Sachsen Macher

sachsen

Macher

brand eins Wissen im Auftrag des Freistaats

Sachsen


Sachsen // Macher

Inhalt

Da schau hin!

Manchmal könnte man meinen, Sachsen habe nur noch

Negatives zu bieten. Gestern Pannen, heute ein Skandal, morgen

eine Hiobsbotschaft. Die schlechten Nachrichten formen sich seit

Monaten zu einem diffusen, aber einprägsamen Bild. Es ist ziemlich

düster – und falsch.

Denn so wahr einzelne Schlagzeilen auch sind: Der unschöne

Schein trügt. Sachsen ist mehr, als die jüngsten Botschaften suggerieren.

Wir sind auf unseren Reisen nach Rochlitz, Chemnitz,

Radebeul, Zittau, Dresden oder Schneeberg jedenfalls zahllosen

neugierigen und aufgeschlossenen Menschen begegnet. Menschen

unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft, hier geboren

oder einfach heimisch, angestellt oder selbstständig, Student

oder Unternehmer, Forscher oder Praktiker. Es sind Menschen mit

Lust auf Zukunft, die ihre Träume wahr machen wollen, ihren Weg

suchen und sich einlassen – auf neue Ideen und Projekte, auf Veränderungen

und Rückschläge, auf Sackgassen und schwierige Zeiten.

Wir haben diese Menschen nicht suchen müssen. Man trifft sie

überall im Land. Auf jedem Hof und jeder Bühne, im Dorf und in

der Stadt, in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Und ja, es gibt

auch jene, die für Negativschlagzeilen sorgen. Wir wollten unseren

Blick aber lieber von jener lauten Minderheit auf die Vertreter der

leisen Mehrheit richten. Sie, diese Menschen, die sich jeden Tag

neu aufmachen und engagieren, sind der Grund für unser Heft.

Vielleicht können ihre Geschichten dazu beitragen, unser Sachsen-

Bild zu korrigieren. Verdient hätten sie es.

Noch mehr

Macher in Sachsen

finden Sie auf:

www.brandeinswissen.de

4 Der globale Blick // Carsten Meyer hat fast eine Million

Euro bekommen, um den Artenschutz global zu betrachten.

6 Ich seh’ den Sternenhimmel // Mike Behnke wollte das

Schneeberger Planetarium retten – und wurde zum Erfinder.

8 Zurück in die Zukunft // Margitta Faßl ehrt Computer-

Pionier Konrad Zuse – und gibt ihrer Stadt eine Perspektive.

10 Unruh und Hemmung // Theodor Prenzel und Lutz

Reichel haben der Uhrenindustrie eine Sensation beschert.

18 Viel zu tun // Hussein Jinah hat einen Job, zehn Ehrenämter

und ein großes Ziel: das weltoffene Dresden zu fördern.

20 Läuft // Sebastian Wolter und Leif Greinus haben aus

ihrem Freiheitsdrang einen florierenden Verlag gemacht.

22 Hinter den Spiegeln // Kristina Musholt erforscht das

Wesen des Menschen und ändert den Wissenschaftsbetrieb.

24 Rappen in Zahlen // Johann Beurich rappt seine Songs

auf Youtube und hat damit schon vielen das Abitur gerettet.

Susanne Risch, Chefredakteurin

susanne_risch@brandeinswissen.de

12 Kraut und Rüben // Daniel Hausmann ist Visionär und

Realist – und Sachsens erster veganer Landwirt.

26 Lernen, lachen, leben // Elf berühmte Sachsen aus

vier Jahrhunderten erklären kurz, wie es so ist, das Leben.

Impressum

Herausgeber: Freistaat Sachsen Chefredaktion: Susanne Risch Artdirection: Britta Max Chefin vom Dienst: Michaela Streimelweger

Grafik: Deborah Tyllack Redaktion: Renate Hensel, Sibylle Kumm, Peter Lau, Kathrin Lilienthal, Uwe Rasche Text: Johannes Böhme,

Anika Kreller, Brigitta Palass, Klaus Rathje, Andreas Wenderoth Foto: Michael Hudler, Oliver Helbig, Sigrid Reinichs, Anne Schönharting

Illustration: Kia Sue Illustration Gesamtkoordination: Ketchum Pleon GmbH Konzept: brand eins Wissen © brand eins Wissen, Hamburg,

2016 www.brandeinswissen.de

14 Bewegend // Chayeon Lee ist erst 17, aber schon auf

dem besten Weg, ein neuer Ballett-Star zu werden.

16 Sonnige Zeiten // Christian von Olshausen beantwortet

eine Zukunftsfrage: Wie speichert man erneuerbare Energien?

28 Sauber gemacht! // Wolfgang Groß hat „fit“ in eine

Erfolgsfirma mit mehr als 100 Marken verwandelt.

30 Friede, Freude, Blinzes // Uwe und Lars Ariel

Dziuballa betreiben Sachsens einziges jüdisches Restaurant.

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Er sieht nicht aus wie der

klassische Wissenschaftler,

aber das heißt wenig:

Carsten Meyer forscht am

iDiv und hat sich gerade für

ein Stipendium in

Millionenhöhe qualifiziert.

Der globale Blick

Sachsen // leidenschaftlich

Kann eine geschützte Art in Deutschland zehn nicht geschützte Arten in Südamerika

vernichten? Der Biologe Carsten Meyer vom iDiv in Leipzig will genau das herausfinden.

Text: Brigitta palass

Foto: Michael Hudler

Carsten Meyer ist Biologe und seit Kurzem Millionär – zumindest

auf dem Papier. Denn jüngst erhielt der 32-Jährige, der am

Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)

und an der Universität Leipzig tätig ist, ein Freigeist-Stipendium

der VolkswagenStiftung. Budget: knapp eine Million Euro. Damit

will der junge Wissenschaftler in den kommenden fünf Jahren die

gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ursachen des

weltweiten Artenschwundes untersuchen.

Meyers Ansatz könnte eine große Lücke schließen. Rund

400 000 Arten an Pflanzen und Landwirbeltieren sind derzeit weltweit

wissenschaftlich erfasst. Doch Qualität und Quantität der über

sie verfügbaren Daten sind höchst uneinheitlich, und so ist es fraglich,

ob die tatsächliche Vielfalt der Flora und Fauna wie auch ihr

Schwund realistisch abgebildet werden.

Schon für seine Dissertation hatte Carsten Meyer Millionen an

Datensätzen über die Verbreitung aller bekannten Arten von Säugetieren,

Vögeln und Amphibien untersucht. Dabei stellte er fest,

dass die relativ überschaubare Tier- und Pflanzenwelt in den Industrieländern

fast vollständig erfasst, die Datenlage in den tropischen

Zonen Südamerikas, Asiens und Afrikas dagegen ziemlich dünn

ist. Gerade dort aber ist die Artenvielfalt am größten. Doch auch

in Kanada, auf dem Balkan und in einigen ehemaligen Sowjetrepubliken

klaffen Lücken. „Am allermeisten erstaunt haben uns

die großen Defizite in relativ wohlhabenden Schwellenländern“,

erzählt der Biologe.

Meyer – T-Shirt, Jeans, Bart und leicht verstrubbelte Haare –

hatte sich nur geringe Chancen seiner Bewerbung für das Stipendium

ausgerechnet. Sein Doktor vater in Göttingen hatte ihn darauf

aufmerksam gemacht. Doch bis dahin hatte Meyer kaum

wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. „Und die sind nun mal

die Währung in der akademischen Welt“, sagt er. Zudem kann

man sich nur einmal um diese spezielle Studienförderung bewerben:

Sie ist ausdrücklich für junge Wissenschaftler gedacht, die mit

ihrer Arbeit gewohnte Wege verlassen, um einen neuen Blick auf

Probleme zu werfen und nach innovativen Lösungen zu suchen.

Ein anderer wichtiger Schritt ist dem Forscher bereits gelungen:

„Ich wollte nach meiner Promotion in Göttingen unbedingt

an das iDiv.“ Das Institut, eine gemeinsame Einrichtung der Universitäten

Leipzig, Halle und Jena sowie des Helmholtz-Zentrums

für Umweltforschung, zieht Experten aus aller Welt an und hat

Leipzig ins Zentrum internationaler Spitzenforschung in Sachen

Biodiversität gerückt – und es bringt auch Meyer voran: „Wenn ich

bei einem wissenschaftlichen Problem nicht vorankomme, ist die

Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich ein paar Türen weiter jemanden

finde, der mir helfen kann“, sagt er.

Sein Ziel ist ehrgeizig. Der Biologe will all jene komplexen

globalen Zusammenhänge erforschen, über die lokale wirtschaftliche

und politische Entscheidungen die globale Artenvielfalt beeinflussen.

„Der Verlust des natürlichen Lebensraums ist der wichtigste

Grund für das Aussterben einer Art“, erklärt Meyer. Land- und

Forstwirtschaft oder Straßen- und Bergbau können ursächlich dafür

sein. Der Zusammenhang scheint auf den ersten Blick klar,

doch global gesehen ist es komplizierter. „Angenommen, ein relativ

artenarmes Land in Nordeuropa schränkt seine Forstwirtschaft

gesetzlich stark ein, um Tiere und Pflanzen des Waldes besser zu

schützen. Das Holz, das vor Ort gebraucht wird, wird künftig also

importiert – und verursacht möglicherweise Kahlschläge in anderen,

arten reicheren Ländern, deren Naturschutzstandards geringer

sind. Ein deutlich höherer Artenschwund wäre die Folge; so könnte

die lokal nützliche Gesetzesänderung global schädlich sein.“

Für diesen globalen Blick müssen enorme Datenmengen verarbeitet

werden – Big Data trifft Biologie. Das ermöglicht ganz

neue Einsichten, birgt aber das Risiko des unbekannten Terrains.

Doch damit kann Carsten Meyer leben. Schließlich gehe es der

VolkswagenStiftung doch genau darum: dem freien Geist Raum zu

schaffen, dass er sich ins Unbekannte entfalten möge.

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Sachsen // Findig

Ich seh’ den Sternenhimmel

Das Planetarium von Schneeberg stand vor der Schließung – kein Geld für neue Technik. Hobbyastronom

Mike Behnke entwickelte zur Rettung eine digitale Lösung, die Fachleute begeistert.

Text: Brigitta palass

Foto: sigrid reinichs

Natürlich arbeitet

Mike Behnke auch mit

Klassikern wie diesem

Zeiss-Teleskop. Seine

Erfindung aber ist

funk tionsfähig, viel

günstiger als die

herkömmlichen

Systeme – und hat

das Planetarium in

Schneeberg gerettet.

