als PDF - Gustav-Adolf-Werk

gustav.adolf.werk.de

als PDF - Gustav-Adolf-Werk

Kleine Hoffnungen in der großen KriseEvangelisches Athen im November 2012von Wilhelm HüffmeierErntedankgottesdienst auf der Dachterrasse des Altenheims „Koroneos” · Foto: GemeindeVon der Dachterrasse des Hauses Koroneos an derTsocha-Straße, Ecke P. Kiriakou-Straße fällt der Blickdirekt auf das Spielfeld des Stadions der bekanntenFußballmannschaft Panathinaikos. „Einige unsrerBewohner, auch Bewohnerinnen kommen auf die Terrasseoder lassen sich im Rollstuhl hierherbringen,wenn Panathinaikos spielt“, erzählt Manuela Gollwitzerlächelnd. Die gebürtige Sächsin und Krankenschwesterist die Geschäftsführerin des Alten- undPflegeheims. Mit dem verstorbenen Theologen gleichenNamens ist sie nicht verwandt, führt aber ihrAmt mit einer seiner theologischen Leidenschaft vergleichbarenHingabe und Intensität. „Es gab anfangsauch Sorgen wegen des Krachs durch die Fußballfans,aber die sind schnell verflogen, denn gespielt wird janicht zu nachtschlafender Zeit“, fügt sie hinzu. Sorgenmachen ihr einige Mitarbeiterinnen, deren Männerdurch die Krise arbeitslos geworden sind. Eine tiefeKränkung für die meisten. Es gab schon Trennungen.Das Haus Koroneos wurde der Evangelischen KircheDeutscher Sprache zu Athen im Jahr 2001 von denBrüdern Emilios und Nikolaus Koroneos geschenkt.Das Gebäude wurde danach für 1,8 Millionen Eurorenoviert, erweitert und am 1. April 2007 als modernesHeim für 38 pflegebedürftige Männer und Frauen undbetreutes Wohnen in fünf Apartments eingeweiht. DieKosten für die Unterbringung bewegen sich zwischen900 und 2 300 Euro, alles inklusive. Das Renommeedes Hauses Koroneos wächst ständig.Die Mittel für den Aus- und Umbau der Immobilie, soerläutert Pfarrer René Lammer, kamen größtenteilsaus Erlösen der Weihnachtsbasare der Gemeinde, dieseit 80 Jahren rund um den 1. Advent stattfinden. Sieziehen alljährlich ca. 3 000 Besucher an, zweifellos einHighlight des Gemeindelebens, ein einträgliches.„Hoffentlich bleibt es in diesem Jahr auch so“, meintPfarrer Lammer. Da ist sie plötzlich da, die Krise.Lammer liebt sein Pfarr- und Gemeindehaus und dieim Bauhausstil errichtete, 1937 eingeweihte Christuskirche.Der damalige Gustav-Adolf-Verein hatte 1932 imZusammenhang mit seiner 100-Jahrfeier deutschlandweitspeziell für diesen Kirchbau eine große Summegesammelt. „Hören Sie die Glocken, die sind vomGustav-Adolf-Verein“, sagt Pfarrer Lammer vor demGottesdienst.Mit ambivalenten Gefühlen war ich nach Athen zurEvangelischen Kirche Deutscher Sprache und derGriechischen Evangelischen Kirche, beides Partnerkirchendes GAW, gereist. Gerade hatten in Thessalonikiaufgebrachte Demonstranten den deutschen Generalkonsulmit Wasser und Kaffee übergossen und andereTeilnehmer einer Konferenz mit Eiern beworfen.Grund: die Äußerung eines deutschen Staatssekretärs,ein Beamter in Deutschland erledige die gleiche Arbeitwie drei griechische Beamte.Wie schreibt doch Matthias Claudius: „Sag nicht alles,was du weißt; aber wisse immer, was du sagst.“10Gustav-Adolf-Blatt 1/2013


