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CLAUSEWITZ Operation „Gomorrha“ (Vorschau)

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Clausewitz

3/2013 Mai | Juni €5,50 A: € 6,30 CH: sFr 11,00 BeNeLux: € 6,50 SK, I: € 7,45 S: SKR 75 N: NOK 79 FIN: € 8,10

Clausewitz

Das Magazin für Militärgeschichte

Militärtechnik

im

Detail

Flugzeugträger der

Independence-

Klasse

8,8-cm-FlaK

Das steckt hinter dem

Ruf der „Acht-Acht“

Krimkrieg 1853

Vorstufe zu einem

Weltkrieg?

Hamburgs Brandnächte im Jahr 1943

Operation

„Gomorrha“

Richard

Löwenherz

König, Krieger

und Kreuzritter

MILITÄR & TECHNIK:

Westland

„Sea King“

Deutsche

Marineflieger im Kalten Krieg

Mi-8T


Legenden

der Lüfte

Das neue

Heft ist da.

Ab 15. April

am Kiosk!


Editorial

Liebe Leserin,

lieber Leser,

vor 70 Jahren wurde die Großstadt

Hamburg von einer Katastrophe unvorstellbaren

Ausmaßes heimgesucht.

Das „alte“ Hamburg ging in einem

von alliierten Bombenangriffen

entfachten Feuersturm unter. Die Folgen

der Operation „Gomorrha“ veränderten

das Antlitz der Hansestadt an

der Elbe für immer.

Auch sieben Jahrzehnte nach den

verheerenden Luftangriffen sind die

Wunden im

Stadtbild sichtbar,

die Ruine

der ehemaligen

Hauptkirche

St. Nikolai

ragt seit ihrer

Zerstörung im

Juli 1943 mahnend

in den

Himmel.

Heute wird das „Mahnmal St. Nikolai“

als Erinnerungsort für die Opfer

von Krieg und Gewaltherrschaft der

Jahre 1933–1945 genutzt. Seit 1993

ist es Mitglied der „Nagelkreuzgemeinschaft“

– das in der Turmhalle

angebrachte „Nagelkreuz von Coventry“

ist ein Symbol für das Anliegen,

Gegensätze der Vergangenheit zu

überbrücken und gemeinsam eine

friedliche Zukunft zu gestalten.

Wie die kontrovers geführte Diskussion

um das 2012 in London enthüllte

„Bomber Command Memorial“ für

die mehr als 55.000 Gefallenen der

Royal Air Force zeigt, berührt das Thema

„Bombenkrieg – Alliierte Luftangriffe

auf Deutschland“ die Menschen

auch heute noch emotional.

Lesen Sie in unserer Titelgeschichte

„Bomben auf Hamburg“ ab Seite 10,

wie es zum Untergang Hamburgs im

Feuersturm des Jahres 1943 kam

und welche Ziele die Alliierten mit der

Operation „Gomorrha“ verfolgten.

Ich möchte Sie auch auf unser großes

CLAUSEWITZ-Gewinnspiel auf Seite

31 aufmerksam machen, bei dem

es attraktive Preise zu gewinnen

gibt. Machen Sie mit, es lohnt sich!

Eine abwechslungsreiche Lektüre und

viel Spaß beim Gewinnspiel

wünscht Ihnen

Dr. Tammo Luther

Verantwortlicher Redakteur

Krieger, Söldner & Soldaten

Der gefiederte Tod

Die englischen Langbogenschützen revolutionieren mit ihrem

Massenbeschuss die Kriegführung des späten Mittelalters

Die Ursprünge der englischen Langbogenschützen

stehen im Zusammenhang mit

den während der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts

stattfindenden Eroberungskriegen

des englischen Königs Edward I. in Wales. Dort

herrscht vor allem im Süden des Landes eine

alte Tradition des Bogenschießens, die sich

der Herrscher bald zunutze macht. Er nimmt

die dortigen Stämme in seine Dienste und die

Mischung aus großen Kontingenten von Bogenschützen

und Panzerreitern bildet eine gelungene

Kombination aus Feuer- und Schlagkraft.

Während die frühen Langbogenschützen

noch weitgehend ungerüstet in den Kampf ziehen,

ändert sich dies mit ihrem gestiegenen

Prestige. Da von nun an auch zahlreiche Engländer

als Bogenschützen dienen, nehmen sie

bald den Rang einer Eliteeinheit ein. Damit verbessert

sich auch ihre Ausrüstung. Neben den

Bogen treten Schwert, Axt oder ein Streitkolben

als Sekundärwaffen. Dem

Körperschutz dienen eine Beckenhaube

oder ein anderer

einfacher Helm, sowie eine

Brigantine, ein Kettenhemd

oder ein Gambeson, der

als „jack“ bezeichnet

wird. Ein kleiner Faustschild

vervollkommnet

die Kampfausrüstung. In der Schlacht nehmen

die Bogenschützen oft eine Flankenposition

ein und werden damit von den gepanzerten

Fußkriegern und den meist abgesessen kämpfenden

Panzerreitern geschützt. Innerhalb einer

Minute muss ein Mann mindestens zehn

Pfeile abschießen, sonst gilt er nicht als vollwertiger

Schütze. Zu diesem Zweck stecken

die Männer einige Pfeile vor sich in den Boden,

um diese noch schneller greifen zu können.

Die schweren Kriegsbögen sind etwa 1, 8 Meter

lang und bestehen aus einem Stück Eibenholz,

das so gewählt ist, dass sich das dichte

Kernholz in der Mitte des Bogens befindet,

während das elastischere Holz die Bogenarme

bildet. Dies verleiht dem Bogen seine enorme

Spannkraft, die bei den schwersten Exemplaren

ein Zuggewicht von über 50 kg erreicht. Die

Pfeile durchdringen auf kurze Distanz sogar eine

Rüstung. Durch den Massenbeschuss wird

das Vorrücken feindlicher Truppen erheblich

behindert, wobei auch der psychologische Effekt

eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Dabei liegt die weiteste Kampfentfernung bei

etwa 300 Metern. Mit den seit dem 15. Jahrhundert

immer ausgereifteren Handfeuerwaffen

bekommt der Langbogen eine ernsthafte

Konkurrenz. Dennoch ist er zunächst aufgrund

seiner höheren „Feuergeschwindigkeit“ weiterhin

im Einsatz, bis er schließlich zu Beginn

des 16. Jahrhunderts den Feuerwaffen ganz

weichen muss.

FAKTEN

NEUE SERIE

Zeit: Spätes 13. bis Anfang 16.

Jahrhundert

Uniform: Beinlinge, Wams, Brigantine, Kettenhemd,

einfacher Helm, Bogen, Bündel

mit Pfeilen, kurzes Schwert, Dolch, kleiner

Faustschild

Hauptwaffe: Langbogen

Kampftaktik: Massenbeschuss durch

Pfeilhagel

Wichtige Schlachten: Falkirk 1298

Crécy 1346

Poitiers 1356

Azincourt 1415

Langbogenschützen im Film:

Henry V. (1989)

Robin Hood (2010)

Im Hundertjährigen Krieg: Dieser Langbogenschütze in der

Schlacht von Crécy ist durch eine gepolsterte Jacke und eine

Beckenhaube geschützt. Die Pfeile werden in einem großen

Leinwandbeutel transportiert und erst kurz vor der Schlacht im

Boden vor dem Schützen platziert oder – wie hier – direkt am

Gürtel getragen.

Zeichnung: Andrea Modesti

Clausewitz 3/2013


Inhalt

Clausewitz 3/2013

Foto: SSPL/National Media Museum/Süddeutsche Zeitung Photo

Titelthema

Alliierte Luftangriffe 1943 –

Operation „Gomorrha“. .............................................................................................................10

Hamburg versinkt im Feuersturm

Kriegsschauplatz „Himmel“. ..........................................................................................24

Technologie und Strategie im Bombenkrieg

Titelgeschichte

HILFLOS:

Die Einwohner von Hamburg – sofern sie nicht den

Luftangriffen zum Opfer fallen – müssen der Zerstörung

ihrer Heimatstadt in mehreren alliierten Tag- und

Nachtangriffen tatenlos zusehen. Ganze Stadtteile

werden im Sommer 1943 in Schutt und Asche gelegt.

Die alliierten Luftangriffe sollen die deutsche Zivilbevölkerung

demoralisieren.

„Es regnete Feuer...“. ....................................................................................................................28

Das Leid der Zivilbevölkerung während der Luftangriffe

Alliierte Luftangriffe – „Operation Gomorrha“

Bomben auf Hamburg

24. Juli 1943: Fast 800 Bomber der Royal Air Force befinden sich auf dem Weg in Richtung

Hamburg. Ihre tödliche Mission ist der Auftakt zu einer Serie schwerer alliierter Luftangriffe,

die das „Gesicht“ der Stadt Hamburg für immer veränderten... Von Peter Cronauer

10

11

Im Feuersturm: Ein Straßenzug in der Hamburger

Innenstadt nach einem der verheerenden

Bombenangriffe im Sommer 1943.

Foto: ddp images/AP/Süddeutsche Zeitung Photo

Magazin

Neues zur Militärgeschichte, Ausstellungen und Bücher .........................6

Schlachten der Weltgeschichte

Operation „Husky“ – Landung alliierter

Truppen auf Sizilien 1943. .................................................................................32

Sturm auf die „Festung Europa“

Militärtechnik im Detail

Alliierter leichter Flugzeugträger. .......................................................40

„Klein“, aber schlagkräftig

Schnellboot der Kriegsmarine.....................................................................42

Der gefährliche „Jäger“ auf See

Der Zeitzeuge

Eisenbahn im Zweiten Weltkrieg..........................................................44

Vom „Blitzkrieg“ bis zum Untergang

Schlachten der Weltgeschichte

Krimkrieg 1853–1856. ................................................................................................48

Der erste „moderne“ Stellungskrieg

Das historische Dokument

„Streng vertraulich!“ ............................................................................................................54

Geheimes NVA-Kartenmaterial aus den 1980er-Jahren

4


Foto: Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung Photo

Foto: BArch, Bild 183-C0229-0001-002, Fotograf: Karnitzki

Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte

Clausewitz 3/2013

Clausewitz 3/2013

Clausewitz 3/2013

Abb.: Archiv U. Kaack

Foto: PIZ Marine

Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte

33

Foto: Archiv Museum Helgoland

Foto: Sammlung Anderson

Foto: picture-alliance

Clausewitz 3/2013

Clausewitz 3/2013

Clausewitz 3/2013

Abb.: picture-alliance/Prisma Archivo

Foto: picture-alliance/Prisma Archivo

Foto: Sammlung Anderson

Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“

Alliierte Landung auf Sizilien 1943

Sturm auf die

„Festung Europa“

10. Juli 1943: In den frühen Morgenstunden landen mehrere Tausend amerikanische

und britische Soldaten auf der italienischen Mittelmeerinsel Sizilien. Die Operation

„Husky“ soll das Tor zur „Festung Europa“ aufstoßen...

Von Lukas Grawe

U

m den Krieg nach Westeuropa zu tragen

und mit Hilfe einer zweiten Front

Druck vom sowjetischen Verbündeten

zu nehmen, entscheiden sich die Alliierten

Anfang des Jahres 1943 für eine Invasion

auf Sizilien.

Für die Eroberung der Mittelmeerinsel

spricht vor allem ihre Lage: Mit Sizilien als

Ausgangspunkt ist eine Invasion des italienischen

Festlandes möglich. Zudem erleichtert

der Besitz der Insel die Kontrolle des

Schiffsverkehrs im westlichen Mittelmeer.

Da die geplante Invasion in Frankreich

nicht vor 1944 durchführbar ist, legen sich

die amerikanischen und britischen Militärs

auf den italienischen Schwerpunkt fest. Italien

ist seit der vernichtenden Niederlage in

Nordafrika nur noch ein unsicherer Bundesgenosse

des Deutschen Reichs.

Mit der Eroberung Siziliens soll daher Italien

aus dem Krieg an der Seite des Deutschen

Reiches gedrängt werden. Hitler wäre

auf diese Weise gezwungen, die italienisch

besetzten Gebiete in Südfrankreich und auf

dem Balkan mit eigenen Truppen zu halten.

Die im Januar einsetzende Planung für

die Invasion der Insel gestaltet sich aufgrund

der komplizierten alliierten Kom-

mandostruktur im Mittelmeerraum als tigt. Der deutsche Oberbefehlshaber der

schwierig. Hinzu kommen persönliche Abneigungen

zwischen amerikanischen und Albert Kesselring, stellt wenige Tage vor Be-

Heeresgruppe Süd, Generalfeldmarschall

britischen Offizieren. In operativer Hinsicht

kommt es den alliierten Landungsstärkung

der natürlichen Abwehrkraft der

ginn der alliierten Invasion fest: „Die Vertruppen

vor allem auf die Inbesitznahme Inseln durch die Anlage von Befestigungen

von Häfen und Landungsplätzen an, um ist nicht in ausreichendem Maße erfolgt.“

die Versorgung der Truppen zu gewährleisten.

Nicht alle Teile Siziliens liegen zudem Verteidiger zu einer Dekonzentration der

Zudem zwingt die lange Küste Siziliens den

in der Reichweite der alliierten Jagdflieger Kräfte. Trotz aller Argumente, die für eine

auf Malta, sodass die Eroberung von Flugplätzen

eine hohe Bedeutung erlangt. kennen die „Achsenmächte“ die gegneri-

alliierte Landung auf der Insel sprechen,

schen Landungsabsichten nicht. Mit Hilfe

Schwache Verteidigungsanlagen eines groß angelegten Täuschungsmanövers

erhöhen die Alliierten die Unsicherheit

Eine Landung auf Sizilien wird durch die

schwachen Verteidigungsanlagen begüns-

bei ihrem Gegner. Die Wehrmachtführung

Schlachten der Weltgeschichte

Krimkrieg 1853-1856

Der erste „moderne“

Stellungskrieg

28. März 1854: England und Frankreich greifen militärisch in den blutigen Konflikt zwischen

Russland und dem Osmanischen Reich ein. Besonders um die Festung Sewastopol

entbrennt ein Stellungskrieg, wie ihn die Welt bisher nicht kannte... Von Carsten Walczok

D

icht gedrängt greifen am 5. November

des Jahres 1854 rund 35.000 russische

Soldaten die schwachen britischen

Stellungen vor der Stadt und Festung Sewastopol

auf der Halbinsel Krim an. Das Ziel der

russischen Angreifer sind die Hügel am

nördlichen Ende der britischen Linien. Aber

der russische Angriff bleibt im mörderischen

Abwehrfeuer der Verteidiger stecken. Die

dicht gedrängten russischen Angriffskolonnen

erleiden ungeahnte Verluste im deckenden

Feuer der britischen Infanterie. Diese ist

im Gegensatz zu ihren russischen Gegnern

bereits mit den Gewehren mit gezogenen

Läufen nach dem System Minié ausgerüstet.

Der Krieg auf der Krim erlebt den ersten

massenhaften Einsatz dieses neuen Systems

bei den Infanteriegewehren und beweist sofort

deren Überlegenheit über die altbewähr-

Reiches, das von Spöttern gerne als der

liegt aber im inneren Zerfall des Osmanischen

ten glattläufigen Vorderlader. Doch das ist „Kranke Mann am Bosporus“ bezeichnet

nicht die einzige Besonderheit, durch die wird.

sich dieser Konflikt in der Mitte des 19. Jahrhunderts

auszeichnet. Neben eisengepanche

der Türken, endlich die Kontrolle über die

Russland hofft, bedingt durch die Schwäzerten

Schiffen mit Dampfantrieb ist dies Meerenge des Bosporus zu erreichen. Das

auch der erste Krieg, über den die Medien wiederum liegt nicht im Interesse Großbritanniens,

denn London will nicht zulassen, dass

dank des Telegrafen direkt berichten. Sogar

Zar Nikolaus soll gesagt haben, er würde eine solche Schlüsselposition wie die Dardanellen

unter russische Kontrolle gerät.

keine Spione brauchen, da er ja die „Times“

lesen könne.

Doch wo liegt der Anlass für diesen Konflikt?

Russlands Eintreten für die Interessen Nach dem Abbruch der diplomatischen Be-

Der lange Weg auf die Krim

der orthodoxen Christen ruft den Widerstand ziehungen besetzen am 3. Juli 1853 rund

der anderen christlichen Konfessionen hervor.

Die eigentliche Ursache für den Krieg von Fürst Michail Gortschakow die

80.000 russische Soldaten unter dem Befehl

Donau-

Alliierte

FRANKREICH

Befehlshaber: Armand-Jacques Achille Leroy de

Saint-Arnaud (1798-1854)/ François Canrobert

(1809–1895) /Aimable Pélissier (1794–1864)

Truppenstärke: 100.000

Verluste: 70.000

UNBEHELLIGT: Landung von US-Truppen

auf Sizilien am 11. Juli 1943.

32

HINTERGRUND Die „Achse“ Berlin – Rom

Seit dem 1936 geschlossenen geheimen

Freundschaftsvertrag bildet sich eine enge

Zusammenarbeit zwischen dem faschistischen

Italien und dem „Dritten Reich“ aus.

Mit dem „Stahlpakt“ von 1939 sichern sich

beide Länder im Falle eines Krieges unbedingte

militärische Unterstützung zu, die

auch für einen Angriffskrieg gilt. Während

sich Italien noch nicht am Polenfeldzug beteiligt,

tritt es am 10. Juni 1940 in den Krieg

gegen Frankreich und Großbritannien ein.

In der Folgezeit unterstützt Hitler Mussolinis

Pläne zur Errichtung eines zweiten „Imperium

Romanum“ auf dem Balkan und in Afrika.

Grundlage für die deutsche Unterstützung

sind jedoch überwiegend eigene Interessen.

Italien beteiligt sich währenddessen

an Hitlers Feldzug gegen

S.32

die Sowjetunion, der

jedoch von der italienischen Bevölkerung als

„deutscher Krieg“ angesehen wird.

Mit dem Sturz Mussolinis und der folgenden

Kriegserklärung Italiens an das Deutsche

Reich Ende 1943 endet die militärische

Zusammenarbeit, die stets von

starken Spannungen und Interessengegensätzen

geprägt ist.

48

Russland

Befehlshaber: Fürst Michael Dimitrijewitsch Gortschakow

(1792–1861) / Fürst Menschikow (1787–1869)

Truppenstärke: 107.000

Verluste: 73.000

GROßBRITANNIEN

Befehlshaber: Fitzroy James Henry Somerset,

Lord Raglan (1788–1855)

Truppenstärke: 35.000

Verluste: 22.000

SARDINIEN-PIEMONT

Befehlshaber: Alfonso La Marmora

(1804–1878)

Truppenstärke: 14.000

Verluste: k. A.

OSMANISCHES REICH (TÜRKEI)

Befehlshaber: Omar Pascha (Michael Latas)

(1806–1871)

Truppenstärke: 55.000

Verluste: k. A.

S.48

MARTIALISCH: Darstellung

der Belagerung von Sewastopol

von Franz A. Roubaud

(Ausschnitt aus einem

Panoramagemälde).

49

Militär und Technik | Marineflieger

Militär und Technik | FlaK 8,8 cm

Deutsche Marineflieger nach dem Zweiten Weltkrieg

„Fliegen, wo die

RESPEKTEINFLÖßEND:

Bewaffneter Mi-8T-Hubschrauber

beim Einsatz über der Ostsee.

Gefürchtete Allzweckwaffe

Die „Acht-Acht“

1941–1943: „Anti-Aircraft, Anti-Tank and Anti-Social!“ Mit grimmiger

Anerkennung zollen die Engländer in Nordafrika ihrem vielleicht

gefährlichsten Gegner Respekt. Was hat es mit der erfolgreichen

deutschen 8,8 cm FlaK auf sich?

Von Thomas Anderson

EINDRUCKSVOLLES SCHAUSPIEL:

Eine 8,8 cm FlaK L/56 auf einem

der riesigen Faun-Lastwagen beim

Feuern in der Nacht. Die Feuerleitung

obliegt einem Kommandogerät

(ebenfalls auf Lkw verlastet).

Flotte fährt“

Ende der 1950er-Jahre: Die Bundeswehr beginnt mit der Einführung von Marinefliegergruppen.

Wenige Jahre später wird in der DDR eine erste Marinehubschrauberstaffel zur

Unterstützung der Seestreitkräfte in Dienst gestellt...

Von Werner Fischbach

ie Anfänge der bundesdeutschen Marineflieger

reichen in das Jahr 1949 zu-

während des Krieges – unterbrochen von

offizier 1934 zur Luftwaffe wechselte und

rück. Vier Jahre nach dem Ende des

Seeaufklärereinsätzen – im Stab der Seekriegsleitung

tätig war.

Zweiten Weltkriegs ruft die US-Marine das

„Naval Historical Team“ zusammen, das unter

die Zuständigkeit der „Naval Intelligence“

fällt. Dabei geht es den Amerikanern

Marineflieger sind also schon beim „Naval

Anfänge der Bw-Marineflieger

in erster Linie um die Erfahrungen, die die

Historical Team“ ein Thema. Wesentlich konkreter

wird die Angelegenheit in der Him-

deutsche Kriegsmarine im letzten Weltkrieg

insbesondere in Nord- und Ostsee, sowie in

meroder Denkschrift, die im Oktober 1950

Norwegen und dem Atlantik gesammelt hat.

vor dem Hintergrund der konventionellen

Das Team umfasst fünf fest angestellte

Überlegenheit sowjetischer Streitkräfte und

hohe Marineoffiziere und tritt unter der

des am 25. Juni desselben Jahres ausgebrochenen

Koreakriegs hinter den Mauern des

Leitung von Generaladmiral a. D. Otto

Schniewind am 9. April 1949 in Bremerhaven

zum ersten Mal zusammen. Es gilt als

der militärische Beitrag der Bundesrepublik

Klosters Himmerod erstellt wird. Thema ist

Keimzelle der späteren Bundesmarine. VIELSEITIG EINSETZBAR: Ein Hubschrauber an der Seite ihrer westlichen Partner, wobei

Mit von der Partie ist auch der ehemalige

Oberst i.G. Walter Gaul, der als Marine-

gerverbände eingegangen

vom Typ Mil Mi-4 beim Bergungsdienst. auch auf die Rolle zukünftiger Marineflie-

wird.

D

56

NEUES MODELL: Ab 1975 werden die

Sikorski H-34 (hinten) durch Westland

„Sea King“-Hubschrauber abgelöst.

Angesichts der aus Sicht der Marine negativen

Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg

werden eigene Marinefliegerkräfte als

notwendig angesehen. Die entsprechende

Empfehlung geht auf den ehemaligen

Oberst und späteren Kapitän zur See und

ersten Kommandeur der bundesdeutschen

Marineflieger, Walter Gaul, zurück. Vorgeschlagen

werden 84 Jagd-, 30 Aufklärungssowie

30, später sogar 60 Kampf- bzw. U-

Jagdflugzeuge. Allerdings ist diese Forderung

nicht einfach umzusetzen. Da die Marine

Bestandteil der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft

(EVG) werden soll,

leisten Frankreich und Großbritannien heftigen

Widerstand gegen eigenständige deutsche

Marinefliegerverbände.

Nur durch die Intervention der USA

werden der bundesdeutschen Marine im

Mai 1952 30 Hubschrauber und 24 Aufklärer

zugestanden.

Als der EVG-Vertrag schließlich am Widerstand

Frankreichs scheitert, werden der

Marine bei den Verhandlungen über einen

NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland

infolge einer massiven Unterstützung

durch die USA neben 58 Flugzeugen (24

Aufklärer, 24 Angriffs- und zehn U-Jagdflugzeuge)

eine unbestimmte Anzahl von

Hubschraubern zugestanden. Dazu kommt

noch eine Reserve von 30 Prozent.

Mit dem Aufstellungsbefehl Nr. 41 vom

26. Juni 1956 bildet Kpt.z.S. Gaul das Kommando

der Marineflieger und bezieht mit

sechs weiteren Soldaten eine Baracke in Die Aufgabe der Angriffs- bzw. Kampfflugzeuge

(Marinejagdbomber) liegt im Schutz

Kiel-Holtenau. Im April 1957 wird die

I. Marinefliegergruppe in Dienst gestellt. der Ostsee und ihrer Zugänge, um im Fall

Am 1. Januar folgt die Seenotstaffel und am eines Angriffs des Warschauer Pakts den

1. April 1958 die II. Marinefliegergruppe. sowjetischen Streitkräften und ihren Verbündeten

den Zugriff auf diese Seegebiete

Als einmaliger Vorgang in der deutschen

Militärgeschichte kann die Indienststellung

der Mehrzweckstaffel am 19. Mai desdeutschem Territorium zu verhindern.

zu verwehren und eine Landung auf bun-

1958 im schottischen Lossiemouth bezeichnet

werden. Einen Tag darauf wird 1965 in Eggebek in Schleswig-Holstein be-

Die beiden dafür in Jagel bzw. ab März

dort die U-Jagd-Staffel in Dienst gestellt. heimateten, zunächst als Marinefliegergruppen

aufgestellten Marinefliegergeschwader

1 und 2 (MFG 1 und 2) werden,

Luftfahrzeuge der Geschwader

„Fliegen, wo die Flotte fährt“, lautet das da die USA nicht bereit sind, moderne

Motto der Marineflieger. Und das beschreibt

ihre Aufgabe genau. Sie sind, der „Cougar“ an Deutschland zu liefern, zu-

Kampfflugzeuge wie die Grumman F9F-8P

direkten Kommandogewalt der Marine unterstellt,

ein Seekriegsmittel und dienen dahawk“

ausgerüstet. Dabei handelt es sich

nächst mit Armstrong Whitworth „Seazu,

Seekrieg aus der Luft und eben nicht, hierbei um ein für die Royal Navy entwickeltes

und dort eingesetztes Luftkrieg über der See zu führen.

robustes

IN BEGLEITUNG: Nach ihrer letzten Landung wird

die „Atlantic“ der SIGINT-Version von zwei

„Sea Lynx“ eskortiert.

S.56

57

D

er Erste Weltkrieg stellt eine Zäsur in

der Weltgeschichte dar. Was bereits

während des US-Bürgerkrieges und

im Krieg von 1870/71 im Ansatz erkennbar

war, beeinflusst den neuen Konflikt gewaltig:

Die industrielle Leistungsfähigkeit der

Kriegsteilnehmer bestimmt Art, Dauer und

Ausgang dieses Konfliktes.

Die rasante Entwicklung der Rüstungstechnik

im Ersten Weltkrieg bringt viele

technische Neuerungen auf das Schlachtfeld,

darunter moderne Entwicklungen wie

gepanzerte Kampffahrzeuge und Flugzeuge.

Luftgestützte Angriffe werden früh als

potentielle Bedrohung angesehen. Schon 40

Jahre vor dem Weltkrieg werden erste Geschütze

zur Abwehr französischer Ballons

entwickelt. Daraus entstehen

noch vor 1910 brauchbare Fliegerabwehrgeschütze

vom Kaliber 7,5 cm.

1916 entwickelt Krupp ein Flugabwehrgeschütz

vom Kaliber 8,8 cm,

welches als Urahn der späteren 8,8 cm

Flak L/56 gelten darf (Das Kürzel L/56

62

beschreibt die Kaliberlänge des Geschützes Vertragswerkes werden von deutscher Seite

jedoch unterlaufen, die Entwicklung mo-

und umfasst sowohl die 8,8 cm FlaK 18, 36

und 37).

derner Waffen läuft im Geheimen weiter.

Zum Ende der 1920er-Jahre ergibt sich in

Verborgene Entwicklung

Deutschland wieder die Notwendigkeit einer

Fliegerabwehrwaffe, um der steigen-

Nach dem Ersten Weltkrieg ergeben sich

aus dem Versailler Vertrag für das deutsche den Gefährdung aus der Luft Rechnung zu

Heer starke Einschränkungen bezüglich tragen. Die Hauptforderung an das zu entwickelnde

Geschütz ist die Bekämpfung

der Entwicklung und Einführung moderner

Waffen. Die harten Bedingungen dieses feindlicher Aufklärungs- und Bomberflugzeuge

auf mittleren und großen Flughöhen

(500 bis 6.000 m).

Die Entscheidung für das Kaliber 8,8 cm

der Flak ist praktischen Gesichtspunkten

geschuldet. Firmen wie Krupp haben da-

ERFOLGREICHE KOMBINATION:

Eine 8,8 cm FlaK L/56 auf einem

gepanzerten s ZgKw 12 t

(SdKfz. 8). Schnell und auch

im Gelände beweglich, können

die wertvollen Waffen

an Brennpunkten

eingesetzt werden.

INFO Vergleich schwerer Flakgeschütze

Waffe

8,8 cm 8,8 cm 10,5 cm 88 mm FlaK QF 3,7 inch 90 mm Gun

FlaK 18 FlaK 41 FlaK 38 M 1939 AA gun M1A1

Herkunft Deutsches Reich Deutsches Reich Deutsches Reich Russland England USA

Kaliber 8,8 cm 8,8 cm 10,5 cm 8,5 cm 9,4 cm 9 cm

Kaliberlänge L/56 L/74 L/63 L/55 -- --

Gewicht 7,2 t 11,2 t 14 t 4,2 t 9,3 t 8,6 t

Anfangsgeschwindigkeit

(Vo)

m/s

850 m/s 1.000 m/s 900 m/s 792 m/s 722 bis 1.044 823 m/s

Max. Schussweite 16.300 m 19.800 m 17.700 m 15.000 m 18.800 m 17.800 m

Effektive Reichweite/max.

11.300 m 14.700 m 12.800 m 10.500 m 12.000 m 10.300 m

Schusshöhe

mit entsprechende Erfahrungen, sowohl te für eine Flugbahn von 8.000 m und einer

Rasanz als auch Waffenwirkung im Ziel erfüllen

die gesetzten Parameter.

Sekunden dauern. Das Geschütz muss im

Flughöhe von 6.000 m nicht länger als 25

Am 13. Dezember 1930 verzeichnet die Einsatzgebiet der Artillerie auf dem Gefechtsfeld

einsetzbar sein. Die 8,8 cm FlaK

Kommission für das streng geheime Entwicklungsprogramm

unter anderem: ist das kleinste Kaliber mit ausreichender

„Es wird eine Flugabwehrkanone mit Wirkung, das für den Einsatz mit unseren

größtmöglicher Geschosswirkung benötigt. Kommandogeräten geeignet ist.“

Die Reichweite muss zwischen 2.500 bis Die Firma Krupp hat bereits 1928 begonnen,

eine 8,8 cm FlaK auf Kraftzug-Anhän-

8.000 m bis zu einer Flughöhe von 6.000 betragen.

Die Flugdauer des Geschosses sollger

zu entwickeln. Das Geschütz selbst soll

auf einer Sockellafette montiert sein, die

seitlich im 360° Vollkreis geschwenkt und

in der Höhe von minus 3 bis plus 85° gerichtet

werden kann.

S.62

Für den Einsatz als

Flugabwehrgeschütz ist eine Richtgeschwindigkeit

von 6° pro Sekunde in der

Höhe und 16° pro Sekunde nach der Seite

gefordert.

Eine höchstmögliche Anfangsgeschwindigkeit

(Vo) ist entscheidend, um die Waffenwirkung

schnell in das Zielgebiet zu

63

Spurensuche

Feldherren

HELGOLAND HEUTE: Ein

friedliches Eiland mitten

in der Nordsee. Foto: U. Kaack

Richard I. Löwenherz

Der Krieger auf

dem Königsthron

IM HEILIGEN LAND: Richard I. und seine Armee beten

vor einer Schlacht gemeinsam. Der König begibt

sich schon kurz nach seiner Thronbesteigung auf den

Kreuzzug und kämpft stets an der Seite seiner Truppe.

Illustration von Gustave Doré aus dem 19. Jhd.

„Spielball“ der Weltgeschichte

Helgoland

Helgoland ist einzigartig. Zum einen durch die exponierte Lage im Herzen der Deutschen

Bucht, vor allem aber durch die wechselvolle Historie. Ein Mikrokosmos. Mehrfach

wurde der kleine rote Felsen zum Spielball der Weltgeschichte. Von Ulf Kaack

S

eit dem 7. Jahrhundert ist das Eiland riker und Leiter des Museums Helgoland, 1906 nimmt das Projekt gewaltige Formen

von Friesen bewohnt. Im 12. und 13. die wechselvolle Inselgeschichte. „Die Preußen

maßen Helgoland eine hohe strategische wird in den Kreidefelsen der Insel getrie-

an: Ein großdimensioniertes Stollensystem

Jahrhundert untersteht es der Dänischen

Krone, anschließend dem Herzogtum Bedeutung zu. Als Artillerievorposten zum ben. Räume, Verzweigungen sowie Schächte

für Aufzüge und zur Belüftung werden

Schleswig. 1807 wird der sturmumtobte Felsen

von den Briten als Kolonie in das Vereingen

zum Nord-Ostsee-Kanal, zur Elbe, We-

gebaut. Bis 1914 werden der Nordsee 86

Schutze der Nordseeküste sowie den Zugänte

Königreich integriert. Während der Kontinentalsperre,

die 1814 durch den Kieler Frie-

eisfreier Kriegshafen in vorgeschobener Lado-,

Scheiben- und U-Boothafen. Außerser

und Jade. Vor allem aber als dauerhaft Hektar abgetrotzt. Es entstehen der Torpeden

beendet wird, erleben die Helgoländer ge.“

dem ein Seefliegerstützpunkt mit Hangar,

eine Hochzeit als Blockadebrecher und

Flugzeugaufschleppe, Kraftwerk und den

Schmuggler. Die Zeiten bleiben friedlich – lediglich

1849 und 1864 kommt es zu deutsch-

Zügig geht Wilhelm II. daran, die Insel zu Im Mai 1908 beginnt die Neuarmierung

Aufrüstung im Kaiserreich erforderlichen Versorgungseinrichtungen.

dänischen Seegefechten in Sichtweite von einer Festung auszubauen und einen Marinehafen

anzulegen. 1891 entstehen erste gruppe erhalten jeweils zwei moderne 30,5-

der Festungsartillerie. Die Nord- und Süd-

Helgoland.

„Im Tausch gegen Handelsrechte in Ost- Gebäude, ein Jahr später wird an der Nordund

Südspitze je ein Kanonenstand mit cm-Geschützstände. Dazwischen liegen be-

cm-Krupp-Doppeldrehtürme und zwei 21-

Afrika, im sogenannten Helgoland-Sansibar-

Vertrag, kam Helgoland am 10. August 1890 zwei 21-cm-Geschützen errichtet. Es folgt sagte acht Haubitzenbatterien sowie diverse

unter die Regentschaft des deutschen Kaiserreiches“,

erklärt Jörg Andres, Insel-Histo- mit acht schweren 28-cm-Geschützen. Geschützen, Kommando- und

eine Haubitzenbatterie auf dem Oberland kleinere Anlagen mit leichten und mittleren

Peilständen,

68

MILITÄRISCHE ASPEKTE: Diese 1714 (unter dänischer

Regentschaft) entstandene Abbildung zeigt

nicht nur die Insel, sondern ist auch eine Studie

über mögliches Artilleriefeuer.

Beobachtungs- und Scheinwerfereinrichtungen.

Auf dem Unterland befindet sich eine 1. August 1914 müssen alle Helgoländer ih-

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges am

Batterie mit zwei 8,8-cm-Geschützen, vier re Insel verlassen und werden im Umland

3,7-cm-Revolverkanonen und Maschinengewehren.

Die Düne (Name der östlich gelege-

nach der Übergabe 1890 englisch geblieben

Hamburgs untergebracht. Familien, die

nen Nebeninsel) wird von einer Flak-Batterie

mit vier 8,8-cm-Geschützen und einer Ruhleben bei Berlin. Britisch geborene In-

waren, kommen in das Internierungslager

weiteren Stellung mit drei 3,7-cm-Revolverkanonen

sowie Maschinengewehren gestellt

und vom Kriegsdienst befreit.

sulaner werden unter Polizeiaufsicht geschützt.

Deutschstämmige hingegen werden zur

„BIG BANG“ AUF HELGOLAND: In der bis

heute weltweit größten nichtnuklearen

Explosion detonieren am 18. April 1947

6.700 Tonnen Sprengstoff.

Marine eingezogen. Helgoländer in Diensten

des Militärs – das hat es bislang noch

nicht gegeben. Zurück auf der Insel bleibt

eine 4.000 Mann starke militärische Besatzung

für die Bedienung der Festungsartillerie

und den Betrieb des Hafens.

Seegefecht bei Helgoland

Der Erste Weltkrieg beginnt für den roten

Felsen mit einem dramatischen Paukenschlag.

Mit einer List locken überlegene britische

Seestreitkräfte am Morgen des 18.

S.68

August 1914 die Einheiten des V. Torpedobootgeschwaders

sowie mehrere kleine

Kreuzer in die Deutsche Bucht. Es kommt

zu einer ersten Feindberührung, bei der das

deutsche Torpedoboot „V 187“ versenkt

und der britische Kreuzer „HMS Arethusa“

erheblich beschädigt werden.

69

Bis heute: Richard Löwenherz ist eine der romantisch

ichard, der gar kein Englisch spricht, verklärtesten Figuren der Geschichte, und er gilt nach

hält sich während seiner Regierungs-

nur einige Monate in England wie vor als einer der „englischsten“ Könige der

Rzeit

auf. Sein Kampf gegen Sultan Saladin im

britischen Geschichte…

Von Otto Schertler

Verlauf des Dritten Kreuzzugs ist ebenso

von zahlreichen Legenden umrankt wie die

Zeit seiner daran anschließenden Gefangenschaft

in Österreich und Deutschland. Selbst widerspenstigen Vasallen, feindlichen nicht im Feld steht. Er beteiligt sich an der

schaftszeit in nicht endende Kämpfe mit schaft kein Jahr seines Lebens in dem er

die Umstände seines Todes erhöhen ihn Nachbarn und dem französischen Königtum

verstrickt sieht.

schen König unterstützten Rebellion gegen

von 1173–1174 währenden, vom französi-

über das Maß anderer Sterblicher – vergibt

er doch auf dem Totenbett dem französischen

Armbrustschützen, der ihn tödlich her den Krieg aus eigener Erfahrung Tod im Jahr 1189 nicht mehr versöhnen

Bereits in jungen Jahren lernt er da-

seinen Vater, mit dem er sich bis zu dessen

verletzt hatte. Richard Löwenherz entstammt

der Dynastie der Normannen, die

dieser Zeit vergeht diesen frühen Jahren ist Graf Philipp von

kennen, und seit wird. Einer der Lehrmeister Richards in

seit 1066 die Herrschaft über England innehat.

