Sie verhindert,<br />

dass von einem bestimmten funktionellen Zustand aus Material, das in niederen Sys-<br />

temen gespeichert ist, zugänglich wird.<br />

Auch die Schwierigkeiten, sich nach dem Aufwachen an seine Träume zu erinnern,<br />

erklärt das Modell mit der Tatsache, dass sich unser Gehirn in zu verschiedenen<br />

funktionellen Zuständen befindet. Dabei gilt, dass die Erinnerung um so leichter fällt,<br />

je näher sich der Zustand kurz vor dem Erwachen dem des Wachzustandes angenä-<br />

hert hat. Auch auf die Frage nach der Funktion des Träumens bietet diese Theorie<br />

eine Antwort: Träumen ist wichtig, um erneuten Zugang zu dem in frühen Entwick-<br />

80


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

lungsphasen gesammelten Wissen zu erlangen <strong>und</strong> so früher gespeicherte Informati-<br />

onen <strong>und</strong> Erinnerungen „unter Berücksichtigung neu aufgenommener Information in<br />

Speicherplätze zu bringen, die von der Wachheit aus zumindest teilweise zugänglich<br />

<strong>und</strong> somit <strong>für</strong> das bewusste Wachleben nutzbar sind“ (Koukkou & Lehmann, 1983,<br />

S.64). Auf diese Weise werden alte Informationen mit neuen verknüpft <strong>und</strong> integriert<br />

<strong>und</strong> das bestehende Wissen reorganisiert. Mit dieser Theorie einer adaptiven Funkti-<br />

on des Träumens stehen die Autoren nicht alleine da (siehe Kapitel 3.3.5).<br />

Dieses Modell versucht meiner Ansicht nach auf eine bemerkenswerte Weise, phy-<br />

siologische Daten mit psychologischen Erfahrungen in Einklang zu bringen <strong>und</strong> bie-<br />

tet so mögliche Erklärungen <strong>für</strong> psychoanalytische Konzepte wie Regression,<br />

Traumarbeit oder Zensur. Auch auf die Frage, warum es uns so schwer fällt, uns im<br />

Wachleben an unsere Träume zu erinnern, liefert die Theorie eine plausible Antwort.<br />

Neben den Forschungen von Solms scheint mir dieses Modell ebenfalls ein Meilen-<br />

stein auf dem Weg, Hirnforschung <strong>und</strong> Psychoanalyse miteinander zu verbinden, zu<br />

sein.<br />

5.3. Der dynamische Traumprozess nach Solms <strong>und</strong> seine<br />

Implikationen <strong>für</strong> die Psychoanalyse<br />

Im Folgenden knüpfe ich an die unter 4.3.1 bereits beschriebenen Ergebnisse von<br />

Solms <strong>und</strong> Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms an <strong>und</strong> lege ihre neurodynamische Theorie des<br />

Traumprozesses dar. Auch hierbei ergeben sich - wie beim Zustands-Wechsel-<br />

Modell - oftmals interessante Querverbindungen zur psychoanalytischen Theorie, auf<br />

die ich (in den kursiven Abschnitten) jeweils genauer eingehen werde. So wird mei-<br />

ner Ansicht nach deutlich, dass sich ein neuroanatomisch <strong>und</strong> neurophysiologisch<br />

orientiertes Modell der Traumentstehung zumindest teilweise mit den psychoanalyti-<br />

schen Annahmen <strong>Freud</strong>s verbinden lässt.<br />

Solms (1995, 1997, 1998, 2000) <strong>und</strong> Kaplan-Solms <strong>und</strong> Solms (2003) stellen anhand<br />

der Ergebnisse ihrer jahrelangen Forschungsarbeit Vermutungen über die funktionel-<br />

le Anatomie des Träumens <strong>und</strong> den dabei ablaufenden neurodynamischen Prozess<br />

an, an dem alle sechs der unter 4.3.1 erwähnten <strong>und</strong> in Abbildung 4 dargestellten<br />

Gehirnstrukturen beteiligt zu sein scheinen: der linke (A) <strong>und</strong> der rechte (B) inferiore<br />

Parietallappen, der tiefgelegene ventromesiale Frontalbereich (C), der ventromesiale<br />

81


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Temporal- <strong>und</strong> Okzipitallappen (D), sowie der frontale (E) <strong>und</strong> der temporale (F)<br />

Anteil des limbischen Systems. Aber auch wenn verschiedene am Traumprozess be-<br />

teiligte Faktoren <strong>und</strong> Areale identifiziert werden konnten, bedeutet dies nicht, dass<br />

die einzelnen Funktionen innerhalb dieser Hirnregionen lokalisiert werden können.<br />

Wie schon erwähnt <strong>und</strong> auch von <strong>Freud</strong> ausdrücklich betont, handelt es sich statt<br />

dessen um einen dynamischen Prozess, der sich zwischen den einzelnen Komponen-<br />

ten eines großen Ganzen entfaltet. Bezüglich dieser Dynamik des Traumvorganges<br />

entwickeln die Autoren folgende Vorstellung: 58<br />

Am Anfang des Traumprozesse steht ein bestimmter Reiz, der eine Aktivierungsre-<br />

aktion (Arousal) zur Folge hat. Diese gesteigerte cerebrale Aktivierung des Gehirns<br />

kann verschiedene Auslöser haben - der wohl bekannteste ist der im 90-minütigen<br />

Rhythmus auftretende, durch spezifische physiologische Hirnstamm-Mechanismen<br />

(G) ausgelöste REM-Zustand (siehe Kapitel 4.2.1), während dem das Gehirn hoch<br />

aktiv ist. Darüber hinaus scheinen Traumberichte aber auch mit bestimmten Non-<br />

REM-Phasen zu korrelieren, z.B. mit dem absteigenden Stadium 1 (Einschlafphase)<br />

<strong>und</strong> der frühen Morgenphase. Auch bei diesen Phasen, die den Übergang zwischen<br />

Wachen <strong>und</strong> Schlafen markieren, handelt es sich um Phasen gesteigerter Aktivie-<br />

rung. Ein weiterer Zustand, in dem es vermehrt zu Traumberichten kommt, ist die<br />

unter 4.3.1 beschriebene cerebrale Krampfaktivität in temporal-limbischen Arealen<br />

(F). Da es sich hierbei jedoch um eine Art pathologische Form gesteigerter Hirn-<br />

Aktivierung während des Schlafes handelt, führt dies vor allem zu Angst- <strong>und</strong> Alp-<br />

träumen (Solms, 1998). Auch die Beobachtung, dass stimulierende Medikamente,<br />

inklusive cholinerger <strong>und</strong> dopaminerger Wirkstoffe, Träume künstlich anregen kön-<br />

nen, deutet nach Ansicht der Autoren darauf hin, dass ein gewisser Aktivierungszu-<br />

stand des Gehirns Voraussetzung <strong>für</strong> die Initiierung des Traumprozesses ist (Solms,<br />

2000). 59 Hierbei wird deutlich, dass der REM-Schlaf lediglich einen von vielen mög-<br />

lichen Arousal-Zuständen darstellt, die den Traumprozess auszulösen fähig sind.<br />

Theoretisch kann „jegliche Stimulation des schlafenden Gehirns einen möglichen<br />

58 Solms (1997) betont ausdrücklich, dass es sich hierbei lediglich um ein spekulatives Modell handelt,<br />

welches versucht, die Ergebnisse klinisch-anatomischer Studien mit bereits vorhandenem Wissen<br />

zu integrieren.<br />

59 Dabei ist es von besonderem Interesse, dass dopaminerge Wirkstoffe zwar Einfluss auf Intensität,<br />

Dauer <strong>und</strong> Frequenz des Träumens haben, der REM-Schlaf davon jedoch gänzlich unbeeinflusst bleibt<br />

(Hartmann et al., 1980; vgl. Solms, 2000). Dies spricht <strong>für</strong> die unter 4.2.4 bereits aufgestellt Hypothese,<br />

das REM-Schlaf durch einen cholinergen <strong>und</strong> Träumen durch einen dopaminergen Mechanismus<br />

kontrolliert werden.<br />

82


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Auslöser <strong>für</strong> den Traumprozess darstellen“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.54;<br />

