COMPACT-Magazin | ERSTAUSGABE | 12-2010

compactmagazin

Sog. 'Nullnummer' des erfolgreichen gesellschaftspolitischen Nachrichten-Magazins

Dezember 2010 / Nullnummer / Preis 4.-

www.compact-magazin.com

COMPACT

Unabhängiges

Monatsmagazin

Geert Wilders

Israels Mann

in Europa

Kirsten Heisig

Die Richterin

und ihre Henker

Love Parade – Death Parade

Die Nackten, die Toten

und die Schuldigen

Peter Scholl-Latour

Interview mit einem

alten Europäer

Martin Lohmann

Von der Lust,

katholisch zu sein

Lungenküsse

Ver botenes

Vergnügen

DER NÄCHSTE BUNDESKANZLER?

Was eine neue Volkspartei erreichen kann


Dezember

COMPACT

und Fritz Kuhn, von Anfang an ihr

Projekt. Durchgesetzt hat sich dieses

Gender Mainstreaming, weil

auch Staat und Groß kapital die Ab -

schaf fung der teuren Familie wünschen.

Die aus allen Bindungen

gelöste Konsummonade ist der

ideale Sklave der Schönen Neuen

Welt.

EDITORIAL

DIE VERSUCHUNG COMPACT

«Manch einer, der vor der Ver suchung

flieht, hofft doch heimlich,

dass sie ihn einholt», schreibt Giovanni

Guareschi, der Autor von Don

Camillo und Peppone. Das könnte das

Motto dieser Zeitschrift sein. Sie

will ihre Leser in Versuchung

führen und weiß, dass viele gerade

in diesem Land darauf warten.

Die Macht der Tugendwächter

wankt.

Mit Sarrazin haben wir die süßeste

Versuchung für die alternde BRD

ins Zentrum dieses Heftes gestellt.

Was von den Hohepriestern der

ver öffentlichten Meinung verboten

wird, macht offensichtlich viele

scharf. Dabei wollen wir die Schrift,

die er an die Wand geschrieben hat,

nur als Anstoß nehmen, nicht als

neues Dogma. Die Zeit der Dogmen

ist näm lich prinzipiell vorbei. Es

geht um die Lust an der Debatte,

am Pro und Contra.

Ganz generell muss die Verführung

wechselseitig sein. Der Linke

muss anfangen, mit dem Rechten

zu diskutieren. Der Konservative

soll die Argumente des Sozial demokraten

– auch Sarrazin ist einer!

– schätzen lernen. «Von der Lust,

katholisch zu sein», schreibt der

Papst-Biograph Martin Lohmann in

dieser Ausgabe – das soll noto rische

Atheisten herausfordern. Der

badische Muslim Andreas Rieger

rühmt die deutsche Klassik in

Weimar – das mag die geschichtsver

gessene Guido Knopp-Gemeinde

provozieren.

Wichtig ist nur: Die Tabus müssen

fallen. Sonst stirbt dieses Land

an intellektueller Austrocknung.

Also schreiben wir über die Sehnsucht

nach (und das Leiden an)

Deutschland. Über die Suche nach

Gott. Über Ehe und Familie als

Inseln in den Feuchtgebieten des

kalten Mammon. Wer Facebook zum

Opium des Volkes und Goog le zum

Kompass einer offenen Ge sell -

schaft machen will, wird daran

freilich keinen Spaß haben. Pech

gehabt. Es gibt kein richtiges Leben

im virtuellen.

Als Chefredakteur will ich nicht

verhehlen, dass mein Herz immer

noch links schlägt. Dass ich mir mit

dieser Zeitschrift bei meinen Genos

sen wenig Freunde machen

werde, nehme ich allerdings nicht

nur in Kauf – das ist regelrecht beabsichtigt.

Denn die Achtundsechziger

sind längst nicht nur Teil des

Systems geworden – sie bilden

mittler weile seine Avantgarde. So

war et wa die Umerziehung von

Männern und Frauen zu androgynen

Androiden, die sich am Ende

so ähnlich sehen wie Renate Künast

Zurück zu Don Camillo und Peppo

ne: Die Filme aus den fünfziger

Jahren zeigen, dass konservative

Christen und orthodoxe Marxisten

mehr gemeinsam haben, als sich die

heutige Latte Macchiato-Linke vor -

stellen kann. In einer Folge lässt sich

der Bürgermeister durch sein kom -

munistisches Parteibuch nicht davon

abhalten, sein Neugeborenes

zu Don Camillo in die Kirche zu

bringen – zur Taufe. Allerdings be -

steht er drauf, dass das Söhnchen

Lenin heißen müsse. Der Priester ist

empört, die beiden prügeln sich im

Glockenturm. Danach einigt man

sich: Peppone will auf Lenin ver zich -

ten und bietet großzügig Camil lo an.

Nach Zwiesprache mit dem Jesus

am Kreuz schlägt der Gottesmann

listig vor, Lenin immerhin hinzuzufügen

– neben seinem Namen

verblasse der andere ohnedies.

Der Streit war ebenso leidenschaft

lich wie die Versöhnung herzlich.

Die beiden wussten bei aller

Unterschiedlichkeit um die gemein -

same Verantwortung, die sie für ihr

Dorf trugen. Katholik und Kommunist

hatten als Partisanen für die

Freiheit ihres Landes gekämpft –

das hatte sie jenseits der Ideologien

zusammengebracht.

Bedrohung und Besatzer sind

heu te andere als damals, die

Heraus for derung bleibt dieselbe.

COMPACT soll deshalb eine Zeitschrift

sein, in der sich Don Camillo

und Peppone gleichermaßen zu

Hause fühlen.

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COMPACT

Dezember

+ + + Ed i torial. Vo n J ü rgen Elsässer: S . 3 + + + Fo to des Monat s : S . 5 + + + R u b r i k : Z i t ate des Monat s : S . 6 + + +

Foto: AP Images/Kai-Uwe Knoth

Rechtspartei oder Volkspartei? S. 7 Terrorpäckchen aus Jemen? S. 39 Lungenküsse S. 48

Foto: Simone von Maiwald

TITELTHEMA

POLITIK

LEBEN

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12

17

20

22

25

28

Rechtspartei oder Volkspartei?

Von Jürgen Elsässer

Tit for Tat. Von André F.

Lichtschlag

In der Sarrazin-Falle. Von A.

Rieger & S. Wilms

Die Sarrazin-Linke. Von

Hans-Ulrich Wehler u.a.

Israels Mann in Europa. Von

Andrea Ricci

«Warum keine Extratouren mit

China?» Interview mit Peter

Scholl-Latour

Die Richterin und ihre Henker.

Von Josephine Barthel

31

34

37

39

42

43

44

Luftpostterror aus Sanaa? Von

Utz Anhalt

Uncle Sams schmutzige A-

Bombe. Von Frieder Wagner

Love Parade – Death Parade.

Von Johannes Heckmann

Die Dinar-Revolution von

Kelantan. Von Stefan Breuer

Gold und Silber bieten Schutz.

Von Walter K. Eichelburg

Hayek contra Merkel. Von

Oliver Janich

O-Ton «Das Undenkbare

denken». Quelle: UBS research

45

47

48

51

54

57

59

Wie das Ausatmen der Zeit

zwischen zwei Kriegen. Von

Roger Willemsen

Gefährliche 8. Von Gerd

Schulze-Meyer

Lungenküsse. Von Walter

Wippersberg (Text) & Simone

von Maiwald (Fotos)

Der Klassiker auf dem Divan.

Von Andreas Rieger

Von der Lust, katholisch zu

sein. Von Martin Lohmann

Für die Statistik. Von Christian

von Aster

Comic: Affe mit Waffe. Von

animue

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COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Dezember

COMPACT

Foto des Monats

Am 15. Oktober fraßen die Monster-Bohrer die letzten Granitschichten zwischen den Stollen weg. Seither ist unter dem Gotthard-Massiv der

Weg frei für den Bau des größten Eisenbahntunnels der Welt – 37 Kilometer lang, unter Alpengipfeln von bis zu 3.000 Metern Höhe. Typisch

Schweiz: Das Megaprojekt wurde dem Volk zur Entscheidung vorgelegt. Beim Referendum 1992 stimmten zwei Drittel dafür. Schweiz-21 ist die

Alternative zu Stuttgart-21.

Foto: ALP Transit Gotthard AG

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COMPACT

Dezember

+++ Zitate des Monats +++

«In diesem Jahr ist es

mit der Krise wie mit

Lena Meyer-Landrut.

Man fragt sich: Wo ist

sie denn plötzlich hin?»

(Daimler-Chef Dieter Zetsche,

Pfälzischer Merkur, 5.11.2010)

Foto: Daniel Kruczynski

Christlich-Jüdisches (I)

«Nein, es gab keine jüdisch-christliche

Tradition, sie ist eine Erfindung der

europäischen Moderne und ein Lieblingskind

der traumatisierten Deutschen.

Jüdisch-christlich ist eine Kons

truktion, geprägt von einer Genese

des Fortschritts, die in der Reformation

und in der Französischen Revolution

gipfelt. Erst nach der Schoah hat

in Deutschland ein jüdisch-christlicher

Dialog begonnen.» (A.S. Brockstein Coruh,

Professorin für jüdische Philosophie,

Tagesspiegel, 12.10.2010)

Al CIAda (I)

«Es klingt bizarr. Kriegspartei eins

(NATO) fliegt angeblich ranghohe

Vertre ter von Kriegspartei zwei (Taliban)

zu Treffen mit Kriegspartei drei

(afgha nische Regierung). Die kooperiert

mit Kriegspartei eins und ist noch

viel zu schwach, um ohne Unterstützung

zu agieren. So schreibt es die New

York Times, und ein echtes Dementi gibt

es von Kriegspartei eins, also von der

NATO, dazu nicht.» (Süddeutsche Zeitung,

21.10.2010)

Al CIAda (II)

«Am Mittwoch wurde die Verhaftung

eines 34jährigen Mannes aus Ashburn,

Virginia, einem Vorort der Hauptstadt

Washington, gemeldet. Farooque Ahmed

ist US-Bürger pakistanischer Abstammung,

verheiratet und hat einen

kleinen Sohn. Aus der Anklageschrift

geht hervor, daß sich Agenten des FBI

und möglicherweise auch anderer

Dienststellen im April gezielt an Ahmed

heran gemacht und ihn seither zu einer

Reihe von ‘konspirativen’ Treffen

überredet hatten. Angeblich gaben die

staatlichen Provokateure vor, Verbindung

zu Al-Qai da zu haben.» (Junge

Welt, 29.10.2010)

Euro-Diktatur

«Im Grunde agieren jene, die den permanenten

Krisenmechanismus jedenfalls

ohne Referendum, wenn möglich

sogar ohne Vertragsänderung durchsetzen

wollen, wie jeder durchschnittliche

südamerikanische Diktator, der

sich mit Notstandsverordnungen an

der Macht hält.» (Die Presse, Wien, am

1.11.2010 zum EU-Gipfel und den dort

beschlossenen Sanktionsmechanismen

gegen Defizitstaaten)

Alles Rechtsradikale

«Wenn das, was ich sage, rechtsradikal

ist, sind zwei Drittel in der Bevölkerung

rechtsradikal.» (Horst Seehofer

auf dem CSU-Parteitag, 31.10.2010)

Abzocker

«Eine falsche Bilanz ist keine gefälschte

Bilanz.» (Dirk Jens Nonnenmacher, Chef

der HSH Nordbank, über Unregelmäßigkeiten

in der Buchhaltung, Frankfurter

Allgemeine Zeitung, 1.11.2010)

AKW plus Minarett

«Diejenigen, die gestern gegen Kernenergie,

heute gegen Stuttgart-21 demonstrieren,

agitieren, die müssen sich

dann auch nicht wundern, wenn sie

übermorgen irgendwann ein Minarett

im Garten stehen haben.» (CSU-Ge neralsekretär

Alexander Dobrindt auf einer

CSU-Veranstaltung, 7.11.2010 / youtube-Mitschnitt)

Al CIAda (III)

«Die Enthüllungen über den US-Agenten

David Headley gehen weiter. Am

Wochenende war es die New York Times,

die bisher nicht öffentlich bekannte

Einzelheiten berichtete. Headley,

ein V-Mann der Drogenbehörde

DEA, hatte zwei Jahre lang potentielle

Ziele für die Terrorangriffe im indischen

Mumbai ausgekundschaftet, bei

denen im November 2008 etwa 170

Menschen getötet wurden.» (Junge

Welt, 11.10.2010)

Christlich-Jüdisches (II)

«Beim Reden von der christlich-jüdischen

Tradition handelt es sich aber um

eine gewaltige Heuchelei. Die deutsche

Politik drückt die alte, früher stigmatisierte

Minderheit der Juden an die

Brust, um die neue Minderheit, die

Muslime, zu stigmatisieren. Die Juden

werden missbraucht, um die Muslime

als unverträglich zu kennzeichnen.»

(Heribert Prantl, Süddeutschen Zeitung,

9.11.10)

Die Russen sind zurück

«Moskau liefert Kabul kostenlos

Waffen. (…) Mit der NATO verhandelt

Moskau auch über die Lieferung

russischer Hubschrauber an die afghanische

Armee.» (Frankfurter Allgemeine

Zeitung, 13.11.2010)

«Die Bankenkrise ist

mitnichten ausge standen,

die Schuldenkrise

einiger Euro- Staaten

noch lange nicht über -

wunden. Droht der Währungsunion

der nächste

Belas tungstest?»

(Frankfurter Allgemeine

Zeitung, 13.11.2010)

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

Foto: dpa/picture-alliance.de

Angestoßen durch den Sarrazin-Impuls formiert sich jenseits des

etablierten Machtkartells eine neue explosive Kraft. Doch die

Mischung ist so instabil, dass sie auch vorzeitig verpuffen könnte.

Rechtspartei oder Volkspartei?

Von Jürgen Elsässer

So viel Aufbruchsstimmung war seit

der Gründungsphase der Grünen noch

nie in der Bundesrepublik. Damit sind

nicht die Proteste gegen Stuttgart-21

und das neue Atomprogramm gemeint:

Bürgerwut und Massendemons -

trationen gab es bekanntlich auch bei

der Startbahn-West, und die aktuellen

Auseinandersetzungen in Gor leben

haben ebenfalls einen Vorlauf von dreißig

Jahren. Zum ersten Mal seit den

Tagen von Petra Kelly und Herbert Gruhl

ist jedoch der ernsthafte Versuch zu beobachten,

eine neue Kraft zu formieren.

«Nicht links, nicht rechts, sondern

vorn» lautete das Motto, unter dem die

Sonnenblumenpartei damals ihre ersten

Wahlkämpfe gewann. Man wollte

sich nicht einsortieren in die überkommenen

Kategorien, in die verrunzelte

ideologische Gesäßgeografie, sondern

einen Ausbruch wagen.

«Nicht links, nicht

rechts, sondern

vorn» lautete das

Motto, unter dem

die Sonnenblumenpartei

damals ihre

ersten Wahlkämpfe

gewann.

Der aktuelle Ausbruchsversuch

findet unter der Fahne von Thilo Sarra

zin statt. Mit seinem Buch hat er das

Unbehagen am ancien régime gebün -

delt und, jenseits der Ein-Punkt-Bewegungen,

die Debatte um das gro ße

Ganze aufgemacht: um die Zukunft

unseres Landes und der deutschen

Nation. Das Ensemble an Fakten, die

der langjährige Berliner Finanzsenator

vorgelegt hat, bildet die Basis für jede

weitere Strategiedebatte. Es ist unmög -

lich, davon abzusehen oder dahinter

zurück zu fallen. Der Titel Deutsch land

schafft sich ab ist dabei kein Ausdruck

intellektueller Larmoyanz oder alters -

schwacher Apathie von wegen «Da

kann man sowieso nix mehr machen».

Vielmehr legt Sarrazin eine self des tro -

ying prophecey vor: Durch das Aus -

ma len der möglichen Katastrophe sollen

alle Kräfte zur Verhinderung der

selben mobilisiert werden.

Das ist geglückt: Weit über eine

Million Deutsche haben das Buch gekauft

– das ist Nachkriegs rekord für

ein politisches Werk. Damit ist offensichtlich,

was das Establishment durch

Euro-Denglish und globa listisches Ab -

ra kadabra immer weghexen wollte:

Es gibt die nationale Frage noch. Ein

rele vanter Teil der Bevölkerung will

«deutsches Volk» bleiben und das

Abwracken unseres Nationalstaates

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COMPACT

Titelthema

verhindern. Das ist das Movens einer

neu en Partei – so wie die Ökologie das

Mo vens der Grünen war.

Dass diese Debatte durch politischko

r rekte Tugendwächter so lange ge de -

c kelt oder in braune Schmud del ecken

abgedrängt werden konnte, hat freilich

seinen Preis: Der lange auf gestau te

National-Frust explodiert im diskursiven

Chaos. Da die etablierten Medien

an einer konstruktiven Diskussion der

Sarrazin-Fragen kein Interesse haben

(mit Ausnahme der Bild-Zeitung, die

trickreich zumindest das Gegenteil

vorgibt), müssen selbst minimale Kom -

munikationsstrukturen zur Selbstverständigung

der «Sarraziner» erst aufgebaut

werden.

Bis dahin rennet, rettet,

flüchtet jeder Vernünftige aus dem

Mei nungs käfig der «Schland»-Parteien

– aber keiner weiß genau, wohin. Bei

einer Emnid-Umfrage von Anfang Sep -

tember entfielen 18 Prozent auf eine

fiktive Sarrazin-Partei, eine vom CDU-

Dissidenten Friedrich Merz geführ te

Formation hätte 20 Prozent bekom men,

Ost-Pfarrer Joachim Gauck könn te sogar

25 Prozent abräumen. Offensichtlich

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

ist den Leuten egal, wer sie aus dem

Jammertal führt, solange derjenige für

eine gewisse Respektabilität und

Professionalität steht.

