Transparent Ausgabe 1 (2001) - Transparent-online.de

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für die herausgeber:raum zumdenken...2ausgabe 01/01andreas oberholzwerner preuskerfür die herausgeber:dialogtransparentmachen...4die angst vorrisiko und dialog...6risikowahrnehmung und dialogbereitschaftgerhard jakubowskianalytischesroulett...11udo pollmernicht der hat recht,der am lautestenschreit...16rosemarie oswaldgeschäft mit derangst...19lucian haasje spektakulärer,destobesser?...23dr. udo ulfkotteein wunschzettelfür die zukunft...32lisanne zimmermann


aufür die herausgeber


transparent03Abstand, lärmfreie Zonen, Platz zum Atmen und fürdie innere Ruhe, solches wird – so lässt sich ohne große prophetischeGabe voraussehen – zu den Luxusgütern der nichtallzu fernen Zukunft zählen. Und wie steht es um den Raumzum Denken, Hinterfragen, zum Suchen ungewöhnlicherAntworten und Lösungen? In einer Zeit, in der ein medialesÜberangebot Information rund um die Uhr suggeriert, aberoftmals nur Vielfalt in Einfalt offeriert, scheint diese Fragedurchaus berechtigt.Diesen Raum wollen wir, die Herausgeber, (siehe Seite35) anbieten. Medienkritik gehört ab und an dazu (wie imBeitrag „Je spektakulärer, desto besser?”), aber im Vordergrundsteht immer der kritisch-konstruktive Dialog, die„quergedachte” Argumentation, wo immer sich gesellschaftlicheund wissenschaftliche Konfliktfelder zeigen. Sie alle,unsere Leser, sind herzlich eingeladen, am Gelingen diesesProjektes mitzuwirken. Hier darf abseits der üblichenSchemata gedacht werden, wir freuen uns auf Ihre Resonanz.Lediglich beleidigende oder rassistisch-extremistischeBeiträge werden keine Chance haben. Schließlich sind Offenheitund Dialog das genaue Gegenteil von schlechtem Stilund Bösartigkeit.Andreas OberholzDie meisten Medien unterliegen ökonomischen undgesellschaftlichen Vorgaben und Spielregeln, sie reflektierenund beeinflussen Zeit und Zeitgeist zugleich, aber fast immeraus einem festgelegten Blickwinkel. Diese Einschränkung wollenwir vermeiden, auch wenn für dieses Projekt Sponsorengelderaus der Industrie unvermeidlich sind. Die Industrie hatam Redaktionstisch die ihr zustehende Stimme, aber ebennur diese eine.Wenn Sie mögen, diskutieren Sie mit uns auchüber die Chancen und Risiken des so gewählten Konstrukts.Doch jetzt laden wir Sie erst einmal herzlich zum Lesenein...


für die herausgeberdialo


transparent05DergWerner PreuskerKunststoff PVC ist einerseits ein alltäglichesProdukt, das uns täglich begegnet: wenn wir morgens Föhnoder Rasierer, den biegsamen Schlauch für die Dusche benutzen,das Fenster zum Lüften öffnen, mit Kreditkarte bezahlen,die Computertastatur bedienen und abends auf PVC-BelagSport treiben.Andererseits ist PVC auch ein Beispiel für einendenkbar unverständlichen Streit zwischen einer Industrie,die von ihrem Produkt überzeugt ist, und Umweltschützern,die es als unliebsamen Dämon, wie Gentechnik, Chlor,Atomkraft und Müllverbrennung von dieser Welt verbannenwollen.Heute ist PVC aber auch ein Beispiel, wie man einensolchen Konflikt – ohne dass eine Seite der anderen ihrenWillen aufzwingt, mit Respekt vor der Position des anderen –lösen kann: in einem offenen intensiven Dialog, wie ihn dieArbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e.V. mit Wissenschaftlern,Journalisten und NGOs mit Hilfe eines neutralen Mediators,Gerhard Jakubowski, eingeleitet hat.Aus der gemeinsamen Erfahrung des geglückten Dialogsund der Überbrückung des scheinbar unüberwindbarenGrabens ist die Idee dieses Heftes entstanden: den Dialogtransparent zu machen, um anderen in ähnlicher Situationein Beispiel für einen Lösungsweg an die Hand zu geben. DieArbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e.V. unterstützt diesesVorhaben, fällt doch auf den Sponsor auch ein positives Lichtals Pionier von Dialogarbeit und Risikokommunikation.Wir wollen mit den Lesern ins Gespräch über unsereErfahrungen kommen und bereiten hierfür ein Seminar imJahr 2002 vor.Ihre Meinung zu den Beiträgen dieses Heftes oderein Bericht über Ihre Erfahrungen in der Konfliktlösung würdeuns sehr freuen. Vielleicht entsteht daraus die nächsteAusgabe von “transparent”?Auch neue Sponsoren sind herzlich willkommen!Bitte melden Sie sich bei uns …


transparent07Persönliche Begegnungen sindausschlaggebendDie persönliche Begegnung ist fürden Dialog – vor allem in kritischen Situationen– ausschlaggebend. Sie leitet Erfolge,Veränderungen, Verbesserungen ein odergibt zumindest Hinweise auf Türen, die sichöffnen könnten, Stimmungen, die sich –positiv wie negativ - verändert haben. Dieweltweiten diplomatischen Aktivitäten undBemühungen dieser Tage legen beredtesZeugnis davon ab.Wie schwer diese persönlichenBegegnungen fallen, gerade in sich anbahnendenKonflikten, zeigt die Aussage einerjungen Managerin während eines Workshops,in dem diese Problematik behandeltwurde: „Ich setze mich ohnehin nur dann,wenn es sein muss, direkt mit Kolleginnen,Kollegen und auch Vorgesetzten auseinander,spreche mit ihnen persönlich. Normalerweiseschicke ich eine eMail, auch wennwir Tür an Tür, Büro an Büro sitzen.” AndereTeilnehmer haben dieses „Handling”bestätigt.Diese Umwege in der Konfliktbearbeitungwerden seit sehr langer Zeit praktiziert.Nur die Mittel haben sich geändert.Statt des Briefes oder der Aktennotiz vonfrüher werden jetzt andere „Tools” eingesetzt.Vor allem die elektronische Post, dieeMail, gewinnt dabei rasant an Boden. DerKonflikt ist allerdings bestenfalls aufgeschoben,nicht aufgehoben. Der Versand einereMail ist keine Kommunikation, sondernlediglich Information. Erst wenn der Anderesie aufgreift, antwortet, mit uns einGespräch führt, wird daraus Kommunikation.Wenn er seine Antwort ebenfalls mailt,wird die persönliche Begegnung, dieses„von Angesicht zu Angesicht” (face to face)konkret vermieden, und der Konfliktschwelt normalerweise weiter. Ein echterDialog, der Klarheit bringt, im besten FallVerständnis fördert und gute Lösungsansätzeermöglicht, ist so kaum zu realisieren.Dies trifft ebenso auf die Streuungvon Pressemeldungen zu. Es ist schonerstaunlich, wie hartnäckig sich in Unternehmendie Vorstellung hält, dies sei bereitsKommunikation.Kenntnisse der eigenen PersönlichkeitsstrukturerforderlichEiner der zentralen Punkte, wennnicht der Punkt überhaupt für eine konstruktive,klare, respekt- und vertrauensvolleKommunikation sind eine gute Wahrnehmungdes eigenen Verhaltens undKenntnisse der eigenen Persönlichkeits-Struktur.Die wenigsten von uns haben indesdiese Sensibilität gelernt oder kennen dieeigene Persönlichkeits-Struktur. Und: Werist bereit, sich dafür Zeit zu nehmen angesichtsder enormen Herausforderungen imBerufs- wie Privatleben und der ohnehinständig zunehmenden Unsicherheiten?Der Weg zu mehr Erfolg oder:Was ist zu tun?Was wäre zu tun, um hier Verbesserungenzu erreichen, mehr innere Zufriedenheitund auch Erfolg nach außen?• Ein Crash-Kurs über ein Wochenendebietet bestenfalls einen Einstieg, eineAhnung der Dinge, die auf einen zukommenkönnten.• Durch Experten erarbeitete Krisen-Papiereversagen so gut wie immer,„Um Kommunikations-Kompetenzzuerreichen, sollten alleSinne geöffnetwerden, müssenpersönliche Begegnungenverstärkt werden”wenn die Krise tatsächlich eintritt und verschiedeneSzenarien nicht vorbeugend, kontinuierlichund praxisgerecht trainiert wordensind.• Es kann begonnen werden miteinem Weg der kleinen Schritte.So ist zum Beispiel in vielen Untersuchungenfestgestellt worden, daß derSympathiegrad einer Sprecherin oder einesSprechers und der Erfolg einer Rede zu 35Prozent aus der Sprechmelodie, zu 55 Prozentaus Mimik und Gestik – und nur zuzehn Prozent aus dem Inhalt gespeist werden.Fakten, die in Vorträgen auf Kongressen,bei Präsentationen, Festreden und dergleichenmehr sträflich vernachlässigtwerden.Nicht zuletzt deshalb gibt es spezielleWorkshops, die diese Problematikbehandeln und weit über die übliche „Rhetorik-Schiene”hinausgehen. Sie nehmenvielmehr Rücksicht auf die Persönlichkeitsstrukturender einzelnen Teilnehmer underarbeiten daraus Lösungsansätze.


die angst vor risiko & dialogEinige Grundsätze, die Dialogfähigkeitund Kommunikations-Kompetenzerheblich fördern:• Es sollten keine Effekte gesuchtwerden, die nicht zum eigenen Wesen, dereigenen Persönlichkeits-Struktur passen.• Diese Struktur sollte jeder kennen,der eine höhere Kommunikations-Kompetenz erreichen möchte.• Die hauptsächlichen Gesten, dieder Einzelne anwendet, sollten ihm bekanntsein.• Die Wirkung auf andere auch.• Das gleiche gilt für die Mimik unddie eigene Stimme.• Eines der wichtigsten Themen istder Umgang mit den eigenen Aggressionen.• Ständiges Training im Alltag,begleitet und unterstützt durch erstklassigesCoaching, ist für einen dauerhaften persönlichenErfolg notwendig.Beziehungsmanagementin Unternehmen –Ergebnisse einer UmfrageKürzlich hat die Harzburger Akademiefür Führungskräfte Ergebnisse einerneuen Studie über Beziehungsmanagementin Unternehmen und Führung/Unternehmenskulturbekannt gegeben. Befragt wurden242 Führungskräfte durch die Akademie.Die Teilnahme war freiwillig undanonym. Hier einige der interessantestenAussagen auf die Frage „Wie zufrieden sindSie mit dem internen BeziehungsmanagementIhres Unternehmens?”:• Knapp 47 Prozent der Befragtenbetonen, daß die Umsetzung verbessertwerden muß: Anspruch und Wirklichkeitdes Beziehungsmanagements liegen weitauseinander.Auch wenn die Unternehmenskulturoffene Konfliktklärung zuläßt und dasMiteinander der Menschen offiziell hochhält,wird dieser Anspruch nicht gelebt.• Weitere 25 Prozent betonen, daßBeziehungsmanagement trotz des hohenBedarfs im Unternehmen zu wenig praktiziertwird.• Und: Nur wenige suchen dieGründe für unzureichendes Beziehungsmanagementin der eigenen Person und imeigenen Fehlverhalten.Soweit diese Aussagen. Es stellt sicheben immer wieder die Frage:Wer will diesenmöglicherweise langen Weg der„Selbstbetrachtung” mit notwendigen Verhaltensveränderungengehen, um eine hoheKommunikations-Kompetenz zu erreichenund dadurch einigermaßen sattelfest undsouverän Krisen mit Hilfe konstruktiverDialoge erfolgreicher bewältigen zu können?Eingeschränkte SelbstwahrnehmungerweiternDie Regel im Verhalten lautet vielmehr:Wir hören, was wir hören wollen.Wir sehen, was wir sehen wollen. Unangenehmeswird häufig verdrängt, auch überlängere Zeit.• Für konstruktive Dialog-Prozesse,die in unseren weltweit vernetztenGesellschaften immer wichtiger werden, istes allerdings entscheidend, diese eingeschränkteSelbstwahrnehmung zu erweitern,sie zu trainieren und uns die Frage zustellen, wie offen wir angesichts der selektivenWahrnehmung tatsächlich für Dialogesind; ob in dieser Dialogbereitschaft auchdie Bereitschaft zum konstruktiven Austragenvon Konflikten vorhanden ist, ob wirdie Gesprächspartner ernst nehmen undauf dieser Basis zuhören können, trotz allerinneren Widerstände sozusagen „ein offenesOhr” haben.• Entscheidend für einen konstruktivenDialogprozeß, für Risikokommunikationist auch die Frage, ob wir dazu bereitsind, uns schließlich „selbst zu bewegen”und dies nicht nur oder in erster Linie „vomAnderen” fordern.Das scheint außerordentlichschwer zu sein. Allenthalben, in unzähligenDiskussionen ist stark zu spüren, daß es denmeisten Menschen offensichtlich vor allemdarum geht, den „anderen zu bewegen”, ihnzu überzeugen oder gar „argumentativ niederzu zwingen”. Diese Beobachtung trifftinsbesondere auf heterogen zusammengesetzteGruppen zu. Nicht ohne Grund. Siesind in einer ungleich schwierigeren Ausgangslageals homogen zusammengesetzte„Zirkel”. Diese können sich gegenseitigbestätigen, denn „der Gegner” ist ausgegrenzt.Jene dagegen müssen irgendwie einegemeinsame Plattform finden, in der RegelMißtrauen ab- und Vertrauen aufbauen; vonständigen Störungen begleitet. Ein schwierigesUnterfangen ...