Hervorhebung v. Verf.).<br />

Die bloße Aktivierung des Gehirns reicht jedoch nicht aus, um den Traumprozess in<br />

Gang zu setzen. Erst wenn der auslösende Reiz bzw. das Erregungsniveau intensiv<br />

genug ist, das unter 4.2.4 <strong>und</strong> 4.3.1 beschriebene dopaminerge Motivationssystem<br />

innerhalb der tiefergelegenen ventromesialen Frontallappen (C) zu aktivieren, sind<br />

die Voraussetzungen zur Bildung eines Traumes gegeben. 60<br />

Dass dieser Bereich eine so wesentliche Rolle zu spielen scheint, ist interessant. Aber<br />

worum genau handelt es sich bei diesem Faserzug innerhalb der Frontallappen? Die<br />

Funktion dieser Region scheint vor allem eine motivationale zu sein (siehe Kapitel<br />

4.3.1). Panksepp vermutet, dass dieses System „zielgerichtete Verhaltensweisen <strong>und</strong><br />

Appetenzinteraktionen eines Organismus mit der Umwelt“ (Panksepp, 1985, zitiert<br />

nach Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.57) auslöst. Das bedeutet, dass der Mensch<br />

über diese dopaminerge Bahn dazu motiviert wird, äußere Objekte zur Befriedigung<br />

seiner inneren Bedürfnisse aufzuspüren <strong>und</strong> mit ihnen zu interagieren. 61 Eine ähnli-<br />

che Tendenz findet sich auch in der <strong>Freud</strong>schen Traumtheorie wieder. So ist er der<br />

Ansicht, dass diese unbewusste Suche nach einem Objekt zur Erregungsabfuhr eine<br />

primäre Triebkraft der Träume darstellt. Schäden innerhalb dieser Bahn führen ne-<br />

ben einem totalen Ausfall der Traumaktivität außerdem zu Störungen, die durch<br />

vermindertes Interesse, Initiative, Imagination <strong>und</strong> eine verminderte Fähigkeit zur<br />

Vorausplanung gekennzeichnet sind (Panksepp, 1985; vgl. Solms, 2000; siehe<br />

Kapitel 4.3.1). Der Zusammenhang zwischen der Beschädigung dieser Bahn, einer<br />

Unterbrechung der Traumaktivität sowie der gleichzeitigen Verringerung eigenmoti-<br />

vierter Verhaltensweisen ist hoch interessant, da er darauf hindeutet, dass Träume<br />

tatsächlich „motivierte Phänomene <strong>und</strong> ihre Triebkraft Wünsche sind“ (Solms,<br />

1999a, S.111). Anrecht darauf verschafft die Tatsache, dass der cholinerge Mecha-<br />

60 Um es in aller Deutlichkeit zu sagen, scheint der spezifische (cholinerge / aminerge) Hirnstamm-<br />

Mechanismus, der den REM-Schlaf generiert, weder notwendig, noch ausreichend zu sein, um den<br />

Traumprozess zu initiieren. Im Übrigen erinnert diese Beobachtung stark an <strong>Freud</strong>s Analogie, der<br />

zufolge ein Traum erst dann entsteht, wenn sich der traumauslösende Reiz (der Unternehmer) mit<br />

einem unbewussten Wunsch (dem Kapitalisten) verbindet, um mit seiner Hilfe einen Traum auszulösen<br />

(<strong>Freud</strong>, 1900).<br />

61 Die Positiv-Symptomatik der Schizophrenie (die z.T. künstlich durch die Gabe von z.B. L-Dopa<br />

induziert werden kann) wird mit einer Überaktivität dieses Systems in Verbindung gebracht<br />

(Panksepp, 1998). Darüber hinaus wird es als primäre Wirkungsstätte antipsychotischer Medikation<br />

betrachtet.<br />

83


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

nismus, der die REM-Schlafphasen hervorruft, zwar als „motivational neutral“<br />

(McCarley & Hobson, 1977; zitiert nach Solms, 1999a, S.112) anzusehen ist, der<br />

dopaminerge Mechanismus, der <strong>für</strong> die Traumentstehung zuständig zu sein scheint,<br />

hingegen das eben beschriebene motivationale Steuerungssystem des Gehirns dar-<br />

stellt. Diese könnte darauf hindeuten, dass die Traumaktivität eng mit unseren in-<br />

nersten Motivationen verb<strong>und</strong>en ist <strong>und</strong> <strong>Freud</strong> mit seiner Wunscherfüllungs-<br />

Theorie des Traumes wohlmöglich gar nicht so Unrecht hatte.<br />

Da diese dopaminergen Vorderhirn-Kreisläufe <strong>für</strong> den Traumprozess von unerlässli-<br />

cher Bedeutung zu sein scheinen (bei Läsionen in diesem Bereich fällt das Träumen<br />

vollständig aus), vermutet Solms (2000), dass diese Kreisläufe den finalen gemein-<br />

samen Pfad darstellen, der von unterschiedlichen Formen cerebraler Aktivierung<br />

während des Schlafes (REM <strong>und</strong> Non-REM) zum Träumen führt. Wie oben bereits<br />

erwähnt, besteht die Aufgabe dieses Motivationssystems im Wachzustand darin, eine<br />

Handlung zu initiieren, die auf ein bestimmtes Ziel oder Interesse hin ausgerichtet<br />

ist. Jeglicher erregender Stimulus würde demnach in Richtung einer efferenten Ant-<br />

wort streben, also in Richtung der motorischen Systeme. Da die motorischen Output-<br />

Kanäle (H) während des Schlafes jedoch blockiert sind, kann die normalerweise<br />

stattfindende zielorientierte Handlung nicht ausgeführt werden. Laut Solms (1995)<br />

hat die bestehende Aktivierung nun zwei Möglichkeiten: entweder sie überwindet die<br />

inhibierten motorischen Systeme <strong>und</strong> resultiert doch in einer zielgerichteten Hand-<br />

lung, was dazu führen würde, dass der Schlaf gestört wird. Oder die Erregung schlägt<br />

(wohlmöglich um den Schlaf zu schützen?) einen rückläufigen Weg ein <strong>und</strong> bewegt<br />

sich von den motorischen Zentren weg in Richtung auf die posterioren Wahrneh-<br />

mungssysteme der parieto-okzipitalen Region (A, B <strong>und</strong> D) <strong>und</strong> resultiert in einer<br />

Halluzination. 62 Das bedeutet, dass „der Träumer im Schlaf <strong>nur</strong> in seiner Vorstellung<br />

<strong>und</strong> nicht in Wirklichkeit sich gemäß seinen Motiven handelnd betätigt (Solms,<br />

1999a, S.119; Hervorhebung v. Verf.).<br />

Die Beobachtung, dass die psychische Erregung einen rückläufigen Weg nimmt, er-<br />

innert sogleich an das <strong>Freud</strong>sche Konzept der Regression. In seiner Traumtheorie<br />

geht er - wie in Kapitel 3.1.1 beschrieben - davon aus, dass der Mensch während des<br />

Schlafes regrediert. Diese Regression findet seiner Ansicht nach innerhalb des psy-<br />

62 Exakt diese Vermutung äußerte <strong>Freud</strong> bereits vor mehr als h<strong>und</strong>ert Jahren (siehe Kapitel 3.1.2).<br />

84


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

chischen Apparates statt, indem die psychische Erregung (im Gegensatz zum Wach-<br />

zustand) vom motorischen zum sensorischen Ende läuft. Damit hat er vor mehr als<br />

h<strong>und</strong>ert Jahren schon genau das vermutet, was heute anhand neurowissenschaftli-<br />

cher Untersuchungen der Wahrnehmungsverarbeitung während des Träumens bestä-<br />

tigt werden kann.<br />

Wie bereits in Kapitel 4.3.1 angedeutet, scheinen auch die Schritte innerhalb der<br />

Wahrnehmungsverarbeitung während des Schlafes im Vergleich zum normalerweise<br />

ablaufenden Verarbeitungsprozess genau umgekehrt zu sein. Während im wachen<br />

Leben die Wahrnehmungsverarbeitung von der konkreten Wahrnehmung zur ab-<br />

strakten Symbol- <strong>und</strong> Begriffsbildung läuft, werden im Schlaf zunächst die höheren<br />