Jahrelang war ihm dieses Geräusch vertraut: das leise Klacken,

wenn einer der 32 Projektoren unter der Kuppel des Zeiss-Planetariums

in Schneeberg das nächste Dia vor das Objektiv schob – mit

einer weiteren Ansicht der nächtlichen Gestirne. Es ist verstummt –

für immer. Und Mike Behnke aus dem gut 30 Kilometer entfernten

Gelenau ist darüber nicht traurig. Eines nach dem anderen hatten

die alten Geräte den Dienst quittiert. Ersatz war kaum aufzutreiben,

weil der Hersteller, der einstige Weltkonzern Kodak, längst deren

Produktion eingestellt hatte. Und wirkten die Projektoren nicht

ohnehin hoffnungslos altmodisch mit ihrer statischen Darstellung

des Sternenhimmels in unserer bewegten, bildverliebten Welt?

Zeitgemäßer Ersatz musste also her, und genau da begann das

Problem. Projektionssysteme selbst für kleine und mittlere Planetarien

wie das in Schneeberg kosten rund eine Viertelmillion Euro

– zu viel für den „kul(T)our-Betrieb des Erzgebirgskreises“ als öffentlichem

Träger. 2014 drohte die Schließung des Planetariums

und der dazugehörenden mehr als 60 Jahre alten Sternwarte. Doch

das kam für Mike Behnke nicht infrage.

Ihn hatte der Blick zu den Sternen schon immer fasziniert. „Alles,

was mit dem Universum, mit Raumfahrt, mit unserem Sonnensystem

und fernen Galaxien zu tun hatte, begeisterte mich“, sagt er. Er

war acht, als er sich nach einer Anleitung aus einem Handbuch für

junge Astronomen sein erstes eigenes Teleskop bastelte. Doch die

Astronomie blieb nur ein intensiv gepflegtes Hobby. Behnke wurde

Kfz-Mechaniker und arbeitete später als Gerüstbauer. Erst 2006

bot sich ihm die Gelegenheit, seine Leidenschaft zum Beruf zu

machen. Der Landkreis suchte freie Mitarbeiter zur Betreuung des

Planetariums. Da traf es sich gut, dass Behnke kurz zuvor einen

Onlinehandel mit optischem Zubehör für Sterngucker und Naturfreunde

gegründet hatte. Weil er den Internetauftritt möglichst professionell

gestalten wollte, hatte er zudem eine Ausbildung zum Mediendesigner

absolviert. Das sollte sich als sehr nützlich erweisen.

Denn mit dem Hinscheiden der alten, analogen Diaprojektoren

begriff Behnke, dass der künftige Blick in die Unendlichkeit digital

sein würde. „Ich musste eine Lösung für eine Projektion auf gekrümmte

Flächen und einen 360-Grad-Rundumblick finden. Anders

geht es bei einer Planetariumskuppel nicht.“ Die Hardware – Computer

und moderne HD-Beamer – war das geringste Problem. Aufwendiger

gestaltete sich die Suche nach der passenden Software.

Behnke wurde bei Flugsimulationsprogrammen fündig, aber das

war nur der Anfang. Danach galt es, die zunächst sechs, heute nur

noch vier Beamer so zu programmieren, dass keine Ruckler, Unschärfen

und Nahtstellen bei der Projektion in der Kuppel auftreten.

Ein halbes Jahr lang tüftelte Behnke bis tief in die Nacht an seinem

System, er trug zunächst alle Kosten selbst. Dann führte er das

Ergebnis den kommunalen Kulturverantwortlichen vor – und stieß

auf Begeisterung. Auch weil seine Lösung mit rund 20 000 Euro

nicht einmal ein Zehntel dessen kosten sollte, was für die Systeme

etablierter Hersteller veranschlagt wird.

In nur zwei Monaten und mit viel Eigenleistung wurde das

Planetarium umgerüstet. Weil es inzwischen eine ganze Reihe von

Animationen in Fulldome-Technik gibt, kann man in den nachtblauen

Samtsesseln unter der Schneeberger Kuppel heute virtuell

nicht nur durch die Weiten des Universums reisen, auf dem Mond

landen oder die Ringe des Saturns kreuzen, sondern auch durch

eine Blumenwiese fliegen oder mit Walen tauchen. Besonders die

jungen Besucher sind fasziniert von den bewegten und bewegenden

Bildern unseres wunderbaren blauen Planeten im All. Sie kommen

oft mit ihren Eltern oder Großeltern wieder.

Das freut Behnke besonders, schließlich wird die Astronomie

als offizielles Lehrthema seiner Ansicht nach viel zu stiefmütterlich

behandelt. Dabei hat sein System bereits Schule gemacht, im Wortsinn:

Das Schulplanetarium in Chemnitz setzt seit einiger Zeit

nämlich auch auf die Spezialtechnik aus dem Erzgebirge.

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Sachsen // Visionär

Zurück in die Zukunft

In der Vergangenheit war die Leiterin der Wohnungsgesellschaft

Hoyerswerda vor allem mit Abriss

beschäftigt. Jetzt baut Margitta Faßl neu auf: Museen,

Gärten, Ideen – und Perspektiven für ihre Stadt.

Über Jahrzehnte war Hoyerswerda ein höchst moderner Ort.

Mit einem Museum will die Stadt nun an diese Zeit anschließen.

Text: Peter Lau

Foto: Anne Schönharting

Städte leben von Visionären, die sie voranbringen, getrieben

von Heimatliebe und einer Vision. Menschen wie Margitta Faßl.

Die 65-Jährige könnte in den Ruhestand gehen, stattdessen arbeitet

sie an einer neuen Perspektive für Hoyerswerda. Dazu beitragen

soll das ZCOM (Zuse-Computer-Museum), ein Museum, das

dem Erfinder, Unternehmer und weltbekannten Computerpionier

Konrad Zuse gewidmet ist, der hier lebte und 1928 sein Abitur in

der Stadt gemacht hat.

Das Projekt ist ihre Idee, und für sie lag es nahe: „Es gab seit

1995 eine Sammlung von Rechenmaschinen, die anlässlich eines

Besuchs von Zuse in Hoyerswerda gestartet wurde“, erzählt Faßl.

„Die Apparate waren am Rande der Stadt untergebracht, und viele

Stücke befanden sich im Lager. Nun bringen wir die gesamte

Sammlung auf 1300 Quadratmetern in der Neustadt unter, ganz

zentral in den Ladenflächen eines Elfgeschossers.“

Als Standort für ein Museum ist das ziemlich modern, aber

Hoyerswerda war immer ein Ort, an dem die Zukunft stattfand:

Hier entstand der erste Plattenbau der Welt, als die Stadt in den

Fünfzigern zum Zentrum der „Energieregion“ der DDR ausgebaut

wurde. Und hier wurde Konrad Zuse zur wohl wichtigsten Erfindung

des 20. Jahrhunderts inspiriert, dem ersten funktionsfähigen

Digitalrechner. Jahrzehnte später schrieb der Bauingenieur über die

Atmosphäre, die seine Jugend prägte: „In Hoyerswerda gab es endlich

auch eine technische, eine technisierte Umwelt. Nicht weit von

der Stadt lagen modern eingerichtete Braunkohlegruben … Die

großen Abraumförderbrücken gaben mir eine erste Vorstellung von

einem automatisierten, technischen Zeitalter.“

Margitta Faßl will auch nach vorn denken. Sie weiß aus ihrer Arbeit,

wie nötig ihre Stadt eine Perspektive hat: Seit 1993 leitet die

Diplom-Ingenieurin die Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda, der

eine Vielzahl von Häusern im Plattenbauviertel Neustadt gehört. In

den vergangenen Jahren war sie in ihrer Position vor allem mit

der Stadtschrumpfung beschäftigt – also mit Abriss. Das sei nicht

immer einfach gewesen, sagt sie: „Ein Großteil der Älteren, vor

allem die Bergbaurentner, hadern sehr mit dem Thema Rückbau.“

Faßl kann das verstehen – beirren lässt sie sich davon nicht.

Denn bei allem Sinn fürs Bewahren: Manchmal müssen die Relikte

der Vergangenheit weg, um Platz für Neues zu schaffen. Auch das

Museum soll mehr sein als ein Ort der Erinnerung. „Das ZCOM

wird die alten Rechenmaschinen, die wir besitzen, in einem sinnvollen

Rahmen zeigen, außerdem wollen wir damit einen besonderen

Ort der Bildung schaffen.“ Langfristig hat die Ingenieurin aber

noch eine andere Vision: Die Geschichte soll wieder aufleben –

und im Idealfall Unternehmen aus der Computerbranche oder den

neuen Medien an den traditionsreichen Ort ziehen.

Margitta Faßl verfolgt derweil schon die nächste Idee. Sie hat

einen Film über Gärten in der Stadt gesehen, die in Gebäuden angelegt

werden, erzählt sie. An einigen dieser Projekte ist die Hochschule

für Technik und Wirtschaft in Dresden beteiligt, zu der sie

deshalb gerade Kontakt aufnehme. „Vielleicht ist es möglich, einen

Plattenbau, der nicht mehr gebraucht wird, für so ein Projekt zu

nutzen?“ Die Rente kann warten. Margitta Faßl hat noch zu tun.

Und lächelt wie eine, die weiß: Die Zukunft kommt nicht einfach

– sie wird gemacht.

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Unruh und

Hemmung

Sachsen // Präzise

Es ist nicht einfach, ein Monopol zu knacken.

Theodor Prenzel und Lutz Reichel haben mit

dafür gesorgt, dass es der Uhrenmanufaktur

Nomos Glashütte gelungen ist.

Text: Brigitta palass

Foto: Michael Hudler

Sie lieben Uhren, Teamarbeit, Technik und

Wettbewerb – und haben Nomos Glashütte

zu einer Sensation verholfen:

Konstruktionsleiter Lutz Reichel (links)

und Laborleiter Theodor Prenzel.

Es war die Sensation der Baselworld 2014, der bedeutendsten

Uhrenmesse der Welt. Die Manufaktur Nomos Glashütte stellte ihr

selbst entwickeltes Swing-System vor. Dieses Herz einer jeden

mechanischen Uhr, auch Assortiment, Reglage oder Hemmung

genannt, besteht aus Unruh, Spirale, Ankerrad und Anker sowie

weiteren winzigen Teilen. Von ihrem komplizierten und zugleich

perfekten Zusammenspiel hängt ab, wie genau, robust und langlebig

ein Uhrwerk ist. Das Monopol auf diese entscheidende Baugruppe

hatten jahrelang die Swatch-Töchter ETA und Nivarox in

der Schweiz. Und deren Spezialisten hüteten ihre Geheimnisse gut.

