Werk VI

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Werk

VI

Q&A

Ein Studienprojekt der AMD Akademie Mode & Design Berlin, Lehrredaktion MM7, Ausgabe No. 5, Sommer 2015


Q&A

EDITORIAL

Fragen stellen liegt in der Natur des Menschen. Die Suche nach Antworten

beschäftigt uns ein Leben lang. Für die neue Ausgabe von WERK VI

haben wir uns deshalb genau das zur Aufgabe gemacht – mit dem Thema

Q & A – Questions & Answers. Eigentlich beschreibt der Begriff im journalistischen

Fachjargon ein klassisches Interview. Doch Q & A funktioniert

auch anders.

Zum Beispiel in Bildern. Streetstyle-Fotograf Adam Katz Sinding beantwortete

unsere Fragen mit Fotoaufnahmen. Antworten von Die Antwoord

bekamen wir per E-Mail. Selbstverständlich hatten wir auch einige Fragen

an die Mode. Über sie sprachen wir zum Beispiel mit Barbara Vinken, die

über die Konstruktion von Geschlechtern philosophierte. In unseren Modestrecken

klären wir unter anderem, wie die Zukunft der deutschen

Mode aussieht. Und welche Bedeutung Beziehungen und Alter heute

noch haben. Eine spannende Frage ist – auch schon immer gewesen – die

nach der Zukunft. Ihr sind wir in einem Special, gemeinsam mit Experten

aus den Bereichen Mode, Technik, Schönheit, Ernährung und Trends, auf

den Grund gegangen.

Das alles ohne den Anspruch, die einzig wahre Antwort geben zu können.

Die deutsche Lyrikerin Else Pannek schrieb einmal: „Auf die wichtigsten

Fragen gibt es nur eigene Antworten.“ Falls also bei der Lektüre mal eine

Frage offen bleibt, legen wir Ihnen ans Herz, diesem Rat zu folgen: Beantworten

Sie sich die doch einfach selbst.

Ihre Werk VI-Redaktion

3


INHALT

20 Made in Germany

Visionen aus dem

Berliner Mode Salon

IMPRESSUM

WERK VI ist ein Studienprojekt des 6. Semesters

im Ausbildungsgang Modejournalismus/

Medienkommunkation an der AMD Akademie

Mode & Design Berlin.

6 Was siehst du?

Streetstyle-Fotograf Adam Katz Sinding

spricht in Bildern

14 Wie bekommt man Antworten?

Ein Interview mit der „Interview“

18 Was Macht der Nachwuchs?

Die „Vogue“-Chefin Christiane Arp

über deutsches Modedesign

30 Ist Mode feministisch?

Modetheoretikerin Barbara Vinken

über Geschlechterrollen

42

42 Naturgewalten

Accessoires in Collagen

50 Beziehungsweise

Guter Stil kennt

keine Tabus

72 Tatverdacht

Eine modische

Spurensuche

50

VERANTWORTLICHE DOZENTEN

Olga Blumhardt

(Magazinentwicklung, Text, V.i.S.d.P.)

Antje Drinkuth (Styling)

Janine Sack (Art Direktion)

Martin Schmieder (Marketing & PR)

Jenni Zylka (Text)

REDAKTION, KURS MM7

Miriam Chalabi, Tanita Hecking, Annmarie Juhr,

Lena Kammer, Jenny Kolossa, Marina Lacic,

Julia Ledig, Khira Li Lindemann,

Katharina Regenthal, Victoria Richter,

Catharina Schick, Nina Schmidt, Janet Schulz,

Lisa Schütz, Sara Stollenwerk,

Viktoria von der Way, Miriam Zenner

CHEFIN VOM DIENST

Miriam Zenner

SCHLUSSREDAKTION

Heinrich Dubel

FOTOS

Matthias Brandl, Julian Baumann, Barbara

Donaubauer, Johannes Erb, Ruben Jacob Fees,

Marc Huth, Kike Koloxo, Stefan Korte, Helena

Langer (Illustrationen), Stefan Milev, Catharina

Schick, Dennis Schoenberg, Viktoria von der Way

GRAFIK

Tanita Hecking, Khira Li Lindemann,

Catharina Schick, Nina Schmidt, Janet Schulz

34 Was sagst du?

E-Mail von Ninja von Die Antwoord

38 Kann Mode Kunst sein?

Ein Gespräch mit dem Galeristen

Judy Lybke

20

BILDBEARBEITUNG

Katharina Regenthal

ANZEIGEN

Tanita Hecking, Jenny Kolossa

DRUCK

Brandenburgische Universitätsdruckerei

und Verlagsgesellschaft Potsdam mbH

Karl-Liebknecht-Straße 24-25

14476 Potsdam

www.bud-potsdam.de

61 Was bringt die Zukunft?

Experten geben Prognosen

82 Wie macht ihr das?

Die Erfolgsgeschichte der

Brillenmanufaktur Mykita

88 Was machst du jetzt?

Leticia Koffke war die schönste Frau

der DDR, dann fiel die Mauer

92 Was ist hier los?

Die Modebloggerin Stefany Vidzus

erklärt ihr Kopenhagen

98 Wer sitzt dahinter?

Raten Sie mal!

FOTOS: JOHANNES ERB, RUBEN JACOB FEES, MARC HUTH (2)

72

REDAKTIONSANSCHRIFT

AMD Akademie Mode & Design Berlin

Franklinstraße 10, 10587 Berlin

Tel.: 030 330 99 76 0

olga.blumhardt@amdnet.de

www.werk6-magazin.de

WERK VI erscheint jährlich und liegt an

ausgewählten Orten in Berlin aus.

Das Titelbild wurde von Ruben Jacob Fees

fotografiert. Models: Jutta von Brunkau (Viva)

und Sami Gottschalck (Indeed).

Haare & Make-up: Natalia Vermeer

Jutta trägt einen Pullover von Adpt und eine Kette

von Vladimir Karaleev. Sami trägt eine Hose von

Stills.

Cover-Papier: Constellation Snow, Raster,

240 g/qm. Mit freundlicher Unterstützung von

Wir danken allen, die WERK VI

möglich gemacht haben!

4 WERK VI Q&A

5


Mome ntaufnahmen

Der Streetstyle-Fotograf Adam Katz Sinding

spricht am liebsten in Bildern.

Hier sind seine Antworten auf unsere Fragen

WAS FASZINIERT DICH?

VON LENA KAMMER

FOTOS: ADAM KATZ SINDING

Vor elf Jahren hat der US-Amerikaner Adam Katz Sinding

sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Nach dem Tod

seines Vaters erbte er dessen Kamera und brachte sich selbst

das Fotografieren bei, kündigte seinen Job in einem Hotel

in Seattle und ging nach New York. Heute ist der 32-Jährige

einer der erfolgreichsten Streetstyle-Fotografen der Welt.

Anfangs fotografierte er nur Architektur und Landschaften,

bis er seine Kamera als Mittel entdeckte, um sich Menschen zu

nähern. Er begann, Leute in Momenten aufzunehmen, in denen

sie sich unbeobachtet fühlen. Auf diese Weise entwickelte er

einen einzigartigen Stil und überwand seine Schüchternheit.

Seit 2007 gibt Adam auf seinem Blog Le 21ème einen fotojournalistischen

Einblick in die Modewelt. Obwohl er auf den

internationalen Fashion Weeks ständig von den spektakulärsten

Looks umgeben ist, steht Kleidung oft eher im Hintergrund

seiner Fotografien. Stattdessen sucht er nach besonderen

Persönlichkeiten und außergewöhnlichen Momenten. Unsere

Fragen beantwortete Adam selbstverständlich mit Bildern.

WAS IST DAS BESTE AN DEINEM JOB?

6 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

7


EIN UNERWARTETER MOMENT?

WAS IST TYPISCH AMERIKANISCH?

DAS SCHÖNSTE OUTFIT?

WAS IST LIEBE?

8 WERK VI Q&A

9


WAS IST KUNST?

WAS BRINGT DICH ZUM LACHEN?

WAS HAT DIR DAS HERZ GEBROCHEN?

WAS IST TYPISCH DEUTSCH?

10 WERK VI Q&A

11


WAS HAT NEW YORK, DAS BERLIN NICHT HAT?

WER BIST DU?

DER SCHÖNSTE ORT, AN DEM DU WARST?

12 WERK VI Q&A

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BIG NAMES

SMALL TALK

Jörg Harlan Rohleder ist stellvertretender Chefredakteur der Interview.

Mit uns spricht er über kluge Fragen, überraschende Antworten und die Kunst,

ein gutes Gespräch zu führen

INTERVIEW: NINA SCHMIDT

FOTO: DENNIS SCHOENBERG

WERK VI: Man muss sich sehr gut auf seinen Interviewpartner

vorbereiten. Jetzt kennen Sie selbst sich ja am besten. Welche

Frage würden Sie sich zuerst stellen?

Jörg Harlan Rohleder: Hmm, vielleicht: Warum sollten wir Sie

interviewen, Herr Rohleder?

So bescheiden?

Naja (lacht). Was würde ich mich denn zuerst fragen? Vielleicht:

Wie geht es Ihnen, Herr Rohleder?

Und wie geht es Ihnen, Herr Rohleder?

Dem Herrn Rohleder geht es heute sehr gut.

Jörg Harlan Rohleder, geboren

1976, hat in Tübingen und London

studiert und arbeitete unter anderem

für MTV, Vanity Fair und Focus.

Heute wohnt er in Berlin und ist

stellvertretender Chefredakteur

der Interview. 2010 erschien sein

Roman Lokalhelden, in dem es

um das Erwachsenwerden in der

Provinz der 90er-Jahre geht

Schön. Sie haben schon sehr viele Interviews geführt. Gibt es bei

Ihnen so etwas wie eine Lieblingseingangsfrage?

Es kommt darauf an, für wen man das macht. Ein Magazin wie

die Interview lebt ja von diesem leichtfüßigen, smalltalkigen

Charakter. Da kommt man aus dem lockeren Gespräch zu

komplexeren Fragen. Für Spiegel oder Focus, also Magazine,

deren Anspruch es ist, einen hohen Nachrichtenwert zu haben,

versucht man eher, mit einer Knallerfrage einzusteigen. Nach

dem Motto: Die trauen sich aber was. So führen wir hier bei

Interview aber keine Interviews. Eigentlich sind es eher

Gespräche, die sachte anfangen. Später, wenn man sich das

Vertrauen erschlichen hat, kann man dann auch mal eine heiklere

Frage stellen.

14 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

15


„ICH LESE INTERVIEWS AM LIEBSTEN,

WENN DER NACHRICHTENWERT GERING

UND DER ANEKDOTENWERT HOCH IST“

Der Ursprung dieses smalltalkigen Gesprächscharakters der

„Interview“ liegt in der Geschichte des Magazins.

Richtig. Andy Warhol hat bei seinen Gesprächen auf Partys

oder bei Abendessen immer das Tonband mitlaufen lassen –

das wurde dann auch 1:1 gedruckt. Wenn sich jemand einen

Rotwein bestellt hat, stand später im Magazin, welcher das war.

Das waren ehrliche Gespräche, statt pseudo-hartem Nachfragen,

wie es viele andere heute tun.

Interviewer und Gesprächspartner sind also auf Augenhöhe.

Ja, auf Augenhöhe bekommt man von den Leuten einfach auch

mehr. Ich mag es gern, wenn Interviews nicht groß umgestellt

und im Fluss erzählt werden.

Das ist aber mittlerweile ganz schön schwer geworden – Stichwort

Autorisierung, die vor der Veröffentlichung fast immer

verlangt wird.

Die schlimmsten Autorisierer sind ja gar nicht die, die selbst

gesprochen haben, sondern deren Pressestellen. Das ist jedoch

ein sehr deutsches Phänomen. Deshalb finde ich es natürlich

viel angenehmer, im angloamerikanischen Raum zu interviewen.

Da gilt das gesprochene Wort.

er dann endlich kam, habe ich ihm von dem Geburtstag

erzählt. Daraufhin griff er sich mein Handy und rief Ju an, um

ihm Happy Birthday zu singen.

Und was ist das Schlimmste, was Ihnen bei einem Interview

passiert ist?

Nicht wirklich schlimm, aber speziell: Am Abend, bevor ich

Robert Anton Wilson, den Autor der Illuminaten-Trilogie, interviewen

sollte, kam ein Kollege zu mir und meinte: „Vielleicht

ist Robert Anton Wilson ja der heimliche Pressesprecher

der Illuminaten!“ Danach konnte ich kaum schlafen und dachte:

Oh Gott, vielleicht erzählt er ja die Wahrheit, getarnt in einem

Science-Fiction-Buch, und alle fallen darauf rein? In seinem

Haus hingen an den Wänden dann auch überall

Urkunden über diesen und jenen Freimaurer-Grad und er

selbst ist mit so einer Art Rollator rumgelaufen. Als ich während

des Besuchs auf dem Klo war, dachte ich: Wenn ich mich

jetzt umdrehe, steht er da – denn den Rollator braucht er gar

nicht. Ich wurde paranoid. Aber gut, das lag vielleicht auch daran,

dass ich vorher mit Herrn Wilson gekifft hatte – er war

damals einer der ersten Patienten in Kalifornien, die medizinisches

Marihuana bekamen.

die selbst denkt und nicht in Schubladen gesteckt werden will.

Wir haben bei mir zu Hause Risotto gekocht, uns drei Stunden

unterhalten und es war super.

Dass es angeblich keine Promis gibt, liegt ja auch daran, dass

man sich in Deutschland schwer tut mit seinen Stars. Da zeigt

Bobby Kolade seine Kollektion in einer für eine Fashion-Show

ungewöhnlichen Location wie dem Berghain und die ersten

drei motzen schon wieder, weil das zu obvious sei. Aber ich

habe auch das Gefühl, dass es mit der Zeit besser wird.

Wo Sie gerade Bobby Kolade ansprechen: Interessieren Sie sich

privat für Mode? Die „Interview“ wird für ihre Modestrecken ja

sehr geschätzt.

Klar, ich kann jetzt nicht sagen, dass der Einfluss unserer

Moderedaktion in den vier Jahren, die ich hier bin, spurlos an

mir vorbeigegangen ist. Obwohl ich immer noch meine Vans

trage – früher hätte ich nur keine mit Flamingos drauf gekauft!

(lacht).

Es gibt kein Budget-Limit: Wo und wie kleiden Sie sich ein?

Das erste Kleidungsstück, das ich mir selbst gekauft habe, war

ein dunkelblauer Kapuzenpulli von Trasher. Das letzte, das ich

mir im Internet bestellt habe, war ein dunkelblauer Trasher-Pulli

ohne Kapuze. Dazwischen liegen 25 Jahre.

Wie viele Jahre ist Ihr erstes Interview her und wen haben Sie

interviewt?

Mein erstes Interview war mit Konrad Kujau, dem Fälscher der

Hitler-Tagebücher. Das war 1995 in Stuttgart für eine landesweite

Abi-Zeitung – und er hat mir angeboten, mein Abi-Zeugnis

zu fälschen, falls mein Schnitt nicht reicht.

In diesen 20 Jahren kam es sicher schon vor, dass Sie dem Interviewpartner

keine gute Geschichte entlocken konnten. Was tun

Sie dann?

Das hatte ich mit Pharrell Williams. Er hatte einfach so gar

keinen Bock und hat immer nur mit Ja oder Nein geantwortet

– eigentlich undruckbar. Bei einem Freund von mir, der ihn

auch interviewt hat, ist er eingeschlafen. Wenn gar nichts geht,

schreibt man eben ein Porträt. Bei Pharrell hatte ich das Glück,

dass ich irgendwann angefangen habe, mit ihm über das Skaten

zu sprechen. Das war für Focus zwar auch undruckbar, hat aber

wenigstens mich amüsiert. Also im Notfall: Weg mit den vorbereiteten

Fragen und es mit Smalltalk probieren.

Das bei der „Interview“ ja immer noch relativ original abgedruckt

wird.

Wir versuchen immer, den Leuten ihre Sprache zu lassen. Klar,

sowas wie „Ähm“ kommt raus, aber wenn man ein dreistündiges

Gespräch auf eine Doppelseite runterkürzt, bleibt da nicht

mehr viel. Wir nehmen uns auch mal raus, wirklich lange Gespräche

zu drucken. Das macht dann mehr Spaß, weil es eben

ein Gespräch ist und kein bloßes Frage-Antwort-Spiel. Ich lese

Interviews immer am liebsten, wenn der Nachrichtenwert gering

und der Anekdotenwert hoch ist.

Erzählen Sie doch mal eine Anekdote!

Ich habe mal 50 Cent in einem Fünf-Sterne-Hotel in New York

interviewt. Kurz nachdem er „In Da Club“ veröffentlicht hat.