Rechte Extremisten jedenfalls, das

zeigen die demoskopischen Werte für

die entsprechenden Splitterparteien,

können von «Volksheld Sarrazin»

(Spiegel) nicht profitieren. Dazu passt,

wie stark seine Anstöße nach links ausstrahlen:

Bei der erwähnten Umfrage

hatten 29 Prozent der Linke-Wähler ihr

Kreuzchen bei der imaginären Sarrazin-

Partei gemacht – das waren mehr

als bei den Anhängern aller anderen.

Das Ergebnis muss die Nomenklatura

um Gregor Gysi schockieren – die war,

ihrem Verständnis von Antifaschismus

folgend, beim Verbellen des angeblichen

Rechtspopulisten besonders lautstark

gewesen. Die von Sarrazin befürchtete

Abschaffung Deutschlands

wurde im Zentralorgan frech bejubelt:

«Muss das etwas Schlechtes sein? (…)

Vielleicht muss es wirklich so geschehen,

wie es in einem Punk-Klassiker

besungen wird: »

Dass dieser antideutsche Hass in einer

Zeitung versprüht werden kann, die

immer noch den patriotischen SED-

Titel Neues Deutschland trägt, zeigt, wie

sehr sich die neue und allerneueste Lin -

ke von ihren Traditionen entfernt hat

– und von einem Gutteil ihrer Wähler.

Dass Sarrazin im Kern ein sozial

reformerisches und keineswegs ein

rechtsradikales Manifest vorgelegt hat,

hat Hans-Ulrich Wehler, einer der linken

Gegner von Ernst Nolte im so genannten

Historikerstreit, herausgearbeitet

(vg. S. 20). Dass dieser Kern nicht

immer sichtbar ist, muss sich Sarrazin

zwar auch selbst zuschreiben – seine

Ausflüge in die Erbbiologie hätte er

besser unterlassen, und auch zu seinen

Angriffen auf den Islam wird unten

noch Kritisches vermerkt werden. Die

Unschärfe dieses Kerns erklärt sich

jedoch weniger durch seine Darstellungsschwächen,

als durch den politisch-korrekten

Knick in der Optik seiner

linken Kritiker. Diese können nicht

erkennen, dass die im Buch zentrale

Forderung nach einer Umkehr in der

Einwanderungspolitik ganz im Interes

se der arbeitenden Menschen in diesem

Land – im marxistischen Duktus:

im Klasseninteresse des Proletariats –

liegt. Die Zuwanderung ist seit ihrem

Beginn in den sechziger Jahren ein

Projekt der Großkonzerne, die durch

den Import billiger «Gastarbeiter» die

Lohn quote immer mehr absenken

konn ten. Das ist ökonomisch gewollte

Inländerfeindlichkeit – wobei man den

Begriff durchaus weit fassen sollte: So,

wie schwäbische Betongießer in der

Altbundesrepublik anatolischen Zuzüg

lern weichen mussten, werden

deren Jobs heute von polnischen oder

baltischen Dienstleistern übernommen.

Mit anderen Worten: Auch die Türken

in Deutschland müssten in ihrem eige -

nen Interesse mit Sarrazin dafür sein,

dass vor der großen Flut die Schleusen

geschlossen werden.

Auch die Türken in

Deutschland müssten

in ihrem eige nen

Interesse für Sarrazin

sein.

Sarrazin selbst hat ganz richtig

erkannt, dass die notwendige Sammlung

der Kräfte auf einer breiten Basis,

also in der Mitte der Gesellschaft, erfolgen

muss. «Eine Partei, die sich ausschließlich

dem Thema Zuwanderung

und Integration widmen würde, wäre

eine Rechtspartei. Und ich möchte

keine Rechtspartei in Deutschland (…)

Ich lasse mich nicht in die rechte Ecke

drängen», sagte er Ende Oktober der

Bild am Sonntag. Bei den Themen, die

hinzu kommen müssten, hat er in

seinem Buch noch Ausarbeitungen zu

Demographie und zur Familien- sowie

Bildungspolitik vorgelegt.

Zwei große Themenkreise fehlen: Die

Zerstörung Deutschlands durch die

undemokratischen Eingriffe der EU in

alle Lebens bereiche sowie durch die

US-amerikanische Finanz- und Kriegspolitik.

Letzteres ist eine déformation

professionelle bei einem Politiker,

der in seiner Zeit als Berliner Senator

die Priva tisierung von kommu na lem -

Ei gen tum – eines der schlimmsten

Ele men te des angelsächsischen Wirtschafts

modells – immer voran ge trieben

und sich mit Außenpolitik nie

beschäftigt hat. Sein blinder Fleck in Bezug

auf die EU verwundert hin gegen:

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COMPACT

Titelthema

Die Immigrationsproblematik wurde

durch die von Brüs sel erzwunge nen

Grenzöffnungen innerhalb der EU dra -

ma tisch verschärft. Wenn Sarra zin die

Ein wan derung sozialverträg lich re gu -

lie ren, also sehr weit gehend eindämmen

will, müsste er nicht nur den Lis sa -

bonner, sondern auch den Maas trichter

Vertrag kündigen – also die Mitgliedschaft

in der EU, jedenfalls in ihrer bisherigen

Form, zur Disposition stellen.

Dass man mit diesem Thema

punkten könnte, zeigt das Beispiel der

br itischen Unabhängigkeitspartei UKIP:

Unter ihrem rhetorischen Sturmgeschütz

Nigel Farage gelang ihr bei den

Europa-Wahlen 2009 auf breiter Ebene

ein Einbruch in bürgerliche Wählerschichten.

Mit 16,5 Prozent wurde UKIP

hinter den Konservativen die zweitstärkste

Kraft auf der Insel. Die Souve -

ränität Großbritanniens bildet bei UKIP

den programmatischen Rahmen, der

unterschiedliche Strömungen zusammenhält.

Im Rahmen dieses Souveränismus

werden auch die Probleme der

Immigration angesprochen und, als

wichtiger Unterpunkt, die der Immigra

tion aus islamischen Ländern. Hier

fordert UKIP eine klare Begrenzung.

Aber nicht «Ausländer raus aus unsrem

Land», sondern «Unser Land raus

aus der EU!» ist das Panier, mit dem

Farage seine Wahlsiege erficht. Der

Kampf gegen die Brüsseler Kommissare

steht im Vordergrund, nicht der

Kampf gegen den Islam.

Sarrazin setzt die Akzente

leider anders. Anstatt über die für

Deutschland zerstörerischen Einflüsse

von EU und USA schreibt er in seinem

Buch lieber über die Gefahren, die uns

vom Islam drohen. Auch mit diesem

Fokus kann man eine Protestpartei

stark machen, wie das Beispiel der

niederländischen Partij voor de Vrijheid

von Geert Wilders zeigt. Doch man

muss sich über die Konsequenzen

dieser Schwerpunktsetzung im Klaren

sein: Wer «den» Islam als unser Problem

oder gar als das Hauptproblem

sieht, wird sich nicht auf die Wiederaneignung

nationaler Souveränitätsrechte

etwa zur Steuerung der Immigration

beschränken können. Vielmehr

wird er auf einer glitschigen Rutschbahn

Platz nehmen, die ihn in die weltweite

Front gegen den Islam führt –

wofür dann schnurstracks weitere Souveränitätsrechte

an die Kommandeure

dieser Front abgegeben werden müssen.

Nicht die Verteidigung Deutschlands,

sondern die Verteidigung USame

rikanischer Ölinteressen in Nahund

Mittelost ist der Fluchtpunkt dieser

Politik, und ihr Lackmustest wird

die deutsche Unterstützung für is ra e-

lische Bomben auf Teheran sein.

Die Alternative, ob eine neue

poli tische Kraft eher nach dem Farage-

Modell als Unabhängigkeitspartei oder

eher nach dem Wilders-Modell als Anti-

Islam-Partei ausgerichtet werden müss -

te, ist noch kaum herausgearbeitet.

Manche sehen das auch gar nicht als

Entweder-Oder. Nehmen wir die Vorgänge

in Berlin im Spätherbst 2010, die

im weiteren Verlauf der Geschichte

zwar nur eine Fussnote bilden werden,

aber doch als Momentaufnahme der

Riffe unter der von Sarrazin ausgelösten

Dis kurs-Welle taugen. So mag man

dem CDU-Dissidenten René Stadtkewitz

ger ne zubilligen, dass er sich von

Wilders bei der Taufe seiner Freiheits-

Partei nur deswegen helfen ließ, weil

er nicht früher von Farage kontaktiert

wurde. Israel-Liebesbekundungen erscheinen

Moderaten wie ihm vielleicht

nur als probater Schutzschild, um Unterwanderer

aus DVU und NPD abzuschrecken

– auf hartge sottene Antisemiten

wirkt Wilders Davidstern wie

das Kruzifix auf Vampire.

Das Problem bei diesem allzu trickreichen

Kalkül ist, dass man durch das

Schwenken israelischer Fahne zwar die

eine Sorte Extremisten abschreckt, aber

eine andere anzieht, die im Hier und

Heute – wir leben ja nicht mehr in den

dreißiger Jahren! – noch gefährlicher

ist: die eliminatorischen Zionisten und

weltkriegsgeilen Neokonservativen.

Der vergleichsweise harmloseste

Rekrut dieser Truppe ist Aaron König,

anfänglich Stadtkewitz’ Nummer zwei,

der seine Karriere bei der Piratenpartei

beenden musste, nachdem er die Bombardierung

des Iran gefordert hatte.

Gefährlicher ist schon Eliezer Cohen, der

von Stadtkewitz als Co-Referent bei Wilders’

Auftritt in Berlin eingeladen worden

war. Nichts hätte dagegen gesprochen,

durch einen Redner aus

Israel historische Verantwortung zu demonstrieren.

Doch Cohen ist kein Vertreter

der israelischen Friedensbewegung,

noch nicht einmal der durchaus

zionistischen Arbeitspartei – sondern

er gehört zur Partei von Aussenminister

Avigdor Lieberman. Diese Partei

träumt offen von der Depor tation nicht

nur der Palästinenser, sondern auch

der arabischen Staatsbürger Israels,

und wird auch in der dortigen Presse

als «rassistisch» oder «fa schistisch»

bezeichnet.

Das Maß voll macht die Anwesenheit

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

von Daniel Pipes auf dem im engsten

Kreis angesetz ten Gründungstreff der

Stadtkewitz-Partei. Pipes gehört zu den

härtesten Fal ken der Bush-Ära, die jeden

Krieg ge gen islamische Staaten

propagandistisch rechtfertigten. Im

Frühjahr forderte er Präsident Obama

auf, den Iran anzu greifen. Er unterstützte

die Wilders-Partei angeblich mit

fünfstel ligen Beträgen. Nun hat er bei

der Berliner Freiheit angedockt. Aber

wohin wird deren Reise gehen, wenn

sie einen Steuermann hat, der nicht

deutsche, son dern US-amerikanische

und zionis tische Interessen verfolgt –

und zwar in deren extremster Variante?

Entsteht auf diese Weise nicht statt einer

Volkspartei doch eine Rechtsaussenpartei?

Die Stoßtruppen für die Auflösung

Deutschlands sind jedenfalls

nicht die Muslime, sondern die Achtundsechziger.

Das ist oft schwer zu er -

kennen, weil sich Claudia Roth und Co.

als Sachwalter der Muslime ausgeben,

freilich ohne sie groß gefragt zu haben.

Aber bei einem Kernthema der Sarrazin-Untersuchung

wird der Unter -

schied zwischen beiden Gruppen deut -

lich – beim dramatischen Sinken der

Geburtenrate. Dafür sind der Femi nismus

und dessen karzinogene Mu tation,

die Gender Mainstream-Ideologie,

verantwortlich, die bös artigs ten

Früchte der 68er Revolte und mit die

Hauptanliegen der grünen Bewegung

(samt ihrer Ausläufer in den alten

Volksparteien).

Sie wollen die Hetero sexualität und

die Familie in den Zoo der Minderheiten

und ins Muse um verbannen.

Frau und Mann sind ihnen zufolge

keine biologische Reali tät, sondern

ein soziales Konstrukt – wo doch ein

Blick in den eigenen Slip jeden und

jede vom Gegen teil überzeu gen kann.

Schwule, Lesben und Transen sollen

heiraten und Kinder adoptieren dürfen,

den Famili en wird über die Abschaffung

des Ehegatten-Splittings

die Finanzierungs grundlage entzogen,

in Berlin hisst der Polizeipräsident

zum Christopher Street Day die

Regenbogenfahne.

Was in diesem Land abläuft,

ist der Krieg einer familienfeindlichen

68er-Minderheit unter Führung ide o-

logisch verbohrter Feministinnen gegen

die Mehrheit der Normalos, die

zum Aussterben überredet werden

sollen. Nota bene: An diesem Krieg

sind die Muslime nicht beteiligt. Im

Gegen teil: Ihre Ideale von Liebe und

Partnerschaft, von Familie und Respekt

stehen den ursprünglichen deutschen

sehr nahe.

Dass junge Türken Deutschland ablehnen

und sich einer Integration verweigern,

hat zumindest zum Teil damit

zu tun, dass unser Land seine eigenen

Traditionen verraten hat. Das Kopftuch

junger Türkinnen in Kreuz berg ist

nicht nur, aber auch ein Protest gegen

die Pornographisierung der gleichaltrigen

Deutschen. Wenn Cindy und

Wo die nationale

Leitkultur stark ist,

können Minderheiten

integriert werden.

Ein Beispiel dafür ist

Preußen.

Mandy sich von der Oberlippe bis zum

Arschgeweih tätowieren und piercen

lassen, flüchten Fatima und Ayse unter

das Kopftuch, was immerhin ein Ausdruck

ihrer Kultur und ihrer Religion

ist.

Dass auch wir unsere kulturellen

und religiösen Wurzeln wieder frei legen

und stärken, müsste – neben der

Wiedergewinnung der äußeren Souve -

r änität – ein wichti ges Element einer

Partei sein, die Deutschland vor dem

Un tergang in einer to tali tären One

World bewahren will. Musli me wie

Andreas Rieger, die die Weimarer Klassik

verstehen und schätzen (vgl. S. 51),

werden diesen Weg sicherlich eher mitgehen

als die Anhänger von Lady Gaga

und Renate Künast.

Wo die nationale Leitkultur

stark ist, können Minderheiten integriert

werden. Ein Beispiel ist Preußen,

in dem die zugewanderten Huge notten

zeitweise 20 Prozent der Bevölkerung

ausmachten – und trotzdem keine

Parallelgesellschaft bildeten. Das wird

mit Türken und Arabern zweifellos

schwieriger werden. Nur wenn der Zuzug

gestoppt wird, werden die bisher

Gekommenen sich gut einfinden kön-

nen. Der alte Preuße Sarrazin hat immerhin

die Melodie aufgeschrieben,

die man unseren Mitbürgern vorsingen

müsste:

«Wer da ist und einen legalen Aufent

haltsstatus hat, ist willkommen.

Aber wir erwarten von euch, dass ihr

die Sprache lernt, dass ihr euren Lebens

unterhalt mit Arbeit verdient, dass

ihr Bildungsehrgeiz für eure Kinder

habt, dass ihr euch an die Sitten und

Gebräuche Deutschlands anpasst und

dass ihr mit der Zeit Deutsche werdet

– wenn nicht ihr, dann spätestens eure

Kinder. Wenn ihr muslimischen Glaubens

seid, OK. Damit habt ihr dieselben

Rechte und Pflichten wie heid nische,

evangelische oder katholische

Deutsche. Aber wir wollen keine nati -

o nalen Minderheiten. Wer Türke oder

Araber bleiben will und dies auch für

seine Kinder möchte, der ist in seinem

Herkunftsland besser aufgehoben.

Und wer vor allem an den Segnungen

des deutschen Sozialstaats interessiert

ist, der ist bei uns schon gar nicht

willkommen.»

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COMPACT

Titelthema

Das Feindbild als Spiegelbild. Über

Henryk M. Broders Vorstöße in der

deutschen Islam-Debatte.

Foto: Florian Siebeck

Tit for Tat

Dubai City im Jahre 2010: Bedroht der Islam die Moderne – oder die Moderne den Islam?

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

Von André F. Lichtschlag

Der Journalist Henryk M. Broder betrach -

tete das Gestammel der Gut menschen-

Kollegen nach dem Schweizer Minarettvotum

als «luschtig». Die Schweizer,

so Broder, seien «die erste europäische

Nation, die sich in einer freien Abstimmung

gegen die Isla misie rung ihres

Landes entschieden» habe. Es sei

tatsächlich eine Abstimmung gegen

eine bisherige «Asy mmetrie», denn

«Moslems dürfen in Europa Gebetshäuser

bauen, Christen in den arabischislamischen

Ländern dürfen es nicht.

In Afghanistan und Pakistan droht

Konvertiten die Todesstrafe, Touristen

dürfen nach Saudi-Arabien nicht einmal

Bibeln im Gepäck mitführen.» Das,

so Broder, «sind Zustände, die nicht

toleriert werden können.» Nun sei die

Zeit für das alte jüdische «Tit-for-tat-

Prin zip» gekommen: «So wie zwischen

den Regierungen Slots für die Flug -

gesellschaften ausgehandelt werden,

werden jetzt auch Landerechte für den

Bau von religiösen Einrichtungen

vereinbart. Wenn es in Bonn eine König-Fahd-Aka

demie geben kann, die

nicht der Schulaufsicht untersteht,

muss es in Riad oder Jedda eine Evangelische,

eine Ka tholische oder eine

Akademie für Theorie und Praxis des

Atheismus geben können. Wenn iranische

Frauen in Voll verschleierung

durch München flanieren können,

müssen europäische Frauen in der

Kleidung ihrer Wahl durch Teheran

oder Isfahan gehen dür fen, ohne von den

notgeilen Greifern der Sittenpolizei belästigt

zu werden.»

«Gut gebrüllt», antwortet ihm

Kollege Hermann L. Gremliza: Schade

nur, «dass der Rat zu spät kommt für

die USA, um dem deutschen Emigran -

ten Brecht zu sagen, er dürfe in Amerika

erst schreiben, wenn im Deutschen

Reich wieder Pressefreiheit herrscht.»