Seit dem Aufkommen der Quarzuhren in den Sieb zigerjahren gab

es keine Grundlagenforschung in der Königs dis ziplin der Uhrmacherei

mehr. Es existierte kaum Literatur, und es gab schon gar

keine mathematischen Berechnungen für die Reglage. Wer mechanische

Uhren bauen wollte, musste bei den Schweizern kaufen.

Oder bei null anfangen.

Die Uhrmacher aus Sachsen wählten den zweiten Weg und

investierten sieben Jahre und elf Millionen Euro in ihre Unabhängigkeitserklärung.

In einem gemeinsamen Projekt mit der Technischen

Universität Dresden simulierten und berechneten sie mit

dem Computer das feine Zusammenspiel all der kleinen Teile eines

Assortiments und brachten es zur Serienreife. Das Fraunhofer-

Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Dresden unterstützte

sie bei der Suche nach modernen Materialien. In entscheiden ­

der Funktion dabei: Theodor Prenzel, 32, Leiter der Konstruktion

bei Nomos Glashütte und stellvertretender Chef der Abteilung

Forschung und Entwicklung, sowie Lutz Reichel, 31, Entwicklungsingenieur

und Laborleiter der Manufaktur.

Beide stammen aus Uhrmacherfamilien, und für beide war früh

klar, dass sie diese Tradition fortsetzen wollten. Sie sind fasziniert

von der perfekten Symphonie der winzigen, komplexen Mechanik.

Prenzel hat in Jena Feinwerktechnik studiert. Seine Abschlussarbeit

schrieb er bei Nomos – er wurde prompt übernommen. Auch für

Lutz Reichel war klar, dass er sich in seinem Maschinenbaustudium

an der TU Dresden mit der Konstruktion von Uhren beschäftigte.

„Es war eine besondere Erfahrung, dass ich während eines

Praxissemesters bei Nomos Uhren von Grund auf selbst montieren

durfte“, erzählt er. „Das war für die spätere Konstruktions- und

Berechnungsarbeit sehr hilfreich.“ Das Thema seiner Diplomarbeit:

„Die dynamische Simulation des NOMOS-Swing-Systems.“

Nach einem Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni

wechselte Reichel 2011 in die Praxis nach Glashütte und betreute

das Projekt auf Firmenseite weiter. Er hielt Kontakt zu den Forschungsinstituten

und war verantwortlich für den Prototypenbau.

Theodor Prenzel leitete die konstruktiven Arbeiten und verantwortete

die komplette Zeichnungserstellung. Die Schnittstelle zwischen

Konstruktion und Prototypenbau ist ein sensibler Punkt:

„Nur wenn hier die Kommunikation klappt, können wir Probleme

bereits in einer sehr frühen Phase erkennen“, erklärt Prenzel. Dank

persönlicher Sympathie, flacher Hierarchien, der wöchentlichen

Abstimmung von Ergebnissen und Zielen und der kurzen Wege im

alten Bahnhof in Glashütte, in dem Nomos residiert, war das kein

Problem. Oft half in dieser Phase neben all der Wissenschaft auch

die praktische Erfahrung der Uhrmacher im Hause weiter. Der entscheidende

Sprung vom Prototyp zur Serienfertigung gelang, 2014

stellte die Manufaktur die ersten Handaufzugswerke mit „Swing“

vor. Später wurde das System zum Herzstück des neuen Automatikwerks

DUW 3001, das nach völlig neuen Konstruktionsprinzipien

arbeitet, wie Prenzel erklärt.

So ein Durchbruch wie die Entwicklung des Swing-Systems ist

ein bisschen wie ein Olympiasieg. „Es ist ein gutes Gefühl, wenn

die theoretischen Berechnungen und Konstruktionen sich auch in

der Praxis als funktional erweisen und schlicht besser sind als das,

was die meisten anderen machen“, sagt Prenzel. Schön sei auch, in

den Geschäften ‚sein‘ Uhrwerk im fertigen Produkt zu sehen. Am

meisten aber freuen sich Prenzel und Reichel auf neue Projekte und

Aufgaben – auf den nächsten Wettkampf. Genug Ideen dafür, das

bekräftigen beide, haben sie.

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Sachsen - Machen

Kraut und Rüben

Sachsen // unbeirrbar

Daniel Hausmann aus Rochlitz ist Sachsens einziger Bauer, der nicht nur biologisch,

sondern auch streng vegan wirtschaftet. Einfach ist das nicht. Aber er zeigt, dass es geht.

Text: Brigitta palass

Foto: sigrid reinichs

Bio-veganer Anbau

bedeutet geringe Erträge,

harte körperliche Arbeit

und eine aufwendige

Vermarktung. Doch

Daniel Hausmann bereut

seine Entscheidung

nicht: Zur klassischen

Landwirtschaft wollte

der 25-jährige Biobauer

nicht zurück.

Das mit den Mairübchen war so nicht geplant. Die Pflanzen, die

eigentlich als zartes Gemüse geerntet werden sollten, wuchsen wie

verrückt, entwickelten lange Pfahlwurzeln und waren kaum noch

aus der Erde zu bekommen. Nun dürfen sie mit dem Klee, der sie

langsam überwuchert, um Nährstoffe und Platz kämpfen. Auch sonst

herrscht in Daniel Hausmanns Gemüsebeeten ein Tohuwabohu:

schmale Reihen, ungeeignet für Maschinen. Und reichlich Grünzeug

und Getier, das gemeinhin als Unkraut und Ungeziefer gilt.

„Für mich ist das einfach Natur“, sagt Hausmann, 25 Jahre alt

und Sachsens erster und bisher einziger Landwirt, der nicht nur

biologisch, sondern auch vegan wirtschaftet. Über massenweise

Nacktschnecken im Gemüsebeet kann sich natürlich auch Hausmann

nicht freuen. Doch er setzt lieber auf natürliche Feinde statt

auf Chemie und auf abwechslungsreiche Fruchtfolgen, die dem

Boden nicht einseitig Nährstoffe entziehen. Auch das scheinbare

Durcheinander im Beet hat seinen Sinn, denn manche Pflanzenarten

halten sich gegenseitig die Fressfeinde vom Stängel. Hausmanns

Schlüsselerlebnis war ein Gang über ein konventionell bestelltes

Gerstenfeld, das zur Landwirtschaft seiner Eltern gehörte. „Das einzige

Getier dort waren zwei kränklich wirkende Nacktschnecken.

In unserem Kartoffel- und Gemüsegarten dagegen gab es ein buntes

Gewimmel von Spinnen, Käfern, Fliegen und anderen Insekten.

Von da an wusste ich, welchen Weg ich einschlagen würde.“

Als Hausmann 2012 den elterlichen 20-Hektar-Hof übernahm,

weil sein Vater schwer erkrankt war und schließlich starb, stellte er

sukzessive auf Bio um. Er schloss sich dem ökologischen Landbauverband

Gäa an, setzte mit dem Bekenntnis zur veganen Ackerwirtschaft

noch eins drauf: Er verzichtet nicht nur auf Gentechnik,

Kunstdünger und Pestizide, sondern auch auf jedwede Haltung

von Nutztieren und den Einsatz ihrer Hinterlassenschaften. Keine

geringe Herausforderung, denn mit jeder geernteten Pflanze verschwinden

auch Nährstoffe vom Acker.

Im herkömmlichen Ökolandbau sorgen Mist aus dem Viehstall,

aber auch Hornmehl und -späne sowie Federn und Borsten von

Schlachttieren dafür, dass die Depots wieder aufgefüllt werden.

Beim veganen Anbau müssen die Pflanzen selbst für Nachschub

sorgen: entweder weil sie nicht geerntet, sondern in den Boden

eingearbeitet werden – oder weil sie selbst Dünger produzieren.

Hülsenfrüchtler etwa können mittels eines komplizierten Verfahrens

Stickstoff aus der Luft im Boden binden. Auf dem Hausmann-

Hof übernimmt Kleegras, frisch oder kompostiert, diese Aufgabe.

Daniel Hausmann ist Idealist, aber kein Träumer. Er hat Ökolandbau

und Vermarktung an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung

Eberswalde studiert und sich in seiner Bachelor-Arbeit

mit unterschiedlichen Nutzungsverfahren von Pflanzen als Stickstofflieferanten

beschäftigt. Als er auf dem Hof die Verantwortung

übernahm, standen noch Kühe und Schweine in den Ställen, grasten

Schafe auf der Wiese, scharrten Hühner auf dem Hof. Mit dem

Wissen um die geplante Bioproduktion im Betrieb wuchsen jedoch

auch Hausmanns Bedenken gegen das Töten und Essen von Tieren,

gegen tierische Produkte insgesamt. Der Bauer wurde erst

zum Vegetarier, dann zum Veganer. „Und mit meinem Betrieb

wollte und will ich nur noch erzeugen, was ich selber esse.“

Das sagt sich leicht, ist in der Praxis aber kompliziert. Ein

funktionierendes Netzwerk an Gleichgesinnten in der Umgebung

gibt es noch nicht, zertifiziertes Saatgut und Jungpflanzen sind

schwer zu bekommen, der Aufbau eines Kundenstamms ist mühsam.

Inzwischen baut Hausmann Getreide wie Dinkel, Hafer und

Weizen an, auf einer Streuobstwiese wachsen Äpfel, Birnen, Pflaumen,

Süß- und Sauerkirschen. Ein halber Hektar wird für Gemüse

genutzt. Das ist nicht viel, macht aber viel Arbeit – von Hand.

Obst und Gemüse vermarktet der junge Bauer deshalb ausschließlich

direkt, teils im eigenen Hofladen, teils durch Lieferungen nach

Leipzig und Chemnitz. Etwa 20 bis 25 bio-vegane Gemüsekisten

in unterschiedlichen Größen bringt er jede Woche auf Online-Vorbestellung

in Privathaushalte, auch ein Restaurant gehört mittlerweile

zu seinen Kunden. Große Sprünge sind noch nicht drin, aber

inzwischen kann der Jungbauer von seinem Hof leben.

Kürzlich war Daniel Hausmann in Berlin. Dort hat er mit anderen

Landwirten einen bio-veganen Anbauverband gegründet.

