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lunte5

ER

Werk VI 3

EIN STUDIE NPROJE KT DE R AMD AKA D EMI E MODE & DESIGN BE RLIN, LEHRRE D A KTION MM6, AUS G ABE N O. 4, SOMMER 2014


EDITORIAL

ES

IST

EIN

JUNGE!

Vor Ihnen liegt ER — die vierte Ausgabe von Werk VI, die diesmal

ganz den Herren der Schöpfung gewidmet ist. Doch vermutlich

können auch Frauen bei der Lektüre noch etwas dazulernen.

Wann ist ein Mann überhaupt ein Mann und wer darf das

bestimmen? Fest steht, dass das sogenannte starke Geschlecht

so einige Rollen auf der Bühne des Lebens spielt. Wir stießen bei

unseren Recherchen auf Muttersöhnchen, einen Mann Gottes

und sogar auf einen Supermann. Ein Turner-Prize-Gewinner in

Frauenkleidern war auch dabei. Und wie weit gehen Männer für

die Liebe? Was passiert, wenn sie sie gefunden haben? Alles Fragen,

denen wir in dieser Ausgabe auf den Grund gehen.

Die Jungs mischen natürlich auch in der Modewelt mit. Wir

haben eine spannende Gesprächsrunde zum Thema organisiert

und dafür drei Männermode-Designer eingeladen. Und wir haben

uns mit einer Frau unterhalten, die Inhaberin einer Männermodel-Agentur

ist.

Die Berliner Typen für unsere Bildstrecke haben wir von der

Straße weg gecastet. Dass der geschlechtsspezifische Stil von

Männern einen steten Einfluss auf Designer hat, beweisen nicht

zuletzt unsere Modestrecken. Selbst zarte Mädchen tragen aktuell

gern Herrenhemd und Adiletten!

Ein Ausflug in die Welt der Männer? Bitteschön.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen.

Ihre WERK-VI-Redaktion

4 Werk VI 5


INHALT

IMPRESSUM

WERK VI IST EIN STUDIENPROJEKT

DES 6. SEMESTERS IM AUSBILDUNGSGANG

MODEJOURNALISMUS/MEDIEN-

KOMMUNIKATION AN DER AMD

AKADEMIE MODE & DESIGN BERLIN.

12

6

70

28

03 Editorial

05 Impressum

06 Einstieg

12 Ich bin ein Berliner

Die maskuline Vielfalt

der Stadt in Bildern

22 „Man muss den

Kunden mit unserer

Mode konfrontieren“

Männermode in

Deutschland –

eine Gesprächsrunde

28 Das Männernest

Ein Interview mit Melanie

Constein, Deutschlands

erfolgreichster Modelagentin

für Männer

34 #Whatcore?

Normcore, Hardcore,

Whatcore? Eine modische

Auseinandersetzung

44 Mutters Söhnchen

Mütter erzählen, wie

ihre berühmten Söhne als

Kinder waren

52 „Rüschen sind das

Kokain der Weiblichkeit“

Im Gespräch mit dem

britischen Künstler und

Transvestiten Grayson Perry

58 Mademoiselle

Masculine

Männerklassiker, die längst

auch in die Garderobe

von Frauen gehören

70 Mit drei Streifen

um die Welt

Wie Adidas zum erfolgreichsten

Bekleidungsunternehmen

Deutschlands

wurde

76 Urban Warriors

Streetwear-Deluxe

in den Hinterhöfen einer

Großstadt

86 Der Glaubensbruder

Männlich, katholisch, jung:

die Zukunft der Kirche?

90 Beziehungsweisen

Moderne Liebesgeschichten

aus Berlin

96 Amors Helfer

Wie Singlemänner

dafür trainieren, die Frau

fürs Leben zu finden

52

FOTOS: JAKOB & HANNAH, ALEXANDER JEDERMANN, CHANTAL KOPPENHÖFER, PR, MORITZ SCHMID, JULIANE SPAETE, ANDRE TITCOMBE

06

44

34

58

VERANTWORTLICHE DOZENTEN

Olga Blumhardt (Magazinentwicklung,

Text, V.i.S.d.P.)

Antje Drinkuth (Styling)

Jan Kedves, Wibke Wetzker (Text)

Janine Sack (Art Direktion)

Martin Schmieder (Marketing & PR)

REDAKTION, KURS MM6

Tabea Becker, Johanna Demant,

Katharina Görke, Alexander La Guma,

Mathilda Kaliszczyk, Julia Küster,

Annika Lösch, Monika Penning,

Elsa Sonntag, Alexander Vetter,

Leonie Volk

CHEFIN VOM DIENST

Katharina Görke

SCHLUSSREDAKTION

Heinrich Dubel

FOTOS

Leopold Achilles, Verena Brünig,

Alexander Jedermann, Jakob & Hannah,

Chantal Koppenhöfer, Stefan Korte,

Ansgar Moek, Arthur Pluta, Moritz Schmid,

Andre Titcombe, Jessica Wolfelsperger

ANZEIGEN

Johanna Demant, Alexander Vetter

PR

Tabea Becker, Mathilda Kaliszczyk,

Julia Küster, Monika Penning

EVENT

Katharina Görke, Alexander La Guma,

Annika Lösch, Elsa Sonntag, Leonie Volk

DRUCK

Brandenburgische

Universitätsdruckerei und

Verlagsgesellschaft Potsdam mbH

Karl-Liebknecht-Straße 24–25

14476 Potsdam

www.bud-potsdam.de

REDAKTIONSANSCHRIFT

AMD Akademie Mode & Design

Franklinstraße 10, 10587 Berlin

Tel.: 030 330 99 76 0

olga.blumhardt@amdnet.de

www.werk6-magazin.de

WERK VI erscheint jährlich

und liegt an ausgewählten Orten

in Berlin kostenfrei aus.

Das Titelbild wurde von Jakob & Hannah

fotografiert. Model: Rosalie/Izaio Management

Haare/Make-up: Julie Skok

Rosalie trägt ein Hemd von Michael Sontag

und eine Fliege von Tiger of Sweden

Wir danken allen, die WERK VI möglich

gemacht haben.


SUPER

MODE

Comic- und Science-Fiction-

Helden feiern ein modisches

Comeback. Doch nicht nur Jungs

träumen davon, mit Batman

die Stadt, mit Superman die Welt

oder mit Luke Skywalker

die ganze Galaxie zu retten

Jetzt hat er es nach seiner Zerstörung

in „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“

(1983) doch noch geschafft – und

zwar auf den legendären roten Teppich

des Met Ball in New York. Die

Schauspielerin Kirsten Dunst trug zu

dem prestigeträchtigen Event in diesem Jahr

eine Robe des Designerduos Rodarte – darauf

abgebildet: der Todesstern Nr. 2, die Superwaffe

aus George Lucas’ Star-Wars-Saga.

Auch die Droiden C-3PO und R2-D2 sowie

Luke Skywalker und sein Jedi-Meister

Yoda tauchen in der Winterkollektion der

Designerinnen als Motive auf. Mit ihrer Huldigung

des Weltraumepos’ liegen die beiden Schwestern

genau im Trend.

Denn nächstes Jahr soll der inzwischen siebte Star-

Wars-Film, gleichzeitig der erste Teil einer neuen Trilogie,

in die Kinos kommen. Nicht nur Science-Fiction-Fans,

auch die Modebranche fiebert diesem Ereignis entgegen.

Das Skaterlabel Vans zum Beispiel zeigte am 4. Mai

(„MAY the FOURTH be with you“), dem inoffiziellen

Star-Wars-Tag, eine Kollektion mit Schuhen, Shirts und

Taschen, die mit den Filmfiguren bedruckt sind. Auch das

Londoner Label Preen bedient sich für die kommende Winterkollektion

der Macht des Blockbuster-Franchise. Sicherlich

hat die modische Rückkehr der Jedi-Ritter 2014 auch

marketingtechnische Hintergründe – Rodarte zum Beispiel

wurden von Disney, der Produktionsfirma der Filme, eingeladen,

die Archive nach Motiven zu durchforsten.

Aber nicht nur Helden aus weit, weit entfernten Galaxien

feiern ein Comeback, sondern ein ganzes Comic-Universum:

Neue Spiderman-, Batman-, X-Men- und Superman-Verfilmungen

liefen in diesem Jahr an oder sind in Planung. Comics

gewinnen mehr und mehr gesellschaftliche Relevanz. In

unserer Zeit, in der Bilder präsenter sind und häufig glaubhafter

erscheinen als das Wort, wo ein Internet-Meme mehr

aussagen kann als ein langer Zeitungstext, bilden Comics

eine international verständliche Bildsprache.

Designer wie Marc Jacobs, Raf Simons, J. W. Anderson

oder Rei Kawakubo für Comme des Garçons lassen sich

#3

davon inspirieren und holen die bunten Figuren

vom Papier auf den Stoff. Sogar Antihelden wie

Darth Vader oder Bart Simpson werden zum coolen

Mode-Statement. Der rüpelige Charme

des gelben Stachelkopfs etwa sorgte 2012

für regen Absatz der Kollektion von

Jeremy Scott, der damit als einer der Vorreiter

für diesen Trend gilt.

Vielleicht weil alle Charaktere schon

belegt waren, kreierte Miuccia Prada

für ihren neuen Duft „Prada Candy

Florale“ gleich eine eigene Comicfigur.

Das Supergirl Candy, erschaffen

von dem französischen Illustrator

François Berthoud, ist Star der aktuellen

Werbe kampagne.

Die Kindheitshelden der Jungs

haben sowohl die Welt der Frauenwie

der Männermode erobert, ob

sie diese auch retten werden, steht

in den Sternen. Aufregender, frecher

und selbstironischer ist die Mode

durch sie auf jeden Fall geworden.

Möge die Macht mit ihr sein!

ALEXANDER LA GUMA

#1

#4

#2

#5

1 Preen, H/W 14/15

2 Vans, Star Wars

Collection

3 Rodarte, F/S 14

4 Jeremy Scott,

H/W12

5 Candy Girl aus

der aktuellen

Prada-Kampagne

FOTOS: PR

FOTOS: PAUL VICENTE/AFP/ALEXANDER MCQUEEN RTW A/W 1998/GETTY IMAGES; PR (4)

BRUTAL

SCHÖN

Die McQueen-Retrospektive

„Savage Beauty“ kommt

nächstes Jahr nach London

Das Londoner Victoria & Albert

Museum holt im Frühjahr 2015 die

Retrospektive „Alexander McQueen:

Savage Beauty“ nach Europa. Die

Ausstellung wurde zu Ehren des im

Februar 2010 verstorbenen Designers

erstmals 2011 im New Yorker Metropolitan

Museum of Art gezeigt.

Bis heute zählt sie mit über 650.000

Besuchern zu den erfolgreichsten

Ausstellungen des Museums. Nun

werden die Exponate in der Heimatstadt

des Modeschöpfers gezeigt:

„In London wurde ich groß gezogen.

Für diese Stadt schlägt mein Herz und

hier ist meine Inspiration“, sagte der

HALFPIPE HALFFASHION

Das Skateboard ist endgültig das neue Lieblingsaccessoire

in sportlichen Modekreisen. Bereits

vor zwei Jahren hat es die Céline-Chef designerin

Phoebe Philo vorgemacht und unterschiedliche

Skatedecks kreiert. Es folgte Marc Jacobs,

der seine Kampagnenmotive, fotografiert von

Juergen Teller, auf die Bretter brachte. Und das

Londoner Kaufhaus Selfridges kooperierte

für einen Skateboard-Pop-up-Store unter anderem

mit Designern wie Stella McCartney, Dries Van

Noten und Erdem. Das französische Traditionshaus

Courrèges ließ sich in Zusammenarbeit mit

Eastpak ebenfalls von der Skaterkultur inspirieren.

Das Ergebnis ist ein Retro-Board für die Frau

mit dem Namen „Mini Cruiser Diva“. Im Zuge der

Demokratisierung der Mode schauen sich

Designer schon seit Jahren auf den Straßen um.

Da Skater fest ins Stadtbild gehören, verwundert

es deshalb nicht, dass sich Modemacher nun

deren Subkultur zum Vorbild nehmen.

Designer im Jahr 2000. Für McQueens

Mode spielt Großbritanniens Hauptstadt

eine entscheidende Rolle.

Auf der Savile Row lernte er alles über

die englische Schneiderkunst. Für

sein handwerkliches Können war er

zei t lebens berühmt. Die Retrospektive

präsentiert das Lebenswerk des

unvergessenen Modemachers –

100 Ausstellungsstücke, von seiner

M.A.-Abschlusskollektion bis zur

Herbst/Winter-Kollektion 2010, die

er selbst nicht mehr ganz vollenden

konnte. Die Werkschau greift

unter anderem McQueens Hang zur

Dramatik und Rebellion auf, seine

Faszination für Natur und sein Spiel

mit Vergänglichkeit. Die Hüfthose

„Bumster“, die die untere Rückenpartie

als erotischste Zone des Körpers

betont, eine Jacke aus vergoldeten

Entenfedern und ein rotgefärbtes

Kleid aus Austernfedern mit einem

Oberteil aus Glasplatten sind nur

einige Highlights. Besucher dürfen

sich auf eine einzigartige Inszenierung

freuen.

„Alexander McQueen: Savage Beauty“

14. März bis 19. Juli 2015,

Victoria & Albert Museum, London,

www.vam.ac.uk/savagebeauty

V.l.n.r.: Dries Van Noten für Selfridges,

Courrèges für Eastpack, Stella McCartney

für Selfridges, Céline

Alexander McQueen H/W 1998

8 Werk VI 9


WER MIT WEM?

Zusammen sind wir stark: Dieses Sprichwort nehmen sich viele Modemacher

zu Herzen. Designerkooperationen sind populärer denn je

Es scheint, als würden erfolgreiche

Modedesigner weltweit fast nichts

mehr alleine zustande bringen. Überall

Teamwork – Designerkooperationen

wollen gar nicht mehr aus der

Mode kommen. Auch für dieses Jahr

sind wieder prominente Partnerschaften

angekündigt. Interessant dürfte

das Ergebnis der neuen Männerfreundschaft

zwischen Karl Lagerfeld und

Louis-Vuitton-Designer Nicolas

Ghesquière werden. Lagerfeld, der

neben Chanel auch noch für Fendi und

sein eigenes Haus arbeitet, wird im

Rahmen des Projekts „The Icon

and the Iconoclasts“ eine Monogramm-

Tasche für Louis Vuitton entwerfen.

Spannender allerdings als die deutschfranzösische

Zusammenarbeit dürfte

es werden, wenn englische Tradition

auf japanischen Modernismus trifft.

Barbour und White Mountaineering

bringen mit der Männerkollektion für

das Frühjahr 2015 das Ergebnis ihrer

zweiten Kollaboration auf den Markt.

Auch Patrick Mohr entwirft wieder

NETZWEAR

Im Uhrzeigersinn:

Patrick Mohr für

Reebok; Jeff Koons

für H&M; White

Mountaineering

für Barbour;

Raf Simons für

Adidas

eine Sonderedition des legendären

„Freestyle Hi“ von Reebok. Der Look:

so sportlich wie das Label, so skurril

wie der Designer. Und wer statt der

drei ikonischen Adidas-Streifen ein

gelöchertes „R“ auf dem „Stan Smith“

erkennt: nicht wundern! Raf Simons

hat auch in dieser Saison wieder sieben

Modelle für Adidas designt (mehr zum

Thema ab S. 73).

Das Schlachtschiff unter den Kooperationen

ist aber weiterhin eine

schwedische Modekette. Seit 2004

darf mit Spannung erwartet werden,

wer – sei es Designer, Künstler oder

Musiker – für H&M entwerfen wird.

Die Überraschung gelingt immer.

Gerade erst entwarf Jeff Koons, der

teuerste zeitgenössische Künstler,

eine Tasche, die anlässlich der Eröffnung

eines H&M-Flagship-Stores in

New York limitiert verkauft wurde.

Ein Abbild seines berühmten Luftballon-Hundes

ziert das gute Stück –

Koons(t) zu Schnäppchenpreisen.

Am 6. November kommt dann die

bereits 18. und wohl aufregenste

High-Fashion-Designerkooperation in

ausgewählte H&M-Filialen. Mit seinen

amerikanisch-modernen Entwürfen

wird Balenciaga-Chefdesigner Alexander

Wang für zeitgemäße Coolness und

ganz sicher erneut für Hysterie in den

Läden sorgen. ALEXANDER LA GUMA

FOTOS: FASHIONSNAP.COM, HIGHSNOBIETY.COM, PR, THECUT.COM

#3

Der Herbst steht vor

der Tür. Wir haben

Sebastian Warschow,

Head of PR des

Luxusonlineshops

mytheresa.com

gefragt, was denn

im Kleiderschrank

nicht fehlen darf. Mit

Warschows Umzug

nach München hat

Berlin einen echten

Stilexperten verloren.

Hier verrät er seine

Wunschliste für die

kommende Saison.

STYLE IST

GESCHMACKSSACHE

Ganz spontan entstand im Juli 2013 das

Modeprojekt Popgold. Seitdem lassen

sich die Gründer, Designer Vico Stuhlmann

und Modejournalistin Elena Schröder,

für ihre Streetwear nicht nur von der Straße

1 Sneaker von Maison

inspirieren, sondern hauptsächlich vom

Martin Margiela für

schnellsten Medium überhaupt – dem

Converse

Inter net. Ihre Prints nehmen Strömungen

2 Kaschmirdecke/Schal

von Burberry Prorsum

aktueller sowie vergangener Popkultur

3 Mohairpullover mit

auf, kopieren diese allerdings nicht einfach,

Zebramuster von Saint

sondern interpretieren sie neu. Aus dem

Laurent Paris

gemixten Material entstehen spannende

4 Indigoblauer Anzug

Drucke, immer mit einem Hauch Ironie.

von Jil Sander

Vielversprechend!

#5

5 Komplettlook von

www.popgold.bigcartel.com

Valentino

10 WWW.BORGMANN1772.COM

Werk VI 11

FOTOS: PR

#1

Blick in die

Zukunft

#4

#2

C

M

Y

CM

MY

CY

CMY

K

„HONI SOIT

QUI MAL

Y PENSE!”

„NEC ASPERA

TERRENT”

„WER NICHT LIEBT

WEIN, WEIB UND

GESANG DER

BLEIBT EIN NARR

SEIN LEBEN LANG”

EDITION 0


Männer dominieren den Modemarkt: als Designer, als Geschäftsführer,

als Entscheider. Aber sind sie auch für den Magerwahn in der Branche

verantwortlich? Wir fragen Mahret Kupka, die Kuratorin für Mode, Körper

und Performatives am Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main

#1 SPORT-DELUXE

#3 NEO-CLASSIC

WATCH OUT

Der Herrenmode wird gern

Eintönigkeit vorgeworfen.

Diese fünf vielversprechenden

Labels aus Mailand,

London und Paris beweisen

das Gegenteil. Ein Mix aus

Unisex-Couture, düsterer

Walt-Disney-Motivik und

Männerklassikern mit sportlichen

Einflüssen bestimmt

den kommenden Herbst

1 Nicomede Talavera, London

2 Rad Hourani, Paris

3 Gosha Rubchinskiy, Paris

4 Bobby Abley, London

5 Andrea Pompilio, Mailand

#2 UNISEX-COUTURE

FOTO: PR

Mahret Kupka ist

Modetheoretikerin

und Autorin

des Blogs

modekoerper.de

Mann

macht Mode

Frau Kupka, was glauben Sie, warum sind es

in der Mode ausgerechnet die Männer, die den

großen Erfolg haben?

Vielleicht liegt es daran, dass Männer risikofreudiger

sind als Frauen und eher bereit

dazu, sich durchzubeißen. Ich will damit nicht

sagen, dass Frauen nicht durchsetzungs -

fähig sind, aber kulturell bedingt liegen die

Aufgabenbereiche der Frau bis heute eher

woanders, nicht unbedingt am oberen Ende

der Karriereleiter. Aber glücklicherweise

gibt es ja auch ein paar erfolgreiche

Modedesignerinnen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die

meisten bedeutenden Modedesigner schwul sind?

Ein Grund könnte sein, dass Mode kulturell

ein der „weiblichen Sphäre“ zugeordneter

Bereich ist und daher möglicherweise viele heterosexuelle

Männer gar nicht erst auf die Idee

kommen, Modedesign zu studieren – obwohl

es sie interessieren könnte.

Was sagen Sie dazu, dass schwule Designer

angeblich durch ihre Vorliebe zu jungenhaften

Körpern den Magerwahn in der Modelbranche

zu verantworten haben?

Das halte ich für totalen Quatsch! Schwule Männer

haben so viele unterschiedliche Vorlieben wie

alle anderen Menschen auch und sind bestimmt

nicht nur auf jungenhafte Körper fixiert. Außerdem

ist Mode immer ein Abbild der Gesellschaft.

Das heißt, sie diktiert nicht, sondern verkauft das,

was die Menschen kaufen möchten. Sie nimmt

Schwingungen auf und transformiert sie in

Formen. Natürlich hat es auch einen Effekt auf die

Menschen, wenn sie permanent mit Idealbildern

konfrontiert werden. Aber das Problem des

Magerwahns wird nicht zu lösen sein, wenn man

sich nur auf die Mode konzentriert.

VILLA SANDI PROSECCO

- Flüssige Kunstwerke aus dem Veneto -

#4 DISNEY-HORROR

“Prosecco des Jahres”

Die führende Fachzeitschrift der

Weinbranche WEINWIRTSCHAFT

kürt den Villa Sandi “il Fresco” zum

9. Mal zum Prosecco des Jahres.

#5 NERD-TEDDY

Äpfeln und etwas Eisbonbon.