Claudius Seidl fügt mit Voltaire hinzu:

«Ich mag Ihr Kopftuch nicht. Aber ich

werde mein Leben dafür einsetzen,

dass Sie sich kleiden dürfen, wie Sie

wollen.»

Dabei spricht durchaus auch viel für

Broders Provokation. Zweifellos ist die

genannte «islamische Asymmetrie»

bezüglich Religionsfreiheit gegeben,

und dass sie bislang von den Kol legen

der Mainstream-Presse nicht thematisiert

wurde, ist ein Skandal. Es bleibt

nur die alte Frage: Was unterscheidet

den nach eigenem Bekunden Toleranten

vom Intoleranten, wenn er dessen

Intoleranz gegen ihn selbst wendet?

Sollten wir dann nicht besser gleich

alle zum Islam konvertieren und

umgekehrt?

Wäre es nicht entschieden

aufrichtiger, das Abendland bliebe seinen

Werten treu, statt sie zu verraten?

Daher ein anderer Vorschlag: Broders

einflussreiche Arbeitgeber Spiegel und

Welt könnten zur Abwechslung mit

den Berichten über Christenver folgungen

in arabischen Ländern beginnen.

Oder ARD und ZDF könnten themati

sieren, dass seit dem 1. Januar 2000

nahezu alle Kinder türkischer Eltern

von Geburt an Deutsche sind.

Ein Faktum über viele momentan

heranwachsende und statistisch bereits

deutsche Mitbürger, das vielen Abstam

mungsdeutschen kaum bewusst

ist, wurde das Gesetz doch in etwa so

heimlich eingeführt wie die Einwanderungspolitik

von Beginn an systema

tisch geplant und betrieben wurde.

Das gar nicht mehr so neue Staatsbürgerschaftsrecht

jedenfalls könnte sich

in ein paar Jahren als Meilenstein auf

dem Weg zum Bürgerkrieg erweisen,

dann nämlich, wenn der Sozialstaat

endgültig zusammenbricht, der all das

Prekariat angezogen, herausgebildet

und zielgerichtet vermehrt hat, das

nicht nur den Schweizern langsam zu

teuer wird.

Oder wie wäre es, wenn die em -

pörten Deutschen und Schweizer Urlaubslän

der wie Ägypten mieden oder

begännen, Waren aus entsprechenden

Ländern zu boykottieren? Das wäre

zwar für jeden einzelnen unbequemer,

aber es würde auch nicht den eigenen

Anspruch verraten. Und die Methode

könnte erfolgversprechender sein, als

auch hierzulande die Religionsfreiheit

zu beschneiden.

Und wenn schon Broders rabiates po -

li tisches Mittel, dann bitte auch konse -

quent: Irakische und afghanische Truppen

dürfen nach kleineren dor tigen

Gefechten und Bombardements in

Berlin und Washington stationiert werden,

und auch der Iran darf natür lich

Atomwaffen bauen. Abschreckung ist

machbar, Herr Nachbar. Oder auch:

«Tit-for-tat».

Broder erklärt die neue Angst

des Westens vor dem Islam allein mit

dessen Fehlern. Die andere Seite der

Me daille verschweigt er, jene diffuse

Grundangst, die aus eigener Schwäche

herrührt. Deutschland und darüber

hinaus das, was gemeinhin als «der

Wes ten» bezeichnet wird, «haben fertig».

Viele wissen das. Noch mehr ahnen

es. Demographisch, demokratisch,

kulturell, moralisch und ökonomisch

zehren wir von der Vergangenheit und

leben auf Kosten der Zukunft. So ist

das im Sozialismus, immer. Große

Gelehrte wie Ludwig von Mises oder

Friedrich August von Hayek haben dicke

Bücher zur Erklärung des Phänomens

verfaßt. Roland Baader in Deutschland

oder Igor Schafarewitsch in Russland

haben erklärt, warum jeder neue so zi -

a lis ti sche Menschenversuch – und es

gab im Laufe der Jahrhunderte viele –

immer wieder aus vier Komponenten

besteht: Eigentumszerstörung, Religions

zerstörung, Familienzerstörung,

gekop pelt mit der Utopie der sozialen

Gleichheit. Jetzt steht auch unsere neoso

zialistische Gesellschaft wie vor

mehr als zwanzig Jahren der Real sozi -

a lismus vor dem Offenbarungseid.

Wie damals suchen Kapital und Menschen

das Weite. Wer kann, haut ab. Die

Auswandererziffern nähern sich bereits

den Zahlen der Einwanderer.

Leistungsfähige und -willige ziehen in

Scharen fort im Austausch gegen

Anatoliens Landbevölkerung, die, bildungs

fern, aber bauernschlau, vom

hiesigen Sozialschlaraffenland wie magisch

angezogen wird. Das düstere Bild

der Zukunft ist an hiesigen Problemschulen

bereits heute zu bewun dern.

Die Überwachung der verbleibenden

Produktiven wird immer lückenloser,

fliehendem Kapital wird an den Grenzen

polizeistaatlich nachgespürt. Der

Klassenfeind lauert in Liechtenstein.

Mauer und Stacheldraht sind nur noch

eine Frage der Zeit. Auch so ist das im

Sozialismus, auf Dauer immer.

Die Beweggründe des auf gebrach

ten Volkes sind ja nachvoll ziehbar:

Immer mehr Straßenzüge im ei ge -

nen Land mutieren zum No-go- Bezirk

für Deutsche, die zudem noch gedemü

tigt werden von den stets juristisch,

soziologisch, politisch und sozialstaat -

lich bevorzugten Jungmänner-«Migranten».

Gemeint sind nicht die Rhein-

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COMPACT

Titelthema

Die Metropolis von Dubai City als Menetekel der Verwestlichung.

Fotos: Florian Siebeck

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

«Ist nicht auch die islamische Jugend im Westen wie in

der eigentlichen Heimat von der Pop-Kultur der Untreue,

des unproduktiven Konsums und der Ehr- wie Kinderlosigkeit

bereits weitaus stärker angezogen als vom Prediger

in der Moschee? Und ist nicht auch die moslemische

Welt diesseits alter Ideen vom Gold-Dinar längst eine

Schuldengemeinschaft, die nicht nur in Dubai auf Sand

gebaut ist?» (André F. Lichtschlag)

14

15


COMPACT

Dezember

länder in Berlin. Die Bauzeichnung der

Ehrenfelder Großmoschee – des «neu -

en Kölner Doms» – ist eine eindrucksvolle

symbolische Demonstration der

Macht. Da ist es verständlich, wenn

sich Angst und Wut auf «die Musels»

weiter verbreiten. Zunehmend stehen

sie für alles Böse dieser Welt: «Politisch

inkorrekte Westler» wie Broder erklären,

die islamische Religion sei in Wirklichkeit

eine aggressive politische Ide -

ologie, ihr Religions stifter bereits sei

ein Krieger und ein Kinderschänder

gewesen. Die Muslime seien kulturell,

moralisch und ökonomisch rückständig,

und ihre Religion habe anders als

das Christentum im Westen eine «Aufklärung»

nie erfahren.

Schließlich würden Moslems in weni

gen Jahrzehnten bereits demographi -

sch im Westen die Macht ergreifen. Ein

Blick in die Neugeborenenab teilung eines

Krankenhauses in einer beliebigen

westlichen Großstadt sagt dazu mehr

als tausend Worte.

Gerade die Angst aber vor der

Macht übernahme durch künftige muslimische

Mehrheiten im alten Europa

zeigt, dass wir es auch heute lediglich

mit einem Blick in den Spiegel zu tun

haben. Denn würden die westlichen

Gesellschaften nicht selbst absterbende

sein und wäre die Geburtenrate bei den

Einheimischen nicht tendenziell eine

Selbstmordrate, so würden nicht andere

jene Macht an sich reißen können.

Mohammedaner vermehren sich, der

Westen ist verbraucht, alt, gebrechlich,

lendenlahm und überlebt nur noch

notdürftig auf Pump. In einer solchen

Gesellschaft wird die Selbsttötung

eines unscheinbaren und vergleichswei

se wenig bekannten Torhüters als

kollek tives emotionales Großereignis

ze lebriert wie andernorts und zu an -

de rer Zeit der im Kampf gefallene «unbekannte

Soldat». Was zuweilen als

«Land nahme» bezeichnet wird, ist deshalb

eher eine milde «Landgabe».

Doch schauen wir uns die Vorwürfe

der Spiegelfechter noch einmal ge nau -

er an: Im ehemals christlichen Westen

folgten nach der Aufklärung Kommunismus,

Nationalsozialismus und Sozi

al demokratismus – und in der Fol -

ge dieser Ideologien das inflationäre

Papiergeldsystem sowie Abermil lionen

Ermordete und Beraubte. Wo finden

wir mit dem Gulag, dem «großen

Sprung nach vorn» und dem Holocaust

auch nur entfernt Vergleichbares im

«unaufgeklärten moslemischen Kulturraum»?

Die schlimmsten Verbrechen,

die gegen die Armenier, wurden

auch dort ausgerechnet von den «aufgeklärten»

Jungtürken begangen, die

sich an westlichen Modernisierern

orientierten.

Wessen Armeen

stehen seit mehr als

100 Jahren in

wessen Kulturraum?

damentalistischen wie US-ergebenen

Saudis kostete etwa 400.000 Muslime

das Leben. Die wenigen Terroristen unter

mehr als einer Milliarde Muslimen

haben finanziell, bildungsspezifisch

und kulturell weit überdurchschnittlich

häufigen Kontakt zu westlichen

Gesellschaften im allgemeinen, zu deren

Ideologien im besonderen und zu

ihren Geheimdiensten im speziellen.

Die gesamte Geschichte der RAF stellt

sich 30 Jahre später von Kurras über

Baader und Mahler bis Viett als in jedem

Schritt beobachtet, wenn nicht gar

inszeniert von diversen Geheimdiensten

heraus. Was werden wir in 30 Jahren

über den «islamistischen Terrorismus»

erfahren, von dem bereits heute

auffällig viele entsprechende Querver -

bindungen bekannt sind?

Und die Intoleranz? Die Sultane

ließen im 15. und 16. Jahrhundert mehr

als 10.000 aus Spanien vertriebene Juden

in der heutigen Türkei siedeln. Das

Osmanische Reich war wie jetzt noch

das Russische ein Vielvölkerreich und

im Vergleich zum «aufgeklärten 20.

Jahrhundert» ausgesprochen tolerant

gegenüber Minderheiten. Noch heute

leben im Iran Juden und Christen weitgehend

unbehelligt, sie praktizieren ih -

re Religion in ihren Kirchen und Syna -

Und was den aggressiven,

kriegerischen und terroristischen Islam

betrifft: Wessen Armeen stehen seit

mehr als 100 Jahren in wessen Kulturraum?

Wer finanzierte jahrzehntelang

die fundamentalistischen Strömungen

in Saudi-Arabien und in Afghanistan?

Waren es Muslime oder Amerikaner?

Die Machtergreifung der ebenso fungogen.

Der Unterschied nur zu den

Mus limen im Westen und die bes sere

Erklärung für das wachsende Unbehagen

an den «neuen Mitbürgern»

hier: Die traditionellen Minderheiten

leben und arbeiten auf eigene Kosten.

Damit wir uns nicht falsch verstehen:

Die Christenverfolgung in manchen

islamischen Ländern bleibt ein

Skandal, das Schweigen der westlichen

Presse dazu nur ein weiterer Beleg für

eine untergehende Ordnung. Die verbreitete

Geringschätzung und Unterdrückung

von Frauen im Islam ist eher

noch verwerflicher als die moderne

Männerverachtung im feministischen

Westen. Und ja, Mohammed war im

Ge gensatz zum friedliebenden Jesus

ein Krieger. Da darf man werten. Und

richtig, es gibt auch deshalb religiöse

Unterschiede. Nur würden «die Musli

me» dennoch nicht so furchteinflößend

vor der vermeintlichen Machtübernahme

stehen, wenn nicht der

Wes ten selbst in jeder Beziehung vor

dem Ende stünde.

Sarrazin hat trotzdem Recht:

Viele real existierende Einwanderer in

Deutschland wie in der Schweiz – und

mehr noch in Frankreich oder Belgien

– sind ein großes Problem. Der Anteil

des «Prekariats» unter den Türken und

vor allem Arabern ist insbesondere in

Berlin augenfällig höher als unter «Einheimischen».

Doch das ist ein durch

Einwanderungspolitik und Sozialstaat -

lichkeit hervorgerufenes Übel, mit dem

wir uns im folgenden ausführlicher

beschäftigen wollen, weniger eines der

Religion. Und es ist, soviel vorweg,

auch nur ein Symptom des Zusammenbruchs,

in etwa vergleichbar mit

dem Zustand des Maschinenparks, der

Straßen oder der verängstigten Menschen

im Osteuropa des Jahres 1988.

André F. Lichtschlag ist

Herausgeber des Monats

magazins eigentümlich

frei. Seinem aktuellen

Buch Feindbild Muslim.

Schauplätze verfehlter

Ein wanderungs- und Sozial

politik (manuscriptum-Verkag,

8.80 Euro)

entnahmen wir den obigen

leicht gekürzten Text.

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

In der

Sarrazin-Falle

Der ehemalige Finanz

senator blendet

sein eigenes

Fach gebiet – den

Finanzsektor –

aus. Dafür glaubt

er, alles über den

Islam zu wissen.

Von A. Rieger und S. Wilms

Deutschland schafft sich ab – schon der

Titel ist eine gelungene Mar ketingmaß

nahme. Auf beinahe 400 Seiten

beschäftigt sich Thilo Sarrazin mit der

Angst des «weißen Mannes» vor dem

Untergang des Abendlandes. Die

Fakten sind schnell erzählt: Unser

Gemein wesen wird, nach Sicht des

ehemaligen Berliner Finanzsenators,

von bildungsfernen Schichten bedroht,

eine Bevölkerungsgruppe die, so sein

biopolitisches Bedrohungsszenario,

zudem stetig wachse und eines Tages

aus der bequemen «Sozialschaukel»

aufstehen und das Land ins Chaos

stürzen könnten. Neben der deutschen

Unterschicht wird, so Sarrazin weiter,

die Republik auch von revoltierenden

Immigranten unterwandert. Schuld an

dieser Misere habe «eine unhistorische,

naive und opportunistische staatliche

Migrationspolitik». Der europäische

Nationalstaat, so könnte man

die Lage zusammenfassen, stehe vor

der Selbstauflösung.

Seit Erscheinen dieses Buches

wird in der Berliner Republik wenigstens

mal wieder richtig gestritten. Das

Buch, Carl Schmitt hätte seine Freude

daran, gibt einige Steilvorlagen für

neue Freund-Feind-Unterscheidungen,

etabliert aber auch gleichzeitig eine

machtvolle Dialektik zu Füßen des

Establishments. Das funktioniert umso

besser, als Sarrazin, wie noch zu zeigen

ist, statt der Etikette «Ausländer» lieber

den Begriff «Muslime» wählt. Der

Volkszorn, auch dazu verhilft die

Sarrazin-Debatte, wendet sich von den

«bildungsfernen» Finanzjongleuren

und Profiteuren und ihren Parallel gesellschaften

ab und damit von den

Eliten, die ja für den eigentlichen Abgrund

dieses Jahrhunderts, die Folgen

der aktuellen Finanzkrise, Mitverantwortung

tragen. Die nicht gerade unwichtige

Frage «Was ist ein Derivat?»

können folglich bis heute nur ein paar

Promille unserer Mitbürger beantworten,

während fast jeder zu wissen

glaubt, was im Koran steht. Dazu passt,

dass Sarrazin bei seiner Selbstdarstellung

einer deutschen «Beamtenkar ri -

ere» seine ungeklärte Rolle bei den Berliner

Finanzskandalen der letzten Jahre

vergisst.

Natürlich gibt die Person Sarrazins

Vorlagen für einige Polemik. Gerade

aus muslimischer Sicht liegen einige

Vor aussetzungen vor, auf den vermeint

lichen «Feind» und seine Truppen

einzuschlagen. Peinlich wird es

jedoch, wenn in Talkshows die meisten

Muslime zugeben müssen, dass

sie das Buch selbst nicht gelesen haben.

Nur: Was, wenn gerade in dieser

Ignoranz gegenüber den Inhalten

die eigentliche Sarrazin-Falle für die

Muslime liegt?

Erlauben wir uns also für

einen Moment den Luxus der Differenzierung

(Das Motto: Wir Muslime

sind nicht schon deswegen gut, weil er

böse ist!). Zunächst muss man sportlich

fair feststellen, dass Sarrazin natürlich

ein unglaublicher Bestseller gelungen

ist. Ob es uns gefällt oder nicht

– seit dem Zweiten Weltkrieg hat kein

anderes politisches Buch so einen Verkaufserfolg

hingelegt. Punkt. Man wird

einwenden dürfen, dass dies ohne die

tatkräftige Unterstützung der Massen -

medien kaum gelungen wäre, aber als

Erklärungsmodell greift dies ein deutig

zu kurz. Die Frage, «wie wir unser

Land aufs Spiel setzen», scheint immer

hin hunderttausende Leser zu

beschäftigen. Deswegen muss man

natür lich die Fragen, die dieser Ver -

kaufs schlager aufwirft, durchaus ernst

nehmen – nur so können auch Chancen

genutzt werden.

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COMPACT

Titelthema

Gewünschtes Endziel «Integration»? Deutschunterricht in den Räumlichkeiten der Zentrale des türkischen Verbandes DITIB in Köln

E i n z w e i t e r E i n w a n d gegen

die Sarrazin-Abfertiger ist auch strategischer

Natur: Ein Sarrazin in der

SPD ist allemal besser, als ein Volkstribun

ausserhalb der SPD, der gar

den rechten Mob anzieht. Deswegen

sind Forderungen nach einer Verurteilung

Sarrazins oder seinem Ausschluss

aus der Debatte tatsächlich

wenig hilfreich.