transparent09„Können wir nochgut zuhören, denAnderen trotz derGegensätze ernstnehmen?”GerhardJakubowski


die angst vor risiko & dialogLernbereitschaft,Transparenz und SouveränitätDennoch haben gerade solcheGruppierungen die Möglichkeit, sich anderenGedanken, Meinungen, Stimmen zu öffnen.Das Risiko einer stärkeren Transparenz(und Angreifbarkeit) ist dann einzugehen.Gleichzeitig eröffnet sich jedoch die Chanceeines besseren gegenseitigen Verständnisses,zumindest aber einer stärkeren Klarheit.Dazu noch ein Auszug aus dem Beitrag„Beschuss-Sache – Globalisierungskritik...”Manager-Magazin 10/01:„Das alte Feinbild des „bösen Multis”ist plötzlich wieder da – was vieleUnternehmen noch nicht wahrhaben wollen.Aber sollten: Es kann jeden treffen. Ambesten gewappnet sind nicht jene Unternehmen,die möglichst lange versuchen, in derDeckung zu bleiben.Auch nicht jene, die sichmit Geklapper oder Gedröhne ihrer PR-Maschinerie verteidigen. Im Gegenteil: Gutvorbereitet sind heute Konzerne wie Shelloder Novartis, die gelernt haben, ihre Kritikerernst zu nehmen: die sich zunächst füreinen gleichberechtigen Dialog geöffnet,dann Argumente der Gegenseite in die eigeneGeschäftsstrategie integriert haben –ohne zugleich die NGOs zu vereinnahmen.Die sind zumindest im Hinblick auf ihreOrganisation die Schwächeren: Hervorgegangenaus regionalen Initiativen wie inFrankreich gegen den „Drecksfraß” („Malbouffe”)der Fastfood-Kette McDonald´soder fokussiert auf Spezialprobleme wie dasÜberleben der Seeschildkröten, bilden vieleNGO´s noch heterogene Vereinigungen,kaum schlagkräftiger als eine studentischeFachschaft.”So weit das Manager-Magazin, dasaußerdem von einem ungeheuren Zulaufspricht, der diesen Organisationen starkenAuftrieb gibt.Allein die deutschen Mitgliedszahlenvon „Attac” haben sich in den vergangenenMonaten verfünffacht, insgesamtgehören 55.000 Menschen zu dem internationalenNetzwerk. Weltweit werden rund25.000 Organisationen zur NGO-Szenegezählt. Und: Die wichtigsten von ihnenerzielen nach wie vor hohe Beliebtheitswerte.Amnesty International und Greenpeacestehen dabei an der Spitze.Konstruktiver Dialog ist also angesagt,mehr denn je, differenzierter noch alsbisher, weil sehr komplexe Zusammenhängeplausibel, verständlich, klar erklärt, erläutert,diskutiert und eventuell korrigiert werdenmüssen. Konsens ist dann – bei aller Streitbarkeit– erreichbar. Die Frage ist letztenEndes nicht, ob man streitet oder nicht –sondern wie! In „Sachen Streitkultur” allerdingsgibt es großen Nachholbedarf.Die Autoren des Beitrages im Manager-Magazinsprechen davon, daß die Konzerneheute am besten gewappnet sind, diegelernt haben, ihre Kritiker ernst zu nehmen.Lernbereitschaft und „sich hinterfragen”sind Schlüssel zum Erreichen einer besserenDialogfähigkeit und höheren Kommunikations-Kompetenz,die auch Konfliktsituationenstandhält.Ein anderer Öl-Multi als Shell hattevor vielen Jahren einen sehr einprägsamenSlogan mit außerordentlich hohem Bekanntheitsgradgefunden: „Es gibt viel zu tun –packen wir´s an!”


transparent11toxikologie von rückständen:analytisches roulette ...Welchen Stellenwert haben analytisch schwer erfassbareRückstände? Welchen Beitrag liefern sie zur Belastung vonUmwelt und Mensch? Antworten von Udo Pollmer,Wissenschaftsjournalist, Buchautor und bundesweitbekannt als kritischer Lebensmittelchemiker.RückstandstypenOrganische Fremdstoffe bilden gewöhnlichdrei Arten von Rückständen: freie,konjugierte und gebundene.Allein die Dosis macht das Gift, sodas Credo der Toxikologen. In ausreichendhoher Dosierung kann jeder Stoff riskantsein. Umgekehrt gilt auch die giftigste Substanzunterhalb eines Schwellenwertes alsunbedenklich. Deshalb ist es notwendig,Rückstandsdaten stets mit den Resultatentoxikologischer Tests zu vergleichen. Leidersind diese Tests und ihre Interpretation mitvielen Unsicherheiten behaftet. Ein Beispielist die Schwierigkeit, Befunde an Ratten aufMenschen zu übertragen. Bei der Berechnungvon Grenzwerten spielen deshalbSicherheitsfaktoren eine wichtige Rolle.Vielweniger Skepsis wird den Ergebnissen deranalytischen Chemiker entgegenbracht.Schließlich sind sie in der Lage, mit entsprechendemAufwand einzelne Stoffe sogar imUltraspurenbereich sicher zu identifizieren.Der sprichwörtliche Würfelzucker imBodensee spiegelt dabei noch nicht einmaldie Leistungsfähigkeit der empfindlichstenVerfahren wieder.Nach offizieller Lesart ist das Risiko,das von Rückständen ausgeht, gering.Denn die fraglichen Stoffe werden nach denAngaben der Hersteller schnell abgebautbzw. vom tierischen Organismus ausgeschieden.Nach der Ausbringung bzw.Applikationsinken die Gehalte sogar exponentiell.Daraus resultierte die Vorstellung, derartigeRückstände seien bei Einhaltung derWartezeiten kein Problem. Skeptisch wirdman allerdings, wenn man weiß, dass beispielsweisemit der Routineanalytik vonChloramphenicol nur noch 0,2 Prozent derursprünglich eingesetzten Dosis nachweisbarsind.Wo mag der Rest geblieben sein?Die übliche Analytik erfasst inerster Linie die Ausgangssubstanz. Aberkein Lebewesen kann es sich leisten, gefährlicheSubstanzen wie Pestizide oder Arzneimitteleinfach so durch den Organismustreiben zu lassen. Tiere versuchen Fremdstoffeauszuscheiden, indem sie die Rückständean Transportvehikel koppeln, damitsie wasserlöslich werden. Pflanzen müssensie irgendwo in den Zellen unschädlichdeponieren. Sie binden deshalb die fraglicheSubstanz an inerte Zellbestandteile.Dadurch verlieren sie nicht nur für diePflanze ihre akute Wirkung, sie entziehensich auch der Analytik. Der Analytiker mussdie Substanz vor der Detektion extrahieren.Ist ein Stoff kovalent gebunden, bleibter auch für ihn unsichtbar.• Freie Rückstände sind Rückstände, dieleicht extrahierbar sind. Dazu gehörenneben der Muttersubstanz auch freieMetaboliten. Diese werden bei derRückstandsanalyse teilweise miterfaßt.Die hohe Präzision und Empfindlichkeitmoderner Analytik trifft in erster Liniefür die unveränderte Muttersubstanz zu.• Konjugierte Rückstände sind Stoffe, dievor allem von Tieren zur schnellerenAusscheidung an Transportmolekülegebunden wurden. Die bekanntestenTransportvehikel sind Glucuronsäure,Aminosäuren oder Sulfat. Sie sind prinzipiellextrahierbar, auch wenn dazu weitereanalytische Schritte oder andereMethoden erforderlich sind als zurDetektion der freien Rückstände.• Pflanzen bedienen sich vorzugsweiseder Bildung gebundener und damit nichtextrahierbarer Rückstände. Die Bindungerfolgt an zahlreiche Zellbestandteile,bei Pflanzen beispielsweise an Ligninoder Zellulose, wichtige Stützsubstanzen.Sie sind mit den bisher verfügbarenMethoden praktisch nicht zu erfassen.


analytisches roulette ...Welchen Stellenwert haben dieseanalytisch so schwer erfassbaren Rückstände?Welchen Beitrag liefern sie zur Belastungvon Umwelt und Mensch? Bei Tierarzneimittelnwird in aller Regel der größte Teilim tierischen Organismus konjugiert undüber den Urin ausgeschieden. Hans Büning-Pfaue von der Universität Bonn zeigtebereits 1986, dass konjugierte Antibiotika inder Gülle innerhalb weniger Tage oderWochen von den Mikroorganismen wiederin ihre freie Form umgewandelt werden, sodass ihre Gehalte in der Gülle teilweise erstnach Absetzen der Medikamente ihr Maximumerreichen.Mit den Ausscheidungen der Tieregelangen die Medikamente auf Weiden undÄcker. „Die mit der Gülle auf das Gras ausgebrachtenArzneistoffe", so das Ergebnisvon Büning-Pfaue, „ließen sich bei regengeschützterLagerung, aber üblichen spätherbstlichenWitterungsbedingungen nochnach vier Wochen gut nachweisen. Etwa50 % an Chloramphenicol und etwa 56 %an Sulfadimidin wurden wiedergefunden -verglichen mit den Arzneistoffmengen, dieursprünglich mit der Gülle auf das Gras ausgesprühtwurden." Damit sind die Rückstände,die über konjugierte Arzneistoffe indie Umwelt und Lebensmittelkette gelangen,größer als die, die im tierischen Organismusverbleiben.Dieser Mechanismus erklärt, warumbei Einsatz von Tierarzneimitteln meistensnur „homöopathische" Rückstandsgehaltegefunden werden. Nur ein geringerAnteil der verabreichten Medizin reichertsich in Fleisch, Milch und Eiern an, der überwiegendeTeil wird wieder ausgeschieden.Geklärt wird dabei aber auch, warum imfertigen Schweinebraten manchmal mehrRückstände ermittelt werden als im frischenFleisch. Die Hitze von Topf, Pfanneund Grill kann den einen oder anderen konjugiertenoder gebundenen Rückstand freisetzen,der nicht ausgeschieden wurde.Auch toxikologisch werden diekonjugierten Rückstände bisher unterschätzt.„Traditionell galt die Konjugation alsdas Ende der pharmakologischen Wirkungeines Stoffes", urteilt Gerard J. Mulder vonder Universität Leiden: „Und viele Pharmakologenglauben immer noch fest daran, daßdie Konjugation gleichbedeutend mit einerEntgiftung sei. In den letzten Jahren wurdejedoch klar, daß dies nicht stimmt - diepharmakologische Aktivität eines Konjugateskann (viel) höher sein als des Ausgangsstoffes.Ebenso kann die Konjugation zutoxischeren Metaboliten führen." Diese Tatsacheerfordert eine Neuorientierungsowohl in der Analytik als auch bei der toxikologischenBewertung von konjugiertenRückständen.Brisante Lage beigebundenen RückständenNoch brisanter ist die Lage bei dengebundenen Rückständen, da sie sich imGegensatz zu den Konjugaten dem analytischenNachweis fast völlig entziehen. DerGehalt an gebundenen Rückständen nimmtnach Anwendung der Mittel zu - und zwarparallel zur Abnahme der meßbaren Rückstände,weil immer mehr freie Molekülegebunden werden. Damit baut sich im Laufder Zeit ein neues, bisher unbeachtetesRückstandspotenzial auf - ganz im Gegensatzzur öffentlichen Wahrnehmung, die voneiner kontinuierlichen Abnahme ausgeht.Auch wenn die gebundenen Rückständeden Chemiker in der Routineanalytikvor eine beinahe unlösbare Aufgabe stellen,so lässt sich durch radioaktiveMarkierung von Pestiziden ihr Verbleibleicht verfolgen. Aus derartigen Modellversuchenwissen wir, dass es völlig normal ist,wenn tatsächlich ein Vielfaches dessen imLebensmittel vorhanden ist, was der Chemikermit seinen Methoden findet. DieWerte sind für die einzelnen Pestizide undKulturen sehr unterschiedlich, so dass esnicht möglich ist, den Fehler durch Multiplikationmit einer Federzahl zu korrigieren.So waren in Radieschen von Dieldrin, Permethrinund Carbofuran 24, 29 bzw. 92Prozent der ursprünglich ausgebrachtenMenge nachweisbar.Vergleichbare Ergebnisse wurdenmittlerweile für viele wichtige Pestizidklassenbei allen möglichen Lebensmittelngezeigt, egal ob phosphororganische Giftewie Malathion oder Pirimiphos, chlororganischeInsektizide wie DDT, ob Carbamate,Pyrethroide, Triazine, Oxazolidine, Nitroaryleoder Phenoxyessigsäuren. Aber nichtnur Pestizide oder Arzneimittel werdengebunden, auch typische Umweltgifte wieBenzpyrene oder Nitrosamine können sichdurch „Bindung" dem Nachweis entziehen.