Erhältlich bei:

Goldgelb die Farbe, kristallklar

Weinagentur J. Heinz Fey KG · David Arnold

im Glas ist dieser Prosecco der

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12 Werk VI 13

FOTOS : PR

Prosecco Spumante DOC

Brut “il Fresco”

il Fresco, übersetzt “der Frische”

verströmt ein elegantes Bouquet

von weißen Früchten, Blüten,


ICH BIN EIN

BERLINER

Sie kommen aus Bayreuth, Luxemburg oder Friedrichshain, sind tätowiert

oder auch nicht, tragen Bart oder Locken, sprechen Deutsch,

Englisch oder Italienisch. Eines ist jedoch klar: Man muss nicht sein

ganzes Leben in der Stadt verbringen, um ein Berliner zu sein

P R ODUKTION J ULIA K Ü S T E R & ELSA S ONNTA G

FOTOS CHA NTA L K OPPE NHÖFER

H AARE/MAKE - U P YVONNE W E NGLE R & FLORIA N FE RINO

Justus, 19, Neukölln

Vor zwei Jahren kam Justus der Liebe wegen aus Freiburg nach

Berlin. Seitdem jobbt er bei Adidas Neo am Kudamm und genießt

das Nachtleben: im Berghain, KitKat oder im Golden Gate

12 Werk VI 13


Franz, 25, Wedding

Für sein Mode- und Designmanagement-

Studium an der AMD ist Franz vor

drei Jahren aus Gütersloh nach Berlin

gezogen. Sein T-Shirt-Label Skäkks

(ein Modell trägt er auf dem Foto) will

er in Zukunft weiter ausbauen.

An warmen Sommertagen trifft man

Franz am Plötzensee

Patrick, 21, Wedding

Ist vor zwei Jahren aus Augsburg nach Berlin gezogen,

um Wirtschaftskommunikation zu studieren.

Patrick wurde kürzlich in der Pariser Metro als Model

entdeckt und wird dort von einer Agentur vertreten

14 Werk VI 15


Jonas, 20, Wilmersdorf

Anfang des Jahres kam Jonas aus Mainz

nach Berlin, um Mode- und

Designmanagement an der AMD zu

studieren. Über Berlin muss er

noch sehr viel lernen: sein Lieblingsort

ist der Hackesche Markt

Julian, 24, Kreuzberg

Träumte zehn Jahre davon, aus Bayreuth nach Berlin zu ziehen.

Seit einem Jahr ist er hier. Im Herbst fängt er bei Jil Sander am

Kudamm als Verkäufer an. Auch ein Traum. Den neuen Job hat er

in seiner Lieblingsbar Die Legende von Paula und Ben gefeiert

16 Werk VI 17


Francesco, 29, Pankow

Kümmert sich seit einem Jahr um

benachteiligte Jugendliche. Er vermisst

das gute Wetter seiner Heimatstadt

Brescia in Italien – und Mama. Francesco

mag das Maybachufer in Kreuzberg

Kieron, 20, Kreuzberg

Kieron findet Berlin viel charmanter als Recklinghausen,

das er vor zwei Jahren für sein Politikwissenschaftsstudium

verlassen hat. Man trifft ihn auf seinem BMX-Rad in der

Skatehalle Berlin auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain.

Sein Leben finanziert er sich mit Modeljobs

18 Werk VI 19


Pit, 28, Neukölln

Anfang des Jahres kam Pit aus Luxemburg

nach Berlin, um Mode- und Designmanagement

an der AMD zu studieren.

In seiner Freizeit spielt er Schlagzeug

in einer Rockband

Christoph, 28, Friedrichshain

Fühlt sich seit neun Jahren sehr wohl in Berlin, weil es so

„asozial“ und „zubetoniert“ ist. Anders als im

brandenburgischen Luckau, woher er kommt. Christoph

ist Redakteur beim Onlinemagazin netzkino.de.

Seine Lieblingskneipe ist die Jägerklause in Friedrichshain

20 Werk VI 21


„MAN MUSS DEN

KUNDEN

MIT UNSERER

MODE

KONFRONTIEREN“

Männern ist Mode nicht so wichtig!?

Ein Gespräch mit den Designern

Sissi Goetze, Daniel Blechmann von

Sopopular und Mads Dinesen

I NTE R V I EW: MONIKA PENNING & ALE X A NDE R VE TTE R

FOTOS : VE R E N A BRÜNING

Männer gelten als

schwierige Kunden

– und doch steigt

die Zahl der jungen Designer, die sich

auf Männermode spezialisieren. Zu

ihnen gehören auch Sissi Goetze, Mads

Dinesen und Daniel Blechmann von

Sopopular. Wir treffen die drei in den

Räumen von Silk Relations, der

Presse agentur von Sopopular, um über

Berlin als Modestadt, die Schwierigkeiten

im Business und die Leidenschaft

für den Job zu sprechen.

Berlin zieht viele Designer an.

Aus welchem Grund hat es euch

hierher verschlagen?

Daniel Blechmann: Nach sechs

Jahren in London bin ich 1994 nach

Berlin gegangen, weil meine

Freunde und auch meine Familie

hier leben. Die Stadt befindet

sich im Veränderungsprozess und ich

bin wahnsinnig gern ein Teil davon.

Sissi Goetze: Ich habe nach meinem

Studium in London nicht unbedingt

bewusst entschieden, nach Berlin zu

gehen und mein Label hier aufzubauen.

Im Vordergrund standen erst einmal

pragmatische und finanzielle Gründe.

In London ist es unmöglich, eine

Selbstständigkeit zu finanzieren. Und

Berlin ist mein Zuhause. Alle meine

Freunde leben hier.

Mads Dinesen: Ich glaube, die Stadt

gibt uns jungen Designern eine gewisse

Sicherheit. Das Leben hier ist nicht

zu teuer. Auch mit wenig Geld kann

man in Berlin sehr gut leben.

22 Werk VI 23


Der Däne Mads Dinesen machte

2010 seinen Abschluss an der

UdK Berlin. Seine erste Show zur

Fashion Week Berlin finanzierte

er durch Crowdfunding

Viele sagen, Berlin sei keine Modestadt.

Wie steht ihr dazu?

DB: Das finde ich total albern. Zu viele

Leute versuchen momentan, Berlin

schlecht zu machen. Ich finde die Stadt

super! Problematisch ist der ständige

Vergleich mit anderen internationalen

Modestädten. Man kann Berlin nicht

mit Paris vergleichen, wo Traditionshäuser

schon seit Jahrzehnten existieren

und ein Budget zur Verfügung haben,

von dem man hier nur träumen kann.

Berlin ist als Modestadt sehr jung.

Und man darf nicht vergessen, dass

Berlin in den 1920er-Jahren die

Modehauptstadt der Welt war. Ich

glaube, international kommt Berlin

besser an als in Deutschland selbst. Hier

habe ich immer das Gefühl, so lange

man unten schwimmt, ist alles in

Ordnung, sobald man aber größer wird,

bekommt man sofort einen auf den

Deckel. Die Stadt hat superviel

Potenzial, hier gibt es tolle Designer.

Man sollte lieber mal die Köpfe

zusammenstecken und überlegen,

wie man es besser machen kann,

und nicht gleich alles schlecht machen.

Was fehlt Berlin noch, um eine

richtige Modestadt zu sein?

DB: Ernsthafte Förderung. Es gibt

natürlich einige Preise, die Nachwuchsdesigner

gewinnen können. Die

bekommen dann Geld – und danach

hört man nie wieder was von denen.

„EHRLICH GESAGT

IST MIR DER DEUT-

SCHE MARKT NICHT

SO WICHTIG“

MADS DINESEN

Die Förderungsstrukturen in London

sind sehr gut. Dort gibt es Preis -

gelder in Höhe von 150.000 Pfund und

der Gewinner hängt über Nacht in

den besten und größten Kaufhäusern.

In Deutschland interessieren sich

die Einkäufer kaum für junge Designer.

Das erschwert uns den Einstieg.

SG: Ich glaube auch, dass es so

schwierig ist, weil Mode in Deutschland

generell nicht als Kulturgut

gesehen wird. Mode wird hier gleichgesetzt

mit verrückten Kleidern,

die von Verrückten gemacht werden.

In England oder Paris ist es ganz

selbstverständlich, dass die Leute sich

auskennen. Wenn man in London

in einen Pub geht und sich mit einem

Bauarbeiter über das Modestudium

am Central Saint Martins College

unterhält, dann sagt er: „Ach, Saint

Martins, davon habe ich schon gehört.“

Obwohl er mit Mode rein gar nichts

am Hut hat. So etwas fehlt hier. In

Deutschland steht Mode immer an

letzter Stelle. Für Shops in Paris

und London ist es ganz selbstverständlich,

Jungdesigner einzukaufen. Da

geht es gar nicht darum, ob die gleich

auf Anhieb gut laufen oder nicht. Das

gehört dort einfach zur Imagepflege.

Das hat man hier noch nicht begriffen,

dass es natürlich auch mal ein oder

zwei Saisons dauern kann, bis etwas

bombenmäßig läuft.

MD: In Dänemark – eigentlich in ganz

Skandinavien – ist es genauso wie in

London. Mode ist dort wichtiger

Bestandteil des Business und Jungdesigner

sind gut fürs Image des Landes.

Der deutsche Mann ist modisch

gesehen als zurückhaltend bzw. fast

langweilig verschrien. Läuft vielleicht

auch deshalb Männermode in

Deutschland schlechter?

SG: Es stimmt schon, dass ein deutscher

Mann vermutlich nicht 20 Hosen

im Schrank hat, sondern fünf.

Generell kaufen Männer gern Sachen,

die sie schon kennen.

MD: Das ist auch kulturell bedingt.

Mode ist den meisten Deutschen

nicht wichtig. In anderen Ländern

gehört Kleidung zur Identität

und darf auch was kosten.

DB: Die Arbeit, die wir machen, ist

durch die geringen Stückzahlen

und die Produktionsstätten in Europa

schon sehr hochpreisig. Ich habe

oft die Erfahrung gemacht, dass das

vielen Kunden zu teuer ist. Aber

das Modebewusstsein der Männer in

Deutschland wächst. Deswegen

mache ich auch Männermode. Man

muss den Kunden nur erst einmal

mit unserer Mode konfrontieren und

ihm zeigen, was es überhaupt auf

dem Markt gibt. In Deutschland gibt

es gute Männerlabels, und von

Saison zu Saison kommen mehr dazu.

Die Kunden lernen dieses Angebot

nur leider gar nicht kennen.

Wie sieht denn der Mann im Jahr

2014 aus?

SG: Ich denke gar nicht so rational

darüber nach, wie der aktuelle Mann

aussieht. Ich habe zwar ein Männerbild

vor Augen, aber das kann ich nicht klar

definieren. Die Looks, die ich für die

Fashion Week produziere, sprechen

schon eher den mode bewussten Mann

an. Aber auch mein Papa hat einige

Teile von mir im Schrank hängen. Die

Kollektionen passen in jede Männergarderobe.

Es ist auch spannend zu sehen,

wie jeder einzelne die Teile trägt und

dem eigenen Stil anpasst. Ich fände es

irritierend, einen Mann im Sissi-

Goetze-Komplett-Look zu sehen. Meine

Sachen sprechen diejenigen an, die Lust

auf gute Qualität haben

und etwas suchen, das nicht nur

eine Saison Gültigkeit hat.

DB: Wenn ein Mann für eine Jacke

schon 700 Euro ausgibt, muss die

auch eine gewisse Wertigkeit haben. Ich

designe Kollektionen, die auch untereinander

sehr gut kombinierbar sind. Und

auch ich habe niemals

einen bestimmten Mann vor Augen.

Meine Inspiration ist mein Leben, Dinge,

die mich geprägt haben. Die fließen dann

in meine Kollektionen ein.

Ihr habt gerade gesagt, dass die

Kunden eure Kollektionen gar nicht

erst kennenlernen – woran liegt

das? Daran, dass die Läden sie nicht

einkaufen, oder daran, dass die Presse

junge Labels ignoriert?

MD: Du kannst in jedem deutschen

Magazin sein, aber das bedeutet nicht,

dass die Leute dann auch die Sachen

kaufen. Die gehen lieber zu C&A

und kaufen das günstigere Teil. Um

es noch einmal zu vergleichen: In

London gibt es eine viel engere

Verbindung zwischen PR und Sale.

„MEINE

KOLLEKTIONEN

PASSEN IN

JEDE MÄNNER-

GARDEROBE“

SISSI GOETZE

SG: Ich glaube nicht unbedingt,

dass die deutschen Endverbraucher

keine Lust haben, unsere Sachen zu

kaufen. Das Problem liegt bei den

Einkäufern, die das ihren Kunden nicht

zutrauen. Es reicht nicht, einen

jungen Designer in einem Kaufhaus in

die Ecke zu hängen. Man muss

schon ein bisschen was investieren,

die Kleider highlighten, Verkäufer

schulen und versuchen, die Ware an

den Mann zu bringen. Im eigenen

Showroom funktioniert es doch auch.

Wir haben treue Stammkunden,

nicht nur Modeleute, sondern auch

Informatiker, die bei uns kaufen, weil

sie Lust auf gute, qualitativ

hochwertige Klamotten haben.

DB: Ich habe die Erfahrung gemacht,

dass die Einkäufer in Deutschland

genau andersrum denken als

ihre Kollegen im Ausland. Egal, ob in

Skandinavien, Paris, Mailand oder

London: In all den Ländern kaufen

die Einkäufer lieber ihre eigenen Labels

ein, um deren Potenzial zu fördern.

In Deutschland hängen die Läden voll

mit skandinavischen Labels, da

dieangeblich cooler sind, und kaum

jemand holt sich einen Berliner

Designer in den Laden.

2010 debütierte Sissi Goetze mit

ihrer Abschlusskollektion am Central

Saint Martins College in London.

Seitdem zeigt sie regelmäßig auf der

Fashion Week Berlin

24 Werk VI 25


Kollektionen gekauft haben, sind

insolvent – das bricht einem das

Genick.

MD: Ich denke, dass Firma nach so

langer Zeit keine Lust mehr hatten,

jeden Cent umdrehen zu müssen. Ich

hoffe, bei uns wird das anders laufen.

(alle lachen) Natürlich ist das kein

spezifisch deutsches Problem. Das

kann überall passieren. In London

gibt es auch Labels, die jahrelang

kämpfen müssen.

»Das wohl beste Modebuch des Jahres« FAZ Magazin

»Die Kunst des Mode-Interviews« Interview.de

»Voller guter, überraschend komischer Geschichten« taz

»Fashionliteratur mit Kultpotenzial« Elle

Wie schwierig ist es, einen Investor

zu finden?

MD: Wenn ihr jemanden kennt,

der investieren möchte, könnt ihr den

gern bei mir vorbeischicken!

(alle lachen)

Daniel Blechmann gründete 2008 sein

Label Sopopular. Von Berlin aus arbeitet

er für den internationalen Markt

Und wie ist es mit Kooperationen?

MD: Ich habe noch nicht viel

Erfahrung mit Kooperationen. Zu

deren 100. Firmenjubiläum habe

ich beim Deichmann Design Atelier

teilgenommen und Schuhe entworfen.

Ansonsten kooperiere ich lieber

mit Künstlern.

DB: Bislang bin ich Kooperationen

aus dem Weg gegangen. Zu Beginn

bin ich sehr radikal gewesen. Ich

wollte mein eigenes Ding machen und

mit niemanden etwas zu tun haben.

Interviews habe ich auch nicht

gegeben. Das war Quatsch, das

funktioniert nicht. Im Moment arbeite

ich deshalb an zwei großen

Kooperationen.

Das heißt, der deutsche Markt ist für

euch ökonomisch betrachtet im

Grunde unerheblich?

MD: Ehrlich gesagt ist mir der deutsche

Markt nicht so wichtig. Ich konzentriere

mich im Moment sehr auf Japan.

Man muss nicht dort arbeiten, wo

man verkauft.

DB: Wir haben aktuell zwei neue

Vertriebe und einen Showroom

in Paris, der sich um den ganzen

asiatischen Markt kümmert. Auch für

uns ist der internationale Markt

zurzeit wichtiger als der deutsche.

In welchen Ländern verkauft ihr

denn am besten?

SG: Japan.

MD: China.

DB: Hongkong.

26

Was sagt ihr dazu, dass Herr von Eden

von der Insolvenz bedroht ist und ein

etabliertes Label wie Firma aufgibt?

DB: Ich mache mir schon Gedanken

dazu. Firma gibt es seit fast 20 Jahren

und ich bin mir nicht sicher, ob sie

insolvent sind oder einfach keine Lust

mehr haben. Die beiden (Daniela

Biesenbach und Carl Tillessen, Anm. d.

Red.) haben sich sehr auf den deutschen

Markt konzentriert und viele

der Einzelhändler, die ihre

„DAS MODE-

BEWUSSTSEIN IN

DEUTSCHLAND

WÄCHST“

DANIEL BLECHMANN

Darf man schon verraten mit wem?

Stammen die Partner aus dem

Modebereich?

DB: Nein, das darf ich leider nicht

sagen. Aber es sind Modemarken

– eine deutsche und eine internationale.

Meine Identität auf dem

Modemarkt ist mir mittlerweile

wichtig. Daher kooperiere ich nur mit

Marken, bei denen ich sicher bin,

dass es zusammenpasst. Ich muss kein

Celebrity sein oder mich vor jede

Kamera stürzen. Und ich muss auch

keine Teppiche oder Pralinen machen.

Das bin nicht ich. Mir ist es wichtig,

ein guter Designer zu sein und meine

eigene Handschrift zu finden.

VIELEN DANK AN PATRICK CHODURA

VON SILK RELATIONS

FOTO: VOO STORE

23

Gespräche mit

Miguel Adrover / Walter Van Beirendonck / Bless / Pierre Cardin / Damir Doma / Michel Gaubert / Jean-Paul Goude / Iris van Herpen

Nick Knight / Helmut Lang / Malcolm McLaren / Charlie Le Mindu / Willi Ninja / Rick Owens / Diane Pernet / Loïc Prigent

Viviane Sassen / Raf Simons / Valerie Steele / Juergen Teller / Veruschka / Barbara Vinken / Bruce Weber / Bernhard Willhelm / Zaldy

www.prestel.de


Melanie Constein (42) am Schreibtisch

in ihrem Büro am Berliner

Kurfürstendamm. Hinter ihr hängt ein

Porträt der Schauspielerin

Joan Collins – eine ihrer Ikonen

INT E R V I EW: JOHA NNA D EMANT

F OTOS: JULIA N E SPAET E

DAS

MÄNNER _

NEST

Ihre Models laufen für Prada, Givenchy oder

Louis Vuitton. Sie werben für Dior

Homme, Hermès oder Balenciaga. Melanie

Constein, geborene Nest, vermittelt

mit ihrer Berliner Agentur Nest Model

Management außergewöhnlich schöne Männer.

200 international erfolgreiche Models stehen

bei ihr unter Vertrag. Ein Gespräch mit

einer Frau, die mit Männern Geld verdient

28


Wie kam es dazu, dass du

Modelagentin wurdest?

Das war Zufall. Ein Freund von mir

war bei einer großen Berliner

Modelagentur unter Vertrag und der

festen Überzeugung, dass ich das

Zeug zu einer tollen Agentin hätte. Er

stellte mich der Geschäftsführerin

vor und kurz danach konnte ich anfangen.

Das ist jetzt acht Jahre her.

Seit 2011 führst du deine eigene

Agentur und konzentrierst dich dabei

ausschließlich auf Männer. Was hat

dich dazu bewegt?

Ich habe nicht unbedingt das gleiche

Auge für Frauen wie für Männer.

Ich würde zwar ein potenzielles

weibliches Model auf der Straße erkennen,

aber bei den Jungs fühlt es sich

irgendwie selbstverständlicher an.

Mir wird oft gesagt, ich solle doch auch

Frauen in die Kartei aufnehmen, was

naheliegt, da man mit ihnen auch

besser verdient. Aber ich glaube nicht

an den Erfolg von irgendetwas

nebenbei. Und Frauen wären für mich

etwas, das nebenbei passiert. Momentan

habe ich gar nicht die Kapazitäten,

um Frauen auf dem gleichen Niveau zu

führen. Aber in der Zukunft ist

natürlich nichts ausgeschlossen.

Verdienen weibliche Models tatsächlich

so viel mehr als männliche?

Ja, die Unterschiede in der Bezahlung

sind ziemlich groß. Aber Geld ist

nicht mein Hauptantrieb. Ich als Frau

finde es sogar super, dass wir

wenigstens in dieser Branche mehr

verdienen als Männer. Aber klar, für

mich als Agentin macht es das

nicht einfacher.

Nest bedient fast nur den High-

Fashion-Bereich. Auch das unterscheidet

dich von anderen Agenturen.

Stimmt. Wir haben im Grunde keine

kommerziellen Models, die man für

jeden Job verbuchen könnte. Und vor

allem sind wir mit unseren 200 Jungs

keine Riesenagentur. Aber das ist auch

gut so. Die persönliche Hinwendung

darf nicht verloren gehen.

Wäre also ein Kommerzmodel wie

Markus Schenkenberg bei dir in der

Agentur nicht gut aufgehoben?

Damals, in den 90ern, zu seiner besten

Zeit, wäre er das bestimmt gewesen.

Aber mittlerweile hat er viel an sich

machen lassen – wahrscheinlich auch

Schönheitsoperationen. Das ist

schade. Ein älterer Mann ohne Falten

und graue Haare sieht doch

un natürlich aus.

Gibt es überhaupt eine Altersgrenze

für Männermodels?

Viele können sich je nach Typ wirklich

ein Leben lang halten. Unser Ältester

ist 51 Jahre alt. Wir haben nur nicht

mehr ältere Männer in der Kartei, weil

die meisten Models durch ihre

„PRADA

FAVORISIERT

ANDERE TYPEN

ALS JIL SANDER

ODER GUCCI“

langjährige Karriere schon ihren Platz

in einer anderen Agentur gefunden

haben. Nest ist noch jung. Und auf

unserem Level reife Männer zu

vertreten ist somit schwieriger. Ich

denke, in einigen Jahren wird das

anders aussehen. Die meisten Männer,

die wir haben, sind sehr klassisch. Sie

werden sich auch noch später im

gehobenen Segment vermitteln lassen.

Was wäre denn das perfekte Alter,

um zu beginnen?

Bei Jungs geht es später los als bei

Mädchen. Mädchen fangen ja teilweise

schon mit 14 Jahren an. Im Durchschnitt

sind die Jungs eher 19 oder 20

Jahre alt. Es gibt auch welche, die mit

16 starten, aber das ist eher die

Ausnahme.

Wo findest du deine

Nachwuchsmodels?

Meistens dort, wo man es nicht

vermutet. An der Supermarktkasse

oder auf dem Weg zum Zahnarzt.

Oft auch in Skateparks, auf Basketballfeldern

oder Sportplätzen.

Grundsätzlich laufe ich immer mit

offenen Augen durch die Welt.

In meiner Mittagspause treffe ich sie

dann bestenfalls ganz unvorhergesehen

in der Fußgängerzone mit der

Mutter beim Einkaufen.