Ebenen der Wahrnehmungssysteme aktiviert, die <strong>für</strong> Gedächtnis <strong>und</strong> abstraktes Den-<br />

ken zuständig sind. Im Anschluss daran kommt es zu einer Aktivierung der niederen<br />

Systeme, die „<strong>für</strong> den konkreten Bildaufbau“ (Solms, 1999a, S.118) verantwortlich<br />

sind. Für diese Theorie spricht die Beobachtung, dass es bei Schädigungen im Be-<br />

reich der PTO-Kreuzung (höchste Ebene der Wahrnehmungsverarbeitung, Region A<br />

<strong>und</strong> B) zu einem totalen Ausfall des bewussten Traumerlebens kommt (siehe Kapitel<br />

4.2.4 <strong>und</strong> 4.3.1), während sich Schädigungen der niederen Ebene des visuellen Sys-<br />

tems (z.B. im Bereich des Okzipitallappens) <strong>nur</strong> auf die Endphase des Traumentste-<br />

hungsprozesses auswirken (Kerr et al. 1978, Sacks & Wasserman, 1987; vgl. Solms,<br />

1999a). Daraus lässt sich schließen, dass bei der Traumentstehung der Beitrag der<br />

höheren Ebenen dem der niederen Ebene zuvor kommt. Da im wachen Leben die<br />

Wahrnehmung gerade bei Schädigungen der untersten Ebenen ausfällt, handelt es<br />

sich demnach auch hier um einen der Reihenfolge im Wachleben entgegengesetzten<br />

regressiven Prozess, bei dem eine Information quasi innerhalb des Systems zurück<br />

projiziert wird (Kosslyn, 1994). Das würde bedeuten, dass beim Träumen „innerlich<br />

erzeugt Bilder rückwärts in die visuellen Rindenfelder übermittelt [werden], so als<br />

kämen sie von außen“ (Zeki, 1993; zitiert nach Solms 1999a, S.116). 63<br />

Wenn nun tatsächlich „Traumbilder über einen Prozess generiert werden, der die<br />

Umkehrung der normalen Abfolge von Schritten bei der Wahrnehmungsverarbeitung<br />

darstellt, so ergibt sich daraus die Vermutung, dass im Traum abstrakte Gedanken<br />

63 Dieser regressive Charakter des Traumprozesses konnte durch umfangreiche Forschungen zur visuellen<br />

Informationsverarbeitung sowie durch Patienten mit neurologischen Erkrankungen nachgewiesen<br />

werden (Solms, 1997).<br />

85


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

<strong>und</strong> Erinnerungen in konkrete Wahrnehmungen umgesetzt werden“ (Solms, 1999a,<br />

S.114-115). Dies erinnert wiederum stark an den Gedanken, den <strong>Freud</strong> bereits vor<br />

vielen Jahren hatte, als er schrieb: „Das Gefüge der Traumgedanken wird bei der<br />

Regression in sein Rohmaterial aufgelöst“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.519). Anders formuliert<br />

ging er davon aus, dass „sich im Traum die Vorstellung in das sinnliche Bild rück-<br />

verwandelt, aus dem sie irgendeinmal hervorgegangen ist“ (ebd.). Dementsprechend<br />

hat <strong>Freud</strong> seinerzeit bereits vermutet, dass sich die Abfolge der Schritte der Wahr-<br />

nehmungsverarbeitung während des Schlafes umkehrt.<br />

Dies bedeutet also, dass sich „der Fokus des nächtlichen Erregungsprozesses auf die<br />

posterioren Systeme des Gehirns, welche die Wahrnehmungsfunktionen steuern,<br />

sowie die auf Wahrnehmung beruhenden höheren räumlichen <strong>und</strong> symbolischen<br />

Operationen“ (Solms, 1999b, S.66) verschiebt. Hiermit spielt Solms auf die wichtige<br />

Bedeutung des linken inferioren Parietallappens (A, Symbolisierung), des rechten<br />

inferioren Parietallappens (B, räumliches Denken) <strong>und</strong> der ventromesialen Bereiche<br />

des Temporal- <strong>und</strong> Okzipitallappens (D, visuelle Bilder) an.<br />

Diese Beobachtung scheint wiederum in gewissem Einklang mit der <strong>Freud</strong>schen<br />

Vorstellung einer Regression innerhalb des psychischen Apparates zu stehen. Wie<br />

in Kapitel 4.3.2 beschrieben, kann die Stoffwechselaktivität des Gehirns im Wach-<br />

<strong>und</strong> im Schlafzustand mit Hilfe bildgebender Verfahren beobachtet werden. Interes-<br />

sant ist dabei vor allem, dass der dorsolaterale Frontalhirnbereich während des ge-<br />

samten Traumprozesses vollständig inaktiv ist. Dies ist insofern erstaunlich, als ge-<br />

rade dieser Bereich im Wachzustand äußerst aktiv ist <strong>und</strong> viele wichtige exekutive<br />

Funktionen, wie z.B. Handlungsplanung, Inhibition oder Problemlösen koordiniert.<br />

Dies <strong>und</strong> die oben beschriebene Tatsache, dass sich der Fokus des nächtlichen Erre-<br />

gungsprozesses auf eher posteriore, parieto-okzipitale Areale (Wahrnehmung <strong>und</strong><br />

Gedächtnis) verlagert, scheint die Vermutung Fechners, „der Schauplatz, auf dem<br />

sich die Träume (in der Seele) abspielen, sei ein anderer als der des wachen Vorstel-<br />

lungserlebens“ (1889; zitiert nach <strong>Freud</strong>, 1916-17, S.107), zu bestätigen. Im Wach-<br />

leben befindet sich dieser ‚Schauplatz’ im Bereich der dorsolateralen Frontalhirnre-<br />

gion (Schaltstelle zwischen Denken <strong>und</strong> Handeln), beim Träumen hingegen im weiter<br />

posterior gelegenen parieto-okzipitalen Bereich (Gedächtnis- <strong>und</strong> Wahrnehmungs-<br />

systeme; Region A, B <strong>und</strong> D). Deutlich wird dies außerdem durch die oben beschrie-<br />

bene Tatsache, dass das psychische Geschehen im Wachzustand normalerweise in<br />

86


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Handeln mündet, während dies im Traum aufgr<strong>und</strong> der Blockierung sowohl der dor-<br />

solateralen Frontalhirnregion, die die Schaltstelle zu den motorischen Systemen bil-<br />

det, als auch der motorischen Outputkanäle, nicht möglich ist (Braun et al., 1997,<br />

1998). Der ‚Schauplatz’ verlagert sich also vom motorischen zum sensorischen En-<br />

de, entsprechend der <strong>Freud</strong>schen Vorstellung der Regression innerhalb des psychi-<br />

schen Apparates (siehe Kapitel 3.1.1).<br />

Da aber die reflexiven Systeme am frontalen Ende des limbischen Systems (E) wäh-<br />

rend des Schlafs inaktiv sind, nimmt der Träumer die imaginierten Traumbilder als<br />

reale Wahrnehmungen an (Solms, 1999a). 64 Die Tatsache, dass im Schlaf meist die<br />

zweite der oben genannten Möglichkeiten eintritt <strong>und</strong> der Schlaf fortgesetzt werden<br />

kann, schreibt Solms dem Einfluss des ventromesialen Frontallappenbereichs (C) zu,<br />

der vermutlich auch eine hemmende Funktion besitzt. So fungiert diese Region zu-<br />

sammen mit den frontalen limbischen Arealen (E) quasi als eine Art Kontrollmecha-<br />

nismus.<br />

Da diese Bereiche u.a. <strong>für</strong> die Affektregulation, Impulskontrolle <strong>und</strong> Realitätsprü-<br />

fung zuständig sind, könnte man vermuten, dass sie jene Aufgaben übernehmen, die<br />

<strong>Freud</strong> in seiner Traumtheorie der Zensur zuschreibt. Er ist der Ansicht, dass die<br />