transparent13Aus diesem Grund spiegeln dieRückstandsdaten der Lebensmittelüberwachungnicht die wirkliche Belastung vonGetreide und Mensch wider, sondernumweltpolitisches Wunschdenken. Meistdringt diese Erkenntnis nur durch Zufall andie Oberfläche wissenschaftlicher Diskussionen.So geschehen, als erhebliche Gehaltedes Halmverkürzer CCC in Zuchtchampignonsvorgefunden wurden. Der Einsatzeines Halmverkürzers ist bei Pilzen unsinnig.Das CCC kam aus dem Stroh, auf demdie Pilze gezüchtet wurden. Analytisch istim Stroh so gut wie nichts zu finden. Die Pilzehaben aber die Angewohnheit, das Strohzu zersetzen – und dabei wird auch dasCCC wieder frei.Analytiker vor schierunlösbaren ProblemenHaben die gebundenen Stoffe auchAuswirkungen auf die Gesundheit dessen,der belastete Lebensmittel verspeist? Werdensie überhaupt vom Körper aufgenommen?Sie werden. Radioaktiv markiertesMalathion, ein Vorratsschutzmittel, wurdeentsprechend üblicher landwirtschaftlicherPraxis auf Bohnen ausgebracht. 30 Wochenspäter, zu einem Zeitpunkt, an dem nachbisheriger Meinung dieses Pestizid längstabgebaut ist, waren immer noch 17% (= 1,8ppm) der ursprünglich aufgebrachten Dosisals gebundene Rückstände messbar. EineVerfütterung dieser nach normaler Analyse„rückstandsfreien" und damit vermeintlichsicheren Bohnen an Mäuse ergab, daß ihrKörper drei Viertel des gebundenen Pestizidesaufgenommen hatte.Der Grund für den Unterschiedzwischen der chemischen Analyse und dentoxikologischen Befunden liegt auf derHand: Die Aufarbeitung durch den Chemikerentspricht prinzipiell nicht der Aufbereitungin unserem Verdauungstrakt. Was denAnalytiker vor schier unlösbare Problemestellt, nämlich alle möglichen Bindungsformenin einer kaum überschaubaren Matrixsamt Metabolisierung vorherzusehen, ist fürunseren Darm kein Problem: Aus evolutionärenGründen, um die Nahrung auchoptimal ausnutzen zu können, liefert dieDarmflora eine breite Enzympalette zurFreisetzung, von der ein Analytiker nur träumenkann. Natürlich ist auch der umgekehrteFall denkbar: gebundene Stoffe werdenim Rahmen der analytischen Aufarbeitungfreigesetzt, nicht jedoch von unseren Darmenzymen.Studien zur Bioverfügbarkeit undtoxikologische Tests legen nahe, dass diegebundenen Rückstände zur Bewertungwahrscheinlich viel wichtiger sind als diebisher gemessenen freien. Bei Verfütterungvon Lebensmitteln, die nach bisheriger Einschätzungkeine toxikologischen Problemehervorrufen sollten, wurden im Tierversuchzahlreiche unerwünschte Effekte beobachtet:auffällige Leberwerte, die gewöhnlichmit übermäßigen Alkoholkonsum erklärtwerden; Veränderungen des Blutbildes, wiedas Absinken der weißen Blutkörperchen,ein Hinweis auf eine Beeinträchtigung desImmunsystems sowie Veränderungen derNeurotransmitter im Gehirn, was neurologischeEffekte nahelegt.„Analytiker setzendurch ihr Schweigenihre Glaubwürdigkeitund Kompetenz inSachen Rückstandsanalytikauf's Spiel”Die Bedeutung der „bound residues"ist weitreichender, als die hier diskutiertenRückstandsfragen erkennen lassen.Nicht nur Fremdstoffe werden vom Organismusso behandelt, sondern im Grundealle wichtigen Substanzen. Deshalb müssenzahlreiche andere Daten über die Zusammensetzungunserer Nahrung hinterfragtwerden: Ein beträchtlicher Teil der Vitamineist an Eiweiße oder Zucker gebunden. Sowird der Vitamingehalt unserer Speisengewöhnlich unterschätzt. Ein solcher Analysenfehlerist auch für die Mär vom cholesterinfreienPflanzenöl verantwortlich. Cholesterinliegt in Pflanzen praktisch nur ingebundener Form vor.Könnte man nicht einfach die„Gebundenen" mitanalysieren? Im Einzelfallschon.Aber die Bindungsformen sind denkbarvielfältig, da Pflanzen wie Tiere unerwünschteSubstanzen an die unterschiedlichstenZelllbestandteile heften können. Somüsste praktisch für jedes Lebensmittelund noch dazu bei jedem Stoff anders verfahrenwerden. Eine im Hinblick auf die Vielzahlder Agrochemikalien schier unlösbareAufgabe. Auch die Bioverfügbarkeit ist bishernicht aus Modellversuchen kalkulierbar.Bei gebundenem Malathion variierten siebei den verschiedenen Getreidearten zwischensieben und 63 Prozent. Bei Fütterungsversuchenmit Weizen, der mit Pirimiphos-Methyl,einem populären Lagerschutzmittelbehandelt worden war,schwankten die Ergebnisse bei der Rattezwischen 29 und 72 Prozent.


analytisches roulette ...Diese Resultate sind nicht nur vontoxikologischer, sondern auch von aktuellerpolitischer Brisanz. Denn sie werfen auchein Schlaglicht auf den ökologischen Landbau.Jahrzehntelang wurde behauptet, beiEinhalt der Wartezeiten sei kaum noch einUnterschied zwischen beiden Anbaumethodenerkennbar. Jetzt wissen wir endlich warum.Es wäre an der Zeit, unter diesen neuenGesichtspunkten einmal Ökoprodukte mitkonventioneller Ware zu vergleichen.Das Problem ist nicht neu und allenFachleuten seit über zehn Jahren bekannt.Sie wissen, wie wertlos ihre Messergebnissein der Praxis sein können. Ihnen mussbewusst sein, dass sie mit beachtlicher Präzisionund hohen Kosten den Anteil einesStoffes bestimmen, auf den es oftmals garnicht ankommt. Lägen die Dinge andersherum,wäre die tatsächliche Belastung erheblichniedriger als die Chemiker messen,würden die Standesorganisationen zur„Eile" mahnen, diesen „Missstand" abzustellen.Es ist an der Zeit, dass die Expertensowohl ihren Auftraggebern als auch derÖffentlichkeit die Grenzen ihrer Kunst eingestehen.Niemand wird von einem AnalytikerUnmögliches verlangen, aber durch ihrSchweigen setzen sie ihre Glaubwürdigkeitund Kompetenz in Sachen Rückstandsanalytikauf's Spiel.Der Ringversuch -Die Probe aufs ExempelDie Analytik von Rückständen,Umweltproben oder Lebensmitteln istnicht nur eine Wissenschaft, sie ist aucheine Kunst. Denn die Zahl der Fehlermöglichkeitenist beachtlich. Aus diesem Grundwerden regelmäßig Ringversuche durchgeführt,bei denen interessierte Labors mitRückständen markierte Proben erhalten.Nur anhand solcher Ringversuche ist esmöglich, die Zuverlässigkeit eines Laborsfestzustellen. Bisher ließ sich jedoch nurüberprüfen, inwieweit Fachlabors in derLage sind, freie oder konjugierte Rückständezu bestimmen.Bei einem solchen Ringversuch mit53 Labors, die „zehn aktuelle Insektizideund Fungizide" im Spinat bestimmen mussten,kam Hans-Peter Thier von der UniversitätMünster zu folgendem Resümee: „Diegestellte Aufgabe war zwar nicht leicht unddie Zahl der Wirkstoffe größer als praxisüblich,doch entsprach die Art und Konzentrationder Insektizide und Fungizide denAnforderungen der täglichen Routinearbeit.Die relativ zahlreichen Lücken beimNachweis lassen den Schluss zu, dass dieBreite des Untersuchungsspektrums in vielenLabors immer noch nicht den heutigenAnforderungen entspricht. Wie die falschpositiven Befunde zeigen, werden die Ergebnissenicht immer genügend abgesichert."An falschen Resultaten sind nichtimmer die Chemiker schuld. Manchmal sinddie verwendeten Reagenzien eine wichtigeFehlerquelle. Der Analytiker verwendet zurKalibrierung seiner Geräte zertifizierteReferenzmaterialien. Diese sind tausend- biszehntausendmal teurer als die gleichen Stoffeohne Zertifikat.Manfred Häfner von der Landesanstaltfür Pflanzenschutz in Stuttgart musstefeststellen, „dass selbst bei zertifiziertenReferenzmaterialien formale, formal-fachlicheund darüber hinaus gravierende Mängelfestgestellt werden können". Selbst bedeutendeHersteller von Referenzmaterialenlehnen jedwede Verantwortung für die Richtigkeitihres Zertifikates ab. Falsche Zusicherungensind offenbar nichts Ungewöhnliches.Nach Häfner enthalten zertifizierteund damit angeblich besonders reine Produktezum Teil massive Verunreinigungen.Bei einem britischen Ringversuchmusste ein künstliches Cocosnußöl untersuchtwerden. John Craske von der UniversitätNew South Wales fasst das Ergebniszusammen: „Cocosnußöl ist ein handelsüblichesÖl und es ist nur vernünftig anzunehmen,dass ein fähiger Analytiker in der Lagesein sollte, alle Probleme derartiger Öle zubeherrschen. Von den 34 Teilnehmernerreichten nur vier Ergebnisse, die als gutbezeichnet werden können. Die Qualitätder anderen 30 Analytiker fielen in einem soweiten Bereich unten durch, dass bedauerlicherweisegefolgert werden musste, dassder Mehrzahl der Teilnehmer die notwendigenFähigkeiten fehlten, die Methylesterherzustellen oder ihren GC zu optimierenoder beides.Wenn man bedenkt, dass dieseAnalyse derzeit wahrscheinlich am häufigstenvon Fettchemikern durchgeführt wirdund dass keine andere Analyse soviele Informationso schnell zur Verfügung stellt, kanndie Bedeutung dieses Befundes nur als alarmierendbezeichnet werden."


transparent15Georg Schwedt,TU Clausthal: „Um das Ziel richtiger Analysenwertezu erreichen, sind bisher unterschiedliche Wegebeschritten worden: Methodenvergleiche, die Suche nachsystematischen Fehlerquellen, Ringversuche, der Einsatz'normierter' Analysenverfahren, beispielsweise vonDIN-Verfahren, sowie Herstellung und Analyse vonStandard-Referenzmaterialien sind Ansätze zur Ermittlungrichtiger Analysendaten.Weder Ringversuche nochdie Feststellung von Reproduzierbarkeiten aus Mehrfachbestimmungen,und noch weniger die 'genaue' Anwendungvon DIN- oder anderen normierten Analysenverfahren leisteneinen entscheidenden Beitrag zur Erstellungrichtiger, sondern eher zur Ermittlungvergleichbarer (und oft sogarfalscher) Ergebnisse."„Oftmals werdenmit hoher Präzisonund Kosten die Stoffebestimmt, aufdie es gar nichtankommt”Udo Pollmer


gefährdungseinschätzung„nicht der hat recht,der am lautesten schreit”Meldungen über Gifte in Lebensmitteln, BSE und MKS, gesundheitsgefährdende Zusatzstoffein der Kleidung oder in Gebrauchsgegenständen führen immer wieder zu erheblichemVertrauensverlust der Verbraucherinnen und Verbraucher in die Gesetzgebungund in die produzierende Wirtschaft. Viele Unternehmer identifizieren eine überzogeneoder einseitige Medienberichterstattung über Gesundheitsgefahren als Grund für dasMisstrauen. Rosemarie Oswald, ehemalige umweltpolitische Sprecherin der FrankfurterGRÜNEN und Leiterin des Umweltamtes Ludwigshafen, stritt darüber mit WernerPreusker, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt e.V.Oswald: Herr Preusker, Sie machen die Medien für dasmangelnde Vertrauen der Verbraucherinnen und Verbraucher in dieProdukte der chemischen Industrie verantwortlich. Heißt das, dassdie Ängste der Bürgerinnen und Bürger vor Giften in Nahrungsmittelnund Gebrauchsgegenständen reine Hysterie sind?Preusker: Nein, ich mache nicht einseitig „die Medien” verantwortlich,sondern das eingefahrene „Spiel” zu Lösungen zu kommen,bei dem sich die Beteiligten in den Spielregeln ihres Sub-Systems (Medien,Politik, Wissenschaft, Wirtschaft) gefangen fühlen und am Ende falscheEntscheidungen herauskommen. Ängste muß man immer ernst nehmen,auch wenn man sie fachlich für unberechtigt hält.Oswald: Also sind Nahrungsmittel und Gebrauchsgütersicherer als die Bevölkerung glaubt?Preusker: Ja, Verbraucherschutz wird in Deutschland großgeschrieben. Jedes chemische Produkt wird, bevor es auf den Marktkommt, auf Herz und Nieren - sprich auf sein Gefährdungspotential fürMensch und Umwelt - untersucht. Für die Zulassung von Chemikalienwerden aufwendige Tierversuche durchgeführt. Ein riesiger Apparat vonwissenschaftlichen Untersuchungen, Kontroll- und Normausschüssen etc.ist hierfür aufgebaut worden. An den Universitäten werden jährlich tausendevon Diplom- und Doktorarbeiten vergeben, die die Wirkung vonchemischen Verbindungen auf die Umwelt untersuchen.,Oswald: Wollen Sie damit sagen, dass diese Untersuchungenüberflüssig sind?Preusker: Nein, ganz und gar nicht! Aber dieser aufwendigeApparat kann durch die Art der öffentlichen Debatte mit einem Schlag adabsurdum geführt werden. Nämlich dann, wenn Gremien von Politikernsich wider besseren Wissens der öffentlichen Meinung beugen.Oswald: Können Sie das belegen?Preusker: Ich kann Ihnen hierfür ein Beispiel nennen, dasunsere Branche direkt betrifft: Obwohl wissenschaftliche Untersuchungenüber die Migration von Weichmachern aus Babyspielzeug ergeben haben,dass eine Gesundheitsgefährdung bei Einhaltung der Grenzwerte ausgeschlossenwerden kann – und letzteres ist der Fall-, hat die EU-Kommissionaufgrund des öffentlichen Drucks letztlich doch nachgegeben und einvorläufiges Verbot ausgesprochen.Oswald: Aber war das nicht genau die richtige Reaktion,schließlich geht es um Kinder?