Und wie werden die Labels und

Magazine dann auf sie aufmerksam?

Wenn wir ein Model ganz neu gefunden

haben, wenden wir uns direkt an den

Kunden. Gut ist, wenn so eine Exklusivbuchung

zustande kommt. Was heißt,

dass das Model zum ersten Mal durch

den Designer gezeigt wird. Mit der Zeit

bekommt man auch ein Gefühl dafür,

welcher Typ zu welchem Kunden passt.

Prada favorisiert andere Typen als

Jil Sander oder Gucci.

Von Berlin aus sendet ihr die Jungs

dann in die ganze Welt.

Richtig. Durch Partneragenturen

platzieren wir unsere Models

im Ausland. So wird der Kundenstamm

auch größer. Aber wir

suchen sehr selektiv aus. Welcher

Agent von welcher Agentur passt zu

welchem Jungen? Das wird sehr

indi viduell entschieden. Ich lege sehr

viel Wert darauf, dass sich die

Jungs wohlfühlen.

Melanie Constein mag Céline,

Modezeitschriften und Kakteen –

letztere aber nur, weil man

sie nur selten gießen muss

Das klingt so, als wären sie wie deine

Kinder.

Man entwickelt tatsächlich eine

starke persönliche Bindung zu ihnen.

Es ist wahnsinnig aufregend, diese

jungen Menschen zu begleiten.

Sie kommen nach Berlin, um zu

studieren, laufen mir über den Weg und

wenig später leben sie plötzlich

in New York, Mailand oder Paris.

Dennoch finde ich es wichtig, dass sie

ihre Ausbildung fortsetzen.

Das Modeln lässt sich sehr gut mit

einem Studium verbinden.

Viele Models halten dem Druck der

Branche nicht stand. Wirst du mit

Problemen wie Magersucht

konfrontiert?

Ich habe zum Glück noch nie einen

Verdacht gehabt. Hätte ich einen, würde

ich sofort das Gespräch suchen. Die

Gesundheit der Jungs liegt mir sehr am

Herzen. Es besteht überhaupt keine

Notwendigkeit zu hungern.

Sie müssen vielleicht hier und da etwas

Sport treiben, um ihren Körper zu

definieren, aber das reicht. Der junge

männliche Körper ist meistens von

Natur aus schon schlank genug,

um den erforderlichen Maßen zu

entsprechen. Zu dünn dürften sie gar

nicht sein. Das ist auch ein Grund,

warum ich mich mit dem Management

von Mädchen schwer tue. Du weißt

nie, wie sie zu ihrer Figur kommen.

Wie bereitest du die Jungs auf ihren

ersten Job vor?

Anfangs reagieren sie total überrascht,

dass man sie überhaupt anspricht.

Wenn sie dann in die Agentur kommen,

erklären wir ihnen alles sehr

behutsam, denn der Einstieg in die

Modelbranche ist sehr komplex.

Wie ein Casting und ein Shooting

abläuft, wie sie sich gegenüber Kunden

verhalten sollen und auch, dass sie

nicht alles mitmachen müssen –

bis auf die Unterhosen ausziehen zum

Beispiel. Wir geben ihnen vor allem

Selbstbewusstsein.

Was meinst du, finden sich deine

Models selbst gutaussehend?

Ich glaube, zu Beginn oft tatsächlich

nicht. Aber die meisten entwickeln

irgendwann ein ganz neues Bewusstsein

für sich selbst, was sich auch in ihrem

Kleidungsstil widerspiegelt. Ich bin

immer wieder erstaunt, wie schnell sich

ihr Interesse für Mode verändert und

wie viel sie dann plötzlich meinen,

davon zu verstehen.

Wie lange dauert es in der Regel, bis

ein Neuzugang das erste Mal gebucht

wird?

Manchmal nur wenige Tage. Dann

nennen die Jungs ganz schnell alle um

sich herum beim Vornamen und

sprechen nicht mehr von Olivier Rizzo,

dem Stylisten, sondern von Olivier.

Und es ist nicht mehr Willy Vanderperre,

der Fotograf, sondern der Willy.

Das ist sehr amüsant. Aber umso

wichtiger ist es, sie zu erden. Ich fühle

mich verpflichtet, sie darauf hinzuweisen,

dass sie sich gerade in einer

Situation befinden, die nicht immer

selbstverständlich ist.

In deinem beruflichen Umfeld

umgibst du dich nur mit Männern,

aber privat liebst du eine Frau.

Zufall?

Irgendwo müssen sie ja hin, die

Männer (lacht).

30 Werk VI 31


Viele dieser Gesichter sieht man

in London, Mailand und Paris

auf dem Laufsteg. Rechts: Auch

für andere schöne Dinge hat

die Modelagentin einen Blick

Mit welchen Augen siehst du das

männliche Geschlecht?

Ich sehe Männer jedenfalls nicht

sexualisiert. Obwohl ich durchaus

sagen kann, wenn ich jemanden sexy

finde. Aber sicherlich betrachte ich

Männer nicht so wie andere Frauen.

Hast du ein persönliches Schönheitsideal?

In deiner Kartei jedenfalls

finden sich viele ähnliche Typen.

Sie sind alle auf ihre besondere

Art speziell und einzigartig. Aber

privat würde ich niemals in solchen

Kategorien denken. Ich kann auch

einen Mann unheimlich schön finden,

wenn er weit davon entfernt ist, ein

Model sein zu können. Aber wenn ich

mir einen stereotypen Berlin-

Mitte-Typ mit Bart vorstelle, ist das

meiner Meinung nach eher

eine plakative Angelegenheit als ein

Attraktivitätsfall.

Der Designer Hedi Slimane hat bei

Dior durch seinen Slim-Cut die

Silhouette des Mannes nachhaltig

verändert. Perfekt ist seither die Größe

48. Wie wird Mode in Zukunft das

Männerbild beeinflussen?

Das ist schwer zu sagen. Vor sieben

Jahren war es zum Beispiel noch

ein Riesenproblem, wenn jemand 1,93

Meter groß war. Heute gibt es diese

Models. Ein überdurchschnittlich

großer Mann ist kein absolutes K.o.-

Kriterium mehr.

Wird die gefragte Androgynität auf

lange Sicht schwinden?

Das ist abhängig von den Designern.

Die meisten Showjungs sind

nach wie vor sehr schmal und jung im

Gegensatz zu den Kampagnen -

männern. Momentan koexistieren beide

Einflüsse nebeneinander.

Deine Models laufen kaum bis gar

nicht auf der Berliner Fashion Week.

Woran liegt das?

Das ist sehr schade. Ich wünschte,

es wäre anders. Aber dafür

bräuchten wir die entsprechenden

Schauen, bei denen sie entweder gut

bezahlt werden oder Prestige

bekommen. Um ehrlich zu sein fehlen

hier die Jobs, die sie in irgendeiner

Form in ihrer Karriere weiterbringen.

Für Frauen ist es mittlerweile lukrativer,

aber für Männer ist es leider noch nicht

so. Es wäre gut für den Standort meiner

Agentur, hier Models zu zeigen. Doch

meine internationalen Jungs extra

dafür einzu fliegen, lohnt sich nicht. Für

sie würde es nichts bringen.

Bezahlt Berlin denn so schlecht?

Pointless. Ja.

Was heißt schlecht?

Schlecht heißt, 50 bis 150 Euro

pro Show. Und man darf nicht vergessen,

dass es hier einfach nicht

so viele Schauen für Männermode gibt.

Wenn wir 20 hätten, würde es anders

aussehen. Ich würde die Berliner

Fashion Week wirklich gern mehr

unterstützen, aber sie muss sich definitiv

noch stärker entwickeln.

Was macht die Berliner Fashion Week

falsch?

Falsch ist schon mal, sie zeitgleich zur

Pariser Fashion Week stattfinden

zu lassen. Das ist der signifikanteste

Fehler. Da darf man sich nicht

wundern, wenn kaum Presse erscheint

und wenige gute Models laufen

können. Darüber sollte man mal nachdenken.

Außerdem muss hier

überhaupt erst ein Umfeld geschaffen

werden, das für die jungen Labels

attraktiv ist. Die Schauen im Rahmen

der Mercedes -Benz Fashion Week

sind so immens teuer, dass talentierte

Nachwuchs designer kaum eine

Präsentation ihrer Mode realisieren

können. Für mich sieht es am

Ende wie eine Werbeveranstaltung für

einzelne Partner aus. Und das ist der

falsche Weg.

Trotzdem hast du Berlin als Standort

für deine Agentur gewählt.

Aber aus so vielen anderen Gründen.

Meine Agentur ist hier, weil die Nische

frei war. In Berlin war noch Raum,

um diese Art von Agentur zu etablieren.

Ich bin natürlich aufgrund meiner

internationalen Kunden auch viel

unterwegs, aber Berlin ist die einzige

Stadt, in der ich mir momentan wirklich

vorstellen kann zu leben. Man

entscheidet sich für Berlin. Das macht

auch die Vielfalt und die verschiedenen

Einflüsse aus. Das finde ich toll.

Siehst du Berlin als Modestadt?

Ich sehe Deutschland nicht als

Modeland.

Deutsche Mode – gibt es das

überhaupt?

Es gibt tolle deutsche Designer,

aber die verlassen uns leider früher oder

später. Da sind wir wieder bei dem

Punkt: Man muss jungen Talenten

etwas bieten, damit sie bleiben und wir

endlich eine Mode kultur entwickeln

können.

Warum bist du in Deutschland außer

Konkurrenz?

Weil viele in erster Linie ihr Business

machen, um Geld zu verdienen.

Ich mache es aus Leidenschaft.

Gibt es jemanden in der internationalen

Agenturlandschaft, der

ähnliche Standpunkte vertritt?

Was John Casablancas mit seiner

Agentur Elite geschaffen hat, finde ich

bemerkenswert. Er hat viele der ganz

großen Supermodels rausgebracht.

Casablancas hatte immer seinen eigenen

Kopf, war charakterfest in seinen

Ansichten und hat sich von Kunden

kaum einschüchtern lassen. Durch seine

Person und Strategie hat er den Wert

der Models potenziert. Das finde ich

großartig.

Hörst du nur auf deine eigene

Intention, oder gibt es auch den ein

oder anderen Ratschlag, den du

befolgst?

Meine liebe Ehefrau Rike hat mal zu mir

gesagt: „You always have to have a point

of view.“ Man sollte immer eine gewisse

Überzeugung haben und seine

Ansichten vertreten können. Wenn

„ICH SEHE

MÄNNER NICHT

SEXUALISIERT“

man die nicht hat, kann man alles

vergessen. Rike hat mich ermutigt, mich

mit der Agentur selbstständig zu

machen. Zuerst habe ich viel gezweifelt:

Mache ich das richtig? Kann man davon

leben? Aber sie hatte recht. Es kommen

gute Dinge zu einem, auch wenn man

nicht immer mit dem Strom schwimmt.

Du selbst kleidest dich sehr modisch.

Was ist dein Lieblingskleidungsstück?

Oh Gott, ich habe so viele. Ich besitze

eine regelrechte Sammlung von

schwarzen und weißen Blusen. Und wie

fast jede Frau mag ich Schuhe. Ich

trage im Grunde aber nur Brogues und

Loafer. Meine Hosenmarke trage ich

schon seit Jahren. Immer das eine

Modell, aber in zehn verschiedenen

Ausführungen. Meine Frau lacht schon

darüber. Wenn ich mir etwas Neues

kaufe, ist sie überzeugt, dass es längst im

Schrank hängt. Ich schätze Menschen

mit Stil, mehr als jene, die jeden Trend

mitmachen, ungeachtet, ob er ihnen

steht oder nicht. Ich liebe klassische

Kleidung, mag Qualität und auch den

Akt des Anziehens sehr. Aber mein

Lieblingskleidungsstück? Das kann ich

nicht sagen.

Welches Modelabel ist dein Favorit?

Céline ist mein Ruin (lacht). Ich

finde nur den Hype furchtbar, den

so viele auf einmal um das Label

veranstalten. Für mich machen die

Details der Kollektionen die Kleidung

spannend. Und ich schätze die

hochwertigen Materialen und die

Passform der Sachen. Sie sind wie für

mich gemacht. Ich würde viel mehr

davon kaufen, wenn ich es mir leisten

könnte.

Hast du ein Laster? Von der Mode

mal abgesehen.

Essen. Gesunde Ernährung ist für

mich eine bewusste Entscheidung,

über die ich mir jeden Tag Gedanken

mache. Wenn ich nicht darauf achten

würde, würde ich wahrscheinlich

aussehen wie Alber Elbaz (Lanvin-

Chefdesigner, Anm. d. Red.). Eine

ähnliche Brille habe ich ja schon.

Letzte Frage: Wenn du für einen

Tag ein Mann sein könntest, was

würdest du tun?

Sex. Jemand, der etwas anderes sagt,

lügt (lacht).

32 Werk VI 33


Jeansjacke: American Apparel

Shirt: Schiesser

Shorts: Schmidttakahashi

Schuhe: Nike

Socken: Kappa

Uhr: G-Shock

#WHATCORE?

Ein Trend beschäftigt die Modewelt: Normcore. Nicht mehr experimentell und

individuell, sondern hardcore normal soll es jetzt sein. Doch was ist schon normal?

Eine Strecke mit vermeintlich herkömmlichen Kleidungsstücken

FOTOS MORITZ SCHMID

PRODUKTION J OHA NNA DEMA NT & A L E XANDER V ETTER

M ODEL J ESCO S CHÄFER/VIVA MODEL S

H A ARE & MAKE-UP CLAUDIA RUN G E

F OTOASSISTENZ JANOSCH W EISS

HUHN AGATHE

34 Werk VI 35


Jacke: Julian Zigerli

Hemd: Sissi Goetze

Hose & Bauchtasche: American Apparel

Sonnenbrille: Funk Eyewear

Sweatshirt: Popgold

Hose: Dockers Hose: G-Star Raw

Cap: American Apparel Cap: MCM

T-Shirt & Turnbeutel: Zur Anprobe

Schuhe:

Handtuch:

Birkenstock

American Apparel

Socken: American Socken: Apparel Filippa K

Uhr: G-Shock Schuhe: Adidas

36 Werk VI 37


Hose und Jacke mit integriertem

Rucksack: Julian Zigerli

T-Shirt: Fruit of the Loom

Schuhe: Birkenstock

38 Werk VI 39


Links

Fleecejacke: Uniqlo

Poloshirt: Fred Perry

Rechts

Sweatshirt: Ecko Unltd.

Hose: Sopopular

Cap: Topman

Schuhe: Adidas

Socken: Kappa

40 Werk VI 41


Hose: G-Star Raw

Cap: MCM

T-Shirt & Turnbeutel: Zur Anprobe

Schuhe: Adidas

Socken: Filippa K

Handtuch: American Apparel

42 Werk VI 43


MUTTERS

SÖHNCHEN

Mama ist die Beste. Und weil das so ist, haben

wir uns mit Müttern über ihre Söhne

unterhalten – und dabei erfahren, wie sechs

kleine Jungs zu dem wurden, was sie

heute sind: talentierte und erfolgreiche Künstler

Cyril in seinem

Atelier in Friedrichshain.

Hier entsteht,

was später auf der

Straße zu sehen ist

INTERVIEWS: MATHILDA KALISZCZYK

FOTOS: ALEXANDER JEDERMANN

1985: Cyril auf dem

Schoß seiner Mutter

Brigitte, mit Oma Gilda

CYRIL VOUILLOZ aka Rylsee kommt ursprünglich

aus Genf, lebt allerdings seit 2012 in Berlin.

Der 29-jährige Künstler arbeitet hauptsächlich mit

Typographie und Wandmalerei. Street Art ist

seine Leidenschaft. Seine Arbeiten wurden international

ausgestellt – u.a. in Frankreich, den USA,

England und Brasilien. Momentan arbeitet er im

Urban Spree, einem Zentrum für urbane Kunst

und Kultur in Berlin. Seine Mutter Brigitte Vouilloz

(61) wusste im Gegensatz zu ihrem Sohn schon

immer, dass er nur eins werden kann: Künstler.

Frau Vouilloz, was für ein Kind war

Cyril?

Er war der absolute Anführer.

Den Kopf immer voller Ideen und

ständig unterwegs.

Der Held seiner Kindheit war?

Raphael von den Ninja Turtles.

Hat er sich damals schon für

Kunst interessiert?

Nicht direkt für Kunst, aber für

Zeichnungen jeglicher Art.

Vor allem von Buchstaben war er

begeistert. Mit ungefähr zehn Jahren

kam dann die Street Art dazu.

Welchen Berufswunsch hatte

Cyril als Kind?

Zeichner.

War er früher ein illegaler Sprayer?

Gab es zu Hause Ärger deswegen?

Ja, war er. Illegal ist immer besser,

wegen dem Adrenalin! Ärger gab es

deswegen eigentlich nicht.

Ich wollte einfach nichts davon wissen.

Das einzige, was ich ihm strengstens

verboten habe, war, alte Züge und

Waggons zu besprühen.

Das war zu gefährlich wegen der

Elektrizität. Ich habe den Kindern auch

immer gesagt: Ich hole euch auf jeden

Fall NICHT von der Polizeistation ab.

Ihr müsst gar nicht erst anrufen!

Ob das etwas gebracht hat, weiß ich

nicht genau.

Womit hat Cyril Sie in den

Wahnsinn getrieben?

Eigentlich hat er das nie gemacht. Er

sagte immer nur „Ja, Mama“.

Aber im Endeffekt hat er doch nur das

getan, was er wollte.

Was war das Verrückteste, was Ihr

Sohn jemals gemacht hat?

Das Schlimmste war für mich, als er

sich betrunken mit einer erhitzten

Büroklammer eine „12“ aufs

Bein gebrannt hat! Danach hatte

er beinahe eine Blutvergiftung.

Wie finden Sie seine Arbeiten?

Die werden immer besser und sind so

verschieden! Cyril kann alles machen.

Haben Sie in Ihrer Wohnung Kunst

von Ihrem Sohn?

Ja, ich hatte schon immer sehr viele

Zeichnungen von ihm zu Hause

hängen.

Sind Sie zufrieden mit seiner

Berufswahl?

Schon als er 15 Jahre alt war, wollte ich,

dass er auf die Kunstschule geht. Aber

Cyril wollte nichts davon wissen.

Er fing eine Ausbildung in einem

Skater-Shop an, zeichnete aber

nebenher immer weiter. Eines Tages

hat er sich dann doch dazu entschieden,

Künstler zu werden. Und ich bin

sehr glücklich darüber.

Seine größte Schwäche/Stärke?

Cyril möchte immer alles auf einmal

machen. Wenn er arbeitet, verliert er

jegliches Zeitgefühl. Seine Stärken sind,

dass er sehr ernsthaft, präzise und

ruhig arbeitet. Er ist sehr geduldig.

Gibt es eine Anekdote vom

kleinen Cyril?

Wenn wir früher in ein Restaurant

gegangen sind und Cyril gelangweilt

oder zu laut war, habe ich ihm immer

ein Blatt Papier und einen Stift

gegeben, dann war er stundenlang

ruhig. Das ist heute immer noch so.

Was wünschen Sie sich am meisten

für Ihren Sohn?

Dass er glücklich ist und immer so viel

Spaß an seiner Arbeit hat. Und dass er

bekannt wird. Weltweit!

44 Werk VI 45


VLADIMIR KARALEEV stammt aus Sofia, der

Hauptstadt Bulgariens. Mit 19 Jahren kam er nach

Berlin, um Modedesigner zu werden. Seit 2006

leitet er erfolgreich sein gleichnamiges Label. Seine

Entwürfe sind avantgardistisch, die Schnittführung

experimentell. Seine Mutter Snejana Karaleev (58)

erkannte sein großes Talent schon sehr früh und

erklärt uns, warum Bulgarien nicht der richtige Ort

für die Karriere ihres Sohnes gewesen wäre.

1988: Oliver mit

seiner Mutter Evelyn

in Gibraltar …

… und 2014 in

seiner eigenen

Galerie in der

Rosenthaler

Straße 66

1987: Vladimir an

seinem 6. Geburtstag

mit Mutter Snejana

OLIVER RATH (36) lebt und arbeitet

in Berlin. Der gebürtige Heidelberger

begann seine Karriere mit

Porno-Rap, versuchte sich zwischendurch

als Piercer und landete

schlielich bei der Fotografie.

Heute zählt er zu den erfolgreichsten

Foto-Bloggern Deutschlands.

Mutti Evelyn Kramer (68) ist

stolz – auch wenn die meisten

Modelle ihres Sohnes nackt vor der

Kamera posieren.

In Vladimirs Atelier

entsteht gerade die

Sommerkollektion

2015

Frau Kramer, was für ein Kind

war Oliver: Einzelgänger oder

Klassenclown?

Ein Einzelgänger.

War er ein Muttersöhnchen?

Nein.

Was hat ihn Ihrer Meinung nach am

glücklichsten gemacht als Kind?

Kreativ und wild zu sein.

Wer war der Held seiner Kindheit?

Mein Vater, sein Opa, den er

aber nie kennengelernt hat. Die

tollen Geschichten, die er von uns

über ihn erzählt bekam, haben

Oliver total fasziniert. Mein Vater

war Komponist, sehr beliebt

und umschwärmt von vielen Frauen.

Welche Eigenschaft hat Oliver

definitiv von Ihnen?

Seine charmante Art.

Seine größte Schwäche/Stärke?

Er ist kein guter Verlierer und

kann sehr aufbrausend sein.

Das Kreative ist seine Stärke –

und dass er nicht nachtragend ist.

Sein Berufswunsch als Kind?

Musiker.

Waren Sie zufrieden mit seiner

Entscheidung, Fotograf zu werden

oder hatten Sie Bedenken?

Nein, ich hatte überhaupt keine

Bedenken und habe mich sehr darüber

gefreut. Mein Vater hat auch

sehr gern fotografiert.

Womit hat Oliver Sie in die Verzweiflung

getrieben?

Mit seinem Eigensinn. Er hat immer

gemacht, was er wollte. Vor allem

sein erstes Tattoo gefiel mir überhaupt

nicht.

Womit hat er Sie stolz gemacht?

Er hat immer alles geschafft,

was er sich vorgenommen hat, und

immer alles selbst in die Hand

genommen. Und natürlich bin ich

stolz darauf, dass er mit dem,

was er tut, erfolgreich ist.