Er wird am 8. September 1157 in Oxford

seiner Gefangen-

Krieger seiner Zeit gilt.

– bis auf die Phase Flandern, der als einer der verschlagensten

als dritter Sohn König Heinrichs II. geboren.

Besonders die französische Abstammung seiner

Mutter Eleonore von Aquitanien soll das

Größere Schlachten hat Richard hier – bis

Verbrannte Erde

zukünftige Leben Richards zu einem großen

auf eine Ausnahme nicht zu bestehen,

Teil bestimmen. Die aus der nach ihnen benannten

Normandie stammenden Könige

Kämpfen um kleinere Gefechte oder Be-

eher handelt es sich bei den zahlreichen

Englands sind nämlich durch vielfältige dynastische

Beziehungen eng an ihre weitreisucht

man nämlich während des Mittelallagerungen.

Große Feldschlachten verchenden,

im Westen Frankreichs gelegenen

ters so gut wie möglich zu vermeiden, zu

Besitzungen gebunden. Dieser gesamte Herrschaftskomplex

wird zusammen mit Engte

Macht zu verlieren. Schon der während

hoch ist das Risiko, die eigene bewaffneland

als das Angevinische Reich bezeichnet.

des späten 4. Jahrhunderts n. Chr. lebende

Bereits 1172 erhält Richard im Alter von nur

römische Militärschriftsteller Vegetius rät

fünfzehn Jahren das Amt des Herzogs von

in seinem berühmten Handbuch „Epitoma

Aquitanien, wo er sich während seiner Herr-

rei militaris“, einer Kompilation älterer

Schriften, in Bezug auf Feldschlachten:

„Lass es sein!“ Das Werk des Vegetius ist

FAKTEN Wichtige Kämpfe

während des Mittelalters an den Herrscherhöfen

wohlbekannt, und diesem

4.10.1190: Eroberung von Messina

Frühjahr 1191: Eroberung von Zypern

12.7.1191: Eroberung von Akkon

POPULÄR BIS HEUTE: Die faszinierende

7.9.1191: Schlacht bei Arsuf

Aura des „guten Königs“ Richard Löwenherz

ist bis heute ungebrochen. Hier eine

Anfang August 1192: Eroberung von Jaffa

4.8.1192: Schlacht bei Jaffa

Statue vor dem Parlamentsgebäude in

4.7.1194: Fréteval

London: Selbstbewusst und stolz sitzt

28.9.1198: Gisors

Richard I. auf seinem Ross.

74

S.74

75

Militär und Technik

„Fliegen, wo die Flotte fährt“. ........................................................................56

Deutsche Marineflieger nach dem Zweiten Weltkrieg

Die „Acht-Acht“...............................................................................................................................62

Das gefürchtete Allzweckgeschütz der Wehrmacht

Spurensuche

Hochseeinsel Helgoland............................................................................................68

„Spielball“ der Weltgeschichte

Feldherren

Richard Löwenherz................................................................................................................74

Englands berühmter König und

Feldherr des Mittelalters

Museum

An historischer Stätte. ....................................................................................................80

Das Garnisonsmuseum Wünsdorf stellt sich vor

Vorschau/Impressum ..........................................................82

Titelbild: Fotomontage – Britischer Bomber über

Häuserruinen in Hamburg.

Titelfotos: Dietmar Hermann; picture-alliance/akg-images; WEIDER HISTORY GROUP; Bundesarchiv, Bild 101I-443-1574-26 / Zwilling,

Ernst A.; picture-alliance/akg-images (2x); Bibliothek für Zeitgeschichte (2x)

Clausewitz 3/2013

5


Clausewitz

Magazin

Deutsche Kriegsgefangene und belgische

Truppen passieren eine Brücke

über die Yser in Flandern.

Foto: picture-alliance/akg-images/Jean-

Pierre Verney

AUSSTELLUNG

In Flanders Fields Museum

Neue Dauerausstellung zur Geschichte des Ersten Weltkriegs

Das In Flanders Fields Museum widmet

sich der Geschichte des Ersten Weltkriegs

in der westflämischen Frontregion

Westhoek. Es befindet sich in den wieder

aufgebauten Tuchhallen von Ypern, einem

wichtigen Symbol für Kriegsleiden und die

danach folgende Auferstehung.

Die völlig neu konzipierte, stark multimedial

ausgerichtete Dauerausstellung erzählt

von der Invasion Belgiens und den ersten

Monaten des Bewegungskriegs, von den vier

Jahren Stellungskrieg im Westhoek, vom

Ende des Krieges und vom fortwährenden

Gedenken an die schrecklichen Ereignisse.

Der Schwerpunkt der Szenografie liegt

auf der menschlichen Erfahrung und widmet

der heutigen Landschaft als einem der

letzten greifbaren Zeugen der Kriegsgeschichte

große Aufmerksamkeit. In diesem

Rahmen ist im Museumsparcours auch ein

Besuch des Belfrieds (Turm) möglich, von

dem aus Sie einen Ausblick über die Stadt

und die umliegenden Schlachtfelder haben.

Hunderte Originalobjekte und Bilder werden

in einer erneuerten erfahrungsorientierten

Gestaltung präsentiert.

Das In Flanders Fields Museum, benannt

nach dem englischsprachigen Gedicht John

McCraes aus dem Jahr 1915, bietet mehr als

eine ständige Ausstellung.

Es existiert eine pädagogische Abteilung

für Schüler aus dem In- und Ausland und

ein kulturelles und künstlerisches Begleitprogramm.

Im Wissenszentrum des Museums

kann sich jeder Besucher noch intensiver

mit einer der dramatischsten Perioden

der Weltgeschichte beschäftigen. Individuell

kann man sich dort auf die Suche nach

der großen, globalen Hintergrundgeschichte

oder nach der sehr persönlichen oder regionalen

Geschichte begeben.

Kontakt:

In Flanders Fields Museum

Lakenhallen – Grote Markt 34

B - 8900 Ieper

Tel: + 32(0)57.239.220

E-Mail: flandersfields@ieper.be

www.inflandersfields.be

Einmalig in Deutschland: Dieser „Tiger I“ (Ausf E) ist ein besonderes Zeugnis der Technikgeschichte.

Geringe Bauzahlen, nahezu pausenloser Einsatz und hohe Verluste machen

den „Tiger“ heute zu einer wahren Rarität. Foto: Deutsches Panzermuseum Munster

Deutschlands einziger „Tiger“

Außergewöhnliches Exponat im Panzermuseum Munster

In Fachkreisen ist dies eine Sensation:

Weltweit waren bisher

sechs erhalten gebliebene schwere

Kampfpanzer vom Typ„Tiger I“

bekannt. Keines der Exemplare

befindet sich auf deutschem Boden.

Scheinbar aus dem Nichts ist

nun ein siebter „Tiger“ aufgetaucht

– offensichtlich in einem

hervorragenden Zustand. Seit

dem 22. März 2013 ist der Stahlkoloss

als Leihgabe für drei Jahre

im Deutschen Panzermuseum im

niedersächsischen Munster zu sehen.

Mehr über diesen „Tiger“

und seine Historie erfahren Sie in

der nächsten Ausgabe von

CLAUSEWITZ.

6


Foto: picture-alliance/picture-alliance

Fotos: Böker Manufaktur Solingen

Skelett von König Richard III. entdeckt

Forscher haben die Knochen des englischen Königs Richard III. identifiziert

Archäologen haben das Rätsel

um die sterblichen Überreste

gelöst, die im September 2012 im

Erdreich unter einem Parkplatz

in der mittelenglischen Stadt Leicester

gefunden worden waren.

Laut DNA-Analyse stammen die

500 Jahre alten Gebeine tatsächlich

von König Richard III.

Mithilfe von DNA-Material

erstellten die Forscher ein

biologisches Profil der Charakteristika

des Königs und

untersuchten die freigelegten

Knochenreste auf Spuren, die

auf einen gewaltsamen Tod

hindeuteten. Der Totenschädel

weist am Hinterkopf Spuren

einer Wunde und die gekrümmte

Wirbelsäule eine

eingedrungene Pfeilspitze auf.

Richard III. war 1485 in der

Schlacht von Bosworth, dem

Höhepunkt der sogenannten

Rosenkriege, gefallen.

Ob außergewöhnliche

Sammlerschwerter

oder imposante

Prunkstücke:

Von antiken römischen

Kurzschwertern

bis zu japanischen

Ninja-Schwertern,

von den Schwertern elbischer

Krieger bis zu den

sagenhaften Schwertern

und Streitäxten des Mittelalters

reicht die Auswahl

der Manufaktur „Böker“ in

Solingen. Gefertigt aus rostfreiem

Edelstahl, als handgeschmiedete

Klinge aus 200-

lagigem Damaststahl oder

aus Kohlenstoffstahl, sind diese

hochdekorativen Schwerter

und Äxte Glanzpunkte jeder

Sammlung.

Seit 1869 werden in der

„Klingenstadt“ die berühmten

Messer der Marke „Böker“ von

Hand gefertigt. Die Historie des

Unternehmens ist geprägt von

ereignisreichen Zeiten. Eines ist

Clausewitz 3/2013

Bereits bevor bekannt wurde,

dass es sich bei dem Skelett tatsächlich

um die Überreste von

Porträt von Richard III.,

König von England (1483-1485).

Scharfe Schwergewichte

„Böker“-Manufaktur ist „erste Adresse“ für Liebhaber

hochwertiger Schwerter

aber in über 144 Jahren immer

gleich geblieben: die Leidenschaft

und Begeisterung für außergewöhnliche

Produkte.

Die „Böker“-Manufaktur

hat sich zu einem weltweiten

Innovationsführer

und zum größten Hersteller

von Sport-, Einsatzund

Sammlermessern in

Europa entwickelt.

Eine große Stärke des

„Böker“-Sortiments

und begehrt bei Messersammlern

im Inund

Ausland sind die

exklusiven und weltweit

streng limitierten Sondereditionen.

Hier sind vor

allem die „Böker“-Damast-

Jahresmesser und „Magnum

Collection Modelle“ zu nennen,

die als Manufakturprodukte

durch Handwerkskunst,

innovatives Design

und attraktive Materialauswahl

überzeugen.

www.boker.de

Richard III. handelt, hatte die

zuständige Ausgrabungsleiterin

erklärt, der gefundene Schädel

sei „in gutem Zustand“ und

verrate viele Einzelheiten über

den Toten. Die DNA-Proben für

den Abgleich erhielten die Archäologen

von dem 55-jährigen

kanadischstämmigen Michael

Ibsen, der in 17. Generation mit

Richard verwandt ist.

Historiker gingen stets

davon aus, dass Richard III. in

Leicester in einer Franziskanerkirche

bestattet wurde. An

ihrem ehemaligen Standort befindet

sich heute der Parkplatz,

unter dem die Forscher das

Skelett freilegten.

Richard III. hatte von 1483

bis 1485 regiert und wurde

durch das gleichnamige Drama

von William Shakespeare weltberühmt.

1813

Vor 200 Jahren – am 10. März des

Jahres 1813 – stiftete der preußische

König Friedrich Wilhelm III. in

der niederschlesischen Stadt Breslau

für den Verlauf der „Befreiungskriege“

das von Karl Friedrich Schinkel

entworfene Eiserne Kreuz.

Foto: picture-alliance/akg-images

ENGLISCHSPRACHIGES

Bowmen of

England

Der Langbogen als

Revolution auf dem

Schlachtfeld

Der mit hoher Durchschlagskraft

und großer Reichweite

ausgestattete Langbogen

stammt ursprünglich aus Wales.

Wie aber gelang diese Waffe

in die englischen Armeen,

die in Schlachten wie Crécy

oder Azincourt französische

Ritterheere schlugen? Wer waren

die Bogenschützen und

welche Stellung in der damaligen

Gesellschaft besaßen sie?

Und schließlich:

Welchen Einfluss

hatte der Langbogen

auf die

Kriegführung

und weshalb

musste er im

frühen 16. Jahrhundert

der

Schusswaffe

weichen – obwohl

seine Buch wird seit

Klassiker: Das

Schussfrequenz seiner Erstveröffentlichung

und Reichweite

kontinuierlich

den frühen

aufgelegt.

Musketen überlegen

war?

Antworten liefert der Militärhistoriker

Donald Featherstone

in seinem Buch

„Bowmen of England“ (erstmals

erschienen 1967). Er

schreibt in einem flüssig lesbaren

Stil. Sein Prolog ähnelt einem

Roman wie Bernard

Cornwells „Das Zeichen des

Sieges“.

Dies hat allerdings den

Nachteil, dass der Autor teilweise

sehr lax mit seinen Quellen

umgeht – es ist nicht immer

klar, woher Featherstone seine

Informationen bezieht. Trotzdem:

Wer eine gut lesbare Einführung

in die Geschichte des

englischen Langbogens von

circa 1200 bis in das 16. Jahrhundert

sucht, ist mit diesem

„Oldie“ sehr gut beraten.

Donald Featherstone: Bowmen

of England. Nur in englischer

Sprache erhältlich.

7

Foto: Archiv CLAUSEWITZ


Clausewitz

Magazin

ZEITSCHICHTEN

Heute: Das Brandenburger Tor in

Berlin ist als eines der bekanntesten

Wahrzeichen Deutschlands ein Touristenmagnet.

Seit dem Ende der DDR

wird es häufig mit der Wiedervereinigung

assoziiert.

Die Fotocollage des russischen Fotografen Sergey Larenkov stellt

eindrucksvoll visualisiert einen Brückenschlag zwischen Vergangenheit

und Gegenwart her. www.sergey-larenkov.livejournal.com

Damals: Ein russischer Panzer unter

der Quadriga 1945 symbolisiert den

endgültigen Fall des „Dritten Reichs“.

Die Grenze zwischen Ost und West im

anschließenden Kalten Krieg verläuft

genau hier.

www.sergey-larenkov.livejournal.com

Foto: VIANOVA

BUCHEMPFEHLUNG

Briefe von der Front

Feldpost eines Badischen Leib-Grenadiers 1914-1917

Im Alter von 20 Jahren

wird Hermann Föller

zum 1. Badischen Leib-

Grenadier-Regiment Nr.

109 eingezogen und

kommt im Jahr 1914 an

die Westfront. Drei Jahre

später erliegt der junge

Grenadier einer Verwundung –

dazwischen liegen 919 Tage im

Schützengraben und über 360

von ihm geschriebene Briefe in

die Heimat. Das Buch „Feldpost

eines Badischen Leib-Grenadiers“

bietet anhand dieser Briefe und

anderer historischer Dokumente

eine ganz persönliche und unmittelbare

Perspektive der dramatischen

Ereignisse.

Karten, Zeichnungen und

Hintergrundinformationen lie-

Herausragend: Die aufwendige

Aufmachung des Buches

unterstreicht die hohe inhaltliche

Qualität.

fern den Kontext zu den

Briefen und Fotografien

und ergeben zusammen

ein detailliertes

und faszinierendes Werk. Die

hervorragende Aufmachung

rundet die Lektüre ab – ein

Buch, das den Leser vom ersten

Moment an nicht mehr los und

in das Leben Hermann Föllers

eintauchen lässt.

Susanne Asoronye (Hg.): Feldpost

eines Badischen Leib-Grenadiers

1914-1917. Mehr Informationen

und Bestellmöglichkeit unter:

www.feldpostbuch.de

NEUERSCHEINUNG

Deutsche Auszeichnungen

Wichtige Orientierungshilfe für ein vielschichtiges Thema

Wann, Warum, Wofür? Wenn

uns die Auszeichnungen

der NS-Zeit beschäftigen, stellen

sich zwangsläufig diese Fragen.

Angesichts der aktuellen

Medienvielfalt und der nicht

enden wollenden intensiven

Auseinandersetzung mit der

Zeitgeschichte des „Dritten Reiches“

sind die Orden und Ehrenzeichen

aus der Zeit des Nationalsozialismus

eher ein

Randthema. Doch für

Redakteure bei den Medien,

für Autoren, Filmemacher

und historisch

Interessierte ist es

Orden und Ehrenzeichen der

Wehrmacht 1936-1945 im

Überblick.

ein wichtiges Thema. Um den

Überblick und einen ersten Einblick

geht es in dem Typenkompass

„Deutsche Auszeichnungen“.

Vertiefende Texte, exzellente

farbige Fotodarstellungen der

Vorder- und Rückseiten der

Auszeichnungen und zugeordnete

Beispiele von Besitzzeugnissen

machen das Buch zu

einer wichtigen Orientierungshilfe.

Volker A. Behr

Deutsche Auszeichnungen

– Orden und

Ehrenzeichen der

Wehrmacht 1936-

1945

Motorbuch Verlag

128 Seiten, 9,95 EUR

Foto: Motorbuch Verlag

8


„Parchim“-

Klasse

der NVA

Foto: picture-alliance/Wolfgang Weihs

MUSEUMSTIPP

Celler Garnison-Museum

300 Jahre Militärgeschichte

Das Celler Garnison-Museum

widmet sich der Geschichte

des in der niedersächsischen

Stadt stationierten Militärs. In

konzeptioneller Abstimmung

mit dem Bomann-Museum, das

die hannoversche Zeit behandelt,

beginnt das Garnison-Museum

seine Ausstellung mit den

auch für Celle weitreichenden

Veränderungen des Jahres 1866

(der Annexion des Königreichs

Hannover durch Preußen infolge

des verlorenen „Deutschen

Krieges“). Es führt seine Besucher

durch insgesamt drei Jahrhunderte

deutscher Geschichte

bis in die Gegenwart hinein.

Militärgeschichte sollte nicht

isoliert und „für sich“, sondern

immer auch im Zusammenhang

mit der historischen Gesamtentwicklung

der jeweiligen Epochen

behandelt, vermittelt und

verstanden werden. Insofern ist

Militärgeschichte ein Aspekt der

Landesgeschichte und Garnisongeschichte

ein wesentlicher

Bestandteil der Stadtgeschichte.

Die Dauerausstellung

des Museums präsentiert

mehr als 1.000 Objekte.

Dabei hat die Mehrzahl

der umfangreichen

Sammlung unmittelbaren

Bezug zur Stadt und

zur Region: Uniformröcke,

Silberbesteck, Reservistenbilder,

Urkunden,

Säbel und zahlreiche

weitere Exponate zeugen

von der wechselvollen

Geschichte der Stadt

als Truppenstandort.

Darüber hinaus „erzählen“

sie die Lebensgeschichten von

Menschen, die einst im Militär

dienten, vom einfachen Soldaten

bis zum General. Wohl einzigartig

in Norddeutschland ist der

umfangreiche Bestand des Museums

an britischen Uniformen

und Erinnerungsstücken, die die

lange Anwesenheit britischer

Britische Soldaten bei einer Militärparade durch die Innenstadt von Celle im Jahr 1971.

Truppen in Celle dokumentieren.

Technikgeschichtlich interessierte

Besucherinnen und Besucher

finden zudem eine bedeutende

Spezialsammlung vor: Nachrichten-

und Fernmeldegeräte

sämtlicher deutscher Streitkräfte

vom Kaiserreich bis in die Gegenwart.

Kontakt:

Celler Garnison-Museum

Hafenstraße 4

29221 Celle

Tel.: 05141 / 21 46 42

www.garnison-museum.celle.de

Öffnungszeiten:

Immer mittwochs von 13:00 bis

18:00 Uhr und sonnabends von

10:00 bis 14:00 Uhr

Vom 1. Dezember bis inkl. 28. Februar

sowie an Feiertagen ist das

Museum geschlossen.

Briefe an die Redaktion

Allgemein zu CLAUSEWITZ 2/2013:

Erstmal ein Lob voran: mit CLAUSEWITZ

ist Ihnen ein sehr gutes Magazin für Militärgeschichte

gelungen. Ich bin ein junger

und treuer Leser und bin sehr zufrieden

damit. Unter den anderen historischen

Magazinen sticht Ihres besonders durch

die großzügige Illustration heraus. In der

Ausgabe 2/2013 gefällt mir als Neuerung

das Inhaltsverzeichnis, das durch die Titelbilder

der Artikel ergänzt wurde. Außerdem

ist die Idee mit dem „Damals und

heute“-Bild von Ihnen sehr gut umgesetzt

worden. Der Artikel über den Koreakrieg

hat mir sehr gefallen, da dieses Thema

leider immer mehr in Vergessenheit geraten

ist. Dieser Krieg war die erste kriegerische

Auseinandersetzung zwischen Ost

und West – ein bedeutendes Ereignis im

Kalten Krieg. (...) Ebenso gut gelungen

finde ich den Hauptartikel über die

Schlacht von Kursk und den Artikel „Miltärtechnik

im Detail“. Für die Zukunft

würde ich mir Artikel zu nicht so alltäglichen

Themen wie dem sowjetisch-afghanischen

Krieg oder der Schlacht um Chalchin

Gol während des japanischsowjetischen

Grenzkonfliktes wünschen,

da viele dieser Themen weitreichende

Folgen haben aber dennoch vergessen

sind. Yannik Alexander, per E-Mail

Zu „Der Anfang vom Ende ,General’

Custers“ in CLAUSEWITZ 1/2013:

G.A. Custer war aus dem US-Bürgerkrieg

mit zwei Generalsrängen zurückgekehrt:

zum einen als Generalmajor der Freiwilligen

Verbände (U.S. Volunteers), zum anderen

als Generalmajor der regulären US-Armee

(U.S. Army). Damit war er der jüngste

Generalmajor in der Geschichte des USamerikanischen

Heeres, er zählte gerademal

26 Jahre. Bei Beginn des Bürgerkrieges

war er noch Leutnant gewesen.

Als Befehlshaber des 7. US-Kavallerieregiments

war seine Dienststellung (und

sein Sold) de facto „nur“ die eine Oberstleutnants,

der Generalstitel war ein Titular-Rang,

er hatte Anspruch auf die Anrede

„General“ und auf alle militärischen

und protokollarischen Ehren eines Generals.

Die Anführungszeichen in der Überschrift

des Artikels von Herrn Kreuzer sind

überflüssig.

Es passt zum Wesen von G.A. Custer,

dass er vor dem Aufbruch seines Regiments

zum Little Bighorn

die ihm angebotenen Gatling-Maschinengewehre

zurückwies (sie würden

nur die Schnelligkeit seines

Vormarschs behindern)

und die Säbel der

Truppe im Fort einlagern

ließ (sie könnten durch

klappern am Sattelzeug indianische Späher

warnen). Die Säbel wären im Nahkampf

wohl nützlicher gewesen als im

Depot, desgleichen die Gatling-MG. Zumal

höchstens die Hälfte der indianischen

Krieger am Little Bighorn mit Schusswaffen

ausgestattet war, und das waren nicht

alles moderne Repetiergewehre.

Kurz vor der Schlacht war in den heiligen

Bergen der Lakota-Sioux Gold gefunden

worden. Die Lakota weigerten sich,

ihre „Black Hills“ zu verkaufen.

Mit Custers Niederlage hatte man seitens

Clausewitz

2/2013 März | April €5,50 A: € 6,30 CH: sFr 11,00 BeNeLux: € 6,50 SK, I: € 7,45 S: SKR 75 N: NOK 79 FIN: € 8,10

Das Magazin für Militärgeschichte

MILITÄR & TECHNIK:

Schreiben Sie an:

redaktion@clausewitz-magazin.de oder

CLAUSEWITZ, Postfach 40 02 09, 80702 München

Clausewitz

NEUE SERIE

Militärtechnik

im Detail

Teil 1: Sherman M4

Erich

von

Manstein

Hitlers

umstrittener

Stratege

US-Fort Abraham

Lincoln

Custers letzter Posten

Lechfeld 955

Wie Otto I. über die

Ungarn triumphierte

Unternehmen „Zitadelle“

Schlacht um

Kursk

1943 Zeitzeuge

U-Jäger der Bundesund

Volksmarine

der Schlacht:

Kriegsteilnehmer Anton Bumü ler berichtet

von den Ereigni sen bei Kursk.

der USA d e n Grund gefunden,

mit allen Mitteln

(nicht nur) gegen die Lakota

vorzugehen, schon

ein Jahr nach Custers Desaster

waren die Lakota

endgültig besiegt und die

Goldfelder der Black Hills

US-amerikanischer Besitz.

Trotzdem: General Custer,

NICHT „General“.

Jürgen Kaltschmitt, per E-Mail

Zu „Kursk 1943 – Unternehmen Zitadelle“

in CLAUSEWITZ 2/2013:

Da es sich bei dem Panzer auf Seite 19

höchstwahrscheinlich um einen T34/85

handelt kann die Aufnahme nicht vom

Kursker Bogen zum Zeitpunkt von „Zitadelle“

stammen. Dieses Modell kam erst

Anfang 1944 zum Einsatz.

Thomas Grosse, per E-Mail

Leserbriefe spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Die Redaktion behält sich vor,

Leserbriefe aus Gründen der Darstellung eines möglichst umfassenden Meinungsspektrums

sinnwahrend zu kürzen.

„Thetis“-Klasse der

Bundeswehr

Clausewitz 3/2013 9


Titelgeschichte

Alliierte Luftangriffe – „Operation Gomorrha“

Bomben auf

24. Juli 1943: Fast 800 Bomber der Royal Air Force befinden sich auf dem Weg in Richtung

Hamburg. Ihre tödliche Mission ist der Auftakt zu einer Serie schwerer alliierter Luftangriffe,

die das „Gesicht“ der Stadt Hamburg für immer veränderten... Von Peter Cronauer

10


HILFLOS:

Die Einwohner von Hamburg – sofern sie nicht den

Luftangriffen zum Opfer fallen – müssen der Zerstörung

ihrer Heimatstadt in mehreren alliierten Tag- und

Nachtangriffen tatenlos zusehen. Ganze Stadtteile

werden im Sommer 1943 in Schutt und Asche gelegt.

Die alliierten Luftangriffe sollen die deutsche Zivilbevölkerung

demoralisieren.

Foto: SSPL/National Media Museum/Süddeutsche Zeitung Photo

Hamburg

Clausewitz 3/2013

11


Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

FAKTEN

Alliierte Luftangriffe auf Hamburg, Sommer 1943

Schwere alliierte Luftangriffe im Rahmen der Operation „Gomorrha“:

Mehr als 3.000 Flugzeuge kommen zum Einsatz, rund 9.000 Tonnen* Sprengbomben und

Luftminen werden über dem Stadtgebiet von Hamburg abgeworfen.

24.–25. Juli: Nachtangriff der Royal Air Force (RAF)

25. Juli: Tagangriff der United States Army Air Forces (USAAF)

27.–28. Juli: Nachtangriff der RAF

28. Juli: Tagangriff der USAAF

29.–30. Juli: Nachtangriff der RAF

2.–3. August: Nachtangriff der RAF

Dazwischen wurden noch leichtere Angriffe durchgeführt, beispielsweise durch Mosquito-

Schnellbomber in der Nacht vom 28. auf den 29. Juli 1943.

(*ohne US-Angriffe)

12


Große alliierte Bomberverbände

GEWALTIGE BOMBENLAST:

Die Royal Air Force leitet die Operation

„Gomorrha“ mit ihrem schweren Luftangriff

in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943

ein und verwüstet dabei große Teile der Elbmetropole

Hamburg – vor allem Wohnviertel

werden schwer getroffen. Foto: ullstein bild – Bunk

Clausewitz 3/2013

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Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

FAKTEN

Deutsches Reich

Verluste und Schäden in der Großstadt Hamburg

Schätzungsweise mehr als 35.000 Tote und 120.000 Verletzte.

Bei den Angriffen im Juli/August 1943 werden fast 280.000

Wohnungen, und mehr als 3.000 Betriebe zerstört. Unzählige

Baudenkmäler und Kunst- und Kulturschätze gehen unwiederbringlich

verloren.

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In Schutt und Asche

UNVORSTELLBAR:

Das Ausmaß der Zerstörungen infolge der

alliierten Luftangriffe auf Hamburg sprengt

jede Vorstellungskraft. Ganze Straßenzüge

werden durch Feuerstürme ausradiert, Zehntausende

Menschen verlieren ihr Leben.

Foto: ullstein bild - LEONE

Clausewitz 3/2013

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Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

AUF KNOPFDRUCK: Blick ins Innere

eines RAF-Bombers mit dem Auslöser für die

Öffnung des Bombenschachtes.

Foto: picture-alliance/Illustrated London News Ltd

Am 24. Juli 1943 herrscht auf vielen

Flugplätzen Großbritanniens seit den

frühen Morgenstunden emsige Betriebsamkeit.

Bis zum Abend müssen fast

800 Bomber für den von Luftmarschall Arthur

Harris befohlenen Einsatz gegen die

deutsche Großstadt Hamburg bereit sein.

Das Bodenpersonal hat alle Hände voll zu

tun.

Auch die Besatzungen der Flugzeuge bereiten

sich auf den kommenden Einsatz vor.

Piloten und Navigatoren nehmen an den

Vorbesprechungen teil, studieren ihre Unterlagen,

die Bordschützen ruhen sich aus.

Viele sind angespannt, denn die deutsche

Luftverteidigung ist ein gefährlicher

Gegner – seit Monaten steigen die Bomber-

Verluste der Royal Air Force (RAF) kontinuierlich

an. Von manchen Einsätzen kehrte

in der letzten Zeit fast ein Drittel der eingesetzten

Maschinen nicht zurück. Alleine

während der kürzlich abgeschlossenen

viermonatigen „Schlacht um die Ruhr“ hatte

es rund 3.000 Flugzeuge erwischt. Davon

kehrten zwar mehr als 2.000 – viele schwer

beschädigt – wieder zurück, doch fast 900

Maschinen gingen verloren. Und weil in jeder

davon eine mehrköpfige Besatzung saß,

handelt es sich um den Verlust von insgesamt

mehreren Tausend Kameraden.

Dass diese Verluste dennoch nicht einmal

fünf Prozent betragen – bezogen auf die gesamte

Einsatzstärke der britischen Bomberflotte

– ist dabei nur ein schwacher Trost.

Nach stundenlanger Vorbereitung ist es

schließlich soweit: Die ersten Maschinen

UMSTRITTEN: Arthur Harris, Oberbefehlshaber

des RAF Bomber Command, setzte auf Flächenbombardements

in deutschen Städten,

um die Zivilbevölkerung zu demoralisieren.

Foto: ullstein bild

rollen an den Start, fliegen zum Sammelpunkt

und warten auf die anderen. Rund

800 Maschinen in die Luft zu bringen, dauert

seine Zeit. Mitunter kreisen die ersten

Bomber bereits seit Stunden in der Warteschleife,

während die letzten noch am Boden

sind; doch nach einer ausgeklügelten

Choreografie sind irgendwann alle in der

Luft.

Die „Wellen“ formieren sich

Die jeweiligen Staffeln schließen sich zusammen,

laufend stoßen weitere dazu, jede

Besatzung sucht die ihr zugewiesene Position.

Es ist nicht egal, welche Maschine wo

fliegt, denn die Fracht im Bombenschacht

ist nicht bei allen Bombern gleich. Einige

transportieren bis zu vier Tonnen schwere

Luftminen, andere Sprengbomben verschiedener

Kaliber und wieder andere

Stabbrandbomben oder Phosphorkanister.

Um die gewünschte Wirkung über dem

Zielort zu erzielen, muss diese Mischung in

einer bestimmten Reihenfolge abgeworfen

werden – entsprechend ist die Formation

durchdacht und ihre Umsetzung erfordert

Disziplin. Nach und nach bilden sich die

einzelnen „Wellen“, reihen sich in der Höhe

gestaffelt hintereinander ein, allmählich erhält

die Formation ihre Gestalt. Schließlich

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Bombenhagel auf deutsche Städte

IM VERBAND: US-Bomber werfen ihre todbringende

Fracht über einer deutschen

Stadt ab, Aufnahme aus dem Jahr 1943.

Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

setzt sich die ganze Formation in Bewegung.

Die Pfad- und Zielfindermaschinen

fliegen voraus, die anderen folgen ihnen im

Abstand von etwa fünf Minuten, ein weiterer

„Bomberstrom“ geht auf Kurs in die

Nacht hinaus.

Unterdessen endet auf dem Fliegerhorst

Parchim rund 40 Kilometer südlich von

Schwerin die allabendliche Einsatzbesprechung

für die Besatzungen der zweiten

Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 5.

IM FEUERSTURM:

Das Gemälde „Bombennacht“

zeigt die

brennende Kirche

St. Katharinen in

Hamburg. Das Bild

hängt im Hamburger

Rathaus.

Abb.: picture-alliance/

akg-images

Nach und nach betreten Flugzeugführer

und Bordfunker die halbdunklen Bereitschaftsräume,

nehmen in Sesseln, oder um

Tische herum Platz. Manche besprechen

mit gedämpften Stimmen die letzten Einsätze,

andere spielen Schach, oder hören

mit geschlossenen Augen Musik.

Gegen 22:00 Uhr wird Sitzbereitschaft

angeordnet. Über der Nordsee werden

Feinderfassungen gemeldet, aber zu diesem

Zeitpunkt kann noch keiner vorhersagen,

wohin es diesmal gehen und welche

Stadt es treffen wird. Vielleicht wieder Berlin?

Oder Stettin? Ein weiteres Mal schlüpfen

die Besatzungen in ihre Kombinationen,

eilen zu ihren Maschinen, klettern hinein,

schnallen sich an, legen FT-Hauben,

Atemmasken und Fallschirme an, und warten

auf den Startbefehl. Unter den Männern

ist auch ein Leutnant namens Peter Spoden.

Warten auf den „scharfen“ Einsatz

Der 1921 geborene Spoden meldete sich

1940 freiwillig zur Luftwaffe und wollte

Nachtjäger werden. Seine Ausbildung dauerte

insgesamt 27 Monate. Seit dem 1. Juni

1943, also seit beinahe acht Wochen, gehört

er nun schon der 6. Staffel des Nachtjagdgeschwaders

5 an, ohne bislang auch nur einen

„scharfen“ Einsatz geflogen zu haben.

Während seiner Ausbildung durchlief er im

Schnelldurchgang die wichtigsten Entwicklungsstufen

der bisherigen deutschen

Nachtjagd: von der „hellen Nachtjagd“ der

Jahre 1940 und 1941, als Scheinwerferbatterien

den Nachthimmel ausleuchteten, damit

die Jagdflieger auch nachts auf Sicht angreifen

konnten, bis zum Sommer 1941, als

die „helle Nachtjagd“ allmählich in die

„dunkle“ überging. Neue Ortungsverfahren,

die mittels Funkmesstechnik feindliche

Clausewitz 3/2013

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Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

Flugzeuge im Nachthimmel ausmachen

und eigene an sie heranführen können,

wurden damals eingeführt. Beim sogenannten

„Himmelbett“-Verfahren werden

die Nachtjäger vom Boden aus geleitet und

an den Gegner herangeführt.

Das ging bis auf drei- bis vierhundert

Meter genau, die restliche Distanz musste

dann der Flugzeugführer mit seinem Sehvermögen

überbrücken, wie es auch Peter

Spoden am eigenen Leib erfuhr: „In einer

hellen Mondnacht bereitete das Erkennen

eines Gegners aus drei- bis vierhundert Metern

Entfernung keinerlei Probleme. In einer

dunklen Nacht konnte man immerhin

noch 200 bis 300 Meter weit sehen, doch bei

starkem Dunst oder Wolken gar nichts

mehr.“

BEI TAGE: Drei Maschinen vom Typ

Short Stirling. Dieser Typ war nach der

Avro Lancaster der bei der Operation

„Gomorrha“ am häufigsten eingesetzte

RAF-Bomber.

Foto: RAF

Bordeigenes Radar

Bei der 6./NJG 5 begegnete er dann erstmals

dem „Lichtenstein“-Gerät. Damit ausgerüstete

Maschinen erkannte man am

„Drahtverhau“ vor dem Bug. Allerdings

war das bordeigene Radargerät den Einsatzverbänden

vorbehalten, im Schulungsbetrieb

gab es das noch nicht. Peter Spoden,

der davon ausging, sogleich gegen die Engländer

eingesetzt zu werden, wurde von

seinem Gruppenkommandeur, Hauptmann

Rudolf Schönert, gebremst: „Langsam,

langsam. Machen Sie sich erst einmal

mit ihrem Funker und dem Lichtenstein-

Gerät vertraut.“

Spodens Funker war ein 19 Jahre alter

Unteroffizier aus der Region des Teutoburger

Waldes. In den nun folgenden Tagen

und Wochen lernten sich die beiden gegenseitig

und gemeinsam jene neue Technik

kennen:

„Unsere Messerschmitt Bf 110 trug vor

dem Bug Antennen zum Senden und Empfangen

im Dezimeterbereich. Im Inneren

des Rumpfes befanden sich vor dem Funkersitz

drei Braunsche Röhren zur Wiedergabe

von elektrischen Impulsen. Die Radarechos

eines voraus fliegenden Flugzeugs

stellten sich hier als leuchtende Zacken dar,

aus denen der Funker bei richtiger Interpretation

die Flughöhe und Flugrichtung

des Gegners und die Distanz zu ihm herauslesen

kann.“

Ortung des Gegners

Über die bordeigene „EiV“, die „Eigenverständigung“,

dirigierte dieser dann seinen

Flugzeugführer zum jeweiligen Übungsgegner

hin:

„Höher, höher! … Links, mehr links! …

Rechts oben muss er sein! … Distanz 300

Meter … 100 Meter … langsamer! … Wir

überschießen!“

In unzähligen Zieldarstellungs-, Messund

Werkstattflügen übten sie diese Vorgehensweise,

bei jedem Wetter, am Tag und in

der Nacht. Dabei wäre jederzeit ein „scharfer

Einsatz“ möglich gewesen. Nachtangriffe

der RAF gab es genug, doch bislang war

die Besatzung Spoden nicht zum Zug gekommen,

weil jede „Himmelbett“-Stellung

jeweils nur einen Nachtjäger leiten kann.

Also lösten die Besatzungen einander ab:

„Den Anfang bildeten immer die erfahrenen

Besatzungen, die regelmäßig Abschüsse

erzielten. Ging dann der Kraftstoff

der ersten Maschine zur Neige, bekam der

nächste Nachtjäger Startbefehl. Ich befand

mich meist am Ende der Wartereihe...“

GETROFFEN: Brennende Öltanks verdunkeln den Himmel über dem Hafen von Hamburg.

Auch das Hafenviertel mit seinen Industrieanlagen erlitt schwere Schäden.

Foto: picture-alliance/dpa

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Alliierte Bomberströme nähern sich

Deshalb weiß auch die Besatzung Spoden

nicht, was auf sie zukommt, als die beiden

am Abend jenes 24. Juli 1943 zur „Sitzbereitschaft“

in ihre Maschine klettern. Werden

sie wieder einmal dasitzen und warten

bis zum Morgengrauen?