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Chayeon Lee, 17, ist

eines von rund 200

Talenten, die derzeit an

Palucca studieren. Die

Koreanerin kam mit

15 nach Dresden – und

will für immer bleiben.

Ihr Traum ist eine

Karriere beim

Semper oper-Ballett.

Bewegend

Sachsen // anmutig

Tanzen lernen kann man vielerorts. Aber nur in Sachsen gibt es dafür eine eigene Universität.

Die Palucca Hochschule in Dresden bereitet schon junge Eleven auf eine Ballettkarriere vor.

Text: Klaus Rathje

Foto: michael Hudler

Er könnte auch das Atelier eines Malers sein, dieser lichtdurchflutete

Trainingsraum an der Palucca Hochschule für Tanz

Dresden, kurz Palucca. Die sechs Studentinnen verziehen keine

Miene bei ihren Übungen, während ein Piano den Takt vorgibt und

der Dozent Anweisungen erteilt: das Bein höher. Die Drehung

langsamer. Und jetzt bitte noch mal zusammen. Erst als die Übung

vorbei ist, keuchen die jungen Damen, allesamt Teenager. Was wie

ein Kinderspiel aussieht, ist Disziplin, Anstrengung, harte Arbeit.

In mehrfacher Hinsicht ganz vorn bewegt sich Chayeon Lee,

Bachelor-Studentin im zweiten Studienjahr. „Man kommt schon

sehr ins Schwitzen“, sagt die 17-Jährige, die ihren Wohnsitz mit

15 von Seoul nach Dresden verlegte. Sie wollte ihre Ausbildung unbedingt

außerhalb ihrer Heimat machen. „Die Koreaner trennen

beim Tanz strikt zwischen klassisch und zeitgenössisch“, erzählt

die junge Frau. „Ich hätte mich also im Studium für eine Seite

entscheiden müssen – und das wollte ich nicht.“

An Palucca gefällt ihr die Mischung aus Tradition und Moderne.

Und außerdem etwas, das auch an westlichen Tanzakademien nicht

selbstverständlich ist, hier aber zum Konzept gehört: Improvisation.

„In Korea gibt es das nicht als Fach. Ich kannte es gar nicht

im professionellen Tanz. Und jetzt liebe ich es zu improvisieren.“

Das hätte der namensgebenden Gründerin gefallen. Improvisation

war ein Schwerpunkt der berühmten, 1993 im Alter von 91

Jahren verstorbenen Ausdruckstänzerin Gret Palucca; nicht zuletzt

deshalb gilt sie als eine der Begründerinnen des modernen Tanzes.

1925 hatte sie in Dresden ihre eigene Schule eröffnet, sie unterrichtete

zunächst in ihrer Wohnung. 1936 kam das Verbot durch die

Nazis – freier Tanz war nicht mehr erwünscht. Nach Kriegsende

konnte Palucca weitermachen, mit Gründung der DDR wurde ihre

Schule verstaatlicht und zu einer veritablen Größe im Sozialismus.

Heute ist Palucca die einzige eigenständige staatliche Tanz-

Universität in Deutschland. Rund 200 Studenten aus der ganzen

Welt lernen hier Tanz, Tanzpädagogik oder Choreografie. Auf jeden

Platz im Bachelor-Studiengang Tanz kommen rund 20 Bewer­

ber. Selbst Zehnjährige trifft man auf dem Campus – Eltern können

ihre Kinder bereits zur fünften Klasse bei Palucca einschulen,

sofern sie gut Deutsch sprechen. Statt Sportunterricht steht dann

Tanz auf dem Stundenplan, daneben wird nach dem normalen

sächsischen Lehrplan unterrichtet. Und das Angebot gilt nicht nur

für Einheimische: Der Schule ist ein Internat angeschlossen.

Chayeon (gesprochen: Schajon), die als großes Talent gilt, hat

nach zweieinhalb Jahren gerade ihre erste eigene Wohnung bezogen.

Sie will tanzen, seit sie zwölf ist. Damals hat sie eine Aufführung

des Stuttgarter Balletts mit einer koreanischen Tänzerin gesehen,

erzählt sie – und war begeistert. „Ich konnte den starken

Ausdruck ihres Tanzes wirklich spüren und verstehen. Das hat

mich so berührt, dass ich weinen musste.“ Genau das wollte sie

auch, denn sie hat damals den Unterschied gespürt: „Sich selbst zu

Musik zu bewegen ist das eine. Aber andere Menschen durch Tanz

zu bewegen, dazu gehört viel mehr.“

Seit 2006 wird Palucca von Jason Beechey geleitet, einem renommierten

Solisten und Choreografen. Der gebürtige Kanadier

hat viele Projekte angestoßen und die Schule internationalisiert, etwa

über den Aufbau eines Netzwerks mit Partnerschulen. „Wir suchen

aktiv nach Talenten wie Chayeon, zum Beispiel mit Workshops in

Spanien, Italien und auch Südkorea“, sagt er. Der Ruf der Palucca-

Hochschule ist zwar ausgezeichnet und das Konzept, zu dem die

Entwicklung und Implementierung neuer Lehrformen gehören, ein

Alleinstellungsmerkmal. Doch allein in Deutschland buhlen rund

ein Dutzend weiterer renommierter Tanzausbildungen um die

Gunst der künftigen Bühnenstars. Eine bessere Werbung als einen

neuen Publikumsliebling kann sich da kein Haus wünschen.

Chayeon könnte bald einer sein. Die begeisterte Dresdnerin

möchte nicht nach Seoul zurück, sondern nach ihrem Abschluss in

zwei Jahren hier ihre Tanzkarriere fortsetzen. Ihr Traumjob mag für

eine Palucca-Studentin nicht überraschen, für eine Koreanerin hingegen

schon: „Ich möchte zum Semperoper-Ballett. Ich weiß, dass

es schwer ist, aber ich hoffe, dass ich es schaffen werde.“

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Sachsen // Nachhaltig

Sonnige Zeiten

Sachsen - Machen

Erneuerbaren Energien gehört die Zukunft, heißt

es. Doch wie speichert man Wind, Sonne oder

Wasserkraft? Sunfire hat eine Lösung gefunden.

Text: Anika Kreller

Foto: Oliver Helbig

Christian von Olshausen schwenkt ein

Fläschchen mit einer glasklaren Flüssigkeit.

Unspektakulär auf den ersten Blick. Doch

was wie Wasser aussieht, ist eine Sensation:

ein Kraftstoff, der ohne einen Tropfen Erdöl

entstanden ist.

Produziert hat ihn das Dresdner Unternehmen

Sunfire, das von Olshausen 2010 mit

zwei Mitstreitern gegründet hat. Der Firma

ist es gelungen, aus Wasser, Ökostrom

und Kohlendioxid (CO 2

) einen künstlichen

Dieselkraftstoff herzustellen. Im April 2015

kippte Bundesforschungsministerin Johanna

Wanka die ersten fünf Liter aus der Testanlage

in ihren Dienstwagen. Das war der

medienwirksame Beweis: Es funktioniert.

Sunfire hat damit Schlagzeilen gemacht.

Denn das Unternehmen, für das inzwischen

mehr als 90 Mitarbeiter arbeiten, kann

nicht nur Erdöl ersetzen – das dafür benötigte

CO 2

zieht es außerdem aus der Luft,

wo es ohnehin zu viel davon gibt. Bisher

wird das komplizierte Verfahren allerdings

kaum angewendet. „Es ist noch zu teuer“,

sagt von Olshausen. Besonders betrübt

klingt er aber nicht. Für ihn ist seine Vision

nicht gescheitert – der hohe Preis bedeutet

nur eine weitere Etappe bis zum großen Ziel:

erneuerbare Energien immer und überall

verfügbar zu machen.

Einen Weg zu finden, Strom aus Sonnen-,

Wasser- oder Windkraft in einer Form

zu speichern, die jederzeit einsetzbar ist, gehört

zu den großen Herausforderungen der

Energiewende. In der Fachwelt werden die

potenziellen Technolo gien dafür als Powerto-X

bezeichnet. Doch egal ob Power-to-

Liquid, Power-to-Gas oder Power-to-Heat:

Noch befindet sich das gesamte Feld in der

Entwicklung. Das ist nicht weiter schlimm,

denn wirklich relevant werden die Technologien

ohnehin erst dann, wenn erneuerbare

Quellen einen höheren Anteil an der

Strom erzeugung haben und es darum gehen

wird, überschüssige Energie zu nutzen.

Noch ist umstritten, welcher Weg am effizientesten

ist – viel hängt von der weiteren

technischen Entwicklung ab. Dass es um

eine essenzielle Zukunftstechnologie geht,

bestreitet allerdings niemand.

„Mich hat es gereizt, an einer Sache konzeptionell

beteiligt zu sein, an der welt weit

gearbeitet wird“, sagt Christian von Olshausen.

Der 36-jährige Wirtschaftsingenieur

hat 2008 einen guten Job bei einem

großen Unternehmen aufgegeben, um sich

ihr zu widmen. Es war ein Schritt in eine

ungewisse Zukunft, denn damals stand die

Diskussion noch am Anfang.

Ganz ins Blaue spazierten er und seine

Mitgründer Carl Berninghausen und Nils

Aldag allerdings nicht. Sie gaben eine Machbarkeitsstudie

in Auftrag, um zu sehen, ob

ihre Idee überhaupt funktionieren könnte –

und ob sich ihre geplanten Produkte wirtschaftlich

herstellen ließen. Danach war klar:

Wir probieren es. Sie suchten Partner mit

dem nötigen Know-how und übernahmen

2011 die Dresdner Firma Staxera.

Staxera war auf Brennstoffzellen-Stacks,

also gekoppelte Brennstoffzellen, spezialisiert.

Deren Weiterentwicklung bildet noch

heute das Herz des Unternehmens. Die

Sunfire-Zellen funktionieren jedoch, anders

als konventionelle Zellen, in zwei Richtungen:

Sie können nicht nur aus Wasserstoff

Strom erzeugen, sondern auch umgekehrt

– beides in einer einzigen Anlage.

Energie für die chemische Industrie

Reversible Elektrolyse heißt der Prozess. Daran

forschen auch andere, doch keiner sei

so weit wie Sunfire, sagt von Olshausen. Im

vergangenen Herbst wurde an Boeing eine

erste Anlage ausgeliefert, die aus überschüssiger

Solarenergie Wasserstoff herstellt und

speichert. Bei einem Stromengpass, etwa

nachts oder wenn die Sonne nicht scheint,

kann die Anlage aus dem Wasserstoff wieder

Strom erzeugen.

