Bühne Sachsen

sachsen

Ein Kulturmagazin über die mannigfaltige Theaterlandschaft in Sachsen.

BÜHNE

SACHSEN

Roman Knižka

Ein Spaziergang durch seine

Dresdner Heimat

Christian Thielemann

Ein Gespräch über leichte Musen

und schwere Musik

Evelyn Herlitzius

Eine Begegnung jenseits der

großen Bühne


DER RING DES NIBELUNGEN

Bühnenfestspiel von Richard Wagner

Die Werke Richard Wagners waren

stets ein wichtiger Schwerpunkt in

der Chemnitzer Operntradition und

brachten der Stadt den ehrenvollen

Beinamen Sächsisches Bayreuth

ein. Erneut will die Oper Chemnitz

die Wagnerianer mit einem

Leuchtturm-Projekt begeistern:

2018, im Jahr des 875. Stadtjubiläums,

vereint sich die internationale

Wagner-Elite, um alle

vier Teile des Bühnenfestspiels

Der Ring des Nibelungen als Neuproduktion

auf die Bühne zu

bringen. Im Zentrum der Auseinandersetzung

steht der für den

Zyklus entscheidende Impuls: die

Frau. Frauen nehmen in Wagners

Ring zentrale Rollen ein, sind die tonangebenden

Figuren – mit höchst unterschiedlichen

Zielen. Folgerichtig werden vier

Regisseurinnen die Tetralogie auf die Bühne

bringen: Verena Stoiber, Monique Wagemakers,

Sabine Hartmannshenn und Elisabeth Stöppler.

DAS RHEINGOLD – DIE WALKÜRE – SIEGFRIED – GÖTTERDÄMMERUNG

DAS RHEINGOLD

Premiere: 03.02.2018

Musikalische Leitung: Guillermo García Calvo

Inszenierung: Verena Stoiber

Bühne und Kostüme: Sophia Schneider

DIE WALKÜRE

Premiere 24.03.2018

Musikalische Leitung: Felix Bender

Inszenierung: Monique Wagemakers

Bühne: Claudia Weinhart

Kostüme: Erika Landertinger

SIEGFRIED

Premiere 29.09.2018

Musikalische Leitung: Felix Bender

Inszenierung: Sabine Hartmannshenn

Bühne: Lukas Kretschmer

Kostüme: Susana Mendoza

GÖTTERDÄMMERUNG

Premiere 01.12.2018

Musikalische Leitung: Guillermo García Calvo

Inszenierung: Elisabeth Stöppler

Bühne: Annika Haller

Kostüme: Gesine Völlm

DAS RHEINGOLD

03.02. | 03.03. | 31.03. | 14.04. | 28.04.2018

02.03.2019

RING-ZYKLEN

18.04. | 19.04. | 20.04. | 22.04.2019

30.05. | 01.06. | 08.06. | 10.06.2019

DIE WALKÜRE

24.03. | 02.04. | 22.04. | 01.05. | 27.05.2018

SIEGFRIED

29.09. | 21.10. | 11.11.2018

GÖTTERDÄMMERUNG

01.12. | 16.12.2018

TANNHÄUSER

04.03. | 01.04.2018

PARSIFAL

30.03. | 29.04.2018

TICKETS +49 371 4000-430 | THEATER-CHEMNITZ.DE


3

EDITORIAL

Titel: Nikolaus Brade. Illustration: Anja Stiehler-Patschan/Jutta Fricke Illustrators

Kunst ist Energie

Man muss gönnen können. Das dachte

sich Theodor Fontane, Preuße aus Prinzip

und Leidenschaft, als er in seiner

Lebenserinnerung zu einer „Sachsenhymne“

anhob, die ihn fast erschreckte:

Die Sachsen, schrieb Fontane am Ende

des 19. Jahrhunderts, seien entgegen der

allgemeinen Wahrnehmung nicht gemütlich,

sondern energisch. Ihre Energie

charakterisiere sie. Darum seien sie

„noch lange nicht in der Art überholt,

wie man sich’s hierzulande so vielfach

einbildet“. Gepaart mit einem hohen

Sinn für Bildung und Kultur, seien

deshalb „Anachronismen innerhalb der

gesamten Anschauungswelt, Rückschraubungen,

in Sachsen unmöglich“.

Das war Lob aus überraschendem

Mund, ist doch die Rivalität zwischen

Sachsen und Preußen legendär. Ganz

im Sinn Fontanes haben wir uns für Sie,

liebe Leserin, lieber Leser, aufgemacht

in den Freistaat und die Probe aufs

Exempel gewagt: Wo gibt es energische

Bühnenkünstler, die sich aller „Rückschraubung“

enthalten und kraftvoll

nach vorn schauen? Wir wurden fündig,

und wir hätten mit den Funden ein

zweites „Bühne Sachsen“-Magazin

füllen können. Sachsen hat viele Tanzund

Puppen- und Kinder- und Musikund

Sprechtheater, über die es sich

nicht nur „hierzulande“ zu reden lohnt.

Christian Thielemann, Chefdirigent

der Sächsischen Staatskapelle, greift den

preußisch-sächsischen Gegensatz auf

und versteht im exklusiven Interview

das Sächsische als die Kunst, „die Sachen

auch mal laufen zu lassen“. Womit er

eine Bestimmung der Kunst an sich liefert:

Kunst ist Bewegung, Kunst setzt

in Bewegung. Wir trafen Künstlerinnen,

Alexander Kissler,

Ressortleiter Kultur beim

Monatsmagazin Cicero

denen die Bewegung die authentische

Ausdrucksform des Menschlichen ist.

Die Choreografin Heike Hennig verwandelt

die Gegenwart in mitreißende

Tanzstücke. Die gebürtige Leipzigerin

setzte sich auch persönlich in Bewegung,

wurde im Sommer 1989 „Republikflüchtling“

gen Ungarn, kam später

mit ihrer Arbeit bis in die Vereinigten

Staaten, nach Brasilien, Portugal. Die

Sächsin lässt das Reisen nicht?

Auch der in Bautzen geborene

Schauspieler Roman Knižka floh im

denk würdigen Jahr nach Ungarn. Ob er

auf Heike Hennig traf? Das wissen wir

nicht. Wohl aber erzählt einer der

meistbeschäftigten Charakterköpfe des

deutschen Fernsehens von

seinen Anfängen als Theatertischler

an der Dresdner

Oper. Und von einem

regimekritischen Flashmob

zu DDR-Zeiten, Codename:

gelber Koffer. Pst.

Manchmal setzt die

Kunst ganze Städte in

Bewegung. Görlitz wird

Bühne, wenn das drittgrößte

Straßentheaterfestival

Deutschlands die Perle an der Neiße ins

Licht der Gaukler taucht. Freiberg

wiederum beherbergt das älteste Stadttheater

der Welt und ist mit dem bis

heute quicklebendigen Musentempel

und dessen internationalem Ensemble

fest verschmolzen. Kluge Stadtväter

wussten 1790, was Fontane später zum

Lob des „hohen Bildungsmaßes“ veranlasste:

„Durch die Schauspiele“ gewinne

„der Nahrungsstand der Bürgerschaft“.

Mit der Freiberger Theatergründung

wurde der Traum der großen Theaterreformerin

Friederike Caroline Neuber

wahr. Die 1760 gestorbene „Neuberin“

kämpfte für ein bürgerliches Theater.

Sie fände heute Gefallen am Formenreichtum

von „Floor on Fire“ im Festspielhaus

Hellerau, wo die Tanzstile

sich treffen.

Bühne Sachsen“ will eine Einladung

sein: Lassen Sie sich gedanklich in Bewegung

bringen, blättern Sie, schauen,

lesen, lachen, lernen Sie von Seite zu

Seite – und dann an den Orten des Geschehens

in Dresden, Leipzig, Radebeul,

Gohrisch, dem übrigen Sachsen. Vielleicht

stimmen Sie dann Fontane zu:

Überholt ist hier noch lange nichts. •

Covermotiv:

Unser Titelfoto zeigt den

Schauspieler Roman

Knižka in den Werkstätten

der Semperoper. In

Händen hält er die

Abschlussarbeit zu seiner

Gesellenprüfung als

Theatertischler aus dem

Jahr 1989

BÜHNE SACHSEN


4

INHALT

Wieder daheim

Mit Schauspieler Roman Knižka

auf Stadtspaziergang in Dresden

Seite 20

Sprechprobe

Das Deutsch-Sorbische Volkstheater in

Bautzen lädt zum Vokabeltest

Seite 45

Taktgeber

Christian Thielemann erklärt die

Vorzüge der leichten Muse

Seite 24

Let’s Twist Again

Bei „Floor on Fire“ ringt der klassische

Tanz mit Hip-Hop und Breakdance

Seite 46

Datensammlung

Sachsens Musik- und Theaterlandschaft

als komplexes Zahlenspiel

Seite 28

Logbuch 2017/18

Die Höhepunkte aus der aktuellen

Theatersaison in Sachsen

Seite 48

Evelyn Herlitzius in „Lady Macbeth von Mzensk“

Figurenfundus

Eine Auswahl der schönsten Theaterpuppen

des tjg in Dresden

Seite 6

Schöner schauspielen

Leipzigs Intendant Enrico Lübbe erklärt,

wie man Spitzenleistungen erzielt

Seite 12

Als wir Cowboys waren

Ein Besuch bei Old Shatterhand auf

der Felsenbühne in Rathen

Seite 14

Dresden, meine Perle

Sängerin Evelyn Herlitzius erklärt die

Schönheit von Elbmetropolen

Seite 18

Bürgerbühne

Ein Rundgang durch das älteste

Stadttheater der Welt in Freiberg

Seite 30

Mehr als eine Komödiantin

Ein Porträt der großen Theater-

Reformerin Friederike Caroline Neuber

Seite 33

Kleines Welttheater

Unterwegs auf dem Straßentheaterfestival

„Via Thea“ in Görlitz

Seite 34

Bewegungszeiten

Porträt der Leipziger Choreografin

Heike Hennig

Seite 38

Klassische Landpartie

In Gohrisch spielt man Schostakowitsch

in einer Scheune

Seite 40

Sachsen, meine Bühne

Sophie Dannenberg ist vom

sächsischen Lachen verzaubert

Seite 50

Karl May auf der Felsenbühne in Rathen

IMPRESSUM

Herausgeber Freistaat Sachsen

Archivstr. 1, 01097 Dresden

Verlag Res Publica Verlags GmbH,

Schöneberger Str. 15, 10963 Berlin

Geschäftsführung Christoph Schwennicke,

Alexander Marguier

Verlagsleitung Jörn Christiansen

Redaktion Dr. Alexander Kissler (V.i.S.d.P.),

Ralf Hanselle (fr.)

Art-Direktion StudioKrimm (fr.)

Chefin vom Dienst Kerstin Schröer

Bildredaktion Tanja Raeck

Korrektorat Ulrike Mattern (fr.)

Redaktionsmarketing Janne Schumacher

Herstellung/Vertrieb Erwin Böck

Druck/Litho Neef+Stumme premium printing

GmbH & Co. KG, Schillerstr. 2,

29378 Wittingen

Leserservice Cicero Leserservice,

20080 Hamburg, Tel.: +49 (0)30 346 465 656

E-Mail: abo@cicero.de

Verlag Tel.: +49 (0)30 981 941–100, Fax –199

Diese Drucksache wird auf der Grundlage des

von den Abgeordneten des Sächsischen

Landtags beschlossenen Haushaltes zur

Verfügung gestellt.

Fotos: POP-EYE/Sinissey, Jana Kühle

BÜHNE SACHSEN


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Abrechnung erfolgen durch DPV Deutscher Pressevertrieb GmbH als leistenden Unternehmer.


Sindbad

Diese Tischpuppe der

Puppenbauerin Ulrike Langen

hat viele Abenteuer bestanden.

Als Sindbad der

Seefahrer hat sie eine Insel

entdeckt, die eigentlich

ein riesiger Fisch war, sie ist

in ein Tal voller Schlangen

und in unvorstellbare

Stürme hineingeraten. In der

Inszenierung von Ania

Michaelis hat der Puppenspieler

Uwe Steinbach

den beliebten Seefahrer

aus „Tausendundeiner

Nacht“ zum Leben erweckt

und ihn von seinen Reisen

erzählen lassen.


BILDERBOGEN

7

Die Zuckerpuppe aus

der Schauspieltruppe

Das Dresdner tjg verfügt über eine der

größten Puppenbühnen Europas. Von der

Handpuppe bis zur Stabfigur werden hier

ständig neue Figuren erdacht und gebaut

FOTO S Stills & Strokes

Frau Grubach

In einer Puppenversion

von Franz Kafkas Klassiker

„Der Process“, inszeniert

von Ania Michaelis, wurden

viele der Protagonisten mit

Masken dargestellt. So etwa

auch Frau Grubach, die

neugierige Vermieterin des

Antihelden Josef K. Der ist

ein eigentlich unbescholtener

Bürger, der sich aufgrund

merkwürdiger Ereignisse in

Unannehmlichkeiten bringt.

Entwickelt wurde die Maske

2015 von Studierenden

der Dresdner Hochschule

für Bildende Künste.

BÜHNE SACHSEN


Tina

Tina ist ein bezauberndes

Wesen von einem anderen

Stern. So zumindest wird sie

im Textbuch zu dem

Puppentheaterstück „The

Season“ von Joe Cobden

und Josh Dolgin beschrieben.

Und wie von einem anderen

Stern ist auch das Kostüm,

das Klemens Kühn 2016 für

die Puppenspielerin Anna

Tkatsch entworfen hat. Mit

viel Tüll und Tutu übernimmt

Tkatsch in dieser musikalischen

Fabel die Rolle einer

Außerirdischen, die unverhofft

in eine Idylle einbricht.

Name der Puppe

Beispiel

Alitiis aut esse simoluptios

mint pe ad quodigent aceata

voluption pa cus. Odipsap

ellenderum quatati ncipsum

Alitiis aut esse simoluptios

mint pe ad ellenderum quatati

ncipsum Alitiis aut esse

simoluptios mint pe ad

quodigent aceata voluption

pa oluptios mint pe ad

quodigent aceata voluption

pa cus. Odipsap eceata

voluption pn pa cus. Odipsap

ellenderum quatati cus.

Odipsap ellenderum.a cus.

Odipsap ellenderum.


Name Bunsen der van Puppe

der Beispiel Dunkel

Alitiis Es braucht aut esse schon simoluptios viel

Fantasie, mint pe ad um quodigent sich vorzustellen, aceata

voluption dass der Mondmann pa cus. Odipsap eines

Tages ellenderum zur Erde quatati herabsteigt ncipsum

Alitiis und sich aut dort esse im simoluptios

Haus eines

mint durch pe geknallten ad ellenderum Professors quatati

ncipsum namens Bunsen Alitiis aut van esse der

Dunkel simoluptios versteckt. mint pe Tomi ad

Ungerer quodigent hat aceata diese voluption

Fantasie.

Und pa oluptios Nils Zapfe mint hat pe aus ad ihr

ein quodigent Puppenstück aceata gezaubert.

voluption

Für pa cus. „Der Odipsap Mondmann“ eceata nach

Tomi voluption Ungerer pn pa haben cus. Odipsap Ramona

ellenderum Rauchbach quatati und Uwe cus.

Odipsap Steinbach ellenderum.a diesen Bunsen cus.

Odipsap van der Dunkel ellenderum entworfen.


Der Mondmann

Der Mondmann hatte einen

großen Traum: Er wollte

einmal im Leben seine

Bahnen verlassen und hinab

zu den Menschen steigen.

Tomi Ungerer hat ihm diesen

Wunsch erfüllt. In seinem

Kinderbuchklassiker „Der

Mondmann“ hat er die blasse

Gestalt vom Himmel geholt.

Ramona Rauchbach und

Roland Teichmann haben

es ihm 2014 für das tjg

gleichgetan. Ihre Mondmann-

Tischpuppe ist eine blasse

Mixtur aus Eierkopf und

Michelin-Männchen geworden.


Hohnsteiner

Kasper

Er ist der Klassiker des

sächsischen Puppentheaters:

der Hohnsteiner Kasper.

In den 20er-Jahren von dem

Hohnsteiner Puppenspieler

Max Jacob entworfen, hat

die abenteuerlustige Figur

in den zurückliegenden

Jahrzehnten zahlreiche

Kostüm- und Formveränderungen

erlebt. Die Handpuppe

rechts stammt von

Rainer Schicktanz und

Roland Teichmann und

wurde für die Inszenierung

„Genoveva“ entworfen.


12 INTERVIEW

„Man fängt immer

wieder bei null an!“

In der Champions League: Der inszenierende

Intendant Enrico Lübbe hat das Schauspiel Leipzig

erstklassig gemacht. Begegnung mit

einem glücklichen Theatermann

INTERVIEW Irene Bazinger

FOTO Christoph Busse

BÜHNE SACHSEN: Herr Lübbe, im Juni

2016 hat die Stadt Leipzig Ihren 2013

abgeschlossenen Intendantenvertrag

vorfristig verlängert – gerade läuft alles

ziemlich gut, oder?