transparent17„Wollen Sie behaupten,dass die Umweltverbändeoder Politikerinnen undPolitiker bewußt falscheInformationen über Umweltgefährdungenin die Weltsetzen?”RosemarieOswaldPreusker: Gerade deshalb müssen wir auf der sicheren Seite sein und auf der Basis derbekannten wissenschaftlichen Fakten entscheiden! Schauen Sie, was ich kritisiere ist, dass politische Entscheidungsträgerdem Druck der Medien, der Natur- und Umweltschutzverbände oder der Gewerkschaften,vor allem vor Wahlen, nachgeben mit der Konsequenz, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher letztlichtotal verunsichert sind.Wir fragen uns doch, was wir überhaupt noch essen oder sicher verwenden können oderwir nehmen die Debatte um Schadstoffe überhaupt nicht mehr ernst.Oswald: Das heißt, freie Bahn den Experten der Industrieund Behörden?Preusker: Ich stelle nur die Frage, ob der Aufwand von Entwicklungund Durchführung von Testmethoden, staatlichen Aufsichtsbehörden und wissenschaftlichenBeiräten noch Sinn macht, wenn die Bewertung der Ergebnissedenen überlassen wird, die durch das Schüren von Ängsten eine höhereZuschauerquote erreichen, höhere Spendeneinnahmen erzielen oder dieGunst der Wähler gewinnen wollen.Oswald: Wollen Sie damit behaupten, dass die Umweltverbändeoder Politikerinnen und Politiker bewußt falscheInformationen über Umweltgefährdungen in die Welt setzen?Preusker: Ich will damit sagen, dass nicht der Recht hat,der am lautesten schreit. Ich will Ihnen dafür ein Beispiel nennen: Aufgrunddes öffentlichen Aufschreis in Deutschland wurde die BohrinselBrent Spar nicht, wie von der Eignerfirma Shell geplant, im Atlantik versenkt,sondern auf Druck von Greenpeace und denMedien in Teilen in Norwegen als Schiffsanlegestelle weiterverwendet.Greenpeace behauptete, dass die Bohrinsel zusätzlich zu den von derShell AG angegebenen Rückstandsmengen 5.500 Tonnen Oel enthielteund die Versenkung im Meer zu einer immensen Meeresverschmutzungführen würde. Den Beweis hierfür konnte die Umweltschutzorganisationindes nicht führen. Spätere Untersuchungenhaben dann ergeben, dass die ursprünglichen Schadstoffangaben vonShell richtig waren.


„nicht der hat recht,der am lautesten schreit.”Oswald: Greenpeace hat sich für diesen Fehler öffentlichentschuldigt ...Preusker: Das stimmt zwar, aber bis dahin war durch eineAllianz von Politikern und Medienberichterstattern eine Boykottbewegungder Bevölkerung gegen Tankstellen der Shell-AG längst gelaufen, die Entscheidunggegen die Versenkung der Brent Spar auf Hoher See längstgetroffen.Oswald: Was wollen Sie denn tun, um das Vertrauender Verbraucherinnen und Verbraucher zurückzugewinnen?Preusker: Ich schlage vor, Probleme in Eigeninitiative und ineinem transparenten Verfahren zu lösen. Dafür ist es notwendig, dass sichUnternehmen und Branchen mit Verbraucherverbänden und anderenInteressensvertretern um einen Konsens bemühen.Oswald: Wie soll diese Konsensfindung denn konkretaussehen?Preusker: Als Beispiel sei der Diskussionsprozess, den dieFirma Shell nach dem Abbruch der Versenkung der Brent Spar begonnenhat, angeführt. Dabei wurden weltweit Firmen,Wissenschaftler und auchNGOs eingeladen, ihre Vorschläge zu präsentieren und zu diskutieren, wiedie Entsorgung von Bohrinseln vonstatten gehen soll. Dieser Prozeß waröffentlich und jederzeit nachprüfbar. Ein anderes Beispiel ist das Dialogprojektder Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt, an dem ich selbstbeteiligt war und der letztlich zu der PROGNOS-Studie „PVC und Nachhaltigkeit”führte. Hier hat eine Gruppe von Wissenschaftlern, Journalisten,NGOs und einer Minderheitsbeteiligung der Industrie die Inhalte und Zieleder Studie bestimmt.Oswald: Dieses Beispiel läßt sich meines Erachtensnicht so einfach übertragen.Wer soll denn zum Beispiel die finanziellenMittel für solch aufwendige Prozesse bereitstellen?Preusker: Es war zugegeben ein sehr schwieriger und auchnicht ganz billiger Prozeß, aber er hat gezeigt, dass die Transparenz desDialogs entscheidend für den Erfolg, sprich für das zurückgewonnene Vertrauenbei den NGOs und den Journalisten gegenüber den Standpunktender chemischen Industrie, ist. Zuzugeben ist auch, dass mein Vorschlagsich auf besonders kontroverse Themen beschränkt und nicht alle kleinerenStreitfälle lösen kann.Oswald: Glauben Sie, dass die Verbaucherinnen undVerbraucher mehr Vertrauen in solche Gesprächszirkel haben werdenals in Behördenvertreter?Preusker: Sie sagten eingangs selbst, dass das jetzige VerfahrenVerbraucherinnen und Verbraucher stark verunsichert. Das Vertrauender Bevölkerung in die Entscheidungsträger, wo immer die sitzen, kannmeines Erachtens nur durch die Transparenz der Entscheidungsfindungzurückgewonnen werden. Das heißt nicht, dass bestehende Gremien derMinisterien und Behörden aufgelöst werden sollen. Ganz im Gegenteil. Ichplädiere dafür, sie eng in diesen Prozess einzubinden. Die Initiative allerdingssollte von den betroffenen Wirtschaftsunternehmen oder Branchenausgehen. Sie sollten die Initiative zu einem solchen transparenten Prozessergreifen.Oswald: Glauben sie nicht, dass die gewählten Volksvertreterin den Regierungen diese Aufgabe haben? Schließlich werdensie gewählt, um die Interessen der Bevölkerung, also auch denSchutz der Gesundheit, wahrzunehmen.Preusker: Politiker sind fachliche Laien und sollten sich mitGrundsatzfragen und nicht mit komplexen Detailregelungen befassen.Außerdem sind sie meist nur für eine Legislaturperiode, also nur vier Jahre,im Amt. Meine Erfahrung ist, dass die Politiker überfordert sind, die oftschwierige Materie wie zum Beispiel die Zulassung von chemischen Produktenund Gebrauchsgegenständen zu durchblicken. Ich möchte nocheinmal betonen: es geht mir darum, die Polarisierung der einzelnen Interessensvertretungen,die letztlich niemandem nützen, aufzubrechen und inden offenenen Dialog einzutreten. Meiner Meinung nach kann nur durchdie Offenlegung der Entscheidungswege das Vertrauen der Menschen inunser Handeln und letztlich auch in das Handeln der Politik zurückgewonnenwerden.Oswald: Herr Preusker, ich danke Ihnen für dasGespräch


transparent19schadstoffbelastung in innenräumen:geschäfte mit der angst?Umweltgifte in Wohnungen geraten zunehmend ins Visier. Die Stiftung Warentest undandere bieten passende Analysen an. Aber: Häufig schüren sie mehr die Hysterie, alsdass sie der Aufklärung dienen, kritisiert Lucian Haas, freier Journalist und ehemaligerSprecher des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).Kopfschmerzen, Schnupfen,Schlappheit, Halsweh, Allergien - vielfältigsind die gesundheitlichen Leiden, für dieimmer mehr Menschen die Urheber inihrer alltäglichen Umwelt suchen. Doch essind nicht nur Viren, bakterielle Keime oderBlütenpollen, die ihnen zu Hause oder amArbeitsplatz zusetzen. Auch viele in Alltagsprodukteneingesetze Chemikalien werdenin zunehmendem Maß als Bösewichte angesehen.Beispiele hierfür sind Lösemittel, dieaus Parkettklebern ausgasen, Pyrethroide,die Teppichböden vor Käferfraß schützen,Phthalate, die Vinyl-Tapeten flexibel machen,und Phosphorsäureester, die dafür sorgen,dass Gehäuse von Elektrogeräten schwererentflammbar sind.Nur selten können die Beschwerdeneindeutig den genannten oder ähnlichenSubstanzen zugeordnet werden. Zugering sind in der Regel die vorhandenenKonzentrationen dieser Stoffe. Doch alleindie potenzielle Gefahr, die von ihnen ausgeht,bildet eine fruchtbare Grundlage fürdie Angst der Menschen um ihre Gesundheit.Medienberichte über entsprechendeVerdachtsmomente tragen oft ein Übrigesdazu bei. Denn nicht selten wird ein verdächtigerStoff sofort als ”Schadstoff”deklariert - unter Missachtung der schon im15. Jahrhundert formulierten Erkenntnis desArztes Paracelsus, dass erst eine entsprechendeDosierung eine Substanz zum Giftwerden lässt.Selbst renommierte Institutionen,die sich der Verbraucheraufklärung verschriebenhaben, zeigen in dieser Hinsichtnicht immer Sorgfalt, wie das Beispiel ”StiftungWarentest” zeigt. In deren test-Heft11/2000 macht sie unter dem Titel ”AußerKontrolle” Front gegen die ChemikalieDEHP, die als Weichmacher in Böden undTapeten aus PVC zu finden ist. DEHP stehtunter Verdacht, möglicherweise diegeschlechtliche Entwicklung von Kindern zustören. Eindeutige Beweise dafür fehlen,doch zur Vorsorge hat die EU diese Chemikaliein Beißringen für Babys verboten.Aber ist darum schon jedes Vorkommenvon DEHP gefährlich?Der test-Beitrag gibt auf diese Fragekeine Antwort. Doch subtil wird demLeser der Eindruck vermittelt, sich mitjedem PVC-Boden oder jeder Vinyl-Tapeteein Gesundheitsrisiko ins Haus zu holen.„Die Gefahr lauert überall”, heißt es in demBericht. Als Beispiel dient die HausfrauPetra H., deren Tochter auffällig oft kranksei, was selbst der Hausarzt nicht erklärenkönne. Allerdings führt die Analyse einerHausstaubprobe, welche die besorgte Mutteran test schickte, zum Ergebnis: ”DerStaub war deutlich mit Diethylhexylphtalat,kurz DEHP, belastet.”Einfach erklärt,aber schief gewickeltSpäter im Text erfährt der Leser,dass in fast allen Zimmern der Petra H.PVC-Boden verlegt ist, der zudem laut einerweiteren Analyse des Materials mehr alssechs Prozent DEHP enthält: ”Umgerechnetauf die Wohnung sind das viele Kilogramm.”Einen mit der Materie wenig vertrautenLeser führt diese Darstellungwahrscheinlich zu der Annahme: „PVC =DEHP = krank”. Explizit steht das zwarnicht so im Blatt, aber zwischen den Zeilengelesen erscheint ein Verzicht auf PVC ratsam.


geschäfte mit der angst?Ist das sinnvolle Verbraucheraufklärung?„Wenn die Welt so einfach erklärbarwäre, dann bräuchte man keine Wissenschaft”,sagt Werner Butte, Professor füranalytische Chemie an der Uni Oldenburg.Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Frage,wie Messwerte von Stoffkonzentrationen inder häuslichen Umwelt erhoben werdenkönnen, um für die Einschätzung einerGesundheitsgefahr brauchbar zu sein. DieVorgehensweise der Stiftung Warentestsieht er vor diesem Hintergrund kritisch:„Wenn man allein aus den DEHP-Messwertenim Hausstaub eine toxikologischeBewertung ableiten will, dann ist man schiefgewickelt.”Einer der Grundsätze der Toxikologielautet, dass nicht nur die Konzentrationeines Stoffes seine Giftigkeit bestimmt.Bedingung ist stets auch die Exposition: Erstwenn eine Substanz in den Körper gelangt,kann sie dort ihre Wirkung entfalten.Ein Weichmacher stellt, solange erin einem PVC-Boden fest gebunden ist, fürden Menschen keine Gefahr dar, egal ob derBodenbelag zu fünf oder zu 50 Prozent darausbesteht. Und selbst im Hausstaub, derden feinen Abrieb des Bodens enthaltenkann, sind gesteigerte Konzentrationen vonDEHP erst dann ein höheres Risiko, wenndie Hausbewohner mit dem Staub auchintensiv in Kontakt kommen: Sie müsstenihn längere Zeit an der Haut haben oder ihnständig verschlucken.Auszuschließen ist das nicht, weshalbDEHP im Haushalt keinesfallsgrundsätzlich verharmlost werden sollte.Ob ein Mensch nun tatsächlich damit belastetist, darüber kann allenfalls eine Untersuchungdes Urins auf Spuren des Weichmachersoder dessen Abbauprodukte(Metaboliten) Auskunft geben, keineswegsjedoch eine Untersuchung des Hausstaubs.”Aus einer Hausstaubanalyse lässt sichetwas zur Hygienevorsorge sagen, abernicht zur Gesundheitsvorsorge”, erklärtButte.Bekannt ist das übrigens auch beider Stiftung Warentest. ”Es ist problematisch,anhand der DEHP-Werte im Staub aufGesundheitsgefahren zu schließen”, gibtBritta Barlage, zuständige test-Mitarbeiterin,auf Nachfrage zu. Geschrieben hat sie dasnicht. „Was wir gemacht haben ist in gewisserWeise eine worst-case-Betrachtung,”verteidigt sie den Zungenschlag desBerichts und verweist auf die satzungsgemäßeAufgabe der Stiftung Warentest,den Verbraucher auf Umweltgefahren hinzuweisen.Dass Suggestion „zwischen den Zeilen”dafür ein geeigneter Weg ist, steht dortallerdings nicht. Genauso wenig befürwortetdie Stiftung offiziell den Einsatz zweifelhafterTestmethoden. Doch auch hier siehtPraxis manchmal anders aus.Staubsaugerverfälscht MesswerteSo bietet die Zeitschrift test ihrenLesern in jeder Ausgabe eine ganze Palettevon Umweltanalysen an, darunter diebereits genannte Hausstaubanalyse. Dafürmuss man zwei Esslöffel Staub aus demBeutel seines Staubsaugers kratzen, inAlufolie verpacken und zusammen miteinem Verrechnungsscheck über 252 Markan die Stiftung Warentest schicken. Diesereicht die Probe an ein Vertragslabor weiterund schickt nach ein paar Tagen einen Analysebogenmit den Ergebnissen der Messungenvon 25 verschiedenen Pestiziden,Flammschutzmitteln und anderen ”Schadstoffen”zurück.Die Analysen berücksichtigen auchdrei Weichmacher. Andere Experten haltendie Ergebnisse allerdings für wenig aussagekräftig.”Ein Staubsauger enthält vieleWeichmacher in den Plastikteilen. DieseWeichmacher sind dann auch im Staubsaugerbeutelzu finden”, erklärt Tunga Salthammer,Leiter der Abteilung ”Chemische Technologieund Umweltforschung” amFraunhofer Wilhelm-Klauditz-Institut fürHolzforschung (WKI) in Braunschweig. Insgleiche Horn stößt auch Andreas Stache.”Bei Weichmachern ist die Staubsaugermethodefragwürdig. Da hat man mehr Weichmacheraus dem Staubsauger als aus demZimmer im Beutel,” sagt der AbteilungsleiterInnenraumschadstoffmessung beim KölnerKatalyse-Institut.


transparent21„Die Untersuchungenvon Innenräumenwerden mehr undmehr zum Geschäft.”Lucian Haas


geschäfte mit der angst?Ob die gemessenen Weichmacherschon im Zimmer oder erst bei der Probennahmeals so genannter Blindwert desStaubsaugers in den Hausstaub kamen, kanndie von test angebotene Analyse nichtermitteln. Damit sind die Messwerte nichtgeeignet, das Vorkommen dieser Stoffe imHaushalt zu bewerten. Doch die StiftungWarentest geht über dieses Problem einfachhinweg. ”Wir halten es für möglich,dass es geringe Einflüsse durch den Staubsaugergeben kann”, wiegelt test-RedakteurinBarlage ab. Im Heft steht das nicht einmalals Fußnote.Es klingt paradox, doch der folgendeFall ist unter diesen Vorzeichen durchausdenkbar: Ein Verbraucher, der nach einertest-Hausstaubanalyse das Ergebnis ”DEHP:stark belastet” geliefert bekommt, entsorgtfür viel Geld seinen PVC-Boden. Laut test-Empfehlung setzt er dann auf ”umwelt- undgesundheitsschonende Alternativen” wieLinoleum, Holz, Naturstein oder Fliesen.Schließlich saugt er auch über diese neuenBöden, und eine weitere Analyse zeigt: DieBelastung der Staubprobe mit Weichmachernist kaum gesunken. Denn der Staubsauger,den er dafür verwendet, ist derselbegeblieben.Damit dieser Beitrag nicht in gleicherWeise Verunsicherung hervorruft, seian dieser Stelle eindringlich darauf hingewiesen,dass Weichmacher in einem Staubsaugerallen bekannten Zusammenhängennach keinerlei Gesundheitsgefahr darstellen!Hausstaubanalysengrundsätzlich sinnvollEbenso ist klarzustellen: Das BeispielWeichmacher kann nicht dazu dienen,Hausstaubanalysen grundsätzlich in Frage zustellen. In vielen Fällen ist diese Methodedurchaus geeignet, um Stoffe aufzufinden,die in Innenräumen möglichst nicht vorkommensollten. ”Die Hausstaubanalyse isteine gute Methode, um schwer flüchtigeStoffe aufzuspüren, wie zum BeispielSchwermetalle, PCB, Holzschutzmittel oderPyrethroide,” sagt Stache. Hierbei sei auchnicht zu befürchten, dass der Staubsaugerdie Messwerte verfälscht.Ob eine solche Analyse dem Verbraucherwirklich weiterhilft, ist allerdingsnicht nur eine Frage der Messwerte. ”EineAnalyse ist schnell gemacht, aber mit denErgebnissen werden die Leute häufig alleinegelassen”, sagt WKI-Experte Salthammer.Eine Aussage wie ”stark belastet” implizierebeim Verbraucher immer eine Gefährdung.Ob sie nun tatsächlich gegeben ist und aufwelchem Weg sie in sinnvoller Weise eingeschränktwerden kann, darüber sagen nackteZahlen oder die Einstufung in Gefährdungsklassenwie „gering belastet” oder„stark belastet” wenig aus.Begutachtungvon InnenräumenIm Grunde müsste jede Analyse miteiner individuellen Beratung verbundensein. „Zu einer guten Bewertung gehört dieBegutachtung des Innenraumes,” sagt derAnalytiker Butte. Doch nicht jeder kannoder will das bieten. Die Stiftung Warentestist da kein Einzelfall. Beratung ist teuer, undauf dem Markt der Umweltanalysen herrschtrege Konkurrenz. „Die Untersuchungenvon Innenräumen werden mehr undmehr zum Geschäft”, sagt Salthammer. „Mitder Kommerzialisierung beginnt das Problemsolcher Messungen.” In der Branchewerden bereits Fälle kolportiert, bei denenUnternehmen Schadstoffmessungenkostenlos angeboten haben, um anschließendden durch ”belastende” Ergebnisseverunsicherten Kunden für viel Geld einganzes Paket von Sanierungsdienstleistungenanzudienen.Die Stiftung Warentest gibt an, mitihren Umwelttests keine kommerziellenInteressen zu verfolgen. „Wir bieten unsereAnalysen zum Selbstkostenpreis an”, beteuertBritta Barlage. Das schließt allerdingsnicht aus, dass ein solch günstiger Servicedie Leser bei der Stange hält und somit dieAuflage des Heftes sichert. Und derSchwung neuer Staubanalysen als Folge deszugespitzten Artikels über die Gefahr derWeichmacher aus PVC-Böden dürfte fürdas test-Vertragslabor auch nicht vonNachteil gewesen sein.


transparent23medien und die wirklichkeit:je spektakulärer, destobesser?Wie viel Realität vermitteln Rundfunk, Fernsehen und Presse? Selbst seriöse Medien erliegenimmer häufiger dem Druck der Quote, meint Dr. Udo Ulfkotte, Buchautor („So lügenJournalisten”), Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Lehrbeauftragter derUniversität Lüneburg.Was haben Sebnitz, das Waldsterben,die Versenkung der Ölbohrinsel BrentSpar und der „Skandal" um uranhaltigeMunition gemeinsam? In allen Fällen wurdenicht über Wahrheiten berichtet, sondernberichtend und mit vorgefaßten Meinungen„Wahrheit" geschaffen, die dann zu eineröffentlichen Hysterie führte. Entgegen densensationslüsternen Darstellungen wurdeder sechs Jahre alte Joseph in Sebnitz nichtvon Rechtsextremisten ermordet. Undanders als von Greenpeace behauptet, bargdie Versenkung der Brent Spar im Atlantikkeine Umweltrisiken. Sowohl das Waldsterbenals auch die „Gefahren" durch angereichertesUran erwiesen sich als medialeEnten.Täglich kommen neue Unwahrheitenhinzu. Zugunsten politischer und wirtschaftlicherInteressen wird die Öffentlichkeitimmer wieder durch Desinformation,schlechte Recherche und manipulierte Statistikenbetrogen.Hungerdebatte ohne HungerndeManchmal nimmt die Veröffentlichungangeblich seriöser Statistiken skurrileZüge an, so etwa in Finnland zu Jahresbeginn1994. Damals hatte das finnischeGesundheitsministerium eine Studie veröffentlicht,in der eigentlich der Zusammenhangzwischen einer leichten wirtschaftlichenRezession und dem gesundheitlichenBefinden der Bevölkerung herausgefundenwerden sollte. Die Frage lautete: „Haben Siein den letzten zwölf Monten wegen wirtschaftlicherSchwierigkeiten das Gefühloder die Erfahrung von Hunger gehabt?"Drei Prozent (57 Menschen) von 1906Befragten bejahten, in den vergangenenzwölf Monaten schon einmal einen knurrendenMagen gespürt zu haben. Nun wurdedie Zahl hochgerechnet. Und ausursprünglich 57 wurden plötzlich mehr als100 000 hungernde Finnen. Es war eineHungerdebatte ohne Hungernde. Sie wurdevon Tag zu Tag absurder. Fernsehsender entsandtenihre besten Reporter, um endlichdie Bilder jener chronisch Unterernährteneinzufangen, die man bislang offenkundigübersehen hatte. Endlich fand sich ein Ortfür die gewünschten Aufnahmen, die Castrenstraßeim Helsinkier Stadteil Kallio, womehr als hundert Menschen vor einemBüro der Heilsarmee auf die Verteilung vonBroten wartete. Sie dienten dem Senderzum Beweis dafür, daß Finnland auf demWeg in ein Hungerland war. In Wahrheitaber stammten die Bilder von Finnen, dieihre Sozialhilfe in Alkohol umgesetzt hattenund nun von der Heilsarmee verpflegt wurden.Quotendruck und HemmschwellenIn einer Zeit, in der „News" - unabhängigvom Wahrheitsgehalt - Quote versprechenund vermeintliche, aber schlechtrecherchierte Neuigkeiten die Auflagenhöhebestimmen, sinken die Hemmschwellenjener, die eigentlich neutral über Vorkommnisseberichten sollten. ImMediendschungel scheint immer öfter dieDevise zu lauten: je spektakulärer, destobesser.


je spektakulärer, destobesser?Umwelt- und Gesundheitsthemenbeispielsweise eignen sich gut zur Panikmache.So schockierte „Plusminus", ausgestrahltvom öffentlich-rechtlichen WDR, inden ersten Januartagen mit der Meldung,Fantrikots seien mit der giftigen SubstanzTributylzinn (TBT) verseucht. TBT ist einMittel gegen Fußpilz und Algen. Schiffsrümpfewerden damit gestrichen, umSchneckenansatz zu verhindern. DieSchwermetallverbindung ist in Deutschlandbei der Herstellung von Textilien nicht verboten,unterliegt aber Grenzwerten. „Plusminus"glaubte offenkundig einen Skandalaufgedeckt zu haben, als es Trikotherstellerwie Nike in der Sendung auch beim Namennannte. Der unheimliche Verdacht wurdedenn auch als Vorabmeldung an die Agenturengegeben, um die Einschaltquote zuerhöhen. „Gift-Verdacht: Kaufhäuser stoppenVerkauf von Fußballtrikots", überschriebdie „Berliner Zeitung" unter Berufung aufdie WDR-Informationen ihren Artikel. Unddie „taz" sprach von „toxischen Leibchen"und fragte, ob neben dem Verkaufsverbotfür die Hemden nicht auch die letzte Bundesligasaisonannulliert werden müsse, weildie Spieler unter dem Einfluß hormonellerMittel gestanden hätten. Kaufhauskettennahmen die mit dem skandalträchtigen AntipilzmittelTBT behandelten Radlerhosen,Badeanzüge, Socken und Fußballtrikots ausden Regalen.Einen Tag später hieß es in der„Berliner Zeitung": „Entwarnung für Fußballfans:Trikots nicht giftig." Das Bundesinstitutfür gesundheitlichen Verbraucherschutzhatte sich der Sache angenommen,Trikots im Chemiekolben untersucht undEntwarnung gegeben: Die zulässigen Grenzwertewurden nicht überschritten.Untersuchungen & GlaubwürdigkeitMerkwürdig verhielt sich währenddessender WDR. An einem Dienstagstrahlte „Plusminus" den Bericht aus. Docherst am darauffolgenden Freitag standendem Bundesinstitut für gesundheitlichenVerbraucherschutz die dem Fernsehberichtzugrunde liegenden Analyseergebnisse zurVerfügung, in denen es geheißen hatte, insechs von elf untersuchten Radlerhosen,Sportbodys und Socken sei TBT enthaltengewesen. Die „Plusminus"-Redaktion hattesie dem Bundesinstitut nicht herausgegeben.Einige Tage später wurde klar, warumdie Daten zurückgehalten worden waren.„Das angebliche Giftpotential der Fußballhemdenwurde weit übertrieben dargestellt."In einem dem Zuschauer vom WDRpräsentierten Trikot des BallspielvereinsBorussia Dortmund hatten die Analytiker inWahrheit nur geringste Spuren von TBTgefunden. Das im Auftrag der „Plusminus"-Redaktion tätige Galab-Labor hatte in demuntersuchten Borussenhemd nur 2,2 MillionstelGramm pro Kilogramm Trikot anTBT entdeckt. Das Bundesinstitut fürgesundheitlichen Verbraucherschutz urteilte:Ein derart niedriger Wert liege nurknapp über der Nachweisgrenze und stellekeine gesundheitliche Gefahr dar. Das von„Plusminus" beauftragte schleswig-holsteinischeLabor Galab hatte auch in Strümpfender Firma Falke kein TBT und in der gesamtenMeßreihe überhaupt nur einen überhöhtenWert entdeckt; der aber betraf nichtTBT, sondern eine andere Organozinnverbindungnamens Dibutylzinn (DBT). Der„Spiegel" schrieb zu diesem sensationellenFund: „Sie gilt als so unbedenklich, daß sie inden USA sogar in den Verpackungen vonLebensmitteln zugelassen ist."Sportartikelhersteller Nike erlittnach dem WDR-Bericht auf dem deutschenMarkt Umsatzeinbußen und sah sichgezwungen, die von ihm in Deutschland vertriebenenTrikots in Analyse-Institutenuntersuchen zu lassen, um das Vertrauender Verbraucher zurückzugewinnen. Es dauertemehr als fünf Wochen, bis alle Untersuchungenabgeschlossen und die Vorwürfeentkräftet waren. Allerdings ist fraglich, wassich mehr in den Köpfen der Verbraucherfestgesetzt hat: die verzweifelten Dementisder Hersteller oder die Schlagzeile „Gift-Verdacht" in Zusammenhang mit Sporttrikots.


transparent25Wahrheiten undVerdrängungsmechanismenDie Panikmache der Medien wäreoft vermeidbar. Zur Entschuldigung wirdvon vielen die immer knapper bemesseneZeit angeführt, die Medienschaffenden zurRecherche bleibe. Manchmal aber verdrängendiese auch Wahrheiten, so in Zusammenhangmit der „Gentechnik-Debatte”.Bei der Frage, ob ein gezielter Eingriff in dasGen einer Nutzpflanze (etwa von Mais)wirklich „unkalkulierbare” Risiken für dieUmwelt birgt, vergaß man, daß über Jahrzehntehin in fast allen Staaten der WeltSaatgut in Kernreaktoren mutiert wordenwar – bislang ohne erkennbare Schäden fürdie Umwelt.Wer heute durch Gentechnik veränderteBohnen, Kartoffeln oder Tomatenverkauft, wird in Europa auf eher argwöhnischeVerbraucher stoßen. Spätestens seitBSE fordern immer mehr Konsumentenunbedenkliche Lebensmittel. Sie meidenWaren, die in biotechnischen Laborsgeschaffen wurden, und greifen verstärkt zuden vermeintlich ursprünglichen bäuerlichen„Naturprodukten". Dabei wissen sienicht, daß manche der Samen, Früchte undZierpflanzen ihren Ursprung nicht in ländlicherIdylle haben, sondern durch dieBestrahlung etwa in einem Atomreaktorverändert wurden. Ebenso wurden Röntgenstrahlenund die Gammastrahlen vonKobalt-Kanonen zur Schaffung neuer Sorteneingesetzt.Auch manch eine Samensorte,die naturbegeisterte Hobbygärtner indiesen Tagen erstehen, wurde irgendwanneinmal mit Hilfe radioaktiver Strahlen kreiert.Unter Bauern und Saatgutverkäufernist das kaum bekannt.Von der Öffentlichkeitunbemerkt, haben Wissenschaftler allerLänder immer wieder versucht, das Erbgutder wichtigsten Nutzpflanzen durch radioaktiveBestrahlung zu verändern. SelbstWahrzeichen ökologischer Bewegungenwie Jute (Corchorus capsularis undCorchorus olitorius) wurden - ausgerechnetauf dem Höhepunkt der Anti-Atom-Bewegungen in den siebziger und achtzigerJahren - durch Bestrahlung mutiert.Gentechnik,Strahlen und ErbmaterialSeit der Mitte des vergangenenJahrhunderts weiß man, daß Strahlen auchdas Erbmaterial von Pflanzen verändernkönnen. Im Gegensatz zu gentechnischenEingriffen werden bei der Bestrahlung nichtgezielt neue Gene eingebracht, sondern dieMutationsraten erhöht. Auch so kann manneue ertragreichere und gegen Krankheitenresistentere Sorten schaffen. GentechnischeEingriffe verändern eine bestimmte Erbanlage,während bei der Bestrahlung niemandvorhersagen kann, welche Mutationen entstehenwerden. Gezielte gentechnische Eingriffein das Erbgut einer Pflanze unterliegenstrengen Bestimmungen und müssen demVerbraucher kenntlich gemacht werden. DieMutationszüchtung durch Bestrahlung dagegenist nicht kennzeichnungspflichtig.Nur wenige Staaten der Welt habenauf Mutationszüchtungen mit Hilfevon radioaktiven Strahlen verzichtet. Einzigdie Unterabteilung der in Wien ansässigenInternationalen Atomenergiebehörde(IAEA) für Pflanzenzüchtung und Genetikführt heute Buch darüber, welche Erbsen,Bohnen, Zitrusfrüchte, Äpfel, Birnen, Tomaten,Bananen, Gersten- und Weizenkörner„Weil vermeintliche,aber schlechtrecherchierteNeuigkeitendie Auflagenhöhebestimmen, sinken dieHemmschwellen”mit Hilfe von Bestrahlung seit 1963 zu neuen- zuvor nicht bekannten - Sorten gewordensind. Nach Angaben des Sprechers derIAEA, David Kyd, waren es Ende vergangenenJahres weltweit 2252 Pflanzensorten,die mit Hilfe von Mutationstechniken (unterihnen auch schnelle Neutronen und Gamma-oder Röntgenstrahlen) neu gezüchtetworden waren.Weil kein Züchter gezwungen wird,eine durch radioaktive Bestrahlung indizierteMutation bei der IAEA anzuzeigen, dürftedie tatsächliche Zahl der so geschaffenenPflanzensorten wesentlich höher liegen.


je spektakulärer, destobesser?Egal, ob es sich um texanische Grapefruit,amerikanischen oder asiatischenReis, italienischen Hartweizen oder die Jutefür eine Tasche handelt, auf der „Atomkraft,nein danke" aufgedruckt ist - die meistendieser Pflanzensorten wurden in Atomreaktorenbestrahlt oder auf den Feldern mitKobalt-60-Kanonen oder Röntgenstrahlenbehandelt. Von den Pflanzen wurden dannjene ausgewählt, deren „Mißbildungen" inder Zucht Vorteile (Resistenzen, höhererErtrag, neue Farbe) versprachen, und inbestehende Sorten eingekreuzt. Mehr alsdie Hälfte der in Europa angebauten Gerstehat demnach Gene in ihrem Erbgut, dieletztlich durch Bestrahlung verändert wurden.Allein deutsche Züchter haben nachAngaben der IAEA mit Hilfe radioaktiverBestrahlung 44 Getreidesorten neu gezüchtet.Der Leiter des gemeinsam vonIAEA und Welternährungsorganisation(FAO) betriebenen Sektion „Nukleartechnikin Ernährung und Landwirtschaft",Miroslaw Maluszynski, sagte in Wien, daßauch in Schottland viele der für die Whisky-Produktion genutzten Gerstensorten aufeine Mutante zurückgehen, die durchBestrahlung erzeugt wurde:Die von Maluszynski geleiteteAbteilung hilft weltweit Bauern, mit künstlichmutierten Pflanzensorten höhere Erträgezu erwirtschaften und so die Lebensgrundlagenzu sichern. Nach Informationender FAO/IAEA-Datenbank wurden inDeutschland auch mindestens zwei Weizensorten,34 Chrysanthemensorten, drei Azaleensorten,vier Nelkensorten, drei Bohnensorten,eine Sojabohnensorte, eine Spinatsorte,elf Inka-Liliensorten und eineGeraniensorte mit Hilfe von radioaktiverBestrahlung entwickelt und offiziell unterSortenschutz gestellt.Wahrnehmungund SensibilisierungDie Jute fast aller Tragetaschenstammt nach übereinstimmenden Angabenvon IAEA/FAO und führenden Lebensmittelchemikernheute aus Staaten wie Burma,Indien, China und Bangladesch, die sichoffen dazu bekennen, die Jute-Pflanzendurch radioaktive Bestrahlung mutiert undso neue Sorten entwickelt zu haben. VonZwiebeln über Erdnüsse, Grassamen, Senf,Soyabohnen, Reis, Baumwolle, Zitrusfrüchtenwie Orangen, Zitronen, Mandarinen undLemonen, Papaya, Pfeffer, Pfefferminze,Wassermelonen,Flachs, Tabak, Aprikosen, SüßundSauerkirschen, Birnen, Äpfel und Pflaumenbis hin zu Oliven, Mais, Sesam, Tomaten,Trauben, Bananen und Bohnen reichtdie Zahl jener Pflanzen, die Züchter in allerWelt schon mit Hilfe von schnellen Neutronen,Gamma- oder Röntgenstrahlen genetischzu verändern suchten.Besonders erfolgreich waren sie beiReis, Bananen, Gerste, Hartweizen, Kichererbse,Apfel, Grapefruit, Pfefferminze undjapanischer Birne.Auch der Großteil des inder Mittelmeerregion angebauten Hartweizens,Grundlage für Pasta und Nudelgerichte,sind heute mit Hilfe von Gamma-(Kobalt-60), Röntgenstrahlen oder schnellenNeutronen geschaffene Sorten wieetwa Castelporziano und Castelfusano.Hartweizen-Mutanten bedecken heutesiebzig Prozent der Anbauflächen für dieseGetreidesorte. Und immerhin elf Tabaksortenwurden ebenfalls dieser Behandlungunterzogen. Das alles wurde in der Gentechnik-Debatteder Öffentlichkeit von denmeisten Medien verschwiegen. Einzig dieFrankfurter Allgemeine Zeitung berichteteausführlich darüber.Computersicherheitund VirenwarnungenManchmal werden Nachrichten derÖffentlichkeit weder vorenthalten, nochbewußt verfälscht. Sie werden schlicht aufgebauscht.Das sieht man regelmäßig an denalarmistischen Meldungen über angeblicheViren-Attacken auf Rechner.