Von Olshausen sieht seine Technologie

aber gar nicht vorrangig als Energiespeicher

– er will den erzeugten Wasserstoff als Rohstoff

in der chemischen Industrie nutzen.

Denn in der Regel wird der aus Erdgas gewonnen,

Sunfire dagegen braucht für seine

Herstellung nur Wasserdampf, CO 2

und

Ökostrom. „Wir wollen helfen, dass erneuerbare

Energien nicht nur im Stromsektor,

sondern auch in der chemischen Industrie

zum Einsatz kommen“, sagt er. „Dort werden

mehr als drei Millionen Endprodukte

hergestellt – die können wir nicht alle durch

nachhaltige Alternativen auffangen. Aber

wir können versuchen, fossiles Erdgas und

Erdöl, das für viele dieser Produkte benötigt

wird, durch nachhaltig erzeugte Rohstoffe

zu ersetzen.“

Allerdings wird auch mit der richtigen

Technologie noch nicht automatisch Geld

verdient. Trotz ihres Umsatzes im hohen

einstelligen Millionenbereich arbeiten die

Dresdner noch nicht kostendeckend, sagt

von Olshausen. Sein erstes Ziel sei es deshalb,

die Firma in den kommenden Jahren

profitabel zu machen.

Als Partner für die Weiterentwicklung

wurden bereits gute Namen gewonnen:

Bilfinger hat investiert, mit Audi steht man

im Austausch, ein Brennstoffzellenheizgerät

wird in Kooperation mit Vaillant angeboten.

Der nächste Schritt wird sein, die Stückzahlen

zu erhöhen, um die Produkte günstiger

anbieten zu können. Außerdem arbeiten sie

am Wirkungsgrad der Anlagen und an der

Lebensdauer der Brennstoffzellen.

Ob Sunfire bald im großen Stil nachhaltige

Rohstoffe produzieren wird, ist allerdings

nicht nur eine Frage der Technologie.

Denn ein Problem können die Dresdner

nicht allein lösen: Solange fossile Rohstoffe

noch in großen Mengen verfügbar sind,

werden sie immer billiger sein als nachhaltig

hergestellte. „Am Ende ist es eine gesellschaftliche

Entscheidung, einen Markt für

erneuerbare Kraftstoffe und Chemikalien zu

schaffen“, sagt von Olshausen.

Wenn er heute einen Vortrag über Sunfire

halte, gehe es deshalb nur in den ersten

drei, vier Folien um das Unternehmen. Den

Rest der Zeit spreche er über Rahmenbedingungen,

die die Politik schaffen muss.

Erdölfreier Kraftstoff wird derzeit genauso

besteuert wie normaler Diesel – absurd!

Und die chemische Industrie wird ohne

eine Quotenregelung oder ähnliche Anreize

auch nicht auf grünen Wasserstoff umsteigen.

Kurz: Die Technologie ist da – jetzt

braucht es den Willen, sie zu nutzen.

Christian von Olshausen wollte an einer Sache beteiligt sein,

an der weltweit gearbeitet wird. Jetzt mischt er mit seinem

Unternehmen Sunfire mit und will Autofahren und die chemische

Industrie nachhaltiger machen.

16 17


Sachsen // Umtriebig

Viel zu tun

Der Sozialarbeiter Hussein Jinah kämpft in

Dresden gegen Fremdenfeindlichkeit.

Ehrenamtlich, unermüdlich – und sanft.

Text: Andreas Wenderoth

Foto: Michael Hudler

Gegen 5.30 Uhr steht er meist auf, rührt sich einen löslichen

Billigkaffee an und schaut auf n-tv, ob die Welt seit gestern noch

schrecklicher geworden ist. Dann setzt er sich in die Straßenbahn

und kauft am Hauptbahnhof ein Brötchen, das er erst im Büro essen

wird. Hussein Jinah arbeitet jeden Tag acht Stunden als Sozialarbeiter

im Sozialamt und einmal in der Woche im Personalrat der

Stadtverwaltung. Aber er hat noch etwa zehn andere Jobs, für die

er kein Geld bekommt. Weil sie gemacht werden müssen. Weil die

Schwachen eine Stimme brauchen. Und weil er Debatten provozieren

will. Darüber, ob Dresden eine weltoffene Stadt sein kann oder

nur ein Symbol deutscher Fremdenfeindlichkeit.

Als Treffpunkt hatte der 58-Jährige das „Maharadscha“ vorgeschlagen,

das älteste indische Restaurant der Stadt. Dort sitzt er

nun auf seinem Stammplatz in der blau getünchten Ecke vor einem

prächtigen roten Wandteppich, schaut durch seine leicht getönte

Brille, bestellt Linsen, extrascharf, und erzählt mit sanfter Stimme

sein Leben. 1985 war er im Rahmen eines Austauschprogramms

zwischen der DDR und Indien nach Dresden gekommen, zusammen

mit einigen Landsleuten. Die meisten, mit denen er damals zu

tun hat, wissen nicht, wo Indien liegt. Manche denken, er sei ein

Indianer. Heute, sagt er, lebten etwa 1500 Inder in der Stadt.

Jinah promoviert als Ingenieur der Elektrotechnik. Er schreibt

mehr als 100 Bewerbungen und wird zu keinem einzigen Vorstellungsgespräch

geladen. Mal heißt es, er sei überqualifiziert, dann ist

von Umstrukturierungen die Rede. Irgendwann hat er die Nase voll

und will zurück nach Indien, aber da hat er sich gerade in seine

künftige Frau verliebt. Also bleibt er und sattelt um: Hussein Jinah

wird Sozialarbeiter. Berufsbegleitend studiert er Sozialpädagogik

an der TU. Und entdeckt für sich das Feld der Ehrenamtlichkeit.

Heute ist er Vorstandsvorsitzender des Sächsischen Flüchtlingsrats,

sitzt im Bundesmigrationsausschuss von Verdi und im

Landesmigrationssauschuss, ist Vorsitzender des Integrationsund

Ausländerbeirats der Stadt Dresden. Als Gemeindedolmetscher

arbeitet er auch noch. Ist immer da, wenn ihn jemand

braucht, der fremd ist. Weil er selbst Fremdheit erlebt hat. Argwöhnische

Blicke schon zu DDR-Zeiten, aber nach der Wende eben

noch mehr. Weil der neuen Freiheit, wie Jinah sagt, offenbar ein

Missverständnis zugrunde liegt. Sie war doch nicht erkämpft worden,

damit man anschließend Minderheiten drangsalieren konnte.

An einem Juli-Abend wird er von einer Gruppe Skinheads auf

der Straße provoziert: „Türken sind Schweine“, rufen sie, weil sie

ihn für einen Türken halten. Einer knallt ihn gegen die Wand und

schlägt zu. Keiner der Umstehenden hilft. Keiner greift zum Telefon.

Das ist es, was Jinah bis heute traurig macht. Wenn Menschen

wegschauen. Als er zur Wache geht, sagt ihm der Diensthabende:

„Na ja, das könnte auch eine ausländerfeindliche Einbildung sein.“

Und dass er ohne ärztliches Attest den Fall leider nicht aufnehmen

könne. Wenn er aber am nächsten Tag wiederkommen wolle …

Jinah fühlt sich gedemütigt. Es bleibt nicht das einzige Mal.

Einmal wird er Zeuge, als Jugendliche in der Straßenbahn Ausländer

als Schmarotzer bezeichnen. Er meldet sich zu Wort und sagt,

dass er sehr wohl Steuern zahle und auch Sozialversicherungsbeiträge.

„Halt’s Maul!“, sagt einer der Jugendlichen und zieht ein

Messer. Da entschuldigt sich Jinah und sagt, er nehme alles zurück.

Als am 20. Oktober 2014 rund 350 Menschen die Pegida-

Montagsdemonstration ins Leben rufen, ist er der einzige Gegendemonstrant.

Wenig später sind es schon Tausende. Bis heute ist

er bei jeder Gegendemonstration dabei, hält Reden, zeigt sein

Gesicht. Jinah sagt, er kämpfe bis zuletzt. Nicht für sich, sondern

für künftige Generationen. Für ein Dresden, wie es sein könnte.

Und wie es in vielen Stadtteilen auch ist. Dass die Leute das nicht

verstehen: „Glück ist nicht materieller Wohlstand, sondern die

innere Einstellung gegenüber Mitmenschen und Umwelt.“

Er versucht, sich nicht zu ärgern, weil das Gift für den Körper

sei. Stattdessen nimmt er die Dinge, wie sie sind, und meditiert

gegen den Hass. In seiner Zeit als Streetworker bedachten ihn die

ausländerfeindlichen Jugendlichen mit bösen Sprüchen, er blieb immer

sanft und freundlich. Ließ ihre negative Kraft ins Leere gleiten.

Aber wenn er mal frei hatte, haben sie sich nach ihm erkundigt, ob

er krank sei – was, wenn man so will, schon ein gewisses Zeichen

von Sympathie ist. „Tu etwas im Leben und halte dich fern von

Aggressionen“, hat er ihnen beizubringen versucht. Und jetzt, viele

Jahre später, sieht er sie manchmal mit Frau und Kind auf der Straße,

und sie sagen immer noch „Alter“ zu ihm und fragen, was „abgeht“.

„Viel zu tun“, antwortet er meistens.

Ingenieur, Sozialarbeiter, Lokalpolitiker, Flüchtlingsberater,

Dolmetscher, Demonstrant, ehrenamtlicher Helfer und seit mehr als

30 Jahren Dresdner: Hussein Jinah.

18 19


Sachsen // unangepasst

Läuft

Sachsen Sachsen - Machen // Macher

Ein eigener Verlag? Das

geht. Mit Fleiß, Autoren

wie Ahne, die schreiben

und vorlesen können –

und Gottes Hilfe.

Text: Andreas Wenderoth

Foto: Michael Hudler

Ahne, 48, hat die DDR nicht geliebt.

Aber sie ihn auch nicht. Zweimal hat er

versucht, sein Abitur nachzumachen, beide

Male ist er durchgefallen. Also wurde er

Drucker und irgendwann arbeitslos. Bei

einem kurzen Ausflug in die Lokalpolitik

war er als Bezirksverordneter in Berlin-Lichtenberg

als Sicherheitsbeauftragter

unter anderem für Hausbesetzer

zu ständig, was Ahne bis heute

wahnsinnig komisch findet, weil er damals

selbst einer war. Irgendwann jedenfalls

nahm ihn sein Freund Falko Hennig mit in

die Reformbühne Heim & Welt: weil er

doch sowieso ab und zu mal was schreiben

würde. Und es dort vortragen könne.