Als dann nach der Landung auf dem Athener Flughafeneine junge Griechin am Informationspunkt mirrührend geduldig den Weg zur Metro erklärte und aufdem Stadtplan die Straßen von der U-Bahn-StationEvangelismos zur „deutschen Kirche“ in der Sina-Straße66 am Fuß des imposanten Lykabettus ankreuzte,war das mulmige Gefühl verflogen. Und das Empfinden,willkommen zu sein, setzte sich in Gesprächenfort.Das ganze Jahr über hatte die deutsche evangelischeGemeinde in Athen ihren 175. Geburtstag gefeiert.Seit jeher spielen in ihr viele mit Griechen verheirateteFrauen eine wichtige Rolle. Die heutige stellvertretendeGemeindekirchenrats-Vorsitzende Vera Sficasund Friederike Führ, Anwältin für Handels- undWirtschaftsrecht sowie Vorsitzende des Diakonievereins,zählen ebenfalls dazu. Bei dem Gemeindekirchenrats-VorsitzendenVolker Klar ist es umgekehrt: Erhat eine Griechin zur Frau. Martin Eisenmann, fürMercedes in Athen, hat dagegen die ganze Familie ausStuttgart mitgebracht. Gut, dass es hier die DeutscheSchule gibt, in der Astrid Itter-Giataganas Religionund Englisch unterrichtet. „Ich vertrete im Gemeindekirchenratdie jüngere Generation“, sagt sie stolz.Gina Scheerbarth heißt mit ganzem Namen Scheerbarth-Garagounis.Sie ist mit einem Griechen verheiratet,der jedoch nicht wie sonst fast alle Ehepartnerder Deutschen in Athen zur orthodoxen Kirche gehört,sondern zur Griechischen Evangelischen Kirche.Gina Scheerbarth ist noch als Ärztin tätig. Kürzlichmusste sie zusammengeschlagene junge Afghanenmedizinisch versorgen: In Straßen Athens machenJugendliche der rechtsradikalen Partei „GoldeneMorgenröte“ Jagd auf Flüchtlinge und Asylbewerber.Im Unterschied zur deutsch geprägten deutschsprachigenGemeinde geht die 1874 in Athen gegründetekongregationalistisch-reformierte Griechische EvangelischeKirche (GEK) auf Aktivitäten des amerikanischenTheologen und Schulgründers Jonas King(1792 –1869) und seiner griechischen Schüler zurück.Im Gespräch mit dem Generalsekretär DimitriosBoukis und der GAW-Beauftragten der GEK, MariaPapathanasiou, ist sie wieder da und nun sehr bedrückend:die Finanz- und Wirtschaftskrise Griechenlands.Die Gemeinden, die zumeist aus Eigentümernkleinerer und mittelgroßer Läden und ihren Familienbestehen, seien von der Krise hart getroffen. Die Geschäftegehen schlecht. Es werde immer schwieriger,die Gehälter der 17 Pfarrer in 32 Gemeinden, achtdavon in Athen, aufzubringen. 2013 soll eine erneuteKürzung des 800-Euro-Pfarrgehaltes um fünf Prozenterfolgen. Zu den 800 Euro kommt glücklicherweise diefreie Wohnung dazu. „Wir unterstützen die Kirchezuerst, dafür lassen wir anderes“, sagt Maria Papathanasiou,eine ehemalige Zahnärztin. Besonders schwieriggestaltet sich das Aufbringen der Versorgung derzehn pensionierten Pfarrer. Da sei inzwischen einSchuldenberg von 40 000 Euro angewachsen.Dimitrios Boukis hofft auch auf Hilfe von evangelischenChristen in Deutschland.Wir fahren durch Athen und werden wegen Absperrungenfür eine Demonstration ständig zu Umwegengezwungen. Unterwegs weist Dimitrios Boukis immerwieder auf Bauruinen und liegen gebliebene staatlicheProjekte. Es fehlt das Geld zum Weitermachen.Gemeinsam überlegen wir, ob sich diese Objekte fürein von der EU überwachtes Investitionsprogrammeignen würden: für den Marshallplan, von dem vielereden und der die Wirtschaft wieder in Gang bringenkönnte, – wegen der Korruption von außen überwacht.Die Kirche der 3. Gemeinde der GEK in Athen steht– ohne Kirchturm – mitten in der Häuserfront derStraße. Nur ein großes Kreuz an der Fassade zeigt an,dass hier eine Kirche steht. Drinnen ist es ein diakonischund gottesdienstlich optimal genutztes Gebäude:im Erdgeschoss Räume für Mutter-Kind-Gruppen, im1. Stock der große protestantisch nüchterne Kirchraum,wo man noch einen Riss vom letzten Erdbebensieht. Darüber im 2. Stock befindet sich die Pfarrwohnung.Etwas Geld kommt in die Gemeindekasse, weilam Sonntagnachmittag hier die amerikanischen undrussischen Baptisten Gottesdienst feiern können.Ich frage nach den Beziehungen der GEK zum BundFreier Evangelischer Gemeinden, einer weiteren Partnerkirchedes GAW in Griechenland, und zu derEvangelischen Kirche Deutscher Sprache. Mit denGemeinden des Bundes sei es schwierig, sagt GeneralsekretärBoukis. Sie praktizierten zum Teil Wiedertaufenund seien antiökumenisch. „Die Beziehungenzur deutschsprachigen Kirche sind gut.“ Es gebe gemeinsameGottesdienste, aber wegen der unterschiedlichenSprachen seien sie selten.Ich denke an das Gespräch in der deutschen Gemeinde.Dort fehlt der Nachwuchs. Auch das ist ein Sprachproblem.Die Jugend spricht eher Griechisch. Wäre eswegen der Überalterung nicht gut, einmal im Monateinen Gottesdienst in griechischer Sprache anzubieten?In die Deutsche Schule in Athen gehen inzwischenauch mehr griechische als deutsche Schülerinnen undSchüler. Gemeindekirchenrats-Vorsitzender VolkerKlar hatte allerdings Bedenken. GriechischsprachigeGottesdienste könnten als Proselytismus gedeutet werdenund der sei in Griechenland gesetzlich verboten.Er will aber darüber nachdenken. Ich finde, die deutscheGemeinde könnte zu solchen Gottesdiensten PfarrerBoukis einladen, der nicht nur Generalsekretär seinerKirche ist, sondern auch ihr Jugendpfarrer.Am Sonntag – in Deutschland ist es ja der Volkstrauertag– endet mein Besuch mit der Teilnahme an einerGedenkfeier auf dem deutschen Soldatenfriedhof inDionysos-Rapentosa in den Bergen nordöstlich vonAthen. Dort liegen fast 10 000 im Zweiten Weltkrieggefallene Soldaten. Der deutsche Botschafter WolfgangDold zitiert in seiner Gedenkrede nicht nurAlbert Schweitzers Wort von den Soldatengräbern alsden „großen Predigern des Friedens“, sondern beziehtsich auch auf gegenwärtige kriegerische Konflikte undderen Opfer. Im Anschluss komme ich mit der Fraudes Botschafters ins Gespräch. Es stellt sich heraus,dass sie Pfarrerstochter aus Herford ist und die Arbeitdes GAW von Hause gut kennt. Bei unseren Partnernin Griechenland ist das GAW an sich und als Hilfswerkbekannt und geschätzt. Wir sind ein kleinesHoffnungszeichen. – Kein mulmiges, sondern ein gutesGefühl.■■■Gustav-Adolf-Blatt 1/2013 11

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine