ERZFREUNDE – Das Sachsen-Sonderheft zum Welterbe Erzgebirge

sachsen

ERZFREUNDE

WIR SIND

WELTERBE !

DICHTER

Eine Hommage

an Carlfriedrich

Claus

DENKER

Mit Humboldt

unter Tage

MIME

Thomas Arnold

in Freiberg


BOMFORZIONÖS = SÄCHSISCH FÜR „GROSSARTIG“,

VOM FRANZÖSISCHEN BONNE FORCE („HERVORRAGEND“)

Groß, größer, bomforzionös. So kann man die 40-tägige Hochzeitsparty beschreiben, die Kurfürst August der Starke

vor 300 Jahren für seinen Sohn Friedrich August II. und seine Gemahlin Maria Josepha von Österreich schmiss. Sachsen

öffnete sich Europa und blühte auf. Der Kontinent erlebte eines der prunkvollsten Feste der Epoche mit Opern,

Festumzügen, Maskeraden und Planetenfesten. Bauwerke wie der Dresdner Zwinger und das Schloss Hubertusburg

entstanden Orte, an denen die Traumhochzeit des Jahrhunderts 2019 erneut gefeiert wird. Feiern Sie mit!

www.so-geht-sächsisch.de/1719

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3

EDITORIAL

Titel: Christoph Busse. Illustration: Anja Stiehler-Patschan/Jutta Fricke Illustrators

Glück auf!

Grüßen lässt es sich auf vielerlei

Weise. Was dem einen ein rechtgläubiges

„Grüß Gott!“, das ist dem anderen

ein eher lasches „Moinsen!“; es gibt

„Hallöchen!“, „High Five!“, „Pfiat di!“,

sogar das kräftige „Ave!“ der Lateiner.

Doch was sind all diese flotten Sprüche

gegen jenen altehrwürdigen Gruß, der

zum ersten Mal im 16. Jahrhundert

unter Bergleuten des Erzgebirges erklungen

ist: „Glück auf!“ Eine rundheraus

positive Wortkombi, die wie ein

Pfeil nach oben schießt. Dabei sollte der

Gruß zunächst gar nichts anderes bedeuten,

als dass ein Bergmann dem je

anderen das Beste wünschte. Oder in

der Langversion der alten Formel:

„Bergmann! Ich wünsche dir Glück, der

Gang tue sich dir auf und du mögest

auf reiche Erze stoßen!“ Reichtum für

alle da dauerte es natürlich nicht

lange, und das zupackende „Glück auf!“

entwickelte sich zum idealen Lückenfüller

für jede Lebenslage. Heute gibt es

daher „Glück auf!“ beim Bäcker, „Glück

auf!“ im Supermarkt, sogar von Glückauf-Plätzen

und -Straßen hat man schon

gehört.

Der Erzgebirger gönnt sich halt was.

Und so steht sein gut gemeinter Gruß

heute fast ein wenig quer zum Zeitgeist.

Denn mal ehrlich: wer in der Neidgesellschaft

würde seinem Nachbarn noch

eine Ader prall gefüllten Silbers wünschen?

Eher hält man es doch mit Martin

Luther. Der soll einst, nachdem ihm

zwei Brüder aus Sankt Joachimsthal von

ihrer drückenden Schuldenlast erzählten,

das Hohelied der Armut gesungen

haben: „Ihr lieben Bergleute / euer

Ralf Hanselle,

Kulturjournalist und

Redakteur der ERZFREUNDE

Glück / das jhr jimmer ausschreit /

blühet am besten, wenn jhr am ärmsten

seys …“

Geiz und Missgunst also, wo immer

man hinschaut; und das schon 1542.

Nur gut, dass sich die Erzgebirger an

den gut gemeinten Rat des Reformators

nicht gehalten haben. Denn zumindest

kulturhistorisch ist das Erzgebirge nach

wie vor ein wohlhabender Landstrich.

Und weil seine Bewohner darum

wissen, haben sie 20 Jahre lang darum

gekämpft, dass insgesamt 22 Bestandteile

der Montanregion Erzgebirge/

Krušnohoří davon 17 auf deutscher

und fünf auf tschechischer

Seite in die Welterbeliste

der UNESCO aufgenommen

werden. Am 6. Juli um

14.40 Uhr Erzgebirgszeit

war es dann endlich so weit:

Im aserbaidschanischen

Baku erkannte das Welterbekomitee

den einmaligen

Abbaugebieten des sächsischböhmischen

Erzbergbaus

den Welterbetitel zu.

Wieder einmal also hat sich das

Glück aufgetan; vielleicht weil schon

der sächsische Dichter Theodor Körner

vor über 200 Jahren erkannte, dass

sich hinter dem alten Bergmannsgruß

nicht weniger als des Bergs „uralt Zauberwort“

verbergen würde. Man könnte

Körners Gedanken im Nachhinein natürlich

für romantische Versponnenheit

halten; doch wer sich intensiver mit

dem Erzgebirge befasst, der wird erkennen,

dass Romantik und Zauber in

dieser abgelegenen Weltengegend seit

jeher einen festen Platz haben. Wenn

wir mit diesem Magazin also Geschichte

und Gegenwart des Erzgebirges vorstellen,

dann kommen wir an den alten

Mythen (S. 38) ebenso wenig vorbei wie

an der Romantik (S. 20). Darüber hinaus

aber wird es auch ganz Gegenwärtiges

geben: eine Reportage über die Festspiele

Greifen steine (S. 30) oder über

ein Schneeberger Festival für junges

Design (S. 45). Vielleicht wird sich bei

der Lektüre noch keine Erzader auftun,

aber ein Stück Bergmannsglück, das

wünschen wir Ihnen! •

Covermotiv:

Das Erzgebirge ist Natur,

Weite und ein guter

Schuss Ironie. Ganz so

zeigt es auch unser

Coverfoto, für das sich der

Landesbergmusikdirektor

Jens Bretschneider auf

einer Wiese nahe der alten

Bergstadt Schneeberg

fotografieren ließ

ERZFREUNDE


4

INHALT

Tief im Osten

Im Erzgebirge verschmelzen

einmalige Industriedenkmäler mit

einer idyllischen Landschaft

Seite 6

Ungläubiger

Thomas

Mit Schauspieler

Thomas Arnold

unterwegs in Freiberg

Seite 24

Der lange Weg zum Titel

Helmuth Albrecht erklärt,

wie das Erzgebirge UNESCO-

Welterbe wurde

Seite 14

Zwei Farben Blau

Im Schindlerswerk wurde einst

Kobaltblau und Ultramarin

produziert

Seite 16

Tiefe Romantik

Die Bergakademie Freiberg

als Studienort von Alexander

von Humboldt und Novalis

Seite 20

ILLUSTRATION Holly Wales

Bergmännisch für

Einsteiger

Ein Glossar erklärt die

wichtigsten Vokabeln der

Kumpel und Bergleute

Seite 28


5

Vornehme

Phoneme

Der Grafiker und Extrempoet

Carlfriedrich Claus

hat in Annaberg Kunstgeschichte

geschrieben.

Eine Hommage

Seite 34

Ein Erz und eine Seele

Unzählige Bergmannsvereine im

gesamten Erzgebirge bewahren

heute die Tradition ihrer Väter

und Großväter

Seite 40

Trubel im Pochwerk

Vier Schneeberger Designer

planen ein Festival für Handwerk

und angewandte Kunst

Seite 45

Kulturkalender 2019

Die wichtigsten Termine und

die spannendsten Kulturhighlights

für Sommer, Herbst und Winter

Seite 48

Gespür für Steine

Ein Besuch der Freilichtbühne

Greifensteine bei

Annaberg-Buchholz

Seite 30

Märchenland

In den düsteren Wäldern

des Erzgebirges entstehen seit

Jahrhunderten die abenteuerlichsten

Sagen und Legenden

Seite 38

Erfolgreiche Menschen

Sachsens Ministerpräsident

Michael Kretschmer spricht über

den Weg zum Welterbetitel und

die Tage in Baku

Seite 50

IMPRESSUM

Herausgeber Freistaat Sachsen

Archivstr. 1, 01097 Dresden

Verlag Res Publica Verlags GmbH,

Fasanenstraße 78, 10623 Berlin

Geschäftsführung Alexander Marguier,

Christoph Schwennicke (V.i.S.d.P.)

Verlagsleitung Jörn Christiansen

Leitung Redaktionsmarketing

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Chefin vom Dienst Kerstin Schröer

Redaktion Ralf Hanselle (fr.)

Art-Direktion StudioKrimm (fr.)

Bildredaktion Tanja Raeck

Korrektorat Ulrike Mattern (fr.)

Produktion Jeff Harwell (fr.)

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Druck/Litho

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20080 Hamburg, Tel.: +49 (0)30 346 465 656

E-Mail: abo@cicero.de

Verlag Tel.: +49 (0)30 981 941100, Fax 199

Diese Drucksache wird auf der Grundlage

des von den Abgeordneten des Sächsischen

Landtags beschlossenen Haushaltes zur

Verfügung gestellt.

Gedruckt auf UPM-Papier mit dem

EU-Umweltzeichen Registriernummer FI/11/001


Förderturm im Schachtkomplex 371

Der Schacht des 1990 stillgelegten

Bergbaus Aue war mit 1800 Metern das

einst tiefste Bergwerk Deutschlands.

Seine Geschichte war eng verbunden

mit der Geschichte des sowjetischen

Atomprogramms.


BILDERBOGEN

Tief im Osten

Von Arbeit ganz grau und von Natur aus grün:

Im Welterbe Erzgebirge vereinen sich Gegensätze

FOTOS Marcus Glahn


Grubengang im Silberbergwerk

„Reiche Zeche“

Die „Reiche Zeche“ in Freiberg zählt

zu den ältesten Bergbauanlagen

der Region. Bereits 1384 wird

sie erstmals urkundlich erwähnt.

Das Bild zeigt die erste Sohle in gut

150 Meter Tiefe.


St.-Christoph-Stollen in

Breitenbrunn

Mit der ersten urkundlichen

Erwähnung des Stollen im Jahr 1558

begann ein fast 400 Jahre währender

Bergbau. Über das Mundloch in

Breitenbrunn wurden Eisenerze

und Komplexerze gefördert.


Märchenhafte Moderne

In Bräunsdorf bei Freiberg steht ein

1913 vollendeter Wasserturm, der

der alten Bergmannsstadt etwas

Märchenhaftes gibt. Von der Spitze

des 29 Meter hohen und heute unter

Denkmalschutz stehenden Turms

kann man bei guter Sicht bis zum

Keil- und Fichtelberg schauen.


Kalkwerk Lengefeld

Erstmals wurde im Jahr 1528 der

Abbau und die Lagerung von Kalk

in Lengefeld erwähnt. Das heutige

Industriedenkmal gibt mit seinen

vier Kalkbrennöfen einen guten

Überblick über die Geschichte der

Kalk verarbeitung in Sachsen.


Förderturm des Silberbergwerks

„Reiche Zeche“

Die „Himmelfahrt Fundgrube“ mit

der „Reichen Zeche“ zählte einst zu

den fortschrittlichsten Bergwerken

in Europa. Das 1953 neu errichtete

eiserne Fördergerüst gilt als Wahrzeichen

der Silberstadt Freiberg.


14 INTERVIEW

Welterbe schafft

Weltoffenheit!“

Der Freiberger Industriearchäologe Helmuth Albrecht

gilt als der eigentliche Kopf hinter der Bewerbung

des Erzgebirges um den Welterbetitel. Hier spricht er

über Zukunft und Tradition der Region

INTERVIEW Michael Bartsch

FOTO Sven Döring

Erzfreunde: Herr Albrecht, Sie gelten als

der wichtigste Strippenzieher, wenn

es um das 20-jährige Ringen um den

Welterbe titel für das Erzgebirge geht.

Wie ist es eigentlich dazu gekommen?

Helmuth Albrecht: Ich erhielt 1995 einen

Lehrauftrag an der TU Bergakademie

Freiberg. Damals bin ich mit meinem

Vorgänger Otfried Wagenbreth, einem

ausgesprochenen Experten für Technikgeschichte,

durch die gesamte Region

gefahren. Er hat mir gezeigt, dass hier

eine Wiege der deutschen Industrialisierung

stand. Diese Relikte wollte ich

zum Sprechen bringen und in den

gesellschaftlichen Kontext einordnen.

Daher mein Engagement für die

Bewerbung.

Die Anfänge der Titelbewerbung fielen

in eine Zeit, in der die Industriekultur

in Sachsen noch relativ stiefmütterlich

behandelt wurde.

Ja, wir haben damals eine Studie

erstellt, die in Dresden in der Schublade

verschwunden ist. Ich habe daher bei

der damaligen Regierung nachgefragt.

Die Region, so hieß es dort, solle erst

einmal zeigen, dass sie die Bewerbung

auch wirklich wolle. Daraufhin haben

wir 2003 einen Förderverein gegründet

und 35 Kommunen, drei deutsche

Landkreise und die tschechische Seite

mit ins Boot geholt. So ist dann Stück

für Stück ein Graswurzelprojekt entstanden.

Diese Bewegung von unten

erklärt auch den langen Bewerbungszeitraum.

Sie haben damals die Leitung einer

wissenschaftlichen Projektgruppe übernommen.

Hatte Ihr großes Engagement

auch persönliche Gründe?

„Schon der Gruß

‚Glück auf!‘ bezeugt,

dass die Erzgebirger

ihre Geschichte im

Herzen tragen“

Ich komme aus einer alten Bergmannsfamilie,

wollte selbst aber keinen Bergbau

studieren. Zunächst habe ich mit

Elektrotechnik begonnen, aber das Studium

gefiel mir nicht. Über einen

Klassenkameraden bin ich dann zur

Geschichte gelangt und habe das Studium

mit Physik kombiniert. Irgendwann

habe ich dann über Wissenschaftsund

Technikgeschichte promoviert.

Das ist die akademische Seite. Haben

Sie sich aber nicht auch ein bisschen

verliebt in die Erzgebirgsregion, so

leidenschaftlich, wie Sie diese dann

später vertreten haben?

