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Nutrition-Press

Freiheit für gesunde Nahrung - ein Schritt weiter!

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Ausgabe Nr. 6 – Februar 2015 · 4,95 Euro · ISSN 2195­8505

www.nutrition-press.com

Nutrition-Press

Fachzeitschrift für Mikronährstoffe

Thomas Büttner

Neue Rechtsprechung

zur Health Claims

Verordnung

Delia Germeroth

Fisetin – ein sekundärer

Pflanzenstoff mit vielen

Wirkungen

Andreas Binninger

Was ist gesunde

Ernährung?

Manfred Scheffler

Freiheit und Gerechtigkeit

kommen

selten von allein

Mikronährstoffe

Vitalstoffe

Nahrungsergänzungsmittel

Hersteller und Vertriebe

Europäischer Gerichtshof, Luxemburg

Freiheit für gesunde Nahrung –

ein Schritt weiter!

Etappensieg für den Verbraucher erreicht


NEM e.V.

Jetzt anno 2015 ist unser Verband bereits 9 Jahre für den

Mittelstand der Gesundheitsbranche erfolgreich aktiv. Der

jährliche Branchentreff – unsere Workshops für lebensmittelrechtliche

und ernährungswissenschaftliche Themen

und eben mittelstandsorientierte Themen – beschränkt

sich nicht auf Erläuterungen, sondern setzt Maßstäbe für

unsere Gesellschaft.


Freiheit für

gesunde Nahrung

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5. Verkehrsfähigkeitsprüfungen von wettbewerbsrechtlichen Fragen, Prüfungen von

Werbebroschüren .

6. Erstellung von Gutachten hinsichtlich lebensmittelrechtlicher Fragen, Geschäftsvertragsprüfung

von Angeboten, Aufträgen, Rechnungen etc., Prüfung von Webseiten, Online-

Shops etc., Prüfung von AGBs, Vertragsgestaltung Herstellungsverträge und Vertriebsverträge.

7. Juristische Beratung bei Abmahnungen durch Wettbewerber, Verbraucherverbände,

Behörden etc.

8. Anmeldungsberatung von Health Claims.

9. Anmeldungsberatung von diätetischen Lebensmitteln.

10. Beratung bei gesetzlichen Verstößen, Bußgeldern, bei strafrechtlichen Fällen.


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finden Sie unter: www.nem-ev.de


Vertretung für

den Mittelstand

NEM Verband mittelständischer europäischer Hersteller und Distributoren

von Nahrungsergänzungsmitteln & Gesundheitsprodukten e. V.

Horst-Uhlig-Straße 3 · D-56291 Laudert · Telefon +49 (0)6746/80298-20

Telefax +49 (0)6746/80298-21 · E-Mail: info@nem-ev.de

www.nem-ev.de


Editorial

Freiheit und Gerechtigkeit kommen selten von allein

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Gute Nachrichten durch NEM – Aktivitäten

1. Health Claims – überraschende Wende zeichnet sich ab!

Weniger Verbote – mehr Infor ma tionsfreiheit für gesundheitsbezogene

Aussagen. Der Verbraucher darf sich mit

den mittelständischen Unternehmen richtig freuen.

Nur noch etwas Geduld. Das Grundrecht eines Bürgers

auf freie Meinungsäußerung wird wieder Gewicht bekommen.

Am 06. Januar 2012 hat der NEM Verband Klage beim

Europäischen Gericht einge reicht – gemeinsam mit

einem Mitgliedsunternehmen. Die Gerichtsverhandlung

fand am 23.10. 2014 in Luxemburg statt. Rechtsanwalt

Dr. Büttner und meine Person in der Funktion als Prä si ­

dent standen nun vor dem höchsten Gericht Europas. Ein

Gefühl, das einen schon mit Stolz erfüllt, Gerechtigkeit

zu erstreiten für den Ver braucher und den mittelständischen

Un ternehmer – die Wirtschaftsbasis unserer

Gesellschaft. Die Wirtschaftskraft in Deutschland wird

durch 80 % der Mittelständler gestellt.

Das Ergebnis: hier können wir nicht vorgreifen – das wäre

nicht seriös. Das Urteil wurde noch nicht gesprochen. Bis

zu 6 Monaten nach Gerichtsverhandlung kann es dauern,

bis ein Urteil verkündet wird. Sobald das Urteil bekannt

ist, wird es umgehend der Branche bekanntgegeben.

2.Und jetzt kommt der 2. Streich, wie angekündigt,

zu Novel Food.

Früchte, Gemüse, Pilze, Gewürze, die nicht maßgeblich

vor Mai 1997 im Europäischen Verkehr waren, dürfen zunächst

nicht nach Europa rein, auch wenn diese Lebensmittel

seit 1000 Jahren und mehr in anderen Ländern

verspeist werden. Solche Lebensmittel dürfen nur auf

den Markt, wenn sie über langwierige Prüf verfahren zugelassen

wurden. Was für ein Schildbürgerstreich.

Manfred Scheffler

Präsident NEM e.V.

Was die Novel Food Verordnung

betrifft: hier bereitet und diskutiert

man in den Behörden eine

Neugestaltung. Jetzt gilt es, unseren

Unmut nochmals kund

zu tun. Es sollte mir keiner vorschreiben,

was ich essen soll

oder darf. Wir Bürger sind mündig

genug, dies selbst zu entscheiden.

Synthetische Lebensmittel

auf Toxikologie zu prü fen,

ist sicher zwingend erforderlich und genehmigungswürdig.

Die Politik sollte erkennen, dass der Bürger nicht

ständig bevormundet wird.

Was tun wir:

a) wir haben eine Petition initiiert, auf Deutsch, Englisch,

Französisch (siehe www.nem-ev.de). Die wird den Europäischen

Behörden etc. vorgelegt.

b) wir werden Europa auffordern, den Bürger nicht für dumm

zu verkaufen und gehen ins Gespräch mit den Behörden,

dem Europäischen Parlament, dem Europäischen Rat –

und in die Medien.

Vergessen wir nicht: wer die Macht über Lebensmittel

hat, der hat die Macht über uns Bürger.

Lebensmittel sind die Basis unserer Gesundheit. Fehlt der

gesunde Menschen verstand bereits in der Politik und den

Behörden, um dies zu erkennen?

Bleiben Sie gesund und munter!

Herzlichst Ihr

Wir alle wissen, Zigaretten sind tödlich – sind aber auch

erlaubt; besagte Lebensmittel werden erst einmal verboten.

Gerade versucht man Vitalpilze zu Arzneimitteln

zu machen (s. Presse mitteilung BfArM 2/15 vom

06. 02. 2015) Was für ein krankhaftes Denken der Behörden

und Politik. Oder sind hier andere Kräfte am Werk –

na wer wohl?

Manfred Scheffler

Präsident NEM e.V.

Nutrition-Press ist die offi zielle Zeitschrift des NEM e.V.

Verband mittelständischer europäischer Hersteller und

Distributoren von Nah rungs ergänzungsmitteln & Gesundheitsprodukten

e.V.

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Nutrition-Press

Inhalt

5 Neue Rechtsprechung zur Health Claims Verordnung • Dr. jur. Thomas Büttner

11 Fisetin – ein sekundärer Pflanzenstoff mit vielen Wirkungen • Dipl. Troph Delia Gemeroth

14 Was ist gesunde Ernährung? • Andreas Binninger

16 Ergothionein in Pilzen – der oxidative Stress • Prof. Dr. Jan I. Lelley

21 Alpha Liponsäure Chelatbildner bei Schwermetallbelastungen:

Wissenschaftsfundierte Problemdarstellung • Strahinja Tomic

26 Cayennepfeffer

28 Kurkumin zur Behandlung der Atrophie bzw.

tumorinduzierten Kachexie • Christopher Oelkrug, Dr. Andreas Schubert

32 Chronische Erkrankungen ... und kein Ende in Sicht • Prof. Dr. Dr. Fred Harms

36 Warum ist Homocystein so interessant? • Peter Abels

40 Schwermetalle – Ein Revival alter Bekannter • Dr. rer. nat. Cornelia Friese-Wehr

44 Indien – ein Markt für europäische Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetik?!

Indien – als Beschaffungsmarkt für Rohstoffe • Hon. Prof. Dr. Helmut Weidlich

48 Gefahrstoffe im Griff: Neues Angebot für verbessertes Gefahrstoffmanagement• BG RCI

49 eBay-Auktionen: Vorsicht beim Abbruch• ARAG

Impressum

Nutrition-Press

Fachzeitschrift für Mikronährstoffe,

Vitalstoffe, Nahrungsergänzungsmittel,

Hersteller und Vertriebe

Online-Ausgabe: ISSN 2195-8505

Herausgeber: Elite Magazinverlags GmbH

Boslerstraße 29 · 71088 Holzgerlingen

Telefon:+49(0)7031/744-0 · Fax:+49(0)7031/744-195

E-Mail: info@nutrition-press.com

Chefredaktion: Bernd Seitz (V.i.S.d.P.)

Leitender Redakteur: Manfred Scheffler

Redaktion: Gabriele Thum M.A.

Wissenschaftlicher Beirat:

Dr. Gottfried Lange

Prof. Dr. Kurt S. Zänker

Juristischer Beirat: Dr. jur. Thomas Büttner

Gastautoren:

Peter Abels

Andreas Binninger

Dr. jur. Thomas Büttner

Dr. rer. nat. Cornelia Friese-Wehr

Dipl. Troph Delia Gemeroth

Prof. Dr. Dr. Fred Harms

Prof. Dr. Jan I. Lelley

Christopher Oelkrug

Dr. Andreas Schubert

Manfred Scheffler

Strahinja Tomic

Hon. Prof. Dr. Helmut Weidlich

Grafik/Layout: Melanie Wanner

Projektleitung: Sanela Cutura

Anzeigenabteilung:

Sandra Schneider, Telefon: +49 (0)7031/744-122

E-Mail: info@nutrition-press.com

Bildnachweis: fotolia.com, Peter Fuchs/shutterstock.com

Erscheinungsweise: 2 mal pro Jahr:

Februar, September

Einzelpreis: 4,95 Euro, zzgl. Versandkosten

Bestellung der Print-Ausgabe: info@nem-ev.de

Print-Ausgabe: ISSN 2196-1271

Online-Magazin und Media-Daten:

kostenlos unter www.nutrition-press.com

Printed in Germany

Copyright-Hinweis: Die gesamten Inhalte des Magazins

sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte auf Konzept

und Gestaltung: Elite Magazinverlags GmbH und NEM e.V..

Vervielfältigungen jeglicher Art nur mit ausdrücklicher

Genehmigung der Elite Magazinverlags GmbH

und des NEM e.V.. (alle Anschriften siehe Verlag)

Offizielles Magazin des NEM e.V.:

NEM Verband mittelständischer europäischer

Hersteller und Distributoren von Nahrungs ergänzungsmitteln

& Gesundheitsprodukten e.V.

Horst-Uhlig-Str. 3, 56291 Laudert

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www.nutrition-press.com


Recht

Neue Rechtsprechung

zur Health Claims Verordnung

Die Health Claims Verordnung 1924/2006/EG mit der VO 432/2012/

EG halten nach wie vor die Lebensmittelindustrie in Atem.

Die Zulässigkeit der Verwendung von nährwertbe

zo genen – und gesundheitsbezogenen

Aussagen für Lebensmittel ist aufgrund der gravierenden

Änderungen der Rechtslage im Vergleich zu

den Vorjahren ein beliebter Tummeplplatz für Abmahnvereine,

Wettbewerber und Überwachungsbehörden.

Nahezu jede Umverpackung, jeder Werbeflyer, jeder

Internetauftritt wird kritisch auf mögliche Verstöße gegen

die Health Claims Verordnung untersucht.

1. Hierbei zeichnete sich in den ersten Jahren ein sehr

restriktives Bild der Rechtsprechung, die die Verordnungen

sehr eng und konservativ auslegte.

Dies führte teilweise schon zu skurrilen Beanstandungen,

wenn z.B. die Behörden sich daran störten, dass

statt der Formulierung „Vitamin C trägt zur Verringerung

von Müdigkeit und Ermüdung bei“ formuliert

wurde „Vitamin C trägt zur Verringerung von Müdigkeit

und Erschöpfung bei“. Niemand wird erklären können,

worin der Unterschied zwischen Müdigkeit und Ermüdung

bestehen soll. Dies erst recht vor dem Hintergrund,

dass die englische Formulierung des zugelassenen

Claims „fatigue“ durchaus mit dem Begriff der Erschöpfung

übersetzt werden kann.

Ebenfalls nicht nachvollziehbar ist, wenn die Formulierung

„Vitamin C trägt zu einer normalen Funktion des

Immunsystems bei“ nicht gleichgesetzt werden dürfe

mit der Formulierung „Vitamin C trägt zu einer gesunden

Funktion des Immunsystems bei“. Denn es ist

für den aufmerksamen, verständigen Durchschnittsverbraucher

klar, dass eine normale Funktion des Immunsystems

eine gesunde Funktion des Immunsystems

darstellt. Wenn die Funktion des Immunsystems nicht

normal ist, kann sie auch nicht gesund sein. In einigen

europäischen Ländern ist vor diesem Hintergrund auch

akzeptiert, dass statt normale Funktion des Immunsystems

auch „gesunde“ Funktion des Immunsystems

formuliert werden kann.

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Nutrition-Press

Da nach Art. 5 Abs. 2 der VO 1924/2006/EG die Verwendung

gesundheitsbezogener Angaben nur zulässig

ist, wenn vom durchschnittlichen Verbraucher erwartet

werden kann, dass er die positive Wirkung, wie sie in

der Angabe dargestellt wird, versteht, halten wir vor

diesem Hintergrund auch die Formulierung „gesund“

für gleichbedeutend mit „normal“.

2. Aktuell häufen sich jedoch auch Urteile, die für die

Lebensmittelindustrie Licht am Ende des Health Claims­

Tunnels aufzeigen.

So verweisen wir auf ein aktuelles Urteil des Landgerichts

Würzburg vom 11. 07. 2014, Az. 1 HKO 882/14.

Darin hat das Landgericht Würzburg bestätigt, dass ein

Nahrungsergänzungsmittel prominent auf Inhaltsstoffe

hinweisen darf, dass sie in dem Produkt enthalten sind

und diese auch mit Mengenangaben in der Nährstofftabelle

aufführen darf, ohne dass daraus auf eine Gesundheitsbezogenheit

dieser Bestandteile des Produktes

geschlossen werden darf.

Überwachungsbehörden und Wettbewerbsverbände

haben es in der Vergangenheit bereits beanstandet,

dass z. B. die bekannten Zutaten von Nahrungsergänzungsmitteln

Glucosamin­ und Chondroitinsulfat auf

Frontseiten von Nahrungsergänzungsmitteln abgebildet

werden, die sich auf die Gelenk­Gesundheit beziehen.

Es ist bekannt, dass in der Vergangenheit Glucosaminsulfat

und Chondroitinsulfat als Wirkstoffe für gelenkspezifi

sche Wirkungen von Nahrungsergänzungsmitteln

beworben wurden. Im Rahmen der Health Claims Verordnung

hatte jedoch die EFSA einen Nutzen dieser

Stoffe auf der Grundlage der ihr von den jeweiligen Antragstellern

vorgelegten Unterlagen als wissenschaftlich

nicht ausreichend belegt qualifi ziert. Dagegen wurde

z.B. für Vitamin C im Rahmen der VO 1924/2006/

EG ausdrücklich anerkannt, dass Vitamin C zu einer

normalen Kollagenbildung für eine normale Funktion

der Knochen und der normalen Knorpelfunktion beiträgt.

Auch können für andere Botanicals, deren Bewertung

noch zurückgestellt ist, entsprechende gelenkspezifi ­

sche oder knorpelspezifi sche gesundheitsbezogene

Aussagen weiterhin möglich sein. Eine Vielzahl von Anbietern

verweist jedoch nach wie vor darauf, dass Glucosaminsulfat

und Chondroitinsulfat in ihren Produkten

„enthalten“ sind, ohne diesen Zutaten spezifi sche gesundheitsbezogene

Wirkung zuzuschreiben.

Das Landgericht Würzburg hat nun diese Praxis ausdrücklich

als zulässig bestätigt.

So heißt es in dem Urteil unter anderem wie folgt:

„Die Angabe von Glucosamin- und Chondroitinsulfat auf

der streitgegenständlichen Umverpackung der … Kapseln

stellt keine „gesundheitsbezogene Angabe“ im Sinne

des Art. 2 Abs. 2 Nr. 5 Health Claims Verordnung dar,

denn die Angabe suggeriert weder, noch bringt Sie mittelbar

zum Ausdruck, dass zwischen den vorgenannten

Bestandteilen des Nahrungsergänzungsmittels und der

Gesundheit ein Zusammenhang besteht. … Da bezüglich

der Inhaltsstoffe Glucosamin- und Chondroitinsulfat keine

nähere Spezifizierung, für was die genannten Stoffe

nützlich sein sollen, wie für die anderen vorgenannten

Stoffe vorgenommen wird, wird ein Durchschnittsverbraucher,

auf den es entscheidend ankommt, weil sich

die Bewerbung der … durch die Beklagte grundsätzlich

an die Gesamtheit der Verbraucher richtet … nicht davon

ausgehen, dass Glucosamin- und Chondroitinsulfat eine

spezifische gesundheitsbezogene Wirkung aufweisen. …

Die Beklagte ist dabei allerdings nur an den von ihr selbst

verwendeten Werbeaussagen zu messen, denn werbliche

Äußerungen Dritter oder sonstiger Erfahrungswerte

sind der Beklagten nicht zuzurechnen … Die Erwähnung

der streitgegenständlichen Stoffe in der Nährwerttabelle

lässt ebenso wenig auf die besondere Gesundheitsbezogenheit

schließen. … Die Tatsache, dass Glucosaminund

Chondroitinsulfat auf der Vorderseite der Umverpackung

des Nahrungsergänzungsmittels genannt werden,

ist darauf zurückzuführen, dass die … zu einem Großteil

aus eben diesen Stoffen bestehen und damit zu ihren

Hauptbestandteilen des Produktes zu zählen sind … Für

Verbraucher kommt es auf die beworbene Wirkung des

Produktes insgesamt und gerade nicht auf die Einzelheiten

der chemischen Zusammensetzung an … Denn nach

6


Recht

beitragen, andererseits, dass sie eine ernährungsspezifische

bzw. physiologische Wirkung aufweisen. In quantitativer

Hinsicht sind Glucosamin- und Chondroitinsulfat

charakteristisch für das streitgegenständliche Produkt,

weil sie einen Großteil der Zusammensetzung ausmachen

… Daneben ist die Angabe, dass die streitgegenständlichen

… Kapseln Glucosamin- und Chondroitinsulfat

enthalten, sachlich zutreffend. Die Angabe aller

Inhaltsstoffe eines Präparates ist für den Verbraucher

von überragendem Interesse, insbesondere dann, wenn

eine bestimmte Zutat den Hauptbestandteil eines Erzeugnisses

– wie hier Glucosaminsulfat – ausmacht.“

Dieses Urteil des Landgerichts wurde vom Oberlandesgericht

Bamberg mit Urteil vom 19.11.2014, Az.: 3 U

159/14 bestätigt. Wir zitieren aus dem Urteil unter anderem

wie folgt:

Ansicht der Umverpackung darf der Verbraucher vorliegend

ein Produkt erwarten, das sich positiv auf die Gesundheit

seiner Gelenke auswirkt. Gerade diese beworbene

Wirkung des Produktes ist vorliegend aber

unstreitig, denn nachweislich unterstützen Vitamin C,

Zink und Mangan gerade die Gelenkgesundheit…“

Von besonderem Interesse ist ebenfalls, dass das Landgericht

Würzburg bestätigt hat, dass die Angabe der

Bestandteile Glucosaminsulfat und Chondroitinsulfat

sogar eine Pfl ichtangabe für Nahrungsergänzungsmittel

darstellt. Auch hierzu zitieren wir aus dem Urteil wie

folgt:

„Selbst wenn man dies anders sehen und das Vorliegen

einer gesundheitbezogenen Angabe bejahen sollte, so

würden die streitgegenständlichen Angaben als Pflichtangaben

nicht dem Anwendungsbereich der Health Claims

Verordnung unterfallen. Dies folgt aus Art. 1 Abs. 2 unter

Abs. 1, 2 Abs. 2 Nr. 1 Health Claims Verordnung in Verbindung

mit § 4 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 NemV. … Deshalb

durften die streitgegenständlichen … Kapseln unter Angabe

der Kategorien der Nährstoffe, die für das Erzeugnis

kennzeichnend sind, in den Verkehr gebracht werden,

§ 4 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 NemV. Eine „Kennzeichnung“ in

diesem Sinne setzt voraus, dass die fraglichen Inhaltsstoffe

einerseits in quantitativer Hinsicht zur Ernährung

„Eine Irreführung ist jedoch vorliegend, wie das Landgericht

zu Recht ausgeführt hat, nicht zu erkennen. … Glucosaminsulfat

und Chondroitinsulfat werden also in diesem

Zusammenhang ausdrücklich als Wirkstoffträger

nicht genannt. Aus der Umverpackung kann der (verständige)

Verbraucher also nichts entnehmen, woraus sich

der von dem Verfügungskläger gezogene Schluss einer

gesundheitsfördernden Wirkung dieser beiden Bestandteile

entnehmen lassen könnte. Dem Verbraucher wird

also nichts suggeriert. Eine irreführende Bezeichnung

nach § 11 Abs. 1 Nr. 2 LFGB scheidet aus den vom Landgericht

genannten Gründen aus. Das beworbene Produkt

hat die ihm beigelegte Wirkung. … Mit den Bestandteilen

des streitgegenständlichen Produktes Glucosaminsulfat

und Chondroitinsulfaft wird jedoch auf der Umverpackung

kein Gesundheitsbezug hergestellt, sondern diese

werden, wie vorstehend erwähnt, als Inhaltsstoffe bezeichnet.

