Über das Leben des Wasserbauingenieurs und Gelehrten Johann Gottfried Tull

barbarahorn
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Beiträge zur Stadtgeschichte

K A P I T E L 1

B E I T R Ä G E Z U R S T A D T G E S C H I C H T E

Über das Leben des Wasserbauingenieurs

und Gelehrten Johann Gottfried Tulla

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G R U S S W O R T

„In der Regel sollten in kultivierten Ländern die Bäche, Flüsse und Ströme Kanäle sein und die Leitung

der Gewässer in der Gewalt der Bewohner stehen.“

Johann Gottfried Tulla

Tullas Zitat entspricht ganz dem Geist der Aufklärung.

Und es verdeutlicht sein Lebensthema. Denn

der Ingenieur, der im Dienste des Markgrafen von

Baden tätig war, hatte sich vollkommen den Naturwissenschaften

und dem Glauben an den Fortschritt

verschrieben. Sein „Meisterstück“ war die

Begradigung des Rheins, ein gewaltiges und – wie

wir heute sagen würden – höchst innovatives Projekt,

das er 1817 begann.

Der Rhein ist ein beeindruckender Strom. In früheren

Zeiten wand er sich in gewaltigen Mäandern

und vielen verästelten Nebenarmen durch eine

weite Auenlandschaft und trat häufig über seine

Ufer. Seine Unberechenbarkeit stellte eine große

Gefahr für die Anwohner dar – bis Johann Gottfried

Tulla seine Vision einer Rheinbegradigung

vorlegte. Er kappte dem Fluss alle Schlingen und

zwang ihn in ein einheitliches Bett. Als das Projekt

1876, lange nach Tullas Tod, abgeschlossen war,

verkürzte sich die Flusslänge des Rheins zwischen

Mannheim und Basel von 354 auf nur noch 273 Kilometer.

Die Rheinbegradigung sollte aus damaliger

Sicht vor allem die Hochwassergefahr senken,

das Land entlang des Stroms entsumpfen und urbar

machen, die Seuchengefahr eindämmen und

den Rhein als Transportweg für die Schifffahrt erschließen.

Heute sehen wir die Rheinbegradigung Johann

Gottfried Tullas mit ganz anderen Augen. Mit großem

Aufwand haben wir beispielsweise die Murg

renaturiert. Jedoch bleibt die enorme Ingenieursleistung

Tullas ungeschmälert, die zu Beginn des

19. Jahrhunderts nicht nur von einer verarmten,

durch den Fluss bedrohten Bevölkerung als segensreich

empfunden wurde. Auch für das wirtschaftlich

aufstrebende Großherzogtum Baden war

sie von großem Nutzen.

Die vierte Veröffentlichung in der Reihe Beiträge

zur Stadtgeschichte widmet sich nun diesem großen

badischen Wasserbauingenieur Johann Gottfried

Tulla, der vor etwa 200 Jahren den Grundstein

legte, unsere Landschaft so nachhaltig zu

verändern. Die Schrift begleitet ferner die Ausstellung

„… und ich auch gerne etwas zur Belehrung

anderer beytrage – Über das Leben des Wasserbauingenieurs

und Gelehrten Johann Gottfried

Tulla“, die im Stadtmuseum bis Ende Februar 2016

zu sehen ist.

Mein herzlicher Dank geht an die Hildegard und Julius

Strübel-Stiftung, deren finanzielle Unterstützung

die Grafik und die Drucklegung dieser Schrift

erst ermöglichte. Mein Dank geht außerdem an

die beiden Autoren der Schrift, Nicole Zerrath und

Rainer Boos. Sie haben mit großem persönlichem

Engagement und äußerst kenntnisreich die Inhalte

erarbeitet. Ihnen und allen, die durch viele hilfreiche

Hinweise unser Vorhaben auch durch Leihgaben

unterstützt haben, danke ich ebenso sehr.

Ich wünsche der vorliegenden Publikation eine interessierte

Leserschaft und der Ausstellung regen

Zuspruch und viel Erfolg.

Rastatt im Juli 2015

Hans Jürgen Pütsch

Oberbürgermeister

Partie an der

Murg bei Rastatt,

Joseph Hauwiller,

1785

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T U L L A

Tulla und seine Wegbegleiter

Nicole Zerrath

Johann Gottfried

Tulla (1770 – 1828)

Als Johann Gottfried Tulla Ende 1827 nach Paris

reiste, um sich nach der neuesten medizinischen

Methode von seinen Blasensteinen befreien zu

lassen, hatte er zuvor den Rat des damals bedeutendsten

deutschen Anatomen Samuel Thomas

von Soemmerring eingeholt. Der Kontakt zu Soemmering

war über Tullas ehemaligen Kollegen in

der badischen Verwaltung, Staatsrat Johann Klüber,

entstanden. Die Art und Weise, wie Tulla im

Austausch mit Freunden und Kollegen auf die neue

Behandlungsmethode stieß, ist Spiegelbild des

Wissenstranfers im Zeitalter der Aufklärung. Diesem

Prinzip entsprechend hatte auch Tullas Ausbildung

stattgefunden. Nachdem seine Begabung

zu Schulzeiten erkannt worden war, bemühten sich

Lehrer und Mentoren um weitere Ausbildungsstationen.

Alle zu Studienzwecken unternommenen

Aufenthalte und Reisen waren fast immer mit Besuchen

bei Gelehrten oder Vorständen der jeweiligen

Institutionen verbunden. Damit trat der junge

Tulla in ein Netzwerk ein, das sich im Lauf der Jahre

immer weiter verzweigte.

Aus der Idee, Tullas Lebensweg, eingebettet in

sein geistesgeschichtliches Umfeld nachzuzeichnen,

ist der vorliegende Beitrag entstanden. Die

hier vorgestellten Personen, die für Tulla Lehrer,

Mentor, Kollege oder Freund waren, sind uns aus

schriftlichen Quellen bekannt. Obwohl die eine

oder andere wichtige Person aufgrund fehlender

Zeugnisse im Text nicht berücksichtigt werden

konnte, scheint der Kreis der vorgestellten Freunde

sowie deren unterschiedliche Bildung und Lebensweise

ausreichend, um deutlich zu machen, in

welchem geistigen Klima Tulla gelernt, gearbeitet,

kurzum gelebt hat. All jene Charakteristika, die

das Zeitalter der Aufklärung auszeichnen - das

Sammeln von Wissen, dessen schriftliche Fixierung,

die Weitergabe unter Gleichgesinnten, der

diskursive Austausch – lassen sich im persönlichen

Umfeld Tullas ausmachen. Die Atmosphäre

der Aufklärung war Ausgangspunkt und Voraussetzung

für Tullas Ausbildung zum Wasserbauer

und die Entwicklung seiner Idee der Rheinkorrektion.

Als Quellen dienen in erster Linie der Briefwechsel

Tullas mit Claus Kröncke aus den Jahren 1798 bis

1827 sowie eine aus dem Familienbesitz des Oberamtsrichters

Rudolf Müller stammende Urkundenund

Aktensammlung. Beide Bestände befinden

sich heute im Landesarchiv Baden-Württemberg (1) .

Als Grundlage zur Erarbeitung der Tulla-Biografie

können nach wie vor der Nekrolog von Johann Philipp

Scheffel und die zum hundertjährigen Todestag

erschienenen Werke von Heinrich Cassinone, Karl

Spieß und Arthur Valdenaire empfohlen werden (2) .

Beide Arbeiten stammen aus der Feder von Technikern

und nehmen damit deren Blickwinkel ein.

Eine von dem Historiker Hans-Georg Zier anlässlich

4

(1) Vgl. Landesarchiv Baden-Württemberg, Abteilung Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA) 237/2432 , Johann Gottfried Tulla (Briefwechsel zwischen Kröncke und Tulla)

und 237/24328 Johann Gottfried Tulla (Urkunden- und Aktensammlung aus dem Familienbesitz Müller).

(2) Vgl. Scheffel, Philipp Jakob: Nekrolog auf Johann Gottfried Tulla. Karlsruhe 1830; Cassinone, Heinrich / Spieß, Karl: Johann Gottfried Tulla der Begründer der Wasserund

Straßenbauverwaltung in Baden. Sein Leben und Wirken, Karlsruhe 1929; Valdenaire, Arthur: Das Leben und Wirken des Johann Gottfried Tulla, in Zeitschrift für

die Geschichte des Oberrheins 81 (NF 42), 1929, S. 337-364; Ders.: Das Leben und Wirken des Johann Gottfried Tulla in Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins

83 (NF 44) 1931, S. 258-286.


T U L L A

Der Bruder von

Johann Gottfried

Tulla, Karl Christoph

Wilhelm, war zeitweilig

Wirt des

„Darmstädter Hofes“

in Karlsruhe.

des 200. Geburtstages von Tulla verfasste Biografie

berücksichtigt alle im Landesarchiv Baden-

Württemberg befindlichen Akten und bewertet das

Werk Tullas vor dem Hintergund der badischen

und europäischen Geschichte (3) . Eberhard Henze

hat in seiner Darstellung Tulla und Humanität (4)

Tullas Schaffen vor allem mit Blick auf dessen humanistischem

Antrieb gewürdigt. David Blackbourn

stellt in seinem Werk die Rheinkorrektion in

den Zusammenhang mit anderen europäischen

Wasserbaumaßnahmen. Die Einordnung in den

zeitgeschichtlichen Kontext unter Einbeziehung

der klimatischen Veränderungen gelang Rainer

Boos in seinem 2012 veröffentlichten Beitrag (5) .

Familie

Johann Gottfried Tulla wurde am 20. März 1770 als

ältester von drei Geschwistern in Karlsruhe geboren

(6) . Sein Vater, dessen Vorname ebenfalls Johann

Gottfried lautete, stammte aus dem Markgräfler

Land und war, wie schon viele seiner

väterlichen Vorfahren, evangelischer Pfarrer. Tullas

Mutter Marie Christine war die Tochter des fürstlichen

Küchenmeisters Carl Pfeiffer aus Karlsruhe.

Zwei Jahre nach Johann Gottfried kam der Sohn

Karl Christoph Wilhelm und zehn Jahre später, im

September 1792, die Tochter Marie Christine zur

Welt, die im Alter von 15 Jahren starb. Am 20. März

1800, am 30. Geburtstag des erstgeborenen Sohnes,

starb auch die Mutter. Fünf Jahre später heiratete

der Vater die Pfarrerstochter Johanna Eleonore

Oelenheinz aus Rüpurr (7) .

Die Interessen des Vaters waren vielseitig und

reichten über sein berufliches Gebiet der Religion

hinaus. 1771 veröffentlichte er ein kleines pädagogisches

Werk mit dem Titel Biblisches Jahrbuch

wodurch der Jugend in Jahresfrist der Inhalt der heiligen

Schrift auf eine leichte und ihr angenehme

faßliche Art beygebracht werden kann. Im Jahr darauf

folgte ein Buch über die Mitglieder der markgräflich-badischen

Familie. Ein Brief Johann Peter

Hebels aus dem Jahr 1796 belegt, dass sich Tullas

Vater auch mit statistisch-geographischen Daten

beschäftigte. So legte er eine Tabelle an, die „alle

Ämter, Städte, Flecken, Flüsse, Bäder, Seen, Berge

des Landes, den Quadrat-Inhalt jedes Landes, die

Volkszahl, die Merkwürdigkeiten, die Amtsdienste“

Württembergs verzeichnete. Eine ähnliche Zusammenschau

war wohl auch für Baden geplant (8) .

Tullas Bruder Karl Christoph Wilhelm war mit Ka-

(3) Vgl. Zier, Hans-Georg: Johann Gottfried Tulla. Ein Lebensbild, in: Badische Heimat, 50. Jg., 1970, Heft 4, S. 379-449.

(4) Vgl. Henze, Eberhard: Tulla und Humanität, Mannheim 1989.

(5) Vgl. Blackbourn, David: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft. München 2007; Boos, Rainer: Tulla und seine Zeit, in: Haberland, Irene

/ Winzen, Matthias: Der Rhein. Ritterburgen mit Eisenbahnanschluss. Dillingen 2012, S. 172-193.

(6) Das Ehepaar Tulla hatte schon vor Johann Gottfried ein Kind bekommen, welches direkt nach der Geburt starb. Rainer Boos hat einen Stammbaum der Familie Tulla

erstellt, der bisher noch unveröffentlicht ist.

(7) Vgl. Oelenheinz, Leopold: Badische Familien: Die Tulla, in: Heraldisch-genealogische Blätter für adelige und bürgerliche Geschlechter. Monatsschrift zur Pflege der Heraldik,

Genealogie, Sphragitsik, Epitaphik, Diplomatik, Numismatik und Kulturgeschichte, Pforzheim 1905, S. 185-188.

Vgl. Ebeling, Hermann: Johann Gottfried Tulla und die Korrektion des Oberrheins, in: Die Ortenau, 85. Jb., Offenburg 2005, S. 495-514, hier S. 496; Zentner, Wilhelm

(Hrsg.): Johann Peter Hebels Briefe. Erster Band, Karlsruhe 1939, S. 39.

(8) Vgl. Oelenheinz 1905, S. 188; Kirchenbuch Karlsruhe 1817, fol. 41.

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Das Gymnasium in

der Langestraße

(heute Kaiserstraße)

von 1724 – 1807

tharina Frommel, der Tochter des Söllinger Bürgermeisters

verheiratet und Vater von vier Kindern.

Er erhielt 1795 das Bürgerrecht in Karlsruhe, wirkte

zeitweise als Bürgermeister und betrieb den

„Darmstädter Hof“. Während des Rastatter Kongresses

unterhielt er in Rastatt die „Weinhandlung

Tulla & Co“ in der Herrenstraße 36 im damals

Hellmannschen Haus. Er starb 45-jährig an einer

Hirn-und Halsentzündung (9) . Obwohl Tulla selbst

mit knapp 58 Jahren starb, überlebte er seine beiden

jüngeren Geschwister.

Schule

Entsprechend der Familientradition durften die beiden

Söhne des Ehepaars Tulla die höhere Schule

besuchen. Johann Gottfried und Karl Christoph traten

im Oktober 1783 in das Karlsruher Gymnasium

ein (10) , das sich damals an der Langestraße (heute

Kaiserstraße) in Nachbarschaft der Concordiakirche

befand. Insbesondere dem Physik- und Techniklehrer

Boeckmann fiel in jenen Jahren die ungewöhnliche

mathematische und naturwissenschaftliche

Begabung des jungen Johann Gottfried

Tulla auf, der sich damals bereits autodidaktisch

mit höherer Algebra und praktischer Geometrie

beschäftigte. Seinen Neigungen folgend begann

Tulla nach der Reifeprüfung eine Ausbildung zum

Geometer anstatt des ursprünglich geplanten

Theologiestudiums. Der vielseitig begabte Vater

tolerierte diese Entscheidung offensichtlich wohlwollend.

Ausbildung

Während der Lehrjahre gewann Tulla den Ingenieur

Peter Perez Burdett (1734-1793) als persönlichen

Fürsprecher und Mentor (11) . Der 1734 in England

geborene Burdett trat 1774, nachdem er zuvor als

Ingenieur für die Stadt Liverpool mit der Kartographierung

und Planung der Wasserversorgung

betraut gewesen war, in den Dienst der Markgrafschaft

Baden. Mit dem Tod des letzten baden-badischen

Markgrafen August Georg war die Markgrafschaft

Baden-Baden 1771 an Baden-Durlach

gefallen. Damit hatte sich das Gebiet der Markgrafschaft

Baden-Durlach deutlich vergrößert und

eine personelle Erweiterung der Bauverwaltung

notwendig gemacht. Zu Burdetts ersten Aufgaben

gehörte die Begradigung der Murg, um die Rastatter

vor den Gefahren des Hochwassers zu

schützen. Darüber hinaus war er für die kartographische

Aufnahme der ehemaligen Markgrafschaft

Baden-Baden, für die Planung eines Rheinhafens

für Karlsruhe und die Ausbildung der angehenden

Ingenieure, unter denen sich auch Tulla befand,

verantwortlich. Burdett, der auf Empfehlung des

badischen Ingenieurs Carl Christian Vierordt nach

Karlsruhe gekommen war, hatte sich in jungen Jahren

auch als Maler betätigt. So war es naheliegend,

dass er Tulla in die Grundlagen der Projektionslehre

und des perspektivischen Zeichnens

einführte. Zwei Zeugnisse von Burdetts künstlerischem

Talent sind noch erhalten. Es sind dies zwei

Ansichten des Karlsruher Schlosses, welche er der

(9) Vgl. Oelenheinz 1905, S. 188; Kirchenbuch Karlsruhe 1817, fol. 41.

(10) Vgl. GLA 635-2/1280 Album illustris [gymnasii], angelegt von Prorektor Jalob Friedrich Maler 1750-1814, fol. 157.

(11)) Valdenaire bezeichnet Burdett als „de[n] besondere[n] Gönner Tullas“. Vgl. Valdenaire 1929, S. 340.

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Markgräfin Caroline Luise persönlich übergab.

Burdett heiratete nach dem Tod seiner ersten Frau

die Tochter des geheimen Staatssekretärs in Preußen,

Friederike Kotkowski. Ihre gemeinsame Tochter

Anna kam 1777 in Rastatt zur Welt.

Im Mai 1789, zwei Monate bevor in Frankreich die

Bastille gestürmt wurde, legte Tulla seine Geometerprüfung

ab. Die von den Ingenieuren Schwenk

und Burdett gestellte Aufgabe lautete, ein „herrschaftliches

Heckwäldlein bei Durlach auszumessen,

in Plan zu bringen und zu vermessen“ (12) . Bis

zum Jahresende erhielt Tulla eine erste Stelle bei

einem Geometer in Badenweiler, wo er mit der Aufnahme

von Forstrissen betraut war.