ENRICO LÜBBE: Man kann ja nichts anderes

als seine Arbeit machen und hoffen,

dass sie sich dem Publikum und der

Stadt überzeugend vermittelt. Das ist,

um Marivaux zu zitieren, immer auch

ein „Spiel von Liebe und Zufall“. Die

letzte Saison ist besonders glücklich verlaufen,

mit „Kruso“ in der Regie von

Armin Petras und „89/90“, inszeniert

von Claudia Bauer und eingeladen zum

Berliner Theatertreffen. Selbst ein Familienstück

wie „Der schlaue Urfin und

seine Holzsoldaten“ wurde in der Regie

von Stephan Beer eine Punktlandung,

weil man da durchaus Parallelen zum

jetzigen US-amerikanischen Präsidenten

und zum Thema Populismus erkennen

konnte. Die Premiere und der überraschende

US-Wahlausgang fielen fast zusammen.

So etwas lässt sich natürlich

nicht planen! Mal sehen, wie es weitergeht.

Denn bei jedem Probenbeginn

fangen ja alle wieder bei null an.

Welche Eigenschaft ist für den Beruf

eines Intendanten besonders wichtig?

Meines Erachtens ist es die größte

Herausforderung, viele Dinge in diesem

Beruf einfach aushalten zu können

– und dabei nicht abzustumpfen oder

eine Wagenburg-Mentalität zu entwickeln.

Es scheint mir ganz wichtig

zu sein, auch bei Gegenwind seitens

des Publikums, der Medien oder der

Politik immer die Ruhe zu bewahren,

alle Schäfchen im Haus bei Laune zu

halten, für vernünftige Arbeitsbedingungen

zu sorgen und weiterzumachen.

An das zu glauben, was man zusammen

mit allen anderen tut, das ist für

mich eine entscheidende Tugend.

„Der künstlerische

wie wirtschaftliche

Erfolg schweißt

ein Schauspielhaus

zusammen“

Hat es Ihnen in Ihrer jetzigen Chefposition

geholfen, dass Sie zwei Jahre

Assistent beim Leipziger Intendanten

Wolfgang Engel waren und von 2000

bis 2004 sein Hausregisseur?

Das spielte, als ich zehn Jahre später

sein Nachfolger wurde, keine Rolle

mehr. Von 2008 bis 2013 war ich ja

Schauspieldirektor in Chemnitz, zuvor

Gastregisseur in Stuttgart, München,

Wien und Berlin. Letztlich ist es der

Erfolg in künstlerischer wie in wirtschaftlicher

Hinsicht, der ein Haus zusammenschweißt

und trägt.

Wenn Sie mit Ihren Mitarbeitern den

neuen Spielplan für eine Saison erarbeiten,

wie verteilen sich da die Überlegungen

hinsichtlich der künstlerischen

und der ökonomischen Aspekte?

In Leipzig sind entsprechende Abwägungen

weder in die eine noch in die

andere Richtung wirklich möglich.

Denn das Publikum in dieser Stadt ist

vielfältig und lässt sich nicht ausrechnen!

Es gibt uns mit seiner Offenheit

und Neugier die Möglichkeit, einen

Spielplan aufzustellen, der weit über die

üblichen Stadttheaterprogramme

hinausgeht.

Das kulturelle Angebot in Leipzig ist

groß. Wie holen Sie das Publikum in

Ihr Haus?

In der Fläche ist die Stadt kulturell

sehr breit aufgestellt – mit dem Gewandhaus,

der Oper, dem Theater der

jungen Welt, einem ganz tollen Zoo,

zahlreichen Museen, gefühlt jeden Monat

einem Festival wie der euro-scene,

dem Dokfilm-Festival oder dem Bach-

Fest. Außerdem gibt es mittlerweile

einen Fußballclub auf Champions-

League-Niveau. Ich gehe auch gern mal

zu einem Spiel von RB Leipzig, und

da sitzen dann bis zu 50 000 Leute, obwohl

die Karten nicht billig sind. Was

kann sich ein durchschnittlicher Haushalt

an Freizeitausgaben sonst noch

BÜHNE SACHSEN


leisten? Auf all das muss man reagieren,

damit das Schauspiel in der öffentlichen

Wahrnehmung präsent bleibt. 2016

haben wir eine Besucherumfrage gemacht.

Dabei kam heraus, dass unser

Publikum sehr jung ist, und zwar

im Durchschnitt 38,5 Jahre. Und dass

es von uns Dinge erwartet, die es nirgendwo

sonst – weder im Internet noch

im Kino oder bei Konzerten – findet;

also nicht all tägliche Stoffe, besondere

Zugriffe und spezielle Ästhetiken.

Von Heiner Müller gibt es den bösen

Satz: „Theater ist ja für die meisten

Zuschauer eine Unterbrechung des

Fernsehprogramms.“

Es gibt hier eine große Studentenszene,

und die Generation, die zu uns

kommt, verfolgt Fernsehen höchstens

noch im Internet; die hat ein ganz

anderes Freizeitverhalten. Diese Menschen

wissen ganz genau, was sie sich

angucken wollen. Sie verlangen ästhetisch

besondere Angebote, über die

sie nachdenken können und müssen,

und sie möchten sich von dem beeindrucken

lassen, was live alles möglich

ist. Wenn das Theater wirklich herausragende

Erlebnisse auf Basis seiner

ureigenen Kunst bieten kann, saugt es

die Zuschauer an. Letztlich geht es

um Emotionen und darum, das Publikum

zu berühren – in welcher Form

auch immer. Beim Fernsehen schalte

ich weg, wenn mich etwas überfordert

oder ärgert, im Theater setze ich mich

aus. Das ist unsere große Chance.

Wie machen Sie Ihr Publikum, das

vielleicht eine Laufkundschaft ist, zu

Stammgästen?

Das gelingt nur durch den kon tinuier

lichen Aufbau von Vertrauen in

unsere inhaltliche und ästhetische

Arbeit. Ich habe von meinem Vorgänger

nahezu keine Abonnenten übernommen

und kann kaum neue gewinnen.

Wer in einer Altersgruppe von unter

40 Jahren hat heute noch ein Abo?

Diese urbanen, aufgeschlossenen Menschen

sind sehr flexibel und kommen,

wenn sie eine Aufführung interessiert,

kurzfristig an die Abendkasse – und

zwar gezielt! Wenn wir zum Beispiel

wegen Krankheit eine Vorstellung

absagen müssen, fragen sie nicht: „Was

spielen Sie stattdessen?“ Sie gehen

weg und sagen: „Kein Bedarf, denn

ich wollte genau dieses Stück sehen.“

Sie sind Intendant, haben eine Frau

und zwei Kinder, kommen Sie noch

selbst zum Inszenieren?

Man muss das gut organisieren, aber

es geht. Ich bin ja gern Regisseur und

mache weiterhin zwei Inszenierungen

pro Spielzeit. Auswärts arbeite ich allerdings

weniger, das ist wirklich zu aufwendig.

Als mir die Oper Erfurt jedoch

letztens Alban Bergs „Wozzeck“ angeboten

hat, konnte ich diese Herausforderung

nicht ablehnen.

Sind die Headhunter schon hinter

Ihnen her und wollen Sie an ein

anderes Theater locken, das Sie auf

Vordermann bringen sollen?

Nicht dass ich wüsste, was vielleicht

auch daran liegt, dass ich hier glücklich

bin. Die Arbeitsbedingungen in Leipzig

sind fantastisch. Von politischer Seite

erfahren wir große Unterstützung, wir

haben eine sichere Finanzierung bis

2020 mit den Tariferhöhungen. Warum

sollte ich da weggehen wollen? •

Enrico Lübbe wurde 1975 in

Schwerin geboren. Seit 1999

Regiearbeiten an zahlreichen

deutschen Bühnen. Danach

Schauspieldirektor in

Chemnitz. Seit 2013 Intendant

am Schauspiel Leipzig

BÜHNE SACHSEN


Wild ist der

Westen, schwer

ist der Beruf

Ein Cowboy, der

einst Indianer war:

Jürgen Haase

als Old Shatterhand


Auf dem langen Weg zur

Blutsbrüderschaft:

Winnetou in der Gewalt

weißer Männer

Fotos: Jana Kühle

In Rathen gibt es eine

Naturbühne, auf der

seit über 80 Jahren

Karl May gespielt wird.

Eine Ortserkundung

TEXT Ralf Hanselle

An manchem Sommertag wartet

der Kriegspfad. Der Mann, den

alle Kinder nur Shatterhand

nennen, besteigt den 38er-Bus von

Cossebaude nach Dresden und dort die

S-Bahn zu den ersten Anhöhen in der

Sächsischen Schweiz. Er fährt vorbei an

dem alten Schienenstrang, der von

Prag nach Berlin führt, und entlang der

feuchten Mischwälder am Rande der

alten Tafelberge. Am Oberlauf der Elbe

schließlich, dort wo sich seit Jahrtausenden

das geheimnisumwitterte graue

Steinriff der Bastei-Felsen aus der Landschaft

erhebt, macht der Mann halt.

Er geht einen schmalen Weg hinauf

bis zu einer Gabelung und sucht dort

den Himmel nach Regenwolken ab.

Dann, wenn er sich seinen schokofarbenen

Fransenrock angezogen und den

berüchtigten Bärentöter unter den Arm

geklemmt haben wird, wird er sich

hinter einen provisorischen Bretterverschlag

verschanzen und auf ein zuvor

verabredetes Zeichen warten: „Herr

Haase, bitte zur Bühne!“

Es ist ein immer wiederkehrendes

Ritual. An zahlreichen Sommertagen

wiederholt es sich. Hier, im großen Kessel

am Amselgrund, werden sie aufeinandertreffen:

der edelmütige Cowboy,

den alle nur Shatterhand nennen, und

der messianische Wilde mit dem merkwürdigen

Namen „Brennendes Wasser“

– was auf Indianisch Winnetou heißt.

Während sich weit über ihnen ein paar

wage mutige Kletterer mit Seilen an

den Bastei-Felsen herablassen, werden

sie unten einen alten Western-Stoff

des Radebeuler Schriftstellers Karl May

auf die Bühne bringen: „Winnetou I“

– einen sächsischen Abenteuerklassiker

um einen freiheitsliebenden Apachen-

Häuptling und dessen Freundschaft zu

dem Gentleman-Gaucho Old Shatterhand.

Über zwei Stunden hinweg

wird es dabei um große Gefühle gehen:

um Hass, Ehre, Freundschaft und

Liebe. Gespielt wird auf einer riesigen

Freilichtbühne oberhalb des sächsischen

Kurorts Rathen. Es ist ein 1936 eingeweihtes

Felsentheater, das zunächst als

Laienspielstätte für Thingspiele diente

Im Kurort Rathen

fügen sich Natur

und Theater mühelos

ineinander

und seit den 50er-Jahren von den Landesbühnen

Sachsen als Sommerbühne

genutzt wird. Zwischen Anfang Mai

und Ende August verbringen hier die

ansonsten in Radebeul beheimateten

Schauspieler ihre Sommer. In oft

glühender Hitze bringen sie „Momo“,

„Wilhelm Tell“ oder den „Freischütz“

auf die Bühne. Und ab und an im

Dämmerlicht singt ein wetterfester

Papageno ein Tirili gegen die harte

Felswand an. Um die Mittagszeit aber,

wenn die Sonne über der großen

Naturbühne im Zenit steht, spielt man

seit Jahrzehnten ein Stück aus dem

Reise- und Wild-West-Repertoire von

Karl May.

Für Jürgen Haase, den Mann, den

sie dann Old Shatterhand nennen, geht

das nun schon 30 Jahre so. An zahlreichen

Sommertagen fährt der Schauspieler

auf den immer gleichen Kriegspfad

hinaus: zunächst in den 38er-Bus, dann

in die S-Bahn. Am Anfang war es noch

wie Urlaub. Es ging ums Reiten auf

echten Pferden und ums Schießen mit

realistischen Colts. Jeden Sommer, sagt

er, konnte er auf der mit Tannen und

Gräsern bewachsenen Bühne einen

Kindertraum leben: „Wir spielten Cowboy

und Indianer.“ Doch über all die

Träume hat er graue Haare bekommen,

BÜHNE SACHSEN


16 HINTERBÜHNE

1938

Historisches Plakat der allerersten

Karl-May-Spiele auf der zwei

Jahre zuvor eröffneten Felsenbühne

in Rathen

1939

Eröffnung der Karl-May-Festspiele

auf der Felsenbühne im Elbsandsteingebirge,

Spielszene: Kriegsrat

der Indianer

1984

Wiedergeburt in der DDR: Jürgen

Haase als Winnetou in „Der Schatz

im Silbersee“. Old Shatterhand

wurde in dieser Inszenierung von

Herbert Graedtke gespielt

raue Haut und tiefe Falten. Lange,

sagt er, könne er den Job wohl nicht

mehr machen. In der kommenden

Saison sei für ihn Schluss. „Bei Karl

May ist Old Shatterhand Anfang 20.

Ich aber werde im nächstes Jahr 60.

Dann werde ich den Bärentöter an den

Nagel hängen.“

Haase tupft sich kleine Schweißperlen

von der Stirn. Zwölf Uhr mittags.

Der Auftritt in der prallen Sonne geht

auch dem gut trainierten Greenhorn

allmählich an die Substanz. Mit verschmitzten

Augen blinzelt er gegen das

gleißende Sonnenlicht an. Er nimmt

einen kräftigen Schluck Wasser aus

einer Flasche und sitzt für Momente

einfach nur da. Vielleicht haben es

Cowboys mit jedem Jahr ein bisschen

schwerer. Die Zeiten, meint jedenfalls

Haase, änderten sich. Heute reden

alle über postheroische Männerbilder

und manch einer gar über das Ende

jenes Westens, der nicht nur bei Karl

May einst der „Wilde“ war. Da ist

wenig Platz für Typen vom Schlage

eines Cowboys wie Shatterhand.

Wie anders aber war das 1984, als

Haase das erste Mal auf der Rathener

Bühne auftrat. Damals war der Cowboy

noch Indianer. Er spielte Winnetou

auf der berüchtigten Suche nach dem

Schatz im Silbersee. Ein Leuchten

springt in Haases Augen: „Damals bin

ich auf dem Pferd in die Felsenschlucht

geritten, und es gab einen schier unendlichen

Applaus.“ 2 200 Leute sollen

sich an jenem Sommertag im Schatten

der geheimnisvollen Felsformation über

dem nördlichen Elbufer versammelt

haben – die meisten gequetscht auf langen

Bänken oder vereinzelt auf

Steinen und Felsvorsprüngen sitzend.

Heute sind es im Durchschnitt noch

800. Kleine Jungs, die bei Bockwurst

und unter Sonnen-Caps von Feuerwasser

und Freundschaft träumen. Auch

Jürgen Haase war einst so ein Junge.

Einer, der mit anderen Jungen durchs

Unterholz gepirscht ist und sich mit

den Indianern nach der niemals erlöschenden

Friedenspfeife gesehnt hat.

„In meiner Kindheit habe ich Karl Mays

Romane mit kleinen Gummifiguren

nachgespielt.“ Und manchmal, an den

ganz besonderen Kindertagen, habe

er im West-Fernsehen Pierre Brice und

Lex Barker gucken dürfen.

Die historische

Felsenbühne am

Elbufer ist wie

ein Grüner Hügel

für kleine Jungs

Es war eine Blutsbruderliebe, die unterm

Küchentisch blühte. Offiziell war

Winnetou im Osten verboten. Die roten

Apparatschiks und der Apache – bei

aller Indianerliebe, sie passten nicht. Als

Lieblingsautor von Adolf Hitler war

Karl May verpönt. Bis in die 80er-Jahre

standen seine grün eingefassten Romane

in der DDR auf dem Index. Erst

1983 wurden sie zum Druck freigegeben.

„Da zog man Altbestände aus

der hintersten Regalecke einfach wieder

nach vorn“, erinnert sich Haase, der

kurz darauf den ersten Winnetou auf

einer DDR-Bühne spielen durfte.

Heute vergleicht er die Skepsis gegenüber

dem umstrittenen Schriftsteller

aus Radebeul gern mit den vielen Vorbehalten

gegenüber dem legendären

Opernkomponisten aus Leipzig: May

und Richard Wagner – zwei Sachsen,

deren Werke es im geteilten Nachkriegsdeutschland

nicht gerade einfach

hatten. Den einen waren sie Symbol

von widerborstigem Freiheitsdrang,

den anderen waren sie nach 1933 unters

Rad der Geschichte gekommen.

Auch die Felsenbühne in Rathen

zeugt mit ihrer langen Tradition von

den Abgründen in der May-Rezeption.

Fotos: Dietmar Katz/bpk, INTERFOTO/Austrian National Library/Weltbild, Wolfgang Müller

BÜHNE SACHSEN


HINTERBÜHNE

17

Fotos: Archiv Felsenbühne Rathen/Landesbühne Rathen (2), Jana Kühle (2)

Es war im Jahr 1938, als der damalige

sächsische Gemeindekulturverband

den Abenteuerstoff erstmals im Schatten

der mysteriösen Sandsteinfelsen inszenierte.

Weit vor Bad Segeberg oder dem

sauerländischen Elspe veranstaltete

man hier an der Elbe Karl-May-Spiele.

Doch das, was es damals zu sehen

gab, das war ein Nazi-Winnetou mit

braungefärbten Apachen und einem

Shatterhand als Edelmenschen.

Mit im Publikum saß damals bei der

Premiere auch Klara May. Die Witwe

des 1912 verstorbenen Abenteuerschriftstellers

war zu jenem Zeitpunkt

bereits eine glühende Verehrerin Adolf

Hitlers gewesen. Immer wieder hatte

sie in ihren Briefen, die sie aus ihrer

Radebeuler „Villa Shatterhand“ heraus

schrieb, von der „innigen Liebe und

Verehrung“ für „ihren Führer“ fabuliert.

Gelegentlich auch hatte das bekennende

NSDAP-Mitglied die Geschichten des

Abenteuerschriftstellers umzuschreiben

und zu arisieren versucht.

Es ist dies die dunkle Seite der lichten

Bühne. Jürgen Haase kennt auch

diese genau – die Freundschaft zwischen

Klara May und Hitlers Halbschwester

Angela Raubal; die Verehrung Hitlers

für die May’schen Helden. Angeblich,

so hat es sein Biograf Joachim Fest

später behauptet, hätten sie Hitler

„die Augen für die Welt geöffnet“. Ein

Hauch von Manitudämmerung legt

sich da auf die grünen Jagdgründe am

Elbufer nieder. Als wäre die Geschichte

der „Villa Shatterhand“ an manchen

Stellen ähnlich verworren wie die der

„Villa Wahnfried“ in Bayreuth. Für

einen Moment jedenfalls erscheint die

große Naturbühne im Schatten der

geheimnisumwitterten Sandsteine wie

ein Grüner Hügel für kleine Jungs.

Denen aber sind die ewigen Verstrickungen

von The Good, the Bad

and the Ugly ziemlich egal. Im großen

Am 6. Mai 2018 startet die Felsenbühne in die neue Saison

Rund vor der Bühne wollen sie den

Sieg ungebrochener Helden über wild

um sich schießende Halunken sehen.

Jürgen Haase ist in diesem Spiel nicht

irgendein Mann in braunen Hosen.

Für die kreischenden Kinder, die sich

an den spannendsten Stellen mit

dem Mut der Verzweiflung an Lehrer

und Trinkflaschen klammern, ist Haase

wirklich Old Shatterhand. Dass er

in der DDR auch schon mal Winnetou

war und dass er ansonsten auch mal

den Valentin in Goethes „Faust“ oder

den Doktor in Büchners „Woyzeck“

gegeben hat? Geschenkt. Mal ist man

Cowboy und mal Indianer. Letztlich

ist das wie im richtigen Leben. Was

un-veränderlich bleibt, ist ein Gefühl.

Jürgen Haase formuliert es so: „Wenn

man abends nach Hause fährt, ist man

ziemlich geschafft.“ •

Ein Heldenjob in

glühender Hitze: Beim

Cowboy- und Indianer-

Spiel fließt viel Schweiß

1991

Wiedervereinigt: das Titelbild des

Programmhefts von 1991. Damals

gab es „Old Surehand“ mit Otto

Strecker und Matthias Henkel in

den Hauptrollen

2015

„Winnetou I“: Premiere am 4. Juli

2015 mit Michael Berndt-Cananá,

Julia Vincze und Jürgen Haase

BÜHNE SACHSEN


TEXT Irene Bazinger

FOTO Jasmin Zwick

Jenseits des

Rampenlichts


PORTRÄT

19

Kammersängerin Evelyn Herlitzius zog

der Semperoper wegen von Hamburg nach

Dresden – und ist geblieben

Ihr Schicksal ist auf direktem Wege

mit der Elbe verbunden, dabei ist

Evelyn Herlitzius weder Binnenschifferin

noch in der Bootsbranche tätig.

Es sind jedoch zwei Städte an diesem

Fluss, die für sie entscheidend waren.

In Hamburg nämlich studierte sie an

der Hochschule für Musik und Theater

Gesang, ehe sie knapp 500 Kilometer

flussaufwärts als Gast an die Semperoper

Dresden engagiert wurde.

Das gleiche Gewässer, ein anderes

Theater, dachte sie sich damals, war vor

Ort aber dann nicht so begeistert. 1995

lag hier einiges im Argen, die Innenstadt

erschien ihr marode, die Atmosphäre

düster, die Mentalität unvertraut.

Nach den Auftritten kehrte die aufstrebende

Sängerin nach Hamburg zurück,

wo sie sich als alleinerziehende Mutter

um ihre beiden Söhne kümmerte. In

Dresden kam Evelyn Herlitzius freilich

beim Publikum, beim Ensemble und

der Intendanz richtig gut an. Man

wollte sie deswegen längerfristig ans

Haus binden. Evelyn Herlitzius freute

sich zwar über das Folgeengagement,

war indes nicht begeistert von der Aussicht

auf einen Umzug.

Ein Kollege, der ihren Zwiespalt

bemerkte, sorgte spontan für die maßgeblichen

Impulse zum Umdenken. Er

zeigte ihr die schönen Ecken von Stadt

und Umland, die man nicht schnell auf

der Durchreise entdeckt, und brachte

sie auf den Geschmack. Und nun ist sie

seit rund 20 Jahren leidenschaftliche

Dresdnerin und immer glücklich, wenn

sie hierherkommt: „Endlich daheim!“

Allzu oft ist das zu ihrem Bedauern

nicht der Fall. Die gefragte Hochdramatische

ist häufig unterwegs, gibt mal in

Rom Giacomo Puccinis Turandot, mal

in Wien Richard Strauss’ Elektra. Schon

an diesem Spektrum wird deutlich, wie

schwer der Beruf ist und wie hoch man

zu investieren bereit sein muss.

Das Privatleben wird der Arbeit

unter geordnet und das meiste von

dem, was Evelyn Herlitzius sonst noch

lockt – Freunde, Filme, Ausstellungen

–, wird hintangestellt. „Man kann nicht

alles haben. Das Singen braucht wahnsinnig

viel Zeit und Energie. Es geht

nur ganz oder gar nicht.“ Sie ist überdies

die klassische Singschauspielerin,

die nicht bloß den Noten folgt, sondern

auch darstellerisch die starken und

un gezügelten Emotionen ihrer Figuren

ausdrücken will. Derlei intensive

Ein lassungen auf den obsessiven Gefühlshaushalt

antiker Heroinen oder

germanischer Windsbräute verlangen

ihr allerdings alles ab.

Es dauert rund zwei Tage, bis sich

der in einer Aufführung angestaute

Adrenalinspiegel wieder auf Normalmaß

herabgesenkt hat. Zum Ausgleich hat

sie die Herausforderungen ihres Berufs

stets mit einem möglichst normalen

Alltagsleben zu kompensieren versucht.

Sie wühlt gern in ihrem Garten und

passt auf, dass es den geliebten Hortensien

an nichts mangelt. Sie läuft durch

den Wald und sammelt Pilze. Gesungen

wird weder dabei noch unter der Dusche,

das tut sie lediglich im professionellen

Rahmen: „Wenn ich Rad fahre,

fahre ich Rad. Punkt!“ Einzig mit ihren

Söhnen hat sie privat gesungen, bis zum

Schlafengehen, „ich die Kinderlieder,

sie die Opernpartien“.

Dass Evelyn Herlitzius ursprünglich

Tänzerin werden wollte, hilft ihr bis

heute auf der Bühne. Singen ist für sie

einerseits eine beseligende Auseinandersetzung

mit der Musik, andererseits –

„ich bin ein physischer Typ“ – ein „sehr

angenehmer körperlicher Vorgang. Es

fühlt sich einfach gut an.“

Deshalb entwickelt sie für jede Rolle

ein anderes Bewegungsprofil und eine

gestische Sprache. Ästhetisch so unterschiedliche

Regisseure wie Hans Neuenfels,

Christof Loy, Claus Guth oder

Christoph Schlingensief wussten das zu

schätzen. Doch all der Ruhm und

die Bravos haben die Kammersängerin

nie abheben lassen. Kritisch befragt sie

sich regelmäßig, welchen Einsatz ihr

der Erfolg wert ist. Natürlich kämpft sie

um ihn und ist froh, wenn sie ihn hat.

Es gibt klare Regeln:

Beim Radfahren

sowie unter der

Dusche wird nicht

gesungen!

Trotzdem hat sie nicht vergessen,

dass es andere Freuden gibt, wahre, tiefe,

gleichwohl jenseits von Rampenlicht

und Applaus. Angesichts ihrer heutigen

Gagen erinnert sie sich an ihre Studienzeit

und dass man im Grunde wesentlich

weniger benötigt, als man gemeinhin

denkt: „Als Studentin war ich super

darin, von Kartoffeln, Spiegeleiern,

Brot und Äpfeln zu leben. Und wissen

Sie was? Es war wunderbar.“ Das klingt

bei ihr nicht wie das Loblied auf den

Konsumverzicht, sondern wie die

Erkenntnis eines Menschen, der einiges

hinter sich und viel erfahren hat. Bei

Evelyn Herlitzius kann man das nicht

nur sehen, man kann es auch hören

– zum Beispiel in der Semperoper. •

BÜHNE SACHSEN


20 STADTRUNDGANG

Heimliche

Heimkehr

Mit Roman Knižka in Dresden –

der Stadt, in der der Schauspieler einst

seine Liebe zum Theater entdeckt hat

Roman Knižka kommt durch den

Hintereingang. Er drückt sich

an der unbesetzten Pforte vorbei,

schleicht das schmale Treppenhaus hinauf,

bis er schließlich im dritten Stock

des Dresdner Schauspielhauses vor einer

schweren Eisentür steht. „Bühne. Kein

Durchgang“ ist dort in schwarzen Lettern

auf einem Schild zu lesen. Knižka

überlegt. Dann aber lässt er sich von der

schroffen Order nicht weiter abhalten.

Er drückt die Klinke herunter, zieht die

TEXT Ralf Hanselle

FOTO S Nikolaus Brade

Roman Knižka erzählt

im Schauspielhaus von

seiner Zeit als

Theatertischler

Tür zu sich hin und steht unverhofft

in einem riesigen Raum. „Wow!“, entfährt

es ihm, während er mit einem

entschlossenen Schritt über die Türschwelle

tritt. „Das ist ja irre!“ Über

Roman Knižka baumeln Schnürböden

und Bühnenwände, vor ihm im

Dunkeln öffnet sich eine große Leere.

Roman Knižka, einer der gefragtesten

deutschen TV-Darsteller, der in den

letzten Jahren in unzähligen Rollen

überzeugen konnte – vom Krimi-Bösewicht

im Frankfurter „Tatort“ bis zu

einem geistig Behinderten in „Mein Bruder,

der Vampir“ – ist zurück in seiner

alten Heimat. Er steht auf der großen

Bühne des vor 100 Jahren eingeweihten

Dresdner Schauspielhauses und schaut

gebannt auf die goldgelben Sitzreihen

ihm gegenüber. Direkt vor ihm ragen

Seilzuganlagen und Scheinwerfertürme

BÜHNE SACHSEN


Zurück beim alten

Arbeitgeber: Roman

Knižka in den

Theaterwerkstätten

in die Höhe, um ihn herum stehen die

letzten Requisiten aus Ibsens „Volksfeind“:

eine kleines Glashaus, ein langer

Tisch. Knižka atmet ein, dann wieder

aus. Theaterluft. Dieses Fluidum, das

„Die Arbeit in den

Werkstätten der

Semperoper hat mich

irgendwie mit Stolz

erfüllt“

nicht nur ihn wie magisch anzieht.

„Ich wollte immer schon auf die große

Bühne“, erzählt er und knöpft sich

langsam die Ärmel seines Hemdes auf.

Dann springt er auf ein großes rechteckiges

Podium und schaut lange über

die Rampe hinweg auf die leeren Sitze.

Er steht hier nicht zum ersten

Mal. Doch diesmal steht er frei und

selbst bewusst: Bluejeans. Sonnenbrille.

Ein Siegerlächeln. Er muss nichts

mehr beweisen. Demnächst spielt

Knižka Martin Luther in dem ZDF-

Dokudrama „Das Luther-Tribunal“, ab

November steht er auf der Bühne der

Komödie am Kurfürstendamm. Damals

aber, vor fast 30 Jahren, war das anders.

Es war 1987, als Roman Knižka in

den Werkstätten von Semperoper und

Schauspielhaus eine Ausbildung zum

Theatertischler begonnen hatte. Im nur

wenige hundert Meter entfernten

Malersaal lernte er Bretter sägen und

Tapeten kleben. „Das, was wir in den

Werkstätten zusammengebaut haben,

stand später auf der Bühne und wurde

vom Publikum bewundert. Das war

ein erhebendes Gefühl. Irgendwie hat es

einen mit Stolz erfüllt.“ Bald fertigte

Knižka Ausstattungen für „Elektra“ und

Bühnenbilder für den „Rosenkavalier“

an. Doch heimlich träumte der 17-Jährige

einen größeren Traum. Er wollte

selbst auf der Bühne stehen: „Ich wollte

immer ans Theater. Doch ich war zu

jung und hab mich damals noch nicht

nach vorn gewagt. Also habe ich erst

einmal geschaut, wie man hinter dem

Vorhang arbeitet.“

Die Welt davor, die kannte er

schon. Knižkas Vater, ein Choreograf

beim Sorbischen National-Ensemble

in Bautzen, wo der Sohn 1970 zur Welt

gekommen war, hatte ihn als Kind

oft an seinen Arbeitsplatz mitgenommen.

Auch die Mutter, eine Sängerin,

gab dem Jungen früh Bühnenluft

BÜHNE SACHSEN


In der Tischlerei

macht sich Knižka

auf die Suche nach

der Vergangenheit

zu schnuppern. Ein solches Umfeld,

sagt Knižka, wirke prägend. Durch all

die Künstler um ihn herum habe er

gelernt, dass es selbst in einem Land wie

der DDR Räume zum Andersdenken

gab. Für einen Nonkonformisten eine

Befreiung. Andererseits sei er durch

seine Erziehung häufig auch angeeckt.

Oft sei er das schwarze Schaf gewesen.

„Ich bin meistens irritierend anderer

Meinung gewesen. Das hätte durchaus

gefährlich werden können. Wenn ich

nicht vorsichtig gewesen wäre, wäre ich

vielleicht im Knast gelandet.“

Dass Knižka jetzt hier steht – hier,

wo er schon als Jugendlicher immer

hingewollt hat, das verdankt er seinem

Mut. Im Sommer 1989 nämlich, einige

Monate vor dem Fall der Mauer, ist

der junge Theatertischler abgehauen.

Über Ungarn ging es zusammen mit

zwei Freunden nach Österreich und von

der Alpenrepublik weiter ins benachbarte

Westdeutschland. „Unsere Flucht

hat vier Tage und Nächte gedauert.

Besonders in der fremden Dunkelheit

haben wir vor Angst gezittert. Einer hat

in Panik nach seiner Mutter geschrien.“

Wenn der Schauspieler von diesem

Sommer des Jahres 1989 erzählt, dann

wird die bedrückende Atmosphäre

noch einmal lebendig: die Enge und

die Todesängste. Vieles habe er längst

vergessen. Hier aber, am Genius Loci,

wartet nicht immer nur die freie Jugend;

auch die Spukgespenster sind wieder

da. Heute kann Roman Knižka über

den letzten Sommer der DDR weitestgehend

lachen. Damals aber habe er

die Wut im Bauch gehabt: auf Lehrer

und Ausbilder, auf die Erziehung zum

Wegducken und Verschweigen. Nur

die Schauspieler, die seien anders

gewesen. Die hätten Privilegien gehabt

– auf, aber auch hinter der Bühne.

Wo der Westen am

tiefsten war, unternahm

Roman Knižka

erste Schritte auf

der Bühne

Er aber war Theatertischler. Erst

nach seiner Flucht habe auch ihn

der endgültige Mut zur Schauspielerei

gepackt. Im fernen Bochum, da, wo

der Westen damals angeblich am tiefsten

war, unternahm er erste Schritte

auf der Bühne. So ist er heimlich raus

aus Dresden, und heimlich ist er

nun zurück. „Wir dürfen hier ja eigentlich

gar nicht sein“, bemerkt Knižka,

der sich durch den Seiteneingang eingeschlichen

hat. Noch einmal schaut er

auf jene Bühne zurück, die er damals

nur als Theatertischler hatte betreten

dürfen. Dann löscht er das Licht.

„Kommen Sie“, sagt er. „Jetzt gehen wir

in die Werkstätten hinter der Oper.“

Am Zwinger vorbei geht es zum Theaterplatz.

Während Roman Knižka neugierig

auf das Reiterstandbild von König

Johann blickt, sprudelt es mehr und

mehr aus ihm heraus. Die Orte von damals

beflügeln seine Erinnerung. „Gestern

noch hätte ich gar nicht gewusst,

was ich über meine Dresdner Jahre so

erzählen könnte. Jetzt schießen mir

hier lauter Gedanken und Erinnerungen

durch den Kopf.“ Also lässt er ihnen

freien Lauf. Er redet und redet: von seinen

Opern-Freikarten, die er in Hotellobbys

an West-Touristen verkauft habe;

von dem Vorgesetzten, demgegenüber

er sich nach geglückter Flucht aus einer

Wiener Telefonzelle heraus endlich Luft

gemacht habe. Ab und an bleibt er

stehen. Er blickt über die in der Mittagssonne

liegende Augustusbrücke oder

schaut Passanten hinterher: „Ist das

nicht …?“ Knižka stockt. Dann winkt er

ab und geht weiter. Er müsse immer

mal schauen, ob er nicht irgendjemanden

von früher erkenne.

Doch früher, das ist zu lange her.

Das war die Zeit, in der er einmal

im Monat mit einem leeren Koffer an

BÜHNE SACHSEN


STADTRUNDGANG

23

einen Platz hinter der Frauenkirche

gegangen sei, um im Chor der Ausreisewilligen

ein kleines, geheimes Zeichen

zu setzen. Es sei eine konspirative Demonstration

gewesen. Niemand habe

etwas gesagt. Alle hätten nur dagestanden

und für einen Moment in der

Stille verharrt. „Du bist nicht allein“,

sollte das heißen. Und: „Der Andersdenkenden

sind mehr, als du denkst.“

Auch der Bühnentischler Knižka war so

ein Andersdenkender. „Ich hatte einen

gelben Samsonite-Koffer aus den 70er-

Jahren. ‚Ich denke wie du!‘, habe ich

mit diesem kleinen Gepäckstück gesagt.“

Den gelben Koffer habe er heute noch.

Das Schweigen aber habe er gegen

Worte getauscht. „Das Schöne an der

Demokratie ist doch auch, dass man

frei heraus sagen kann, was man denkt.“

Frei heraus reden – man kann sich

den Schauspieler ohne diese offenen

Worte gar nicht mehr vorstellen. Zuweilen

erklingen sie während des Stadtspaziergangs

sogar auf Sächsisch. Und

vor den Theaterwerkstätten auf dem

ehemaligen Marstallgelände tönen sie

manchmal gar ehrfurchtsvoll. Hier,

erklärt er, habe manch große Karriere

begonnen: die von Jan Josef Liefers

oder die des großen Charakterdarstellers

Gert Fröbe. Lange bevor der als „Goldfinger“

den britischen Geheimdienst

in Atem ge halten habe, sei Fröbe Theatermaler

in Dresden gewesen.

Wenn man Knižka derart über seine

einstige Ausbildungsstätte reden hört,

bekommt man den Eindruck, die Kaderschmiede

des deutschen Spielfilms

läge nicht in Babelsberg oder München,

vielmehr sei sie in einem sanierten Pferdestall

hinter der Semperoper zu Hause.

70 Beschäftigte arbeiten hier: Maler,

Tapezierer, Tischler. Ab und an hört man

eine Kreissäge aufheulen. „Das, was

hier entsteht“, schwärmt der heimliche

Heimkehrer, „ist etwas Besonderes.

Es wird später auf der Bühne installiert

und Teil einer Illusion.“ Manchmal

gingen die Werkstücke auch auf Reisen.

So wie 1989: Teile von Knižkas Requisiten

wurden zu einem Gastspiel nach

Hamburg gefahren. Als der Lkw die

Zonengrenze passiert hatte und wenige

Tage später verplombt zurückkam, hätten

sich die Kollegen darum gestritten,

wer die Ladetür öffnen dürfe. Warum?

Knižka lacht: „Westluft!“, sagt er. Der

Duft der Freiheit. Heute kann er diesen

an jeder Straßenecke atmen, vor allem

aber vor der Kamera und im Theater.

Allein dafür habe sich der Weg gelohnt.

Der Weg von Bautzen über Dresden bis

ins gesamtdeutsche Fernsehprogramm. •

Blick auf den Zwinger

(oben) und auf den

Theaterplatz vor der

Semperoper (unten)

BÜHNE SACHSEN


INTERVIEW

25

„Operette ist

wie Cola“

Christian Thielemann, Chefdirigent

der Sächsischen Staatskapelle, spricht im Interview

über Heimat, Hotels und die Lust

an der leichten Muse

INTERVIEW Michael Stallknecht

FOTO S Matthias Creutziger

BÜHNE SACHSEN: Herr Thielemann,

Sie sind nun seit fünf Jahren Chef der

Sächsischen Staatskapelle. Um gleich

mal indiskret zu werden: Wohnen Sie

eigentlich auch in Dresden?

CHRISTIAN THIELEMANN: Nein, ich

wohne dort im Hotel. Was bisher so

an Wohnungsangeboten kam, war

nicht zufriedenstellend. Und ehrlich

gesagt habe ich auch keine Zeit, mich

abends noch um eine Wohnung zu

kümmern, wenn ich von den Proben

heimkomme. Ich fühle mich trotzdem

in Dresden zu Hause und bin Teil

der Stadt geworden. Deshalb muss ich

nicht drei Toaster besitzen und meine

Bücher quer über verschiedene Wohnungen

verstreuen. Das kenne ich schon,

das brauche ich nicht.

Sie gelten als bekennender Preuße.

Fühlen Sie sich da überhaupt wohl in

Sachsen? Das Verhältnis zwischen

den beiden Ländern war ja historisch

nicht immer gerade friedlich.

Ich bin selbst halber Sachse und

ein halber Pommer, aber geboren

in Berlin. Die ganze Familie meines

Vaters kommt aus Sachsen und hat vor

200 Jahren noch in Dresden und Riesa

gewohnt. Eigentlich bin ich also nur

ein „Beutepreuße“. Ich habe Familienforschung

betrieben.

„Den einen deutschen

Klang gibt es nicht.

Es gibt verschiedene

Stile innerhalb dieses

Klangs“

Bevor oder nachdem Sie zur Staatskapelle

kamen?

Ich wollte das schon immer machen,

hatte auch schon in die Familienbücher

geschaut. Als ich nach Dresden kam,

habe ich dann eine Anfrage ans Sächsische

Hauptstaatsarchiv gestellt. Ich

hatte schon immer einen Hang zum

Osten, genau kann ich das nicht begründen.

Vielleicht ist es die Weite der

östlichen Landschaften. Aber ich probiere,

das Preußische und das Sächsische

zusammenzubringen. In Dresden

ist das nicht immer ganz leicht. Dort

spricht man von Friedrich dem Großen

ja immer noch mit leicht zusammengebissenen

Zähnen. Bei mir gibt es sicher

einerseits einen Hang zu einer gewissen

Pedanterie, die Sie preußisch nennen

können, wenn Sie wollen, andererseits

versuche ich, die Sachen auch mal laufen

zu lassen. Wenn ich dem Orchester

alles vorschreibe und alles Mögliche in

die Noten eintrage, bin das auch nicht

mehr ich. Ich bin ein Improvisator.

Und das ist für Sie sächsisch?

Ja. Andererseits: Bitte nicht die alten

Vorurteile über Preußen. Es ist dort

auch eine der schönsten Formen des

Rokoko entstanden. Und der Klassizismus

hat Formen von einer Eleganz

hervorgebracht, das können Sie gar

nicht fassen – die Schönheit dieser

Möbel oder die Berliner Vedutenmalerei

zwischen 1820 bis 1860. Noch Mies

van der Rohe hat sich ja von Schinkels

Architektur anregen lassen.

Man sagt Ihnen nach, dass Sie nicht

gern reisen.

Ich mache auch mit den Wiener

Philharmonikern viel, da kann man

von Berlin aus hervorragend hinfliegen.

Aber Dresden ist mein Hauptstandort

geworden. Dann schaue ich noch jedes

Jahr auf ein oder zwei Konzerte bei den

BÜHNE SACHSEN


26 INTERVIEW

Berliner Philharmonikern vorbei,

mache im Sommer Bayreuth und das

war’s. Ich gehe nicht mehr nach New

York oder London zu Gastdirigaten.

Das habe ich alles gemacht, aber irgendwann

herausgefunden, dass ich meine

Kraft fokussieren muss. Wenn ich in

Dresden dirigiere, zahle ich sozusagen

auf mein eigenes Konto ein, weil das

Orchester und ich sich dann gemeinsam

weiterentwickeln.

Christian Thielemann

dirigiert die Staatskapelle

„Wenn ich in Dresden

Richard Strauss

dirigiere, habe ich

das Gefühl, er kommt

gleich zur Tür herein“

dirigiere, habe ich immer das Gefühl,

er kommt gleich zur Tür herein.

Wir passen irgendwie zusammen. Ich

mag diesen Klang, der rund und nie

zu dick ist, dunkel, aber eigentlich gar

nicht mal extrem, sondern auch mit

Helligkeit gemischt. Vor allem aber

nie kantig. Das kommt mir persönlich

sehr entgegen.

Was Sie da beschreiben, nennt man

manchmal auch den „deutschen

Klang“. Ist das ein Begriff, der für Sie

eine Rolle spielt?

Den einen deutschen Klang gibt es

nicht. Schon die Wiener Klassik fächert

sich auf, ein früher Beethoven sollte

anders klingen als ein später. Schumann

und Mendelssohn klingen wieder anders

als Brahms. Wagner? Nun, er schillert.

Bei ihm gibt es die Leichtigkeit,

die nach Mendelssohn klingt, aber dann

auch das Schwere. Und wenn man

Strauss zu schwer nimmt, klingt er platt

und dumpf. Es gibt verschiedene Stile

innerhalb des sogenannten deutschen

Klangs. Der Klang der Sächsischen

Staatskapelle wird oft als Synonym für

diesen Klang betrachtet, weil sich das

Orchester immer besonders zwischen

diesen Stilen bewegt hat. Auf dieser

Basis spielen sie dann aber auch französische

Musik oder Schostakowitsch.

Die Staatskapelle ist ein sehr traditionsreiches

Orchester, mit 450 Jahren

Geschichte im Rücken. Wer, würden

Sie sagen, hat in den letzten Jahren

wen mehr beeinflusst, Sie die Staatskapelle

oder die Staatskapelle Sie?

Das ist eine Symbiose. Die Kapelle

hat mich durch ihre Kompetenz auf

den Gebieten beeinflusst, auf denen

auch ich selbst viel Erfahrung mitbringe.

Wenn ich in Dresden Richard Strauss


INTERVIEW

27

Ihr eigenes Repertoire scheint sich

aber oft auf einen Kanon in der deutschen

Romantik zu begrenzen.

Das stimmt so nicht. Natürlich habe

ich mit vielen Stücken unglaublich viel

Erfahrung, weil ich sie so oft gemacht

habe. Aber ich beschränke mich nicht,

ich bin neugierig. Mir bleibt immer

relativ wenig Zeit für Neues, weil die

Staatskapelle eben bei ihren Tourneen

im Ausland genau für dieses Repertoire

gebucht wird, von dem Sie sprechen.

Aber in Dresden nehme ich in die Programme

auch relativ ungewöhnliche

Stücke auf. Insofern versuche ich, beides

zu machen. Man denkt immer, ich

dirigiere jedes Jahr den ganzen Wagner,

aber das ist Unsinn.

Es gibt die Kritik, dass Sie in der

Semperoper bei zu wenigen Opernvorstellungen

selbst am Pult stünden.

Können Sie die nachvollziehen?

Ich mache, was vertraglich vereinbart

ist – und ich probe viel. Das ist schließlich

auch Dirigieren. Jetzt nehmen wir

Wagners „Ring des Nibelungen“ wieder

auf, da fallen allein schon über ein Dutzend

Proben an. Ich könnte stattdessen

auch 20-mal den „Rigoletto“ öffentlich

dirigieren, aber dann entwickelt sich

das Orchester nicht weiter. Ich brauche

auch Zeit, um die Stücke zu studieren,

die ich noch nicht dirigiert habe. Dazwischen

einfach mal schnell noch eine

Vorstellung runterreißen, war nie meine

Sache. Das wird dann auch nicht so

gut, wie die Kritiker das von mir erwarten.

Was wir machen, muss sitzen.

Ungewöhnlich sind auf jeden Fall Ihre

Silvesterprogramme, die das ZDF

überträgt: Christian Thielemann als

Operettendirigent …

Für dieses Jahr haben wir sogar

UFA-Filmmusik aufs Programm gesetzt

und dazu Stücke des Salonorchesters

von Marek Weber, der 1933 emigriert

ist. Ich bin ein großer Operettenfreund.

Insgesamt würde ich gern noch mehr

machen, aber ich brauche auch freie

Zeit zum Atemholen. Auf ein total ein-

geschränktes Privatleben habe ich

keine Lust und neben der Musik noch

einige sehr starke Interessen, denen

ich auch nachgehen will. Ich will auch

nicht mein ganzes Leben im Hotel

verbringen. Jeden Abend ein Orchester

zu dirigieren, auch wenn es zu den

besten der Welt gehört, ist, wie wenn

man jeden Abend eine Flasche Dom

Pérignon aufmacht: Irgendwann kriegen

Sie Lust auf Cola.

„Bei Klassik fange

ich an, schlecht Auto

zu fahren, weil ich

bei Klassik immer zu

genau hinhöre“

Und die Operette ist Cola?

In gewisser Weise schon, aber eine

ziemlich edle Cola. Ich mag an der

Operette diese Variabilität in den Tempi.

Bei Wagner, Strauss und Beethoven

kommt mir das dann zugute. Als

Opernorchester muss die Staatskapelle

ja sowieso die ganze Bandbreite abdecken.

Den Musikern macht das auch

Spaß. Kurz vor Weihnachten sehe ich

bei den Proben immer, wie die Leute

amüsiert rausgehen. Operette wird erst

richtig gut, wenn sie auf einem hohen

Niveau musiziert wird. Sie ist ja für

die großen Sängerstars ihrer Zeit komponiert

worden. Das merkt man erst

richtig, wenn man die „Csárdásfürstin“

mit einer Netrebko macht.

Ist die Operette erotischer als Wagner?

Wagner wird durch die Operette

erotisch.

Wo steckt denn die Operette bei

Wagner?

Na, überall, in jeder Tempoverzögerung,

in allem, was man nicht einfach

geradeaus dirigieren kann. In der Operette

kann man die Kunst der leichten,

geschmackvollen Temporückungen lernen.

Bei Wagner müssen Sie manchmal

auch den Holzhammer nehmen. Aber

danach geht es auch wieder um subtilste

Abschattierungen, und die kann man

beim Dirigieren von Operetten lernen.

Wenn man da übertreibt, wird es sofort

geschmacklos und flach. Operette

schult die Geschmackssicherheit.

Sie haben mal gesagt, Sie könnten sich

vorstellen, zum Silvesterkonzert auch

Helene Fischer einzuladen.

Warum denn nicht? Ich habe keine

Berührungsängste. Wenn die Staatskapelle

einen Schlager spielt, ist das

schon an sich ein Ereignis. Karajan hat

ja gesagt, die Staatskapelle klinge „wie

altes Gold“. Das dann in einem alten

Schlager – was will man mehr?

Hören Sie privat auch nichtklassische

Musik?

Im Auto höre ich immer alles Mögliche,

weil ich dort nicht gern Klassik

höre. Bei Klassik fange ich an, schlecht

Auto zu fahren, weil ich zu genau hinhöre.

Aber auf einer Autofahrt von

Berlin nach Bayreuth kann man sich

auf verschiedenen Kanälen gut informieren,

was gerade so los ist. Die

Berufe von Musikern sind nicht so

unterschiedlich. Ein Schlagersänger

muss auf Knopfdruck diese gute Laune

herstellen können, auch wenn er vorher

im Hotel zimmer sitzt und gerade

eigentlich überhaupt keine Lust hat.