Letztendlich ist die Auffassung des Landgerichts nicht zu

beanstanden, dass jedenfalls die Listung der beiden Bestandteile

nach § 4 Abs. 2 NemV erforderlich war.“

Ebenfalls in diesem Sinne von Interesse ist ein aktuelles

Urteil des Landgerichts Düsseldorf vom 28.08.2014,

Az.: 14 C O 138/13 aus dem wir wie folgt zitieren:

„Die mit dem Klageantrag … angegriffene … Angabe „B-

Vitamine und Zink für Gehirn, Nerven, Konzentration und

Gedächtnis“ ist zulässig. … Die Angabe „B-Vitamine und

Zink für Gehirn, Nerven, Konzentration und Gedächtnis“

ist auf Grund der freigegebenen Health Claims für einzelne

B-Vitamine und Zink, soweit sie auf diese bezogen

gemacht wird, zulässig… Dabei gilt zunächst, dass der

Verkehr die Angabe nicht dahingehend verstehen wird,

dass für jedes einzelne B-Vitamin und für Zink jeweils

sämtliche der genannten positiven Wirkungen ausgelobt

werden. Denn es handelt sich ersichtlich um eine Zu­

7


Nutrition-Press

sammenfassung mehrerer Bestandteile einerseits und

verschiedener ausgelobter Wirkungen andererseits, so

dass kein Anlass für ein solches Verständnis besteht.

Dies legt auch die pauschale Bezugnahme auf B-Vitamine

nahe. Denn der Verkehr wird nicht davon ausgehen,

dass in dem Produkt sämtliche B-Vitamine enthalten

sind, sondern erwarten, dass die dort enthaltenen Vitamine

den ergänzenden Informationen entnehmen kann.

Er wird gleichzeitig erwarten, dass er sich durch den weiteren

Inhalt der Umverpackung bzw. der Gebrauchsinformation

darüber informieren kann, welchem einzelnen

Bestandteil welche der genannten positiven Wirkungen

zugeschrieben wird … Die Inanspruchnahme einer positiven

Wirkung auf Gehirn, Konzentration und Gedächtnis

ist für die Vitamine B1, B5, B12 und Zink deshalb gerechtfertigt,

weil für diese jeweils ein Health Claim betreffend

eine positive Wirkung auf die psychische Funktion bzw.

die geistige Leistung bzw. die kognitive Funktion freigegeben

ist; für die Vitamine B1 und B12 umfasst der freigegebene

Health Claim jeweils eine positive Wirkung auf

das Nervensystem. Die verwendeten Angaben sind zwar

nicht wortgleich mit den jeweils zugelassenen Health

Claims, aber doch aus Verbrauchersicht gleichbedeutend

im Sinne des Erwägungsgrundes Nr. 9 der HCVO,

so dass die Benutzung nach Art. 10 HCVO zugelassen

ist …

Die Beklagte kann sich vorliegend auch dann auf die Zulassung

der Health Claims für die einzelnen Vitamine und

Nährstoffe berufen, wenn sie diese in einem Kombinationspräparat

verwendet. Gegen die Auffassung der Klägerin,

die Zulassung eines Health Claims für einen bestimmten

Stoff greife schon dann nicht mehr, wenn

dieser in einer Stoffkombination verwendet wird, spricht

bereit, dass die Bedingungen für die Verwendung der Angaben

für die für einzelne Stoffe zugelassene Health

Claims, wie sie Gegenstand der Anlage zur VO EU-Nr.

432/2012 vom 16. 05. 2012 sind, ausdrücklich die Verwendung

in einer Stoffkombination vorsehen. Es besteht

beispielsweise die Verwendung verschiedener Health

Claims für den Einzelstoff Cholin jeweils unter der Bedingung,

dass die Angabe für Lebensmittel verwendet wird,

die mindestens 82,5 mg Cholin je 100 g oder 100 ml bzw.

je Portion enthalten. Der Verordnungsgeber geht mithin

gerade davon aus, dass eine Verwendung in einer Stoffkombination

erfolgen wird, und knüpft dies lediglich an

einzelne, hier unstreitig erfüllte Voraussetzungen. … Die

angegriffene Werbeaussage ist auch nicht deshalb gemäß

Art. 10 Abs. 1 HCVO unzulässig, weil jeweils ein Teil

der angesprochenen Verkehrskreise die beanspruchte

Wirkung auf „Gehirn, Nerven, Konzentration und Gedächtnis“

auf den Bestandteil der Ginkgo zurückführen

würde, für den als Botanical (bislang) unstreitig kein entsprechender

Health Claim freigegeben oder eine entsprechende

Wirkung in der vorliegend empfohlenen Dosierung

von der Beklagten auch nicht substantiiert

behauptet worden ist. Denn bereits ein solches Verständnis

jedenfalls eines Teils der angesprochenen Verkehrskreise

lässt sich nicht feststellen.

Der durchschnittlich informierte und verständige Verbraucher,

der der Werbung die in der Situation angemessene

Aufmerksamkeit entgegenbringt … wird die

unter … angegriffene Angabe, sobald sie sich auf der

Umverpackung bzw. der Gebrauchsinformation befinden,

jeweils dahingehend verstehen, dass ausschließlich

den Bestandteilen „B-Vitamine und Zink“ je nach der

Health Claims Verordnung genehmigten Wirkungen in der

vorstehend wiedergegebenen Weise zugeschrieben werden,

nicht aber auf den weiteren Bestandteil „Gingko“.

Die wirkungsbezogene Werbeaussage wird nach ihrem

unmissverständlichen Wortlaut ausdrücklich auf „B-Vitamine

und Zink“ bezogen gemacht. An lass für ein an dem

Produkt und damit an Gesundheitsfragen interessierten

Verbraucher dafür, die Werbe aus sage auch auf ein anderen

Produktbestandteil zu erstrecken, besteht nicht.

… Die Hervorhebung des Bestandteil Gingko führt zwar

dazu, dass er Ginkgo für den Hauptbestandteil des Produktes

halten wird. Die Worte „B-Vitamine und Cholin“

treten demgegenüber gleichzeitig aber nicht so zurück,

dass sie von ihm nicht zur Kenntnis genommen würden.

… Dem Ansatz, die Produktbezeichnung habe so eine

starke assoziative Wirkung, dass der Verbraucher den

Bestandteilen Ginkgo und Cholin gleichfalls die für die

B-Vitamine und Zink ausgelobten Wirkungen zumessen

würde, vermag die Kammer angesichts des eindeutigen

Wortlautes der angegriffenen Angabe und dem sich auch

durch den Kontext auftretenden Sprachverständnis mithin

nicht zu folgen.

... Da die hier angegriffene Angabe als Einführung der unmittelbaren

Auflistung der auf die einzelnen Produktbestandteile

bezogenen Health Claims vorangestellt ist und

mit dieser räumlich in einem Kontext, wird der Verbraucher

die angegriffene Angabe nicht ohne die nachfolgend

wiedergegebenen, im Wortlaut dem Inhalt des

Anhangs zur VO EU-Nr. 432/2012 vom 16. 05. 2012 entsprech

ende Health Claims lesen. Denn es besteht kein

Anlass für die Annahme, der Verbraucher, der sich mit

dem „Kleingedruckten“ auf der Rückseite der Verpackungsbeilage

bzw. dem Inhalt der Gebrauchsinformation

befasst, werde dort nur eine Textpassage isoliert

wahrnehmen, zumal die nachfolgenden Angaben teilweise

noch durch Fettdruck hervorgehoben sind und deshalb

besondere Aufmerksamkeit hervorrufen. Wenn der

§

8


Anzeige /

Verbraucher aber den Text als Ganzes liest oder jedenfalls

überfliegt, so kann er die hier angegriffene Textpassage

in ihrem Kontext nur so verstehen, dass die positive

Wirkung für Gehirn und Nerven nicht dem gesamten Produkt

zugeordnet wird, sondern nur den unmittelbar nachstehend

wiedergegeben einzelnen Bestandteilen.“

Das Landgericht Düsseldorf hat somit klar bestätigt,

dass zugelassene Health Claims auch für Kombinationsprodukte

verwendet werden können. Darüber hinaus

hat das Landgericht klargestellt, dass die Verbraucher

die Werbetexte stets im Gesamtzusammenhang

wahrnehmen und keine Werbeaussagen isoliert zu bewerten

sind. Darüber hinaus hält das Landgericht auch

kurze Zusammenfassungen auf der Frontseite der Verpackung

für zulässig, wenn z.B. auf der Rückseite detailliertere

Erläuterungen zu den einzelnen Claims erfolgen.

Positiv zu bewerten ist auch, dass das Gericht für den

Verbraucher vereinfachende Erläuterungen, wie „für

Gehirn, Nerven, Konzentration und Gedächtnis“ auch

eine zulässige Umschreibung eines Claims wie „trägt

zur normalen psychischen Funktion bei“ akzeptiert.

§

Dies entspricht schließlich auch den Maßstäben der

aktuellen Rechtsprechung des BGH in seinem Urteil

vom 9. Oktober 2014, Az.: I ZR 167/12 aus dem wir wie

folgt zitieren:

„Mit Erfolg wendet sich die Revision aber gegen die

Beurteilung des Berufungsgerichts, die vom Kläger beanstandete

Bezeichnung auf der Verpackung des Getränks

der Beklagten sei eine Angabe im Sinne von

Art. 2 Abs. 2 Nr. 1 der Verordnung EG-Nr. 1924/2006.

9


Nutrition-Press

Dabei kann offenbleiben, ob die Beurteilung des Berufungsgericht

zutrifft, die fragliche Bezeichnung sei keine

nach dieser Bestimmung vom Anwendungsbereich

der Verordnung EG-Nr. 1924/2006 ausgenommene obligatorische

Angabe. Nicht zugestimmt werden kann

jedenfalls der Beurteilung des Berufungsgerichts, die

beanstandete Bezeichnung sei eine Angabe im Sinne

von Art. 2 Abs. 2 Nr. 1 der Verordnung EG-Nummer

1924/2006, wenn mit ihr zum Ausdruck gebracht

werde, dass das in der Verpackung enthaltene Getränk

besondere Eigenschaften besitze.

Dr. jur. Thomas Büttner

Rechtsanwalt und

lebensmittelrechtlicher

Beirat des NEM e.V.

… Eine solche Angabe liegt dann nicht vor, wenn eine

Aussage oder Darstellung aus der Sicht der angesprochenen

Verbraucher lediglich auf eine Eigenschaft eines

Lebensmittels hinweist, die alle Lebensmittel der angesprochenen

Gattung besitzen; in einem solchen Fall

fehlt der Aussage oder Darstellung die Lenkungswirkung,

deren Regulierung die Beschränkungen rechtfertigt,

die die Verordnung EG-Nummer 1924/2006

hinsichtlich der Verwendung nährwert- und ge sundheitsbezogener

Angaben vorsieht … Informationen über

Eigenschaften eines Lebensmittels stellen daher auch

dann, wenn sie sich auf Nährstoffe oder andere Substanzen

beziehen, keine Angaben im Sinne von Art. 2

Abs. 2 Nr. 1 der Verordnung EG-Nr. 1924/2006 dar,

wenn mit ihnen keine besonderen Eigenschaften des Lebensmittels

herausgestellt, sondern lediglich objektive

Informationen über die Beschaffenheit oder die Eigenschaft

der Gattung von Lebensmitteln mitgeteilt werden,

zu der das beworbene Lebensmittel gehört. Bei der in

diesem Zusammenhang bei nährwertbezogenen Angaben

im jeweiligen Einzelfall vorzunehmenden Abgrenzung

sind Angaben über spezifische Inhaltsstoffe von

Lebensmitteln und Lebensmittelzutaten die eine ernährungsphysiologische

Funktion haben, zwar regelmäßig

als Angaben über besondere Eigenschaften im Sinne von

Art. 2 Abs. 2 Nr. 1 der Verordnung EG-Nr. 1924/2006

anzusehen. Nach dem Erwägungsgrund 5 dieser Verordnung

sind von der Anwendung jedoch allgemeine Bezeichnungen

wie etwa „digestif“ oder „Hustenbonbon“

auszunehmen, die traditionell zur Angabe einer Eigenschaft

einer Kategorie von Lebensmitteln verwendet

werden, die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit

haben können. Dementsprechend stellt eine Aussage

oder Darstellung, die dem Verbraucher lediglich

vermittelt, um welche Art von Lebensmittel es sich im

konkreten Fall handelt, keine Angabe im Sinne von Art. 2

Abs. 2 Nr. 1 der Verordnung EG-nummer 1924/2006

dar.

Nach diesen Maßstäben enthält die im Streitfall beanstandete

Aufmachung des Produktes der Beklagten keine

Angabe im Sinne von Art. 2 Abs. 2 Nr.1 der Verordnung

EG-Nummer 1924/2006. Bei der vom Berufungsgericht

insoweit als maßgeblich angesehenen anregenden

und stimulierenden Wirkung, auf die die Bezeichnung

„Energy“ hinweist, handelt es sich aus der nach

dem Erwägungsgrund 16 dieser Verordnung maßgeblichen

Sicht des normal informierten, aufmerksamen und

verständigen Durchschnittsverbrauchers um eine Eigenschaft,

die bei jedem Energy-Drink vorliegt. … Die vom

Berufungsgericht offengelassene Frage, ob der Verbraucher

den Begriff „Energy“ als Abkürzung für das auf der

Rückseite der Dose näher beschriebene Erfrischungsgetränk

mit erhöhtem Koffeingehalt versteht, ist im Hinblick

auf den Gesamteindruck, der von der vom Kläger

beanstandeten Aufmachung ausgeht, zu bejahen. Es ist

davon auszugehen, dass Verbraucher, die sich bei ihrer

Kaufentscheidung für ein Lebensmittel nach dessen Zusammensetzung

richten, regelmäßig zunächst das Zutatenverzeichnis

lesen … Im Streitfall kann der angesprochene

Verbraucher aus diesem Verzeichnis und den

weiteren Angaben auf der beanstandeten Aufmachung

des streitgegenständlichen Produktes ohne weiteres erkennen,

dass es sich bei diesem Produkt um ein Mischgetränk

handelt, das aus Wodka und einem Energy-Drink

besteht. Die dadurch bedingte „energetische“ Wirkung

dieses Getränks stellt damit einem solchen Getränk aus

der Sicht des angesprochenen Verbrauchers entsprechende

und deshalb keine besondere Eigenschaft im

Sinne von Art. 2 Abs. 2 Nr. 1 der Verordnung EG-Nr.

1924/2006 dar …“

Im Ergebnis liegen somit nun mehrere aktuelle Urteile

vor, die ausdrücklich bestätigen, dass die Verbraucher

die Umverpackungen insgesamt wahrzunehmen haben

und entgegen der bisherigen Rechtsprechung und insbesondere

Behördenpraxis die Zulassungen nach der

VO 1924/2006/EG und der VO 432/20012/EG doch

etwas mehr Spielräume für die Werbung ermöglichen,

als bisher angenommen.

In jedem Einzelfall bedarf es naturgemäß einer intensiven

Auseinandersetzung mit den zugelassenen Claims

und der hierzu passenden Rechtsprechung.

10


Ernährung / Prävention

Fisetin – ein sekundärer

Pflanzenstoff mit vielen

Wirkungen

Sekundäre Pfl anzeninhaltsstoffe oder auch Phytamine genannt,

sind Naturstoffe, die von der Pfl anze nicht essentiell für die Aufrechterhaltung

der Zelle benötigt werden. Jedoch haben sie einen

hohen Stellenwert für den Menschen. In der Flora gibt es mannigfaltige

Anwendungsgebiete. So dienen die sekun dären Pfl anzenstoffe

u. a. dem Schutz vor Insektenfraß und vor UV-Strahlung.

Aufgrund Ihrer Struktur werden die sekundären

Pfl anzenstoffe in verschiedenen

Klassen eingeteilt: Terpene, Polyphenole, stickstoffhaltige

sekundäre Pfl anzenstoffe, Phytate und

Proteine. Fisetin gehört zu der Gruppe der Polyphenole

und ist als gelber Farbstoff, u. a. in dem Holz des

Perücken strauches, den Flavonoiden zugeordnet. Diese

fi ndet man vorwiegend in den äußeren Randschichten

sowie den Blättern von Pfl anzen. Zudem kommt

Fisetin in verschiedenen Früchten und Gemüsen vor,

jedoch mit stark variiertem Gehalt (siehe Tabelle auf

nächster Seite).

11


Nutrition-Press

Nährstoff

Gehalt an Fisetin

[µg/g]

Tomate 0,12

Zwiebel 4,78

Lotus 5,8

Gurke 0,14

Kiwi 2,03

Pfi rsich 0,58

Apfel 26,90

Kakifrucht 10,50

Traube 3,93

Erdbeere 160,00

Ein ungesunder Lebensstil und eine hohe Belastung mit

Umweltgiften können jedoch dazu führen, dass der Körper

nicht mehr alleine mit den freien Radikalen fertig

wird und es zu einem Ungleichgewicht zwischen dem

Auf­ und Abbau von freien Radikalen kommt.

Tabelle 1: Gehalt an Fisetin in verschiedenen Früchten und

Gemüsen 1

Den Flavonoiden werden zahlreiche gesundheits fördernde

Wirkungen nachgesagt. So sollen sie u. a.

antioxidativ, anti­infl ammatorisch, antikanzerogen und immunmodulierend

wirken. Diese Wirkungen werden

durch Tierversuche sowie in vitro Studien bestätigt. Ihre

Anwendungen auf den Menschen stehen daher in Diskussion.

2, 3, 4

Wirkung Fisetin

Freie Radikale entstehen Tag für Tag in unserem Körper

und spielen eine wichtige Rolle in zahlreichen biologischen

Prozessen. Sie können jedoch auch gesundheitsschädliche

Auswirkungen haben und sind u. a.

an der Entstehung von Krebs, Arteriosklerose und

Alzheimer beteiligt. Um einen Überschuss an freien

Radikalen entgegenzuwirken, hat der Körper verschiedene

Schutz mechanismen entwickelt. So gibt es zum

Beispiel Antioxidantien, die freie Radikale unschädlich

machen, bevor es zu Zellschäden kommen kann.

Abbildung:

Strukturformel Fisetin 6

Literatur

1 Kimira et al.: Japanese Intake of Flavonoids and Isofl avonoids from Foods. J Epidemiol 1998, 8(3): 168­75.

2 http://www.spektrum.de/lexikon/biologie/fi setholz/24653. Spektrum Akademischer Verlag 1999, Heidelberg.

3 Biesalski et al.: Ernährungsmedizin, 4. Aufl age, Thieme Verlag 2010, Stuttgart.

4 Burgerstein et al.: Handbuch Nähstoffe. 12. Aufl age, Trias Verlag 2012, Stuttgart.

5 Sengupta et al.: Investigations on the binding and antioxidant proerties of the plantfl avonoid fi setin in model biomembranes.

FEBS Lett 570(1­3):77­81.

6 http://www.chemicalbook.com/ProductChemicalPropertiesCB8451569_EN.htm.

7 Maher et al.: Flavonoid fi setin promotes ERK­dependent long term potentiation and enhances memory. Proc Natl Acad

Sci USA 2006, 103:16568­73.

8 Maher et al.: Modulation of multiple pathways involved in the maintenance of neuronal function during age by fi setin.

Genes Nutr 2009, 4:297­307.

9 Olaharski et al.: Chromosomal malsegregation and micronucleus induction in vitro by the DNA topoisomerase II inhibitor

fi setin. Mutat Res 2005, 582:79­86.

10Khan et al.: A novel dietary fl avonoid fi setin inhibits androgen receptor signaling and tumor growth in athymic nude

mice. Cancer Res 2008, 68:8555­63.

12


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Es gibt viele natürliche Quellen von Antioxidantien, deren

Aufnahme durch die Nahrung die körpereigene Abwehr

unterstützen kann. Durch seine Struktur und einer

Vielzahl von Hydroxylgruppen (OH) hat das Fisetin ein

hohes antioxidatives Potential (Abb. 1), welches auch

an einem Biomembran Modell gezeigt werden konnte. 5.

Als Antioxidans spielt das Fisetin aber auch eine wichtige

Rolle in der Reduktion von altersbedingtem Verfall

der Hirnleistung. Zudem konnte gezeigt werden, dass

durch die Gabe von Fisetin das Langzeitgedächtnis verbessert

werden kann. 7, 8

Einige Studien weisen darauf hin, das Fisetin verschiedene

Enzyme, die an der Entstehung von Krebs beteiligt

sind, hemmen kann und den Zelltod von Krebszellen

9, 10

induziert.

Die Gruppe der Flavonoide besteht aus einer Vielzahl

von Stoffen. Dazu gehört auch der gelbe Farbstoff

Fisetin. In den letzten Jahren wurde immer mehr daran

geforscht, die besagten Wirkungen der Stoffe nachzuweisen

und ihre Wirkmechanismen zu erklären. So

konnte für Fisetin schon gezeigt werden, dass es antioxidativ,

neuroprodektiv und antikanzerogene Eigenschaften

besitzen kann.

Fisetin ist somit nicht nur ein natürliches Antioxidans,

sondern besitzt auch eine Vielzahl an positiven und gesundheitsfördernden

Eigenschaften!

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Nutrition-Press

Was ist gesunde Ernährung?

Seit circa acht Jahren beschäftige ich mich

persönlich mit den Themen gesunde Ernährung

und Gesundheitsprävention. Und die Zahl derer,

die es mir gleich tun, steigt stetig. Etliche Hilfeforen und

Diskussionsgruppen sind inzwischen im Internet und

den sozialen Medien entstanden. Und wenn man sie

aufmerksam verfolgt sieht man, es sind meistens Gesundheitsstörungen,

die den Menschen einen Anlass

geben, sich mit der Ernährung und Nahrungsergänzungsmitteln

auseinander zu setzen. Dabei habe ich

den Eindruck, dass kaum ein anderes Thema derzeit

so viele neue Dogmen und Mythen produziert, wie

dieses. Nur allzu gerne folgen die Menschen den Versprechungen

von Gesundheit, Schönheit, Jugendlichkeit

und Vitalität bis ins hohe Alter. Und sie geben sehr

viel Geld dafür aus.

Zurecht, sollte man deshalb meinen, ertönt der Ruf

nach der Wissenschaft, um die Aussagen der Ernährungs­

und Nahrungsergänzungsmittelbranche zu beweisen.

Schließlich soll der Konsument vor unlauteren

Aussagen und unnützen Ausgaben geschützt werden.