Um Tulla weiter auszubilden, wurde er zum 1. Januar

1790 als Geometer „ohne praktischen Dienst“

bei der markgräflichen Verwaltung angestellt. Kleinere

Arbeiten, wie die Vermarkung von Iffezheim

und Sandweier oder die Vermessung des Hundsbacher

Forsts führte er aus, die meiste Zeit war er

jedoch für Kollegienbesuche und Privatunterricht

freigestellt. (13) In Physik unterrichtete ihn Hofrat

Johann Lorenz Boeckmann (1741-1802), den Tulla

schon als Lehrer am Gymnasium kennengelernt

hatte. In Lübeck geboren, kam Boeckmann 23-jährig

als Gymnasiallehrer von Jena nach Karlsruhe.

Hier wurde er bald zum engsten Vertrauten von

Markgraf Karl Friedrich, der es besonders schätzte,

das Abendessen mit Böckmann in Gesprächen

über Literatur und naturwissenschaftliche Phänomene

zu verbringen. Boeckmann war es auch, der

auf Wunsch des Markgrafen Einladungen an bekannte

Persönlichkeiten wie Kloppstock und Lavater

überbrachte. (14) Am Gymnasium lehrte er

reine und angewandte Mathematik, führte Deutsch

als Unterrichtssprache ein und gründete auf markgräflichen

Wunsch ein Physikalisches Kabinett.

Seit 1776 hielt Boeckmann in Anlehnung an Faradays

Freitagnachmittags-Vorlesungen in London

öffentliche Vorträge über die neuesten Erkenntnisse

in der Physik. Dazu eingeladen waren „[d]as

ganze schöne Geschlecht, die sämmtlichen Glieder

des Hofes, der Gelehrte, jeder Diener unseres Fürsten,

der Künstler, der Landmann, jeder Bürger,

Einheimische und Fremde, jeder Freund und Liebhaber

nützlicher Kenntnisse“ (15) . Aufgrund politischer

Unruhen mussten die Vorlesungen eingestellt

werden, was Boeckmann öffentlich bedauerte.

Vielmehr musste er sein Wissen dem Militär

zur Verfügung stellen. Im seit 1793 geführten Krieg

des Deutschen Reiches gegen die französische Republik

diente er als „Sachverständiger in telegraphischen

Angelegenheiten.“ Zu seinen privaten

Schülern gehörte der erstgeborene Sohn des

Markgrafen, den er auch auf dessen Kavaliersreisen

begleitete. (16) Als Meteorologe wurde Boeckmann

über Baden hinaus bekannt. Nach den Ideen

des Franzosen Lambert gründete er im Jahre 1778

die „Badische Witterungsanstalt“, die an 16 Stationen

im Land Daten über Luftdruck, Temperatur

und Witterungserscheinungen sammelte. (17)

Studienjahre

Tullas Anstellung „ohne praktischen Dienst“ endete

im Frühjahr 1792 mit einer erneuten Prüfung.

Burdett formulierte in einem Promemoria, dass

Tulla „unter meiner Anleitung meine wärmste Erwartung

nicht nur erreicht, sondern wirklich übertroffen

hat […] [ich] bezeuge nun, daß Tulla Dankbarkeit,

Redlichkeit, Genie und große Anlagen für

mathematische Untersuchungen beweisend darlegt.“

Abschließend empfahl Burdett „daß Serenissimus

geruhen möchte [...] den jungen Tulla

endlich in ein anderes Land zu schicken, um daselbst

alles zu lernen und zu praktizieren, was er in

seinem eigenen nicht erlangen kann. Für diese

Absicht habe ich einen Mann entdeckt, dessen

literarische sowohl als praktische Reputation den

öffentlichen Beifall verdient, der ihm uneingeschränkt

geschenkt wird. Der Rat und Salinen-Direktor

Langsdorf zu Gerabronn ist der Mann, den

ich meine.“ (18) Daraufhin wurden Tullas Schulden

getilgt und seine weitere Ausbildung durch ein Stipendium

des badischen Staates gesichert. Ausgestattet

mit neuer Kleidung und Fachbüchern zog

Tulla zum 1. Juni 1792 nach Gerabronn zu dem Mathematiker

und Salineninspektor Langsdorf.

Karl Christian Langsdorf (1757-1834) hatte an der

Universität Göttingen Jura und Mathematik bei

Abraham Gotthelf Kästner studiert, dessen Name

durch die Veröffentlichung der Kästnerischen Ana-

(12) Zitiert nach: Valdenaire 1929, S. 340.

(13) Vgl. Cassinone / Spieß 1929, S. 2.

(14) Vgl. Brunn, Friedrich Leopold: Briefe über Karlsruhe, Berlin 1791, S. 63f.

(15) Zitiert nach: Lehmann, Otto: Geschichte des Physikalischen Instituts der Technischen Hochschule Karlsruhe, in: Festgabe zum Jubiläum der vierzigjährigen Regierung

Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs Friedrich von Baden, Karlsruhe 1892 , S. 207-265, hier S. 220.

(16) Vgl. Ebd., S. 224f.; Beyrer, Klaus: Johann Lorenz Böckmann. Ein Pionier der optischen Telegrafie in Deutschland, in: Beyrer, Klaus / Mathis, Birgit-Susann: So weit das

Auge reicht. Die Geschichte der optischen Telegrafie, Karlsruhe 1995, S. 67-77, hier S. 69.

(17) Vgl. Lehmann 1892, S. 228.

(18) Zitiert nach: Zier 1970, S. 385; Vgl. auch Valdenaire 1929, S, 341;

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T U L L A

von links

nach rechts:

Johann Lorenz

Boeckmann

( 1741 – 1802),

Peter Perez

Burdett

(1734 – 1793),

Karl Christian

Langsdorf

(1757 – 1834)

lysis endlicher Größen weiten Kreisen bekannt war.

Nach Promotion, Habilitation, Tätigkeiten als Privatdozent

und Landrichter übernahm Langsdorf

im April 1784 die Stelle des Salineninspektors in

Gerabronn. Das zur Markgrafschaft Brandenburg-

Ansbach und -Bayreuth gehörende Salzbergwerk

sollte unter Langsdorf ausgebaut und erweitert

werden. Tulla wohnte im Haushalt von Langsdorf,

begleitete den Salineninspektor bei der Arbeit und

erhielt von ihm Unterricht in Mathematik und Physik.

Über seine Fortschritte musste er monatlich

nach Karlsruhe berichten. Tulla fühlte sich im

Kreise der Familie Langsdorf von Anfang an gut

aufgenommen und der Salineninspektor wurde in

den zwei Jahren sein väterlicher Freund. Tulla unterstützte

im Gegenzug Langsdorf bei dessen Arbeit,

indem er für dessen Werk über Hydraulik fünfzehn

Kupferstiche anfertigte. (19) Beeindruckt von

seinen Erfahrungen schrieb Tulla in einem Bericht

nach Karlsruhe: „Mit den hydraulischen Wissenschaften

werde ich nächstens den Anfang machen

nach einem von Herrn Rat Langsdorf selbst geschriebenen

Werk, welches aber noch nicht gedruckt

ist. [...] Ich freue mich auf diese Wissenschaft,

weil sie mein Hauptfach ist, und verspreche

mir die schönste Anwendung in der Praxis.“ (20)

Während seiner Zeit in Gerabronn lernte Tulla vermutlich

auch Alexander von Humboldt kennen, der

Langsdorfs Vorgesetzter war. Die Aufgaben Humboldts

umfassten unter anderem die Inspizierung

der Bergwerke in den 1792 an Preußen gefallenen

Gebieten Ansbach und Bayreuth. Seine Eindrücke

hielt er in einem Bericht Über den Zustand des

Bergbaus und Hütten-Wesens in den Fürstentümern

Bayreuth und Ansbach fest. (21) Der preußische

König Friedrich Wilhelm II. war mit der Arbeit Humboldts

so zufrieden, dass er ihn bald zum Oberbergmeister

der beiden Fürstentümer beförderte.

Humboldt setzte sich für bessere Arbeitsbedingungen

ein und gründete auf eigene Kosten eine

Schule, in der die damals unausgebildeten Arbeiter

notwendiges Fachwissen vermittelt bekamen.

Seine Freizeit nutzte er, um elektrische und chemische

Versuche an seinem eigenen und an tierischen

Körpern vorzunehmen, denn Humboldt war

von dem Wunsch erfüllt, das Geheimnis der „Lebenskraft“

zu entschlüsseln. (22) Wenn sich später

auch Tulla für die Ausbildung der Ingenieure und

die Abschaffung der Frondienste einsetzte, könnte

er hierfür durch gemeinsame Gespräche mit Humboldt

angeregt worden sein. Für den persönlichen

Austausch zwischen Langsdorf, Tulla und Humboldt

spricht auch, dass Langsdorf im Frühjahr

1794 vorschlug, Tulla könnte seine Studien an der

Bergakademie Freiberg in Sachsen, an der zuvor

schon Humboldt studiert hatte, fortsetzen. Markgraf

Karl Friedrich genehmigte diesen Vorschlag

und sicherte die weitere finanzielle Unterstützung

zu.

8

(19) Vgl. Valdenaire 1929, S. 343-346; Cassinone / Spieß 1929, S. 8.

(20) Zitiert nach: Zier 1970, S. 392.

(21) Vgl. von Humboldt, Alexander: Über den Zustand des Bergbaus und Hütten-Wesens in den Fürstentümern Bayreuth und Ansbach im Jahre 1792. [= Freiberger Forschungshefte.

Kultur und Technik. D 23], Berlin 1959. Auf den Seiten 179-186 findet sich die Beschreibung der Saline Gerabronn und eine Einschätzung Langsdorfs als

Leiter derselben.

(22) Vgl. Geier, Manfred: Die Brüder Humboldt. Eine Biographie, 2Hamburg 2013, S, 161 – 165.


T U L L A

Bis zum Studienbeginn im Herbst sollte Tulla weitere

Kenntnisse im Wasserbau beim hessischen

Wasserbauinspektor Carl Friedrich von Wiebeking

(1762-1842) sammeln. Auf seiner Reise dorthin

besuchte Tulla die Städte Frankfurt, Friedberg,

Nauheim, Salzhausen, Gießen, Wetzlar, Braunfels

sowie Koblenz und besichtigte die dortigen Druck -

werke, Siedhäuser, Windmühlen, Brücken und

andere Ingenieurleistungen. Im Mai 1794 traf er

Wiebeking in Düsseldorf. Der 1762 in Pommern

geborene Apothekersohn hatte sich schon in der

Jugend mit dem Zeichnen von Karten beschäftigt

und trat 1790 als Rheinbauinspektor in hessischen

Dienst. Wiebeking legte durch genaue Vermessungen

und das Zeichnen von Karten die Voraussetzungen

für die spätere Rheinbegradigung in

Hessen. 1802 wechselte er als kaiserlich-königlicher

Hofrat für Bauangelegenheiten nach Wien

und entwarf auch hier Pläne zur Flussbegradigung

sowie zur Anlage der Häfen Triest, Venedig und

Fiume. Seine letzte berufliche Wirkungsstätte

war München. Als Generaldirektor des bayerischen

Wasser-, Brücken- und Straßenbauwesens war

er für die Anlage zahlreicher Chausséen in München

verantwortlich, leitete mehrere Flussregulierungen

an Isar und Inn und machte sich auch durch

den Bau von großen Holzbrücken einen Namen.

Daneben verfasste Wiebeking zahlreiche Bücher,

nicht nur über den Wasser-, Straßen- und Brükkenbau,

sondern auch in den Bereichen Architektur

und Kunstgeschichte. Seine für den Rastatter

Kongress entworfene Denkschrift Memoire sur la

Frontiére de l`Allemagne et de la France, par le

Thalweg du Rhin bildete die Verhandlungsgrundlage

zur Festlegung der neuen Grenze zwischen

der Markgrafschaft Baden und Frankreich. (23)

Bei Wiebeking konnte Tulla zum ersten Mal Strommessungen

beiwohnen und unter Anleitung eigene

vornehmen. Vor Ort untersuchte er Buhnen

und Befestigungsbauten aus Faschinen, wovon er

genaue Skizzen und Beschreibungen anfertigte.

Auf einer gemeinsamen Reise besuchten Tulla und

Wiebeking die Stadt Honnef, Tulla bereiste im Anschluss

daran den Niederrhein. Wiebeking, der

trotz seines Wissens auch im Kollegenkreis nicht

unumstritten war, harmonierte in der Zusammenarbeit

mit Tulla weniger gut als zuvor Langsdorf.

Möglicherweise neigte Wiebeking dazu, die Erkenntnisse

und Arbeiten jüngerer Kollegen als

seine eigenen auszugeben. Die vielen Pläne, die

Tulla im Auftrag Wiebekings angefertigt hatte, behielt

Wiebeking für sich, worüber Tulla sehr enttäuscht

war.

Nach dem Aufenthalt bei Wiebeking reiste Tulla in

das „Mekka“ der damaligen Wasserbauingenieure,

nach Holland. Dabei umging er die vom Koalitionskrieg

betroffenen Gebiete und besuchte die im

Westen gelegenen Orte Amsterdam, Sarendam,

von links

nach rechts:

Carl Friedrich

Wiebeking

(1762 – 1842),

Claus Kröncke

(1771 – 1834),

Friedrich

Weinbrenner

(1866 – 1826)

(23) Vgl. Günther, Siegmund: Wiebeking, Carl Friedrich von, in Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 55, 1910, S. 659-661.

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T U L L A

und wollte nicht mehr als „kleiner Lehrling“ behandelt

werden. Die gesammelten Erfahrungen

hatten den jungen Tulla selbstbewusster gemacht.

Langsdorf wünschte sich jedoch, Tulla als Begleiter

zu gewinnen, weil er seinen jungen Freund fachlich

und menschlich sehr schätzte. (25) Tulla begleitete

Langsdorf schließlich im April 1795 von Hannover

aus nach Kopenhagen. Von dort ging die

Reise nach Norwegen, um die Saline Walloe zu besichtigen,

die ihr Salz nicht aus Stein, sondern aus

dem Meer gewann. Während Langsdorf Siedeproben

machte, erfasste Tulla die technische Einrichtung

in Zeichnungen. Die Heimreise nutzten beide

zur Besichtigung eines Silberbergwerks und eines

Marmorsteinbruches. Anfang Juli in Göttingen angekommen,

besuchte Tulla Langsdorfs hochgeschätzten

Lehrer, den Mathematiker Kästner und

besichtigte das dortige Observatorium sowie die

physikalischen Sammlungen. Sein Studium an der

Bergwerksakademie in Freiberg nahm Tulla im August

desselben Jahres wieder auf und wählte nun

die Schwerpunkte Mineralienkunde, Maschinenund

Bergwerkswesen.

Seite aus Tullas

Tagebuch über

seine 1794 unternommene

Studienreise

an den

Niederrhein,

nach Holland und

Hamburg

Minden, Uithoven, Leiden, Delft, Rotterdam, Gouda

und Harlem. Anschließend begab sich Tulla nach

Hamburg und lernte im nahegelegenen Ritzenbüttel

den Ingenieur Rainhard Woltmann kennen, dessen

nach ihm benannter Woltmann-Flügel noch

heute zur Messung der Wassergeschwindigkeit

verwendet wird. Woltmann war der Großvater von

Rainhard Baumeister, dessen Pläne zur Entfestigung

von Rastatt das Stadtbild bis in die Gegenwart

prägen. (24)

Im Dezember 1794 traf Tulla verspätet zum Studium

an der Bergakademie in Freiberg ein. Zu seinen

Fächern gehörte Bergbaukunst, Eisenhüttenkunde,

Geologie und Chemie. Im Frühjahr 1795

sollte Tulla Langsdorf auf eine Reise nach Dänemark

und Norwegen begleiten. Obwohl dies schon

im Vorfeld vor Tullas Aufenthalt in Gerabronn mit

der Markgrafschaft ausgehandelt worden war,

folgte Tulla diesem Ansinnen nur zögerlich. Er

fürchtete, den Anschluss in Freiberg zu verlieren

Nach Beendigung seines Studiums 1796 hielt sich

Tulla erneut bei Langsdorf in Gerabronn auf und

blieb dort auch als er erkrankte. Die auf beiden

Seiten bestehende Wertschätzung belegt ein Brief,

den Langsdorf nach Tullas erstem Aufenthalt nach

Karlsruhe schrieb: „Er blieb sich immer gleich und

zuletzt noch alles des Lobes wert, das in allen meinen

Rapporten enthalten ist. Er hatte sich daher

meine ganze Liebe zugezogen, die mir auch seinen

Abschied sehr erschwerte.“ (26 ) Trotz seiner „Unpäßlichkeit“

(27) erstellte Tulla eine Arbeit für die

badische Wasser- und Straßenbaudirektion und

unterzog sich einer erneuten Prüfung. Dieses

Pflichtbewusstsein, trotz Krankheit so gut als eben

möglich weiter zu arbeiten, zeichnete Tulla bis an

sein Lebensende aus. Nach diesem zweiten Aufenthalt

in Gerabronn waren die Lehrjahre bei

Langsdorf beendet. Langsdorf meldete das Ergebnis

als „devotest[e] Anzeige an das hochpreisliche

Kammerkollegium dahin, dass Ingenieur Tulla

für alle angewendeten Kosten hinlänglich geärndet

hat, um in seinem Vaterland nunmehr Saamen auszustreuen

der hundertfältige Früchte bringt“. (28)

10

(24) Die Tochter von Rainhard Woltmann war die Mutter von Rainhard Baumeister. Baumeister erhielt den Vornamen seines Großvaters. Baumeister (1833-1917) war von

1862-1912 Professor am Karlsruher Polytechnikum. Vgl. Scholl, Lars Ulrich: Ingenieure in der Frühindustrialisierung: staatliche und private Techniker im Königreich Hannover

und an der Ruhr (1815-1873), Göttingen 1978, S. 245.

(25) Vgl. Cassinone / Spieß 1929, S, 14; Valdenaire 1929, S. 351f.

(26) Zitiert nach: Zier 1970, S. 396.

(27) In den Briefen an Kröncke bezeichnet Tulla seine diversen Krankheiten als „Unpäßlichkeit“.

(28) Zitiert nach: Cassinone / Spieß 1929, S. 15.


T U L L A

Der persönliche Kontakt zwischen Tulla und Langsdorf

blieb auch über Tullas Lehrjahre hinaus bestehen.

(29) Langsdorf wechselte 1796 von Gerabronn

nach Erlangen wo er als Professor für Mathematik

und Maschinenkunde lehrte. Zu seinen

Schülern gehörte unter anderem Georg Simon

Ohm. (30) Nachdem die Universität Heidelberg 1803

an Baden gefallen war, erhielt Langsdorf einen Ruf

an den dortigen mathematischen Lehrstuhl, dem er

jedoch nicht folgte, weil man seinen Forderungen

in finanzieller Hinsicht nicht nachkam. 1804 wechselte

er nach Wilna, von wo er 1806 mit dem russischen

Adelsprädikat ausgezeichnet, zurückkehrte.

Dem erneuten Ruf nach Heidelberg folgte Langsdorf

1806, zunächst als Ordinarius, seit 1808 als

Dekan und seit 1809 als Prorektor. Seine Berufung

war unter Kollegen umstritten, galt er doch als

Praktiker, dem es in der höheren Mathematik an

der nötigen Stringenz fehlte. Als Verfasser zahlreicher

Werke übernahm er 1808 auch die Herausgabe

der Heidelbergischen Jahrbücher für Literatur,

Mathematik, Physik und Kameralistik. In Vorbereitung

dieser Aufgabe trat er 1807 brieflich an Karl

Gauß heran, „[ihn mit dem ] neuen literärischen Institute

bekannt zu machen und zugleich um seine

geneigteste Unterstützung gehorsamst bitten zu

dürfen […].“ (31)

Nach seinem 60. Lebensjahr wandte sich Langsdorf

von der Technik ab und widmete sich ganz der

Theologie. Er starb 1834 - sechs Jahre nach Tulla -

und wurde auf dem Peterskirchhof in Heidelberg

beerdigt. (32) Die Quellen belegen nicht, ob Tulla bis

an sein Lebensende mit Langsdorf in Kontakt

stand. Genau so wenig wissen wir, ob die beiden

Männer, der eine Pfarrerssohn, der andere Verfasser

theologischer Schriften, über die Ingenieurwissenschaften

hinaus auch in religiösen Fragen

eine gemeinsame Basis hatten.

Nach dem Besuch bei Langsdorf kehrte Tulla im

Spätjahr 1796 nach Karlsruhe zurück. Die Ergebnisse

der vom Ingenieurskollegium gestellten

Prüfung bestätigten, dass er die „Hoffnungen nicht

getäuscht, sondern erfüllt und in Theorie und Ausübung

seiner zum Dienst des Vaterlandes nöthigen

Wissenschaften, sich schöne sehr brauchbare

Kenntnisse erworben habe“. (33) Damit war Tullas

Ausbildung abgeschlossen und im Herbst 1797 erfolgte

die Ernennung zum „Rechnungsraths-Adjunkten“.

(34)

Die Arbeit als Ingenieur –

Eine Brieffreundschaft entsteht

Im Sommer 1797 reiste Tulla zu Wiebeking, der

nun in Darmstadt tätig war. Dort dürfte Tulla dessen

jüngeren Kollegen Kröncke kennengelernt haben.

Claus Kröncke (1771-1843) wurde 1771 in

Kirchosten an der Elbe geboren. Seine Studien

führten ihn zunächst in das nahegelegene Hamburg

und 1795 nach Göttingen, wo auch er bei dem

berühmten Mathemathiker Kästner Vorlesungen

hörte. An seinem ersten Arbeitsplatz in Gotha

lernte er Wiebeking kennen, dessen Kartensammlung

und Bibliothek ihn sehr beeindruckte. 1796 erhielt

Kröncke gemeinsam mit Wiebeking eine Anstellung

bei der Rheinbauinspektion in Darmstadt

und wechselte zwei Jahre später als Chausséebauinspektor

nach Gießen. Als Wiebeking 1802

nach Wien ging, übernahm Kröncke dessen Stelle

in Darmstadt.

Tulla und Kröncke begannen im Januar 1798 einen

Briefwechsel, den sie bis zum Tod Tullas aufrechterhielten.

In den Briefen spiegeln sich die wachsende

Freundschaft, die Lebensumstände jedes

einzelnen und die Verhältnisse am Arbeitsplatz wi-

Woltmannflügel,

Instrument für die

Messung der

Wassergeschwindigkeit.

(29) Vgl. GLA 237/24327, fol 89, Brief vom 09.11.1810.

(30) Vgl. Folkerts, Menso: Langsdorff, Karl Christian von, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 13, Berlin 1982, S. 611f.

(31) Zitiert nach Volk, Walter: Karl Christian von Langsdorf. Sein Leben und seine Werke, Philippsburg 1934 , S. 32.

(32) Zitiert nach: Volk 1934,S. 25.

(33) Zitiert nach: Cassinone / Spieß 1929, S. 17.

(34) GLA 237/24328, fol. 3, Ernennungsurkunde.

11


T U L L A

Abb. gegenüber:

Karte des Großherzogtums

Baden,

von Tulla 1812

revidiert

der. Insgesamt sind 123 Briefe erhalten, von denen

114 aus Krönckes Feder stammen, die restlichen 9

sind Abschriften der Briefe Tullas an Kröncke.

Wiebeking als Briefthema

Tulla hatte 1798 eine Abhandlung über den Gebrauch

des Woltmannflügels geschrieben und

diese Wiebeking zur Veröffentlichung zugeschickt,

was dieser jedoch ablehnte. Kröncke, der als Mitarbeiter

Wiebekings offiziell die Meinung seines

Vorgesetzten vertreten musste, die Abhandlung

des jungen Kollegen aber für gut befand, geriet in

einen Loyalitätskonflikt und brachte diesen Tulla

gegenüber zum Ausdruck. Offensichtlich ermutigt

von Tullas Antwort gab Kröncke sein spannungsreiches

Verhältnis zu Wiebeking preis: „[...] denn

er setzt jedesmahl voraus, daß ich allen Menschen

zum Vortheile, nur ihm zum Schaden spreche [...]“.

Abschließend beschwor Kröncke seinen Kollegen

Tulla: „Nun noch um eins muß ich Sie bitten, liebster

Freund. Bleiben Sie Freund mit Hr. W., oder

bleiben Sie es nicht, das kann mich begreiflich wenig

kümmern, nur versprechen Sie mir jetzt und

nie, von dem ihm etwas zu sagen und zu schreiben,

was wir im Vertrauen zu einander von ihm geurtheilt

haben.“ (35)

Auch nach dem Weggang Wiebekings aus Darmstadt

1802 blieb der ältere Kollege Inhalt des brieflichen

Austausches zwischen Tulla und Kröncke.

Nicht ganz frei von Neid war die Mitteilung, die

Kröncke 1809 an Tulla weitergab: „Die große Pension,

welche [Wiebeking] kürzlich von Rußland erhalten

hat, und das Geschenk, ein kostbarer brillantener

Ring, wird Dir bekannt sein. Ei, was sind

wir doch für arme Schlucker gegen einen großen

Mann.“ Süffisant bemerkte Kröncke in einem Brief

von 1814: „Daß Du das Glück gehabt hast, den Hr.

Von Wibeking mit seinem Orden zu sehen, dazu

gratuliere ich Dir. Ich möchte gern mehr über ihn

hören.“ (36)

Als 1814 nach dem Wiener Kongress Teile der Pfalz

an Bayern gefallen waren und damit Hessen mit

Bayern eine gemeinsame Grenze erhalten hatte,

äußerte sich Kröncke über seinen möglichen Verhandlungspartner

Wiebeking: „Wer das linke

Rheinufer erhalten wird? – Wer weiß es. Gegen uns

über heißt es allgemein, Bayern. Ob wir uns darüber

freuen können, wegen des Rheinbaus als

dann mit Wibeking zu thun zu bekommen? Ich

weiß es nicht recht, sollte aber doch glauben, daß

er nach seinen frühern hier in dießen gethanen

Äußerungen nicht unbillig seyn könne. Man muß

es erwarten, was geschehen und erfolgen wird.“ (37)

Der Sohn Wiebekings konnte sich hingegen die

Sympathien Krönckes erwerben. Tulla schätzte den

jüngeren Wiebeking in den 1820er Jahren ebenfalls

als Verhandler der bayerischen Seite, waren

sie doch beide gleichermaßen von der Unumgänglichkeit

der Flussregulierung überzeugt. (38)

Weiterbildung in Frankreich

Karl Christian Vierordt, Tullas Vorgesetzter, hielt

Anfang 1801 einen weiteren Bildungsaufenthalt

seines Mitarbeiters für wünschenswert. Er empfahl

eine Reise nach Frankreich, damit Tulla seine

Sprachkenntnisse vervollkommnen und die inländischen

Ingenieurleistungen kennenlernen könne.

Als Tulla im Juli 1801 in Paris eintraf, musste er

sich zunächst kleinlicher Unterhaltszahlungen

wegen mit Karlsruhe auseinandersetzen. Sigismund

von Reitzenstein, der sich als Diplomat in badischen

Diensten ebenfalls in Paris aufhielt, um die

Auslegung des Friedens von Lunéville auszuhandeln,

unterstützte Tulla in seinem Anliegen. Denn

während Baden mit dem hehren Ziel, sein Staatsgebiet

zu vergrößern, große Summen an Bestechungsgeldern

vorhielt, musste an den Gehältern

der Dienerschaft gespart werden.

Den Vorlesungen an der École Polytechnique

konnte Tulla aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse

nur schwer folgen. Dennoch verinnerlichte er

das System der Lehre – die Verbindung von Theorie

und Praxis – das er später als Vorbild für seine

Karlsruher Ausbildungsstätte nutzen würde. In Paris

begegnete er auch Gaspard Mongé, dem damals

europaweit bekannten Autor der darstellenden

Geometrie, der an der École Polytechnique

unterrichtete. Angeregt durch diese Studien übertrug

Tulla die mathematischen Regeln auf die Konstruktionen

im Faschinenbau.

Eine Beinverletzung und das Gefühl der Isoliertheit

gaben Tullas Aufenthalt in der französischen

Hauptstadt eine negative Färbung. Kröncke, der im

Januar 1802 auf Tullas Brief aus dem vergangenen

November antwortete, sprach sein Mitgefühl aus:

„[Ich] habe […] es bedauert, daß Sie sich so wenig

12

(35) GLA 237/24327, fol. 15f., Brief vom 24.02.1798.

(36) GLA 237/24327, fol. 134, Brief vom 04.04.1814.

(37) GLA 237/24327, fol. 139, Brief vom 07.07.1814.

(38) GLA 237/24327, fol. 438f., Brief vom 05.02.1825. Karl Gustav Wiebeking (1792 – 1827) war seit 1818 Regierungs- und Baurat des Rheinkreises in Speyer.


T U L L A

wohl in Paris befunden haben, woselbst Ihr Aufenthalt

sonst sehr angenehm gewesen seyn

müßte, und wenn ich, wenn Sie nicht Sie wären, Sie

beneiden würde. Jetzt aber hoffe ich, werden Sie

sich recht wohl befinden.“ (39)

Schließlich reiste Tulla im März 1802 nach Blois,

einem kleinen, an der Loire gelegenen Städtchen

südwestlich von Paris. Trotz zunehmender gesundheitlicher

Beschwerden fühlte sich Tulla hier,

im Schutz der Kleinstadt, wohler. Er erhielt individuellen

Sprachunterricht und ließ sich von einer

Malerin unterweisen, die ihn auch in ihre gesellschaftlichen

Kreise einführte. Darüber hinaus besichtigte

er den Ausbau der Loire, studierte die

französische Baukunst und das Transportwesen.

Ende Oktober reiste er noch einmal nach Paris und

kehrte von dort im Januar 1803 nach Karlsruhe zurück.

Ingenieur im Großherzogtum

Im Reichsdeputationshauptschluss 1803 konnte

Baden, durch geschickte Verhandlungen Reitzensteins,

sein Staatsgebiet um das Zehnfache vergrößern.

(40) Markgraf Karl Friedrich wurde zunächst

zum Kurfürsten und 1806 zum Großherzog erhoben.

Eine Neuorganisation der badischen Verwaltung

war die unerlässliche Folge der politischen Neuordnung.

Dem neugeschaffenen Ingenieur-Departement

stand nun Karl Christian Vierordt vor, der

Tullas Ausbildung die ganzen Jahre wohlwollend

unterstützt hatte. Tulla wurde im November des

gleichen Jahres zum Hauptmann ernannt und erhielt

damit die Aufsicht über den Flussbau im gesamten

Kurfürstentum. In dieser Funktion lernte er

den Zustand des vergrößerten Badens kennen,

dessen schlecht ausgebaute Straßen, das gesamte

Flussnetz und die anliegenden Sumpfgebiete. (41)

Zu seinen neuen Aufgaben gehörte auch die fachliche

Beratung. Als Kommissionsmitglied wirkte er

bei der Schleifung der Mannheimer Festung mit,

wobei deren Lage am Fluss berücksichtigt werden

musste.

Angesichts der angespannten finanziellen Lage

des badischen Staates – hohe Schulden waren der

Preis für den neugewonnenen Gebietszuwachs –

wurde Tulla die Mitarbeit in der Schweiz genehmigt.

Zusammen mit Conrad Escher entwarf er

Pläne zur Trockenlegung des Linthtals und beaufsichtigte

deren Ausführung in mehrwöchigen Aufenthalten

in den Folgejahren.

Während Tulla die unter Burdett begonnene Vermessung

auf die neuen Gebiete anordnete und

die Bestandsaufnahme von Straßen und Flüssen

betrieb, erhielt er 1805 ein Angebot aus Bayern, als

Wasserbauingenieur nach München zu wechseln.

Trotz anhaltendem Geldmangel lehnte Tulla diesen

Ruf ab. Er fühlte sich dem Großherzogtum,

Das erste eigene

Gebäude der

Polytechnischen

Schule, die 1836

nach den Plänen

Heinrich Hübschs

erbaut wurde.

Aquarell von

C. Kiefer, 1859.

14

(39) GLA 237/ 24327, fol. 36, Brief vom 21.01.1802.

(40) Vgl. Brüning, Rainer (Hrsg.): Der aufgeklärte Fürst von Baden 1728 – 1811. Karlsruhe 2012. S. 41f.

(41) Vgl. Zier 1970, S. 414f.


T U L L A

das ihm seine aufwändige Ausbildung ermöglicht

hatte, offensichtlich verpflichtet. Im gleichen Jahr

wurde ihm ein Lehrstuhl für Mathemathik an der

Universität Heidelberg angeboten. Tulla, der an

der Ausbildung seiner zukünftigen Mitarbeiter

gerne mitwirken wollte, lehnte auch diese Stelle

ab.

Die Gründung der Ingenieurschule

Tullas Vorstellung einer idealen Ausbildung orientierte

sich an Frankreich, wo zwischen wissenschaftlichen

Mathematikern und praktischen Ingenieuren

unterschieden wurde. Damit die angehenden

Ingenieure sobald als möglich mit praktischen

Aufgaben betraut werden konnten, sollte

der Ausbildungsplatz am Ort der Zentralverwaltung

sein. Im Hinblick auf seine Korrektionspläne,

wies Tulla auf die Notwendigkeit hin, dass den

Schülern bereits im Studium Landeskenntnisse

vermittelt werden müssten: „[Weil Baden] durch

eine Menge Flüsse und Chausseen durchschnitten

und von dem Rhein begrenzt wird, wo also die

Kulturverbesserungen und die Eigentumssicherung

so sehr von hydraulischen und hydrotechnischen

Unternehmungen abhängen, als man glauben

sollte, und mehr Verwendung von Kräften

erfordert wird, als in den meisten Ländern gebraucht

werden.“ (42) 1807 erfolgte schließlich die

Gründung der Ingenieurschule, deren Schüler „besonders

zum Selbstdenken geleitet werden [sollten]

und [deren] Erfindungsvermögen erweckt und

geübt werde[n] sollte.“ (43) Damit entsprachen Tullas

Ansprüche an die Schüler bereits ganz den

Maximen, die Wilhelm von Humboldt bezüglich

seiner Bildungsreform in Preußen für den Universitätsunterricht

1809 äußerte: Der Student „forscht

selbst, und der Professor leitet seine Forschung

und unterstützt ihn darin.“ (44) Zusammen mit der

Architektenschule Weinbrenners bildete die Ingenieurschule

die ideelle Grundlage der 1825 gegründeten

Polytechnischen Schule in Karlsruhe. (45)

Tulla und Friedrich Weinbrenner (1766-1826), der

aus einer wohlhabenden Karlsruher Zimmermannsfamilie

stammte, lernten sich auf dem Karlsruher

Lyceum kennen. (46) Nach Studienaufenthalten

in Zürich, Wien, Berlin und Rom wurde Weinbrenner

1797 Angestellter der badischen Markgrafschaft,

zeitgleich mit der Ernennung Tullas zum

Rechnungsrath-Adjunkten. 1798 heiratete Weinbrenner

die aus Straßburg stammende Margaretha

Salome Arnold, mit der er zwei Töchter bekam. In

seinem Haus, das er an der Schlossstraße nahe

dem Ettlinger-Tor errichtet hatte, verkehrten die

badischen Honoratioren.

Weinbrenner als Schöpfer des klassizistischen

Karlsruhes und Tulla als Gestalter der Rheinkorrektion

hatten ein ambivalentes Verhältnis zueinander.