Ich wurde zuerst abgetastet, dann in einen Raum geführt, in

dem zwei Typen FBI-mäßig kontrolliert haben, ob auch wirklich

alles safe ist. 50 Cent kam an, in schusssicherer Weste gekleidet,

war aber im Interview extrem freundlich. Auf Nachfrage,

wieso er so nett ist, aber auf seinem Albumcover so

furchteinflößend dreinblicke, meinte er dann, Eminem hätte

ihm gesagt, dass er zu weißen Journalisten besonders nett sein

soll. Später hab’ ich ihn gefragt, ob sein Nuscheln wirklich davon

kommt, dass er von einer Schießerei (Anm. d. Red: 50

Cent wurde im Mai 2000 neun Mal angeschossen) noch ein

Stück der Kugel in der Zunge hat? Er schickte mich zum Händewaschen

ins Bad und steckte danach meinen Finger in seinen

Mund. Genau an die Stelle, an der tatsächlich eine harte

Kante zu fühlen war. Das war schon ganz amüsant.

Eine andere schöne Geschichte ist, dass ich einmal den Geburtstag

von meinem Kumpel Ju verpasst habe, weil ich in

London sieben Stunden auf Stevie Wonder warten musste. Als

Es gibt ja noch viel mehr interessante Persönlichkeiten, mit

denen Sie gesprochen haben: Eminem, der Dalai Lama, Bill

Gates, Cher, David LaChapelle. Wer war Ihr Liebling?

Eigentlich verliebe ich mich in jeden Interviewpartner ein bisschen.

Selbst die Leute, die ich davor doof fand, finde ich danach

meistens toll. Mick Jagger ist ein gutes Beispiel dafür. Mein

Vater hat früher permanent die Stones gehört. Irgendwann

fanden wir Kinder Jagger dann scheiße – und wollten lieber

Mozarts Hornkonzerte hören. Hauptsache keine Stones mehr.

Es war einfach zu viel. Deshalb hatte ich auf das Interview

eigentlich keinen Bock. Dazu kam: nach Paris fahren, obwohl

ich Paris nicht mag, 15 Presseagenten, Fragen vorher schicken

und so weiter. Mick Jagger war dann aber so intelligent, so

charmant, so witzig, hat druckreif gesprochen – super Typ. Da

war ich echt schockverliebt.

Und wer fehlt auf der Liste noch?

Ich habe Madonna nie interviewt. Wobei ich sie jetzt gar nicht

mehr so interessant finde. Ich hätte sie gern 1985 getroffen. Es

gibt ja zum Glück noch sehr viele andere interessante Menschen.

Vielleicht jemand aus Deutschland? Obwohl: Manche sagen ja,

es gebe keine interessanten Promis in Deutschland.

Quatsch! Es gibt viele interessante Prominente in Deutschland.

Es kommt einfach nur darauf an, wie man mit Menschen

spricht. Mit Katja Riemann habe ich zum Beispiel kurz nach

ihrem Skandal-NDR-Interview (Anm. der Red.: Interview mit

Hinnerk Baumgarten für die Sendung „Das!“, über das Riemann

sich unzufrieden zeigte) gesprochen. Im Vorfeld hieß es:

Frau Riemann ist schwierig. Aber letztendlich ist sie eine Frau,

Die aktuelle Ausgabe der Interview

erscheint mit vier Covern.

Im Uhrzeigersinn: Paris Hilton,

Stella Lucia, Conchita Wurst

und Emma Stone

Könnte Persönliches im Journalismus in Zukunft sowieso mehr

gefragt sein? Gerade wenn man an Blogs denkt, die sehr erfolgreich

sind. Stirbt der klassische Printjournalismus wirklich aus?

Nein, der Printjournalismus wird nicht aussterben. Ich glaube,

Nachrichten- und Boulevardzeitungen könnten es in Zukunft

schwer haben. Denn das ist das, was das Internet gut kann:

„Die hat sich von dem getrennt“ oder „Ein Flugzeug ist abgestürzt“

– Schlagzeilen und News. Ich persönlich bin kein großer

Fan von diesem Ich-Journalismus der Blogger, der es jetzt

auch mehr und mehr in die Zeitungen schafft. Die Interview

hat indes einen ganz guten USP, weil wir ja immer wieder zwei

bekannte Persönlichkeiten miteinander sprechen lassen. Ich

hoffe, das könnte in Zukunft ein Weg sein, um sich gegen das

Internet durchzusetzen: Außergewöhnliche Ansätze, auserzählte

Geschichten, hochwertige Produktionen, neue Formate.

Ein Magazin muss Teil einer Lebenswelt sein – und so gut

aussehen, dass es als Designobjekt durchgeht.

Klingt aber nicht so, als seien Sie absoluter Print-Verfechter.

Nein, ich finde Print und Online leisten einfach verschiedene

Dinge, die beide ihre Daseinsberechtigung haben. Online ist

schneller, Print ist schöner. Wichtig ist, dass die Leute überhaupt

weiterhin lesen.

Zum Abschluss noch Ihre absolute Lieblingsfrage!

Eine Sache gibt es, die ich fast jeden frage: Was würde die

16-jährige Nina über die Nina sagen, die hier heute sitzt?

Gute Frage. Was würde der 16-jährige Jörg Rohleder wohl über

den heutigen sagen?

Die Antwort variiert. Heute: Rauchst du etwa immer noch?

16 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

17


Die Mentorin

Deutsches Modedesign hat es nicht leicht. Um ihm eine Zukunft zu bieten,

kämpft die Chefredakteurin der deutschen Vogue gegen Windmühlen.

Christiane Arp ebnet mit verschiedenen Förderprogrammen Schritt für

Schritt den Weg zum Erfolg

VON TANITA HECKING

FOTO: STEFAN MILEV

FASHION COUNCIL

USA – seit 1962

Das Council of Fashion Designers of

America unterstützt seit den 60er-Jahren

amerikanische Modedesigner und stärkt

die weltweite wirtschaftliche Bedeutsamkeit

des amerikanischen Modedesigns.

Heute sind 476 Labels in dem Non-

Profit-Handelsverband vertreten.

Verschiedene Förderprogramme und

Stipendien, die von Sponsoren finanziert

werden, stellen die Etablierung von

jungen Gründern in der Branche sicher.

Kooperationen von Labels und dem

CFDA ermöglichen Jungdesignern

praktische Erfahrungen und vermitteln

Insider-Wissen. Zu den Förderprogrammen

zählt der CFDA Vogue Fashion

Fund, der jährlich die besten Talente der

Branche mit einer Geldprämie und einem

einjährigen Mentoring-Programm

unterstützt.

Christiane Arp setzt sich gezielt für die Förderung deutscher

Nachwuchsdesigner ein. Bereits 2011 gründete die Chefredakteurin

der deutschen Vogue eine Plattform, die ausgewählte

Modedesigner unterstützt: den Vogue Salon. Im vergangenen

Januar veranstaltete sie zusammen mit Marcus Kurz, Geschäftsführer

der Kreativagentur Nowadays, erstmals den Berliner

Mode Salon, der deutschen Designtalenten im Berliner

Kronprinzenpalais eine Bühne gibt. Nach dem Vorbild internationaler

Organisationen wie dem British Fashion Council

und dem Council of Fashion Designers of America gab sie im

Januar die Gründung des Fashion Council Germany bekannt,

dem sie als Präsidentin vorsitzt.

Werk VI: Frau Arp, warum liegt Ihnen die Förderung deutscher

Modedesigner so am Herzen?

Christiane Arp: Dazu möchte ich unseren Claim zitieren:

„Before it’s in fashion, it’s in Vogue.“ Es liegt in der DNS einer

Vogue-Chefredakteurin, sich für gutes Modedesign zu interessieren

und gezielt Nachwuchstalente zu fördern. Ich habe ein

persönliches Interesse an Mode Made in Germany, da ich so

viel gutes deutsches Modedesign in meiner täglichen Arbeit

sehe. Daraus ist bei mir der Wunsch entstanden, deutschen

Nachwuchstalenten eine Bühne zu geben.

Worin unterscheiden sich der Berliner Mode Salon und der

Vogue Salon?

Der Vogue Salon ist in erster Linie eine Begegnungsstätte zwischen

jungen deutschen Nachwuchsdesignern, Handel und

Experten aus der Branche. Wir begleiten diese Talente vier

Saisons lang intensiv in einer Mentorenrolle auf ihrem Weg.

Der Berliner Mode Salon ist die konsequente Weiterentwicklung

dessen. Hier treffen Jungdesigner auf etablierte deutsche

Designer. Mit dem Berliner Mode Salon schaffen wir einen

Ort, wo wir im Rahmen der Fashion Week Berlin deutsches

Modedesign konzentriert zusammenbringen und auf einer

Bühne präsentieren.

Welche Kriterien müssen Designer erfüllen, um in einen der

Salons aufgenommen zu werden?

Sie müssen gut sein.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion zur Mercedes-Benz Fashion

Week in Berlin stellten Sie im vergangenen Januar eine interessante

Frage: „Warum haben wir Deutschen eigentlich so viel

Angst davor, schön zu sein?“ Haben Sie darauf eine Antwort

gefunden?

Das ist eine Frage mit einer sehr komplexen Antwort, die in

unserer Geschichte verankert ist.

Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern, damit deutsches

Modedesign international mehr Anerkennung bekommt? Und

wie wird sich das neu gegründete Fashion Council Germany

zukünftig darauf auswirken?

Deutsches Modedesign muss im ersten Schritt in Deutschland

Anerkennung erfahren, das ist auch eine der Hauptaufgaben des

Fashion Council Germany. Wenn in unserem eigenen Land die

Wertschätzung und Unterstützung für Mode made in Germany

steigt, wird auch international die Wahrnehmung zunehmen.

Das Designerduo Augustin Teboul gehört

seit 2012 zu Christiane Arps Schützlingen.

Für deren Lookbook (H/W 2015/16)

ließ sich die Vogue-Chefin fotografieren

ENGLAND – seit 1983

Seit Anfang der 80er fördert das British

Fashion Council britische Modedesigner.

Die Hauptaufgabe der Non-Profit-

Organisation ist: Nachwuchstalente

dabei zu unterstützen, ein eigenes

Unternehmen aufzubauen und in der

Branche zu etablieren. Dabei steht vor

allem die Vermittlung von Unternehmensführungsstrategien

im Vordergrund.

Stipendien und Förderprogramme,

finanziert von Unternehmen wie Burberry,

Sponsoren wie American Express und

der britischen Regierung, ermöglichen

dem Nachwuchs einen Einblick in die

Branche. Auch der BFC Vogue Designers

Fund ist ein Programm, das ausgewählte

Designer mit finanziellen Mitteln unterstützt,

um deren Unternehmensgründung

und -wachstum zu gewährleisten.

DEUTSCHLAND – seit 2015

Das Fashion Council Germany wurde

Anfang des Jahres gegründet. Schirmherrin

Christiane Arp folgt damit

internationalen Vorbildern, um deutsches

Modedesign international

anerkannter zu machen und den

Nachwuchs nachhaltig zu fördern. Zu

den Gründungsmitgliedern zählen auch

die Premium-Chefin Anita Tillmann,

die Journalistin Melissa Drier und

Marie-Louise Berg von der PR-Agentur

Berg Communications. Im Präsidium

stehen ihr – neben anderen – Marcus

Kurz von Nowadays, der Designer Dirk

Schönberger und Stylebob-Gründer

Mario Eimuth beratend zur Seite.

18 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

19


Made in

Germany

Auf der kommenden Fashion Week präsentieren

sich 30 deutsche Labels im Berliner Mode

Salon – eingeladen von Christiane Arp. Auf den

folgenden Seiten haben wir eine Auswahl inszeniert

FOTOGRAF MARC HUTH

PRODUKTION MIRIAM CHALABI, TANITA HECKING, CATHARINA SCHICK

MODELS VANESSA HÄNISCH (VIVA), LUZIE NATERS

(MEGA MODELS), MAGDALENA LAMEK

HAIR & MAKE UP ROCCO K., ANNIKA JECK

FOTOASSISTENZ JULIAN MARTINI

Top & Lederrock Marina Hoermanseder

Armreifen & Ring The Medley Institute

20 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

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Seiden-Pyjama Horror Vacui

Leder-Rucksack PB0110

Sonnenbrille Mykita

Von links:

Rock & Blouson Tim Labenda

Schuhe Vintage

Hosenrock & Bluse Odeeh

Schuhe Hien Le

22 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

23


Von links:

Kleid & Hose Michael Sontag

Tasche Stiebich & Rieth

Schuhe Vintage

Jacke, Seidenbluse & Hose Haltbar

Schuhe Vintage

24 Lammfell-Mantel, Lederhose WERK & Samt-Stiefel VI Q&A Schacky

WERK VI Q&A

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Hemd & Kleid Talbot Runhof

Ohrringe The Medley Institute

Bluse & Rock Vladimir Karaleev

Armreife & Ring The Medley Institute

26 WERK VI Schuhe Q&AVintage

27


Mantel Perret Schaad

Schuhe Vintage

Von links:

Rollkragenpullover, Pullunder &

Hose, alles aus Kaschmir Allude

Hut und Schuhe Vintage

Kaschmir-Rollkragenpullover,

Kaschmir-Cape & Lederhose Iris

von Arnim

Schuhe Vintage

Derzeit im

BERLINER MODE SALON:

Anna Bornhold, Allude, Annelie

Schubert, Antonia Zander, Augstin

Teboul, Christina Braun, Dawid

Tomaszewski, Dorothee Schumacher,

Felder Felder, Golpira, Haltbar, Hien Le,

Horror Vacui, Iris von Arnim, Isabell de

Hillerin, Lala Berlin, Malaika Raiss,

Marina Hoermanseder, Michael

Sontag, Mykita, Nobi Talai, Odeeh,

PB0110, Perret Schaad, Schacky.,

Stiebich & Rieth, Talbot Runhof, The

Medley Institute, Tim Labenda,

Vladimir Karaleev

(Stand Ende Juni 2015)

28 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

29


Wissen schafft

Mode

VON MIRIAM ZENNER FOTO: BARBARA DONAUBAUER

In Ihrem jüngsten Buch Angezogen: Das Geheimnis der

Mode betrachtet Barbara Vinken die Entwicklung der Mode im

Zusammenhang mit dem Geschlecht. Präzise erklärt sie die

Modegeschichte ab dem Ende der Französischen Revolution

1799. Sie nimmt die Leser mit auf eine Zeitreise durch die

Moden Europas, angefangen im 18. Jahrhundert bei Marie Antoinette,

der Modekönigin, bis zu den Schauen von Maison

Martin Margiela im 21. Jahrhundert.

Barbara Vinken war Gastprofessorin an verschiedenen Universitäten

weltweit: New York, Chicago, Baltimore, Paris, Bordeaux.

In Angezogen beschreibt sie immer wieder Szenen, die

sie beobachtet hat, sieht sich genau an, was wir heute tragen,

und setzt dies in einen historischen Kontext. Denn ob am Washington

Square in Manhattan oder in München-Schwabing:

Unsere Alltagsuniform besteht aus Anzügen für Männer, dem

In ihrem Buch Angezogen beschäftigt

sich die Literaturwissenschaftlerin

Barbara Vinken mit Geschlechterrollen

in der Mode. Wir haben sie in

München besucht

Barbara Vinken ist eine

der bedeutesten

Modetheoretikerinnen

in Deutschland

Keine Verwechslungsgefahr bei den

Geschlechtern gibt es im Münchner

Unicafé Lost Weekend an diesem

Mittwochvormittag: Zwei Studentinnen

mit Bloggerdutts bereiten gemeinsam eine Präsentation

vor, beide in Skinny-Jeans. Eine elegant geschminkte Frau mit

akkurat geschnittenem Bob liest. Eine Gruppe Freunde unterhält

sich. Am Hals des Mädchens funkelt eine Statementkette,

die kurzhaarigen Jungen tragen keinerlei Schmuck. Warum

das so ist, kann Barbara Vinken erklären. Vinken ist Professorin

für Allgemeine Literaturwissenschaften und bekennende

Modeliebhaberin. Vier Stockwerke über dem Café befindet

sich ihr Büro. Der Raum bildet einen Kontrast zur Tristesse des

Unigebäudes. Auf dem Boden liegt ein orangefarbener Fransenteppich.

Er ist neu, genauso wie das graue Sofa und der passende

Sessel. Der Geruch frischer Textilien ist noch deutlich

wahrnehmbar.

Vinken fällt auf an dem grauen Regentag, im faden Unigebäude,

zwischen eintönig gekleideten Kollegen und Studenten.

Sie trägt ein grasgrünes Etuikleid, eine helle Netzstrumpfhose

und Pumps. Sie setzt sich in den Sessel vor dem Fenster. Auf

ihrem Tisch steht zwischen Bücherstapeln ein Puderdöschen

von Chanel. Mit einem Pinsel streicht sie sich etwas davon

über die Nase. „Das einzig Wichtige auf einem Foto ist, dass

die Nase nicht glänzt! Sonst sieht man aus wie ein Clown”,

erklärt sie.

„Dadurch, dass die Mode

die unterschiedlichen

Typen entwirft, zeigt sie

ihre Künstlichkeit“

Symbol für erfolgreiche Arbeit. Frauen, so Barbara Vinken,

tragen Kleidung, die aussehen soll, als würden sie nicht arbeiten.

Ober- und Unterteil passen, anders als beim Anzug, nicht

zusammen. Accessoires, wie zufällig ausgewählt, sollen laut

Vinken an Urlaub erinnern, das Gefühl von Freizeit vermitteln.

Gemeinsam haben wir, dass wir größtenteils Hosen tragen.

Bei Frauen gibt es wenige Ausnahmen, bei Männern noch

weniger. Ein Mann in einem Rock oder Kleid wäre eine Schlagzeile

wert, eine Frau in Hosen interessiert dagegen heute niemanden

mehr.

Dass das Thema Feminismus momentan lauter und häufiger

in den Medien diskutiert wird und an Relevanz gewinnt, merkt

Vinken auch in ihren Vorlesungen. Wie ist es mit der Mode?

Kann Mode feministisch sein?

„Mode zeigt uns, dass man Geschlechterrollen konstruiert“,

sagt Vinken nach kurzem Nachdenken. „Dadurch, dass die

Mode die unterschiedlichen Typen entwirft, zeigt sie ihre

Künstlichkeit. Das heißt, diese Typen sind auch anders denkbar.

Insofern löst sie zumindest mal eine Figur auf, die für die

Geschlechterkonstitution seit dem 18. Jahrhundert sehr wichtig

war: Die Frau als Funktion ihrer Eierstöcke. Diese Vorstellungen,

die biologistische Begründung von Geschlecht, ist eigentlich

das, was dadurch aufgehoben wird. Oder was dadurch

zumindest umkehrbar wird.“

Dass Geschlecht ein gesellschaftliches Konstrukt ist, wird

thematisch auch beim Queerfeminismus aufgegriffen, einer

Mischform aus Feminismus und Queer Theory. Queerfeminismus

positioniert sich oppositionell zum Patriarchat und den

damit verbundenen Unterdrückungsmechanismen wie Benachteiligung

und Diskriminierung aufgrund von Rasse, Klasse

und Geschlecht. Die Queer Theory entwickelte sich Anfang

30 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

31


der 90er-Jahre und hinterfragt kritisch alle Geschlechterzusammenhänge.

Dazu gehört das Anzweifeln der Heteronormativität,

also dem zweiteiligen Geschlechtssystem, in dem das

biologische Geschlecht übereinstimmt mit Identität und sexueller

Orientierung. Dieses System schließt transidentitäre oder

geschlechtsneutrale Personen ebenso aus wie Homo-, Bi- oder

Asexualität. Reduziert gesagt: Frauen (Personen mit Eierstöcken)

lieben Männer (Personen mit Hodensäcken) und umgekehrt.

Mehr gibt es nicht. Diese heteronormativen Rollen werden

auch durch unsere Kleidung konstruiert: Herren- und

Damenkleidung.

In ihrem Buch beschreibt Barbara Vinken, wie die Mode die

Geschlechter nach der Französischen Revolution teilte. Während

die Geschlechtlichkeit des Mannes eine unmarkierte Sexualität

in seiner Kleidung generierte, wurde die Geschlechtlichkeit

der Frauen markiert. Diese Markierung beziehungsweise

Abwesenheit von Markierung erfolgte bei der Entwicklung des

Mannes zum arbeitenden demokratischen Staatsbürger, die

sich auch in seiner Kleidung ausdrückte: Bis heute ist der

schlichte, zurückhaltende Anzug der Inbegriff einer männlichen

Arbeitsuniform. Er wird als männlicher, weil vermeintlich

erfolgreicher wahrgenommen als die Kleidung, die man für

körperlich beanspruchende Arbeit benötigt. Männer wurden zu

einer gleichberechtigten Einheit. Frauen und alles weiblich konnotierte

wurden dagegen in den Privatraum gedrängt. Die erotische

Zurschaustellung des Körpers, die Freude an individueller

„Alle Geschlechterverhältnisse

würden sich ändern“

Schönheit ist unerwünscht in einer Gesellschaft, in der vermeintlich

Gleichheit herrscht. Die Mode der Männer uniformiert und

eint, die der Frauen macht sie zum Individuum. Dadurch findet

Weiblichkeit keinen Platz in der Arbeit, der Politik und der Wissenschaft.

Das macht die Frau zu einem Überhang der Aristokratie.

Denn dort wurde Kleidung von Männern und Frauen stark

zur Markierung von Geschlechtlichkeit, Stand und Individualität

genutzt. Könnte Unisex eine Lösung sein?

„Nein, denn Unisex meint normalerweise, dass man in Richtung

einer unmarkierten Geschlechtlichkeit gehen sollte. Ich

finde das völlig unattraktiv“, sagt Barbara Vinken kopfschüttelnd.

„Viel unterhaltsamer wäre es, wenn die Männer sich

weiblicher anzögen. Wenn wir wieder zu einer stärkeren Markierung

von Geschlechtlichkeit kämen“, Vinken überlegt kurz,

wippt mit dem Fuß im beigefarbenen Highheel. „Das muss ja

gar nicht geschlechtsidentisch sein“, erklärt sie weiter. „Zum

Beispiel eine Frau, die sich sehr offensiv als Butch kleidet. Oder

ein Mann, der sich sehr schmeichelnd anzieht und mit der

Schönheit seines Körpers, seines Verführungspotenzials spielt.

Es hätte viel mehr von Lust. Man hätte nicht mehr die Vorstellung

von inneren Werten, diesem puritanisch Bürgerlichem,

auf gar keinen Fall erkennen zu dürfen, dass einem an der

Kleidung etwas liegt.“

In ihrem Buch finden sich mannigfaltige Beispiele für diese

Theorie. Eine der ersten Antimoden der Moderne, die damit

brach, war laut Vinken die der Dandys. Die Männer, die sich

Mitte des 18. Jahrhundert und zu Beginn des 19. Jahrhunderts

extrem mit ihrem Aussehen beschäftigten, bildeten einen starken

Gegensatz zu den republikanischen Staatsmännern. Der

Lebenssinn der Dandys bestand darin, gut gekleidet zu sein,

während das nüchterne Tragen von Kleidung eine gleichgültige

Notwendigkeit für die anderen war, so beschreibt Barbara

Vinken den Kontrast. Die Dandys wurden Modenarren geschimpft.

In einer Welt, in der moralische Werte, Bildung und

Politik den Ehrenmann, den echten Mann definierten, war die

Auseinandersetzung mit dem Äußeren verpönt.

Vinken selbst hat großen Spaß daran, sich zu kleiden. Schaut

morgens, womit sie sich wohlfühlt, worauf sie Lust hat, wie es

sich von innen anfühlt. Und so kommt es, dass sie an einem

trüben Tag wie heute mit ihrem bunten Kleid Farbe in den

Universitätsalltag bringt. In von Männern dominierten Branchen

wie der Wissenschaft ist der Mut zur Farbe noch immer

mit dem Risiko verbunden, nicht ernst genommen zu werden.

Die Männer tragen nach wie vor Anzüge in gedeckten Tönen,

die sich im Schnitt ähneln. Niemand sticht hervor. Vinken

nennt das „eine aggressive Ablehnung von Mode. Es ist der

Akt, der sagt, Mode ist einem egal, denn man hat etwas Wichtigeres

im Kopf“, erklärt sie. Und was wäre, wenn wir uns davon

lösen könnten?

„Das würde das Wertesystem verändern, in dem das Weibliche

abgewertet und ausgeschlossen wird. Weil Weiblichkeit

mit Oberflächlichem, dem Sinnlichen und auch der sinnlichen

Verblendung assoziiert wird.“ Vinkens Position zu ihren Theorien

ist deutlich: „Das fände ich viel besser“, gibt die Literaturwissenschaftlerin

zu. „Und ich glaube, es gibt schon Tendenzen

in diese Richtung. Aber das ist ein sehr langer Weg. Und

ich weiß nicht, ob es bei den Männern jemals etwas aus der

Antimode tatsächlich in den Mainstream schafft …“ Ausnahmen

wie Dandys habe es schon immer gegeben, erklärt sie

dann. Die Frage sei, wie breit diese Gegenkulturen werden

könnten. Denn wenn sie tatsächlich zum Mainstream würden,

dann wäre das eine Revolution. „Dann würde sich alles verändern,

alle Geschlechterverhältnisse würden sich ändern.“ Die

Professorin lacht.

Bei so genauer Betrachtung wird klar: Eine Aufhebung des

zweiteiligen Geschlechtssystems ist Teil der Auflösung des Patriarchats.

Und Mode kann dazu bewusst genutzt, ja sogar eingesetzt

werden. Wie Barbara Vinken sagt: „Es ist ein weiter

Weg. Aber ein nötiger Schritt, um irgendwann in einer gleichberechtigten

Gesellschaft zu leben.“

Zurück in der U-Bahn sind flamboyante Dandys, die bewusst

mit ihrer Körperlichkeit spielen, kaum zu finden. Das

einzige Accessoire der Jungs ist das Basecap, die Mädchen tragen

Schmuck und lange Haare. Schade. Denn wenn es die

Mode in Deutschland endlich heraus aus der vermeintlich

oberflächlichen, weibischen Nische schaffte, könnten wir unsere

Kleidung nutzen, um eine Meinung zu transportieren.

Damit Kleider nicht nur Leute, sondern auch Gerechtigkeit

machen.

BASIC COLLECTION

32 WERK VI Q&A

www.whitetail.luxury


FRAGE &

ANTWOORD

Das südafrikanische Duo Die Antwoord ist ein Fleisch gewordenes Gesamtkunstwerk,

das mit Musik, Kunst und White-Trash-Lifestyle womöglich in die Geschichte

eingehen wird. ¥o-Landi Vi$$er und Ninja sind Meister der Provokation und

wissen, dass die Welt hässlich ist und das Leben schön. Die wesentlichen Fragen

des Lebens kann uns also keiner besser beantworten als Ninja. Per E-Mail haben wir

ihn in Kapstadt erreicht:

VON KHIRA LI LINDEMAN

FOTOS: AMANDA DEMME

poesrot23@gmail.com

Von: Poes < >

Datum: 12. Mai 2015 19:47:08 MESZ

An: Khira Lindemann

Betreff: Re: Khira here

On May 12, 2015, at 10:44 AM, Poes wrote:

hi khira

i answer below.

if u want we can back and forth again if i wanna cross question

any of my answers. your questions are supa-cool btw.

X n

Ninja, der 1974 als Watkin

Tudor Jones geboren

wurde, lässt sich gern

WERK VI: Why does sex sell?

Ninja: i dunno, prolly coz it’s fun and mischievous and wateva.

humanz are heavenly and also animal and hellish by nature.

sex energy is lo-level bass energy. even tho it’s lo-level energy

it’s still super powerful and immediate, and is prolly so strong

like dis to ensure the survival of the species. but it’s also quite

an easy and brainless energy to tap into or appeal to.

Gold or silver?

gold every time. coz it’s fancier dan silver.

Art or fight?

same thing to me. again humans are heavenly creatures and

hellish animals at the same time. fight energy is for the animals

– raw and sexy and super unpredictable. enlightened, heavenly

creative and artistic thoughts and energy require a certain level

of intelligence, on the highest level commonly referred to as

genius.

Day or night?

days are strong and clear and reliable like a man is supposed to

be. night is strange and mysterious and inviting like a woman

is allowed to be.

Prince or Michael Jackson?

they were both super fukn ultimate cool at 1 point. darling

nikki by prince and all the music he was makin around dat

time iz sum of my favourite songz of all time. but fuck – so is

bad by michael jackson. bad is kinda zef though. the word zef

means bad. as in bad style. as in: it’s so so so bad, that it becomes

kinda cool.

What does Cara Delevigne have that Lady Gaga doesn’t?

a vagina. no, im playing. cara is what she is. she’s a cool kid. and

she models. and has a fun bubbly vibe. plus she fucks with acting

and music a little. lady gaga is a strange 1. because she

wants to be a heavyweight popartist, but she borrows so heavily

from so many other very well known artists’ styles: madonna,

david bowie, grace jones, andy warhol, et cetera. which in my

opinion is kinda weak. gaga also tags herself to new artists to

try make it look like she discovered them, and put them on,

which is what she tried to do with us. her energy and her vibe

are super gross and parasitic to me. so short answer is: cara is

what she is. gaga thinks she is what she isn’t. no matter how

much a parasite believes it is a creator, at the end of the day, it’s

still a parasite. this is why we chose to make an example of gaga

in the fatty boom boom video.

The meaning of life?

42

Hunter or gatherer?

hmm. tuff 1. hunting so excitin. gathering so fun and easy.

One night with – Miley Cyrus or Taylor Swift?

fuck. u are funny.

34 inszenieren

WERK VI Q&A WERK VI Q&A

35


A feature with Tupac or Notorious B.I.G.?

biggy... duh.

The loudest clown in town? Or a good looking dude with a little

attitude?

tuff 1. thats like old dirty bastard vs johnny depp.

Worst name ever?

truffle-butter. coz it’s just fuckin gross. dats why.

Stylist or self-made look?

self-made every time. fuck. stylists hate us. we alwayz say we

don’t want a stylist. then they always send a stylist anyway that

always ends up sulking, crying or hating us more than anything

on this earth.

Loving yourself first or somebody else?

yorself. for me it feels like having a deep love for yor inner self

(not yor outer self) is like having roots sunk deep into the soil of

life. (fuk im so deep). when yor roots are thick and strong, u can

stand strong and support people u love real good. if u dont love

yorself deeply but u love someone else soooo much, it can make

u desperate and unstable and needy etc etc. when i say inner self

i mean yor private inner workings, the side of u that no-one else

Seit 2009 sind Ninja und

¥o-Landi Vi$$er Die Antwoord.

In dem Film Chappie von

Regisseur Neill Blomkamp

spielten die beiden kürzlich die

Hauptrollen

really knows about. and your outer self is the self you show to

people. being in love with your outer self is a little weak because

it means you need people’s praise and recognition to feel good.

being in love with your outer self can make you dilerious, and

power-drunk like a lot of superstars get. people that feed off

fame like this never have a happy ending when their fame starts

to wane, or their wrinkles start getting botoxed.

Dinner with Marilyn Monroe or Edie Sedgwick?

fuck. lemme google edie sedgwick quick. hmm ... edie looks

nice. prolly her. she has more facial variation on google search

than marilyn.

Would you prefer a piece of work by Jeff Koons or Damien Hirst?

jeff! jesus. duh.

Which tattoos would you not allow your child?

the little mermaid. from disney.

Which South African music album do you really need to have?

not many people in the world makin full albums that i need

now-a-days. a dope track here and there. but dats about it. fuk.

i would love 2 need 2 have an album. dat wud b beautiful.

Zef is now. What’s next?

the boy with the rainbow face.

When will you come to Germany with a new album?

2016 we droppin ratsrule23. rr23 got 23 trax on it. it’s the best

thing i ever heard. we all so in love wif deze new songz. dey are

mayhem. gonna be dropping singles and videos from this album

very soon tho. rr23 singles and videos will keep droppin

regularly in 2015 till full albumdrops nxt year.

THE CONFERENCE ON

THE FUTURE OF FASHION

SEE YOU IN

JANUARY 2016

www.fashiontech.berlin

36 WERK VI Q&A


Ärmel am Bein

Gerd Harry Lybke, genannt „Judy“, ist einer der bedeutendsten

Galeristen in Deutschland. Mit seiner Galerie Eigen+Art,

bereits 1983 in Leipzig gegründet, vertritt er Künstler wie

Neo Rauch, Melora Kuhn oder Martin Eder. Mit uns spricht er

über das asoziale Verhalten von Männern, warum keiner

mit ihm über Kunst redet und woran man die Qualität eines

guten Anzugs erkennt

INTERVIEW: LISA SCHÜTZ

FOTOS: STEFAN KORTE

Zur Arbeit erscheint der

Galerist Judy Lybke

immer im Anzug – einer

davon hat Ärmel am Bein

WERK VI: In einem Interview mit der FAZ haben Sie gesagt,

dass „es nicht um Antworten geht – es geht um Fragen“. Was

haben Sie damit gemeint?

Judy Lybke: Für mich sind Antworten nicht die Leitmotive oder

Gründe, um einen nächsten Schritt zu gehen. Das, wonach ich

suche, was ich finden will, sind die Fragen, die mich bewegen.

So ist es auch bei jeder Ausstellung mit meinen Künstlern. Es

ist mir wichtig, eine Entwicklung in deren Arbeit zu sehen.

Schaue ich mir die Werke an, lassen sie immer Fragen offen.

Solange die Geschichte nicht zu Ende erzählt ist, bleiben die

Arbeiten interessant.

Auf meine Anfrage nach einem Gespräch haben Sie mit der

Aussage „Ich liebe Interviews!“ sofort zugestimmt. Was mögen

Sie daran?

Bei Interviews werde ich nicht so stark unterbrochen wie sonst

im Leben. Ich kann dabei pausenlos etwas erzählen. Außerdem

bekomme ich dadurch die Möglichkeit, meine Gedanken auszuformulieren.

Denn indem du das Gedachte aussprichst, gewinnt

es eine andere Bedeutung. So kannst du überprüfen, ob

das Gesagte überhaupt einen Sinn ergibt, auch an der Reaktion

deines Gegenübers. Wichtig ist, dass es ihn einfängt.

Gibt es etwas, worüber Sie gerne reden würden, was Sie aber

noch keiner gefragt hat?

Mich hat noch nie einer gefragt, wie das künstlerische Werk

von einem Künstler aus der Galerie Eigen+Art im Verhältnis

zu einem anderen Künstler steht. Eine kunsthistorische Abhandlung

in Form von einem Disput, eine Werkgruppe des

einen Künstlers der des anderen gegenüberzustellen, tiefgründig

über die Arbeiten sprechen, das machen die Leute nicht.

Und warum nicht? Weil sie sich nicht so gern mit der Kunst

beschäftigen und sich auch nicht mit ihr auskennen. Das ist

aber genau das, was ich wirklich weiß. Was die meisten Journalisten

von mir verlangen ist Allgemeinwissen und steht in

jeder Bild-Zeitung. Und dem hecheln die nun schon seit Jahren

hinterher. Aber es ist natürlich auch anstrengend, wenn man

sich mit mir über Kunst unterhalten will. Ich weiß einfach so

viel, dass mein Gegenüber dann ziemlich schnell ziemlich blass

aussieht.

Vielleicht sind die Menschen mehr an Ihnen als Person anstatt

an der Kunst und Ihren Künstlern interessiert?

Ja, an mir und natürlich an dem Kontext der Kunstvermittlung,

das heißt, wie das mit dem Geld so alles abläuft.

38 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

39


Stören Sie sich daran?

Ich liebe das auch, denn ich liebe ja den Mythos. Das ist so alles

ganz wunderbar.

Wenn Sie mit einer Person Ihrer Wahl ein Interview führen

könnten, wer wäre das?

Am liebsten mache ich natürlich mit dir ein Interview, denn du

bist jetzt hier und interessierst dich für mich. Alles andere ist

Quatsch. Man muss den Leuten, die im Moment ihre Lebenszeit

opfern, um sich mit dir zu unterhalten, die volle Aufmerksamkeit

entgegenbringen.

Man sollte die Haltung

von uns Männern ändern,

so asozial zu sein

Sie sind einer der bedeutendsten Galeristen Deutschlands. Ihre

Galerien in Leipzig und Berlin sind international etabliert und

bekannt. Gibt es einen Grundsatz, der Ihnen bei Ihrer Arbeit

wichtig ist?

Na klar! Mir ist immer wichtig, dass man sich korrekt zueinander

verhält, gerade bei der Arbeit mit jungen Künstlern oder

meinen Praktikanten. Sobald man die Zeit findet, agiert man auf

Augenhöhe miteinander. Das ist die Vorraussetzung dafür, in

der nächsten Generation immer noch eine gewisse Bedeutung

zu haben. Denn die junge Generation muss sich an dem reiben,

was wir hier zeigen. Solange ich Künstler vertrete, mit denen

eine Auseinandersetzung notwendig ist und deren Arbeit auch

inhaltlich die nächste Generation betrifft, solange ist alles gut.

Das fördert ja auch Ihren Plan, etwas für die Ewigkeit schaffen

zu wollen.

So ist es: Kunstgeschichte schreiben, unsterblich werden, für

die Ewigkeit. Und im Endeffekt, da kann ich machen, was ich

will, ist es schon soweit. Aber ich hatte auch Glück. Denn selbst

wenn es uns nicht mehr gäbe, wäre die Galerie und das, was sie

macht, ein Beispiel dafür, dass es möglich ist, so etwas durchzuziehen:

Sie im Osten vor dem Mauerfall unter den damaligen

Bedingungen aufzubauen und dann im Westen unter neuen

Bedingungen bestehen zu lassen. Es gibt keine andere ostdeutsche

Galerie, die auf diesem Level mitspielt.

Was ist Ihr Ausgleich zu der ganzen Kunstszene?

Ich mache Interviews.

Richtigen Ausgleich, Herr Lybke, weg von der Arbeit, auch wenn

Sie diese nicht so bezeichnen. Mit der Familie beispielsweise?

Natürlich gibt es Familie und auch Freizeit. Früher habe ich

das alles zu 200 Prozent gemacht. Und jetzt … Der eine Ausgleich

ist der, dass ich Zuhause gar keine Kunst habe.

Aber warum?

Na, der Ausgleich.

Haben Sie als Privatperson kein Interesse an Kunst?

Ich habe Interesse an Leuten. Das ist mein Hauptinteresse.

Davon spiegelt sich alles andere ab. Das ist vielleicht auch ein

Grund, weshalb ich so erfolgreich bin. Wenn du als Galerist

Menschen nicht magst, magst du weder die Künstler noch die

Leute, die kommen, um etwas zu kaufen. Ich bin Dienstleister

und finde es grandios, mit Menschen zu arbeiten. Ich könnte

auch Kellner werden, das würde ich bestimmt auch gut machen.

Alles, was mit Menschen zu tun hat, finde ich super.

Ist das Ihr Erfolgsgeheimnis? Oder woran erkennen Sie einen guten

Künstler?

Auf jeden Fall ist das Interesse an Menschen und der Umgang

mit ihnen sehr wichtig. Einen guten Künstler erkenne ich zuerst

an der Person selbst, dann an seiner Kunst. Die Person

steht immer im Vordergrund. Alle meine Künstler in der Galerie

habe ich über Jahre hinweg beobachtet. Auf der anderen

Seite musst du aber auch ein guter Geschäftsmann sein, denn

das betrifft die ganze Firma. Man darf das, wofür eine Galerie

steht, nicht aus den Augen verlieren. Am Ende ist das ein

Unternehmen mit 22 festen Mitarbeitern, 22 Künstlern, drei

Standorten und acht Messen im Jahr.

Kann es vorkommen, dass Sie sich Rat einholen müssen, oder

treffen Sie immer alle berufsbedingten Entscheidungen selbst?

Ich entscheide eigentlich gar nichts alleine. Das ist die Wahrheit.

Bei uns ist das ein absolutes Team-Ding. Wir besprechen

die Sachen und finden einen gemeinsamen Konsens. Ich frage

mein Team oft nach Vorschlägen. Sie sind fachlich viel besser

auf der Position, die sie innehaben. Dadurch habe ich mehr

Zeit, mir einen Überblick zu verschaffen. Ich agiere sozusagen

über allen Departments.

Ein guter Geschäftsmann ist natürlich auch stets gut gekleidet.

Sie tragen gern dreiteilige Anzüge, heute extra für unser

Gespräch Ihren Favoriten. Warum gefällt der Ihnen am besten?

Er hat Ärmel unten am Bein, eine eingearbeitete Handy- Tasche

und weitere Details, die ich mag. Es ist einfach ein schöner Übergangsanzug,

den man immer tragen kann. Und der Hosenärmel

ist doch cool, oder? Es gibt noch einen zweiten Lieblingsanzug.

Meine Designer und ich haben einen Skianzug aus englischem

Stoff gemacht. Der sieht so aus, als ob du im Jahr 1920 auf den

Skiern stehst, absolut old-fashioned. Aber innen drin ist er komplett

hightech, mit Temperaturausgleich und so. Ich würde gern

mit einer Firma zusammen einen Anzug machen, der komplett

aus Hightech-Material hergestellt und dabei absolut tragbar ist.

Mit welchen Designern arbeiten Sie zusammen?

Mein Lieblingsanzug ist von Yoshiharu Ito. Er arbeitet in Berlin

und macht mir auch immer gleich zwei Hosen, für den Fall,

dass eine mal gelüftet werden muss. Den neuen, tragbaren

Hightech-Anzug würde ich mit Silke Wagler aus Leipzig machen.

Sie arbeitet absolut klassisch. Alles, was in England auf

der Savile Row gemacht wird, macht sie so und besser. Mit

der Qualität muss das immer so sein: Wenn du dich zu weit

aus dem Fenster lehnst und fällst, dann ist ein Nagel, der aus

der Hauswand herausstarkt, die Rettung, denn man bleibt mit

seinem Anzug glücklicherweise daran hängen.

Wie viele Anzüge haben Sie?

Ich habe viele. Sechs Anzüge pro Jahr lasse ich mir auf jeden

Fall machen. Und 20 Hemden.

Sie legen also viel Wert auf Kleidung?

Oder auch nicht, denn ich gehe ja nicht einkaufen. Die Anzüge

zu entwerfen macht mir Spaß, denn ich finde es grandios, mit

den Designern zu arbeiten. Wir schauen uns Filme an, lesen

Bücher, erzählen uns Geschichten und versuchen dann das Gefühl,

das beim Ansehen eines Filmes entsteht, in die Entwicklung

eines neuen Anzuges zu integrieren.

Und woher kommt die Vorliebe zum Dreiteiler?

Bevor mein Vater 1961 nach Leipzig-Meusdorf gezogen ist, wo

ich auch aufgewachsen bin, hat er als Rausschmeißer in einem

Lokal in Bremen gearbeitet. Leute, die nicht bezahlen konnten,

wurden aus ihrem Anzug geworfen. Und einen dieser Anzüge,

einen Dreiteiler, habe ich mir damals aus seinem Schrank geholt

und angezogen. Den habe ich bis heute noch.

Kann Mode Kunst sein?

Klar, unbedingt! Ich meine, das ist doch totaler Stress, dreimal

im Jahr oder häufiger eine neue Kollektion herauszubringen.

Ich finde das auf jeden Fall eine kreative Situation.

Anfänglich hat sich die Mode ja auch viel Anleihe bei der

Kunst geholt. Jetzt dreht sich das fast schon wieder um. Vor

15 Jahren war Fotografie und Video auch keine Kunst. Die

Künstler mussten kämpfen, dass ihre Arbeit anerkannt wird.

Heute würde niemand mehr behaupten, Fotografie wäre bloßes

Handwerk.

Haben Sie einen Lieblingsdesigner?

Na die, mit denen ich arbeite. Von der Stange etwas auszusuchen,

das wäre mir zu stressig. Anfangs habe ich nur mit Silke

Wagler gearbeitet. Sie hat auch den Anzug von meinem Vater

nachgenäht. Damals habe ich noch keine Hemden schneidern

lassen, sondern hatte sie von Kostas Murkudis. Die habe ich

auch alle noch aufgehoben. Schuhe hebe ich auch auf. Von

Trippen habe ich fast alles, was Männer tragen können. Und

ein paar ausgefallene Frauenschuhe habe ich mir auch gekauft.

Warum denn das?

Weil die geil sind.

Worin gefällt Ihnen Ihre Freundin am besten?

Frauen haben einen anderen Zugang zur Mode. Sie wollen die

verschiedensten Trends nicht verpassen und kaufen da was

und dort was. Von daher: Solange sie authentisch bleibt, bei

sich selbst, kann sie tragen, was sie will.

Haben Sie ihr auch schon was zum Anziehen geschenkt?

Habe ich versucht, aber nichts davon hat sie getragen. Wir

haben das jetzt anders gemacht: Ich gehe mit, sie wählt aus,

ich darf schenken. Aber zumindest von meiner 16-jährigen

Tochter Zara werde ich gefragt. Morgens führt sie es vor,

dann sage ich etwas dazu, und sie macht es oder eben auch

nicht. Aber dass sie mich überhaupt fragt, ist schon eine

großartige Sache.

Fragen Sie nach?

Manchmal sagt meine Freundin, dass sie einen bestimmten

Anzug nicht besonders mag, dann kommt der ein Stück weiter

nach hinten in den Schrank. Manchmal, wenn ich etwas anderes

anhabe, dann sehe ich dadurch ein bisschen cooler und jünger

für sie aus, dann findet sie das natürlich toll. Aber wenn ich

dann wieder den Dreiteiler anziehe, ist das auch in Ordnung.

Bei Ihnen in der Galerie arbeiten hauptsächlich Frauen. Finden

Sie, dass sie die besseren Menschen sind?

Nein, das nicht. Aber Frauen können sich selbst mehr belasten,

ohne das heroisch darzustellen. Und sie sind außerordentlich

teamfähig.

Haben es Frauen schwerer als Männer?

Ja. Das liegt an der Gesellschaft, das ist klar. Es liegt aber nicht

daran, dass sie keine führenden Positionen haben. Das liegt an

ihrem sozialen Gewissen. Frauen haben nicht diesen Tunnelblick

wie Männer ihn haben. Die hängen ihrer Idee nach, egal

ob Leben auf dem Spiel stehen oder nicht. Frauen sind eben

sozial vernetzte Wesen, die auch einen sozial vernetzten Handlungsspielraum

haben. Das sollte man auch nicht ändern. Man

sollte eher die Haltung von uns Männern ändern, so asozial zu

sein, wie wir sind.

Immer in Eile – gut,

dass Judy Lybke

seine Arbeit liebt

40 WERK VI Q&A

41


NATUR

GEWALTEN

Die Kunst der Collage ist es, Fragen aufzuwerfen,

auf die es keine Antworten gibt

FOTOGRAF JOHANNES ERB

PRODUKTION LENA KAMMER, LISA SCHÜTZ, JANET SCHULZ,

SARA STOLLENWERK, VIKTORIA VON DER WAY

COLLAGEN LENA KAMMER

MODEL JILL

HAARE & MAKE-UP NATALIA VERMEER

WERK VI Q&A WERK VI Q&A

43


Erste Seite

Ohrring Asos

Links

Armreif H&M

Säbel-Ohrring Jane Kønig

Footcuff Vibe Harsløf

Rechts

Tasche aus Leder & Sneaker Adidas

44 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

45


46 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

47


Vorige Seite

Ring aus vergoldetem Silber Jane Kønig

Body Vintage

Links

Ring Vibe Harsløf

Kleid H&M

Rechts

Regenmantel Shutterheim

Uhr G-Shock

Sonnenvisier Mykita

Shirt Monki

48 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

49


JUTTA

Pullover Adpt

Kette Vladimir Karaleev

SAMI

Hose Stills

Beziehungs weise

Alter, Geschlecht, Rolle – Beziehungen brechen oft

gesellschaftliche Tabus. Doch gibt es die heute überhaupt noch?

FOTOGRAF

PRODUKTION

MODELS

HAARE & MAKE-UP

RUBEN JACOB FEES

JENNY KOLOSSA, MARINA LACIC

KHIRA LI LINDEMANN, NINA SCHMIDT

JUTTA VON BRUNKAU (VIVA)

SAMI GOTTSCHALCK (INDEED)

NATALIA VERMEER

50

WERK VI Q&A WERK VI Q&A

51


JUTTA

Rock Only

Oberteil Vintage

SAMI

Hose Asos

Jacke Starter

Mütze New Balance

JUTTA

Fellkragen Vintage

Top Whitetail

SAMI

Hemd WE

Fliege Selected Homme

52

WERK VI

Q&A

53


JUTTA

Crop-Top und Rock Oasis

Schuhe Joyks

SAMI

Hemd und Hose Sissi Goetze

Sandalen Dr. Martens

54 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

55


JUTTA

Crop-Top Cos

Rock By Malene Birger

Schuhe Dr. Martens

SAMI

Shirt Only & Sons

Hose Only

JUTTA

Pullover Adpt

Kette Vladimir Karaleev

Kleid H&M

Schuhe Vintage

SAMI

Hose Stills

Schuhe Vagabond

56 WERK VI Q&A 57


JUTTA

Jacke Vila

SAMI

Pullover Wood Wood

Hose Asos

58 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

59


Fünf Fragen

an die Zukunft

ILLUSTRATIONEN: HELENA LANGER

Entwicklung, Innovationen, Wandel – wir leben in einer dynamischen Zeit, in der

Gegenwart und Zukunftsvisionen nah beieinander liegen. Was heute noch

undenkbar ist, wird morgen Realität. Wie könnte unsere nahe Zukunft aussehen

und wie sehr wollen wir uns auf sie einlassen?

Auf den folgenden Seiten haben wir mit Experten aus den Bereichen Mode, Technik,

Social Media, Schönheit und Ernährung gesprochen und eine Gemeinsamkeit entdeckt:

Um etwas verändern zu können, muss man Veränderung zulassen. Lesen Sie selbst.

61


1Frau Drier, Sie schreiben seit fast 40 Jahren über Mode. Kann man

die Entwicklung kurz zusammenfassen?

Das ist schwer – wir reden schließlich über vier Jahrzehnte. Mit 20

schaut man aus einem anderen Blickwinkel auf die Dinge als mit

60. Junge Menschen sind begeistert von Neuem. Nach zehn Jahren

in der Branche war ich verlegen, weil ich den Designern zweimal im

Jahr die gleichen Fragen stellen musste: „Was ist neu?“ und „Was

war deine Inspiration?“ Journalisten stellen diese Fragen immer

noch, nur dass sie es mittlerweile viermal im Jahr tun. Die größte

Veränderung im System der letzten Jahrzehnte sind die Schnelligkeit

und die Mengen von Styles, die jedes Jahr angeboten werden.

Das Ganze ist außer Kontrolle geraten. Denn die Geschwindigkeit,

mit der Designer und Unternehmen vermeintliche Neuheiten zu

produzieren haben, macht eine wirkliche Neuheit unmöglich.

3

In ihrem Manifest Anti-Fashion sagt die niederländische

Trendforscherin Li Edelkoort, dass die „Mode den Draht zur

Welt und zu den Menschen verloren hat“. Stimmt das?

Ich fürchte ja. Ich bin eine Demokratin. Ich glaube nicht

daran, dass Mode nur etwas für die Oberschicht ist. Natürlich

kosten schöne Sachen Geld. Aber zur gleichen Zeit sollte es für

jeden möglich sein, sich durch Kleidung auszudrücken und

gut auszusehen. Sicherlich hat ein Teil der Mode seine

Verbindung zur Welt, zu den Menschen verloren. Das sieht

man auf der Straße, im Alltag – denn Mode ist dort einfach

nicht präsent. Die Leute haben große Schwierigkeiten, gut

angezogen aus dem Haus zu gehen. Und seit den nuller Jahren

warte ich darauf, dass etwas Neues passiert. Vergeblich!

4

von Katharina Regenthal

2

Was bedeutet diese Entwicklung für die Zukunft der Mode?

Ich halte an meiner Vorstellung des sich aus der Asche erhebenden

Phönix fest. Die Modeindustrie ist kommerziell, der Einzelhandel

liegt in den Händen von Buchhaltern. Diese Entwicklung

begann schon am Anfang meiner Karriere. Wir beklagen uns

darüber, aber Fakt ist, dass es stärker und stärker wird. Wenn du

jedes Quartal ein zweistelliges Wachstum erreichen sollst, kann

Kreativität kaum stattfinden. Die Verbraucher kommen aus

verschiedenen Alters- und Finanzklassen, wollen aber alle nur

einer Mode folgen. Der einzige Weg für junge Designer ist

tatsächlich, ihren eigenen Stil zu entwickeln und an ihm weiterzuarbeiten.

Viele Einzelhändler sind nicht sehr interessiert daran,

diesen Designern eine Chance zu geben. Es ist eine Zwickmühle,

eine No-Win-Situation. Aber wenn wir wollen, dass Mode

überlebt, dann muss sich etwas ändern.

Denken Sie, dass die deutsche Mode zukünftig international eine

Chance hat?

Deutsche versuchen immer, Platzhirsche zu sein. Die deutsche

Modeindustrie ist mainstream. Hier gibt es mehr Leute, die nach

durchschnittlicher Kleidung suchen, als woanders. Viele

Designer wollen etwas anderes machen, aber die meisten gehen

bereits in ihrer Anfangsphase baden. Hier muss umgedacht

werden. Oder die Guten gehen woanders hin, und das wäre

schade. Ich glaube nicht, dass in Deutschland weniger Talent

existiert als in anderen Ländern. Es gibt ja auch brillante Erfolgsgeschichten

– aber wie lange können wir Karl und Jil noch als

Paradebeispiele nutzen? Fazit ist, dass wir in einer Zeit des

Wandels sind, aber Talent bleibt doch Talent. Und Mode ist ein

grundsätzliches Bedürfnis, um sich auszudrücken. Ich staune

manchmal, wie viele Menschen ohne Spiegel leben. Aber wer bin

ich, ihnen zu sagen, wie es besser geht?

5

Und wie sehen Sie die Zukunft des Modejournalismus?

Journalismus im Allgemeinen ist in einer sehr chaotischen

Phase mit vielen unruhigen Erschütterungswellen. Zurzeit

haben wir kaum Wiederaufbau. Wir sind wie Lemminge: Wir

nutzen ständig das Wort Individualität, aber es bedeutet nichts.

Ich habe noch nie so viele Menschen gesehen, die sein wollen

wie jemand anderes. Doch kritisiert will niemand werden.

Alles ist erlaubt – das ist das Problem. Steigende Erwartungen

fordern etwas heraus, das keinen Gehalt hat, aber guter Journalismus

braucht Zeit! Der Ist-Zustand im Journalismus ist

schwer für diejenigen geworden, die Wert auf Inhalte legen

und Qualität schätzen. Ich bin noch nicht bereit, aufzugeben.

So wie Blogs begonnen haben, könnte auch etwas anderes

entstehen. Es müssten sich Menschen finden, die gemeinsam

neue, alternative journalistische Produkte entwickeln.

Quo vadis, Mode?

Seit den 80ern berichtet Melissa Drier über Mode in Deutschland.

Die Korrespondentin der Women’s Wear Daily zählt zu den einflussreichsten

Modejournalistinnen. Momentan sieht die gebürtige New Yorkerin

für ihre Branche schwarz. Aber es gibt Hoffnung für die Zukunft

1Herr Arad, Sie forschen nach zukünftigen

Trends, warum ist das so wichtig?

Das Grundbedürfnis nach Trendforschung

kommt daher, dass Firmen oft Produkte

entwickeln, die zu lange brauchen, bis sie auf

den Markt kommen. Dafür sind gewisse

Sicherheiten wichtig, die den Erfolg garantieren.

Bei der Entwicklung von Produkten gibt es

viele Risikofaktoren: die preisliche Einordnung,

die eine große Rolle spielt oder auch

einfach, ob sich das Produkt auf dem Markt

etablieren kann. Der Markt an sich ist ein sehr

trendorientiertes Feld. Daher ist es essentiell,

dass man mit dem Trend geht, wenn man Geld

verdienen möchte. Forecasting war übrigens

lange Zeit etwas, das fast ausschließlich im

Zusammenhang mit der Mode stattfand. Das

hat sich mittlerweile stark verändert.

4

Wie

2

Woran

Wie profitieren Designer oder Unternehmen von

Ihrer Arbeit?

Manche verschaffen sich einen Eindruck über

die Marktentwicklung. Andere möchten

wissen, wie und durch was das Design

beeinflusst wird. Und dann gibt es noch

Kunden, die sich komplett an unseren

Prognosen orientieren und diese eins zu eins

für ihr Design übernehmen. Aber es gibt auch

Firmen, die aus unseren Trendvorhersagen

Gegentrends entwickeln.

von Miriam Chalabi

Woher kommen

Trends?

Die New Yorker Lilly und Itay Arad gründeten vor 15 Jahren die

Forecasting-Agentur Fashionsnoops. Für Kunden wie H&M,

Macy’s und Sony sucht und entwickelt das Unternehmen zukünftige

Trends. Wie das funktioniert, erklärt uns CEO Itay Arad

orientieren Sie sich, um Trends zu

identifizieren? Wie entstehen Trends überhaupt?

Ich denke, dass sich Trends aus all dem, was

auf der Welt passiert, entwickeln. Wir

versuchen unterschiedliche Strömungen

einzufangen oder zu beobachten, um zu sehen,

was aus ihnen wird. Es ist ein fortlaufender

Prozess, oft auch ein wiederkehrender

Kreislauf. Ein Beispiel: Bald jährt sich das

Hippie-Festival Woodstock zum 60. Mal. Und

momentan ist die Legalisierung von Drogen

ein großes Thema in den USA. Das führt dazu,

dass sich gerade viele Menschen mit Psychedelic

beschäftigen. In der Kunst ist das schon

relativ weit verbreitet. Nun kann man gut

beobachten, wie das ganze Thema anfängt,

Einfluss auf die Mode und das Design zu

nehmen – wie es beginnt, beides für die

kommenden Saisons zu formen.

5wird man ein Trendforscher?

Unterschiedlich: Unser Team setzt sich aus

Designern und aus Leuten aus dem Merchandising

oder Marketing zusammen. Wir

arbeiten aber auch mit jungen Uni-Absolventen.

Davon haben einige einen journalistischen

Hintergrund. Meist fangen sie mit einem

mehrmonatigen Praktikum bei uns an und

bekommen nach und nach mehr

Verantwortung. Voraussetzungen sind ein

großes Interesse für Mode und ein siebter Sinn

für Trends. Letzteren kann man leider nicht

erlernen!

3Wie kommen Sie an Ihre Informationen?

Wir haben circa 100 Mitarbeiter unterschiedlichen

Alters, die uns von überall auf der Welt

mit Informationen füttern. Sie sind unsere

Augen und Ohren. Sie berichten uns beispielsweise

von Messen, Modenschauen oder

Festivals. Das Forecasting lebt von diesen

Einflüssen und Eindrücken. In der Agentur

werden die Ergebnisse gefiltert und verarbeitet.

Wir unterscheiden zwischen Short-Term- und

Long-Term-Forecasting. Als Long-Term

bezeichnet man das, was bereits weit im Voraus

definiert wird. Also circa zwei Jahre vor der

Saison, um die es geht. Short-Terms sind stark

durch aktuelle kulturelle Einflüsse oder durch

die Kunst geprägt. Je näher man einer Saison

kommt, desto stärker sind bereits erste

Umsetzungen bestimmter Trends zu sehen.

62 WERK VI Q&A

63


von Khira Li Lindemann

Kann Technik

Mode sein?

Lisa Lang ist CEO des Modelabels Elektro Couture.

Im Fab Lab Berlin, einer offenen Entwicklungswerkstatt,

kreiert sie mit Hightech-Werkzeugen Mode, die leuchtet

Swarovski & Misfit Slake

Das Armband mit dem

Shine-Activity-Tracking-

Kristall dokumentiert

sportliche Aktivitäten und

Schlafgewohnheiten. Um

150 Euro

Tzukuri Eyewear

Die erste Sonnenbrille, die nicht verloren geht:

Über die App wird bei Bedarf der genaue

Standort der Brille angezeigt.

Um 310 Euro

1Frau Lang, wie funktioniert Ihr Label Elektro Couture eigentlich?

Unser Mission-Statement ist: We make light wearable. Wir machen

nicht LEDs tragbar, sondern Licht – und das gibt es in verschiedenen

Variationen: IL-Wire, also leuchtende, eingewebte Fäden, IL-Displays

oder reflektierendes Material. Je nachdem, wo es passt, setzen wir es

ein. Die Technik kommt dazu, wenn wir unsere Batteriesysteme

entwickeln. LED-Streifen wurden nicht gebaut, um sie zu tragen oder

sie zu waschen. Also nehmen wir bestehende Technologien und

ändern sie – und das ist Innovation. Klar wurden in der Couture

bereits Licht und andere Technologien verwendet. Allerdings hat man

dabei nie ein Kleidungsstück von hinten gezeigt, weil wahrscheinlich

die ganzen Kabel raushängen und womöglich noch ein Generator.

3

Ist diese Interdisziplinarität ein Problem?

Die Herausforderung ist das Projektmanagement. Die Angst der

Designer vor Technik schlägt oft in Arroganz um, aber Arroganz ist

totales Gift. Wenn etwas Neues kommt, hat das Alte Angst, die

Daseinsberechtigung zu verlieren. Daher muss man mit Technik

vorsichtig sein, damit das Design nicht darunter leidet. Bei uns heißt es

immer: „Hey, wir müssen aufpassen, damit das Licht das Design nicht

überstrahlt.“ Für mich sind beide Welten, also Technik und Mode, sehr

kreativ. Sie existieren allerdings in anderen Ökosystemen, sind anderen

Saisons unterworfen. Für Techniker gibt es nur eine Saison, den Rest

des Jahres sprechen sie mit ihren Servern.

4

Wie

sieht die Mode Ihrer Meinung nach in 100 Jahren aus?

Es gibt dieses Sprichwort: Die Art und Weise, die Zukunft vorherzusagen,

ist, sie mitzugestalten. Und genau darin sehe ich eine riesengroße

Perspektive. Es wird mehr Technik in der Mode geben und Individualität

wird wieder stärker sein. Jeder wird aus verschiedenen Komponenten

beim 3D-Drucker seines Vertrauens sein individuelles Paar

Schuhe drucken lassen können. Ich mag den Begriff Customized

Manufacturing, es gibt jetzt schon jede Menge Internetseiten, auf

denen du dir dein Müsli zusammenstellen und liefern lassen kannst,

oder eben deine eigenen Schuhe. Momentan dümpelt die Mode mit

ihren immer wiederkehrenden Retrophasen vor sich hin.

5

2Lassen sich Technik und stilvolles Design also schwer miteinander

vereinbaren?

Modedesigner erzählen durch ihr Design eine Geschichte. Technologie

ist ein weiteres Werkzeug, um besser und anders zu erzählen. Technik

ist heutzutage gar nicht mehr das Problem, denn es gibt alles. Die

Möglichkeiten werden nur noch nicht erkannt. Und viele Designer

haben Angst vor der Technologie, weil sie Einiges nicht verstehen. Es

wird bereits mit Solartechnologie experimentiert, mit Kinetik, also

technischer Mechanik, oder mit Glasfaser-Optik-Materialien, aus

denen Datenkabel bestehen. Wichtig ist nur, interdisziplinär zu

arbeiten, alle Bereiche zu verstehen und diese zu verbinden. Deshalb

verbringe ich viel Zeit damit, Menschen aus verschiedenen Bereichen

in einen Raum zu sperren.

Und welches Fashion-Tech-Piece könnte sich zukünftig durchsetzten?

Das ist schwer zu sagen. Es geht nicht unbedingt um das Piece,

sondern um das Konzept dahinter. Was die Welt gar nicht braucht, ist

ein Outfit, das die ganze Zeit blinkt, fiept und mit dir spricht. Kleidung

sollte deine Stärke repräsentieren und dich nicht wie ein Zirkuspferdchen

daherkommen lassen. Kleidung, die deinen Puls misst oder weiß,

wie viel Kalorien du zu dir nimmst, ist auch so ein Thema. Letztens

war ich auf der Wearable Technologies Conference in San Francisco.

Da saß ein ganzer Haufen Amerikaner aus der I-Health-Szene. Die

haben sich gegenseitig mit ihren Fashion-Tech-Pieces übertrumpft. Es

wird zum Beispiel einen BH geben, der Brustkrebs früh genug

diagnostiziert, was an sich ja eine tolle Sache ist. Aber wenn du das

Businessmodell dahinter verstehst, wird dir schlecht! Du wirst nämlich

zur Datenschleuder: Die Hersteller verkaufen deine Daten, wie es

Facebook auch macht. Stell dir vor, du bist Diabetiker und kaufst

morgens eine Tüte Chips. Diese Information geht dann an deine

Versicherung, die dir dann am nächsten Tag die Kündigung schickt.

Davor habe ich wirklich Angst. Aus lauter Technikverliebtheit werden

wir noch zu Big Brother. Da muss man sehr aufpassen, denn am Ende

geht es oft leider doch nur ums Geld.

von Jenny Kolossa

Wo tragen

wir das hin?

Wearable Technologies sind

Accessoires, die mit Technik

ausgestattet sind. Die Schmuckstücke

sollen unser Leben

optimieren und sind via Bluetooth

mit Smartphone-Apps

verbunden. Diese Kombination

ist noch nicht weit verbreitet,

wird aber in Zukunft Teil unseres

Alltags sein

Bellabeat Leaf

Der Anhänger überwacht

das Bewegungsprofil,

Stress-Level und Schlafverhalten

seiner Trägerin

und zeichnet den

Menstruationszyklus auf.

Um 100 Euro

BioSensive Technologies Inc. Ear-O-Smart

Der erste Smart-Ohrring der Welt zeichnet die

Herzfrequenz und die Bewegungsabläufe sowie

den damit verbundenen Kalorienverbrauch auf.

Um 100 Euro

Algara

Über die Smartphone-App kann die Edelstein-Farbe

des Armbands nach Belieben

verändert werden. Außerdem misst es Schritte

und die Distanz, die zurückgelegt wurde.

Um 135 Euro

64 WERK VI Q&A

65


We carry brands like

DU4 Shirtmakers

Kings of Indigo

FRENN

Oak Natural Beard Care

Knowledge Cotton Apparel

Bagagiste

von Annmarie Juhr

Wie redest du

eigentlich mit mir?

Der Hamburger Siems Luckwaldt ist Social Media Coach,

freier Journalist, Redakteur, Kolumnist und Blogger.

Mit ihm sprechen wir über die Zukunft von Social Media und

darüber, wie soziale Netzwerke unsere Gesellschaft verändern

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• Hohe Affinität zu Social Media.

• Du bist mode- und szenebegeistert.

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1Herr Luckwaldt, was halten Sie von moderner

Kommunikation?

Es findet eine Verlagerung von Diskursen,

Bekundungen von Mitgefühl und Sympathie auf

Plattformen statt, deren Regeln wir nicht

bestimmen. Zu deren Inhalten tragen wir

kostenlos bei – und die Plattformen verkaufen

diese Inhalte dann meistbietend. Das sehe ich

durchaus kritisch. Unser Gehirn ist bereits

dabei, sich an die ständige Reizüberflutung, an

die Dauerablenkung in unserer Hosentasche

anzupassen. Das Resultat werden wir erst in Jahren

oder Jahrzehnten kennen. Good or bad –

wer weiß es schon?

3

Rücken wir Menschen in Zukunft zusammen?

Apps wie Vine, Snapchat, Meerkat oder

Periscope schalten uns jetzt per Video und in

Echtzeit zusammen. Wir haben theoretisch die

Möglichkeit, uns Millionen mitzuteilen, ohne

ein Medienimperium zu besitzen. Die

Hoffnung manches Web-Utopisten, diese

Netzwerke würden uns als Weltöffentlichkeit

einander näher bringen, unser Gemeinschaftsgefühl

über Länder- und kulturelle Grenzen

hinweg stärken, sehe ich jedoch nur teilweise

erfüllt. Denn gleichzeitig sprechen wir im

Alltag immer weniger miteinander, empfinden

den direkten Kontakt mit anderen Menschen,

Nachbarn, selbst Freunden zuweilen gar als

lästig. Das ist genauso wahr wie die Chancen,

die die Connectedness eröffnet: Wir können

durch geteiltes Wissen, etwa in Forschung,

Medizin, politischem Aktivismus oder

Wohltätigkeit wie nie zuvor von einer globalen

Crowd und ihrem Input profitieren. Die Utopie

des We Are One ist greifbar.

2

Hat das nicht auch positive Aspekte?

Protestbewegungen erhalten heute nahezu for

free rasch globalen Zuspruch, auf Missstände

kann mit ein paar Klicks hingewiesen werden.

Gleichzeitig verlagert sich dadurch das Kontra

der Bevölkerung von der Straße auf eine

Dislike-Zahl im Netz. Doch ein demokratischer

Dialog mit der Politik braucht definitiv beides.

Wichtig finde ich auch die Frage, was mit denen

passiert, die sich weder Latte Macchiato noch

Wifi leisten können. Wie wird ihre Stimme

gehört? Und: Wollen wir sie überhaupt noch

hören, wenn News von den Kardashians und

Katzenvideos auf uns warten?

5

4Wie sehen Sie die Zukunft von Social Media?

Die sollten wir endlich weitgehend mitbestimmen

und nicht erst warten, bis uns Milliardenkonzerne

neue Apps zum Rumspielen auf die

Devices laden. Brauchen wir nicht eher ein

Revival des Vis-à-Vis statt noch mehr

Pseudo-Meetings im WWW? Echte Freundschaften

statt Facebook-Chats? Klingt total old

school, ich weiß. Nur –, was wir mehr und

mehr herausfinden, ist Folgendes: Unsere

Hardware, unser Körper und Geist, hat noch

immer die gleichen evolutionären Wurzeln

und Bedürfnisse wie vor Tausenden von

Jahren.

2011 haben Sie das Moderedaktionsbüro

Lucky Inc. Media gegründet. Was bedeutet der

Erfolgszug von Social Media für die Modebranche?

Social Media, E-Commerce, Mobile Web und

das damit einhergehende fortschreitende

Aufmerksamkeitsdefizit sind für die Mode

genauso fundamental wie für andere Branchen.

Für etablierte Marken heißt das: Sind wir

schnell genug, flexibel genug, erzählen wir

nachhaltig begeisternde und daher wirksame

Geschichten oder fügen wir dem ohrenbetäubenden

Rauschen auf allen Kanälen bloß

banale Ego-News hinzu? Für Newcomer ist ein

agiles Set-up weniger ein Problem, das richtige

Storytelling schon. Zwar ist die Hürde des

Einstiegs durch neue Technologien und fast

kostenlose Plattformen für Handel und PR

extrem gesunken, der Nachteil ist aber: Das gilt

für alle, verschafft heute also keinen Wettbewerbsvorteil

mehr. Statt weniger großer Fische

und ein paar kleinen schwimmen im Fashion-

Teich heute neben den großen unzählige kleine

mehr.

WERK VI

Q&A

67


1

Frau Gubser und Frau Frank, was

sind die Vorteile von veganer Mode?

Die liegen für uns klar auf der Hand:

Für vegane Mode müssen keine

Lebewesen sterben und für Produzenten

veganer Mode sind faire

Arbeitsverhältnisse und Nachhaltigkeit

ganz wichtig. Das Konzept von

The NAB ist Vegan as a fashion

statement. Stella McCartney hat es

vorgemacht: Man kann heutzutage

Schuhe, Taschen, Accessoires und

Kleidung produzieren, die modernen

Trends in keiner Weise

nachstehen und dennoch tierfrei

sind. Die Negativberichterstattung

der vergangenen Zeit hat uns ebenso

wie viele Endverbraucher stark

sensibilisiert. Man hinterfragt viele

Dinge. Wir wollen aufzeigen, dass es

für die üblichen Modeherstellungsprozesse

eine Alternative gibt.

von Julia Ledig

4

Wie überzeugen Sie Ihre Kunden

davon, dass vegane Mode wichtig für

die Zukunft ist?

Wir möchten keine Überzeugungsarbeit

leisten. Der Kunde soll sich

nicht in die „vegane Ecke“ gedrängt

fühlen. In erster Linie sollen unsere

Kollektionen und Modelle überzeugen.

Die Tatsache, dass man sich ein

Stück gutes Gewissen erkauft, wenn

man sich für ein Teil aus einer

veganen Kollektion entscheidet, ist

ein absolut positiver Nebeneffekt.

2

Wie vegan geht

Mode?

Veganer Lifestyle boomt. Auch in der Mode wird er

immer populärer. Das Label The No Animal Brand

(The NAB) von Nicole Frank und Bianca Gubser erhielt

dafür 2013 den Peta Fashion Award in der

Kategorie „Beste Designer“

Welche Materialien verwenden Sie?

Wir benutzen hochwertige Stoffe

wie Spitze, Macramé und bedrucktes

Leinen, auch Hightech-Materialien,

wie bei den Innensohlen, die

antibakteriell und antitranspirant

sind. Wir produzieren unsere

Schuhe und Taschen ausschließlich

in Europa und achten auf faire

Arbeitsbedingungen. Auch die

verwendeten Materialien werden in

Europa hergestellt.

3

Wie kann vegane Mode in Zukunft in

den Mainstream einziehen?

Vegan ist ein absoluter Trend. Dem

kommt zugute, dass das Leben unter

anderem durch das Internet viel

transparenter geworden ist. Man

hinterfragt vieles, kann vieles

kontrollieren. Deutschland befindet

sich erst langsam auf diesem Weg,

aber in den USA und England leben

die Leute diesen veganen Lifestyle

bereits zu 100 Prozent.

5 1

Wird die traditionelle Stoffherstellung

aussterben, und gibt es in

Zukunft keine tierischen Stoffe mehr?

Auf jeden Fall wird es schwieriger

werden, Stoffe aus traditioneller

Herstellung, also auch tierische

Produkte, zu bekommen, da auch

immer mehr Designer zu alternativen

Materialien greifen. Das freut

uns natürlich sehr. Zudem ist es viel

spannender, mit neuen

innovativen Stoffen zu arbeiten.

von Sara Stollenwerk

Kann Steinzeit

trendy sein?

Paleo ist die Kurzform für die Zeit des Paläolithikums, der

sogenannten Altsteinzeit. Der Belgier Boris Leite-Poço führt

seit 2011 das Paleo-Restaurant Sauvage in Berlin und erzählt,

was sich wirklich hinter der Steinzeiternährung verbirgt

Herr Leite-Poço, wozu dient Paleo

eigentlich?

Paleo ist eine Ernährungsweise, die auf

Evolutionsbiologie und Evolutionswissenschaft

basiert. Es geht um eine

moderne und gesunde Ernährung, die

sich an der Nahrung der Steinzeitmenschen

orientiert. Sie wird dem

angepasst, was uns die Evolution

vorgibt. Das ist der Grundgedanke.

4

Soll man denn nur noch Insekten und

Fleisch essen!?

Nein, aber man kann sofort auf

Nachhaltigkeit achten, indem man auf

industrielle Ernährung verzichtet, die

sehr ungesund ist. Ebenso sollte man

kein Fleisch von gezüchteten Tieren

essen, das die Ursache für viele

Krankheiten ist. Und durch den

schnellen Anstieg der Weltbevölkerung

wird man sich eh in Zukunft nicht

mehr auf die nachwachsenden

Getreidesorten verlassen können.

2

Aber warum sollen wir uns 2015 wie

Steinzeitmenschen ernähren?

Weil wir jetzt ungesund leben. Es gibt

immer mehr Probleme wie Übergewicht

und andere Krankheiten, an

denen sogar Menschen sterben.

Mittlerweile ist das normal geworden,

aber eigentlich ist es das nicht. Wenn

man auf die moderne Jäger-Sammler-Gesellschaft

der letzten 100 Jahre

schaut, die Dank der Wissenschaft

teilweise dokumentiert wurde, findet

man heraus, dass die Menschen früher

deutlich bessere Gesundheitswerte

hatten. Unser Leben heute ist dagegen

geprägt von Krankheiten und

Schmerzen. Stellt man die Ernährung

auf Paleo um, kann man viele

Beschwerden loswerden.

5Was sollte dafür Ihrer Ansicht nach

zukünftig aus unserer Nahrungskette

verschwinden?

Auf jeden Fall alle pflanzlichen Öle,

Fettalternativen und Getreideprodukte.

Die Werbung will es uns immer

verkaufen, aber es gibt keine natürlichen

Fette. Rapsöl oder Sonnenblumenöl

werden gepresst und stark

erhitzt, das ist sehr ungesund und auf

natürliche Weise bekommt man es

nicht hin. Außerdem brät und bäckt

man mit Öl. Das ist der totale

Wahnsinn! Weil es eine Lüge ist, dass

Fette gut für den Organismus sind. Sie

sind nicht nur schlecht, sondern dazu

noch krebserregend.

3Ist Paleo neben Veganismus und

Vegetarismus nicht einfach nur einer

der typischen Ernährungshypes?

Ich glaube, dass wir noch ganz am

Anfang einer neuen Bewegung sind.

Paleo basiert auf einer Wissenschaft.

Alle anderen Ernährungsstile wie

Veganismus und Vegetarismus sind

eher dem Tier gegenüber moralisch

geprägt. Paleo wird sich weiterentwickeln,

das wird sehr spannend!

Bestimmt kommen weitere Eiweißquellen

wie Insekten dazu. Der

allgemeine Trend bewegt sich in

Richtung fermentierter Lebenmittel,

also Nahrung, die eine Vielzahl an

Bakterienkulturen liefert, um das

Abwehrsystem zu stärken und

chronische Krankheiten zu verringern.

In Zukunft werden Verdauung und

Verträglichkeit für den Körper immer

wichtiger.

68 WERK VI Q&A

69


von Nina Schmidt

Wer ist schön?

Ulrich Renz ist Schönheitsforscher und Autor des

Buches Schönheit – eine Wissenschaft für sich.

Er spekuliert für uns, wie sich Ideale verändern werden

Großartig wären Tabletten gegen UV-Strahlung. Eincremen

ist nicht mehr nötig und sie bieten einen dauerhaften Schutz

Stephanie Neureuter, Beauty-Director und Mitglied der Chefredaktion bei „Glamour“

Ein Make-up, das sich der Kondition der Haut anpasst –

egal ob die Haut trocken ist oder bei Hitze schnell glänzt

Miriam Jacks, Gründerin von JACKS Beauty Department

3

1Herr Renz, warum verändern sich Schönheitsideale im

Laufe der Zeit und was macht ein Gesicht schön?

Ideale verändern sich eigentlich nur in Bezug auf den

Körper, weniger auf das Gesicht – obwohl das für die

Schönheitsbeurteilung viel wichtiger ist. Die Frauen

auf alten Gemälden gelten auch heute noch als

schön. Wichtig sind große Augen, kleine Nase, volle

Lippen: Je kindlicher ein Gesicht wirkt, desto eher

wollen wir es versorgen und beschützen. Der andere

große Faktor ist Jugendlichkeit. Das hat etwas mit

der Zeitspanne zu tun, in der Frauen sich reproduzieren

können. Wir können einfach keine Vorliebe

für Falten entwickeln, das hat uns die Evolution

sozusagen verboten.

Provozieren diese neuen, technologischen Möglichkeiten

auf lange Sicht also ein künstliches Schönheitsideal?

Nein, das denke ich nicht. Unser Kapitalismus mit

seinen ganzen Fleiß- und Strebsamkeitsgedanken ist

eine Spielart des Puritanismus. Und dazu gehört

natürlich, Künstlichkeit nach außen nicht zu zeigen.

Das könnte sich in Zukunft auch zum Megatrend

entwickeln: Je künstlicher unsere Welt durch technologischen

Fortschritt wird, desto schöner wird der Glanz

der Natürlichkeit. Und damit auch das Bedürfnis nach

einem idealen, aber natürlichen Aussehen.

2

Frankreich hat ein Gesetz gegen Magermodels auf

Laufstegen verabschiedet. Eine Kosmetikfirma hat mit

„ganz normalen“ Frauen geworben. Prägt so etwas das

zukünftige Schönheitsideal?

Das sind sehr kurzfristige Entwicklungen – da kann

man nicht von einer Trendwende sprechen. In

Zukunft werden die technologischen Möglichkeiten,

das Aussehen zu verändern, ausgefeilter, effizienter

und billiger werden. In der Forschung, etwa um

Faltenbildung oder den Schwund von Unterhaut zu

verhindern, wird sich noch sehr viel tun. Wahrscheinlich

wird Jugendlichkeit in Zukunft immer

mehr als erstrebenswertes Attribut angesehen. Das

ist ein Megatrend. Und weil man Jugendlichkeit

technologisch besser wird herstellen können,

könnten Menschen, die altersgemäß aussehen,

ähnlich abgewertet und stigmatisiert werden wie

jetzt Menschen mit Zahnlücken. Die sind, seit man

Zähne ersetzen kann, ein soziales Stigma.

4Wie könnte ein „natürlich idealer“ Körper aussehen?

Durch die Globalisierung konkurrieren Schönheitsideale

verschiedener Kulturen immer mehr. Je

nachdem, welche Gesellschaft sich wirtschaftlich

durchsetzt, wird sich auch das Schönheitsideal

anpassen. Es ist jetzt schon festzustellen, dass sich bei

Schönheitskonkurrenzen ein multiethnisches Ideal

mit einer leicht angeschrägten Augenachse durchsetzt.

Wenn China den Laden übernimmt, werden

sich die Europäerinnen genauso operieren lassen,

wie es die Chinesinnen bis jetzt getan haben.

5Gelten diese Entwicklungen auch für Männer?

Auch, aber weniger stark. Beim Mann kann man von

einer biologisch abgeleiteten Universalität sprechen:

Er unterliegt dem Druck, einem Schönheitsideal zu

entsprechen, weniger stark als eine Frau, die nur eine

kurze Reproduktionsphase hat. Ein Gesicht, das eine

relativ große Dominanz ausstrahlt, wird auch in

Zukunft die besten Karten haben.

ILLUSTRATIONEN: NINA SCHMIDT

Ein Eyeliner, der WIRKLICH nicht verschmiert. Vor

allem bei Schlupflidern muss ich immer wieder feststellen,

dass sich die Eyeliner schnell auf dem Lid absetzen

Patricia Makosch, Hair & Make-up Artist

von Annmarie Juhr

Das Kosmetikprodukt

der Zukunft?

Drogerie, Parfümerie und unser Badezimmer haben unendlich viele

Cremes, Seren und Wässerchen zu bieten. Doch was brauchen

wir wirklich? Fünf Beauty-Experten wünschen sich in die Zukunft

perfect line

Eine Bodylotion, die sich im Bereich der Brust verfärbt, sofern sich

bösartige Zellen oder Tumore unter der Haut befinden. Somit

vereint sich eine alltägliche Schönheitspflege mit lebenswichtiger Vorsorge

Elsa Sonntag, Beauty-Redakteurin bei „Harper’s Bazaar“

CancerCare

Egal welches Produkt: Alle betreffenden Entscheidungen

sollten das Wohl der nächsten Generationen,

der Tiere und der Erde, auf der sie leben, sichern

CC

Bodylotion

UV UV UV UV

UV UV UV UV

UV UV UV UV

Christina Roth, Mitbegründerin von UND GRETEL Naturkosmetik

UV

UV

70 WERK VI Q&A

71


TAT

VERDACHT

„Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss

das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich

sie auch klingen mag.“ Sherlock Holmes

FOTOGRAF MARC HUTH

PRODUKTION ANNMARIE JUHR, JULIA LEDIG, KATHARINA REGENTHAL,

VICTORIA RICHTER, MIRIAM ZENNER

MODEL IRÈNE AMUQUANDOH (PLACE MODELS)

HAARE/MAKE-UP SAIVIE LE

FOTOASSISTENZ YANNIC POEPPERLING

Falsche Credits!

Kleid Marlene Birger

Hut Henrik Vibskov

Schuhe Buffalo

FOTOCREDIT

72 WERK VI Q&A

72Mantel By Malene Birger, WERK Bluse Frisur, VI Q&A Hose Cheap Monday, Schuhe Eden, Fliege Vintage

WERK VI Q&A 73


Pumps Eden

FOTOCREDIT

Pullover Malene Birger

Hose Marlene Birger

74 Jacke Fred Perry, Bluse Frisur, WERK Hose VI Warehouse, Q&A Lackpumps Buffalo 75

WERK VI Q&A 75


Wollkleid Fabrics Interseason

76

Mantel Lipsy, Kleid By Malene Birger. Lackpumps Buffalo

WERK VI Q&A

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81


Die

Weitsichtigen

Mykita-Mitbegründer

und Creative Director

Moritz Krüger

bei der Arbeit

Links: Auch die

Sonnenbrillengläser

werden in Berlin

entwickelt

In Berlin mit Design Millionen verdienen?

In einer Stadt, die bisher für stilvolles Scheitern

bekannt ist? In der Kreativität zwar grenzenlos,

aber nicht teuer sein darf? Es geht also doch,

wie die Brillenmanufaktur Mykita zeigt.