Können Sie sich erklären, woher er die

Vorliebe für Nacktaufnahmen hat?

Das habe ich mich auch schon gefragt.

Hängt bei Ihnen Zuhause

Oliver-Rath-Fotografie?

Ja, natürlich.

Was war für Sie persönlich der

aufregendste Augenblick in Olivers

Karrierelaufbahn?

Als er – noch als Rapper – zum

„New Pop Artist of the Year“

vom SWR3 gekürt wurde. Da durften

wir in dem tollen Parkhotel in Baden-Baden

übernachten und auf dem

Festivalgelände wurden auf großen

Leinwänden Interviews

mit ihm gezeigt – das war einfach toll.

Besuchen Sie ihn manchmal in Berlin?

Ja, öfter sogar. Dann gehen wir

ins Nikolaiviertel und zum

Gendarmenmarkt oder durch den

Prenzlauer Berg.

Was wünschen Sie sich am meisten für

Ihren Sohn?

Gesundheit, weiterhin Erfolg, weniger

Stress. Dass er immer machen kann,

was er möchte und sich kreativ

weiterentwickeln kann.

Frau Karaleev, was für ein Kind war

Vladimir?

Ein Klassenclown.

Wer war der Held seiner Kindheit?

Der König der Löwen.

Was hat ihn am glücklichsten

gemacht als Kind?

Das Malen und das Zeichnen.

Dann stand sein Berufswunsch

wahrscheinlich schon früh fest?

Ja. Er wollte immer Modedesigner

werden und hat ständig Modeskizzen

gezeichnet.

Waren Sie damit zufrieden oder

haben Sie sich einen anderen Beruf

für ihn gewünscht?

Nein, habe ich nicht. Er hat schon

als Kind angedeutet, dass er etwas mit

Mode zu tun haben wird. Ich wusste,

dass ihm genau das am meisten

Spaß bereitet.

Was hat Vladimir gern getragen?

Und wann fing er an, seine Sachen

selbst auszusuchen?

Schon als Kind hat er seine Kleidung

selbst ausgesucht. Später hat er die

Sachen so umgeändert, dass sie noch

cooler aussahen. Er wollte nie

spießig und immer etwas verrückter

als die anderen aussehen.

Woher kam diese

Modebegeisterung?

Er war damals viel mit meiner

jüngeren Schwester unterwegs. Sie

war sehr modebewusst und hat

viel selbst genäht, auch für ihn. Ich

glaube, das hat ihn sehr beeinflusst.

Und wie viel Einfluss seiner Heimat

Bulgarien sehen Sie in der Mode

Ihres Sohnes?

Ich denke, er wollte sich immer vom

konservativen Geschmack in Bulgarien

abheben. In seiner Mode sehe ich die

Sehnsucht nach Freiheit. Er wollte

einfach alles anders machen, als es hier

gewünscht ist.

Womit hat er Sie am meisten stolz

gemacht?

Als ich zum ersten Mal zu seiner

Show nach Berlin kam und er sich am

Ende verbeugt hat, war ich so

stolz, dass ich seine Mutter bin!

Tragen Sie Vladimir Karaleev?

Mit großem Stolz und dem größten

Vergnügen!

Seine größte Schwäche?

Er mag keine Deadlines, manchmal ist

er sehr chaotisch und macht immer, was

er will. Egal, was ich sage.

Welche Eigenschaft hat er definitiv

von Ihnen?

Seinen Humor und sein Gefühl für

Verantwortung, denke ich.

Das schönste Geschenk, das Sie von

Vladimir bekommen haben?

Das erste Kleid, das er speziell für mich

genäht hat. Ich habe mich so besonders

gefühlt.

Was wünschen Sie sich am meisten

für Ihren Sohn?

Dass er sehr glücklich in seinem Leben

wird.

46 Werk VI 47


MARCEL DETTMANN (36) ist ein Berliner DJ und Produzent,

der regelmig im Berghain auegt und auf dem Label

Ostgut Ton veröffentlicht. Kompromissloser Techno –

so könnte man seinen Stil benennen. Dafür hat er sich mit

seinem eigenen Label MDR eine weitere Plattform

geschaffen. Seine Mama Martina Dettmann (59) lebt im

brandenburgischen Fürstenwalde. Sie würde ihren

Sohn gern mal an den Turntables im Berghain besuchen.

Hien mag es

ordentlich und

diszipliniert – das

sieht man auch

seiner Mode an

1980: Hien auf

dem Arm seiner

Mutter Thi, mit

Vater und Bruder

in Laos

1978: Der kleine

Marcel auf dem

Arm seiner Mutter

Martina

Marcel in seiner

Wohnung im

Prenzlauer Berg.

Hier lebt er mit Frau

und Kind

Frau Dettmann, wie war Marcel als

Kind?

Sehr gesellig. Er hatte immer gern

Leute um sich und hat viel

mit Freunden unternommen.

Wo hat er sich denn so

rumgetrieben?

Er hat mit den anderen Kindern

in den Wäldern Cowboy und Indianer

gespielt – sein Held war Old

Shatterhand. Später ist er Skateboard

gefahren und hat sehr viel Sport

getrieben, wie z. B. Fußball und dann

Judo – da war er dann sogar

auch einmal DDR-Meister, glaube ich.

Womit hat er Sie zur Verzweiflung

getrieben?

Er wollte immer nur das machen, was

ihm Spaß macht. Nach der Schule

hat er eine Ausbildung nach der

anderen angefangen und wieder

abgebrochen. Später hatte er dann

einen kleinen Schallplattenhandel, den

er von unserem Haus aus betrieben

hat. Ständig waren Leute da … und es

wurde so viel geraucht,

das fand ich schrecklich. Ich bin

Nichtraucherin.

Womit hat er Sie stolz gemacht?

Mit seiner kleinen Familie: seiner

tollen Ehefrau und vor allen Dingen

meinem kleinen Enkelkind.

Was wollte er als Kind werden?

Soweit ich mich entsinnen kann, wollte

er im Kindergarten Bäcker werden,

weil er sehr gern Kuchen gegessen hat.

Als er allerdings herausfand, dass er

dann sehr früh aufstehen muss, hat er

schnell das Interesse verloren. Und

später im Schulalter wollte er am

liebsten immer nur Sport machen – bis

die Musik und die Mädchen kamen.

Was halten Sie von seinem heutigen

Beruf?

Hauptsache, er ist gesund und

glücklich und macht das, was ihn

erfüllt. Ich könnte mir ihn heute

definitiv in keinem anderen Beruf

mehr vorstellen, er macht seinen Job

zu 100 Prozent!

Waren Sie schon mal im Berghain?

Nein, bisher leider noch nicht. Aber

ich würde natürlich sehr gerne

mal hingehen. Vielleicht nimmt

Marcel mich eines Tages ja mal mit.

Techno ist für Sie ...

... eine moderne, sehr interessante Art

von Musik.

Was für Musik hörte Marcel als

Teenager?

Ich weiß, dass seine Lieblingsband

Depeche Mode war. Dementsprechend

sah er zu der Zeit auch aus.

In der Technoszene werden ja

bekanntlich viele Drogen konsumiert.

Hatten Sie damit Probleme?

Ich kann mich nur noch daran

erinnern, dass eines Tages meine

elektrische Kaffeemühle

verschwunden ist. Die ist auch nie

wieder aufgetaucht. Heute kann

ich mir denken, warum …

Frau Le, was für ein Kind war Hien?

Er war schon eher ruhig, hatte aber viele

Freunde und war, soweit ich mich

erinnern kann, auch ziemlich beliebt.

Was hat ihn Ihrer Meinung nach

damals am glücklichsten gemacht?

Die Fischboulette in der Markthalle,

nachdem ich ihn von der

Schule abgeholt habe.

Hatte er damals schon einen

Berufswunsch?

Als Kind wollte er immer hungernden

Kindern helfen. Deshalb dachte

ich, er wird mal etwas im sozialen

Bereich machen oder Arzt

werden. Aber das Interesse für Mode

war recht früh da.

Wie hat sich das gezeigt?

Ich habe das nur bemerkt, weil sich die

Modezeitschriften zu Hause immer

höher gestapelt haben und Hien im

Fernsehen alles verfolgt hat,

was mit Mode zu tun hatte. Aber als

er dann nach der Schule anfing,

für seine kleine Schwester Sachen zu

nähen, war alles klar.

Waren Sie zufrieden mit seiner

Entscheidung, Designer zu werden?

Sein Großvater war Schneidermeister

in Laos. Er war besonders stolz,

dass Hien als erster seiner zahlreichen

Enkel in seine Fußstapfen tritt.

Wir hatten nie Bedenken, Hien wusste

ziemlich früh, was er wollte und ist

seinen Weg gegangen. Wir sind

zufrieden, dass er die Schule beendet

hat und seine Ziele verfolgt.

Wie viel laotischen Einfluss sehen Sie

in der Mode Ihres Sohnes?

Ich kenne mich mit Mode nicht so

aus. Ich würde aber nicht sagen,

dass wir seine Mode beeinflussen.

Soweit ich mich erinnern kann, hatte

er sich mal für eine Kollektion von

alten Bildern von uns inspirieren

lassen. Ich glaube aber nicht, dass ihn

Laos in Sachen Mode wirklich

beeinflusst.

Tragen Sie Hien Le?

Mein Mann und ich tragen

auch seine Sachen. Aber nur das,

was er uns gibt.

HIEN LE (35) gehört seit 2010 zu

den meistbeachteten Designern in

Berlin. Seine Mode steht für puren

Minimalismus und Qualität. Le ist

in Laos geboren, wuchs jedoch in

Berlin-Kreuzberg auf. Seine Mutter

Thi Lee Le hat zwar mit Mode nichts

am Hut, ist aber dennoch sehr stolz

auf ihren Sohn, den sie am liebsten

für immer zu Hause behalten hätte.

Was hat er von Ihnen mit auf den

Weg bekommen, als er das Elternhaus

verließ?

Nur, dass wir es schöner gefunden

hätten, wenn er bei uns geblieben

wäre. Bei uns geht es ihm gut und er

muss sich um nichts kümmern.

Aber wir hatten Verständnis, dass er

selbstständig werden und sein

eigenes Leben führen wollte. Deshalb

gab es keinen Rat, aber viele

Gegenstände, unter anderem natürlich

einen Reiskocher.

Was war für Sie persönlich der

aufregendste Augenblick in Hiens

Karriere?

Der Tag seines Diploms an der

Hochschule für Technik und

Wirtschaft. Das war sehr aufregend

für uns. Und natürlich seine

erste große Show auf der Berlin

Fashion Week.

Was wünschen Sie sich am meisten

für Ihren Sohn?

Natürlich Gesundheit und die ewige

Freude an dem, was er tut.

48 Werk VI 49


TRYSTAN PÜTTER (33) lebt und arbeitet seit 2007 in Berlin.

An der Volksbühne spielt der Schauspieler regelmäßig

für Regisseure wie Frank Castorf oder René Pollesch. Auf

der Kinoleinwand wird er demnächst in Christian Petzolds

„Phoenix“ zu sehen sein. Aktuell dreht er mit der Regisseurin

Maren Ade („Alle Anderen“). Trystans Mutter Meinir

Davies lebt in Kalifornien und hat uns von der Westküste

der USA aus mehr über ihren Sohn verraten.

1981: Baby Trystan

mit seiner Mutter

Meinir

Ab Herbst 2014

ist Trystan

wieder an der

Berliner Volksbühne

zu sehen

Was für ein Kind war Trystan:

Einzelgänger oder Klassenclown?

Meinir Davies: Er war der absolute

Klassenclown. Witzig, schlagfertig,

voller Energie.

Was waren seine Hobbys?

Er hat gern gesungen. Mit 13 hat

er sich selbst Unterricht organisiert.

Und er ist mit dem Fahrrad von

Boston nach San Francisco

gefahren – das hat drei Monate

gedauert. Da war er 14 Jahre alt.

Gab es einen Helden in seiner

Kindheit?

Michael Jackson.

Was wollte er werden, wenn

er groß ist?

Wir haben wenig über die Zukunft

gesprochen, Berufe oder so

etwas – es ging darum, ein glückliches

Jetzt zu erleben.

Konnte man schon als Kind den

Schauspieler in ihm erkennen?

Oh ja, absolut! Er konnte andere Leute

nachmachen und damit alle

zum Lachen bringen. Er hat sich einen

russischen Akzent beigebracht –

so gut, dass man hätte glauben können,

er spreche fließend Russisch.

Auch Karel Gott mit seinem Biene-

Maja-Lied konnte er so gut imitieren,

dass wir uns kaputtgelacht haben.

Wie kam er zur Schauspielerei?

Mit Theateraufführungen in der

8. und dann in der 12. Klasse. An einer

Waldorfschule hat es

angefangen. Er war kein besonders

engagierter Schüler, aber auf

der Bühne hat er sich frei gefühlt. Später

hat er in Wiesbaden im Jugendclubtheater

gespielt. Nichts war ihm zu viel

der Mühe, um an sein Ziel zu kommen.

Seine Ausdauer ist unglaublich.

Welcher ist Ihr Lieblingsfilm, in dem

Ihr Sohn mitgespielt hat?

„Hilde“, weil ich ihn da zum ersten Mal

auf der großen Leinwand

gesehen habe. Ich mochte ihn in

der Rolle des Kurt Hirsch sehr.

Trystan spielt Theater, dreht Kinofilme

und Fernsehproduktionen.

Wo sehen Sie ihn am liebsten?

Ich liebe es, ihn auf der Bühne zu sehen.

Ich finde es toll, dass er keine

Kompromisse macht und ich ihn immer

in Stücken sehe, die inhaltlich

herausfordernd und wichtig sind.

Sie kommen ursprünglich aus Wales.

Hat auch Trystan etwas typisch

Walisisches an sich?

Das Lyrische, das Poetische … Seine

Stimme ist eine walisische, finde ich.

Seine größte Stärke/Schwäche?

Seine größte Stärke ist seine Präsenz – er

ist wirklich da, wenn man mit ihm

spricht. Er hat die Fähigkeit, über sich

nachzudenken und Dinge zu ändern,

falls er glaubt, dass das nötig ist. Seine

größte Schwäche ist, dass er nicht

immer weiß, was er kann.

Was wünschen Sie sich am meisten für

Ihren Sohn?

Ich wünsche mir für ihn natürlich,

wie jede Mutter, dass er seine Version

von Glück lebt. Dass er versteht,

dass es seine Pflicht ist, glücklich zu

sein und dass er sich als voll und

vollkommen wertvoll erlebt.

50 Werk VI 51


„RÜSCHEN SIND

DAS KOKAIN DER

WEIBLICHKEIT“

Was macht einen Mann männlich? Und was ändert sich, wenn er

gern Frauenkleider trägt? Eine Begegnung mit dem

britischen Künstler Grayson Perry in seinem Londoner Studio

INTERVIEW: LEONIE V O L K

FOTOS: ANDRE T ITCOMB E

Ein Mann mit Stil: Grayson

Perry ist eine der schillerndsten

Persönlichkeiten in der zeitgenössischen

Kunstszene

Grayson Perry betritt

im geblümten

Kimono den Raum.

Seine Augenbrauen sind grell nachgezeichnet,

die Wangen rot bemalt.

Wenn er spricht, hallt eine tiefe

Männerstimme durch den Raum.

Eine paradoxe Erscheinung, die jeden

sofort in ihren Bann schlägt. Auch

Prince Charles muss es so gegangen

sein, als er Perry in diesem Jahr zum

„Commander of the Most Excellent

Order of the British Empire“ ernannte

und so für seine Verdienste um die

Kunst ehrte. Perry gehört zu Englands

bekannt esten zeit ge nössischen

Künstlern. In der Presse wird er der

Transvestiten-Töpfer genannt. Er

lebt mit Frau und Kind im Londoner

Stadtteil Islington. 2003 erhielt er

für seine bemalten Keramikvasen den

begehrten Turner-Kunstpreis. Perrys

Werke haben oft autobiographische

Züge und beschäftigen sich mit

Geschlechter rollen, Sexualität, Klasse

und Religion. Der Künstler tritt

meinungsstark für die Emanzipation

des Mannes ein. Dazu gehört für ihn

das Recht, Schwäche zeigen zu dürfen.

Maskulinität wird oft mit Stärke,

Härte und Aggression gleichgesetzt.

Warum ist das so?

Streng genommen ist alles, was ein

Mann tut, maskulin. Maskulinität ist

männliches Verhalten. Aber wenn

ein Mann ein Kleid trägt, ist das

dann maskulin? Das ist die eigentliche

Frage. Einige moderne Feministen

halten Aggression und Gewalt

nicht zwangsläufig für maskulin,

Männer weisen nur derartiges Verhalten

häufiger auf als Frauen. Sie

begehen die meisten Gewalttaten und

Ver brechen, sind eher korrupt und

eher rassistisch.

52 Werk VI 53


Und diese Tendenzen sind Ihrer

Meinung nach veranlagt?

Männer sind körperlich stärker. Sie

sind anders gebaut und ihnen wird

von Geburt an beigebracht, dass

sie der Vorstellung von Männlichkeit

zu entsprechen haben.

Welchen Einfluss hat die Emanzipation

der Frau auf das gesellschaftliche

Bild des Mannes?

Die Emanzipation der Frau hat einen

großen Einfluss, weil Männer nicht

länger eine Monopolstellung haben.

Bis zu einem gewissen Grad ist die

westliche Welt heute eine Frauen -

welt. Im Westen haben Frauen am

Arbeitsplatz viele Vorteile. Ihre

natürlichen Talente, wie emotionale

Intelligenz, ihre Team- und Kommunikations

fähigkeiten sind in der

modernen Arbeitswelt gefragt. In

Amerika dominieren Frauen in zwischen

den Arbeitsmarkt. Und diese Entwicklung

wird fortschreiten, weil Menschen

in allen Branchen erkennen, dass

Frauen besser sind.

Wie sieht der ideale moderne Mann

aus? Was macht ihn dazu?

Über Ideale sollte man sich keine

Gedanken machen. Das bringt nur

Ärger. Ein historischer Landsmann

von Ihnen hatte jedenfalls eine

Vorstellung davon, wie der ideale

Mann auszusehen habe (lacht).

Sie meinen Hitlers Schönheitsideal

vom blonden arischen Hünen …

doch lassen wir extremistische

Ideologien mal außen vor. Sie haben

eine Tochter in meinem Alter,

was wäre der ideale Mann für sie?

Er sollte sie glücklich machen.

Das ist aber sehr vage formuliert.

Vielleicht sucht sie nach einem

unbelehrbaren Neandertaler,

aber das bezweifle ich. Es gibt kein

Rezept für den perfekten Mann.

In welche Richtung sollte sich

„der Mann von heute“ aus Ihrer

Sicht entwickeln?

Männer sollten sich den Anforderungen

der Zeit stellen; sie müssen sich

verändern, weil die Welt sich verändert.

Das ist aber ein Luxus problem

des Westens – der Minderheit der

Weltbevölkerung. Die meisten

Männer leben in Entwicklungsländern

Bemalte Vasen

sind typisch für

Grayson Perrys

Werk. Vorder- und

Rückansicht von

„The Rosetta Vase“

(2011)

und befassen sich mit den Problemen

und Traditionen der dortigen

Gesellschaften. Das sind oft Probleme,

die wir bei uns schon seit hunderten

von Jahren aus dem Weg geräumt

haben.

Kann man also gar nicht von DEM

globalisierten Mann sprechen?

Es besteht da ein Konflikt zwischen der

westlichen Welt, die sehr tolerant und

liberal ist, auch gegenüber Schwulen

etwa, und den Entwicklungs ländern, die

intoleranter und konservativer ticken.

Allerdings begünstigen die modernen

Kommunikationsmittel und Medien ein

Umdenken. Wir wissen, was in anderen

Ländern vor sich geht. Ein schwuler

Mann in Uganda oder Nigeria hat im

Internet Zugang zu Videos, die zeigen,

wie Schwule in Deutschland und

Großbritannien leben.

In einigen Dingen scheint das

männ liche Geschlecht weltweit

nachzuhängen, zum Beispiel in

Sachen emotionale Intelligenz.

Bei emotionaler Intelligenz geht es um

Empathie. Man muss sich in die Gefühle

einer anderen Person hineinversetzen

können, um Sympathie und Empathie

zu entwickeln. Männer werden aber zur

Stärke erzogen. Sie lernen, ihre eigenen

Gefühle zu ignorieren, also sind sie auch

für die Emotionen anderer weniger

empfänglich. Solche Strukturen zu

verändern, dauert sehr lange. Wie

gesagt: Es ist einfacher, in Islington über

solche Themen zu diskutieren als in

Pakistan. In England gehen junge

Männer auf Privatschulen und danach

machen sie einen Abschluss in Kunstgeschichte

oder Soziologie. Bauarbeiter in

Pakistan haben solche Entfaltungsmöglichkeiten

nicht.

Welche Rolle spielt die Gleichberechtigung

der Geschlechter in einer

modernen Beziehung?

Ich habe einen interessanten Artikel

gelesen: Wissenschaftler haben

herausgefunden, dass gleichberechtigt

lebende Ehepartner weniger Sex

haben.

Können Sie sich das erklären?

Das könnte daran liegen, dass die

Paare geschlaucht von ihrem Alltag

sind. Sie teilen sich die Kinderbetreuung,

haben zwei Jobs. Einmal

FOTOS: CO U RTESY THE ARTIST A ND V ICTORIA MIRO, LONDON © GRAYSON P ERRY

„Map of Truths and

Beliefs“ (2011): Diesen

Wandteppich ließ Grayson

Perry nach einer digitalen

Vorlage in Belgien weben

habe ich ein Publikum dazu befragt,

ob sie Sexfantasien hätten, in denen

die Gleichberechtigung der

Geschlechter eine tragende Rolle

spielt.

Wie sahen die Antworten aus?

Keiner der 1.500 Menschen im Saal

hat die Hand gehoben. Stattdessen

fantasiert man, am Arbeitsplatz vom

Chef verführt zu werden oder wie

man die Sekretärin verführt. Das

Macht gefälle zwischen den Geschlechtern

wirkt erregend. Die männliche

Sexualität ist so ausgelegt, dass sie

nach Unterschieden sucht. Sie fühlt sich

von Gegensätzen angezogen. Vielleicht

spielt gerade dieses Machtungleichgewicht

eine ent scheidende Rolle für die

sexuelle Anziehungskraft. Das heißt,

sobald man gleichberechtigt ist, wird

das Verlangen schwächer. Außerdem

gehört zu einer glücklichen Ehe viel

mehr als guter Sex. Ich denke, viele

Menschen haben dieses Traumszenario

im Kopf, dass in einer glücklichen

Ehe der Sex überragend sein muss.

Das stimmt aber nicht immer.

Warum denken Sie, wird die Frauenmode

von Männern bestimmt?

Männer dominieren alles, nicht wahr?

(lacht) Das kann man historisch

zurückverfolgen. Generationen über

Generationen von Männern wurden in

ihrem Selbstbewusstsein und ihrem

Verhalten bestärkt. Frauen hingegen

wird eingetrichtert, dass sie weniger

wert sind, und so bleibt das System

bestehen.

„MÄNNER WOLLEN

LETZTENDLICH DIE ROLLE

DES ENTSCHEIDERS

EINNEHMEN UND

NICHT DIE DES

BESTIMMTEN“

Die Männermode hat sich über die

Jahrzehnte kaum verändert.

Exzentrische Trends sind die Ausnahme.

Stabilisiert das Design die

Machtposition des Mannes?

Männer haben nie wirklich die

Chance ergriffen, Paradiesvögel zu

sein. Sie wollen nicht angestarrt

werden. In Kleiderfragen haben

Frauen weitaus mehr Spielraum.

Wenn man sich so kleidet wie ich,

sind die Blicke nicht unbedingt

angenehm. Männer wollen letztendlich

die Rolle des Entscheiders und

nicht des Bestimmten einnehmen.

Wie meinen Sie das?

Männer schauen und Frauen werden

angeschaut. Was ist das typischste

Männeroutfit? Wahrscheinlich ein

grauer Anzug. Der ist langweilig, aber

warum wird der graue Anzug von

Männern getragen? Weil sie damit

nicht zum Objekt werden, weil sie so

keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Ihre Aufgabe ist es, sich umzuschauen.

Umso männlicher man ist, desto

unscheinbarer tritt man auf.

Umso unscheinbarer man ist, desto

mehr Macht besitzt man in der Rolle

des Betrachters. Es ist wie im

Wachturm eines Gefängnisses. Von

dort aus beobachtet man die anderen:

Schwarze, Schwule, Frauen.

Wie stehen Sie zu Modemachern wie

J.W. Anderson, die Männer in

Kleider und Röcke stecken?

Alle Jahre wieder greifen Modedesigner

dieses Thema auf. Es wird aber lange

dauern, unseren Sinn für Schönheit zu

verändern, gerade weil die meisten

Leute Männer in Röcken und Kleidern

nicht attraktiv finden. Vertrautheit ist

entscheidend für unser ästhetisches

Empfinden. In Ländern wie Thailand

gehören Röcke an Männern zum

Stadtbild. Weil es dort normal ist,

finden es die Menschen attraktiv.

Also steht es in Europa schlecht um

den Männerrock?

Röcke an Männern werden sich nur

durchsetzen, wenn Männer zulassen,

angeschaut zu werden – und daran

54 Werk VI 55


Wenn Grayson Perry

als Frau auftritt, will er

provozieren und auch

seinen Fetisch ausleben

glaube ich nicht. Ich ziehe mich

normalerweise auch nicht so zur Arbeit

an. Ich genieße es, ein Kerl zu sein,

der anonym herumläuft. Ich meine,

ich weiß, was es bedeutet, angestarrt

zu werden. Manchmal ist das ganz nett,

aber ich kann auch darauf verzichten.

Wann tragen Sie Frauenkleidung?

Normalerweise mache ich das

zwei-, dreimal die Woche. Heute trage

ich ein Kostüm, weil ich am Vormittag

Central-Saint-Martins-Studenten

unterrichtet habe. Sie designen

ein Kleid für mich und ich wollte

ihnen zeigen, was mir gefällt. Sonst

putze ich mich heraus, wenn es

andere auch tun. Also zu Veranstaltungen,

zum Brunch, zu Ausstellungen.

Wenn ich in ein Restaurant

gehe vielleicht auch.

Hat das Cross Dressing eine therapeutische

Wirkung auf Sie?

Es ist eine Freizeitaktivität. Ich finde

es sexy. Ich bin ein Fetischist, es

macht mich an. Wenn das eine

therapeutische Wirkung hat, bin ich

damit einverstanden.

Wie kamen Sie dazu, Frauen kleidung

auszuprobieren?

Ich hatte eine Fantasie, dass die

Wächter eines Kriegsgefangenenlagers

die Insassen zwingen, Kleider zu

tragen. Ihr Ziel war es, die Häftlinge

zu erniedrigen. Die Vorstellung hat

mich angetörnt und ich dachte, ich

probiere es mal aus. Also habe ich mir

von meiner Schwester Kleider geborgt.

Mit zwölf habe ich damit angefangen,

mit 15 habe ich mich in die Öffentlichkeit

getraut. Die Leute konnten

sich vermutlich denken, dass ich keine

Frau bin. Ich war nicht besonders gut

darin, mich zu verkleiden.

Hatten Sie Angst vor den

Reaktionen?

Ja, aber das ist ja Teil des ganzen

Spaßes. Wir machen Dinge, die uns

Angst machen. Es ist aufregend.

Ihre Kostüme haben sich über die

Jahre stark verändert.

Angefangen habe ich wie die meisten

Transvestiten. Ich wollte so aussehen

wie eine Frau. Diese Phase hat 25 Jahre

angehalten. Je älter und selbst bewusster

ich wurde, desto mehr probierte ich aus.

Ich habe eine Latexphase durchgemacht,

Fetisch-Looks getragen. Anfang

der 2000er hatte ich keine Lust mehr

darauf. Ich begann, mich wie eine

Hausfrau zu kleiden. Niemand schaute

mir nach. Es verlor seinen Reiz. Am

Klein mädchen-Look bin ich hängengeblieben.

Ein Mädchen kleid mit

Rüschen ist das femininste Kleid, das es

gibt. Deshalb finden viele Kerle diese

Kleider toll. Sie sind das Kokain

der Weiblichkeit.

„MAN KÖNNTE

DEN EUROVISION

SONG CONTEST

AUCH ALS

DAS SCHWULE

WEIHNACHTEN

BEZEICHNEN“

Was reizt Sie im Speziellen am

Kleinmädchen-Look?

Er ist mir peinlich. Beschämt zu sein,

die Demütigung, das reizt mich. Das ist

ganz typisch für einen Fetischisten.

Wo liegen die Wurzeln dieses Cross

Dressings?

Man kann das alles auf eine schwere

Kindheit zurückführen. Ich wurde

nicht als Transvestit geboren. Man

hat möglicherweise eine Veranlagung

zur Feinfühligkeit, aber ich glaube

nicht, dass man auf die Welt kommt

in der Hoffnung, einen BH zu tragen.

Die große Stärke der menschlichen

Psyche ist es, der Demütigung,

die man als Kind erlebt hat, durch

Sexualität eine positive Wendung zu

geben.

Durch Ihre Kostüme möchten Sie

liebenswürdig erscheinen.

Das wäre eine rationale Erklärung.

Der Transvestit und Euro vision-

Song-Contest-Gewinner Conchita

Wurst …

(unterbricht) Ist er ein Transvestit oder

eine Dragqueen? Das ist ein großer

Unterschied! Dragqueens sind meist

schwul und ihr Auftreten ist satirisch.

Viele wissen nicht, dass Transvestiten

meist heterosexuell sind. Ich halte

Conchita für eine schwule Dragqueen.

Wäre er ein Transvestit, würde er

keinen Bart tragen. Transvestiten

wollen wie eine Frau aussehen.

Transsexuell kann er demnach auch

nicht sein, denn das erste, was man tut,

wenn man wie eine Frau aussehen

möchte, ist es, sich den Bart

abzurasieren.

Was bedeutet Conchitas Sieg für

Europa?

Europa akzeptiert die Schwulen und

Transsexuellen. Man könnte den ESC

auch als das schwule Weihnachten

bezeichnen, oder? Conchita ist ein

leichtverständliches Symbol, gerade

jetzt, wo Schwulenfeindlichkeit

weltweit diskutiert wird. Er hält die

Flagge hoch: Wir kämpfen gegen

Russland. Er ist aber keine anspruchsvolle

zeitgeschichtliche Figur oder

kulturell von Bedeutung. Mit dem Bart

nutzt er ein leicht veraltetes Bild. Ein

Mann mit Bart in einem Kleid, das gab

es schon tausendmal.

Wie erklären Sie sich den aktuellen

Hype um den Bart?

Der Männerbart hatte ein großes

Revival, vor ein paar Jahren war er das

Symbol männlicher Authentizität in

einer Welt, in der Marken an

Bedeutung verloren hatten. Der

Mittel klasse-Hipster wollte etwas, das

als authentisch gilt und wählte den

Bart. Ich habe aber das Gefühl,

Conchita Wurst hat das Schicksal des

Bartes besiegelt.

Wird so die bärtige Frau zum

Inbegriff der Krise des Mannes?

Zumindest kann sie ein Spiegel der

veränderten Rolle des Mannes sein.

Heute wird der Mann nicht mehr so

stark darüber definiert, was er tut,

deshalb konzentriert man sich

verstärkt auf sein Äußeres und

feminisiert ihn. Ein Mädchen wird

traditionell für ihr Aussehen gelobt

und der Junge für sein Schaffen.

Wenn man sich aber nicht mehr auf

das Tun konzentriert, konzentriert

man sich auf das Sein. Überhaupt

werden Männer immer überflüssiger.

In anderen Worten: Die Ameisen

umgarnen ihre Königin. Und nach der

Paarung stirbt die männliche Ameise.

56 Werk VI 57


Weste: Reality Studio

Mademoiselle

masculine

„Die selbstsichere Frau verwischt nicht den Unterschied

zwischen Mann und Frau – sie betont ihn“ Coco Chanel

F OTOS JAKOB & HANNA H

P RODUKTION LEONIE V O L K & A L E XANDER LA GUM A

M ODEL R OSALIE/IZ A IO MAN AGEMENT

H AARE/MAKE-UP JULIE S KOK


60

Links

Bluse: Michael Sontag

Nickerbocker: Vintage/Berliner Theaterkunst

Binder: Tiger of Sweden

Rechts

Bluse: Vintage/Berliner Theaterkunst

Hose: Herr von Eden

Hut: Tiger of Sweden


Knielange Weste: Isabell de Hillerin

Bluse: Asos

Hut: Mads Dinesen


Weste & Hose: Herr von Eden

Sandalen: H&M

Werk VI 65


Mantel: Vintage/Berliner Theaterkunst

Latzhose: Zara

Schuhe: Bershka

Werk VI 67


68

Links

Mantel: Martin Niklas Wieser

Jeans: MIH Jeans

Schuhe: Adidas

Rechts

Mantel: Isabell de Hillerin

Kleid: & other stories


1954: Adi Dassler

mit den ersten

Stollenschuhen für

Fußballspieler – in

diesen Tretern gewann

die deutsche

Nationalmannschaft

die WM in Bern

FOT O: PR

MIT DREI STREIFEN

UM DIE WELT

Als Adolf Adi Dassler 1947 sein Unternehmen

Adidas gründete, konnte er nicht ahnen, dass es einmal

an der Spitze der deutschen Bekleidungsindustrie

stehen würde. Das Geheimnis einer Erfolgsgeschichte

Mit einem Jahresumsatz von über 14 Milliarden

Euro (2013, Quelle Textilwirtschaft)

ist Adidas das umsatzstärkste Bekleidungsunternehmen

in Deutschland.

Unter den Sportartikelherstellern gibt es weltweit nur noch

einen, der erfolgreicher ist: Nike mit 18,55 Milliarden Euro

(2013, Quelle statistika.de). Der große Erfolg von Adidas wird

in den Bereichen Sport, Musik und Mode erzielt. Der Sportbereich

ist der älteste und bis heute umsatzstärkste: Fußball,

Leichtathletik, Tennis, Basketball – es gibt kaum eine Sportart,

für die Adidas nicht den richtigen Schuh oder das passende

atmungsaktive Trikot im Programm hat.

In den 80er-Jahren entdeckte eine neue Zielgruppe die

deutsche Marke mit den drei Streifen: HipHop und die

Band Run DMC brachten Adidas in die Subkultur und zu

deren Vertretern. Ungezählte Kooperationen mit Musikern

sollten folgen. Mit dem Retrotrend, der Anfang der

90er-Jahre aufkam, eröffnete sich ein weiteres Geschäftsfeld

für Adidas. Plötzlich trugen junge Leute in Clubs alte Trainingsjacken,

Turnschuhe hießen auf einmal Sneakers und

wurden auch zum Anzug getragen. Damals eröffneten die

ersten Adidas-Originals-Stores in den Metropolen. Und die

Idee, mit etablierten Designern wie Yohji Yamamoto oder

Jeremy Scott zu kooperieren, ebnete Anfang der Nullerjahre

den Weg in die Modewelt. Das alles hat dazu beigetragen,

dass Adidas heute den deutschen Bekleidugsmarkt anführt

und das Logo mit den drei Streifen auf der ganzen Welt bekannt

ist.

GESCHICHTE

DAS WUNDER VON FRANKEN

1925 entwickelte Adi Dassler in der Waschküche

seiner Eltern den ersten Stollenschuh aus Leinen.

Ein Jahr vorher hatte er den Schuhmacherbetrieb

seines Vaters übernommen, den er zusammen mit

seinem Bruder Rudolf unter dem Namen Gebrüder

Dassler Schuhfabrik führte. Adi war der kreative

Kopf der Familie. Er war für die Entwicklung

der Schuhe zuständig. Sein Bruder kümmerte sich

um administrative Aufgaben, er war der perfekte

Verkäufer.

Doch die Zusammenarbeit war schwierig, 1947 gingen die

Brüder getrennte Wege. Rudolf Dassler gründete die Sportmarke

Puma, Adi nannte seine Firma nun Adidas

(ADI+DASsler). Seine Spezialität waren Sportschuhe, doch

bald kamen andere Sportartikel wie Bälle oder Taschen

dazu. Seit 1967 gibt es Adidas-Sporttextilien. Für Adi Dassler,

der 1978 in Herzogenaurach starb, stand die Funktionalität

im Vordergrund. Er testete seine Produkte immer

selbst, um sicherzugehen, dass sie auch funktionieren. Als

Dassler 1954 seinen neuen und selbst erprobten Stollenschuh

präsentierte, konnte das Timing kaum besser sein:

Die deutsche Nationalmannschaft trug den Schuh im Weltmeisterschaftsfinale

gegen Ungarn. Durch die neuen Stollen

verankerten sich die Schuhe besser im nassen Boden. Und

tatsächlich: während des Spiels regnete es in Strömen.

Deutschland gewann mit einem 3:2-Sieg zum ersten Mal

eine Fußballweltmeisterschaft, was als „Wunder von Bern“

in die Geschichte einging.

Adidas ist nicht mehr in Familienbesitz, sondern seit 1995

ein börsennotiertes Unternehmen. Doch auch heute noch

überzeugt die Marke mit Innovationen und einem guten,

funktionalen Design, denn das war schließlich Dasslers

Grundsatz. „Die Menschen nennen mich den Vater der modernen

Sportindustrie. Aber alles, was ich bin, ist ein Sportler,

der den Nutzen darin sieht, die Sportausrüstung zu verbessern“,

sagte Adi Dassler einmal. Durch diesen Ehrgeiz ist

Adidas zu einer der bekanntesten Sportmarken der Welt

geworden.

KATHARINA GÖRKE

Werk VI 71


SPORT

NACH DEM SPIEL IST VOR DEM SPIEL

Die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien, die

Olympischen Sommerspiele 2012 in London oder das

Champions-League-Finale 2014 in Lissabon haben

eines gemeinsam: den Hauptsponsor Adidas. Das

Unternehmen hat früh verstanden, wie enorm wichtig

Sportereignisse für den Erfolg der Marke sind.

Seit bereits 32 Jahren sponsert Adidas die Fußballweltmeisterschaft,

das milliardenschwere Turnier

um die beste Mannschaft der Welt. Dazu kommt das

Sponsoring von neun der 32 teilnehmenden Mannschaften,

darunter auch Deutschland. Welche Summen

während eines solchen Sportereignisses fließen,

zeigte Forbes nach der letzten WM in Südafrika.

Adidas zahlte allein für das Sponsoring und die Ausstattung

von sechs Nationalteams mehr als 90 Millionen Euro

(2010, Quelle Forbes).

Bei der Ausstattung der Mannschaften setzt Adidas auf

Funktionalität für den Spieler. Die neuen Adizero-Trikots

wiegen zirka 100 Gramm und sind damit die leichtesten, die

Adidas je entwickelt hat. Die Gewichtsreduzierung um 50

Prozent sorgt dafür, dass der Spieler schneller und effizienter

auf dem Platz ist. Dabei spielt natürlich der physische Gedanke

eine Rolle. Denn mit weniger Gewicht verbraucht der

Sportler weniger Sauerstoff, ist dadurch schneller und hat

mehr Ausdauer. Aber auch der psychologische Faktor zählt:

Wenn der Sportler weiß, dass er mit einem leichteren Trikot

bessere Leistungen erzielen kann, macht ihn das automatisch

besser. Das ist ganz im Sinne von Adi Dassler, der zu Lebzeiten

ein klares Ziel hatte: Die Sportausrüstung muss so gearbeitet

sein, dass sie den Sportler unterstützt und ihm ermöglicht,

Bestleistungen zu erzielen. Um das zu erreichen, arbeitet die

Das Trikot der Weltmeister von 1954 kann

man heute wieder kaufen. Der Originalschuh

(u.) steht im Museum für Sport in Köln

Entwicklungsabteilung mit Hochleistungssportlern zusammen:

Fußballer, Schwimmer, Radfahrer, Leichtathleten.

Zu den Trikots trugen einige Spieler der bundesdeutschen

Nationalmannschaft auch einen neuen Schuh von Adidas:

„Battle Pack“ nennt sich die Kollektion. Fünf Modelle in

Schwarzweiß, die typischen Adidas-Streifen an der Seite in

einem Gold-Ton – in Anlehnung an den Siegerpokal des

Wettkampfes. Auch der Schuh ist leichter geworden. Zum

Vergleich: Bei der WM 1954 in Ungarn wog der Fußballschuh

der deutschen Nationalelf noch 355 Gramm. In diesem

Jahr waren es 150 Gramm.

Doch nicht nur Spieler tragen die Trikots. Schon während

der WM verkaufte Adidas das Deutschland-Trikot (Stückpreis

80 Euro) bereits zwei Millionen Mal an die Fans. Kein

Wunder also, dass Adidas so viel in die Werbekampagnen

steckt. Als offizieller Partner des Weltfußballverbandes (seit

1956) hat Adidas die Vorkaufsrechte auf die TV-Werbung

und Werbeflächen in den Stadien – das sorgt dafür, dass die

Verkaufszahlen steigen. Der offizielle Werbespot zur diesjährigen

Fußballweltmeisterschaft stammt von „City of God“-

Regisseur Fernando Meirelles. In der Hauptrolle der argentinische

Nationalspieler Lionel Messi, musikalisch begleitet

durch Kayne West. Noch nie hat Adidas so viel in eine Kampagne

investiert. Ob sie damit an Nike vorbeiziehen können

oder ob sie der ewige Zweite bleiben, wird sich zeigen. In ihrem

letzten Gruppenspiel der WM-Vorrunde immerhin besiegten

die Deutschen (in Adidas) die Amerikaner (in Nike).

„Wenn man gutes Equipment herstellt und den richtigen

Sportler hat, der dieses trägt, kaufen es die Leute.“ Diese simple

Erfolgsformel war Adi Dassler schon zu Lebzeiten bewusst.

KATHARINA GÖRKE

Für die diesjährige Fußballweltmeisterschaft

wurden das Adizero-Trikot und

der Battle-Pack-Schuh entwickelt

FOTO: PR

FOTO: PR

MODE

ALLE FÜR EINEN

Wenn Design auf Sport trifft:

Stella McCartney (l.)

und Opening Ceremony

Anfang der Nullerjahre beginnt bei Adidas eine

neue Ära: Der Sportriese beschließt, mit High-

Fashion-Designern zu kooperieren – taktisch klug

und modisch genial, wie sich später herausstellen

sollte. Bereits in den 90er-Jahren war dem Unternehmen

klar geworden, dass großes Potenzial darin

liegt, sich stärker im Modesegment zu positionieren. 1995

wurde der damalige Designmanager von Levi’s, Michael

Michalsky, ins Unternehmen geholt – ein ungewöhnlicher

Schritt zu der Zeit, immerhin hat Levi’s mit Sport so viel zu

tun wie Adidas damals mit High Fashion. Zuerst übernahm

Michalsky die Position des Chefdesigners. Fünf Jahre später

wurde er Global Creative Director und bekam die alleinige

Herrschaft über die Produktlinien. Der Absolvent des London

College of Fashion hatte die Idee, mit Modeschöpfern

zu kooperieren und sie eigene Produktlinien für Adidas

entwerfen zu lassen. Ein Meilenstein in der Geschichte des

Konzerns. Bei der Zusammenarbeit mit dem japanischen

Avantgarde-Designer Yohji Yamamoto im Jahr 2001 spielte

allerdings auch der Zufall mit – denn auf die Idee, er könne

mit Adidas kooperieren, kam Yamamoto in Japan offensichtlich

von selbst. In einem Imagefilm äußerte sich Yamamoto

folgendermaßen: „Ich sagte meiner rechten Hand im

Atelier: ,Warum rufst du nicht mal Adidas an, ob sie nicht

mit uns für die nächste Kollektion zusammenarbeiten wollen

– alle Schuhe nur von Adidas.“ Aus der Vision des großen

Japaners wurde eine eigene Untermarke: Y-3 – eine

Mischung aus Sportswear und Avantgarde, die den Herzogenaurachern

jährlich einen zweistelligen Millionenumsatz

einbringt.