Ich gebe zu: Ein Dirigent kann auch

mal „Die lustigen Weiber von Windsor“

leiten, wenn er gerade nicht so gut

gelaunt ist. Aber auf Knopfdruck funktionieren

muss er auch. •

Christian Thielemann wurde

1959 in Berlin geboren. Seine

Karriere begann er 1978 als

Assistent von Herbert von

Karajan. Seit 2012 ist er

Chefdirigent der Sächsischen

Staatskapelle Dresden

BÜHNE SACHSEN


28 STATISTIK

SACHSENS BÜHNEN

IN ZAHLEN

Theater muss man sinnlich erleben.

Man kann es aber auch mathematisch

errechnen. Eine Datenerhebung

BÜHNE SACHSEN


29

BÜHNE SACHSEN

ILLUSTRATION Monja Gentschow


30

Eine Bühne

für die Bürger

Im mittelsächsischen Freiberg steht

das älteste Stadttheater der Welt –

ein Haus mit langer Tradition und

ganz besonderem Charme

TEXT Barbara Wenz

Wenn Freiberg nicht gerade

sein Bergstadtfest, das größte

Volksfest Mittelsachsens,

ausrichtet, geht es beschaulich zu in

dem Städtchen mit dem sorgfältig

sanierten historischen Zentrum mitten

in der sächsischen Provinz. Dabei

besitzt Freiberg zwei Institutionen der

Superlative: zum einen die Technische

Universität, an der seit 1765 die

Gewinnung und Wiederverarbeitung

von Rohstoffen gelehrt wird.

Zum anderen das traditionsreiche

Stadttheater mit seinem Ensemble,

welches Künstler aus mindestens zehn

Nationen umfasst und nicht nur als das

älteste Stadttheater Deutschlands, sondern

der ganzen Welt gilt. Zunächst in

privatem Besitz von Johann Gotthelf

Engler, der ein Wohnhaus am Buttermarkt

zum Theater umbaute, eröffnete

die Freiberger Bühne zu Ostern 1790

die erste Saison mit einem Auftritt der

renommierten Secondaschen Schauspieltruppe.

Bereits 1791 wollte Engler

sein Theater wieder loswerden und bot

es deshalb der Kommune zum Kauf

an. Zu diesem Zeitpunkt war Freiberg

eine wohlhabende Stadt, deren Reichtum

schon seit dem Mittelalter auf dem

Silberbergbau beruhte. Dieser Umstand

beeinflusste die Entscheidung zum Erwerb

der Engler’schen Bühne, wie man

den historischen Unterlagen des Stadtrates

entnehmen kann: „… da eines

Teiles Geld müßig in Kassen liegt …,

anderen Teiles aber … für besser erachtet

wird, wenn dieses Haus in den

Händen der Obrigkeit sich befindet …

und durch die Erfahrung sich bestätigt,

dass überhaupt durch die Schauspiele

der Nahrungsstand der Bürgerschaft

gewinne“.

Aus dem einfachen Haus ist im

Laufe von über 200 Jahren ein verschachtelter

Gebäudekomplex tief im

Herzen der historischen Altstadt

geworden. 175 Personen umfasst derzeit

das Ensemble, zusammen führen

sie pro Jahr rund 600 Darbietungen

nicht nur in der Stadt, sondern im

Fotos: Jörg Metzner


ORTSTERMIN

31

Oben und Mitte: Theater

Freiberg außen und innen

Links: „Anatevka“ in der

Inszenierung von Arila Siegert

Eine Spielstätte

wie das Stadttheater

Freiberg braucht

Menschen voller

Leidenschaft

zwischen 10 und 19 Jahren zu tun.

Einmal in der Woche trifft man sich

hier zum Proben. „Die meisten Mitspieler

kommen aus Freiberg und Umgebung,

wir haben aber auch immer

noch Austauschschüler dabei, die gern

mit wirken“, sagte Anselm Hühnel,

der Leiter des Jugendensembles.

Hühnel ist 22 Jahre jung, aber

bereits ein alter Theater-Hase. „Ich habe

schon im Alter von sieben Jahren auf

der Freiberger Bühne gestanden“, verrät

er. Als Zweitklässler sang er sein erstes

Intendant

Ralf-Peter Schulze

ganzen Landkreis auf – vom Trauerspiel

bis zur Komödie, vom Kammerkonzert

bis zum Musical, vom Puppentheater

zur Lesung.

Große Karrieren wie die von Inge

Keller, der späteren Schauspielgröße

am Deutschen Theater Ost-Berlin, oder

die von Hans-Joachim Ketelsen, Bariton

auf den Bühnen von Bayreuth oder

Mailand, nahmen am Stadttheater

Freiberg ihren Anfang.

Heute arbeiten dort nicht nur

Künstler aus Deutschland, sondern auch

aus Kroatien, Tschechien, Brasilien,

Argentinien, Korea, Bulgarien, Österreich,

Polen, Rumänien, Ungarn und

den USA.

Dass das alte Freiberger Stadttheater

bis heute so erfolgreich arbeiten kann,

hat viele Gründe. Einer hat mit dem

hervorragenden Jugendtheater mit seinen

fast 80 Mitgliedern im Alter

Solo als Knabensopran. Doch die Liebe

zu den darstellenden Künsten hat ihn

bereits in früher Kindheit erfasst –

zu seinen Hobbys gehörte damals das

Schreiben und Inszenieren kleiner

Stücke im Kreise der Familie. Dieses

Hobby hat er nun zur Profession gemacht.

Hühnel gibt Jugendlichen die

Möglichkeit, sich selbst auf der Bühne

auszuprobieren. „Wir haben jetzt

mit einer Kafka-Umsetzung ein eindringliches

Stück im Programm,

mit Goldonis ‚Lügner‘ aber auch eine

Komödie gespielt“, erläutert Hühnel.

In der Tat ist die Umsetzung des

Stückes auf der Studiobühne des Freiberger

Theaters packend und suggestiv.

Die 15 Darsteller liefern teils prägnante,

parolenhafte Monologe. Ihr dynamisches

Agieren ist ausdrucksstark und

BÜHNE SACHSEN


32 ORTSTERMIN

Oben: Dorothy Maddison, Leiterin

der „German Opera Experience“

Unten: Szenenfoto aus

„Brundibár“

Im Freiberger

Stadttheater werden

Erlebnisse geschaffen,

verarbeitet und

miteinander geteilt

perfekt synchronisiert. Kafkas Groteske

wird durch die aktuellen Bezüge,

welche die Jugendlichen herausgearbeitet

haben, zu einer großen Frage:

Wer bin ich? Einer – oder viele?

Eine Spielstätte wie das Stadttheater

Freiberg braucht also vor allem Menschen

voller Leidenschaft. Zu ihnen

zählt Dorothy Maddison, Professor of

Voice aus den USA. In den 90er-Jahren

war sie als Sängerin in Döbeln engagiert.

Maddison spricht ein wunderbares

Deutsch mit typischem amerikanischen

Akzent. Sie brennt für eine Aufgabe,

der sie nach eigenen Worten ihr Leben

gewidmet hat: Im Rahmen einer

„German Opera Experience“ organisiert

Dorothy Maddison Aufenthalte von

US-amerikanischen Musik- und Schauspielstudenten

in Freiberg. Die jungen

Leute erhalten im Laufe von sechs

Wochen nicht nur Deutschunterricht

und lernen nebenbei das Land kennen,

sie erhalten insbesondere die Gelegenheit,

an Aufführungen des Freiberger

Stadttheaters mitzuwirken, um so

wesentliche Er fahrungen für ihre berufliche

Laufbahn zu sammeln.

Wir treffen Maddison nach der Vorpremiere

der Kinderoper „Brundibár“,

deren Inszenierung durch den ge bürtigen

Kroaten Sergio Raonic Lukovic

sie für eine besonders gute Idee hält

– nicht nur, weil „Brundibár“ als

schönste Kinderoper des 20. Jahrhunderts

gilt, sondern vor allem wegen

des erschütternden Hintergrunds der

Oper: „Brundibár“, komponiert vom

jüdischstämmigen Tschechen Hans

Krása, wurde im Durchgangslager

Theresienstadt (Terezín) mehr als 50

Mal auf geführt. Fast alle Darsteller

wurden später nach Auschwitz deportiert

und ermordet. Für Regisseur

Lukovic, der in Freiberg normalerweise

als Solosänger auf der Bühne steht,

diesmal jedoch hinter den Kulissen

agierte, war die Oper eine Entdeckung:

„Für mich war das eine totale Neuigkeit.

Ich hatte davon vorher noch nie

etwas gehört.“ Es habe ihn verstört,

dass Menschen, die unmittelbar mit

der Nähe des Todes konfrontiert waren,

ausgerechnet Oper und Musik machen

wollten. Doch in „Brundibár“ stecke

noch viel mehr. Es habe auch eine

aktuelle Botschaft. Tatsächlich gehe es

in dem Stück um den Sieg des Guten

über das Böse und um gemeinsame

Solidarität. In seiner kurzen Ansprache

vor Beginn der Schülervorstellung

stellt Lukovic seinem Publikum die

Frage, was der Einzelne tun kann,

um diese Gesellschaft zu einer besseren

zu machen. Er ruft es auf, sich eine

Meinung zu bilden und klar hinter

dieser Meinung zu stehen. „Auf euch

werden wir Erwachsene uns verlassen

müssen!“, ruft er den Kindern zu,

bevor er ihnen gute Unterhaltung mit

„Brundibár“ wünscht.

Zu Hause sein in Freiberg, in Mittelsachsen,

inmitten einer sich verändernden

digitalisierten und globalisierten

Welt, das ist für Intendant Ralf-Peter

Schulze das Spannungsfeld, in dem ein

lebendiges Theater existieren und sich

entwickeln kann. Denn Theater sei

noch immer ein Ort der gemeinsamen

Erlebnisse. Und hier in Freiberg werden

solche Erlebnisse nicht nur geschaffen;

sie werden auch verarbeitet und miteinander

geteilt. Schulzes Anspruch sei

es letztlich, für die Stadt, den Landkreis,

die ganze Region und deren Gäste

einzig artiges, wahrhaftiges, besonderes

und beachtenswertes Theater wie

Musiktheater zu machen.

Dass dies in der besonderen, ebenso

traditionsreichen wie vitalen Atmosphäre

in und rund um das Freiberger

Stadtheater gelingt, davon können

sich Ansässige wie Touristen auch in

der kommenden Saison wieder selbst

überzeugen. •

Fotos: privat, Alexander Schwarz

BÜHNE SACHSEN


33

Foto: Ullstein Bild

VIEL MEHR

ALS EINE

KOMÖDIANTIN

Friederike

Caroline

Neuber

reformierte

das Theater,

stritt für

Zärtlichkeit, Natur

und Kunst und half

Lessing auf die Bühne.

Was für ein Leben!

TEXT Alexander Kissler

Wie viel Anspruch verträgt das

deutsche Publikum, wie viel

Geist, Raffinesse, Bildung?

Vor dieser Frage stehen sämtliche

Theater, Museen, Verlage, Rundfunkund

Fernsehanstalten, und es war die

Lebensfrage einer der bemerkenswertesten,

tapfersten Frauen der Schauspielgeschichte,

der Friederike Caroline

Neuber aus dem sächsischen Reichenbach.

Am Ende empfand sie sich als gescheitert,

abgeprallt an der Gier des Auditoriums

nach Spaß und Tölpelei ohne

tiefere Bedeutung, doch ihr Verdienst

ist bleibend. Ohne „die Neuberin“ gäbe

es vielleicht keine Programmhefte – sie

machte als Erste aus der Besetzungsliste

einen Theaterzettel mit Stückbeschreibungen

–, und ohne sie hätte das schauspielernde

Handwerk sich nicht so rasch

vom Ruch des Halbseidenen befreit.

Und dennoch dieser Ausbruch, diese

Enttäuschungssuada, diese Publikumsbeschimpfung

zu Hamburg im Januar

1740. Da war sie 42 Jahre alt und kurz

davor, auf den Ruf der Zarin Anna hin

mit ihrer Truppe nach St. Petersburg

überzusiedeln. Den Hamburgern klangen

die Ohren: „Hier hält mich wenig

Gunst und kein Verdienst zurück, / darum

gönnet wenigstens Euch und mir

dies Glück, / dass Ihr uns nicht mehr

seht. / Denn von der Schauspielkunst

habt ihr sehr wenig Licht, / weil’s Euch

an Zärtlichkeit, Natur und Kunst gebricht.“

Ein Auftrittsverbot durch den

Hamburger Magistrat war die Quittung

für weiblichen Bekennermut.

St. Petersburg wurde Episode. Die

Zarin starb Ende Oktober 1740 und

mit ihr alle Gunst. In absolutistischen

Zeiten konnte es nicht anders sein.

Zuvor hatte der Tod Augusts des Starken

1733 zu einer Krise geführt, war

doch damit das Privileg erloschen, kraft

dessen das Ehepaar Neuber zu Hofkomödianten

ernannt worden war. Kein

festes Haus hatte ihr der Kurfürst verliehen,

aber das Recht, als fahrendes

Ensemble aufzutreten. Das Leipziger

Debüt zur Ostermesse führte die

Neuberin 1727 mit

Johann Christoph Gottsched

zusammen. Eine

fruchtbare Zusammenarbeit

beginnt. Beide

wollen das Schauspiel

in deutschen Landen

auf europäisches

Niveau heben. Die

Franzosen sind Vorbild.

Die Neuberin macht

sich um deutsche Aufführungen

der Stücke von

Corneille, Racine, Marivaux,

Molière verdient.

Gottsched, der die Neuberin

in ihrer Paradedisziplin kennenlernte,

der vierfachen Hosenrolle junger

männlicher Studenten in der Komödie

„Gespräche im Reiche der Toten“, ist

bekümmert nach dem Hamburger

Fiasko: „So verlieren wir in Deutschland

wiederum ein Mittel, den guten Geschmack

zu fördern.“ Leider frage man

„in Sachsen nach solchen Sachen nichts,

die von Auswärtigen mit sehr großen

Kosten gesuchet werden“. Sachsen aber

nimmt seine verlorene Tochter nach der

Rückkehr aus Russland in Ehren auf.

„Mein allerliebstes vernünftiges Leipzig“

– so die Neuberin an Gottsched –

wird Schauplatz der Uraufführung einer

Komödie des blutjungen Gotthold

Ephraim Lessing aus dem sächsischen

Kamenz. Die Neuberin bringt 1748

den „Jungen Gelehrten“ auf die Bühne.

Die große Frau, die sich „nichts als

eine Komödiantin“ nannte, stirbt in den

Wirren des Siebenjährigen Krieges am

29. November 1760 in Laubegast. Goethe

setzt ihr ein Denkmal in „Wilhelm

Meisters Lehrjahren“ – und Petra Oelker

in historischen Krimis um die Komödiantin

Rosina. Alles Weitere findet sich,

anschaulich verdichtet, im Neuberin-

Museum in Reichenbach/Vogtland. Das

Wort, das Friederike Caroline auf einen

Theaterzettel drucken ließ, gilt noch:

„Das Übrige wird angenehmer zu sehen,

als hier zu lesen sein.“ •

BÜHNE SACHSEN


Das Lied

der Straße

BÜHNE SACHSEN


REPORTAGE

35

Einmal im Jahr verwandelt sich

die Europastadt Görlitz in eine

Bühne für Gaukler, Artisten

und Schauspieler. Ein Rundgang

über das Straßentheaterfestival

„Via Thea“

TEXT Ralf Hanselle

Links: Strange Fruit

aus Australien mit dem

Stück „The Field“

auf dem Obermarkt

Görlitz an einem Sommertag.

Am Himmel über der östlichsten

Stadt Deutschlands stapeln

sich Cumuluswolken zu bedrohlichen

Türmen. Ein Geruch von Gewitter

liegt in der Luft – von nassem Staub

auf benetztem Asphalt. Noch harren

die Passanten trotzig in den Straßencafés

am Untermarkt aus, und vor dem

Gerhart-Hauptmann-Theater am

Demianiplatz dreht ein Kinderballett

seine Pirouetten unbeeindruckt in den

Abend hinein. Es ist das erste Wochenende

im Juli. Im größten Flächendenkmal

Deutschlands trotzen die Bewohner

dem Regen – dem Aufzug des

Windes und der zuweilen trockenen

Luft, die aus den letzten Altbauruinen

BÜHNE SACHSEN


36 REPORTAGE

herüberweht. Nur wer genau hinschaut,

erahnt schon das Schauspiel – das

kleine Welttheater am Ufer der Neiße,

das hier in wenigen Momenten zur

Aufführung kommen wird.

„Gleich geht es los!“ Ein verschwitzter

Junge mit roten Haaren tanzt aufgeregt

mit einem im Wind fliegenden Zeitungspapier.

„Es bleibt nur die Straße“

verkündet eine Überschrift in dicken

Lettern. Die Straße – wo wüsste man

um die Kraft dieses Ortes besser als in

Görlitz, der historischen Kreisstadt an

der Lausitzer Neiße. Bereits im 12. Jahrhundert

verlief über deren Brücken und

Plätze die alte Fernstraße „Via Regia“

bis hinüber ins schlesische Breslau und

in umgekehrter Richtung zurück an

den Rhein. Noch heute erzählen die

prächtigen Fassaden von dem Reichtum,

den man damals am Rande der alten

Königsstraße erlangen konnte.

Vielleicht ist sie immer schon ein

Ort für Weltenstücke gewesen. Mal ereigneten

sich hier große Dramen, mal

Die „Via Thea“ zeigt

eine bunte Mischung

aus Straßentheater,

Clownerie und Artistik

unbedeutende Liebeleien. Mal diente

das Pflaster der Pilgerfahrt, mal der

Prozession oder dem Wanderschauspiel.

Einer war hier dem anderen Mime. Nur

ins Bewusstsein drang das die meiste

Zeit über nicht. Unbekannt blieben

die Titel der Stücke, fremd die Dramaturgen

und Regisseure. Nur einmal

im Jahr – in der Regel im Juli oder im

Görlitz war immer

schon ein Ort für

Weltenstücke – für

große Dramen und

Liebeleien

frühen August – lüftet man in Görlitz

den großen Vorhang. Dann verwandelt

sich die Straße vor den Augen

Tausender Schaulustiger zu einer gewaltigen

Bühne, und die alte Europastadt

an der Grenze zu Polen wird über drei

Tage hinweg zum Austragungsort für

das drittgrößte Straßentheaterfestival

Deutschlands.

Der Name des Festivals ist der alten

Heeres- und Handelsstraße entlehnt:

„Via Thea“. Ein Theaterereignis, das bereits

seit 23 Jahren international einen

Cie du Mirador – ein

Balanceakt zwischen

Poesie, Musik und Spaß

guten Ruf genießt. Straßentheaterfestivals

gibt es in Deutschland eine ganze

Menge, von Berlin über Detmold bis

ins hessische Heppenheim. Kaum

eines aber zieht derart viele Menschen

in seinen Bann wie die „Via Thea“ in

Görlitz. Denn, so meint Klaus Arauner,

der als Generalintendant des Görlitzer

Gerhart-Hauptmann-Theaters Mitveranstalter

des Festivals ist: „An diesem

Wochenende feiert sich die Europastadt

Görlitz immer auch selbst.“

Es feiern sich Fassaden aus Barock,

Renaissance und Gründerzeit; es rühmt

sich das Ornament und das Dekor.

Fast ist es, als fände das einzigartige

Panorama während dieser Tage ganz

Fotos: Nikolai Schmidt/D-foto (S. 34–S. 35), Tom Neumeier, Eventpress Hoensch, Philipp Haufe


Foto: Tom Neumeier

Die „Via Thea“ ist

international. Hopla

Circus etwa ist eine

Gruppe aus Brüssel

zu sich selbst. Görlitz, ein Theatrum

mundi. Hier braucht es keine Requisiten

und Bühnenbilder. Die Stadt

selbst wird sich Kulisse. Und neben

den 23 Profi-Gruppen aus elf Ländern,

die allein bei der letzten Ausgabe der

„Via Thea“ mit dabei waren, wird auch

jeder Passant für einige Momente

Schauspieler und Mit-Akteur.

„Jetzt kommen sie!“, ruft etwa

der rothaarige Kleine und zeigt mit dem

Finger auf weißkostümierte Stelzengänger,

die mit angenähten Vogelflügeln

wie die unheimlichen Fabelwesen

in den Bilderwelten von Hieronymus

Bosch erscheinen. Ein paar Gäste stellen

eilig ihre mitgebrachten Klappstühle

aufs Pflaster, und die große Uhr am

„Dicken Turm“ schlägt mit Inbrunst die

volle Stunde. An diesem Abend, so will

es scheinen, ist sie nicht mehr Zeitansage;

sie ist ein donnernder Theatergong.

Alles hat eben seinen Platz in dieser

geheimnisvollen Choreografie.

Bühne werden – es scheint, als

hätte Görlitz mit dieser großen Aufgabe

seine wahre Bestimmung gefunden.

Wie oft schon haben in der Vergangenheit

namhafte Filmregisseure aus Berlin

oder Hollywood die kleine Stadt in

eine Traumkulisse verwandelt. 2008

etwa drehte Quentin Tarantino auf dem

Bühne werden –

Görlitz scheint mit

dieser Aufgabe seine

wahre Bestimmung

gefunden zu haben

historischen Untermarkt Szenen

zu seinen „Inglourious Basterds“, und

2012 ließ Wes Anderson im leerstehenden

Jugendstil-Warenhaus von Carl

Schmanns sein „Grand Budapest Hotel“

Wirklichkeit werden. Im Vergleich zu

den ganz großen Settings nehmen sich

die provisorischen Bühnen auf der „Via

Thea“ fast fragil und unscheinbar aus.

Manchmal stehen die Besucher vor goldenen

Vorhangstoffen, manchmal auch

nur vor der selbst mitgebrachten Fantasie.

Vieles auf der „Via Thea“ ist vergänglich,

so wie die ungezählten Seifenblasen,

die während der Festivalabende

über die Köpfe der Zuschauer hinweggepustet

werden. Es gibt Theatergruppen,

die ihre Stücke vor teuren Bühnenbauten

inszenieren. Viele andere spielen

„auf Hut“. Es gibt Modern Clowning

oder Antigone in Kurzversion; Installationen,

Walk Acts oder halsbrecherische

Artistik. Unten am Fluss träumt eine

holländische Freilichttruppe vom Sommerglück

im Caravan, während um

dieselbe Zeit oben am Rathausturm ein

Sarg auf Rädern um die Ecke flitzt.

Mit jedem Moment wird es surrealer,

mit jeder Vorstellung ein Stück mehr

fantastisch. Ob dies hier noch das

Leben ist oder nicht längst schon ein

Gesamtkunstwerk? Auf der „Via Thea“

bleibt das über drei Tage und Nächte

hinweg ein gut gehütetes Geheimnis. •

Mehr Infos unter:

www.viathea.de

BÜHNE SACHSEN


PORTRÄT

Tanzender Freigeist:

Heike Hennig zieht

ihre Ideen aus ihrem

direkten Umfeld

Beweglicher

Geist

Bloß keine Grenzen: Heike Hennig

vereint in ihren Stücken Tanz, Sprache,

Musik, Artistik und Humor

TEXT Irene Bazinger

FOTO S Christoph Busse

Es war bei einem Elternabend in

einem Leipziger Gymnasium,

und da hieß es nicht, „Frau Müller

muss weg“ (wie in der Komödie von

Lutz Hübner), sondern „Crystal Meth

muss weg“. Heike Hennig, Tänzerin,

Choreografin, Regisseurin und außerdem

Mutter dreier Söhne, wovon einer

besagte Schule besuchte, notierte sich

den Namen der in der Stadt gerade kursierenden

Modedroge auf einem Notizzettel.

Und dann gleich noch einmal

und noch einmal, weil die anwesenden

Eltern ihre Sorgen fast panisch wiederholten.

Am Ende der Sitzung war das

Blatt voll mit diesem Begriff, und sie

wusste: Darum wird sich mein nächstes

Projekt drehen!

„Ja, die Themen fliegen mir meist

einfach zu“, beschreibt Heike Hennig

ihre Methode, die Welt künstlerisch

auszu loten. Und so kam „Crystal“ als

Sprech- und Tanz-Theaterstück 2014

auf die Bühne des Theaters der Jungen

Welt Leipzig, dessen Programm sich vor

allem an Kinder und Jugendliche richtet.

Als exemplarische Produktion für genreübergreifendes

Theater erhielt es 2015

den mit 80000 Euro dotierten Theaterpreis

des Bundes, ein Jahr später den

Preis des Sächsischen Theatertreffens.

Offen für die Zeit und die Menschen

sowie für Einflüsse jeder Art entwickelt

Heike Hennig ihre Stücke und überlegt

von Fall zu Fall, wie sie diese am besten

umsetzen kann. Grenzüberschreitungen

scheinen ihr im Blut zu liegen, seit

sie mit ihrem damaligen Ehemann 1989

aus der DDR über Ungarn in die Bundesrepublik

flüchtete. Er wollte nicht

zur Armee, und sie wollte „endlich

Pistazien riechen“, denn sie war damals

Stammgast in der Stadtbibliothek und

las, was ihr dort in die Finger geriet. Die

Romane von Gabriel García Márquez

etwa zauberten ihr die Gerüche Südamerikas

in die Nase und ins Gehirn.

Diese Fantasien wollte sie irgendwann

real werden lassen. Also entschloss

sich das junge Paar zu einem neuen

BÜHNE SACHSEN


Leben im Westen. Hennig studierte in

Köln Germanistik, modernen Tanz und

Choreografie, ehe sie nach San Francisco

zog, wo das Fach Performing Arts

folgte. Sie reiste – „endlich!“ – durch die

Welt, arbeitete in Brasilien und Portugal.

Den Kontakt nach Leipzig, wo sie

1966 geboren wurde, ließ sie nie abreißen.

1998 kehrte sie in ihre geliebte

Heimatstadt zurück und gründete

das Forum Zeitgenössischer Tanz und

Musik, in dem sie, zusammen mit

Künstlern aus anderen Bereichen, Bühnenwerke

und interdisziplinäre Kunstprojekte

kreierte, die dann andernorts

aufgeführt wurden. „Tanz allein ist mir

zu wenig“, hatte sie schon früh erkannt,

„ich bin ein Freigeist und brauche viele

verschiedene Anregungen, Impulse und

Ausdrucksmöglichkeiten.“

In ihren Stücken robben die Musiker

schon mal bäuchlings auf die Bühne,

weil es in „Kriech“ (2017) um Krieg

geht – und dem kann sich eben keiner

entziehen. Angeregt durch den Roman

„Der Gott der kleinen Dinge“ von

Arundhati Roy schuf sie 2004 das

„Estha“-Ballett für vier Tänzer, das den

Codes der Macht und der Architektonik

von Hierarchien nachspürte.

Dafür recherchierte sie eine Woche lang

in der Leipziger IBM-Niederlassung

und beobachtete die Arbeiter, wie sie

ihren Büroalltag bewältigten.

In „Zeit – tanzen seit 1927“ konn te

sie 2006 vier zwischen 1927 und 1943

geborene ehemalige Tänzer der Oper

Leipzig aus dem Ruhestand locken und

motivieren, sich trotz Alter und mangelnder

Übung erneut in ihrem Beruf

zu betätigen. Betagte Körper mit eingeschränktem

Aktionsradius sieht man

sonst nicht im Tanztheater, doch

der Mut der Akteure lohnte sich. Das

Publikum war begeistert, und Arte

dreht einen Film über die Aufführung.

Was ist das Wichtigste bei derartigen

Produktionen? „Unbedingt und vor

allem bewegliche Geister“, so Hennig,

und die sucht sie sich überall zusammen,

steckt sie mit ihrer Leidenschaft an. Bei

den Proben wird nicht nur Yoga zum

Aufwärmen gemacht, sondern stets viel

gelacht. Obwohl ihr die Weltlage mitunter

auf die Laune schlägt, will sie sich

nicht unterkriegen lassen: „Wir können

nicht alle trüb werden, gerade jetzt

nicht! Wir müssen aufstehen und etwas

tun!“ Dabei schlägt sie auf den Tisch

und hat schon wieder dieses Funkeln

in den Augen, das sie begleitet, wenn

sie von ihrer Arbeit spricht – dem kommenden

Stück „Angela, Ursula, Monika“

zum Beispiel, in dem sie drei Politikerinnen

in den Mittelpunkt rücken wird.

Was soll’s denn werden, ein Dokudrama,

eine Staatsanalyse, eine Frauenlegende?

„Eine Mischung aus all dem

wahrscheinlich“, das kann sie bereits

verraten, obgleich das Konzept noch

nicht fertig ist. Wie bezeichnet sie selbst

eigentlich das, was sie veranstaltet?

Da rutscht die Sächsin sprachlich kokett

ein bisschen ins Sächsische hinüber,

das auch der Leipziger Richard Wagner

nie ganz abgelegt haben soll, und

sagt unbescheiden humorvoll: „Gesamtkunstwerke,

was sonst.“ •

BÜHNE SACHSEN


40 DORFMUSIK

Eine Scheune für

Schostakowitsch

In der Gemeinde Gohrisch schuf der

russische Komponist sein 8. Streichquartett.

Heute erinnert ein Festival an den Geniestreich

TEXT Michael Stallknecht

Nierenförmig ist der kleine Teich,

von Steinen eingefasst, eine

große Buche lässt tief ihre Äste

darüber hängen – ein tristes, ängstlich

umrandetes Stückchen Natur vor einem

deutlich renovierungsbedürftigen Gebäudekomplex

im sächsischen Gohrisch.

Hier soll laut Augenzeugenberichten

zwischen dem 12. und dem 14. Juli

1960 der Komponist Dmitri Schostakowitsch

gesessen und sein 8. Streichquartett

komponiert haben, ein ziemlich

verzweifeltes Stück Musik. Es ist sein

heute wahrscheinlich meistgespieltes

Streichquartett – und das einzige, das

außerhalb der Sowjetunion entstand.

Zur Erinnerung daran finden seit

2010 in Gohrisch die Internationalen

Schostakowitsch-Tage statt. Für drei

Tage im Jahr beherbergt der 800-Seelen-

Ort unmittelbar an der tschechischen

Grenze das weltweit einzige regelmäßige

Festival für den 1975 gestorbenen russischen

Komponisten. Enger Kooperationspartner

ist die Sächsische Staatskapelle

Dresden, deren Konzertdramaturg

Tobias Niederschlag die Schostakowitsch-Tage

als Intendant leitet. Das

Eröffnungskonzert mit der Staatskapelle

findet in der Semperoper statt. Danach

geht es 40 Kilometer die Elbe hinauf

aufs Land, in die auf einer malerischen

Statt eines imposanten

Konzerthauses empfängt

hier eine Scheune die

Besucher

Anhöhe gelegene Gohrischer Konzertscheune.

Über das Jahr dient das Gebäude

bis heute als Scheune. Ein Foto

von den ersten Schostakowitsch-Tagen

vor acht Jahren zeigt Isang Enders, den

damaligen Solocellisten der Staatskapelle,

bei der Akustikprobe zwischen

mannshohen Strohballen. Es hängt in

der zentralen Bushaltestelle des Ortes,

daneben hat man eine Büste Schostakowitschs

aufgestellt und einen Brief

aufgehängt, in dem er dem Freund

Isaak Glikman die Komposition des

8. Streichquartetts meldet. „Unerhört

schön“ nennt Schostakowitsch die

Gegend in dem Brief und fügt in dem

für ihn charakteristischen ironischen,

von einer tiefen Skepsis gegenüber

dem Leben unterfütterten Ton hinzu:

„Übrigens gehört sich das für sie auch

so: Die Gegend nennt sich ‚Sächsische

Schweiz‘.“

Unerhört schön ist das Elbtal

mit seinen charakteristisch bewaldeten

Tafelbergen bis heute. Die Schostakowitsch-Tage

verfügen frei Haus über

die Mischung, von der nicht wenige erfolgreiche

sommerliche Klassikfestivals

leben: Der Rückzug in die reizvolle

Natur ermöglicht eine Konzentration

auf die Musik, wie sie im hektischen

Fotos: Oliver Killig

BÜHNE SACHSEN


In der Scheune:

musizieren, wo sonst

Stroh gelagert wird

In einem Brief hat

Schostakowitsch

die Gegend einst

als „unerhört schön“

bezeichnet

Großstadtbetrieb kaum möglich ist.

Hinzu kommt dann oft der Charme

des Improvisierten, sogar in Bayreuth

wird das Festspielhaus, das Richard

Wagner als Provisorium in die Provinz

stellte, bis heute gern liebevoll die

„Scheune“ genannt.

Bereits im 19. Jahrhundert hatte

ein Musiker der Sächsischen Staatskapelle

Gohrisch als, wie man damals

sagte, Sommerfrische für sich und

seine Familie entdeckt, andere Künstler

folgten. Die junge DDR schätzte den

Charme der ländlichen Idylle ebenfalls

und erbaute dort ein sogenanntes Intelligenzheim

für ihre politisch konformen

Intellektuellen. Weil die Parteioberen

bald neidisch wurden, kaperte der Ministerrat

der DDR den Gebäudekomplex

als Gästehaus für sich und seine

Staatsgäste. Nach der Wende wurde das

Ensemble von der Treuhand verkauft,

im besterhaltenen Teil versucht derzeit

eine Berliner Hotelkette ihr Glück. Vor

der Wende hatte das Gästehaus vielen

Gohrischern ihr Auskommen gesichert,

die Führungen für die Konzertbesucher

der Schostakowitsch-Tage übernimmt

bis heute ein ehemals für die DDR-

Gästehäuser zuständiger Regierungsmitarbeiter.