Für mich war bei meiner Ankunft in

Freiberg klar, dass ich in dieser Stadt

nicht nur lehren, sondern auch wohnen

möchte. Ich habe ein altes Haus aus

dem 16. Jahrhundert in der Freiberger

Innenstadt gekauft und renoviert. Eine

Rolle spielte auch, dass ich als Student in

den Semesterferien immer wieder für

Bergbaufirmen unter Tage gejobt habe.

Reden wir über die Montangeschichte

in Freiberg. Die begann mit den ersten

Erzfunden im Jahr 1168.

Das waren die Anfänge. Im 16. Jahrhundert

dann wird das Erzgebirge zum

Motor der technischen Entwicklung,

vor allem in der Wasserwirtschaft, aber

auch in der Aufbereitung und im Hüttenwesen.

Das strahlte auf ganz Europa

aus, und das ist auch mit ein Grund

für unseren Welterbeantrag. Hier sind

Fachleute aus Europa und anderen

Kontinenten ausgebildet worden. Um

1800 hatte die Bergakademie unter

Abraham Gottlob Werner eine riesige

Strahlkraft nach außen.

Sind es also vor allem die histo rischen

technischen Anlagen, die die Region

so besonders machen?

Das Entscheidende beim Welterbe

ist, dass sie es an materielle Dinge

knüpfen müssen anders als etwa

beim immateriellen Kulturerbe wie

dem Tango oder der französischen

ERZFREUNDE


Foto: Sven Döring/Agentur Focus

Küche. Relevante immaterielle Werte

müssen sich in Gebäuden oder Strukturen

spiegeln. Gott sei Dank haben wir

das Original gebäude der Bergakademie.

Die Traditionspflege wie zum Beispiel

die Berg paraden ist eng mit der

Religion, also mit den Kirchenbauten

und ihren Bergaltären oder Knappschaftsgestühlen

verbunden. Darin ist

das Erzgebirge einmalig.

Sie haben für die Bewerbung nicht das

gesamte Erzgebirge vorgeschlagen, sondern

haben 22 Bestandteile ausgewählt.

Nach welchen Kriterien sind Sie

vorgegangen?

Die 22 Bestandteile sind mit dem Abbau

der Hauptmetallarten Zinn, Silber,

Kobalt, Eisen und Uran verbunden, letzteres

ein Alleinstellungsmerkmal im

Welterbekontext. Neben den Bergwerken

gehören besonders die Städte Freiberg,

Annaberg, Marienberg, Schneeberg,

auf tschechischer Seite Krupka, Jáchymov

und BoŽí Dar dazu. Über 50 Bergstädte

sind hier einst in einmaliger Dichte

entstanden. Schließlich kommen noch

die Landschaften hinzu, die Halden,

aber auch die Wasserversorgungssysteme.

Alle 22 Bestandteile sind unterirdisch

durch ein Wasserversorgungssysteme verbunden.

Touristisch werden wir aber

die Gesamtregion vermarkten und nicht

nur die einzelnen Welterbestätten.

Wie kann der neue Welterbetitel bei

dieser Vermarktung helfen?

Alle Untersuchungen zu den Effekten

zeigen, dass so ein Titel nur dann

etwas bringt, wenn man auch etwas daraus

macht. Dann kann Welterbe zum

Image einer Region beitragen. Es stärkt

das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein.

Wenn sie heute Welterbe

werden wollen, dann übernehmen sie

aber auch einen Vermittlungsauftrag

nach innen; sie müssen den Welterbegedanken

in der Region verankern. Welterbe

bedeutet kultureller Austausch,

Weltoffenheit und Einsatz für den

Frieden.

Es geht also nicht nur um Vergangenheitsbeschwörung

angesichts einer verbreiteten

Skepsis gegenüber der

Zukunft?

Wer die Vergangenheit nicht kennt,

kann die Gegenwart nicht verstehen

und die Zukunft nicht richtig gestalten.

Die Menschen hier tragen die

Tradition in ihrem Herzen. Das zeigt

schon der verbreitete Gruß „Glück

auf!“. Mit dem Stolz vermitteln wir

Selbstbewusstsein der Treibstoff für

künftige Entwicklungen. •

Nach einem 20-jährigen

Ringen um den Welterbetitel

kann Helmuth Albrecht

mit großem Stolz auf die

einmalige Industrielandschaft

zu seinen Füßen schauen

ERZFREUNDE


TEXT Susanne Magister

FOTOS Amac Garbe

Herr Bochmann

macht Blau


RUNDGANG

17

Tief drinnen, mitten im sächsischen

Erzgebirge, fließt die

Zwickauer Mulde durch ein

malerisches Tal. Der erhöhten Bundesstraße

283 durch die Gemeinde Zschorlau

folgend, kann man sich in dieser

abgeschiedenen Gegend auf eine sprichwörtliche

Fahrt ins Blaue begeben.

Denn fernab jeder größeren Stadt liegt

in dieser Idylle das älteste Blaufarbenwerk

der Welt eine Fabrik, in der über

vier Jahrhunderte hinweg Pigmente für

Kobaltblau und Ultramarin gefertigt

worden sind. Folgt man bei Albernau

einer weiten Kurve, in der die verlassenen

Gebäude der einstmals über 100

Arbeiter der Anlage stehen, dann tut

sich nach einigen weiteren Metern das

eigentliche Werksensemble auf ein

Gebäudekomplex mit fast mediterran

anmutender weißer Fassade und mit

dunkelblauen Fensterumrahmungen.

Diese Bauten also, sie beherbergen das

weltweit einzige Blaufarbenwerk, in

dem noch immer produziert wird: das

sogenannte Schindlerswerk.

Es geht an einem langgestreckten

Gebäuderiegel vorbei, daneben reihen

sich große blaue Plastikfässer auf. Vor

dem Haus parken Autos ausschließlich

blaue. Und irgendwann kommt einem

ein resolut erscheinender älterer Herr

Seit vier Jahrhunderten

wird im Schindler’schen

Blau farbenwerk in der

Zwi ckauer Mulde Kobaltblau

und Ultramarin

produziert


18 RUNDGANG

Im 17. Jahrhundert

übernahm man

im Erzgebirge das

Weltmonopol für

Kobalterze

entgegen blaues Hemd, leicht blau

besprenkelte Schuhe. Gerd Bochmann,

seines Zeichens Zweiter Vorsitzender

des 2017 gegründeten Fördervereins

Schindlers Blaufarbenwerk, begrüßt

einen freundlich, hält sich dann aber

nicht mehr lange mit Floskeln auf.

Zügigen Schrittes führt Bochmann

seine Besucher am einstigen Kutscherhaus,

am Casino und an der Direktorenvilla

des Werks vorbei und gelangt

schließlich zu der eigentlichen

Produktionsstätte für die blauen Pigmente.

Wo sich bis heute das gut erhaltene,

blau-weiß gestrichene Gebäudeensemble

erstreckt, hatte sich im Jahr

1649 der aus Böhmen stammende

Unternehmer Erasmus Schindler mit

seiner Familie niedergelassen, um das

letzte der vier großen sächsischen Blaufarbenwerke

zu erbauen. Es dauerte

nicht lange, und Schindler erhielt die

Konzession zur Errichtung einer Blaufarbenmühle.

Laut kurfürstlicher Verordnung

konnte bereits im darauffolgenden

Jahr mit der Produktion begonnen

werden. Die scheinbar ungünstige Abgeschiedenheit

des Schindlerswerks

sollte sich dabei als Vorteil erweisen.

Nicht nur die Lage am Fluss, dessen

Wasserkraft noch bis ins 20. Jahrhundert

hinein allen Ansprüchen Genüge tat,

erwies sich als günstiger Standortvorteil.

Auch die Nähe zu den Schneeberger

Kobaltgruben sicherte günstige Konditionen

beim Einkauf des für die Produktion

so dringend benötigten Erzes. Und

nicht zuletzt sorgte die abgeschiedene

Lage dafür, dass über die Jahrhunderte

hinweg keine Begehrlichkeiten auf das

gut 15 Hektar große Gelände geweckt

wurden und das Gros der Gebäude

somit bis heute erhalten blieb.

Alles war also bestens präpariert für

einen ganz großen Coup: Im 17. Jahrhundert

nämlich gelang es den vier

Das Blau aus Zschorlau

fand seinen Weg auch in

die Waschmaschine

erzgebirgischen Blaufarbenwerken den

Erzeinkauf gemeinsam zu kontrollieren

und somit das Weltmonopol für Kobalterze

zu übernehmen. Durch Röstung der

grauen Gesteine und unter Zugabe von

Pottasche und Quarzsand ließen sich die

typischen kobaltblauen Gläser schmelzen;

und mittels ihrer Pulverisierung entstand

schließlich ein hitzebeständiges

Blaupigment namens Smalte. Eine Weltsensation!

Aus der Abgeschiedenheit

des Erzgebirges heraus nämlich fand

Smalte bald seinen Weg auf Delfter

Kacheln oder venezianische Glasmalerei.

Alles hätte also so weitergehen können,

wären nicht genau 200 Jahre später

die Erzvorräte zur Neige gegangen.

Wo einst nur Blautöne

hergestellt wurden,

leuchtet es heute in

allen Farben


Im 19. Jahrhundert

stellte man im Erzgebirge

auf die Produktion von

Ultramarin um

Das gesamte sächsische Blaufarbenwesen

geriet plötzlich in eine tiefe Krise. Und

auch die Schließung des Schindlerswerks

wurde diskutiert. Doch dann, in

buchstäblich letzter Minute, entschied

man sich 1855 dazu, das Werk zu einer

Fabrik für künstlich erzeugtes Ultramarinblau

umzubauen. Herzstück des

neuen Produktionsprozesses wurde ein

Hüttengebäude mit zwölf Reihenöfen

samt Schamotttiegeln. Sie konnten

aus Schwefel, Soda und Kaolin in langwierigen

Oxidationsprozessen das

neue Blaupigment erzeugen.

Bei der Beschreibung der einzelnen

Arbeitsschritte ist Gerd Bochmann ganz

in seinem Element. Schließlich hat der

Chemiker sein gesamtes DDR-Arbeitsleben

im Schindlerswerk, dem damaligen

„Kombinat Lacke und Farben“,

verbracht. Er kennt also jeden Arbeitsschritt

haargenau. Wo heute ein

ultramarinblauer Farbbrocken als Anschauungsmaterial

einen der historischen

Brennöfen ziert, da hat er das

Das Blau aus Sachsen

fand seinen Weg

auf Delfter Kacheln

und venezianische

Glasmalerei

„empirische System“, wie Bochmann es

nennt, jahrzehntelang gepflegt, gewartet

und betreut. Bochmann war der Herr

über das leuchtend blaue Pulver.

Und wäre er damals nicht gewesen, am

Ende des Produktionsprozesses wäre

oft wohl nur ein gräulicher Klumpen

heraus gekommen. Bei diesem Gedanken

muss Bochmann schmunzeln.

Er scheint sich gern an die alten Zeiten

zurückzuerinnern.

Dann geht er weiter, um in anderen

Gebäudeteilen die historische Trockenmühle

oder die sanierungsbedürftige

Schlämmerei „das Enfant terrible des

schönen Ensembles“ zu erklären.

Schließlich kommt Bochmann auf die

jüngere Vergangenheit der Fabrik zu

sprechen: auf die „kaum zu erfüllenden

Treuhandauflagen“, die neue gesamtdeutsche

Abgasnorm oder die unübersichtliche

Weltmarktstruktur. All das

habe Anfang der 90er-Jahre fast zum Aus

des Traditionswerks aus Sachsen geführt.

Einige wacklige Monate und viele

mutige Investitionen später werden im

Schindlerswerk keine Pigmente mehr

hergestellt. Man hat sich heute auf die

Veredelung und die Präparierung von

unterschiedlichsten Pigmenten spezialisiert.

Daher birgt das dreigeschossige

Magazin an der Stirnseite des Werks

auch die einzigen Räume, die nicht mehr

vom Leuchten der zauberhaften Blautöne

dominiert werden. Hier, unter einem

alten Tonnengewölbe, befindet sich das

vor bunten Farben nur so strotzende

Pigmentlager. Gelb, Rot, Grün, Orange.

Wie ein Aufbegehren gegen die blauen

Stunden aus der Frühzeit der alten Fabrik.

Ein Besuch des Schindler’schen Blaufarbenwerk

hinterlässt also Spuren:

Blau funkeln diese am Ende an den Händen

und Schuhen, und farbenfroh

bleibt die Stippvisite im Gedächtnis der

vielen Besucher hängen. •

ERZFREUNDE


20

UNTERGRUND-

BEWEGUNG

Mit Studenten wie

Humboldt oder Novalis

war die Bergakademie

in Freiberg einst

ein Thinktank der

deutschen Romantik

TEXT Ralf Hanselle

Der Alte war vorangekrochen.

Unter höchsten Gefahren und

verbunden mit extremen körperlichen

Anstrengungen war er über unzählige

Leitern hinweg in schmale und

nasse Schächte hineingestiegen und

hatte sich gehend und später kriechend

in die Abgeschiedenheit der Berge vorgegraben.

Sein Ziel: „In engsten Stollen

wie in tiefsten Schluchten / ein Licht

zu suchen, das den Geist entzünde.“

Erfolg hatte er indes nicht: Als

Johann Wolfgang von Goethe im Alter

von 64 Jahren aus der „Bergwercks-

Commission“ des Herzogtums Sachsen-

Weimar­ Eisenach ausschied, musste er

schweren Herzens erkennen, dass sein

Ringen um den Bergbau aus finanzieller

Sicht eine Enttäuschung, vielleicht

sogar eine Katastrophe war. Und doch:

In seinem Engagement um die Montanunternehmungen

im Thüringer Wald

vor allem im damaligen Bergwerk

Ilmenau war der Geheimrat und

„Director über alle Bergwerks-Angelegenheiten“

über fast 30 Jahre hinweg

zum role model für die nachwachsende

Generation geworden.