Die Behörden in Europa verbieten inzwischen unter

dem Deckmantel des Verbraucherschutzes immer

mehr Nahrungsmittel und Produkte aus natürlichen

Rohstoffen, die keinen hinreichend wissenschaftlich

bewiesenen Nutzen vorweisen können. Darunter Produkte,

die in anderen Teilen der Welt zum Teil auf jahrtausendealte

Traditionen und Verwendung zurück blicken

können und dort ohne wissenschaftlichen Nachweis

wie selbstverständlich verzehrt werden. Dieses überlieferte

Wissen zählt bei uns jedoch leider nicht viel, wenn

es um die Befriedigung eurokratischer Interessen geht.

Eine große Herausforderung für die Nahrungsergänzungsmittelbranche,

die seit vielen Jahren Naturextrakte

verwendet, denen gesundheitsfördernde Eigenschaften

nachgesagt werden.

Studien sind extrem teuer und ihr Ausgang ist oft ungewiss.

Zu wenig wissen wir noch immer insbesondere

über die Stoffgruppe der sekundären Pfl anzenstoffe,

denen der Großteil der gesundheitlich positiven Wirkungen

zugeschrieben werden muss.

Das Problem der Ernährungswissenschaft auf dem

Wege des Beweises ist aus meiner Sicht, dass sie zu

sehr in altem Gedankengut und alten Methoden verhaftet

ist. Neue Wissenschaftszweige, wie die Epigenetik

und die hiermit eng verknüpfte Nutrigenetik, setzen

sich nach meiner Meinung viel zu langsam durch. Noch

immer herrscht die klassische Methodik vor, einzelne

„Wirkstoffe“ und deren Zielstrukturen zu identifi zieren,

um einen beschriebenen Gesundheitseffekt zu beweisen.

Bei Vielstoffgemischen, die unsere Nahrungsmittel

und Naturstoffkonzentrate nun einmal sind, ist es

schlicht die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen,

so vorzugehen.

14


Ernährung / Prävention

Gerade wenn es um gesunde Ernährung geht, stelle ich deshalb inzwischen immer

öfter diese klassische Methodik der Wissenschaft infrage. Denn in der Regel sieht

es so aus, dass der Beweis der Gesundheitsförderung eines Nahrungsmittels oder

Konzentrates auch noch völlig aus dem sozialen Kontext herausgerissen wird. Man

nimmt ein Produkt, verabreicht es einem Kollektiv von Probanden und schaut, ob der

gewünschte Effekt nachzuweisen ist. Dabei scheint es mir mittlerweile sehr zweifelhaft

zu sein, ob wirklich verbindliche Ergebnisse zu erzielen sind, wenn die sonstigen

Lebensumstände der Probanden sich stark von den Menschen unterscheiden, aus

deren Lebensraum ein Nahrungsmittel stammt.

Schon die Zusammenstellung der täglichen Nahrungsmittel, hat einen erheblichen

Einfl uss auf den Effekt der untersuchten Produkte. Auch bei noch so sorgfältigem

Studiendesign, halte ich es schlichtweg für unmöglich, über das gesamte Probandenkollektiv

identische Versuchsbedingungen darzustellen (im Übrigen sehe ich die gleiche

Problematik auch bei vielen Arzneimittelstudien).

Unberücksichtigt bleibt ferner die genetische Prädisposition der Probanden, die wir

im Rahmen von Studien zurzeit weder untersuchen, noch ihre Bedeutung bisher

in ganzem Ausmaß beurteilen können. Fest steht jedoch, die Erkenntnisse aus der

epigenetischen respektive nutrigenetischen Forschung legen uns nahe, dass die

Antwort auf die Frage „Was ist die richtige gesunde Ernährung?“ nicht pauschal zu

beantworten ist.

Weder ist der Begriff „abwechslungsreich“ im Zusammenhang mit Ernährung ausreichend

defi niert, noch lässt sich eindeutig beweisen, dass einseitige Ernährung

ge nerell schwer gesundheitsschädlich ist. Denn im Sinne von einseitig, ernähren sich

zahlreiche Völker auf der Erde. Beispielsweise Eskimos, die von fettem Fisch leben,

oder Nomaden in Zentral­Afrika, die mehrere Liter Milch am Tag trinken. Beiden steht

kein abwechslungsreicher Speiseplan zur Verfügung, weil es ihr Lebensraum nicht

hergibt. Dennoch sind sie oftmals gesünder, als die Menschen hier bei uns. Ihre

Körper sind seit Jahrtausenden an diese einseitige Form der Ernährung angepasst,

während unsere Vorfahren neben der Jagd auf einen reichen Schatz an Früchten,

Nüssen, Kräutern, Pilzen und Gemüsen zurückgreifen konnten.

Andreas Binninger

Apotheker und Fachlicher

Beirat des NEM e. V.

Eine Abkehr von endemischen Ernährungsformen, an die wir genetisch angepasst

sind, macht nicht von heute auf morgen krank. Diabetes und andere Zivilisationskrankheiten,

ent wickeln sich über viele Jahre falscher Ernährung. Welches Ausmaß

epigenetische Veränderungen bei der Entstehung dieser Krankheiten haben, ist kaum

abzuschätzen. Ebenso wenig wie die Zeit, der es bedarf, diese Veränderungen wieder

zu reparieren. Zahlreiche Studien sind deshalb schon zum Scheitern verurteilt, weil

sie schlicht nicht lange genug durchgeführt werden. Und je länger eine Studie dauert,

umso schwerer wird es, einheitliche Bedingungen aufrecht zu erhalten.

Wir stecken in einem großen Dilemma. Wir müssen dringend neue Methoden und

Messverfahren entwickeln, um die Auswirkungen von Ernährung und Naturstoffen

auf unseren Körper beweisen zu können. Es sei denn, es kehrte irgendwann wieder

Vernunft bei der Politik ein.

15


Nutrition-Press

Als oxidativer Stress wird ein Stoffwechselzustand bezeichnet,

der durch eine hohe Konzentration von reaktiven Sauerstoffspezies

gekennzeichnet ist. Dabei ist der Organismus nicht mehr imstande,

die in ihm anfallenden reaktiven Sauerstoffverbindungen – dazu

gehören die freien Radikale – erfolgreich durch Antioxidantien

zu neutralisieren.

Ergothionein in Pilzen –

der oxidative Stress

Die reaktiven Sauerstoffspezies entstehen

durch sauerstoffabhängige Redoxreaktionen.

Es handelt sich um Atome, denen ein Elektron

fehlt, die aber die offene Stelle besetzen möchten und

entziehen Elektronen anderen Atomen. So entstehen

im Zuge einer Kettenreaktion freie Radikale.

Freie Radikale sind nicht generell schädlich. Im Gegenteil,

sie helfen dem Immunsystem Bakterieninfektionen

zu bekämpfen und auch entartete körpereigene Zellen

zu eliminieren. Solange im Organismus ein Gleichgewicht

besteht, das heißt der Überschuss an gebildeten

freien Radikalen durch entsprechende reduktive Gegenmaßnahmen

des Organismus neutralisiert bzw.

abgebaut werden, besteht keine Gefahr. An dem Abwehrprozess

des Organismus von freien Radikalen sind

Vi tamine (Ascorbinsäure, a­Tocopherol) und bestimmte

Enzyme (Superoxid­Dismutase, Katalase, Glutathionperoxidase

u. a.) beteiligt. Wenn jedoch im Organismus

eine Verschiebung in Richtung oxidativer Prozesse stattfi

ndet, entsteht oxida tiver Stress.

Sie entstehen in den Mitochondrien, als Nebenprodukt

der Zellatmung. Sie entstehen aber auch in Entzündungsherden,

wo sie Bakterien und Viren schädigen

und insofern nützlich sind.

Die Folgen eines oxidativen Stresses können schwerwiegend

sein. Sie spielen bei der Entstehung von verschiedenen

Krankheiten eine wichtige Rolle. Nachgewiesen

ist, dass oxidativer Stress unter anderen bei Diabetes

mellitus, Alzheimer und bei Krebs molekulare

Schäden verursachen kann. Er ist maßgeblich am Alterungsprozess

des Organismus beteiligt und gilt als Mitauslöser

von bestimmten Herz­Kreislauf­Erkrankungen.

Ferner kann der oxidative Stress Arteriosklerose, rheumatische

und neurodegenerative Erkrankungen auslösen.

Am oxidativen Stress sind hauptsächlich reaktive Sauerstoffspezies

beteiligt. Solche sind Superoxid­anionradikal,

Wasserstoffperoxid, Hydroperoxid und andere.

16


Ernährung / Prävention

Den oxidativen Stress können neben endogenen Fa k­

toren auch exogene Einflüsse auslösen. Unter solchen

werden UV-Strahlung, Ozon, Umweltbelastungen, Ernährungsfehler

und Psychostress genannt. Die Gesamtzahl

der Erkrankungen, die mit oxidativem Stress

in Verbindung gebracht werden, geht über Einhundert.

Natürliche Antioxidantien und Ergothionein

Viele Antioxidantien kommen in Lebensmitteln vor, die

vom menschlichen Organismus nicht synthetisiert werden

können, sondern gezielt zugeführt werden müssen.

Am besten bekannt sind die Vitamine A, C und E. Diese

kommen in frischem Obst und Gemüse vor, die deshalb

reichlich konsumiert werden sollten. Wichtige Antioxidantien

sind Polyphenole, die in Äpfeln, Beeren (Brombeeren,

schwarzen Johannesbeeren, Holunderbeeren)

Tomaten, Rotwein sowie in Gewürzen wie Knoblauch

und auch Kurkuma enthalten sind. Antioxidantien aus

Pflanzenextrakten werden vielfach als Nahrungsergänzungsmittel

supplementiert. Ein im Allgemeinen weniger

bekannter natürlicher Antioxidans ist Ergothionein.

Strukturformel: Ergothionein

Ergothionein ist das Betain (Oxydationsprodukt) der

Aminosäure L-Histidin, die an der zweiten Position des

Imidazolrings eine Sulfhydrylgruppe als Schwefelsubstituenten

trägt (siehe Strukturformel).

Die Biosythese von Ergothionein geht von der Aminosäure

L-Histidin aus, geht über das Zwischenprodukt

Her zynin und wird durch den Einbau von Schwefel, der

aus der Aminosäure Cystein stammt, komplettiert (Zapilko,

2013).

Das mit der Nahrung aufgenommene Ergothionein wird

schnell resorbiert und über den Blutkreislauf in den

unterschiedlichsten Körperteilen eingelagert. Aus entsprechenden

Untersuchungen wissen wir, dass es im

Knochenmark, in der Leber, den Nieren, der Lunge und

Milz, im Herz und Dünndarm, im Harn und Sperma bis

zu den roten- und weißen Blutkörperchen (Erythrozyten,

Monozyten) im ganzen Körper nachweisbar ist.

Vermutlich enthalten auch die Makrophagen viel Ergothionein,

da sie sich aus den Monozyten entwickeln.

Allerdings ist es so, dass Ergothionein eines Transports

bedarf, der es ihm erlaubt, die Zellmembrane zu passieren

und in das Zellinnere zu gelangen. Es handelt sich

um einen hochspezifischen Transmembrantransporter,

den man bisher bei allen untersuchten Tieren und auch

beim Menschen gefunden hat (Zapilko, 2013).

Die wichtigsten Eigenschaften von Ergothionein kann

man wie folgt zusammenfassen:

• Es deaktiviert Hydroxyl-Radikale und Hypochlorsäure

• Durch Chelatieren verschiedener zweiwertiger metallischer

Kationen verhindert es die Produktion von

Radikalen

• Beteiligt sich im Metallionentransport und der Regulierung

der katalytisch aktiven Metalloenzyme

17


Nutrition-Press

Obwohl noch lange nicht alle positiven Eigenschaften in

vivo zweifelsfrei nachgewiesen sind, der Schutz der

Haut vor UV­Strahlen, des Gehirns vor Neurotoxinen

und eine allgemeine Immunmodulation scheinen belegte

Effekte von Ergothionein zu sein. Seine biologische

Rolle bei Entzündungen und bestimmten Krankheitsbildern

ist inzwischen hinreichend untersucht und wird

zurzeit noch weiter erforscht.

Pilze und Ergothionein

Die Wertschätzung der Pilze als Nahrungsmittel und

als Nahrungsergänzungsmittel ist in den letzten 20 Jahren

sprunghaft angestiegene. War ihnen früher ein

Schattendasein zugewiesen, von unspezifi schen Empfehlungen

der Experten begleitet wie „Wo Gemüse

passt, passen auch Pilze, nur nicht zu viel“ kümmert

sich heute unter anderen die „Mushroom and Health

Global Initiative“, eine weltweit aktive Organisation um

die Förderung der gesundheitsbezogenen Pilzforschung

und Publizierung deren Ergebnisse. „Mushrooms – a

nutritious culinary star” oder „Mushrooms as a healthy

substitute for meat­based dishes without loss of fl avor“

sind nur zwei Berichte aus der letzten Ausgabe des

Bulletins dieser Organisation. Auch das deutsche „Grüne

Medienhaus“ ein Spezialist für Öffentlichkeitarbeit

im Gartenbau, berichtet in seiner neusten Ausgabe

über einen Aufwärtstrend für Speisepilze: „Kulturpilze

werden immer beliebter. In den vergangenen sieben

Jahren stieg die Einkaufsmenge frischer Champignons

in Deutschland um rund ein Viertel, hat die AMI – Agrarmarkt­Informationsgesellschaft

ermittelt.“ Und in

den USA sind Champignons inzwischen zum „Superfood“

avanciert. Die Gründe für diese Entwicklung sind

nachvollziehbar. Die in den letzten Jahrzehnten durchgeführten

Forschungsarbeiten über die essentiellen

Nährstoffe und bioaktiven sekundären Inhaltsstoffe der

Großpilze förderten vieles positives zutage. Nach Angaben

einer chinesischen Forschergruppe (Dai et al.

2009), die eine Recherche über die Ergebnisse der Forschungsaktivitäten

der letzten 15 Jahre hinsichtlich der

therapeutischen Wirkung von Großpilzen veröffentlichte,

wurden bisher insgesamt 126 solcher nachgewiesen.

Und eine der bioaktiven sekundären Substanz in

Pilzen ist das Ergothionen.

Ergothionein wurde bereits vor mehr als 100 Jahren,

konkret in 1909 entdeckt. Es wurde aus einem Pilz, der

als Parasit der Roggenpfl anze gilt, dem Mutterkorn (Claviceps

purpurea), isoliert. Seine Struktur wurde vier

Jahre später aufgeklärt. Das Besondere an diesem Antioxidans

ist, dass Pfl anzen es nicht synthetisieren können,

sondern ausschließlich Bakterien und Pilze.

Anfangs glaubte man, das Ergothionein nur von niederen

Pilzen (Aspergillus, Alternaria, Penicillium) und einigen

Bakterien synthetisiert werden kann. Spätere Untersuchungen

haben jedoch gezeigt, dass auch höhere

Pilze, so auch Nutzpilze (Champignon, Schopftintling,

Shii­take u.a.) Ergothionein produzieren. Dieser Entdeckung

kommt bei der Wertschätzung der Pilze besondere

Bedeutung zu.

Auch Pfl anzen enthalten Ergothionein, so z.B. die Nahrungspfl

anzen (Paprika, Brokkoli, Möhren, Bohnen und

Getreide), aber Pfl anzen nehmen es über die Wurzeln

aus dem Boden auf. Entsprechend beeinfl ussen die

Bodenbedingungen den Ergothionein­Gehalt in Pfl anzen.

Der Mensch nimmt Ergothionein ausschließlich

über die Nahrung auf. Untersuchungen haben gezeigt,

dass die Konzentration von Ergothionein im Blut nach

dem Verzehr ergothioneinhaltiger Nahrung, insbesondere

nach dem Konsum von Speisepilzen und

Fleisch anstieg. Im Durchschnitt enthält menschliches

18


Ernährung / Prävention

Gewebe 1­2 Millimol Ergothionein. Von den tierischen

Quellen gilt übrigens Hühnerleber als besonders reich

an Ergothionein.

Bei den Speisepilzen wurden zahlreiche Untersuchungen

hinsichtlich des Ergothionein Gehaltes durchgeführt.

Besonders hervorzuheben sind jene, die an der

Pennsylvania State University stattgefunden haben. Einen

Vergleich des Ergothionein Gehaltes verschiedener

kultivierter Speisepilze zeigt Tabelle 1. Da unter den

Speisepilzen der Kulturchampignon in der westlichen

Hemisphäre die weitaus größte wirtschaftliche Bedeutung

hat, haben die Amerikaner den Kulturchampignon

näher unter die Lupe genommen und die Fruchtkörper

aus ein und derselben Kultur im Jungstadium und voll

ausgereift untersucht und auch eine Variante mit brauner

Hutfarbe dazu genommen (Tabelle 2).

In einer Publikation, deren Autoren aus mehreren Ländern

zusammengearbeitet haben, wurde der Ergothionein­Gehalt

in Heilpilzen untersucht (Tabelle 3). Besonders

viel an diesem Antioxidans fanden die Autoren

beim Schopftintling (Coprinus comatus), bei der Orangengelben

Puppenkeule (Cordyceps militaris) und beim

Austernpilz (Pleurotus ostreatus).

Unter Berücksichtigung der physiologischen Bedeutung

des Ergothioneins auf den menschlichen Organismus,

leisten die vorliegenden Informationen weiteren Vorschub

für den Pilzkonsum. Gelten sie doch als exzellente

Quelle für dieses Antioxidans, viel besser als Gemüse

und Fleisch. Die Forscher der Penn State University

fanden in braunen Champignons Ergothionein­Werte,

die vergleichbar sind mit denen von roter Paprika und

Brokkoli und viel höher liegen als die von Möhren oder

grünen Bohnen. Sie sind zwölfmal höher als in Weizenkeimen

und viermal höher als in Hühnerleber, die wegen

seines Ergothionein­Gehalts gepriesen wird. Die

übrigen untersuchten Pilzarten sind übrigens noch reicher

an diesem Antioxidans. Sie können in einer üblichen

Verkehrsportion bis zu 40­mal (!) mehr Ergothionein

enthalten als Weizenkeime.

Lassen Sie mich deshalb mit der Empfehlung schließen:

„Eat more mushrooms

and live longer“

Tabelle 1: Ergothionein­Gehalt verschiedener kultivierter Speisepilze.

Angaben in mg/g Trockensubstanz und Standardabweichung

(Tabelle 2 und 3 auf S. 20)

Pilzarten

Kulturchampignon

(Agaricus bisporus)

Kräuterseitling

(Pleurotus eryngii )

Ergothionein-

Gehalt

0,41 ± 0,18

1,72 ± 0,10

Maitake (Grifola frondosa) 1,84 ± 0,76

Austernpilz

2,01 ± 0,05

(Pleurotus ostreatus)

Shii­take (Lentinula edodes) 2,09 ± 0,21

nach Dubost et al. 2006.

19


Nutrition-Press

Tabelle 2: Ergothionein­Gehalt im Kulturchampignon (Agaricus

bisporus) im Jungstadium und erntereif, sowie in einer Variante

von A. bisporus mit brauner Hutfarbe. Angaben in mg/g

Trockensubstanz, Standardabweichung und in 100 g Frischpilz

Kulturchampignons

nach Dubost et al. 2006.

im Jungstadium 0,47 ± 0,03 3,29

voll entwickelter Fruchtkörper 0,83 ± 0,01 5,76

mit brauner Hutfarbe 0,71 ± 0,01 5,06

Prof. Dr. Jan I. Lelley

Gesellschaft für angewandte

Mykologie und Umweltstudien GmbH

(GAMU), Krefeld , Deutschland

Fachlicher Beirat des NEM e.V.

Ergothionein-

Gehalt

mg/g Trockensubstanz

Ergothionein-

Gehalt

mg in 100 g

Frischpilzen

Pilzarten

Agaricus brasiliensis,

Fruchtkörper

Coprinus comatus,

Fruchtkörper

Cordyceps militaris,

Fruchtkörper

Flammulina velutipes,

Fruchtkörper

Ganoderma lucidum,

Myzelbiomasse

Grifola frondosa,

Fruchtkörper

Hericium erinaceus,

Fruchtkörper

Hericium erinaceus,

Myzelbiomasse

Lentinula edodes,

Fruchtkörper

Ophiocordyceps sinensis,

Myzelbiomasse

Pleurotus ostreatus,

Fruchtkörper

Trametes versicolor,

Myzelbiomasse

Tremella fuciformis,

Fruchtkörper

nach Cohen et al. 2014

Tabelle 3: Ergothionein­Gehalt in verschiedenen Heilpilzen.

Angaben in Mikrogramm (µg)/g Trockensubstanz und Standardabweichung

Ergothionein-

Gehalt

37,36 ± 1,50

764,35 ± 9,12

409,88 ± 27,86

98,61 ± 3,99

219,59 ± 10,82

207,00 ± 13,69

629,96 ± 36,80

149,24 ± 5,51

334,01 ± 10,01

52,18 ± 2,75

2443,53 ± 135,18

119,70 ± 2,22

19,49 ± 0,53

Literatur

• Bach, M. 2009. Identifi zierung des orthologen Ergothionein­Transporters des Zebrafi sch, Etablierung und Phänotypisierung

des Knockout­Modells. Dissertation, Univ. Köln, 140 S.

• Cohen, N., Cohen, J., Asatian, M.D., Varshney, V.K., Yu, H­T., Yang, Yi­Chi., Li, Yu­H., Mau, J­L. & Wasser, S.P.

2014. Chemical Composition and Nutritional and Medicinal Value of Fruit Bodies and Submerged Cultured

Mycelia of Culinary­Medicinal Higher Basidiomycetes Mushrooms. Int. J. Medicinal Mushrooms, 16/3 273­291.

• Dubost, N.J., Beelman, B.B., Peterson, D. & Royse, D.J. 2006: Identifi cation and Quantifi cation of Ergothioneine in

Cultivated Mushrooms by Liquid Chromatography­Mass Spectroscopy. Int. J. Medicinal Mushrooms, 8/5, 215­222.

• Dai, Y­C., Yang, Z­L., Cui, B­K. et al. 2009. Species Diversity and Utilisation of Medicinal Mushrooms and Fungi

in China (Rewiew). Int. J. of Medicinal Mushrooms. 11. 287­302.