(47) Vielleicht war es nicht nur der alte Widerspruch

zwischen dem pragmatischen Techniker,

der sich vor allem von mathematischen Aspekten

leiten ließ, und dem Künstler, der in erster Linie der

Ästhetik huldigte, der das Verhältnis der zwei Männer

belastete. Die Konkurrenz war spätestens dann

Bestandteil ihrer Arbeit, als jeder an der Spitze

seines Amtes stehend, zur Durchsetzung seiner

Projekte um die Gunst des Regenten und die Zuteilung

der finanziellen Mittel werben musste. Für

Weinbrenner standen der hohe zeitliche und finanzielle

Aufwand, der für Flussregulierungen aufgewendet

werden musste, in keinem Verhältis zu

dem zu erwarteten Nutzen. Diese Meinung vertrat

auch sein Schwager Georg Eckard Arnold, der als

Großherzoglicher hessischer Baudirektor in Mainz

tätig war. Tulla beschrieb seinen Eindruck von Arnold

in einem Brief an Kröncke 1825: „Von Herrn Arnold

in Mainz habe ich noch keine Antwort erhalten

u. glaube daß er sich nicht bekehren lassen

werde, weil er zu wenig Kenntniße im Strombau hat

und es vielleicht seiner Eitelkeit schmeichelt eine

andere Ansicht zu haben.“ Einmal in Rage, fuhr

Tulla mit seiner Kritik im nächsten Satz fort: „Unser

H. OberbauDirector Weinbrenner ist der eingebildetste

Mensch von der Welt, er hält sich für das

größte Genie, und glaubt daß nichts im Weltall

existieren könne, worüber er nicht schreiben, u. die

Menschen belehren könne.“ (48) Neid auf die private

Situation des jeweils anderen könnte zu weiteren

Spannungen beigetragen haben. Sicher ist

(42) Zitiert nach: Schnabel, Franz: Die Anfänge des technischen Hochschulwesens, Karlsruhe 1825, S. 28.

(43) Zitiert nach: Schnabel 1825, S. 28.

(44) Zitiert nach: Geier 2013, S. 265.

(45) Tulla und Weinbrenner leiteten ihre Schulen auch nach 1825 unabhängig vom Polytechnikum weiter, erst bei der Neuorganisation 1932 wurden die beiden Schulen

angeschlossen, vgl. Hoepke, Klaus-Peter: Geschichte der Fridericiana. Stationen in der Geschichte der Universität Karlsruhe (TH) von der Gründung 1825 bis zum Jahr

2000, Karlsruhe 2007, S. 32f.

(46) Tulla und Weinbrenner kannten sich vermutlich seit Lyceumszeiten, allerdings finden sich auch Hinweise, dass Tulla erst 1783 ins Lyceum aufgenommen wurde und

während Weinbrenner dieses bereits 1780 verlassen hatte. Vgl. Valdenaire 1929, S. 339; GLA 638-2/1280

(47) Zum ambivalenten Verhältnis von Tulla und Weinbrenner siehe auch Valdenaire, Arthur: Friedrich Weinbrenner. Sein Leben und seine Bauten, 4Karlsruhe 1985, S. 3,

121, 170, 311, 312 u. 323.

(48) GLA 237/24327, fol. 434f., Brief vom 05.02.1825.

15


T U L L A

„Meter“, als

Eichmaß eingelassen

in einer Hauswand

in Paris

Halb-Sester-Maß,

Eichmaß des Eichamtes

Rastatt, 1829

nur, dass die zwei Kollegen durchaus in der Lage

waren, zusammen zu arbeiten und gegebenenfalls

als Team aufzutreten, belegt ist aber auch die offene

Kritik des einen an der Arbeit des anderen. In

einem Schreiben vom März 1809 an das Finanzministerium

traten sie gemeinschaftlich für die Zusammenlegung

ihrer beider Schulen ein: „Die weitere

Bildung der Eleven beyder Fächer wollen wir

sehr gerne zum Besten unseres Vaterlandes und

zwar dergestalt übernehmen, daß ich der Oberbaudirektor

Weinbrenner nicht allein die Eleven

der Architectur, sondern auch die des Ingenieur

Fachs in der Baukunst, ich der Major Tulla aber,

nicht allein die Eleven des Ingenieur Fachs, sondern

auch die der Architectur, in den besonderen

und gemeinschaftlichen Wissenschaften unterrichte.“

(49) Die Vereinigung von Tullas Ingenieurschule

mit Weinbrenners Architektenschule wurde

zu diesem Zeitpunkt aus finanziellen Gründen abgelehnt.

Dennoch sicherte die Einrichtung der Ingenieurschule

seit 1807 die Ausbildung der künftigen

Ingenieure für das Großherzogtum Baden.

Das neue Maßsystem

Im Vorfeld der Rheinkorrektion mussten das Land

vermessen und kartographiert sowie die Wassermenge

gemessen und aufgezeichnet werden. Historisch

bedingt besaßen die einzelnen Landesteile

des neugeschaffenen Großherzogtums jedoch

unterschiedliche Maßeinheiten, deren Vereinheitlichung

unerlässlich war.

Überlegungen hierzu finden sich im Briefwechsel

zwischen Tulla und Kröncke. Ähnlich wie Tulla war

auch Kröncke mit einer Vielfalt an Maßen konfrontiert,

da Hessen durch den Reichsdeputationshauptschluss

ebenfalls ein größeres Gebiet erhalten

hatte. Ganz im Vertrauen schilderte er Tulla

die Pläne für Hessen, “[…] daß Sr. Königl. Hoheit,

der Großherzog, allergnädigst zu resolvieren geehrt

habe, daß das ganze französische Maß und

Gewicht System hier eingeführt werden soll, und

daß dazu die genauest abgegliechenen Exemplare

jetzt aus Paris verschickt sind.“ (50)

Das metrische System überzeugte die meisten Ingenieure

jener Zeit, doch war die Nachahmung des

französischen Vorbildes politisch unerwünscht.

Tulla umging die politische Hürde, indem er das

neue badische Maß am Meter ausrichtete, diesen

jedoch nicht einfach übernahm. Mit der Ausarbeitung

des neuen Maßsystems, der Unterteilung und

der Eichung der neuen Maße, beauftragte er Michael

Friedrich Wild (1747-1832), den er 1800 kennengelernt

hatte. (51) Wild stammte aus Durlach, wo

sein Vater von 1780 bis 1786 das Bürgermeisteramt

bekleidete. Nach seiner Schulzeit auf dem Karlsruher

Lyceum und einer Ausbildung zum Kanzleischreiber

studierte Wild Mathematik, Geodäsie,

Astronomie und Physik in Göttingen, wo vermutlich

auch er Kästner als Lehrer kennenlernte. Nach dem

Studium arbeitete er als Angestellter in markgräflichem

Dienst, zunächst in Karlsruhe, danach in

Emmendingen. Im Auftrag des Markgrafen reiste

Wild für ein Jahr in das englische Suffolk, um das

dortige Landwirtschaftswesen zu studieren und

(49) Zitiert nach: Valdenaire 1929, S. 91.

(50) Vgl. GLA 237/24327, fol. 48, Brief vom 13.09.1808.

(51) Vgl. Trub, Bernhard: Michael Friedrich Wild: Begründer des Badischen Maßes und Gewichtes, Müllheim 2013, S. 70.

16


T U L L A

Der Altrhein

bei Steinmauern

seine Sprachkenntnisse zu vervollkommnen. Auf

der Rückreise besuchte er Flandern und Holland,

um sich über die hier angewandten Maßsysteme

zu informieren. Von 1777 bis 1792 arbeitete er als

Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften

am Pfeffelschen Institut in Colmar. Nebenher richtete

Wild ein naturwissenschaftliches Kabinett ein,

in dem er Untersuchungen zu Bewegung, Licht,

Luft und Elektrizität vornahm, an denen auch seine

Schüler teilnehmen durften. Nach Schließung des

Pfeffelschen Instituts beschäftigte er sich mit Höhenmessungen,

deren Ergebnisse kurz vor seinem

Tod veröffentlicht wurden.

Mit der Ausarbeitung des neuen Maßsystems beauftragt,

begann Wild mit der Aufnahme aller bestehenden

Maße und entwickelte daraus die neue

Länge des badischen Fußes: drei Zehntel des Pariser

Meters. (52) Gleichzeitig wurde das davor gebräuchliche

Doudezimalsystem durch das Dezimalsystem

ersetzt, das die Unterteilung in zehn

gleiche Teile vorgab. Da 12 sich in mehr Teile als 10

zerlegen lässt, war das alte System im Handel

praktischer und somit beliebter. (53) Wild veröffentlichte

1809 das neue System unter dem Titel Ueber

allgemeines Maas und Gewicht. Ein Dekret vom

10. November 1810 verkündete dann die Verbindlichkeit

des neuen Maßes, die tatsächliche Durchsetzung

in allen Regionen des neuen Großherzogtums

ließ aber bis 1829 (54) auf sich warten.

Tulla sandte Wilds Schrift über das neue Maßsystem

noch im März 1809 an Kröncke, der sich im

nächsten und in späteren Briefen immer ähnlich

äußerte: “Euer Maßsystem hat mir immer sehr gut

gefallen, nur meine ich, wäre das französische deshalb

vorzuziehen, weil man sich dadurch gleich an

ein großes Land anschlösse, weil zu erwarten war,

daß es in mehreren Ländern eingeführt [werde]“. (55)

In einem weiteren Brief bedankte sich Kröncke bei

Tulla über die Zusendung von Wilds Anleitung zur

Dezimalrechnung, die 1812 veröffentlicht worden

war: „Ich habe sie mit Vergnügen und Belehrung

gelesen, und wenn ich etwas daran auszusetzen

hätte, so wäre es das einzige, dass sie zu gründlich

ist. [...] Je nachdem die Umstände eintreten,

wünschte ich, daß Euer Maß- und Gewichts-System

in ganz Deutschland eingeführt würde.“ (56)

Als Hessen 1817 sein Maßsystem vereinheitlicht

und nicht das badische übernommen hatte, war

Tulla sichtlich enttäuscht und Kröncke hatte Mühe,

die hessische Entscheidung zu rechtfertigen. Er

(52) Vgl. ebd., S. 58.

(53) Vgl. ebd., S. 62.

(54) Vgl. ebd., S. 62.

(55) GLA 237/24327, fol. 112, Brief vom 09.06.1812.

(56) GLA 237/24327, fol. 127, Brief vom 21.12.1813.

17


T U L L A

versicherte, „daß ich bey dem neuen hießigen

Maß- und Gewichts-System gar nicht wirksam geworden

bin, sondern daß es vorzüglich v. Hr. Geheimrath

Eckhardt herrührt (dieß letztere jedoch

unter uns).“ (57) Wie gut Kröncke seinen Freund

kannte, zeigt die Einschätzung, die er Tulla ein Jahr

später schrieb: „Du warst böse über unser Maß-System.“

(58)

Die Abschaffung des Frondienstes

Eine wichtige Voraussetzung der Rheinkorrektion

war mit der Maßvereinheitlichung erfüllt. Nicht

minder wichtig war Tulla die Abschaffung der Fronden.

Bereits 1807 verfasste er ein Promemoria, in

dem er vorrechnete, dass im Frondienst erstellte

Flussbauten um ein Fünftel teurer wären, als die im

Taglohn ausgeführten Arbeiten. Die Abneigung der

zum Frondienst Verpflichteten führe zu unzureichender

Arbeitsleistung. In Vorträgen warb Tulla

für seine Ansichten, was schließlich zum Erfolg

führte. In einem Erlass vom 14. Mai 1816 wurden

die Flussbaufronden aufgehoben und durch die

Einführung des Flussbaugeldes abgelöst. (59) Eine

Abschaffung der Straßenbaufronden konnte Tulla

nicht durchsetzen, die Aufhebung 1831 war jedoch

mit ein Verdienst seiner Bemühungen. (60)

Auf Tullas Erfolgsmeldung, dass die badischen

Flussbaufronden abgeschafft worden waren, antwortete

Kröncke: „Alle Frohne und sonach auch die

Chaussée Frohne taugen den Teufel nichts. Diß ist

meine volle Überzeugung Hr. v. Wiebeking ist zwar

anderer Meinung. […]. Jetzt aber sollte man alle solche

Arbeiten unter Tage Lose machen und die Kosten

vom Land aufbringen lassen, wobey das Land

offenbar gewinnen würde.“ (61) In einem späteren

Brief untermauerte Kröncke die gemeinsame Ansicht:

„Alles, was für die Frohn gesagt werden

kann, ist leicht zu widerlegen.“ (62)

Kröncke setzte sich für die Aufhebung aller absolutistischen

Einnahmeprivilegien ein und forderte

deren Ablösung durch Steuern. Als er in Hessen für

die Abschaffung des Zehnts eintrat, versuchte er

Tulla zur Mitwirkung zu gewinnen: „Ich überscheide

Dir dafür eine hier erschienene Verordnung wegen

Aufhebung der Zehnte, woran ich, unter uns

gesagt, seit etwa 8 Jahren mit unnachläßlicher

Beharrlichkeit gearbeitet habe. Ich glaube, daß

sie gut ist und von den heilsamsten Folgen seyn

werde. Sicherlich wird diese Verordnung durch ihre

Folgen Epoche in unserer Landwirthschaft machen.

Kannst Du etwas zu ihrer Verbreitung und Bekanntwerdung,

wie auch dazu, daß ähnliche Verfügungen

in andern Ländern erfolgen, bytragen,

so wirst du dich verdient um die Menschheit machen.“

(63) Von Teilerfolgen beflügelt – alle Frondienste

waren in Hessen durch Zahlungen ersetzt

worden (64) – bemühte sich Kröncke auch in den folgenden

Jahren um die Abschaffung der Zehnten.

Nach dem Verfassen weiterer Schriften versuchte

er Tulla als Mitstreiter zu gewinnen: „Nimm diese

Schrift als ein Zeichen meiner Freundschaft und

Achtung für Dich an. Es würde mich freuen, wenn

sie, die beabsichtigte Sache, deinen Beyfall erzielte.

Du würdest als dann die Zehntverwandlung

der Zehnten auch bey Euch nach besten Kräften zu

befördern suchen, wie ich von deinem regen Eifer

für alles Gute überzeugt bin. Übrigens wünsche

ich dein unumwundenes Urtheil über die Sache

und die Schrift zu erfahren.“ Fast mit missionarischem

Eifer bat er Tulla, diese neue Schrift an

Schlüsselpersonen der badischen Verwaltung zu

verteilen sowie dem Großherzog ein Exemplar zukommen

zu lassen. (65) Darüber hinaus sollte Tulla

die in mehreren Teilen erschienene Schrift, die

Kröncke auf eigene Kosten hatte drucken lassen,

Karlsruher Buchhandlungen zum Erwerb anbieten.

Tulla kam diesem Wunsch nach, jedoch äußerte er

sich gegenüber Kröncke nie über den Inhalt der

Schriften. Enttäuscht, dass Tulla kein Urteil abgab,

schloss Kröncke dieses Thema ab: Der Wunsch,

„du mögest mir dein Urtheil über diese Schrift mittheilen,

wird wohl vergebens seyn. Du hast mir

diese Bitte noch wegen keiner meiner Schriften

gewährt. Fast muß ich daraus schließen, ich habe

nicht das Glück, mit meinen Arbeiten deinen Beyfall

zu erhalten, und das würde mir sehr leid thun,

und mir ein gerechtes mistrauen gegen meine Arbeiten

erwecken.“ Fast scheint es, dass sich die

Zehntaufhebung zu abseits von Tullas Interessensund

Arbeitsgebiet befand, als dass er es für nötig

erachtete, seine Energien darauf zu verwenden,

denn auf Fragen technischer Art, hatte er meistens

sofort geantwortet.

18

(57) GLA 237/24327, fol. 205, Brief vom 29.12.1817.

(58) GLA 237/2432, fol. 217, Brief vom 12.09.1818.

(59) Vgl. Valdenaire 1931, S. 259.

(60) Vgl. ebd., S. 270.

(61) GLA 237/24327, fol.166, Brief vom 21.04.1816.

(62) GLA 237/24327, fol. 171, Brief vom 14.06.1618.

(63) GLA 237/24327, fol. 175, Brief vom 23.08.1816.

(64) Vgl. GLA 237/24327, fol. 177, Brief vom 24.11.1816.

(65) Vgl. GLA 237/24327, fol. 241, Brief vom 06.05.1819.


T U L L A

Das Gasthaus

„Zum schwarzen

Bären“, Aquarell

von Johann Gottfried

Tulla, um 1798

Berufliche und private Höhen und Tiefen

im Spiegel der Briefe

Die Vertrautheit, mit der sich Tulla und Kröncke

schon zu Beginn ihres Briefwechsels begegneten,

wuchs in den folgenden Jahren und umfasste Privates

und Berufliches.

1809 litt Kröncke über mehrere Wochen an starken

Kopfschmerzen, die ihn zu mehr als zwei Monaten

Bettruhe zwangen und nur langsam verschwanden.

Im darauffolgenden Winter erkrankten er und

seine drei Kinder an Scharlach. Anlässlich seines

39. Geburtstages schrieb er wenig zuversichtlich

an Tulla: „Die wiederholten Krankheiten, welche

ich seit 2 – 2 1/2 Jahren auszustehen gehabt habe,

haben meinen Muth und das bisgen Kraft, welches

ich allenfalls sonst hatte, sehr herunter gestimmt.

In einer Beziehung kann ich mich mit dem

großen Lessing vergleichen. Er sagte oft, wenn die

bösen vierziger kommen, so ist das beste Leben

vorbey, und ich trete heute in mein vierzigstes

Jahr.“ (66) Auch Tulla, der im März des gleichen Jahres

sein vierzigstes Lebensjahr vollendet hatte,

haderte mit seiner Situation. Kröncke erkannte

Tullas Befinden: „[...] und dieses scheint mir auch

aus Deinem letzten Brief hervorzugehen. Sollte

dem wirklich so seyn, so würde es mich sehr

schmerzen.“ Tulla war mit der Wasser- und Straßenbauverwaltung

im neuen Großherzogtum äußerst

unzufrieden und bemühte sich daher um

eine Zen tralisierung dieser Verwaltungseinheit, die

aber erst 1822 verwirklicht wurde. (67) Beiden Freunden

bekam das Reisen in den ungefederten Kutschen

auf unzureichend ausgebauten Straßen

schlecht. (68) Wohl deshalb feilschte Kröncke mit

Tulla darüber, wer wen besuchen sollte: „Warum

ich nicht zu Dir kommen will, wo nach einem alten

Sprichworte, hin und her, gleich weit ist. Du bist

nicht weniger als sicher, mich einmahl bey Dir zu

sehen. Vor der hand aber kannst Du einmahl hierher

kommen. Du bist auch ledig und so noch mobiler,

und überdem führen Dich Deine Geschäfte

mehr in meine Nähe, als die meinigen mich in

Deine Nähe bringen.“ (69)

Das Jahr 1812, in dem Tulla seine erste Schrift über

die Begradigung des Rheins herausbrachte und

die erste von ihm revidierte Generalkarte erschien,

begann für ihn in melancholischer Stimmung.