Eine leise Erfolgsgeschichte

VON JANET SCHULZ FOTOS: JULIAN BAUMANN

82 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

83

1


„Ist die Mannschaft

glücklich, bleibt auch

das Schiff auf Kurs“

Maßgenaues Arbeiten und

Qualitätskontrollen tragen

zum Erfolg von Mykita bei

Am Vormittag ist die Kantine des alten

Pelikan-Hauses in der Kreuzberger

Ritterstraße noch leer.

Seit dem Sommer 2014 wird in der

elegant sanierten Schreibwarenfabrik

Mode für Kurz- und Weitsichtige produziert – die alten Räumlichkeiten

in Mitte hatten das Wachstum der Brillen-Manufaktur

nicht mehr mitgemacht. Was vor zwölf Jahren mit vier

Freunden in einer ehemaligen Kindertagesstätte begann – daher

der Firmenname –, ist heute ein internationales Unternehmen

mit 220 Mitarbeitern. Sie alle sind auf Polaroids zu sehen,

die an einer Wand in der Aula hängen. Weitere 179 Kollegen

arbeiten auf der ganzen Welt verteilt.

Angefangen hat alles mit einer simplen Idee: Ein Brillengestell

aus Flachmetall ohne Schraubverbindungen und Lötstellen

herzustellen, zusammengehalten durch eine schraubenfreie

Technik. „Mykita ist stark autodidaktisch geprägt“, erklärte

Moritz Krüger, Managing Partner & Creative Director, in

einem Interview mit The Brander zu der unkonventionellen

Lösung. „Eine auf Lernen basierende Unternehmung.“

In den letzten zwölf Jahren wurde aus der Idee eine Weltmarke:

Mykita expandierte in über 80 Länder. In einigen davon

ist die Berliner Manufaktur sogar mit eigenen Läden vertreten

– in Städten wie Paris, Monterrey, Wien, Zürich und

Tokio. Im vergangenen Jahr stieg das Umsatzwachstum um

17,8 Prozent – das bedeutete 25 Millionen Euro Gewinn. Mykita

zählt somit zu den erfolgreichsten Unternehmen Berlins und

ist einer der größten Arbeitgeber im Designbereich. Doch das

weiß kaum jemand in einer Stadt, die stetig gegen ihr Armaber-sexy-Image

kämpft.

Eine Mykita-Brille ist zu 100 Prozent Made in Berlin. Die

Manufaktur in Kreuzberg ist Produktionsstätte für sämtliche

Gestelle, die in den Handel kommen. Im Erdgeschoss liegt die

erste Station. Hier wird die Brillenfront in mehreren Schritten

in Handarbeit gefaltet und gebogen, bis aus einem völlig flachen

Material ein dreidimensionales Objekt entsteht. An einem

rechteckigen Massivholztisch, der fast den ganzen Raum

einnimmt, werden die Brillengestelle aus dünnen Metallplatten

herausgebrochen. Einen Tisch weiter werden die einzelnen

Bügel der Edelstahlbrillen, die man später individuell hinter

die Ohren biegen kann, in ihre endgültige Form gebracht. Das

patentierte Spiralgelenk verbindet Bügel und Gestell. Dies ist

der USP, an der jede Mykita-Brille zu erkennen ist. Denn ein

sichtbares Logo gibt es nicht. Man möchte ästhetisch, aber dezent

wirken und die Schönheit von Handwerk und Technik in

den Vordergrund stellen. Eine Etage höher werden die Brillen

aus Acetat und dem neuartigen Material Mylon gefertigt und

in Handarbeit montiert.

Alles unter einem Dach bedeutet auch, dass ein hauseigenes

Fotostudio eingerichtet wurde, um alle Brillen für die Webseite,

die Social-Media-Kanäle und auch in Videos zu inszenieren.

Die komplette Corporate Identity inklusive der Verpackungen

wird vom Design-Team hausintern entworfen. Der

Vertrieb, die PR und das Marketing sitzen auf der gleichen Etage.

Und im großen Showroom im Vorderhaus kann man sämtliche

Modelle anschauen und anfassen.

Die Mitarbeiter sind zwischen 20 und 70 Jahre alt und kommen

aus der ganzen Welt. Viele sind gelernte Optiker oder

84 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

85


86 WERK VI Q&A

V.l.n.r.: Jede Brille wird per Hand

zusammengebaut und überprüft.

Die ehemalige Pelikan-Fabrik ist

heute das Mykita-Haus. Im Innenhof

herrscht Café-Athmosphäre

Zahntechniker – Berufe, die gute Fingerfertigkeit voraussetzen.

Ein älterer Herr mit grauen Haaren sitzt neben einem

punkigen Mädchen mit pinkfarbener Mähne und Piercings.

Die Stimmung ist locker. Manche unterhalten sich, andere haben

bunte Kopfhörer auf und hören Musik. Wer fehlsichtig ist,

schaut natürlich durch ein Mykita-Gestell. Mit einem Preis

von 300 bis 400 Euro ist ein Modell eher im höheren Preissegment

angesiedelt. Vielleicht verkaufen sich deshalb die Brillen

in den USA am besten, gefolgt von Frankreich und Deutschland.

Auch mag es daran liegen, dass in der ersten Szene von

Sex and the City 2 im Jahr 2010 Carrie Bradshaw (gespielt von

Sarah Jessica Parker) mit einer goldenen Mykita-Sonnenbrille

namens Franz aus ihrem New Yorker Appartementhaus tritt.

Franz war sogar auf den Kinoplakaten zum Film zu sehen.

Hollywoodstars wie Brad Pitt oder Pop-Größen wie Lady Gaga

besitzen ebenfalls Mykita-Modelle und wurden schon oft damit

fotografiert. Das hat einen unbezahlbaren Werbeeffekt,

von dem die Berliner profitierten.

Auch die Kooperationen mit Designern, die es seit 2009

gibt, haben dafür gesorgt, dass Mykita international immer bekannter

wurde. Spezielle Modelle entstanden in Zusammenarbeit

mit Bernhard Willhelm, Maison Martin Margiela, Moncler,

Romain Kremer oder Damir Doma. Man fand sich

interessant, hieß es, bei den Kooperationen stünde der kreative

Austausch im Vordergrund. Doch der Marketingeffekt war sicherlich

auch sehr willkommen.

Dass der Erfolg von Mykita nicht auf Ausbeutung der Mitarbeiter

beruht, spürt man an der Atmosphäre und an vielen

Kleinigkeiten im Haus: Es gibt einen Kicker, am schwarzen

Brett hängen bunte Ankündigungen für ein „Mykita Frühlingsfest“,

einen „Mykita Yoga Kurs“ und die „Mykita Laufgruppe“.

Fast wähnt man sich bei einer gutgelaunten Sekte.

Auffällig sind auch die vielen Babyfotos an der Wand.

Das Arbeitsklima und die Work-Life-Balance unterscheiden

Mykita von vielen anderen Firmen in der Branche. Denn dort

sind schlechte Bezahlung und Überstunden oft Realität. Gerade

im konkurrenzstarken Designfach ist es vielerorts üblich,

Mitarbeiter richtiggehend zu verschleißen. Oder die Produktion

wird wegen günstigerer Bedingungen gleich ganz ins Ausland

verlagert.

Mykita vermeidet dies ganz bewusst: Die Nähe der einzelnen

Stationen und die dadurch mögliche Kommunikation zwischen

den Abteilungen wirkt sich positiv sowohl auf die Produktion,

als auch auf die Motivation der Mitarbeiter aus. Sie

können miterleben, was sie herstellen. „Ist die Mannschaft

glücklich“, sagt Moritz Krüger dazu, „bleibt auch das Schiff auf

Kurs.“ Somit ist ein Geschäftsmodell aus der Vergangenheit, in

der ebenfalls oft an einem einzigen Ort produziert wurde, vielleicht

auch eins für die Zukunft. Die überstandene Wirtschaftskrise

von 2008 schien also ein Gutes gehabt zu haben: Sie

brachte das Bewusstsein für Qualität und Nachhaltigkeit zurück,

und für die Geschichte, die hinter einem Produkt steht.

Und das alles darf sogar etwas kosten. Mykita ist das beste Beispiel

dafür.

Langsam füllt sich die Kantine, die durch die bunte Mischung

der Mitarbeiter an ein hippes Kreuzberger Café erinnert.

Über dem Tagesmenü, Gemüse aus ökologischem Anbau,

bespricht man Techniken und Produktionssummen. Und

falls doch jemand Arbeitsstress abzubauen hat, kickert er diesen

einfach weg.

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WENDEPUNKTE

EINER MISS

Leticia Koffke trägt einen einzigartigen Titel: 1990 wurde sie zur

schönsten Frau eines Staates gewählt, der schon kurz darauf nicht

mehr existierte. Was ist eigentlich aus Miss DDR geworden?

TEXT: VICTORIA RICHTER

FOTOS: MARC HUTH

FOTO: PRIVAT (1)

Das Foto hat sie aufgeklebt und mit rotem

Filzstift umrahmt. „Die Sekunde, die mein

Leben veränderte“, steht in leicht verblasster

Schreibschrift darunter. Es zeigt den Moment, in dem

die damals 19-jährige Leticia Koffke aus Brandenburg an der

Havel in Schwerin zur Schönheitskönigin der DDR gekürt

wird. Überrascht sieht sie aus auf dem Bild. Zwischen Miss

Sachsen und Miss Mecklenburg entgleist ihr Gesicht ein wenig:

ein Ausdruck von Unglauben und Freude zugleich.

„Miss DDR zu werden war natürlich toll“, sagt Leticia Koffke,

die heute in einer lauschigen Zweiraumwohnung in Köln

lebt und auch nach 26 Jahren noch über diese Momentaufnahme

lacht. Sie spricht nicht gern mit Journalisten, aber wenn

doch, schwelgt sie in Erinnerungen: Eine Kiste voller Zeitungsberichte,

alte Fotos, sogar die original Miss-Schärpe – für Leticia

hat sich kurz nach dem Mauerfall mehr geändert als der

Zusammenbruch eines politischen Systems. Das Mädchen aus

Brandenburg wurde zur schönsten Frau Deutschlands gewählt

und reiste fortan durch die Weltgeschichte. „Als ich im Flieger

nach Los Angeles saß, dachte ich nur: Was geht denn jetzt ab?“

Doch von Anfang an.

Es war ihre Tante aus Berlin, die Ende der 80er-Jahre von einer

Anzeige zur Wahl der Miss Stadt Brandenburg aus der Tageszeitung

berichtete und Leticia mit den Worten „Du siehst

doch ganz gut aus“ vorschlug, daran teilzunehmen. Sachpreise

lockten, dazu die Aussicht, dem Alltag zu entkommen. „Das

Leticias großer

Moment – sie wird

Miss DDR

88 WERK VI Q&A WERK VI Q&A

89


Kurz vor der Wahl zur Miss

DDR: Leticia bei Proben am

Scharmützelsee

„MISS SACHSEN

HATTE DAMALS SCHON

EXTENSIONS“

Leben war nicht so aufregend, ich hatte gerade meine Ausbildung

zur Krankenschwester beendet. Abends saß ich im

Schwesternzimmer und dachte: Das kann ja jetzt nicht alles gewesen

sein“, lacht die heute 45-Jährige und nippt dabei an einer

Tasse Kaffee. Sie lacht oft und gern, während sie weitererzählt.

Aus Neugier bewarb sie sich gemeinsam mit zwei Freundinnen

für die Wahl, die im Clubhaus der Eisenbahner stattfand.

Dort war alles etwas chaotisch und unorganisiert – die Deutsche

Demokratische Republik war auf derartige Wettbewerbe

nicht vorbereitet. Denn obwohl in Deutschland bereits seit

1927 in jedem Jahr (mit Ausnahme der Jahre 1934 bis 1948)

eine Miss Germany gekürt wird, blieb die DDR bis kurz vor

ihrem Untergang Miss-freie Zone. Es gab zwar kleinere, inoffizielle

Wahlen wie die zur Miss Frühling oder Miss Badeball.

Schönheitswettbewerbe waren jedoch als Erniedrigung der

Frau verpönt. Gleichstellung und die Vereinbarkeit von Familie

und Beruf prägten das Frauenbild der DDR, nicht der Fokus

auf Äußerlichkeiten. Und das prägte auch Leticia Koffke: „Es

gab im Osten ja keine vorgegebenen Schönheitsideale. Ich fand

eher andere Mädchen hübsch, habe mich selbst nicht als etwas

Besonderes gesehen.“ Ihre Freundin gewann die Wahl, Leticia

wurde Zweite und freute sich über eine Fünf-Liter-Flasche

Uhle Sekt, einen Pullover und einen Spiegel.

Obwohl sie knapp am Sieg vorbeirauschte, machte sie weiter

und meldete sich zur Wahl der Miss Land Brandenburg an.

Ihr Umfeld reagierte unterschiedlich: Während Freund und

Bruder stolz auf die hübsche Freundin und Schwester waren,

zeigte sich die Mutter skeptisch. „Sie fand es Quatsch“,

schmunzelt Leticia.

Auch bei der Wahl zur Miss Brandenburg wurde Leticia wieder

nur Vize-Miss. Doch richtig geärgert hat sie das nicht,

schließlich ging es ihr vor allem darum, etwas zu erleben. „Als

ich dann zur Wahl der Miss DDR eingeladen wurde, machte

ich mir keine großen Hoffnungen, deshalb war ich sehr entspannt.“

Die Oldenburger Miss Germany Corporation, die bis

heute Deutschlands Misswahlen ausrichtet und zuvor auch

Miss Brandenburg gekürt hatte, plante die Wahl zur Miss DDR

für Oktober 1990. Doch aufgrund der Wiedervereinigung am

3. Oktober wurde sie auf September vorverlegt. Für Leticia begann

eine aufregende Zeit: „Wir sind gereist, haben Sponsoren

besucht, hatten Pressetermine und eine Menge Spaß.“ Der Zickenkrieg

blieb aus, denn die Mädchen aus der DDR waren

Konkurrenzkämpfe nicht gewohnt und einfach nur froh, dabei

zu sein. „Natürlich gab es auch Ausnahmen, Miss Sachsen

etwa, die hatte schon damals Extensions“, erinnert sich Leticia.

„Solche Mädchen waren auf der Gewinnerstrecke und haben

FOTO: PRIVAT (1)

recht viel in ihren Sieg investiert.“ Umso größer war die Überraschung

für Leticia, als sie tatsächlich zur Miss DDR gekürt

wurde. Ein einmaliger Titel, den sie wegen der Auflösung des

Arbeiter- und Bauernstaates nur für kurze Zeit trug.

Der Sieg katapultierte sie in eine neue Welt. Leticia investierte

ihr erstes Preisgeld in eine Levi’s, gewann einen Toyota, obwohl

sie noch nicht einmal einen Führerschein hatte, und

tauschte sehr schnell die Heimat Brandenburg gegen das niedersächsische

Oldenburg. Dort zog sie zu Misswahl-Veranstalter

und Manager Horst Klemmer, wo sie wie eine Tochter aufgenommen

wurde. „Ich habe mein Leben von einem Tag auf

den anderen hinter mir gelassen, war in Nullkommanix weg.“

Das Bild von ihr als Miss DDR ging um die Welt, sogar in

Brasilien sah man sie in der Zeitung. „Ich will so bleiben wie

ich bin“ oder „Brandenburg verliert seine schönste Krankenschwester“

titelte die heimische Presse, während Leticia von

einem Termin zum nächsten reiste. Um dem Ganzen ein weiteres

Krönchen aufzusetzen, wurde sie im Dezember 1990 auch

noch zur ersten gesamtdeutschen Miss Germany seit 1933 gekürt.

„Bei dieser Wahl prallten Welten aufeinander“, erinnert

sie sich. Die Mädchen aus Ost und West unterschieden sich

nicht nur optisch, sondern auch in ihren Wertvorstellungen und

der Sprache. Und während die West-Mädchen durch entsprechende

Accessoires gut ausgestattet waren, setzten die Ost-Mädchen

auf Natürlichkeit: Es gab schließlich von vorneherein weniger

Badeanzüge, Kleider oder schwarze Pumps. Der Sieg stellte

sie zudem vor eine weitere Herausforderung: „Als nach der

Wahl die westdeutsche Nationalhymne gespielt wurde, stand ich

ein wenig verloren da, denn ich kannte die ja gar nicht!“

In Leticias neuem Leben häuften sich die ungewohnten Promotions-

und Modeljobs, Supermarkt-Eröffnungen, Autogrammstunden

und Fernsehauftritte. „Eines meiner Highlights

war die Bambi-Verleihung 1990. Da durfte ich anlässlich

der Wiedervereinigung ein paar der Auszeichnungen übergeben.“

Gemeinsam mit Michael Cromer, dem Gründer der Modemarke

MCM, wurde sie sogar nach Los Angeles, dem

Traumziel vieler Mädchen in Ost und West, eingeladen. „Auf

dieser Reise habe ich auch noch Geld verdient, das war einfach

unglaublich“, schwärmt sie.

In den 90ern hatte Leticia jedoch genug davon, nur ein hübsches

Aushängeschild zu sein, und entdeckte ihre eigene Kreativität.