• Lelley, J. 2008: Die Heilkraft der Pilze – Wer Pilze isst lebt länger. B.O.S.S. Medienhaus, Goch.

• Mushroom and Health Global Initiative Bulletin, Issue No. 18, November 2014

• Zapilko, V. 2013. Identifi zierung Ergothionein­haltiger Zellen im Zebrabärbling Danio rerio. Dissertation, Univ.

Köln, 161 S.

20


Prävention

Alpha Liponsäure als Chelatbildner

bei Schwermetallbelastungen:

Wissenschaftsfundierte

Problemdarstellung

1. Problematik der humanmedizinischen Entgiftung

Entgiftung setzt voraus, dass 1. ein Körpersystem mit gesundheitsschädlichen Substanzen

kontaminiert ist; 2. diese benannten Substanzen durch einen Chelatbildner

gebunden und ausgeschieden werden können, ohne unerwünschte Umverteilung

der gleichen; 3. dabei keine gesundheitsbedrohlichen Effekte entstehen.

Die häufi gsten und gefährlichsten Vergiftungen durch Umweltbelastung sind heutzutage

u. a. auf Schwermetalle zurückzuführen – und zwar solche, deren Formen eine

hohe Lipophilie (Membranendurchgängigkeit) aufweisen. Aufgrund ihrer Depots im

menschlichen Organismus kann eine toxische Schwermetallbelastung bzw. ­vergiftung

anhand des Blutbildes nicht signifi kant erfasst werden. Dies führt dazu, dass

in der Regel die Betroffenen zur Linderung der Symptomatik Medikamente verabreicht

bekommen. Somit wird das ohnehin belastete Entgiftungssystem mit noch

mehr „Chemie“ konfrontiert, unabhängig davon, dass dabei das primäre Problem

ganz außer Acht gelassen wird.

In wenigen Ausnahmefällen werden Mobilisierungstests gemacht – diese müssen

dann jedoch vom Patienten selbst fi nanziert werden – die auf eine genauere Bestimmung

der Schwermetallbelastung abzielen. Nach der analytisch erfassten Diagnose

werden sogenannte Chelatbildner verschrieben, die zwar erfolgreich das Schwermetall

mobilisieren, binden und ausscheiden können, jedoch werden im selben Chelatierungsprozess

auch essentielle Mineralien und Spurenelemente ebenso „ent­

21


Nutrition-Press

sorgt“, was eine gewiss durch Schwermetallbelastung

begünstigte Dysmineralose nur weiterhin verschlimmert.

Hautreaktionen (Juckreiz, Hautausschlag), Fieber und

Schüttelfrost, Erhöhung der Transaminasen, Übelkeit,

Schwindel und Blutdruckabfall (Forth, Henschler, Rummel

2005) sind abhängig von der Dosis und Dauer der

Behandlung unausweichliche Begleiter. Spätestens an

dieser Stelle wird die Notwendigkeit einer studienbelegten

Prävention zur gesundheitsschonenden Schwermetallmobilisierung,

­chelatierung und ­ausscheidung

plausibel.

2. Biochemische Eigenschaften von Alpha Liponsäure

Alpha Liponsäure (ALA), genauer (R­)Liponsäure, ist ein

Naturstoff mit vitaminähnlicher Wirkung, der bereits in

den 50er Jahren aus Lebergeweben isoliert und bezüglich

Struktur, chemischer Eigenschaften und physiologischer

Funktionen ausführlich beschrieben wurde (Burgerstein

2002). Die Bezeichnung Alpha Liponsäure wird

aus der strukturellen Verwandtschaft mit Fettsäuren

(fett = lipo) abgeleitet. Aufgrund ihrer lipophilen Eigenschaften

ist ALA deshalb in der Lage, ihre antioxidative

Wirkung in bzw. an der Zellmembran zu entfalten. Ein

anderer gebräuchlicher Name für ALA ist Thioctsäure.

Diese Bezeichnung nimmt Bezug auf die Schwefelverbindung

(griechisch theion = Schwefel) und die Säure

mit einer achtgliedrigen Kohlenstoffkette (Pies 2003).

Die Pharmakokinetik der ALA ist nur teilweise bekannt

(Teichert, Kern, Tritschler, Ulrich, Preiss 1998). Die Aufnahme

in Zellen soll bei Konzentrationen unter 100

µmol/l durch ein aktives, von Na+, K+ und ATP abhängiges

Transportsystem erfolgen (Totskii 1978). Sowohl

Pfl anzen als auch Tiere können ALA synthetisieren. Die

Methode der Herstellung ist nicht bekannt, aber es wird

in den Mitochondrien laufen (Packer, Kraemer, Rimbach

2001) und einiges mag von Darmbakterien produziert

werden. Die normale Synthese führt nicht zu großen

Mengen von freier ALA im Blutstrom (Biewenga, Haenen,

Bast 1997). ALA aus der Nahrung kann an die Aminosäure

Lysin gebunden sein, was ihre vollständige

Abwesenheit im Blutstrom von Menschen, die nicht

supplementieren, erklären mag (Biewenga, Haenen,

Bast 1997).

Abb. 1: Strukturformel der ALA (links)

und der DHLA (rechts).

Quelle: Pies 2003, S. 14

Wenn ALA von außen zugeführt wird, dringt sie schnell

in die Zellen ein, wo sie zu Dihydroliponsäure (DHLA)

unter Nutzung von Stoffwechsel­Elektronen reduziert

wird (Handelman, Han, Tritschler, Packer 1994). DHLA

ist ihre reduzierte Form, die hingegen in wässerigem

Milieu löslich ist, was dieses Redoxpaar so interessant

macht. ALA und ihre reduzierte Form DHLA können an

jedem Ort im Körper, sowohl in wässriger als auch in

fettiger Umgebung, ihre chelatierende Wirkung entfalten.

Daher ergänzen sich beide Formen – ALA und

DHLA – ideal sowohl beim antioxidativen Schutz der

Zelle vor freien Radikalen als auch beim Chelatieren

von Schwermetallen (Pies 2003). Der antioxidative

Schutz von ALA und ihrer reduzierten Form DHLA wird

auf ihre Fähigkeit zurückgeführt, Metallionen binden

und so die Produktion von freien Radikalen unterbinden

zu können (Suh, Shigeno, Morrow, Cox, Rocha, Frei,

Hagen 2001). An dieser Stelle wird das biochemische

Wandlungs­ und Schutztalent dieser lipophilen Substanz

deutlich.

Bei erhöhtem intrazellulärem oxidativem Stress liegt

das Gluthationsangebot reduziert vor, was die Entgiftungskapazität

deutlich beeinträchtigt (Muss, Mellinghoff

2003). Aus diesem Grund ist der folgende Befund

für die beabsichtigte Entgiftung von wesentlicher Bedeutung:

22


Prävention

DHLA ist einerseits einer der mächtigsten Radikalenfänger,

der der Zelle zur Verfügung steht, andererseits

kann DHLA eine Anzahl anderer Antioxidantien regenerieren,

darunter Glutathion, CoEnzym Q10 sowie das

Vitamin C und E (Kagan, Serbinova, Packer 1990; Busse,

Zimmer, Schopohl et al. 1992; Scholich, Murphy,

Sies 1989). Somit kann angenommen werden, dass

diese vielfältige antioxidative Leistung auch eine ausreichende

Entgiftungskapazität erfolgreich sichern kann.

Laut den Studienbefunden weist die i. v. ALA­Gabe bei

Menschen bis zu 1200 mg und bei einer oralen Tagesdosis

von bis zu 600 mg dreimal täglich keine Toxizität

auf. Als seltene Nebenwirkungen von ALA werden Übelkeit

und Erbrechen beschrieben. Bei der oralen Verabreichung

von bis zu 1800 mg täglich sind keine Nebenwirkungen

zu beobachten. Dosen von 500 ­1000 mg

wurden auch in Placebo kontrollierten Studien gut vertragen

(Patrick 2002).

3. ALA als Chelatbildner von Schwermetallen

Laut Jones und Cherian sollte ein idealer Chelatbildner

in der Lage sein, ohne Probleme in die Zelle einzutreten,

das Schwermetall aus seinem Komplex mit Metallothionein

oder anderen Proteinen zu chelatieren und

die Ausscheidung des Metalls zu erhöhen, ohne seine

Umverteilung auf andere Organe oder Gewebe zu erhöhen.

Obwohl ALA bisher in keinen klinischen Studien

an Menschen als chelatierende Substanz bei Schwermetallvergiftungen

getestet wurde, gibt es Hinweise

darauf, dass ALA mindestens zwei der oben genannten

Kriterien erfüllt, d. h. das Eindringen in die intrazelluläre

Umgebung und Bindung von Metallkomplexen an andere

Sulfhydryl Proteine. Endogen produzierte ALA wird

an Proteine gebunden, sie kann aber auch nach exoge­

ner Gabe in der Zirkulation in ungebundener Form vorkommen.

In dieser Form ist ALA in der Lage, chemisch

zirkulierende Schwermetalle zu binden und somit die

Zellschäden durch Metallvergiftung zu verhindern.

Die Tatsache, dass die freie ALA die Blut­Hirn­Schranke

passieret, ist bedeutsam, weil sich manche Schwermetalle

im Gehirn akkumulieren können. Aufgrund ihrer

kleinen molekularen Form und ihrer starken lipophilen

Eigenschaften kann ALA ohne Schwierigkeiten die Blut­

Hirn­Schranke passieren und sogar in die Zellen eindringen

sowie das dort deponierte Schwermetall mobilisieren.

Orale Dosen von 10 mg/kg ALA an Ratten haben

Spitzenwerte in der Großhirnrinde, im Rückenmark

und peripheren Nervensystem innerhalb von 30 Minuten

nach der Verabreichung erreicht. Damit beweisen

Studienbefunde, dass ALA alle Bereiche des ZNS erreichen

kann (Patrick 2002). Andere Studien weisen darauf

hin, dass ALA durch Cadmium erzeugte Leberschäden

reduzieren (Muller, Menzel 1990) und Quecksilber

binden sowie aus den Nieren entfernen kann (Keith,

Setiarahardjo, Fernando et al. 1997).

Alle Quecksilberverbindungen haben eine starke Affi ­

nität zu sulfhydrylhaltigen Liganden (Glutathion, ALA,

etc.), mit dem Ergebnis des reduzierten Glutathionspiegels.

Die Effi zienz von ALA als Schwermetall­Komplexbildner

für Schwermetalle wurde zwar bislang nur

in Tierversuchen getestet, der erwiesene Ansatz lässt

allerdings vermuten, dass ihre chelatierende Fähig keit

auch auf den Menschen übertragbar ist. Ebenso Gre­

23


Nutrition-Press

gus et al. bestätigen anhand von Tierexperimenten den

Befund, dass sowohl ALA als auch ihre reduzierte Form

DHLA die Fähigkeit haben, als intra­ und extrazelluläres

Schwermetall­Komplexmittel zu wirken (Patrick 2002).

Nachweislich ist ALA in der Lage, sowohl den intraals

auch den extrazellulären Glutathionspiegel in den

T­Zellkulturen, den Erythrozyten, Gliazellen und peripheren

Blut­Lymphozyten zu erhöhen. Bei Ratten führte

die orale Dosierung von 150 mg/kg pro Tag zum deutlich

erhöhten Glutathionspiegel im Blut und in der Leber.

Es ist nachgewiesen, dass ALA in der Lunge, den

Leber­ und Nierenzellen von Mäusen die intrazelluläre

Glu tathion um 30 bis 70 Prozent erhöhen kann, die

für 11 Tage intraperitoneale Injektionen von 4, 8 oder

16 mg/kg ALA erhalten haben. ALA kann durch die Erhöhung

des zellulären Gluthationspiegels das Schwermetall

mobilisieren und dadurch vor Zellschäden schützen.

Die reduzierte Form von ALA scheint dagegen eine

direkte chelatierende Wirkung zu haben (Patrick 2002).

Im Blut gibt es andere schwefelhaltige Supplemente

wie MSM (Methylsulfonylmethan), die ebenfalls Quecksilber

und andere Schwermetalle binden und sicher

über den Urin ausscheiden können. Aber MSM kann, anders

als ALA, die Blut­Hirn­Schranke nicht überwinden.

Für Schwermetallgeschädigte ist von Bedeutung, dass

ALA in der Lage ist, das Schwermetall zu binden, so

dass es dadurch 12 bis 37 Mal schneller als normal

über die Galle ausgeschieden werden kann (Patrick

2002). In Tierexperimenten konnten Vergiftungen mit

Quecksilber, Arsen oder Cadmium durch ALA dosisabhängig

abgeschwächt oder verhindert werden. Da bei

spielte die Detoxifi kation durch Chelatbildung eine

Rolle (Bano, Bhatt 2007; Domanska­Janik, Bourre 1987;

Ehrenthal, Prellwitz 1986). Zur genauen Festlegung der

Verhaltensweise und Effektivität von ALA als Chelatbildner

sind allerdings klinische Humanstudien notwendig.

24


Prävention

Zusammenfassung:

Entgiftung zählt heutzutage immer mehr zu einer essentiellen Prävention gegen

gesundheitsgefährliche Umweltgifte, zu denen ausnahmslos alle Schwermetalle

zählen. Schwermetalle befi nden sich überall: In Nahrung, Wasser, Luft – selbst

in der Medizin (Thiomersal, Almalgam usw.). Dies setzt eine Notwendigkeit gesundheitsförderlicher

Entgiftungsmaßnahmen voraus. Wesentliche Nachteile gängiger

Entgiftungsmethoden der Humanmedizin spiegeln sich in ihren z. T. erheblichen,

unerwünschten Nebeneffekten wider. So werden durch alle bekannten Chelatbildner

essentielle Mineralien ausgeschieden, was allergische Hautreaktionen

(Juckreiz, Hautausschlag), Fieber und Schüttelfrost, Erhöhung der Transaminasen,

Übelkeit, Schwindel und Blutdruckabfall hervorrufen kann (Forth, Henschler, Rummel

2005). Die Notwendigkeit einer gesundheitsschonenden Schwermetallentgiftung

wird immer größer. Alpha Liponsäure wurde bisher in Tierexperimenten als

er folgreicher, gesundheitsschonender Chelatbildner erwiesen. Die ersten Fakten

und Erkenntnisse aus randomisierten Humanstudien fehlen weiterhin.

Strahinja Tomic

Doktorand der Sport -

wissenschaften mit

S c h w e r p u n k t S p o r t -

medizin

Literatur:

• Bano, M. ­ Bhatt, DK. 2007. Neuroprotective Role of a novel combination of certain antioxidants on Lindane (Y­HCH) induced

toxicity in cererbrum of mice. Res. J. Agricult. Biol. Sci., 3., 2007. S. 664 – 669. ISBN: 1816­1561

• Biewenga, GP ­ Haenen, GR. ­ Bast, A. 1997. The pharmacology of the antioxidant lipoic acid, Gen Pharmacol, 29(3), 1997.

S. 315 – 331. PMID: 9378235

• Burgstein, L. 2002. Burgsteins Handbuch Nährstoffe. Vorbeugen und heilen durch ausgewogene Ernährung: Alles über

Spurenelemente, Vitamine und Mineralstoffe:10. Aufl age. Stuttgart: Karl F. Haug Verlag, 2002. S. 512. ISBN: 3­8304­2065­X

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ISSN: 0161­813X

• Ehrenthal, W. – Prellwitz, W. 1986. Biochemie und Pharmakologie der Liponsäure. In: Neundörfer, B. ­ Sailer, D. (Hrsg.): Interdisziplinäre

Bestandsaufnahme der Polyneuropathien. Morphologie, Biochemie, Klinik und Therapie. Erlangen: Perimed­

Verlag, 1986. S.154 – 165. ISBN: 97838842290576

• Forth, W. ­ Henschler, D. ­ Rummel, W. ­ Förstermann, U. ­ Starke, K. 2005. Allgemine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie:

9. Aufl age. München, Urban & Fischer Verlag, 2005. S. 1189. ISBN: 3­437­42521­8

• Handelman, GJ. ­ Han, D. ­ Tritschler, H. ­ Packer, L. 1994. á­Lipoic acid reduction by mammalian cells to the dithiol form and

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• Kagan, V. ­ Serbinova, E. ­ Packer, L. 1990. Antioxidant effects of ubiquinones in microsomes and mitochondria are mediated

by tocopherol recycling, Biochem Biophys Res Comm, 169, 1990. S. 851 ­ 857. PMID: 2114108

• Keith, RL. ­ Setiarahardjo, I. ­ Fernando, Q. et al. 1997. Utilization of renal slices to evaluate the effi cacy of chelating agents

for removing mercury from the kidney, Toxicology, 116, 1997. S. 67 ­ 75. PMID: 9020508

• Muller, L. ­ Menzel, H. 1990. Studies on the effi cacy of lipoate and dihydrolipoate in the alteration of cadmium toxicity in

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• Muss, C. – Mellinghoff, J. 2003. Sonderdruck aus GZM Netzwerk­Journal – Praxis und Wissenschaft. 8. Jg. 3.

• Patrick, L. 2002. Mercury toxicity and antioxidants: Part I: role of glutathione and alpha­lipoic acid in the treatment of mercury

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• Pies, J. 2003. Alpha­Liponsäure – das Multitalent. Gegen freie Radikale, Umweltgifte, Zellalterung. Kirchzarten bei Freiburg:

VAK Verlag, 2003. S. 78. ISBN: 3­935767­29­3

• Teichert, J. ­ Kern, J. ­ Tritschler, HJ. ­ Ulrich, H. ­ Preiss R. 1998. Investigations on the pharmacokinetics of alpha­lipoic acid

in healthy volunteers. Int. J. Clin. Pharmacol. Ther., 36, 1998. S. 625 – 628 (1998). PMID: 9876998

• Totskii, VN. 1978. Mechanisms and regulatory pathways of the penetration of lipoic acid into biological structures. Biokhimiya,

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its dependence on alpha­tocopherol. Biochim Biophys Acta. 1989 Feb 20;1001(3):256­61. PMID: 2492825

• Suh, JH. ­ Shigeno, ET. ­ Morrow, JD. ­ Cox, B. ­ Rocha, AE. ­ Frei, B. ­ Hagen, TM. 2001. Oxidative stress in the aging rat heart

is reversed by dietary supplementation with (R)­(alpha)­lipoic acid, Faseb J, 15(3), 2001. S. 700 ­ 706. PMID: 11259388

25


Nutrition-Press

Wird auch als Chilli oder Spanischer Pfeffer bezeichnet.

Entgegen seinem Namen handelt es sich jedoch um

kein Pfeffergewächs (Piperaceae). Cayenne pfeffer gehört

wie Kartoffeln, Tomaten und Paprika (Capsicum annuum)

zur Familie der Nachtschattenge wächse (Solanaceae).

Cayennepfeffer

(Capsicum frutescens)

Die Pfl anze ist in Südamerika heimisch. Funde in prähistorischen Grabstätten

belegen, dass schon 7000 v. Chr. Kultivierungsversuche stattfanden.

1492 entdeckte Christoph Kolumbus bei den Ureinwohnern Amerikas die Pfl anze

und taufte diese auf den Namen Pimienta, was auf Spanisch „Pfeffer“ heißt. Seit

dem 16. Jahrhundert kennt man Cayenne als feurig­scharfes Gewürz auch in Europa.

Die Früchte (rote, gelbe oder grüne Chilli­Schoten) können frisch oder getrocknet verwendet

werden. Getrocknet werden sie grob zerstoßen und zusammen mit den Samen

als Chilli­Flocken verwendet. Das gemahlene Pulver wird als Cayennepfeffer gehandelt

Inhaltsstoffe

Capsaicinoide, Vitamin C, Flavonoide und ätherisches Öl sind die wirksamkeitsbestimmenden

Inhaltsstoffe des Cayennepfeffers. Carotinoide sind außerdem für die

Färbung der Früchte verantwortlich. Für den charakteristischen scharfen Geschmack

sind die Capsaicinoide ver ant wortlich. Nicht alle Capsaicinoide sind gleich scharf. Der

scharfe Geschmack ist korrekterweise

eine Schmerzempfi ndung. Durch Aktivierung

des Wärme­/Schmerzrezeptors

Tran sient Receptor Potential Vanilloid 1

(TRPV1) wird ein Schmerzsignal erzeugt,

welches dem Gehirn zu hohe Temperaturen

meldet. Der scharfe Geschmack wird also nicht

durch das gustatorische System vermittelt. Denn die

Geschmacksknospen der Zunge können nur die Geschmacksrichtungen

süß, sauer, bitter, salzig und umami

wahrnehmen.

26


Ernährung / Prävention

Es gibt insgesamt sechs Capsaicinoide, die sich in der

molekularen Struktur unterscheiden. Capsaicin, Dihydrocapsaicin,

Nordihydrocapsaicin, Homodihydrocapsaicin,

Norcapsaicin und Homocapsaicin gehören chemisch zur

Gruppe der Alkaloide und sind relativ temperaturstabil.

Löslich sind sie in Alkohol und Fett, nicht aber in Wasser.

Dies ist auch der Grund, warum Chilischoten stets in Öl

eingelegt werden und Milchprodukte wie Trinkmilch oder

Joghurt besser geeignet sind die „Flammen“ zu löschen.

Capsaicin ist der Hauptvertreter aller Capsaicinoide und

sitzt hauptsächlich in den Samen und den weißen Scheidewänden.

Der Capsaicin­Gehalt variiert in Abhängigkeit

von Standort, Klima, Nährstoffen und Stressfaktoren. In

ungetrockneten Chilis und anderen Capsicum­Arten sind

durchschnittlich 0,01­ 0,03 Prozent Capsaicin enthalten,

in getrockneten 0,3 ­ 0,5 Prozent.