Er zeigt auch den damals sicher

sehr modischen Tanzpavillon mit eingebauter

Fußbodenbeleuchtung, auf

dessen Empore Schostakowitsch jeden

Morgen den Konzertflügel traktiert

haben soll.

Der Komponist wohnte hier im Jahr

1960, als er die Musik für den Film

„Fünf Tage – fünf Nächte“ schrieb. Die

erste filmische Koproduktion zwischen

der DDR und der Sowjetunion erzählt

in idealisierender Verklärung, wie die

Rote Armee nach dem Ende des Zweiten

Weltkriegs die ausgelagerten Kunstschätze

der Dresdner Gemäldegalerie

Alte Meister aufspürt. Zur Inspiration

für seine Filmmusik wollte sich Schostakowitsch

vor Ort ein Bild von dem

noch immer völlig zerstörten Dresden

machen und wurde dafür von der DDR

im Gohrischer Gästehaus beherbergt.

Doch auch in der unerhört schönen

Gegend vergaß Schostakowitsch die

Zerstörungen nicht, die der real existierende

Kommunismus in seiner Seele

BÜHNE SACHSEN


hinterlassen hatte. In seinem 8. Streichquartett

zitiert er all die Werke, die

unter Stalin verboten worden waren

und ihn an den Rand des Arbeitslagers

oder der heimlichen Exekution gebracht

hatten. Die panische Nervosität und

die bodenlose Trauer der Musik geben

einen erschütternden Eindruck davon,

wie es in einem aussieht, der einen ständigen

Spagat hinlegte zwischen dem

eigenen Gewissen und seiner offiziellen

Stellung als führender Komponist der

Sowjetunion.

In seinem Roman „Der Lärm der

Zeit“ hat der britische Schriftsteller

Julian Barnes jüngst noch einmal beeindruckend

das Porträt eines Komponisten

gezeichnet, der sich auch unter

der milderen Repression von Stalins

Nachfolger Nikita Chruschtschow nie

sicher fühlen konnte. Von Haus aus

ein eher ängstlicher Charakter, verflucht

sich Schostakowitsch darin für die vollzogenen

Anpassungen an das System,

handelt aber im Einzelfall immer wieder

mutig und unterläuft in seiner Musik

häufig die verordnete Ästhetik des Sozialistischen

Realismus. Auch sein

8. Streichquartett widmete er offiziell

mit staatstragender Systemkonformität

„den Opfern von Krieg und Faschismus“.

Im Brief an Glikman aus Gohrisch

Die Konzertbesucher

kommen zum Teil aus

der ganzen Welt nach

Gohrisch

nennt er es dagegen sarkastisch ein „niemandem

nützendes und ideologisch

verwerfliches Quartett“. Er habe es zum

Gedenken an sich selbst komponiert,

während er beim Komponieren so viele

Tränen vergossen habe „wie Urin nach

einem halb Dutzend Biere“, da nach

seinem Tod seiner ja doch niemand gedenken

werde.

Damit hat er nicht recht behalten,

wie gerade die letzten Jahre gezeigt

haben. Die Kompositionen Schostakowitschs

erfreuen sich inzwischen auch

in westlichen Konzertsälen einer

Mitten in Natur und

ländlicher Stille kann

man avantgardistische

Klänge hören

Beliebtheit, die nicht vielen Komponisten

des 20. Jahrhunderts zuteil geworden

ist. Doch in Gohrisch ist man

näher dran an den politischen Hintergründen

ihrer Entstehung, weshalb

Intendant Tobias Niederschlag in einem

Festival an diesem Ort auch „eine

Relevanz in der Aufarbeitung der eigenen

Geschichte der letzten 50 Jahre“

sieht. In den Programmen kombiniert

er das Werk Schostakowitschs häufig

mit dem von Zeitgenossen, „die auch

ähnliche Schicksale haben“ und bei

denen die „Entwicklungslinien aus dem

Fotos: Oliver Killig

BÜHNE SACHSEN


DORFMUSIK

43

Kalten Krieg noch spürbar sind“, wie er

im Gespräch sagt.

Es sind Komponisten wie Sofia

Gubaidulina oder Mieczysław Weinberg,

deren Kompositionen beim Festival

im vergangenen Juni neben denen

Schostakowitschs zu hören waren. Der

1996 verstorbene Weinberg war ein

enger Freund Schostakowitschs, den

dieser noch unter Stalin einmal mit

einem ziemlich mutigen Brief aus dem

Gefängnis zu holen versuchte. Von den

ständigen Repressionen eingeschränkt,

komponierte Weinberg vieles für die

Schublade, was erst in den vergangenen

Jahren im Rahmen einer regelrechten

Weinberg-Renaissance auf westlichen

Spielplänen aufgetaucht ist. Die Komponistin

Sofia Gubaidulina hatte

Schostakowitsch dagegen noch als junge

Studentin ermutigt, „ganz sie selbst

Gohrischer

Bürger servieren

ehrenamtlich

Würstchen und

Kartoffelsalat

zu sein“, wie die heute 85-Jährige beim

Publikumsgespräch erzählte. Leicht

war das auch für die gläubige Christin,

die in ihren Werken bis heute häufig

religiöse Sujets wählt, in der Sowjetunion

nicht.

Die Mittel für die Präsentation ihrer

Werke sind dabei bislang alles andere als

üppig in Gohrisch. Eine Gage bekommen

die Musiker nicht, größere Kammermusikwerke

und kleinere Orchesterwerke

sind überhaupt nur durch das

Engagement der Sächsischen Staatskapelle

möglich. Auch viele Gohrischer

arbeiten unentgeltlich mit, servieren im

Festivalzelt Würstchen und Kartoffel-

Die Schostakowitsch-Tage

stehen urbanen Musikfestivals

in nichts nach

salat. Bei der Agrargenossenschaft muss

Tobias Niederschlag jährlich um die

Scheune kämpfen, weshalb man sich

auf Dauer auch einen beständigeren

Ort wünschen würde. Doch die Akustik

ist erstaunlich brillant, binnen Sekunden

stellt sie die volle Konzentration auf

die Musik her.

In der intimen Atmosphäre mit

ihrem engen Beieinander von Publikum

und Künstlern trifft man bis heute auf

Weggefährten Schostakowitschs wie den

russischen Dirigenten Gennadi Roschdestwenski,

den polnischen Komponisten

Krzysztof Meyer, der eine überaus

lesenswerte Biografie über Schostakowitsch

geschrieben hat, oder den Dirigenten

Thomas Sanderling. Sein Vater

Kurt Sanderling, ebenfalls ein bekannter

Dirigent, hatte Schostakowitsch bei

seinem zweiten Aufenthalt in Gohrisch

besucht, als der 1972 noch einmal für

einen Urlaub in die „unerhört schöne“

Gegend zurückkehrte. Seinem Sohn

Thomas hatte Schostakowitsch noch als

sehr jungem Dirigenten die deutsche

Erstaufführung seiner 13. und 14. Symphonie

anvertraut. Bei den Schostakowitsch-Tagen

in diesem Jahr fiel ihm die

Ehre zu, eine veritable Uraufführung

aus dem eigentlich gut aufgearbeiteten

BÜHNE SACHSEN


44 DORFMUSIK

Werkbestand Schostakowitschs zu präsentieren.

Die drei Stücke aus der Oper

„Die Nase“ sind erst vor Kurzem im

Nachlass des Komponisten entdeckt

worden. Für die Schostakowitsch-Tage

bedeutete ihre Uraufführung einen

Durchbruch auch in der überregionalen

Aufmerksamkeit.

Bei allem Gedenken an den Namensgeber

ist das Festival denn auch nicht

nur auf Rückschau ausgelegt. „An dem

Ort, wo etwas Neues entstanden ist,

muss auch Neues präsentiert werden“,

lautet die Überzeugung des Intendanten

Tobias Niederschlag. Auf dem Programm

steht hier fast ausschließlich

Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

Andere Festivals mit diesem klaren

Schwerpunkt werden oft nur von einem

Spezialpublikum besucht, in Gohrisch

sieht das anders aus. Die Auslastung

liegt bei 90 Prozent, aus dem nahen

Dresden kommen viele Konzertbesucher

für das verlängerte Wochenende

nach Gohrisch.

Funktionieren dürfte das auch deshalb,

weil die in Gohrisch stark vertretenen

Komponisten aus dem ehemaligen

Ostblock nie einem derart hermetischen

Avantgardebegriff gefolgt sind wie manche

ihrer Kollegen im Westen. Ihre

An einem Ort,

wo etwas Neues

entstanden ist,

muss auch Neues

präsentiert werden

Kompositionen streben bei aller künstlerischen

Eigenständigkeit häufig nach

unmittelbarer Verständlichkeit, auch

nach einem intensiven Ausdruck von

Emotionen. Nicht nur Schostakowitschs

Musik ist deshalb im Westen

mittlerweile Teil des Kanons geworden,

Wenn das Orchester

schweigt, kann

man sich der

Sommerfrische

hingeben

Tobias Niederschlag, Intendant des

Festivals, Dirigent und Schostakowitsch-

Weggefährte Gennadi Roschdestwenski

und die Pianistin Viktoria Postnikova

auch andere Komponisten aus der ehemaligen

Sowjetunion werden seit dem

Fall des Eisernen Vorhangs mit wachsender

Aufmerksamkeit rezipiert. Nicht

zufällig wohl ist das Interesse an ihrer

Musik in dem Maß gestiegen, in dem

man im Westen der eigenen, einst ziemlich

strengen Avantgarde etwas müde

geworden ist. Gohrisch kann sich so

nicht nur als Reflex der sozialistischen

Vergangenheit begreifen, sondern auch

als Schnittstelle zwischen West und

Ost in der Gegenwart. Groß reden

muss man über die darin liegenden

politischen und ästhetischen Implikationen

nicht. Man lässt die Musik für

sich sprechen, die schließlich nicht nur

bei einem Komponisten wie Schostakowitsch

oft mehr und Komplexeres

ausspricht, als Worte erklären könnten.

Der kleine Teich, an dem einst ein

ziemlich verzweifeltes Streichquartett

entstand, schlägt seine Wellen. •

Mehr Infos unter:

www.schostakowitsch-tage.de

Fotos: Harald Schluttig, Oliver Killig (2)

BÜHNE SACHSEN


VORSPRECHEN

45

Foto: Miroslaw Nowotny

SORBISCH

FÜR

ANFÄNGER

Zehn Vokabeln,

mit denen man das

Deutsch-Sorbische

Volkstheater in Bautzen

besser verstehen lernt

Gut 20000 Menschen zwischen

der Märkischen Heide in Brandenburg

und dem sächsischen

Städtchen Bautzen sprechen heute aktiv

die sorbische Sprache – davon sind geschätzt

13000 im obersorbischen und

7000 in dem akut vom Aussterben bedrohten

niedersorbischen Dialekt zu

Hause. Neben den Schulen und Kindergärten

in der Region sind es vor allem

die Schauspieler des Deutsch-Sorbischen

Volkstheaters, die sich um die

Bewahrung dieser einzigartigen westslawischen

Sprache bemühen. Denn das

1948 gegründete Bautzener Theater ist

das einzige Schauspielhaus in Deutschland,

in dem drei Sprachen gesprochen

werden. Damit das auch funktioniert,

braucht es neben guter Schauspieler vor

allem erstklassige Übersetzer. Torsten

Schlosser ist einer davon. Als Schauspieler

und Simultanübersetzer arbeitet er

seit der Spielzeit 1994/95 in Bautzen.

Er weiß genau, was es mit all den Buchstaben,

Strichen und Häkchen auf sich

hat, die für Nicht-Sorben zuweilen einfach

nur kurios erscheinen. Im Folgenden

erklärt Schlosser, welche Vokabeln

Sie unbedingt lernen sollten, um bei

der nächsten Premierenfeier in Bautzen

auch mitreden zu können.

AKTIENGESELLSCHAFT, DIE: akcijowa

towaršnosć ~e, Femininum 1796

wurde das Bautzener Stadttheater,

ein Vorgängertheater des heutigen

Deutsch-Sorbischen Volkstheaters,

als Aktiengesellschaft in einer Bastion

der inneren Stadtmauer gegründet.

FIGURENGIEBEL, DER: rietschelowe swisl|e

~ow, Neutrum Im Jahr 1905 bekommt

das Bautzener Stadt theater von der

Stadt Dresden einen von Ernst Rietschel

geschaffenen Figurengiebel

geschenkt. 2003 werden die Figuren in

den Neubau des Theaters integriert.

GASTHOF, DER: hosćenc ~a, Maskulinum

[s. auch Dorfsaal, der: wjesna žurl|a ~e,

Femininum] Als im Jahr 1948 das

erste Sorbische Volkstheater gegründet

wurde, verfügte das Ensemble über

kein eigenes Haus. Gespielt wurde in

Gasthöfen – eine Tradition, die noch

heute mit den sogenannten Frühjahrsund

Herbst abstechern weiterlebt.

KINDERGARTEN, DER: pěstowarnj|a ~e,

Femininum Das Deutsch-Sorbische

Volkstheater ist ein Ort der sprachlichen

Früherziehung. Jährlich spielt

das Puppentheater und das Schauspiel

vor sorbischen oder Sorbisch

lernenden Kindern und prägt somit

Fantasie und Sprachgefühl.

KOPFHÖRER, DER: słuchatk|o ~a, Neutrum

Das Deutsch-Sorbische Volkstheater

ist das einzige Theater in Deutschland,

in dem drei Sprachen auf einer Bühne

gesprochen werden – deutsch,

nieder- und obersorbisch. Die drei

sorbischen Inszenierungen pro

Spielzeit werden per Kopfhörer ins

Deutsche übersetzt.

NEUE BURG, DIE: Dźiwadło na hród

hroda || hrodu, Maskulinum Im

Jahr 2003 eröffnete das Sorbische

Volkstheater mit der Neuen

Burg eine zweite Spielstätte. Im

neuen Haus im Innenhof der Ortenburg

finden seither vor allem das Puppentheater

sowie das Kinder- und Jugendtheater

Platz.

PREMIERE, DIE: premjer|a ~y, Femininum

Das Theater in Bautzen feiert in jeder

Spielzeit 25 Premieren im Schauspielund

im Puppentheaterrepertoire.

ROLLE, DIE: ról|a ~e, Femininum [s. auch:

„Wir treten aus unseren Rollen

heraus“: wustupimy z našich rólow]

Im Wendejahr 1989/90 wurde das

Deutsch-Sorbische Volkstheater zum

Ort der friedlichen Revolution. Am

8. Oktober 1989 traten die Schauspieler

geschlossen auf die Bühne und

verlasen unter der Überschrift „Wir

treten aus unseren Rollen heraus“ ihre

politischen Forderungen.

SCHULE, DIE: šul|a ~e, Femininum 2004

entstand am Deutsch-Sorbischen

Volkstheater der Wunsch, aktiv gegen

Rechtsextremismus vorzugehen. In

den Schulen der Region inszenierte

man eine Bühnenversion von Morton

Rhues Jugendbuchklassiker „Die Welle“

und feierte damit große Erfolge.

VOLKSTHEATER, DAS: ludowe dźiwadł|o ~a,

Neutrum Das Sorbische Volkstheater

ist das einzige bilinguale Theater

in Deutschland. Jährlich zieht es mit

seinen über 1000 Veranstaltungen

mehr als 140 000 Besucher an.

Torsten Schlosser wurde

1966 in Bautzen geboren.

Nach einem Schauspielstudium

in Berlin leitete

er lange Jahre das

Sorbische Jugendtheater

und das Sorbische

Schauspielstudio. Als

Simultanübersetzer

übersetzt er Vorstellungen

aus dem Oberund

Niedersorbischen

BÜHNE SACHSEN


46

TANZEINLAGE

Hellerauer

Hüftgeschüttel

Breakdance trifft Ballett: Das Format

„Floor on Fire“ beschert der Dresdner

Tanzszene energiegeladene Abende

TEXT Rafael Barth

FOTOS Stephan Floss

Es ist ein Feuerwerk. Man weiß

nicht, wo man zuerst hinschauen

soll. So schnell, so viel saust

an diesem Abend über die Bühne, hier

kommt zusammen, was sonst nicht

zusammengehört. Ein Tänzer dreht

sich springend auf einem Bein, legt

die Arme auf den Rücken und flattert

mit den Händen. Ein Viererteam

hebt einen Solisten in die Höhe, der

von oben Küsse in die Luft pustet.

Ein Breakdancer hüpft auf einer

Hand. Überall Moves, Bewegung, wie

ein einziger Rausch. Aus den Boxen

erklingt eine Mischung von Hip-Hop

bis Barock. Das Publikum klatscht

rhythmisch mit.