transparent27Im Zeitalter der globalen Vernetzunggelten Computerviren als die Armeendigitaler Schlachtordnungen. Mit ihnen, sodie Fachleute, können Böswillige Rechnerlahmlegen, Daten löschen und nicht nur Privatleuteund Unternehmen, sondern selbstStaaten an den nicht nur virtuellen Randdes Abgrundes drängen. Solche Perspektivenhaben einen nicht unwesentlichenAnteil daran, dass die Hersteller von Anti-Viren-Software heute traumhafte Renditenerzielen. Doch auch staatliche Einrichtungendürfen sich freuen: In allen Industriestaatenfinanzierten Politiker jene Institutionen,die nun vor drohendem Unheilrechtzeitig warnen könntenWenn es um Prognosen auf demGebiet der Computersicherheit geht, danngilt die amerikanische Bundespolizei FBIeigentlich als verläßlicher Ansprechpartner.Den dort geäußerten Warnungen über neueViren haben Medien in vergangenen Jahrenohne Vorbehalte Glauben geschenkt. Dasaber scheint sich allmählich zu ändern. Erstsagte die Behörde zum Jahrtausendwechsel- fälschlicherweise - einen „Millenniums-Crash" voraus. Dann folgten Monat fürMonat Viren- oder Wurm-Warnungen, dieentweder nicht oder nur in wesentlichgeringerem Maß als vorhergesagt Datennetzeschädigten.So genannte Computer-Würmerhaben die Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren.Sie können zudem eigenständig aktivwerden. Dabei unterscheidet man zweiArten von Würmern: Massen-Mailer und dieNetzwerkverbreiter. Massen-Mailer werdenals Dateianlage per E-Mail verschickt.Wennder Empfänger die Anlage anklickt, wird derComputer infiziert. Erst durch die Mithilfedes Computernutzers kann sich der Wurmsomit an alle Adressaten verbreiten, die imAdreßbuch stehen. Im Gegensatz dazukopiert sich ein Netzwerkverbreiter selbstaufgrund von Sicherheitslücken aus demInternet auf den Computer und infiziert diesen.Dann sucht er sich bei einer Online-Verbindung weitere ungeschützte Computer.Wer sich also den verlockendenDoppelklick auf einen unbekannten Dateianhangerspart oder seinen Rechner vorNetzwerkverbreitern schützt, läuft nichtGefahr, Opfer eines Wurms zu werden. Dennochverfallen viele Medien in Hysterie,wenn wieder einmal ein Wurm im Internetauftaucht.Großangriff auf dieRechner der WeltAuch vor dem „Wurm", der als„Code Red" in die Computergeschichte eingehenwird, hatte das FBI über die Mediengewarnt und damit sogar das Pentagon dazuveranlaßt, seine Internetseite kurzfristig vomNetz zu nehmen. Am 19. Juli 2001, so dasFBI, habe der angeblich grauenvolle digitaleComputerwurm seinen Großangriff auf dieRechner der Welt gestartet. Heute weißman, daß diese Warnung nicht nur übertrieben,sondern schlicht falsch war. Denn„Code Red" stellte in Wahrheit keineBedrohung auf der ganzen Welt dar. Zwargab es am 19. Juli tatsächlich einige Störungenim amerikanischen Datennetz, doch wardie Ursache nicht ein bösartiger Viren-Angriff, sondern ein Brand in einem Eisenbahntunnelnahe Baltimore. Dort verbranntenbei einem Zugunglück nach Angaben deskalifornischen Softwareunternehmens Keynote(http://www.keynote.com/) auch einigeder wichtigsten Datenleitungen der sieben„Manchmal werdenNachrichten der Öffentlichkeitweder vorenthalten,noch bewußtverfälscht.Sie werden schlichtaufgebauscht”größten amerikanischen Provider, über dieein beträchtlicher Teil der Internetkommunikationgeführt wurde. Das FBI hatte die vermeintliche„Wurm-Warnung" von dem ihmunterstehenden amerikanischen NationalInfrastructure Protection Centre (NIPC)erhalten und als Pressemeldung auf derganzen Welt verbreitet. Das NIPC hatte fälschlicherweisezuvor nicht nur den Jahr-2000-Crash, sondern nach der Notlandungeines amerikanischen Spionageflugzeuges inChina auch den angeblich bevorstehendenGroßangriff chinesischer Hacker auf amerikanischeWeb-Seiten an das FBI gemeldet.Zwei Wochen dauerte es, bis das FBI in denMedien Anfang August in Hinblick auf „CodeRed" weitgehend Entwarnung geben konnte.In der Zwischenzeit hatten Nachrichtenagenturenmit reißerischen Berichtenzur Verunsicherung von Millionen Computer-Nutzernbeigetragen


je spektakulärer, destobesser?IT-Fachmann Rob Rosenberger, Betreiberder Internetseite http://vmyths.com,gilt als einer der wichtigsten Kritiker überzogenerViren-Warnmeldungen. Immer wiederweist er darauf hin, daß mit demSchüren der Viren-Hysterie vor allem auchGeld verdient werde.Während die Herstellervon Anti-Viren-Software per E-MailViren-Warnungen verbreiten, kontertRosenberger mit einem „Anti-Hysterie-Viren-Warndienst". Rosenberger sammeltauf seinen Web-Seiten die Stimmen jenerFachleute, die vor der wachsenden Hörigkeitgegenüber vermeintlichen Virus-Schädenwarnen.Der Sprecher des Bonner BSI,Michael Dickopf, sagt: „Durch die Inflationvon Viren-Meldungen in den Medien wirdfür den einzelnen Computeranwenderimmer schwerer erkennbar, ob es sich umeine ernsthafte Bedrohung handelt odernicht. In Hinblick auf Code Red war fürmich erschreckend, daß, obwohl hier Fachleutewie Systemadministratoren gefragtwaren und es ausreichende Vorlaufzeitengab, nicht die Chance genutzt wurde, entsprechendeSicherheitsprogramme herunterzuladen,um sich so vor dem Wurm zuschützen."Das BSI (www.bsi.de) gilt inDeutschland als eine der wenigen seriösenInformationsquellen über die tatsächlicheGefahr von Computerviren. Welche Virenderzeit auf Rechnern entdeckt werden,kann man live auf den Web-Seitenhttp://www.messagelabs.com/viruseye/,http://www.mcafee.com/anti-virus/virusmap.aspund http://www.incidents.org/sehen. Im Gegensatz zu „Code Red I" verfügtder sich jetzt verbreitende Wurm„Code Red III" auch über einen Trojaner,der unbemerkt Daten von Festplattenkopieren kann. Er stellt damit mehr als nureine theoretische Bedrohung dar. Doch werwird vor dem Hintergrund inflationärerMedien-Warnungen vor „Code Red I"seriösen Institutionen wie dem BSI jetztnoch Gehör schenken?Pharma-Branche,Lipobay und WirtschaftskriegeOftmals ist es wesentlich einfacherPanik zu schüren, als seriös zu recherchieren.Recherche jedoch ist oftmals lohnend,denn nur so findet man Hintergründe, diezur seriösen Information gehören. Ein Beispieldafür war die angebliche „Lipobay-Affäre” um den Bayer-Konzern im August2001. Hier gab es nicht nur zahlreicheZufälle, sondern auch ebensoviele Nebenwirkungen.Der französische Philosoph Voltairehat einmal gesagt, das Wort Zufall habeeigentlich keinen tieferen Sinn. Denn inWahrheit könne nichts ohne Ursachebestehen. Manchmal aber fördert die Suchenach Ursachen interessante „Zufälle" zutage,so auch in der gegenwärtigen Bayer-Krise.Ein solcher „Zufall" ist die amerikanisch-deutscheKonkurrenz auf dem Gebietder Pharma-Neuentwicklungen. Der umsatzstärksteCholesterinsenker der Welt("Lipitor") wird vom amerikanischen UnternehmenPfizer hergestellt. Mehr als fünf MilliardenDollar Umsatz erzielte Pfizer imJahr 2000 allein mit diesem Präparat,während das wegen möglicher Todesfälle imAugust 2001 vom Markt genommene Bayer-Konkurrenzprodukt„Lipobay" nur 570Millionen Dollar erwirtschaftete. Pfizer wirdnun wohl einen Teil der von „Lipobay" hinterlassenenMarktlücke füllen. Auch auseinem anderen Grund kam Pfizer der Imageverlustder Marke Bayer gelegen: In wenigenMonaten wollte Bayer ein „Vardenafil"genanntes Potenzmittel auf den Markt bringen.Nach Studien soll es wesentlich wenigerNebenwirkungen als das von Pfizerangebotene und bislang einzigartige „Viagra"haben.


transparent29983 Todesfälle durch ViagraDie Arzneimittelkommission derDeutschen Ärzteschaft hatte schon imJanuar 2000 gefordert, dass sich die deutscheAufsichtsbehörde, das Bundesinstitutfür Arzneimittel und Medizinprodukte, nachdamals 18 Viagra-Todesfällen allein inDeutschland mit dem Pfizer-Medikamentbefassen müsse. Der Vorsitzende des Ärztekammer-Gremiums,Müller-Oerlinghausen,hob damals hervor: „Es wurden schonMedikamente bei Bekanntwerden vonweniger schweren Nebenwirkungen undeiner geringeren Zahl an Todesfällen vomMarkt genommen." Pfizer hatte zu jenerZeit Forderungen nach einem Viagra-Verbot„unbegründet" genannt. Das Medikamentist weiterhin erhältlich, obwohl die Datenbankder amerikanischen Gesundheits- undArzneimittelbehörde FDA ("Adverse EventReporting System" der FDA) Ende des vergangenenJahres über 983 Todesfälle berichtete,die Ärzte in Zusammenhang mit Viagra,das zu jenem Zeitpunkt kaum länger alszwei Jahre auf dem Markt war, gemeldethatten. Eine Aussage über einen kausalenZusammenhang der Sterbefälle wird in derFDA-Datenbank - wie jetzt bei den „Lipobay"-Todesfällen- jedoch nicht gemacht.Müller-Oerlinghausen kritisiert das„eigentümliche Messen mit zweierlei Maß.Hunderte Todesfälle in Zusammenhang mitViagra, und weder auf europäischer nochinternationaler Ebene wird das zum Anlaßgenommen, um sich stärker damit zu befassen."Er fragt zudem: „Wieso gibt eseigentlich keine Sammelklagen in Zusammenhangmit Viagra? Das ist doch schonziemlich interessant und zugleich ein bizarresSchauspiel." Der Sprecher der Zwangsarbeiter-Stiftungsinitiative,zu deren Gründungsmitgliederndie Bayer AG zählt,Wolfgang Gibowski, macht auf einen weiteren„Zufall" aufmerksam: „Mir ist aufgefallen,daß in den Vereinigten Staaten imZusammenhang mit der Bayer AG jetzt wiedereinmal von dieser historisch bedeutsamenZahl sechs Millionen Geschädigtergesprochen wird. Hier entsteht der Eindruck,daß Bayer in Amerika damit gebrandmarktwerden soll. Das geht schon in dieRichtung eines Wirtschaftskrieges."Die negativen Schlagzeilen über dieBayer AG klangen auch für den MünchnerPharmarechtler Alexander Ehlers nachSchlachtenlärm. „Die jetzt bei Bayer eingetreteneSituation wird in Deutschland undinternational durch die Außendienstmitarbeitervon Konkurrenten dazu genutzt werden,um eigene Produkte zu positionieren",sagte Ehlers. Ist es ein Zufall, daß just aufdem Höhepunkt der Bayer-Krise trotzhöchster Sicherheitsvorkehrungen dernoch streng geheime Viagra-Konkurrent„Vardenafil" aus einem Bayer-Labor verschwundenist?„Mit demSchüren der Viren-Hysterie wird vorallem auch Geld verdient”Auffällig ist auch, daß bewährte Bayer-Präparatevon amerikanischen Wissenschaftlernöffentlich diskreditiert wurden.Ein Beispiel dafür ist der Bluthochdruck-Senker Nifedipin, der vom Bayer-ForscherWulf Vater Mitte der siebziger Jahre entwickeltworden war und weltweit in Apothekenunter dem Namen „Adalat" angebotenwird. 1995 veröffentlichte der an derWake-Forest-Universität in Winston-Salemim amerikanischen Bundesstaat NorthCarolina lehrende Medizin-Professor CurtFurberg eine Studie, nach der mit „Adalat"behandelte Patienten wesentlich häufigereinen Herzinfarkt erlitten als Patienten, diemit Blutdrucksenkern der Konkurrenzbehandelt worden waren. Professor Furbergsoll nach Angaben des British MedicalJournal nicht nur Forschungsgelder vomBayer-Konkurrenten Pfizer erhalten, sondernauch einen Beratervertrag mit demBayer-Konkurrenten Bristol Myers Squibbgehabt haben. Zurückhaltend betrachtetman auch bei der „Ärzte-Zeitung" dieArbeit von Furberg. Diese überschriebeinen Bericht über einen Kardiologen-Kongreßin Amsterdam im August des vergangenenJahres mit den Worten „Curt Furbergist wieder auf dem Kriegspfad".