Scoville-Einheiten – Ein Maß für die Schärfe

Die diversen Chili­Sorten und die daraus hergestellten

Produkte zeichnen sich, in Abhängigkeit des Capsaicin­

Gehalts, durch eine unterschiedliche Schärfe aus. Der

Pharmakologe Wilbur L. Scoville (1865 ­ 1942) entwickelte

1912 das erste Verfahren zur Messung der Schärfe von

Chilischoten. Gemessen wurde, wie in starker Wasserverdünnung

die Schärfe des untersuchten Chilis gerade

noch spürbar war. Der Grad der Verdünnung, bei dem

keine Schärfe mehr festzustellen war, wurde als Sco ville­

Einheit (Scoville Heat Units (SHU)) angegeben. Brauchte

es für 1 ml aufbereitete Chili 10 Liter (10.000 ml) Wasser,

bis die Schärfe verschwand, betrug die Schärfe 10.000

SHU. Die durchschnittliche Wahrnehmungsschwelle für

Schärfe liegt bei ca. 16 SHU.

Tab. 1 Scovielle­Einheiten anhand einiger Beispiele:

Scoville-Einheit

Beispiel

16.000 000 reines Capsaicin

100.000 ­ 350.000 Habaneros

30.000 ­ 50.000 Cayennepfeffer

2.500 ­ 8.000 Jalapeño­Chili

100 ­ 500 Peperoni

0 ­ 10 Gemüsepaprika

Die Scoville­Skala reicht von praktisch null für Paprika bis

zu rund 300.000 für Habaneros. Reines Capsaicin entspricht

16.000.000 Scoville.

Heutzutage wird mit Hilfe der Hochleistungs­Flüssigchromatographie

oder HPLC (High Pressure Liquid Chromatography)

der Gehalt der zwei häufi gsten Capsaicinoide

Capsaicin und Dihydrocapsaicin gemessen und in Scoville

Heat Units umgerechnet.

Wie wirkt Cayennepfeffer?

Capsaicin hat eine antibakterielle und fungizide Wirkung

und eignet sich deshalb z. B. hervorragend für die Konservierung

von Lebensmitteln. In Pfl anzen ist Capsaicin

vermutlich Bestandteil des pfl anzeneigenen Abwehrbzw.

Schutzsystems. Der scharfe Geschmack hält Tiere

davon ab, die Früchte zu konsumieren. Vögel hingegen

sind immun, da sie die für die Schärfeempfi ndung verantwortlichen

Rezeptoren nicht besitzen. So können sie

ohne Probleme die Früchte mit den Kernen essen und

später ausscheiden, was der Verbreitung der Capsicum­

Pfl anzen dient.

Cayennepfeffer ist oral eingenommen wärmend, schweißtreibend

und stimuliert die Speichel­ und Magensäuresekretion.

Traditionell wird Cayennepfeffer bei Verdauungsbeschwerden,

zur Kreislaufstabilisierung, Blutreinigung

und zur Herzstärkung eingesetzt.

Lokal aufgetragen wirkt Capsaicin zunächst wärmend,

durchblutungsfördernd, reizend, gefäßerweiternd und

löst Juckreiz aus. Bei längerer Anwendung ist es schmerzlindernd

und juckreizlindernd. Diese schmerzlindernde

Wirkung funktioniert auf Grundlage des Counterirritans

Effekts, d.h. der Schmerz wird durch einen Gegenreiz gelindert.

Eine hohe Capsaicin­Dosis hält das Gehirn irrtümlich

für einen starken Schmerz, den es zu bekämpfen

gilt. Das bewirkt die Ausschüttung von Endorphinen, körpereigene

„Schmerzkiller“. Dies kann zu einem gesteigerten

Glücksempfi nden beitragen. Dieser Zustand wird

auch als „Pepper­High“ bezeichnet. Wenn Capsaicin an

den Schmerzrezeptoren angreift, macht es die dort befi

ndlichen Nervenendigungen zugleich unempfi ndlicher.

Cayennepfeffer lindert nachweislich Muskel­ und Nervenschmerzen

und kann eine positive Wirkung bei der

Behandlung eines Hexenschusses, Juckreiz, Arthritis und

Rheuma haben.

Nebenwirkungen und Gegenanzeigen

Die Einnahme von Cayennepfeffer in hohen Dosen kann

mit starkem Augentränen, Nasenlaufen, erschwerter

Harn entleerung und Brennen bei der Defäkation innerhalb

von 1­2 Tagen einhergehen. In seltenen Fällen können

Überempfi ndlichkeitsreaktionen auftreten. Nicht angewendet

werden sollte Cayennepfeffer bei einer bekannten

Allergie gegen Paprika.

Bei lokaler Anwendung in Form von Salben gelten leichte

bis mittelschwere Hautreaktionen und eine Verschlechterung

der Beschwerden zu Beginn der Behandlung als

normal und nehmen mit der Zeit ab.

Mit freundlicher Genehmigung

der Redaktion des www.vitalstoff­journal.de

27


Nutrition-Press

Atrophie/Kachexie: Jährlich erkranken 490.000 Menschen in Deutschland

neu an Krebs. An den Folgen versterben etwa 218.000 Menschen

pro Jahr (Deutsche Krebshilfe e. V., 2012).

Neben Schmerzen, Fatigue, Haarausfall und anderen körperlichen sowie psychischen

Begleiterscheinungen ist der Gewichtsverlust, auch Kachexie genannt, eine

schwerwiegende Folge, die durch Chemotherapie, Operation und Radiotherapie verursacht

werden kann (Theologides, 1979).

Unter Kachexie (zusammengesetzt aus dem Griechischen: kakos „schlecht“ und hexis:

„Zustand“) versteht man die Abmagerung, Auszehrung, den Gewichtsverlust und

progressive Veränderungen von lebenswichtigen Körperfunktionen (Busquets, Almendro,

Barreiro, Fiqueras, Argilés, & López­Soriano, 2005). Oft wird dieser Zustand

von Appetitlosigkeit begleitet (Bosaeus, Daneryd, & Lundholm, 2002).

Der Schweregrad der Kachexie ist abhängig vom Typ der Tumorerkrankung. Ein Gewichtsverlust

wurde bei 30 bis 80 Prozent der Krebspatienten beobachtet (Dhanapal,

Saraswathi, & Govind, 2011). Bei Pankreas­ und Magenkrebspatienten tritt Kachexie

am häufi gsten auf, wobei Patienten mit Brustkrebs, Non­Hodgkin­Lymphomen und

mit Sarkomen seltener betroffen sind (Fearon, Voss, Hustead, & Cancer Cachexia

Study Group, 2006).

Der tumorbedingte Gewichtsverlust ist ein wichtiger, prognostischer Faktor – je größer

das Ausmaß, desto geringer ist die Überlebensdauer/­chance (Dhanapal, Saraswathi,

& Govind, 2011).

Kurkumin zur Behandlung

der Atrophie bzw. tumorinduzierten

Kachexie

28


Ernährung / Prävention

das aber auch nicht, um den Energie­ und Nährstoffbedarf

zu decken, kann Trinknahrung eingesetzt werden.

Krebszelle

Die Kachexie ist insgesamt für etwa 30 Prozent der

Todesfälle bei Krebspatienten verantwortlich. Sie ist

damit neben der Sepsis die zweithäufi gste Todesursache

von Krebspatienten und wird durch entzündliche

Prozesse ausgelöst. Die Anwendung diätischer Lebensmittel

soll daher unmittelbar nach der Diagnose der

Krebserkrankung beginnen, um eine mögliche Kachexie

der Patienten schon im statu nascendi zu verhindern.

Gegenwärtig erfolgt als Begleittherapie lediglich die

Gabe hochkalorischer Nahrung, was die Progredienz

der Kachexie lediglich verzögert und weitere Komplikationen

(Fettleber) hervorruft. Eine Mangelernährung

tritt bei 30 bis 90 Prozent aller Krebspatienten im Laufe

ihrer Erkrankung auf. Darunter fallen in erster Linie

Menschen mit Tumoren des Magen­Darm­Traktes (v. a.

in der Speiseröhre, Bauchspeicheldrüse oder im Magen)

bzw. in der Lunge.

Laut Expertenmeinung kommt es bei bis zu 85 Prozent

der Patienten mit einem Tumor im Gastrointestinaltrakt

im Laufe der Erkrankung zur Kachexie. Bei Lungenkrebspatienten

liegt das Kachexierisiko bei 50 Prozent.

Prinzipiell kann Tumorkachexie in jedem Stadium der

Krebserkrankung auftreten. Meist verliert etwa die

Hälfte der Patienten bereits vor der Diagnose als Folge

von Appetitverlust und frühem Sättigungsgefühl Gewicht.

Die eigentliche Tumorkachexie tritt aber meist in

einem sehr viel späteren Stadium auf.

Da bislang eine Ernährungstherapie allein keinen Erfolg

versprach, wurde meist in regelmäßigen Abständen

versucht, den Ernährungszustand des Patienten festzustellen,

um einer Mangelernährung vorzubeugen. So

kann rechtzeitig die Nahrungsmenge bzw. die täglich

auf genommene Kalorienzahl erhöht werden. Genügt

Bei der Verbesserung des Ernährungszustands geht es

nicht allein um das Wohlbefi nden des Patienten, sondern

auch um die Wirksamkeit der Krebstherapie, die

unter dem Einfl uss von Mangelernährung oder Tumorkachexie

verringert sein kann. So kann es nach einer

Operation zu Wundheilungsstörungen durch entzündliche

Reaktionen kommen, die häufi g bei tumorkachektischen

Patienten auftreten. Außerdem vertragen die

Patienten mit Tumorkachexie eine Chemo­ oder Strahlentherapie

weniger gut. Eine erfolgreiche Krebsbehandlung

erfordert vom Patienten viel Kraft, die ihm

durch eine gesunde und ausgewogene Ernährung zur

Verfügung gestellt werden muss. Daher ist es entscheidend,

den Gewichtsverlust rechtzeitig zu verhindern,

die Therapie­ und Heilungschancen zu erhöhen und

damit die Lebensqualität des Patienten zu verbessern.

Gegenstand aktueller Forschungen ist es, Wirkstoffe

gegen die verheerenden Folgen der Kachexie zu entwickeln.

Die Untersuchungen werden sowohl in vitro als

auch in vivo durchgeführt und basieren auf verschiedenensten

Modellen.

In einem in vivo Modell konnten Eley und Mitarbeiter

(Eley, Russell, & Tisdale, 2007) zeigen, dass die Behand

lung mit Protein Kinase R (PKR)­Inhibitoren in kachektischen

Mäusen, denen Fragmente

eines MAC16 Tumors

(Murine adeno carcinoma

16) subkutan in die

seitl ich e Bauchre gion

trans plan tiert wurde,

das Tumor ­

wachstum hemmte

und dem Gewichtsverlust

entgegen

wirk te. Ähnliche

Ergebnisse kon n­

ten in der Studie von

Smith und Mitarbeitern

(2005) gewonnen werden.

Der Leucin Meta bo lit HMB xyza

(β­hydro xy­β­methyl bu t yrate) vermindert die Proteindegradation

und stimuliert die Proteinsynthese in Skelettmuskeln.

In einem weiteren in vivo Kachexie­Modell konnte der

Anstieg von infl ammatorischen Zytokinen (IL­6) in Mäusen,

denen die Zelllinie C­26.IVX transplantiert wurde,

detektiert werden. Durch die Zugabe eines monoklonalen

IL­6 Antikörpers konnte die IL­6­Aktivität inhibiert

und damit die Kachexieprogression verhindert werden

(Strassmann, Fong, Kenney, & Jacob, 1992).

29


Nutrition-Press

Skelettmuskulatur

Die Skelettmuskulatur besteht aus ca. 15 cm langen,

schlauchförmigen Muskelfasern. Charakteristisch sind

hierbei die vielen marginalen Zellkerne sowie die typische

Querstreifung. In jeder Muskelfaser sind viele

Myoblasten zusammengefügt. An der Muskelfaseroberfl

äche befi nden sich einkernige, zum Teil differenzierte

Myoblasten. Diese werden bei Reparaturvorgängen aktiviert,

proliferieren und vereinigen sich mit anderen

Satellitenzellen sowie den Muskelfasern zu neuem

Muskelgewebe (Morgan & Partridge, 2003). Die Ausbildung

spezifi sch funktioneller und morphologischer Eigenschaften

einer Zelle nennt man Differenzierung.

Dem Austritt aus dem Zellzyklus folgt die terminale Differenzierung

der Muskelzelle, d. h. sie kann sich fortan

nicht mehr teilen (Brand­Saberi, 2005, Gehring, 1995).

Kurkumin

Kurkumin ist ein Bestandteil des alkoholischen Extrakts

aus dem Rhizom der Pfl anze Curcuma longa, welche zu

der Familie der Ingwergewächse gehört. Das Rhizom

ähnelt dem des Ingwers, die Farbe des Fleisches ist

intensiv gelb bis orange. Das auch Turmeric genannte

Pulver wird in asiatischen Regionen z. B. als Mittel zur

Wundheilung eingesetzt (Aggarwal, Sundaram, Malani,

& Ichikawa, 2007).

Intensive Forschungen konnten zeigen, dass Kurkumin

der Wirkstoff des Pfl anzenpulvers ist. Seither wird Kurkumin

auch als Farbstoff unter Bezeichnung E100 in

der Industrie verwendet. Es gibt u. a. Curry und Senf die

typisch gelbe Farbe.

Eine Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass Kurkumin

eine anti­infl ammatorische, antiseptische, antimalarische

und antioxidative Wirkung zugesprochen werden

kann (zusammengefasst in (Aggarwal, Sundaram, Malani,

& Ichikawa, 2007)). Die folgende Abbildung zeigt

das Wirkungsspektrum von Kurkumin.

Die Wirkung von Kurkumin kann in vitro durch die Aktivierung

von Apoptosesignalwegen begründet werden,

welche gewebe­ bzw. zellspezifi sch zu sein scheint.

Wirkungsspektrum von Kurkumin bei verschiedenen Krank heiten (links) und auf Genebene (rechts)

(Modifi ziert nach Aggarwal, Sundaram, Malani, & Ichikawa, 2007)

30


Ernährung / Prävention

Die Aktivierung der Caspase­3 und 8 durch Kurkumin

wird bei Bush und Mitarbeiter dargestellt (Bush, Cheung

Jr., & Li, 2001). In einer anderen Studie wird die Aktivierung

des extrinsischen Apoptosesignalweges in Magenund

Darmkrebszelllinien beschrieben. Kurkumin aktiviert

auch hier die Caspase­8 (Moragoda, Jaszewski, &

Majumdar, 2001). Ebenso kann die Regulierung der

Apoptose über den intrinsischen Signalweg erfolgen.

Shi und Mitarbeiter (Shi, Cai, Yao, Mao, Ming, & Ouyang,

2006) konnten in ovarialen Krebszellen zeigen,

dass durch Zugabe von Kurkumin die antiapoptotischen

Proteine Bcl­2 und Bcl­XL herunterreguliert wurden.

In in vivo Studien konnte gezeigt werden, dass Kurkumin

während einer Sepsis die NF­KB­Aktivität reduziert

und somit der Muskelproteolyse entgegenwirkt (Poylin,

et al., 2008). Thaloor und Mitarbeiter (1999) fanden heraus,

dass Kurkumin die Muskelregeneration nach einer

Verletzung stimuliert. Antikachektische Effekte von Kurkumin

konnte dagegen im gastrointestinalen Tumormodell

nicht gezeigt werden (Busquets, Carbó, Almendro,

Quiles, López­Soriano, & Argilés, 2001).

Hat Kurkumin anti-kachektische Eigenschaften?

Für die Inhibierung der Atrophie wurden daher in eigenen

Studien, Muskelzellen mit verschiedenen Konzentrationen

Kurkumin behandelt. Die Auswirkung auf den

Zellindex (CI, Zelldurchmesser wird hierbei über den

elektrischen Widerstand gemessen) wurde dabei kontinuierlich

beobachtet und nach 24 h zusätzlich mikroskopisch

überprüft. Der CI ist ein Maß für die Impedanz

und korreliert direkt mit der Adhäsion der Muskelzelle,

ihrem Differenzierungsgrad und dem zellulären elektrischen

Widerstand. Es können generell keine Aussagen

über eine Dosisabhängigkeit der Wirkung von Kurkumin

getroffen werden. Während durch die Zugabe der Konzentration

von 5µM Kurkumin am Tag 5 und 7 nach der

Atrophieinduktion zunächst eine Abnahme des Zellindex

(CI) hervorgerufen wurde, hatte sich dieser Prozess

nach 10 Tagen normalisiert. Durch die Zugabe von 5µM

über einen längeren Zeitraum stieg der CI um bis zu

60 Prozent an. Das könnte heißen, dass Kurkumin über

längere Zeiträume eingenommen, zu einem veränderten

Muskelstoffwechsel einhergehend mit einer verstärkten

Muskelbildung führt.

Zusammenfassung und Ausblick

Ziel unserer Forschungen ist es, sekundäre Pfl anzenstoffe

auf ihre anti­atrophische Wirkung auf murine

C2C12­Myotuben zu untersuchen. Die Ergebnisse

sollen als Grundlage für die Entwicklung einer Technologieplattform

dienen. Diese Plattform besteht aus

einem etablierten System, welches die Bereitstellung

von atrophischen Muskelzellen ermöglicht. Anschließend

können verschiedene Substanzen mit anti­atrophischen

Eigenschaften getestet werden. Im Hinblick

auf diese Zielstellung sollten die Experimente

zur Atrophieinduktion mittels Dexamethason wiederholt

und optimiert werden. Ebenso wird die Verwendung

weiterer Substanzen zur Auslösung der Atrophie

empfohlen.

Durch die Zugabe von pro­infl ammatorische Zytokinen

wie TNF­ α wird die Akkumulation von Ceramid

erhöht, welches u. a. die Proteinsynthese in Myotuben

inhibiert (De Larichaudy, et al., 2012). In einer

Studie von Eley und Mitarbeitern (2007) wird beschrieben,

dass PIF (Proteolyse­induzierender Faktor)

und Ang II (Angiotensin II) die Autophoshorylierung

von PKR (RNA­abhängige Proteinkinase) induzieren

und somit die Proteinsynthese in Myotuben

vermindern. Ebenso ist die erhöhte Expression von

Murf­1 und MAFbx ein Index für die erhöhte Proteindegradation

in atrophischen Zellen (Stitt, et al.,

2004).

Der gleiche Effekt wird erzeugt, wenn rekombinantes

Myostatin die DNA­ und Proteinsynthese in Myoblasten

und teilweise in Myotuben inhibiert (Taylor, et al.,

2001). In dieser Studie wird jedoch die Proteindegradation

durch die Einbindung des radioaktiv­markierten

[1­ 14 C] Leucins nachgewiesen. Die Verwendung

des xCELLigence Systems zum Nachweis der

Atrophie wäre somit eine sicherere Alternative zu

den derzeit verwendeten, auf radioaktiver Markierung

basierenden Methoden.

Dr. Andreas Schubert (links) und Christopher Oelkrug (rechts)

Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI), Leipzig

31


Nutrition-Press

Chronische Erkrankungen ...

und kein Ende in Sicht

Gestaltet sich unsere medizinische Versorgung effizient

oder verspielen wir unsere Zukunft? Soll der Staat

alle Aufgaben regeln oder kann nicht die Bevölkerung

wichtige Funktionen übernehmen? Diese Fragen

werden sehr kontrovers diskutiert. Die Antworten darauf

könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie diffe rieren

von Partei zu Partei, von Institution zu Institution bzw.

von Lobby isten zu Lobbyisten.

Was allerdings von niemandem mehr bestritten wird, ist die große Herausforderung

unserer demographischen Entwicklung. Waren im Jahre

1950 nicht einmal 10 Prozent unserer Bevölkerung älter als 65 Jahre, so sind im Jahre

2025 fast 25 Prozent der Menschen in West-Europa über 65 Jahre alt. Nach diesen

Zahlen wird die Altersstruktur in 20 Jahren ähnlich sein, wie die derzeit in Florida,

von den Amerikanern liebevoll „Gods Waiting-Room“ genannt.

32


Prävention

Von der Akutversorgung zur Betreuung

chronisch kranker Menschen – ein Paradigmenwechsel

Die Konditionierung unserer Heilberufler ist auch heute

noch stark geprägt durch die Zeit, in der die Akut ­

ver sorgung im Vordergrund jeglichen Handels stand.

Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts waren es in

der Regel Infektionskrankheiten und Verletzungen an

denen die Menschen verstarben. In den letzten 60 Jahren

hat sich dieses Bild komplett gewandelt. Inzwischen

versterben 9 von 10 Menschen an einer chronischen

Er krankung. Aber worin liegt der entscheidende Unterschied?

Ein distinktives Merkmal ist das Ausmaß

des Einflusses, den der Patient auf seine Heilung oder

seinen Therapieerfolg hat. Bei akuten Erkrankungen hat

der Patient vergleichsweise wenig eigenen Einfluss – so

ist er z. B. auf ein wirksames Antibiotikum oder auf einen

guten Operateur angewiesen.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich jedoch die

Bedürfnisse der Patienten bzw. die Herausforderungen

grundlegend verändert. Die Menschen kommen mit

Asthma, COPD (= chronisch obstruktive Lungenerkrankung),

Herzkreislauferkrankungen, Typ 2 Diabetes oder

Rheuma – also chronischen Erkrankungen, mit denen

sie Jahre, meist Jahrzehnte leben müssen. Neu daran

ist, dass die Patienten auf ihren eigenen Therapieerfolg

selber den größten Einfluss haben. Es sind die vielen

kleinen alltäglichen Entscheidungen des Patienten über

seine Ernährung, die Bewegung, den Umgang mit Stress,

die Einnahme von Medikamenten und vieles mehr, die

darüber entscheiden, wie eine chronische Krankheit

verläuft. Der Arzt kann nur entscheidende Weichen

stellen, aber „gehen“ muss der Patient selbst.

Beispiel Typ 2 Diabetes – eine Krankheit wird

zur Epidemie

Die International Diabetes Federation (IDF) schätzt,

dass weltweit mehr als 6 Prozent aller Menschen an

Diabetes leiden. Epidemiologisch betrachtet haben wir

es inzwischen mit einer globalen Epidemie zu tun. In

den vergangenen Jahren stieg die Zahl der an Diabetes

Typ 2 Erkrankten merklich an. Nach Schätzungen der

IDF sind mittlerweile rund 10 Prozent der Deutschen,

Österreicher bzw. Schweizer von Diabetes betroffen.

Alleine in Deutschland werden jeden Tag 800 Menschen

neu mit Typ 2 Diabetes diagnostiziert. Die Anzahl

wächst in diesem Land jedes Jahr um eine Stadt mit der

Größe von Karlsruhe. Während noch in den 80er Jahren

fast ausschließlich ältere Menschen an Typ-2-Diabetes

erkrankten, sind es heute auch zunehmend junge Erwachsene.

Alleine in den Vereinigten Staaten von Amerika

waren in den letzten fünf Jahren 30 Prozent der

neu dia gnostizierten Typ 2 Diabetiker nicht älter als 30

Jahre.

Einer der größten Risikofaktoren in diesem Zusammenhang

ist das Übergewicht. Etwa 15 bis 20 Prozent

der Jugendlichen in Deutschland, Österreich und der

Schweiz sind übergewichtig. Bei 8 Prozent ist dieses

Übergewicht krankhaft (Adipositas). 85 Prozent dieser

jungen Menschen werden voraussichtlich ihr gesamtes

Leben an Übergewicht leiden. Ein nicht unerheblicher

33


Nutrition-Press

Teil wird bereits in jungen Jahren an Typ-2-Diabetes erkranken.

Das erste Mal in der Geschichte der modernen

Medizin kommen wir damit an einen Punkt, an dem

ein Teil der jungen Generation eine deutlich geringere

Lebenserwartung hat als die Generation ihrer Eltern.

Drei Viertel aller Diabetiker sterben an den Folgen eines

Herzinfarktes. Schlaganfälle treten viermal häufiger, Depressionen

und Parkinson etwa doppelt so oft auf wie

in der Normalbevölkerung. Das Risiko einer Demenz

steigt dreifach, bei zusätzlichem Bluthochdruck elffach.

Alle 15 Minuten wird alleine in Deutschland eine durch

Diabetes bedingte Amputation durchgeführt.In der

Summe sind dies jährlich rund ebenso vie le Amputationen,

wie im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges an

Wehrmachtssoldaten vorgenommen wurden.

Selbstmanagement der Patienten gefragt

Heute zählt die Bundesrepublik Deutschland, Österreich

und die Schweiz rund 8 bis 10 Millionen Menschen

mit Typ 2 Diabetes. Weitere 6 Millionen sind noch gar

nicht diagnostiziert. Läuft die Entwicklung so weiter,

wie sie derzeit von Statten geht, werden in 20 Jahren 25

Prozent der Erwachsenen in diesen Ländern Diabetiker

sein. Somit werden wir im Jahre 2035 allein für Typ 2

Diabetes und Adipositas so viel Geld aufbringen müssen,

wie wir derzeit für das gesamte Gesundheitssystem

investieren.

Diabetes ist eine so genannte Selbstmanagementerkrankung.

Die IDF führt den Behandlungserfolg auf bis

zu 90 Prozent auf das Verhalten der Patienten zurück.

Um möglichst lange gesund leben zu können, müssen

Diabetiker nicht nur die Zusammenhänge zwischen Erkrankung,

Ernährung und körperlichem Training kennen.

Sie müssen auch die mit einer chronischen Krankheit

verbundene seelische Belastung bewältigen, ihren

Diabetes überwachen und die medikamentöse Behandlung

in Eigenregie durchführen.

Dabei bilden sich Patienten ihre eigenen Vorstellungen

von ihren Erkrankungen und entwickeln als „medi zinische

Laien“ so genannte „Laienhypothesen“. Diese

stimmen oftmals nicht mit dem medizinischen Rat

über ein, nehmen jedoch eine dominierende Rolle ein.

Viele Patienten verändern die Dosis ihrer Medikamente,

setzen diese ab oder nehmen sie nur bei akutem

Bedarf. Für die Volkswirtschaft bedeutet das, dass sich

die Zeiten der Erkrankung verlängern, sich die Heilung

hinauszögert oder sogar verhindert wird. Folglich werden

vermehrte Einweisungen in Praxis und Krankenhäuser

verursacht, wobei nicht unerhebliche zusätzliche

Kosten entstehen. Nach Schätzungen der Europäischen

Stiftung für Gesundheit (Schweiz) und dem Institut

für Gesundheitskommunikation und Versorgungsforschung

an der Sigmund-Freud Universität in Wien

belaufen sich die durch die nicht vorhandenen Selbstmanagementfähigkeiten

resultierenden Folgekosten in

Europa auf 200 - 300 Mrd. Euro pro Jahr. Alleine die

Folgen der Drug Non-Compliance werden mit 70 Mrd.

Euro jährlich beziffert.

34


Prävention

Zusammenfassung

Bei einem Menschen mit Typ 2 Diabetes und den entsprechenden

Möglichkeiten zum Selbstmanagement

der Erkrankung belaufen sich die Kosten, die durch das

Gesundheitssystem zu tragen, sind auf bis zu 3.000

Euro pro Jahr. Ein Patient, dessen Therapie nicht erfolgreich

verläuft, verursacht aufgrund der Folgekomplikationen

– unabhängig vom menschlichen Leid – Kosten

von bis zu 35.000 Euro pro Jahr.

Die Fähigkeit zum Selbstmanagement zu fördern, erfordert

dabei ein umfassendes Betreuungskonzept, das

alle Heilberufl er gleichermaßen einschließt. Eine Therapie,

die das hohe Maß an Eigenverantwortung berücksichtigt,

benötigt eine patientenzentrierte Kommunikation.

Gerade hier gilt es umzudenken. Patientenkommunikation

darf sich nicht auf die bloße Verordnung

von Medikamenten beschränken. Es geht um ein grundsätzliches

Verständnis für die Einstellungen, Sorgen

und Bedürfnisse der Erkrankten.

Kein Therapeut hat seherische Fähigkeiten. Trotzdem

wird innerhalb von 30 Sekunden aus einem Patienten­

Arzt ein Arzt­Patientengespräch. Daher gilt: Hinhören,

nicht zuhören. 80 Prozent aller Patienten benötigen

genau 2 ­ 3 Minuten ihre Probleme und Bedürfnisse zu

artikulieren. Da mehr als 80 Prozent unserer Patienten

mit einer chronischen Erkrankung nicht einmal 4 Stunden

pro Jahr mit einem Arzt verbringen, können wir

nicht davon ausgehen, dass die verbleibenden 364

Tage und 20 Stunden problemlos verlaufen. Nur, wenn

wir die Patienten „empowern“, können diese die Verantwortung

übernehmen, die diese übernehmen müssen,

damit wir auch in Zukunft das hohe Niveau der

medizinischen Versorgung sichern können. Blenden wir

diesen Punkt aus, dann wird die Glorie der Vergangenheit

zum Stolperstein der Zukunft. In einem sich stark

verändernden Gesundheitssystem sind wir nicht in der

Lage die „Gesundheitsschlachten“ von morgen mit den

Waffen von gestern zu schlagen.

Prof. Dr. Dr. Fred Harms

Leiter des Instituts für Ge sundheitskommunikation

und Versorgungsforschung,

Sigmund-Freud Uni versität

Wien, Vize-Präsident der Europäischen

Stiftung für Gesundheit, Schweiz,

Fachlicher Beirat des NEM e.V.

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PETITION:

Freiheit für gesunde Nahrung!

Gesunde Ernährung ist für uns alle wichtig und darf nicht verhindert werden.

Foto: © Pitopia, Ildiko Papp, 2015

Europa schränkt schon seit längerem den Verzehr von Lebensmitteln

durch die Novel-Food-Verordnung ein. Lebensmittel,

die seit hunderten von Jahren außerhalb der EU

verzehrt werden, werden künftig per se verboten und brauchen

eine Genehmigung durch die Novel-Food-Verordnung.

Wollen wir uns verbieten lassen, was wir essen wollen? Wir sagen

NEIN und fordern: Freiheit für gesunde Nahrung!

Machen Sie mit:

Online-Petition unter www.nem-ev.de

NEM e.V. Verband mittelständischer

europäischer Hersteller und

Distributoren von Nahrungsergänzungsmitteln

& Gesundheitsprodukten

e.V. 35


Nutrition-Press

Warum ist Homo cystein

so interessant?

Homocystein entsteht aus dem Methylierungszyklus, einem Stoffwechselweg

in unserem Organismus. Dieser Stoffwechselweg dient haupts ächlich

der Synthese von S-Adenosylmethionin, ein Cosubstrat fast aller Enzyme.

Durch die Methylgruppen werden die Biomoleküle übertragen. Diese Methyltransferasen

sind an Biosynthesen und Regulationsprozessen unseres

Stoffwechsels beteiligt.

Die Aminosäure Homocystein kann zu Cystein umgewandelt werden. Diese

Aminosäure dient zur Synthese von Glutathion.

Homocystein ist ein kurzlebiges Zwischenprodukt aus dem Stoffwechsel, wenn der

Organismus mit allem gut versorgt ist und keine entsprechenden Störungen aufweist.

Das bedeutet, je niedriger der Plasmaspiegel im Blut, umso besser für den Organismus.

Eine Erhöhung im Plasma fi ndet dann statt, wenn die intrazelluläre Konzentration zunimmt.

In diesem Falle entlastet sich die Zelle und führt das Homocystein ins Blut ab.

Bei zunehmendem Anstieg im Plasma spricht man von der Hyperhomocysteinämie.

Dies kann besonders mit zunehmendem Alter einhergehen.

36


Ernährung / Prävention

Hier können besonders die Bereiche Koronarien der kleinen

Hirnaterien sowie der peripheren Arterien betroffen

sein. Bereits eine geringe Erhöhung der Homocysteinkonzentration

kann das Endithel schädigen, wodurch

Gerinnungsprozesse ausgelöst werden.

Plaque in der Arterie

Eine Veränderung, die auch heute noch immer unterschätzt

wird und in der täglichen Praxis wenig Beachtung

fi ndet, obwohl diese Erkenntnisse seit 1962 bekannt sind.

In prospektiven Kohorten Studien (Fraingham, Hordaland)

konnte nachgewiesen werden, dass die Risiken für

Schlaganfall, Herzinfarkt, Venentrombosen, Demenz,

Osteoporose, Depression und weitere psychische

Störungen zunehmen.

Warum wird dieser Erkenntnis so wenig Bedeutung in

der täglichen Praxis geschenkt? Ein wichtiger Grund ist

sicherlich, dass hier die Prävention im Vordergrund

steht und des Weiteren nicht Medikamente sondern die

B­Vitamine zum Einsatz kommen müssen.

Homocystein fördert gleich mehrere artereosklerotische

Prozesse, ein Beispiel (die Oxidation von LDL,

Schaumzellbildung, Thrombozytenaggreation). Homocysteinerhöhung

im Plasmaspiegel kann gleichfalls als

Risikofaktor für artereothrombotische Gefäßprozesse

angesehen werden.

Was bedeutet dies alles?

Erhöhte Konzentration von Homocystein erhöht die Produktion

von sehr aggressiven Sauerstoffradikalen (H 2 O 2 )

und vermindert die Bildung von Stickstoffmonoxid. Diese

körpereigene Substanz wirkt gefäßerweiternd. Durch

H 2 O 2 ausgelöste freie Radikale können nun die Innenwände

der Arterien (Endothelschicht) verletzt oder zerstört

werden. Durch diese Verletzung entstehen Gerinnungsprozesse

die mit Ablagerung von Blutplättchen und

Fibrin einhergehen. Ist dieser Prozess einmal eingeleitet,

können sich in der weiteren Entwicklung fetthaltige Substanzen

ablagern und es kommt zur Plaquebildung. Der

Cholesteringehalt der abgelagerten Plaques liegt bei ca.

1 Prozent. Durch die ständigen Ablagerungen verengen

sich die Arterien bis zum Totalverschluss.

Senkt ein niedriger Homocysteinspiegel das

Schlaganfallrisiko?

Seit mehr als 10 Jahren wird die Hypothese diskutiert, ob

ein Einfl uss von Homocystein auf das Schlaganfall oder

Herzinfarktrisiko besteht.

Ja, ein solches Risiko besteht neben anderen Risikofaktoren

wie Rauchen, Übergewicht, hohe Blutfettwerten,

Bluthochdruck. Diese Risiken kann der Betroffene selbst

beeinfl ussen, nicht die Erkennung seines erhöhten Homocysteins.

Hier muss eine entsprechende Untersuchung

vorgenommen werden.

Eine Senkung des Homocysteinspiegels um 3 umol/l

lässt das Schlaganfallrisiko um 10 Prozent sinken, eine

Senkung des Homocysteinspiegels um 25 Prozent lässt

das Risiko um 20 Prozent sinken. Metaanalysen zeigen

jedoch, dass die Risikoabschwächung erst nach ca. 3

Jahren greift. Dies benötigt eine lange Behandlungszeit.

Ein gesunder Wert sollte unter 10 umol/l liegen. Mit zunehmendem

Alter steigt das Risiko, daher sollte hier immer

eine Zeitnahe Überprüfung durchgeführt werden

und nicht abwartend, ob der Wert eine steigende Tendenz

aufweist.

Eine sinnvolle Behandlung ist die Zuführung der Vitamine

B12, B6, und Folsäure. B12 ist zudem wichtig für die Zellkernreifung.

Warum besteht die Gefahr, dass B12 dem

Organismus nicht mehr ausreichend zugeführt wird? Ein

wichtiger Grund ist der Rückgang des Intrinsic Factor

(wird im Magen gebildet) er ist ein spezielles Transportmolekühl,

was von den Belegzellen neben dem Transportprotein

Haptocorrin im Magen gebildet wird. Nachdem

das Vitamin B12 im Magen durch Enzyme aus der

37


Nutrition-Press

Nahrung gelöst wurde, wird es mit dem Haptocorrin

in den Dünndarm transportiert. Hier kann dann das B12

an den Intrinsic Factor angebunden werden und über

entsprechende Rezeptoren in die Schleimhaut weiter

in den Körper gelangen. Da in der täglichen Nahrung nur

geringe Mengen von B12 vorhanden sind, wird verständlich

wie wichtig ein ausreichender Intrinsic Factor ist.

Ein Rückgang kann schon früh eintreten, besonders ist

hier der Raucher angesprochen. Mit zunehmendem Alter,

etwa ab 50 Jahre sollte auch der Homocysteinspiegel

überprüft werden. Dieser sinkt mit zunehmendem Alter.

Menschen, die oft unter Gastriden leiden, sollten immer

ihren Homocyteinspiegel überprüfen lassen.

Bei einem reduzierten Intrinsic Factor sollten die täglichen

Gaben von B12 in kleinen Mehrfach-Dosen erfolgen,

ein Zuviel wird nutzlos ausgeschieden.

Will man eine sichere Therapie durchführen, um Homocystein

abzubauen, sind gleichfalls Vitamin B6 und

Folsäure sinnvoll. Nach mehr als 40 jähriger Erfahrung

konnte ich den Betroffenen mit der Injektionstherapie

und den späteren oralen Verabreichungen helfen. Bei

den Therapien müssen die möglichen Verursacher mit

therapiert werden. Hier gilt besonders der Lehrsatz

„Ursachenbehandlung und nicht nur Symptome bekämpfen.“

Vitamin B6 ist durchaus ein Multitalent in unserem Stoffwechsel.

Unter dem Begriff Vitamin B6 sind 3 wichtige

Formen vereint: Pyridoxal, Pyridoxin und Pyridoxamin.

Pyridoxal-5-Phosphat ist die Form von B6 die als Coenzym

in wichtigen Stoffwechselprozessen vorkommt und

hat somit in unserem Stoffwechsel eine große Bedeutung.

Bei Mangel an B6 sind neben dem Abbau von Homocystein

in Cystein und damit die Risikosenkung für

kardiovaskuläre Erkrankungen weitere Erkrankungen

möglich z.B.: Hauterkrankung (Seborrhea), Depression,

Erschöpfung, Verwirrtheit, Tremor, usw.

Vitamin B6 bringt Verbesserung z.B.: Senkung des Homocysteinspiegels

und Verringerung des kardiovaskulären

Risikos, Hemmung der Virenentwicklung bei Herpes,

Unterstützung des Immunsystems, positive Wirkung bei

Karpaltunnelsyndrom usw.

Folsäure ein weiteres wichtiges Vitamin aus der

Reihe der B-Vitamine

Folsäure und Vitamin B12 stehen in einer engen Beziehung.

Beide Vitamine bewirken im Zusammenspiel die

So sollte am Anfang immer die Injektion stehen

Nach entsprechendem Aufbau des Magens mit naturheilkundlichen

Mittel kann dann mit der oralen Einnahme

begonnen werden. Bei Risikopatienten sollte jedoch in

entsprechenden Abständen weiter eine Injektion verabreicht

werden.

Literatur

• The American Journal of Clinical Nutrition Derminaten der Plasmagesamthomocysteinkonzentration in der Framingham offsprin –

Kohorte 1, 2, 3, 4

• Institut für Medizinsche - Diagnostik Berlin – Potsdam

• Abels, J., Vegter, J.J.M., Woldring, M.G., Jans, J.H. and Nieweg, H.O. (1959), The Physiologie Mechanism of Vitabin B12 Absorption.

• Acta Medica Skandinavia, 165: 105 - 113

• Without Intrinsic Factor. David Rotter

• Zentrum für Humangenetik, Homocystein Netzwerk,

• Neue Risikofaktoren Universitätskrankenhaus Eppendorf – Hamburg

• Deutsches Grünes Kreuz für Gesundheit e.v.

• Dachliga Homocystein

38


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Ernährung / Prävention

Bildung von Purin und Pyrimidin. Die Folsäure nimmt

auch bei der Transformation an einigen Aminosäuren teil,

so beispielweise an der Umwandlung von Homocystein

zu Methionin. Durch diese Möglichkeit kann das kardiovaskuläre

Risiko gesenkt werden.

Folsäure-Mangel kann zu Müdigkeit, Depression, Verdauungsstörungen

führen, um nur einige Bereiche aufzuführen.

Es gibt keine Lagerstätte in unserem Körper, so

macht sich eine Mangelernährung kurzfristig bemerkbar.

Mangelerscheinungen können auch auftreten bei: Störung

der Resorption im Darm, Alkoholismus, bei Einnahme

bestimmter Medikamente, um auch hier nur einige zu

nennen.

Überprüfen wir unsere Nahrungskette

Vieles ist in unserer heutigen Ernährung nicht mehr oder

nur noch in abgeschwächter Form enthalten. Besonders

müssen Veganer und Vegetarier auf eine unterstützende

Ernährung achten, um die notwendigen Vitamine zu erhalten.

Immer deutlicher wird die Zuführung von Nahrungsergänzungsmitteln

auf Grund solcher Erkenntnisse. Oft

gibt es umfangreiche Diskussionen mit den Krankenkassen

und Versicherungen oder ihrer Gutachter, ob hier

eine Erstattung möglich ist, weil B-Vitamine auf Grund

von Untersuchungen insbesondere bei erhöhtem Homocystein

sinnvoll sind.

Da hilft ein Gerichtsurteil (AZ: 30C 502/03-75):

„Nahrungsergänzungsmittel, die nicht zum Zweck der

Ernährung oder des Genusses verschrieben werden, sind

zu erstatten.“

Im medizinischen Bereich kann man über viele Dinge viele

Jahrzehnte diskutieren, wenn aber vieles dafür spricht,

Risiken auszuschalten, Menschen zu helfen, sie vor

schweren körperlichen Schäden zu bewahren, kann die

Diskussion nur im Hintergrund geführt werden. Das Gebot

der Stunde ist, nach der Erfahrung und den heutigen

Erkenntnissen zu helfen.

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wir mehrere 1000 Produkte initiiert, die Produkte

bis zur Markteinführung durch unsere

Kunden betreut und produziert.

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Heilpraktiker,

Vorsitzender des EFN – European

Federation for Naturopathy E.V.

und Kooperationspartner des NEM e.V.

Leiter des Steinbeis-Transfer-Instituts

Gesundheitsprävention, Therapie

und Komplementärmedizin

Fachlicher Beirat des NEM e.V.

Besonders stolz sind wir auf unsere Innovationen

und unseren hohen Qualitätsmaßstab, bestätigt

durch einen internationalen Innovationspreis

und häufi g gelobte, „für gut befundene“

Produkte in deutschen Warentests.

DR. WERNER PHARMAFOOD GmbH

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Tel.: +49-(0)8106-307375

39

Fax.: +49-(0)8106-308769

email: info@dr-werner-pharmafood.de


Nutrition-Press

Schwermetalle –

Ein Revival

alter Bekannter

Schwermetalle stellen ein Gesundheitsrisiko dar –

ein neuer ein facher Schnelltest ermöglicht Belastungsmonitoring

Schwermetalle – Vorkommen

Vor einigen Jahren war das Thema „Schwermetalle/

Schwer metallbelastungen“ in Verbindung mit Amalgam

füllungen in kariösen Zähnen in aller Munde. Die

Diskussion über einen Zusammenhang zwischen einer

Schwermetallbelastung und dem Abrieb im Mundbereich

wurde sehr kontrovers geführt. In den nachfolgenden

Jahren konnte aber doch eine messbare, wenn

auch geringe Schwermetallbelastung durch Amalgam­

Abrieb aufgezeigt werden.

Mit der zunehmenden Zahnhygiene und Verwendung

von Keramikfüllungen geriet das Thema Schwermetallbelastung

etwas aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Zu

Unrecht, denn Schwermetalle fi nden sich im gesamten

biologischen Kreislauf. Selbst wenn das Benzin kein

Blei mehr enthält, weniger Amalgam verwendet wird

und die Emissionen der Schwerindustrie um 70 ­ 90

Prozent deutlich gesenkt werden konnten (Umwelt­

Bundesamt 2014) – die Schwermetalle werden immer

neu in die Umwelt eingetragen. Nahezu alle Verbrennungs­

und viele Produktionsprozesse emittieren

schwer metallhaltige Gase oder Stäube. Bei hohen Anteilen

an Cadmium, Blei oder Quecksilber kann hier ein

hohes Gefährdungspotential entstehen.

Mit der Einführung der neuen Energiesparlampen arbeitet

sich das Thema Schwermetalle wieder nach vorn

in den Blickpunkt des Interesses: bei der Produktion

dieser Leuchtmittels wird u.a. das hochgiftige Quecksilber,

auch der Hauptbestandteil der alten Amalgamfüllungen,

verwendet.