Sie begann, für das Label Uncle Sam Kollektionsstücke

zu entwerfen. Wegen der Kleiderproduktion zog sie nach

Istanbul und wurde Mutter einer Tochter. Nach zwei Jahren

am Bosporus ging sie zurück nach Brandenburg – vielleicht,

um Luft zu holen. Doch dort hielt es die Weltenbummlerin

nicht lange aus. „Manche Frauen hier tragen immer noch blauen

Kajal und Karottenhosen, die Zeit ist irgendwie stehen geblieben.“

Leticia zog im Jahr 2000 ins Rheinland, wo sie bis

heute für einen Schweizer Uhrenhersteller arbeitet und sich

nach Langem mal wieder heimisch fühlt. „Köln ist für mich ein

bisschen wie ein kleines Berlin: multikulti, locker und nicht

spießig.“ Als Außendienstmitarbeiterin ist sie immer noch viel

unterwegs, hat viel Abwechslung – vielleicht ist das der Grund,

aus dem sie momentan die Füße stillhalten und das sogar genießen

kann. Übrig geblieben von den Jahren als Miss ist ihre

Neugier auf fremde Orte und eine gewisse Unvoreingenommenheit:

„Ich wollte nie stehen bleiben und bin gegenüber

Neuerungen im Leben recht aufgeschlossen.“

Leticia kennt sie, die Wendepunkte im Leben. 2011 bekam

sie von ihrem Bruder eine Niere gespendet. Bei der Beschreibung

der medizinischen Vorgehensweise kommt die Krankenschwester

in ihr durch, mit ein bisschen Stolz zeigt sie auf ein

Foto des Bruders und deutet auf eine kleine Wölbung an ihrem

Bauch. „Er hat mir eine ganz schön große Niere verpasst“,

lacht sie. Die Operation hat die Geschwister eng zusammengeschweißt.

„Geben ist seliger denn Nehmen“, sagt Leticia Koffke,

die für sich die Antwort darauf gefunden hat, was im Leben

wichtig ist – weit mehr als Schärpe und Glitzerkrone jedenfalls.

Zu Misswahl-Finalen fährt sie heute dennoch ab und zu. Aber

nur als Zuschauerin.

Leticia Koffke

heute. Alle

Erinnerungen an

ihre Zeit als Miss

DDR hebt sie in

einer Kiste auf.

Auch die

Original-Schärpe

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København

für Anfänger

Ob Mode, Design, Lebensstil oder Kunst – die Länder Skandinaviens gelten als

Trendsetter. Warum das so ist, wollen wir bei einem Kurzurlaub in das Herz

Dänemarks herausfinden – und bekommen Hilfe von Stefany Vidzus, einer der

erfolgreichsten Modebloggerinnen Kopenhagens

TEXT & FOTOS: CATHARINA SCHICK, VIKTORIA VON DER WAY

Links: Einer von Stefanys

Favoriten: Der Israels Plads

Rechts: Kopenhagen will bis

2025 die erste klimaneutrale

Stadt der Welt werden

BIOGRAFIE

Seit drei Jahren schreibt die 20-jährige Stefany Vidzus auf ihrem Blog Black Irony

über Mode. In Kopenhagen lebt die gebürtige Lettin seit einem Jahr. Hierher kam

sie, um Medienkommunikation zu studieren. Nebenher arbeitet Stefany in einer

PR-Agentur. An ihren freien Tagen geht sie am liebsten am Hafen spazieren, erkundet

neue Second-Hand-Läden oder verliert sich in den kleinen Gassen im Zentrum

der Stadt.

„Mich hat die dänische Modeszene schon immer fasziniert. Die Dänen gelten als

sehr stilvolles, anmutiges und stolzes Volk, denn viele von ihnen sind wohlhabend,

stellen das aber in der Öffentlichkeit nicht zur Schau. Natürlich spiegelt sich das in

ihrer Mode wieder, und das gefällt mir. In meiner Heimat konnte ich mich modisch

nie wirklich ausdrücken. Hier in Kopenhagen habe ich zu meinem Stil gefunden.“

MAINFACTS

Dänemark – von den Wikingern

geprägt, im Mittelalter eine Großmacht

im Ostseeraum. Die Hafenstadt

Kopenhagen wurde 1417

offiziell zur Hauptstadt ernannt.

Das Königreich Dänemark hat heute

insgesamt nur 5,4 Millionen

Einwohner.

500.000 davon wohnen in København.

Die Königin Margarethe II. übernimmt

politisch lediglich repräsentative

Aufgaben. Das dänische

Parlament Folketing verabschiedet

die Gesetze, es wählt und kontrolliert

die Regierung. Die dänische

Ministerpräsidentin Helle Thorning-

Schmidt war bis vor Kurzem die

erste weibliche Amtsträgerin. Im

Juni 2015 ergaben die Wahlergebnisse

eine Mehrheit für die rechtspopulistische

Dänische Volkspartei

und zwangen die Sozialdemokratin

zum Rücktritt. Diese Entwicklung

wurde in der EU scharf kritisiert.

Die dänische Lebensweise spiegelt

sich auch heutzutage im Copenhagen

Chic wieder, denn das raue, kalte

Klima fordert bequeme und simple

Kleidung, die die Dänen in eleganten

Kombinationen tragen. Bevorzugt

tragen sie einheimische Labels

und Designer wie Wood Wood,

Stine Goya oder Henrik Vibskov,

die auch international großen

Anklang finden.

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93


MORGENS

REZEPT

HAFENRUNDFAHRT

Klar, Hafenrundfahrten erinnern an Rentnerfreizeit. In Kopenhagen

bieten sie jedoch die beste Gelegenheit, wirklich alle

Attraktionen, zum Beispiel die kleine Meerjungfrau oder das

monumentale Black-Diamond-Gebäude (den Anbau der Bibliothek)

kennenzulernen. Dazu noch eine frische Meeresbrise:

perfekt!

Start: Gammeltorv oder Nyhavn, 80 Kronen (circa 10 Euro)

STRØGET

Das pulsierende Leben im Zentrum spielt sich rund um die beliebte

Einkaufsmeile Strøget ab. Der Hauptbahnhof, Nyhavn

und andere wichtige Fixpunkte der Stadt sind von hier aus bequem

zu Fuß erreichbar. Auf dem Weg Richtung Illum findet

man skandinavische Mode, cleanes Interior-Design und jede

Menge Second-Hand-Läden. Tipp: Designermode gibt es im

Magnolias Luksus 2nd Hand (Købmagergade 5). Der Flagship

Store von Wood Wood liegt in der Grønnegade 1.

Station: Nørreport St.

ILLUM

Das dänische Pendant zu hochpreisigen und eleganten

Kaufhausriesen wie dem KaDeWe oder Harrods ist das Illum.

Dänemark ist teuer, dafür ist aber auch der Verdienst üppiger.

„Von allen Skandinaviern geben Dänen das meiste Geld für

Klamotten aus“, sagt Stefany.

Adresse: Østergade 52

Das Luxuskaufhaus Illum

gibt es seit 1892

Der Strøget bietet

vielfältige Einkaufsmöglichkeiten.

Auch Saisonobst

und old school

Hip-Hop to go

MITTAGS

NYHAVN 17

Wenn das Smørrebrød zum Superstar wird und der Kellner bei

jeder Bestellung einen Knicks macht, dann befindet man sich

im Nyhavn 17. Das Restaurant mit dem typischen Seemannsflair

ist in der schönsten Gegend Kopenhagens am neuen

Hafen. Einfach hyggelig!

Adresse: Nyhavn 17, ab 150 Kronen (circa 20 Euro)

Entspannte Atmosphäre

und einen aromatischen

Kaffee kann man in

der Kafbar 9 neben einer

Vespa genießen

Für zwei Smørrebrød

2 Lauchzwiebeln

2 Eier

4 EL Milch

Salz

Pfeffer

3 TL Butter oder Margarine

2 kleine dicke Scheiben Brot

2 Salatblätter

60 g geräuchertes Forellenfilet

Schmand, Forellenkaviar und Dill zum

Garnieren

Lauch in Ringe schneiden und Ei,

Milch, Salz und Pfeffer zu einem

Rührei verquirlen. Brot (wahlweise

Roggen-, Vollkorn-, Weiß- oder

Mischbrot) mit Butter bestreichen

und mit Salat bedecken.

Das Smørrebrød mit dem gebra tenen

Rührei und der Forelle belegen.

Als Garnitur dient Schmand, Kaviar

und Dill.

Das Smørrebrød Superstar

im Nyhavn 17

ist ein Bestseller

KAFBAR 9

Das Kafbar 9 ist ein Paradebeispiel für dänisch-internationalen

Stilmix. Über Treppen gelangt man zur eigentlichen

Kaffeebar im Hochparterre. Holz dominiert den Raum,

gemischt mit modernen Möbeln, zum Beispiel von Vitra. Die

beigefarbene Vespa nahe der Bar ist das Herz des Cafés. Und

der Kaffee schmeckt wie in Italien.

Adresse: Kompagnistræde 9, Kaffee für 35 Kronen (circa 5 Euro)

DÉCOR

Wer möchte eine Wikingerrüstung kaufen? Oder Varietékleidung?

Im Décor in der Nähe der Torvehallerne am Israels

Plads kann man in vergessenen Zeiten stöbern und kleine

Schätze finden. Second-Hand aus vergangenen Epochen, das

auf Neuinterpretation wartet.

Adresse: Rømersgade 9

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Frisches Gebäck

und einheimische

Feinkost gibt es

auf dem Street

Food Market in

der Torvehallerne

Nächtlicher,

traditioneller Snack:

Hot Dog mit

Röstzwiebeln,

Ketchup und

sauren Gurken

FUNFACTS

NACHTS

THE STANDARD

Bei Kerzenlicht Jazz hören und sich dabei von den besten Köchen

Dänemarks kulinarisch verwöhnen lassen kann man im

Restaurant The Standard direkt am Hafen. Reservierungen

sind sinnvoll, da sowohl das von Art-Deco inspirierte Restaurant,

die Bar als auch die Jazz-Abende meist komplett ausgebucht

sind.

Adresse: Havnegade 44, Tel: +45 72 14 88 08, Eintritt für den

Jazz-Abend 270 Kronen (circa 40 Euro), Drei-Gänge-Menü

für 350 Kronen (circa 50 Euro), Drinks ab 80 Kronen (circa 11

Euro)

Das Wort Hygge ist eines der meist

benutzen Wörter in Dänemark. Es

beschreibt das Gefühl von Geborgenheit.

Wenn jemand sich irgendwo

geborgen fühlt, dann findet er es

hyggelig.

In Dänemark gibt es in fast jedem Bus

frei nutzbares WLAN, besonders

praktisch für Touristen.

Dänen schätzen ihre Privatsphäre und

werden schnell wütend, wenn Fremde

zu lange auf ihre Kinder oder Hunde

schauen.

Die meisten Dänen schließen beim

Verlassen ihrer Wohnung die Tür nicht

ab. Dänemark gehört zu den sichersten

Ländern der Welt mit einer

vergleichbar geringen Zahl an

Einbrüchen.

ABENDS

PAPERS ISLAND

In Kopenhagen gibt es die besten Street-Food-Märkte voller

Stände, an denen Speisen frisch zubereitet werden. Die einstige

Papierfabrik auf der Insel Christiansholm, heute bekannt

als Papirøen (Papers Island), wurde zu einem Begegnungsort

für Jung und Alt. Hier kann man auf Liegestühlen den Ausblick

auf die See genießen und original dänisches Essen probieren.

Oder es sich im nur 14 Quadratmeter kleinen Café Den

Plettede Gris des dänischen Modedesigners Henrik Vibskov

gemütlich machen.

Adresse: Trangravsvej, Cocktail ab 90 Kronen (circa 13 Euro),

Barbecue ab 65 Kronen (circa 9 Euro)

Den Plettede Gris, Öffnungszeiten: Mo-Fr, 9-18 Uhr, Sa-So,

10-18 Uhr, Kaffee für 32 Kronen (circa 4 Euro), Bier 30 Kronen

(circa 3 Euro)

Wer Christiania besucht,

reist zurück in

die Zeit der Hippies

CULTUREBOX

Getanzt und gefeiert wird in dem Techno-Club bis in die frühen

Morgenstunden in vier Boxen (Mainfloors), die sich durch

verschiedene Farben unterscheiden.

Adresse: Kronprinsessegade 54, Eintritt je nach Event zwischen

50 und 100 Kronen (circa 7 bis 12 Euro)

GILT

Ein Absacker im Gilt geht immer noch! Der Besucher kann

wählen zwischen klassisch zubereiteten Cocktails und extravaganten

Varianten, zum Beispiel den Mojito mit Passionsfrucht,

Zitronengras und Chili. Zusätzlich bietet die Karte auch diverse

Kaffeesorten.

Adresse: Rantzausgade 39, Cocktails ab 85 Kronen (11 Euro)

The Copenhagen

Standard: Jazz, Drinks,

Drei-Gänge-Menü

Wolkenkratzer gibt es in Dänemark

kaum. Im gesamten Königreich sind

20 Hochhäuser vermerkt, das höchste

ist 120 Meter klein.

Ein durchschnittlicher Däne heiratet

erst mit 32 Jahren und zählt somit bis

dahin zu den ältesten Junggesellen

der Welt.

Eine Studie der New Yorker Columbia

University stellte im Jahr 2013 fest,

dass die Dänen das glücklichste Volk

der Welt sind.

In Dänemark leben 14 Nobelpreis träger.

Die dänische Königsfamilie zählt zu

den ältesten ununterbrochenen

Monarchien der Welt.

CHRISTIANIA

Christiania liegt im Bezirk Christianshaven und wurde 1971 als

verlassenes Areal von Jugendlichen besetzt. Heute wird die autonome

Gemeinde geduldet und lädt Gäste in ihre Fantasiewelt

ein: Glitzergirlanden, Buddhastatuen, Graffitikunst und spirituelle

Musik. Peace, Love und Happiness gibt es hier to go.

Adresse: Prinsessegade bei der Vor Frelsers Kirke

TORVEHALLERNE

Im verglasten Torvehallerne im Zentrum Kopenhagens befindet

sich einer der meist besuchten Food Markets der Stadt. An

über 60 Ständen können hier regionale Köstlichkeiten probiert

und gekauft werden. Es lohnt sich, einige Stunden für diesen

Markt einplanen.

Adresse: Frederiksborggade 21, Fisch ab 52 Kronen (7 Euro),

Süßes ab 60 Kronen (9 Euro)

Dyrehavsbakken, im heutigen Naturpark

Jaegersborg Dyrehave am

Stadtrand von Kopenhagen, ist der

älteste Freizeitpark und wurde im

16. Jahrhundert erbaut. Die heute

noch aktive Hauptattraktion, eine

Achterbahn, besteht aus massivem

Holz und wurde damals von einem

Bremser gefahren.

Dänen lieben Lakritze, daher veranstalten

sie jedes Jahr ein Lakritz-

Festival (Lakridsfestivalen/Flemming

Lyng).

Zu Dänemark zählen ungefähr 400

Inseln, von denen nur 75 bewohnt sind.

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WER SITZT DAHINTER?

1

2

3

4

An welchem Ort verbringen kreative Menschen wohl die meiste Zeit?

Langweilig, aber wahr: am Schreibtisch. Chaos oder Ordnung, Wasser oder Tee?

Raten Sie mal, wer wo arbeitet!

FOTOS: MATTHIAS BRANDL

PRODUKTION: JANET SCHULZ

A) Die Designerin Malaika Raiss

macht Mode, die ausdrucksstark

und zart ist. In ihrem Atelier

in Friedrichhain entwickelt sie

Kollektionen und Schnitte und

sucht Stoffe aus. „Sorry für das

Durcheinander, aber so sieht das

hier immer aus!“, empfängt sie

uns. So schlimm war es dann

doch nicht – Kreativität braucht

schließlich Chaos!

98 WERK VI Q&A

B) Die Blogger David Kurt

Karl Roth (l.) und Carl Jakob

Haupt von Dandy Diary sind

für ihre provokanten Posts und

Style- Experimente bekannt. Ihr

Schreibtisch ist das Tor zur Welt

und rund um die Uhr einsatzbereit.

Die Hauptzentrale in

Berlin-Mitte ist erstaunlicherweise

alles andere als Rock’n’Roll.

Hier herrscht Ordnung!

C) Simon Haehnel ist ein Teil

des DJ- und Produzentenduos

Andhim. Inzwischen lebt der

Kölner in Berlin. An seinem

Schreibtisch frickelt er gern an

dem Super-House-Sound,

für den Andhim international

bekannt sind. Ob der Erfolg

etwas mit seinem rosa Glücksschwein

zu tun hat, wollte er

leider nicht verraten.

Auflösung: 1 C, 2 A, 3 D, 4 B

D) Die Modejournalistin Stephanie

Neumann arbeitet als freie

Redakteurin und Autorin für

Magazine wie Harper’s Bazaar,

Elle oder Madame. Obwohl sie

auch immer einen Arbeitsplatz

im Büro hat, schreibt sie am

liebsten zu Hause in ihrer hellen

Dachgeschosswohnung mit

atemberaubendem Blick über

Berlin.

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