Zensur das ungehinderte Durchdringen unbewusster Wünsche <strong>und</strong> verdrängter Er-<br />

innerungen zum Bewusstsein verhindert. Genau diese ‚Durchlass-Funktion’ scheinen<br />

die eben beschriebenen Regionen C <strong>und</strong> E zu besitzen, so dass Solms (2000) vermu-<br />

tet, dass sie zumindest mögliche Komponenten des <strong>Freud</strong>schen Konzepts der Zensur<br />

darstellen könnten.<br />

Solms (1995) geht demnach davon aus, dass appetitive subkortikale Impulse durch<br />

die oben beschriebenen Areale (C <strong>und</strong> E) zensiert <strong>und</strong> anschließend aus ‚Sicherheits-<br />

gründen’ in die posterioren Areale, die <strong>für</strong> Wahrnehmung <strong>und</strong> symbolische bzw.<br />

räumliche Repräsentation zuständig sind (A, B <strong>und</strong> D), zurück projiziert werden.<br />

64 Allerdings scheinen diese reflexiven Systeme während des Schlafes nicht vollständig inaktiv zu<br />

sein, denn es gibt neurologische Erkrankungen oder Schädigungen, bei denen dies der Fall ist (siehe<br />

Kapitel 4.3.1). Diese Patienten träumen während des gesamten Schlafes fast ununterbrochen <strong>und</strong> sind<br />

auch im Wachzustand nicht fähig, zwischen Gedanken <strong>und</strong> realen Wahrnehmungen zu unterscheiden.<br />

Dies deutet darauf hin, dass der psychische Prozess auch während des Schlafens nicht aussetzt <strong>und</strong><br />

„<strong>nur</strong> unter bestimmten physiologischen Bedingungen (unter denen der REM-Schlafzustand eine, aber<br />

bei weitem nicht die einzige Bedingung darstellt) die Form des Träumens annimmt“ (Solms, 1999a,<br />

S.118).<br />

87


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Schädigungen dieser hemmenden Regionen (C <strong>und</strong> E) führen dazu, dass die motori-<br />

schen Systeme während des Schlafes nicht länger inhibiert sind, Träumen unmöglich<br />

<strong>und</strong> der Schlaf gestört wird. Aber selbst bei intakter Funktion dieser Regionen kann<br />

es passieren, dass sie von einem außergewöhnlich starken Reiz (wie z.B. während<br />

nächtlicher Krampfanfälle) überwältigt werden. Dies führt zu einem massiven Auf-<br />

treten von Angst, der Träumer wacht auf <strong>und</strong> wiederum ist der Schlaf gestört (Solms,<br />

1995).<br />

Deuten diese Beobachtung darauf hin, dass <strong>Freud</strong> auch mit seiner Theorie vom<br />

Traum als Hüter des Schlafes (siehe Kapitel 3.1.2) Recht behalten könnte? Tatsäch-<br />

lich impliziert seine Annahme, dass der Traum eine Reaktion auf etwas ist, was den<br />

Schlaf stört. Und tatsächlich haben alle möglichen Mechanismen, die als Auslöser<br />

<strong>für</strong> Träume fungieren können, eines gemeinsam, nämlich dass „sie alle einen Zu-<br />

stand gesteigerter cerebraler Erregung (arousal) im Schlaf hervorrufen“ (Solms,<br />

1999a, S.112; siehe oben). Daran anknüpfend macht Fink (1977) die Beobachtung,<br />

dass die Weckschwelle während des REM-Schlafes, in dem nachweislich die meisten<br />

Träume auftreten, wesentlich höher liegt, als in den anderen Schlaf-Stadien. Außer-<br />

dem stellt er fest, „dass neurologische <strong>und</strong> psychiatrische Anfälle jeder Art niemals<br />

in den traumanfälligen REM-Phasen auftreten“ (S.281). Solms (1995, 1997) bestä-<br />

tigt diese Resultate in dem er nachweist, dass Patienten, bei denen es auf Gr<strong>und</strong> ei-<br />

ner Hirnschädigung zu einem Verlust der Traumfähigkeit gekommen ist, weitaus<br />

häufiger unter Schlafstörungen leiden, als hirngeschädigte Patienten mit intakter<br />

Traumfunktion. Diese Beobachtungen scheinen <strong>für</strong> eine mögliche Funktion des<br />

Traumes als Hüter des Schlafes zu sprechen.<br />

Zusammenfassend weist das eben beschriebene neuroanatomisch <strong>und</strong> neuropsycho-<br />

logische Modell zur Traumentstehung recht deutlich darauf hin, dass es sich - wie<br />

vor h<strong>und</strong>ert Jahren bereits von <strong>Freud</strong> vermutet - beim Träumen um einen regressiven<br />

Prozess handelt, der durch nächtliche Erregungszustände ausgelöst wird. Solch ein<br />

efferenter Aktivierungsprozess schlägt unter der hemmenden <strong>und</strong> regulierenden Kon-<br />

trolle mediobasal frontal-limbischer Mechanismen (Region C <strong>und</strong> E) einen regressi-<br />

ven Weg zu den posterioren Wahrnehmungssystemen der temporo-parieto-<br />

okzipitalen Region (A, B <strong>und</strong> D) ein. Demnach wird die Erregung nicht wie im<br />

Wachzustand auf motorischem Wege (H) abgeführt, sondern resultiert in einem hal-<br />

luzinatorischen Erlebnis.<br />

88


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Anhand dieser hypothetischen Abfolge des Traumprozesses wird deutlich, dass es<br />

zwischen der neurowissenschaftlichen <strong>und</strong> der psychoanalytischen Vorstellung von<br />

Traumfunktion <strong>und</strong> Traumentstehung eine Reihe Parallelen gibt <strong>und</strong> eine Verknüp-<br />

fung der Ansätze sehr fruchtbar sein kann. Da sich nicht <strong>nur</strong> bezüglich des Traum-<br />

prozesses, sondern auch hinsichtlich der von <strong>Freud</strong> oftmals betonten Beziehung von<br />

Traum <strong>und</strong> Psychosen interessante Ähnlichkeiten nachweisen lassen, möchte ich<br />

darauf im Folgenden kurz eingehen.<br />

5.4. Der Traum <strong>und</strong> die Psychosen<br />

Schon lange vor <strong>Freud</strong> haben sich die Menschen mit der Beziehung zwischen Traum<br />

<strong>und</strong> Geistesstörungen befasst. Kant sagt bereits 1764: „ Der Verrückte ist also ein<br />

Träumer im Wachen.“ (S.265) <strong>und</strong> Krauß (1859): „Der Wahnsinn ist ein Traum in-<br />

nerhalb des Sinneswachseins.“ (zitiert nach <strong>Freud</strong>, 1900, S.111). Auch W<strong>und</strong>t (1906)<br />

findet Gemeinsamkeiten des Traumes mit den „schwersten Formen geistiger Zerrüt-<br />

tung“ (S.358) <strong>und</strong> bezeichnet den Traum als „Zustand normalen transitorischen Irre-<br />

seins“ (S.355). Hier wird bereits die Parallele deutlich, die offensichtlich zwischen<br />

Träumen <strong>und</strong> Geisteskrankheiten bzw. Psychosen besteht. <strong>Freud</strong>s Ansicht zufolge<br />

müsste demnach das sorgfältige Studium der Träume hilfreiche Informationen über<br />

die Psychosen ergeben <strong>und</strong> so geht er davon aus, „dass wir an der Aufklärung der<br />

Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Geheimnis des Traumes aufzuhel-<br />

len“ (<strong>Freud</strong>, 1900, S.113).<br />

Beide Phänomene sind durch recht ähnliche Zustände charakterisiert, wie z.B. ver-<br />

minderte Fähigkeit zur Realitätsprüfung, veränderte Wahrnehmungen, lose Verbin-<br />

dung der Vorstellungen <strong>und</strong> Gedanken allein nach den Gesetzen der Assoziation,<br />

Fehlen jeglichen Zeitgefühls etc. In beiden Fällen scheint es sich um den Durchbruch<br />

unbewusster Regungen <strong>und</strong> Phantasien zu handeln. Der gemeinsame Mechanismus<br />

ist demnach vermutlich, wie Griesinger 1861 (vgl. <strong>Freud</strong>, 1900) bereits vermutet <strong>und</strong><br />