Weitestgehend unbeachtet ist die Tatsache, dass z. B.:

Quecksilber in vielen Produkten verwendet wird und

wurde, und somit immer wieder in den biologischen

Kreislauf eingespeist wird.

Der BUND – Bund für Umwelt und Naturschutz

Deutschland – beklagt eine hohe Schwermetallbelastung

in den Mündungsbereichen großer Flüsse und im

Meer. Durch die regelmäßige Ausbaggerung der Flüsse,

um tiefe Fahrrinnen für die Megacontainerschiffe zu gewährleisten,

fallen große Mengen als Abraum an, der in

hohen Konzentrationen giftige Schwermetall­Cocktails

enthält. Der Abraum wird häufi g im Meer verklappt, so

dass ein Teil der Schwermetalle über die Nahrungskette

wieder in den biologischen Kreislauf gerät.

Aber Schwermetalle fi nden sich auch in kommunalen

Abwässern und Klärschwämmen. Quellen sind hier z.B.:

alte Bleirohre, häusliche Verbrennungsanlagen, medizinischer

Bereich, Fahrbahnabrieb.

Schwermetalle – chemisch gesehen

Zu den Schwermetallen zählen eine ganze Reihe von

Metallen. Eine genaue Defi nition für den Begriff Schwermetalle

gibt es nicht. Man hat sich allgemein darauf

verständigt, dass alle Metalle mit einer Dichte größer

als 5 g/cm 3 zu den Schwermetallen zählen.

40


Ernährung / Prävention

stoffes mit der Konsequenz eines Gesundheitsrisikos

ist natürlich genauso gegeben.

Im nachfolgenden wird der Kreislauf der bekanntesten

Schwermetalle kurz dargestellt.

Auf eine detaillierte Darstellung der Toxikologie wird im

Rahmen dieses Artikels verzichtet. Der Autor verweist

auf die einschlägige Fachliteratur.

Neben den bekannten, giftigen Schwermetallen wie

z. B.: Blei (Pb), Cadmium (Cd), Quecksilber (Hg) oder

Palladium (Pd), gehören auch die Elemente Eisen (Fe),

Mangan (Mn), Kupfer (Cu), Chrom (Cr) oder Zink (Zn)

dazu. Diese Metalle sind, im Gegensatz zu der erstgenannten

Gruppe, in kleinen Mengen lebenswichtig für

Pfl anzen, Tiere und Menschen; sie werden daher als

essentielle Schwermetalle oder auch, im allgemeinen

Sprachgebrauch besser bekannt, als Spurenelemente

bezeichnet. Allerdings können selbst diese essentiellen

Spurenelemente bereits bei leichten Überdosierungen

für den menschlichen Organismus gesundheitsschädlich

sein.

Blei (Pb)

Die Giftigkeit von Schwermetallen ist z. T. schon seit

dem Altertum bekannt. Schon die Römer verwendeten

Bleiverbindungen zur Entsäuerung von Wein. Bleiacetat,

wegen seines süßen Geschmacks auch Bleizucker genannt,

wurde bis ins 19. Jahrhundert eingesetzt und

häufi g Weinen zur Geschmacksverbesserung beigemischt.

Ludwig van Beethoven ist ein prominentes Opfer

einer schleichenden Bleivergiftung. Seine Schwerhörigkeit

und Tod sind Folge seines Konsums an billigen,

mit Bleizucker versehenen Weinen.

Auch heute besteht die Hauptbleibelastung über die

Nahrungskette, z.B.: durch Grünkohl, kräuterhaltige

Trockensuppen oder Muscheltiere. In Haushalten mit

bleihaltigen Wasserleitungen ist auch eine Bleibelastung

über das Trinkwasser gegeben. Die Belastung über

die Luft ist eher gering. In industriellen Gebieten oder

stark Feinstaub­belasteten Städten kann die Belastung

über die Luft aber extrem steigen. Milchprodukte sowie

ein Mangel an Vitaminen und essentiellen Spurenelementen

steigert die Aufnahme von Blei, ebenso wie

Fasten oder Diäten.

Bleibelastung

in Muscheltieren

und Grünkohl

Im menschlichen Stoffwechsel verdrängen die Schwermetalle

mit einer höheren Dichte z. B. Quecksilber, Blei

und Cadmium die wichtigen, essentiellen Schwermetalle

wie z.B. Zink aus deren zellulären Bindungsstellen. In

diesem Fall ist die Aufnahme von Zink beeinträchtigt,

worunter die Funktion von Zellen und Entgiftungssystemen

leidet.

Schwermetalle in Umwelt und Nahrung

Die Aufnahme von Schwermetallen erfolgt über die Umwelt

oder Nahrungskette. Kritisch ist die konstante Aufnahme

kleiner Mengen, die sich in den Organen und

Geweben anreichern und zu einem Gesundheitsrisiko,

zu einer Gesundheitsbelastung, werden können. Der

medizinische Begriff „Belastung“ beinhaltet bereits das

Gesundheitsrisiko, während die Umweltmedizin nicht

so weit geht und unter dem Begriff „Belastung“ zunächst

die bloße Anwesenheit eines Schadstoffes versteht.

Aber das Risiko der Anreicherung eines Schad­

41


Nutrition-Press

Cadmium (Cd)

Cadmium ist ein ebenfalls weitverbreitetes Metall, das

in der Industrie häufi g eingesetzt wird. Das Metall fi ndet

sich in Farbpigmenten, Kunststoffen, Batterien oder im

Korrosionsschutz. Ähnlich wie bei Blei liegt auch hier

die Hauptbelastungsquelle in der Nahrung. Mit 36 Prozent

haben Weizenmehl­haltige Backwaren den höchsten

Anteil an der täglichen Cadmiumaufnahme. Weitere

Quellen können sein: Karotten (13 Prozent), Salat oder

Kartoffeln (18 Prozent). Die Belastung des Gemüses

kommt über eine Bodenbelastung durch das Ausbringen

Cd­haltiger Phosphatdünger oder Klärschlämme.

Über die Wurzeln werden die Schadstoffe in die Pfl anze

aufgenommen. Raucher haben eine bis zu 4­fach höhere

Cadmium­Konzentration im Blut als Nichtraucher.

Quecksilber (Hg)

Auch Quecksilber ist seit dem Altertum bekannt. Die

griechischen Ärzte setzen es als Heilmittel ein, wegen

der häufi g verwendeten toxischen Dosen allerdings mit

mäßigem Erfolg. Bis ins 20. Jahrhundert wurde Quecksilber

zur Behandlung der Syphilis, damals eine Volksseuche,

bis zur Entdeckung des Penicillins eingesetzt.

Heute werden in Deutschland jährlich noch ca. 20 Millionen

Amalgamfüllungen eingesetzt; das entspricht einer

Gesamtmenge an Quecksilber von ca. 10 t.

Quecksilber fi ndet sich in vielen Alltagsprodukten wie

Batterien, Thermostate, Thermometer, Manometer, Barometer,

oder Leuchtmittel (s.o.). In Deutschland werden

so jährlich 250 t Quecksilber und dessen Verbindungen

verbraucht. Im biologischen Kreislauf werden

durch bakterielle Zersetzung aus den schwerlöslichen,

weniger giftigen anorganischen Quecksilberverbindungen

leicht lösliche hochgiftige organische Quecksilberverbindungen,

die sich in der Nahrungskette anreichern.

Die höchsten Gehalte weisen fetthaltige Fischsorten

auf.

Look“­Instrument dem allgemeinen Verbraucher zur

Verfügung. Methodische Grundlage des Tests ist die im

Falle einer Belastung entstehende Verminderung der

Zinkresorption. Der Test verwendet eine indirekte Methode,

um eine allgemeine Belastung aufzuzeigen.

Der Test ist einfach und in wenigen Arbeitsschritten und

zu Hause durchzuführen. Als Probenmaterial wird Morgenurin

verwendet. Etwas Morgenurin in das Testgefäß

mit Testreagenz geben, Indikatorblatt dazu – der Testansatz

ist fertig. Das Testgefäß verschließen, leicht schütteln

und nicht mehr als 5 Minuten warten. Die Auswertung

erfolgt über eine chemische Farbreaktion. Bei ei­

Schwermetallmonitoring – sinnvolle Gesundheitsprophylaxe

Wie dargestellt, ist das Risiko, Schwermetalle aufzunehmen

vielfältig. Das Human Biomonitoring beschäftigt

sich mit der Bestimmung einer Stoffwechsel­Belastung

und gegebenenfalls mit deren Folgen im Organismus.

Im Rahmen eines Belastungsmonitoring werden Stoffe

oder deren Verbindungen in Körperfl üssigkeiten bestimmt.

Das Belastungsmonitoring erlaubt die Bewertung

der individuellen Gesamtbelastungssituation. Zusammen

mit der Bewertung weiterer individueller Faktoren

wie Wohnsituation, Ernährungsweise, Sozialstatus,

physischer Zustand kann hier ein sinnvoller Risikoindex

ermittelt werden.

Mit einem neuen, einfachen Schnelltest (Biomonitor

SCHWERMETALLE) steht zum ersten Mal ein „First­

42


Ernährung / Prävention

ner geringen Belastung bleibt der Test grün. Bei zunehmender

Belastungskonzentration verändert sich die

Farbe über grau zu rot (siehe Darstellung Farbkarte).

Der Gelbbereich stellt den Grenzbereich des Tests im

oberen Bereich dar. Der Test ist für den medizinischen

Laien geeignet und konzipiert. Testdurchführung sowie

Interpretation erfordern keine Fachkenntnisse.

medizin bewegen. Durch Arbeitsplatz­Exposition oder

andere Situationen kann es zu akuten Schwermetallver

gif tungen kommen, die umgehend schulmedizinisch

mit entsprechenden Maßnahmen behandelt werden

müssen.

Als „First­Look“­Test empfi ehlt er sich aber auch in Gesundheitsinstituten

wie z. B.: Arztpraxen sowie ganzheitliche

Zahnärzte mit kleinem Labor oder Heilpraktiker ­

Praxen. Gerade bei kurmäßigen (Schwermetall­) Entgiftungen

kann mit diesem Test der Fortschritt der Entgiftungsmaßnahme

beobachtet werden.

Im Rahmen eines ganzheitlichen Gesundheitsmanagements

ist eine regelmäßige Belastungskontrolle einmal

im Monat zu empfehlen. Wegen der in der Regel geringen,

aber dauernden Aufnahmemengen dauert die

Anreicherung bis zur „sichtbaren“ Schwelle eine Weile.

Ebenso müssen Entgiftungskuren gegebenenfalls durch ­

aus mehrmals durchgeführt werden, um die Schwermetalle

zu entfernen.

Ergänzend soll dargestellt werden, dass wir uns mit

dem Test im Bereich von Individual­ und Präventions­

Dr. rer. nat. Cornelia Friese-Wehr

Joining HEALTH Medicare Int. GmbH

Quellen:

• Reichl, F., Moderne Umweltmedizin, Lehmanns Media 2011

• Tomic, Str., Nutrition Press 3, 28 ­ 34, 2014

www.wikipedia.de

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43


Nutrition-Press

Indien – ein Markt für euro -

päische Nahrungsergänzungsmittel

und Kosmetik?!

Indien – als Beschaffungsmarkt

für Rohstoffe

Wer kennt sie nicht, die begehrten Rohstoffe, die seit der Antike ihren

Weg vom fernen indischen Kontinent nach Europa gefunden haben

und hier mit Gold aufgewogen wurden? Gewürze aus Kerala, Farben

aus Madras, Tee aus Darjeeling und viele uns fremdartig erscheinende

Früchte wie z. B. „Amla“ (Phyllanthus emblica).

Einerseits ist Indien noch immer eines der

Länder, in denen ein nicht unbedeutender

Teil der Bevölkerung nicht ausreichend oder zu einseitig

ernährt wird. Z. B. gibt es Reis und Linsen in allen denkbaren

Würzungen, aber diese Würzerei täuscht oft nur

eine Ernährungsvielfalt vor, lässt aber übersehen, dass

auf vielen Tellern zu wenige Nährstoffe aus sonstigen

Gemüsen, Früchten und Getreideprodukten angeboten

werden. Das Land hält einen Welt­Spitzenplatz beim

Vorkommen ernährungsbedingten Übergewichts (Zufuhr

zu vieler Kalorien) und Diabetes bei gleichzeitigen

Mangelerscheinungen aufgrund zu geringer Aufnahme

essentieller Nährstoffe.

44


Ernährung / Kosmetik

Wie steht es also um die Qualität indischer Produkte?

Natürlich kann hier keine verallgemeinernde Gesamtaussage

getroffen werden. Doch ein Blick in das Rapid

Alert System des Zolls der EU­Länder (https://webgate.ec.europa.eu/rasff)

zeigt, dass es an Bemängelungen

für Ware indischen Ursprungs nicht fehlt. Es gibt

indische Unternehmen, die eigene Fertigungsanlagen

für solche Ware betreiben, die nach Europa oder USA

exportiert wird, während die Ware für den innerindischen

Markt in anderen Fabriken hergestellt wird. Viele

indische Betriebe verfügen über die Audit­basierten

Zertifi zierungen (BFS, IFS, Bio/Organic etc.), die von

europäischen Kunden vorausgesetzt werden. Aber in

diesem Land stoßen Audit­basierte Zertifi zierungssysteme

eben an ihre Grenzen. Institut Kurz hat in den vergangenen

Jahren zahlreiche indische Rohstoffe und

Fertigprodukte im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel,

Kosmetik und Pharmaka auf Einhaltung gesetzlicher

Grenzwerte und auf Einhaltung der Hersteller­Spezifi

kation getestet. Als Fazit darf mit allem Respekt gezogen

werden: Ob der Lieferant Zertifi zierungen hat

oder nicht, es ist empfehlenswert jede einzelne importierte

Charge auf Einhaltung der zugesicherten Qualität

testen zu lassen. Wenn das gegeben und dem Lieferanten

bekannt ist, wird gleichbleibend hervorragende

Ware geliefert.

Andererseits ist Indien durchaus ein nennenswerter

Exporteur von Lebensmitteln und Rohstoffen für Lebensmittel,

Pharmaka und Kosmetik. Fruchtpüree von

Mangos der begehrten Sorte Alphonso, Curcumin, Soja­Proteine

sind Beispiele, also das Besondere, das es

nur aus Indien gibt (worauf wir später noch einmal eingehen)

und auch Massenprodukte, wie sie ebenfalls

aus anderen Ländern bezogen werden können. Bei letzteren

entscheiden natürlich der Preis inklusive der

Transport­ und Importkosten sowie die Einhaltung der

handelsüblichen Qualität. Bei ersteren sind es vor allem

die besonderen Eigenschaften der Ware sowie natürlich

auch dort die Einhaltung der zugesicherten Qualität.

Gibt es denn – über die handelsüblichen Rohstoffe

hinaus – besondere indische Rohstoffe,

die für europäische NEM-/Kosmetik-Hersteller

von Interesse sein können?

Nahrungsergänzungsmittel bzw. Gesundheitskosmetik,

örtlich auch „Nutraceuticals“ und „Cosmeceuticals“

genannt; Begriffe, die einerseits aus den Worten „Nutrition

bzw. Cosmetics und andererseits aus dem zweiten

Teil von „Pharmaceuticals“ gebildet sind, haben in

Indien ein wesentlich höheres Ansehen in der Bevölkerung,

bei den Vertretern des Gesundheitswesens und

auf regierungsamtlicher Seite als in Europa. So gibt es

in den Regierungen einiger indischer Bundesstaaten

eigene Abteilungen für ayurvedische Produkte („Ayush­

Department“), die den Auftrag haben, die Verbreitung

und Anwendung solcher Nutraciticals und Cosmeceuticals

zu fördern. Die Produkte werden von den zahlreichen

Heilpraktikern verschrieben und entweder in

Klein mengen traditionell in Handarbeit oder aber industriell

hergestellt. Im indischen Recht nehmen die Nutraceuticals

eine eigenständige Rolle neben den Lebensmitteln

und den Arzneimitteln ein (während Nahrungsergänzungsmittel

bzw. „Food for Special Groups“ [die

ehemaligen bilanzierten Diäten] in Europa ja spezielle

Untergruppen der Lebensmittel sind.). Dabei wird nicht

zwischen schützender (NEM) oder heilender (AM) Wirkung

unterschieden, sodass die in Europa übliche Abgrenzung

in Nahrungsergänzungsmittel und Arzneimittel

für Indien so nicht anwendbar ist.

Die Gesundheits­ und Heilslehren Ayurveda, Siddha

und Unani gehen auf z. T. zwei­ bis dreitausendjährige

(schriftlich verfasste) Traditionen zurück und haben Rezepte

hervorgebracht, die heute z. T. spezifi sch „Ayushceuticals“

genannt werden. Beispiele für solche ayurvedischen

Formulierungen sind (hier identifi ziert nur mit

dem „aktiven Hauptbestandteil“ und der ihm in der indischen

Tradition zugeschriebene gesundheitliche Wirkung.

In der Regel sind detaillierte Zubereitungsvorschriften

vorhanden):

• Haritaki (Terminalia Chebula): Soll die Verdauungsfunktionen

unterstützen, entschlackend auf den ganzen

Körper wirken, die Sehfähigkeit unterstützen.

• Satvari Ghrita (Asparagus Racemosus, ein Verwandter

des uns bekannten Gemüsespargels Asparagus

Offi cinalis): soll stillende Mütter unterstützen.

• Trikatu (Gemisch aus Piper Longum, Piper Nigrum,

Zingiber Offi cinale, Phyllanthus Amarus): Soll schützende

Wirkung gegen Lebererkrankungen haben.

45


Nutrition-Press

In den traditionellen Schriften (Chastras) lassen sich

hunderte weitere Rezepte für solche Nutraceuticals fi n­

den und somit auch hunderte Kandidaten für Ausgangstoffe

ggf. interessanter Nahrungsergänzungsmittel

oder Gesundheitskosmetik. In Europa ist dieser Schatz

an Rezepturkandidaten bisher weitgehend ignoriert

worden. Auch die Pharmaindustrie hat sich hierfür nicht

systematisch interessiert.

Lassen sich die traditionell zugeschriebenen

schützenden/heilenden Wirkungen denn nachweisen?

Den „theoretischen Überbau“ der Lehren von Ayurveda,

Siddha, Unani (z. B. Vata [Wind, Luft und Äther], das

Bewegungsprinzip; Pitta [Feuer und Wasser], das Feuerbzw.

Stoffwechselprinzip; Kapha [Erde und Wasser],

das Strukturprinzip) kann man, bei allem Respekt vor

der traditionellen Überlieferung, sicherlich als „nicht

verifi zierbar“ bzw. „wissenschaftlich nicht weiterführend“

bei Seite legen. Anders sieht es mit der gerade

von indischen Fachleuten immer wieder betonten Erkenntnisbasis

einer zweitausendjährigen Epidemiologie

(also einer über zweitausend Jahre gesammelten empirischen

Beobachtung eben dieser schützenden/heilenden

Wirkung) aus. Dieser lange Beobachtungszeitraum

und die Vielzahl der Fälle würden in der Tat die empirische

Basis für den Wirkungsnachweis vieler europäischer

Nahrungsergänzungsmittel, Gesundheitskosmetika

und Arzneimittel bei weitem übertreffen. Leider ist

diese reiche empirische Erfahrung zu den indischen

Nutraceuticals zwar schriftlich aber im wissenschaftlichen

Sinne nur schlecht dokumentiert. Praktisch alle

Ansprüche, die man heute an empirisch verwertbare

Daten stellt (z. B. Defi nition der beobachteten Fälle, beobachtete

Fallzahl, Positiv­ und Negativergebnisse, Beschreibung

der Begleitumstände) sind in aller Regel für

diese indischen Rezepte nicht erfüllt, ganz zu schweigen

von einer exakten chemisch/molekularbiologischen

Beschreibung.

Die hunderten traditionellen Ayurveda­, Siddha­, Unani­

Rezepte sind daher eine interessante Quelle für neue

Nahrungsergänzungsmittel, Heilkosmetika oder auch

Arzneimittel, es führt aber kein Weg daran vorbei, dass

vor einem Einsatz in Europa zwei Fragenkomplexe nach

den heutigen in Europa geltenden Anforderungen geklärt

werden müssen:

• Sind die jeweiligen Rohstoffe in Europa zugelassen?

(Oder würden sie „noch nicht zugelassene“ Botanicals

oder Novel Food etc. sein, die einem Zulassungsverfahren

unterzogen werden müssen?)

• Kann der Wirkungsnachweis gemäß heutigen europäischen

Anforderungen erbracht werden? (Bekanntlich

bestehen hier unterschiedliche Anforderungen

an den Wirkungsnachweis für Nahrungsergänzungsmittel,

Heilkosmetika, Arzneimittel). 1 )

Indien – als Absatzmarkt für europäische Nahrungsergänzungsmittel

Der Markt: Obwohl (oder gerade weil?) die Speisen in

Indien traditionell überwiegend vegetarisch sind, gilt

die Ernährung weiter Teile der indischen Bevölkerung

hinsichtlich der Zufuhr an essentiellen Nährstoffen als

nicht ausgewogen. (Unterschiedlich gewürzter Reis ist

eben noch kein variantenreiches vegetarisches Gericht).

Das wird auch von den damit befassten Behörden

so beurteilt. Die zusätzliche Supplementierung

durch Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ist für

die Schichten, die es sich leisten können, daher eher

die Regel als die Ausnahme. Bei der Abschätzung die­

46

1 Institut Kurz betreibt in Kooperation mit der indischen

Kasturba Health Society, Sthankvasi Jain

Aarandhan Dham, Mumbai 400056, ein Projekt zur

„Reverse Pharmakology“ in dem für vier solcher traditioneller

Formulierungen die exakte chemische

und molekularbiologische Charakteri sierung und

der Wirkungsnachweis erbracht werden soll.