Alexander von Humboldt

und Aimé Bonpland in der

Urwaldhütte in Südamerika


22

TIEFENRAUSCH

Das Bild vom Schöngeist unter Tage

nämlich hatte die Fantasie entfacht, und

angetrieben vom Tiefenrausch Goethes

ließen sich jetzt jüngere Dichter etwa

E.T.A. Hoffmann oder Novalis in

die mystischen Abgründe der Berge hineinziehen:

Hunderte Meter unter der

Rasenkante drangen sie in eine Welt vor,

die an Zauber und Magie kaum zu

überbieten war. Überall ein Funkeln

und Glitzern. Da standen Romanhelden

mit einem Mal vor Abbruchkanten,

sahen in tiefste Abgründe hinein oder

stiegen hinab bis in die letzten Berginnereien.

Denn: „Nach innen geht der

geheimnisvolle Weg“ so wollte es zumindest

die Parole der durch Bergbau

und Montanindustrie beeinflussten

jungen Romantiker.

Dreh- und Angelpunkt der kulturellen

Tiefenbohrung: die Bergakademie Freiberg,

eine damals noch junge Hochschule

im Erzgebirge. 1765 unter dem Namen

Kurfürstlich-Sächsische Bergakademie

von Prinz Xaver von Sachsen und dem

preußischen Staatswirt Friedrich Anton

von Heynitz gegründet, bestand ihr

vornehmstes Ziel in der Förderung der

angeschlagenen sächsischen Wirtschaft:

Nach der Niederlage des Kurfürstentums

im Siebenjährigen Krieg nämlich mussten

Wege gefunden werden, um aus Erzen

Geld und Gold zu machen. In Freiberg

sollten für diese Herausforderung

emsige Jung-Bergleute im Alter zwischen

16 und 26 ausge bildet werden.

Eine Erfolgsgeschichte; heute ist die

Technische Universität Bergakademie

Freiberg die älteste montan wissenschaftliche

Hochschule der Welt, und

auch schon Ende des 18. Jahrhunderts,

gerade einmal 20 Jahre nach ihrer

Gründung, lobte man die neue Ausbildungsstätte

in den höchsten Tönen.

So schrieb der sächsische Chronist und

Lokaldichter Heinrich Keller über den

neuen Wissenschaftsstandort südwestlich

von Dresden: „Die Churfürstlich

Sächsische schriftsäßige Hauptbergstadt

Freyberg ist als die dritte vorzügliche

Für Novalis war der

Gang ins Dunkel der

Berge Sinnbild für

die Verinnerlichung

des Menschen

Stadt des Churfürstenthums Sachsen

und als die erste in Rücksicht auf

die hier blühenden Bergwissenschaften

in ganz Deutschland zu betrachten.“

Ausgerechnet hier also, wo junge

Menschen in Mineralogie, Mechanik,

Physik oder reiner Mathematik aus gebildet

wurden, blühten mit einem Mal

Poesie und blaue Blumen auf. Hauptverantwortlich

für den träumerischen

shift war ein damals 25-jäh riger Student,

der im Dezember 1797

zur Ausbildung in die

alte sächsische Bergstadt

gekommen war:

der aus einer norddeutschen

Adelsfamilie

stammende Friedrich

von Hardenberg, der

Nachwelt besser bekannt

unter seinem später

zu gelegten Pseudonym

Novalis. Nicht,

dass dieser junge Mann

kein Interesse an dem

kalten Fachwissen des

vorzüglichen Freiberger

Lehrkörpers gehabt

hätte; doch der ausgebildete

Jurist betrieb

sein neues Studium

Ein Freiberger

Bergakademist in

seiner Uniform im

Jahr 1791

nicht ausschließlich für montanwissenschaftliche

Zwecke. Der Gang in die

Tiefe wurde für Novalis zum Sinnbild

für die Verinnerlichung des Menschen

an sich. Denn, so das bis heute sicherlich

berühmteste Credo von Novalis: die

Welt wartete darauf, romantisiert zu

werden. In Anlehnung an die deutsche

Mystik, an Johannes Tauler oder Jakob

Böhme, glaubte der Jungromantiker

wild entschlossen daran, dass die Mineralien

und Erze, die dunklen Stollen

und funkelnden Steine nur Schatten

einer ewigen, inneren Wahrheit seien;

das Freiberger Bergwerk mit dem fast

sprichwört lichen Namen „Himmelfahrt

Fundgrube“ ein Spiegelbild

eines unendlichen Bergwerks der Seele:

„Die Tiefen unseres Geistes kennen wir

nicht […]. In uns oder nirgends ist die

Ewigkeit.“

Fotos: © TU Bergakademie Freiberg (vorherige Doppelseite). © TU Bergakademie Freiberg Universitätsbibliothek

ERZFREUNDE


TIEFENRAUSCH

23

Foto: ddp images

Geradezu versessen war Novalis

jetzt auf den Weg nach innen. Sprachgewaltig

begeht er ihn schließlich in

seinem in Freiberg begonnenen Romanfragment

„Heinrich von Ofterdingen“,

der geradezu traumverlorenen Geschichte

um einen mittelalterlichen Sänger,

der auf einer seiner Abenteuerreisen

in das Innere eines Berges verschlagen

wird. Hier, in irgendeinem der zahlreichen

Stollen, trifft er auf einen Einsiedler,

der Heinrich nicht nur von vergangenen

Epochen der Menschheit erzählt, er

hütet zudem eine alte Chronik, die

Heinrichs eigene Lebens geschichte enthält

darin die längst vergangenen, aber

auch die noch kommenden Kapitel.

In Freiberg

wurde Humboldt

zum letzten

Universalgelehrt en

Europas

Dem Leser des „Heinrich von Ofterdingen“

ist es, als würde die Zeit still stehen

im Inneren dieser Berge. Zwischen

Grotten und Felskathedralen träumt die

Menschheit den Traum ihrer eigenen

Unsterblichkeit. Vom Bergwerk zu

Falun über die Sage vom Weiterleben

Barbarossas im Kyffhäuser bis zum

Venusberg im Tannhäuser reichen später

noch die romantischen Variationen zur

spelunca aevi zur Grotte des ewigen

Lebens. So wurden Stollen und Gruben

zu Orten, in denen sich neben Fossilien

und Gesteinen auch Wissen, Weisheit

und Geschichte ablagern konnten.

Die neue deutsche Innerlichkeit floh

so aus der politisch brisanten Wirklichkeit

ihrer Epoche und nahm Platz im

Innern der Erde.

Dass dies nicht notgedrungen nur

Rückzug und Regression bedeuten

musste, bewies um dieselbe

Zeit ein anderer

Studiosus in Freiberg.

Sechs Jahre vor Novalis,

im Juni 1791 nämlich,

sollte sich an der damals

noch jungen

Hochschule ein

kommender Genius

immatrikulieren: der

damals 21-jährige

Alexander von Humboldt.

Eigentlich wollte

der in den historischen

Gemäuern an der heutigen

Akademiestraße nur sein Interesse

an Geologie und Naturwissenschaften

vertiefen. Doch Freiberg prägte

nachhaltiger. In der Stadt an der östlichen

Mulde bereitete sich Humboldt

das Fundament für seine Karriere als

letzter Universalgelehrter Europas.

In nur acht Monaten absolvierte der

rastlose und stets etwas einsame Humboldt

ein Studium, das eigentlich auf

drei Jahre angelegt war. Während er

tagsüber in die Dunkelheit der vielen

Stollen und Bergwerke kroch, verbrachte

er die Abendstunden mit Messungen,

empirischen Beschreibungen, Klassifizierungen.

Besonders die Frage, wie das

Licht das Wachstum von Pflanzen beeinflussen

könne, trieb ihn in seiner

Freizeit um. So schaffte er es in der damals

gerade einmal 8000 Einwohner

zählenden jungen Universitätsstadt in

kürzester Zeit zum Bergassessor und

hatte darüber hinaus auch noch Zeit,

um seine ein Jahr später erscheinenden

ersten Bücher vorzubereiten; darunter

ein Aufsatz über das Basaltgestein am

Rhein und eine Abhandlung über die

unterirdische Flora in Freiberg. Unter

dem Titel „Flora Fribergensis“ beschreibt

er in dem kleinen Bändchen

ungewöhnliche pilz- und schwammartige

Pflanzen, die auf den feuchten

Holzbauten im Erdinneren wachsen.

Und als wäre die Publikation eine

erste Fingerübung für den späteren

Georg Friedrich Philipp

Freiherr von Hardenberg,

genannt Novalis

Weltruhm, nutzt er sie, um als erster

Forscher überhaupt Gewächse und

Pflanzen zu beschreiben, die vor ihm

von kaum einem Auge gesehen wurden.

Eine blaue Blume, wie sie später

Novalis in seinem „Heinrich von Ofterdingen“

vorschwebt, ist indes nicht

unter diesen Entdeckungen. Noch ist

Humboldts Blick auf den Untergrund

des Weltganzen von eher prosaischer

Natur. Der Mann, der später einmal

ganz im Geiste der Romantik erkennen

wird, dass in der Welt alles mit allem

zusammenhängt, benötigt noch einige

Jahre Zeit, um der vermeintlich toten

Natur eine lebendige Seele einzuhauchen.

„Es sind aber die Einzelheiten

ihrem inneren Wesen nach fähig wie

durch eine aneignende Kraft sich gegenseitig

zu befruchten“, wird Humboldt

gut 50 Jahre nach seinem wissenschaftlichen

Einstand in Freiberg im Lebenswerk

„Kosmos“ niederschreiben. Für

ihn selbst wie für viele andere Köpfe

seiner Zeit war die Ausbildung an der

Bergakademie ganz sicher eine solch

„aneignende Kraft“. Freiberg, das war

für viele Baustein im „belebten Ganzen“

der deutschen Romantik. •

ERZFREUNDE


Ungläubiger Thomas

ERZGEBIRGE


STADTSPAZIERGANG

25

In Freiberg wurde

Thomas Arnold zum

Bösewicht des deutschen

Fernsehens. Ein Spaziergang

durch die Landschaft

der Kindheit

TEXT Marlen Hobrack

FOTOS Sven Döring

Wenn ich es nicht besser wüsste,

ich müsste Schauspieler

Thomas Arnold für einen

Regisseur halten. Ich habe mich mit

dem 48-Jährigen zu einem Spaziergang

in seiner Geburtsstadt Freiberg verabredet.

Doch es dauert nicht lange, und

Arnold übernimmt die Regie. Mir soll

es recht sein; ich kenne mich in der

Stadt nur mäßig aus. Arnold hingegen,

bekannt aus unzähligen TV-Krimis sowie

aus preisgekrönten Filmen wie „Das

Leben der Anderen“, kennt die Stadt

wie seine Westentasche.

Nach kurzer Zeit schießen seine Zeigefinger

einem Dirigenten gleich, der

einen zackigen Marsch dirigiert, nach

links und nach rechts: hier seine alte

Schule, dort seine Bibliothek, drüben

die Werkstatt des Vaters, der einst als

Feinmechaniker tätig war. Der Kern der

Bergstadt, der von alten Ringanlagen

begrenzt wird und in einer Stunde

mehrfach abgelaufen werden kann,

scheint für Arnold eine Art Landkarte

der Seele zu sein. Jedes Haus, jeder

Hinter hof hat in sich Geschichten gespeichert.

Geschichten, die in kürzester

Zeit noch einmal aus dem Schauspieler

heraussprudeln werden.

Dabei sind nicht nur Arnolds Hände

ständig in Bewegung. Seine Augen

Ein Blick durch das

Stadttor von Freiberg

fokussieren das Gegenüber wach, die

Mundwinkel verziehen sich zu einem

schelmischen Grinsen. Das Gesicht,

sagt man, sei so etwas wie die Visitenkarte

eines Schauspielers. Arnolds Gesicht

scheint ihn für das ernste Fach zu

prä des tinieren. Ärzte, Anwälte auch

mal ein Mörder kann sich darunter verbergen.

„Wenn de so ’ne Hackfresse

hast, was willste machen?“ Ich würde

eher von einem Charaktergesicht

sprechen.

Während unseres Gesprächs bittet

der Fotograf Arnold mehrmals zu posieren.

In solchen Momenten geschieht

Erstaunliches mit dem Mimen. Die bewegten

Züge verfestigen sich, während

die Augen den Betrachter durchbohren

nur, um dann Sekunden später wieder

aufgebrochen zu werden; zum Beispiel,

wenn Arnold im Albertpark die Sandsteinstufen

der großen Treppe hinuntertanzt

wie Fred Astaire. Das Heitere

liegt ihm. Angefangen hat er genau damit:

eine frühe Karl-Valentin-Aufführung

inmitten der Straßen von Freiberg.

Doch nimmt man es ganz genau,

dann war das schauspielerische Talent

schon in dem ganz kleinen Jungen

angelegt. Arnold packt den Beginn seiner

Karriere in eine Anekdote: Wir laufen

gerade um den Dom St. Marien,

der das Herzstück des Freiberger Innenstadt

ensembles bildet, da fällt ihm diese

alte Geschichte wieder ein: Sie fällt in

die Zeit, als er, wie vermutlich die meisten

Jungen seines Jahrgangs, mit großer

Leidenschaft die Indianerfilme mit

DDR-Star Gojko Mitić guckte. Jedenfalls

betrat der kleine Thomas damals an

der Hand seiner Mutter die Marienkirche,

wurde einer Jesusplastik gewahr und

war perplex: „Guck mal, Mutti, da hängt

ERZFREUNDE


26 STADTSPAZIERGANG

der Gojko Mitić!“ Ein Kerl mit nacktem

Oberkörper und langem Haar

Wunder kindlicher Kategorienbildung.

Ob die Gemeinde daraufhin mit einem

herzlichen Gelächter auf den ungläubigen

Thomas reagiert hat, das weiß dieser

heute leider nicht mehr. Mutter Arnold

aber soll sich, so wird berichtet, mit

dem Knaben an der Hand in Grund

und Boden geschämt haben.

Ein paar Schritte weiter, eine neue

Geschichte: In dieser durfte der junge

Thomas Arnold einst dem Helden

des DDR-Raumfahrtprogramms

Sigmund Jähn die Hand schütteln.

Doch zum Unglück der Mutter trug

er in diesem großen Moment seines

noch kleinen Lebens alte und billige

Gummistiefel. „Wie kann man denn

der Leipziger und Chemnitzer, auch ist

jeder Sachse davon überzeugt, dass der

Dialekt der Sachsen aus einer je anderen

Region eigentlich vollkommen grauenhaft

klingt.

Der nachgemachte Dialekt von

Arnolds Mutter klingt niedlich. Und

Arnold selbst hat ohnehin ein interessantes

Verhältnis zu den regionalen Eigenarten

deutscher Sprache. Er nimmt

Dialekte auf, spielt sie ab und wirkt

darin ungemein überzeugend. Bei unserer

ersten Begegnung etwa legt er mit

einem schnoddrigen brandenburgischberlinerischen

Einschlag los. Von dort

steigert er sich in ein nuschelnd-nöliges

Freibergerisch und zwar immer dann,

wenn er Familie und Freunde zitiert.

„Da, wo ich gerade bin, färbe ich ein.“

Thomas Arnold

als Fred Astaire im

Albertpark

Im Kaffee Hartmann

hat Arnold einst eine

Ausbildung gemacht

zu Sigmund Jähn in Gummistiefeln

geh’n, das gibt’s doch ni!“

Thomas Arnold ahmt die Mutter im

schönsten Freiberger Sächsisch nach.

Den Nicht-Sachsen muss an dieser

Stelle erklärt werden, dass der sächsische

Dialekt enorm variantenreich sein kann.

Nicht nur unterscheidet er sich im

Vokabular der Bautzener und Dresdener,

Auch Plattdeutsch und Wienerisch hat

er drauf. Die Anverwandlung sei immer

auch Teil seines Handwerks. „Man lebt

als Schauspieler in den Figuren. Das

ist wie eine Verwandlung … Guck mal,

auf dem Löwen da bin ich immer

geritten!“ Wieder schnellt seine Hand

in die Höhe. Sie zeigt auf den Löwen

im Brunnen auf dem Rathausplatz.

ERZFREUNDE


27

Fotos: Sven Döring/Agentur Focus

„Die Geschichte der

Stadt hat sich in die

Körper der Menschen

eingeschrieben“

Arnold läuft schnurstracks los wie ein

kleiner Junge.

Mit diesem Showtalent hat er schon

mehrmals seinen Hals aus der Schlinge

gezogen. Etwa als der junge Mann

schwarzfahrend in der Bahn ertappt

wurde: „Da habe ich mir den Speichel

aus dem Mundwinkel laufen lassen und

so gesabbert.“ Er deutet einen langen

Speichelfaden an. „Da haben die Kontrolleure

sofort abgewunken.“ Oder

ein anderes Mal, als er beinahe von

Neo nazis vermöbelt wurde. „Da habe

ich angefangen zu bellen. Ich bin auf

alle Viere gegangen.“ Die Nazis nahmen

vor Schreck Reißaus.

Verblüffend bürokratisch war hingegen

sein Weg zur Schauspielerei. Eines

Tages marschierte Arnold einfach in

die örtliche Berufsberatung in einer der

vielen engen Gässchen des Freiberger

Innenstadtrings und erkundigte sich

nach der Zukunft: „Wenn man Schauspieler

werden will, was muss man ’n

da machen?“ Die patente Dame vom

Amt schlug ihr dickes Buch auf, schrieb

die Adressen der drei Schauspielschulen

im Land auf und überreichte ihm das

ganze Wissen auf einem Zettel. Suchmaschine

á la DDR.

Dass unter Tausenden Bewerbern

nur 20 ausgewählt werden würden, das

kümmerte Arnold beim Vorsprechen

nicht. Das sagt er zumindest, während

ich noch überlege, ob er wirklich so

viel Chuzpe hatte oder ob er die ganze

Geschichte nur wunderbar spielt. Übrigens

schrieb sich der angehende Schauspieler

seinen Monolog fürs Vorsprechen

damals selbst kurzerhand auf der Zugfahrt

nach Rostock. „Ich hab irgend

’nen Quatsch zusammengeschrieben; in

Passantin in den vielen

Gassen der Freiberger

Innenstadt

acht Stunden von Karl-Marx-Stadt bis

Rostock. Ich hab einfach keinen Monolog

gefunden, der mir gefiel. Da habe

ich eben selber was erfunden. Etwas,

das genau zu mir passte.“

Allerdings führte der Weg zur Schauspielerei

am Ende nicht über die Schauspielschule,

sondern über eine Berufsausbildung

als Konditor im legendären

Café Hartmann noch heute eine Institution

der Stadt, die seit Generationen

für ihre unnachahmliche Freiberger Eierschecke

berühmt ist. Zwar gibt es das

typische Hefeteiggebäck auch in anderen

Städten Sachsens, die Freiberger

Schecke aber ist besonders, kommt sie

doch seit Jahrhunderten ohne den sonst

Arnold vor dem

Bronzemodell der Stadt

Freiberg auf dem

Schlossvorplatz

üblichen Quarkbelag aus und wird

warm gegessen.

Wir wollen einen Test machen, doch

leider hat das Hartmann an diesem

Tag zu. Kein Beinbruch angesichts der

Bäckerdichte in der Innenstadt. Die

Sachsen sind eben ein Kuchenvolk, und

so würde gerade das Hartmann jedem

x-beliebigen Wiener Kaffee haus in

nichts nachstehen. Freiberg also, ein

kleineres Wien?

Die Geschichte der Stadt ist eine

andere. Hier wurden, wie überall in

der Region, Silbererze aus der Tiefe

des Berges gegraben. Arnold ist überzeugt,

dass sich diese Geschichte in die

Körper der Bewohner auch

in seinen eigenen eingegraben habe.

Dass die Männer hier von kleinem

Wuchs sind, sei ein schönes Indiz für

diese These. Die „Langen Kerls“

brauchte Friedrich der Große, die sächsischen

Kurfürsten aber kurze Kerle

mit kräftigen Händen. Hände wie

Schraubstöcke, meint Arnold und

streckt seine eigenen vor.

Zum Schluss schlendern wir zu

Schloss Freudenstein hinauf. Auf dem

Vorplatz steht ein großes Bronzemodell

der Stadt. Arnold beugt sich darüber

und streckt die Schraubstockhände aus.

Sein Haus, seine Schule, seine hood.

„Die Szene erinnert mich an ,Shining‘“,

lacht er. „Ich bin der Jack Nicholson

von Freiberg.“ Irgendwie hat er damit

wohl recht. •

ERZFREUNDE


28 GLOSSAR

Im Berg ruft’s

Alles außer Hochdeutsch: Die kuriosesten

Vokabeln der einstigen Bergleute zwischen

Oberwiesenthal und Altenberg

TEXT Wolfgang Ranft

ILLUSTRATIONEN Elena Xausa

02 BERGMAGAZIN

Lager für Materialien, die für das

Bergwesen benötigt wurden, aber auch

Lager von Getreide, das zur Überwindung

von Notzeiten angelegt wurde.

Bergregal

01 ARSCHLEDER

Als Bestandteil der Bergmannskleidung

diente das Arschleder dazu, den

Hosenboden vor dem Durchwetzen

zu schützen, vor allem bei der Einfahrt

in schräg liegende Stollen. Zudem

schützte es im Schacht beim Sitzen vor

Nässe. Um 1500 erstmalig in der

Slowakei nachzuweisen, ab 1516 im

Erzgebirge gebräuchlich.

03 BLINDSCHACHT

Ein Schacht, der zwei oder mehr

Sohlen verbindet und nicht bis zur

Tagesoberfläche führt, also „blind“ ist.

04 DURCHSCHLAG

Wenn Strecken, Stollen oder Schächte

zur Herstellung von Verbindungen

zwischen Grubenbauten aufgefahren

wurden, spricht man vom „Durchschlag“,

wenn der angezielte Grubenbereich

erreicht wurde. Zur Beschleunigung

des Vortriebs langer Strecken

wurde oft im „Gegenortbetrieb“ vorgegangen,

dann waren die einzelnen

Abschnitte „durchgeschlagen“, wenn

die Verbindung untereinander hergestellt

war.

05 FAHRT

Bergmännische Bezeichnung für

eine Leiter.

06 FAHRUNG

Fortbewegung von Menschen unter

Tage zu Fuß, mit Personenzügen,

mit Einschienenhängebahnen, Flurförderbahnen,

Bandförderern oder

Sesselliften.

Blindschacht

07 GEDINGE

Lohnvereinbarung über eine für

ein bestimmtes Entgelt zu erbringende

Arbeitsleistung (Akkord)

und nicht nach vereinbarter Zeit

(Schichtlohn).

08 HABIT

Bergmännische Kleidung in einer

der Rangordnung entsprechenden

Ausstattung.

09 KAUE

Als Kaue bezeichnet man ein Grubengebäude

über Tage, in dem sich die

Bergmänner umkleiden und waschen

können.

ERZFREUNDE


GLOSSAR

29

10 MUNDLOCH

Ausgang eines Stollens an der

Erdoberfläche, der häufig gemauert

und mit dekorativen Elementen

versehen ist.

11 NIEDERLAGE

Die Niederlage ist ein Zwischenlager

für Kohlen, Erze und andere Rohstoffe,

von wo aus der Weitertransport bzw.

die Verladung durchgeführt wurde.

12 PINGE

Trichter- oder muldenförmige Vertiefungen

an der Erdoberfläche, die durch

das Einbrechen von Hohlräumen, alter,

oberflächennaher Abbaue, Förderschächte

oder Lichtlöcher entstehen.

13 REGAL, BERGREGAL

Das dem Landesherren zukommende

Recht, alle in seinem Lande vorkommenden

Metalle, Erze und andere

nützliche Fossilien abzubauen.

Mundloch

14 SEILFAHRT

Begriff aus der Bergmannssprache

für das Transportieren von Personen

im Schacht mittels Förderkorb.

Niederlage

15 STROSSENBAU

Älteste Abbaumethode für den

Gangerzbergbau und das typische

Abbauverfahren vor dem 16. Jahrhundert,

bei dem von oben nach unten

stufenförmig abgebaut wird.

16 TÜRSTOCK

Aus Rundholz gezimmerter Unterstützungsbau

in Stollen und Strecken

gegen Verbrüche und Steinfall. Ein

Türstock besteht in der Regel aus zwei

Stempeln und einer Kappe.

17 WASSERKUNST

Gesamtheit mittelalterlicher, technischer

Anlagen zur Hebung des

Grundwassers aus dem Bergwerk, seit

dem 16. Jahrhundert meist in der Form

des „Kunstgezeuges“, eingerichtet

und instand gehalten von den „Kunstmeistern“,

den frühesten Ingenieuren

im Bergbau.

18 WETTER

Bergmännischer Ausdruck für die

in einem Bergwerk vorliegenden

(Atem-)Luftbedingungen (Luft-Gas-

Gemisch). Man unterscheidet gute

bzw. frische Wetter und im Gegensatz

hierzu matte, böse oder insbesondere

im Steinkohlenbergbau bei

entsprechend starker Staub- oder

Gaskonzentration schlagende

Wetter.

19 XENOLITH

Einschluss von Fremdgesteinen in

magmatischen Schmelzen bzw.

Gesteinen.

20 YELLOW CAKE

Endprodukt des chemisch aufbereiteten

Uranerzes. In dieser Form

wurde das Uran von der SDAG

Wismut in die damalige Sowjetunion

geliefert, wo es für das dortige

Atomprogramm genutzt wurde.

21 ZEHNTNER

Bergbeamter, der mit der Erhebung

und Einkassierung der Abgaben

für den Regalherren, dem Zehnten der

ausgebrachten Metalle, betreut war.

Wetter

Die Texte folgen dem

„Berg(er)baulichen Wörterbuch“

von Wolfgang Ranft.

Quelle: Welterbe Montanregion

Erzgebirge e. V.

ERZFREUNDE


Ab ins Grüne!


OUTDOOR

31

Auf der Naturbühne Greifensteine

bei Annaberg-Buchholz gibt es Theater und

Konzerte unter freiem Himmel und zwischen

echten Erzgebirgsfelsen

Regisseurin Tamara

Korber und Intendant

Ingolf Huhn im

Zuschauerraum

Das Stück „Elfen-Feuer

zwischen Felsen“ ist

ein flirrendes und

funkelndes Spektakel

TEXT Irene Bazinger

FOTOS Marko Seifert

Das Theater ist ein ausgesprochener

Hallensport, wenigstens

hierzulande: Es gedeiht am

besten in dunklen, trockenen Räumen

und akustisch abgeschottet gegen alles,

was draußen vor der Tür geschieht.

Im Sommer freilich, wenn die Nächte

kurz, die Ferien lang und die Gewitter

hoffentlich knapp sind, zieht es selbst

die härtesten Nachtschattengewächse

der Hochkultur hinaus an die frische

Luft. Das kann in renommierten

Orten wie Salzburg, Verona oder Bad

Segeberg der Fall sein. Es sind allerdings

immer noch Geheimtipps

zu entdecken, wie zum Beispiel die

Naturbühne Greifensteine.

Dieses einzigartige Freilufttheater bei

Annaberg-Buchholz wirkt wie aus einem

Märchen: In einem dicht bewachsenen

Wald ragen ein paar pittoresk übereinandergeschichtete

Steinfinger in den

Himmel. Früher befand sich an dieser

Stelle ein Granitsteinbruch, und weil

dessen Material sehr begehrt war, mussten

einige der historischen Säulen dran

glauben. Die übrig gebliebenen stehen

in einem Halbkreis und bilden eine

Art urwüchsiger Bühnenraum. Diese

hochromantische Kulisse regte Künstler

schon Mitte des 19. Jahrhunderts an,

darin Theaterstücke aufzuführen. 1931

dann begann das Stadttheater Annaberg

einen kontinuierlichen sommerlichen

Gastierbetrieb einzurichten. Der wurde

auch im Zweiten Weltkrieg beibehalten

und von der „Spielgemeinschaft für

Nationale Festgestaltung“ in Zusammenarbeit

mit dem Waldtheater Oybin

fortgesetzt.