Zur gleichen Zeit, im rund 430 Kilometer

südwestlich von Parchim gelegenen Stade

an der Niederelbe: Im Mammut-Gefechtsbunker

der 2. Jagddivision wächst die

Anspannung, er ist eine von fünf Schaltzentralen

der deutschen Reichsverteidigung.

Hier laufen die Meldungen von Horchposten,

Radarstellungen und sonstigen Beobachtungs-

und Frühwarnsystemen zusammen;

von hier aus werden die Gegenmaßnahmen

der ihr unterstellten Flak und

Nachtjagd koordiniert.

Den gewaltigen Innenraum des Bunkers,

der mit seinen höhengestaffelten Sitzreihen

einer Sporthalle oder einem Theater

STANDARDNACHTJÄGER: Maschinen

vom Typ Messerschmitt Bf 110 bilden

bis Kriegsende neben der Junkers Ju 88

das Rückgrat der deutschen Nachtjagdgeschwader.

Foto: Dietmar Hermann

„Ich beglückwünsche die britischen Luftstreitkräfte

und begrüße ihre Absicht, die Bombenangriffe auf

Deutschland zu verstärken.“

Vertrauliche Botschaft Josef Stalins an Winston Churchill vom 30. Juli 1943.

ähnelt, dominiert in der Mitte eine riesige

Milchglasscheibe, die beinahe die gesamte

Höhe und Breite des Raumes einnimmt.

Auf ihr ist die Landkarte des Deutschen

Reichs zu sehen, vom darüber gelegten

Quadratnetz der Jägerführung in Planquadrate

unterteilt. Auf diese Karte werden jeweils

die wandernden Positionen von einfliegenden

Feindflugzeugen und eigenen

Maschinen projiziert. Dafür sitzen auf der

STOLZERFÜLLT: Ein Nachtjagdpilot der Luftwaffe vor dem Seitenleitwerk

seiner Maschine, auf dem drei Abschüsse britischer

Bomber markiert sind. Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

einen Seite der Glaswand Dutzende von

Luftwaffen-Nachrichtenhelferinnen. Jede

von ihnen hat zwei „Bildpunktwerfer“ vor

sich – Urahnen heutiger Laserpointer – sowie

ein Telefon, das direkt mit einer Funkmessstellung

(Radar) verbunden ist. Sobald

diese einfliegende Bomberverbände ortet,

werden die entsprechenden Angaben dem

Gefechtsstand übermittelt. Die vermutete

Anzahl der Flugzeuge, deren Kurs und

FIEBERTE SEINEM EINSATZ

ENTGEGEN: Nachtjäger

Peter Spoden. Foto: Peter Spoden

Flughöhe sowie das Jägerquadrat werden

genannt, in dem sie sich gerade befinden.

Lautet eine Meldung beispielsweise „Etwa

120 Flugzeuge in Gustav Cäsar fünf,

Kurs Ost, Höhe 5.000“, dann richten die

Nachrichtenhelferinnen ihre beiden Bildpunktwerfer

auf das entsprechende Jägerquadrat

in der Lagekarte auf der großen

Milchscheibe. Dort zeigen jetzt rote Lichtpunkte

die aktuelle Position des Gegners

an, dessen Bewegungen werden von nun

an laufend aktualisiert.

Ruhe vor dem Sturm

Auf der anderen Seite der Glaswand sind

die roten Punkte gut zu sehen. Dort sitzen

in langen Reihen die Jägerleitoffiziere und

darüber der Kommandeur sowie die Verbindungsoffiziere

mit ihren Schaltpunkten,

über die sie mit sämtlichen Jagdverbänden,

Nachtjagdstellungen und dem Flugmeldedienst

verbunden sind. Nochmals eine Etage

höher sitzen wiederum Dutzende weiterer

„Lichtpunktwerfer“, die mit grünen

Punkten die Position der eigenen Maschinen

markieren.

Auch hier beginnt der Abend des 24. Juli

1943 zunächst ruhig. Seit dem schweren

Angriff auf Aachen elf Tage zuvor hatte sich

nichts Gravierendes mehr ereignet. Kurz

vor Mitternacht laufen dann doch erste

Meldungen ein. Wieder einmal wandern

rote Lichtpunkte langsam auf der Milchglaskarte

über die Ostsee, parallel zur deutschen

Küste Richtung Osten. Die ersten

Messerschmitt Bf 110 und Junkers Ju 88

vom der 2. Jagddivision unterstellten

Nachtjagdgeschwader 3 starten von ihren

Fliegerhorsten in Stade, Vechta, Wittmundhafen,

Wunstorf, Lüneburg und Kastrup,

Clausewitz 3/2013

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Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

und nehmen ihre Wartepositionen in ihren

jeweiligen „Himmelbetten“ über der deutschen

Nordseeküste ein.

Inzwischen steht fest, dass die voraus fliegenden

„Pfadfinder“-Maschinen die Vorboten

sind für einen großen, aus mehreren

hundert Maschinen bestehenden Bomberstrom

des Gegners. Was hat dieser vor? Er

steuert direkt auf die Elbmündung zu. Wird

er davor abschwenken? Nach Süden? Oder

über Norddeutschland hinweg Richtung

Ostsee? Vielleicht sogar in Richtung Berlin?

Verheerender Radarausfall

Doch plötzlich bleiben die roten Lichtpunkte

auf der Glaswand stehen, verharren minutenlang

auf ein und demselben Fleck.

Nervosität macht sich breit. Was ist da los?

Der Nachrichtenoffizier schaltet sich in die

Direktleitungen zu den Radarstellungen ein

Das Flakkampfabzeichen der

Luftwaffe war eine Auszeichnung

der Wehrmacht und wurde

am 10. Januar 1941

durch den Oberbefehlshaber

der Luftwaffe, Hermann Göring,

gestiftet. Die Verleihung

des Abzeichens sollte

die Erfolge der Flakartillerie

sowohl bei der Abwehr

von Luftangriffen als auch

im Erdkampf würdigen.

Foto: picture-alliance/Artcolor

„Wir haben hier die Zerstörung einer Millionenstadt

festzustellen, die bisher in der Geschichte wohl kein

Beispiel findet. Es tauchen damit Probleme auf, die

fast nicht zu bewältigen sind.“

Propagandaminister Joseph Goebbels, Tagebucheintrag vom 29. Juli 1943

und erhält auf seine Fragen überall dieselbe

Antwort: „Die Geräte sind gestört, oder ausgefallen.“

Vor allem die „Würzburg“-Geräte

sind betroffen, über ihre Bildschirme flimmern

nur noch wirre Echozacken, aus denen

ist nichts Brauchbares herauszulesen.

Das ist eine fatale Situation, denn von den

präzisen Angaben der „Würzburg“-Geräte

hängt die Führung der Nachtjäger in ihren

„Himmelbetten“ ab, und nicht nur die, sondern

auch die der Flak. Sowohl die einen,

als auch die anderen, tappen nun im Dunkeln,

und die Jägerleitoffiziere können augenblicklich

gar nichts für sie tun. Auch die

„Freya“-Geräte funktionieren nicht so wie

gewohnt, zeigen schon mal Tausende von

Flugzeugen an, die sich dann plötzlich wieder

in Nichts auflösen; doch immerhin erkennen

sie den Bomberstrom wenigstens

noch in groben Zügen. Den oben

lauernden Nachtjägern nutzt

das jedoch nicht viel, sie sind

völlig auf sich alleine gestellt.

Tief unter ihnen, im Gefechtsstand,

gilt es, jetzt

bloß nicht die Nerven zu

verlieren; die 2. Jagddivision

bittet den Flugmeldedienst

um Hilfe. Als hätte es

das „Himmelbett“-Verfahren

nie gegeben, als wäre diese

gewaltige hoch technisierte Organisation

der deutschen Nachtjagd

gar nicht existent, wird nun auf

Methoden aus der Anfangszeit des Krieges

zurückgegriffen: auf die Beobachtungen

der über das ganze Land verteilten

Flugwachen am Boden. Diesen zufolge rieseln

in der Nähe von Meldorf, über Dithmarschen,

gelbe Leuchtkaskaden vom

Himmel. Immer wieder neue Kaskaden,

immer über demselben Gebiet: Da haben

wohl „Pfadfinder“-Maschinen eine Wendemarke

gesetzt. Tatsächlich bestätigen

die nächsten Mitteilungen, dass der Bomberstrom

geschlossen nach Südosten

schwenkt, sich parallel zur Elbe weiterbewegend,

hält er direkt auf Hamburg zu.

Seit Kriegsbeginn hatte die alte Hansestadt

bereits eine Vielzahl von Bombenangriffen

zu überstehen, am Tag und in der

Nacht – leichte, von einzeln fliegenden Maschinen

durchgeführte, aber auch schwere,

die bereits deutlich sichtbare Spuren hinterließen.

Ist heute Nacht wieder die Elbmetropole

dran?

TRÜMMERWÜSTE: Ein kleiner Junge

zwischen den kümmerlichen Überresten

Hamburger Wohnblocks.

Foto: picture-alliance/dpa

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Zahlreiche Luftangriffe auf Hamburg

ANGETRETEN: Besatzung und Bodenmannschaft

eines schweren

strategischen RAF-Bombers vom

Typ Short Stirling.

Foto: RAF

HAUPTSACHE AM LEBEN: Menschen stehen Schlange, um eine

Lebensmittelration zu erhalten.

Foto: ullstein bild – Erich Andres

VERHEEREND: Ein britischer Bomber beim Abwurf von Phosphorbomben,

die in den dicht bebauten Stadtvierteln Hamburgs einen

Feuersturm entfachten.

Foto: ullstein bild – Archiv Gerstenberg

Am Boden sind in und um Hamburg

herum mehr als fünfzig schwere, gut zwei

Dutzend leichte Flak- sowie 22 Scheinwerfer-

und drei Nebelbatterien positioniert.

Doch auch die Flak ermittelt ihre Schusswerte

nach den Messdaten der „Würzburg“-Geräte.

Dann, wenige Minuten vor

01:00 Uhr nachts, dringen auch zu ihr keine

brauchbaren Angaben mehr durch. Auf

einen Schlag ist die komplette deutsche

Luftraumverteidigung außer Gefecht gesetzt.

Doch für Ursachenforschung bleibt

jetzt keine Zeit, man kann die ersten Motorgeräusche

bereits hören, die Kommandeure

der Flak müssen improvisieren. Wenn

schon kein gezieltes Schießen möglich ist,

soll „Sperrfeuer“ die Angreifer wenigstens

einschüchtern.

Bomber über dem Zielgebiet

Deren „Pfadfinder“-Maschinen befinden

sich inzwischen über dem Stadtgebiet. Sie

sind mit modernster Technik ausgestattet,

unter anderem mit einem von den Briten

als „H2S“ bezeichnetem Bodenradargerät,

das die Umrisse der überflogenen Landschaften

im Inneren der Maschine auf einem

Bildschirm wiedergibt. Seen und

Flüsse zeichnen sich hier als dunkle Flächen

ab, Städte werden als helle Umrisse

dargestellt. Man kann sogar einzelne Flaktürme

erkennen.

Gegen dieses Gerät sind jegliche Tarnversuche

wirkungslos. Selbst bei völliger

Dunkelheit, dichtem Nebel, Schneefall oder

Regen und auch durch eine geschlossene

Clausewitz 3/2013

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Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

BILD DER VERWÜSTUNG: Teile der schwer

beschädigten Werftanlagen von Blohm &

Voss.

Foto: ullstein bild – AP

Wolkendecke hindurch bekommt man damit

ein stets ausgezeichnetes Bild vom Zielgebiet.

Und das besteht in dieser Nacht aus den

Hamburger Stadtteilen Barmbek, Hoheluft,

Eimsbüttel, Altona sowie dem Hafen. Die

„Pfadfinder“ beginnen zu markieren, werfen

sogenannte Christbäume ab: an Fallschirmen

herabschwebende Magnesiumkugeln,

die den nachfolgenden Bombern

das Zielen erleichtern sollen. Hier und da

geht dabei auch etwas daneben, einige

Markierungen werden an der falschen Stelle

abgeworfen, aber darauf kommt es nun

nicht mehr an. Der Auftakt zur Operation

„Gomorrha“ nimmt seinen Lauf.

Im Nachthimmel über Hamburg entsteht

eine unfassbare Geräuschkulisse: In

das Heulen der Sirenen mischt sich das

Stakkato der wütend schießenden Flak, die

Luft füllt sich mit einem anwachsenden

Literaturtipps

Jörg Friedrich: Der Brand – Deutschland im

Bombenkrieg 1940–1945, München 2002.

Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg

1939–1945, Berlin 2004.

DOKUMENT

Auszug aus dem amtlichen Bericht des

Polizeipräsidenten von Hamburg

„Die Straßen waren mit Hunderten von Leichen bedeckt. Mütter mit ihren Kindern, Männer,

Greise, verbrannt, verkohlt, unversehrt und bekleidet, nackend und in wächserner Blässe

wie Schaufensterpuppen, lagen sie in jeder Stellung, ruhig und friedlich oder verkrampft,

den Todeskampf im letzten Augenblick des Gesichts. Die Schutzräume boten das gleiche

Bild, grausiger noch in seiner Wirkung, da es zu dem Teil den letzten verzweifelten Kampf

gegen ein erbarmungsloses Schicksal zeigte.“

Zitiert nach: Dokumente deutscher Kriegsschäden, 5 Bde., Bonn 1958-1964

drohenden, tiefen Brummen, erzeugt von

Tausenden großvolumiger Flugzeugmotoren;

wenige Minuten nach den „Pfadfinder“-Maschinen

hat nun auch der Bomberstrom

das Zielgebiet erreicht.

Wahres Inferno

Eine Welle nach der anderen zieht darüber

hinweg, schwere viermotorige Bomber

vom Typ Avro Lancaster und Short Stirling

öffnen ihre Bombenschächte, Dutzende

zweimotoriger Vickers Wellington tun es

ihnen gleich. Das Pfeifen der fallenden

Bomben geht im allgemeinen Getöse unter.

Luftminen und Sprengbomben explodieren,

straßenzugweise werden Dächer abgedeckt,

Häuserwände krachen zusammen

oder werden aufgebrochen, Fenster und

Türen aus ihren Verankerungen gerissen.

Dazwischen regnen massenhaft lose gebündelte

Stanniolstreifen herunter, und

dann wieder Stabbrandbomben und Phosphorkanister.

Erste Großbrände lodern auf,

die Lichtkeulen der Flakscheinwerfer

durchschneiden immer dickeren Rauch.

Die betroffenen Stadtteile werden von einem

wahren Inferno heimgesucht. Menschen

– vor allem Frauen, Kinder und Alte –,

die es nicht in die Luftschutzbunker geschafft

haben, sterben im Rauch und in den

Flammen. Viele Luftschutzkeller bieten keinen

ausreichenden Schutz.

Inzwischen hatte die 4. Jagddivision in

Döberitz bei Berlin auch der II./NJG 5 in

Parchim Startbefehl erteilt. Diesmal musste

die Besatzung Spoden nicht bis zum Morgengrauen

warten, sie war gleich mit von

der Partie:

„Ich befand mich im ,Himmelbett’-

Raum ,Reiher’ nahe Lübeck, war als einer

der letzten hoch geschickt worden und sah

bereits kurz nach dem Start einen furchtbaren

Flächenbrand westlich von mir. So etwas

hatte ich noch nie gesehen. Mein Gott!

22


Hamburg versinkt in Trümmern

Sollte das etwa Hamburg sein? Die Hansestadt

war noch mehr als 100 Kilometer entfernt,

und trotzdem nicht zu übersehen.

Gleichzeitig bereitete unser Lichtenstein-

Gerät Probleme, mein Bordfunker berichtete

von schweren Störungen, nur ein Flimmern

sei zu sehen, es gab keine ablesbaren

Zacken. Offenbar ging es den „Würzburg“-

Geräten ebenso, auch sie waren gestört,

mein Jägerleitoffizier konnte mich nicht ansetzen.

Da sah ich mit bloßem Auge in großer

Entfernung einige viermotorige Flugzeuge

über der hellen, von Bodenbränden

erleuchteten Wolkenschicht. – Klein wie

Motten, aber unverkennbar Viermots! ,Lassen

Sie mich dort hin!’, rief ich dem Jägerleitoffizier

auf Kurzwelle zu. ,Nein, das

kann ich nicht’, antwortete er, ,das ist außerhalb

meines Raumes und zudem das

Schießgebiet der Flak!’ ,Sprechen sie mit

Berlin’, rief ich, ,lassen sie mich da hin, ich

kann die ,Tommies’ sehen!’ Die Antwort

kam prompt: ,Nein, sie haben im Raum ,Reiher’

zu bleiben. Ich habe schon nachgehört,

wir müssen mit Durchflügen rechnen.’“

Trauerfeier: Gedenkveranstaltung für die Opfer der alliierten Bombenangriffe während der

Operation „Gomorrha“ auf Hamburg vor dem Rathaus der Stadt. Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

Systematische Zerstörung

Peter Spoden ist verzweifelt! Da war er nun

zwei Jahre lang ausgebildet worden, kann

die gegnerischen Flugzeuge sehen, darf

aber nicht hin. Natürlich kommen keine

Durchflüge mehr, und als sein Sprit allmählich

zur Neige geht, landet er vollkommen

niedergeschlagen in Parchim. Auf dem dortigen

Gefechtsstand ist die Hölle los! Alle

Besatzungen, auch die erfahrenen, melden

extreme Störungen und Fehlerfassungen

des Bordradars, kaum einer hat Abschüsse

erzielt. Stattdessen berichten alle von

furchtbaren Bränden und Detonationen,

und dass sie viele „Viermots“ zu Gesicht

bekamen, sie aber nicht angreifen durften.

Umgehend wird die Jagddivision kontaktiert,

vielleicht auch der Oberbefehlshaber

der Luftwaffe Hermann Göring selbst. Von

allen anderen Nachtjagdgeschwadern gehen

gleichlautende Meldungen ein, allerorten

herrscht helle Aufregung.

Mit jenem Angriff britischer Bomber in

der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943 beginnt

die systematische Zerstörung weiter

Teile Hamburgs aus der Luft.

Im Cockpit seiner Messerschmitt wurde

Peter Spoden Augenzeuge des schwersten

Luftangriffs der bisherigen Kriegsgeschichte.

Doch dieser Angriff auf Hamburg war

nur der Auftakt zu einer ganzen Serie von

Bombardierungen – auch durch Verbände

der U.S. Army Air Forces – der Großstadt

an der Elbe. Operation „Gomorrha“ – den

grausigen „Höhepunkt“ bildete der orkanartige

Feuersturm infolge des Angriffs vom

27. Auf den 28. Juli – dauerte insgesamt bis

zum 3. August 1943. Und es war kein Zufall,

dass Spoden und seine Kameraden zur

Untätigkeit verdammt waren: Der Gegner

hatte Mittel und Wege gefunden, um die

deutsche Raumnachtjagd mit einem Schlag

auszuschalten.

Schreckensbilanz

Schätzungsweise mehr als 35.000 Zivilisten

kamen infolge der Luftangriffe der Operation

„Gomorrha“ ums Leben, weit mehr als

100.000 Menschen wurden verletzt, Hunderttausende

obdachlos. Ganze Stadtteile

wurden großflächig ausradiert, bedeutende

Kunst- und Kulturschätze sowie einzigartige

historische Baudenkmäler gingen in den

Flammen unwiederbringlich verloren.

Menschen, die die Stadt noch rechtzeitig

verlassen hatten, wurde im Sommer 1943

unter Hinweis auf fehlende Unterkünfte

und mangelnde Verpflegung dringend abgeraten,

in die in weiten Teilen verwüstete

Stadt zurückzukehren.

Noch heute ragt mahnend die Ruine des

Turmes der St. Nikolai-Kriche in den Hamburger

Himmel. Auf dem Friedhof Ohlsdorf

befindet sich das zentrale Massengrab der

Bombenopfer mit einem Mahnmal zur Erinnerung

an die Opfer von Krieg und Gewalt.

BETONKLOTZ: Der Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg dient heute zivilen

Zwecken.

Foto: picture-alliance/Bildagentur-online/Ohde

Peter Cronauer M. A., Jg. 1964, ist Luftfahrtjournalist

mit dem Schwerpunkt Luftkrieg 1939-1945.

Clausewitz 3/2013

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Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

Luftkrieg über Deutschland – Technologie und Strategie

Kriegsschauplatz

„Himmel“

Sommer 1943: Der Luftraum über dem Deutschen Reich ist Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen

zwischen alliierten Bomberverbänden und deutschen Jägern. Für beide

Seiten spielt besonders die Radar-Technologie eine wichtige Rolle... Von Peter Cronauer

Mitte 1943 ist der Himmel über dem

Deutschen Reich längst ein hoch technisierter

Kriegsschauplatz mit eigenen

Gesetzen. Radar-Technologie spielt hier

eine wesentliche Rolle. Auch das „Himmelbett“-Verfahren

der deutschen Nachtjagd basiert

darauf. Seine Stellungen bestehen jeweils

aus einem „Freya“- sowie zwei „Würzburg“-

Geräten. Ersteres steht bereits seit Kriegsbeginn

im Einsatz und dient mit seiner Reichweite

von bis zu 150 Kilometern als Frühwarnsystem.

Es kann einen anfliegenden

Verband erkennen und seine Flugrichtung ermitteln,

jedoch nicht die exakte Anzahl der

Flugzeuge und ihre genaue Flughöhe. Das

übernimmt kurze Zeit später das im Sommer

1941 einsatzreife „Würzburg“-Gerät.

„Himmelbett-Stellungen“

Im Einsatz verfolgt dann eines der beiden

„Würzburg“-Geräte einen anfliegenden

Bomber, das andere einen eigenen Nachtjäger,

die von beiden erfassten Daten laufen in

einer Leitstelle zusammen. Dort werden

dann die Bewegungen der beiden Flugzeu-

ge – die des Gegners und die des eigenen

Nachtjägers – als roter, bzw. grüner Punkt

auf die Glasplatte eines „Seeburg“-Auswertetisches

projiziert. Ein Leitoffizier beobachtet

die Kursdarstellung der beiden Maschinen

und führt den deutschen Nachtjäger per

Funk an seinen potentiellen Gegner heran.

Seit August 1941 wurde eine „Himmelbett-Stellung“

neben der anderen errichtet.

Mitte 1943 reichen sie bereits in einem breiten

Gürtel von Frankreich entlang der

Nordseeküste bis nach Südnorwegen. Das

„Himmelbett“-Verfahren hat jedoch auch

Schwächen: Der Wirkungskreis jeder Stellung

hängt von der Reichweite des „Würzburg“-Gerätes

ab. Beträgt diese anfangs etwa

35 Kilometer, wächst sie mit dem ab

1942 einsatzreifen „Würzburg-Riese“ auf 70

bis 80 Kilometer an. Doch weiterhin kann

jede Stellung nur ein einziges gegnerisches

Flugzeug erfassen und verfolgen und jeweils

nur einen eigenen Nachtjäger führen,

der sein „Himmelbett“ auch nicht verlassen

darf. Solange dieses System nur einzeln

FORTSCHRITTLICH: Die Antenne des

auf seinem Betonsockel dreh- und

schwenkbaren Radars „Würzburg-Riese“

besaß einen Durchmesser von

7,40 Metern. Die hohe Richtgenauigkeit

des Funkmessgerätes erlaubte

den Einsatz als Feuerleitradar. Es

bildete einen wichtigen Baustein des

deutschen Abwehrkampfes.

Foto: ullstein bild – Photo12/Collection Bernard

24


HINTERGRUND

„Window“ (Radartäuschung)

Für die „Lähmung“ der nächtlichen deutschen

Luftverteidigung sorgen Stanniol-Streifen,

zehn Millimeter breit und 30 Millimeter lang.

In der Auftaktnacht zur Operation „Gomorrha“

werden sie (Tarnname „Window“) erstmals auf

dem europäischen Kriegsschauplatz eingesetzt.

Insgesamt haben die britischen Bomber

davon rund 92 Millionen Stück an Bord. Regelmäßig

werden sie in losen Bündeln ausgestoßen,

flattern in der Luft auseinander, bilden zu

Tausenden flirrende Wolken und senken sich

wie ein Radarstrahlen millionenfach reflektierender

Nebel langsam auf die Erde nieder. Ihre

Reflexionen blenden die Radar- und somit

auch die Flugmelde- und Feuerleitgeräte der

deutschen Abwehr, vereiteln ein gezieltes

Schießen der Flak und setzen das „Himmelbett“-Verfahren

schlagartig außer Gefecht.

ge der bisherigen Luftangriffe diskutiert,

aber auch die weitaus grundlegendere Frage,

ob man einen Krieg – insbesondere einen

Luftkrieg, der auf der Basis internationaler

Abkommen wie den Haager Konventionen

geführt wird – überhaupt gewinnen

kann. Die bisherige Erfahrung zeige, dass

rein militärische Ziele nur schwer zu eliminieren

sind. Es drohe vielmehr ein langwieriger

Schlagabtausch ohne Perspektive.

Politische und militärische Gremien in

Großbritannien suchen daher nach Auswegen

aus diesem Dilemma.

Auf eine „Lösung“ legt man sich schließlich

fest: Am 14. Februar 1942 erlässt das

Britische Luftfahrtministerium die „Area

Bombing Directive“ – die „Anweisung zum

flächigen Bombenangriff“. Dabei handelte

es sich um eine großzügige Auslegung der

von Air Marshall Hugh Trenchard bereits

vor dem Krieg formulierten Doktrin. Dieser

vertrat unter anderem die These, dass die

gründliche und nachhaltige Zerstörung der

gegnerischen Rüstungsindustrie strategisch

weitaus wichtiger sei als beispielsweise

der Sieg in einer Feldschlacht.

Der in Baden-Baden geborene Physiker

und Churchill-Vertraute Frederick A. Lindemann

wird noch konkreter: In einem am

30. März 1942 Churchill überreichten und

IM ANFLUG: Boeing B-17F der 381st

Bomb Group, deren Maschinen an den

Tagangriffen Ende Juli 1943 auf Hamburg

beteiligt sind, im Formationsflug über

dem europäischen Festland. Foto: USAF

fliegende Maschinen abzuwehren hat, die

zeitlich versetzt und in lockerem Verband

in den Luftraum über dem Reich eindringen,

ist diese „gebundene“ Art der Nachtjagd

durchaus effektiv.

Britischer Strategiewechsel

Alleine der Stellung „Tiger“ auf der niederländischen

Insel Terschelling wird die Beteiligung

an rund 150 Nachtabschüssen zugeschrieben.

Doch das britische Bomber

Command ändert seine Strategie. Innerhalb

von einer Stunde, so hatten britische Verantwortliche

errechnet, könne eine „Himmelbett-Stellung“

rund sechs Abschüsse erzielen.

Da werden einzeln fliegende Maschinen

zur leichten Beute. Doch was

geschieht, wenn eine große Anzahl Bomber

die „Himmelbett-Stellungen“ möglichst

gleichzeitig durchstößt? Das müsste die

Verluste doch reduzieren.

Nicht nur aus diesem Grund vollzog die

britische Luftkriegführung im Frühjahr

1942 einen grundlegenden Strategiewechsel.

Im Vorfeld wurden die mäßigen Erfol-

UM LEBEN UND TOD: Bomber des Typs Boeing B-17F der 8. US-Luftflotte werden während

des Tagangriffs auf Hamburg am 25. Juli 1943 von einem deutschen Jäger bedrängt (erkennbar

im Kreis rechts unten). Das gestrichelt dargestellte Zielgebiet – die Blohm & Voss

Werft – ist durch Rauchwolken des vorhergegangen nächtlichen Bombardements durch die

RAF verdeckt.

Foto: USAF

Clausewitz 3/2013 25


Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

TÖDLICHE FRACHT: Eine Avro Lancaster wird für einen weiteren Einsatz

bestückt – in diesem Fall mit der gemischten Abwurflast aus

konventionellen Sprengbomben und einer „Cookie“-Luftmine. Foto: RAF

POSITIONSBESTIMMUNG: Am „Seeburg“-Auswertetisch laufen die

Daten der beiden „Würzburg“-Geräte einer „Himmelbett“-Stellung

zusammen.

Foto: Sammlung W. Johnen

später als „Dehousing Paper“ bezeichneten

Memorandum schreibt er unter anderem,

es sei erwiesen, dass die Zerstörung

seines Heimes den Menschen moralisch

tiefer erschüttere als der Tod von Freunden

und Verwandten. Daher rate er, Lindemann,

dazu, alle Kräfte auf die Produktion

von Bomben und geeigneten Bombern

zu konzentrieren, um bis Mitte 1943 fünfzig

Prozent des Wohnraumes in allen größeren

Städten Deutschlands zu zerstören.

Auf diese Weise könne man die Moral des

deutschen Volkes brechen und die Rüstungsproduktion

komme zum Erliegen.

„Moral Bombing“

Vorrangiges Ziel des „Moral Bombing“ seien

die Arbeiterwohnviertel, diese seien am

dichtesten bebaut. Mit der Annahme dieses

Vorschlags durch das britische Kabinett ist

der Strategiewechsel vollzogen: Fortan ist

die Zerstörung ziviler Bauten nicht mehr

eine bedauerliche Begleiterscheinung von

AVRO LANCASTER B.MK.III

Nach & Thomson FN-20

oder FN-120 Drehturm mit

vier 7,65-mm-MG

Flüssigkeitsgekühlte Packard Merlin

28 12-Zylinder-Reihenmotoren

Nach & Thomson FN-50

oder FN-150 Drehturm

mit zwei 7,65-mm-MG

Angriffen auf militärische Ziele, sondern

eher umgekehrt.

Mit seinem neuen Oberbefehlshaber,

Arthur Travers Harris, erhält das RAF Bomber

Command am 22. Februar 1942 einen

Mann „für’s Grobe“. Er findet zu Beginn

seiner Amtszeit die nötigen Flugzeuge bzw.

technischen Mittel vor, um die wenige Tage

zuvor verabschiedete „Area Bombing Directive“

in die Tat umzusetzen:

Darunter befinden sich unter anderem

schwere viermotorige strategische Bomber

mit hoher Zuladung und großer Reichweite

– Short Stirling, Handley Page Halifax

und Avro Lancaster – sowie ein Hyperbel-

Astronavigationskuppel

für den Navigator

Der 10,5 Meter lange durchgehende

Bombenschacht ermöglicht die Mitnahme

unterschiedlichster oder je nach Bedarf

passend kombinierter Waffenlast

Navigationssystem, das sogenannte GEE-

Verfahren.

„Casablanca beseitigte die letzten moralischen

Hemmungen; wir erhielten für den Bombenkrieg

völlig freie Hand.“

Der Oberbefehlshaber des Bomber Command der RAF, Arthur Harris.

Im Gegensatz zu den US-Bombern gibt

es in der Lancaster keinen Copiloten.

Rechts neben dem Flugzeugführer sitzt

stattdessen der Flugingenieur

Nach & Thomson

FN-5A Drehturm mit

zwei 7,65-mm-MG

Bugkanzel mit Zielvorrichtung

für den Bombenschützen

Foto: RAF

Neue Taktik und Technologie

Hinzu kommt eine neue Taktik: Jetzt fliegen

die Maschinen ihre Zielorte nicht mehr zeitlich

verzögert, weit auseinandergezogen

oder sogar einzeln an und werfen ihre Bomben

dann, wenn sie davon ausgehen, ihr

Ziel erreicht zu haben. Nun durchstoßen sie

die deutschen Nachtjagdräume in einem

großen, möglichst geschlossenen Verband,

um beim eigentlichen Angriff möglichst

viele Maschinen innerhalb kurzer Zeit über

dem Ziel zu konzentrieren. Nach dieser

Methode und im Sinne des „Moral Bombing“

wird Lübeck im Frühjahr 1942 als erste

von vielen deutschen Städten angegriffen.

Doch der Erfolg gibt den Planern nur

vorübergehend Recht: Zwar überfordert

die Taktik des „Bomberstroms“ das „Himmelbett“-Verfahren

zunächst, setzt es aber

nicht vollständig außer Gefecht.

Denn auch hier dreht sich die Entwicklungsspirale

weiter: Im Sommer 1942

kommt auf deutscher Seite das Bordfunkmessgerät

„Lichtenstein B/C“ zum Einsatz

– der letzte Schritt zu einer „echten“ Dunkelnachtjagd.

Das bordeigene Radargerät „sieht“ bis

zu vier Kilometer weit und ermöglicht der

Besatzung eines Nachtjägers den eigenständigen

Endanflug auf seine Gegner, ohne

ihn tatsächlich sehen zu müssen und unabhängig

von einer Leitstelle am Boden. Deren

Jägerleitoffiziere profitierten gleicher-

26


Technologische Entwicklungsspirale

Foto: Sammlung W. Johnen

maßen von der neuen Technik, denn von

nun an können sie freier agieren und führen

mehrere Nachtjäger zugleich. Dass die

Nachtjagd der RAF diesen Stand der Technik

bereits zwei Jahre zuvor erreicht hatte,

ist für die Angehörigen des Bomber Command

nur ein schwacher Trost; ihre Verluste

steigen wieder deutlich an.

Auch das ständige „dem Gegner in die

Karten sehen“ wollen, stellt eine Art eigenen

Kriegsschauplatz dar. Es geht um

Neuerungen und darum, diejenigen des

Gegners wieder unbrauchbar zu machen.

So werden wechselweise Kommunikationseinrichtungen,

der Navigation dienende

Peilfunkanlagen oder auch Radaranlagen

lahm gelegt. Hatte beispielsweise die

RAF im März 1942 ihr neuestes Funknavigationssystem

namens AMES erstmals erfolgreich

eingesetzt, schlägt nur fünf Monate

später der Angriff von mehr als 160 Bombern

auf Osnabrück fehl, weil sämtliche

GEE-Geräte schlagartig versagen. Deutsche

Störsender mit dem Tarnnamen „Heinrich“

leisteten dabei „ganze Arbeit“. Während

nun in England fieberhaft an einem neuen

„Kammhuber-Lichtspiele“ im Gefechtsstand einer Jagddivision

2

3

1

7

BOEING B-17F-95

Heckstand mit

zwei 12,7-mm-MG,

die der Schütze

kniend bedient

Seitliche Waffenstände mit

je einem 12,7-mm-MG

Vier luftgekühlte Wright Cyclone

R-1820-97, 9-Zylinder-Sternmotoren mit

Turbolader und je 1.200 PS Leistung

Sperry Kugelturm mit zwei

12,7-mm-MG – wird beim

Landen eingefahren

Rechts befindet sich die 14 Meter hohe Raum füllende

Milchglasscheibe, darauf ist die Karte des Deutschen

Reiches zu sehen und das darüber gelegte Quadratnetz

der Jägerführung. Jenseits der Glasscheibe und im Bild

nicht zu sehen, sitzen die Luftnachrichtenhelferinnen

mit ihren Lichtpunktwerfern, die mit roten bzw. grünen

Lichtpunkten die Positionen der eigenen und feindlichen

Flugzeuge projizieren.

Die geschwungene Linie bei (4) zeigt den Flugweg

eines Bomberstroms, der sich bei (5) teilt und auf eine

Großstadt (6) zu bewegt.

Bei (1) sitzen der Divisionskommandeur, sein Ia,

der Chef der Operationsabteilung sowie die Verbindungsoffiziere

von Flak, Luftnachrichtentruppe, Heer und Marine.

Auf den Sitzreihen darunter sitzen die Jägerleitoffiziere,

die je nach Luftlage die Nachtjäger per Funk an

den Gegner heranführen.

Auf der Galerie (2) befinden sich weitere sogenannte

Lichtpunktwerfer, die den Weg des Bomberstroms mit

langen Strichen und Pfeilen auf die Glaswand projizieren.

In einem separaten Raum (3) unterziehen Offiziere

eingehende Meldungen einer ersten Prüfung. Die Großraumkarten

(7) zeigen den Raum der Nachbardivisionen,

aus dem der Bomberstrom kam und wohin er womöglich

wieder verschwinden wird, den Korpsbereich sowie

den ganzen Kontinent im Überblick.

4

5

Im Bombenschacht finden bis zu

3.628 Kilogramm Abwurflasten Platz

6

Astronavigationskuppel

für den Navigator

Sperry A-1 Drehturm

mit zwei 12,7-mm-MG

Bis zu drei

einzelne

12,7-mm-MG in

der Bugkanzel

Extreme Aufhängungen für

zusätzliche 906 Kilogramm

Bombenlast – werden wegen

des hohen Luftwiederstandes

kaum im Einsatz verwendet

Navigationssystem namens „Oboe“ gearbeitet

wird, sucht man dort gleichzeitig

nach Methoden, um wiederum die deutsche

Technik auszutricksen. Mit Erfolg:

Beim Angriff auf Mannheim Anfang Dezember

1942 legen in Flugzeugen einbaubare

„Mandrel“-Störsender die „Freya“-

Anlagen erfolgreich lahm.

„Combined Bomber Offensive“

Im Vorfeld der Operation „Gomorrha“ sind

aus britischer Sicht unter anderem zwei Ereignisse

von besonderem Belang:

Am 9. Mai 1943 gelingt den Alliierten ein

großer Coup als eine Besatzung des NJG 3

mit ihrer Junkers Ju 88 in der neuesten

Nachtjäger-Version von Skandinavien aus

nach Großbritannien desertiert. Dieser „Vorfall“

wurde vom britischen Geheimdienst

eingefädelt und war von langer Hand vorbereitet.

Britische Wissenschaftler inspizieren

vor allem das bislang so streng geheim gehaltene

„Lichtenstein“-Gerät, finden heraus,

wie es funktioniert und wie man es überlisten

kann. Innerhalb kurzer Zeit entwickeln

sie „Serrate“, ein Bordradargerät, das seinerseits

„Lichtenstein“ anpeilen kann.

Auf all das findet die deutsche Seite früher

oder später eine angemessene Antwort. Nicht

jedoch auf „S2S“, das bordeigene britische

Panorama-Bodenradar-Gerät. Anfang 1943

bei einem Luftangriff auf Hamburg erstmals

erfolgreich eingesetzt, ermöglicht es den

RAF-Piloten Navigation und Zielfindung,

selbst unter ungünstigsten Bedingungen.

Die im Hinblick auf Operation „Gomorrha“

wichtigste strategische Entscheidung

fällt jedoch im Januar 1943: Als eines von

mehreren Ergebnissen der Konferenz von

Casablanca beschließen Großbritannien und

die USA die „Combined Bomber Offensive“

gegen Deutschland. Die schweren strategischen

Bomberverbände der United States

Army Air Forces sollen tagsüber Industrieanlagen

und diejenigen der RAF nachts

Wohnviertel angreifen. Mit der Operation

„Gomorrha“ wird die „Combined Bomber

Offensive“ erstmalig angewandt.

Foto: Boeing

Clausewitz 3/2013

27


Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

Operation „Gomorrha“ – Das Leid der Zivilbevölkerung

„Es regnete Feuer...“

24. Juli bis 3. August 1943: RAF und USAAF greifen Hamburg mehrfach mit schweren

Bomberverbänden an. Die Folgen für die Stadt und ihre Menschen sind verheerend...

Von Peter Cronauer

TRAGISCH: Ein bis zur Unkenntlichkeit verbrannter

Mensch in einem zerstörten Gebäude in Hamburg

nach einem der schweren Luftangriffe im Rahmen

der Operation „Gomorrha“. Foto: Barch, Bild 183-R93452

28


Das Kriegstagebuch des RAF Bomber

Command weist militärische Ziele als

Angriffsgrund aus. Namentlich sind

die Industrieanlagen von Blohm & Voss genannt.

Tatsächlich richten sich die Angriffe

jedoch im Sinne der „Area Bombing Directive“

sowie des „Moral Bombing“ vor allem

gegen die Wohnviertel der Zivilbevölkerung.

Dabei wirkt sich die Heftigkeit der Angriffe

sogar negativ auf die Zusammenarbeit

der Briten mit den US-Verbänden aus. Laut

deren Kriegstagebuch greifen im Rahmen

der „Combined Bomber Offensive“ am 25.

Juli 123 schwere Boeing B-17 an, doch schon

nach dem zweiten und noch schwereren

Nachtangriff der RAF kommt die Zusammenarbeit

wieder zum Erliegen: Die US-Flieger

beklagen schlechte Sichtverhältnisse,

verursacht durch Qualm und Rauch und zu

heftige Luftturbulenzen über der brennenden

Stadt. Die United States Army Air Forces

(USAAF) ziehen sich aus Operation „Gomorrha“

zurück.

VERZWEIFELT: Ein Mann sucht seine Frau

und Tochter mit einer Nachricht auf einem

Trümmerteil.

Foto: ullstein bild – DRK

SCHLANGE STEHEN: Ausgabe von Milchrationen

an ausgebombte Hamburger auf einem

Verpflegungsplatz. Foto: ullstein bild – Erich Andres

Überall Flächenbrände

Mitte August, zwei Wochen nach dem letzten

schweren Nachtangriff, zieht der damalige

„Höhere SS- und Polizeiführer bei den

Reichsstatthaltern und Oberpräsidenten in

Hamburg, in Oldenburg und in Bremen, in

Hannover und in Schleswig-Holstein im

Wehrkreis X“, Generalmajor Reiner Liessem,

folgende Schadensbilanz:

„Bei allen Angriffen wurde immer wieder

beobachtet, dass der Gegner bestimmte Flächen

durch Leuchtbomben markierte und in

wechselnder Folge Minen-, Spreng- und

Brandbomben in diese Gebiete warf. Diese

planvolle Angriffstaktik trat besonders in

Hammerbrook und in Hamm in Erscheinung.

Die Gebäude wurden durch Sprengund

Minenbomben aufgerissen, stürzten auf

die Straße und die folgenden Brandbomben

entfachten nunmehr in den Trümmerstätten

DOKUMENT

„Es war ein Job: Knopf drücken und zurückfliegen.

Und man hatte dabei nicht ständig

das Gefühl, ein Monster zu sein. Ich bin sogar

ein bisschen stolz auf das, was ich da

vollbracht habe. Auch wenn viele Menschen

darunter leiden mussten.

Ich gebe aber zu, dass der Angriff auf

Hamburg in mir grauenvolle Erinnerungen

wachruft. Ich war mir zunächst gar nicht darüber

im Klaren, was da abgelaufen war. Ich

sah natürlich das Feuer unter mir. Und wie

es wütete. Als ich dann zurückgekehrt war,

kamen dazu noch die furchtbaren Zeitungsberichte.

Ich weiß gar nicht, wo ich das her

Brände, sodass diese Schadensgebiete in etwa

20 Minuten einem Flammenmeer glichen.

Beim dritten Angriff entwickelte sich

ein sehr starker Feuersturm, bei dem teilweise

größte Bäume umgerissen wurden und

ein Passieren der Straße unmöglich war. Bei

allen Angriffen konnte die Bevölkerung infolge

der zahlreichen Flächenbrände und des

Feuersturmes nur unter Einsatz aller verfügbaren

Kräfte aus ihren Wohngebieten geborgen

werden.“ In amtlich abgehacktem Stil

fährt Liessem fort:

„In manchen Straßenzügen lagen Hunderte

von Toten völlig unversehrt, zum Teil mit

aufgerissener Kleidung. Man vermutet Sauerstoffmangel

und durch die große Hitze

„Der HERR ließ Schwefel und Feuer regnen auf

Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte

und die ganze Gegend und alle Einwohner.“

Bericht (Auszug) eines RAF-Bombenschützen

hatte, aber da war diese Geschichte von der

Mutter und ihrer kleinen Tochter. Das Feuer

war so gewaltig, dass der Teer auf der Straße

schmolz. Die Mutter versuchte noch, mit

der Tochter über die Straße zu kommen.

Doch das kleine Mädchen stolperte und fiel

mitten aufs Gesicht. Die Mutter starb bei

dem Versuch, sie aus dem Teer zu ziehen.

Das habe ich nie vergessen. Ich fühle mich

einfach schuldig. Ich war doch der, der auf

den Knopf gedrückt hatte.“

Zitiert nach: Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg

1939-1945, Berlin 2004, S. 168.

Altes Testament, 1. Buch Mose, 19, 24.

völliges Austrocknen der Kleidung und daher

leicht Zündmöglichkeit.“

Schreckliche Szenen

Die Folgen für die Zivilbevölkerung waren

entsprechend grausam. In einem Geheimbericht

des Hamburger Polizeipräsidenten

Hans Julius Kehrl werden die Ereignisse wir

folgt geschildert: „Nur die entkamen dem

Tode, die rechtzeitig eine Flucht gewagt hatten

oder sich so nahe am Rande des Feuermeeres

befanden, dass eine Rettungsmöglichkeit

überhaupt bestand. (…) Die Vernichtung

im Ganzen ist so radikal, dass von

vielen Menschen buchstäblich nichts geblieben

ist. (…) Kinder wurden durch die Gewalt

des Orkans von der Hand der Eltern gerissen

und ins Feuer gewirbelt. Menschen,

die sich gerettet glaubten, fielen in der alles

vernichtenden Gewalt der Hitze um und

starben in Augenblicken. Flüchtende mussten

sich ihren Weg über Sterbende und Tote

bahnen. (…) Von den Opfern waren insgesamt

70% erstickt, zum großen Teil durch die

giftigen Kohlenoxydgase. Es waren so viele

Clausewitz 3/2013

29


Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

DEUTLICH: Der Hamburger Polizeipräsident

warnt die aus der Stadt geflohenen oder

evakuierten Zivilisten vor einer Rückkehr in

das stark zerstörte Hamburg.

Foto: ullstein bild

Menschen an Vergiftung gestorben und ihre

Leichen hatten sich derart strahlend blau,

orange und grün gefärbt, dass man zunächst

annahm, die RAF hätte bei diesem Angriff

zum ersten Mal Giftgasbomben eingesetzt.

(…).“

Augenzeugen berichten von Fliehenden,

die im verflüssigten Asphalt stecken blieben

und bei lebendigem Leib verbrannten. Zu

besonders schrecklichen Szenen kam es

dann, wenn Menschen von Phosphor getroffen

wurden. In der Hoffnung, das Feuer zu

FAKTEN

Bei den vier Nachtangriffen auf Hamburg warfen

die daran beteiligten Bomberverbände

der RAF zwischen dem 24. Juli und dem 3.

August 1943 insgesamt mehr als 9.000 Tonnen

Bomben ab. Die von der USAAF bei ihren

beiden Tagesangriffen zusätzlich abgeworfene

Bombenlast ist darin nicht enthalten.

Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der

„Luftschlacht um England“, in den Monaten

September, Oktober und November 1940,

warf die deutsche Luftwaffe insgesamt etwa

5.800 Tonnen Bomben auf Ziele in ganz

Großbritannien ab.

Zahlenangaben sind grundsätzlich mit

Vorsicht zu genießen und selbst hinsichtlich

ÜBERLEBT: Zivilisten inmitten einer verwüsteten Straße

im Stadtteil Altona, der gleich zu Beginn der Luftangriffe

schwer in Mitleidenschaft gezogen wird.

Foto: ullstein bild – Erich Andres

löschen, sprangen sie in die zahlreichen Kanäle,

nur um beim Auftauchen erneut in

Flammen aufzugehen.

Zahlenangaben zur Operation „Gomorrha“

der eingesetzten Flugzeuge weichen Primärquellen

wie die Kriegstagebücher von RAF

und USAAF sowie deutsche Dokumente zum

Teil erheblich voneinander ab. Insgesamt

kann man jedoch davon ausgehen, dass die

RAF im Rahmen der Operation „Gomorrha“

mehr als 3.000 Bomber einsetzte, von denen

nur ein geringer Prozentsatz der deutschen

Verteidigung zum Opfer fielen.

Auch die genaue Anzahl der Todesopfer

unter der Zivilbevölkerung ist nicht bekannt.

Zeitnahe Schätzungen gingen von 30.000

bis 50.000 Toten aus, heute ist in der Geschichtsforschung

zumeist von etwa

35.000 Opfern die Rede.

MAHNUNG: „Friedensgebet“ von Edith

Breckwoldt vor der Ruine der Ehemaligen

Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg. Die

Skulptur erinnert an den gewaltigen Feuersturm,

der Hamburg im Sommer 1943 in

Schutt und Asche legte. Foto: picture-alliance/dpa

Unvorstellbare Katastrophe

Am 29. Juli 1943 notiert Reichsminister für

Volksaufklärung und Propaganda, Joseph

Goebbels, in sein Tagebuch: „In der Nacht

hat der bisher schwerste Luftangriff auf

Hamburg stattgefunden. Die Engländer sind

mit 800 bis 1.000 Bombenflugzeugen über

der Stadt erschienen. Unsere Luftverteidigung

erzielte nur wenige Abschüsse, so dass

man hier von einer nennenswerten Einbuße

des Angreifers nicht sprechen kann. Kaufmann

[Karl Otto Kaufmann war NS-Gauleiter

und Reichsstatthalter in Hamburg] gibt

mir einen ersten Bericht über die Wirkungen

des britischen Luftangriffs. Er spricht von einer

Katastrophe von vorläufig unvorstellbaren

Ausmaßen. Wir haben hier die Zerstörung

einer Millionenstadt festzustellen, die

bisher in der Geschichte wohl kein Beispiel

findet. Es tauchen damit Probleme auf, die

fast nicht zu bewältigen sind.“

Die sonst üblichen Durchhalteparolen des

Propagandaministers hörten sich anders an.

Tatsächlich wurde mit der Operation

„Gomorrha“ innerhalb von elf Tagen das

über Jahrhunderte gewachsene Stadtbild der

traditionsreichen Hansestadt weitgehend

ausgelöscht.

Zielsetzung verfehlt

Insgesamt führte die „Combined Bomber

Offensive“ gegen Hamburg nicht zum erhofften

Erfolg. Weder erhob sich die Bevölkerung

gegen die NS-Machthaber noch

blieb die vor Ort ansässige Rüstungsindustrie

dauerhaft ausgeschaltet. Die deutsche

Luftverteidigung erholte sich anschließend

sogar überraschend schnell von ihrer anfänglichen

Überrumpelung.

Zwar war das „Himmelbett“-Verfahren

mit einem Schlag erledigt, nicht jedoch die

deutsche Nachtjagd. Die „Wilde Sau“-Taktik

wurde improvisiert, das im Herbst 1943 eingeführte

„Lichtenstein SN2“ war weniger

störungsanfällig, weitere technische und taktische

Neuerungen wurden von deutscher

Seite eingeführt. Die nächtlichen Verluste

der RAF stiegen wieder an. Gleiches galt

auch für die Abwehr alliierter Tagangriffe.

Hamburgs Zerstörung 1943 markierte einen

Wendepunkt: Von nun an besaß der Ausbau

der „Reichsverteidigung“ höchste Priorität.

30


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Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“

Alliierte Landung auf Sizilien 1943

Sturm auf die

„Festung Europa“

10. Juli 1943: In den frühen Morgenstunden landen mehrere Tausend amerikanische

und britische Soldaten auf der italienischen Mittelmeerinsel Sizilien. Die Operation

„Husky“ soll das Tor zur „Festung Europa“ aufstoßen...

Von Lukas Grawe

UNBEHELLIGT: Landung von US-Truppen

auf Sizilien am 11. Juli 1943.

Foto: Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung Photo

32


Um den Krieg nach Westeuropa zu tragen

und mit Hilfe einer zweiten Front

Druck vom sowjetischen Verbündeten

zu nehmen, entscheiden sich die Alliierten

Anfang des Jahres 1943 für eine Invasion

auf Sizilien.

Für die Eroberung der Mittelmeerinsel

spricht vor allem ihre Lage: Mit Sizilien als

Ausgangspunkt ist eine Invasion des italienischen

Festlandes möglich. Zudem erleichtert

der Besitz der Insel die Kontrolle des

Schiffsverkehrs im westlichen Mittelmeer.

Da die geplante Invasion in Frankreich

nicht vor 1944 durchführbar ist, legen sich

die amerikanischen und britischen Militärs

auf den italienischen Schwerpunkt fest. Italien

ist seit der vernichtenden Niederlage in

Nordafrika nur noch ein unsicherer Bundesgenosse

des Deutschen Reichs.

Mit der Eroberung Siziliens soll daher Italien

aus dem Krieg an der Seite des Deutschen

Reiches gedrängt werden. Hitler wäre

auf diese Weise gezwungen, die italienisch

besetzten Gebiete in Südfrankreich und auf

dem Balkan mit eigenen Truppen zu halten.

Die im Januar einsetzende Planung für

die Invasion der Insel gestaltet sich aufgrund

der komplizierten alliierten Kom-

mandostruktur im Mittelmeerraum als

schwierig. Hinzu kommen persönliche Abneigungen

zwischen amerikanischen und

britischen Offizieren. In operativer Hinsicht

kommt es den alliierten Landungstruppen

vor allem auf die Inbesitznahme

von Häfen und Landungsplätzen an, um

die Versorgung der Truppen zu gewährleisten.

Nicht alle Teile Siziliens liegen zudem

in der Reichweite der alliierten Jagdflieger

auf Malta, sodass die Eroberung von Flugplätzen

eine hohe Bedeutung erlangt.

Schwache Verteidigungsanlagen

Eine Landung auf Sizilien wird durch die

schwachen Verteidigungsanlagen begünstigt.

Der deutsche Oberbefehlshaber der

Heeresgruppe Süd, Generalfeldmarschall

Albert Kesselring, stellt wenige Tage vor Beginn

der alliierten Invasion fest: „Die Verstärkung

der natürlichen Abwehrkraft der

Inseln durch die Anlage von Befestigungen

ist nicht in ausreichendem Maße erfolgt.“

Zudem zwingt die lange Küste Siziliens den

Verteidiger zu einer Dekonzentration der

Kräfte. Trotz aller Argumente, die für eine

alliierte Landung auf der Insel sprechen,

kennen die „Achsenmächte“ die gegnerischen

Landungsabsichten nicht. Mit Hilfe

eines groß angelegten Täuschungsmanövers

erhöhen die Alliierten die Unsicherheit

bei ihrem Gegner. Die Wehrmachtführung

HINTERGRUND

Die „Achse“ Berlin – Rom

Seit dem 1936 geschlossenen geheimen

Freundschaftsvertrag bildet sich eine enge

Zusammenarbeit zwischen dem faschistischen

Italien und dem „Dritten Reich“ aus.

Mit dem „Stahlpakt“ von 1939 sichern sich

beide Länder im Falle eines Krieges unbedingte

militärische Unterstützung zu, die

auch für einen Angriffskrieg gilt. Während

sich Italien noch nicht am Polenfeldzug beteiligt,

tritt es am 10. Juni 1940 in den Krieg

gegen Frankreich und Großbritannien ein.

In der Folgezeit unterstützt Hitler Mussolinis

Pläne zur Errichtung eines zweiten „Imperium

Romanum“ auf dem Balkan und in Afrika.

Grundlage für die deutsche Unterstützung

sind jedoch überwiegend eigene Interessen.

Italien beteiligt sich währenddessen

an Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion, der

jedoch von der italienischen Bevölkerung als

„deutscher Krieg“ angesehen wird.

Mit dem Sturz Mussolinis und der folgenden

Kriegserklärung Italiens an das Deutsche

Reich Ende 1943 endet die militärische

Zusammenarbeit, die stets von

starken Spannungen und Interessengegensätzen

geprägt ist.

Clausewitz 3/2013

33


Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“

rechnet mit einer Invasion auf Sardinien

und in Griechenland, veranschlagt diese jedoch

auf den Spätsommer. Diese Ungewissheit

führt auf Seiten der „Achse“ zur Verteilung

sämtlicher verfügbarer Truppen im gesamten

italienischen Raum und damit zur

Zersplitterung der ohnehin schon geschwächten

Kräfte.

Die deutschen Truppen, die nicht mehr

rechtzeitig vor der Kapitulation des „Afrikakorps“

vom italienischen Festland aus

nach Tunesien verlegt werden konnten, bilden

ab Mai 1943 den Kern der Verteidigungstruppe

in Italien. Auf Sizilien unterstützen

die 15. Panzergrenadierdivision

und die Panzerdivision „Hermann Göring“

die italienische 6. Armee unter dem Kommando

von Generaloberst Alfredo Guzzoni,

der direkt dem italienischen „Comando

Supremo“ untersteht. Aus taktischen Gründen

sind die deutschen Verbände anfangs

dem italienischen Oberbefehl unterstellt.

VERNICHTET: Das Schiff eines

amerikanischen Nachschubkonvois

erhält durch ein deutsches

Kampfflugzeug einen

Volltreffer und explodiert.

Foto: ullstein bild - Roger Viollet

KARTE

Kampf um Sizilien Juli/August 1943

ÜBERBLICK: Die Position der deutsch-italienischen Verteidiger (oben) und der Verlauf

der Kämpfe im Juli/August 1943 (unten).

Fehlschlag zum Auftakt

Insgesamt stehen Anfang Juli rund 28.000

deutsche und etwa 200.000 italienische Soldaten

auf der Insel. Letztere sind zumeist

schlecht bewaffnet und nur dürftig ausgebildet.

Während die Panzerdivision „Hermann

Göring“ und die italienischen Divisionen

„Napoli“ und „Livorno“ im Süden

der Insel stehen, sichern die 15. Panzergrenadierdivision

und die Divisionen „Aosta“

und „Assieta“ den Westen Siziliens. Die

deutsche „Kampfgruppe Schmalz“ deckt

die Ostküste im Raum von Catania.

Nachdem alliierte Streitkräfte im Juni

1943 bereits einige kleinere Inseln im Vor-

Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich

34


Kriegsmüde Italiener

FAKTEN

Die Kriegsparteien im Überblick

feld Siziliens genommen haben, beginnt in

der Nacht des 9. Juli die alliierte Invasion

mit groß angelegten Luftlandeunternehmen

bei Syrakus. Ziel ist es, wichtige Brücken

und strategisch bedeutsame Berghöhen

zu erobern und bis zum Eintreffen der

Hauptinvasionsstreitmacht zu halten. Aufgrund

eines starken Sturms verfehlen jedoch

die meisten Fallschirmspringer ihre

Landezonen, nur circa zehn Prozent erreichen

ihre Zielbestimmung. Viele „Paras“

ertrinken im Mittelmeer, andere geraten in

Gefangenschaft. Trotz des Fehlschlags gelingen

einige örtliche Erfolge. Die Luftlandetruppen

stiften zudem unter den Verteidigern

große Verwirrung.

Einige Stunden später beginnt die eigentliche

Invasion der Insel. Bis zu 3.000

Schiffe und Boote landen innerhalb von wenigen

Tagen eine Streitmacht von 180.000

Soldaten, 1.800 Geschützen und 600 Panzer

UNTER BESCHUSS: Britische Soldaten

geraten in gegnerisches Feuer.

Foto: SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Ziel

„Achsenmächte“

Zerschlagung der alliierten

Landungstruppen;

Stopp des weiteren Vormarschs der

Alliierten

Truppenstärke ca. 28.000 deutsche und 200.000

italienische Soldaten,

Ende Juli ca. 320.000 Mann

Verluste Deutsche: 4.600 Gefallene, 13.500

Verwundete, 5.500 Gefangene,

Italiener: 4.300 Gefallene, 32.500

Verwundete, 115.000 Gefangene

auf Sizilien. Unterstützt werden die Truppen

von 3.500 Flugzeugen. Dieser materiellen

Überlegenheit haben die Verteidiger

nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.

Die italienische Marine kann die Anlandung

der alliierten Truppen ebenso wenig

verhindern wie die Luftwaffe. Auch die geringfügige

Unterstützung durch deutsche

U-Boote und Flugzeuge kann an diesem

Umstand nichts ändern.

Alliierte gehen an Land

Um 2:45 Uhr gehen die ersten amerikanischen

Soldaten der 7. Armee unter dem Befehl

von Generalleutnant George S. Patton

im Raum Gela-Licata an Land. Die britische

Alliierte

Eröffnung einer zweiten Front in

Westeuropa; Sicherung des

Mittelmeerschiffsverkehrs;

Ausschaltung Italiens als Verbündeter

an der Seite Deutschlands

Zu Beginn der Operation „Husky“

180.00 Mann,

am Ende 470.000 Soldaten

Briten: 2.700 britische Gefallene,

8.000 Verwundete,

11.500 Malariakranke,

Amerikaner: 2.800 Gefallene, 6.500

Verwundete, 9.800 Malariakranke

8. Armee unter General Montgomery folgt

ihnen um 4:15 Uhr in einem südwestlich

von Syrakus gelegenen Abschnitt. Die ersten

Landungswellen treffen auf überraschte

Verteidiger. Der schwache Widerstand

der italienischen Küstendivisionen kann

die Angreifer nicht aufhalten. Vielerorts ergeben

sich die notdürftig zusammengestellten

italienischen Reservetruppen

kampflos den alliierten Invasoren. Britische

Soldaten erobern ohne einen Schuss abzufeuern

noch am selben Tag die Stadt Syrakus

im Südwesten Siziliens. Energische Gegenwehr

kommt vielerorts zu spät: Die

weit verteilten Verbände der „Achsenmächte“

können erst eingreifen, als die

Clausewitz 3/2013

35


Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“

WÄHREND DES

KAMPFES: Deutsche

Artillerie nimmt britische

Stellungen unter

Feuer.

Foto: ullstein bild – TopFoto

Alliierten bereits Fuß gefasst haben. Zwar

starten die Panzerdivision „Hermann Göring“

und die Division „Livorno“ starke

Angriffe gegen den amerikanischen Landungsabschnitt,

doch gelingt den alliierten

Soldaten die Bildung von Brückenköpfen,

die von See und aus der Luft unterstützt

werden.

In der Nacht erkennt Guzzoni, dass von

den britischen Truppen die größere Bedrohung

ausgeht und dass der Rückzugsort

und Fährhafen Messina in Gefahr ist. Er erteilt

daraufhin der Division „Hermann Göring“

den Auftrag, die amerikanische 45.

Infanteriedivision in der Flanke zu packen

Koordinator des Rückzugs:

Hans-Valentin Hube

„It was a jolly good race.

I congratulate you.“

Ein britischer Offizier zu Generalleutnant

Patton anlässlich der Eroberung

Messinas am 17. August 1943.

und sich anschließend mit der „Kampfgruppe

Schmalz“ im Osten zu vereinigen.

Auf diese Weise soll der britischen 8. Armee

der Weg nach Messina versperrt werden.

Die „Livorno“-Division soll sich nach

Westen wenden und mit der deutschen 15.

Panzergrenadierdivision vereinigen. Beide

Der 1890 in Naumburg/Saale geborene Hube ist nach dem Ersten

Weltkrieg vor allem als Infanterieausbilder tätig, 1935 wird er Kommandeur

der Infanterieschule Döberitz.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kommandiert er eine Infanteriedivision,

die im Rahmen des Westfeldzugs die Kanalküste erreicht.

Anschließend formt er seinen Verband in eine Panzerdivision um,

die als Ausbildungstruppe die verbündeten Rumänen unterstützt.

Während des Russlandfeldzugs zeichnet sich Hube unter

anderem als Kommandeur der 16. Panzerdivision wiederholt

durch besondere militärische Leistungen aus. Im Rahmen des

Angriffs auf Stalingrad kommandiert Hube das XIV. Panzerkorps.

Auf Befehl Hitlers wird er am 18. Januar 1943 aus dem Kessel

ausgeflogen.

Anschließend nimmt der hochdekorierte General der Panzertruppe

an den Kämpfen um Sizilien und auf dem italienischen

Festland teil. Nach der Übernahme des Oberbefehls über die

1. Panzerarmee kehrt er an die Ostfront zurück. Im April 1944

kommt Hube bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

Verbände sollen anschließend den amerikanischen

Brückenkopf zerschlagen. Trotz der

Anstrengungen können die alliierten Landungszonen

nicht durchbrochen werden.

Die Schiffsgeschütze stoppen die angreifenden

Truppen der „Achse“ und fügen ihnen

große Verluste zu.

Verluste durch Schiffsgeschütze

Am Abend desselben Tages hat die deutsche

Panzerdivision ein Drittel ihrer Kampfwagen

im Geschosshagel der alliierten Schiffe

und Panzerabwehrgeschütze verloren. Sowohl

die Division „Livorno“ als auch die Division

„Hermann Göring“ müssen in ihre

Ausgangspositionen zurückkehren.

Die deutsche Führung sieht die Lage auf

Sizilien bereits drei Tage nach Beginn der

Invasion als äußerst bedrohlich an. Generalfeldmarschall

Kesselring meldet am

13. Juli an das Oberkommando der Wehrmacht,

dass die Masse der italienischen

Verteidiger bereits jetzt vollkommen versagt

habe und die Last des Kampfes fast

ausschließlich auf deutschen Schultern liege.

Ein Gegenangriff sei unter diesen Umständen,

auch wegen fehlender Luftunterstützung,

nicht mehr möglich. Kesselring

ist sich sogar sicher: „Mit den jetzigen deutschen

Kräften allein ist die Insel nicht zu

halten.“ Die „Achsenmächte“ verfügen

auch über keine strategischen Reserven

mehr. Trotzdem zaudert Kesselring, die Anzahl

der deutschen Truppen auf Sizilien zu

erhöhen, da er es für unmöglich hält, mit

dem alliierten Nachschubtempo mithalten

zu können. Ein allzu schneller Verlust Siziliens

soll dennoch verhindert werden.

36


Deutsch-italienische Spannungen

Kesselring fürchtet die politischen Rückwirkungen,

die der Fall der Insel auf den

Bündnispartner Italien haben würde.

ANWERBUNG: Plakat zur Freiwilligenwerbung

der bei den

Kämpfen um Sizilien 1943 eingesetzten

Division „Hermann

Göring“. Foto: ullstein bild - LEONE

„Achsenmächte“ auf dem Rückzug

Sein neues Ziel ist daher nur noch ein hinhaltender

Rückzug und damit einhergehend

ein großer Zeitgewinn. Dabei sollen

sich die Truppen der „Achse“ langsam in

Richtung Messina zurückziehen und den

alliierten Vormarsch so lange wie möglich

verzögern.

Am 12. Juli trifft mit der 1. Fallschirmjägerdivision

die erste deutsche Verstärkung

aus Unteritalien ein, drei Tage später folgt

die 29. Panzergrenadierdivision. Sämtliche

deutschen Verbände werden unter der Bezeichnung

XIV. Panzerkorps zusammengefasst

und dem Befehl des Generals

der Panzertruppe

Hans-Valentin Hube unterstellt.

Der Panzerdivision „Hermann Göring“

gelingt es in der Zwischenzeit, die Lücke

zur „Kampfgruppe Schmalz“ zu schließen

und auf der Linie San Stefano–Catania

im Nordostteil der Insel Verteidigungsstellungen

zu errichten. Derweil gibt Hitler den

Befehl, „unter unauffälliger Ausschaltung“

der verbündeten italienischen

„Kommandostellen“ die „Gesamtführung

im Brückenkopf Sizilien“

zu übernehmen.

Diese Weisung stellt eine Entmachtung

der italienischen Führung

auf der Insel dar und sorgt

für erhebliche Spannungen zwischen

den Bundesgenossen. Stellenweise

kommt es sogar zu bewaffneten

Scharmützeln, die auf beiden Seiten

Tote fordern.

Der italienische Ärger

kann jedoch nicht

verhindern, dass der

deutsche Bündnispartner

die Operationsführung

ganz und gar an

sich reißt.

AUSGESCHALTET:

Ein zerstörter

US-Panzer vom Typ

„Sherman“ auf

Sizilien. Foto: ullstein bild

Der undiplomatische General

George S. Patton

Der 1885 in Kalifornien

geborene Patton sammelt

bereits im Kampf gegen Aufständische

in Mexiko und im

Ersten Weltkrieg erste militärische

Erfahrungen. Als Ausbilder

für Panzerfahrer avanciert

er zu einem

ausgewiesenen Kenner

dieser neuen Waffengattung.

Im Zweiten Weltkrieg

erhält er zunächst ein

Kommando in Nordafrika, um

in Sizilien mit der Einnahme

Messinas auf sich aufmerksam

zu machen. Trotz

militärischer Erfolge gilt

Patton als unbequem,

zynisch, undiplomatisch und

widerspenstig.

Als Befehlshaber der

3. U.S. Army erlangt er vor

allem bei der Abwehr der

deutschen Ardennenoffensive

1944/45 großen Ruhm. Patton

stirbt kurz nach Kriegsende an

den Folgen eines Autounfalls.

Die Kompetenzstreitigkeiten enden offiziell

am 31. Juli, indem Generaloberst Guzzoni

den Befehl über alle Truppen der „Achsenmächte“

an Hube übergibt.

Montgomery verärgert Patton

Auch auf Seiten der Alliierten kommt es zu

Meinungsverschiedenheiten. Der Befehlshaber

der britischen 8. Armee, Bernard Montgomery,

will mit seinen Truppen die Insel im

Alleingang erobern und sieht die amerikanische

7. Armee lediglich als Flankenschutz

an. Die Amerikaner sind notgedrungen in

die Rolle des Juniorpartners gedrängt worden,

da die erfahrenen britischen Soldaten

bereits in der Planungsphase für die Eroberung

Messinas vorgesehen sind und daher

mehr Nachschub erhalten. Der britische General

Harold Alexander, Oberbefehlshaber

der alliierten Landstreitkräfte, bringt der

amerikanischen Truppe anfangs großes

Misstrauen entgegen. Er schätzt ihre Leistungsfähigkeit

als gering ein und will ihr

keine größeren Aufgaben anvertrauen. Aus

diesem Grund teilt er der britischen Armee

die meisten Vormarschstraßen zu und überlässt

den Amerikanern nur den bedeutungsärmeren

Westteil Siziliens. Doch Montgomery

mutet seinen Soldaten zu viele

Foto: Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung Photo

Clausewitz 3/2013

37


Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“

GEBALLTE KRAFT: Ein schwerer Kampfpanzer vom Typ „Tiger I“ in einer süditalienischen

Ortschaft.

Foto: SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Aufträge zu und erweitert vielfach eigenwillig

seinen vorher abgesteckten Kampfsektor.

An eine gemeinsame Planung mit

seinem amerikanischen Gegenüber Patton

denkt er nicht und verärgert somit seinen

Bundesgenossen. Trotz der Bevorzugung

an Nachschub und Material kommen die

Briten jedoch nur schleppend voran. Die

„Achsenmächte“ stellen ihnen ihre besten

Divisionen in den Weg, um Messina unter

allen Umständen so lange wie möglich zu

verteidigen.

Zur Division „Hermann Göring“ und

der „Kampfgruppe Schmalz“ tritt nun auch

noch die 1. Fallschirmjägerdivision. Den

erstklassig ausgebildeten deutschen Truppen

kommt bei der Defensive zudem das

Terrain zur Hilfe. Je weiter die Briten nach

Norden vorstoßen, desto bergiger und unwegsamer

wird das Gelände und begünstigt

den Verteidiger.

Patton akzeptiert vorerst die ihm zugedachte

Rolle, erkennt bald aber die Möglichkeiten,

die sich seiner Truppe im Westteil

der Insel bieten. Die wichtige Hafenstadt

Palermo im Nordwesten Siziliens

bildet daher das neue Ziel der 7. Armee, der

nur noch wenige italienische Einheiten gegenüber

stehen. Alle anderen Verbände der

„Achse“ haben bereits die neue Verteidigungsstellung

am Ätna im Nordosten der

Insel bezogen. Während die Briten südlich

des Vulkans festliegen, beginnt Pattons

7. Armee am 21. Juli ihren Vormarsch nach

Nordwesten in Richtung Palermo. Schon

nach wenigen Stunden haben die Amerikaner

4.000 Gefangene zu verzeichnen, da

sich die meisten Italiener kampflos ergeben.

Bereits zwei Tage später ist Palermo in

amerikanischer Hand. Um den restlichen

Westteil der Insel einzunehmen, befiehlt

Patton der 82. Airborne Division den Vormarsch

auf Trapani. Hier leisten die Italiener

Widerstand, der jedoch nach wenigen

Stunden gebrochen wird. Der ganze Westteil

Siziliens ist damit unter amerikanischer

Kontrolle und die Eroberung Messinas das

neue Ziel Pattons.

Alliierter Erfolg

Die Eroberung Messinas wird in der Folgezeit

zu einem Wettlauf zwischen Montgomery

und Patton, bei dem es mehr um

Ruhm und persönliche Eitelkeiten als um

militärische Sinnhaftigkeit geht. Während

Patton jedoch von Palermo aus an der

Nordküste große Fortschritte erzielt, liegt

Montgomery noch immer südlich des Ätna

vor den starken deutschen Stellungen fest.

Der zuerst skeptische General Alexander

„Mit den jetzigen deutschen Kräften allein

ist die Insel nicht zu halten.“

Generalfeldmarschall Kesselring an das OKW am 13. Juli 1943.

Literaturtipp

Gerhard Schreiber: Das Ende des nordafrikanischen

Feldzugs und der Krieg in Italien

1943–1945, in: Das Deutsche Reich und der

Zweite Weltkrieg, Bd. 8, München 2007, S.

1100-1162.

gibt aufgrund der unerwarteten Lageentwicklung

Patton die Erlaubnis zum Sturm

auf Messina.

Der Fall von Palermo führt derweil zum

Sturz des italienischen Diktators Mussolini.

Fortan wird die Evakuierung der deutschen

Truppen auf Sizilien vorbereitet, um

ein „zweites Tunesien“ zu verhindern. Hube

will trotz allem einen geordneten Rückzug

und wirft daher den amerikanischen

Truppen die 29. Panzergrenadierdivision

entgegen, die den Vormarsch der 7. Armee

verlangsamen soll. Am 25. Juli einigen sich

Amerikaner und Briten auf einen gemeinsamen

Vorstoß, um die Verbände der „Achse“

in die Zange zu nehmen. In der Nacht

vom 29. auf den 30. Juli beginnen die Briten

daraufhin mit ihrer Offensive und drängen

die Deutschen zurück. Diese lassen sich wie

geplant auf eine rückwärtige Linie fallen.

Patton versucht unterdessen, den amerikanischen

Vormarsch durch Truppenlandungen

hinter den deutschen Linien zu beschleunigen.

Diese Aktion verläuft jedoch

größtenteils erfolglos.

Am 11. August beginnen die Deutschen

mit der Evakuierung ihrer Truppen. Durch

die Verteidigungserfolge gelingt es ihnen

sogar, große Teile ihrer Ausrüstung zu retten.

Letzte Versuche der Alliierten, den

Rückzug der deutschen Verbände abzuschneiden,

scheitern.

Das Rennen um Messina entscheidet

Patton gegen seinen Konkurrenten Montgomery

für sich. Am Abend des 16. August

rückt die 3. amerikanische Infanteriedivision

kampflos in die geräumte Stadt ein. Nur

einige Stunden später betreten auch die Briten

den eroberten Fährhafen. Ein britischer

Offizier begrüßt Patton mit den Worten: „It

was a jolly good race. I congratulate you.“

Das „fröhliche Rennen” kostet jedoch 5.500

alliierte Soldaten das Leben, fast 15.000

werden verwundet. Zusätzlich fordert die

Malaria viele Opfer.

Die Alliierten erreichen somit ihre gesteckten

Ziele: Zwar gelingt es nicht, die

gegnerischen Verbände vollständig zu vernichten,

doch ist nun das gesamte Mittelmeer

unter alliierter Kontrolle und das Tor

zur „Festung Europa“ weit aufgestoßen.

Lukas Grawe, M.A., Jahrgang 1985, Historiker aus

Münster.

38


Werte, die erhalten bleiben

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Militärtechnik im Detail

Schlagkräftiger Hybrid:

Leichter Flugzeugträger

der Independence-Klasse

Um nach Pearl Harbor mehr Flugzeugträger

in den Kampf schicken zu können,

machte die New York Shipbuilding

Corporation aus der Not eine Tugend, indem

sie bereits im Bau befindliche

leichte Kreuzer zu leichten

Trägern bzw. CVLs umkonstruierte.

„Hauptsache

war, dass sie leicht durch

den Panamakanal passten“,

sagte James Devine, ein Flugdeckoffizier

an Bord der PRINCE-

TON (CVL-23) – das einzige der

neun Schiffe, welches bei Kampfhandlungen

versenkt wurde. Obwohl

zu klein, hatten die CVLs anders

als Geleitflugzeugträger die nötige Leistungsfähigkeit,

um in Kampfgruppen

agieren zu können. Sie dienten von Baker

Island bis Japan und kamen bei Tarawa,

Saipan, Kwajalein, Iwo Jima und anderen

entscheidenden Einsätzen zum Zuge. Während

der Schlacht um die Philippinische See

stellten CVLs mehr als ein Drittel der U.S.-

Navy-Torpedobomber und -Jäger. So versenkten

Piloten der BELLEAU WOOD

(CVL-24 nebenstehend abgebildet) den japanischen

Träger HIYO. Es war auch ein Pilot

der BELLEAU WOOD, der eines der

letzten japanischen Flugzeuge des Krieges

abschoss. Im Jahr 1951 wurde das Typschiff

INDEPENDENCE (CVL-22) bei einem

Atombombentest geopfert. Die U.S. Navy

verkaufte die verbliebenen leichten Träger

anderen Marinen oder ließ sie einfach abwracken.

DIE KONKURRENTEN:

100.000 Pferdestärken

Ölbefeuerte Kessel, die vier Turbinen

von Babcock & Wilcox antrieben, verliehen

den leichten Trägern eine Höchstgeschwindigkeit

von bis zu 32 Knoten.

NEUE SERIE

Nachträglich aufgeweiteter Rumpf

Um den leichten Träger im Gleichgewicht zu halten, haben die Schiffsbauer

Aufweitungen hinzugefügt, die die Schiffsbreite um fünf Fuß (1, 52

Meter) vergrößerten. Dabei wurde die backbordseitige Erweiterung mit

Zement als Ballast befüllt. Ein beladener CVL wog 15.800 Tonnen.

Beengte Kommandozentrale

Die zwangsläufig verkleinerten Inseln

zwängten Kommando- und Kontrollstände

in sehr beengte Räume.

HMS HERMES

Verdrängung: 13.700 Tonnen ● Länge: 182,88

Meter ● Geschwindigkeit: 25 Knoten ● Flugzeuge:

20 ● 1923 in Dienst gestellt.

Großbritanniens erster echter Flugzeugträger ließ

seine Flugzeuge auf Ceylon zurück, als er am

9. April 1942 dort auslief, nur um dann von

Sturzkampfbombern der AKAGI, SORYU und der

HIRYU überwältigt zu werden. Die HMS HERMES

war der erste Flugzeugträger, der von anderen

Trägern versenkt wurde.

ZUIHO-Klasse

Verdrängung: 11.443 Tonnen ● Länge: 205,49

Meter ● Geschwindigkeit: 28 Knoten ● Flugzeuge: 30

Bei den Einheiten dieser Klasse handelt es sich

um ursprünglich als U-Boot-Versorger gedachte

Schiffe; Die SHOHO wurde in der Schlacht im

Korallenmeer von Flugzeugen der LEXINGTON und

YORKTOWN am 7. Mai 1942 versenkt. Dagegen

wurde die ZUIHO bei Kap Engano von Flugzeugen

der Kampfgruppe 38 am 25. Oktober 1944

versenkt.

HIYO-Klasse

Verdrängung: 23.770 Tonnen ● Länge: 219,33

Meter ● Geschwindigkeit: 25,5 Knoten ● Flugzeuge:

48-53

Aufgebaut auf Luxuslinerrümpfen, hatten die

beiden Träger dieser Klasse bewegte Laufbahnen.

Eine arg ramponierte JUN´YO wurde nach dem

Krieg abgewrackt. Die HIYO ging am 20. Juni

1944 nach ihrem Gefecht mit der BELLEAU WOOD

unter.

40


Die INDEPENDENCE

von der Bofors-Stellung

eines anderen

Schiffs aus gesehen.

Sie gab einer Flugzeugträgerklasse

ihren

Namen, die half,

den Sieg im Pazifik

davonzutragen.

Foto: NATIONAL ARCHIVES

Grumman TBM

Avengers verliehen

den leichten Trägern

Schlagkraft und

Durchsetzungsvermögen.

Die Crews

rollten die Flugzeuge,

um Platz zu

schaffen, und um sie

in Startposition zu

bringen.

Foto: NATIONAL ARCHIVES

Kürzeres und schmaleres Flugdeck

Zugeschnitten auf einen Kreuzerrumpf maß das

Flugdeck eines CVL in der Breite gut 33 und in

der Länge knapp 183 Meter. So war es ungefähr

ein Drittel kleiner als das eines „normalen“

Flugzeugträgers. Das kurze Deck machte die

Herausforderung des Starts von einem sich

bewegenden Schiff noch komplizierter.

20-Millimeter-Oerlikon-FlaKs

Die Batterien der defensiven FlaK-Bewaffnung umfassten

16 20-Millimeter-Kanonen in Einzel-, Doppelund

Vierfachaufstellung. Jedes Geschütz konnte einen

Angreifer aus der Luft mit einem Geschosshagel von

250-350 Schuss pro Minute überziehen.

Vierfach-Bofors-FlaK

Die ursprünglich an Bug und Heck aufgestellten

5-Inch-FlaKs (12,7 Zentimeter) wurden

durch vier wassergekühlte 40-Millimeter-

Flugabwehrkanonen ersetzt. Mehrere solcher

Vielfachlafetten der Bofors bildeten einen

dichten Luftabwehrschirm um die CVLs.

Amerikanische Luftrüstung

wirft Maschine auf

Maschine in den Kampf

Ein leichter Träger konnte nicht

weniger als 45 Flugzeuge –

aufgeteilt in Jäger des Typs F4F

Wildcat (später F6F Hellcat) und

TBM Torpedobomber – tragen

und versorgen. Die CVLs führten

genug Munition und Treibstoff,

um Luftoperationen monatelang

unterstützen zu können.

Dünne Hülle, dicht gepackt

Um die Geschwindigkeit zu optimieren, haben

die Schiffsbauer den 5-Inch-Panzergürtel, den

üblicherweise leichte Kreuzer erhielten,

weggelassen. Auf einem CVL waren 1.569

Mann Besatzung „eingepfercht“.

Auf Geschwindigkeit

ausgerichtet

Der kreuzertypische Rumpf

sorgte dafür, dass die CVLs

einerseits in schwerer See

unangenehme Fahrteigenschaften

hatten, andererseits

aber hohe Geschwindigkeiten

fahren konnten.

Clausewitz 3/2013 41


Militärtechnik im Detail

„Blitzkrieg“ auf hoher See:

Deutsches Schnellboot Typ S-100

Der Versailler Vertrag beabsichtigte die

militärische Produktion Deutschlands

einzugrenzen. Doch genau die Restriktionen

für die Deutsche Marine sollten es sein,

die die Schaffung der wohl tödlichsten kleinen

Überwassereinheit des Zweiten Weltkriegs

beförderten.

Das Schnellboot oder auch S-Boot (von den

Alliierten auch E-Boot genannt. Das E steht

dabei für Enemy bzw. Feind), wurde von einem

Rennbootentwurf abgeleitet. Es war mit

seinen 35 Metern Länge und 1.000 Tonnen

Verdrängung klein genug, die Beschränkungen

des Versailler Vertrags zu unterlaufen.

Andererseits war es standfest genug, sich auch

auf hoher See auszuzeichnen. Schnellbootbesatzungen

versenkten 101 Handelsschiffe, 12

Zerstörer und beschädigten zahlreiche andere

Schiffe. So erkannte John F. Kennedy nach einer

Nachkriegsinspektion an, dass das Schnellboot

„unserem PT-Boot weit überlegen“ war.

Ersatz/Nachladetorpedos

4-Zentimeter-Bofors-

Kanone (Beutewaffe)

Wasserbombenablaufschienen

Zwillings-2-Zentimeter-

Flugabwehrkanone

Die abgewinkelten Ruder verursachten

eine Lufttasche knapp hinter den drei

Propellern (Lürsseneffekt). Das steigerte

die Effizienz der Maschine und sorgte dafür,

dass das Boot sich weniger aufbäumte,

was mit der niedrigen Silhouette die

Sichtbarkeit reduzierte.

Verdrängerrumpf

Nicht so schnell wie ein flacher

Rumpf in ruhigem Wasser, aber

deutlich effektiver bei hohen

Wellen.

DIE KONKURRENTEN:

Britisches Fairmile D

30 Knoten – Effektiv in nächtlichen Hinterhalten,

konnte aber allein keinen Kampf mit einem

Schnellboot bestehen.

Italienisches MAS

45 Knoten – Schlug sich bewundernswert, dennoch

weniger seetüchtig unter rauen Seebedingungen

als seine deutschen Gegenstücke.

Amerikanisches Elco PT-Boot

38 Knoten – Gut geeignet für nächtliche Erkundungsmissionen

und Hinterhalte, aber weniger

vollkommen als die eigene Legende suggeriert.

42


Geschwindigkeit und Stärke

erlaubten dem Schnellboot

sich auch in rauer

See zu behaupten und auszuzeichnen.

Die 2.500-PS-

Maschine beschleunigte

das 100-Tonnen-Boot auf

bis zu 43,8 Knoten wenn

seine Konstruktion aus

Holz und Aluminium allein

mit schierer Gewalt durch

hohe Wellen pflügte.

Eine 2-Zentimeter-Kanone in den Bug

eingelassen verteidigte das Schiff vorne

und bot dem Schützen Deckung. Die weitere

Bewaffnung variierte und umfasste

bisweilen auch Beutewaffen.

Gepanzerte Brücke (Kalottenbrücke)

Diese wurde, beginnend mit der S-100-Klasse,

eingebaut, um die Kommandozentrale zu schützen.

2-Zentimeter-Kanone.

Torpedorohr

Jedes Boot führte vier 53,3-Zentimeter-

Torpedos mit sich. Das war gerade genug

für Blitzüberfälle.

Sowjetisches Tupolev G-5 MTB

48 Knoten – Das schnellste Motortorpedoboot,

sehr aktiv in der Ostsee und dem Schwarzen

Meer.

Japanisches T-1MTB

38 Koten – Produziert als Antwort auf die

amerikanischen PT-Boote, aber weniger

seetüchtig.

CLAUSEWITZ dankt dem „World War II

magazine“ sowie der Weider History

Group für die Zurverfügungstellung der

Grafiken. Mehr Informationen unter

www.HistoryNet.com.

Clausewitz 3/2013 43


Der Zeitzeuge

ZERSTÖRTE EISENBAHNANLAGEN:

Amerikanische Soldaten betrachten

eine durch Bomben aus den Gleisen

gerissenen Lok in Münster, April 1945.

Foto: U.S. National Archives

44


IM FEINDESLAND: Soldaten der Wehrmacht inspizieren

einen liegen gebliebenen französischen Militärtransport

mit einem veralteten Panzer auf einem der Waggons.

Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

MOMENTAUFNAHME: Diesem

Fotografen gelingt es, den

Schatten seiner B-24 über dem

Münchner Hauptbahnhof einzufangen.

Foto: U.S. National Archives

SCHIENEN IN STALINGRAD:

Deutsche Soldaten hinter

einem schrottreifen

Eisenbahnfahrzeug.

Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

Vom „Blitzkrieg“ bis zum Untergang

Eisenbahn im

Zweiten Weltkrieg

1939–1945: Während des gesamten Krieges spielt die Eisenbahn eine zentrale Rolle ̶

sie ist die Hauptschlagader des militärischen Transports und trägt die Hauptlast bei der

Bereitstellung des Nachschubs an allen Fronten.

Vorgestellt von Maximilian Bunk

Aufgrund ihrer signifikanten Rolle ist

die Eisenbahn stets Ziel von Angriffen

und Sabotage. Als komplexes System

ist sie höchst verwundbar und kann

besonders Attacken aus der Luft nur wenig

entgegensetzen. Gerade in diesem Zusammenhang

ist es sowohl faszinierend als auch

makaber zu sehen, wie die Reichsbahn bis in

die letzten Tage des Krieges hinein „funktioniert“.

Die Eisenbahn ist aber nicht nur Vollstrecker

militärischer Bedürfnisse. Sie ist

auch ein Repräsentationsmittel des Staates:

Hitler z.B. reist in feudalen Sonderwagen

durchs Land oder empfängt hohen Besuch

direkt am Bahnsteig. Vor diesem Hintergrund

wird die Eisenbahn zum probaten

„Zeugen“ des Krieges und dokumentiert Logistik,

Zerstörung, hohe Politik und menschliches

Schicksal auf und neben den Schienen.

Mit einer packenden Auswahl seltener Bilder

(kombiniert mit kenntnisreichen Texten)

zeichnen die Autoren Andreas Knipping und

Brian Rampp in ihrem Buch „Eisenbahn im

Zweiten Weltkrieg“ ein Panorama des Krieges

̶ exemplifiziert an der Rolle der Eisenbahn.

Chronologisch voran schreitend vom

Weg in den Krieg bis zum Ende des „Dritten

Reiches“ öffnet es einen umfassenden Blick

auf einen besonders spannenden Abschnitt

der Technikgeschichte. Es wird offensichtlich,

wie sehr die Bahn in den Krieg involviert

war. Dies mag zunächst banal klingen,

doch das schiere Ausmaß erstaunt selbst

Kenner der Materie immer wieder aufs

Neue. Fazit: Die nationalsozialistische

Kriegspolitik unterschätzt die Bedeutung der

Eisenbahn anfangs und überfordert ihre Kapazitäten

anschließend massiv. CLAUSE-

WITZ präsentiert auf den folgenden Seiten

eine kleine Auswahl der faszinierenden Bilder

aus der modernen Gesamtdarstellung

„Eisenbahn im Zweiten Weltkrieg“.

Clausewitz 3/2013

45


Der Zeitzeuge

ERBEUTET: Alliierten Soldaten fällt ein

Transportzug mit deutschen Panzern

vom Typ „Tiger“ in die Hände.

Foto: U.S. National Archives

GLEISTRANSPORT: Ein leicht gepanzertes

Aufklärungsfahrzeug auf einem Güterwagen

irgendwo im eroberten Osten.

Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

BOMBEN AUF DIE BAHN: Das völlig zerstörte und mit Kratern übersäte Gleisfeld des

Verteilerbahnhofes Friedberg (Hessen) nach einem Fliegerangriff im Dezember 1944.

Der Krieg ist längst in Deutschland angekommen.

Foto: U.S. National Archives

DIE EISENBAHN ALS KULISSE: Reichsmarschall

Göring hält auf dem Bahnsteig Mönichkirchen (Niederösterreich)

eine Ansprache zu Ehren Hitlers. Im Hintergrund

der Sonderzug zu „Führers Geburtstag“.

Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

OSTFRONT 1942: Deutsche Truppen auf einem

Umgehungsgleis, das um eine beschädigte

russische Lok angelegt ist.

Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

ABSCHIED AM ZUG: Hitler und Mussolini

beim Händeschütteln auf dem

Bahnhof von Salzburg 1942 oder

1943. Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

FASZINIEREND UND FESSELND

Andreas Knipping/Brian Rampp:

Eisenbahn im Zweiten Weltkrieg. Vom

Blitzkrieg bis zum Untergang. München

2013. Hardcover mit Schutzumschlag,

159 Seiten, mit vielen

Fotoraritäten aus amerikanischen

Archiven und bisher unveröffentlichten

Aufnahmen.

46


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Schlachten der Weltgeschichte

Krimkrieg 1853-1856

Der erste „moderne“

Stellungskrieg

28. März 1854: England und Frankreich greifen militärisch in den blutigen Konflikt zwischen

Russland und dem Osmanischen Reich ein. Besonders um die Festung Sewastopol

entbrennt ein Stellungskrieg, wie ihn die Welt bisher nicht kannte... Von Carsten Walczok

Russland

Befehlshaber: Fürst Michael Dimitrijewitsch Gortschakow

(1792–1861) / Fürst Menschikow (1787–1869)

Truppenstärke: 107.000

Verluste: 73.000

48


Dicht gedrängt greifen am 5. November

des Jahres 1854 rund 35.000 russische

Soldaten die schwachen britischen

Stellungen vor der Stadt und Festung Sewastopol

auf der Halbinsel Krim an. Das Ziel der

russischen Angreifer sind die Hügel am

nördlichen Ende der britischen Linien. Aber

der russische Angriff bleibt im mörderischen

Abwehrfeuer der Verteidiger stecken. Die

dicht gedrängten russischen Angriffskolonnen

erleiden ungeahnte Verluste im deckenden

Feuer der britischen Infanterie. Diese ist

im Gegensatz zu ihren russischen Gegnern

bereits mit den Gewehren mit gezogenen

Läufen nach dem System Minié ausgerüstet.

Der Krieg auf der Krim erlebt den ersten

massenhaften Einsatz dieses neuen Systems

bei den Infanteriegewehren und beweist sofort

deren Überlegenheit über die altbewährten

glattläufigen Vorderlader. Doch das ist

nicht die einzige Besonderheit, durch die

sich dieser Konflikt in der Mitte des 19. Jahrhunderts

auszeichnet. Neben eisengepanzerten

Schiffen mit Dampfantrieb ist dies

auch der erste Krieg, über den die Medien

dank des Telegrafen direkt berichten. Sogar

Zar Nikolaus soll gesagt haben, er würde

keine Spione brauchen, da er ja die „Times“

lesen könne.

Doch wo liegt der Anlass für diesen Konflikt?

Russlands Eintreten für die Interessen

der orthodoxen Christen ruft den Widerstand

der anderen christlichen Konfessionen hervor.

Die eigentliche Ursache für den Krieg

liegt aber im inneren Zerfall des Osmanischen

Reiches, das von Spöttern gerne als der

„Kranke Mann am Bosporus“ bezeichnet

wird.

Russland hofft, bedingt durch die Schwäche

der Türken, endlich die Kontrolle über die

Meerenge des Bosporus zu erreichen. Das

wiederum liegt nicht im Interesse Großbritanniens,

denn London will nicht zulassen, dass

eine solche Schlüsselposition wie die Dardanellen

unter russische Kontrolle gerät.

Der lange Weg auf die Krim

Nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen

besetzen am 3. Juli 1853 rund

80.000 russische Soldaten unter dem Befehl

von Fürst Michail Gortschakow die Donau-

Alliierte

FRANKREICH

Befehlshaber: Armand-Jacques Achille Leroy de

Saint-Arnaud (1798-1854)/ François Canrobert

(1809–1895) /Aimable Pélissier (1794–1864)

Truppenstärke: 100.000

Verluste: 70.000

GROßBRITANNIEN

Befehlshaber: Fitzroy James Henry Somerset,

Lord Raglan (1788–1855)

Truppenstärke: 35.000

Verluste: 22.000

SARDINIEN-PIEMONT

Befehlshaber: Alfonso La Marmora

(1804–1878)

Truppenstärke: 14.000

Verluste: k. A.

OSMANISCHES REICH (TÜRKEI)

Befehlshaber: Omar Pascha (Michael Latas)

(1806–1871)

Truppenstärke: 55.000

Verluste: k. A.

MARTIALISCH: Darstellung

der Belagerung von Sewastopol

von Franz A. Roubaud

(Ausschnitt aus einem

Panoramagemälde).

Foto: picture-alliance/Prisma Archivo

Clausewitz 3/2013

49


Schlachten der Weltgeschichte | Krimkrieg

BELAGERT: Blick auf die

Befestigungsanlagen von

Sewastopol.

Foto: picture-alliance/akg-images

HINTERGRUND

Deutsche Legionäre für die Krim

fürstentümer Walachei und Moldau. Am

16. Oktober erklärt das Osmanische Reich

Russland den Krieg und General Omar Pascha

beginnt seine Operationen gegen die

russische Armee an der Donau. Die türkischen

Truppen schlagen sich – nicht zuletzt

dank der deutschen Militärberater – erheblich

besser als in früheren Kriegen.

Am 30. November 1853 greift die russische

Schwarzmeerflotte den osmanischen

Hafen von Sinope an und schießt sämtliche

Schiffe der Türken in Brand. Etwa 4.000 Soldaten

verlieren dabei ihr Leben.

Österreich hatte sich zwar für neutral erklärt,

fordert aber am 3. Juni 1854 den Zaren

zu dessen Überraschung auf, seine Truppen

aus den Donaufürstentümern abzuziehen.

Zwar bleibt Wien auch weiterhin neutral, besetzt

aber die Donaufürstentümer selber. Die

Alliierten landen Ende Mai 1854 ihrerseits

eine britisch-französische Expeditionsarmee

bei Warna im heutigen Bulgarien. Kaiser Napoleon

III. entsendet 30.000 Mann und 68

Geschütze und die Briten 26.000 Mann und

60 Geschütze auf den Balkan.

Auch als sich die Russen wieder hinter

die Donau zurückziehen, wollen die Alliierten

den Kampf fortsetzen. Napoleon braucht

nämlich zur Untermauerung seiner Großmachtambitionen

einen militärischen Erfolg.

Den soll stattdessen eine Expedition in die

Dobruschda im August 1854 liefern, doch es

kommt anders.

Im französischen Lager im bulgarischen

Warna bricht im Juli die Cholera aus. Kurz

darauf treten auch bei den Briten in Gallipo-

Die britische Armee besteht nur aus wenigen

und schlecht bezahlten Berufssoldaten,

die zudem meist in den Kolonien eingesetzt

werden. Die hohen Verluste auf der Krim

verlangen aber nach schnellem Ersatz. Deshalb

beschließt das Parlament, mit Fremdenlegionären

Ersatz zu beschaffen. 9.000

deutsche Legionäre werden in der „British-

German Legion“ zusammengefasst und ab

Mai 1855 in die Türkei verschifft. Durch das

baldige Kriegsende kommen die Legionäre

aber nicht mehr auf der Krim zum Einsatz.

li (in der heutigen Türkei) die ersten Cholerafälle

auf. Um den 20. August beklagen die

Franzosen bereits 5.000 Opfer.

Damit sind alle militärischen Operationen

der Alliierten auf dem Balkan gescheitert.

Obwohl es jetzt eigentlich keinen Grund

mehr zu weiteren militärischen Operationen

gibt, wollen die Alliierten ihren Krieg gegen

Russland fortsetzen. Während Lord

Aberdeen auf Sympathiegewinne

bei der anti-russisch eingestellten

Öffentlichkeit hofft,

möchte Napoleon III. das

1814 schwer geschlagene

Frankreich zurück zu alter

Stärke führen.

Ein direkter Marsch

vom Balkan in das Innere

Russlands ist zwar unter

diesen Umständen kaum

sinnvoll, aber eine begrenzte

Militäroperation

gegen die russische Marinebasis

Sewastopol auf der

Krim würde obendrein den

Vorteil bringen, die russische

Schwarzmeerflotte zu schwächen. Das

wiederum würde die britische, die französische

und auch osmanische Position im Mittelmeer

und im Schwarzen Meer stärken.

Der Kampf um die Krim beginnt

Am 12. September 1854 erscheint die alliierte

Flotte vor der russischen Halbinsel und

landet in der Bucht von Jewpatorija nördlich

von Sewastopol die Truppen an.

Die Festung von Sewastopol ist von den

Russen nach ihrer Übernahme der Halbinsel

Krim von den Türken im Jahre 1783 angelegt

worden. Den Namen Sewastopol haben

die Russen aus dem Griechischen übernommen

und er bedeutet „Stadt des

Ruhms“.

Zwischen 1833 und 1851 werden die Verteidigungsanlagen

der Hafenstadt ausgebaut.

Insgesamt werden acht Forts, drei auf

der Nordseite der Bucht und fünf auf der

Südseite, errichtet. 1854 folgen drei weitere,

insgesamt verfügt die Festung über

571 Kanonen.

Allerdings hat die zur See

hin gut gesicherte Festung ihre

Achillesferse an der

AN DER SEITE FRANKREICHS

UND GROßBRITANNIENS:

1855 befehligte Alfonso La

Marmora das piemontesische

Expeditionskorps im

Krimkrieg.

Foto: picture-alliance/akg-images

Landseite, denn diese ist nahezu

ungeschützt. Seit dem

Frühjahr 1854 wird zwar zügig

an der Fertigstellung der Verteidigungswerke

zur Landseite hin gearbeitet,

aber bis zum September 1854 sind

noch immer drei Viertel der Verteidigungslinie

offen.

Laut dem deutschstämmigen Ingenieur

Eduard von Totleben, der eigens zum Festungsbau

nach Sewastopol gesandt wurde,

erwartet der Oberkommandierende Fürst

Menschikow für 1854 keinen Angriff auf die

Festung mehr.

50


Cholera wütet

Die Alliierten ihrerseits stehen nach dem

Anlanden mit 61.000 Mann zum Sturm auf

Sewastopol bereit. Fürst Menschikow hat

immerhin 50.000 Soldaten unter seinem Befehl,

doch davon sind 12.000 zur Sicherung

der Halbinsel Kertsch abgestellt.

TRIUMPH: Gemälde zur Erstürmung

des Forts Malakoff

durch französische Truppen

unter Patrice de Mac-Mahon

am 8. September 1855, von

Horace Vernet.

Foto: picture-alliance/akg-images

Alma, Balaklawa und Inkerman

Am 20. September greifen die Alliierten

schließlich an. Die russischen Soldaten wehren

sich entschlossen, aber die französischen

Zuaven, nordafrikanische Söldner, dringen

auf der linken Flanke dennoch erfolgreich

vor. De Saint-Arnauds Divisionen treffen dagegen

im Zentrum auf heftigen Widerstand.

Doch das überlegene Feuer der mit den

Minié-Gewehren ausgerüsteten Franzosen

zwingt die Russen zum Rückzug.

Auf dem linken Flügel greifen die Briten

immer wieder an und werden dennoch zurückgeworfen.

Erst als später französische

Truppen die Briten unterstützen, ziehen die

Russen sich geordnet zurück.

„… das ist großartig,

aber kein Krieg. Das ist

Wahnsinn.“

General Bosquet nach der Attacke

der leichten Brigade bei Balaklawa

KARTE

Belagerung von Sewastopol 1854/55

Dieses erste Aufeinandertreffen moderner

europäischer Armeen seit dem Ende der

Kriege Napoleons kostet die Russen 6.300

Mann (Tote, Verwundete und Vermisste), die

Briten insgesamt 2.000 Soldaten und die

Franzosen 1.600 Soldaten.

Die Alliierten haben aber noch ein weiteres

schweres Opfer zu beklagen. Der Kommandeur

der französischen Expeditionstruppen,

De Saint-Arnaud, wird ein Opfer

der Cholera.

Darum weichen die Alliierten von dessen

Plan, unverzüglich Sewastopol anzugreifen,

ab und belagern stattdessen die Hafenstadt.

TECHNIK

Das Minié-System

Anders als die Russen haben

die Briten und Franzosen ihre

Truppen bereits mit Gewehren

mit gezogenen Läufen ausgerüstet.

Der Hauptmann der Jäger,

Claude Etienne Minié, hat 1849

ein System vorgeschlagen, das

es ermöglicht, Gewehre mit gezogenem

Lauf auszustatten, die

aber dennoch genauso leicht zu

laden waren wie die Waffen mit

glattem Lauf. Während bei diesen

die Kugel ein deutlich kleineres

Kaliber aufweist als der

Laufinnendurchmesser, ist das

beim System Minié anders. Hier

wird das Geschoss durch die

Zündung der Pulverladung

künstlich vergrößert und in die

Züge des Laufes getrieben. Dies

gibt dem Geschoss den notwendigen

Drall (Drehung), um mit erheblich

größerer Präzision auf

sein Ziel zuzustreben.

Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich

Clausewitz 3/2013

51


Schlachten der Weltgeschichte | Krimkrieg

Diese Entscheidung rettet die Stadt vor der

raschen Erstürmung. Der spätere Kommandeur

der Garnison, General Dimitrij von der

Osten-Sacken, schreibt später: „Hätte der

Feind entschlossen gehandelt, dann hätte die

ganze Armee auf der Krim für die Verteidigung

von Sewastopol nicht genügt ...“

Briten wie Franzosen beschließen, zuerst

ihre Positionen zu festigen und weitere Verstärkungen

aus Warna und Konstantinopel

abzuwarten. Die Verteidiger von Sewastopol

nutzen diese Phase des alliierten Zögerns und

bauen unter der Führung von Admiral Kornilow

und Oberst Totleben hastig ihre Verteidigungspositionen

aus. Neben den Soldaten

und Seeleuten hilft praktisch die ganze russische

Bevölkerung bei diesen Arbeiten.

„Angriff der leichten Brigade“

Den russischen 118 Geschützen stehen 53

französische und 73 britische gegenüber. Allerdings

ist die Situation auf der Seite zur See

für die Alliierten weniger günstig. Zwar

wird im ersten Bombardement keines ihrer

30 Schiffe versenkt, doch das Feuer der russischen

Geschütze hat zahlreiche Opfer unter

den Seeleuten gefordert – 74 darunter Tote

und über 400 Verwundete. Die Russen dagegen

haben kaum Ausfälle zu beklagen. Es

bleibt den Alliierten die Erkenntnis, dass sie

mit hölzernen Schiffen gegen moderne Geschütze

kaum mehr bestehen können.

Am 25. Oktober 1854 versuchen die Russen,

ihrerseits anzugreifen. Ziel ist der briti-

BERÜHMT: Porträtaufnahme von Leo

Tolstoi, der am Krimkrieg teilnimmt.

Seine dort gewonnenen Eindrücke

verarbeitet der

Schriftsteller wenig später

in drei Erzählungen.

Foto: picture-alliance/akg-images

kommt es zu keinen effektiven

feindlichen Aktivitäten. Die

Schlacht von Balaklawa endet,

ohne dass die Russen

ihr Ziel erreicht haben oder

die Alliierten den Abwehrerfolg

nutzen können.

Die Alliierten beginnen

zu erkennen, dass sie

sich trotz ihrer Erfolge an

der Alma und bei Balaklawa

auf eine lange Belagerung

von Sewastopol einstellen

müssen.

Mittlerweile erreichen zwei

weitere Divisionen, aus Bessarabien

kommend, die Krim. Da Menschikow nun

über insgesamt 107.000 Soldaten in und um

Sewastopol verfügt und somit die numerische

Überzahl gegenüber den 71.000 alliierten

Soldaten besitzt, entschließt er sich zum

Handeln.

Die Inkerman Höhenzüge, die bis zu einer

Höhe von 130 Metern ansteigen, sind das

östliche Ende der alliierten Belagerungslinie

und stellen einen Schwachpunkt dar. Insgesamt

stehen hier 8.600 Mann – rund ein Drittel

der gesamten britischen Armee.

An dieser schwachen Position der Alliierten

will Fürst Menschikow den Belagerungsring

durchbrechen und zugleich die britischen

Streitkräfte weitgehend zertrümmern.

Mit einem Durchbruch auf die Sapun-Höhen

und die Ebene von Cherson würde sich die

militärische Lage schlagartig zu Russlands

Gunsten verändern. Für diesen Plan setzt er

57.000 Soldaten ein.

General Gortschakow bindet mit 22.000

Mann die Franzosen, während die Generale

Soimonow und Paulow mit insgesamt

35.000 Soldaten direkt die Inkerman-Höhen

angreifen. Am frühen Morgen des 5. Novemsche

Versorgungshafen

Balaklawa. Die dort eingesetzten

türkischen Soldaten

weichen vor der russischen

Übermacht von 25.000 Soldaten

zurück.

Dabei zögert General Liprandi,

der den Angriff führt, nachdem er die Höhen

besetzt hat, mit seinem weiteren Vordringen

auf Balaklawa. Lord Lucans schwerer

Kavalleriebrigade gelingt es, die russische

Reiterei zu schlagen. Der anschließende

Einsatz der leichten Kavalleriebrigade von

Lord Cardigan führt zu einem Desaster. Erst

zögert er, den Befehl auszuführen, da er sich

weigert, seinen Schwager und Intimfeind

Lord Lucan als Oberbefehlshaber der Reiterei

anzuerkennen. Er folgt ihm schließlich

doch auf Druck seiner Offiziere.

Was nun folgt, ist seitdem als der „Angriff

der leichten Brigade“ in die britische Militärgeschichte

eingegangen. Von 658 Reitern kehren

nur 200 zurück. General Bosquet ruft entsetzt

aus: „Das ist großartig, aber kein Krieg.

Das ist Wahnsinn.“ Nach dieser Attacke

„Hätte der Feind entschlossen gehandelt, dann hätte

die ganze Armee auf der Krim für die Verteidigung

von Sewastopol nicht genügt …“

General Dimitrij von der Osten-Sacken nach der Schlacht an der Alma

UNTER BESCHUSS: Bombardement der Festung Sewastopol durch die französische und englische Flotte 1854.

Foto: picture-alliance/akg-images

52


Sewastopol fällt

HINTERGRUND

Cholera – die geheimnisvolle Seuche

Die Cholera ist in Europa eine „neue“

Krankheit. Ihren Ursprung hat sie in der

Gangesregion in Indien. Sie erreicht

während der 1820er-Jahre über Zentralasien

auch Europa. Zwischen 1830

und 1837 schwappt eine erste Welle

über den europäischen Kontinent. Die

Ursachen für diese massenhaft auftretende

Krankheit sind auf unhygienische

Lebensumstände und ganz besonders

auf verseuchtes Trinkwasser zurückzuführen.

Die große Choleraepidemie von

London im Sommer 1854 fordert fast

12.000 Opfer.

ber ersteigen Soimonows Kolonnen die westliche

Seite der Inkerman-Höhen und werden

sofort von den Briten unter Feuer genommen.

Dort muss Soimonow feststellen, dass General

Paulow, anders als befohlen, noch nicht

zum Angriff angetreten ist. Erst gegen 08:00

Uhr beginnen seine 16.000 Mann mit dem

Aufstieg. Die Briten können sich dank ihrer

überlegenen Feuerkraft gegen die russische

Übermacht behaupten. Die mangelnde Koordinierung

der Angriffskolonnen und der Umstand,

dass General Soimonow gleich zu Beginn

des Kampfes fällt, lässt den russischen

Angriff ins Stocken geraten. Doch erst der

Flankenangriff der französischen Fremdenlegionäre

und der Zuaven bringt die Wende.

Nach drei Stunden heftiger Kämpfe haben

die russischen Angreifer rund ein Drittel

ihrer Soldaten verloren und müssen sich zurückziehen.

Die Verluste der Briten belaufen

sich auf etwa 2.500 Tote und Verwundete.

Die Franzosen haben knapp über 1.700 Männer

verloren.

Sturm auf Sewastopol

Ein schwerer Sturm, der Mitte November

durch das schwarze Meer fegt, trifft besonders

die Alliierten in ihrem Feldlager. Mehrere

Schiffe gehen vor der Krim verloren

und mit ihnen auch wichtige Güter für die

Truppen an Land. Dort werden Zelte und

Baracken vom Sturm zerstört und provisorische

Lazarette zerschlagen. Was folgt,

MANN GEGEN MANN: In der Schlacht an der Alma am

20. September 1854 Treffen Alliierte und Russen auf der

Krim erstmals aufeinander. Foto: picture-alliance/akg-images

sind kalte und hungrige Wintermonate in

den Gräben vor oder in den Trümmern von

Sewastopol.

Da der Beschuss der Verteidigungsanlagen

im Oktober 1854 trotz der nie gekannten

Intensität kaum Wirkung gezeigt hat, müssen

die Alliierten von einem schnellen Sturm

auf Sewastopol Abstand nehmen. Als Zentrum

des russischen Widerstandes haben sie

mittlerweile das Fort Malakow (auch: Malakoff)

ausgemacht und konzentrieren nun ihr

Feuer darauf.

Im Mai des Jahres 1855 werden die Belagerer

durch 14.000 italienische Soldaten des

Königreichs Sardinien verstärkt.

Zwei Expeditionen der Alliierten gegen

Kertsch im Südosten führen zu keinen echten

Erfolgen. General Aimable Pélissier hat

inzwischen Canrobert als Oberbefehlshaber

der Franzosen abgelöst. Was zu tun bleibt, ist

ganz klar: Der Sturm auf die Festung und

hier auf das Zentrum, Malakow.

Am 6. Juni 1855 starten sie ein neues Bombardement.

Ziel ist die Zerstörung der drei

Festungswerke im Vorfeld Malakows, die

Literaturtipps

Orlando Figes: Krimkrieg – Der letzte Kreuzzug,

Berlin 2011

Wilhelm Treue: Die Entstehung der modernen

Flotten, Göttingen 1954

am 7. Juni von den Franzosen gestürmt werden.

Von August bis September wiederholen

die Alliierten immer wieder ihre Bombardements

der russischen Stellungen. Die Russen

erleiden heftige Verluste, allein in den letzten

drei Tagen verlieren sie 7.500 Männer.

Am Mittag des 8. September stürmen drei

französische und zwei britische Divisionen

die Festung. Da die Gesamtsituation durch

die Eroberung des Forts Malakow kaum

noch haltbar ist, befiehlt General Gortschakow

die Räumung der Stadt.

Ostsee, Kaukasus und Fernost

Neben den Kämpfen auf der Krim wird

auch an anderer Stelle gekämpft. So läuft

bereits im März 1854 ein Verband britischer

Schiffe unter Admiral Napier in die Ostsee,

um russische Häfen zu blockieren. Da sich

die russische Flotte zurückhält, bleibt es bei

der Beschießung russischer Häfen und

Werften.

Im August 1854 kommt es auch zu Kämpfen

auf der sibirischen Halbinsel Kamtschatka,

hier kann sich aber die schwache russische

Garnison erfolgreich gegen die Alliierten

behaupten. Auch die Kämpfe im Bereich

des Kaukasus verlaufen für die Russen erfolgreich,

so können sie Militäroperationen

1853, 1854 und 1855 siegreich abschließen.

Letztlich bringt dies den Russen die Möglichkeit,

trotz der Niederlage bei Sewastopol

einen annehmbaren Friedensvertrag zu unterzeichnen.

Am Ende zeichnet sich der alliierte Gesamterfolg

dadurch aus, dass Briten und

Franzosen sich dank ihrer überlegenen Wirtschaft

und der damit verbundenen modernen

Rüstung gegenüber Russland durchsetzen

können. In St. Petersburg muss der neue

Zar Alexander II. Russlands Rückständigkeit

in diesem Punkt anerkennen. In der Folge

führt er verschiedene Reformen, wie die

Abschaffung der Leibeigenschaft, durch.

Dr. Carsten Walczok, Jg. 1962, Dienst im Bundesgrenzschutz,

Geschichtsstudium, Tätigkeit als Archivar.

Verschiedene Publikationen zur Technik-, Kriegs- und

Regionalgeschichte.

Clausewitz 3/2013

53


Das historische Dokument

MARTIALISCH: Brückenlegepanzer

während eines Manövers des

Warschauer Paktes.

Geheimes NVA-Kartenmaterial

Streng

vertraulich

Ende der 1980er-Jahre: Das Ministerium für Nationale

Verteidigung der DDR lässt Karten von NATO-Staaten

für den „Angriffsfall“ erstellen.... Von Eberhard Kliem

Obwohl der Bundeswehr mit Übernahme

der Befehlsgewalt über die NVA-

Truppenteile nach 1990 nahezu 25.000

militärische Dokumente zugefallen sind,

sind die originären Operationspläne der

sowjetischen Streitkräfte und ihrer Verbündeten

bis heute nicht auffindbar.

Aufgrund des fehlenden Zugangs zu

den Archiven des ehemaligen Warschauer

Paktes müssen Erkenntnisse über die militärischen

Pläne des östlichen Militärbündnisses

auf indirektem Weg entwickelt werden.

Dies ist möglich, da Manöver- und

Übungsbefehle – auch von Großmanövern

der verbündeten Streitkräfte – ausgewertet

werden können.