Da ihm das gut gefiel, ist er dann jede

Woche gekommen und brachte jedes Mal

zwei neue Texte mit: „Die Atmosphäre war

ein bisschen wie beim Punkrockkonzert:

Wir gehen auf die Bühne und rotzen einfach

was runter.“ Manchmal hatte er erst

kurz vorher in der U-Bahn etwas auf seinen

Block gekritzelt, und als er einmal gar nichts

hatte, machte er einfach Liegestütze auf der

Bühne. Im Grunde war ihm egal, wie die

Leute reagierten. Als sie lachten, war es na­

türlich schön. Wie hätte er auch ahnen können,

dass er in nicht allzu ferner Zukunft

sein Geld mit Büchern verdienen würde?

Sebastian Wolter und Leif Greinus hatten

in Leipzig Buchhandel und Verlagswirtschaft

studiert und wussten früh, dass sie

keine Lust hatten, die programmatische

Linie eines vorgesetzten Verlegers abzuarbeiten.

Weil sie unabhängig bleiben wollten,

beschlossen sie 2004, der uralten sächsischen

Buchtradition zu folgen und selbst

einen Verlag zu gründen, erzählt Greinus.

Der Name – Voland & Quist – war

ihnen auf der Autobahnfahrt nach Düsseldorf

eingefallen: Voland, der mephistophelische

Teufel aus Greinus’ Lieblingsroman,

„Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow,

steht dem friedensstiftenden Quinten

Quist aus Harry Mulischs „Die Entdeckung

des Himmels“ gegenüber. Beide

zusammen sind eigentlich unschlagbar.

Die Sache war nicht ohne Risiko:

15 000 Euro hatten sie kurzerhand von

Freunden und Verwandten geliehen. Greinus

hatte einige Tage zuvor im Fern sehen

eine Podiumsdiskussion gesehen, wo eine

Branchenexpertin von zwei Millionen Euro

sprach, die man brauchte, um einen Verlag

anzuschieben. „Braucht man aber

nicht“, sagt er. Dagegen unbedingt

erforderlich: Leidenschaft,

Fleiß und Ideen. Den meisten

ihrer Bücher ist etwa eine CD

beigelegt, was vor ihnen kein

anderer Verlag machte. Aber sie verlegen

ja auch Autoren, die gute Vorleser und

Vortragende sind – und die soll man natürlich

auch hören. Inzwischen prägen sie ein

eigenes Genre: Spoken-Word-Lyrik, Live-

Literatur. Außerdem haben sie sich auf

fünfeinhalb Stellen vergrößert: 2014 lag die

Bilanzsumme bei immerhin 390 000 Euro.

„Natürlich müssen wir als unabhängiger

Verlag kämpfen, aber wir sind jetzt alle

über Mindestlohn“, sagt Leif Greinus und

lacht, weil er seinen Idealismus nicht als

Opfer begreift, sondern als Lebensqualität.

Schließlich kann er seine Arbeitszeit mit

Menschen verbringen, mit denen er auch

privat gern zu tun hätte.

86 Autoren sind es inzwischen, viele aus Osteuropa.

Nicht wenige mit Lesebühnenoder

Poetry-Slam-Tradition. Weil sie ein

junges studentisches Publikum am ehesten

ansprechen würden. Ahne zum Beispiel

hatte damals gerade zwei Bücher mit Kurzgeschichten

für Kiepenheuer & Witsch geschrieben.

Die Idee zu seinem neuen Buch

aber fand dort keinen Anklang. Dialoge in

breitem Berlinerisch versprachen eine eher

begrenzte Kundschaft. Greinus sah das anders

und griff dankend zu. So kamen sie zu

ihrem ersten Bestseller: 18 000-mal verkauften

sich Ahnes „Zwiegespräche mit Gott“.

Eigentlich, sagt Ahne, befände er sich

sowieso ständig im inneren Dialog mit sich

selbst. Warum den anderen also nicht Gott

nennen, „der für viele ja eine große Rolle

spielt“. Gott, sagt Ahne, fände es schon

gut, wenn er ihn ernster nehmen, als Autorität

betrachten würde. Aber für Ahne, der

lieber weiß als glaubt, ist Gott eher ein

Kumpel, mit dem er sich unterhalten kann.

Zum Beispiel an diesem Abend in der

„Jägerklause“ in Berlin-Friedrichshain. Ahne

hat zur Lesebühne einen riesigen Bovist

mitgebracht, den er im Wald gefunden hat

und später verschenken wird. Jetzt sitzt er

mit fünf anderen Autoren unter der holzgetäfelten

Decke auf einem Kunstledersofa

und wartet auf seinen Einsatz.

Ahne in kariertem Hemd und Fred-

Perry-Jacke. Mit den längsten Koteletten

der Welt. Von der Wand starren Geweihe,

als er erzählt, dass Gott nicht selbst kommen

konnte und er deshalb beide Parts

übernehmen müsse (was er schon ziemlich

oft erzählt hat, aber das nimmt der Geschichte

nicht ihren Witz). Und dann legt er

los, mit einer Stimme, die einige seiner

Freunde als „zu druckvoll“ kritisieren. Ahne

sagt, er neige dazu, etwas forciert zu reden,

wenn er sich nicht sicher ist, ob er das Publikum

auch bekommt.

Aber heute ist Heimspiel. Ahne also

steht da und sagt: „Na, Gott.“ – „Na …“

Und dann unterhalten sie sich. Über Gott

und die Welt und … Aber das kann man ja

in seinen Büchern nachlesen. Acht sind es

inzwischen bei Voland & Quist.

Andere hätten ihren Verlag

vielleicht Greinus & Wolter

genannt. Aber die würden auch

alles andere anders machen als

Leif Greinus (links) und

Sebastian Wolter. Deshalb heißt

ihr Verlag Voland & Quist

und verlegt ziemlich

ungewöhnliche Autoren.

20 21


Hinter den Spiegeln

Sachsen Sachsen // Neugierig - Machen

Philosophie – ein Fach für abgehobene Denker im einsamen Studierstübchen?

Nicht wenn es nach der Leipziger Professorin Kristina Musholt geht.

Text: Brigitta palass

Foto: Anne schönharting

Was ist der Mensch, was eint und was

unterscheidet ihn von anderen Arten?

Kristina Musholt geht diesen Fragen als

Professorin für Kognitive Anthropologie der

Universität Leipzig auf den Grund.

Es ist ein berühmtes Experiment der

Verhaltens- und Kognitionsforschung: der

Spiegeltest. Dazu wird der Proband unbemerkt

markiert, etwa mit einem roten

Punkt auf der Stirn. Beim Blick in einen

Spiegel zeigt sich dann, ob Mensch oder

Tier sich erkennt und versucht, den Punkt

abzuwischen. Der Test gilt als Beweis für

die Fähigkeit eines Individuums, sich seiner

selbst bewusst zu sein. Kinder bestehen ihn

mit etwa zwei Jahren, aber auch Schimpansen

und Orang-Utans, Delfine oder Elstern

merken, dass sie selbst es sind, die sich da

aus dem Spiegel anblicken.

Aber ist das schon Selbstbewusstsein?

Braucht es neben der Existenz einer solchen

Ichperspektive nicht auch das Wissen

darum, dass es diese Perspektive gibt? Wie

funktioniert Denken überhaupt, wie entwickelt

es sich? Kristina Musholt hat sich

schon als Schülerin für komplexe Fragen

wie diese interessiert. Und die Suche nach

klugen Antworten darauf ist heute ihr Beruf:

Die 36-Jährige ist seit 2015 Professorin

für Kognitive Anthropologie am Institut für

Philosophie der Universität Leipzig.

Wer in dem kleinen, dunklen Büro an

der Leipziger Beethovenstraße eine zurückgezogene,

in die eigene Gedankenwelt versponnene

Wissenschaftlerin erwartet, wird

allerdings enttäuscht. Kristina Musholt,

schmal, ernsthaft und immer ein wenig

atemlos, ist meist unterwegs, engagiert sich

vielfältig – auch außerhalb ihrer Disziplin.

Ihr besonderer Ansatz: Sie bezieht in ihre

Forschungen die Entwicklungspsychologie

ebenso ein wie die Neurowissenschaften.

Aufbauend auf Erkenntnissen dieser empirischen

Wissenschaften, will sie ein Stufenmodell

der Entwicklung von Selbstbewusstsein

und sozialer Kognition entwerfen.

Das ist neu und ungewöhnlich.

Zurzeit beschäftigt sich Musholt vor

allem mit der Entwicklung von Erklärungsmodellen

zu menschlichen Fähigkeiten der

sozialen Kognition. „Das heißt, dass wir

uns in andere hineinversetzen und unsere

Blickwinkel vergleichen können“, erklärt

sie. „Denn nur so ist unser Wissen um uns

selbst möglich. Und erst wenn wir diese

Zusammenhänge besser verstehen, können

wir Fragen nach der Entwicklung spezifisch

menschlicher Fähigkeiten oder nach den

Unterschieden und Gemeinsamkeiten von

menschlichen und tierischen Fähigkeiten

beantworten.“

Antworten auf die Kernfragen nach

dem Wesen des Menschen sucht die Wissenschaftlerin

schon lange – in ganz unterschiedlichen

Disziplinen. Deshalb hat sie

selbst nicht nur Philosophie, sondern auch

Humanbiologie und Neurowissenschaften

studiert und ist viel im Ausland gewesen,

unter anderem am renommierten MIT in

Boston und an der London School of Economics.

Unser Verständnis menschlicher Fähigkeiten

könne von einer interdisziplinären Perspektive

nur profitieren, findet Musholt. Die

Philosophie hinterfrage zwar alltägliche

Phänomene, kreise dabei aber zu oft noch

um sich selbst. Wenn es nach Musholt

geht, wird sich das ändern: Raus mit der

Disziplin aus dem Elfenbeinturm, die Wissenschaft

gehört in die Gesellschaft.

Daran arbeitet sie auch als Mitglied der

Jungen Akademie, zu der Kristina Musholt

2014 berufen wurde. Der Zusammenschluss

von 50 hervorragenden jungen Wissenschaftlern

unterschiedlichster Fächer ist ein

Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie

der Wissenschaften und der Deutschen

Akademie der Naturforscher Leopoldina

und wurde 2000 ins Leben gerufen. In

dieser weltweit ersten Akademie des wissenschaftlichen

Nachwuchses beschäftigen

sich die jungen Forscher in interdisziplinären

Arbeitsgemeinschaften mit aktuellen

Themen an der Schnittstelle von Wissenschaft

und Gesellschaft.