Kröncke las seinem Freund mitfühlend die Leviten:

„Ich bitte Dich um Gottes willen, liber Tulla,

lasse die Grillen weg. Persönlich bist Du im Lande,

(66) GLA 237/24327,fol. 68 , Brief vom 29.03.1810.

(67) Vgl. Valdenaire 1931, S. 278.

(68) Kröncke schreibt am 09.11.1810 „[...] und ich mich wie gewöhnlich nach der Reise nicht ganz wohl befand, und einige Tage das Bett hüten mußte.“ GLA 237/24327,

fol. 90, Brief vom 09.11.1810.

(69) Ebd.

19


T U L L A

Im Mai 1812 starb Tullas langjähriger Vorgesetzter

und Förderer Vierordt und so bat Tulla um die Übertragung

der vakanten Stelle, die ihm ein Jahr später

per Dekret rückwirkend gewährt wurde. Auch

sein Gehalt wurde der ehemaligen Besoldung Vierordts

angepasst, eine Beförderung in der militärischen

Hierarchie war damit jedoch nicht verbunden.

(71) Seinen Titel Major, den er 1808 erhalten

hatte, behielt er vorerst bei. Kröncke, der um Tullas

finanzielle Lage wusste, erkundigte sich nach

dessen beruflichem Aufstieg: „Fürs erste hoffe ich,

dass Du mir bald melden werdest, wie das Ableben

des General-Maj. v. Vierordt auf dein Geschäftsbürgerliches

und finanzielles Leben einen günstigen

Einfluß gehabt hat. Du musst aber nicht hochmüthig

werden, wenn Du nun auch General bald

wirst, das will ich mir ausbitten.“ (72) Tullas Eingaben

um Gehaltserhöhungen sollten erst mit der Ernennung

zum Oberdirektor der Wasser- und Straßenbaudirektion

1817 ein Ende finden. (73)

Johann Peter Hebel

(1769 – 1826)

und von den Besten des Landes geehrt und geschätzt,

und wenn zwar manche Geschäfte nicht so

gehen, wie sie eigentlich gehen sollten, und wie

man fest überzeugt ist, daß sie zum Besten des

Landes und Regenten gehen müssten, so steht

das einem jeden rechtschaffenen, mit dem Lande

es gut meinenden Menschen zwar wehe, aber es

ist nicht wohl gethan, wenn man diesem Schmerz

zu sehr nachhängt.“ (70)

Der gemeinsame (Haus)freund

Johann Peter Hebel

1814 bedankte sich Kröncke zum ersten Mal für

den von Tulla übersandten „Rheinländischen Hausfreund“,

den alle Mitglieder der Familie Kröncke

schätzten: „[...] und der mitgekommene Hausfreund

hat eine nicht geringe Freude im Haus verursacht.“

Aus den weiteren Ausführungen ist zu

erkennen, dass Kröncke Hebel auch persönlich

kannte: „Dem Herrn Kirchenrath Hebel bin ich für

das Andenken sehr verbunden, und ich wünsche,

daß Du mich demsselben bestens empfehlen mögest.

Vielen Spaß haben mir die in dem Hausfrend

vorkommende Rechnungs-Exempl gemacht, wenn

ich sie in Gesellschaft guter Freunde, die gerade

keine großen Rechner sind, und eben so auch in

Gesellschaft aufgeweckter Fraunzimmer aufgab.

Ich vermuthe, daß es mehrern Personen hierin

eben so gegangen ist.“ (74)

Johann Peter Hebel (1760-1826) wurde 1760 in

Basel geboren und kam, früh verwaist, als 14-jähriger

Schüler an das Karlsruher Gymnasium. Nach

der Reifeprüfung studierte er Theologie an der Universität

in Erlangen, welche er als Kandidat für das

geistliche Amt 1780 verließ. Die nächsten Jahre

verdiente Hebel seinen Unterhalt zunächst als

Hauslehrer in Hertingen, dann als Vikar in Lörrach,

bevor er 1791 an das Karlsruher Gymnasium berufen

wurde. Seine Unterrichtsfächer waren Latein,

Hebräisch, Griechisch und Naturgeschichte. Daneben

hatte er die Verpflichtung zum Predigen.

(70) GLA 237/24327, fol. 103f., Brief vom 20.01.1812

(71) Vgl. GLA 237/24328, fol. 15.

(72) GLA 237/24327, fol. 111, Brief vom 09.06.1812.

(73) Vgl. Cassinone /Spieß 1929, S. 35.

(74) GLA 237/24327, fol. 131f., Brief vom 05.02.1814.

20


T U L L A

Bei Hebels Ankunft in Karlsruhe befand sich das

Gymnasium noch im Gebäude, in der Langestraße,

wo Hebel wenige Jahre zuvor selbst Schüler gewesen

war. 1804 zog das Gymnasium in das neue,

die Stadtkirche flankierende Gebäude auf dem

Marktplatz. (75) Das Gymnasium gab bereits seit

1750 den „Badischen Landkalender“ als Lektüre

für die lutherischen Untertanen heraus. Nachdem

der Absatz des Kalenders um die Jahrhundertwende

immer schlechter geworden war, wurde Hebel

1802 um seine Mitarbeit gebeten. Nach einer

vollständigen Überarbeitung erschien der „Badische

Landkalender“ ab 1807 unter dem neuen Titel

„Der Rheinländische Hausfreund“. Er enthielt

fast ausschließlich von Hebel verfasste Geschichten,

die ihm oftmals im Kaffeehaus zugetragen

wurden. Hebel war Mitglied der Karlsruher Museumsgesellschaft

und des Stammtisches im „Bären“,

der später seinen Sitz in das Drechslersche

Kaffeehaus verlegte und jahrelang Schauplatz eines

Rätselwettkampfes war. Sowohl Hebel als auch

Tulla wohnten im Zentrum der 4.000 Einwohner

zählenden Residenzstadt Karlsruhe und dürften

sich bereits früher in Tullas Elternhaus begegnet

sein. Hebel, der wie Tulla niemals verheiratet war,

verbrachte seine freien Abende häufig in Gesellschaft.

Ob auch Tulla gerne und regelmäßig ausging,

muss offen bleiben. Es hat sich jedoch eine

Zeichnung vom Gasthaus „Zum schwarzen Bären“

erhalten, die er möglicherweise zur Erinnerung an

dort verbrachte Stunden anfertigte. Auch das Mitgliederverzeichnis

der Museumsgesellschaft enthält

Tullas Namen. (76)

Wie intensiv der Kontakt zwischen Tulla und dem

zehn Jahre älteren Hebel war, lässt sich nicht mehr

feststellen. Mit Sicherheit wird die Rheinbegradigung

Thema gemeinsamer Gespräche gewesen

sein, wobei naheliegend ist, dass sie die planmäßige

Veränderung des Rheinlaufs auch unter ethischen

Gesichtspunkten diskutiert haben. Tulla

selbst interpretierte die Ausführung der technischen

Möglichkeiten nie als „unerwünschten Eingriff

in Gottes Schöpfung“, sondern immer als eine

Maßnahme, „[...] von deßen Ausführung oder Unterlaßung,

das Wohl von mehreren hunderttausend

Menschen abhängt.“ (77) Nach der Vereinheitlichung

des Maßsystems 1810 legte Hebel seinem

häufiger im „Hausfreund“ auftretenden Adjunkt

die Vorteile des neuen Maßsystems, das Voraussetzung

für die Rheinkorrektion war, in den Mund.

Der 1811 von Hebel verfasste und von Wild redigierte

Aufsatz erschien unter dem Titel „Des Adjunkts

Standrede“ in der Ausgabe von 1812. Hebel

und Wild hatten sich zuvor persönlich kennengelernt

und korrespondierten auch in den folgenden

Jahren miteinander. (78)

Nur drei Jahre später legte Hebel die Redaktion

des „Hausfreundes“ nieder. Der Kalender für 1815

wurde, obwohl er die Zensur passiert hatte, zurückgerufen

und eingestampft. Es wurde befürchtet,

die katholische Bevölkerung könnte Hebels

Erzählung „Der gute Rat“ als beleidigend empfinden.

Hebel lieferte bis 1819 weiterhin Beiträge für

den „Hausfreundund wirkte als Lehrer. Mit seiner

Ernennung zum Prälaten der Landeskirche war er

kraft Amtes auch Mitglied der Ständekammer. Seinen

Anstrengungen ist es zu verdanken, dass sich

die lutherische und reformierte Kirche 1824 vereinigten.

Krank und erschöpft von den vielseitigen

Anstrengungen starb Hebel auf einer Dienstreise

1824 in Schwetzingen, wo er beerdigt wurde. (79)

Die evangelische

Stadtkirche mit den

flankierenden Gebäuden,

in denen seit

1804 das Gymnasium

untergebracht war.

(75) Der nördliche Flügel des Gymnasiums wurde 1803 begonnen und 1804 bezogen, der südliche Flügel wurde erst 1824 eingeweiht. Der Bau der Stadtkirche wurde 1806

genehmigt, die Einweihung erfolgte 1816. Vgl. Lehmann 1892, S. 230, Valdenaire 1985, S. 99.

(76) Vgl. Stadtarchiv Karlsruhe 8/StS 20/147.

(77) GLA 237/24327, fol. 409, Brief vom 20.11.1824.

(78) Der Kontakt zwischen Hebel und Wild war über Conrad Pfeffel, den Gründer des gleichnamigen Instituts in Colmar und Schwager Wild zustande gekommen. 1803 vertonte

Wild Hebels Gedicht „Der Morgenstern“ und sandte es dem erfreuten Hebel zu. Vgl. Trub 2013, S. 34.

(79) Vgl. Zentner, Wilhelm (Hrsg.): Johann Peter Hebel und seine Zeit. Zur Wiederkehr seines 200. Geburtstages am 10. Mai 1960., Karlsruhe 1960, S. 15f, Karlsruhe 1960;

Längin, Georg: Hebel, Johann Peter Hebel, in: Badische Biographien, 1. Teil, Heidelberg 1875, S. 347-354.

21


T U L L A

Das Haus der

Museumsgesellschaft,

1814 nach

den Plänen Friedrich

Weinbrenners erbaut,

1914 abgebrannt.

Die Projekte in den Jahren nach dem

Wiener Kongress

In den Jahren nach Napoleons Niederlage, in denen

Baden seinen Koalitionspartner Frankreich aufgab

und sich Preußen und Russland zuwandte, hatte

Tulla zahlreiche berufliche Erfolge zu verzeichnen.

Im Januar 1814 avancierte er vom Major zum

Oberstleutnant. Im April desselben Jahres erhielt er

für die Herstellung der Anmarschstraße zur Altenheimer

Brücke, die den verbündeten Armeen zum

Rheinübergang südlich von Straßburg gedient

hatte, den Kaiserlich Russischen Wladimir Orden

4. Klasse. Mit der Schleifung der Festung Kehl war

Tulla so zufrieden, dass er sie als eine der wenigen

Arbeiten bezeichnete, welche bis dato in gleicher

Art und Größe ausgeführt worden seien. (80) Angesichts

seiner erfolgreich abgeschlossenen Projekte

fühlte sich Tulla nicht angemessen entlohnt. Er beklagte

sich bitter darüber, dass er im Vergleich zu

Weinbrenner einen geringeren Tagessatz für

Dienstfahrten erhalte und Lohnerhöhungen immer

unzureichend geblieben wären. Erst die Ernennung

zum Ober-Wasser- und Straßenbau-Direktor im Februar

1817 (81) und die damit verbundene Gehaltserhöhung

empfand er als ausreichende Würdigung

seiner Leistungen, auch in finanzieller Hinsicht.

Tullas Ruf als Ingenieur reichte, bedingt auch durch

die erfolgreichen Arbeiten in der Schweiz, über

Badens Grenzen hinaus. 1818 wünschte der württembergische

König ein Gutachten und einen Plan

zur Neckarkorrektion, wofür Tulla mit 100 Dukaten

und einer diamantenen Tabakdose entlohnt worden

war. (82) Nachdem der nördlich von Karlsruhe

gelegene Durchstich bei den Knielingern 1817 mit

militärischer Präsenz erzwungen werden musste,

begrüßten die Eggensteiner dieselbe Maßnahme

mit Lob und Dankbarkeit. (83) Die Einwohner Eggensteins

empfingen Tulla, der zur Begutachtung

der Baumaßnahme gekommen war, mit einer Ansprache,

einem Gedicht und einer Urkunde. (84) Im

selben Jahr konnte mit Bayern ein Vertrag über

Durchstiche zwischen Neuburg und Dettenheim,

zwei Orte die zuvor auf französischem Gebiet gelegen

hatten, ausgehandelt werden.

Die Verhandlungen mit Frankreich hingegen verliefen

äußerst schleppend. Die seit 1817 tagende

Rheingrenzberichtigungskommission, die zur Auslegung

des Pariser Friedensvertrages von 1815 zusammengetreten

war, beschloss zwar die Durchführung

der Rheinkorrektion, verlangte aber vorab

Versuche an zwei Flussbiegungen. Da keine Einigung

darüber erzielt werden konnten, ob der

Durchstich Kehl – Straßburg oder Plittersdorf –

22

(80) Vgl. Cassinone / Spieß 1929, S. 33.

(81) GLA 237/24326.

(82) Vgl. ebd., S. 32; Valdenaire 1931, S. 266.

(83) DieKnielinger mussten zugunsten dieses Durchstichs, der sowohl Eggenstein als auch Knielingen vor künftigen Hochwassern schützen sollte große Gebiete abgeben.

(84) Vgl. Cassinone / Spieß 1929, S. 59ff.


T U L L A

Der Rhein

bei Iffezheim

Selz erfolgen sollte, stockten die Beratungen. Als

sich 1822 zudem herausstellte, dass Frankreich

nur eine teilweise Korrektion plante, verließ Tulla

die Besprechung in Straßburg ohne das Protokoll

zu unterschreiben. Eine Randnotiz seines Mitarbeiters

Scheffel schildert Tullas Unmut: „von dieser

Zeit an wurde Herr Oberst Tulla auch mißtrauischer

gegen die französischen Ingenieure, in

bezug auf die Rektifikation des Rheins, und er

zweifelte mit gutem Grund, ob je etwas Gemeinschaftliches

mit ihnen zu Stande gebracht werden

könnte.“ (85) Erst drei Jahre später wurden nach

dem Hochwasser von 1824 neue Verhandlungen

aufgenommen, die jedoch 1827 erneut ergebnislos

endeten. Eine Einigung konnte schließlich erst

zwölf Jahre nach Tullas Tod, im Grenzvertrag vom

5. April 1840, erzielt werden. Dennoch wurden

Tullas Pläne zur Rheinbegradigung weitgehend

realisiert. (86)

Lebenskrisen im Spiegel der Briefe

Trotz sich einstellender Erfolge zehrte das anhaltende

Werben müssen für die Korrektion, das diplomatische

Lavieren und das Entkräften der Gegenargumente

in den eigenen Reihen an den

psychischen Kräften der Ingenieure. Die langen

Arbeitstage, die beschwerlichen Dienstreisen und

der nur nach Wohlwollen genehmigte Urlaub verbrauchte

ein hohes Maß an körperlicher Kraft. Mit

Vollendung des 50. Lebensjahres häuften sich die

Klagen in den Briefen Krönckes und Tullas.

Kröncke, auf dem private Sorgen lasteten, weil

seine Frau vier Jahre zuvor einen Schlaganfall mit

anschließender Lähmung erlitten hatte, war immer

wieder gezwungen, die geplanten Rheindurchstiche

zu rechtfertigen. Resigniert schloss er

seinen Brief vom November 1819: „Ich bin nicht

krank und nicht vergnügt. Das Getriebe der Welt

und der Menschen in der Welt gefällt mir nicht,

und macht mich stumpf und dumm und träge zu allem.

Dieß macht mich besorgt, wenn ich doch nur

noch einmahl so rechten Muth und wahre Lust zur

Arbeit wieder fassen könnte.“ (87) Tulla schien sich

in ähnlicher Stimmung befunden zu haben.

Kröncke versuchte ihn in seinen Briefen – trotz der

eigenen Niedergeschlagenheit – aufzurichten:

„Das klingt alles sehr ernst, daß ich sehr besorgt

seyn müßte, wenn ich nicht hoffen könnte, daß

diese Zeilen nur in einer üblen Laune von dir geschrieben

seyn mögen.[...] Aber beugen lassen,

muß man sich dadurch nicht das wird einem so

kräftigen Mann mit deinem Kopf, deinen Kenntnisssen

und deinem rechten, steten und guten Willen

auch nicht passieren.“ (88) Auch die Last des

(85) Zitiert nach: Cassinone / Spieß 1929, S. 65.

(86) Vgl.ebd., S.65ff.

(87) GLA 237/24327, fol. 276, Brief vom 30.11.1819.

(88) GLA 237/24327, fol. 287, Brief vom 14.02.1820.

23


T U L L A

Geldverdienens wurde als erdrückend empfunden,

was Krönckes nächstem Brief zu entnehmen ist:

„Lieber Freund, weißt du kein Mittel, wie man als

ein ehrlicher Mann, auf erlaubtem guten Weg zu einem

Vermögen gelangt, wovon man leben kann

und eine unabhängige Existenz erhält. Wenn du irgend

einmahl ein solches Mittel entdeckst oder erfährst,

so theile mir es doch mit. Ich glaube ein solches

Mittel würde mir zuträglicher seyn als alles …

und Arzneyen von noch so vielen Ärzten und Apothekern.“

(89)

Die Projekte in den 1820er Jahren

Die im Oktober und November 1824 stattgefundenen

Stürme und Regenfälle hatten Tullas Projekt

der Rektifikation geradewegs beflügelt. Die am begradigten

Rhein liegenden Ortschaften blieben von

Hochwasserschäden verschont und warben damit

für die Fortsetzung der vorliegenden Pläne. Voller

Enthusiasmus berichtete Tulla Ende November an

Kröncke: „Man hat nun bald die allgemeine Überzeugung

erhalten, daß Bäche, Flüße und Ströme

rectificiert werden müßen, wenn die Nachtheile

beseitigt werden sollen, welche aus ihrem fehlerhaften

Zustand entstanden sind. Aus diesem Grund

wurden auch vom Großh. Ministerium des Innern

die in Abschrift anliegenden Befehle erlaßen und

wirklich wird schon an sehr vielen Orten gemeßen

und nivellirt, um Pläne fertigen, und Rectificationen

entwerfen zu können.“ (90)

Die Korrektion am oberen Flusslauf bedingte letztlich

die Weiterführung der Maßnahmen am gesamten

Lauf, um ein zügiges Abfließen der Wassermengen

zwischen Quelle und Mündung zu

garantieren. Mit diesem Wissen forderte Tulla

Kröncke auf, sich für die Geradführung des Rheins

bei Worms auszusprechen, um damit das schnelle

Abfließen aus Mannheim zu garantieren. Auf

Krönckes Antwort, der in der Rheinkorrektion dieses

Abschnittes keinen Vorteil für Hessen erkennen

konnte und deshalb ausschloss, dafür in seinem

Land einzutreten, antwortete Tulla mit einem kühlen

Schreiben, auf das Kröncke wiederum entgegnete:

„Meine Erklärung ist diese: Als Hydrotect im

Allgemeinen kann ich die von Dir projectirten

Rheindurchstiche nicht misbilligen, aber als Beamter

unseres Staates muß ich mich pflichtenhalber

gegen den Durchstich oberhalb Worms erklären,

wenn ich deswegen mit Gutachten aufge- fordert

werde, weil der Durchstich im Allgemeinen

gut seyn kann, uns nicht zuträglich ist.“ (91) Durch

die Offenlegung der jeweiligen Standpunkte war

der Streit aus dem Weg geräumt. In den folgenden

Briefen beriet Tulla durch den Austausch von Plänen

die potentielle Rheinführung auf hessischem

Gebiet detailgenau. Viele von Tullas Vorschlägen

flossen in Krönckes Planungen ein. Die Rheinbegradigung

im Großherzogtum Baden zwang die

Unterlieger zu reagieren, ein Umstand, der Anlass

für manche Missstimmung gab. Auch Preußen

als Unterlieger von Hessen äußerte sich missbilligend.

(92)

1825 erschien Tullas Denkschrift Über die Rektifikation

des Rheins, von seinem Austritt aus der

Schweiz bis zu seinem Eintritt in das Großherzogtum

Hessen. Kröncke veröffentlichte im Jahr darauf

eine Schrift über den Durchstich am Geyer. Mit

Bayern konnte 1825 ein weiterer Vertrag über fünfzehn

Durchstiche von Dettenheim bis zur hessischen

Grenze vereinbart werden. Die bis dato ausgeführten

Durchstiche zwischen Neuburg und

Dettenheim hatten die bayerische Regierung von

der Maßnahme überzeugt. (93)

Die Erkrankung an Blasensteinen

Spätestens seit Ende 1825 verschlechterte sich

Tullas Gesundheitszustand zunehmend. Anfang

1826 schrieb er an Kröncke, dass er sechs Wochen

arbeitsunfähig gewesen sei und im Juni desselben

Jahres berichtete er von „immer noch fortwährender

Unpäßlichkeit“ (94) , die sich auch nach einem

siebenwöchigen Kuraufenthalt in Bad Rippoldsau

nicht gebessert hatte. Aus Krönckes Brief im folgenden

Sommer geht vielmehr hervor, dass sich

Tullas Gesundheitszustand inzwischen verschlimmert

hatte: „Was du vom Bitten um Pensionierung

schreibst, ist, so hoffe ich zu Gott, nur eine augenblickliche

hypochondrische Grille gewesen, womit

du mich aber doch sehr geängstigt hast. Ich bin

Gottlob ziemlich gesund, aber die 56 Jahre, welche

ich zurückgelegt habe, spüre ich doch gar sehr,

und insbesondere auch daran, daß ich den Muth

nicht mehr habe, etwas weit aussehende Dinge

24

(89) GLA 237/24327, fol. 292, Brief vom 14.08.1820.

(90) GLA 237/24327,fol. 403, Brief vom 20.11.1824.

(91) GLA 237/24327, fol. 419, Brief vom 13.01.1825.

(92) Vgl. GLA 237/24327, fol. 526, Brief vom 29.04.1827.

(93) Vgl. Cassinone / Spieß 1929, S.67.

(94) GLA 237/24327, fol. 493, Brief vom 27.06.1826.


T U L L A

links:

Franz Xaver von Zach

(1754 – 1832)

rechts:

Philipp Jakob Scheffel

(1788 – 1869)

mit Ernst anzugreifen, so daß ich jetzt gerne alles

beym Alten lasse.“ (95) Seit August 1827 existieren

keine Briefe mehr zwischen Kröncke und Tulla.

Ganz sicher standen die zwei Freunde weiterhin in

Kontakt, nur werden die von Kröncke nach Paris geschriebenen

Briefe verloren gegangen sein.

Als Ursache seiner vielfachen Beschwerden wurden

bei Tulla Blasensteine festgestellt. Tulla hatte

sich mit Kollegen und Freunden über Ärzte und

Behandlungsmöglichkeiten seiner Erkrankung ausgetauscht.

Schließlich erfuhr er von dem Juristen

Johann Ludwig Klüber, der 1804 bis 1816 als Staatsrat

im badischen Dienst tätig gewesen war (96) , von

dem in Paris arbeitenden Arzt Jean Civiale. Dieser

hatte eine neue Behandlungsmethode entwickelt

und entfernte Blasensteine nicht mehr durch das

Öffnen der Blase, sondern mittels eines sogenannten

Lithotriptors. Die mit Hilfe eines Führungsrohrs

in den Harnleiter eingebrachten Instrumente

ermöglichten es, Blasensteine aufzuspüren und

zu zertrümmern. (97) Wie einer Rechnung zu entnehmen

ist, hatte sich Tulla ein Buch von Civiale

über dessen Operationsmethode besorgt. (98) Noch

im Oktober 1827 hoffte Tulla, nachdem er sich bereits

einer Untersuchung durch einen Karlsruher

Arzt unterzogen und eine weitere durch den Geheimen

Hofrat Chelius aus Heidelberg geplant

hatte, nicht nach Paris reisen zu müssen. Die Mediziner

Chelius und Soemmerring jedoch empfahlen

die Behandlung in Frankreich. Im November

1827 kam Tulla dort nach 13-tägiger beschwerlicher

Reise an.

In der Rue St. Lazare wohnte er im selben Haus wie

der ebenfalls an Blasensteinen erkrankte Astronom

Franz Xaver von Zach (1754-1832) und lernte

diesen noch am Ankunftstag persönlich kennen.

Der in Pest geborene Zach erhielt seine schulische

Ausbildung vermutlich in einem Jesuitenkolleg, wo

er auch seine ersten Erfahrungen in der Vermessung

sammelte. Nach seiner Tätigkeit als Ingenieur

beim österreichischen Militär und als Professor

für Mechanik in Lemberg bereiste er Italien,

Frankreich und England. In London arbeitete Zach

als Gesellschafter und Hauslehrer eines sächsi-

(95) GLA 237/24327, fol. 535f., Brief vom 20.08.1827.

(96) Vgl. Eisenhart, Johann August Ritter von: Klüber, Johann Ludwig, in Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 16, 1882, S. 235-247.

(97) Vgl. Gosteli, Leo / Boschung, Urs / Brosche, Peter: Astronom, Weltbürger, Blasenpatient. Franz Xaver von Zachs Briefe an Rudolf Abraham von Schiferli 1821-1837,

Basel 1998, S. 58.

(98) Vgl. GLA 206/1604 Testament-Abtheilung.

25


T U L L A

schen Gesandten, bevor er in den Dienst des Herzogs

Ernst II. von Sachsen-Gotha eintrat. Dieser

beauftragte ihn mit der Errichtung eines Observatoriums,

das er mit den neuesten Geräten aus England

einrichtete. Er unterrichtete Carl Friedrich

Gauß in praktischer Astronomie und unterwies

Alexander von Humboldt vor dessen Südamerikareise

im Umgang mit den Vermessungsgeräten.

Zudem publizierte er drei Fachzeitschriften zur

Sammlung und Verbreitung astronomischer Daten.

Nach dem Tod von Herzog Ernst II. zog Zach zunächst

nach Marseille und später nach Genua, wo

er an Blasensteinen erkrankte.

Ebenso wie Tulla begab er sich zu Civiale nach Paris.

In einem ausführlichen Briefwechsel mit seinem

Freund und Arzt Rudolf Abraham von Schiferli

schilderte Zach Leiden und Erfolge seiner Krankengeschichte.

In einem Brief vom 29. November

1827 berichtete er über seinen neuen Zimmernachbar

Tulla: „Ein neuer Beweis, wenn es noch einen

bedarf, dass Civiale’s Methode unfehlbar, und

unübertreffbar ist, bewährt sich nun abermal, an

den Baadischen Ingieur-Obrist Tulla aus Carlsruhe,

welcher auf mein Anrathen und Zureden hierher gekommen

ist, um sich von Civiale operiren zu lassen.

Er ist mein Nachbar, und logirt in einer Stube neben

mir. Der arme Mann hatte zwey, wie Tauben-

Eyer grosse Steine. Er hat schon zwey Operationen

überstanden. Bey der ersten hat Civiale ein grosses

tiefes Loch gebohrt. Bey der zweyten hatte er den

Stein gewendet, und eine anderes Loch gebohrt,

worüber der Stein, welcher äusserst hart ist, in

viele Stücken gegangen ist, seitdem urinirt er Fragmente

wie Erbsen gros, noch vier oder fünf solche

Operationen, so ist dieser alte 68-jährige Mann

ganz hergestellt“. (99)

Dass Zach den 16 Jahre jüngeren Tulla zehn Jahre

älter geschätzt hatte, könnte als Hinweis auf Tullas

schlechte körperliche Verfassung und Verbrauchtheit

gewertet werden.

Obwohl sich Tulla zur Kurierung seiner Leiden in die

Behandlung Civiales begeben hatte, nutzte er diesen

Aufenthalt auch dazu, den Fortschritt in der

Medizin zu fördern. Er legte ein Tagebuch an und

hielt darin alle vorgenommenen Eingriffe sowie

Fort- und Rückschritte fest. Zudem setzte er sich

dafür ein, „dass mehrere Bestecke der Instrumente

ins Badische kommen.“ (100) Seine Hoffnung auf die

Verbreitung der Operationsmethode nach Civiale

brachte er in einem Brief zum Ausdruck: „Gestern

habe ich einen vollständigen civialischen Apparat

an Herrn Geheimenhofrath Chelius in Heidelberg

abgesandt, und in kurzem werde ich einen zweyten

nach Karlsruhe senden. Ich hoffe dass mit diesen

bald Versuche werden gemacht werden, und dass

seiner Zeit die civialische Methode so allgemein

werden dürfte, dass man nicht mehr genöthigt

werden wird nach Paris zu gehen um sich von den

Steinen befreyen zu lassen.“ (101) Im Dezember berichtete

Tulla an einen ehemaligen Kollegen: „Herr

Dr. Himly ist hier angekomen und wohnt meinen

Operationen bey, welches ich umsomehr gestattete,

als derselbe von Herrn GeheimenRath von

Sömmering an Herrn Dr. Civiale empfohlen war,

und ich auch gerne etwas zur Belehrung anderer

beytrage.“ (102) Voller Zuversicht schrieb Tulla Anfang

Februar: „Ich sehe nun dem Ende meiner Kur

getrost entgegen und hoffe, dass solches in künftiger

Woche erfolgen dürfte. Nach Beendigung

meiner Kur werde ich noch 4 Wochen hier verbleiben

und dann meine Rückreise antreten.“ Nichts

deutete zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass Tulla

sieben Wochen später nicht mehr leben würde.

Die letzten geplanten Bohroperationen konnten

aufgrund Tullas sich verschlechterndem Gesundheitszustand

nicht mehr vorgenommen werden.

Tulla starb am 27. März 1828 und wurde auf dem

Friedhof Montmartre beigesetzt. Das Grab, welches

von Baden gekauft wurde, ist noch heute erhalten.

Um den Verdacht der Tod wäre als Folge der

Blasenoperationen aufgetreten, auszuräumen, obduzierte

Civiale den Leichnam Tullas und stellte

krampfhafte Erstickungsanfälle als Todesursache

fest. (103)

Zach schrieb seinem Schweizer Freund von Tullas

plötzlichem Tod: „Jezt eine fatale Geschichte. Ich

weis nicht, ob ich Ihnen nicht von einem Badnischen

Obristen Tulla aus Carlsruhe geschrieben

habe, [...]. Seine Stube war über der meinigen, wir

sahen uns täglich, und waren viel beysammen, es

(99) Zitiert nach: Gosteli / Boschung / Brosche 1998, S. 263.

(100) GLA N Klüber 268, Brief Tullas an Klüber vom 07.11.1827.

(101) GLA N Klüber 268, Brief Tullas an Klüber vom 09.02.1828.

(102) GLA N Klüber 268, Brief Tullas an Klüber vom 16.12.1827.

(103) Vgl. Gosteli / Boschung / Brosche 1998, S. 276.

26


T U L L A

sehr liebgewonnen, und wir wurden sehr dicke

Freunde. Es that mir sehr leid, ihn in Paris verlassen

zu müssen, allein ich sollte in ein warmes Clima

eilen, ich verlies ihn jedoch ganz munter und wohl,

[…]. Wir schrieben uns fleissig, ich hatte ihm versprochen,

auf meiner Retour in Carlsruhe zu besuchen,

wo er mir seine Arbeiten, die Rectification

des Rheins zeigen wollte“ (104) . Zach, der sich 1832

nochmals zu Civiale in Behandlung begab, starb

ebenfalls in Paris an der dort grassierenden Cholera.

Sein Leichnam wurde auf dem Friedhof Père

Lachaise beerdigt.

Das Grabmal Tullas

auf dem Friedhof

Montmartre, Paris

war ein sehr geschikter wohl instruirter Mann, besonders

im Wasser- und Strohmbau, er war Chef

des Badnischen Ingenieur-Corps. Sie kennen ihn

gewiss, wenigstens den Namen nach, dann er ist

auch in der Schweiz, wegen des Wasserbaus oft

consultirt worden. Ich hatte diesen alten guten

Mann (er war aber nicht älter aber besser als ich)

Drei Jahre nach Tullas Tod verfasste dessen engster

Mitarbeiter Philipp Jakob Scheffel (1789-1869)

einen Nekrolog über seinen ehemaligen Vorgesetzen.

Scheffel war seit 1817 Mitglied der Rheingrenzberichtigungskommission

und arbeitete seit

diesem Zeitpunkt eng mit Tulla zusammen. 1826

heiratete er die musisch begabte Josephine Kre-

(104) Zitiert nach:Gosteli /Boschung / Brosche 1998, S. 276. Zach, der selbst Civiales „Vorzeigepatient“ war, machte sich nun Sorgen, dass die Lithotritie durch Tullas Tod

in Verruf geraten könnte.

27


T U L L A

Orden des

„Ritters vom

Zähringer Löwen“

derer, die in ihrem neuen Haus in der Stephanienstraße

16 einen Salon unterhielt und den Badischen

Frauenverein mitbegründete. Der Ehe entstammten

drei Kinder, der erstgeborene Sohn, Joseph

Victor, wurde als Autor des Trompeters von

Säckingen über Baden hinaus bekannt. Scheffel

blieb bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1857 Mitarbeiter

der Wasser- und Straßenbaudirektion und

konnte die Fortführung der Rheinbegradigung nach

den Plänen Tullas noch mehrere Jahrzehnte verfolgen.

Resumée

Noch am Vorabend seines Todes soll Tulla einem

Freund gegenüber geäußert haben, dass er in der

vergangenen Nacht gefürchtet habe, „dem Rhein

auf immer den Rücken kehren zu müssen“. So

überliefert es Scheffel in seinem Nekrolog und

bringt damit zum Ausdruck, was Tulla als sein Lebenswerk

ansah.

Mit der Entstehung des Großherzogtums, an dessen

Spitze ein aufgeklärter Fürst regierte und der

einen jungen begabten Mann zum Hydrotecten

hatte ausbilden lassen, waren die äußeren Voraussetzungen

für die Rheinbegradigung gegeben.

Tulla hatte die Vision, aus dem vorgefundenen

Stückwerk der Flussbefestigungen ein großes Ganzes

zu fügen. Durch die Prinzipien der Aufklärung

zum Selbstdenken angeleitet, vertraut mit den

neuesten Erkenntnissen der Mathematik, ersetzte

er die bis dahin empirisch erstellten Flußbauten

durch mathemathisch präzise berechnete Werke.

Alles auf dieses große Projekt ausgerichtet, schuf

er die dafür notwendigen Voraussetzungen, angefangen

bei der Landvermessung, Maßvereinheit -

lichung, Wassermengenmessung, Abschaffung der

Frondienste bis zu den Überzeugungsarbeiten im

eigenen Land und den Verhandlungen mit den Anliegerstaaten.