Seit 1952 bespielt das Eduard-von-

Winterstein-Theater aus Annaberg-

Buchholz die Naturbühne und gibt

in diesem Jahr von Juni bis in die erste

Septemberwoche insgesamt rund

60 Vorstellungen für Kinder wie für

Erwachsene. Damit das möglich ist,

ERZFREUNDE


32

werden die üblichen Theaterferien vorverlegt

und die Mitarbeiter können

die Festspiele ausgeruht bestreiten. Das

Programm reicht von Kinderstücken

wie „Ronja Räubertochter“ oder „Der

Zauberer von Oz“ über „Blues Brothers“

als „Rhythm-and-Blues-Night“

bis hin zu Operetten wie „Der Zigeunerbaron“.

Das breit gefächerte Angebot hat

Methode, wie Ingolf Huhn, seit 2010

Geschäftsführender Intendant, erläutert:

„Wir versuchen, möglichst viele Menschen

mit unserem Sommerprogramm

anzusprechen. Die Produktionen sind

niedrigschwellig, und die Naturbühne

ist so stimmungsvoll, dass sich selbst

Leute, die sonst nicht unbedingt ins

Theater gehen, wohlfühlen können.“

Die 1200 Plätze in den sanft ansteigenden

Reihen sind nicht nummeriert.

Wer zuerst da ist, sitzt zuerst auch bei

dem regelmäßig stattfindenden großen

Country-Musikfestival. Die Zuschauer

treffen oft spontan ein, darüber hinaus

haben aber auch Busunternehmen die

„Greifensteine“ längst im Sortiment.

Viele Besucher bringen Picknickkörbe

und Decken mit, andere verpflegen

sich mit Bratwurst, Eis und Bier oder

Limonade am hauseigenen Kiosk.

Die Wege sind kurz und naturbelassen,

zwischen den Steinen lugt Gras

hervor. Ein Dach gibt es nicht, weshalb

bei Regen die eine oder andere Aufführung

ausfallen muss. Die Unstetigkeit

der Witterung fordert dem Ensemble

wie dem Publikum mitunter einiges ab,

aber wer hierherkommt, ist prinzipiell

wetterfest.

Ingolf Huhn betont den Charakter

einer offenen Gesellschaft und meint

damit neben der kreativen Transparenz

eben auch die meteorologische Durchlässigkeit

in sämtliche Himmelsrichtungen.

Recht hat er, denn es ist wirklich

zu schön, zwischen den hohen Felsgebilden

den Vorstellungen zuzusehen

sowie dem Einbruch der Dämmerung,

bis schließlich die Nacht eine vertraute

Theatersituation schafft, in der Scheinwerfer

für Licht und Schatten, für

kunstvolle Effekte und bunte Akzente

sorgen. Etwa immer dann, wenn sich

Kletterer von den Greifensteinen

abseilen, sich Akteure hoch zu Ross

ins Geschehen einmengen oder wenn

von irgendwo oben ein Tenor durch

die Abendröte singt.

„Ich liebe die Arbeit unter freiem

Himmel“, sagt die Regisseurin Tamara

Korber, die in diesem Ambiente bereits

mehrere Produktionen realisiert hat:

„Ich liebe die frische Luft, die Weite

des Horizonts, die Dimensionen dieser

Bühne! Ich mag es sogar, wenn die Leute

mit einem Bier oder einer Tüte Popcorn

hereinschlendern, sich auf ihre Kissen

Einzig Garderobe,

Requisite und Kasse sind

an den Greifensteinen

überdacht

ERZFREUNDE


OUTDOOR

33

Fotos: Marko Seifert (2). Dirk Rückschlo./BUR-Werbung (vorherige Doppelseite). Marko Seifert

Im Jahr 1846 wurde

an den Greifensteinen

erstmals Theater

gespielt

Im Sommer drängen

bis zu 1200 Besucher

am Tag zum Eingang

der Felsenbühne

fläzen und die Dinge ganz entspannt

auf sich zukommen lassen. Die Schauspieler

müssen sich die Aufmerksamkeit

ihres Publikums erobern können, das

ist eine prima Übung!“

Tamara Korber absolvierte die Schauspielschule

in Rostock und konzentriert

sich mittlerweile auf die Regie. Zusammen

mit der Dramaturgin Annelen

Hasselwander hat sie das erfolgreiche

Fantasy-Stück „Elfen-Feuer zwischen

Felsen“ geschrieben und selbst inszeniert.

In diesem „flirrenden, funkelnden,

glitzernden Nachtspektakel“ mit vielen

live dargebotenen Hits von Udo Lindenberg

bis zu Nirvana geht es vergnüglich-versponnen

um Trolle und Elfen,

um den Verlust von Kraft und Tradition,

um den Gewinn von Freundschaft

und Identität. Die Zeiten und Welten

Wer im Sommer in

das Naturtheater

Greifensteine kommt,

der ist prinzipiell

wetterfest

vermischen sich, und geheimnisvolle

Fabelwesen begegnen Radwanderern aus

der Gegenwart.

Tamara Korber, die mit ihren langen

roten Haaren und den fließenden

Bewegungen fast wie eine Figur aus

ihrem eigenen Stück erscheint, kennt

das atmosphärische Kolorit und die

technischen Gegebenheiten der Naturbühne

genau. Sie kann die Greifensteine

wirkungsvoll in die Handlung integrieren

und die Geschichte auf packende

Weise mit Tanz und Akrobatik erzählen.

Da stimmt die Ökonomie der Inszenierung

ebenso wie die Umsetzung über

Stock und Stein. Wenn sich am Schluss

alles verbeugt, die Musiker noch einmal

gehörig Rabatz gemacht haben und

gegen Mitternacht ein Feuerwerk abbrennt,

wird die Naturbühne mit den

markanten Greifensteinen wahrhaftig

zu einem magischen Ort, an dem nichts

unmöglich ist: auf der Spur der Steine

dem Himmel so nah.

Wer davon fasziniert ist, taucht

vielleicht bald auch im Eduard-von-

Winterstein-Theater im Zentrum von

Annaberg-Buchholz auf und will in

Erfahrung bringen, wie sich die Schauspieler,

die Open Air so toll waren,

unter einem festen Dach präsentieren.

Es würde sich lohnen, denn Intendant

Ingolf Huhn stellt hier nicht nur Jahr

für Jahr einen abwechslungsreichen

Spielplan für das Zwei-Sparten-Haus

zusammen, er bringt es auch regelmäßig

in die überregionalen Feuilletons: 2014

mit „Tanhäuser“ von Carl Amand

Mangold, im April mit „Der Grossadmiral“

von Albert Lortzing und nächste

Saison hoffentlich mit „Die Hochzeit

des Jobs“ von Joseph Haas. Und dafür

findet sich ein Publikum in einer kleinen

Stadt tief im Erzgebirge? „Da werde

ich durchaus auf der Straße angesprochen

und gelobt oder kritisiert“, sagt

Huhn, der zuvor Operndirektor in

Meiningen und Intendant in Freiberg-

Döbeln sowie Plauen-Zwickau war.

Durch das Vertrauensverhältnis, das

er zu seinem Publikum aufbauen

konnte, werden auch weniger bekannte

Werke angenommen: „Am besten ist

es, wenn die Menschen sagen, das war

unsere Ausgrabung. Dann haben sie

sich auf das künstlerische Abenteuer eingelassen

und tragen es mit.“ Der eloquente

Primus inter Pares war fünf

Jahre lang Assistent der Regie-Legende

Ruth Berghaus. Von ihr hat er gelernt,

dass sich ein Regisseur am jeweiligen

Werk beweisen muss, nicht umgekehrt.

Das Werk hat immer recht!“, erklärt

Huhn und entwickelt aus dieser Haltung

seine Ästhetik. „Rein geografisch

mögen wir hinter den sieben

Bergen bei den sieben Zwergen liegen,

doch was das Theater betrifft, da

macht uns so leicht niemand etwas

vor.“ •

ERZFREUNDE


35

Vornehme

Phoneme

Der aus Annaberg-

Buchholz stammende

Dichter und Grafiker

Carlfriedrich Claus war

Dickkopf, Schriftbildner

und Extrempoet.

Eine Hommage

TEXT Teresa Ende

Daheim im Sprachgewebe:

Carlfriedrich Claus in seinem

Studienraum in Annaberg-

Buchholz im Jahr 1982

Man muss das Gedankenensemble

durch sein Nichts schicken“,

entfuhr es Carlfriedrich Claus

einmal bei einem Ateliergespräch mit

dem Kunsthistoriker Henry Schumann

im Jahr 1976. Das klingt lässig, provokant

und irgendwie verschroben. Doch

es trifft ins Herz der poetischen, schriftbildnerischen

und klanglichen Experimente

dieses eigenbrödlerischen Kreativen,

der zu den herausragenden und

doch oft übersehenen deutschen Künstlerpersönlichkeiten

des 20. Jahrhunderts

zählt.

Dabei sah sich der 1930 in Annaberg

geborene Claus lange Zeit selbst überhaupt

nicht in dieser Rolle. Aufgewachsen

in einer die Nationalsozialisten

offen ablehnenden, progressiven Familie,

interessierte er sich zwar früh für

die „entarteten“ Künstler für George


Carlfriedrich Claus

brach Sprache in

ihre Bestandteile

auf in Laute und

Buchstaben

Grosz, Paul Klee, Wassily Kandinsky,

El Lissitzky, Pablo Picasso. Doch eigentlich

zählte die Literatur zu seinem

Hauptinteresse. Claus las Heinrich Heine,

Carl Einstein, Ernst Bloch, Daniel-

Henry Kahnweiler. Zur Schule ging er

ungern, und ebenso wenig sagte ihm

die spätere Lehre als Einzelhandelskaufmann

zu. Den von den Eltern übernommenen

Schreibwarenhandel in

Annaberg gab er daher früh an den Volksbuchhandel

der DDR ab.

Ihm lag halt mehr das Kreative: Bereits

mit Anfang 20 begann Claus,

experimentelle Literatur zu erzeugen; es

entstanden theoretische Texte, aber

auch Klangarbeiten und Lautprozesse.

Claus unternahm Sprechversuche in

Wechselbeziehung zu Naturvorgängen

oder zur Neuen Musik, und er versuchte,

Sprache in einzelne Laute und

Buchstaben aufzubrechen. Dabei war er

beileibe kein L’art-pour-l’art-Wiedergänger:

Für ihn war Sprache sei es in

Form von Literatur, als gesprochenes

Wort oder visuell als bildende Kunst

nicht selbstreferenzielles Experimentierfeld,

sondern politisches Analyseinstrument

und Werkzeug im Dienste der

höheren, und das hieß für ihn: kommunistischen

Sache.

Mit seinen sogenannten Sprachblättern

entwickelte er seit 1961 eine

grafisch-visuelle Form von Schrift-

Linea turen, die, doppelhändig ausgeführt,

auf transparentem Papier zu

flirrend-rhythmischen Strukturen anwachsen

eine Art visueller Stream

of Consciousness, dessen Aufzeichnung

ihn nächtelang fesseln und worüber er

sogar alles andere vergessen konnte.

Blätter mit oft kryptischen Titeln wie

„Geschichtsphilosophisches Kombinat“

sind ein Neben- und Ineinander von

Oben: „Geschichtsphilosophisches

Kombinat,

Blatt 18“, 1963

Unten: „Aurora-Mappe,

Blatt 11“, 1976/1977

ERZFREUNDE


KUNSTKOPF

37

Fotos: Rudi Meisel/VISUM (vorherige Doppelseite). bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/László Tóth, © Carlfriedrich Claus, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Grafik, Schrift, autonomen Zeichen

und Leerstelle. Claus löste Kompositionskategorien

wie vorn und hinten, Figur,

Form und Grund, Gegenstand und Abstraktion

auf; Phonetik, Semantik,

Bewusstsein und Unbewusstsein scheinen

zu verschwimmen. Die grandiose

Mappe „Aurora“ vereint das labyrinthische

Wabern des Informel mit der großen

reduzierten Form und liefert damit

Bilder für die Befreiung des Einzelnen

aus gesellschaftlichen Zwängen.

All diese Experimente aber machten

dem Extremdichter nicht nur Freunde.

Claus, eigentlich überzeugter Marxist,

wurde von der DDR-Staatssicherheit

und von anderen Behörden derart misstrauisch

beäugt, dass man ihm die Ausreise

nahelegte. Doch er blieb standhaft.

Ein Außenseiter in Annaberg „kein

Geld, keine Frau, kein Diplom, nicht mal

einen Bauch“, wie er selbst die eigene

Existenz lakonisch auf den Punkt zu

bringen verstand. Dabei erhielt er in der

reglementierten Kunstszene der DDR

auch Unterstützung. So wurde er früh

von dem Leiter des Dresdner Kupferstich-Kabinetts,

Werner Schmidt, sowie

dem Galeristen Klaus Werner ge fördert.

Die experimentelle Galerie und Künstlergruppe

„Clara Mosch“ um Thomas

Ranft und Michael Morgner erleichterte

zumindest zeitweise die Präsentation

und den Verkauf seiner Werke.

Erst mit dem Ende der DDR kam

für Claus die breitere Anerkennung.