Musholts neuestes fachübergreifendes

Projekt ist erst wenige Monate alt – in

mehrfacher Hinsicht. Gemeinsam mit anderen

Wissenschaftlern untersucht sie an

einem 2016 neu gegründeten Zentrum der

Uni Leipzig die frühkindliche Entwicklung.

Und hat dabei eine kleine Probandin gleich

im Haus. Seit 2015 ist Kristina Musholt

auch Mutter einer Tochter.

23


Sachsen // pfiffig

Rappen in Zahlen

Der Student Johann Beurich aus Radebeul

bringt Schülern auf Youtube Mathe bei,

indem er Formeln in Ohrwürmer verwandelt.

Das gefällt auch vielen Lehrern.

Text: Johannes Böhme

Foto: Oliver Helbig

Er hat ein gutes Gespür für Zahlen und für

Musik. Also begann er, mathematische

Formeln zu singen. Damit wurde Johann

Beurich zum Internet-Star.

Für einen Youtube-Star ist Johann Beurich

Coolness erstaunlich egal: kurze Hose,

graues T-Shirt, pragmatischer Kurzhaarschnitt.

Beurich ist 22 Jahre alt, wohnt

noch bei seinen Eltern, geht gern in die Kirche

und besitzt einen IQ von 137 – den hat

er beim Hochbegabtenclub Mensa messen

lassen. Schon in der Pubertät trank er keinen

Alkohol, heute bleibt es meistens bei

einem Radler. Discos mag er nicht besonders,

dafür aber Mathe. Sehr sogar. Und

dann ist Johann Beurich, Mathematikstudent

aus Radebeul bei Dresden, eben auch

noch Rapper – und so etwas wie ein kleiner

Internet-Star.

Bekannt geworden ist er unter seinem

Pseudonym DorFuchs (Der Fuchs, gesächselt)

als Deutschlands größter (und mutmaßlich

einziger) Mathe-Rapper. Er rappt über

die pq-Formel, binomische Formeln, die

Eulersche Zahl – alles große Hits, die meisten

Hunderttausende Male angeklickt, alles

mathematisch sauber, mit Herleitung der

Regeln und der Formel als Refrain.

Millionen haben seine Videos auf Youtube

inzwischen gesehen. Mädchen fragen

ihn in der Kommentarspalte, ob sie nicht

mal etwas mit ihm trinken gehen können,

weil sie ihn „so süß“ finden. Er saß bei Stefan

Raab auf der „TV total-“Couch und wurde

an seinem ersten Tag als Student an der

TU Dresden von einem Kamerateam des

ZDF begleitet. Das alles scheint ihn selbst

immer noch zu überraschen – all diese Aufmerksamkeit

wegen ein paar Mathe-Songs.

„Wieso die Leute sich meine Videos angucken,

kann ich eigentlich gar nicht so richtig

beantworten“, sagt er. „Die meisten

wollen wohl tatsächlich etwas lernen. Und

einige finden es natürlich auch witzig.“

In der sechsten Klasse, erzählt Beurich,

sollte er in der Schule ein Selbstporträt malen

– mit Dingen im Hintergrund, die er

mochte. Er malte sich vor einem Hintergrund

voller Zahlen. „Die Erfolgserlebnisse

in Mathematik waren für mich fast wie eine

Droge.“ Ihm fällt die Mathematik leicht,

er hat einen einfachen, intuitiven Zugang

zu ihr. In seinen Videos fällt sofort auf, dass

da jemand eine unglaubliche Freude hat –

am Lösen von Formeln, an der Eleganz der

Herleitungen und an der Klarheit der Ergebnisse.

Und weil er außerdem gern Musik

macht (Beurich spielt Klavier, Gitarre,

Schlagzeug, Bass und Akkordeon), verwandelte

er als 16-Jähriger die pq-Formel zum

Lösen quadratischer Gleichungen in einen

Song. Als er fertig war, nahm er das Ganze

mit der Kamera seiner Schwester auf, spielte

Klavier dazu und stellte es bei Youtube

ein – für seine kleine Gruppe von Abonnenten.

„Das waren so wenige, viel passieren

konnte da nicht.“

In den folgenden Wochen stellte er verwundert

fest, dass sein Video innerhalb eines

Monats fast 2000-mal angeschaut worden

war. Also machte er schnell noch eines.

Diesmal über die binomischen Formeln –

noch so eine Sache, an der kein deutscher

Schüler im Mathe-Unterricht vorbeikommt.

Und wieder waren da deutlich mehr Leute

als sonst auf seinem Kanal. Das ist jetzt fünf

Jahre her, und seitdem hat er nicht mehr

aufgehört, Videos zu produzieren.

Beurich hat zwischendurch das Abitur

gemacht, sein Studium begonnen, seinen

Bachelor absolviert, einen Master angefangen.

Er hat sich eine teurere Kamera gekauft,

professionelles Licht und einen Greenscreen.

Aber seine Songs haben sich im Prinzip

kaum verändert. Es geht um Formeln und

ihre Herleitung, immer in Reimform, immer

tadellos vorgerechnet.

Zwar gab es bislang nie den großen

Durchbruch, seine Videos sind nicht „viral

gegangen“, sie haben sich also nicht explosionsartig

verbreitet. Die Klickzahlen verliefen

stattdessen wie eine klassische lineare

Funktion mit positiver Steigung: kontinuierlich

nach oben.

Tatsächlich ist der Grund für Beurichs

Erfolg so einfach wie offensichtlich: Seine

Videos und Songs eignen sich einfach gut

zum Lernen – gerade für Teenager mit kurzer

Aufmerksamkeitsspanne und geringer

Frustrationstoleranz. Diverse Untersuchungen

zeigen, dass es Menschen sehr viel leichter

fällt, Dinge zu behalten, wenn sie mit

einer Melodie verbunden werden. Auch

deshalb können wir die Texte unserer Lieblingslieder

nach vielen Jahren noch auswendig.

„Eine Lehrerin hat mal gesagt: Deine

Clips sind wie ein Ohrwurmspickzettel“,

erzählt Beurich.

Er selbst schätzt, dass seine Songs bereits

mehrere Tausend Mal von Pädagogen

in deutschen Klassenzimmern vorgespielt

wurden. Ab und zu schreiben ihm Lehrer,

die kein Internet in der Schule haben oder

bei denen Youtube auf dem Schulrechner

gesperrt ist, ob sie sich das Video runterladen

können. „Das erlaube ich dann natürlich.“

Hinzu kommen all die positiven

Kommentare auf seiner Youtube-Seite. Da

steht dann zum Beispiel: „Du hast mir heute

echt den Hintern gerettet“, „Da versteht

man ja endlich, warum diese Regeln gelten“,

oder auch einfach: „Alter, wie gut bist

du eigentlich?!?!“

Spott für seine Videos gibt es allerdings

auch. Dann wird Johann Beurich in Kommentaren

beispielsweise als „Opfer“ tituliert,

man zieht über seinen Glauben her,

oder irgendwer nennt die Videos einfach

nur „Schrott“. Der Comedian Oliver Kalkofe

hat sich mal in Kalkofes Mattscheibe

über ihn lustig gemacht, ihn als „kleinen

Streber“ bezeichnet und gemeint: „Das gibt

Prügel auf dem Schulhof bis zum Abitur.“

Beurich fand das nicht witzig, aber seine

Freunde haben sich schlappgelacht über

die Vorstellung, dass er auf dem Schulhof

verprügelt würde. Wurde er natürlich nicht.

Coolness ist eben auch auf dem Schulhof

nicht alles.

24 25


Sachsen // Weise

Lernen, lachen, leben

Sachsen sind bekanntlich eher Macher als Sprücheklopfer. Außer sie haben wirklich etwas zu

sagen. Das war nie anders, wie diese Denker aus den vergangenen Jahrhunderten belegen.

„Die Handlungen

der

Menschen

leben fort

in den

Wirkungen.“

Gottfried Wilhelm Leibniz

(1646–1716), geboren in Leipzig,

Philosoph, Mathematiker, Diplomat

und Historiker

„Es ist des

Lernens

kein

Ende.“

Robert Schumann (1810–1856),

geboren in Zwickau, Komponist,

Musikkritiker und Dirigent

„Die drei elementarsten Fragen

des Menschen sind: Wer sind wir?

Woher kommen wir? Wohin

gehen wir? Sie zu beantworten ist

Aufgabe der Wissenschaft.“

Jesco von Puttkamer (1933–2012), geboren in Leipzig, Raumfahrtingenieur

und Autor

„Die Kunst ist die höchste

Form von Hoffnung.“

Gerhard Richter, geboren 1932 in Dresden, Maler, Bildhauer und Fotograf

„Über sehr ernste Gegenstände sehr

ernst sprechen wollen, führt zu

Schweigen. Sehr ernste Gegenstände

oder Weltzustände lassen sich nur

mit Humor bereden.“

Irmtraud Morgner (1933–1990), geboren in Chemnitz, Schriftstellerin

„Wer neben den Wissenschaften

noch andere

Ergötzungen sucht, muss

die wahren Süßigkeiten

derselben noch nicht

geschmeckt haben.“

Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), geboren in

Kamenz, Dichter

„Der Blick

über die Welt

hinaus ist der

einzige, der die

Welt versteht.“

Richard Wagner (1813–1883), geboren in Leipzig,

Komponist

„,Wird’s besser? Wird’s schlimmer?‘, fragt man

alljährlich. Seien wir ehrlich:

Leben ist immer lebensgefährlich!“

Erich Kästner (1899–1974), geboren in Dresden, Schriftsteller und Drehbuchautor

„Die Idee ist noch nicht Seele

und die Seele noch nicht Geist,

aber der Geist ist nur innerhalb

der Seele und die Seele nur innerhalb

der Idee, und diese drei

sind nur eins bei aller Verschiedenheit,

und nur als in einem

Einigen seiend, können sie verstanden

werden vom Geiste.“

Carl Gustav Carus (1789–1869), geboren in Leipzig, Arzt,

Maler und Naturphilosoph

„Die Furcht ist der

schlechteste Ratgeber.“

Karl Liebknecht (1871–1919), geboren in Leipzig, Politiker

„Freiheit, auch in den Regungen des

äußerlichen Lebens, ist der Boden, in

welchem die höhere Bildung keimt.“

Johann Gottlieb Fichte (1762–1814), geboren in

Rammenau, Erzieher und Philosoph

26 27


Sachsen // beständig

Sauber gemacht!