<strong>Freud</strong> später wieder aufgreift, die Wunscherfüllung. Während sich in unseren Träu-<br />

men verdrängte unbewusste Wünsche einen Weg ins Bewusstsein bahnen (was, wie<br />

in Kapitel 3.1.1 beschrieben, <strong>nur</strong> nach Entstellung durch die Zensur möglich ist),<br />

scheinen bei psychotischen Patienten diese Wünsche auch im Wachzustand durch zu<br />

brechen. Dies liegt vermutlich an einer Schwächung eben dieser Kontrollinstanz, so<br />

dass es im Fall der Psychose nicht <strong>nur</strong> im Schlaf, sondern auch im Wachleben zur<br />

89


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

halluzinatorischen Befriedigung der unbewussten Wünsche kommt. Das bedeutet,<br />

dass wir im Schlaf eine Art „harmlose Traumpsychose“ (<strong>Freud</strong>, 1933, S.459) durch-<br />

machen, die mit dem Aufwachen wieder verschwindet, während die Psychose die<br />

pathologische Form dieses Phänomens darstellt. Dies vermuten auch schon Scho-<br />

penhauer (1862; vgl. <strong>Freud</strong>, 1900), der den Traum einen kurzen Wahnsinn <strong>und</strong> den<br />

Wahnsinn einen langen Traum nennt <strong>und</strong> Radestock (1879; vgl. <strong>Freud</strong>, 1900), der<br />

den Wahnsinn als krankhafte <strong>und</strong> übersteigerte Version des normalen Traumzustan-<br />

des betrachtet.<br />

Dass zwischen dem Traum <strong>und</strong> den Psychosen gewisse Gemeinsamkeiten bestehen,<br />

wird nun auch von neurowissenschaftlicher Seite belegt. So spricht selbst Hobson<br />

vom Traum als „nächtliche[m] Verrücktsein“ (1990, S.174) <strong>und</strong> ist - wie <strong>Freud</strong> - der<br />

Ansicht, dass ein Verständnis des Traumprozesses zum besseren Verständnis der<br />

Psychosen beitragen kann. Aber worin genau äußern sich diese Gemeinsamkeiten<br />

von Traum <strong>und</strong> Psychose in neurowissenschaftlicher Hinsicht?<br />

Im Wachzustand wird der Kortex, der <strong>für</strong> die Regulierung unserer mentalen Aktivitä-<br />

ten zuständig ist, durch aufsteigende Impulse aus dem Hirnstamm aktiviert (Moruzzi<br />

& Magoun, 1949; vgl. Gottesmann, 2000). Parallel zu dieser Aktivierung üben die<br />

aminergen Neurone (Dopamin, Noradrenalin, Serotonin, Histamin) einen eher hem-<br />

menden Einfluss aus. Durch das Zusammenwirken dieser beiden Einflüsse (Erregung<br />

<strong>und</strong> Hemmung) wird unser logisches <strong>und</strong> rationales Denken im Wachzustand mög-<br />

lich: während die aktivierenden Impulse die Funktionsfähigkeit des Kortex garantie-<br />

ren, sorgen die hemmenden Impulse da<strong>für</strong>, diese Aktivierung zu kontrollieren <strong>und</strong> so<br />

eine ‚normale’ mentale Arbeitsweise zu ermöglichen. Im Tiefschlaf kommt es zu<br />

einem Abfall beider Einflüsse, was dazu führt, dass die mentale Aktivität eher ge-<br />

dankenartig wird. Während des REM-Schlafes jedoch, einer Phase in der weitaus<br />

häufiger Träume berichtet werden, ist der Kortex weiterhin aktiviert (ähnlich dem<br />

Wachzustand), gleichzeitig aber auch weitestgehend disinhibiert, da die hemmenden<br />

aminergen Neurone, mit Ausnahme der dopaminergen, ihr Feuern in diesem Stadium<br />

einstellen (siehe Kapitel 4.2.2). Die Gemeinsamkeit von REM-Schlaf <strong>und</strong> Wachzu-<br />

stand scheint demnach in der kortikalen Aktivierung zu bestehen. Der Unterschied<br />

zwischen diesen beiden Zuständen wiederum äußert sich darin, dass im Wachzustand<br />

eine gleichzeitige Hemmung durch die aminergen Neurone statt findet. Während des<br />

REM-Schlafes hingegen ist der Kortex auf Gr<strong>und</strong> einer Abnahme des inhibitorischen<br />

90


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Einflusses gleichzeitig aktiviert <strong>und</strong> enthemmt. Diese Disinhibition bzw. die vermin-<br />

derte Kontrolle der kortikalen Erregung (hervorgerufen durch Abnahme der Aus-<br />

schüttung der aminergen Neurone, mit Ausnahme von Dopamin), könnte die Bi-<br />

zarrheit der mentalen Inhalte dieser Stufe erklären. 65 Genau diese Bizarrheit, ebenso<br />

wie das Auftreten sensomotorischer Halluzinationen, verminderten selbst-<br />

reflektiertem Bewusstseins, instinktiven Verhaltens etc. (Hobson et al., 1998; vgl.<br />

Gottesmann, 2000) ist sowohl den mentalen Prozessen während des Träumens als<br />

auch während der Psychose gemeinsam. Somit scheint also vor allem die andauernde<br />

Ausschüttung von Dopamin in Zusammenhang mit dem Sistieren der Abgabe der<br />

weiteren aminergen Neurone während des REM-Schlafes <strong>für</strong> die Psychose-ähnliche<br />

mentale Aktivität während des Träumens verantwortlich zu sein. Diese Hypothese<br />

wird außerdem dadurch bestätigt, dass übermäßige Ausschüttung von Dopamin zu<br />

psychotischen Störungen führt (Buffenstein et al., 1999; vgl. Gottesmann, 2000). Im<br />

Gegensatz dazu führte die in den 50er <strong>und</strong> 60er Jahren durchgeführte präfrontale<br />

Leukotomie (neurochirurgische Durchtrennung der unter 4.2.4 <strong>und</strong> 4.3.1 beschriebe-<br />

nen dopaminergen Bahn) bei der Behandlung psychotischer Störungen zu einer deut-<br />

lichen Abnahme der psychotischen Symptome (Gottesmann, 1999, Solms, 1999a).<br />

5.5. Kritik an der Neuro-Psychoanalyse<br />

Auch wenn sich heute weltweit immer mehr Forscher aus den verschiedensten Dis-<br />

ziplinen zusammen tun, um den Versuch zu unternehmen, die Neurowissenschaften<br />

mit der Psychoanalyse zu vereinen, gibt es selbstverständlich auch heftige Gegner<br />

dieser Strömung. Kritik bleibt nie aus - vor allem nicht, wenn es sich um so ein teil-<br />

weise recht spekulatives Unterfangen handelt, wie das Bemühen, die <strong>Freud</strong>sche The-<br />

orie auf ein neurophysiologisches F<strong>und</strong>ament zu stellen.<br />

Einer der erbittersten Gegner, sowohl der <strong>Freud</strong>schen Theorien als auch der Solm-<br />

schen Interpretationen neurowissenschaftlicher Daten im Hinblick auf die psycho-<br />

analytischen Traumhypothesen ist Allan Hobson. Anstelle jeglicher innerpsychischer<br />

65 Gottesmann (2000) erinnert in diesem Zusammenhang an <strong>Freud</strong>s Theorie vom manifesten Trauminhalt<br />

als verschlüsselte Botschaft der latenten Traumgedanken (siehe Kapitel 3.1.3). So weist <strong>Freud</strong><br />

bereits damals auf den meist unlogischen <strong>und</strong> irrationalen Charakter des manifesten Trauminhaltes<br />

hin. Nach Ansicht von Gottesmann <strong>und</strong> Stickgold et al. (2001) könnte dies sowohl auf die Deaktivierung<br />

des dorsolateralen präfrontalen Kortes (siehe Kapitel 4.3.2) als auch auf die oben beschriebene<br />

Abnahme der Ausschüttung aminerger Neurotransmitter zurück geführt werden.<br />

91


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Prozesse, unbewusster Triebregungen <strong>und</strong> unterdrückter Wünsche setzt er sein rein<br />

neurowissenschaftliches Aktivierungs-/Synthese-Modell (siehe Kapitel 4.2.2) <strong>und</strong><br />

negiert damit jegliche tiefere Bedeutung unserer Träume. Zwar räumt er in einer<br />

neueren Version seines Modells die Möglichkeit ein, dass neben dem Hirnstamm<br />

auch andere Bereiche (wie z.B. limbische <strong>und</strong> paralimbische Areale, sowie basale<br />