Nach zurückhaltendem Schwarzweiß, Yamamotos Handschrift,

wurde es richtig bunt: 2002 verpflichtete Michalsky

den exzentrischen Amerikaner Jeremy Scott, der für seine

Farbexplosionen bekannt ist – zunächst für das einmalige

Projekt „I Signed“. Fünf Jahre später intensivierte sich die

Zusammenarbeit, seitdem entwirft Scott seine eigene Adidas-

Originals-Kollektion. Die Teddy- und Flügelsneaker wurden

zum großen Erfolg, die Kooperation besteht bis heute. Scott

hat ein sicheres Gespür dafür, Adidas-Klassikern seine persönliche

Note zu verpassen: hawaiianische Blumen, wildeste

Animal-Prints und Kapuzen mit angenähten Ohren, dazu

digitale Computerschriften und grelle Neonfarben.

Auch Stella McCartney gehört zu den High-Fashion-Designern,

mit denen Adidas kooperiert. Anders als Yamamoto

und Scott entwirft die trendbewusste Britin für die Marke jedoch

nicht Streetwear, sondern sie ist verantwortlich für die

Linie „Performance“ – feminine Sportmode, die mit verspielten

Raffungen und Fältchen ins Detail geht. Seit 2004 sieht

man McCartneys Entwürfe in Herzogenaurach als Inspirationsquelle

für das gesamte Unternehmen. Die hausinternen

Designer verwenden ihre verlängerten Ärmel mit integrierten

Daumenlöchern längst auch für andere Kollektionen. Der

Veganerin ist es wichtig, dass für ihre Drei-Streifen-Produkte

keinerlei Rohstoffe tierischer Herkunft verwendet werden.

Stellas Engagement kommt bei den Konsumenten an. Die

Kollektionen laufen gut.

Nach Yamamoto, Scott und McCartney initiierte der Konzern

zunächst ein paar Jahre lang keine neuen Designkollaborationen.

Vielleicht mussten es sich die Herzogenauracher

nach so viel Erfolg durch externe Designer schlichtweg wieder

selbst beweisen. Oder es lag daran, dass Michalsky 2006

das Unternehmen verließ, um in Berlin sein eigenes Label zu

gründen. Vier Jahre sollte die Pause dauern – eine Zeit, in der

die bis dahin etablierten Fashion-Linien weiterliefen. 2010

kam dann eine neue Kreativkraft in Gestalt des ehemaligen

Joop!-Chefdesigners Dirk Schönberger.

72 Werk VI 73


Dessen Plan als neuer Creative Director war es zunächst,

eine neue, intern designte Adidas-Modelinie am Markt zu

etablieren. Der Versuch, mit dem hauseigenen Label SLVR

Fashion und Sport endgültig zu vereinen, scheiterte allerdings.

Nach weltweiten Store-Eröffnungen, u. a. in Paris,

Tokio, Mailand und Berlin, wurde SLVR im Winter 2013

eingestellt.

Parallel zum Niedergang von SLVR begann Schönberger,

neue Designkooperationen anzubahnen – 2012 mit dem New

Yorker Label Opening Ceremony, dessen Designer Humberto

Leon und Carol Lim inzwischen auch für Kenzo verantwortlich

sind. Dazu gesellten sich wenig später Raf Simons,

Chefdesigner bei Dior, und der Amerikaner Rick Owens, der

für futuristische Mode steht. Der jüngste Neuzugang im

High-Fashion-Team ist eine Frau: Mary Katrantzou. Die in

London lebende Griechin ist bekannt für ihre gemixten und

grafischen Muster. Gut verkaufen ließe sich das nicht, sagen

ihre Kritiker. Die Modebranche liegt ihr dennoch zu Füßen.

Katranztous Kollektion kommt ab November 2014 in die Läden.

Adidas gibt außergewöhnlichen und riskanten Entwürfen

immer eine Chance.

Für die High-Fashion-Designer gibt es viele Argumente,

mit dem Sportartikelhersteller eine Zusammenarbeit einzugehen.

Eines der Motive ist sicherlich der lukrative Zuverdienst.

Es darf jedoch auch nicht vergessen werden, dass

hochkomplexe und technisch aufwendige Produkte wie

Sneakers oder Sportswear mit sehr hohen Entwicklungskosten

verbunden sind. Sie rentieren sich für ein Unternehmen

erst ab einer gewissen Stückzahl. Modehäuser, die in der Regel

nur kleine Mengen produzieren, können sich das ohne

Y-3 by Yohji Yamamoto ist die älteste Designerlinie

von Adidas. In allen Kollektionen überwiegt die

Farbe Schwarz – Yamamotos Favorit

einen Partner mit Know-how kaum leisten. Und sicher spielt

auch der extrem hohe Bekanntheitsgrad von Adidas eine Rolle.

Die globale Vermarktung der Kooperationen bringt also

für die Designer eine Steigerung ihrer Popularität mit sich.

In den sogenannten Icon-Stores vertreibt Adidas exklusiv

seine Kooperationslinien. Einer davon ist die No 74 in der

Torstraße 74 in Berlin. Solche Stores gibt es auch in London

und Paris. Dort sind die Läden ebenfalls nach ihrer jeweiligen

Hausnummer benannt. Das für Adidas entwickelte, äußerst

clevere Geschäftskonzept wird seit 2008 von der Agentur Häberlein

& Mauerer betreut. Anders als in den gängigen Adidas-Stores

suchen die Käufer hier funktionale Sportbekleidung

vergeblich. Mode bestimmt die Vision.

Will man der Legende glauben, haben wir das alles Yohji

Yamamoto zu verdanken. Er gilt als Vater der Kooperationen

zwischen Designern und der Sportindustrie. Für Adidas war

der Anruf aus Tokio ein wichtiger Moment. Seitdem sind die

Grenzen zwischen Sportswear und High-Fashion aufgelöst –

zugunsten modischer Vielfältigkeit. ALEXANDER VETTER

Aktuelle Modelle für Adidas:

von Rick Owens (l.)

und Raf Simons

Jeremy Scott entwirft seit

2008 für Adidas. Seine

aktuelle Sommerkollektion ist

von der Natur inspiriert

FOT OS: PR

FOT O: AN S GAR MOEK

MUSIK

„MY ADIDAS AND ME“

Seitdem Run DMC in den

frühen 80er-Jahren mit der

Hymne „My Adidas“ die

Marke in die HipHop-Szene

einführten, ist einiges

passiert: Snoop Dogg, Missy

Elliott und zuletzt Kanye

West sind nur einige der

Musiker, die mit den

Herzogenaurachern zusammengearbeitet

haben. Warum das so ist, weiß

Julia Schoierer von sneakerqueen.de.

Die Turnschuhsammlerin und

Bloggerin hat ebenfalls schon ihren

eigenen Schuh für Adidas designt. Wir

haben die 32-Jährige zum Interview

getroffen, um uns von ihr die Verbundenheit

von Adidas zum Musikgeschäft

erklären zu lassen.

Julia, wie hat sich Adidas in der

Musikszene etabliert?

Adidas musste zunächst gar nichts

dafür tun, die HipHop-Gruppe Run

DMC hat in den 80er-Jahren von sich

aus angefangen, die Marke als eine Art

Uniform zu tragen. Ein Look, der

eben nicht von den Schönen und

Reichen inspiriert war, sondern

direkt von der Straße kam: Double -

Goose-Jacken, Adidas-Sneaker,

Kangol-Caps und Cazal-Brillen. Das

alles war die Uniform, die um die

Subkultur HipHop entstanden ist. Der

Streetstyle spielt bis heute in dieser

Jugendkultur eine große Rolle.

Dementsprechend war es ein Geniestreich

von Adidas, dann mit Run

DMC einen offiziellen Werbedeal

abzuschließen. Damit hat Adidas zum

ersten Mal das Lifestyle-Marketing für

sich entdeckt. Dank Run DMC hat die

Marke den Einstieg in die Musikszene

geschafft.

Kostenlose PR ohne großen Marketingaufwand.

Von solch freiwilligem

Product Placement träumt wohl

jedes Label, oder?

Genau. Zuerst produzierte Run DMC

den Song „My Adidas“. In den Lyrics

geht es um das Tragen von Adidas-Sneakern.

Die Jungs haben quasi

dazu aufgefordert. Das Video von

damals kann man sich immer noch

auf Youtube ansehen. Run DMC

sitzen gemeinsam in einem Raum und

sprechen Adidas direkt an: „Wir

repräsentieren euch und tragen eure

Schuhe und Klamotten.“ Sie zeigen

„BESSERE PR

KANN MAN

SICH GAR NICHT

WÜNSCHEN“

wie wild auf ihre Klamotten und zum

Ende des Videos sagen sie: „Give us

one million dollars.“ Dieser Spruch ist

in die Geschichte eingegangen.

Letztendlich bekamen sie tatsächlich

einen Millionen-Dollar-Deal und

Adidas produzierte mit ihnen eine

eigene Run-DMC-Kollektion.

Dadurch hatte Adidas natürlich die

Möglichkeit, sich einem bestimmten

Publikum mit einem gewissen Style zu

präsentieren. Bei Auftritten riefen

Run DMC ihrem Publikum zu:

„Haltet eure Sneaker in die Luft!“ Und

plötzlich war da dieses Meer aus

Adidas-Schuhen über den Köpfen der

Zuschauer. Eine bessere PR kann sich

ein Unternehmen gar nicht wünschen.

Ab diesem Zeitpunkt war Musik

fester Bestandteil der

Marketing-Maschinerie?

Ja, und wie. Inzwischen hat Adidas

eine sehr starke Basis in der Musikszene.

Gerade im HipHop. Künstler wie

Missy Elliott, Snoop Dogg oder eben

Run DMC haben die Musikszene

geprägt und stehen auch für die

Marke. Einen Adidas-Tracksuit oder

Julia Schoierer im Adidas-

Icon-Store No 74. Sie

trägt ein Original-Run-

DMC-Shirt von 1986,

eine Jogging hose aus der

aktuellen Linie und ihre

selbst designten Adidas-

Sneakerqueen-Schuhe

eine Track-Jacke zu tragen, hat heute

immer noch Old-School-Flavour –

und zwar nicht wegen des Sports,

sondern wegen der Musik. Aber auch

die langen Beziehungen zu Ian Brown

(britischer Rock-Musiker, Anm. d.

Red.) und zur Reggae-Legende Bob

Marley gehören dazu. Sie haben sich

auch privat gerne im Adidas-Dress

fotografieren lassen. Brown designte

zudem ebenfalls für Adidas.

Aktuell launchen Pharell Williams

und Rita Ora eine Linie. Wenn du es

dir aussuchen könntest – mit

welchem Musikkünstler sollte

Adidas unbedingt zusammenarbeiten

und warum?

Wenn ich es mir aussuchen könnte,

hätte ich gern eine Kollaboration mit

Michael Jackson gesehen. Der Zug ist

ja leider abgefahren. Wer ein gutes

Stilempfinden hat und sicherlich auch

gut zu Adidas passen würde, wäre

Björk. Das wäre eine spannende

Sache. Vielleicht sogar Björk mit

Jeremy Scott (lacht). Ich weiß zwar

nicht, ob es Sachen wären, die ich

selbst tragen würde, da es auch zu

flashy oder extravagant wirken

könnte. Aber bei Björk mag ich

einfach die Tatsache, dass sie verrückt

und mutig an Sachen herangeht. Auch

wenn das dann wirklich nur für den

Moment bestimmt ist – wer braucht

schon ein Kleidungsstück für die

Ewigkeit?

ALEXANDER VETTER

74 Werk VI 75


Johanna Top: Martin Niklas Wieser. Hose: Tata Christiane

Vincent Longshirt: Mads Dinesen

Ihr Revier ist die Großstadt, ihr Stil gibt Bewegungsfreiheit:

In aktueller Streetwear ist man für den kommenden Herbst gewappnet

URBAN

WARRIORS

FOTOS J E SSI C A WOLFELS BERGER

PRODUKTION L E O NIE VOLK & ALEXANDER L A GUMA

M ODEL J O HANNA & VINC ENT/ MEGA MODEL AGENCY

H AARE/M AKE-UP O LGA P OZN YA S HEVA/CREATIVE BEAU T Y COMPANY USING M A C

FOTOASSISTENZ TORBEN AVERKO RN

76 Werk VI 77


Hemd & Hose: Sadak. Schuhe: Adidas

Body: Medima. Rock: Topshop

78 Werk VI 79


Sweatshirt: Diesel Black Gold. Hose: Mads Dinesen. Schuhe: Adidas

Bauchfreies Tanktop: Topshop. Hose mit Rockteil: Zara

80 Werk VI 81


Vincent Hemd: Sadak

Johanna Pullover: & Other Stories

Hose: Sadak. Schuhe: Adidas

82 Werk VI 83


Top: Ethel Vaughn. Leggins: Vintage

Werk VI 85


DER

GLAUBENSBRUDER

Die katholische Kirche ist als weltfremd, dekadent und

überflüssig verschrien. Ein junger Mann erklärt,

warum er trotzdem in ihre Dienste tritt

V O N A NNIKA L Ö SCH

FOT OS: LE O P O LD ACHILLES

Ob Gott ein Mann ist? Dominik Mutschler

lacht über diese Frage. Wir sitzen in seinem

Wohnzimmer in der nordrhein-westfälischen

Großstadt Herne.

Hier im Ruhrpott soll es noch echte Männer geben, werben

die Ansichtskarten am nahegelegenen Bahnhof. Dominik,

der in Witten aufwuchs, scheint einer von ihnen zu sein:

bunt tätowierte Arme, Vollbart, kräftige Statur. In der Küche

reihen sich leere Bierflaschen, auf dem Kühlschrank

thronen Nahrungsergänzungsmittel für das Krafttraining.

Die Hände des 26-Jährigen sind groß, sie scheinen wie geschaffen

für Arbeit, bei der richtig zugepackt werden muss.

Stattdessen falten sie sich zum Gebet, verteilen die Krakenkommunion,

basteln mit Grundschülern und Firmlingen.

Dominiks Arbeitgeber ist das Erzbistum Paderborn, sein

Chef der örtliche Pfarrer. Als angehender

Gemeindereferent arbeitet er

hauptsächlich mit dem Kopf. Und

mit seinem Herzen – das merkt

man, wenn er über seinen Beruf

spricht. „Ich habe mich nicht zu verstecken.

Ich habe ganz viel zu geben“,

sagt Dominik. Aber muss man

für die Kirche arbeiten, um seinen

Mitmenschen etwas geben zu können?

Nein, und Dominik ist weit

entfernt von dem mittelalterlichen

Denken, sein Glaube wäre der einzig

richtige. Er ist sich bewusst über das negative Bild, das viele

von der Kirche haben. Seit Jahrzehnten sinkt die Zahl der

Mitglieder in Deutschland, 2010 verzeichnete die zweithöchste

Zahl an Kirchenaustritten: Über 300 Missbrauchsfälle

kamen ans Licht, die an Schutzbefohlenen katholischer

Einrichtungen verübt worden waren. Im Oktober

2013 traten in München doppelt so viele Katholiken aus

der Kirche aus wie im Vormonat, in Paderborn sogar dreimal

so viele. Auslöser: der Bauskandal um den Limburger

Bischof Tebartz-van Elst. Hinzu kommt das immer wieder

mit Kopfschütteln betrachtete Zölibat. Jeder weiß, dass katholische

Geistliche schon Kinder gezeugt haben – auch

wenn in Deutschland erst eines davon offiziell anerkannt

wurde. Dominik kann die Vorwürfe nachvollziehen. Für

ihn ist gerade das ein Antrieb, seinen Mitmenschen zu zeigen:

„Die Kirche besteht nicht nur aus Negativschlagzeilen.

Hier gibt es so viele bunte, engagierte Leute, die Bock haben,

Zukunft zu gestalten.“

Draußen auf dem Balkon tröpfelt der Regen in einen

Wok, in dem noch einzelne Asia-Nudeln von Dominiks

Mittagessen kleben. Er erzählt, wie es dazu kam, dass er

selbst einer dieser engagierten Menschen wurde. Wie sein

optischer Auftritt ist auch sein Werdegang nicht unbedingt

typisch für Vertreter seiner „Branche“. Katholisch

erzogen, verlief seine Jugend trotzdem turbulent – inklusive

Sitzenbleiben, eigener Rockband und haarscharf bestandenem

Abi: „Eine Zeit, in der alles wichtiger war als

Schule und Zukunft.“ Den Zivildienst,

den Dominik in einem Altersheim

leistete, sieht er als Zäsur,

die ihn ein großes Stück erwachsener

gemacht hat. „Ich war plötzlich

mit Themen wie Vereinsamung, Armut,

Krankheit und Tod konfrontiert.“

Er lernte, dass es „andere

Menschen mit anderen Problemen“

gibt. Dominik wollte auch in Zukunft

für andere etwas tun. Sein

Glaube hatte ihm schon immer Halt

gegeben, er bewundert seine Eltern,

die sich seit Jahrzehnten in ihrer Kirchengemeinde engagieren.

Er bewarb sich für das Studium der Religionspädagogik

in Paderborn.

Im Gegensatz zu seinem Abitur hat er den Bachelor mit

Bravour bestanden. Eine 1,1 ziert das Abschlusszeugnis

des angehenden Gemeindereferenten. Schon jetzt übernimmt

Dominik viele der Aufgaben, die früher eigentlich

ein Pfarrer erledigte. In Zeiten, in denen Pfarrer aufgrund

der abnehmenden Anzahl geweihter Nachwuchskräfte –

im Jahr 1962 gab es 557 Neupriester in Deutschland, 2012

waren es nur noch 76 – bis zu drei Kirchengemeinden auf

einmal betreuen, ist die Funktion der Gemeindereferenten

Dominik ist stolz auf seine

Tattoos. Für ihn sind sie

Ausdruck seines Glaubens

86 Werk VI 87


vielfältiger geworden. Dominik hält Gottesdienste, unterrichtet

Religion in der Grundschule, betreut Firmlinge.

„Auch ohne Priester zu sein, kann ich so viel tun“, sagt er.

Während des Studiums hat er überlegt, Pfarrer zu werden.

Er dürfte dann auch die Sakramente spenden – Taufe,

Firmung, Eucharistie, Beichte, Krankensalbung, Priesterweihe,

Ehe. Und er müsste die drei Gelübde ablegen: das

Gelübde der Armut, das Gelübde der Gehorsamkeit und

das Gelübde der Keuschheit. Gehorsamkeit ist etwas, womit

Dominik wenig Probleme hat. Das bedeutet nicht, dass

er jede Anweisung unreflektiert ausführt. Aber: „Ich halte

mich selbst nicht für die Ultima Ratio. Ich kann viel von

anderen Menschen lernen. Wenn man das begriffen hat,

befreit das auch von dem Druck, sich ständig zu beweisen

und selbst darzustellen“, erklärt Dominik. Er findet es

männlich, wenn man sich selbst auch mal hinten anstellen

kann, Dinge im Raum stehen lassen kann. „Ganz im Gegenteil

zu dem gängigen Klischee, ein Mann müsste immer

das letzte Wort haben“, sagt er.

Die beiden anderen Gelübde haben Dominik von einer

Priesterweihe abgehalten. Ein Gang durch seine Wohnung

macht klar, dass hier kein Asket zu Hause ist. Digitaluhren,

Gürtel und Schuhe populärer Streetwear-Labels

zieren die Garderobe.

Vier E-Gitarren, Skateboards und

viel Computerschnickschnack sind

im Schlafzimmer verstaut. „Luxusschwein“

steht in goldenen Lettern

auf einer Spardose. Wie andere junge

Männer gibt Dominik gern Geld

für seine Hobbys aus, legt Wert auf

sein Äußeres.

Und wie viele andere junge Männer

möchte er nicht auf Frauen verzichten.

„Ich will später mal eine Familie

gründen und Kinder haben“,

sagt er. Dominik kritisiert das Konzept

des Zölibats nicht, macht aber

deutlich, dass es ihm eine Laufbahn

als Geistlicher unmöglich gemacht

hat. Die katholische Kirche muss

umdenken, überholte Regeln müssen

an den gesellschaftlichen und

kulturellen Wandel angeglichen

werden. Nur so wird sie es schaffen,

auch durch Menschen wie Dominik, jetzige und kommende

Generationen zu erreichen. Sein untypisches Äußeres

wirkt oft als Aufhänger, der es ihm einfach macht, mit

Menschen in Dialog zu treten. „Es gab einen Vater, der

selbst viele Tätowierungen hatte und das immer ein bisschen

verstecken wollte, weil er unter den anderen Eltern

damit auffiel. Als er mich kennengelernt und erfahren hat,

dass ich einer von ‚denen‘ bin, war er sehr erleichtert. Es hat

ihm das Selbstbewusstsein gegeben, zu seinen Tattoos zu

stehen.“ Als Dominik den Kindergottesdienst in einer

evangelischen Kirche leitete, lobten Eltern danach seine lockere

Art, was sie von einem Mitarbeiter der katholischen

Kirche nicht erwartet hätten.

Dominik widerspricht nicht nur durch sein Äußeres

dem Klischee des weltfremden Gottesmannes mit dem

stets erhobenen Zeigefinger. Auch ist er keiner der Jesus-Freaks,

die man auf dem Gymnasium wegen ihrer

Taizé-T-Shirts belächelt hat. Seine Einstellung zu Gott ist

nicht in abschreckendem Fanatismus begründet. Er lebt

einfach die Liebe und Nähe zu den Menschen, denen er

täglich als einer von ihnen begegnet.

Ein Kruzifix sucht man in Dominiks Wohnung übrigens

vergeblich. An den Wänden hängen moderne Stencil-

Motive, Fotos von Familie und Freunden reihen sich im

Regal. „Ich brauche das auch gar nicht so dringend“, sagt

er. „Die Symbole, die mir wichtig sind, kann ich jeden

Morgen unter der Dusche sehen.“ Er zieht sich sein Shirt

über den Kopf. Auf dem Arm, der Brust und an der Seite

des Oberkörpers ist Dominik großzügig tätowiert. Alle

Motive sind durch seinen Glauben inspiriert. 2005 ließ er

sich auf der Wade sein erstes Tattoo stechen, es sind Dürers

„Betende Hände“. Es folgte ein Fisch – ein uraltes Christussymbol

– auf der rechten Flanke, der altgriechische Spruch

„Öffne dich“ aus der Taufliturgie quer über der Brust,

„Wort Gottes“ in arabischen Lettern auf der Innenseite des

linken Unterarms. Dominik sieht diese Bilder als Wegmarken,

die die Entwicklung seiner Person nachzeichnen. So

ist die Idee für den arabischen

Schriftzug nach einer langen Diskussion

mit einem Islamwissenschaftler

entstanden: „Sowohl im Islam als

auch im Christentum ist ‚Wort Gottes‘

ein Titel für Jesus. Ich habe

Hochachtung vor dieser Religion.