In kurzer Folge erhielt er Kunstpreise

und wurde in die Berliner Akademie

der Künste aufgenommen. Es war ein

kurzer Ruhm. Claus starb mit nur 67

Jahren, am 22. Mai 1998. Er hinterließ

Hunderte Handzeichnungen und

Druckgrafiken, Fotografien, Manuskripte,

Tagebücher und eine 22 000 Briefe

umfassende Korrespondenz unter

anderem mit Hans Arp, Ernst Bloch,

Will Grohmann, Raoul Hausmann,

Lothar Lang, Fritz Winter, allein 1000

Briefe und Postkarten mit Christa

und Gerhard Wolf. Der Vielleser Claus

besaß mehr als 10 000 Bücher, die heute

für das Verständnis seiner Werke unverzichtbar

sind. Schließlich existieren bei

Claus Bild, Klang, Sprache, Schrift,

Körper, Individuum und Gesellschaft

nie losgelöst voneinander. Dieses

dialogische Grundprinzip machte ihn

in der DDR zwangsläufig zum Isolierten

und vielleicht erst nach seinem

Tod zum hochgeschätzten Denker

und Diskutanten. •

„Typoskript“, 1958

Stiftung Carlfriedrich Claus-Archiv

Obwohl sich Carlfriedrich Claus

selbst immer als Schriftsteller

verstanden hat, werden seine Werke

heute in Museen gesammelt. Allein

575 Handzeichnungen und 711

Druckgrafiken des Künstlers sowie

Arbeiten von Zeitgenossen, die mit

Claus befreundet waren, lagern heute

in der Stiftung Carlfriedrich Claus der

Kunstsammlungen Chemnitz

ERZFREUNDE


38 SPUKGESCHICHTEN

Im Wald da

sind die Räuber

Im Unterholz der grünen Bergkämme

gedeihen nicht nur Moose und Farne,

auch Märchen, Mythen und düstere Sagen

fallen im Erzgebirge auf fruchtbaren Boden

TEXT Josefine Gottwald und Ralf Günther

FOTO Marcus Glahn

Als der ostfränkische König

Heinrich im 11. Jahrhundert

auf einem Feldzug das Erzgebirge

durchquerte, nannte er die Gegend

„Miriquidi“ Finsterwald. Denn

dem undurchdringlichen Urgehölz

haftete etwas Düsteres an. Und so ist es

eigentlich kein Wunder, dass dort, wo

Sachsen noch immer am dünnsten

besiedelt ist, Sagengestalten und märchenhafte

Naturwesen seit Urzeiten ihr

Unwesen treiben.

Vielleicht sogar stand hier so etwas

wie ein Märchen ganz am Anfang der

Entwicklung. Denn die Städte am Berg

Annaberg, Altenberg, Freiberg sind

einst durch geradewegs märchenhafte

Erzfunde entstanden. Silber und Zinn

hat man hier abgebaut, später Blei,

Lithium, Uran. Der lockende Reichtum

zog Bergleute an; um ihre Hütten

herum wuchsen Höfe, Mühlen,

Schmieden. Doch das Glück der Menschen

war stets auch der Willkür höherer

Mächte unterworfen: Im Wald waren

eben nicht nur die Räuber, es gab

auch Unwetter und wilde Tiere. Und

im Inneren des Berges …, da begibt

man sich ohnehin in Gottes Hand.

Die späte Christianisierung überformte

die oft aus Angst geborenen alten

Sagen mit christlicher Moral. Da

versiegten plötzlich Erzadern, weil die

Menschen die Gaben nicht gewürdigt

hatten; und einen grausamen Tod im

Berg fand, wer den Herrgott nicht recht

gefürchtet hatte. So soll etwa einst ein

Berggeist, erzürnt vom gottlosen Leben

der Menschen im Ort Bärenstein, mit

seinem Karren ausgezogen sein, um

seine Schätze „lieber in Altenberg auszubreiten“.

Und auch im Dreikönigsschacht

im Westerzgebirge versiegte mit

einem Mal die Erzader als Strafe für

die Verschwendung der Menschen. Im

Dunkel der Berge ist eben nichts ausschließlich

rational; überall treiben

geheimnisvolle Mächte ihr Spiel.

Da wäre etwa der schwarze Pudel

von Hirschsprung: Mit seinen glühenden

Augen soll er des Nachts die Zecher

erschreckt haben. Und diesen Spuk

beherrschte er derart glaubhaft, dass er

später Eingang in die höchste Literatur

finden sollte. In Goethes „Faust“ taucht

der erzgebirgische Kläffer nämlich

als teuflischer Mephisto wieder auf und

prägte dort das Wort von „des Pudels

Kern“. Kein Wunder, kannte doch der

Geheimrat Goethe das Erzgebirge wie

seine Westentasche. Auf dem Weg in

die böhmischen Bäder hatte er oft den

ERZFREUNDE


SPUKGESCHICHTEN

39

Einst nannte man das

Erzgebirge Finsterwald.

Damals war die Region

wohl ähnlich verwachsen

wie in diesem Wald in

Lengefeld

Kamm der dunklen Hügel gekreuzt.

Und als Inspektor der Bergwerke eines

seiner vielen Weimarer Hofämter

fuhr er regelmäßig selbst in die tiefen

Abgründe der Bergwelt des Thüringer

Waldes ein.

Die Menschen im

Erzgebirge glauben

an die Existenz einer

„Grünen Frau“ oder

an „Moosmännchen“

Doch es gab im Erzgebirge eben

nicht nur Mephisto, schließlich waren

die Leute hier eigentlich brave Kirchgänger.

Das hielt sie aber nicht davon

ab, an Zwerge oder ähnliche kleine Gestalten

zu glauben. In den Bergen gilt:

Sicher ist sicher! Bis heute gewährt daher

manch Erzgebirger den mystischen

Figuren einen Unterschlupf im Hinterkopf;

vielleicht mit ein Grund dafür,

warum man die Menschen in dieser

Region zuweilen für verschroben hält.

Aber es ist eben zu verlockend, den

Gottesglauben neben den Aberglauben

zu platzieren. Man muss ja nur einmal

durch die einsamen Wälder in diesem

Landstrich streifen, um bereit zu

sein, an eine „Grüne Frau“ oder an das

runzelige „Moosmännchen“ zu glauben.

Letzteres kann der listige Wanderer

übrigens nur erblicken, wenn er es aus

dem Augenwinkel betrachtet.

Dann wäre da noch das „Mätzel“,

ein Teufel in Tiergestalt. Dieses, heißt es,

könne Wohlstand verschaffen, wenn

man es heimlich füttert. Das „Jüdel“

wiederum, ein spaßiges Kindergespenst,

soll Neugeborenen ein Lächeln auf

die Lippen zaubern. Wer könnte behaupten,

es nicht zu kennen?

Abgeschiedenheit wirft den Menschen

eben auf sein verlorenes Selbst

zurück und lässt Einbildungen für wahr

erscheinen. Da ist es eigentlich nicht

verwunderlich, dass die Montanregion

Erzgebirge bis in die Neuzeit hinein

als ein Ort erscheint, an dem Wunder

prinzipiell möglich sind.

Von einem solchen Wunder erzählte

auch der Schriftsteller Stefan Heym

in seinem 1984 erschienenen Roman

„Schwarzenberg“. Es ist die Geschichte

eines Machtvakuums, das am Ende

des Zweiten Weltkriegs an einer Schnittstelle

des US-amerikanischen und des

sowjetischen Einmarschgebietes entstanden

sein soll. Weder die Amerikaner noch

die Russen, so heißt es, wollten von

dem abgelegenen und offenbar von einem

mysteriösen Völkchen bewohnten

Landstrich am südlichen Gebirgsrand

Besitz ergreifen. Die Geschichte ist eigentlich

historisch verbürgt, und doch

wird sie bis heute auf immer neue Weise

erzählt. Angeblich sollen die Schwarzenberger

ihre Chance genutzt und die

Regierung durch sogenannte Aktionsausschüsse

selbst ausgeübt haben.

Die „Freie Republik Schwarzenberg“

existierte ganze 42 Tage lang und fügt

sich wunderbar in diese sagenumwobene

Welt aus Fabel, Fakt und Fantasie.

Mit der wiederentdeckten Identität

als Grenzregion nach dem Fall des

Eisernen Vorhangs erwachten Märchen

und Hokuspokus zum vorerst vielleicht

letzten Mal. Denn abergläubisch sind

die Menschen im Erzgebirge aus Tradition.

So ist seit geraumer Zeit wieder

ein sogenanntes Liebstöckelkraut in

Mode. Einstmals, sagt man, soll das Gesöff

Flüche gebrochen haben, heute

genießt man es eher als Kräuterschnaps.

„Miriquidi“ wiederum, jener Finsterwald

aus dem 11. Jahrhundert, ist längst

zum Namen einer Rehaklinik geworden,

und ein Weihnachtsschmaus

namens „Neinerlaa“ verspricht noch immer

kleine Wunder und das mitten

in einer Landschaft, in der man die

mystische Allgewalt der Natur ganz gegenwärtig

spüren kann. •

ERZFREUNDE


40

Jens Bretschneider im

traditionellen Habit der

Bergleute. Im Hintergrund

Schneeberg mit seiner

St.-Wolfgangs-Kirche


VEREINSLEBEN

41

Ein Erz

und eine Seele

Auch wenn der Bergbau längst beerdigt

worden ist, die Tradition lebt in den stetig

wachsenden Bergmannsvereinen fort

TEXT Jens Wiesner

FOTOS Christoph Busse

Glück auf!“ Die freundliche

Bäckersfrau im Freiberger Bio-

Supermarkt trägt keinen

Grubenhelm, keinen Bergkittel und

sieht auch sonst nicht aus, als sei sie jemals

unter Tage gewesen. Trotzdem

empfängt sie ihre Kunden mit jenem

traditionellen Bergmannsgruß, der im

16. Jahrhundert im Erzgebirge seinen

Ausgang nahm und schnell deutschlandweite

Verbreitung fand.

Dem ungeübten Ohr mag das durchaus

komisch vorkommen; der Untertagebergbau

im Erzgebirge liegt schließlich

seit 30 Jahren größtenteils brach.

Früher, ja früher, sah das anders aus:

500 Jahre lang waren Bergmänner in die

Fundgruben von Freiberg, Schneeberg

Annaberg, Joachimsthal und Marienberg

eingefahren und hatten Silber, Kobalt,

Zinn, Blei, Nickel und Uran aus

dem Gestein geschlagen. Doch mit der

Wende 89/90 war damit vorerst Schluss:

Es lohnte sich einfach nicht mehr, die

restlichen Erze aus dem Berg „zu

kratzen“.

Und es stimmt ja: Der Berg hat

seine Reichtümer zu keiner Zeit verschenkt,

nicht einmal während des

„Großen Berggeschreys“ am Ende des

15. Jahrhunderts. Das Erz musste ihm

immer abgetrotzt werden mit Blut,

Schweiß, Muskelkraft und Menschenleben.

Und dass so ein Knochenjob auf

lange Sicht krank machte, war seit Jahrhunderten

bekannt. Gearbeitet wurde

trotzdem unter Bedingungen, die sich

heute kaum noch ein Mensch vorstellen

kann.

Der Stolz auf diese entbehrungs reiche

Arbeitsleistung der Altvorderen hat

sich tief in die DNA der Menschen im

Erzgebirge gebrannt. „Alles kommt

vom Bergwerk her“ sagt man hier und

meint es so. Franz-Peter Kolmschlag

indes, Geschäftsführer des Sächsischen

Landesverbands der Bergmanns-,

Hütten- und Knappenvereine, hört diesen

Spruch gar nicht gern. Und das

hat mit seinem Titel zu tun: Der Ruheständler

ist nämlich nicht Berg-, sondern

Hüttenmann. Als solcher war

er für die Veredelung jenes Rohstoffs

zuständig, den die Bergmänner gefördert

haben.

Doch bei der Bewahrung der Traditionen

ziehen Hütten- und Bergleute

längst an einem Strang. 64 örtliche

Vereine mit insgesamt 3500 Mitgliedern

umfasst der Dachverband Tendenz

steigend. Bei den meisten von ihnen

beginnt die Begeisterung für den Bergbau

bereits im Kindesalter so wie

bei Ray Lätzsch, seit über 20 Jahren

ERZFREUNDE


42

Vorsitzender der Bergbrüderschaft

„Schneeberger Bergparade“ und fast genauso

lange im Landesverband aktiv.

„Wir dürfen nicht nur die kalte Asche

bewahren, sondern müssen auch das

Feuer bei der jüngeren Generation

wecken“, ist sich der 49-jährige Direktor

eines Pflegeheims sicher, der

bereits mit 14 Jahren der Bergbrüderschaft

beitrat und dessen Großvater

noch selbst unter Tage „malocht“ hat.

Bei Jens Bretschneider sieht es ähnlich

aus: „Der Opa im Berg“, diese

Erzählung ist in den Familien im Erzgebirge

allgegenwärtig. Bei Bretschneider

aber war es die Musik, die den heutigen

Landesbergmusikdirektor und Chefdirigenten

des Schneeberger Musikkorps

zur Tradition gebracht hat. Freilich,

in seinem 60-köpfigen Orchester

werden nicht ausschließlich Bergmannslieder

gespielt. Aber wenn zum Ende

eines Konzerts das Steigerlied geschmettert

wird, dann hält es hier im Erzgebirge

niemanden mehr auf seinem

Stuhl: „Dann stehen alle auf, egal ob

jung oder alt, ob Mann oder Frau,

und singen aus vollster Kehle mit.“

Festzuhalten bleibt aber auch: Die

wenigsten Menschen, die sich im

Erz gebirge für die Pflege der Bergbautraditionen

engagieren, haben selbst

Bernd Schöhnerr von

der Bergsicherung

Schneeberg klettert

hinab in die Tiefe

Historisches Foto von

Hüttenarbeitern, die

das gewonnene Metall

weiterverarbeiten

noch im Berg gearbeitet; da bleibt eine

gewisse Verklärung der Knochenarbeit

nicht aus. „Die Zechen mussten

wohl erst geschlossen werden, damit

die Menschen sich auf ihre Tradition

besinnen“, versucht Bernd Schönherr

vom Besucherbergwerk „Fundgrube

Weißer Hirsch“ in Schneeberg eine Erklärung

zu finden.

Schönherr ist Technischer Geschäftsführer

der Steiger der Bergsicherung.

Das Besucherbergwerk „Weißer Hirsch“

befindet sich direkt auf dem

Fotos: © Christoph Busse. Sammlung Kolmschlag

ERZFREUNDE


VEREINSLEBEN

43

Fotos: Sammlung Kolmschlag. © Christoph Busse

Firmen gelände der Bergsicherung, die

1957 gegründet wurde, um Bergschäden

in der Region zu bereinigen, nachdem

der aktive Abbau eingestellt worden war.