Vorderhirnstrukturen) am Traumprozess beteiligt sein könnten, trotzdem geht er von<br />

einem biologischen Determinismus jeglicher psychischer Prozesse aus (Gilmore &<br />

Neressian, 2000). Seit jeher plädiert er <strong>für</strong> eine Modifizierung der psychoanalyti-<br />

schen Traumtheorie im Hinblick auf die aktuellen neurowissenschaftlichen Ergebnis-<br />

se (Hobson, 1992). 66 In Abbildung 5 stellt er dem psychoanalytischen Modell seine<br />

Aktivierungs-/Synthese-Hypothese gegenüber.<br />

Hobson wirft der Psychoanalyse vor, in ihrer Traumtheorie keinerlei Bezug zu hirn-<br />

Psychoanalytical Dream Theory<br />

Activation-Synthesis Hypothesis<br />

Abbildung 5: Die Traumentstehung aus Sicht der Psychoanalyse<br />

<strong>und</strong> aus Sicht des Aktivierungs-/Synthese-<br />

Modells nach Hobson (aus: Hobson, 1992, S.464)<br />

physiologischen Prozessen aufzu-<br />

weisen. Der Traumbericht wird als<br />

symbolisch enkodierte Transfor-<br />

mation des tatsächlichen Traum-<br />

reizes angesehen, der einer Deu-<br />

tung bedarf, um den dahinter ste-<br />

henden latenten Trauminhalt auf-<br />

zudecken. Im Aktivierungs-/Syn-<br />

these-Modell hingegen wird der<br />

Traum als transparentes <strong>und</strong><br />

durchschaubares Produkt einer un-<br />

gewöhnlichen Art <strong>und</strong> Weise der<br />

Informationsverarbeitung angese-<br />

hen; eine Unterscheidung von la-<br />

tentem <strong>und</strong> manifestem Traumin-<br />

halt gibt es nicht. Hobson kritisiert<br />

die seiner Meinung nach irrige<br />

Annahme der psychoanalytischen<br />

66 Dieser Vorschlag, die eigenen Theorien in Hinblick auf die aktuellen Ergebnisse des interdisziplinären<br />

Dialoges zu modifizieren, kann meiner Ansicht nach postwendend an Hobson selbst gerichtet<br />

werden.<br />

92


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

Traumtheorie, der zufolge es dem Nervensystem an eigener Energie fehlt, so dass es<br />

die Energie zur Initiierung des Traumprozesses aus zwei non-neuronalen Quellen<br />

bezieht: der äußeren Welt <strong>und</strong> der inneren Triebe. Heute wisse man aber, dass das<br />

Gehirn seine eigene Energie generiere <strong>und</strong> weder von der äußeren Welt noch von<br />

somatischen Trieben abhängig sei. Dementsprechend ist die Energie, die das Gehirn<br />

während des REM-Schlafes aktiviert, neuronal (Hobson, 1992). Während <strong>Freud</strong> da-<br />

von ausgeht, dass unbewusste Wünsche <strong>und</strong> Tagesreste die treibendenden Kräfte der<br />

Trauminitiierung sind, stellen diese beiden Faktoren <strong>für</strong> das Aktivierungs-/Synthese-<br />

Modell lediglich zwei von vielen möglichen formenden Kräften innerhalb des syn-<br />

thetischen Prozesses dar. Im Gegensatz zur Psychoanalyse kann also ein verdrängter<br />

Konflikt gemäß des Aktivierungs-/Synthese-Modells in die Traumhandlung mit ein-<br />

gehen, stellt aber gleichzeitig <strong>nur</strong> einen von vielen möglichen Faktoren dar <strong>und</strong> ist<br />

allein weder ausreichend noch notwendig, um den Traumprozess einzuleiten. Dem-<br />

nach ist die Bedeutung der Träume leicht zu erkennen <strong>und</strong> kann ohne Dekodierung<br />

erschlossen werden.<br />

Seine drastische Ansicht fasst Hobson in folgendem wohlgemeinten Rat zusammen:<br />

„What I mean is that if you want to <strong>und</strong>erstand your dreams, the last person you<br />

would want to consult is Sigm<strong>und</strong> <strong>Freud</strong> or one of his psychoanalytic protégés!”<br />

(Hobson, 2000, S.951). Diesen Hinweis, sich zur Interpretation seiner Träume tun-<br />

lichst von <strong>Freud</strong> <strong>und</strong> seinen Anhängern fernzuhalten, beruht auf Hobson’s unerschüt-<br />

terlicher Überzeugung, dass unbewusste Wünsche keinerlei wesentliche Rolle bei der<br />

Auslösung von Träumen spielen, dass unsere Emotionen keinesfalls verschlüsselt<br />

oder zensiert in den Trauminhalt eingehen, dass der Schlaf nicht vom Traum bewacht<br />

wird <strong>und</strong> dass die Trauminterpretation mittels freier Assoziation jeglicher wissen-<br />

schaftlicher Gr<strong>und</strong>lage entbehrt. Statt anhand der Forschungsergebnisse von Solms<br />

seine eigene Hypothese von Aktivierung <strong>und</strong> Synthese kritisch zu hinterfragen, will<br />

er sie lediglich benutzen, um sein Modell dahingehend zu modifizieren, die angebli-<br />

che Schwäche der <strong>Freud</strong>schen Theorie <strong>nur</strong> noch offensichtlicher darzulegen (Hob-<br />

son, 2000).<br />

Es erscheint mir fast unvorstellbar, dass Hobson eines der subjektivsten, bedeutends-<br />

ten <strong>und</strong> vielfältigsten Phänomene - das Träumen - auf derart simple <strong>und</strong> nüchterne<br />

Annahmen reduzieren will: Träume werden durch automatische Hirnaktivierung im<br />

Schlaf hervorgerufen, Träume sind bizarr, weil sich dieser Aktivierungs-Prozess in<br />

93


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

wesentlichen Punkten von dem im Wachleben unterscheidet, Träume sind hyperemo-<br />

tional, weil das emotionale Gehirn während des Schlafes selektiv aktiviert ist, <strong>und</strong><br />

Träume werden vergessen, weil das Gedächtnissystem auf Gr<strong>und</strong> eines zeitweiligen<br />

Mangels aminerger Neurotransmitter <strong>für</strong> neue Erinnerungen während des Schlafes<br />

inaktiv ist - kurz: jeglicher Eindruck psychischer Aktivität bzw. Relevanz während<br />

unserer Träume ist durch biologische Mechanismen determiniert, oder wie Hobson<br />

(1990) selbst es ausdrückt: „Träumen [ist] in all seinen formalen Aspekten durch die<br />

menschliche Physiologie bestimmt (...): Die visuellen Wahrnehmungen, die<br />

Fremdartigkeit, das unlogische Denken, der Gedächtnisausfall, die Gefühle <strong>und</strong> die<br />

fehlende Einsicht - sie alle werden durch den physiologischen Zustand des Gehirns<br />

im REM-Schlaf bestimmt.“ (S.151)<br />

An dieser Stelle üben Gilmore <strong>und</strong> Nersessian (2000) berechtigte Kritik, indem sie<br />

auf die Einseitigkeit von Hobson’s Modell hinweisen. Es handele sich dabei um eine<br />

Einbahnstrasse, die lediglich vom Gehirn zur Psyche, aber nicht zurück führe. Dieser<br />

‚biologische Reduktionismus’ führt zu der Annahme, dass jedes psychisches Phäno-<br />

men durch spezifische Gehirnfunktionen determiniert ist, während psychische Ereig-<br />

nisse jedoch nicht bestimmte Hirnfunktionen determinierten können. Gilmore <strong>und</strong><br />

Neressian erinnern an die Beobachtung, dass psychische Zustände neurophysiologi-<br />

sche Veränderungen im Gehirn hervorrufen können (Gabbard, 1998; vgl. Gilmore &<br />

Neressian, 2000), so dass die Annahme einer ausschließlich einseitigen Verlaufswei-<br />

se nicht zutreffen kann.<br />

Leuschner et al. (1998) kritisieren die Solmsche Vorgehensweise von einer anderen<br />