Früher kam aus der Oberlausitz nur „fit“, das Spülmittel der DDR. Heute werden

in Zittau auch Sanso, Rei, Sunil, Gard und andere Westmarken produziert.

Text: Brigitta palass

Foto: Michael Hudler

Es hatte geschneit an jenem Karfreitag

1992. Zum Glück. Der frische Schnee verhüllte

gnädig den maroden Außenbereich

jenes Betriebsteils der Leuna-Werke, für den

er sich interessierte. „Sonst wäre ich vielleicht

gleich wieder umgekehrt“, sinniert

Wolfgang Groß heute. So besichtigte er die

Produktionsanlagen, in denen das Spülmittel

fit hergestellt wurde – und erkannte auf

den ersten Blick die hochintelligente, effiziente

Fertigung. Das Spülmittel wurde in

selbst produzierte Plastikflaschen abgefüllt,

die aus nur einem Stück bestanden, und die

Produktionsreste wurden sofort recycelt.

Groß war schon viel herumgekommen,

aber das sei die preiswerteste Herstellung

gewesen, die er je gesehen habe. „Die Leute

hatten aus dem allgegenwärtigen Mangel

etwas ganz Wichtiges geschaffen.“ Damals

wurde ihm augenblicklich klar, dass er gefunden

hatte, wonach er schon lange suchte:

sein Unternehmen.

Wolfgang Groß, promovierter Chemiker,

war bis dahin Manager bei Konzernen

wie Procter & Gamble gewesen, hatte eine

Forschungsabteilung geleitet und das Marketing

verantwortet. Eine ordentliche Karriere

für einen Enddreißiger, aber nicht das,

was er sich wirklich wünschte. Ihn störten

die Zwänge der Großorganisation, er träumte

von Selbstständigkeit. Die Wiederver einigung

verlieh seinem Traum Flügel. „Es

war der Moment, in dem alles stimmte. Ich

war alt genug für die nötige Erfahrung und

jung genug für einen Neustart. Und es standen

Tausende ehemalige DDR-Betriebe zum

Verkauf.“ Groß sah sich viele an – fit passte.

In der DDR kannte nahezu jeder Haushalt

die viereckige Flasche. Mit fit wurden Teller

und Töpfe gespült, Autos gewaschen und

Blattläuse bekämpft. 1955 hatte der VEB

Fettchemie Karl-Marx-Stadt das Spülmittel

auf den Markt gebracht, 1967 entstand das

Werk in Hirschfelde bei Zittau, wo bis heute

produziert wird. Nach der Wende hatten

sich viele Konzerne für die Markenrechte

interessiert, die Fabrik mit 450 Arbeitern

wollte keiner. Außer Groß. „Natürlich waren

es zu viele Leute“, sagt er heute. „Aber

den von der Treuhand geforderten Erhalt

von 60 Arbeitsplätzen konnte ich garantieren.“

Am 1.1.1993 gründete er die fit GmbH.

Der Anfang war bitter. Viel Arbeit,

wenig Schlaf, der neue Chef kampierte auf

einer Luftmatratze im Verwaltungsge bäude,

was sich nur graduell geändert hat: Heute

bewohnt er eine Wohnung im Obergeschoss.

Groß hat nicht nur eine Firma gekauft, er

hat sie sich zu eigen gemacht. Stand auf der

Leiter und rupfte die Bäumchen aus, die sich

auf dem Dach der alten Hallen ausgebreitet

hatten. Streifte wieder den Laborkittel über

und entwickelte mit seinen Leuten Rezepturen

für neue Produkte. Und erkannte, als das

Geschäft im Osten langsam wieder anlief,

dass er die alten Bundesländer brauchte –

und Marken, die man dort kannte.

Die ersten kaufte Wolfgang Groß im

Jahr 2000 seinem alten Arbeitgeber ab: Rei,

Rei in der Tube, Sanso. Später folgten Sunil

und Kuschelweich von Unilever, inzwischen

ist das Sortiment auf 100 Produkte gewachsen.

Und das Werk gehört europaweit zu

den modernsten der Branche.

Ein Vierteljahrhundert ist es

her, seit Wolfgang Groß in Zittau

fand, wonach er lange suchte.

Unter seiner Leitung hat das

Unternehmen die Wende geschafft:

Heute erwirtschaften

mehr als 200 Mitarbeiter rund

160 Millionen Euro Umsatz.

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Sachsen // verbindlich

Friede, Freude, Blinzes

Hätten sie keinen besseren Ort finden können als ausgerechnet Chemnitz? Eigentlich nicht,

finden die Brüder Dziuballa, die Betreiber des einzigen jüdischen Restaurants in Sachsen.

Sie hätten auch in ihren erlernten Berufen arbeiten können,

als Maschinen- und Anlagenbauer oder als Broker. Lars Ariel (links)

und Uwe Dziuballa haben sich stattdessen lieber der Kultur vermittlung

verschrieben. Und weil das beim Essen in entspannter Atmosphäre

besonders gut gelingt, betreiben sie das „Schalom“.

Text: Brigitta palass

Foto: Anne schönharting

New York wäre vielleicht eine Alternative

gewesen. Aber am Ende lief es doch

auf Chemnitz hinaus – die Stadt, die 1965,

als Uwe Dziuballa dort geboren wurde, noch

nach Karl Marx benannt war. Dort lebte

Dziuballas Mutter und wollte nach dem Tod

ihres Mannes auch nicht mehr fort. Deshalb

haben die Brüder Uwe und Lars Ariel hier

ihr Lokal eröffnet. Das „Schalom“ ist das

erste und bisher einzige öffentliche jüdische

Restaurant in Sachsen.

Großstadtflair verbreite es, schwärmte

kürzlich ein Gastro-Kritiker. Viel Holz, klare

Linien, warme Farben – das Schalom ist

auf eine sehr moderne Art gemütlich. Und

für seine gute Küche bekannt: Am Herd

steht ein Profi, der nach strengen jüdischen

Speisevorschriften koscher kocht. „Wir haben

alte Rezepte durchstöbert“, erzählt Uwe

Dziuballa. Das Ergebnis ist eine Speisekarte

mit ost-, mitteleuropäischen und nahöstlichen

Einflüssen. Blinzes gehören dazu –

jiddische Pfannkuchen mit allerlei Füllungen

–, die osteuropäische Rote-Bete-Suppe

Borschtsch und natürlich auch der legendäre

jüdische Küchenklassiker Gefilte Fisch.

Knapp 40 Plätze hat das Restaurant, und

über schlechte Auslastung können die Wirte

nicht klagen. Amüsiert, aber auch etwas genervt

beobachtet Dziuballa, wie verdruckst

der anfängliche Umgang vieler Gäste mit jüdischer

(Ess-)Kultur ist, wie bemüht sie sind,

bloß nichts Falsches zu sagen oder zu tun.

Darf man äußern, dass man Gefilte Fisch

optisch und geschmacklich scheußlich findet?

Darf man fragen, warum es neben der

eleganten Bar ein Handwaschbecken gibt?

Man darf, und man soll! Denn die Dziuballas

sind eher zufällig Gastronomen geworden.

Ihre eigentliche Mission ist, deutschjüdisches

Leben wieder zu einem Teil der

Alltagskultur werden zu lassen. Speis und

Trank, haben sie festgestellt, eignen sich dabei

ganz vorzüglich als Transportmedium.

Uwe Dziuballa hat in der DDR Elektrotechnik

studiert und nach der Wende außerdem

bei der Deutschen Bank gelernt, Lars

Ariel, der einige Jahre Jüngere, ist Maschinen-

und Anlagenbauer. Für beide spielten

jüdischer Glaube und Kultur in ihrer DDR-

Jugend keine große Rolle.

Wie selbstverständlich Judentum praktiziert

und akzeptiert werden kann, erlebte

Uwe Dziuballa erst, als er 1993 für ein knappes

Jahr als Broker nach New York und Miami

ging. „Den ungezwungenen Umgang

der verschiedenen Ethnien untereinander

fand ich sehr erfrischend“, sagt er. Es war

der prägendste Eindruck, den er aus den

USA mit zurücknahm. Inzwischen war auch

die vormals winzige jüdische Gemeinde in

Chemnitz durch den Zuzug von Immigranten

aus der zerfallenden Sowjetunion rasant

gewachsen. 1998 gründete Uwe Dziuballa

mit sechs Freunden den Verein Schalom e. V.

– als Kulturvermittler und als Hilfsorga ­

ni sation für die Neuankömmlinge aus dem

Osten. Das Restaurant ist das wichtigste

Forum des Vereins – für Konzerte, Vorträge,

Ausstellungen und Lesungen.

Es wäre wohl verlogen, Dziuballa nur

nach jüdischer Kochkunst und nicht nach

Antisemitismus in der Stadt zu fragen. Auch

Chemnitz hat eine Neonazi-Szene, und in

der Tat haben die Dziuballas seit Bestehen

des Schalom mehr als 40 000 Euro ausgegeben,

um Schäden zu beheben – zerstochene

Autoreifen, kaputte Scheiben, Schmierereien.

Nach dem Umzug vor vier Jahren in

eine belebtere Wohngegend sei es aber besser

geworden, sagt Dziuballa. Früher seien

Hooligans auf dem Weg zum Bahnhof fast

automatisch am Schalom vorbeigekommen.

Entmutigen lassen sich die Brüder von

solchen Attacken nicht. Da trinkt Uwe Dziuballa

lieber noch ein Glas „Freude“. Simcha

– Freude – heißt das zertifizierte koschere

Pils, das sie im nahen Hartmannsdorf brauen

lassen. Es ist die einzige koschere Biermarke

Deutschlands. Mit den importierten

Lagerbieren aus Israel gab es öfter Lieferprobleme.

Aber eine deutsche Gaststätte

ohne Bier? Kaum auszudenken.

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Sachsen - Machen

WIR ERFINDEN NICHT STÄNDIG

DAS RAD NEU. ABER DAS LICHT.

ERFINDERGEIST HAT IN SACHSEN TRADITION. Wir investieren

in Innovationen. Zum Beispiel in die Entwicklung energieeffizienter

organischer Leuchtdioden, die deutlich weniger Wärme entwickeln

als klassische LEDs. Mit fast 40 Unternehmen und 20 Forschungseinrichtungen

ist Sachsen heute das größte europäische Cluster der

organischen Elektronik.

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Mehr dazu unter www.so-geht-sächsisch.de

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