Obwohl er viel Zeit für den Ausbau des Straßennetzes

mit samt den dazugehörigen Brücken und

dem Auf- und Abbau strategisch wichtiger Militärwerke

verwenden musste, blieb die „Rectification“,

wie er sie nannte, Mittelpunkt seines Wirkens. Er,

der nie verheiratet war, widmete sein ganzes Interesse,

seine Freizeit, seine Kraft diesem einen

Projekt. Damit machte er sein Lebensglück abhängig

vom Fortgang der Korrektion und empfand

jede Zurückweisung seiner Ideen als persönliche

Niederlage. Sein Freund Kröncke, der sich als

dreifacher Familienvater neben dem Flussbau auch

für die Abschaffung der Zehnte und die Einrichtung

von Witwen- und Waisenkassen einsetzte,

blieb dadurch ein Stück weit souveräner. Kröncke

versuchte seine Sichtweise auch Tulla nahezubringen

als dieser 1821 vom baldigen Sterben

gesprochen hatte: „Habe ich gesagt, was ich für

recht und gut halte, so freut es mich, wenn das,

was ich für recht und gut halte, geschieht – aber es

kränkt mich nicht so sehr mehr, wenn es auch

nicht geschieht. Ich denke, ich kann mich auch in

meiner Ansicht geirrt haben.“ (105) Dieser tiefen

Überzeugung von der Richtigkeit seiner Ideen war

es geschuldet, dass Tulla – wie es Scheffel im Nekrolog

beschreibt – zuweilen rücksichtslos oder

unbeugsam reagierte. (106)

Noch einen Monat vor seinem Tod, im Februar

1828, ernannte ihn Großherzog Ludwig zum Ritter

des Zähringer Löwenordens und begründete seine

Entscheidung: „Die Ausführung eines großen, zum

Nutzen des Vaterlandes berechneten Unternehmens

ist nun nicht mehr zweifelhaft und die Er-

(105) GLA 237/24327, fol. 323f, Brief vom 27. 12.1821.

(106) Vgl. Scheffel 1830, S. 21f.

28


T U L L A

fahrung hat bereits über die Richtigkeit Ihrer Vorschläge

wegen der Rheinrectifcation entschieden.“

(107)

Es ist nicht überliefert, wie Tulla die späte Würdigung

seines Landesherrn aufnahm. Statt zum

Nutzen des Vaterlandes hätte Tulla eher zum Nutzen

der Menschen, der badischen Einwohner formuliert,

denn darum ging es ihm (108) . Den Ausbau

zur Schifffahrtstraße vollzogen erst seine Nachfolger.

Obwohl die Vorteile der Begradigung, wie

Landgewinn, Hochwasserschutz und Verlust der

Sumpfgebiete, die dadurch entstandenen Nachteile,

den Ausfall in der Goldwäscherei und Fischerei

aufwogen, wird die Rheinkorrektion spätestens

seit Beginn der 1970er (109) als Fehler bezeichnet.

Es ist jedoch nicht gerechtfertigt, die

technischen Neuerungen isoliert von den Zeitumständen,

in denen sie gemacht worden sind, zu

beurteilen. Um Tulla Gerechtigkeit widerfahren zu

lassen, müssen die Erleichterungen, die die Anwohner

des Rheins durch die Begradigung erfahren

haben, auch als solche gewertet werden. Das

bedeutet nicht, dass wir heute, mehr als zwei Jahrhunderte

später, nach der Erfindung von Auto,

Flugzeug und Rakete, nach dem Ausbau zahlreicher

Verkehrswege und der Erschließung immer

größerer Landschaftsgebiete, den menschlichen

Umgang mit der Natur und deren Ressourcen nicht

kritisch beurteilen sollten.

Tulla-Denkmal

auf der Gemarkung

Knielingen,

1853 von Markgraf

Max von Baden zu

Ehren von Johann

Gottfried Tulla

errichtet

(107) Zitiert nach GLA 237/24328, Schrift vom 09.02.1826, unterschrieben von Großherzog Ludwig.

(108) Sein Bemühungen zum Wohl der Menschen hat Tulla noch während seiner Krankheit bewiesen, indem er sich dafür einsetzte, dass die Instrumente und das Knowhow

zur Lithotritie nach Baden kamen.

(109) Zu diesem Zeitpunkt zeigte der Club of Rome die Grenzen des Wachstums auf, vgl. Reith, Reinhold: Umweltgeschichte der frühen Neuzeit. München 2011, S. 1.

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P L I T T E R S D O R F

„...einen Augenschein bey dem

unglücklichen Ort Plittersdorf einzunehmen...“ (1)

Tullas Wirken in der Region Rastatt

Rainer Boos

„An Das Hochpreißliche Großherzogliche Badische Ministerium des Innern Finanz Departement Unterthänigst

ehrfurchtvollste Danksagung der Gemeinde Plittersdorf im Murgkreise wegen gnädigst

geleisteter Hilfe gegen das schädliche Eindringen des Rheines

Ein Hochpreißliches Ministerium

wolle gnädigst erlauben, daß die unterthänigst unterzogene Gemeinde Plittersdorf ihre schuldigste

Danksagung wegen der eben so schnellen als wirksamen Befestigung des Rheinlaufes, in tiefster

Erfurcht zu Füßen lege.

Es ist der unterthänigsten Gemeinde in stätem dankbarstem Angedenken, welche große Anstrengungen,

und väterliche Sorgfalt das hochpreißliche Ministerium für sie seit langen Zeiten ganz huldvollst

geäußert, und wie ansehnliche Summen Hoch-Daselbe zur Rettung unserer Häußer und Liegenschaften

schon so oft, und so großmüthig gewidmet. Dafür schlagen aller Herzen vom Kinde an

biß zum abgelebten Greisen von innigstem Dankgefühle.

Niemal aber war die Hilfe nötiger, aber auch nie kräftiger, schneller und wirksamer, als eben in diesem,

uns ewig unvergeßlichen Jahre, wo den ganzen Sommer über der Rhein in einer seltsamen

Höhe stund, ungeheure Sandbänke, unserm schon so oft bedrohten Pfarrhause gegen über, anlegte,

und mit seinen raßenden Fluthen so heftig gegen unsere Dämme spielte, daß es fast unmöglich

schien, dem mehrmalen versuchten Einbrechen des vollen Stromes Einhalt zu thun, und zu verhindern,

daß nicht wieder die Hälfte unserer Wohnungen im Rheinbette begraben worden wären.

Nur den eben so glücklich berechneten als rasch ausgeführten Erfindung des Hochpreißlichen Ministerium,

dem unsere Gemeinde so schädlichen und gefährlichen Strome ein undurchbrechliches

Steinufer entgegen zu stellen, und den zu diesem großen Unternehmen gnädigst gespendeten Summen,

verdanket das schon so oft verunglückte Plittersdorf seine dießmalige und künftige Rettung

seiner Wohnungen und Grundstücke.

Mit innigstem Gefühle des kindlichen Dankes bittet demnach eine gehorsamste Gemeinde von fast

siebenhundert Seelen die hochpreißliches Ministerium wolle die demüthigste Ausdrücke unserer

unaussprechlichen Dankbarkeit zu dem Throne seiner Königlichen Hoheit unsers allergnädigsten

Landesvaters, ja in so ferne es füglich seyn möchte zur allgemeinen Puplizität gelangen zu lassen,

und fürs künftige in Hoch-Dero kräftigen Schutze und väterlichen Obsorge huldvollst zu erhalten

die höchste Gnade haben die in tiefster Ehrfurcht geharrende Eines hochpreißliche Ministeriums!

Plittersdorf den 10ten Dezember 1816

Unterthänigste dankbarste Gemeinde

Michael Ruf

Göhrig Vogt

Hans Fritz Joseph Rust des Gerichts

Jerg Müller Carl Müller des Gerichts (2)

Paul Köppel

Faschinleger Greiser

Paul Meisch“ (3)

(1) Landesarchiv Baden-Württemberg, Abteilung Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA) 173/404, Bericht vom 20.Juli 1814.

(2) Ein Mitglied des Gemeinderats zeichnete mit „des Gerichts“. Vgl. Ruf , Franz, 1250 Jahre Plittersdorf, Rastatt 1980, S.182.

(3) GLA 173/405.

30


P L I T T E R S D O R F

Dankschreiben

der Gemeinde

Plittersdorf vom

10.Dezember 1816

31


P L I T T E R S D O R F

Karte des wilden

Rheinstroms

bei Rastatt,

18. Jahrhundert

Dieses Schreiben vom 10. Dezember 1816 wurde

vom Finanzministerium in Schönschrift kopiert an

Großherzog Karl weitergeleitet, nicht ohne darauf

hinzuweisen, „daß man die glückliche Rettung des

Orts Plittersdorf hauptsächlich der einsichtsvollen

Anordnungen und der thätigen Direction des Obrist

Lieutenants Tulla, unterstützt durch die bey

Abschaffung der Frohnddienste, durch welche vorhin

alle Rheinbau Arbeiten gelähmt, und zum Theil

unwirksam gemacht worden, aus der Flußbaucasse

dazu ausgesetzte Summe von 39793 f verdanke“ (4) .

Dieses politische Signal sollte der konservativen

Herrscherfamilie zeigen, dass es richtig war, am 16.

Mai 1816 (5) die Fron im Wasserbau abzuschaffen.

Die Qualität der bezahlten Arbeit war eindeutig

besser als bei der Fron. Darüber hinaus profitierten

auch die Einwohner der Umlandgemeinden, denn

das undurchbrechliche Steinufer“ wurde mit

Sandstei nen aus Malsch, Waldprechtsweier, Muggensturm,

Oberweier, Bischweier, Kuppenheim und

Haueneberstein gebaut. (6)

Dem badischen Ingenieur Johann Gottfried Tulla

war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass diese

Aktion nur eine Notmaßnahme und keine endgültige

Rettung Plittersdorfs war. 1817, ein Jahr später,

zeigte die erfolgreiche Ableitung eines großen

Hochwassers durch den ersten Durchstich einer

Rheinschlinge bei Eggenstein, dass Tullas Vision

von der Bändigung des Rheins in einem Flußbett

umsetzbar war.

Der Verfasser des Dankschreibens, der Plittersdorfer

Vogt Georg Fidel Göhrig erlebte die endgültige

Rheinkorrektion in seiner Heimatregion ebenso

wenig wie Tulla, der große Förderer Plittersdorfs.

Beide starben 1828 (7) und es dauerte noch

zwölf Jahre bis der Grenzvertrag zwischen Frankreich

und Baden abgeschlossen wurde und Tullas

Planung umgesetzt werden konnte.

Der Rhein im 18. Jahrhundert

Das Schicksal der Rieddörfer wurde vom Rhein geprägt

und im 18. Jahrhundert war besonders Plittersdorf

den Angriffen des Stromes ausgesetzt.

Die kleine Markgrafschaft Baden-Baden war weder

administrativ noch finanziell in der Lage, die bedrohte

Bevölkerung zu schützen. Erst die Wiedervereinigung

mit der Markgrafschaft Baden-Durlach

nach dem Tod von August Georg, dem letzten

Markgrafen in Rastatt im Jahr 1771 brachte eine

Verbesserung. Um sich die Loyalität der katholischen

Bevölkerung zu sichern und auch die Steuerkraft

des neuen Landesteils zu ermitteln, wurden

Fachleute in den Raum um Rastatt entsandt. Die Ingenieure

Carl Christian Vierordt, der in Karlsruhe

ausgebildet worden war und der Engländer Peter

Perez Burdett wurden beauftragt, das Gelände zu

vermessen und zu kartographieren, die Straßen

(4) Ebd.

(5) Vgl. Valdenaire, Arthur: Das Leben und Wirken des Johann Gottfried Tulla, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 83 (NF 44) 1931, S. 258-286, hier S. 259.

(6) Vgl. GLA 173/405, f= Gulden.

(7) Vgl. GLA 309 Nr. 4118, Bild 71, Standesbuch Plittersdorf, Sterbeeintrag.

32


P L I T T E R S D O R F

Die korrigierte Murg

und ihre Altwasser

zwischen Rastatt

und Steinmauern

1828

33


P L I T T E R S D O R F

Hochwasser an der

Murg 1919 mit Blick

auf die Badener

Brücke.

Badener Brücke mit

Eisbrechern, Lithographie

von Joseph

Durler, um 1842

und Brücken zu inspizieren. Außerdem sollten

Pläne zur Entwässerung der Sümpfe, für die Hochwassersicherung

und Schiffbarmachung der Flüsse

entworfen werden.

Eine Hochwasserkatastrophe am Rhein führte 1778

zu einer Vereinbarung zwischen dem Königreich

Frankreich und der Markgrafschaft Baden über ein

gemeinsames Vorgehen. Im folgenden Jahr sollte

damit begonnen werden „die vielen Arme des

Rheins allmählig abzuschneiden, um Land zu gewinnen,

die Schiffahrt zu erleichtern und die Hoheitsgrenze

weniger wandelbar zu machen“ (8) .

Doch schon bald endete die Zusammenarbeit, da

die französische Seite Faschinenwerke anlegte,

(8) Zitiert nach: Valdenaire, Arthur: Das Leben und Wirken des Johann Gottfried Tulla, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 81 (NF 42), 1929, S. 588-616, hier

S. 591.

34


P L I T T E R S D O R F

die zu Schäden an der badischen Rheinseite führten.

Spätere Vereinbarungen in den 1790er Jahren

scheiterten daran, dass Frankreich die Arbeiten

mit Geld bezahlen, der badische Staat jedoch Fronden

der Bevölkerung einfordern wollte. Ingenieur

Vierordt plädierte schon damals für die Abschaffung

der Fron im Flussbau, konnte sich jedoch bei

der Regierung nicht durchsetzen.

Die Murg

Aber nicht nur der Rhein brachte Not und Armut in

das Land. 1777 wurden Burdett und Vierordt aufgefordert

zu berichten, ob durch die Trockenlegung

beim Murgdurchstich zwischen Plittersdorf

und Steinmauern Gelände für die Landwirtschaft

gewonnen werden könnte. (9) Bald darauf entstand

der Murgkanal, wie er bis vor wenigen Jahren durch

Rastatt bis Steinmauern floss. Die beiden Arme

der alten Murg wurden abgetrennt und verlandeten.

Allerdings wurden die Dämme des Kanals nicht

hoch genug gebaut oder waren teilweise noch

nicht fertig, so dass 1786 der Fluss wieder in sein

altes Bett einbrach und das Dorf Rheinau und auch

Plittersdorfer Gelände überschwemmte. Die Rheinau

bat daraufhin um die Errichtung eines Dammes.

Am 2. Dezember 1798 berichtete das Rastatter

Congreßblatt, dass das Hochwasser schnell fällt

und dies der „wohlthätigen Anlegung des Murgkanals“

zu verdanken sei. „Vor derselben war oft

genug die Stadt und Gegend überschwemmt; dabey

pflegte auch viel Vieh zu verunglücken. Noch

in der ersten Zeit nach der neuen Einrichtung, im

Jahr 1787, mußte man mit dem Kahn in das Wirthshaus

zur Sonne fahren. Späterhin hat der Kanal

sich von selbst vertieft, zugleich nahmen die stehenden

Altwasser und mit ihnen die Fieber=Krankheiten

ab.“ (10) Das Wirtshaus zur Sonne stand an

der nördlichen Ecke der heutigen Kaiser-/Kapellenstraße.

Aber schon neun Wochen später meldete

dasselbe Blatt von strenger zwölftägiger Kälte

und einem plötzlichen Wärmeeinbruch mit Folgen:

„Unter den Brücken um Rastatt her wurde die Niederbühler

am meisten beschädigt, von welcher

vier Eisbäume weggerissen worden sind. Die

Rheinau stand ganz unter Wasser und der heftige

Wind riß alldort ein großes, noch nicht ausgebautes

Haus gänzlich nieder. Der Rhein, der fürchterliche

Eisflächen führte, stand am 29. Jan. 10´2´´

über seiner gewöhnlichen Höhe, und war, trotz aller

Tag und Nacht fortgesetzten Dammarbeiten,

nahe beim größten Austritt, der bey Plittersdorf

noch glücklich abgewandt wurde; doch müssen

noch einige Häuser allda abgebrochen werden. Es

ist merkwürdig, daß an dem dortigen Damm, oder

vielmehr an den vornen angelegenen Faschinen,

die ungeheure Eisfläche, die fast die ganze Breite

des Rheins von Fortlouis bis Iffezheim eingenommen

hatte, schadlos angestoßen hat. Es war ein

gräulicher Anblick, die vielen von der Kinzig her

und dann aus der Murg in den Rhein geschwemmten

Brücken, Stege und Eisbäume und

andere Hölzer neben und auf den Eisschollen heranschwimmen

zu sehen.“

Dieses Ereignis dürfte für den seit 1797 für das

Amt Rastatt zuständigen Jungingenieur Tulla beeindruckend

und prägend gewesen sein und sorgte

dafür, dass der 11 Jahre zuvor von der Rheinau

beantragte Damm gebaut wurde.

Plittersdorf in den Jahren 1801 bis 1806

Durch die ständige Kriegsnot der Napoleonischen

Zeit waren keine großen Maßnahmen am Rhein

möglich. Die Ernährung der Bevölkerung wurde

durch Einquartierung von Soldaten und Immigranten

aus dem Elsass, die vor der französischen

Revolution geflohen waren, nicht einfacher.

Vierordt und Tulla mussten sich auf die Errichtung

eines Dammes bei Greffern, Ufersicherungen zwischen

Söllingen und Au a.R. und einem „Zugemäch“

(Absperrdamm an einem Gewässer) bei Plittersdorf

beschränken. Um eine dauerhafte Korrektion

des Rheins planen zu können, fehlte es an

den nötigen Vermessungspunkten, da die französischen

Ingenieure, obwohl inzwischen mit Baden

verbündet, ihre Pläne nicht zur Verfügung stellten.

(11)

Tulla hatte zwar während seines Studiums an der

sächsischen Bergakademie Freiberg auch Französischunterricht

genossen, aber für die fachliche

Auseinandersetzung mit den Kollegen von der linken

Rheinseite reichte dies nicht aus. Auf Empfehlung

des Leiters der badischen Wasserbauverwaltung

Vierordt wurde der inzwischen 31 Jahre

alte Tulla 1801 zu einem Studienaufenthalt nach Pa-

(9) Vgl.GLA 173/288.