Seite her. Sie weisen darauf hin, dass Läsionsdaten nicht dazu geeignet sind, „unmit-<br />

telbar auf normale Teilfunktionen des psychischen Apparates zu schließen, wie<br />

Solms das speziell im Falle der Traumbildung versucht“ (S.828). Jedoch übersehen<br />

die Autoren meiner Meinung nach, dass Solms genau dies zu vermeiden sucht indem<br />

er betont, dass die identifizierten, am Traumprozess beteiligten Faktoren nicht mit<br />

den jeweiligen Funktionen der entsprechenden Strukturen gleichzusetzen sind. Dar-<br />

über hinaus weist er stets auf den spekulativen Charakter seiner Hypothesen hin, ist<br />

sich „der Lücken <strong>und</strong> der Inkonsitenzen“ (Kaplan-Solms & Solms, 2003, S.226)<br />

durchaus bewusst <strong>und</strong> weist ausdrücklich darauf hin, „dass all diese Schlussfolge-<br />

rungen mit Vorsicht zu genießen sind“ (S.224). Trotzdem stellen seine Untersuchun-<br />

gen <strong>und</strong> Interpretationen meiner Meinung nach einen der bemerkenswertesten Ver-<br />

94


5. Psychoanalyse <strong>und</strong> Neurowissenschaften -Zusammenführung der beiden Ansätze<br />

suche dar, die Neurowissenschaften mit der Psychoanalyse zu verbinden <strong>und</strong> Hin-<br />

weise auf die neurologische Organisation bestimmter psychologischer Funktionen zu<br />

erlangen. Da es sich hier um ein sehr großes <strong>und</strong> ehrgeiziges Projekt handelt, wel-<br />

ches sich quasi noch in den Kinderschuhen befindet, gibt es natürlich auch Schwach-<br />

stellen, Lücken <strong>und</strong> Kritikpunkte, aber <strong>nur</strong> so kann ein Projekt wie dieses wachsen<br />

<strong>und</strong> sich weiter entwickeln.<br />

95


6. Zusammenfassung <strong>und</strong> Ausblick<br />

6. Zusammenfassung <strong>und</strong> Ausblick<br />

6.1. Zusammenfassung<br />

Ziel der vorliegenden Arbeit ist, der Frage nach der Funktion <strong>und</strong> der Entstehung von<br />

Träumen aus psychoanalytischer <strong>und</strong> neurowissenschaftlicher Sicht nachzugehen<br />

<strong>und</strong> dabei aufzuzeigen, inwieweit ein interdisziplinärer Dialog <strong>für</strong> beide Seiten ge-<br />

winnbringend sein kann.<br />

Zu diesem Zweck habe ich zunächst Ausschnitte der wegweisenden Traumtheorie<br />

<strong>Freud</strong>s dargestellt (siehe Kapitel 3.1). Er erkennt den Traum als „vollwichtigen psy-<br />

chischen Akt“ (1900, S.51) an <strong>und</strong> beschreibt, wie die latenten Traumgedanken mit<br />

Hilfe der Mechanismen der Traumarbeit in die Bilderschrift des manifesten Traumes<br />

übersetzt werden. Triebfeder eines jeden Traumes ist seiner Ansicht nach stets ein<br />

unbewusster infantiler Wunsch, der sich mit sogenannten Tagesresten verbindet <strong>und</strong><br />

von der Zensur entstellt im Traum erscheint. Demnach ist eine wichtige Funktion des<br />

Träumens laut <strong>Freud</strong> die Erfüllung verdrängter Triebwünsche. Eine weitere Funktion<br />

besteht seiner Ansicht nach darin, den Schlaf zu schützen, das Emporsteigen unbe-<br />

wusster Triebregungen, Wünsche <strong>und</strong> Ängste zu verhindern <strong>und</strong> so die Fortsetzung<br />

des Schlafes zu gewährleisten. Wie im weiteren Verlauf des 3.Kapitels ersichtlich<br />

wird, gehen andere Vertreter der psychoanalytischen Denkweise nach <strong>Freud</strong> von<br />

weiteren möglichen Funktionen des Traumes aus. So sehen sie den Traum z.B. als<br />

Kompensation (Jung, 1945; Schultz-Hencke, 1949; Siebenthal, 1953), schreiben ihm<br />

prospektive <strong>und</strong> konfliktlösende Eigenschaften zu (Adler, 1936; Eckes-Lapp, 1980),<br />

sehen in ihm ein Ausdrucksmittel der innerpsychischen Verfassung (Adler, 1936;<br />

Jung, 1945; Mancia, 2002), ein Kommunikationsmittel (Beese, 1983; Jung, 1945)<br />

oder stellen eine integrative Theorie zur Traumfunktion auf (Breger, 1977; Fosshage,<br />

1983; Kemper, 1955; Palombo, 1984).<br />

Mit der Entdeckung des REM-Schlafes Mitte der 50er Jahre <strong>und</strong> der Beobachtung,<br />

dass Träume vor allem nach Weckungen in diesen Phasen berichtet werden, kommt<br />

es zu einer großen Wende innerhalb der Schlaf- <strong>und</strong> Traumforschung. Von nun an<br />

werden Träume lediglich als Epiphänomen des REM-Schlafes angesehen <strong>und</strong> allein<br />

die physiologischen Hirnstamm-Mechanismen, die <strong>für</strong> die Generierung des REM-<br />

Schlafes ausschlaggebend sind, als Traumauslöser anerkannt (Hobson & McCarley,<br />

96


6. Zusammenfassung <strong>und</strong> Ausblick<br />

1977; vgl. Hobson, 1992). Somit verliert der Traum jegliche psychische Bedeutung<br />

(siehe Kapitel 4.2). Im Laufe der Jahre wird aufgr<strong>und</strong> der Beobachtung, dass Träume<br />

nicht <strong>nur</strong> in REM-Phasen vorkommen, die Behauptung eines Isomorphismus zwi-<br />

schen REM-Schlaf <strong>und</strong> Träumen in Frage gestellt <strong>und</strong> vermutet, dass Träume von<br />

anderen Hirnmechanismen kontrolliert werden. So gelingt es Solms (1995, 1997) mit<br />

Hilfe einer modifizierten Variante der klinisch-anatomischen Korrelation insgesamt<br />

6 Gehirnregionen <strong>und</strong> ihren jeweiligen Beitrag am Traumprozess zu identifizieren.<br />

Dabei handelt es sich um Ergebnisse, die inzwischen auch mit Hilfe bildgebender<br />

Verfahren bestätigt werden konnten (Braun et al., 1997; Hofle et al., 1997; Maquet et<br />

al., 1997; siehe Kapitel 4.3). Diese Untersuchungen <strong>und</strong> die damit verb<strong>und</strong>enen Re-<br />

sultate lassen - im Gegensatz zu früheren neurowissenschaftlichen Traumtheorien -<br />

wieder neue Hypothesen über die Funktion des Träumens zu <strong>und</strong> erlauben z.T. inte-<br />

ressante Querverweise zur psychoanalytischen Theorie.<br />

Wie im 5.Kapitel dargestellt, ist der Versuch einer Verknüpfung der „methodologi-<br />

schen Herangehensweise der Psychoanalyse, die dem Traum einen Sinn verleiht“<br />

(Giampieri-Deutsch, 2002, S.27) mit „der Methodologie der Neurowissenschaften,<br />

die die an der Produktion, Organisation <strong>und</strong> Narration des Traumes beteiligten Struk-<br />

turen untersucht“ (ebd.) sogar sehr fruchtbar. So bieten sowohl das neuro-psycho-<br />

physiologisches Modell der Traumentstehung nach Koukkou <strong>und</strong> Lehmann (1983;<br />