Hier, in der Kobaltstraße 42, verschmelzen

beide Welten miteinander: die der

Traditionspflege und die der modernen

Bergarbeit auch wenn die Schneeberger

längst nichts mehr „aus dem Berg

holen“. Im Gegenteil: Seit vielen Jahren

bringen sie jetzt etwas in den Berg

hinein: Besucher und Touristen.

Am besten also, wir steigen einfach

mit in den Berg und machen uns in

der Tiefe ein eigenes Bild: Sprosse für

Sprosse geht es abwärts, 70 Meter den

ursprünglich 405 Meter tiefen Schacht

vom restaurierten Hut- und Treibehaus

hinunter, mit Grubenhelm und -lampe

auf dem Kopf, Gummistiefeln an den

Füßen und einer dicken Wattejacke über

den Alltagskleidern. Denn schmutzig

geht es hier unten noch immer zu.

Vor allem aber ist es eng: Dort, wo

bereits Sprengmittel eingesetzt wurden,

um die Stollen in den Berg zu

treiben, lässt sich recht bequem vorankommen.

An den Stellen aber, wo

das Gestein noch mit Schlägel und

Eisen geschlagen wurde, helfen nur

Seitwärtsgang und ein in Ehrfurcht

geneigter Buckel, um nicht stecken zu

bleiben.

Dann plötzlich tauchen drei krakelige

Strichmännchen im Lichtkegel

der Grubenlampe auf. Graffiti? Weit

gefehlt! „An dieser Stelle sind drei

Bergknappen in bösen Wettern gestorben“,

erklärt Schönherr.

Just an diesem Ort nimmt auch

einmal im Jahr die traditionelle Mettenschicht

ihren Anfang ein uralter

bergmännischer Brauch, der sich auf

die letzte Schicht vor Heiligabend

bezieht. Während in anderen Besucherberg

werken die Mettenschicht touristischen

Charakter hat, bleibt die

Feier in Schneeberg den Mitarbeitern

und Freunden der Bergsicherung

vorbehalten.

Bergmänner in einer

Grube bei Freiberg

Eine historische

Markierung erinnert an

den Tod dreier

Bergmänner

Die vielen Geschichten

vom eigenen

Großvater im Berg

sind noch überall

lebendig

Die in traditioneller Form abgehaltene

Mettenschicht beginnt mit einer

untertägigen Andacht der Steiger und

Bergleute. Übertage im Treibehaus wird

dann der jährliche Grubenbericht

ver lesen, der Pfarrer spricht das Mettengebet

und natürlich spielt Bretschneiders

Musikkorps am Ende wieder das

Steigerlied. Dann kommt der gemütliche

Teil mit Bergschmaus und Bergbier.

Dabei werden mit Sicherheit

et liche Grubenfeuer, Wismutfusel und

Lauterbacher Tropfen die sangesfreudigen

Kehlen hinunterfließen.

Und wer es sich verdient hat, der

wird an diesem Abend noch über

das Arschleder springen ein festes

dreieckiges Lederstück, das sich der

Bergmann umbindet, um seinen Allerwertesten

vor Nässe, Schmutz und

sonstigem Ungemach zu schützen. Auch

heute noch zeigt der beherzte Sprung

ERZFREUNDE


44

VEREINSLEBEN

Es geht um die Seele.

Niemand braucht

ein bergmännisches

Disneyland

die Aufnahme in den Bergmannsstand

an oder dient als Ehrung für Menschen,

die sich um die Tradition verdient

gemacht haben. Selbst der einstige

sächsische Ministerpräsident Stanislaw

Tillich durfte im „Weißen Hirsch“ schon

einmal springen. Was weiter an diesem

trinkseligen Abend geschah, darüber

schweigt sich Schönherr aus.

Ordentlich gefeiert wurde freilich

auch an jenem ersten Samstag im Juli,

als das Ergebnis des Weltkulturerbekomitees

verkündet wurde. Wie Arsch

auf Leder passte es, dass auf dem Gelände

der Bergsicherung zugleich der Tag

des Bergmanns gefeiert wurde. Nicht

nur in Schneeberg, im ganzen Erzgebirge

ist die Hoffnung groß, dass der

Titel den Tourismus weiter ankurbeln

wird. „In den letzten Jahrzehnten ist hier

so viel weggebrochen; das Erz gebirge

braucht Touristen“, sagt Schönherr,

warnt aber auch davor, die Seele an den

Tourismus zu verkaufen. Ein bergmännisches

Disneyland brauche niemand.

„Wir müssen es so gestalten, dass die

Leute nicht nur in der Weihnachtszeit

kommen, wenn die Bergbrüderschaften

und Bergkapellen ihre großen Aufzüge

und Paraden abhalten.“

Aber man kann sie natürlich verstehen

die Liebhaber des Weihnachtslandes:

Es ist eben ein Gänsehautmoment,

wenn die Knappschaften in

Reih und Glied musizierend durch die

weihnachtlich geschmückten Straßen

ziehen und stolz ihre Uniformen und

Habite präsentieren. Das berg- und hüttenmännische

Habit nimmt dabei einen

besonderen Platz in der Traditionspflege

ein: Jedes Revier besaß einst ein eigenes

Habit und das war noch einmal in

Arbeits- und Festkleidung unterteilt.

Auf historische Korrektheit wird bei

den Paraden besonderer Wert gelegt.

Wer es wagt, einen dicken Kapuzenpulli

unter der Uniform hervorlugen zu lassen,

oder den Regenschirm zum Gruße

schwingt, kann mit verständnislosem

Kopfschütteln rechnen. Und dann gibt

es noch jene Paradenteilnehmer, die

ihre Uniform gern etwas „aufpimpen“:

„Bei dem einen oder anderen hängt ein

bisschen mehr Gold mit dran, als historisch

verbürgt ist“, weiß Bretschneider.

Seitdem die sächsischen Bergparaden

2017 als immaterielles Kulturerbe anerkannt

wurden, pocht der Landesverband

noch einmal mehr auf die Einhaltung

der Paradenordnung.

Dass der Bergbau zunehmend in den

Fokus des Tourismus gerät, hat noch

einen weiteren Nebeneffekt: Die alten

Berufe werden wieder gebraucht vornehmlich

für die Traditionspflege.

„Werde Fördermaschinist, Lokfahrer,

Anschläger oder Untertage-Führer!“

wirbt ein moderner Flyer im Silberbergwerk

Freiberg. Einer, der das kostenfreie

Ausbildungsangebot angenommen hat,

ist Maximilian Schneider. Der junge

Mann studiert an der TU Bergakademie

Freiberg Lagerstättenlehre und bildet

sich bei der studentischen Grubenwehr

fort. Bald wird er zum ersten Mal eine

Schülergruppe durch die matschigen

Stollen der ehemaligen Silbermine

führen. „Ich finde es einfach schön, das

aufrechtzuerhalten“, sagt er.

Ja, es ist schon etwas paradox im

Erzgebirge: Seit 30 Jahren liegt hier der

Untertagebergbau brach und

doch ist längst noch nicht Schicht im

Schacht. •

So wird das Welterbe

gefeiert: Blechbläserquintett

des Musikkorps der Bergstadt

Schneeberg spielt in der

Altstadt von Baku vor dem

Jungfrauenturm

Foto: Pawel Sosnowski

ERZFREUNDE


Das alte Pochwerk

in Schneeberg verbindet

Zukunft und

Vergangenheit

TEXT Ralf Hanselle

FOTO S Marcus Glahn

Vier Freunde

und das

alte Pochwerk

Schneeberger Designer entdecken das

Erzgebirge als Hotspot für die junge

Kreativszene

In Schneeberg scheint sich die Zeit zu

entschleunigen. Immer langsamer

wird sie, nähert man sich etwa von

einer großen Metropole wie Berlin oder

Leipzig der alten Bergmannsstadt auf

ihrer 470 Meter hohen Erhebung im

Westerzgebirge, nimmt dann die

S-Bahn bis nach Zwickau und wechselt

für die letzten Kilometer in einen

Linien bus, der über kurvige Landstraßen

hinweg in die historische Silberstadt

im Schatten der spätgotischen

St.-Wolfgangs-Kirche fährt. Selbst die

benachbarten Gipfel von Keils- und

Gleesberg scheinen hier in fast mystischer

Stille zu verharren, und die letzten

Spuren gehetzter Zeit entflirren hell in

der gleißenden Mittagssonne.

ERZFREUNDE


46

KREATIVSZENE

Wer Glück hat, der wird von irgendwoher

mitgenommen: Franziska Heinze,

eine 30-jährige Modedesignerin, die

seit gut neun Jahren in der 15 000 Einwohner

zählenden Stadt im oberen

Erzgebirgskreis lebt, holt mich in Zwickau

mit dem Auto ab. Wir haben uns hier

verabredet. In Schneeberg will mir die

junge Designerin Einblicke in eine Welt

eröffnen, von der ich vorher noch nie

Der Holzgestalter Markus

Weber ist der einzige „echte“

Erzgebirger in dem kleinen

Freundeskreis

„Die ganze Region ist heute durchlöchert

wie ein Schweizer Käse.“ Franziska

Heinze lacht. Man merkt es

der eigentlich aus der Nähe von Dresden

stammenden Modemacherin an: Sie

lebt gern in der historischen Stadt der

einstigen Steiger und Bergbeamten. An

der kleinen Schneeberger Fakultät für

Angewandte Kunst hat sie vor einigen

Jahren ihren Bachelor in Modedesign

gemacht; in den alten Häusern rund

um den Kirchplatz wohnen ihre Freunde.

Wegziehen? Warum? „Man lernt in

dieser anregenden Abgeschiedenheit zu

improvisieren. Wenn man in Schneeberg

etwas vermisst, dann muss man aus

dem Knick kommen und die Dinge

selbst in die Hand nehmen.“

Die 30-Jährige vermisst ohnehin nur

wenig: einen guten Studentenkeller

vielleicht, ein größeres Atelier für ihre

selbst entwickelte Upcycling-Mode,

vor allem aber ein junges Festival für

Design und Kunsthandwerk. So etwas

wäre wirklich ein Traum. Nur müsste

es etwas ganz Besonderes sein: etwas

Frisches, Buntes eine Art culture clash

in der Provinz. Und da dies in der Stadt

Design ist Feinarbeit.

Die Fakultät in Schneeberg

ist für alle Gestaltungsideen

bestens

ausgestattet

Thekla Nowak hat einst in

Schneeberg Textildesign

studiert. Ihre Vorliebe gilt der

Arbeit am Webstuhl

gehört habe ein Eldorado für Kreative

nämlich soll diese einstige Bergmannsstadt

sein; vielleicht sogar eine Art Bauhaus

auf dem Lande?

Die Straßen jedenfalls werden zu sehends

schmaler; die Menschen am

Wegesrand langsamer. „Schneeberg liegt

wirklich weit vom Schuss“, sagt Heinze,

drückt das Gaspedal ihres Kleinwagens

noch einmal durch und nimmt Kurs

auf ein altes Pochwerk im sogenannten

Neustädtler Revier einem lang gezogenen

Quartier am südlichen Ende

der Stadt, wo einst fleißige Bergleute

über 400 Jahre hinweg Silber- und

Kobalterze abgebaut haben. Ganze

270 Kilo Silber hätten sie während des

15. Jahrhunderts aus dem kalten Berg

geschürft.


Franziska Heinze arbeitet

auch nach ihrem Bachelor

weiter an der Hochschule

mit den vielen traditionellen Handwerksberufen

und der längst weit über

die Grenzen hinaus etablierten Design-

Fakultät noch niemand auf die Beine

stellen wollte, hat Heinze selbst die

Initiative ergriffen. Zusammen mit drei

ehemaligen Kommilitonen von der

Fakultät einem kleinen Ableger der

Westsächsischen Hochschule Zwickau

hat sich die hochgewachsene junge

Frau Gedanken darüber gemacht, wie

ein optimales Kreativ-Event auf dem

Lande aussehen müsste; ein Festival, auf

dem sich das entlegene Schneeberg

als das präsentieren könnte, was es nicht

nur nach Meinung Heinzes lange ist:

ein kreativer Geheimtipp weit ab von

den großen Metropolen.

Wir treffen Heinzes Mitstreiter die

Textildesignerin Thekla Nowak, den

Produktdesigner Lars Dahlitz und den

Holzgestalter Markus Weber am

Rande des alten Schneeberger Pochwerks.

Bis kurz nach Ende des Zweiten

Weltkriegs wurden hier Gesteine und

Erze zerkleinert: Silber, Nickel, am

Ende sogar das legendäre Wismut-Uran.

Hier also, wo man die Geschichte der

mehr als 500 Jahre alten Stadt mit Händen

greifen kann, soll ab dem nächsten

Lars Dahlitz kam einst aus

Lübben zum Studium nach

Schneeberg. Heute arbeitet

er als Produktdesigner

Sommer das neue Festival steigen

mitten in einer Industrie-Idylle, zwischen

wassergetriebenen Radanlagen und

hölzernen Erzsieben; auf Wiesen, in Ausschlagstuben,

in Kobaltkammern.

Das Wort „Creative Industries“ könnte

so einen ganz neuen Geschmack

bekommen.

„Unser Konzept ist offen für alle“,

erklärt Thekla Nowak, die Jüngste in

dem Organisationsteam. Ein Familienfest

solle es werden; ein Mix aus hippen

Designern, DJs und traditionellen

Handwerkern. Da wären die Holzschnitzer

und Spielzeugbauer, die Handschuhmacher

und Klöpplerinnen. Letztere

bildeten einst auch den Nukleus der

1962 gegründeten Fachschule für angewandte

Kunst: Es war im Jahr 1882,

als in Schneeberg die sogenannte Königliche

Spitzenklöppelmusterschule eröffnete.

Während von Frankreich aus

eine Welle an Spitzenmoden über

Europa schwappte, sollten in der Abgeschiedenheit

des Erzgebirges Klöppellehrerinnen

ausgebildet werden, die

den neuen Chic wie Mode-Influencer

im gesamten Land verbreiten sollten.