Ernährung / Kosmetik

ses derzeit schon vorhandenen Marktes in Indien hilft

der folgende Vergleich weiter: Wenn in Deutschland

ggf. jeder zehnte Einwohner gesundheitsbewusst und

wohlhabend genug ist, um sich Nahrungsergänzungsmittel

zu leisten, und wenn dies in Indien vielleicht nur

auf jeden hundertsten Einwohner zutrifft, so sind es

dann immer noch deutlich mehr potentielle indische

Kunden (ca. 12 Mio.) als deutsche (ca. 8 Mio). Tendenz

weiter rapide steigend, einerseits durch das Bevölkerungswachstum

und andererseits durch den ökonomischen

Aufstieg weiterer Bevölkerungsschichten. Der

indische Markt für industriell gefertigte Nutraceuticals

wird für 2017 auf ca. 6 Milliarden US$ geschätzt. Indische

Branchenstatistiker gehen davon aus, dass dort in

ca. 10 bis 15 Jahren der Markt für Nutraceuticals größer

sein wird als der Pharmamarkt. Wo fi ndet man sonst

noch solche Wachstumsmärkte?

Für einen Absatz europäischer Produkte in Indien

spricht:

• Europäische (und speziell britische, schweizerische

oder deutsche Produkte) genießen einen exzellenten

Ruf beim Konsumenten sowie bei den dort so wichtigen

Heilpraktikern

• Die notwendigen Zulassungen über das zuständige

föderale Ministerium (FSSAI = Food Saferty and

Standards Agency of India) werden wohlwollend begleitet

(siehe die oben angeführte generelle Aufgeschlossenheit

der Behörden)

• Eine der europäischen Health Claims Verordnung

analoge Vorschrift hinsichtlich der Anforderungen an

die auszulobenden Wirkungen ist zwar in Vorbereitung,

aber noch (lange?) nicht in Kraft. Die bisherigen

Entwürfe zeigten, dass man aus den internationalen

Erfahrungen lernen will und die Anforderungen für

Claims in Indien deutlich praxisnäher als beim europäischen

Vorbild gestalten will

• Englisch wird überall in der indischen Geschäftswelt

und bei vielen Konsumenten verstanden.

Zu beachten ist jedoch:

• Die sprichwörtliche indische Administration wird man

nur mit einem indischen Partner vor Ort erfüllen

können

• die im internationalen Handel üblichen kommerziellen

Gepfl ogenheiten (Akkreditiv oder Vorkasse etc.) zum

Selbstschutz sind unbedingt einzuhalten, werden von

den indischen Partnern auch verstanden und als normal

akzeptiert, weil der Rechtsweg für Europäer

nicht einfach ist

Hon. Prof. Dr. Helmut Weidlich

• Geschäftsführender Gesellschafter der Institut Kurz GmbH

• Honorarprofessor der Tamil Nadu Agricultural University,

Coimbatore, India benannter Sachverständiger für Nutraceuticals

der All-India Handelskammer FICCI (Federation

of Indian Chambers of Commercea and Industry)

sowie assoziiertes Mitglied der Tamil Nadu Ayurvedic, Siddha

and Unani Drug Manufacturers Association (TASUDMA)

• Fachlicher Beirat des NEM e. V.

• Standortwahl ist gleichbedeutend mit Marktwahl. Die

einzelnen indischen Bundesstaaten sind extrem unterschiedlich,

wesentlich unterschiedlicher als die

zur EU­gehörenden Staaten untereinander, in Kultur,

Sprache, Schrift, Kaufkraft.

Die Markterkundung

Eine der besten Gelegenheiten den indischen Markt für

Nahrungsergänzungsmittel aus erster Hand kennen zu

lernen, ist die Teilnahme als Besucher oder auch Aussteller

an der alljährlichen Konferenz und Messe „Nutra

India Summit“, deren 10. Ausgabe demnächst wieder

vom 18. bis 20. März 2015 in Mumbai stattfi nden wird:

http://www.nutraindiasummit.in/nutra_2015/index.

php. Marktsegmente, Kundenpotentiale, mögliche indische

Partner, Entwicklungs­ und Konsumententrends,

alles dies wird dargestellt. An der letztjährigen gleichen

Veranstaltung, der „9th Nutra India Summit“ haben alle

52 Vortragende, über 50 Aussteller und 2500 Besucher,

ausschließlich zum Thema „Nutraceuticals“ teilgenommen.

NEM e.V. wird zusammen mit Institut Kurz auf dieser

Konferenz und Messe mit eigenem Stand vertreten

sein. Wir laden interessierte Mitglieder ein, ebenfalls als

Besucher oder als Aussteller (jeweils zu Vorzugskonditionen)

teilzunehmen. Ein reichhaltiges Hauptprogramm

und interessante Nebenprogramme führen in den indischen

Markt als Rohstoffl ieferant oder als Absatzmarkt

für Fertigprodukte ein.

Natürlich ist es auch möglich, individuell den indischen

Markt zu erkunden. Wer hier Unterstützung sucht, kann

sich gerne an den Vorstand des NEM e.V. oder Institut

Kurz wenden.

47


Nutrition-Press

Gefahrstoffe im Griff:

Neues Angebot für verbessertes

Gefahrstoffmanagement

Der sichere Umgang mit Gefahrstoffen ist vor allem für kleine und mittlere

Betriebe (KMU) oft eine besondere Herausforderung. Um ihre Mitgliedsunternehmen

darin noch besser zu unterstützen, haben die Berufsgenossenschaft

Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) und die Berufsgenossenschaft

Holz und Metall (BGHM) jetzt die gemeinsame „Geschäftsstelle Gefahrstoffinformation“

gegründet.

Die Geschäftsführer Ulrich Meesmann

(BG RCI) und Dr. Albert Platz (BGHM)

sind überzeugt, dass mit dieser Neugründung die Mitgliedsbetriebe

in ihrer Kompetenz für die Prävention

von betrieblichen Gesundheitsgefahren gestärkt werden.

„Unser Ziel ist es, das gemeinsame Know­how zusammenzuführen,

um die bereits bestehenden Angebote

zum Gefahrstoffmanagement zu bündeln, weiterzuentwickeln

und zu optimieren“, erläutert Geschäftsstellenleiter

Dr. rer. nat. Thomas Martin, Mitarbeiter im

Kompetenz­Center Wissenschaftliche Fachreferate der

BG RCI.

Bisher haben die beiden beteiligten Unfallversicherungsträger

jeweils eigene Gefahrstoffi nformationssysteme

betrieben. Das GisChem der BG RCI (www.gischem.de)

beinhaltet Datenblätter mit Informationen zum sicheren

Umgang mit Gefahrstoffen, interaktive Module zur Erstellung

von Betriebsanweisungen sowie den GHS­Kon­

verter und den GHS­Gemischrechner. Die GISMET der

BGHM (www.gismet­online.de) besteht aus Datenblättern

und Betriebsanweisungsentwürfen. Beide Gefahrstoffi

nformationssysteme orientieren sich an den speziellen

Anforderungen der jeweiligen Branchen, stehen

aber allen Interessierten kostenlos zur Verfügung.

„Durch die Kooperation können wir unser Angebot nun

auf eine deutlich breitere Basis stellen und gleichzeitig

Synergieeffekte nutzen, da Gesetzesänderungen oder

andere Neuerungen nur noch einmal eingepfl egt werden

müssen“, freut sich Dr. Wolfgang Damberg, Präventionsleiter

der BGHM.

In den nächsten Monaten wird die Geschäftsstelle Gefahrstoffi

nformation die bisherigen Informationen überarbeiten

und neu konzipieren. Das neue, gemeinsame

Angebot soll Anfang 2015 zur Verfügung stehen.

Weitere Informationen:

Geschäftsstelle Gefahrstoffinformation

c/o Berufsgenossenschaft Rohstoffe

und chemische Industrie (BG RCI)

Kurfürsten­Anlage 62

69115 Heidelberg

Telefon: 06221 5108­28360

E­Mail: thomas.martin(at)bgrci.de

Quelle: BG RCI > Presse & Medien > Pressemitteilung

48


eBay-Auktionen:

Vorsicht beim Abbruch

Sei es das zu klein gewordene Kinderfahrrad, die Designer-

Jeans oder das vorletzte Handymodell: Wer etwas verkaufen

möchte, tut dies heutzutage oftmals über eBay. Das Einstellen

eines Artikels geht ja auch (fast) kinderleicht. Doch wie

sieht es aus, wenn man sich doch nicht vom lieb gewonnenen

Stück trennen mag, der Nachbar inzwischen Interesse

am Kinderfahrrad bekundet oder die erhofften hohen Gebote

ausbleiben?

Natürlich bietet eBay die Möglichkeit, Auktionen auch wieder abzubrechen.

Das geht allerdings nur unter engen Voraussetzungen,

will man sich nicht hinterher Schadensersatzforderungen ausgesetzt sehen, wie das

jüngste Urteil des Bundesgerichtshof (BGH) zum Thema zeigt. Die ARAG Experten

sagen Ihnen, was Sie bei einem Abbruch beachten sollten und informieren außerdem

über die Tricks der sogenannten „Abbruchjäger“.

49


Nutrition-Press

Wie funktioniert ein Vertragsschluss bei eBay?

Nach den Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches

(BGB) wird ein Vertrag in der Regel durch zwei übereinstimmende

Willenserklärungen – Angebot und Annahme

genannt – geschlossen. Beim Verkauf von Waren

ist das „Angebot“ auf einer Internetseite oder –

ganz klassisch – im Schaufenster dabei aber nur eine

Aufforderung an den Kunden, ein Angebot im Rechtssinne

abzugeben. Die Annahme und damit der Vertragsschluss

erfolgt erst durch die Bestellbestätigung

des Onlineshops oder an der Kasse. Bei Versteigerungen

über eBay sieht dies anders aus: Laut den Allgemeinen

Geschäftsbedingungen (AGB) des Portals machen

Sie, wenn Sie einen Artikel auf eBay.de einstellen,

nämlich bereits ein verbindliches Angebot auf den Abschluss

eines Vertrages über diesen Artikel. Bietet ein

Käufer nun auf den Artikel, erklärt er damit die Annahme

Ihres Angebots. Sein Gebot erlischt, wenn ein

höheres Gebot abgegeben wird. Mit demjenigen, der

bei Ablauf der Auktion das Höchstgebot abgegeben

hat, kommt schließlich ein Vertrag zustande.

Abbruch nur bei berechtigtem Grund

Doch auch bei einem vorzeitigen Abbruch der Auktion

durch den Verkäufer kann ein wirksamer Kaufvertrag

zustande gekommen sein, sofern zu diesem Zeitpunkt

bereits Gebote auf den Artikel abgegeben wurden. In

diesem Fall sind Sie verpflichtet, den Artikel an den zum

Zeitpunkt des Abbruchs Höchstbietenden herauszugeben.

Anders sieht es nach den eBay-Regeln nur dann

aus, wenn Sie einen berechtigten Grund hatten, Ihr Angebot

zurückzunehmen und die schon abgegebenen

Gebote zu streichen. Dabei gibt es laut den AGB zwei

Arten von Gründen:

Sie haben sich beim Einstellen des Artikels geirrt,

d. h. es liegen die Voraussetzungen der gesetzlichen

Irrtumsanfechtung (§ 119 BGB) vor. Das kann z. B. der

Fall sein, wenn Sie aus Versehen einen falschen Startpreis

oder Sofort-Kaufen-Preis eingegeben haben (sogenannter

Erklärungsirrtum) oder den Artikel versehentlich

bei eBay eingestellt haben, weil Sie ihn vorher

schon verkauft hatten (sogenannter Inhaltsirrtum).

Denkbar ist auch, dass Sie sich über ein entscheidendes

Merkmal des Artikels geirrt haben, also etwa dachten,

der angebotene Sessel sei ein Nachbau, tatsächlich

handelt es sich aber um ein originales Designer-

Stück (sogenannter Eigenschaftsirrtum). Dass in diesen

Fällen für den Verkäufer ein berechtigter Grund vorliegt,

sich von seinem Angebot zu lösen, hat Anfang des Jahres

auch der Bundesgerichtshof (BGH) in einem Urteil

erneut be stätigt (Az.: VIII ZR 63/13).

Sie können den Artikel aus Gründen, die Sie nicht verschuldet

haben, nicht an den Höchstbietenden herausgeben.

Darunter fällt z. B. der Diebstahl des Artikels

nach Beginn der Auktion. Aber auch, wenn Sie den Artikel

verlieren oder er beschädigt wird, sind Sie berechtigt,

die Auktion zu beenden. Denken Sie aber daran,

dass Sie den Grund für den Abbruch im Zweifelsfall

dem Höchstbietenden gegenüber nachweisen müssen!

Kein Grund für eine vorzeitige Beendigung des Angebots

liegt hingegen vor, wenn Sie den eingestellten Artikel

während der Dauer der Auktion anderweitig verkauft

oder verschenkt haben. Auch das Argument, Sie

hätten es sich anders überlegt und wollten den Artikel

nun doch nicht mehr verkaufen, zählt nicht. Gleiches

gilt selbstverständlich für den Fall, dass Sie angesichts

des Verlaufs der Auktion befürchten, den gewünschten

Preis nicht erzielen zu können.

50


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Unser Praxistipp, wenn Sie eine Auktion abbrechen

müssen

Wenn Sie eine Auktion abbrechen, für die es schon Gebote

gibt, werden die Bieter von eBay zwar über die

vorzeitige Beendigung des Angebots informiert. Wenden

Sie sich in diesem Fall aber dennoch selbst an den

Höchstbietenden und teilen ihm Ihren (berechtigten)

Grund für den Abbruch mit. So beugen Sie eventuellen

Streitigkeiten vor.

Das Risiko von Schadensersatzforderungen

Brechen Sie eine Auktion ohne berechtigten Grund ab,

sollten Sie sich klar darüber sein, dass Sie sich gegenüber

dem Höchstbietenden unter Umständen schadensersatzpflichtig

machen, wenn Sie den Artikel nicht

herausgeben können oder wollen. Der Höchstbietende

ist dann so zu stellen, als ob der Vertrag ordnungsgemäß

erfüllt worden wäre. Konkret bedeutet das: Sie

müssen ihm die Differenz zwischen seinem Gebot –

sprich dem Kaufpreis – und dem Marktwert des Artikels,

den er durch den Abbruch der Auktion nicht erhalten

hat, erstatten. Je niedriger das Höchstgebot also

war, desto höher kann der Schadensersatzanspruch

des Höchstbietenden ausfallen.

Das musste in dem eingangs bereits erwähnten Urteil

des BGH nun auch der Verkäufer eines Gebrauchtwagens

erfahren. Er hatte beim Einstellen des Wagens –

wissentlich – ein Mindestgebot von einem Euro festgesetzt.

Der klagende Käufer bot kurz nach Beginn der

Auktion eben diesen einen Euro. Einige Stunden später

brach der Verkäufer die Auktion ab. Per E-Mail teilte er

dem Kläger als Höchstbietendem mit, er habe außerhalb

der Auktion einen Käufer gefunden, der 4.200 Euro

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51


Nutrition-Press

zahlen wolle. Daraufhin verlangte der Kläger von ihm

Schadensersatz in Höhe von 5.249 Euro – ausgehend

von einem Wert des Fahrzeugs von 5.250 Euro abzüglich

des einen Euros, den er geboten hatte. Der BGH

gab ihm jetzt Recht: Den Auktionsgegenstand zu einem

Schnäppchenpreis zu erwerben, mache gerade den

Reiz von Internetauktionen aus. Ein krasses Missverhältnis

zwischen Höchstgebot und Marktwert führe

deshalb nicht zur Unwirksamkeit des Vertrages. Im Gegenteil

trage der Verkäufer dieses Risiko, wenn er einen

derart niedrigen Startpreis wähle und die Auktion dann

auch noch ungerechtfertigt abbreche, so das Fazit der

Richter (Az.: VIII ZR 42/14).

Die Tricks der „Abbruchjäger“

Dass sich Verkäufer bei einem unberechtigten Abbruch

der Auktion schadensersatzpfl ichtig machen, nutzen in

letzter Zeit auch vermehrt sogenannte „Abbruchjäger“

aus. Sie geben nur zu dem Zweck Gebote ab, um bei

einem Abbruch der Auktion vom Verkäufer Schadensersatz

zu verlangen. Das Prinzip ist einfach: „Abbruchjäger“

bieten unter wechselnden Accounts auf zahlreiche

Artikel gleichzeitig. Dabei geben Sie gleich zu Beginn

der Auktion ein Gebot ab, dass nahe am Marktwert

des angebotenen Artikels liegt. Weil „echte“ Interessenten

bei den meisten Auktionen erst kurz vor Ablauf

höhere Gebote abgeben, bleiben sie so möglichst

lange Höchstbietender – und lauern dann auf abgebrochene

Auktionen, um anschließend vom Verkäufer

Schadensersatz zu fordern. Da die „Abbruchjäger“

tatsächlich aber kein Kaufi nteresse

haben, ist ihre Forderung nach Schadensersatz

rechtsmissbräuchlich.

Das hat z. B. das Amtsgericht

(AG) Alzey im Fall einer abgebrochenen

Auktion über

ein iPhone entschieden. Das

Höchstgebot zum Zeitpunkt

des Abbruchs lag zwar deutlich

unter dem Marktwert.

Der Höchstbietende hatte jedoch

nachweislich bei mehr

als 100 Auktionen auf Elektroartikel

geboten und in mehreren Fällen

schließlich Schadensersatz verlangt.

Das Gericht ging deshalb von einem rechtsmissbräuchlichen

Verhalten aus und wies seine Klage

ab (Az.: 28 C 165/12).

Was können Opfer von „Abbruchjägern“ tun?

Haben Sie den Verdacht, Opfer eines „Abbruchjägers“

geworden zu sein, sollten Sie zunächst im Internet recherchieren,

ob die Forderung von einem der einschlägig

bekannten und zum Teil von eBay auch bereits gesperrten

Accounts kommt. Ist dies der Fall, sollten Sie

dem Anspruchsteller gegenüber auf das mangelnde

Kaufi nteresse verweisen. Außerdem sollten Sie in jedem

Fall eBay über Ihren Verdacht informieren.

Angebote bei eBay nicht vorzeitig stoppen

Wer eine Ware bei eBay zum Verkauf anbietet, erklärt

zum Zeitpunkt der Einstellung des Artikels und der Freischaltung

des Angebots, dass er das höchste wirksam

abgegebene Kaufgebot annimmt. Die logische Konsequenz

daraus: Ist ein eBay­Versteigerer

mit den abgegebenen Geboten für seine

Ware unzufrieden, hat er Pech

gehabt und sollte die Auktion nicht

einfach abbrechen. Auch im Fall

der vorzeitigen Beendigung

durch den Anbieter kommt zwischen

diesem und dem Meistbietenden

nämlich grundsätzlich

ein Kaufvertrag zustande.

ARAG Experten weisen darauf

hin, dass es im Extremfall sogar

Schadenersatzansprüche gegen den

Verkäufer geben kann, wenn dieser das

Gebot nicht akzeptieren will. So geschehen

in einem konkreten Fall, in dem ein Mann seinen

Wagen bei eBay verkaufen wollte. Der geschätzte Verkehrswert

des Fahrzeugs lag bei 7.000 Euro. Das

Höchstgebot zum Zeitpunkt des Auktionsabbruchs betrug

ca. 4.500 Euro. Der Verkäufer wollte das Auto

nicht ausliefern und hat es anderweitig veräußert. Der

Bieter klagte. Die Richter verdonnerten den Versteigerer

daraufhin zu einer Schadenersatzzahlung von rund

2.500 Euro an den leer ausgegangenen Bieter – die

Differenz zwischen Höchstgebot und Verkehrswert

(OLG Oldenburg, AZ: 8 U 93/05).

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Abbruch der eBay-Auktion

Eine wegen einer vergessenen Mindestpreisangabe abgebrochene

eBay­Auktion begründet auch bei einem

vorhandenen Gebot keinen Vertragsschluss. Im verhandelten

Fall hatte der volljährige Sohn des Beklagten

über den eBay­Account seines Vaters einen Audi A4

2.0 TDI ohne Angabe eines Mindestpreises angeboten.

Kurz nach dem Einstellen brach er die Auktion ab und

stellte den Wagen erneut ein, diesmal mit der Angabe

eines Mindestpreises. Zum Zeitpunkt des Abbruchs war

eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts mit einem Gebot

von 7,10 Euro Höchstbietende und verlangte die Herausgabe

des PKW für 7,10 Euro. Nach Meinung der Käufer

war ein entsprechender Vertrag zustande gekommen.

Vor Gericht hatte das keinen Erfolg, denn es war

kein Kaufvertrag abgeschlossen worden. Das erste

eBay­Angebot des Beklagten war wirksam zurückgezogen

worden. Ein bei eBay eingestelltes Angebot steht

laut ARAG unter dem Vorbehalt, dass kein Widerrufsgrund

nach den eBay­Bedingungen gegeben sei. Ein

Widerrufgrund liege unter anderem dann vor, wenn dem

Anbieter beim Einstellen des Angebots ein Fehler unterlaufen

ist. Im vorliegenden Fall stand fest, dass dies der

Fall war (OLG Hamm, Az.: 2 U 94/13).

Vorzeitige Beendigung der Auktion

Wird eine Ware während einer laufenden eBay­Auktion

beschädigt, darf der Verkäufer die Auktion trotz bereits

vorliegender Angebote beenden. Im zugrunde liegenden

Fall hatte ein Autobesitzer seinen Mercedes Benz A

140 bei eBay eingestellt. Während die Auktion lief, ging

die Zentralverriegelung des Autos kaputt. Der Verkäufer

beendete daraufhin die Auktion vorzeitig. Dagegen zog

der bis dahin Höchstbietende vor Gericht, hatte allerdings

keinen Erfolg. Bereits das Amtsgericht entschied,

dass der Verkäufer die Auktion vorzeitig beenden durfte,

da laut AGB eine vorzeitige Beendigung einer Auktion

erlaubt ist, wenn der zu versteigernde Artikel nicht

funktioniert oder ein Teil fehlt. Bei der nach Auktionsstart

kaputt gegangenen Zentralverriegelung handelte

es sich um einen Mangel der Kaufsache, der auch den

Käufer zum Rücktritt vom Kaufvertrag berechtigt hätte,

erklären ARAG Experten die Argumentation

des Gerichts (LG Bochum, Az.: 9 S 166/12).

Quelle: www.arag.de > Service

> Aktuelle Rechtstipps und

Gerichtsurteile > Internet

und Computer vom 18.11. 2014

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