Darüber hinaus, bei allen berechtigten

Vorbehalten: Sarrazin mag mit dem

Feuer spielen – ein Rassist oder Rechtsradikaler

ist das langjährige SPD-

Mitglied allerdings beileibe nicht. In

seiner öffentlichen Buchpräsentation

in Potsdam bemerkte denn auch Sarra -

zin selbst verwundert, dass die

hunderte von Seiten, in der er die Deutschen

selbst kritisiert habe, kaum polarisierten,

seine Passagen über die Integration

aber inzwischen eine heftige

Kulturdebatte ausgelöst haben.

Bevor man sich dem eigentlichen

Buch annähert, sollte man also ruhig

durchatmen und vielleicht den eigenen

Blickwinkel auf das Werk kurz fest legen.

Man wird nämlich als betroffene

muslimische Minderheit deutlich weniger

Probleme mit den Unterstellungen

und auch den Binsen weis heiten

des Buches (wer ist denn auch schon

für Ali, den Schläger?) haben, wenn

man sich kurz, sozusagen vor dem

Einstieg in die Debatte, klar macht, was

der Islam ist. Nur zur Erinnerung: Der

Islam ist keine Kultur. Der Islam

befördert keinen Nationalismus. Der

Islam ist keine Ideologie. Der Islam ist

kein System. Worauf man gegen

ungerechtfertigte Pauschalisierungen

aus der Sicht eines deutschen Muslim

entschieden verweisen muss, ist die

Plura lität unseres Glaubens. Angesichts

weit über einer Milliarde Menschen

weltweit findet man eine breite

Auswahl von Überzeugungen und

Lebens stilen: Es gibt zum Beispiel muslimische

Heilige, muslimische Ausländer,

muslimische Otto-Normal-Verbraucher

und muslimische Kriminelle.

Dieser Ansatz ist deswegen wichtig,

um nicht in die Falle zu laufen, man

mü sse nun als Muslim in einer Art

«Soli da ri tätsverpflichtung» jeden aberwitzigen

Irrweg irgendeiner muslimischen

Grup pe vertreten oder gar ver -

teidigen. Ergo, es mag muslimische

Bankräuber geben, aber keinen islamischen

Bankraub. Das ist die Linie,

um die es zunächst geht.

Sarrazin steht an diesem Punkt auf

der anderen Seite. In den 76 Seiten, in

denen er über Integration nachdenkt

und insbesondere die Muslime ins Visier

nimmt, behauptet er ja unter Anderem,

dass der Islam selbst kulturell

vom «Westen», seinem «Westen», verschieden

sei, dass er Ideologie befördere

und der Gewalt nahe stehe. Sätze

wie «Millio nen muslimischer Frauen

in unserer Mitte werden zur Beachtung

von Kleidervorschriften gezwungen»

artikulieren billige Polemik. So schreibt

Sarrazin über die Muslime: «Tatsache

ist, dass es sich um eine abgeschlossene

Religion und Kultur handelt,

deren Anhänger sich für das umgebende

westliche Abendland kaum

interessieren – es sei denn als Quelle

materieller Leistungen.»

Bevor wir einige konkrete

Aussagen näher unter die Lupe nehmen,

muss leider festgehalten werden:

Wie alle Finanztechniker ist Thilo Sarra

zin grundsätzlich blind gegenüber

dem abgründigen Beitrag des ent fesselten

Kapitalismus, der ganzheitliche

und religiöse Maßstäbe annimmt und

heute im globalen Maßstab zur Entwick

lung, besser gesagt zur Degenerierung

von Kultur, Familie und all den

Werten, die er vorgibt zu verteidigen,

beiträgt. Ernst Jünger hat dies einmal

die «große Weißung» genannt. Sarrazin

selbst wird nicht zufällig zur Ikone

in einem bekannten deutschen Leitmedium,

das sich aus Verkaufsgründen

neben Politik in aller Kürze und

(dem natürlich besten) Sportteil eben

auch alltäglich der «Ausbildung», also

Verblödung und Verrohung einer ganzen

Unterschicht, widmet.

Damit Sarrazin die unsinnige

These von der kulturellen Unvereinbar

keit des Islams mit dem «Westen»

grundsätzlich durchhalten kann, muss

er, wie viele Autoren vor ihm, die euro -

päisch-bosnischen Muslime (die friedfertigen

Opfer des letzten Religionskrieges

Europas) genauso ver schweigen

wie die neuen Generationen deutscher

Muslime (die er polemisch nur als

potenzielle Gewalttäter fassen kann).

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

Hier herrscht die Art von Ignoranz, die

Sarrazin auch behaupten lässt, kora nische

Suren rechtfertigten den Terrorismus

– natürlich in völliger Unkennt -

nis tausender Schriften muslimischer

Juristen aller Epochen zu diesem

Thema.

Intellektuell schwach aufgestellt

ist das Buch insbesondere bei der Analy

se der größten muslimischen Min -

der heit in Deutschland, den Türken.

Dies mag auch daran liegen, dass der

Autor beinahe ausschließlich eine

einzige Autorin als Quelle für seine

Türkei expertise heranzieht. So unterschlägt

Sarrazin, dass der Vorwurf der

Bildungsferne vieler Türken natürlich

auch für ihre islamische Bildung gilt!

Das ist kein großes Wunder, ist doch

der größte Teil des geistig-muslimischen

Erbes der Türkei, in Form hunderttausender

Bücher, in einer Sprache

– der osmanischen – geschrieben, welche

die Türken heute gar nicht mehr

beherrschen. Die Türkei ist in den letzten

Jahrzehnten geistig nicht nur durch

den Islam, sondern auch durch einen

bürgerlichen Säkularismus in der Tra -

dition Atatürks, der übrigens auch ide -

ologische und militante Formen an -

nimmt, durch Nationalismus und

Ka pi talismus geprägt worden.

Eine große Zahl türkischer Immigranten

und auch türkischer Verbände

spiegeln heute diese Mischformen wieder.

Wie kommt Sarrazin nur darauf,

dass einzig und per se der Islam an

allen nega tiven Phänomenen muslimischer

Einwanderung schuld sein

soll? Eine inte ressante Nebenfrage

wäre in diesem Zusammenhang, warum

eigentlich unser Wertebündnis

NATO mit einer Mitgliedschaft der

Türkei nie das geringste Problem hatte.

Wie konnte das sein, wenn die Werte

in jenem Land so unver einbar mit

denen des Westens sind, wie Sarrazin

behauptet?

Große Debatten und Ereignisse

sollte man auch unter dem Blickwinkel

der Bedeutung und einer nötigen

Selbstkritik sehen. Natürlich haben

Mus lime – und damit sind nicht nur

die orientierungslosen Ghettokinder

Neu köllns gemeint – selbst auch beige

tragen zu der heute so verbreiteten

mangelnden Unterscheidung zwischen

der Alltagsrealität der Muslime und

dem Islam. Die türkischen Verbände,

nicht wirklich multikulturell verfasst,

hin- und hergerissen zwischen Beflaggung,

ethnischen Trennlinien und re -

li giöser Verantwortung, müssen sich

zum Beispiel schon innerislamisch un -

be queme Fragen gefallen lassen.

Warum verweigern sie selbst den

«Will kommensgruß», den sie von der

Mehrheitsgesellschaft fordern, den

nicht- türkischen Muslimen? Welcher

türkische Verband hat – wie es der Islam

eigentlich fordert – aktiv andere Ethni

en im Lande zur Mitgliedschaft ein -

ge laden? Will man an diesen Trenn linien

allen Ernstes dauerhaft fest halten?

Fürchtet man ohne die ethnische Differenzierung,

vielleicht auch mangels

eines gemeinnützigen, offenen Pro -

gramms, eine Identitätskrise?

Es hilft kein Schwarz-Weiß

bei der Integrationspolitik. Wir stimmen,

schon als Macher einer deutschsprachigen

Zeitung, Sarrazin zu, dass

in muslimischen Kreisen, um mal das

Klavier anders anzufassen, tatsächlich

zu wenig gelesen und zu viel fern gesehen

wird. Wir finden auch, dass man

an dem Ort, an dem man ehrlich lebt,

auch kulturell ankommen muss. Wir

denken nicht, dass eine einheimische

muslimische Identität in abgeschot teten

Gewerbegebieten angesiedelt werden

kann.

Irrationale Finanzmärkte: Hier erwiesen sich Deutschlands Eliten als bildungsfern

Wir würden auch gerne sehen,

dass mehr Deutsche den Islam als

alter native Inspiration zu dem ökonomisch-technischen

Weltbild Herrn

Sarrazins und seinem Ideal, bis hin zur

Züchtung ökonomisch nutzbaren

Lebens, begrei fen würden. Bekennen,

Fasten, Pilgern, Beten und die Zakat –

die religiös verpflichtende Reichensteuer

für die Bedürftigen – sind faszi

nierende Stolpersteine jenseits einer

allein öko nomisch durchplanten Zukunft.

Die Zweifel an diesem ökonomischen

Modell wachsen ohnehin bei

allen denkenden Menschen. Warum

nicht zu hören, was der Islam dazu zu

sagen hat?

Andreas Rieger ist Herausgeber, Sulaiman Wilms

Chefredakteur der Islamischen Zeitung.

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COMPACT

Titelthema

«Thilo Sarrazin ist ein Rassist» (Dagmar Enkelmann, Linkspartei, über

die parteiübergreifende Position von Rot-Rot-Grün). Doch es gibt auch

Linke, die die Hexenjagd nicht mitmachen. Drei Beispiele.

Die Sarrazin-Linke

EIN LEIDENSCHAFTLICHER

SOZIALDEMOKRAT

Von Hans Ulrich Wehler

Zweifellos finden sich in Thilo Sarrazins

Buch nicht gerade wenige strittige The -

sen oder steile Interpretationsver suche,

die Widerspruch und Auseinandersetzung

verlangen. Da ich von Genetik

überhaupt keine ernsthaft belastbaren

Kenntnisse besitze, würde ich

mich nie auf Befunde verlassen, die

man sich als Laie aus dieser Wissenschaft

borgen kann, ohne sie selbstständig

kontrollieren zu können. Das

wird auf die allermeisten Leser ebenfalls

zutreffen. Für eine stringente Argumentation,

wie sie auch Sarrazin

verlangt, reicht es meines Erachtens

völlig aus, sich auf den Einfluss soziokultureller

und politischer Faktoren

zu stützen.

Gerade die deutschen Reform -

universitäten mit ihrer unabweisbaren

regionalen Anziehungskraft haben

doch seit den siebziger Jahren bewiesen,

dass zahlreiche Talente aus dem

riesigen Pool großer Familien, in denen

bisher nicht studiert worden war,

herausgezogen und an die Spitze befördert

werden konnten.

Kein Mensch weiß, welche Rolle vererbte

Intelligenz dabei gespielt hat, das

neue bildungspolitische Förderungsangebot

gab offenbar den Ausschlag.

Hätte Sarrazin, anfangs ein vielversprechender

Wirtschaftshistoriker, solche

Erfahrungen an Universitäten selber

machen können, anstatt in seinem

Berufsleben als hochkarätiger Verwaltungsfachmann

in der abgeschotteten

Welt der hohen Bürokratie zu verbrin -

gen, hätte er das Intelligenz- und Aufstiegsproblem

vermutlich elastischer

beurteilt.

Und dennoch: Allein mit der

Kritik an echten und vermeintlichen

Schwach punkten von Sarrazins Buch

ist es offensichtlich nicht getan. Die intensive

Massenresonanz verdankt sich

nämlich nicht an erster Stelle der Faszination

für Erbbiologie und Intelligenzforschung,

auch wenn Sarrazins

Zuneigung deren angeblich ehernen

Daten gehört.

Vielmehr speichert das Buch mehrere

wichtige Probleme. Eine unbefan -

gene, wohl beratene, kluge Diskus sion

hätte sich längst auf solche lohnenden

Kritikpunkte konzentriert. Warum

wird das Kapitel über soziale Ungleich -

heit (47 Seiten) nicht von allen Parteien

endlich freimütig diskutiert? Warum

wird das Kapitel über Bildungspolitik

(67 Seiten) nicht erörtert? Warum

wird das Kapitel über die demografische

Entwicklung (60 Seiten), über die

sich Biedenkopf, Miegel, Birg und andere

Bevölkerungswissenschaft ler seit Jahrzehnten

die Finger vergeblich wund

schreiben, nicht endlich auf die Diskussionsagenda

gesetzt? Provozierend

genug sind Sarrazins Befunde doch allemal

formuliert. Das Zuwanderungskapitel

(75 Seiten), in dem intellektuell

und emotional die schärfste Kritik,

der brisanteste Sprengstoff stecken,

braucht sich nicht um mehr Aufmerksamkeit

zu bemühen.

Offenbar hat Sarrazin insofern ins

Schwarze getroffen, als er weit verbreitete

Befürchtungen zugespitzt artikuliert

und damit einen verblüffenden

Widerhall ausgelöst hat. Auch hier

gilt, dass nicht wenige Argumente

hieb- und stichfest formuliert und die

statistischen Befunde schwer zu widerlegen

sind. Jahrzehntelang hat die

deutsche Einwanderungspolitik nicht

auf Qualifikation, Sprachkenntnisse,

Integrationswilligkeit geachtet, ganz

im Gegensatz zu klassischen Einwanderungsländern

wie den Vereinigten

Staaten, Kanada, Australien. Millionen

wurden ohne Abwägung der sozialen

Kosten gemäß der Maxime «Privatisierung

der Gewinne» importiert.

Jetzt steht unabweisbar die

«Sozialisierung der Verluste» an, die

nur in Milliardenhöhe kalkuliert werden

können. Anstatt die Zuwanderungsprobleme

endlich ohne Scheu zu

diskutieren, verstecken sich bisher die

meisten Kritiker hinter der hohen

Mauer ihrer Einwände gegen Sarrazins

Rückgriff auf die Erbbiologie. Wer hat

schon seine Sorgen im Hinblick auf die

Zukunft der deutschen Gesellschaft bereitwillig

anerkannt, wer für Sarrazins

Kritik an schwerwiegenden Versäumnissen

Verständnis geäußert, wer die

Lesefreudigkeit eines Bildungsbürgers

geschätzt, wer das Reformplädoyer eines

geradezu leidenschaftlichen Sozialdemokraten

gewürdigt?

Hans Ulrich Wehler (geb. 1931) gehört zu den

führenden deutschen Geschichtswissenschaftlern.

Im «Historikerstreit» Mitte der achtziger Jahre wies

er zusammen mit Jürgen Habermas die NS-relativierenden

Thesen von Ernst Nolte zurück. Wehler

hat zum Thema Sarrazin einen längeren Beitrag in

der Wochenzeitung Die Zeit vom 7. Oktober 2010

veröffentlicht.

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

CHANCE DER LINKEN

Von Rolf Stolz

Nur Tote machen keine Fehler. Der

Satz gilt auch für Sozialdemokraten

und für Thilo Sarrazin. Im übrigen ändern

einzelne inhaltliche Fragwürdigkeiten

und dankbar ausgenutzte

taktische Fehler (das «Juden-Gen»)

nichts am Kern der Dinge: Hier sollen,

indem ein unbequemer Denker

und Mahner mundtot gemacht wird,

alle überhaupt und ähnlich Denkenden

auf Dauer zum Schweigen gebracht

werden.

Eine Große Koalition – vom kleinbis

großbourgeoisen Medienmob bis

zu von den Profiteuren des Arbeiterimports

und der nach Steuergeld gierenden

Sozial- und Konsumindustrie

ruft in einer nun wahrhaft faschistoiden

Weise zu Niederbrüllen und

Boykott auf, verweigert freie und faire

Diskussion. Die Anti-Sarrazin-Fronde

weiß, wie sehr er recht hat und wie

sehr sie vom Leben widerlegt wird.

Eine Kanzlerin, die das üble

neoliberale Multi-Kulti-Spiel mitgespielt

hat (unter dem Motto «Deutschland

muss sterben, und wenn wir

selbst mit untergehen») erklärt nun

Multi-Kulti für tot und damit ihre zielund

aussichtslose Zuwanderungs politik

für gescheitert.

Die Linke hat eine Chance (vielleicht

ihre letzte), ihre Irrwege und ihre triste

Gegenwart zu überwinden: Im Zusammengehen

aller, die den Sieg eines

basisdemokratischen Volkswiderstands

auf allen Ebenen und eine

allseitige Erneuerung von Politik und

Kultur wollen – und ein einiges neues

Deutschland der alten und neuen

Deutschen, der Ureinwohner und der

Assimilierten.

Rolf Stolz – Buchautor und Publizist – war 1980

Mitbegründer der Grünen und kurzzeitig in deren

Bundesvorstand. Bis heute ist er Mitglied im

Kreisverband Köln.

SOZIALISTISCHER

DISKURS

Von Stephan Steins

Foto: Harry Walter/FES

Krieg ist Frieden, Totalüberwachung

ist Freiheit, Hartz IV ist Menschenwürde.

Zu diesem Muster kapitalistischer

Propaganda und Desinformation

hat sich eine weitere begriffliche Perversion

gesellt: Imperiale Diktatur ist

proletarischer Internationalismus.

Was aus sozialistischer Perspektive

an der so genannten Sarrazin-Debatte

auffällt, ist die neue Einheitsfront aus

bürgerlichen Systemparteien und vermeintlichen

«Linken».

Die der stalinistischen und «realsozialistischen»

Tradition entstammende

SED/PDS/Linke steht einmal mehr

fest an der Seite des Mainstream, wenn

es darum geht von einem sachlichen

Diskurs in der Sache selbst abzulenken

und Zusammenhänge in der imperialen,

auch als «Globalisierung» bekannten,

internationalen Entwicklung

zu verschleiern.

Die Migrationsströme nach

Deutschland und Europa bilden für die

transnational strukturierte herrschende

Klasse einen Hebel (nicht den einzigen)

im Bestreben der Desintegration

der republikanischen Nationalstaaten

und Kulturnationen.