Sie ist im Kern höchst friedlich und

menschenfreundlich.“

Sein neuestes Tattoo ist gerade erst

fertig geworden. Es zeigt ein Löwensymbol,

das für den Evangelisten

Markus steht. Ein Stier, ein Adler und

ein Engel sollen folgen, sie stehen für

die übrigen drei Evangelisten.

Die Kinder, die er in der Grundschule

unterrichtet, stellen viele Fragen:

„Hat das weh getan? Darf ich

mal anfassen?“ Dominik freut sich

über ihre Neugier. „Die katholische

Kirche verfügt über eine reiche Symbolsprache,

aber wer außer einem

Theologen weiß noch, dass der Löwe

ein Symbol für den Evangelisten Markus und die Auferstehung

ist? Meine Schüler wissen das“, sagt er lachend. Als er

sich in der Ausbildung zum Gemeindereferent befand, sicherte

er sich wegen seiner Tattoos trotzdem lieber ab. „Ich

habe einen Brief an den Generalvikar geschrieben, um mir

bestätigen zu lassen, dass es in Ordnung ist.“

Heute passen seine Nike „Air Max“, die er oft zum Gottesdienst

trägt, farblich zu seinem orange-rot-bunt leuchtenden

Sleeve am linken Arm. In Zeiten, wo Deutschland zu

einem Missionsland wird, braucht es Menschen wie Dominik,

die am Puls der Zeit leben und deshalb ihre Mitmenschen

erreichen. Er will mit anderen Menschen teilen, was

ihm der Glaube gibt. „Gott ist kein Mann, auch keine Frau.

Gott ist eine Präsenz, eine Beziehung, die du im Gegenüber

erleben kannst.“

Für Dominik schließen

sich Kirche und modernes

Leben nicht aus

88 Werk VI 89


BEZIEHUNGS-

WEISEN

Was ist Liebe? Was macht eine moderne Beziehung aus?

Wie kann man gemeinsam den Alltag bewältigen,

ohne sich dabei zu langweilen? Drei Berliner Paare sprechen

über ihre ganz persönliche Art des Zusammenlebens

I NTERVIEWS: JULIA KÜSTER

FOT OS: STEFAN KORTE

gerade in eine gemeinsame Wohnung

gezogen. Die große Party mit Freunden

holen wir dieses Jahr nach.

Christophe (l.) und Tobias in ihrer gemeinsamen

Wohnung. Die Schmetterlingssammlung

hängt im Wohnzimmer

empfinde. Es ist sehr wertvoll, jemanden

gefunden zu haben, der in

gewissen Momenten für dich da ist.

Ich möchte nicht sagen, dass wir

nur dafür gemacht sind, ein Pärchen -

dasein zu leben, aber es gibt

nichts Schöneres im Leben, als die

Liebe seines Lebens zu treffen.

CHRISTOPHE & TOBI

Tobias Frericks (35) ist Fashion

Director bei dem Männermagazin

„GQ“ in München, sein Ehemann

ist der französische Künstler

Christophe Chemin (37). Die

beiden sind seit 2010 ein Paar und

haben Ende 2013 geheiratet.

Sie leben in einem Loft in Berlin-

Mitte. Ein Gespräch über

bedingungsloses Vertrauen, Sex

und die Liebe zu Prada.

Wo habt ihr euch kennengelernt?

Tobias: Im Freundeskreis. Ich hatte

Christophe schon öfter beim Ausgehen

gesehen und fand ihn interessant.

Aber irgendwie war nie der richtige

Moment da, um sich kennenzulernen.

Bis zu dem Geburtstag eines gemeinsamen

Freundes.

Christophe: Ich hatte den Sommer

in einer winzigen Wohnung in

Kreuzberg verbracht und wollte im

Herbst nach New York ziehen.

Aber dann habe ich Tobi kennengelernt

und meine Koffer wieder

ausgepackt.

T: Er ist bereits nach drei Wochen

bei mir eingezogen und bis heute

geblieben. Und wir haben es nie bereut,

weil es perfekt harmoniert.

Hattet ihr so was wie ein erstes Date?

T: Wir hatten ausgemacht, zusammen

die Gegend um den Teufelssee im

Grunewald zu erkunden, aber ich

habe dann nichts mehr von ihm gehört

und dachte mir nur: was für ein

Reinfall! Später kam aber eine SMS mit

der Info, dass er mit einer Mittelohrentzündung

im Krankenhaus sei. Ich

hielt das für eine lahme Ausrede.

C: Mir ging es wirklich total schlecht,

ich hatte hohes Fieber und wahnsinnige

Schmerzen. Als Tobi mich dann

fragte, ob er sich zu Hause um mich

kümmern soll, war ich sehr froh.

T: Das war dann unser erstes Date.

Christophe, was macht Tobias für

dich so besonders?

C: Er hat eine unglaublich positive

Energie, die eine immense Auswirkung

auf mein eigenes Befinden hat. Ich

konnte viele Jahre lang mit niemandem

zusammen sein, aber mit Tobi

funktioniert es total selbstverständlich.

Ich akzeptiere einfach alles an ihm.

Das ist etwas, was ich noch nie vorher

empfunden habe. Zudem weiß er,

wie er mit mir umgehen muss, obwohl

ich keine einfache Person bin. Es ist

eine Energie zwischen uns, die

unbeschreiblich und einzigartig ist.

T: Ich würde auch sagen, dass sich

unsere unterschiedlichen Wesen

sehr gut ergänzen. Die meisten

Menschen würden auf den ersten Blick

nie denken, dass es zwischen uns

funktioniert.

C: Ich wusste von Anfang an, dass

Tobi die Person ist, die ich im Leben

brauche. Ich musste mich nie anstrengen,

damit es funktioniert. Die

meisten Menschen stören mich,

wenn sie mir zu nah kommen. Ich

gehe selten aus und meide Menschenmassen.

Aber ich fühle mich immer

wohl, wenn Tobi in meiner Nähe ist.

T: Ich hatte eigentlich immer langjährige

Beziehungen, aber es war auch

immer klar, dass es nichts für die

Ewigkeit ist. Bei Christophe ist es zum

ersten Mal so, dass ich nichts in Frage

stelle. Ich möchte mit ihm bis zum

Ende meines Lebens zusammen sein.

Deshalb habt ihr euch entschieden

zu heiraten?

T: Ja, wir haben im Dezember letzten

Jahres im kleinen Kreis in Berlin

geheiratet. Wir hatten zu der Zeit

beruflich viel zu tun und sind zudem

Wer hat wem den Antrag gemacht?

T: Christophe hat mich gefragt und

dann haben wir ausgiebig über

das Thema gesprochen, weil wir

eigentlich beide keine großen Fans

der Ehe sind.

C: Für mich ist es vor allem wichtig

gewesen zu heiraten, weil wir auch

das Recht dazu haben. Es hat einfach

gewisse Vorteile, die sollten homosexuelle

Paare auch ausnutzen.

T: Es ist auch eine Frage von Sicherheit.

Wir haben uns gemeinsam

eine Wohnung gekauft, zudem ist

Christophe hier in einem fremden

Land. Wenn einem von uns vor der

Heirat etwas passiert wäre, hätte

der andere keine Rechte gehabt, sich zu

kümmern. Schon ein Krankenhausbesuch

wäre schwierig gewesen.

Warum sind langjährige Beziehungen

unter Homosexuellen eher selten?

T: Ich denke, dass Männer von Natur

aus einfach sexuellere Wesen sind,

die Sex öfter und mit unterschiedlichen

Partnern haben und sich nicht so gern

festlegen. Nach dem Motto: Es könnte

ja noch jemand Besseres kommen.

Für Frauen ist es eine größere Sache,

mit jemandem zu schlafen.

C: Eigentlich hat es nichts damit

zu tun, ob man homo- oder heterosexuell

ist. Am Ende streben

„ICH FÜHLE MICH

WOHL BEI DEM

GEDANKEN, ÄLTER

ZU WERDEN“

CHRISTOPHE CHEMIN

wir doch alle nach dem Gleichen.

T: Männer warten einfach länger

darauf, bis ihnen der perfekte Partner

über den Weg läuft. Die Zwischenzeit

überbrücken sie mit vielen falschen.

C: Generell ist Perfektion ein großes

Thema bei Männern, obwohl es

vollkommen absurd ist. Denn am Ende

ist die Person, mit der du wahre

Liebe erlebst, nie die, die du dir vorher

jahrelang in deinem Kopf vorgestellt

hast.

Was bedeutet Liebe für euch?

C: Die Antwort darauf ist wohl dieselbe

wie auf die Frage, warum ich mein

Leben mit Tobi teilen möchte, obwohl

ich auch allein und frei sein könnte? Es

ist bedingungsloses Vertrauen, was ich

Möchtet ihr Kinder haben?

C: Wir haben schon oft darüber nach -

gedacht, Eltern zu werden. Es ist

etwas kompliziert, weil wir beruflich

viel unterwegs sind. Dabei wäre ich

liebend gern Vater. Ich hätte einem

Kind viel zu geben. Aber ich bin auch

ein Künstler und ich gebe Menschen

etwas auf einer anderen Ebene.

Ich würde also nicht so sehr leiden,

sollten wir keine Kinder haben.

T: Ich bin noch nicht bereit dazu, weil

mein Job es nicht erlaubt. Ich bin nie

eine komplette Woche in Berlin und

möchte nicht einer dieser Väter sein,

die nie da sind. Aber wir werden uns

bald einen kleinen Welpen anschaffen

– als ersten Familienzuwachs. (lacht)

Tobias, du arbeitest in München.

Christophe, du hast lange Zeit in

Paris gelebt. Wieso habt ihr euch für

Berlin als Basis entschieden?

C: Als Franzose schätze ich Paris

natürlich sehr. Es ist hübsch dort, aber

es ist auch eine sehr schnelle Stadt.

Berlin hat für mich gleichermaßen etwas

Unvollkommenes, Zerstörerisches und

Wunderschönes. Auch die historische

Vergangenheit der Stadt fasziniert

mich sehr. Viele meiner Freunde aus

aller Welt sind vor Jahren nach Ostberlin

geströmt. Es war wie eine Welle,

die dann auch mich erfasst hat.

90 Werk VI 91


T: Für mich ist Berlin einfach

die einzig interessante Stadt in

Deutschland.

Christophe, welchen Bezug hast

du zu Mode?

C: Wir Franzosen haben ein gutes

Modebewusstsein. Aber ich denke,

jeder Mensch hat einen Bezug zu Mode,

denn auch wenn man sie ablehnt,

kleidet man sich und drückt automatisch

etwas damit aus. Was ich an Mode

mag ist, dass sie sich kontinuierlich

ändert – obwohl ich Prada so sehr liebe,

dass ich beinahe Angst habe, dass es

nächste Saison anders sein könnte.

Was fasziniert dich so an Prada?

C: Miuccia Prada schafft es, Maskulinität

und Kunst mit Bequemlichkeit

zu verbinden. Man erkennt sofort,

woher sie ihre Inspirationen nimmt,

und das macht es für mich so tragbar.

Diesen Sommer inszeniert sie einen

Urlaubstrip nach Hawaii. Simpel, aber

umwerfend. Man könnte alle ihre

Kollektionen zusammenlegen und die

Teile miteinander mixen.

Ist Mode für dich Kunst?

C: Nein. Es gibt Parallelen, denn Mode

und Kunst inspirieren sich mittlerweile

gegenseitig. Vor ein paar Jahren

durfte man sich als Künstler nicht

für Mode interessieren, man wäre sonst

nicht ernst genommen worden. Mode

wurde in der Kunst als vollkommen

irrelevant angesehen. Heute ist es sehr

wichtig, dass du alles, was du tust,

kommunizierst. Und Mode ist dafür

ein sehr wichtiges Mittel. Aber die

Tatsache, dass Mode alle sechs Monate

neu erfunden werden muss, widerspricht

der Kunst.

Wie stellt ihr es euch vor, gemeinsam

alt zu werden?

C: Ich fühle mich wohl bei dem

Gedanken, älter zu werden, das war

für mich noch nie ein Problem.

Das Wichtigste ist, an einem Ort zu

sein, an dem ich glücklich bin.

T: Ich bin niemand, der etwas plant,

denn am Ende kommt immer alles

anders, als man denkt. Hauptsache ist,

dass wir auch in 40 Jahren noch

glücklich zusammen sind – unabhängig

davon, ob wir in Berlin leben,

egal, ob ich noch in der Mode oder

Christophe als Künstler arbeitet.

CHRISTIANE & MARCUS

Die Herausgeberin des Magazins

„I Love You“ Christiane

Bördner (43) und der Fotograf

Marcus Gaab (44) sind seit

20 Jahren ein Paar – privat wie

beruflich. Sie leiten gemeinsam

die Kommunikationsagentur

The Gaabs und leben mit ihren

Kindern Aaron (14) und Zara

(7) in einer 250 Quadratmeter

großen Wohnung im Prenzlauer

Berg. Zum Gespräch über

das Geheimnis einer jahrzehntelangen

Beziehung öffnen die

beiden die Tür zu ihrem Studio.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Christiane: Ganz klassisch auf der

Erstsemesterparty. Wir haben zusammen

an der Folkwangschule in Essen

Kommunikationsdesign studiert.

Wo war euer erstes Date?

Marcus: Mann, ist das lange her!

Weißt du das noch, Christiane?

C: Tja, Marcus hatte damals noch

eine Freundin …

M: Toll, jetzt ist es raus!

C: Aber wir haben uns dann trotzdem

verabredet. Bei einem Freund in

Wiesbaden. Ich komme aus Frankfurt

am Main und Marcus aus Mannheim,

da lag das in der Mitte.

Marcus, was hast du gedacht,

als du Christiane zum ersten Mal

gesehen hast?

M: Erst mal gar nichts. Wir streiten

auch immer darüber, wer den ersten

Schritt gemacht hat.

C: Ich habe ihn auf seinen Dialekt

angesprochen. Das Besondere zwischen

mir und Marcus war, dass von Anfang

an alles klar war. Es gab nie dieses

„Wer ruft wen zuerst an“-Spielchen.

Was ist das Geheimnis eurer Liebe?

C: Liebe ist Arbeit, Arbeit, Arbeit!

Wir sind definitiv kein frisch verliebtes

Pärchen mehr. Wir haben ein

Business zusammen, Kinder und

bestreiten unseren Alltag gemeinsam.

Manche Dinge müssen wir nicht

infrage stellen – und dazu gehört

unsere Beziehung. Es funktioniert

einfach.

M: Am Ende ist es wohl Vertrauen und

Leidenschaft. Wenn es keine Überraschungen

gibt, keine Entwicklungen

und keinen Energieaustausch mehr,

dann wäre es komisch.

C: Ja, Vertrauen ist wohl das Wichtigste

bei uns.

Marcus, was schätzt du an

Christiane?

M: Disziplin, Konsequenz und

Leidenschaft.

Und was nervt?

M: Disziplin, Konsequenz und

Leidenschaft.

Und du, Christiane?

C: Großzügigkeit, Mut und seinen

geilen Body! (lacht) Sein angstfreies

Wesen ist das, was mich am meisten

beeindruckt. Es sind immer die Dinge,

die man selbst nicht hat, die einen

komplettieren. Marcus denkt immer

sehr risikobereit, während ich sehr

ängstlich bin.

Gegensätze ziehen sich also

wirklich an?

M: Schon, aber ein paar Charakterzüge

muss man einfach teilen. Wenn man

gemeinsam an Projekten arbeitet, muss

man an einem Strang ziehen. Wenn es

am Ende hart auf hart kommt, sind wir

lustigerweise auch immer einer

Meinung.

„LEUTE GEHEN

DAVON AUS,

DASS MARCUS DER

CHEF IST.

EINFACH, WEIL ER

EIN MANN IST“

CHRISTIANE BÖRDNER

Ihr leitet gemeinsam die Agentur The

Gaabs. Wer übernimmt welchen

Part?

M: Ich bin als Fotograf für Fotos und

Filme zuständig. Christiane macht die

Art Direktion, also alles, was mit

Grafikdesign zu tun hat – für Print und

Online. Christiane ist aber auch für den

redaktionellen Part zuständig. Sie

schreibt oder überwacht die Texte.

Da fliegen sicher auch mal die

Fetzen?

C: Sehr oft. Das bleibt nicht aus bei

einem Leben mit Firma und Kindern.

Meistens streiten wir uns aber über

finanzielle Dinge. Wenn wir angespannt

sind und beide nicht weiterwissen.

Das Gute ist, dass wir uns

gegenseitig so sehr vertrauen, dass wir

uns nicht in die Bereiche des anderen

einmischen. Jeder hat seine eigene

Entscheidungsgewalt und das wird

akzeptiert. Schlimm wurde es allerdings,

als ich „I Love You“ gegründet

habe. Damit war Marcus anfangs

überhaupt nicht einverstanden. Er

wollte kein eigenes Magazin machen.

Er fürchtete, das würde den Eindruck

machen, dass er als Fotograf keinen

Erfolg hat und ein eigenes Medium

für seine Arbeit braucht. Da gab es

richtig Streit und unsere Beziehung

stand eine Zeitlang wirklich auf der

Kippe.

Wie habt ihr diesen Konflikt gelöst?

C: Ich habe es einfach durchgezogen

und er musste es akzeptieren.

Wie trennt ihr Privates vom

Beruflichen?

C: Das kann man nicht trennen. Wir

knutschen aber nicht im Büro.

Wie ist es mit Freiräumen?

C: Wir sehen uns zwar rund um die

Uhr, aber immerhin haben wir uns nach

20 Jahren immer noch etwas zu sagen.

Außerdem sind wir auch für ein paar

Tage auf anderen Jobs, da genießt man

die Zeit auch. Hätten wir keine gemeinsame

Firma, würde sich bei unseren

Jobs immer einer beschweren, dass der

andere nicht zum Abendessen da ist.

Und wer hat letztendlich die Hosen

an in der Agentur?

C: Es kommt öfter vor, dass Leute

davon ausgehen, dass Marcus der Chef

ist. Einfach, weil er ein Mann ist.

Darüber kann ich aber nur lachen.

M: In Führungssituationen teilen wir

uns charakterlich gut auf. Ich sage

immer: Christiane ist der Innenminister

und ich der Außenminister. Ich

bin immer der erste und letzte, der mit

Kunden kommuniziert und viel

unterwegs ist, während Christiane

diejenige ist, die das Vertrauen

zwischendurch aufbaut und Dinge

intern viel schneller entscheiden kann.

Christiane und Marcus haben ihre

Agentur sehr wohnlich ausgestattet –

inklusive Bibliothek, Küche und Tiermasken

an den Wänden

Wie bekommt man so ein Berufsleben

hin mit zwei Kindern?

C: Aaron ist schon 14 und sehr

selbständig. Er geht nach der Schule

alleine nach Hause, macht sich was zu

essen. Aber früher mussten die Kinder

natürlich schon immer mit ins Büro.

Außerdem bekommen wir großartige

Unterstützung von unseren Eltern und

den Babysittern.

Bleibt auch Zeit zum Ausgehen?

C: Wir sind berufsbedingt auf so vielen

Events, dass ich an freien Abenden

nicht das Bedürfnis habe, mit Marcus

auszugehen, sondern lieber die Füße

hochlege. Wenn es draußen regnet,

machen wir total gern einen Gammeltag

und gucken den ganzen Tag Filme

mit den Kindern. Das genießen wir

dann alle gemeinsam.

Es ist das Jahr 2044. Wie lebt ihr?

M: Ähnlich wie jetzt, nur mit mehr

Freiheiten. Und mit Enkelkindern

vielleicht.

C: Und wir reisen ganz viel, haben

keinen festen Wohnsitz und kein Auto

mehr. Vielleicht arbeiten wir auch

noch und bringen Bücher über unsere

Reisen raus.

M: Bücher gibt es dann nicht mehr.

C: Dann eben iPad-Lektüren.

92 Werk VI 93


KIRSTEN & STEPHAN

Pauly Saal, Berlin-Mitte:

Kirsten Hermann (41), ihre

Tochter Puki und Stephan

Landwehr (55) sitzen an der

Bar, um mit uns über eine

moderne Patchwork-Beziehung

zu sprechen. Seit acht Jahren

sind die Stylistin und Inhaberin

der Galerie für moderne

Fotografie und der Gastronom

(Pauly Saal, Grill Royal,

King Size Bar), Bilderrahmer

und Kunstsammler ein Paar.

Die 13-jährige Puki stammt aus

Kirstens vorheriger Beziehung.

Wie seid ihr euch zum ersten Mal

begegnet?

Kirsten: Wir saßen uns bei der

Hochzeit einer gemeinsamen Freundin

gegenüber. Meinen Tischnachbarn

habe ich über Stephan ausgefragt,

weil ich ihn interessant fand.

Stephan, was hast du gedacht, als du

Kirsten gegenüber sitzen sahst?

Stephan: Ich fand sie sehr attraktiv.

Später saßen wir ja dann auch

neben einander, und nach der Hoch -

zeit haben wir uns immer öfter

Kirsten, Stephan und Puki in der Bar des

Pauly Saals, die wie ein zweites

Wohnzimmer für die Patchwork-Familie ist

getroffen und unsere Freundschaft

verfestigt. (lacht)

Was versteht ihr unter einer

modernen Beziehung?

S: Dass ich auch mal in Ruhe gelassen

werde und machen kann, was ich will.

K: Freiheit, würde ich sagen!

Wohnt ihr zusammen?

K: Nein, wir leben zwar an den

Wochenenden auf dem Land nordöstlich

von Berlin zusammen in

einem Haus, aber hier in Berlin haben

wir zwei getrennte Wohnungen.

S: Ansonsten haben wir auch zwei

Autos, zwei Bankkonten und

zwei Telefonanschlüsse.

Was schätzt ihr aneinander?

S: Ein gutes Händchen für Hausarbeit,

Abwasch und Wäsche waschen!

K: Immer bist du so böse!

S: Nein. Aber maximale Rückendeckung

in Bezug auf meinen Beruf ist

mir wichtig!

K: Also mir ist meine eigene Unabhängigkeit

sehr wichtig, Loyalität und

auf jeden Fall Humor!

Wann habt ihr denn das letzte

Mal gemeinsam gelacht?

K: Eigentlich lachen wir ständig.

Humor ist das, was uns verbindet.