Das ist sie also, „the real total craziness“,

die sich der Moderator zum

Finale gewünscht hat. Da wirkt es für

einen Moment wie ein Programmfehler,

dass die Show nun vorbei sein soll.

Mehr als zwei Stunden haben 500 Leute

mitgefiebert, mitgejubelt, mitgeklatscht.

Jetzt applaudieren sie ein letztes Mal

für jene Tänzer, die auf dem Siegerpodest

zum Posen antreten. Glitzerschnipsel

flittern hinunter, während der DJ

schnell in den Partymodus überblendet:

„Let’s Twist Again“. Männer, Frauen,

Kinder: Die Tanzfläche gehört euch!

Tanz gibt es das ganze Jahr über im

Festspielhaus Hellerau, dem europäischen

Zentrum der Künste. Aber kein

anderes Format euphorisiert die Zuschauer

dermaßen wie „Floor on Fire“

seit 2015. Bei kaum einem anderen

Programm sieht das Publikum eine derartige

Bandbreite an professionellem

Tanz. An drei, vier Abenden in der Saison

begegnen sich Breakdancer und

Ballerinas im Wettbewerb, messen sich

Hip-Hopper mit zeitgenössischen

Tänzern. Vor allem für letztere kennt

man das Festspielhaus auch jenseits

der Stadtgrenzen.

Bei „Floor on Fire“ sind die Karten

jedes Mal binnen Stunden weg. „Es

ist die einzige Veranstaltung, für die

wir keine Werbung machen müssen“,

sagt Anna Bründl, künstlerische Mitarbeiterin

der Intendanz. Sie hat das

Format zusammen mit Breakern von

„The Saxonz“ mitentwickelt, mit dem

das Festspielhaus schon in Prag und

Paris gastierte. Der Ursprung liegt im

Breakdance, den Battles der B-Boys,

die sich gegenseitig beweisen, wer am

meisten draufhat. „Floor on Fire“ belässt

es nicht dabei. „Es geht darum,“

sagt Bründl, „sich selbst, sein Ego

und seinen Stil zurückzunehmen. Im

Idealfall vergessen die Leute ihren

eigenen Background, wachsen über

ihre Grenzen hinaus und im Team

kann etwas ganz Neues entstehen.“

16 Tänzer und Tänzerinnen sind an

diesem Abend am Start. Drei Stunden

vor dem Start trudeln sie im Nebenraum

der Bühne ein. Manche begegnen

sich dort zum ersten Mal. Sie kommen

vom Ballett der Dresdner Semperoper,

ein Teil tanzt zeitgenössisch in der freien

Szene, andere gehören zu „The Saxonz“,

jener Breakdance-Company aus Sachsen,

die zweimal deutscher Meister war.

Dehnen, springen, Übungen mit Partnern,

erster Schweiß läuft über Rücken

und Stirn. Vom Organisationsteam

kommt jemand mit einem Basecap, in

dem 16 Zettel liegen.

BÜHNE SACHSEN


Schongang geht

anders: Dalier

Burchanow tanzt

in Hellerau

Bei keinem anderen

Programm sieht

das Publikum eine

solche Bandbreite an

professionellem Tanz

Für die erste Runde werden Paare

ausgelost. Die Vorgabe lautet, dass sich

die Tanzstile mischen müssen. Im Laufe

des Abends siebt eine Jury immer weiter

aus, wobei klar ist, dass witzige Schnuten

und sexy Hüftschüttelei mehr punkten

als Innerlichkeit. Gewinner einer

Runde dürfen sich einzelne Tänzer aus

dem Verliererteam in die eigene Gruppe

holen. Durch das ausgeklügelte System

wachsen die Teams und kriegen ständig

neues Blut. „Es ist wie Lotterie“, sagt

Dalier Burchanow, der mit drei Kollegen

vom Ballett des Theaters Halle für

diesen Abend nach Dresden gekommen

ist. „Man kann sich nicht vorbereiten.“

Dieser Umstand macht es besonders

Balletttänzern wie ihm schwer. Tag für

Tag führen sie aus, was ein Choreograf

sehen will, heute müssen sie improvisieren.

Erschwerend kommt hinzu,

dass der DJ wie immer bei „Floor on

Fire“ einen unvorhersehbaren Stilmix

auflegt, Salsa, Pop, Dance, Klassik –

alles ist dabei. Da ist es umso bemerkenswerter,

was Dalier, 28, schwarzes

Haar, schwarze Jogginghose und rot

gemustertes Laufshirt, mit seinem

Körper anstellt. Überschläge mit einer

Hand zu „Forever Young“, Drehungen

mit wechselndem Sprungbein zu

einem Rocksong der Red Hot Chili

Peppers. Schongang geht anders.

Alexander Kelox Miller von den

„Saxonz“, bei „Floor on Fire“ von Anfang

an dabei, beschreibt es so: „Man

kann sich nicht vorbereiten, du weißt

nicht, was passiert. Du springst über

deinen eigenen Schatten und dann

kannst du einfach nur du selbst sein.“

Daliers Team hat sich inzwischen zu

wenig aufeinander eingestellt, die Gegner

waren einfach besser. Scheinwerfer

strahlen auf die fünf Jurymitglieder, die

mit ausgestreckten Armen abstimmen.

Die Sieger entscheiden sich, die beiden

Mittänzer von Dalier bei sich aufzunehmen.

In diesem Moment könnte die

Nebelschwade über der Bühne eine

Zorneswolke sein. Das Publikum, verteilt

auf zwei gegenüberliegenden Tribünen,

schreit, buht, klatscht, klatscht

weiter, als ließe sich so die Entscheidung

noch einmal rückgängig machen. Vergebens.

Dalier fällt im Halbfinale raus.

Abgekämpft wird er sich nach der Show

unter die Zuschauermenge mischen.

Eine Frau, die seine Mutter sein könnte,

wird ihm anerkennend auf die Brust

klopfen und sagen, dass er, Dalier, für

sie der eigentliche Gewinner des

Abends ist. •

Mehr Infos unter:

www.hellerau.org

BÜHNE SACHSEN


48 LOGBUCH

Spielplan

Sachsen

Premieren, Festivals und Uraufführungen:

Höhepunkte aus der aktuellen

Theatersaison 2017/18

STADTTHEATER FREIBERG

Premiere

„Reinecke Fuchs“

Nach dem Versepos von

Johann Wolfgang von Goethe

16. Dezember 2017, 19.30 Uhr

EDUARD-VON-WINTERSTEIN-THEATER

ANNABERG-BUCHHOLZ

Premiere

„Gräfin Mariza“

Operette in drei Akten

von Julius Brammer und

Alfred Grünwald

29. Oktober 2017, 19 Uhr

STAATSSCHAUSPIEL DRESDEN

Festival

Fast Forward

Europäisches Festival für Junge Regie

Kuratiert von Barbara Engelhardt

2.–5. November 2017

SCHAUSPIEL LEIPZIG

Uraufführung

„Mein Hohlraum“

Auftragswerk des Schauspiels Leipzig

von Sascha Hargesheimer

25. November 2017, 20 Uhr

OPER LEIPZIG

Premiere

„Rusalka“

Lyrisches Märchen in drei Akten

von Antonin Dvořák

Text: Jaroslav Kvapil

3. Dezember 2017, 18 Uhr

Oper Leipzig

SEMPEROPER DRESDEN

„Der Ring des Nibelungen“

„Das Rheingold“

Premiere

Oper von Richard Wagner

Dirigent: Christian Thielemann

13. Januar 2018, 18 Uhr

DIE THEATER CHEMNITZ

Premiere

„Der dressierte Mann“

Komödie von John von Düffel

nach Ester Vilar

27. Januar 2018, 19.30 Uhr

Schauspielhaus Chemnitz

Semperoper Dresden

Fotos: XXXXXX XXXXX

BÜHNE SACHSEN


LOGBUCH

49

THEATER DER JUNGEN WELT LEIPZIG

Uraufführung

„Dolores (Schmerz)“

Ein Borderline-Tanzprojekt von

Hong Nguyen Thai

12. April 2018, 19.30 Uhr

GEWINNSPIEL

Preisfrage: In welchem Jahr

wurde auf der Felsenbühne

Rathen erstmals ein Romanstoff

von Karl May inszeniert?

Fotos: Kirsten Nijhof, Klaus Gigga, Dieter Wuschanski, Oliver Killig, Jens Gerber. (Architekt: Eberhard Göschel, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017)

tjg Dresden im Kraftwerk Mitte

BURGTHEATER BAUTZEN

Uraufführung

„Die Wahrheit über

die Farm der Tiere“

Nach Motiven aus dem Roman

„Die Farm der Tiere“ von George Orwell

Puppentheater für Jugendliche und

Erwachsene

16. Februar 2018, 19.30 Uhr

GEWANDHAUS LEIPZIG

Festwochen zur Amtseinführung

von Andris Nelsons

Werke von Steffen Schleiermacher,

Alban Berg, Felix Mendelssohn

Bartholdy

Dirigent: Andris Nelsons

22. Februar 2018, 20 Uhr

LANDESBÜHNEN SACHSEN RADEBEUL

Premiere

„Ein Sommernachtstraum“

Komödie von William Shakespeare

Empfohlen für junges Publikum

10. März 2018, 19 Uhr

THEATER ZWICKAU, MALSAAL

Premiere

„Die Räuber“

Schauspiel von Friedrich Schiller

23. März 2018, 19.30 Uhr

THEATER JUNGE GENERATION

DRESDEN

Premiere

„Einige fühlen den Regen,

andere werden nass“

Jugendtheater von Johannes Deimling

13. April 2018, 19.30 Uhr

GERHART-HAUPTMANN-THEATER ZITTAU

Premiere

„House at the Crossroads“

Trinationales Projekt

des Theaterjugendclubs

23. Mai 2018, 19.30 Uhr

Gewandhaus Leipzig

SCHAUSPIEL CHEMNITZ

Premiere

„Maria Stuart“

Ballett nach Reiner Feistel

8. Juni 2018, 19.30 Uhr

STAATSOPERETTE DRESDEN

Premiere

„Die Csárdásfürstin“

Operette von Emmerich Kálmán

30. Juni 2018, 19.30 Uhr

a) 1938

b) 1949

c) 1986

Unter den richtigen Einsendungen

verlosen wir:

einen Gutschein

im Wert von 70 EUR

für die Felsenbühne Rathen

1 x 2 Eintrittskarten

im Gesamtwert von 150 EUR

für den Ball d’Amour –

den Bühnenball der

Landesbühnen Sachsen

am 10. Februar 2018

in Radebeul

Schreiben Sie die Lösung auf eine

frankierte Postkarte und schicken

Sie diese an:

Redaktion „Bühne Sachsen

c/o Ketchum Pleon

Käthe-Kollwitz-Ufer 79

01309 Dresden

Oder senden Sie eine E-Mail an:

gewinnen@so-geht-saechsisch.de

Viel Glück!

Teilnehmen darf jede natürliche Person außer

Mitarbeiter der sächsischen Staatsregierung

sowie deren Angehörige. Personenbezogene

Daten werden nicht an Dritte weitergegeben,

ausschließlich für den genannten Zweck genutzt

und anschließend gelöscht. Einsendeschluss:

31.12.2017. Die Gewinner werden schriftlich

benachrichtigt. Eine Barauszahlung der

Gewinne ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist

ausgeschlossen.

BÜHNE SACHSEN


50 LETZTER AKT

SACHSEN,

MEINE BÜHNE

Sophie Dannenberg

ist vom sächsischen Lachen

verzaubert

TEXT Sophie Dannenberg

Es war wohl 1986, im Jahr, in dem

Tschnernobyl in die Luft ging

und Jörg Haider FPÖ-Vorsitzender

wurde, als wir nach Dresden auf

Klassenfahrt fuhren. Wir hatten uns

wochenlang vorbereitet und wussten

alles über die DDR: Antifaschismus,

Wirtschaft, Wahlen. Und über Dresden:

Bombardierung, Frauenkirche, Semperoper.

Nur, dass die DDR ein totalitärer

Staat war, hatten wir nicht auf

dem Schirm, denn die Reise diente der

Völkerverständigung.

Den Einreiseantrag nahm ich darum

nicht ernst. Ich hatte verschusselt,

meinen Personalausweis zu beantragen,

und als die Lehrerin die Anträge einsammelte,

kritzelte ich eine fantasierte

Zahlenfolge in das Feld für die Ausweisnummer.

Dann vergaß ich das Ganze.

Es fiel mir erst wieder ein, als der

Reisebus an der Grenze stand. Mir

wurde ganz anders, denn zwar hatte

ich inzwischen meinen Ausweis, aber

die Nummer war natürlich falsch.

Die Lehrerin verschwand beunruhigend

lange im Kabuff mit den Grenzern.

Hinzu kam, dass ein paar der Jungs

im Bus den „Wachturm“ dabei hatten,

den ihnen ein Zeuge Jehovas an der

letzten Raststätte angedreht hatte.

Unser Lehrer befürchtete, man würde

uns wegen Zeitschriftenschmuggels

nicht

in die DDR lassen. Mir wurde auf

einmal klar, dass das alles nicht komisch

war. Der Lehrer versteckte den „Wachturm“,

wir kamen durch.

Dresden lag im Elbtalkessel wie in

einer zerbrochenen Schneekugel. Wir

durften die Brücken nicht fotografieren,

die sich matt über das Wasser beugten.

Nicht nur die Stadt war grau, ihre Aura

war es auch, ein feiner, wehmütiger

Dunst, der sich erst in der Ferne verlor.

Die Leute auf der Straße sahen erschöpft

aus, wir verstanden ihren Dialekt

nicht, und überall schnauzten uns

die Kellner an. Die FDJ-Funktionärin,

die dazu verdonnert worden war, uns

während eines „Begegnungsabends“ die

Vorzüge des Sozialismus zu vermitteln,

erzählte uns stattdessen, wie schlimm

die DDR sei. Sie hatte müde blondiertes

Haar und trug einen Synthetikpullover

mit Puscheln. Beim Stadtrundgang

starrten wir in ein Schaufenster, in dem

nichts außer einem Rasierpinsel lag.

In der Oper lernten wir ein anderes

Dresden kennen. Es gab eine Operette,

die Sänger rannten in barocken Kostümen

hin und her und verschwanden

ständig hinter wippenden Theatertüren.

Aber, anders als wir, lachte das einheimische

Publikum nicht nur über die

Handlung. Die Sänger versahen ihre

Dialoge mit Anspielungen,

die offenbar politisch

waren und die wir nicht

decodieren konnten. Das

Lachen der Dresdner klang

anders als unser lautes Lachen, mehrschichtig,

stiller, voller Kadenzen, die

wohl eine Antwort auf den doppelten

Boden des Schauspiels formten.

Auf der Heimfahrt entdeckte ein

Grenzer den „Wachturm“ in unserem

Reisebus und enttarnte ihn als antisozialistisches

Propagandamaterial. Unsere

Lehrer hatten alle Mühe zu erklären,

wo das herkam, und mir fiel mein

gefälschter Antrag wieder ein. Ich fantasierte

meine Verhaftung, Verhöre, internationale

Verwicklungen und merkte

kaum, dass wir längst wieder fuhren,

auf einer perfekten glatten Straße ohne

die Querfugen der Plattenautobahn.

Wenn ich heute nach Dresden

komme, sehe ich die vollen Schaufenster

und die restaurierten Gebäude,

die Touristen und die Werbeschilder.

Dann denke ich noch immer an den

wehmütigen Dunst und die Kadenzen

im Lachen. •

Sophie Dannenberg kam

1971 in Gießen zur Welt. Ihr

Debüt „Das bleiche Herz der

Revolution“ löste heftige

Debatten aus. 2012 erschien

Dannenbergs viel gelobter

Roman „Teufelsberg“

Illustration: Anja Stiehler-Patschan/Jutta Fricke Illustrators

BÜHNE SACHSEN


Spannung.Energie.Widerstand.

tjg.theater junge generation und Staatsoperette Dresden spielen im Kraftwerk Mitte

Fotos: XXXXXX XXXXX

tjg-dresden.de

kraftwerk-mitte-dresden.de

staatsoperette.de


MUTTER. VATER. KUNST.

SACHSEN WERDEN MIT KUNST UND KULTUR GROSS. Von Raffaels

„Sixtinischer Madonna“ bis zur zeitgenössischen Leipziger Kunstszene,

vom ergreifenden Konzerterlebnis in Semperoper oder Gewandhaus bis

zur Vogtländer Instrumentenmanufaktur, vom größten Streetart-Festival

bis zu den lebendigen Theatern – die Kunst inspiriert Einheimische, Gäste

und Kunstfreunde von morgen. Sachsen ist ein optimaler Nährboden

für Kunst, Kreativität und Innovation. Hier findet jeder seine Bühne.

Erleben Sie es selbst. Vor Ort oder unter:

www.so-geht-sächsisch.de

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