Dies wird zunehmend als reale

Bedrohung wahr genommen. Doch

richtet sich der wachsende Widerstand

gegen diese Entwicklung nicht GEGEN

Menschen aus anderen Kulturkreisen

oder fremder Religionen, sondern vielmehr

artikuliert sich ein erwachendes

Selbstbewusstsein FÜR ein kulturelles

Selbstbestimmungsrecht und nationale

Souveränität.

Als die SPD noch mit

nationalen Themen

warb: Wahlplakat

aus dem Bundestagswahlkampf

1972

Der sozialistische Diskurs

hat die Aufgabe, eine umfassende wie

fundierte Kritik zu formulieren und in

rationale Bahnen zu lenken. Denkverbote

und soziale Repression im Dienste

der imperialen Oligarchie ist unsere

Sache nicht.

Stephan Steins ist Philosoph, Publizist und

Herausgeber der Roten Fahne.

20

21


COMPACT

Titelthema

Von Christentum, Abendland und anderen konservativen Werten

hält er nichts: Geert Wilders ist der starke Mann hinter der

niederländischen Regierung und will nun auch Deutschland erobern.

Israels Mann in Europa

Von Andrea Ricci

Zickenkrieg in Europa: Die deutsche

Bun deskanzlerin Angela Merkel (CDU)

ist sauer. Und zwar auf den nieder ländischen

Politrambo und so genannten

Rechtspopulisten Geert Wilders – derzeit

das Schmuddelkind Nr. 1 auf der

europäischen Politbühne. Wilders hat

Merkel gelobt, da sie öffentlich Multikulti

als gescheitert bezeichnet hatte.

Nun verwahrt sich die Kanzlerin

gegen das Lob aus «dieser Ecke» und

lässt ihren Regierungssprecher Steffen

Seibert erklären: «Man wird die Kanzlerin

nicht als Islamkritikerin interpretieren

können, weil sie natürlich

vor einer wichtigen Weltreligion Respekt

hat.»

Wilders sorgt für Furore –

wenn er in Amsterdam bellt, wackeln

in Berlin offensichtlich die Wände. Er

steht für einen schier beispiellosen Erfolg

rechtspopulistischer Bewegungen

in Europa. Die Massenmedien geißeln

die «einfachen Botschaften», mit denen

die Populisten «komplexe Fragen»

beantworteten. Gemeint sind Parteien

wie die österreichische FPÖ, der flä mische

Vlaams Belang oder eben die nieder

ländische Wilders-Partei PVV. Während

diese von Erfolg zu Erfolg eilen,

Für Schwulenrechte

und Feminismus –

Wilders steht exemplarisch

für eine

Transformation der

Rechten in Europa

scheint in Deutschland in diesem

Bereich noch gähnende Lehre zu

herrschen. Das würden die Rechtspopulisten

aus den Nachbarländern

gerne ändern: FPÖ und Vlaams Belang

unter stützen massiv die «Pro-Bewegung»,

Wilders dagegen die Freiheits-

Partei des Berliner CDU-Renegaten

René Stadtkewitz.

Vor allem linksgestrickte Analysten

sehen in Wilders und in seiner Unterstützungsarbeit

für Stadtkewitz eine

neue rechte Gefahr aufdämmern. Wilders

scharf formulierte antiislamische

Thesen, sein Hang zum Polarisieren,

seine Gestik – ein «Führertypus», bei

dem vor allem linksintellektuellen

Bedenkenträgern die Knie schlottern.

Silvion Duve, Schreiber bei heise-online,

erkennt bei Wilders den «altbekannten

Nationalismus, der in eine neue Form

gegossen, für weite Bevölkerungsschichten

leichter konsumierbar ist als

der abgestumpfte Nationalismus aus

der Schmuddelecke». Der Grund: Wilders

hat die Deutschen aufgefordert,

nicht «Fremde im eigenen Land» zu

werden, ihre nationale Identität zu

wertschätzen und zu bewahren. Mit

solchen Einschätzungen wie der Duves

erntet man zwar Applaus bei besorgten

linken Lesern – doch stimmt das

wirklich? Ist Wilders ein gefährlicher

Alles andere als nur ein enfant terrible: Der Niederländer Geert Wilders lässt sich europaweit feiern

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

Rechter, ein Nationalist? Bereitet er den

Boden für einen ultrarechten Rollback

in Europa vor?

Eines scheint klar: Geert Wilders

steht exemplarisch für eine Trans formation

der Rechten in Europa – auch

in der Bundesrepublik. Das, was man

frü her in jenen Kreisen solide als

«Überfremdung» bezeichnet hat, trägt

heute den flotteren Namen «Isla misierung».

Man übt keine Kritik mehr an

der massenhaften Einwanderung, son -

dern gibt sich – ganz aufgeklärt – als

besorgte Religionskritiker. Dieser

Trend reicht bis weit in die Mitte.

Das führt zu geradezu bizarren poli

tischen Aussagen: Etwa dann, wenn

sich CSU-Stammtische über die Homo -

sexuellenverfolgung in islamischen

Ländern Sorgen machen oder christso

ziale Politiker plötzlich den Feminis -

mus für sich entdeckt haben, wenn es

gegen das islamische Kopftuch geht.

Schwulenrechte und Feminismus sind

moderne liberale Stecken pferde, für

die sich normalerweise katholische

Bischöfe genauso wenig begeistern

können wie muslimische Imame.

Auch Wilders spielt massiv auf dieser

postmodernen Klaviatur, wenn es gegen

den Islam geht. Gegen den Islam

– wie er selbst stets betont, nicht gegen

die Einwanderer. Er verteidigt das, was

er «christlich-jüdisches Erbe» nennt –

eine Formulierung, die längst auch in

den bundesrepublikanischen Alltag

eingezogen ist. Inwiefern der Chris topher

Street Day und Frauenqoute sich

aus dem christlich-jüdischen Erbe ablei

ten lassen, sei einmal dahingestellt.

Wilders’ Freunde in England? Der Mob bekundet sein Verständnis von Israelsolidarität

Dieser pro-zionistische

Kurs des

Niederländers wirkt

auch auf viele

deutsche Rechte

sexy.

mist würde sich gegen eine solche

Gleichsetzung verwahren.

Es sind nicht selten Ansichten,

die aus Wilders Mund kommen, die

man früher – in den 1990er Jahren – bei

den so genannten «Antideutschen»

fand: Bedingungslose Unterstützung

für die USA bei ihren Raubzügen in

der islamischen Welt, beim Irakkrieg,

beim NATO-Krieg gegen Serbien.

Auch die Parteinahme für Israel gehört

zu diesem Repertoire: Der zionistische

Staat gilt als Bollwerk der Moderne,

der Demokratie in einem Meer von

«Islamofaschisten». Und auch der Iran

steht auf der Abschussliste jener Fortschrittsfalken,

da er Israel bedrohe und

von einer «faschistoiden Mullahdikta-

Wilders politische Inhalte

haben allesamt sehr wenig mit dem zu

tun, was man gemeinhin als «rechts»

bezeichnet. Die meisten inhaltlichen

Schnittmengen dürfte der Holländer

wohl eher mit den so genannten

«linken Falken» der USA haben – also

mit jenen Linksintellektuellen Washingtons,

die US-Militäreinsätze vor

allem gegen islamische Länder deshalb

unterstützen, weil sie sich dadurch eine

rasche Verbreitung postmoderner

Demo kratievorstellungen erhoffen. Zu

nennen wäre hier beispielsweise der

US-Schriftsteller Paul Berman, der in

seinem Buch Terror und Liberalismus

tatsächlich meint, die US-Truppen in

Afghanistan würden für die Frauenrechte

kämpfen. Auch der von der

Bush-Administration erfundene T ermi

nus «Islamofaschismus» – also die

Herstellung einer reichlich schrägen

Verknüpfung aus Faschismus und

Islam – dient dieser Sache.

Kein Wunder, dass auch ein Geert

Wilders be haup tet hat, der Koran sei

mit Hitlers Mein Kampf wesens verwandt

und müsse ebenso verboten

werden. Ein überzeugter Rechtsextretur»

beherrscht werde.

Da mag es kaum verwundern, dass

Wilders nicht nur bei den deutschen

Rechten Fans hat, sondern auch in

Tel Aviv und Jerusalem. Die Jerusalem

Post (JP) lässt kaum eine Gelegenheit

aus, den Israel-Parteigänger im fernen

Amsterdam zu loben. So berichtet JP-

Autor David Horowitz verzückt über

Wilders verbale Unterstützung für

Israels Kampf gegen die Palästinenser.

«Ihr kämpft unseren Kampf!», hatte

Wilders in Richtung Tel Aviv gerufen

und gleichzeitig noch ein paar wertvolle

Tipps und Ratschläge gegeben:

So werde es keinen Frieden geben,

wenn sich Israel und die Palästinenser

auf eine Zwei-Staaten-Lösung einigten,

glaubt Wilders zu wissen. Zudem

gebe es ja bereits einen palästinen sischen

Staat – Jordanien. Seinen anti -

islamischen Hetzfilm Fitna, der vor

zwei Jahren in ganz Europa für Furore

sorgte, durfte Wilders gar in Jerusalem

zeigen.

Dieser pro-zionistische Kurs

des Niederländers wirkt auch auf viele

deutsche Rechte sexy – und lässt sie

in das antideutsche Fahrwasser schlittern,

ohne dass sie es selbst bemerken.

Selbst die aus der deutschen Hardcore-

Rechten kommende, nun auf schnittigbürgerlich

gebügelte Bürgerbewegung

Pro Köln schwenkt auf ihren Veranstaltung

Israel-Fahnen, der Terminus

«Islamofaschismus» gehört zu ihrem

festen Wortschatz. Und im islamfeind -

lichen Internetforum Politically Incorrect

scheint kein Tag zu vergehen, an

dem nicht irgendein Kommentator auf

die Kooperation zwischen Adolf Hitler

und dem Großmufti von Jerusalem

22

23


COMPACT

Titelthema

Moham med Amin Al-Husseini hinweist.

Paul Berman hätte an dieser anti faschistisch-antiislamischen

Schlaumeierei

sicherlich seine helle Freude.

Bei Pro Köln geht man sogar so

weit, das deutsche Kaiserreich für die

freund liche Politik gegenüber dem

Osmanischen Reich zu verurteilen – in

einer Zeit, lange vor dem Holocaust,

als Juden im gesamten arabischen

Raum im Gegen satz zu den meisten

europäischen Ländern sicher leben

konnten. De Rede ist sogar von einer

«gespenstischen Komp lizenschaft zwischen

der deutschen Reichs regierung

mit dem Weltbeherrschungs anspruch

des Islam» – schöner hätte es auch die

antideutsche Linkspos tille Bahamas

nicht sagen können.

Wilders Draht ins Heilige Land ist

aber keineswegs neu. Bereits als junger

Student war er in Israel, wo er in

einem Moschaw – also einem zionistischen

Sied lungsprojekt – mitarbeitete.

Diese Sied lungen sind den Kibbuzim-

Siedlungen nicht unähnlich. Beide

stehen exemplarisch für die völkerrechtswidri

ge Landnahme des zionistischen

Staa tes in Palästina.

Geert Wilders ist jedenfalls in

den Niederlanden auf Erfolgskurs.

Wenn sich ausländische Beobachter

heute fragen, wie das «Land der To leranz»

denn einen solchen «Rechtsruck»

nur aushalte, dann schauen sie nicht

genau hin. Denn Wilders will keineswegs

«zurück» in eine traditionelle,

vul go «rechte» Gesellschaft. Im Ge -

genteil, er steht für einen Abwehrkampf

der postmodernen

Blüten Hollands –

eines Hollands, in

dem Pros titution

und Homosexualität

als eine Art landestypische

Liberalität

b e t r a c h t e t

werden. Und damit

ist Wilders nicht der

Erste. Auch der im

Jahr 2002 ermordete

Populist Pim

Fortuyn, der sich gegen eine angebliche

«Islamisierung» stark machte und

Erfolge bei Wahlen feierte, war alles

andere als ein Rechter. Er besuche lieber

den Darkroom als eine Kirche, bemerkte

der bekennende homosexuelle

Paradiesvogel einmal. Er war zudem

erklärter Re publikaner und Mitglied

der Republikeins Genootschap, eines Vereins

zur Abschaf fung der Monarchie

in den Niederlanden.

Wilders steht für

ein Holland, in dem

Prostitution und

Homosexualität als

eine Art landestypischer

Liberalität

betrachtet werden

Zwei muslimische Passantinnen in Amsterdam

«islamofaschistischen» Großangriff

verteidigen.

Werden nun alle Neocons und linke

Falken, wie Wilders? Ein René Stadtkewitz

wird sich überlegen müssen, ob er

mit pro-israelischen Positionen wie

denen von Wilders an den Start gehen

möchte. Denn er wird nur reale Chancen

haben, wenn er die Sorgen und

Nöte der Bürger in Berlin offensiv

angeht. Und diese

drehen sich nun

einmal um Dinge

wie Einwan derung

ins Sozialsystem,

Gewalt und Verwahr

losung in Bezirken

wie Berlin-

Neukölln und um

das Gefühl der

Fremdheit im eigenen

Land. Mit

einer Solida ri täts -

botschaft in Richtung Tel Aviv wird er

keinen Blumentopf gewinnen können.

Dafür dürfte allerdings Angela Merkel

vielleicht bald bemerken, dass Wilders

doch nicht der schlimme rechte «Badboy»

ist – immerhin liegen sie außenpolitisch

auf einer Linie. Vielleicht darf

er sich bei seinem nächsten Berlin besuch

in das Goldene Buch der Stadt

eintragen.

Was geschieht also mit der deut -

schen Rechten in Wilders Windschatten?

Schwer zu sagen. Doch längst ha -

ben die hemmungslosen Bekenntnisse

zu Israel, zu einem Angriffs krieg auf

den Iran, zum gemeinsamen «chris t -

lich-jüdischen» Erbe und zu allerhand

postmodernem Firlefanz nichts mehr

mit purer Taktiererei zu tun.

Mitt lerweile glauben selbst frühere

NPD- Kader, man müsse die «libe ralen

Werte der Aufklärung» gegen einen

Andrea Ricci ist Buch autor

und lebt in Beirut. Zuletzt

erschien sein Buch GAZA

– Die Kriegsverbrechen

Israels in der COMPACT-

Buchreihe (vgl. Heftinnenteil

S. A4)

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

«Warum keine

Extratouren mit China?»

Die eurasische Perspektive, die Rolle des Islam, das Verhältnis

EU-Türkei – geopolitischer Parforceritt mit Peter Scholl- Latour,

einem deutschen Gaullisten und Kriegsreporter aus Passion.

Interview: Jürgen Elsässer

Im europäischen Einigungsprozess

knirscht es, viele fürchten eine Blockade.

Woran liegt es?

Die EU ist mit 27 Mitgliedstaaten zu

groß geworden. Auch 17 Mitglieder in

der Euro-Zone sind zu viel. Es war ein

Wahnsinn, so schnell so viele Länder

in die Währungsgemeinschaft aufzunehmen.

Und das geht ja weiter, kaum

war Griechenland im Juni 2010 einiger

maßen gerettet, wurde gleich Estland

aufgenommen.

Dabei ist es kein Trost, dass die USA

ökonomisch noch viel schlechter daste -

hen als Europa, die haben allein zwei

Billionen US-Dollar Schulden bei Chi -

na!, und dass die roten Zahlen von

Großbritannien nicht besser sind als

die von Griechenland. Und natürlich

spekuliert die Wallstreet gegen den

Euro, und das wird weitergehen. Was

ich bei den Deutschen nicht verstehe:

Warum versuchen sie nicht, sich stär -

ker mit den Chinesen abzustimmen?

Eine gemeinsame Währungspolitik zu

machen? Die Volksrepublik hat einen

riesigen Binnenmarkt, der nicht gesättigt

ist, der nur auf unsere Exporte

wartet. Anstatt dass wir uns total auf

die USA ausrichten, könnten wir auch

eine Extratour mit den Chinesen

wagen.

Sozusagen eine eurasische Perspektive

statt der euroatlantischen?

Jedenfalls ist die Polarisierung gegen

China, wie sie teilweise deutsche

Medien betreiben, total blödsinnig. In

manchen Zeitungen herrscht ja geradezu

ein wilhelminischer Ton vor. So

wie Kaiser Wilhelm II. den deutschen

Truppeneinsatz im Reich der Mitte zu

Anfang des 20. Jahrhunderts mit den

Worten kommentierte: «Wir werden

bei Euch wüten wie die Hunnen!» Das

Hochspielen der Tibet-Frage im Jahr

2008 etwa – das war doch eine provozier

te Sache, um die Olympischen

Spiele in Peking kaputt zu machen.

Dann die Unruhen in der mehrheitlich

moslemischen Provinz Xingjiang im

Jahr 2009. Dabei starben 149 Menschen

– aber das waren ethnische Chinesen,

keine Uiguren.

Hintergrund ist die demografische

Entwicklung in Xingjiang, dass die zuwandernden

Han-Chinesen perspektivisch

in der Mehrheit sein werden,

dagegen wehrt sich die angestammte

Bevölkerung.

Wenn so etwas in Deutschland oder

Europa passiert, sprechen die Medien

oft von «rassistischen Pogromen». In

diesem Fall wurde aber, genau umgekehrt,

der uigurische Widerstand von

unseren Medien gelobt und die Chinesen,

die Opfer der Unruhen waren,

als Täter dargestellt.

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COMPACT

Titelthema

Hinzu kommt, dass die Sache wenig

Echo in der islamischen Welt fand. Nur

im Westen wurde das hochgespielt, aus

den genannten Gründen.

Foto: Propyläen Verlag

Kommen wir zurück zur eura si schen

Perspektive.