Grundsätzlich ergibt sich aus diesen Dokumenten,

dass der Warschauer Pakt während

des Kalten Krieges an eine ständige

aggressive Bedrohung durch die Streitkräfte

der NATO glaubt. Sollte diese in ihren

Augen zu groß werden oder sollte sich eine

günstige politische Situation ergeben, so

will man die westlichen Staaten auf ihrem

eigenen Territorium überraschend angreifen,

in Kesselschlachten ihr Angriffspotential

vernichten und in schnellen Operationen

in circa 30 bis 35 Tagen bis an die Biskaya

vordringen.

Die NVA ist als Koalitionsarmee in jeder

Beziehung in die Streitkräfte des Warschauer

Paktes eingegliedert. An der Entwicklung

eigener operativer Pläne hinsichtlich

einer Kriegführung auf dem westlichen

Kriegsschauplatz ist sie folgerichtig nicht

beteiligt und nur wenige ihrer Generale

haben offensichtlich Kenntnis vom

militärischen Gesamtplan des Warschauer

Paktes.

Der Einsatz der NVA ist aber – im Zusammenwirken

mit der Polnischen

Volksarmee – ohne jeden Zweifel in

Nord- und Mitteldeutschland vorgesehen.

Hier ist ein Durchbruch in die Norddeutsche

Tiefebene vorgesehen, der schnell bis

zur deutschen und holländischen Nordseeküste

vorangetragen werden soll. Begleitet

werden die Angriffe durch Landungen an

der Ostseeküste zwischen Lübeck und

Flensburg. Die notwendigen Unterlagen in

Form von Karten, Plänen, Luftaufnahmen

werden sorgfältig und in bester Generalstabsarbeit

vorbereitet.

Talsperren im Visier

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür stellt die

„Karte der Passierbarkeit und des Pionierausbaus

1:200.000 BRD“ dar. Das 45 x 45 cm

große Kartenwerk ist in deutscher und russischer

Sprache verfasst. Gemäß Deckblatt

ist für die Erarbeitung des Inhaltes des Spezialkartenwerkes

das „Ministerium für Nationale

Verteidigung, Chef Pionierwesen“

verantwortlich. Eingestuft ist das vorliegende

Dokument als „Geheime Verschlusssache“

GVS – Nr. A 545 060, 85. Ausfertigung,

188 Blatt, Ausgabe 1988.

Seite 2 des Dokumentes zeigt in einer

farbigen Übersicht die Bundesrepublik,

wobei die Darstellung nicht exakt deren

STRENG GEHEIM: Deckblatt der Karte mit

wichtigen Angaben zur geographischen Beschaffenheit

und zur Infrastruktur der Bundesrepublik

Deutschland.

territorialen Grenzen folgt, sondern im

Norden und Westen auch Teilgebiete der

angrenzenden Staaten Dänemark und der

Benelux-Länder darstellt.

Im Osten sind darüber hinaus Gebiete

der DDR bis zu 100 Kilometern Tiefe kartographiert.

Dies trifft besonders auf die

Norddeutsche Tiefebene und das Gebiet

östlich von Kassel und Fulda zu. Das dargestellte

Territorium ist in einzelne numerierte

Quadrate unterteilt, um das Auffinden

der Detaildarstellung auf den folgenden

Seiten zu erleichtern.

Die Übersichtskarte enthält laut Legende

ein nicht nur aus heutiger Sicht erschreckendes

Detail: Mit blauen Dreiecken sind

„Talsperren mit einem Stauvolumen von 10

Millionen m 3 “ markiert, gefolgt von einer

blauen Linie, die „Durch Flutwellen bedrohte

Flussabschnitte (bei Zerstörung von

Talsperren mit einem Stauvolumen von

über 10 Millionen m 3 )“ aufzeigt. In der

Übersichtskarte sind allein für das Ruhrgebiet

15 solcher Talsperren mit den entspre-

Alle Fotos: Eberhard Kliem

54


WICHTIGE ZIELE: Kartenblatt mit dem bedeutenden Marinestützpunkt

Wilhelmshaven und den Nordseehäfen Cuxhaven und

Bremerhaven.

chenden Überflutungsgebieten dargestellt.

Nach der Übersichtskarte folgen sieben Seiten

mit der Erläuterung der Legende der

verwendeten farbigen Symbole – wieder in

Deutsch und Russisch. Insbesondere fließende

Gewässer werden detailliert dargestellt

hinsichtlich Breite, Tiefe, Beschaffenheit

des Grundes, geeigneter Stellen zum

Übersetzen und zum Anlanden von Truppen.

Nahezu jede einzelne Brücke, Schleuse

oder Furt ist erfasst. Darüber hinaus ist

jeder Hafen kenntlich gemacht.

ÜBERSICHT:

In nummerierte

Quadrate aufgeteilte

Karte der Bundesrepublik

Deutschland mit

eingezeichneten

Talsperren.

Detaillierte Angaben

Die Beschaffenheit der Küstengebiete an

Ost- und Nordsee ist hinsichtlich der Möglichkeit

der Anlandung von Truppen von

See her beschrieben. Nahezu sämtliche

Straßen-, Eisenbahn- und sonstige Brückenanlagen

einschließlich der entsprechenden

Tunnelanlagen sind erfasst und werden

hinsichtlich ihrer Abmessungen, Baumaterialen

und Nutzung, aber auch vorbereiteter

Sprengmöglichkeiten und Sprengschächte

erläutert. Wichtige Industrie- und

Rüstungsbetriebe sind farblich gekennzeichnet.

Der Hauptteil des Dokuments besteht

aus insgesamt 68 quadratischen farbigen

Kartenblättern, die im Maßstab

1:200.000 die gesamte Bundesrepublik kartographisch

erfassen. Auf der Rückseite jeder

Karte befinden sich unter den Einzelüberschriften

• Allgemeine Angaben

• Klimatische Bedingungen

• Straßenetz

• Geländeeinschätzung

• Bodenbewachsung

• Gewässer

• Angaben zu den wichtigsten Flüssen

• Passierbarkeit des Geländes

• Bedingungen zum Bau von Feldbefestigungen

• Bedingungen zur Wassergewinnung

und Aufbereitung

weitere detailliere Angaben. Besonders die

Angaben zum Straßenetz sind militärischer

Natur. So wird angegeben, wie breit die sogenannten

Hauptmarschstraßen sind und

aus welchem Material diese gebaut sind.

Davon abhängig wird dann die Vormarschmöglichkeit

in Regiments- oder Bataillonskolonne

erläutert.

Im letzten Teil des Kartenwerkes finden

sich auf insgesamt 80 Seiten „Bildwerke

ausgewählter Objekte“. Jede Seite enthält

zwischen drei und vier Schwarz-weiß-Aufnahmen,

die jeweils in deutscher und russischer

Sprache beschrieben und einer geographischen

Karte des Hauptteils zugeordnet

sind. Es handelt sich bei den meisten

Aufnahmen um Luftbilder von Objekten,

die aus militärischer Sicht von Bedeutung

sind – Autobahnkreuzungen, Brücken, Eisenbahnknotenpunkte,

Industrieanlagen,

Häfen und Kraftwerke. Dazu kommen Aufnahmen,

die in großem Maßstab landschaftliche

Gegebenheiten erkennen lassen,

die für Truppenbewegungen von Bedeutung

sind: Flußquerungen, Waldgebiete,

Kanalgebiete etc.

Veraltetes Bildmaterial

Es muss jedoch erwähnt werden, dass die

große Mehrzahl der Bilder in einem Kartenwerk,

das den Stand des Jahres 1988 widerspiegeln

soll, in Teilen mehr als veraltet

ist. So wird zum Beispiel der Hafen von

Bremerhaven – im Jahr 1988 bereits einer

der größten Containerhäfen Europas – an

Hand eines Fotos erläutert, der noch die alte

Auswandereranlage zeigt.

Dieses Kartenwerk und andere nach

1990 zugänglich gewordene Manöverunterlagen

machen deutlich, wo das geplante

Operationsgebiet der NVA lag.

Eberhard Kliem, Jg. 1941, Fregattenkapitän a.D., zuletzt

tätig im NATO-Hauptquartier Brüssel. Anschließend

drei Jahre Geschäftsführer des Deutschen Marinemuseums

in Wilhelmshaven. Mitarbeit an verschiedenen

Museumsprojekten; zahlreiche maritime

Fachbeiträge.

Clausewitz 3/2013

55


Militär und Technik | Marineflieger

Deutsche Marineflieger nach dem Zweiten Weltkrieg

„Fliegen, wo die

NEUES MODELL: Ab 1975 werden die

Sikorski H-34 (hinten) durch Westland

„Sea King“-Hubschrauber abgelöst.

Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte

Ende der 1950er-Jahre: Die Bundeswehr beginnt mit der Einführung von Marinefliegergruppen.

Wenige Jahre später wird in der DDR eine erste Marinehubschrauberstaffel zur

Unterstützung der Seestreitkräfte in Dienst gestellt...

Von Werner Fischbach

Die Anfänge der bundesdeutschen Marineflieger

reichen in das Jahr 1949 zurück.

Vier Jahre nach dem Ende des

Zweiten Weltkriegs ruft die US-Marine das

„Naval Historical Team“ zusammen, das unter

die Zuständigkeit der „Naval Intelligence“

fällt. Dabei geht es den Amerikanern

in erster Linie um die Erfahrungen, die die

deutsche Kriegsmarine im letzten Weltkrieg

insbesondere in Nord- und Ostsee, sowie in

Norwegen und dem Atlantik gesammelt hat.

Das Team umfasst fünf fest angestellte

hohe Marineoffiziere und tritt unter der

Leitung von Generaladmiral a. D. Otto

Schniewind am 9. April 1949 in Bremerhaven

zum ersten Mal zusammen. Es gilt als

Keimzelle der späteren Bundesmarine.

Mit von der Partie ist auch der ehemalige

Oberst i.G. Walter Gaul, der als Marine-

VIELSEITIG EINSETZBAR: Ein Hubschrauber

vom Typ Mil Mi-4 beim Bergungsdienst.

Foto: BArch, Bild 183-C0229-0001-002, Fotograf: Karnitzki

offizier 1934 zur Luftwaffe wechselte und

während des Krieges – unterbrochen von

Seeaufklärereinsätzen – im Stab der Seekriegsleitung

tätig war.

Anfänge der Bw-Marineflieger

Marineflieger sind also schon beim „Naval

Historical Team“ ein Thema. Wesentlich konkreter

wird die Angelegenheit in der Himmeroder

Denkschrift, die im Oktober 1950

vor dem Hintergrund der konventionellen

Überlegenheit sowjetischer Streitkräfte und

des am 25. Juni desselben Jahres ausgebrochenen

Koreakriegs hinter den Mauern des

Klosters Himmerod erstellt wird. Thema ist

der militärische Beitrag der Bundesrepublik

an der Seite ihrer westlichen Partner, wobei

auch auf die Rolle zukünftiger Marinefliegerverbände

eingegangen wird.

56


RESPEKTEINFLÖßEND:

Bewaffneter Mi-8T-Hubschrauber

beim Einsatz über der Ostsee.

Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte

Flotte fährt“

Angesichts der aus Sicht der Marine negativen

Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg

werden eigene Marinefliegerkräfte als

notwendig angesehen. Die entsprechende

Empfehlung geht auf den ehemaligen

Oberst und späteren Kapitän zur See und

ersten Kommandeur der bundesdeutschen

Marineflieger, Walter Gaul, zurück. Vorgeschlagen

werden 84 Jagd-, 30 Aufklärungssowie

30, später sogar 60 Kampf- bzw. U-

Jagdflugzeuge. Allerdings ist diese Forderung

nicht einfach umzusetzen. Da die Marine

Bestandteil der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft

(EVG) werden soll,

leisten Frankreich und Großbritannien heftigen

Widerstand gegen eigenständige deutsche

Marinefliegerverbände.

Nur durch die Intervention der USA

werden der bundesdeutschen Marine im

Mai 1952 30 Hubschrauber und 24 Aufklärer

zugestanden.

Als der EVG-Vertrag schließlich am Widerstand

Frankreichs scheitert, werden der

Marine bei den Verhandlungen über einen

NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland

infolge einer massiven Unterstützung

durch die USA neben 58 Flugzeugen (24

Aufklärer, 24 Angriffs- und zehn U-Jagdflugzeuge)

eine unbestimmte Anzahl von

Hubschraubern zugestanden. Dazu kommt

noch eine Reserve von 30 Prozent.

Mit dem Aufstellungsbefehl Nr. 41 vom

26. Juni 1956 bildet Kpt.z.S. Gaul das Kommando

der Marineflieger und bezieht mit

sechs weiteren Soldaten eine Baracke in

Kiel-Holtenau. Im April 1957 wird die

I. Marinefliegergruppe in Dienst gestellt.

Am 1. Januar folgt die Seenotstaffel und am

1. April 1958 die II. Marinefliegergruppe.

Als einmaliger Vorgang in der deutschen

Militärgeschichte kann die Indienststellung

der Mehrzweckstaffel am 19. Mai

1958 im schottischen Lossiemouth bezeichnet

werden. Einen Tag darauf wird

dort die U-Jagd-Staffel in Dienst gestellt.

Luftfahrzeuge der Geschwader

„Fliegen, wo die Flotte fährt“, lautet das

Motto der Marineflieger. Und das beschreibt

ihre Aufgabe genau. Sie sind, der

direkten Kommandogewalt der Marine unterstellt,

ein Seekriegsmittel und dienen dazu,

Seekrieg aus der Luft und eben nicht,

Luftkrieg über der See zu führen.

IN BEGLEITUNG: Nach ihrer letzten Landung wird

die „Atlantic“ der SIGINT-Version von zwei

„Sea Lynx“ eskortiert.

Foto: PIZ Marine

Die Aufgabe der Angriffs- bzw. Kampfflugzeuge

(Marinejagdbomber) liegt im Schutz

der Ostsee und ihrer Zugänge, um im Fall

eines Angriffs des Warschauer Pakts den

sowjetischen Streitkräften und ihren Verbündeten

den Zugriff auf diese Seegebiete

zu verwehren und eine Landung auf bundesdeutschem

Territorium zu verhindern.

Die beiden dafür in Jagel bzw. ab März

1965 in Eggebek in Schleswig-Holstein beheimateten,

zunächst als Marinefliegergruppen

aufgestellten Marinefliegergeschwader

1 und 2 (MFG 1 und 2) werden,

da die USA nicht bereit sind, moderne

Kampfflugzeuge wie die Grumman F9F-8P

„Cougar“ an Deutschland zu liefern, zunächst

mit Armstrong Whitworth „Seahawk“

ausgerüstet. Dabei handelt es sich

hierbei um ein für die Royal Navy entwickeltes

und dort eingesetztes robustes

Clausewitz 3/2013

57


Militär und Technik | Marineflieger

BILD AUS VERGANGENEN TAGEN: „Tornados“

der Bundesmarine auf ihrer Basis in

Eggebek. Foto: picture-alliance/YPS collection

Flugzeugmuster, das – wie die späteren

Nachfolgemodelle – auch als Aufklärer eingesetzt

werden kann.

Insgesamt werden 68 Maschinen beschafft,

34 Jagdbomber und 34 Aufklärer.

Die Grundausbildung der Piloten erfolgt

bei der U.S. Navy; die nachfolgende Mustereinweisung

wird bei der Royal Navy

durchgeführt.

Einführung neuer Jets

Die Ablösung des britischen Jets wird bereits

am 10. September 1963 eingeläutet, als

die erste F-104G „Starfighter“ auf dem Fliegerhorst

Jagel landet. Dabei wollen die Marineflieger

den „Starfighter“ eigentlich gar

nicht haben. Sie wünschen sich die NA 39

„Bucaneer“ vom britischen Hersteller

Hawker Siddeley. Denn dabei handelt es

sich im Gegensatz zur F-104G um ein zweistrahliges

und zweisitziges Flugzeug. Diese

Tatsache bietet für Einsätze über See

deutliche Vorteile. Doch die Bundesmarine

muss, wenn auch zähneknirschend, der Beschaffung

des „Starfighters“ zustimmen.

LANGE IM EINSATZ: Das MFG 5 verwendet

Do 28-D2 „Skyservant“ für Verbindungs- und

Transportflüge. Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte

Obwohl es zunächst Probleme mit der Ersatzteilbeschaffung

gibt – zu Beginn sind

im Jahresdurchschnitt nur 20% der Maschinen

einsatzbereit – und eine Absturzserie

die „fliegende Rakete“ in die sogenannte

Starfighter-Krise führt, können die Marineflieger

mit der F-104 ihre Aufgabe wesentlich

besser erfüllen als mit der „Seahawk“.

Zudem kann Ende der 1970er-Jahre die

Kampfkraft mit der Einführung des Luft-

Schiff-Flugkörpers Kormoran I deutlich erhöht

werden.

Im Jahr 1982 erhalten die Marineflieger

mit dem PA-200 „Tornado“ endlich ihr

Wunschflugzeug. Denn der „Tornado“ ist

von vorneherein als Jagdbomber konstruiert.

Und die Maschine ist zweisitzig und

zweistrahlig. Das MFG 1 ist der erste Verband

der Bundeswehr, der mit dem

neuen Kampfflugzeug ausgerüstet

wird. Beide Geschwader setzen den

„Tornado“ bis zu ihrer Außerdienststellung

ein.

Neben dem Schutz der westlichen

Ostsee und ihrer Zugänge

ÜBERFLIEGER: Mit dem „Tornado“ (rechts)

erhalten die Marineflieger endlich ihr

„Wunschflugzeug“.

Foto: PIZ Marine

gehört auch der Schutz bzw. die Überwachung

der Seeverbindungen zu den Aufgaben

der Marineflieger. Deshalb wird eine

U-Boot-Jagdstaffel eingerichtet, die zunächst

mit Fairey AS4/T15 „Gannet“ ausgerüstet

wird. Nach der Indienststellung in

Schottland verlegt die Staffel zum MFG 2

nach Jagel. Das Geschwader verlegt im

April 1963 nach Nordholz und Ende desselben

Jahres nach Eggebek, wobei die U-

Jagd-Staffel in Nordholz verbleibt. Sie bildet

die Keimzelle für das 1964 aufgestellte

MFG 3 und übernimmt zum Jahreswechsel

1964/65 auf dem ehemaligen Luftschiffhafen

die Verantwortung vom MFG 2.

Vielseitige Aufgaben

Bundespräsident Heinrich Lübke verleiht

dem Geschwader am 9. Juli 1967 den Traditionsnamen

„Graf Zeppelin“. Mit der Landung

der ersten von insgesamt 20 Breguet

BR1150 „Atlantic“ am 26. Januar 1966 wird

die Ablösung der „Gannet“ eingeläutet; das

Flugzeugmuster wird am 30. Juni 1966 außer

Dienst gestellt. Fünf „Atlantics“ erhal-

IM ANFLUG: Die Volksmarine

setzte ihre Hubschrauber

auch zum Personentransport

ein – hier zu einem Küstenschutzschiff.

Foto: BArch, Bild 183-H1004-0001-

035, Fotograf: Jürgen Sindermann

58


Wunschflugzeug „Tornado“

ten in den USA ab 1969 unter der Bezeichnung

„Peace Peek“ eine Spezialausrüstung

zur elektronischen Aufklärung (SIGINT)

und leisten für die NATO damit einen

wichtigen Beitrag zur Aufklärung.

Zur U-Bootjagd werden jedoch auch

Hubschrauber eingesetzt. Diese Aufgaben

sollen zunächst von Sikorsky H-34 des

MFG 4 wahrgenommen werden, die zusätzlich

auch für Minensuch- und Minenräumaufgaben

vorgesehen sind. Knappe

Haushaltsmittel und die Erkenntnis, dass

die beschränkte Reichweite der H-34 einen

effektiven U-Jagdeinsatz nicht zulässt,

zwingen zur Einstellung dieser Pläne. Heute

werden Hubschrauber des Typs Westland

„Sea Lynx“ zur U-Boot-Jagd verwendet,

die dem MFG 3 angehören und als

Bordhubschrauber auf den Fregatten eingesetzt

werden. Seit Beginn der 1980er-Jahre

werden die Seefernaufklärer und in geringerem

Maße auch die Hubschrauber der

Marine in verschiedenen Einsätzen auch

außerhalb des NATO-Gebiets eingesetzt. So

zum Beispiel im Jugoslawienkonflikt oder

am Horn von Afrika.

Für Transport- und Verbindungsflüge

sowie für Search-and-Rescue (SAR)-Aufgaben

wird bereits am 1. Januar 1958 in Kiel-

Holtenau die Seenotstaffel in Dienst gestellt,

die später zum Marinedienst- und

Seenotgeschwader aufgewertet wird und

schließlich in MFG 5 umbenannt wird. Die

Erstausstattung besteht aus sechs Verbindungsflugzeugen

vom Typ Hunting Percival

P.66 „Pembroke“ und vier SAR-Hubschraubern

vom Typ Bristol B 171 „Syca-

VORFALL

AUS BESONDEREM BLICKWINKEL:

Hubschrauber vom Typ Mil Mi-8 und

Mil Mi-14 der Volksmarine während

eines Manövers in den 1970er-Jahren.

Foto: ullstein bild – ddrbildarchivde/Willmann

more“. Allerdings erweist sich dieser Hubschrauber

aufgrund seiner geringen Reichweite

und Tragfähigkeit für SAR-Aufgaben

als wenig geeignet, so dass 1959 zusätzlich

fünf Grumman HU-16D „Albatros“-Amphibienflugzeuge

beschafft werden. Als

weitere Verbindungsflugzeuge werden

Der Flug des Hauptgefreiten Metzger

Bis gegen 9:00 Uhr des 5. Dezember 1963

ist eigentlich nicht besonders viel los auf

dem Marinefliegerhorst Jagel. Doch das ändert

sich schnell, als eine Seahawk ohne

Flugauftrag und ohne Freigabe des Towers

auf die Piste rollt und startet. Der erste Verdacht,

ein russischer Agent hätte sich des

Flugzeugs bemächtigt und wolle es gen Osten

entführen, wird schnell entkräftet. Denn

im Cockpit sitzt der Hauptgefreite Metzger,

der als Flugzeugwart im Geschwader arbeitet.

In seiner Freizeit ist er als Segelflieger

tätig, befindet sich in der Ausbildung zum

Privatpiloten und will sich nun wohl den lang

ersehnten Wunsch erfüllen, endlich ein „richtiges“

Flugzeug zu fliegen. Am Vortag hat er

sich das Flughandbuch einer Seahawk ausgeliehen

und für sein Vorhaben in der Nacht

ordentlich gebüffelt.

Schnell wird eine Rotte startklar gemacht,

die den Ausreißer bald einholt. Das

Problem ist jedoch, den Hauptgefreiten mit

seinem „geliehenen“ Marinejagdbomber

wieder sicher auf den Boden zu bringen. Das

muss einigermaßen schnell gehen, denn die

Maschine hat lediglich für 45 Minuten Treibstoff

in den Tanks. Drei Versuche benötigt

Metzger, um die Seahawk auf den Boden zu

bringen. Beim ersten Anflug ist er für eine

Landung viel zu schnell, der zweite endet in

einem „Touch-and-Go“ (Aufsetzen und Durchstarten).

Beim dritten Versuch gelingt ihm

eine einigermaßen saubere Landung.

Beim Geschwader ist man erleichtert –

die Maschine hat noch Sprit für fünf Minuten

an Bord. Die ersten, die Metzger zu seinem

ersten Flug mit einem Marinejagdbomber

gratulieren, sind die Piloten der verfolgenden

Rotte.

Die Maschine dient danach für viele Jahre

als „Gate Guard“ an der Hauptwache des

Fliegerhorstes und wird erst nach der Außerdienststellung

des MFG 1 entfernt. Über das

weitere Schicksal des Hauptgefreiten Metzger,

der disziplinarisch bestraft und aus der

Marine entlassen wird, ist nichts bekannt.

Do 27 und Piaggio P.149D

verwendet. Als Nachfolger für

den nicht gerade leistungsstarken „Sycamore“-Hubschrauber

werden ab 1963 Modelle

der Typen Sikorski H-34G und ab 1975

Westland „Sea King“ Mk.41 eingesetzt.

Nach der Einrüstung mit dem britischen

„Sea Skua“-Raketensystem können die

„Sea King“ zusätzliche Aufgaben wahrnehmen.

Ab 1972 werden die Transport- und

Verbindungsflugzeuge durch Do 28-D2

„Skyservant“ ersetzt, die bis 1995 betrieben

werden.

Marineflieger der Volksmarine

Obwohl die Volksmarine der DDR der ersten

strategischen Staffel des Warschauer

Paktes angehört, scheinen ihre Wünsche

nach eigenen Luftstreitkräften zunächst auf

taube Ohren zu stoßen. Grund hierfür mögen

unzureichende finanzielle Mittel, die

personelle Begrenzung zugunsten des Heeres

und der Luftwaffe sowie die Tatsache,

dass die Volksmarine von der Sowjetunion

lediglich als Hilfsverband der Baltischen

Flotte angesehen wird, sein.

Dabei hat die Führung der Seestreitkräfte

(SSK) zunächst lediglich Hubschrauber

für die U-Boot-Abwehr vorgesehen. Für

den Zeitraum von 1956 bis 1960 sollen zwei

Regimenter der Jagdluftwaffe und ein Regiment

von Aufklärungsflugzeugen bei der

Clausewitz 3/2013

59


Militär und Technik | Marineflieger

Luftwaffe geschaffen werden, die jedoch

den Seestreitkräften operationell unterstellt

werden sollen.

Für die Zeit nach 1960 werden eigene

Seeluftstreitkräfte gefordert, die eine Staffel

düsengetriebene Aufklärungsflugzeuge, eine

Staffel propellergetriebene Aufklärungsflugzeuge

und eine Hubschrauberstaffel

zur U-Boot-Jagd sowie für den Seenotrettungsdienst

umfassen sollen. Doch es dauert

bis zum Dezember 1962 bis eine Hubschrauberkette

mit einer Personalstärke

von 123 Mann genehmigt wird.

Marinehubschraubergeschwader

Bereits drei Jahre zuvor, im Juli 1959, nahmen

Hubschrauber des Hubschraubergeschwaders

34 an einer Marineübung teil.

Sie werden dabei zum Kommando der Seestreitkräfte

nach Rostock-Gehlsdorf verlegt.

Allerdings vergeht danach noch viel Zeit

ehe am 1. Mai 1963 eine mit vier Mi-4-Hubschraubern

ausgerüstete Staffel in Dienst

gestellt wird. Dies wird als offizieller Gründungstag

der Marineflieger der DDR angesehen.

Wichtigste Aufgabe dieser als

18. Hubschrauberstaffel bezeichneten Einheit

ist die U-Bootjagd und der Lufttransport.

Nach dem Vorschlag des Chefs der

Seestreitkräfte, die Staffel mit neuen W-14

(Mil Mi-14)-Hubschraubern zu verstärken,

beginnt ab August 1974 die Ablösung der

Mi-4-Hubschrauber durch Transporthubschrauber

vom Typ Mi-8T.

Dagegen verzögert sich die Beschaffung

von moderneren U-Jagd-Hubschraubern,

was vom sowjetischen Marschall Kulikow

kritisiert wird. Daraufhin erklärt sich die

INFO

Technische Daten

Typ Mil Mi-14 Westland Sea King Mk41

Besatzung

2 Piloten,

Operator, Mechaniker

2 Piloten, 1 Operationsoffizier,

1 Mechaniker

+ 19 Passagiere

Triebwerk

2 x Klimov TW3-117MT

bzw. TV3-117MT

2 x Rolls-Royce

Gnome H 1400-1

Startleistung je Triebwerk 1.435 kW/1.924 PS 1.238 kW/1.660 PS

Maximale Geschwindigkeit 124 kn/230 km/h 113 kn/209 km/h

Marschgeschwindigkeit 89 – 113 kt/165 – 210 km/h k.A.

Dienstgipfelhöhe 13.123 ft/4.000 m 10.000 ft/3.048 m

Reichweite 432 NM/800 km 664 NM/1.230 km

Leergewicht 8.900 kg 6.207 kg

Max. Startmasse 14.000 kg 9.525 kg

Rotorblätter (Haupt/Heck) 5/3 5/5

Rotordurchmesser (Haupt/Heck) 21,29 m/3,91 m 18,90 m/3,23 m

Rotorkreisfläche 356,0 m 2 280,6 m 2

Länge 25,32 m 22,15 m

Höhe 6,93 m 4,72 m

Bewaffnung

Wasserbomben, Torpedos,

Sonarbojen

Sea Skua, Flare-Anlage M-130:

Keine Bewaffnung bei

SAR-Einsatz

VORFÜHRUNG: Hubschrauber Mil Mi-14 des

Marinehubschraubergeschwaders 18 beim

Absetzen von Kampfschwimmern im Rahmen

einer Flottenparade im Jahr 1979 anlässlich

des 30. Jahrestages der Gründung der DDR.

Foto: BArch, Bild 183-U1007-050, Fotograf: Jürgen Sindermann

Sowjetunion bereit, der Nationalen Volksarmee

im Zeitraum von 1981 bis 1985 modernstes

Kriegsgerät in erheblichem Umfang

zu übergeben. Als Folge davon landen

bereits im Oktober 1979 die ersten drei U-

Jagd-Hubschrauber vom Typ Mi-14PL auf

dem Fliegerhorst von Parow bei Stralsund;

sechs weitere folgen in den nächsten Jahren.

Obwohl von der Volksmarine mit Skepsis

betrachtet, werden auch Minenabwehrhubschrauber

vom Typ Mi-14BT geliefert, so

dass die Einheit, die seit dem Dezember 1981

als Hubschraubergeschwader 18 bezeichnet

wird, 1985 aus zwölf Kampf-, neun U-Jagdund

sechs Minenräumhubschraubern besteht.

Ende 1990 verfügt das Geschwader

60


Schmerzhafte Auflösungen

VERPFLICHTUNG: Seit Juli 1967 trägt

das MFG 3 den Traditionsnamen „Graf

Zeppelin“, was diese Maschine auf dem

Seitenleitwerk zeigt. Foto: PIZ Marine

AUSGEDIENT: Ein Teil der Volksmarine-Hubschrauber

wird noch bis 1994 bei der Hubschraubergruppe

Parow eingesetzt.

Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte

Nach der Wiedervereinigung

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion

entfällt die Bedrohung durch die Baltische

Flotte, so dass die wichtigste Aufgabe

der beiden Jagdbombergeschwader gewissermaßen

über Nacht entfallen ist. Die Zahl

der Jagdbomber muss reduziert werden, so

dass das MFG 1 mit seinen Flugzeugen und

Liegenschaften sukzessive an die Luftwaffe

übergeben und das Geschwader am 31. Deüber

eine Staffel von zwölf Mi-8TB/T, eine

U-Jagdstaffel mit acht Mi-14PL und eine Minenräumstaffel

mit sechs Mi-14BT. Zusätzlich

wird noch im März 1990 eine SAR-Staffel

mit sechs Hubschraubern vom Typ

Mi-14BT und zwei Mi-8BT gebildet.

Geplante Erweiterung

Neben den Hubschraubern stehen auch

Marinejagdbomber und die Einrichtung eines

entsprechenden Geschwaders auf der

Wunschliste der Führung der Volksmarine.

Dies wird von der Sowjetunion unterstützt,

wobei führende Militärs die Beschaffung

von Su-7B-Jagdbombern empfehlen.

Allerdings wird dieses Luftfahrzeugmuster

abgelehnt, da die NVA einheitliche Jagdbombertypen

sowohl für Luftwaffe (LSK/

LV) als auch für die Marine beschaffen

möchte. Die Flugzeuge sollen im in Rostock-

Laage stationierten Marinefliegergeschwader

28 zusammengefasst und mit Jagdbombern

vom Typ MiG-23BN und Aufklärern

vom Typ Su-22M ausgerüstet werden.

Die Führung der NVA entscheidet sich

jedoch, der Marine lediglich die Su-22 zuzuteilen.

Allerdings soll das Marinefliegergeschwader

28 zunächst bei den Luftstreitkräften

verbleiben. Dass das Geschwader

am 1. März 1988 dennoch der Marine unter-

stellt wird, liegt wohl an den KSZE-Verhandlungen.

Dort werden die Waffensysteme

der Luftwaffe separat von jenen der Marine

gezählt; mit der Unterstellung des

MFG 28 an die Marine kann die NVA die

beiden Staffeln mit insgesamt 24 Su-22 auf

elegante Weise aus den Beständen ihrer

Luftstreitkräfte „verschwinden“ lassen.

Weitere Planungen der DDR-Marineflieger

(Bildung einer Su-22 -Aufklärungsstaffel

sowie einer Transporthubschrauberstaffel)

können nach der Wiedervereinigung der

beiden deutschen Staaten am 3. Oktober

1990 nicht mehr realisiert werden. Ein Teil

der Hubschrauber wird von der Bundesmarine

bis September 1994 bei der Marine-

Hubschraubergruppe Parow eingesetzt.

MIT BREMSFALLSCHIRM: Eine Rotte von

Suchoi Su-22 bei der Landung auf dem Militärstützpunkt

in Rostock-Laage im Jahr

1981. Foto: ullstein bild – EUROLUFTBILD.DE

zember 1993 aufgelöst wird. Zehn Tornadoflugzeuge

gehen an das MFG 2. Im Januar

2005 wird auch dieses Geschwader aufgelöst.

Ein schmerzhafter Einschnitt, denn damit

verliert die Marine zumindest teilweise

die Fähigkeit, „Seekrieg aus der Luft“ in eigener

Regie durchzuführen und muss sie

diese an die Luftwaffe abgeben. Und dies

sollte eigentlich durch die Schaffung eigener

Seefliegerverbände vermieden werden.

1995 stellt das MFG 5 die mit Do-28D

ausgerüstete Staffel 1994 außer Dienst, wodurch

die Marine ihre Lufttransportkapazität

einbüßt. Die Hubschraubergruppe in

Parow wird im selben Jahr aufgelöst. Die

verbliebenen 21 „Sea King“-Hubschrauber

werden 2012 im Rahmen der Strukturreformen

von ihrem Standort Kiel-Holtenau

nach Nordholz verlegt. Damit wird der

ehemalige Luftschiffhafen bei Cuxhaven

nicht nur Heimat für die beiden verbleibenden

Marinefliegergeschwader 3 und 5, sondern

ist fortan der einzige Standort der Marineflieger

und gleichzeitig der größte Fliegerhorst

der Bundeswehr insgesamt.

PRAKTISCH: Für den Einsatz auf Flugzeugträgern können die Tragflächen der „Seahawk“

geklappt werden – Startvorbereitungen auf dem Fliegerhorst in Jagel.

Foto: PIZ Marine

Werner Fischbach, Jg. 1945, acht Jahre Dienst in der

Bundesmarine; danach Ausbildung und Einsatz als ziviler

Fluglotse, seit den 1980er-Jahren freier Luftfahrtjournalist.

Clausewitz 3/2013

61


Militär und Technik | FlaK 8,8 cm

Gefürchtete Allzweckwaffe

Die „Acht-Acht“

1941–1943: „Anti-Aircraft, Anti-Tank and Anti-Social!“ Mit grimmiger

Anerkennung zollen die Engländer in Nordafrika ihrem vielleicht

gefährlichsten Gegner Respekt. Was hat es mit der erfolgreichen

deutschen 8,8 cm FlaK auf sich?

Von Thomas Anderson

Der Erste Weltkrieg stellt eine Zäsur in

der Weltgeschichte dar. Was bereits

während des US-Bürgerkrieges und

im Krieg von 1870/71 im Ansatz erkennbar

war, beeinflusst den neuen Konflikt gewaltig:

Die industrielle Leistungsfähigkeit der

Kriegsteilnehmer bestimmt Art, Dauer und

Ausgang dieses Konfliktes.

Die rasante Entwicklung der Rüstungstechnik

im Ersten Weltkrieg bringt viele

technische Neuerungen auf das Schlachtfeld,

darunter moderne Entwicklungen wie

gepanzerte Kampffahrzeuge und Flugzeuge.

Luftgestützte Angriffe werden früh als

potentielle Bedrohung angesehen. Schon 40

Jahre vor dem Weltkrieg werden erste Geschütze

zur Abwehr französischer Ballons

entwickelt. Daraus entstehen

noch vor 1910 brauchbare Fliegerabwehrgeschütze

vom Kaliber 7,5 cm.

1916 entwickelt Krupp ein Flugabwehrgeschütz

vom Kaliber 8,8 cm,

welches als Urahn der späteren 8,8 cm

Flak L/56 gelten darf (Das Kürzel L/56

beschreibt die Kaliberlänge des Geschützes

und umfasst sowohl die 8,8 cm FlaK 18, 36

und 37).

Verborgene Entwicklung

Nach dem Ersten Weltkrieg ergeben sich

aus dem Versailler Vertrag für das deutsche

Heer starke Einschränkungen bezüglich

der Entwicklung und Einführung moderner

Waffen. Die harten Bedingungen dieses

Vertragswerkes werden von deutscher Seite

jedoch unterlaufen, die Entwicklung moderner

Waffen läuft im Geheimen weiter.

Zum Ende der 1920er-Jahre ergibt sich in

Deutschland wieder die Notwendigkeit einer

Fliegerabwehrwaffe, um der steigenden

Gefährdung aus der Luft Rechnung zu

tragen. Die Hauptforderung an das zu entwickelnde

Geschütz ist die Bekämpfung

feindlicher Aufklärungs- und Bomberflugzeuge

auf mittleren und großen Flughöhen

(500 bis 6.000 m).

Die Entscheidung für das Kaliber 8,8 cm

der Flak ist praktischen Gesichtspunkten

geschuldet. Firmen wie Krupp haben da-

ERFOLGREICHE KOMBINATION:

Eine 8,8 cm FlaK L/56 auf einem

gepanzerten s ZgKw 12 t

(SdKfz. 8). Schnell und auch

im Gelände beweglich, können

die wertvollen Waffen

an Brennpunkten

eingesetzt werden.

Foto: Sammlung Anderson

62


EINDRUCKSVOLLES SCHAUSPIEL:

Eine 8,8 cm FlaK L/56 auf einem

der riesigen Faun-Lastwagen beim

Feuern in der Nacht. Die Feuerleitung

obliegt einem Kommandogerät

(ebenfalls auf Lkw verlastet).