(10) Kreisarchiv Rastatt, Rastatter Congreßblatt 3.Halbjahr 1798/99.

(11) Vgl. Valdenaire 1929, S.593.

35


P L I T T E R S D O R F

ris geschickt, um Sprache und Technik der zu dieser

Zeit dominierenden Nation in Europa kennenzulernen.

Der Rhein und speziell der Abschnitt bei

Plittersdorf beschäftigte ihn auch in dieser Zeit,

da er regelmäßig von Vierordt auf dem neuesten

Stand gehalten wurde und sich mit französischen

Ingenieuren austauschte. So schreibt er am

23.03.1802 an den Rentkammerpräsidenten (Finanzminister)

in Karlsruhe: „Herr Lebrun ist sehr

für die Rheinkorrektion und er hat, wie er mir sagt,

dem Minister des Innern den Vorschlag gemacht,

daß man eine Kommission von deutschen und

französischen Ingenieurs ernennen soll, welche

Vorschläge machen solle, wie und auf welche Art

der Rhein in Schranken gehalten werden soll und

kann. Es ist daher nach meinem Dafürhalten keine

Zeit zu verlieren, die Sache in Gang zu bringen, um

endlich einmal dahin zu kommen, daß man sämtliche

Rheinbauarbeiten nach einem festgesetzten

Grundplan behandeln kann. ......., denn gegenwärtig

hängt viel von den Gemeinden ab, was in einer

Gegend erlaubt wird, wird in einer anderen

nicht gestattet. So wie ich vom Herrn Major Vierordt

benachrichtigt worden bin, hat die Gemeinde

Selz gegen die Zuschließung des Gänsrheins bei

Plittersdorf protestiert, und ich für meinen Teil

sehe nicht ein, wie man die Unbilligkeit dieser Protestation

beweisen kann als dadurch, daß nach

bis jetzt entworfenen Plänen der Rhein niemals

durch den Gänsrhein geleitet werden kann“. (12)

Der Gänsrhein und die Raukehle waren das Hauptproblem

Plittersdorfs, drückte doch das Wasser

immer weiter nach Osten, bedrohte den Ort und

seine Felder und wenn der Hauptstrom sich endgültig

in diese beiden Nebengewässer verlagern

würde, wäre die Staatsgrenze zu Frankreich direkt

vor dem westlichen Rand des Dorfes. Seit dem

30jährigen Krieg lag fest, dass der Talweg, d.h. die

Mitte des Hauptstromes die Grenze darstellte.

Plittersdorf vor der

Umsiedlung 1785

Plittersdorf nach der

Umsiedlung 1861

Die eingekreisten

Gebäude konnten

am alten Standort

bleiben oder waren

schon vor 1785 versetzt

worden

Kurz nach Tullas Rückkehr 1803 aus Paris veränderte

sich der Umfang der Aufgaben am Rhein.

Hatte Baden bisher nur wenige Meilen Strom und

Grenze von Söllingen bis Neuburgweier mit Frankreich

gemeinsam, so weitete sich dies bis 1806

auf die Strecke von Basel bis Mannheim aus. Diese

gewaltige Herausforderung für Ingenieure und Politiker

bot aber auch eine große Chance, denn mit

dem Großherzogtum Baden hatte das Kaiserreich

Frankreich nur noch einen Verhandlungspartner,

was manches hätte erleichtern können, wenn die

Abhängigkeit des Kleinen vom Großen nicht so

eklatant gewesen wäre.

(12) GLA 76/7969. Bei dem sog. „Gänsrhein“ handelt es sich heute um einen Altrheinarm, der direkt am Hochwasserdamm bei Plittersdorf gelegen ist.

36


P L I T T E R S D O R F

Am 10. August 1806 verfasste Tulla einen neunseitigen

Vermerk an die Regierung über „Die Uferdeckung

vor und die Zuschließung der Rauhkehle

und des Gänsrheins unterhalb Plittersdorf betreffend“,

in dem er beklagt, dass durch die unterlassene

Weiterführung und die mangelhafte Unterhaltung

der vor Jahren angelegten Faschinenwerke

Plittersdorf weiterhin in Gefahr sei und immense

Kosten deswegen auf den Staat zukommen könnten.

Für diesen Missstand machte er den Ingenieur

Ludwig vom Oberamt Rastatt verantwortlich, der

seine Anordnungen nicht durchgesetzt hatte.

Hauptsächlich wäre jedoch die Fronarbeit und der

Materialmangel schuld an der Misere, wie er zusätzlich

feststellt. Um die Sicherung des Ortes in

der bisher üblichen Weise durchzuführen, hätten

für die benötigten 250.000 Faschinen alle Faschinenwälder

zwischen Hügelsheim und Au abgeholzt

werden müssen. Da sein Vorschlag, den Rhein wie

schon seit zwanzig Jahren geplant, zu begradigen

wegen der außenpolitischen Situation nicht weiter

verfolgt werden durfte, wurden nur Notmaßnahmen

durchgeführt. Und so schrieb er aufrüttelnd,

aber auch vergeblich: „Würde die Faschinade vor

Plittersdorf vom Rhein umgangen, so müßte nach

und nach wenigstens die Hälfte und vielleicht 3/4

des Ortes versetzt werden und mehrere Gebäude,

worunter sich auch das Pfarrhaus befindet, müßten

dieses Spätjahr noch, abgebrochen und versetzt

werden.“ (13)

Plittersdorf in Not

In den Jahren darauf folgten tatsächlich Anträge

auf Versetzung von 11 Häusern und von 9 weiteren

Familien, die nach „Bohlen“ auswandern wollten.

(14) Schultheis Göhrig formulierte in seinem Bericht

an das „Großherzogl. hochlöbl. Oberamt“ die

Not der Auswanderungswilligen wie folgt: "Erstens

seind ihre Güter alle verpfändt 2ten seind sie in der

Lag daß sie ihre Häuser und Scheinen wegen Einbruch

deß Rheins werdt abbrechen müsen," und

weiter fügte er hinzu, dass keine Mittel vorhanden

seien um die Häuser wieder aufzubauen. (15) In einem

späteren Brief bat er um finanzielle Unterstützung

für den Wiederaufbau von Häusern wie

vor 50 Jahren. Selbst dieser Hinweis auf die ehemalige

katholische Herrschaft in Rastatt erweichte

die Regierung in Karlsruhe nicht. Von den 114

Wohnhäusern Plittersdorfs waren bis 1758 schon

31 versetzt worden. (16) 70 Jahre später war kaum ein

Gebäude noch an seiner ehemaligen Hofstätte.

Göhrig wusste, wovon er berichtete, hatte er doch

ohne staatliche Unterstützung, in den 1790er Jahren

das Wirtshaus seiner Schwiegereltern „Zum

Adler“ vor einem Rheinhochwasser abbrechen

müssen und erst Jahre später am neuen Platz

(heute Rathaus) wieder errichten können. (17) Die

Bürger wurden allein gelassen. Aber auch Gemeinden,

wie Au am Rhein, mussten für die Lieferung

von 30.000 Faschinen nach Plittersdorf auf

die Bezahlung durch den Staat warten. (18)

Weitblick gegen regionale Kurzsichtigkeit

Tulla beschäftigte sich nicht nur mit dem Rhein,

auch die Nebengewässer gehörten zu seinem Aufgabenbereich.

Die Pläne zur Begradigung und Eindeichung

der mittelbadischen Flüsse Kinzig und

Murg scheiterten zuerst am Widerstand der Gemeinden,

die weder Gelände, noch Geld oder Fronarbeiter

bereitstellen wollten. Erst als der badische

Ingenieur 1807 in die Schweiz gerufen wurde

und dort in vier Jahren den Fluss Linth nach seiner

Planung korrigiert und das Sumpfland um den Wallensee

entwässert und fruchtbar wurde, war der

Name Tulla überall bekannt und seine Dienste gefragt

und anerkannt. (19) 1812 legte er, als Nachfolger

Vierordts eine Denkschrift über das weitere

Vorgehen am Rhein vor. Jetzt machte sich bezahlt,

dass er seit Jahren junge Männer in den Ingenieurwissenschaften

ausbildete, das Pegelwesen

verbesserte und in den Gewässern die Fließgeschwindigkeit

messen ließ. Eine wichtige Voraussetzung

für die künftigen Arbeiten war die 1810, gegen

große Widerstände in der Bevölkerung von

Tulla vorgeschlagene Angleichung aller Maßeinheiten

an das französische Meter und die Einführung

des Dezimalsystems. Die Friedensverträge

nach der Niederlage des napoleonischen Frankreich

ermöglichten 1817 die Einrichtung einer

Grenzberichtigungskommission, was jedoch erst

1840 zu einem Grenzvertrag führte, da weiterhin

der Talweg des Stromes Grenze sein sollte und um

(13) GLA 173/403.

(14) Vgl. GLA 173/403.

(15) GLA 173/403 Göhrig, Bericht vom 11. Juni 1808

(16) Vgl. Ruf , Franz, 1250 Jahre Plittersdorf, Rastatt 1980, S.150

(17) Vgl. Krämer, Hermann: Plittersdorf am Rhein und an der Grenze, Rastatt 1959, S.172.

(18) Vgl. GLA 173/403.

(19) Vgl. Valdenaire 1931, S. 258-286.

37


P L I T T E R S D O R F

Ufersicherung

durch Faschinenbau

Faschine

Abrechnung der

Plittersdorfer Bürger

für Fertigung und

Einbau von 7000

Faschinen vom

31.März 1817.

38


P L I T T E R S D O R F

jede Insel gefeilscht wurde. Aber in einem Punkt einigte

man sich schnell: Die Triangulation des Oberrheintales

von Basel bis Lauterburg. Diese Vermessung

war schon im Spätjahr 1819 abgeschlossen

und bildete die Grundlage für die Planung der

Rheinkorrektion. (20)

Die Korrektion des Rheins

1817, kurz nach der Rettungsaktion in Plittersdorf

mit dem „undurchbrechliche Steinufer“, wurden

die ersten Durchstiche, die auf der Grundlage der

Tulla’schen Planung im Raum Karlsruhe durchgeführt

worden waren, ohne die üblichen Überschwemmungen

von großen Hochwässern durchströmt.

Nach diesen erfolgreichen Belastungsproben

des neuen Strombettes wandelte sich die

Stimmung und die Weiterführung der „Rectifikation“

des Rheins wurde von der Bevölkerung gefordert.

Mit der bayerischen Pfalz hatte Baden inzwischen

eine Nachbarin, die in den nächsten

Jahrzehnten diese gewaltige Aufgabe gemeinsam

mit den badischen Ingenieuren von Neuburgweier

bis Mannheim umsetzte.

Der südlichere Oberrhein konnte erst nach Abschluss

des badisch-französischen Grenzvertrages

am 05. April 1840 in Angriff genommen werden. (21)

Die Korrektion des Rheins bei Plittersdorf erfolgte

kurz danach. Bis dahin mussten noch viele zehntausende

Faschinen und manches Fuhrwerk mit

Sandsteinen aus dem Schwarzwald ins Ried gebracht

werden und es galt weiterhin der Satz mit

dem der Obristlieutenant Johann Gottfried Tulla

am 20. Juli 1814 einen Bericht an die Regierung in

Karlsruhe begann: „Bey meinem Aufenthalt in Rastatt

in verfloßener Woche, habe ich es für meine

Pflicht gehalten, einen Augenschein bey dem unglücklichen

Plittersdorf einzunehmen, und ich

habe mich durch diesen überzeugt, daß dann,

wenn der Rhein einen hohen Stand erreichen

sollte, kein Mittel angewandt werden kann, den

Ort und zugehörige Banngegend eine allgemeine

und unberechenbaren Schaden verursachende Ueberschwemmung

zu schützen.“ (22)

(20) Vgl. Klein, Alois: Die geodätische Festlegung der Grenzen am Oberrhein (1750-1850), Karlsruhe 1976, S. 38.

(21) Vgl. Zier, Hans-Georg: Johann Gottfried Tulla. Ein Lebensbild, in: Badische Heimat, 50. Jg., 1970, Heft 4, S. 379-449, hier S. 441.

(22) GLA 173/404.

39


D E R R H E I N

Die Rheinkorrektion

bei Rastatt dokumentiert

die „Karte

über den Lauf des

Rheins von Basel bis

Lauterburg ... nach

dem Zustand des

Stroms vom Jahr

1838.“

Moderner Nachdruck

nach einer in

Farbe gedruckten

Version von 1851.

Chronologie der Rheinkorrektion unter Tulla

1802 Tulla äußert sich zum ersten Mal schriftlich über seine Idee der systematischen Rheinkorrektion.

1808 Mit Frankreich werden Vereinbarungen getroffen, dass Arbeiten am Rhein nur mit der Zustimmung

des Nachbarstaats geschehen dürfen.

1809 Tulla stellt seine ersten Pläne vor.

1812 Tullas erste Denkschrift „Die Grundsätze, nach welchen die Rheinbauarbeiten künftig zu führen

sein möchten“ wird herausgegeben.

1812 Mit Frankreich werden Verhandlungen über Durchstiche zwischen Neuburg und Dettenheim

geführt, die aufgrund des folgenden Krieges nicht zur Ausführung kommen.

1817 Mit Bayern werden erste Vereinbarungen über die bereits projektierten Durchstiche zwischen

Neuburg und Dettenheim getroffen. Die Pfalz war im Pariser Friedensvertrag von 1814 Bayern

zugesprochen worden.

1817 – 1819 Die sechs Durchstiche werden an der pfälzisch-badischen Grenze durchgeführt, wobei die

Arbeiten bei Knielingen mit militärischer Präsenz erzwungen werden mussten.

1817 Mit Frankreich wird vereinbart, dass nur solche Rheinbauarbeiten ausgeführt werden dürfen,

die dem gegenüberliegenden Ufer keinen Schaden zufügen.

40


D E R R H E I N

1822 Die zweite Denkschrift Tullas erscheint ohne besonderen Titel.

1825 Die dritte Denkschrift Tullas wird unter dem Titel „Über die Rektifikation des Rheins von seinem

Austritt aus der Schweiz bis zu seinem Eintritt in das Großherzogtum Hessen“ herausgegeben.

1825 Mit Bayern wird eine zweite Vereinbarung über sechzehn weitere Durchstiche zwischen Leopoldshafen

und der hessischen Grenze getroffen, die durch Preußens Einspruch revidiert

werden müssen.

1832 Es erfolgt die dritte Übereinkunft mit Bayern über dreizehn weitere Durchstiche, zwölf davon

werden bis 1866 realisiert

1840 Der Grenzvertrag zwischen Frankreich und dem Großherzogtum Baden wird geschlossen. Die

von Tulla geplante Linienführung wird weitgehend übernommen, während das Bauprogramm

alljährlich vereinbart wurde. Die Arbeiten dauern bis 1876 an.

Tullas Nachfolger Max Honsell gelang der Ausbau des Rheins zur Schifffahrtsstraße und Theodor Rehbocks

Bemühungen ist die wirtschaftliche Nutzung der Wasserkraft zu verdanken.

41


Ausstellung

Konzeption

Restauratorische Betreuung

Technischer Aufbau

Verwaltung

Nicole Zerrath

unter Mitwirkung von Rainer Boos und Iris Baumgärtner

Ute Luber (Papier)

Karin Welz-Spriestersbach (Gemälde)

Klaus Kastner

Martin Wagner

Karin Welz-Spriestersbach

Adeltraut Eber

Thomas Wendel

Leihgeber

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Universitätsbibliothek, Abt. Historische Sammlungen

Badische Landesbibliothek Karlsruhe

Bundesanstalt für Wasserbau Karlsruhe

KIT – Universität Karlsruhe Bibliothek

Archiv

Fakultät Bau – Geo - Umwelt / Karlsruher Burschenschaft Tulla e.V.

Günther Karcher Rastatt

Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe

Regierungspräsidium Karlsruhe

Technomuseum Mannheim

Stadtarchiv Karlsruhe

Stadtarchiv Rastatt

Wehrgeschichtliches Museum Rastatt

Dank für besonderen Rat und Unterstützung:

Hildegard und Julius

Rolf Fritz Wasser- und Schifffahrtsamt Freiburg

Strübel-Stiftung

Angelika Sauer, Stadtarchiv Karlsruhe

Gabriele Wüst, Landesarchiv Baden-Württemberg, Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe

Bildnachweis

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg,

Universitätsbibliothek, Abt. Historische Sgl. 20

Rainer Boos

16 (links), 27 (links oben und unten)

Denkschrift zu Plittersdorf

38 (oben)

Derby Museums Trust England

8 (Mitte)

Rolf Fritz

38 (links unten)

Hessisches Staatsarchiv Darmstadt

9 (Mitte)

Karl-Heinz Hettig 29

Matthias Hoffmann (Stadtmuseum Rastatt) 2, 11, 16 (rechts), 28

Landesarchiv Baden-Württemberg,

Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe

8 (links), 9 (rechts), 10, 13, 14, 27 (rechts), 31, 32, 33, 36, 38 (rechts unten)

Landesmedienzentrum BW Karlsruhe/

KIT-Archiv Karlsruhe 4

Museum für Literatur am Oberrhein Karlsruhe 25 (rechts)

Stadtarchiv Karlsruhe 5, 6, 19, 21, 22

Stadtarchiv Rastatt

34, 40, 41 und Umschlagfotos

Stadtbibliothek Trier

8 (links), 25 (links)

Stadtmuseum München

9 (links)

Nicole Zerrath 17, 23

Impressum

Publikation

Text uns Bildredaktion:

Lektorat

Nicole Zerrath

Rainer Boos

Christina Reichl

Iris Baumgärtner

Gestaltung/Layout

Barbara Horn, HORN Design

Druck und Gesamtherstellung

wehner advertising / Prinz Druck Idar Oberstein

Herausgeber © Stadt Rastatt 2015

42


43


Stadtmuseum Rastatt

Herrenstraße 11

76437 Rastatt

Telefon: 07222 972 8400

www.stadtmuseum-rastatt.de

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