Dafür ist Russland der Schlüssel, das

deutsch-russische Verhältnis. Aber

nicht im Sinne von Rapallo und Tauroggen


… den deutsch-russischen beziehungs

weise preussisch-russischen

Verträgen von 1923 und 1806 …

Das waren Son der bündnisse, gegen

den Westen gerichtet, das geht heute

nicht. Aber wirtschaftlich ist Russland

unsere Chance. Russland hat die

Rohstoffe, die wir brauchen. Jetzt

muss nur noch mehr darauf geachtet

werden, dass das Geld für Investi tionen

nicht versickert. Ich bin zuversichtlich:

Putin und Medwedew haben

die notwendige Autorität. Mit an deren

Worten: Der Geheim dienst FSB

regiert.

In unseren Medien wird genau das

als Horror dargestellt: Ein autokratisches

Land mit einer mächtigen Geheimpolizei,

wie früher.

Russland muss in gewissem Maße

autokratisch regiert werden, anders

geht das gar nicht. Ohne starke Zentralgewalt

bilden sich an den Rändern

des Riesenreiches lauter Ganoven republiken,

die auf eigene Rechnung

wirtschaften.

Aber so undemokratisch, wie es viele

westlichen Medien dargestellt werden,

geht es auch nicht zu. Die europäischen

Zeitungen werden von den Desin formationszentralen

der USA mit Geschichten

über Russland gefüttert, und

da sie ihre eigenen Auslands korrespondenten

eingespart haben, können

sie den Wahrheitsgehalt dieser Geschichten

nicht mehr überprüfen.

Auch die deutsche Presse steht unter

Druck. So hat etwa die Frankfurter

Allgemeine Zeitung seinerzeit sehr verdienstvoll

aufgelistet, welche US-Ins -

ti tu tionen im einzelnen die orange Revolution

in der Ukraine im Jahr 2004

finanziert haben. Der Artikel erschien

aber unter einer Überschrift, die diese

Gerne zitiert der

bald 84-jährige

Scholl- Latour den

Schriftsteller Bernhard

Shaw: «Beware

of old men, they

have nothing to lose

– Nehmt euch vor

alten Männern in

Acht, sie haben

nichts zu verlieren.»

Aussage ins Gegenteil verkehrte: Warum

die US-Finan zierung unbedeutend

gewesen sei.

Berlin-Peking hat Perspektive, Berlin-

Moskau auch – wie steht es mit

Moskau-Peking?

Das wird nicht ganz einfach, wenn

man die russische Geschichte bedenkt,

die jahrhundertelange Unterjochung

durch Invasoren aus dem Osten. Seit

einigen Jahren beginnen Chinesen wie-

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

der in die riesigen Weiten des russischen

Ostens einzuwandern, während

die Russen dort wegziehen. Auf lange

Sicht wird Moskau diese Territorien

nicht halten können, in den chine sischen

Grenzprovinzen leben schon

heute 120 Millionen Menschen. Doch

Peking ist höflich und verpflichtet seine

ausreisenden Bürger zur regelmäßigen

Rückreise nach ein paar Jahren Aufenthalt.

Jeder Eindruck einer Invasion

soll vermieden werden.

Interessant ist, dass Russland auch

gute Verbin dungen zur Türkei

aufbaut.

Das machen sie sehr klug. Wenn die

Türken nicht durch die USA ent fremdet

werden, sind sie für die Russen

ein wertvoller Partner. Und dass in

Ankara mit der AKP eine religiöse

Partei regiert – damit lässt es sich leben.

Die Türkei war toleranter als Osmanisches

Sultanat als unter dem laizistischen

Atatürk. Die christlichen und die

jüdischen Minderheiten lebten damals

besser, und umgekehrt leiden die von

Atatürk drangsalierten Kurden bis

heute.

Sie fürchten also nicht, dass der mili

tante Islam aus der Türkei nach

Europa übergreifen könnte?

Die Türkei will nicht außerhalb ihrer

Gren zen missionieren. Der militante

Islam droht aus Zentral asien, also aus

Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan,

erst in zweiter Linie aus Afghanistan

und Pakistan, und er bedroht

vor allem Russland. In dem Riesenreich

leben 20 bis 25 Millionen Muslime.

Moskau wird die Kaukasus republiken

nicht auf Dauer in der Föderation

halten können. In Tschetschenien hat

Kadyrow zwar die Seiten gewechselt,

von den Fundamentalistan weg zu den

Moskowitern. Doch als deren Statthalter

in Grosny hat er in der Republik

die Scharia eingeführt. Das blutige Hin

und Her erinnert an Tolstois Novelle

Hadschi Murat, die die kaukasischen

Kämpfe im 19. Jahrhundert beschreibt.

Tschetschenien war für Russland

schon verloren, Putin hat es immerhin

zurückgewonnen. Das Problem

scheint eher, da haben Sie Recht, die

gesamte Südflanke der Föderation.

Zweifellos. Auch im benachbarten

Dagestan steigt der Einfluss der Islamis

ten, in Baschkirien, Tatarstan, im

ganzen Ural. In der tatarischen Hauptstadt

Kasan steht ein riesiges Denkmal

von Ivan dem Schrecklichen, das Zentrum

wurde bei meinem letzten Besuch

1991 von den goldenenen Kuppeln der

orthodoxen Kirche dominiert. Jetzt war

ich wieder da, und über der Kirche erhebt

sich eine riesige Moschee. Das erzürnt

viele Russen.

Kann die Türkei Mitglied der EU

werden?

Ich bin weiter absolut dagegen, dazu

ist die Türkei nicht demokratisch

genug. Ich sage meine Meinung übrigens

offen – und habe trotzdem oder

vielleicht sogar deswegen von der

Islamischen Gemeinschaft in Deutschland

(IGD) eine Auszeichnung bekom men.

Die Türken schätzen nämlich mei ne offenen

Worte, weil sie von ande ren an

der Nase herumgeführt werden. Was

bringt es denn, dass Schäuble als Innenminister

so genann te Fundamentalisten

wie die türkische Milli Görös

aus seiner Islamkonferenz ausschloss?

Gerade mit denen hätte er doch über

die Probleme reden müssen, wenn es

vorwärts gehen soll.

Ich sage den Türken immer: Ihr seid

die Erben eines großen Imperiums, das

bis an die chinesische Grenze ausstrahl -

te. Ihr könnt der stabilisierende Pol im

Nahen Osten sein. Warum wollt ihr

euch in die EU einbinden lassen? Das

wäre für die Türkei selbst gefährlich,

denn die EU würde beispielsweise auf

eine Autonomie für die Kurden drängen.

Das geht nicht gut im Nahen

Osten, das endet im Bürgerkrieg. Stattdessen

sollten die EU und die Türkei

eine Zollunion bilden, das bringt wirtschaftliche

Vorteile für beide.

Sie sind oft in der Türkei. Wie denken

die Menschen dort über die EU-

Mitgliedschaft?

Das ist sehr geteilt. Auf dem Dorf hört

man immer wieder: Früher im Sul tanat

war es besser. Die Leute sind religiös,

sie wollen einen höheren Stellen wert

des Islam in der Gesellschaft als bisher.

Auf dem Land tragen die Mädchen

Kopftuch, in den Großstädten kleiden

sie sich sehr lasziv. Dabei verstehen

sich beide gut. Und das Kopftuch wird

freiwillig getragen, nicht unter Zwang.

Das ist ein Protest gegen die Moden,

die der Westen vorschreibt.

Die Beteili gung Deutschlands am

Anti-Terror-Krieg macht, wie Oskar

Lafon tai ne warnte, unser Land nicht

sicherer, sondern holt uns den Terror

geradewegs vor die Haustür.

Das sagen doch auch die US-Geheim -

dienste in ihren Expertisen. Selbst verständlich

hat der Bundes wehreinsatz

in Afghanistan die Terrorgefahr bei uns

erhöht. Wobei man nicht alles auf

Osama bin Laden schieben sollte. Der

hat die Anschläge des 11. September

bestimmt nicht organisiert. Er hatte

doch in seiner afghanischen Höhle

keine Flugpläne aus den USA, um irgend

etwas zu koordinieren. Und falls

er heute überhaupt noch lebt, kann er

kein Telefon, kein Fax und kein Internet

benutzen, wenn er nicht sofort geortet

werden will. Wie kann er da Terror

in Auftrag geben?

Es muss sich vieles ändern. Womit

beginnen?

Die NATO ist obso let. Damit meine ich

nicht das politische Bündnis mit den

USA. Aber die militärische Einbindung

hat keinen Sinn mehr. Ich erinnere an

Staats prä si dent Charles de Gaulle. Er hat

eine klare Un ter scheidung gemacht: In

der Aus ein andersetzung mit Moskau

war er immer an der Seite der USA, in

der Berlin-Krise etwa stand er für einen

ganz harten Kurs. Aber unter seiner

Führung ist Frankreich 1966/67 aus

der integrierten Militärstruktur des

Bündnisses ausgeschert, ohne die Mitgliedschaft

in der NATO insgesamt

aufzukündigen.

Von Peter Scholl-Latour

erschien zuletzt Die Angst

des weißen Mannes. Ein

Abgesang bei Propyläen

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27


COMPACT

Titelthema

Das Ende der Geduld: Kirsten Heisig war ein Störfaktor für das

Polit-Establishment – und mögliche Spitzenkandidatin einer neuen

Protestpartei. Musste sie deswegen sterben?

Die Richterin und ihre Henker

Von Josephine Barthel

Geduld scheint eine Eigenschaft zu

sein, die in Deutschland besonders aus -

ge prägt ist. In kaum einem anderen

Land der Welt ist die politische Leidens -

fähigkeit wohl so hoch, wie zwischen

Oder und Rhein. Was wir zur Zeit in

der Berliner Republik erleben, ist eine

Art postmoderner Biedermeier, wo die

neuen Metternichs und ihre Anhänger

ihre politisch-korrekten Uto pien mit

Sprech verboten schützen. Statt kon kre -

ter Maßnahmen, die für die Rege lung

der Zustände um die Ecke sorgen,

philosophieren bundesdeutsche Gutmen

schen lieber über globa le Gesellschafts

entwürfe oder das Zu sam menleben

von Menschen in anderen

Brei tengraden – während es im eigenen

Stadtteil bereits lichterloh brennt.

Heisig wäre nach

der Veröffentlichung

des Buches zum Medien

star geworden.

Insofern war bereits der Titel eines Bu -

ches eine Kampfansage gegen die allumfassende

Lethargie, die für alle Befürworter

des Status quo lebenswichtig

ist: Das Ende der Geduld. Was die Amt s-

richterin Kirsten Heisig in diesem Manuskript

zusammengetragen und zu

Papier gebracht hatte, dürfte nicht wenigen

Gesellschaftsgruppen nicht in

den Kram gepasst haben. Weder die

Einwanderungslobby des Groß ka pitals,

das auch ganz aktuell wieder

billige Fachkräfte rekrutieren möchte,

noch die etablierten Parteien, die über

Jahrzehnte eine völlig reflexionslose

Einwanderungspolitik betrieben haben.

Und schließlich sind auch die

Wahrheiten Kirsten Heisigs für manche

Immigranten-Communities und die

angeschlossenenen Sozialstaatsapparate

wenig erfreulich gewesen.

Dass die Autorin des brisanten

Buches den Erscheinungstag nicht

mehr erleben durfte, wunderte die veröffentlichte

Meinung in Deutschland

kaum. Heisig verschwand noch an dem

Tag, als sie die letzten Korrekturen an

das Lektorat geschickt hatte. Für Polizei

und Presse stand gleich fest, dass

die lebenslustige Mutter zweier Kinder

Selbstmord begangen haben soll. Man

stellte sich nicht die Frage, unter welchem

Gefahrenpotential Menschen

leben, die solch unbequeme Wahrheiten

aussprechen. Eine SMS an die

Kinder, die auf psychische Probleme

hingedeutet habe, sollte ein Beweis für

die Selbstmordthese sein.

Dass Kirsten Heisig noch am Tage ihres

Verschwindens einem Talkshowter

min in Stern TV zugesagt und danach

einen Urlaub mit ihren Kindern

gebucht hatte, ist nur eines der mehr

als sonderbaren Indizien, die besonders

im Internet für kontroverse Diskus

sionen sorgen sollten. Die so genann

te seriöse Presse hielt sich an das,

was viele als «Sprachregelung» em p-

fanden – jedenfalls in Deutschland.

Anders in der Schweiz. Das wichtigste

Blatt der Alpenrepublik, die Neue

Züricher Zeitung, notierte verwundert

am 15. September 2010: «Von Oberstaatsanwalt

Andreas Brehm hätten wir

(…) gern Näheres über Kirsten Heisigs

Selbstmord im Tegeler Forst erfahren,

dessen Umstände so fragwürdig sind,

dass sich der Verdacht eines vertuschten

Mordes nicht aus der Öffentlichkeit

entfernen lässt.» Auf Anfrage, ob

die nichtöffentlichen Ermittlungsakten

auf Antrag einsehbar seien, habe Brehm

mit den Worten geantwortet: «In diesem

Fall gewiss nicht.»

Hierzulande beschäftigte sich ausschließlich

das Netzforum Kopp-Online

umfassend mit dem mysteriösen Tod

der Richterin. Der investigative Journalist

Gerhard Wisneswki stellte in einer

acht Folgen umfassenden Beitrags -

reihe zahlreiche Fragen, die bis heute

nicht ausreichend beantwortet wurden.

Von Anfang an, so Wisnewski, habe

die Polizei nach aussen hin einseitig

ermittelt. Bereits am 2. Juli, also kurz

nach dem Verschwinden Heisigs, habe

man apodiktisch verkündet: «Eine

Entführung, überhaupt eine Straftat

schließt die Polizei aus.» Es sei, so der

Autor, nicht mitgeteilt worden, wo und

wie die Frau genau gefunden worden

oder wie sie tatsächlich zu Tode gekommen

sei. Auch warum bei heißem

Wetter und daraus folgender schneller

Verwesung einer Leiche diese in einem

stark frequentierten Waldstück nicht

schneller gefunden worden ist, bleibt

eine offene Frage. Die schon bald

eingesetzten Suchhunde jedenfalls

hätten den Verwesungsgeruch bemerken

müssen.

In der Kriminalistik wird bereits

jedem Erstsemester eingepaukt, dass

man bei einer Straftat immer nach dem

Motiv zu fragen habe. Für die These

des Selbstmordes spricht laut überzeu -

gender Aussagen von Wegge fährten

Heisigs überhaupt nichts. Für Mord dagegen

viel. Man darf davon ausgehen,

dass Heisig nach der Veröffent lichung

des Buches, ähnlich wie später Thilo

Sarrazin, zum Medienstar geworden

wäre. Nicht umsonst nannte man sie

in Anlehnung an den Hamburger Ex-

Senator und Richterkollegen, Ronald

Schill, eine «Richterin gnadenlos».

«Verdacht eines

vertuschten Mordes»

(Neue Zürcher

Zeitung)

Während Schill zum kurz auf flackernden

politischen «Ecce Homo» wurde,

die Politikszene durchmischte und

dann plötzlich und unerwartet abstürz -

te, fand Kirsten Heisig noch vor dem

medialen Durchbruch den Tod. Bei

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Titelthema

COMPACT

Die Drogenclans:

Kirsten Heisigs Warnung

Nach meiner Einschätzung wird momentan

zugesehen, wie die «arabische»

Drogenmafia, die den Erkennt nissen der

Polizei zufolge speziell den Handel mit

harten Drogen (wie zum Beispiel Heroin)

fest in der Hand hat, aus palästinensischen

Flüchtlingslagern Kinder und Jugendliche

nach Deutschland schleust.

Diese sollen dann den Straßenverkauf

der Drogen übernehmen. Die «unbeglei -

tet reisen den asylsuchenden Jugendlichen»,

die häufig deutlich älter sind, als

sie angeben, werden dann einem entsprechenden

Heim zugewiesen, in dem

sie sich dem ausländerrechtlichen Status

der Duldung entsprechend eigentlich

ständig aufhalten müssen.

Machen sie aber nicht. Stattdessen tauchen

sie rasch bei Landsleuten in Berlin

unter. Diese machen sie dann vermutlich

auch mit den Regeln des jeweiligen Marktes

vertraut: wer wo was und für wie viel

verkaufen darf, wo man die Ware erhält,

wer den Erlös bekommt. Selbst davon

profitieren können die Straßenhändler

nicht. Sie müssen ganz im Gegenteil für

die Schleusung noch bezahlen. Ich habe

kürzlich in Heimen der Jugendhilfe in

anderen Bundesländern angerufen, weil

mir auffiel, dass ich mehrmals Jugendliche

wegen Heroinhandels verurteilt hat -

te, die sich eigentlich in diesen Einrichtungen

weitab von Berlin aufhalten

sollten. Die Mitarbeiter er klär ten mir,

dass man die Jugendlichen, die sich entfernen,

als vermisst meldet und das war

es dann.

Das System: Ein typischerweise zunächst

aus Mutter, Vater und zehn bis fünfzehn,

in Einzelfällen bis zu neunzehn Kindern

bestehender Clan wandert aus dem Libanon

zu. Nach den mir vorliegenden Erkenntnissen

gibt es in Deutschland zehn

bis zwölf dieser Clans, die einige Tausend

Menschen umfassen. Sie agieren sowohl

im Innen- wie im Aussenverhältnis kriminell.

Von Drogen- und Eigentumsdelikten

über Beleidigung, Be drohung,

Raub, Erpressung, gefährliche Körperverletzung,

Sexual straftat und Zuhälterei

bis zum Mord ist alles vertreten.

(aus: Kirsten Heisig, Das Ende der Geduld. Konse

quent gegen jugendliche Gewalttäter. Herder-

Verlag, 14.95 Euro)

28

29


COMPACT

Titelthema

Ronald Schill konnten Beobachter

kaum fassen, dass der prinzipientreue,

gradlinige Richter «plötzlich» zum

Dro genfall wurde und heute nur noch

dadurch Schlagzeilen macht, dass er

womöglich im Dschungelcamp unter

dem letzten Wegfall persönlicher

Würde Würmer und Maden fressen

muss. Dass Schill regelrecht «platt

gemacht» wur de, bis er als menschliches

Wrack ungefährlich für das Establishment

sein würde, wird hinter vorgehaltener

Hand längst zugegeben.