Foto: Sammlung Anderson

INFO

Vergleich schwerer Flakgeschütze

Waffe

8,8 cm

FlaK 18

8,8 cm

FlaK 41

10,5 cm

FlaK 38

88 mm FlaK

M 1939

QF 3,7 inch

AA gun

90 mm Gun

M1A1

Herkunft Deutsches Reich Deutsches Reich Deutsches Reich Russland England USA

Kaliber 8,8 cm 8,8 cm 10,5 cm 8,5 cm 9,4 cm 9 cm

Kaliberlänge L/56 L/74 L/63 L/55 -- --

Gewicht 7,2 t 11,2 t 14 t 4,2 t 9,3 t 8,6 t

Anfangsgeschwindigkeit

(Vo)

850 m/s 1.000 m/s 900 m/s 792 m/s 722 bis 1.044

m/s

823 m/s

Max. Schussweite 16.300 m 19.800 m 17.700 m 15.000 m 18.800 m 17.800 m

Effektive Reichweite/max.

Schusshöhe

11.300 m 14.700 m 12.800 m 10.500 m 12.000 m 10.300 m

mit entsprechende Erfahrungen, sowohl

Rasanz als auch Waffenwirkung im Ziel erfüllen

die gesetzten Parameter.

Am 13. Dezember 1930 verzeichnet die

Kommission für das streng geheime Entwicklungsprogramm

unter anderem:

„Es wird eine Flugabwehrkanone mit

größtmöglicher Geschosswirkung benötigt.

Die Reichweite muss zwischen 2.500 bis

8.000 m bis zu einer Flughöhe von 6.000 betragen.

Die Flugdauer des Geschosses sollte

für eine Flugbahn von 8.000 m und einer

Flughöhe von 6.000 m nicht länger als 25

Sekunden dauern. Das Geschütz muss im

Einsatzgebiet der Artillerie auf dem Gefechtsfeld

einsetzbar sein. Die 8,8 cm FlaK

ist das kleinste Kaliber mit ausreichender

Wirkung, das für den Einsatz mit unseren

Kommandogeräten geeignet ist.“

Die Firma Krupp hat bereits 1928 begonnen,

eine 8,8 cm FlaK auf Kraftzug-Anhänger

zu entwickeln. Das Geschütz selbst soll

auf einer Sockellafette montiert sein, die

seitlich im 360° Vollkreis geschwenkt und

in der Höhe von minus 3 bis plus 85° gerichtet

werden kann. Für den Einsatz als

Flugabwehrgeschütz ist eine Richtgeschwindigkeit

von 6° pro Sekunde in der

Höhe und 16° pro Sekunde nach der Seite

gefordert.

Eine höchstmögliche Anfangsgeschwindigkeit

(Vo) ist entscheidend, um die Waffenwirkung

schnell in das Zielgebiet zu

Clausewitz 3/2013

63


Militär und Technik | Flak 8,8 cm

Bedienungs- und Feuerleitgerät der 8,8 cm FlaK L/56

FERNGESTEUERT: Bei der Bekämpfung hochfliegender Bomberverbände

übernimmt das Kommandogerät die Steuerung der Fla-Geschütze.

Aufsatz für Rundblickfernrohr

für artilleristischen Einsatz

Empfangsgerät für Höhe, hier

Lampenempfänger der Flak 18

Flak-Zielfernrohr

20

Gestänge zum

Höhengradbogen

Flansch für Fla-

Zielfernrohr 20

Federausgleicher

Empfangsgerät für

Höhenrichtung

Empfangsgerät für

Seitenrichtung

Höhengradbogen

Seitenrichtmaschine

Höhenrichtmaschine

K2 auf dem Sitz der

Seitenrichtmaschine

Kreuzlafette der

8,8 cm Flak 18

Fotos: Sammlung Anderson

bringen. Die Sprenggranate erreicht 850

m/s, die Panzergranate 810 m/s.

Das ursprünglich geforderte Gewicht in

Fahrstellung von 7 t wird nur um 200 kg

überstiegen und somit erfüllt die 8,8 cm

FlaK 18 auch eine weitere Forderung der

Kommission: die nach höchstmöglicher Beweglichkeit.

Ab 1933 wird das Geschütz, nun 8,8 cm

FlaK 18 genannt, in die Bestände der

Reichswehr übernommen. Zweck der Waffe

ist zunächst lediglich die Bekämpfung

von Flugzeugen. Das Geschütz besteht aus

dem Rohr mit Verschluss, der Oberlafette

und dem Lafettenkreuz. Die Oberlafette

trägt das Rohr in der Wiege, sowie Rohrbremse,

Ausgleicher und Luftvorholer. Geschütz

und Oberlafette sind auf einem Sockel

auf der Kreuzlafette montiert. Die

Kreuzlafette dient dem festen Stand des Geschützes,

sie erlaubt ein Seitenrichtfeld von

360°. Zur Verlegung kann die Kreuzlafette

auf einem zweiachsigen Sonderanhänger

verladen werden.

Als Zugmittel dienen anfangs Lkw, die

im Gelände völlig überfordert sind. Nach

Anlauf der Produktion der Halbkettenzugmaschinen

ist der m ZgKw 8 t verfügbar.

Bekämpfung von Luftzielen

Die 8,8 cm Flak L/56 wird in Batterien zu

vier Geschützen eingesetzt.

Im indirekten Richten wird die Batterie

durch ein Kommandogerät in der Befehlsstelle

I geleitet. Dieses errechnet Schusswerte

(Entfernungen, Beobachtungswinkel)

für die anfliegenden Flugzeuge. Die

Werte werden per Kabel an die mehrere 100

Meter entfernten Geschütze in den Feuerstellungen

geleitet. Hier bekommen die

Richtkanoniere (an der rechten Seite des

Geschützes) über ihre Empfänger Daten für

die Höhenrichtung (K1) und Seitenrichtung

(K2), die sie mit ihren Richtmaschinen

einstellen. Gleichzeitig stellt der K6 (an der

linken Seite) die Werte seines Empfängers

an der Zünderstellmaschine ein, die die

Zeitzünder von jeweils zwei Sprenggranaten

dann automatisch justiert.

Bei Ausfall der Befehlsstelle I tritt das

Kommandohilfsgerät in der Befehlsstelle II

(in der direkten Nähe der Feuerstellungen)

in Aktion.

Im direkten Richten nimmt der K2 das

Ziel mithilfe des Flakzielfernrohrs 20, das

vor dem Empfangsgerät für die Seitenrichtung

montiert wird, ins Visier. Der K2 stellt

die seitliche Richtung selbst ein, die Höhenrichtung

wird durch ein Gestänge zum Höhengradbogen

übertragen. Hier richtet der

K1 das Geschütz nach diesen Angaben. Die

Zünderstellmaschine wird nach einer

Schusstafel justiert.

Nach Eröffnen des Feuers detonieren die

Granaten im Idealfall im Bomberpulk nahe

einzelner Flugzeuge. Volltreffer sind die

Ausnahme und auch nicht angestrebt. Vielmehr

sollen die Geschosse aufgrund ihrer

Menge und der Splitterwirkung die Maschinen

beschädigen und zum Absturz

bringen.

EINSATZ ZU WASSER: Siebelfähren wurden ebenfalls mit 8,8 cm FlaK L/56 ausgestattet.

Diese Flakfähre ist mit einer 8,8 cm FlaK, einem 2-cm-FlaK-Vierling und zwei 3,7 cm FlaK 36

ausgerüstet. Viele dieser Fähren leisten ihren Dienst im Schwarzen Meer. Foto: Sammlung Anderson

Bekämpfung von Erdzielen

Das direkte Richten gegen Erdziele erfolgt

ebenfalls über das Fla-Zielfernrohr 20.

Nachdem der Geschützführer das Ziel zugewiesen

hat, richtet der K2 das Geschütz

mithilfe seines Zielfernrohrs nach Seite und

Höhe ein. Der K1 bringt sodann Erhö-

64


Steigerung der Leistung

hungs- und Rohrzeiger zur Deckung. Nach

Einstellung des Seitenvorhaltes kann gefeuert

werden.

Für das indirekte Richten gegen Erdziele

steht ein Rundblickfernrohr zur Verfügung,

das auf dem Luftvorholer montiert

werden kann.

Weiterentwicklung

Gegen 1939 wird die 8,8 cm FlaK 36 eingeführt.

Es werden folgende Änderungen

vorgenommen:

• Das einteilige Seelenrohr der 8,8 cm FlaK

18 wird durch ein vereinfachtes mehrteiliges

ersetzt. Man verspricht sich dadurch

Einsparungen, da der größte Verschleiß

im unteren Teil des Rohres auftritt. So

können die verbrauchten Teile separat

ausgetauscht werden. Auch fertigungstechnisch

ergeben sich Vorteile.

• Der augenfälligste Unterschied besteht in

der Einführung einer Kreuzlafette mit

größerer seitlicher Ausladung. Diese Lafette

bedingt die Entwicklung eines neuen

Sonderanhängers (des SdAnh 202).

• Die Rohre der verschiedenen Geschütze

sind austauschbar, es kann vorkommen,

dass FlaK 36 aus Lagerbeständen mit einteiligen

Rohren versehen werden.

• Die Modellbezeichnung ist nur durch den

Typ des Lafettenkreuzes bestimmt. Unabhängig

von der Art des Geschützrohres

ist eine 8,8 cm FlaK L/56 mit SdAnh 202

immer eine Flak 36.

• Sowohl 8,8 cm FlaK 18 als auch 36 haben

Lampenempfänger für die Übermittlung

der Schusswerte vom Kommandogerät,

deren Bedienung recht umständlich ist.

Aus diesem Grund werden beim Nachfolgemodell

FlaK 37 Folgezeigerempfänger

eingeführt.

Aufgrund der guten ballistischen Leistungen

werden Geschütze vom Kaliber 8,8

cm auch von der Marine genutzt, sowohl

auf U-Booten als auch auf anderen Schiffen.

Die 8,8 cm FlaK 18 steht den gesamten

Krieg über im Einsatz. Insgesamt werden

mehr als 15.000 8,8 cm FlaK L/56 gebaut.

Bedienungs- und Feuerleitgerät der 8,8 cm FlaK L/56

OPTISCHES HILFSMITTEL: Mit dem

Fla-Zielfernrohr 20 können Ziele direkt

anvisiert werden.

Flansch für

Fla-Zielfernrohr

20

Sitz des K2

Empfangsgerät

für Zünderstellung,

hier Folgezeiger

einer

FlaK 37

Sitz des K6

Luftvorholer

Zünderstellmaschine mit

zwei Sprenggranaten

Feuerglocke zur

Alarmierung

Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges beginnen

Bestrebungen, die Leistungen der 8,8

cm FlaK L/56 den aktuellen technischen

Herausforderungen anzupassen. Durch eine

Verlängerung des Rohres auf eine Kaliberlänge

von L/74 können alle ballistischen

Daten deutlich verbessert werden (siehe Tabelle

1). Feuerhöhe und Gesamtaufzug

werden drastisch verringert, damit ist das

Geschütz weniger auffällig und leichter zu

tarnen. Das Gesamtgewicht in Fahrstellung

steigt auf 11,2 t.

Die Produktion der 8,8 cm FlaK 41 läuft ab

August 1942 langsam an. Im Januar 1943

meldet die Luftwaffe einen Bestand von gerade

einmal 26 FlaK 41 gegenüber 6.607

Flak L/56. Das Verhältnis dieser Zahlen

wird sich nicht wesentlich verschieben.

1936 ziehen deutsche Freiwillige mit der

Legion Condor zur Unterstützung der spanischen

Nationalisten in den Spanischen

Bürgerkrieg.

Der erste scharfe Einsatz!

Das Oberkommando der Wehrmacht wird

durch Hitler angewiesen, diese „Gelegenheit“

zur kriegsmäßigen Erprobung neuer

Waffen und Taktiken zu nutzen. Unter anderem

werden auch vier 8,8 cm Flak-Batterien

nach Spanien verlegt.

Hier sollen die Fliegerabwehrkanonen

erstmals offensiv im Erdeinsatz eingesetzt

werden. Die Geschütze unterstützen die

spanischen Truppen wirkungsvoll mit indirektem

Feuer. Erkannte Punktziele wie

Feldstellungen, Bunker und möglicherweise

auch Feindpanzer werden im direkten

Beschuss bekämpft.

Die Auswertung dieser Erfahrungen

macht den Verantwortlichen die tatsächli-

SAUBERES GESPANN: Ein ZgKw 8 t (SdKfz 7, frühes

Baulos) vor einer 8,8 cm FlaK 18. Die Fahrzeuge

tragen den Reichswehr-Buntfarben-Tarnanstrich,

haben aber schon eine Luftwaffenkennung.

Foto: Sammlung Anderson

Fotos: Sammlung Anderson

Clausewitz 3/2013

65


Militär und Technik | Flak 8,8 cm

INFO

Durchschlagsdaten der 8,8 cm FlaK

Geschütz auf 100 m auf 500 m auf 1.000 m auf 1.500 m Munbestand

zum 1.12.42

8,8 cm FlaK

18/36/37

8,8 cm FlaK

41

128 mm 118 mm 106 mm 98 mm 619.200

Schuss

202 mm 185 mm 165 mm 147 mm 7.800

Schuss

TREFFER: Diese 8,8 cm FlaK 36 in Afrika

feuert vom Sonderanhänger, was eigentlich

verboten ist. Die leere Hülse springt heraus,

das nächste Ziel kann aufgenommen werden.

Foto: Kadari

chen Möglichkeiten des Fliegerabwehr-Geschützes

bewusst.

Kurz vor Ausbruch des Krieges verfügt

das Heereswaffenamt die Verwendung der

8,8 cm Flak 18 auch für den Einsatz gegen

Bodenziele. Die militärischen Planer verlangen

die sichere Bekämpfung befestigter

Feindstellungen und Bunker. Die verfügbaren

Panzer sind zur Bekämpfung dieser

Ziele nur bedingt geeignet. Die Wirkung

der 7,5 cm Sprenggeschosse des PzKpfw IV

wird als zu schwach erachtet.

Kampf gegen Panzer

Es soll nun eine Waffe geschaffen werden,

die Panzer- und Infanterieeinheiten im Angriff

schwere Feuerunterstützung geben

kann. Die Waffenwirkung der 8,8 cm FlaK

L/56 ist derart überzeugend, dass diese

Waffe hinzugezogen wird. 1938 beginnt die

Entwicklung einer Selbstfahrlafette auf Basis

des s ZgKw 12 t (SdKfz 8). Die schwere

Zugmaschine wird mit einer umgebauten

8,8 cm Flak 18 versehen, Motor und Fahrerstand

werden teilgepanzert. Diese Lösung

erweist sich während des Polen-Feldzuges

als überraschend leistungsfähig.

Parallel dazu werden einige 8,8 cm FlaK

18 derart umgebaut, dass das Feuer direkt

vom Sonderanhänger aus eröffnet werden

kann. Die Zugmaschinen werden teilgepanzert,

um den Einsatz in der Nähe der

Hauptkampflinie zu ermöglichen. Der

Grund für diese schnelle Lösung liegt vermutlich

darin, dass die Auslandsaufklärung

ernsthafte Hinweise auf die Einsatzbereitschaft

schwerer französische Panzer

bekommen hat.

In Nordafrika sind die Flakbatterien ein

wichtiger Teil von Rommels Kriegführung.

Das Afrikakorps ist immer unterversorgt,

Nachschub kommt nur sporadisch. Daher

werden alle verfügbaren Waffen auch offensiv

eingesetzt. Viele zeitgenössische Fotos

zeigen den gemeinsamen Vormarsch

von Panzer und 8,8 cm FlaK. Letztere sind

das einzige Mittel im Kampf gegen den britischen

Infantry Tank Mk. 2 Mathilda.

Verheizt in Russland

Im Osten müssen die Flakbatterien bereits

früh in den Bodenkampf eingreifen. Das

Auftreten der modernen russischen Panzer

KW-1 und 2 sowie T 34 stellt die eigenen

Panzer und Panzerabwehrkanonen des

Jahres 1941 vor kaum lösbare Aufgaben.

Die angreifenden deutschen Truppen sind

gezwungen, leichte und mittlere Artillerie

oder eben 8,8 cm FlaK nach vorne zu ziehen.

Gerade die FlaK mit ihrer hohen Rasanz

und Feuergeschwindigkeit erweist

sich als sehr erfolgreich gegen Panzer (Panzergranaten)

sowie halbharte und weiche

Ziele (Sprenggranaten). Der Erfolg der Fla-

Geschütze ermöglicht so auch in kritischen

Situationen eine Fortsetzung des Vormarsches.

Die euphorischen Meldungen der

Propaganda verstellen jedoch den Blick auf

die Realitäten. Der Einsatz der ungepanzerten

Geschütze ist riskant. Die Fla-Artillerie

zahlt für diesen konsequenten Einsatz einen

hohen Preis.

Eine Akte des Heereswaffenamtes liefert

eine Reihe aufschlussreicher Fakten. Die

Durchschlagsdaten zeigen, wie leistungsfähig

die 8,8 cm Fla-Geschütze sind (siehe Tabelle

2). Verschossen wird jeweils die 8,8 cm

PzGrPatr 39. Die absolute Überlegenheit

der FlaK 41 ist offensichtlich. Die Mun-Bestände

belegen, wie gering die Zahl der

vorhandenen FlaK 41 ist.

Die Legende – ein Resümee

Waffentechnisch ist die 8,8 cm FlaK L/56

keine herausragende Entwicklung! Fast jede

Nation hat Geschütze mit vergleichbaren

Leistungen (siehe Tabelle 1). Als Beispiel

mag die russische 85 mm M 1939 gelten,

deren ballistische Daten kaum schlechter

sind. Die Qualität der deutschen Munition

ist gewiss wesentlich besser, das gilt

für alle deutschen Geschütze. Dafür wiegt

die M 39 in Fahrstellung nur 4,2 t gegenüber

7,2 t – im beweglichen Einsatz ein

überzeugendes Argument. Mehr als 7.000

Batterien der FlaK-Artillerie werden im

Reichsgebiet stationiert. Die weitaus meisten

Geschütze sind aus Materialmangel

nicht mehr mobil (wie anfangs gefordert),

sondern fest versockelt. Stellungswechsel

ist nur unter großem Aufwand möglich.

Die Fliegerabwehr holt zwar eine große

Zahl von Flugzeugen vom Himmel, doch

die Alliierten gleichen diese Verluste

schnell aus. Auch steigt die Einsatzhöhe der

feindlichen Bomber deutlich, was die Bekämpfung

erschwert. Im Einsatz gegen die

Tag und Nacht angreifenden Bomberpulks

zeigen sich die FlaK-Batterien (8,8 cm, 10,5

cm und 12,8 cm FlaK) bald als hoffnungslos

überfordert. Hatte man vor dem Kriege

noch naive Vorstellungen bezüglich der

Wirksamkeit der FlaK (man ging von einem

Abschuss je 47 Schuss aus), so muss man

sich im Krieg der Realität stellen. Tatsächlich

sind 4.000 Schuss nötig (Stand 1943),

um einen vernichtenden Treffer zu landen.

Erfolgsrezept: Flexibilität

Woher nun rührt die außergewöhnliche Reputation,

die die 8,8 cm FlaK immer noch

hat? Die zahlreichen Erfahrungsberichte

belegen, dass es oft der unkonventionelle

Einsatz des Fliegerabwehrgeschützes ist,

der deutschen Spitzeneinheiten auch in

ausweglosen Situationen Erfolg bringt.

Also doch eine Ehrenrettung für das

breite Einsatzprofil der 8,8 cm FlaK? Vielleicht.

Die 8,8 cm FlaK ist das Ergebnis einer

zweckorientierten Entwicklung, verdient

aber aufgrund ihres oft halsbrecherischen

Einsatzes fernab der ihr zugedachten

Aufgaben den Zusatz „Allzweckwaffe“.

Thomas Anderson, Jg. 1958, ist als freier Autor tätig

und unterstützt namhafte Modellbau-Hersteller als

Fachberater.

66


Legende und Meilenstein der deutschen Luftwaff e

8,8-CM FLAK

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Wirkungsvolle Allzweckwaffe

Neben der legendären „Stalinorgel“ ist kein anderes Geschütz des

2. Weltkriegs heute noch so bekannt wie die deutsche 8,8-cm Flak.

In den Ausführungen 18, 36 und 37 bildete sie das Rückgrat der

deutschen Luftverteidigung. Ihren legendären Ruf erwarb sich die

„Acht-Acht“ jedoch erst im Laufe des Krieges. Als wirkungsvolle

Allzweckwaffe kam sie an allen Brennpunkten zum Fronteinsatz.

Neben der panzerbrechenden Wirkung der waffentechnisch idealen

8,8-cm Granaten waren Robustheit, die relativ einfache Bedienung

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CL

67


Spurensuche

„Spielball“ der Weltgeschichte

Helgoland

Helgoland ist einzigartig. Zum einen durch die exponierte Lage im Herzen der Deutschen

Bucht, vor allem aber durch die wechselvolle Historie. Ein Mikrokosmos. Mehrfach

wurde der kleine rote Felsen zum Spielball der Weltgeschichte. Von Ulf Kaack

Seit dem 7. Jahrhundert ist das Eiland

von Friesen bewohnt. Im 12. und 13.

Jahrhundert untersteht es der Dänischen

Krone, anschließend dem Herzogtum

Schleswig. 1807 wird der sturmumtobte Felsen

von den Briten als Kolonie in das Vereinte

Königreich integriert. Während der Kontinentalsperre,

die 1814 durch den Kieler Frieden

beendet wird, erleben die Helgoländer

eine Hochzeit als Blockadebrecher und

Schmuggler. Die Zeiten bleiben friedlich – lediglich

1849 und 1864 kommt es zu deutschdänischen

Seegefechten in Sichtweite von

Helgoland.

„Im Tausch gegen Handelsrechte in Ost-

Afrika, im sogenannten Helgoland-Sansibar-

Vertrag, kam Helgoland am 10. August 1890

unter die Regentschaft des deutschen Kaiserreiches“,

erklärt Jörg Andres, Insel-Histo-

riker und Leiter des Museums Helgoland,

die wechselvolle Inselgeschichte. „Die Preußen

maßen Helgoland eine hohe strategische

Bedeutung zu. Als Artillerievorposten zum

Schutze der Nordseeküste sowie den Zugängen

zum Nord-Ostsee-Kanal, zur Elbe, Weser

und Jade. Vor allem aber als dauerhaft

eisfreier Kriegshafen in vorgeschobener Lage.“

Aufrüstung im Kaiserreich

Zügig geht Wilhelm II. daran, die Insel zu

einer Festung auszubauen und einen Marinehafen

anzulegen. 1891 entstehen erste

Gebäude, ein Jahr später wird an der Nordund

Südspitze je ein Kanonenstand mit

zwei 21-cm-Geschützen errichtet. Es folgt

eine Haubitzenbatterie auf dem Oberland

mit acht schweren 28-cm-Geschützen.

1906 nimmt das Projekt gewaltige Formen

an: Ein großdimensioniertes Stollensystem

wird in den Kreidefelsen der Insel getrieben.

Räume, Verzweigungen sowie Schächte

für Aufzüge und zur Belüftung werden

gebaut. Bis 1914 werden der Nordsee 86

Hektar abgetrotzt. Es entstehen der Torpedo-,

Scheiben- und U-Boothafen. Außerdem

ein Seefliegerstützpunkt mit Hangar,

Flugzeugaufschleppe, Kraftwerk und den

erforderlichen Versorgungseinrichtungen.

Im Mai 1908 beginnt die Neuarmierung

der Festungsartillerie. Die Nord- und Südgruppe

erhalten jeweils zwei moderne 30,5-

cm-Krupp-Doppeldrehtürme und zwei 21-

cm-Geschützstände. Dazwischen liegen besagte

acht Haubitzenbatterien sowie diverse

kleinere Anlagen mit leichten und mittleren

Geschützen, Kommando- und Peilständen,

68


HELGOLAND HEUTE: Ein

friedliches Eiland mitten

in der Nordsee. Foto: U. Kaack

MILITÄRISCHE ASPEKTE: Diese 1714 (unter dänischer

Regentschaft) entstandene Abbildung zeigt

nicht nur die Insel, sondern ist auch eine Studie

über mögliches Artilleriefeuer. Abb.: Archiv U. Kaack

„BIG BANG“ AUF HELGOLAND: In der bis

heute weltweit größten nichtnuklearen

Explosion detonieren am 18. April 1947

6.700 Tonnen Sprengstoff.

Foto: Archiv Museum Helgoland

Beobachtungs- und Scheinwerfereinrichtungen.

Auf dem Unterland befindet sich eine

Batterie mit zwei 8,8-cm-Geschützen, vier

3,7-cm-Revolverkanonen und Maschinengewehren.

Die Düne (Name der östlich gelegenen

Nebeninsel) wird von einer Flak-Batterie

mit vier 8,8-cm-Geschützen und einer

weiteren Stellung mit drei 3,7-cm-Revolverkanonen

sowie Maschinengewehren geschützt.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges am

1. August 1914 müssen alle Helgoländer ihre

Insel verlassen und werden im Umland

Hamburgs untergebracht. Familien, die

nach der Übergabe 1890 englisch geblieben

waren, kommen in das Internierungslager

Ruhleben bei Berlin. Britisch geborene Insulaner

werden unter Polizeiaufsicht gestellt

und vom Kriegsdienst befreit.

Deutschstämmige hingegen werden zur

Marine eingezogen. Helgoländer in Diensten

des Militärs – das hat es bislang noch

nicht gegeben. Zurück auf der Insel bleibt

eine 4.000 Mann starke militärische Besatzung

für die Bedienung der Festungsartillerie

und den Betrieb des Hafens.

Seegefecht bei Helgoland

Der Erste Weltkrieg beginnt für den roten

Felsen mit einem dramatischen Paukenschlag.

Mit einer List locken überlegene britische

Seestreitkräfte am Morgen des 18.

August 1914 die Einheiten des V. Torpedobootgeschwaders

sowie mehrere kleine

Kreuzer in die Deutsche Bucht. Es kommt

zu einer ersten Feindberührung, bei der das

deutsche Torpedoboot „V 187“ versenkt

und der britische Kreuzer „HMS Arethusa“

erheblich beschädigt werden.

Clausewitz 3/2013

69


Spurensuche | Helgoland

IM ERSTEN

WELTKRIEG:

U-Boote im

Kriegshafen

von Helgoland.

Foto: Archiv Museum

Helgoland

Nach einer kurzen Gefechtspause treffen

die Gegner erneut aufeinander. Zunächst

entbrennt ein harter Kampf um den manövrierunfähigen

Kreuzer „Mainz“. Dieser

kann im Abwehrkampf noch drei englische

Zerstörer schwer beschädigen, bevor er

selbst zusammengeschossen auf Tiefe geht.

Auch der kleine Kreuzer „Ariadne“ wird

binnen einer Viertelstunde in ein brennendes

Wrack verwandelt. Eine Stunde später

wird die „Cöln“ von dem Schlachtkreuzer

„HMS Lion“ gesichtet und trotz erbitterter

Gegenwehr versenkt. Nur ein Mitglied der

Besatzung überlebt den Untergang. Die

Seefestung Helgoland kann aufgrund

schlechter Sicht nicht mit Artilleriebeschuss

eingreifen. Im weiteren Verlauf des Krieges

erlangt die Insel dann lediglich als Stützpunkt

für U-Boote und Seeflieger noch strategische

Bedeutung.

Turbulenzen

Ab dem 6. Dezember 1918 dürfen die Insulaner

nach vier Jahren der Heimatlosigkeit

wieder zurückkehren. Sie finden ihre Häuser

und die Infrastruktur in desolatem Zustand

wieder. Es beginnen politisch turbulente

Zeiten: Verhandlungen über eine Entschädigung

der Helgoländer mit dem

preußischen Innenministerium laufen ins

Leere. Verschiedene Bemühungen, sich von

Deutschland loszusagen und den Anschluss

an Großbritannien oder Dänemark

zu finden, scheitern. Mir diesen Aktionen

verspielen die „Halbengländer“ viele Sympathien

in Deutschland.

Gemäß dem Vertrag von Versailles beginnen

die Schleifungsarbeiten am Kriegshafen

UNVOLLENDET: Das

gigantische Projekt

„Hummerschere“

sieht vor, Helgoland

bis 1948 zu einem riesigen

Kriegshafen auszubauen.

Tatsächlich

werden nur Teile davon

realisiert, die aber

heute noch auf der Insel

zu sehen sind.

Foto: Archiv Museum

Helgoland

und an dem Festungsbauwerk. Diese werden

von verschiedenen deutschen Baufirmen

vorgenommen, die von einer 40-köpfigen

britischen Kontrollkommission überwacht

werden. Von 1921 bis 1924 wird

Schritt für Schritt der Torpedo-Boot- und

U-Boot-Hafen gesprengt. Das sehr weitläufige

Tunnelsystem wird hingegen lediglich

verplombt. Die Haupteingänge zu den

Nord- und Südkasematten bleiben komplett

erhalten.

Gigantische Pläne

So hat es das NS-Regime ab 1933 im Zuge

seiner Aufrüstungspolitik leicht, Helgoland

erneut in einen waffenstarrenden Felsen zu

verwandeln. Museumschef Andres: „Plan

war es im Jahr 1935, Helgoland zu einer gigantischen

Festung mit einem Hochseehafen

für die Marine zu machen. Durch Aufschüttung,

Trockenlegung und Errichtung

von Betonmolen sollte die Insel bis 1948 in

nördlicher Richtung um ein Vielfaches ihrer

Größe erweitert werden. Die Bauarbeiten

fanden unter dem Tarnnamen ‚Operation

Hummerschere’ statt.“

Geplant ist die schrittweise Erweiterung

des Südhafens, vor allem aber die Schaffung

eines großflächigen Kriegshafens in

Richtung Norden für Schlachtschiffe, Kreuzer

und Zerstörer. Das Projekt Hummerschere

kommt allerdings nicht über die notwendigen

Vorarbeiten hinaus und wird

1941 eingestellt.

Festungsbau unter Tage

Zügig vorangetrieben wird hingegen die

Rearmierung und Erweiterung des kaiserlichen

Festungssystems. Ein weitläufiges

Stollensystem – insgesamt 13,7 Kilometer

lang – mit Schutzräumen, einem Lazarett,

verschiedenen Depots und Versorgungseinrichtungen,

Werkstätten, ein Kraftwerk

und diversen Räumen zur militärischen

Nutzung wird wieder verwendbar gemacht

oder neu in den Felsen getrieben.

Das Stollensystem umfasst vier Bereiche:

Die Raumanlage mit Zugang im südlichen

Unterland in den Felssockel, das obere Tunnelsystem

relativ dicht unter der Oberfläche

des Unterlandes und der Kabelbahntunnel

zum Transport von schweren Lasten zwi-

70


Bau des U-Boot-Bunkers

GEWALTIG: Geschütze der

„Falm“-Batterie vor dem Leuchtturm

und der Signalstelle.

Foto: Archiv Museum Helgoland

NACH DEM INFERNO: Wehrmachtsangehörige beim

Aufräumen in den Trümmern. Die Zerstörung ist das Ergebnis

eines Bombenangriffs vom 15. Oktober 1944.

Foto: Archiv Museum Helgoland

schen Ober- und Unterland. Der Zugang zu

den zivilen Luftschutzanlagen auf der Südund

Ostseite der Insel erfolgt über die sogenannte

„Spirale“ im Bereich des heutigen

Fahrstuhls.

Die Hauptbewaffnung Helgolands besteht

aus den stark und tief verbunkerten

Seezielbatterien „von Schröder“ an der

Nordspitze sowie „Jacobsen“ im Süden. Dazu

kommen drei schwere FlaK-Batterien.

Hauptbefehlsstand und zentraler Leitstand

für die Insel-FlaK ist der Rote Turm in

der Mitte des Oberlandes, der heutige

Leuchtturm. Das 1941 aus massivem Stahlbeton

errichtete Bauwerk dient außerdem als

Beobachtungsstand und Lagezentrum. Bis

heute ist unter dem Turm ein dreistöckiger

Bunkerkomplex mit ehemaligen Mannschaftsunterkünften

für zwei Unteroffiziere

und drei Mannschaftsdienstgrade erhalten

geblieben.

Hafen und U-Bootbunker

Der Festungsbau setzt entsprechend große

Hafenanlagen zur Anlandung des Materials

voraus. Außerdem soll Helgoland

schnellstmöglich als

Marinestützpunkt

wieder hergestellt

werden. Darum

wird 1936 mit der Trümmerbergung der gemäß

Versailler-Vertrag gesprengten Anlagen

begonnen. Ab 1937 entstehen die Ost-,

West- und Südmole, außerdem der Nordost-

und der Dünenhafen.

Im Winter 1939 beginnt der Bau eines U-

Boot-Bunkers im nordwestlichen Bereich des

Osthafens – offiziell als „UBB Nordsee III“

bezeichnet. Das Bauwerk ist 156 Meter lang

und 16,5 Meter hoch. Die Wandstärke beträgt

zwei Meter, die der Decke drei Meter.

Im Sommer 1942 ist der Betonklotz fertig gestellt,

auf seinem Dach befindet sich eine

leichte FlaK-Stellung. Die drei Boxen innerhalb

des Bunkers bieten Platz für bis zu neun

U-Boote. Angelaufen wird das Bauwerk

überwiegend von Schnell- und Minenräumbooten.

Ab Mitte 1944 sind hier außerdem

Einheiten der Kleinstkampfmittelverbände

stationiert: Zunächst Sprengboote vom Typ

„Linse“ und kurz vor Kriegsende Kleinst-U-

Boote der Baureihe „Seehund“.

NARBEN DES

KRIEGES: Drei

Bombenkrater unmittelbar

am westlichen

Klippenrand

zeugen von der

konfliktreichen

Vergangenheit der

Insel. Foto: U. Kaack

Dreimal versuchen die Alliierten, den Helgoländer

U-Boot-Bunker mit ferngesteuerten

Bombern zu vernichten. Die Angriffe

finden unter dem Decknamen „Aphrodite“

statt. In allen drei Fällen gelingt es der Marine-FlaK

die Flugzeuge – eine „Liberator“

und zwei B-17 „Flying Fortress“ abzuschießen.

Die mit Sprengstoff beladenen Bomber

explodieren jeweils in einer mächtigen Detonation.

Jagdflieger auf der Düne

Der Ende Januar 1942 auf der Düne fertig

gestellte Flugplatz mit zwei x-förmig angelegten

Pisten ist Stützpunkt von Jagd- und

Aufklärungsfliegern der Luftwaffe. Er hat

allerdings nur geringe militärische Bedeutung.

Gesichert werden Flugplatz und die

dazugehörigen Anlagen durch die FlaK-

Batterien „Wittekliff“ und die Sperrbatterie

„Düne“. Noch im April 1945 werden die

Strandabschnitte der Düne gegen gegnerische

Landungsunternehmen vermint.

Während des Zweiten Weltkrieges dürfen

die 3.000 Insulaner auf ihrer Insel bleiben.

Zu ihnen gesellen sich bis zu 4.000 Offiziere,

Soldaten, Arbeiter und Kriegsgefangene. Ab

1943 werden die zur Bedienung der Artillerie

vorgesehenen Soldaten in großen Teilen

zum Einsatz an der Front abgezogen. Ihre

Aufgaben übernehmen Marinehelfer – blutjunge

Lehrlinge, Ober- und Realschüler. Neben

dem militärischen Dienst geht ihre

Schulausbildung auf Helgoland weiter.

Die ersten beiden Kriegsjahre verlaufen

relativ ruhig. Ein Bombenangriff – der erste

überhaupt auf deutschen Boden – erfolgt

ohne größere Schäden am 3. Dezember 1939.

Das ändert sich mit den zunehmenden

Clausewitz 3/2013

71


Spurensuche | Helgoland

LETZTE AUGENBLICKE: Untergang des kleinen

Kreuzers „Mainz“ bei der Seeschlacht

vor Helgoland zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

Foto: Archiv U. Kaack

AUßER GEFECHT GESETZT: Die Batterie „von Schröder“ im

August 1945.

Foto: Archiv Museum Helgoland

Luftattacken auf das Reichsgebiet, denn die

alliierten Piloten nutzen Helgoland als Markierungspunkt

für ihre Flugnavigation. Am

13. Mai 1941 erfolgt der erste direkte Fliegerangriff

auf die Insel mit mehr als einem Dutzend

Toten, ausnahmslos Zivilisten. In immer

kürzeren Abständen folgen nun kleinere

und größere Luftattacken.

„Wir Kinder empfanden das damals als

normal, nicht als störend“, erinnert sich James

Müller, der 1938 auf Helgoland geboren

wird. „Unter dem offenen Fenster meiner

Großmutter imitierten wir die Luftschutzsirene,

sammelten Patronenhülsen aus Messing

als Spielzeug und entwendeten sogar

Bänke aus dem Bunker. In den letzten

Kriegstagen war dann fast ständig Alarm –

wenn die Bomber im Anflug auf ihre Festlandziele

waren und einige Stunden später,

wenn es zurück nach England ging.“

Das Bomben-Inferno

Eine Armada von Bombern formiert sich

am Morgen des 18. April 1945 über der südwestlichen

Nordsee. Nahezu 1.000 britische

Kampfflugzeuge nehmen Kurs auf die

Deutsche Bucht. Sonor dröhnen die Motoren,

Kondensstreifen sind weithin sichtbar

am Himmel. Es ist kurz vor 12 Uhr, als auf

Helgoland Vollalarm gegeben wird.

„Ich erinnere mich noch genau, es war ein

warmer sonniger Frühlingstag, dieser unglückliche

18. April“, so James Müller. „Wie

immer gingen meine Schwester und ich mit

meinen Großeltern in den zivilen Schutzraum.

Jeder hatte einen festen Platz, wodurch

leicht kontrolliert werden konnte, ob

jemand fehlte. Auf den langen Bänken im

Gang mussten wir auf Kommando des Bunkerwartes

Platz nehmen. Die schweren Gasschutztüren

wurden verschlossen, und das

Inferno brach los.“

Nach zwei Stunden ist der Angriff vorbei.

James Müller: „Oben in den Stellungen wurden

nun die Verletzten geborgen. Wir mussten

immer wieder aufstehen, wenn die verwundeten

Soldaten durch die Gänge in Richtung

Lazarett getragen wurden. Aus manchen

Uniformen tropfte Blut. Es war

grausam.“

Die Bilanz des Luftangriffes ist verheerend:

969 Maschinen sind daran beteiligt, darunter

617 Lancaster- und 332 Halifax-Bomber

sowie 20 „Mosquitos“ als Begleitjäger.

Drei Bomber gehen dabei verloren. Zwölf

Helgoländer und 128 Soldaten werden getötet,

13 Menschen bleiben vermisst. Es gibt

zahlreiche Verletzte. 95 Prozent der Gebäude

sind dem Erdboden gleich gemacht, zerstört

auch die militärischen Einrichtungen. Bei einem

weiteren Luftangriff am folgenden Tag

werden auch der bis dahin noch intakte U-

Bootbunker sowie die nach wie vor einsatzbereite

schwere Seezielbatterie an der Nordspitze

vernichtet.