In gewisser Weise war man in

Schneeberg also immer schon am Puls

In Schneeberg

bekommt das Wort

„Creative Industries“

eine ganz neue

Bedeutung

der Entwicklung und das trotz all der

Ruhe und der fast verloren geglaubten

Zeit. Nun wollen die vier die Traditionen

also wiederbeleben: „Wir wollen das

Alte mit dem Verschränken, was über

Jahrzehnte daraus entstanden ist: angesagtes

Möbel- und Produktdesign, Instrumentenbau,

Mode- und Textilgestaltung.“

Der Titel ihres Festivals, für das

bis zu 2000 Gäste erwartet werden,

stehe schon fest: „Trubel in der Poche“.

Es kann also losgehen. Fehlen nur

noch die Gäste. Bis nach Berlin herüber

soll das neue Festival strahlen. Schon

jetzt entwerfen die vier emsig Flyer und

Plakate. Denn wer nach Schneeberg will,

benötigt Zeit. Er muss die kurvigen

Straßen entlang und die Hügel hinauf.

Im Gegenzug bekommt er aber auch viel

Zeit geschenkt. Einen ganzen Nachmittag

lang haben sich Franziska Heinze

und ihre Freunde Zeit genommen, um

durch eine der entlegensten Kreativschmieden

der Republik zu führen. •

ERZFREUNDE


48

SERVICE

SO GEHT

WELTKULTUR!

Die Kulturhighlights im Erzgebirge

sind ab sofort auch Weltkulturhighlights.

Eine Übersicht über Sommer und

Herbst 2019

FABULIX MÄRCHENFILMFESTIVAL

Ein Festival mit Schauspielern,

Filmemachern und Prominenten

Für fünf Tage verwandelt sich Annaberg-

Buchholz in eine traumhafte Kulisse.

Im Mittelpunkt stehen nationale und

internationale Produktionen sowie Neuverfilmungen.

Ein umfangreiches

Programm, Lesungen und Workshops

und mehrere Veranstaltungshöhepunkte

bilden den Rahmen.

28. August 1. September 2019

FREIBERGER SOMMERNÄCHTE

Fantastische Open-Air-Erlebnisse im

Innenhof von Schloss Freudenstein

Den ganzen Sommer über findet in

einer einmaligen historischen Kulisse

ein Mix aus Filmnacht, Fußball,

Konzert, Party und Theater statt. Egal

ob Pop oder Hochkultur, im Freiberger

Sommer ist für jeden was dabei.

Bis zum 31. August 2019

Marionettentheater Dombrowsky unter Tage

DEUTSCHES UHRENMUSEUM

Glashütte ist seit 170 Jahren

Synonym für höchste Qualität und

Präzision im Uhrmachen

Unter dem Motto „Faszination Zeit

Zeit erleben“ zeigt das Deutsche Uhrenmuseum

Glashütte nicht nur die Tradition

der Uhrmacherkunst in Sachsen,

sondern verschafft auch einen emotionalen

Zugang zum Phänomen Zeit. Zudem

bekommt man Einblicke in die

Geschichte der alten Uhrmacherstadt.

Ganzjährig. MoSo 1017 Uhr

GRÜNTHALER SOMMER

Mehr als zwei Monate lang feiert

man in Grünthal Sonne und

Sommerfrische

Im Areal der Saigerhütte Olbernhau

findet ein einzigartiges Sommerfest

bestehend aus Weinfest, Theater, Jazz

am Hammer, Bowlingmeisterschaften,

Naturmarkt und vielen weiteren

Veranstaltungshöhepunkten in historischer

Kulisse statt.

Bis zum 24. August 2019

MARIONETTENTHEATER

DOMBROWSKY

Eine märchenhafte

Puppenbühne unter Tage

Erfrischend versprechen die Vorstellungen

des Sommertheaters in der

Quarzhöhle des Besucherbergwerkes

Zschorlau zu werden! Einen Monat lang

gastiert hier das Marionettentheater

Dombrowsky und präsentiert beliebte

Klassiker der Märchenwelt.

Noch bis Ende August 2019

Pobershauer Bergfest

Fotos: © Marionettentheater Dombrowsky. TVE/Kristian Hahn


49

SILBERMANN-TAGE

Ihr Erbauer ist weltberühmt, ihr silberner Klang unerreicht. Vor 300 Jahren

schuf Gottfried Silbermann in der Region rund um Freiberg eine einzigartige

Orgellandschaft, die bis heute Musikliebhaber und Orgelfreunde aus aller

Welt in ihren Bann zieht. Silbermanns wichtigstes Werk, die große Freiberger

Domorgel, ist zugleich sein am besten erhaltenes. Als unangefochtene

Königin steht sie im Mittelpunkt der seit 1978 veranstalteten Silbermann-

Tage. In diesem Jahr finden sie vom 4. bis zum 15. September statt.

Markt während des Grünthaler Sommers

MITTWOCH, 4.9.2019, 20 UHR

ERÖFFNUNGSKONZERT

Dom zu Freiberg

POBERSHAUER BERGFEST

Bergmannstage und Bergfest zum

Ende des Sommers

Hier können Gäste eine lebendige Bergbautradition

erleben. Alle fünf Jahre

erstrahlt der Marienberger Ortsteil

Pobershau auch außerhalb der Weihnachtszeit

im Lichterglanz. Zahlreiche

museale Einrichtungen im ganzen

Stadtgebiet laden zum Entdecken und

Erleben der Geschichte ein. Verschiedene

Sonderausstellungen geben

Einblicke in die Industriegeschichte

der Region.

13. 22. September 2019

DONNERSTAG, 5.9.2019, 20 UHR

KRIEG UND FRIEDEN

Petrikirche Freiberg

Die Kirche in Reinhardtsgrimma,

Spielort

der Silbermann-Tage

SONNTAG, 8.9.2019, 10 UHR

FESTGOTTESDIENST

Dom zu Freiberg

Fotos: Udo Brückner. Gottfried-Silbermann-Gesellschaft/Detlev Müller (2)

HUSKYCUP

KETTENSAEGENKUNST

Ein einzigartiger Wettstreit im

Schnitzen von Großskulpturen im

Walderlebnisdorf Blockhausen

Jedes Jahr zu Pfingsten kommen die

besten Kettensägenschnitzer nach

Blockhausen, dem Austragungsort der

Weltmeisterschaften in Kettensägenkunst.

Besonderheit: Das Hauptstück

jedes Künstlers, das während der

WM entsteht, bleibt vor Ort. So ziehen

inzwischen mehr als 120 Skulpturen

die Blicke der Besucher auf sich.

Die nächste WM findet am

30. Mai 2020 statt

Konzert mit dem Gesualdo

Consort in Zöblitz bei

den Silbermann-Tagen 2013

FREITAG, 6.9.2019, 19.30 UHR

ZUM GIPFEL!

Kirche Cämmerswalde

SAMSTAG, 7.9.2019, 9.30 UHR

ORGELWETTBEWERB 1. PRÜFUNG

Jakobikirche Freiberg

SAMSTAG, 7.9.2019, 14 UHR

MACHT MUSIK!

Innenstadt Freiberg

MONTAG, 9.9.2019, 9.30 UHR

ORGELWETTBEWERB 1. PRÜFUNG

Jakobikirche Freiberg

DIENSTAG, 10.9.2019, 19.30 UHR

MACHT UND MUSIK

Kirche Forchheim

MITTWOCH, 11.9.2019, 9.30 UHR

ORGELWETTBEWERB 2. PRÜFUNG

Kirche Langhennersdorf

FREITAG, 13.9.2019, 19.30 UHR

KÖNIGSTHEMA AUF SILBERMANN

Schloss Bieberstein

SONNTAG, 15.9.2019, 17 UHR

ABSCHLUSSKONZERT

Dom zu Freiberg

ERZFREUNDE


50

ZU GUTER LETZT

EIN ERFOLG

DER MENSCHEN

IN DER ERZGE-

BIRGSREGION

Sachsens Ministerpräsident

Michael

Kretschmer (CDU)

nach der positiven

Welterbe-Entscheidung

in Baku

INTERVIEW Michael Bartsch

Erzfreunde: Wie war die Stimmung in

Baku? Wie haben Sie die Entscheidung

für den Welterbetitel empfunden?

Michael Kretschmer: Wir waren alle sehr

aufgeregt. Im Konferenzraum war praktisch

die ganze Welt versammelt, das

beeindruckte mich. Über einzelne

Vorhaben wurde heftig diskutiert, man

hat sich nichts geschenkt. An unserer

Bewerbung wurde 21 Jahre gearbeitet,

uns wurde nun signalisiert, dass es

klappen kann. Die Menschen aus der

Region haben sie vorangetrieben.

Diesen Erfolg nun gemeinsam nach

Hause zu holen war sehr bewegend.

Haben nicht zumindest Ihre Vorgängerregierungen,

namentlich das Innenministerium,

auch Grund zur Demut?

Denn der Bewerbung begegnete man

anfangs sehr zurückhaltend, und

ohne den Förderverein hätte sie wohl

kaum Erfolg gehabt.

Es sind die Menschen im Erzgebirge,

die sich diesen Titel erarbeitet haben.

Michael Kretschmer (l.) und UNESCO-Botschafter Stefan Krawielicki in Baku

Sie haben Jahrhunderte ihrer Geschichte

im Rücken, haben zwei Jahrzehnte

lang gekämpft und dabei auch kritische

Punkte berücksichtigt. Wir hatten unsere

Erfahrungen mit der Dresdner

Waldschlösschenbrücke und wollten

nicht noch einmal in diese Situation geraten.

Es war ein kluges Verfahren, sich

auf ausgewählte Orte zu beschränken

und wirtschaftliche Entwicklungen weiterhin

zu ermöglichen.

Das macht den Unterschied aus, um es

neudeutsch zu sagen, zwischen einem

Bottom-up- und einem Top-down-

Projekt.

Der Erfolg liegt darin, dass die Welterbeidee

von den Menschen in der Region

auch wirklich gelebt wird. Der Antrag

ist, wenn man so will, in den in den vielen

Jahren gewachsen. Das gilt auch für die

Tschechen, die uns liebe Nachbarn sind.

Gezeigt hat sich das auch in Baku,

als wir gemeinsam gefeiert haben, und

daran, wie die tschechische Seite über

uns sprach. Partnerschaft gedeiht mit einem

gemeinsamen Ziel am besten. Wir

sind jetzt für die kommenden Jahrzehnte

auf Zusammenarbeit angewiesen.

Diese Anerkennung als materielles

Welterbe bedeutet auch eine Anerkennung

für immaterielle Qualitäten der

Erzgebirgsbewohner. Sie kommen von

der Neiße, wie sehen Sie diese Stehauf-

Menschen, die ja schon manche Krise

auch im Bergbau bewältigt haben?

Die Erzgebirger haben eine eigene Mentalität,

sind selbstbewusst, aber immer

auch selbstkritisch, manchmal zeigen sie

ihren Dickschädel. Sachsen könnte

man nicht erklären ohne das Erzgebirge,

wo unser Reichtum herkam. Die Leute

haben sich immer durchgekämpft.

Deswegen werden sie auch die gegenwärtigen

Herausforderungen wie etwa

die Elektromobilität meistern mit ihrem

beherzten Zugriff. Das Erzgebirge ist

an sich schon ein Zukunftskonzept.

Das Welterbe ist nun ein Ehrentitel.

Aber zeigt er bald auch messbare

Wirkungen in dem eben beschriebenen

Sinn, etwa beim Tourismus oder bei

der Wirtschaftsförderung?

Es kommt darauf an, was man daraus

macht. Gerade für die jungen Leute ist

das ein tolles Zeichen: Ihr lebt mitten

im Welterbe. Jetzt müssen wir was

daraus machen. Wir sollten den Titel

selbstverständlich auch für den Tourismus

nutzen und neue Gäste für das

Erzgebirge begeistern. Das kann dem

Selbstbewusstsein und dem Stolz

noch einmal einen Schub geben. Unternehmensansiedlungen

befördert dieser

auf Bergbau- und Industrietradition

basierende Titel gewiss auch. •

Foto: © Pawel Sosnowski

ERZFREUNDE


Sonderausstellung

28.9.2019

12.1.2020

Das Welterbe entdecken -

Das Erzgebirge erleben

Der

oybin

und die Malerei

der Romantik

in der Oberlausitz

Kulturhistorisches Museum Franziskanerkloster

Klosterstraße 3 | D-02763 Zittau | www.museum-zittau.de

Motiv: Carl Blechen, Klosterruine Oybin bei Zittau, 1823, Ausschnitt, Kunsthalle Bremen

Stadtansicht Annaberg-Buchholz Foto: Dieter Knoblauch

Imposante Kirchen, historische Innenstädte

und Besucherbergwerke erzählen die

über 800-jährige, aber immer noch lebendige

Geschichte des UNESCO-Welterbes

Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří.

Auch heute noch kann die

Bergbaugeschichte authentisch

erlebt werden ob bei einer

Wanderung oder Radtour

vorbei an Stollenmundlöchern

oder Haldenzügen, bei einem

Bummel durch die Bergstädte

oder bei einem Besuch der

Schatzkammern unter Tage.

Tourismusverband Erzgebirge e.V.

Tel: 03733/18800 0

Mail: info@erzgebirge-tourismus.de

www.erzgebirge-tourismus.de/welterbe


MONTANREGION

ERZGEBIRGE/

KRUŠNOHOŘÍ

WIR SIND

WELTERBE!

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

Die Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří trägt seit dem 6. Juli 2019 den Titel „UNESCO-Welterbe“. Insgesamt zählen

nun 22 Bestandteile mit ausgewählten Bergbaugebieten und einer Vielzahl von landschaftlichen und baulichen

Sachzeugen zum Welterbe: 17 auf deutscher und fünf auf tschechischer Seite. In ihrer Gesamtheit repräsentieren

sie die wichtigsten Bergbaugebiete und Epochen des sächsisch-böhmischen Erzbergbaus und vermitteln das Bild

einer vom Bergbau geprägten historischen Kulturlandschaft.

so-geht-sächsisch.de/montanregion

sogehtsaechsisch @sogehtsaechsi @simplysaxony sogehtsaechsisch

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