Schill war nahe daran, zum politischen

Faktor zu werden. Wenn bereits er als

manchmal allzu schneidiger Hardliner

Wahlergebnisse von über 20 Prozent in

Hamburg erzie len konnte – welche

Wirkung hätte da erst eine grundsolide

und sympa thische Frau wie Kirsten

Heisig erzielen können?

Diese Frage ist keineswegs

abstrakt. Nach Berichten von Weggefährten

des Berliner CDU-Dissidenten

René Stadtkewitz war Heisig im Sommer

2010 an den Gesprächen über eine

Partei bildung beteiligt und sogar als

Spitzenkandidatin im Gespräch. Als

unta deli ge Richterin mit der Fähigkeit,

ta bu isierte Probleme anzusprechen

und konkrete Lösungen aufzuzeigen,

hätte sie bei den Landtagswahlen in

Berlin im Herbst 2011 eingeschlagen

wie eine Bombe.

Nicht auszuschließen, dass sie mit

ihrem sachbezogenen Ansatz, der nicht

gegen den Islam, sondern gegen das

kri minelle Potential genau definierbarer

Ausländergruppen zielte, Brücken

hätte bauen können zur Mehrheit der

vernünftigen Moslems. In Neukölln

und Wedding sind es nämlich oft genug

die fleißigen Türken der ersten

Einwanderergeneration, die unter der

Gewalt und Asozialität der später

Zugezogenen, vor allem krimineller

arabischer Gangs, zu leiden haben.

Dass sie den jugendlichen Delin quenten

nicht nur mit der Strenge des Gesetzes

kam, sondern ihnen bisweilen

auch als Frau und Mutter ihr Herz

öffnete, muss allen verhasst gewesen

sein, die den «Kampf der Kulturen»

von der einen, wie von der anderen

Seite befeu ern wollen.

Wer profitierte von Kirsten Heisigs

Tod und wer musste vor der leben digen

Kirsten Heisig Angst haben? Diese

Fragen zu stellen, hat nichts mit «Verschwörungstheorie»

zu tun. Dieser

Begriff wird immer gern benutzt, wenn

man sich der Diskussion entziehen

will. Unliebsame Annahmen und Thesen

werden rasch und wirkungsvoll

zur Verschwörungstheorie gestempelt,

damit man sich nicht mit ihnen beschäftigen

muss.

Von den Deutschen wird gesagt, sie

lebten in historischen Pendelschlägen.

Nach Zeiten der absoluten Ruhe und

Agonie kamen oft übersteigerte Gegenbewegungen.

Man hat bei Lektüre

des Buches den Eindruck: Kirsten Heisig

war es ein Anliegen, dass es bald

zu konstruktivem Handeln kommen

müsse. Bevor die Probleme unüberschaubar

werden – und damit auch die

Reaktionen.

Josephine Barthel hat in München und Köln Vorund

Frühgeschichte sowie Mediävistik und Rechtswissenschaft

studiert. Sie lebt heute als freie Autorin

in Limoges.


Politik

COMPACT

Jemen als neuer Schurkenstaat? Tatsächlich ist Al Qaida dort sehr

aktiv – mit Unterstützung des US-Alliierten Saudi-Arabien. COMPACT

sprach mit einem jemenitischen Oppositionellen.

Luftpostterror aus Sanaa?

Interview: Utz Anhalt

Zu Jahresanfang 2010 der «Unterhosen

bomber» in einer Passierflugzeug

über Detroit, im November 2010 die

Sprengstoffpakete in Frachtmaschinen

auf westeuropäischen Flughäfen – der

Ursprung der Bedrohung soll in beiden

Fällen im Jemen gelegen haben. Dass

der Hinweis im letzten Fall vom sau -

dischen Geheimdienst kam, war allerdings

kein Zufall, wenn man unseren

Gesprächspartnern glauben darf: Sau -

di- Arabien selbst hat nämlich, mit

freund licher Duldung der USA, den

Aufbau von Al Qaida in Jemen dirigiert.

Washington, Riad und die Bin Laden-

Jünger unterstützten 1994 den jemenitischen

Präsidenten Ali Abdullah Saleh

im Bürgerkrieg gegen die pro-kommunistischen

Sezessionisten im Süden

des Landes. Schon zu Jahresanfang

2010 hat schleichend eine US-amerikanische

Intervention begon nen – nicht

um Al Qaida anzugreifen, sondern die

schiitischen Huthi-Rebellen im Norden,

die als Vorposten des ebenfalls

schiitischen Iran gelten. (Red.)

Fahmi al Qadi ist Mitglied der demokratischen

Opposition des Jemen und

lebt als anerkannter Asylbewerber in

Hannover. Sein Vater Hussein wurde

am 1. November 2009 vom jemenitischen

Geheimdienst ermordet.

Der Jemen kam zu Jahresanfang 2010

in die Schlagzeilen, weil kurz zuvor

ein Nigerianer angeblich über Detroit

eine Passagiermaschi ne hatte sprengen

wollen und dieser Mann Kontakte

in den Jemen hatte. Daher auch

die Kriegs drohun gen der USA und

das Versprechen von Präsident Saleh,

den dschi hadistischen Terror zu bekämpfen.

Was haben die Huthis mit

den Dschihadisten, mit Al Qaida zu

tun?

Die haben damit nichts zu tun; die

Huthis sind Schiiten, Al Qaida Sunniten.

Die Huthis wollen Autonomie von

Salehs Militärdiktatur und freie Wahlen;

natürlich sind sie Muslime – das

sind im Jemen die meisten. Der Kampf

gegen die Saudis und gegen ihre Mari

o nette, Präsident Saleh, hat aber keinen

religiösen Grund. Die Huthis sind

keine Dschihadisten. Mit den Amerikanern

hat das nur insofern etwas zu

tun, als dass amerikanische Piloten im

Gebiet der Huthis Dörfer, das heißt,

Frauen und Kinder bombardieren – für

Saudi-Arabien.

Und Al Qaida? Hier in Deutschland

gibt es die These, dass die Stammeskonflikte

und die Unregierbarkeit des

Jemens das Land zum Nährboden von

Al Qaida machen.

Bei Al Qaida gibt es keine Mitgliedsausweise.

Al Qaida ist keine politische

Die jemenitische Gesellschaft befindet sich im Visier der Gewalt

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010

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COMPACT

Politik

Partei, sondern ein Sammelbecken. Es

gibt im Jemen Abertausende von Al

Qai da-Leuten, die in der Hauptstadt

Sanaa-Stadt herumfahren und ihre

unerschöpfliche Reserve bilden. Präsi -

dent Saleh macht die Geschäfte, und

wenn die Al Qaida Leute zu ihren Stämmen

gehen, sind sie unantastbar. Aber

nicht jeder Stamm bietet Al Qaida eine

Basis.

Was meinen Sie mit unerschöpflicher

Reserve?

Der Jemen ist heute nur an zwei

Dingen reich, an jungen Männern ohne

Bildung und an Waffen. Das eine

kommt zum anderen; und dann kämpfen

die Jungs für Al Qaida. Al Qaida ist

Hartz IV im Jemen, gibt den Analphabeten

Geld plus Gebete. Saleh hat keine

Lösung für die Arbeitslosigkeit; das

Geld geht in seine Tasche. Al Qaida bietet

eine Pers pektive, den Terrorismus.

Das Geld von Al Qaida kommt aus

Saudi-Arabien, von den Verbündeten

der Amerikaner, die Männer und die

Waffen kommen aus dem Jemen.

Richtet sich Al Qaida gegen die

Regierung, oder wie ist das zu

verstehen?

Al Qaida hat 1994 mit Präsident Saleh

und seinen Truppen gegen den Süd jemen

gekämpft, gegen die Kommunisten.

Saleh hat mit Al Qaida zusammen

gearbeitet, mit Wissen und Wollen der

damaligen US-Regierung. Jetzt kämpft

Saleh angeblich gegen Al Qaida.

Warum angeblich? Sein Militär geht

doch in Sanaa-Stadt gegen Al Qaida

vor.

Bin Laden ist in unserem Land geboren,

in Hadra maut; er hat hier seine

Homebase, seine Netzwerke, alles.

Seinen Familienkonflikt trägt er auch

aus, aber die Familie Bin Laden führt

ein Firmenimperium in Saudi-Arabien.

Es ist ein Konflikt untereinander.

Die Familie Bin Laden macht heute

noch blühende Geschäfte mit den

USA. Natürlich hat Präsident Saleh

Probleme mit der Macht lokaler

«Al Qaida ist Hartz

IV im Jemen.»

Scheichs, die für Al Qaida arbeiten.

Und wenn ihm deren Macht zu groß

wird, lässt er auch mal einige von

seiner Armee umbringen. Wenn die

Dschihadisten ihn unterstützen, ar -

beitet er aber mit ihnen zusammen.

Immerhin sind sie seine Verwandten.

Tariq al Fadlli, der zweite Mann von Al

Qaida, hat Salehs Schwester geheiratet.

Al Qaida ist also auch leiblich die

Familie des Präsidenten. Saleh sucht

Al Qaida? Wenn ich weiß, wo jemand

wohnt und ihm die Hände schüttle,

muss ich den nicht suchen.

Al Qaida, oder zumindest dschihadistische

Gruppen, die ihnen nahe

stehen, haben in den letzten Jahren

Anschläge in Saudi-Arabien verübt,

auch direkt gegen die saudische Königsfamilie.

Mehr als hundert Al

Qaida-Mitglieder wurden in Saudi-

Arabien festgenommen.

Natürlich funktionieren die nicht alle

so, wie die saudische Königsfamilie

es möchte, das ist ja das Problem bei

dieser Politik mit Zuckerbrot und Peit -

sche. Und natürlich richtet sich ihr Hass

auch gegen die korrupte eigene Re gierung.

Aber der saudische Geheim dienst

steckt mittendrin im Terror. Dass dann

ein paar ihrer Kinder etwas auf eigene

Faust machen, ist klar.

Wissen die Amerikaner das nicht? Immerhin

steckt Al Qaida doch hinter

Stellen Sie sich das so vor. Al Qaida

sagt Saleh: Kämpfe ruhig gegen uns,

aber unterstütze uns auch. So läuft das

Geschäft. Saleh lässt dann ein paar Al

Qaida-Leute festnehmen und lässt sie

im Dunklen wieder frei. Die Spitzen

von Al Qaida sind im Jemen unantast -

bar. Abdullah al Ahmar, der ehemalige

Parlamentschef, hat Bin Laden in seiner

Wohnung beherbergt; die zweite

Hand von Al Qaida, Tariq al Fadlli, lebt

im Jemen, jeder sieht ihn, jeder kennt

ihn. Führende Leute von Al Qaida waren

in Afghanistan, dann wieder im

Jemen, dann wieder in Afghanistan.

Sind die Zeiten vorbei, in denen der Jemen durch seine Architektur bekannt war?

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Politik

COMPACT

Jemen: Sicherheitskräfte in erhöhtem Alarmzustand

dem Anschlag auf das World Trade

Center. Immerhin gilt der Krieg gegen

den Terror Al Qaida.

Natürlich wissen die Amerikaner von

der Verbindung zwischen den Saudis

und Al Qaida. Sie brauchen das Öl der

Saudis, sie wollen an das Rote Meer,

sie wollen den Golf von Aden kontrollieren.

Und sie können den Saudis

nicht einfach sagen: «Seid endlich loyal

im Kampf gegen Al Qaida.» Al Qaida

ist im Jemen und in Saudi-Arabien, die

Scheichs haben Einfluss auf Scheichs,

nicht die Amerikaner. Al Qaida ist

Fleisch von ihrem Fleisch, Blut von ihrem

Blut. Die CIA war an der Gründung

von Al Qaida beteiligt, aber auch

die CIA besteht nicht aus Arabern und

hat nicht auf alles Einfluss, was «die

Jungs» machen. Wie sollen denn die

Amerikaner daran kommen? Sie könnten

Sanaa-Stadt bombardieren. Und

dann? Saleh macht ja nicht nur Deals

mit Al Qaida, sondern auch mit den

USA. Jemand anders ist derzeit nicht

da; vielleicht bereiten sie schon den

nächsten Diktator vor, der ihnen besser

zuarbeitet, und nicht mit allen an deren

auch noch Geschäfte macht. Alle Al

Qaida-Leute der Welt wissen, dass der

Jemen für sie sicheres Gebiet ist – die

Al Qaida-Leute aus dem Jemen bekom -

men Schutz vom jemenitischen Geheimdienst

und von ihrem Stamm. Al

Qaida sind Sunniten. Vielleicht braucht

man sie noch.

«Die CIA war an der

Gründung von Al

Qaida beteiligt.»

Wie meinen Sie das?

Ahmadinedschad, das Staatsoberhaupt

des Iran, die Mullahs im Iran, sind

Schiiten. Die Amerikaner haben im Irak

verloren; die Amerikaner haben in

Afghanistan verloren. Im Irak hat der

Widerstand gegen die Amerikaner den

Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten,

zwischen Arabern und Persern

verwischt. Der Gewinner des Irak-

Kriegs ist der Iran. Und das ist Amerikas

Hauptfeind. Und um den Iran

geht es eigentlich. Die Bombardierung

der Huthi-Schiiten im Jemen ist nur ein

Vorspiel dazu. Wenn die Saudis oder

Amerikaner Krieg gegen den Iran führen,

dann ist es besser, Al Qaida im

Jemen in Ruhe zu lassen: Al Qaida sind

Sunniten – Schlächter, die im Sudan,

in Somalia, in Afghanistan und im Irak

waren und die die Schiiten hassen. Die

ersten, die mit Feuereifer in den Krieg

gegen den Iran ziehen würden, wären

die Al Qaida-Leute aus dem Jemen. Die

Mullahs sind zwar ebenfalls Fun damentalisten,

aber eben Schiiten und

keine Wahhabiten. Und die Saudis

wür den das wiederholen, was ihre Vor -

väter in Kerbala getan hatten: Die kulturellen

Heiligtümer der Muslime zerstö

ren, die die wahhabitische Lehre

nicht teilen, und alle massakrieren, die

ihnen im Weg stehen. (…) Es gibt vor

allem zwei Stämme im Nordjemen, aus

denen sich Al Qaida rekrutiert. Das sind

Haschut und Bakil. Sie leben im Grenzge

biet zu Saudi-Arabien. Die Stammesführer

bekommen Geld von Saudi-Arabien,

um Ärger im Jemen zu ma chen

und Al Qaida zu spielen. Wenn sie die

jungen Männer in die Schlacht schicken,

müssen die funktionieren. Das

ist das Stammesgesetz, und aus diesem

heraus zu kommen, haben diese Jungen

nie geschafft. Die jungen Männer

bekommen Waffen, Geld und eine

Men ge Privilegien. Aber, wenn der

Stamm sagt, du musst dich in die Luft

sprengen, gibt es kein Nein. In Aden

war es früher egal, ob du Christ, Jude

oder Muslim warst. Wir hatten wunder

schöne Moscheen, Kirchen und Syna

gogen. Heute wird dir im Jemen der

Schädel eingeschlagen, weil du kein

«richtiger» Moslem bist, von dummen

Jungs, die den Koran niemals gelesen

haben, weil sie nicht lesen können.

Manchmal schäme ich mich dafür, was

aus meinem Land geworden ist.

Von Utz Anhalt erschien

bereits zuvor der Titel

WÜSTENKRIEG. Jemen,

Sudan, Somalia und die

Geostrategie der USA in

der COMPACT Reihe. (Vgl.

Heftinnenteil S. A4)

32

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COMPACT

Politik

Hunderttausende Tote vor allem im Irak: Die Massenmedien

schweigen über die Folgen des Einsatzes von Waffen aus

«abgereichertem Uran» und mobben unbequeme Mitarbeiter raus.

Uncle Sams schmutzige A-Bombe

Von Frieder Wagner

Stellen Sie sich vor, jemand käme auf

die Idee, hunderte Tonnen des atoma -

ren Abfallprodukts «ab gereichertes

Uran» (Uran 238) zu Fein staub zu zermahlen

und würde dann diesen Uranstaub

aus einem Flugzeug über

Deutsch land ver tei len. Das wäre eine

entsetzliche Katas trophe. Es dürften

keine Fuss ball spiele mehr stattfinden,

alle Sta dien und Spielplätze wür den

ge schlos sen und alle sportli chen Outdoor-

Veran staltungen müss ten ver boten

werden. Niemand dürf te mehr

ohne Schutz anzüge und Gas masken

auf die Straße gehen – auch nicht zum

Einkaufen. Nach wenigen Wochen

würden Tau sen de von Klein kindern

an aggressiven Leu kämien erkranken.

Monate spä ter würden Zehn tausende

von gera de noch ge sunden Erwachsenen

an Krebs erkran ken, später dann

Hun dert tausende, noch später Millionen.

Wenn Sie jetzt sagen, dass das

ja zum Glück nur ein Gedankenspiel

ist, dann muss ich Ihnen leider sagen:

Will kom men im Irak, im Kosovo, in

Af gha nistan, willkommen in Serbien

und in Somalia. Denn die Alliierten haben

in allen ihren vergangenen Kriegen

in diesen Ländern diese Waffen

aus abgereichertem Uran angewendet.

Mit dem Ergebnis, dass in diesen Ländern

jetzt Erwachsene an Mehrfachkrebs

erkran ken und Babys ohne Augen,

ohne Bei ne und Arme, Babys, die

ihre inneren Organe in einem Hautsack

aussen am Körper tragen, geboren werden

und unter furchtbaren Schmerzen

irgendwann sterben.

Uranmunition und Uranbomben

sind die wohl furchtbarsten Waffen,

die heutzutage in Kriegen eingesetzt

werden, weil sie die Menschheit unweigerlich

in den Abgrund führen.