S: Stimmt – wir lachen sehr oft.

Am meisten lache ich über meine

eigenen Witze über Kirsten.

Puki: Und wenn wir alle zu lauter

Musik tanzen. Dann lachen wir auch

immer viel.

Wie sieht ein typischer Sonntag

bei euch aus?

S: Da sind wir meistens in unserem

Landhaus in Brandenburg. Ich stehe

ganz früh auf, während Kirsten und

Puki lieber länger schlafen. Dann

wandere ich um die zwei Seen vor

unserer Haustür und gehe dann im

eiskalten Wasser schwimmen. Anschließend

bereite ich ein Frühstück

für uns drei vor: zwei Eier im Glas

mit Schnittlauch, Chili und Meersalz.

Du kochst also gern, was sollte

man in deinen Restaurants unbedingt

probieren?

S: Die Speisekarte im Pauly Saal ist

sehr saisonal, weil wir die Produkte

hauptsächlich aus dem Umland

beziehen. Wild ist sehr beliebt, weil

es das beste Bioprodukt ist, was

man haben kann. Wir kaufen es bei

unserem Nachbarn auf dem Land,

der Jäger ist, und transportieren es

dann nach Berlin. Und im Grill Royal

den frischen Fisch.

Wie sehen eure Arbeitszeiten aus?

S: Von acht Uhr morgens bis ein Uhr

nachts.

P: Aber du bist doch nicht um acht

Uhr im Büro!

S: Wer hat heutzutage schon ein Büro?

Wenn ich um acht Uhr einen Anruf

kriege, muss ich natürlich rangehen.

K: Unsere Arbeitszeiten sind sehr

unterschiedlich. Dadurch, dass er

Chef ist und ich freiberuflich arbeite,

sind wir sehr flexibel. Einerseits

kann man sich seine Zeit gut einteilen,

aber auf der anderen Seite muss man

rund um die Uhr erreichbar sein.

Arbeitet ihr auch gemeinsam an

Projekten?

K: Momentan bauen wir das

Landhaus aus. Es sind eher gemeinsame

Hobbys, die wir haben. Es ist

nicht so, dass wir eine Firma haben,

aber irgendwie vermischt es sich

ja doch alles. Man unterhält sich über

anstehende Projekte, tauscht Ideen

aus, spricht über Kunst. Unterstützt

sich, aber nervt sich auch, wenn

man mal etwas besser weiß als der

andere.

Knallt es dann auch mal?

S: Über Kunst kann man nicht streiten.

Man kann zwar verschiedener Meinung

sein, was gut oder schlecht ist,

aber das kann am Ende nur akzeptiert

werden. Ich kann niemandem vorschreiben,

die Kunst gut zu finden, die

ich gut finde. Aber Kirsten und mein

Geschmack ergänzen sich ganz gut.

Kirsten, nach welchen Kriterien

suchst du die Künstler für deine

Galerie aus?

K: Das ist tatsächlich sehr intuitiv. Ich

mag besonders die Porträt- und

Aktfotografie. Fotografen wie Ute

Mahler oder Günter Rössler, die in der

DDR gearbeitet haben, interessieren

mich ganz besonders. Das hat mit

meinem eigenen Background zu tun,

ich bin in Rostock aufgewachsen.

„ÜBER KUNST

KANN MAN SICH

NICHT STREITEN“

STEPHAN LANDWEHR

Was hältst du von Plattformen wie

Instagram – da ist ja quasi jeder

Fotokünstler?

K: Ich finde Instagram inspirierend

und ein wichtiges Mittel unserer Zeit,

das man nicht einfach so ignorieren

kann. Ich bin allerdings eher zögerlich,

aus allem gleich eine Ausstellung zu

machen.

Stephan, ist Mode für dich auch

Kunst?

S: Nein, auf keinen Fall. Kann es gar

nicht sein, weil es schlichtweg ein

Gebrauchsgegenstand ist. Architektur

ist schließlich auch keine Kunst.

K: Aber findest du nicht, dass die

Kreation dahinter eine Form der Kunst

ist? Wenn du dir z. B. die Entwürfe

von Alexander McQueen anschaust,

das sind doch unfassbare Skulpturen!

S: Kunst dient aber nicht, während

Kleidung nützlich ist. In Paris waren

wir in der Alaïa-Austellung, die war

schon beeindruckend. Diese Zeitdokumente,

losgelöst von Körper und

Mensch, könnte man als Kunst

betrachtet. Im historischen Rückblick

funktioniert es schon. Aber dann

könnte auch ein Auto aus den

70er-Jahren Kunst sein. Da hört man

dann automatisch die Musik, die

darin wahrscheinlich gespielt wurde,

und wird für einen Moment schwach.

Dieses Gefühl ist Kunst.

Was bedeutet dir die Kleidung,

die du trägst?

S: Ich habe keinerlei Beziehung zu

Mode.

K: Das würde ich nicht sagen,

schließlich trägst du ausschließlich

maßgeschneiderte Anzüge – genau

das ist Mode!

S: Das liegt daran, dass ich es hasse,

in Läden einzukaufen.

Was macht guten Stil bei einem Mann

aus?

K: Er muss einfach seine Kleidung

füllen. Das können auch Jeans und

T-Shirt sein, aber es muss authentisch

sein und die Ausstrahlung muss von

innen kommen. Stephan scheint für

mich im Anzug geboren zu sein.

Wichtig ist auch, dass die Kleidung gut

sitzt – egal ob Anzug oder Baggy-Jeans.

Euch trennen 14 Jahre – ist der

Altersunterschied ein Thema?

K: Das Positive daran sind Stephans

spannende Geschichten, insbesondere

vom Berlin der 80er-Jahre. Er kam

1983 nach Westberlin und hat die

ganze Entwicklung der Stadt mitbekommen.

Negativ ist, dass er immer

so früh aufstehen muss.

Puki, findest du es auch mal schwierig,

in einer Patchwork-Familie zu leben?

P: Nö!

K: Erzähl mal, wie du lebst, Puki.

P: Ich bin eine Woche bei Mama

und eine Woche bei Papa, und am

Wochenende bin ich meistens mit

Stephan und Mama auf dem Land.

Manchmal komm ich aber auch nicht

mit, wenn ich keine Lust habe.

Ist dein Verhältnis zu Stephan

väterlich oder freundschaftlich?

P: Auf jeden Fall väterlich.

S: Braves Mädchen!

K: Das ist aber wirklich so. Ich habe

manchmal sogar das Gefühl,

dass ich etwas außen vor bin, weil

die beiden sich so gut verstehen.

P: Am Anfang hatte ich noch Angst

vor ihm, weil er so groß ist und so

einen speziellen Humor hat. Aber jetzt

ist alles super.

Stephan, hast du dir eigene Kinder

gewünscht?

S: Es war nie so ein Thema für mich.

Ausgeschlossen habe ich es nie,

aber natürlich gehört auch immer

die richtige Beziehung dazu.

Was versucht ihr, Puki mit auf den

Weg zu geben?

K: Mir sind gute Umgangsformen

wichtig. Wie sie ihr Besteck hält, dass

sie gerade sitzt und beim Begrüßen

aufsteht. Ansonsten versuche ich, ihr

viele Freiheiten zu geben, weil ich

selbst sehr unkonventionell aufgewachsen

bin. Ich bin keine Mutter, die sagt:

„Nicht soviel fernsehen!“ Ich finde,

man sollte Kindern eher beibringen,

Verantwortung zu übernehmen und

herauszufinden, was gut für sie ist.

S: Und keine Männer, bis sie 16 ist!

94 Werk VI 95


AMORS

HELFER

Flirten. Für manche die einfachste Sache der Welt, für andere

eine unlösbare Hürde auf der Suche nach der großen Liebe.

Für Männer, die Frauen aus Fleisch und Blut kennenlernen wollen,

es aber nicht schaffen, bietet die Flirtuniversity in Köln

ein Wochenendseminar an. Wir waren dabei

TEXT: ELSA SONNTAG

ILLUSTRATION: TABEA BECKER

Johann rennt über die Straße und erreicht die junge

Frau gerade noch, bevor sie im Hauseingang verschwindet.

„Hallo, ich heiße Johann. Ich hab dich

gesehen und fand dich unglaublich süß. Ich musste

dir das jetzt einfach mal sagen.“ Eine Situation wie aus einem

Hollywood-Liebesfilm: Frau läuft nichtsahnend durch die

Stadt und plötzlich taucht ihr Traumprinz auf und spricht sie

an. Ganz so spontan war das bei Johann allerdings nicht. Er

befindet sich mitten in einem Flirtcoaching-Seminar und hat

vorher genau gesagt bekommen, was er tun muss. Er ist mit

einem Mikrofon ausgestattet und wird heimlich gefilmt.

Flirtcoaching-Seminar? Was bitte soll das denn sein? Wozu

gibt es Tinder, Facebook und Parship? In Zeiten, in denen es

völlig normal ist, seinen Partner mittels Onlinedating zu finden,

scheint so eine Taktik völlig veraltet. Heute schickt man

dem oder der Angebeteten eine Freundschaftseinladung oder

schreibt eine Nachricht. Wenn nichts zurückkommt, dann war

die Zurückweisung wenigstens digital und nicht echt. Doch

was ist, wenn man keine Lust auf Onlinedating hat? Wenn

man es ausprobiert hat und nur enttäuscht wurde? So geht es

den sieben Männern, die an einem heißen Juniwochenende in

Köln zusammenkommen, um das Flirten zu lernen.

Gegründet wurde die Flirtuniversity 2012 von Alex Pareto

und Horst Wenzel in Essen. Wenzel war vorher jüngster

SPD-Ortsvereinschef in Westerfilde, Nordrhein-Westfalen.

Er hat seine politische Karriere für den Job als Flirtcoach an

den Nagel gehängt. Pareto hat bereits als Student eine eigene

Internetfirma gegründet. Neben seiner Tätigkeit an der

Flirtuniversity coacht er u. a. Mitarbeiter in großen Unternehmen

im Bereich Persönlichkeitsentwicklung. Inzwischen

bieten die beiden deutschlandweit an mindestens drei Wochenenden

im Monat Flirtcoaching-Seminare an. Auch

Stimmtraining, Einzel- und Stylecoaching kann man zusätzlich

buchen. Pareto und Wenzel haben für ihre University

ein klares Ziel definiert: den Männern und Frauen auf dieser

Welt zu mehr „Liebe im Leben“ zu verhelfen. Potenzielle

Kunden gibt es genug. Rund 20 Millionen Singles leben in

Deutschland. 2013 hat das Online-Partnerportal elitepartner.de

insgesamt 4.147 Alleinstehende nach dem Grund ihres

Singlelebens befragt. Die Frauen gaben an, zu oft auf beziehungsunfähige

Männer zu treffen. Und Männer sind

schlichtweg zu schüchtern, um die richtige Frau anzusprechen.

Diesen Männern wollen Pareto und Wenzel auf die

Sprünge helfen.

HINTER JEDEM FLIRT

STECKT EIN ABENTEUER

„Natürlich begeistern“ lautet der Titel des Seminars in Köln.

Vormittags um halb elf treffen die Teilnehmer in den Konferenzräumen

ein. Alle sieben haben ein Problem: Frauen stellen

immer höhere Ansprüche! Sie wollen einen Superman,

der charmant, gutaussehend und auch noch erfolgreich im

Beruf ist! Michael ist 47 und Kinderarzt. Eine gute Partie,

könnte man meinen. Aber er schafft es einfach nicht, aus seiner

Komfortzone, die aus Freunden, Familie und Beruf besteht,

auszubrechen und Frauen kennenzulernen. Er sei kein

Typ, der Frauen ansprechen kann, sagt er. Als er im Internet

auf die Flirtuniversity stieß, dachte er sich, was soll schon

passieren, einen Versuch ist es wert. Ralf, 32, erfolgreicher Ingenieur,

findet sich immer wieder in der sogenannten Friendzone

wieder: laut Wikipedia eine platonische Beziehung, in

der eine Person, meist der Mann, sich irgendwann auch nach

Romantik und Sex sehnt. Die andere Person jedoch nicht. „Es

ist eine verkappte Männervorstellung, dass man mit einer

Frau befreundet sein kann, bevor sie sich in einen verliebt“,

sagt Coach Wenzel. Das passiere nur selten. „Mann muss seine

Intention klar machen!“

Patricks größter Wunsch wäre es, überhaupt mal in der

Nähe einer Friendzone zu landen. Er ist 36, hatte noch nie

eine Freundin und bisher nur Sex mit Prostituierten. Und der

war nicht mal gut. Er packt offen sein Problem auf den Tisch.

Patrick wünscht sich endlich Zufriedenheit in seinem Leben.

„Was dich glücklich macht, sind deine Gedanken! Frauen

merken eine positive Ausstrahlung. Wir werden das an diesem

Wochenende bei euch schaffen“, versprechen die

Coaches.

ÜBEN AN DER FALSCHEN

FÜR DIE RICHTIGE

Was alle sieben Männer gemeinsam haben, ist die Angst vor

der Zurückweisung. Die Panik, abgelehnt zu werden, lähmt

sie bei dem Versuch, Frauen anzusprechen. „Vor mir sitzen

sieben Ferraris, aber ihr wisst es noch nicht!“, sagt Wenzel.

Patrick unterbricht: „Ich will aber lieber ein Bugatti sein!“ An

Motivation mangelt es nicht. Wäre auch fehl am Platz. Mit

knapp 600 Euro ist die Teilnahme am Flirtseminar kein

Schnäppchen. Wer das Geld ausgibt, macht also besser richtig

mit. Nun geht es darum, Frauen in alltäglichen Situationen

anzusprechen. „Motion creates emotion“, sagt Wenzel.

„Und Frauen lieben Emotionen, denn sie handeln aus dem

Bauch heraus.“ Schafft es der Mann, der Frau ein positives

Gefühl zu geben, ist das Ziel des ersten Seminartages schon so

gut wie erreicht: ihre Handynummer. „Der verbale Inhalt

beim Ansprechen einer Frau wird total überschätzt. Viel

wichtiger ist die Energie“, behauptet Wenzel. An diesem Wochenende

werden die Männer also keine vorgefertigten Sprüche

oder Fünf-Schritte-zum-Date-Formeln erhalten. Sie sollen

ihre innere Einstellung ändern. „Wenn du denkst, dass

das, was du sagst, das Coolste auf der Welt ist, dann ist es das

Coolste auf der Welt!“, prophezeit Pareto.

Wenn man ihn so sprechen hört, glaubt man ihm das auch.

Er ist 31 Jahre jung, attraktiv, mit seinem Zahnpastalächeln

bringt er sicher viele zum Grinsen. Ebenso Wenzel: Der

26-Jährige könnte selbst den kältesten Eisblock zum Schmelzen

bringen. Die beiden haben vereint einen Charme, der

schon allerhand Frauenherzen gebrochen haben muss. Aber

die Flirtprofis sind in festen Beziehungen. Offenen festen Beziehungen,

wie sie betonen.

Tag eins: Auf der Ehrenstraße, einer großen Fußgängerzone

in Köln, werden die Teilnehmer frei laufen gelassen. Um

warm zu werden, müssen sie in einer Minute so viele High-fives

wie nur möglich sammeln. Danach sollen sie ausschwärmen,

um fremden Menschen ein Kompliment zu machen.

Um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen, sollen sie nun

96 Werk VI 97


gezielt auf Frauen zugehen, ihren Namen herausfinden und

welches Spielzeug sie als Kind am liebsten hatten. Das Coaching

vorab lautet, den Frauen in die Augen zu schauen, sie

anzulächeln und sich mit einem Händeschütteln vorzustellen.

Denn mit einem Händeschütteln habe man schon zehn

Prozent erreicht auf dem Weg zum Kuss. Der Kuss liegt bei

100 Prozent. Für Karsten ein kaum vorstellbares Ziel. Karsten

ist zwei Meter groß und war zehn Jahre Soldat in der

Bundeswehr. Kontrolliert und kühl wirkt er. Nicht gerade

eine anziehende Ausstrahlung. Auch Michael steht etwas

verloren in der Gegend rum. „Je länger du wartest, umso

größer wird die Angst vor der Zurückweisung! Du verpasst

dein Leben“, motiviert Pareto. Michael spricht eine Frau an.

Sie spielte am liebsten mit Barbies.

Im Kopf des Mannes, so lernen die Seminarteilnehmer, arbeiten

drei Menschen beim Flirt. Erstens: der Kreative. Er

überlegt, mit welchem Kompliment oder welchem Satz er

den Fokus der Frau auf sich zieht, zum Beispiel: „Ich habe

dich gerade die Rolltreppe hochfahren sehen und musste dir

jetzt sagen, wie schön du aussiehst.“ Zweitens: der Händler.

Er ergreift die Initiative, wenn die Frau stehen geblieben ist.

„Ein Gespräch ist wie ein Tennisspiel. Du musst immer wieder

die Bälle einwerfen. Der Inhalt ist egal.“ Drittens: der Kritiker.

Er ist in dem Moment der größte Feind. Er ist der innere

Schweinehund: „Es gibt nicht nur einen Weg und es ist

harte Arbeit. Aber jeder von euch kann flirten und jeder von

euch wird Erfolg haben.“ Amen.

SIE HATTE NUR

NOCH SCHUHE AN

Bevor es am Abend des ersten Seminartages auf die Piste

geht, bekommen die Junggesellen ein paar Stylingtipps, die

auch dringend benötigt werden. Der 26-jährige Christian studiert

Maschinenbau. Nach der Trennung von seiner Freundin

hat er 20 Kilo zugenommen. Dass T-Shirts nicht automatisch

mitwachsen, wird ihm nun erklärt. Er macht beim

Seminar mit, weil er nach seiner langjährigen Beziehung

nicht mehr weiß, wie er Frauen ansprechen soll. In seiner Uni

herrscht Männerüberschuss und Onlinedating kommt für

ihn nicht infrage. Er hat nicht einmal ein Smartphone. Auch

Patrick wird nahegelegt, dass seine Dieter-Bohlen-Gedächtnishose

mit auffälligen Ziernähten die meisten Frauen schreiend

in die Flucht schlagen wird.

Gestylt geht es jetzt ins Partytreiben. Plan ist es, von Bar zu

Bar zu ziehen und später in einem Club tanzen zu gehen.

Aufgabe ist es, immer unter Menschen zu sein. Keiner soll

allein in der Ecke stehen. Und natürlich die 100 Prozent: der

Kuss einer Frau. Die Coaches sind jetzt nicht mehr zu halten.

Sie erinnern an die energiegeladenen Häschen aus der Duracell-Werbung.

Die Frau wird anvisiert und erobert – und im

Schlepptau ist immer ein Kursteilnehmer. Starthilfe. Nachts

um drei landet die Gruppe auf einer Schlagerparty. Zu Klassikern

wie „Knallrotes Gummiboot“ oder „Das rote Pferd“

wird auf der Tanzfläche alles gegeben. Doch nicht jeder lässt

sich von der Musik mitreißen. Für Michael war es dann doch

nicht die richtige Zielgruppe, ihm sind die Frauen zu jung.

Ralf ist auf dem Weg verloren gegangen und Patrick traut

sich einfach nicht, die Tanzfläche zu stürmen. Nach einer

kurzen Aufmunterungs-Session der beiden Coaches tanzen

dann doch alle im Kreis zu Mickie Krauses Hit „Sie hatte nur

noch Schuhe an“. Außer Mirko. Am Morgen hatte der

35-Jährige noch erklärt, sein größtes Ziel wäre es, überhaupt

eine Frau anzusprechen. Jetzt hat er die 100 Prozent erreicht.

Zärtlich schmust er auf der Tanzfläche mit einer hübschen

Blondine.

MUTIG SEIN HEISST, ANGST ZU HABEN

UND ES TROTZDEM ZU VERSUCHEN

Sonntag. Am zweiten Tag des Seminars wird es noch mal ernst.

Es geht um Persönlichkeitsentwicklung. Negative Erfahrungen

in der Vergangenheit könnten das Verhalten der Männer gegenüber

Frauen ein ganzes Leben lang beeinflussen, sagt Pareto:

„Dein persönliches Glück kann sich nur durch deine innere

Einstellung ändern.“ Es gehe darum, im Hier und Jetzt zu leben

und seines eigenen Glückes Schmied zu sein. Jeder müsse

in sich gehen und überlegen: Was genau will ich und was erwarte

ich von einer Frau? „Andere zu erkennen ist Intelligenz.

Sich selbst zu erkennen ist wahre Weisheit.“

Auch die beiden Coaches mussten erst ihre innere Einstellung

ändern, um Erfolg bei Frauen zu haben. Wenzel wurde

lange wegen seines Namens gehänselt, Pareto war als Nerd

verschrien. Ihr Talent, Frauen um den Finger zu wickeln, entstand

durch den Willen, aus diesen Außenseiterrolle auszubrechen.

Wie sie das geschafft haben, wollen sie in ihrer

Flirtuniversity an Bedürftige weitergeben.

Die Teilnehmer haben nun drei Minuten Zeit, um sich zu

überlegen, wie ihr Wunschleben in drei Jahren aussehen soll.

Alle sieben sehen sich mit einer festen Partnerin. Hier wird

noch einmal klar: Diese Männer sehnen sich nach Liebe. Das

Verlangen nach Zweisamkeit treibt sie an. Verkabelt und mit

Kamera ausgestattet startet die Gruppe am Nachmittag nach

draußen, um das Erlernte der letzten 24 Stunden anzuwenden.

Die Kameraaufnahmen dienen der späteren Videoanalyse.

Patrick wird auf eine junge Frau angesetzt, die in den Augen

aller anderen eine „Granate“ ist. Zielstrebig spricht er sie an. In

dem Moment, in dem er nach ihrer Nummer fragt, taucht ihr

Freund auf. Dass Patrick nun überhaupt den Mut besitzt, eine

Frau anzusprechen, grenzt an ein Wunder. Am Ende des Tages

gehen alle mit mindestens einer Handynummer nach

Hause. Außer Johann, der sogar ein Date mit der jungen Frau

hatte, der er hinterherrennen musste. Mehr Liebe im Leben.

Zumindest für zwei Tage haben die Flirtcoaches Wenzel und

Pareto ihr Ziel erreicht.

Flirttrainer Horst

Wenzel (r.)

und Alex Pareto

verhelfen verzweifelten

Singlemännern

zu

neuem Liebesglück

FOTOS: ARTHUT PLUTA

98 Werk VI 99


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