Kapitel 5.2) als auch dass neuroanatomisch <strong>und</strong> neuropsychologisch orientierte Mo-<br />

dell der Traumentstehung nach Solms (1995, 1997; Kapitel 5.3) interessante Mög-<br />

lichkeiten einer möglichen Zusammenführung neurowissenschaftlicher <strong>und</strong> psycho-<br />

analytischer Theorien. Beispielsweise lassen sich bezüglich der <strong>Freud</strong>schen Theorien<br />

vom Traum als Wunscherfüllung <strong>und</strong> als Hüter des Schlafes von neurophysiologi-<br />

scher <strong>und</strong> neuroanatomischer Seite Anzeichen da<strong>für</strong> nachweisen, dass <strong>Freud</strong> mit die-<br />

sen Annahmen zumindest nicht völlig falsch lag. Ebenso finden sich einige Theorien<br />

psychoanalytischer Traumforscher (z.B. der Traum als Prospektion bzw. als Lö-<br />

sungsversuch <strong>für</strong> Konflikte, die organisierende, regulierende <strong>und</strong> adaptive Funktion<br />

des Traumes, die Verknüpfung von neuem <strong>und</strong> alten Gedächtnismaterial etc.) inner-<br />

halb der neurowissenschaftlich orientierten Hypothesen in ähnlicher Weise wieder.<br />

Zwar rechtfertigen diese Ergebnisse in keiner Weise Aussprüche wie „<strong>Freud</strong> hatte<br />

Recht!“, aber immerhin erlauben sie Feststellungen wie „Vielleicht hatten wir damals<br />

Unrecht, als wir nach den ersten Ergebnissen der neurowissenschaftlichen Schlaf-<br />

97


6. Zusammenfassung <strong>und</strong> Ausblick<br />

<strong>und</strong> Traumforschung allzu schnell riefen: ‚<strong>Freud</strong> ist widerlegt!’“. Mit anderen Wor-<br />

ten: statt zu behaupten „<strong>Freud</strong> hatte Recht!“ trifft es vielleicht eher die Formulierung<br />

„<strong>Freud</strong> ist nicht widerlegt!“.<br />

Trotzdem kann die Frage nach der Funktion von Träumen nach ausgiebiger Litera-<br />

turrecherche weder aus Sicht der Psychoanalyse noch vom neurowissenschaftlichen<br />

Standpunkt aus erschöpfend beantwortet werden. Auf beiden Seiten gibt es nach wie<br />

vor zahlreiche Theorien, von denen keine eine allumfassende, allgemeingültige Lö-<br />

sung zu bieten scheint. Meiner Ansicht nach bringt uns an dieser Stelle <strong>nur</strong> der inter-<br />

disziplinäre Dialog weiter. Dort wo sich Überschneidungen ergeben, wo Ähnlichkei-<br />

ten zwischen den psychoanalytischen <strong>und</strong> den neurowissenschaftlichen Vermutungen<br />

auftauchen <strong>und</strong> sich die Hypothesen ergänzen, kann eventuell der Schlüssel zu einer<br />

umfassenderen Antwort liegen. Das Rätsel unserer Träume ist demnach immer noch<br />

nicht vollständig gelöst. Trotzdem lässt sich zusammenfassend festhalten, dass vor<br />

allem die neueren neurowissenschaftlichen Beiträge zum Thema Träume z.T. durch-<br />

aus mit der <strong>Freud</strong>schen Auffassung vereinbar sind. Abschließen möchte ich mit fol-<br />

genden Worten:<br />

Insgesamt scheinen die Übereinstimmungen zwischen der Psychoanalyse<br />

<strong>Freud</strong>s <strong>und</strong> den neueren Erkenntnissen der Hirnforschung (...) zumindest soweit<br />

zu gehen, dass sich ein intensives Gespräch zwischen den beiden ‚Lagern’<br />

lohnt. Für den talentierten jungen Neurologen <strong>und</strong> Neurobiologen <strong>Freud</strong> wäre<br />

dies sicher eine w<strong>und</strong>erbare Sache gewesen.<br />

(Roth, 2001, S.376)<br />

6.2. Ausblick<br />

Ich denke, im Rahmen der obigen Zusammenfassung ist deutlich geworden, dass uns<br />

die Funktion der Träume nach wie vor Rätsel aufgibt. Ich möchte mich der Meinung<br />

von Solms anschließen, der an zukünftige neurowissenschaftlich orientierte Forscher<br />

appelliert, die weitere Untersuchung des Traumes endgültig von der des REM-<br />

Schlafes zu trennen. Gleichzeitig gelte es, „künftige Forschungsbemühungen (...) auf<br />

die Erhellung der Hirnvorgänge [zu richten], die das neurale Korrelat zu den von<br />

<strong>Freud</strong> im 6. <strong>und</strong> 7.Kapitel seines Buches geschilderten Mechanismen darstellen - den<br />

Mechanismen der eigentlichen Traumarbeit“ (Solms, 1999a, S.120). Auf der anderen<br />

Seite muss sich die Psychoanalyse dem immer größer werdenden Ruf nach empiri-<br />

98


6. Zusammenfassung <strong>und</strong> Ausblick<br />

scher Validierung ihrer Hypothesen stellen. Auch hier ist meines Erachtens eine An-<br />

näherung an die Neurowissenschaften sinnvoll <strong>und</strong> hilfreich. Die Neuro-<br />

Psychoanalyse ist erst in ihren Anfängen begriffen <strong>und</strong> leider gibt es auf beiden Sei-<br />

ten noch erhebliche Widerstände gegen eine Annäherung der beiden Disziplinen.<br />

Trotzdem denke ich, dass gerade in dieser Synthese der Schlüssel zu neuen Erkennt-<br />

nissen liegt <strong>und</strong> hoffe sehr, dass eines Tages die neurologische Repräsentation jener<br />

psychischen Funktionen möglich sein wird, die innerhalb der Psychoanalyse eine<br />

wichtige Rolle spielen.<br />

99


Danksagung<br />

Danksagung<br />

Nun ist diese Arbeit beendet - <strong>und</strong> mein ganz persönlicher Traum wahr geworden.<br />

Allerdings wäre sie nicht ohne die Hilfe <strong>und</strong> Unterstützung vieler wichtiger Men-<br />

schen entstanden.<br />

Darum möchte ich mich vor allem sehr herzlich bei Frau Prof. Dr. Ellen Reinke <strong>und</strong><br />

Frau Prof. Dr. Canan Başar-Eroğlu <strong>für</strong> die w<strong>und</strong>erbare Betreuung <strong>und</strong> die Offenheit<br />

gegenüber meiner Begeisterung <strong>für</strong> die Neuro-Psychoanalyse bedanken. Statt der<br />

be<strong>für</strong>chteten Skepsis stieß ich auf ehrliches Interesse <strong>und</strong> Wohlwollen, so dass ich<br />

nie an mir <strong>und</strong> meiner Arbeit zweifelte.<br />

Ebenfalls bedanken möchte ich mich beim gesamten EEG-Labor <strong>für</strong> die herzliche<br />

Aufnahme, die vielen Anregungen <strong>und</strong> Hilfestellungen <strong>und</strong> da<strong>für</strong>, dass ich doch stets<br />

daran gehindert wurde, in einem meiner diversen Anfälle tiefster Abneigung gegen-<br />

über der elektronischen Textverarbeitung, meinen Computer aus dem Fenster zu wer-<br />

fen.<br />

Ein ganz besonderer Dank gebührt meinen Eltern, die mich von Anfang an liebevoll<br />

unterstützt haben <strong>und</strong> ohne die nichts so wäre, wie es ist. Danke <strong>für</strong> Euer Vertrauen<br />

in mich <strong>und</strong> da<strong>für</strong>, dass Ihr immer an mich glaubt.<br />

Ebenso aufrichtig möchte ich mich bei Maarten bedanken, der mich trotz gewisser<br />

thematischer Interessenunterschiede immer unterstützt, mich aufgeheitert <strong>und</strong> abge-<br />

lenkt hat. Danke auch <strong>für</strong> Deinen herrlichen Geistesblitz, aus dem heraus der Titel<br />

dieser Arbeit entstanden ist.<br />

Ein herzliches Dankeschön darüber hinaus an meine „Uni-Mädels“. Was wäre mein<br />

Studium, was diese Arbeit <strong>und</strong> was die ganzen letzten Monate <strong>und</strong> Jahre ohne Euch?<br />

Danke!!<br />

100


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Erklärung gem. § 16 Abs. 6 DPO<br />

Hiermit versichere ich, dass ich diese Arbeit selbständig verfasst <strong>und</strong> keine anderen<br />

als die angegebenen Quellen <strong>und</strong> Hilfsmittel benutzt habe.<br />

Bremen, den 20.07.2005<br />

Jana Steinig<br />

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