je spektakulärer, destobesser?Nach Auffassung von ProfessorPeter Eckert,Autor des Buches „Das Pharmakartell",lag der amerikanischen Kritik amBayer-Produkt „Adalat" ein zielgerichtetesVorgehen amerikanischer Konkurrentengegen das Leverkusener Unternehmenzugrunde.Es mag ein Zufall sein, daß wissenschaftlichunhaltbare Studien, Falschmeldungenund die Markteinführung eines vielversprechendenProduktes, vermischt mithistorischen Vorbehalten gegen Bayer, in derGeschichte des Unternehmens aufeinandertreffen.Sicher ist jedoch, daß sie Konkurrenzunternehmenzugute kommen. Vordiesem Hintergrund gewinnt auch das hartnäckigkolportierte Gerücht an Bedeutung,wonach sich amerikanische Pharmaherstellerseit dem vergangenen Jahr mehrfach zuAbsprachen über ein gemeinsames Vorgehengegen unliebsame deutsche Konkurrentengetroffen haben sollen.Generell heißt es vom GermanAmerican Business Council: „Seit dem Endedes Kalten Krieges haben wir verstärktenwirtschaftlichen Wettbewerb zwischenamerikanischen und deutschen Unternehmen,und auch die amerikanisch-deutschenBeziehungen sind, weil es einen gemeinsamenFeind nicht mehr gibt, ständig auf demWeg der Verschlechterung. Wirtschaftlichgesehen heißt das, die Konkurrenz wirdhärter. Der Wettbewerb im pharmazeutischenBereich ist sehr hart. Die Firmenwürden alles tun, um den Marktanteil zuhalten oder sogar noch zu vergrößern."In den meisten Medien wurde dieBayer AG zu jenem Zeitpunkt jedoch alsTäter, nicht als Opfer, dargestellt. Es ist ebenleichter, schnell eine Geschichte über einenangeblich bösen deutschen Konzern zuschreiben, der das Leben zahlreicher Menschengefährdet, als die Hintergründe einerUnternehmenskrise eingehender zubetrachten.Der hier abgedruckte, gekürzte Text geht zurückauf das Manuskript eines Vortrages, den Dr. UdoUlfkotte, Redakteur der Frankfurter AllgemeinenZeitung, auf einer Klausurtagung in Berlin gehaltenhat.


transparent31„Es mag Zufallsein, dass wissenschaftlichunhaltbareStudien, Falschmeldungenund dieMarkteinführungeines Produktesaufeinandertreffen”Dr. Udo Ulfkotte


jugend und nachhaltigkeitein wunschzettel für diezukunftNachhaltigkeit soll die Welt von morgen prägen. Was aber halten Jugendliche von dieseminhaltlich schwierigen und begrifflich eher langweiligen Leitbild?Lisanne Zimmermann, Gymnasiastin der Jahrgangsstufe 12 aus Wuppertal, mitBerufsziel Journalistin, über die geringe Faszination der Zukunftsformel.Ökonomie, Ökologie und sozialeGerechtigkeit - im Begriff „Nachhaltigkeit”vereint sich, was für die zukünftige Entwicklungwünschenswert ist. Der modernisierteUmweltgedanke soll das nächste Jahrtausendund das Wirken kommender Generationenprägen, doch uns Jugendliche hat erbisher noch nicht nachhaltig beeindruckt.Nur 13 % der Deutschen gebenlaut Studie des Bundesumweltministeriumszum Umweltbewusstsein der Deutschen imJahr 2000 an, den Begriff „Nachhaltigkeit”schon einmal gehört zu haben; auf denSchulhöfen aber herrscht noch größereRatlosigkeit.So muss beispielsweise MatthiasHampe, Schüler der Jahrgangsstufe 13 amRemscheider Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium,erst einmal nachfragen, was sich dennhinter der Bezeichnung verbirgt, bevor ervon seinem Mitwirken im „Future-Team”,einer Arbeitsgemeinschaft, bei der Nachhaltigkeiteigentlich Programm ist, berichtenkann. Hier geht es konkret um Energiesparenin der eigenen Schule, also im direktenUmfeld, und dies läuft so gut, dass sich sogarEinsparungen von 28.000 DM im Jahr 2000im Portemonnaie bemerkbar machten.Nach anfänglicher Skepsis und Äußerungenwie „Ach, die spinnen doch”, stehe nun dieganze Schule hinter ihnen, bericht Matthias.Dieses Team und viele andere Engagiertezeigen, dass auch Jugendliche der oft kritisierten„Spaß-Gesellschaft” Zukunftsproblemeernst nehmen. Doch wie kann mandarüber hinaus einer Vielzahl von Jugendlichendie neue Thematik näherbringen, siegleichzeitig zum Handeln und Umdenkenanimieren?Denn für ein „ZukunftsfähigesDeutschland”, wie das Wuppertal-Institutfür Klima, Umwelt und Energie seine Veröffentlichungzur nachhaltigen Entwicklungbetitelte, braucht es auch oder vor allemeine „zukunftsfähige Jugend”, also eine neueGeneration mit Mut zur Veränderung.Ein erster Schritt liegt in der Analyseder momentanen Probleme, die sich imUmgang mit Nachhaltigkeit ergeben: Bereitsder Begriff, 1992 nach der Umweltschutzkonferenzder Vereinten Nationen in Rio deJaneiro einfach aus dem Englischen „sustainabledevelopment” übersetzt, und seineDefinition schrecken ab. Er lässt Jugendlichegähnen, klingt nach Politik und ist nichtohne genaue Erklärung zu verstehen. AlsAdjektiv zwischen „Nachhall” und „nachhängen”beschreibt „nachhaltig” laut CD-Rom-Nachschlagewerk Encarta 2000 Substantive„von starker und langer Wirkung”.83,5 % der Deutschen sprechensich nach Erläuterung für die umfassendeZielsetzung des Konzeptes aus, die sowohlökonomische als auch ökologische undsoziale Interessen in einem Dreieck derNachhaltigkeit vereint. Schonender Umgangmit den natürlichen Ressourcen, Erhaltungder heutigen Lebensbedingungen für dienachwachsenden Generationen und einökonomisches Gleichgewicht zwischen reichenund armen Ländern.


transparent33Die Bedeutung für das alltäglicheLeben bleibt allerdings imDunkeln. Speziell bei jungen Leutenmüssen hier Wissenschaft, Politikund Pädagogik ansetzen, denn vielfachgeraten Ökologieideale beiverstärktem Konsumdenkenins Hintertreffen.„Für uns Jugendlicheerschließen sichUmweltprobleme oftnicht, da wir einer(noch) heilen Welt imAlltag gegenüberstehen”Lisanne Zimmermann„Der Wohlstand macht uns bequemund Unbequemes lässt man gerne mal linksliegen”, analysiert eine 18-Jährige aus Wuppertal.Ein alltagstaugliches Paket, bestehendaus Möglichkeiten zur Problemerkenntnisund -erfahrung sowie Vorschläge zu umweltfreundlicheremHandeln im persönlichenUmfeld, ganz nach dem Motto „globaldenken - lokal handeln”, sollte einen nachhaltigenRahmen bieten.Den wachsenden Mangel an Naturerfahrungenwährend der Kindheit, sollltenLehrer/-innen und Erzieher/-innen durchverstärkte, konstante und umfassendeUmweltbildung im Lernprozess kompensieren.Es sei wichtig, nicht nur Naturkontaktezu vermitteln, sondern ihre Wertschätzungzu fördern, so Dr.Armin Lude in einer Studieüber Naturerfahrungen und Naturschutzbewusstsein.Doch reicht das aus?Nachhaltigkeit sollte auch eineChance bieten, den Umweltschutz aus derangestaubten „Ökoschublade” zu holen undsomit bei der Umwelterziehung ohne Weltuntergangsprognosenund erhobenen Zeigefingerauskommen. Für uns Jugendlicheerschließen sich Umweltprobleme oft nicht,da wir einer (noch) heilen Welt im Alltaggegenüber stehen. „Unterricht zum Anfassenund Erfahren” mit gezielter Projektarbeitund sichtbaren Erfolgen, Anschauungsmaterialoder „Insider”-Berichten solltedeshalb die Devise lauten.


ein wunschzettelfür die zukunftIn Seminaren und Workshops derUmweltorganisationen oder von Umweltbeauftragtenin Unternehmen nähmenJugendliche wahrscheinlich verstärkt dieProbleme ihrer Altersgruppe wahr, beschäftigtensich mit Anwendungsmöglichkeiten inSchule oder Verein und könnten selbst alsMultiplikatoren, so genannte „peer-educator”,wirken. Denn mit Gleichaltrigen vorhandenesUmweltwissen in Umwelthandelnumzusetzen und dessen Bedeutung zuerkennen, bewirkt mehr und macht auchnoch Spaß.Bessere VermarktungParallel zur Umweltbildung müsstenWerbefachleute Begriff und Zielsetzung einfach,pfiffig und einprägsam darstellen undzugleich Umweltschutz wieder erstrebenswertermachen, so die Ergebnisse einerDiskussion mit einer Schülergruppe imWuppertaler Carl-Fuhlrott-Gymnasium, diesich Gedanken zur besseren Vermarktungdes Begriffs Nachhaltigkeit gemacht hat.Bedeutsam sei es dabei auch, den Jugendlichendas Gefühl zu geben, dass sie für Entwicklungund Umsetzung genauso wichtigeAkteure sind wie die Wirtschaft und auchwirklich etwas verändern können, so dieSchülerinnen und Schüler. Schließlich seieine Kette ja bekanntlich nur so stark wieihr schwächstes Glied.Ein generelles Umdenken, nicht nurin den Köpfen der kommenden Generation,sondern vor allem bei den Politikern, sollmit der Zeit das Konzept „Wirtschaft oderÖkologie” durch „Wirtschaft und Ökologie”ersetzen.Doch muss es bei solchenZukunftsvisionen nicht wie Hohn in unserenOhren klingen, wenn die USA aufGrund wirtschaftlicher Interessen dieUnterzeichnung des Kyoto-Protokollsablehnen? Die Vorbilder, die Nachhaltigkeitpropagieren und interessant machen, fehlen.Eltern und Bekannte sind genauso weniginformiert wie wir, in der Schule stehtNachhaltigkeit im Lehrplan der gymnasialenOberstufe für die Fächer Erdkunde undSozialwissenschaft eher zwischen den Zeilen.Doch uns reichen bloße Erklärungenund Definitionen, die wie ein Wunschzettelfür unsere Zukunft aussehen, nicht alsAnreiz.Vergleichbar mit dem Nachhaltigkeits-Dreieckließe sich folglich auch einDreieck entwerfen, dessen Eckpunkte Bildung,Werbungund „learning-by-doing” dasUmweltbewusstsein bei Jugendlichen stärken,sie für die Thematik begeistern und einGefühl für die Probleme der Zukunftwecken sollen.Eben nicht bloß „global denken -lokal handeln”, sondern vor allem „thinkfuture”.impressumtransparentrisikowahrnehmung unddialogbereitschaftherausgeberchrista friedlgerhard jakubowskiandreas oberholzrosemarie oswaldudo pollmerwerner preuskerredaktionandreas oberholz visdpkoordinations- und redaktionsanschriftgerhard jakubowskikommunikations- und konfliktberatunggrosse strasse 2222926 ahrensburgtel 04102.51268fax 04102.56255eMail g.jakubowski@t-online.degestaltung und layoutstudio wunderlichhttp://www.studio-wunderlich.detel 08024.92131belichtung & druckprint 64postfach 184722808 norderstedtdiese publikation wird gefördert von derarbeitsgemeinschaft pvc und umwelt (agpu e.v.)am hofgarten 1-253111 bonnansprechpartner:geschäftsführer werner preusker


transparent35herausgeber„Im Vordergrund steht immerder kritisch-konstruktive Dialog, diequergedachte Argumentation”Christa FriedlChemiestudium an den Fachhochschulen Aalen und Reutlingen;Journalistikstudium an der Universität Stuttgart-Hohenheim;Volontariat bei diversen Tageszeitungen und Agenturen;seit 1989 bei den „VDI-Nachrichten” verantwortlicheRedakteurin für Umwelt und Forschung.Rosemarie OswaldBiologin, seit 20 Jahren im Natur- und Umweltschutz aktiv.Wichtige Stationen: WWF, „Ökologische Briefe”, umweltpolitischeSprecherin von Bündnis90/Die Grünen in Frankfurt,Leiterin des Umweltamtes in Ludwigshafen, ab 1.1.2002Referentin des Umweltdezernates Frankfurt.Gerhard JakubowskiJahrgang 1941,Verlagskaufmann, PR-Führungspositionen inder Industrie, seit 1976 eigene Agentur für Konflikt- undKommunikationsberatung in Ahrensburg. Neben seinemSpezialgebiet der Dialogkommunkation ist er vor allem auchals Dozent und im Coaching tätig.Udo PollmerJahrgang 1954, Lebensmittelchemiker, Dozent, Unternehmensberater,Wissenschaftsjournalist,mehrfacher Buchautorund Wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Institus fürLebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.)Andreas OberholzJahrgang 1957, arbeitet als freier Journalist in Heiligenhaus.Schwerpunkte: Umwelt- und Mittelstandsthemen.Als Blattmacherkonzipiert und betreut er entsprechende Printmedien.Bislang vier Sachbücher. Seit 1996 Vorsitzender desArbeitskreises Umweltpresse.Werner PreuskerJahrgang 1950, Jurist, zunächst Mitarbeiter des Sachverständigenratesfür Umweltfragen, dann des Verbandes der ChemischenIndustrie (Abteilung Technik und Umwelt). Seit1989 Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft PVC undUmwelt (AgPU) e.V. in Bonn.

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