DAMALS UND HEUTE

DAMALS: Der ehemalige FlaK-Turm wird 1952

(nach der Rückgabe an die Insulaner) als provisorisches

Leuchtfeuer in Betrieb genommen. Noch

trägt das Gebäude die Zeichen des Krieges.

Foto: Archiv Nordseemuseum Helgoland

HEUTE: Der ehemalige

FlaK-Turm und

Feuerleitstand

übersteht als einziges

Gebäude auf

Helgoland sämtliche

Bombardements

und den „Big

Bang“. Heute zeigt

der Leuchtturm den

Seeleuten den Weg

durch die Nacht.

Foto: U. Kaack

In der Nacht vom 19. auf den 20. April 1945

erfolgt die Evakuierung von rund 2.500 Zivilisten.

Beschwerlich ist der Weg durch die

unwirtliche Trümmerwüste. Kaum mehr

als einen Koffer und Handgepäck dürfen

die nun Heimatlosen mit an Bord der drei

Dampfer – die „Kehrwieder“, die „Düsseldorf“

und die „Rugia“ – nehmen, die sie

auf das Festland bringen. „Nahezu geschlossen

fanden die evakuierten Helgoländer

Aufnahme im Landkreis Pinneberg und

wurden später sukzessive im norddeutschen

Raum untergebracht“, berichtet Inselhistoriker

Jörg Andres.

Operation „Big Bang“

Am 11. Mai 1945 besetzen britische Streitkräfte

den roten Felsen in der Nordsee. Zügig

beginnen sie mit der totalen Demilitari-

72


Helgoland fliegt in die Luft

APOKALYPTISCH: Das restlos zerstörte

Unterland am späten Nachmittag des 18.

April 1945. Foto: Archiv Museum Helgoland

VOGELPERSPEKTIVE: Aufnahme

der britischen Luftaufklärung vom

18. April 1945.

Foto: Archiv Museum Helgoland

sierung, wie sie das „Potsdamer Abkommen“

vorschreibt. 4.300 Tonnen Material

werden auf das Festland transportiert.

Unter dem Decknamen „Big Bang“ beginnen

die Engländer im Sommer 1946 mit den

Vorbereitungen zur Sprengung Helgolands.

Als Ziel werden die Vernichtung aller militärischen

Einrichtungen und der deutschen

Munitionsbestände definiert. Der Inselhafen,

die Uferschutzbebauung und der Zivilbunker

sind von der direkten Sprengung ausgenommen.

Die Briten haben nicht vor, Helgoland

komplett auf der Landkarte auszuradieren,

nehmen dies aber als Restrisiko in Kauf.

18. April 1947: Mit dem dritten Ton des

11-Uhr Zeitsignals der BBC löst der britische

Navy-Offizier E.C Jellis die Sprengung von

Bord des britischen Kabellegers „Lasso“ mittels

Kabelzündung aus. 4.000 Torpedoköpfe,

fast 9.000 Wasserbomben und über 91.000

Granaten verschiedener Kaliber – insgesamt

6.700 Tonnen Sprengstoff – sind im U-Boot-

Bunker und im Tunnellabyrinth gestapelt

DAMALIGER ZUFLUCHTSORT: Der gebürtige

Helgoländer James Müller (Jahrgang 1938)

im Stollen des zivilen Luftschutzbunkers. Als

Fünfjähriger erlebt er an dieser Stelle den

schweren Luftangriff vom 18. April 1945 und

wird am Tag danach evakuiert. Erst 1954

kann er zurückkehren.

Foto: U. Kaack

und detonieren in der bis heute weltweit

größten nichtnuklearen Explosion.

BUNDESWEHRPRÄSENZ: Ein SAR-Marinehubschrauber

vom Typ „Sea King“ bei

der Landung auf dem Militärgelände

(Unterland). Foto: Archiv Nordseemuseum Helgoland

Die Wiederfreigabe

Nach dem „Big Bang“ kehrt Ruhe ein. Unterbrochen

wird die Stille dabei regelmäßig

durch Detonationen, denn die Briten nutzen

das militärische Sperrgebiet nun als

Ziel- und Übungsgelände für ihre Bomberpiloten.

Am 26. Februar 1952 übergibt der

britische Hohe Kommissar Sir Ivone Kirkpatrick

die offizielle Nachricht an Bundeskanzler

Konrad Adenauer, dass Helgoland

am 1. März 1952 an die Bundesrepublik

zurückgegeben wird und frei ist zur

Wiederbesiedlung durch die Insulaner. Der

Aufbau nimmt ein ganzes Jahrzehnt in Anspruch.

Erneute Militärpräsenz

In den 1960er-Jahren ist auch die Marine

wieder auf Helgoland präsent. Der kleine

Kasernenkomplex auf dem Oberland passt

sich stilistisch der neuen Inselarchitektur

an. Kein hoher Zaun, keine patrouillierenden

Wachen – optisch weist kaum etwas

auf die Anwesenheit der Soldaten hin. Direkt

am südlichen Klippenrand befindet

sich mit bester Rundumsicht auf die Nordsee

die Marinesignalstelle. Von hier aus

werden der militärische Schiffsverkehr beobachtet

und entsprechende Meldungen an

die Marineführung auf dem Festland weitergegeben.

Der am nördlichen Ende des

Oberlandes gelegene Radarturm dient der

Luftraumüberwachung. Bis 1989 sitzen in

dem komplett abgedunkelten Gebäude die

Ortungsspezialisten der Bundesmarine, anschließend

Soldaten der Luftwaffe.

Heute ist das Radargerät vom Dach des

Turmes entfernt. Die Marinesignalstelle wird

ohne Personal als Relaisstation genutzt und

das ehemalige Kasernengelände gehört nun

zum Alfred-Wegener-Institut. Einzig der 1979

in Betrieb genommene Hubschrauber-Landeplatz

mit Hangar und Betankungsanlage ist

noch in Betrieb. Die Basis auf dem Unterland

wird heute unregelmäßig von SAR-Fliegern

besetzt, könnte aber stets als vorgeschobener

Operationsposten wieder aktiviert werden.

Ulf Kaack, Jg. 1964, Verantwortlicher Redakteur von

TRAKTOR CLASSIC. Autor zahlreicher Bücher, besonders

zu technischen und maritimen Themen.

Clausewitz 3/2013

73


Feldherren

Richard I. Löwenherz

Der Krieger auf

dem Königsthron

Richard, der gar kein Englisch spricht,

hält sich während seiner Regierungszeit

nur einige Monate in England

auf. Sein Kampf gegen Sultan Saladin im

Verlauf des Dritten Kreuzzugs ist ebenso

von zahlreichen Legenden umrankt wie die

Zeit seiner daran anschließenden Gefangenschaft

in Österreich und Deutschland. Selbst

die Umstände seines Todes erhöhen ihn

über das Maß anderer Sterblicher – vergibt

er doch auf dem Totenbett dem französischen

Armbrustschützen, der ihn tödlich

verletzt hatte. Richard Löwenherz entstammt

der Dynastie der Normannen, die

seit 1066 die Herrschaft über England innehat.

Er wird am 8. September 1157 in Oxford

als dritter Sohn König Heinrichs II. geboren.

Besonders die französische Abstammung seiner

Mutter Eleonore von Aquitanien soll das

zukünftige Leben Richards zu einem großen

Teil bestimmen. Die aus der nach ihnen benannten

Normandie stammenden Könige

Englands sind nämlich durch vielfältige dynastische

Beziehungen eng an ihre weitreichenden,

im Westen Frankreichs gelegenen

Besitzungen gebunden. Dieser gesamte Herrschaftskomplex

wird zusammen mit England

als das Angevinische Reich bezeichnet.

Bereits 1172 erhält Richard im Alter von nur

fünfzehn Jahren das Amt des Herzogs von

Aquitanien, wo er sich während seiner Herr-

FAKTEN

Wichtige Kämpfe

4.10.1190: Eroberung von Messina

Frühjahr 1191: Eroberung von Zypern

12.7.1191: Eroberung von Akkon

7.9.1191: Schlacht bei Arsuf

Anfang August 1192: Eroberung von Jaffa

4.8.1192: Schlacht bei Jaffa

4.7.1194: Fréteval

28.9.1198: Gisors

Bis heute: Richard Löwenherz ist eine der romantisch

verklärtesten Figuren der Geschichte, und er gilt nach

wie vor als einer der „englischsten“ Könige der

britischen Geschichte…

Von Otto Schertler

schaftszeit in nicht endende Kämpfe mit

widerspenstigen Vasallen, feindlichen

Nachbarn und dem französischen Königtum

verstrickt sieht.

Bereits in jungen Jahren lernt er daher

den Krieg aus eigener Erfahrung

kennen, und seit

dieser Zeit vergeht

– bis auf die Phase

seiner Gefangenschaft

kein Jahr seines Lebens in dem er

nicht im Feld steht. Er beteiligt sich an der

von 1173–1174 währenden, vom französischen

König unterstützten Rebellion gegen

seinen Vater, mit dem er sich bis zu dessen

Tod im Jahr 1189 nicht mehr versöhnen

wird. Einer der Lehrmeister Richards in

diesen frühen Jahren ist Graf Philipp von

Flandern, der als einer der verschlagensten

Krieger seiner Zeit gilt.

Verbrannte Erde

Größere Schlachten hat Richard hier – bis

auf eine Ausnahme nicht zu bestehen,

eher handelt es sich bei den zahlreichen

Kämpfen um kleinere Gefechte oder Belagerungen.

Große Feldschlachten versucht

man nämlich während des Mittelalters

so gut wie möglich zu vermeiden, zu

hoch ist das Risiko, die eigene bewaffnete

Macht zu verlieren. Schon der während

des späten 4. Jahrhunderts n. Chr. lebende

römische Militärschriftsteller Vegetius rät

in seinem berühmten Handbuch „Epitoma

rei militaris“, einer Kompilation älterer

Schriften, in Bezug auf Feldschlachten:

„Lass es sein!“ Das Werk des Vegetius ist

während des Mittelalters an den Herrscherhöfen

wohlbekannt, und diesem

POPULÄR BIS HEUTE: Die faszinierende

Aura des „guten Königs“ Richard Löwenherz

ist bis heute ungebrochen. Hier eine

Statue vor dem Parlamentsgebäude in

London: Selbstbewusst und stolz sitzt

Richard I. auf seinem Ross.

Foto: picture-alliance

74


IM HEILIGEN LAND: Richard I. und seine Armee beten

vor einer Schlacht gemeinsam. Der König begibt

sich schon kurz nach seiner Thronbesteigung auf den

Kreuzzug und kämpft stets an der Seite seiner Truppe.

Illustration von Gustave Doré aus dem 19. Jhd.

Abb.: picture-alliance/Prisma Archivo

Clausewitz 3/2013

75


Feldherren

militärischen Grundprinzip folgen selbst

die kühnsten Befehlshaber, wie Richard,

der in jedem Gefecht und bei jedem Aufklärungsritt

rücksichtslosen Mut beweist. Viel

wichtiger erscheint es, das feindliche Gebiet

durch Streifzüge zu verwüsten oder

Burgen zu erobern und zu halten, also die

Anwendung einer Taktik der verbrannten

Erde, die Heinrich V. später mit den Worten

„Krieg ohne Feuer ist wie Würste ohne

Senf“ rühmen sollte. Somit setzt man klugerweise

auf einen langfristigen strategischen

Vorteil gegenüber dem unberechenbaren

Wagnis einer Feldschlacht, die selbst

im Fall eines eigenen Sieges möglicherweise

keine klaren Vorteile zu bringen vermag.

Als Richard im Jahr 1187 von der katastrophalen

Niederlage der Kreuzfahrer bei

Hattin im Heiligen Land und dem damit

verbundenen Verlust von Jerusalem hört,

entschließt er sich sofort, das Kreuz zu nehmen.

Doch erst nach dem Tod seines Vaters

im Jahr 1189 und der folgenden Krönung in

Westminster, kann der nun als König herrschende

Richard sein Gelübde in die Tat

umsetzen.

„Saladin sollte sich als der größte Gegenspieler der

Kreuzfahrer erweisen. Unter seiner Herrschaft wurden

ab 1174 zum ersten Mal im 12. Jahrhundert alle

großen muslimischen Nachbarherrschaften der Kreuzfahrer

[…] in einem einzigen Reich zusammengefasst.“

Dr. Martin Hoch in: Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai.

Er begibt sich 1190 nach Tours, um dort Stab

und Sack als Zeichen seiner Pilgerschaft anzunehmen.

Dann vereinigt er seine Truppen

mit denjenigen des französischen Königs

Philipp II. Augustus.

Die bewaffneten Pilger

Das erste Ziel der Kreuzfahrer ist Sizilien,

wo Richard den Familienzwist mit dem dortigen

normannischen Herrscher Tankred

von Lecce kurzerhand durch die Eroberung

Messinas mit dem Schwert löst. 1191 setzt er

seine Fahrt nach Osten fort und landet zunächst

in Zypern, wohin das Schiff seiner

Schwester Johanna durch einen Sturm verschlagen

worden ist. Die Insel wird zu dieser

Zeit von Isaak Dukas Komnenos, einem

Mitglied des byzantinischen Kaiserhauses,

wie ein unabhängiges Königreich regiert.

Dieser hatte einen Teil der zusammen mit Johanna

gestrandeten Kreuzfahrer gefangen

genommen und überdies ein Bündnis mit

Saladin geschlossen. Als sich Isaak weigert,

die Gefangenen freizulassen, stürmt Richard

kurzentschlossen mit seinen Kriegern den

Strand nahe der Stadt Limassol und vertreibt

die von Isaak dort in Stellung gebrachten

Truppen. Die Kreuzfahrer nehmen an-

LEGENDÄRER SIEG: Löwenherz und

sein Heer vor Jaffa. Von See kommend,

erobern sie die Stadt zurück.

Jaffa ist während der Kreuzzüge heftig

umkämpft. Die heutige Großstadt

ist uns besser bekannt unter dem

Namen Tel Aviv. Holzstich nach Gustave

Doré, 19. Jhd.

Abb.: picture-alliance/akg

76


Kampf um Akkon

HINTERGRUND

Sultan Saladin – „Ritter des Morgenlandes“

Das Leben Sultan Saladins ist ebenso von Legenden

umrankt wie das seines Gegners Richard

I. Löwenherz. Dabei

genießt er besonders in

der abendländischen Welt

einen enormen Ruf als „edler

Ritter des Morgenlandes“,

der sein Wort niemals

bricht und sich im

Kampf stets ritterlich

zeigt. Doch in der Realität

ist auch er ganz ein

Mensch seiner Zeit,

und er hat als solcher

keine Skrupel, nach

der Schlacht von

Hattin alle gefangenen

Johanniter und

Templer hinrichten

zu lassen.

Der 1138 in Tikrit im heutigen Irak geborene Saladin

ist kurdischer Abstammung und dient zunächst

dem über Syrien herrschenden Zengidenfürsten

Nur ad-Din als Militärführer. In dessen

Auftrag nimmt er an einer Militärexpedition

nach Ägypten teil, die das Land vor den Kreuzfahrern

schützen soll. Dort löst er schließlich

die schwache Dynastie der Fatimiden ab und begründet

seine eigene Herrschaft. Nach dem Tod

Nur ad-Dins bringt er zunächst Damaskus und

Syrien unter seine Herrschaft und nimmt 1175

den Sultanstitel an. Als bedeutendster Herrscher

der damaligen islamischen Welt stellt

sich Saladin erfolgreich den Kreuzfahrern in den

Weg und erobert von diesen Jerusalem zurück.

Saladin stirbt, bald nachdem sein Widersacher

Richard I. Palästina verlassen hatte, am 4. März

1193, doch sein Ruhm überdauert sowohl in

der islamischen als auch der christlichen Welt

die Jahrhunderte bis heute.

EBENBÜRTIGER GEGENSPIELER: Diese Darstellung aus dem 19. Jhd. zeigt Saladin als siegreichen

Feldherren. Trotz erfolgreicher militärischer Operationen überlässt Richard I. in einem Vertrag

seinem muslimischen Widersacher die Kontrolle von Jerusalem. Abb.: picture-alliance/Prisma Archivo

schließend Limassol ein und plündern die

dortigen Vorräte. Isaak rückt mit weiteren

Truppen bis in die Nähe der Stadt vor und

plant für den nächsten Tag eine Schlacht gegen

die Kreuzfahrer, doch Richard lässt bereits

in der Nacht die Pferde von den Schiffen

holen und macht sich für einen Angriff

im Morgengrauen fertig. Die Truppen Isaaks

werden völlig überrascht und vernichtend

geschlagen, während er selbst unter Zurücklassung

seines gesamten Schatzes gerade

noch zu entkommen vermag. Die Eroberung

der Insel durch Richard kann er jedoch nicht

mehr aufhalten und gerät schließlich in Gefangenschaft.

Damit verfügen die Kreuzfahrer

über eine strategisch überaus wichtige,

gesicherte Nachschubstation für den Kampf

im Heiligen Land, die als Basis für die dortigen

christlichen Territorien dient.

Das fallende Banner

Dann macht sich Richard auf den Weg nach

Palästina, wo die Dinge für die Christen seit

Saladins Offensive nicht zum Besten stehen.

Innerer Zwist, Machtkämpfe und die

Bedrohung durch den großen muslimischen

Herrscher haben die christlichen Gebiete

an den Rand des Untergangs gedrängt.

Am 8. Juni des Jahres 1191 trifft König

Richard I. mit seiner Flotte vor Akkon

ein und schließt sich dort dem vorausgeeilten

französischen König an. Die Belagerung

der Stadt ist bereits in vollem Gange, und

beide Könige stehen nun miteinander im

Wettstreit um die Führungsposition im Belagerungsheer.

Am 12. Juli kapituliert Akkon,

und als die Banner der beiden christlichen

Könige auf den Stadtmauern aufgepflanzt

werden, reißen einige Gefolgsleute

König Richards das ebenfalls auf den Mauern

wehende Banner Herzog Leopolds V.

von Österreich herunter. Damit hat sich Richard

einen Feind geschaffen, der nun auf

die Gelegenheit zur Rache wartet. Während

König Philipp von Frankreich, angeblich aus

gesundheitlichen Gründen, Palästina vorzeitig

verlässt, setzt Richard, der froh ist, seinen

Rivalen los zu sein, den Kreuzzug fort. Zunächst

lässt er wegen der von Sultan Saladin

nicht eingehaltenen Übergabebedingungen

von Akkon etwa 3.000 muslimische

Gefangene hinrichten. Von Akkon aus marschieren

die Kreuzfahrer dann auf der uralten

Küstenstraße, auf der schon die Heere

der Pharaonen und Assyrer entlang gezogen

waren, in Richtung Süden.

Sieg über Saladin

Auf diesem Weg wird das taktische und

strategische Können des Herrschers besonders

deutlich. Das Kreuzfahrerheer formiert

sich zu einem gewaltigen Karree, wobei die

gepanzerten Fußkrieger die Seiten bilden,

AUFRÜHRERISCHE VERWANDTSCHAFT:

Während Löwenherz im Heiligen Land

kämpft, organisiert sein Bruder Johann

Ohneland (links) eine Rebellion. Richard I.

schlägt diese nach seiner Heimkehr nieder.

Abb.: picture-alliance/akg-images

Clausewitz 3/2013

77


Feldherren

chen aus der Formation aus, um sich auf die

Feinde zu stürzen. Dabei reißen sie einen

Teil der anderen Ritter mit, die ebenfalls

nach vorne in den Kampf stürmen. Dies ist

der kritische Moment der Schlacht, Richard

handelt sofort und geht mit seinen eigenen

Rittern nun selbst zum Angriff über, und

„da hieb der König, der grimmige, [...] die

Türken in jeder Richtung nieder […]“. Das

Ergebnis ist ein vollständiger Sieg über den

bis dahin für unbesiegbar gehaltenen Saladin.

Kurz darauf ziehen die siegreichen

Kreuzfahrer in die Stadt Jaffa ein.

Richard plant das weiter südlich gelegene

Askalon zu besetzen, um es als Basis eines

nach Ägypten das Herz von Saladins

Reich gerichteten, großen strategischen

Feldzugs zu nutzen. Doch im Kriegsrat wird

er überstimmt, und nach ergebnislosen Verhandlungen

mit Saladin bricht Richard am

31. Oktober in Richtung Jerusalem auf.

Saladins ergreift die Initiative

Der Feldzug wird nicht zuletzt aus Witterungsgründen

abgebrochen, und Richard

zieht sich nach Askalon zurück, das er zur

stärksten Festung Palästinas ausbauen

lässt. Die folgenden Monate sind angefüllt

mit internen Streitigkeiten um die Macht in

Palästina, gleichzeitig treffen aus England

beunruhigende Nachrichten über eine Verschwörung

seines Bruders Johann mit dem

französischen König ein. Richard entscheidet

sich trotz aller Sorge um sein Reich für

das Bleiben, doch sein Plan eines Feldzuges

nach Ägypten wird von den anderen

Kreuzfahrern erneut abgelehnt. Auch der

Marsch nach Jerusalem kommt nicht zustande,

stattdessen ergreift Saladin die Initiative

und er kann Anfang August des Jahres

1192 Jaffa, aber nicht dessen Zitadelle,

erobern. Kurz darauf erscheint Richard von

See her, und es gelingt ihm, die Stadt zurückzuerobern.

Am 4. August kommt es vor den Mauern

zu einer weiteren Schlacht zwischen Richard

und Saladin. Der englische König

TOD IN DER SCHLACHT: Bei der Belagerung von Châlus 1199 wird Löwenherz von einem

Pfeil getroffen und stirbt kurz darauf. Der Legende nach hat er dem feindlichen Todesschützen

noch auf dem Sterbebett vergeben.

Abb.: picture-allianc/akg

während die Ritter und der Tross sich innerhalb

der Vierecksformation befinden. In der

sommerlichen Hitze setzen die ständig unter

dem Beschuss von Saladins berittenen

Bogenschützen stehenden Kreuzfahrer ihren

Weg unbeirrt fort.

Ungestümer Angriff

Am 7. September stellt sich Saladin schließlich

bei Arsuf zur Schlacht. Richard hatte

zwar befohlen, den feindlichen Angriffen so

lange standzuhalten, bis er das Zeichen zum

Gegenangriff geben würde, doch zwei der

mittlerweile bis zur Weißglut gereizten Ritter

verlieren schließlich die Nerven und bre-

FARBENPRÄCHTIG: Diese Lithographie

nach Zeichnungen von Albert Kretschmer

(1825–1891) zeigt normannische Kostüme

aus der Zeit Richards I. Der König selbst ist

in der unteren Reihe ganz links als Krieger

und daneben als König abgebildet.

Abb.: picture-alliance/akg

78


Lösegeld für den inhaftierten König

und lässt den als Kreuzfahrer unter dem

Schutz der Kirche stehenden Richard in der

Burg Dürnstein inhaftieren. 1193 übergibt

er den Gefangenen schließlich Heinrich VI.,

Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.

Dieser bringt Richard in die in der Pfalz gelegene

Burg Trifels und entlässt ihn erst

nach der Zahlung eines ungeheuren Lösegelds

von 150.000 Silbermark sowie der

Ableistung des Lehnseides. Kaum der

Gefangenschaft entkommen, muss Richard

in England die Rebellion seines Bruders

Johann Ohneland unterdrücken. Danach

kehrt er nach Frankreich zurück, um seine

dortigen Besitzungen gegen die Angriffe

Philipps II. zu schützen. Nachdem er mit

diesem einen Waffenstillstand abgeschlossen

hat, macht sich Richard daran, die Revolte

eines Vasallen niederzuschlagen. Bei

der Belagerung der Burg Châlus-Chabrol

wird er jedoch von einem Armbrustbolzen

tödlich verwundet. Er stirbt am 6. April 1199.

IN GEFANGENSCHAFT: Auf der Burg Dürnstein

(heute eine Ruine) in Österreich wird Löwenherz,

mit französischem Einverständnis, festgehalten.

Foto: picture-alliance

stellt seine Truppen in einer festen Schlachtordnung

auf, wobei die Frontlinie von lanzenbewehrten

Schildträgern gebildet wird.

Dahinter befinden sich Paare von Armbrustschützen,

von denen einer die Waffe

lädt, während der zweite schießt. Die Aufstellung

derartiger Formationen ist keine

Erfindung Richards, sie findet sich in ähnlicher

Form bereits in der älteren byzantinischen

Militärliteratur. Die Normannen, von

denen Richard ja abstammt, bewegten sich

bereits vor den Kreuzzügen als Söldner im

östlichen Mittelmeerraum, und daher ist

anzunehmen, dass auch Richard Kenntnis

von derartigen Kampftaktiken hat. Der Hagel

der durchschlagskräftigen Armbrustbolzen

bleibt nicht ohne Wirkung, und die

Formationen halten jedem Angriff stand.

Erneut geht Richard mit seinen Rittern zum

Gegenangriff über und „[...] war ein Gigant

in der Schlacht [...]. An jenem Tag leuchtete

sein Schwert wie der Blitz [...]“. Richards

erneuter Sieg über Saladin bleibt jedoch ohne

Folgen, beide Seiten sind erschöpft, zudem

ist der König erkrankt, und am 9. Oktober

1192 verlässt er schließlich Palästina.

Die Rache des Herzogs

Wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit ist

eine Rückfahrt nach England über Gibraltar

zur See nicht mehr möglich. Richard wählt

daher mit einigen Begleitern den Seeweg

nach Istrien, um von dort aus den Weg über

Land in Richtung Böhmen einzuschlagen.

Doch nahe Wien wird seine Tarnung durchschaut,

und Herzog Leopold V. von Österreich

sieht nun eine hervorragende Gelegenheit,

sich für die Demütigung von Akkon

zu rächen. Er zögert keine Sekunde

„Wer fähig ist, mich, den König, zu töten, ist es wert,

zum Ritter geschlagen zu werden.“

Der Legende nach die letzten Worte von König Löwenherz. In Wirklichkeit

dürfte dem Todesschützen ein anderes Los zuteil geworden sein…

KÖNIGLICHE RUHESTÄTTE: Das Grabmal Richards

I. liegt in der Abteikirche Notre-Damede-Fontevrauld.

Auch sein Vater Heinrich II.

ist hier beigesetzt zu Lebzeiten waren beide

Gegner. Foto: picture-alliance/akg-images/Erich Lessing

Abenteurer und König

Zusammenfassend kann man über Richard

Löwenherz sagen, dass er weniger ein zielstrebiger

König als vielmehr ein abenteuerlustiger

Ritter ist, der sozusagen „nebenbei“

auch ein Herrscheramt ausübt. Persönlich

außerordentlich mutig und immer im

dichtesten Kampfgetümmel zu finden,

führt er seine Truppen immer „von der

Front“ aus: In Messina erstürmt Richard an

der Spitze seiner Männer die Tore, in Jaffa

springt er vom Schiff und bildet mit seinen

Truppen einen wichtigen Brückenkopf,

während er sich in den Schlachten von Arsuf

und Jaffa ebenfalls inmitten des Kampfes

befindet. Interessant ist dabei auch, was

die „feindlichen“ islamischen Quellen über

die Persönlichkeit Richards berichten. Sie

rühmen seine „Weisheit, Erfahrung, Tapferkeit

und Energie“, fürchten aber auch „die

Schläue dieses verfluchten Mannes. Um

seine Ziel zu erreichen, benutzt er manchmal

sanfte Worte, manchmal gewaltsame

Taten. Gott allein war fähig, uns vor seiner

Bosheit zu retten. Niemals mussten wir einem

scharfsinnigeren oder kühneren Gegner

die Stirn bieten.“ Soweit der Chronist

Baha ad-Din, einer der fähigsten Kommandeure

Sultan Saladins, der hier ein wohl

treffendes Bild König Richards I. zeichnet.

Otto Schertler, Jg. 1962, studierte Vorderasiatische

Archäologie, Ethnologie sowie Vor- und Frühgeschichte

an der Universität München. Er lebt und arbeitet als

Autor und Übersetzer in München.

Clausewitz 3/2013

79


Museum

ANSCHAULICH: Blick in einen der

ehemaligen Ställe, in denen bis zu

72 Pferde unterkamen. Foto: Autor

Das Garnisonsmuseum Wünsdorf

An historischer Stätte

Zossen-Wünsdorf zählt zu Deutschlands bedeutendsten ehemaligen Militärstandorten. Von

dort aus wurde zeitweilig sogar die Weltgeschichte beeinflusst. Das Garnisonsmuseum

Wünsdorf hält die Erinnerung an seine wechselvolle Geschichte wach. Von Thomas Gliesche

Rund 40 Kilometer südlich von Berlin

befindet sich die Ortschaft Wünsdorf.

Ein Jahr vor Abzug des in Wünsdorf

stationierten Oberkommandos der Gruppe

der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland

im Jahr 1994 trafen sich hier militärhistorisch

Interessierte und gründeten den „Militärhistorischen

Verein Zossen-Wünsdorf“,

seit 1997 „Förderverein Garnisonsmuseum

Wünsdorf e.V.“. Die Vereinsmitglieder erforschen

seitdem die Militärgeschichte von Zossen

und Wünsdorf.

Wie kam es zur Errichtung der Garnison

in Zossen-Wünsdorf? Um 1900 war das Tempelhofer

Feld als Übungsgelände für das

Berliner Gardekorps zu klein geworden. Aus

diesem Grund entschied das preußische

Kriegsministerium im Jahre 1906, an der von

Zossen in Richtung Baruth führenden

Chaussee einen Truppenübungsplatz mit

Truppenlager einzurichten.

Ein weiterer wesentlicher Grund für die

Standortwahl war die seit 1875 bestehende

Bahnstrecke der Königlich Preußischen Militär-Eisenbahn,

die von Berlin über Zossen

zum Artillerie-Schießplatz Kummersdorf

verlief.

Das 2001 eröffnete Garnisonsmuseum

Wünsdorf befindet sich in einem sanierten,

um 1911 erbauten Pferdestall. Hier werden

die in langjähriger Forschungsarbeit gewonnenen

Erkenntnisse in Wort und Bild präsentiert.

Zahlreiche, zum Teil sehr unterschiedliche

Exponate sind auf rund 400 Quadratmetern

Ausstellungsfläche zu sehen. Die

Dauerausstellung ist vornehmlich der Zeit

EINLADEND: Blick auf den Eingangsbereich

des Garnisonsmuseums Wünsdorf, das in einem

sanierten Pferdestall untergebracht ist.

Foto: Autor

der Nutzung des Militärstandortes in den

Jahren 1910 bis 1945 gewidmet.

Im ersten Ausstellungsbereich wird die

Entstehungsgeschichte des Truppenübungsplatzes

und Truppenlagers („Stammlager

Zossen“) gezeigt. Die Geschichte des heute

nicht mehr existierenden Ortes Zehrensdorf

wurde in diesem Zusammenhang aufgearbeitet.

So erhält der Besucher vielfältige In-

KONTAKT

Förderverein Garnisonsmuseum Wünsdorf e.V.

Gutenbergstraße 9, 15806 Zossen OT Wünsdorf

Telefon: 033702 65451

E-Mail:

vorstand@garnisonsmuseum-wuensdorf.de

Internet: www.garnisonsmuseum-wuensdorf.de

Öffnungszeiten:

April bis Oktober: tägl. 10.00 – 17.00 Uhr

November bis März: Montag Ruhetag, ansonsten

nur nach telefonischer Voranmeldung unter Tel.:

033702 9600 (Bücherstadt Tourismus GmbH)

80


ÜBERREST: Ruine eines Bunkerhauses der

Bunkersiedlung „Maybach I“ im heutigen Zustand.

Foto: Vereinsarchiv FV Garnisonsmuseum Wünsdorf

TEILANSICHT: Blick auf das „Stammlager Zossen“.

Foto: Vereinsarchiv FV Garnisonsmuseum Wünsdorf

formationen über das einstige „Soldatendorf“

sowie über die Schicksale von Bewohnern,

die ihr Dorf verlassen mussten.

Ein weiterer Bereich informiert über die

Infanterieschießschule in Wünsdorf, die

nach nur zweijähriger Bauzeit am 1. Oktober

1913 zur Nutzung übergeben wurde. Hier

wurden Offiziere und Unteroffiziere mit der

Schießlehre vertraut gemacht, aber auch

sämtliche Hand- und Maschinenfeuerwaffen

erprobt.

Ein weiteres Thema ist das im August

1914 infolge des Ersten Weltkriegs errichtete

Kriegslager in Wünsdorf. In diesem Barackenlager

sorgten Ersatztruppenteile für den

Personalersatz zum Ausgleich der hohen

Menschenverluste der Stammregimenter an

den Fronten.

Im September 1914 entstand in Zossen ein

Kriegsgefangenenlager, das sogenannte

„Weinberglager“. Im Dezember 1914

VIELFÄLTIGE EXPONATE:

Auch Uniformen der

Wehrmacht werden

den Besuchern

präsentiert.

Foto: Autor

folgte in Wünsdorf das „Halbmondlager“. In

diesen Lagern waren ausschließlich muslimische

Kriegsgefangene untergebracht, die

aus den britischen und französischen Kolonien

und aus Staaten des britischen Herrschaftsgebietes

stammten.

Da die Militärturnanstalt in Berlin veraltet

war, wurde ein Neubau geplant und als

Standort Wünsdorf bestimmt. So entstand

die im Oktober 1916 fertig gestellte Militärturnanstalt

Wünsdorf, die später in „Heeressportschule“

umbenannt wurde. Über die

damalige Sportausbildung, aber auch über

die Vorbereitung von Militärsportlern auf

die Olympischen Spiele 1936 informiert das

Museum und zeigt vielfältige Exponate.

1937 begannen in Zossen umfangreiche

Baumaßnahmen zur Errichtung eines geheimen

Nachrichtenbunkers mit Tarnnamen

„Zeppelin“ sowie von zwölf Bunkerhäusern

für das Hauptquartier des Oberkommandos

des Heeres (OKH), die sogenannte Bunkersiedlung

„Maybach I“. Die Arbeiten an einer

zweiten, aus elf Bunkern bestehenden

Siedlung „Maybach II“ begannen 1940.

Im Ausstellungsbereich zur Geschichte

der Garnison von den 1920er-Jahren

bis 1945 wird die Entstehung weiterer

Kasernenanlagen an diesem

BLICK IN DIE VERGANGENHEIT: Aufnahme

der Bunkersiedlung „Maybach I“, 1939/40.

Foto: Vereinsarchiv FV Garnisonsmuseum Wünsdorf

Standort dokumentiert. Ebenso spielt die

Entwicklung der deutschen Panzertechnik

eine große Rolle. Schon 1928 wurden erste

Prototypen in Kasan (Russland) getestet.

Mit der Stationierung der Panzertruppenschule

und ihrer Lehrtruppen entstand ab

1935 in Wünsdorf das organisatorisch-geistige

Zentrum der Panzerwaffe des deutschen

Heeres. Die Aufstellung der Panzer-Regimenter

5, 6 und 8 erfolgte ebenfalls in Zossen

und Wünsdorf. Viele Exponate und Erlebnisberichte

konnte der Verein für das Museum

von Zeitzeugen und ehemaligen Angehörigen

des Panzer-Regiments 5 sammeln.

Diese Einblicke in einige ausgewählte

Ausstellungsbereiche können nur einen

Ausschnitt dessen widerspiegeln, was den

Besucher im Garnisonsmuseum Wünsdorf

erwartet.

ÜBERBLEIBSEL: Glasvitrine mit Relikten

des Zweiten Weltkriegs.

Foto: Autor

ABWECHSLUNGSREICH: Blick in die verschiedenen

Ausstellungsbereiche des Garnisonsmuseums.

Foto: Autor

Clausewitz 3/2013

81


Vorschau

Nr. 13 | 3/2013 | Mai-Juni | 3.Jahrgang

Internet: www.clausewitz-magazin.de

„Völkerschlacht“ bei Leipzig 1813

Der Triumph der „Koalition“ über Napoleon

Oktober 1813: Vor 200 Jahren findet bei Leipzig eine der

wichtigsten Entscheidungsschlachten der „Befreiungskriege“

gegen Napoleons Fremdherrschaft statt. Sie geht schließlich

als „Jahrhundertschlacht“ in die Geschichte ein.

Redaktionsanschrift

CLAUSEWITZ

Infanteriestr. 11a, 80797 München

Tel. +49 (0) 89.130699.720

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redaktion@clausewitz-magazin.de

Redaktion Dr. Tammo Luther (Verantw. Redakteur),

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Layout Ralph Hellberg

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Es gilt Anzeigenpreisliste Nr. 20 vom 1.1.2013.

Litho ludwigmedia, Zell am See, Österreich

Druck Quad/Graphics, Wyszków, Polen

Verlag GeraMond Verlag GmbH,

Infanteriestraße 11a,

80797 München

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Kampf um Charkow 1943

Hitlers letzter Sieg im Osten

Frühjahr 1943: Der Südflügel der

deutschen Ostfront befindet sich

auf dem Rückzug. Um die Front

wieder zu stabilisieren, entscheidet

sich Hitler für eine Gegenoffensive

in Richtung Charkow...

Geschäftsführung Clemens Hahn, Carsten Leininger

Herstellungsleitung Zeitschriften Sandra Kho

Vertriebsleitung Zeitschriften Dr. Regine Hahn

Vertrieb/Auslieferung Bahnhofsbuchhandel,

Zeitschriftenhandel: MZV Moderner Zeitschriften

Vertrieb GmbH & Co. KG, Unterschleißheim

Im selben Verlag erscheinen außerdem:

Fotos: picture-alliance/akg-images; ullstein bild; picture-alliance/dpa

Messerschmitt Me 262

Revolutionäre Entwicklung

Ende 1944: Die Me 262 gilt

als „Wunderwaffe“ der Luftwaffe.

Das modernste Kampfflugzeug

des Zweiten Weltkrieges

beeinflusste die

Flugzeugentwicklung nach

Kriegsende weit über 1945

hinaus...

Außerdem im nächsten Heft:

Kampf um Wien 1683. Sieg des „Abendlandes“. Joseph Wenzel Graf Radetzky von

Radetz (1766–1858). Österreichs berühmter Feldherr.

Und viele andere Beiträge aus den Wissengebieten Geschichte, Militär und Technik.

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begeistern wie Sie? Dann empfehlen Sie uns

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Dr. Tammo Luther

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ISSN 2193-1445

© 2013 by GeraMond Verlag. Die Zeitschrift und alle

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geschützt. Durch Annahme eines Manuskripts

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kopiert und sie propagandistisch im Sinne von

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Redaktion und Verlag distanzieren sich ausdrücklich

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82


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