Denn eine der Folgen der Anwendung

von Uranwaffen ist, dass es bei Mensch

und Tier zu Chromosomenbrüchen

kommt und so der genetische Code

verändert wird. Das ist seit Jahrzehnten

eine wissen schaftliche Tatsache

und der amerikanische Arzt Dr. Karl

Muller hat dafür schon 1946 den Nobelpreis

erhalten. Trotzdem haben die

alliierten Streitkräfte unter Führung

der USA in den vergangenen Kriegen

so getan, als würde es diese Tatsache

nicht geben.

Aus einer vertraulichen Mitteilung

des britischen Verteidigungsminis te riums

wissen wir inzwischen, dass schon

die Anwendung von 40 Tonnen dieser

Uran munition im Irak zu 500.000

Nachfol ge to ten führen könnte und

zwar durch so entstehende hoch aggres

sive Krebs tumore und Leukämien.

Bis zum Januar

2001 haben die

meis ten großen

deutschen Tages zeitungen

über mög liche

Gefahren durch

die uran haltige

Munition berichtet.

Durch die Anwendung dieser Uranmu

nition sind im Irak, in Serbien einschließlich

Kosovo und natürlich auch

in Afghanistan inzwischen ganze Regi

o nen wegen der radioaktiven und

hoch giftigen Kontamination durch die

Uran waffen nicht mehr bewohnbar.

Dies wurde durch eine Veröf fent lichung

der irakischen Presseagentur

bestätigt, in der stand, dass nach Unter

suchungen von unabhängigen iraki

schen Wissenschaftlern festgestellt

wurde, dass durch die Bombardierung

der Alliierten mit Uranbomben im

Krieg 1991 und 2003 im Irak heute 18

Regionen nicht mehr bewohnbar sind

und dass deshalb die Bevölkerung dort

evavkuiert werden müsste.

Und das liest man hier in keiner

Zei tung und man erfährt es auch nicht

aus den TV-Medien, weil das Thema

«Uran munition und die Folgen» ein

Tabu thema geworden ist. Denn nicht

die viel beschworene Klimakatstrophe

ist die unbequemste Wahrheit, nein

die unbequemste Wahrheit sind die

furchtbaren Folgen der Uranmunition.

Ich pro gnostiziere hier an dieser Stelle

und bin mir da einig mit vielen unabhängi

gen Wissenschaftlern weltweit,

dass von unseren Tausenden eingesetzten

Soldaten im Kosovo und in

Af gha nis tan womöglich bis zu 30 Prozent

durch Uran munition kontaminiert

nach Hau se kommen werden.

Und diese jungen Soldaten werden

alle mit ihren Ehe frau en und zukünftigen

Ehefrauen Kin der zeugen und

werden ohne es zu wissen ihre Kontamination

an ihre Kinder und Kindes

kinder weitergeben, mit allen

furchtbaren Folgen von Miss bildungen,

Immunschwäche, Leukä mien

und Krebstumoren.

Das Schweigen der Lämmer. Und

was sagen unsere Mainstream-Medien

zu dieser Problematik? Sie schweigen

– sie müssen inzwischen schweigen.

Doch das war nicht immer so, und da

können wir eine erschreckende Ent -

wick lung erkennen. Bis zum Januar

2001 haben die meisten großen deutschen

Tageszeitungen und entsprechen

de politische Fernsehmagazine

immer wieder über mögliche Gefahren

und sogar Missbildungen bei Neuge

bo renen, hervorgerufen durch die

uran haltige Munition der Alliierten,

berichtet. Magazine wie Monitor und

Panorama hatten Beiträge über die Folgen

dieser Munition gebracht. Monitor

sprach Ende 1999 sogar einmal von

«ganzen Landstrichen im Kosovo», die

womöglich verseucht seien.

Der Spiegel-Redakteur Siegesmund von

Ilsemann konnte in der Spiegel-Ausgabe

3 und 4 im Januar 2001 unter dem Titel

Tödlicher Staub noch auf fast 12 Seiten

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Politik

COMPACT

Fliegende Festung mit tödlicher Fracht – die AC-130H der US-Airforce

über die Gefahren, die von den Urangeschossen

für Mensch und Natur ausgehen,

berichten.

Dann starben die ersten portugiesischen

Soldaten der internationalen Kosovo-Schutztruppe

KFOR an höchst

aggres siven Krebstumoren und Leukämien.

Und in der Bundes re publik

Deutschland geriet Verteidi gungs minister

Rudolf Scharping durch diese Meldungen

in der Presse zum Neujahr

2001 heftig unter Druck, weil viele

Ehefrauen von unseren Soldaten im

Ko so vo fragten: Welche Gefahren bestehen

für unsere Soldaten? Deshalb

war man sich im Pentagon und in der

NATO schnell einig: Das Thema Uranmunition

musste raus aus den Medien!

Und dazu hat man sich in Deutschland

der Wochenzeitung Die Zeit bedient:

Diese Zeitung hat Mitte Januar 2001

durch ihren Wissenschaftsjournalisten

Gero von Randow unter dem Titel Das

Golfkriegssyndrom die Wende einge läutet.

Auf einer ganzen Seite durfte von

Randow seine Sicht der Dinge und was

er von den Berichten der Konkur renz

zu diesem Thema hielt, darlegen.

Schon im Unter titel konnte man lesen,

wohin das führen würde. Er schrieb

dort: «Die Medien schüren Angst und

Fakten spielen keine Rolle.»

Wenn nun jemand auf die Idee

gekommen wäre, zu fragen: Wie kann

es sein, dass ein Redakteur der Zeit sich

mit den Kollegen großer Zeitungen

anlegen kann? Nun, da müssen wir die

damaligen Zeitumstände recher chie -

ren: Ende 1999 wurde ein gewisser Dr.

Theo Sommer von Ver tei di gungsminister

Rudolf Scharping als Sonder be auftragter

zur Untersuchung über Urangeschosse

und deren Folgen in eine

entsprechende Kommission berufen.

Laut Im pres sum der Zeit war Sommer

damals im Beirat dieser Zeitung

und Chef re dak teur, Gero von Randow

einfacher Redakteur. Zählt man nun

eins und eins zusammen, so erfährt

man, dass von Randows Beitrag in der

Zeit in Abstim mung mit den Ergeb nissen

der Sommer-Kommission und nicht

zu fällig erfolg te.

Konnten doch so zwei Dinge gleichzeitig

gelöst werden: Som mer erwies

sich als höchst zuverlässig im Sinne seines

Auftrag gebers Schar ping, und Die

Zeit outete sich als Re gie rungs sprach -

rohr in dem der Re dak t eur Gero von

Randow Journa listenschelte gegen über

der Konkur renz betreiben konnte.

Stützen konnte er sich vorab auf die

Ergebnisse der Sommer-Studie.

Das Er gebnis der Studie war

knapp zusammengefasst: Die im Kosovo

ein gesetzte Uranmunition ist für

unsere dort stationierten Sol daten vollkommen

ungefährlich. Dabei stützte

sie sich auf Unter suchun gen der UN-

Umweltbehörde UNEP und der Weltgesundheitsor

ganisation WHO und

auf eine Studie, die das Institut für

Strah lenschutz Neuherberg bei München

im Auftrag des Verteidi gungs minis teriums

unter Scharping veranlasst hatte.

All diese Studien gelten heute bei neutralen

Wissenachaftlern als höchst umstritten

oder völlig überholt.

Nach Aussage des früheren WHO -

Wis senschaftlers Dr. Keith Baverstock

im Hörfunk von Bayern 2 am 4.12.2008

liegen allein im «Giftschrank» der

WHO 16 Studien beziehungsweise

Faktensammlungen zu dem Thema

«Uranmunition und ge sund heitliche

Folgen», die alle be wei sen, dass gerade

die beiden Kom po nenten: hohe Giftigkeit

und Ra dio aktivität dieser Waffe

sich gegenseitig verstärken und so die

hoch aggressiven Krebserkran kungen

hervorrufen. 16 Studien, die nicht veröffentlicht

wurden – das ist unfassbar!

Und warum werden diese nicht ver öffentlicht?

Die Erklärung lieferte schon

am 16. Februar 2001 der Journalist Robert

James Parsons in Le Monde Diplo matique.

Parsons hatte herausgefunden

und lieferte das Do ku ment gleich mit,

dass die WHO schon 1959 mit der Inter

nationalen Atomenergieorganisation

(IAEO) einen Vertrag geschlossen

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COMPACT

Politik

Foto: AP Images/Enric Marti

Strahlendes Erbe: Auch Iraks Kinder sind Opfer der eingesetzten Uranmunition

hat, in dem sich die WHO verpflichtet,

niemals Erkennt nisse über Radioaktivität

und gesundheitliche Folgen zu

veröffentlichen, wenn die IAEO dem

nicht zu ge stimmt hat. Und weil die

IAEO bis heute solchen kritischen Veröffen

t lichungen nicht zugestimmt hat,

bleiben solche Studien im «Giftschrank»

der WHO.

Den Verantwortlichen im Penta -

gon ist also klar geworden, dass es hier

nicht, wie bei der Klimakatastrophe,

um ein Problem geht, das alle Industrieländer

der Erde verursacht haben,

sondern dass für die Folgen, die der

Welt und den Menschen durch die

Anwendung der Uranwaffen drohen,

nur sie mit ihrem Verbündeten Großbritannien

verantwortlich sind. Also

muss te das Thema Uranwaffen aus den

Medien verschwinden. Dass sich auch

unsere Presse dem so beugt, weil Die

Zeit angebliche Gegenbeweise vorgelegt

hat, hätte ich noch vor zehn Jahren

nicht für möglich gehalten.

Inzwischen ist es so, dass missliebige

Journalisten und Filmemacher von ihren

Arbeitgebern keine Aufträge mehr

erhalten. Drei mir namentlich bekannte

Kollegen haben inzwischen quasi

Haus verbot bei öffentlich-rechtlichen

Sendern. Darunter sind Leute, die 30

Jahre für diese Sender gearbeitet haben.

Das heißt, man drängt solche Journalisten

ins Abseits und versucht sie

mundtot zu machen um so ein kritisches

Thema aus der Öffentlichkeit verschwinden

zu lassen. Und wie macht

man das? Man wirft diesen Leuten vor,

sie hätten in ihren Beiträgen einseitig

tendenziös gearbeitet und deshalb sei

ihre Arbeit nicht sendefähig beziehungsweise

nicht zu veröffentlichen.

Da muss ich fragen: Stempelt die Wahrheitstendenz

eines Beitrages diesen

tatsächlich als tendenziös ab – und ist

das Bestreben, einen solchen Beitrag

zu deformieren und kaputt zu reden,

nicht erst recht tendenziös?

Das Recht steht doch über der Macht.

Das Recht der Haager und Genfer

Konvention, der Nürnberger Dekrete

und die UN-Charta müssen der Macht

den Weg weisen und ihr den Respekt

vor den Grundwerten lehren. Auf

Armut und Unterdrückung, Krieg

und Bomben, verstümmelten, missgebildeten

und getöteten Frauen und

Kindern lässt sich kein Frieden bauen

– nicht im Irak, nicht in Afghanistan,

nirgendwo.

«Der Westen versinkt täglich immer

tiefer im Sumpf der eigenen Politik.

Nicht ein einziges Mal in den letzten

200 Jahren hat ein muslimisches Land

den Westen angegriffen. Die europä i-

schen Großmächte und die USA waren

immer die Aggressoren. Nicht die

Gewalt tätigkeit der Muslime, sondern

die Gewalttätigkeit des Westens ist das

Problem unserer Zeit», sagt Jürgen

Todenhöfer, der 18 Jahre lang Bun destags

abgeordneter der CDU war, in seinem

Buch Warum tötest Du, Zaid?

In dieser Hinsicht hat sich auch unter

dem neuen US-Präsidenten Barack

Obama leider nichts geändert. Denn der

hat ja offensichtlich gelogen, als er bei

der Nobelpreisverleihung im November

2009 sagte, dass er Amerikas Ver -

pflichtung bestätigt, sich an die Genfer

Konventionen zu halten. Die USA

haben allein in den letzten sechs Jahrzehnten

die Genfer Konventionen

immer wieder und immer wieder

gebrochen und mit Füßen getreten –

be sonders in den letzten Jahren in

Sachen Uranmunition.

Darum müssen wir in Deutschland

un seren Abgeordneten durch entsprechende

Ansprache, Briefe, Emails und

persönliche An sprache klar machen,

welche Verantwortung sie tragen,

wenn sie jetzt weitere deutsche Soldaten

nach Afghanistan schicken. Wir

müssen ihnen klar machen, dass sie die

Verantwortung tragen, wenn diese Soldaten

tot, verletzt, traumatisiert oder

durch Uranwaffen kontaminiert nach

Hause kommen.

Wir müssen ihnen klar machen, dass

wir solche Politiker zur Verantwortung

ziehen werden, wenn diese Soldaten

ei nes Tages wegen dieser Muni tion

krank oder durch sie missgebildete

Kin der geboren werden. Wir müssen

ihnen klar machen, dass es um die Zu -

kunft unserer Kinder und dieser Erde

geht.

Weiterlesen: Von Frieder Wagner

ist im Mai in der Reihe

COMPACT das Buch URAN-

BOMBEN – Die verheim lichte

Massenvernich tungswaffe

erschienen. (s. Heft innenteil

S. A4)

Der Journalist und Filmemacher

Frieder Wagner ist

Jahrgang 1942. Seine Fernseharbeiten

als freier Kameramann

wurden schon

früh mit dem Adolf-Grim me-

Preis in Silber und Gold geehrt. Seit 1982 stellte er in Personalunion

als Autor, Kameramann und Regisseur eigene, oft

investigative Fernsehdo kumentationen für die ARD und das

ZDF her.

Sein für die WDR-Reihe Die Story gedrehte Dokumentation

Der Arzt und die verstrahlten Kinder von Basra über die Folgen

des Einsatzes der Uranmunition, erhielt 2004 auf der

ÖKOMEDIA den Europäischen Fernsehpreis. Auf bau end auf

diesem Film stellte er 2007 den frei produzierten Kino dokumentarfilm

Deadly Dust – Todesstaub her. Dieser Film ist

die wohl umfangreichste Dokumentation über das Kriegsverbrechen

Uran munition.

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Politik

COMPACT

Love Parade

Death Parade

Der Tod feierte eine Party – und niemand will Schuld haben. Dabei

hatte es im Vorfeld Warnungen aus dem Polizeiapparat gegeben,

aber das Spektakel musste stattfinden – um jeden Preis.

Von Johannes Heckmann

Die große Party führte zu einer großen

Tragödie. Auf der diesjährigen Love

Parade sind 21 Menschen getötet und

hunderte verletzt worden. Nie zuvor

nach dem Zweiten Weltkrieg kamen

bei einer Katastrophe im Land Nordrhein-Westfalen

so viele Menschen ums

Leben wie an diesem 24. Juli in Duisburg.

Bis heute will sich keiner schuldig

fühlen: der Oberbürgermeister

nicht, der als Stadtoberhaupt Planung

und Genehmigung abnickte; der Veranstalter

nicht, der hinterher nahezu

vollständig abtauchte; die Polizei nicht,

deren oberster Dienstherr, der Innenminister,

alle Vorwürfe bis dato weit

von sich weist. Dabei hatte es im Vorfeld

an Warnungen nicht gefehlt.

Größte Bedenken hatte etwa

ein Gruppenführer der Kölner Polizei,

der an den Vorbereitungen in Duisburg

beteiligt war: «Es gab zwölf bis

13 Ortstermine in Duisburg. Auch andere

Einsatzführer der Polizei aus

Wuppertal oder Aachen waren dabei.

Und jedes Mal waren wir uns einig,

dass das geplante Konzept im Chaos

enden wird, dass es Verletzte und Tote

geben wird.»

Im Express erhebt der Polizist schwere

Vorwürfe: «Man hat unsere Bedenken

ignoriert. Uns wurde immer wieder

mitgeteilt, es werde nicht diskutiert.

Im Rathaus stehe man auf dem Standpunkt:

Die Love Parade muss funktionieren.

Dabei haben wir ausge rechnet,

dass sich bei einer Million Be su chern

acht Menschen auf einen Quadratmeter

zwängen.»

Auch Wilfried Albishausen, Landesvorsitzender

des Bundes deutscher Kriminalbeamter,

wusste von Bedenken

«wegen des kleinen Geländes und der

engen Zu- und Abgänge (…). Darüber

ist intern auch gesprochen worden. Die

Bedenken wurden aber regelrecht

weich gespült.» Im Vorfeld der Love

Parade tagte insgesamt 16-mal die

Arbeits gemeinschaft Sicherheit, an der

auch die Bundespolizei und das Polizeipräsidium

beteiligt waren. Die Polizei

erklärte sich schließlich mit dem

Sicherheitskonzept des Veranstalters

einverstanden.

Die Verantwortlichen bei der

Polizei wussten offenbar, worauf sie

sich einließen. So war Polizeidirektor

Jörg Schalk klar, dass die «eigentliche

Veranstaltungsfläche ab einer gewissen

Besucherzahl überfüllt sein» und

es «zu Rückstauungen auf den Wegführungen»

kommen wird, was wiederum

«zu einem nicht mehr funk tionierenden

Wegekonzept» führe. Ge nau

dieses Szenario trat später ein. Stau war

offenbar genauso Teil des Konzepts wie

die Schließung des Geländes bei

Überfüllung.

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COMPACT

Politik

Das Sicherheitskonzept des Love

Parade-Veranstalters Lopavent GmbH

ging von insgesamt 485.000 Besuchern

aus. Eine behördliche Geneh migung

hatte sie für 250.000. Der im

Sicherheits konzept enthaltenen Zuund

Abstromanalyse zufolge wird die

maximale Anzahl der Besucher nie

über schritten. Für 17 Uhr wird darin

mit Spitzenwerten von 90.000 Besuchern

pro Stunde gerechnet, die durch

die Tunnel auf das Gelände zugehen,

und gleichzeitig mit 55.000 Personen,

die den Festplatz verlassen.

Ob dies gut gehen konnte, ist eine

abstrakt-theoretische Frage. Die

Meinun gen der Experten weichen weichen

voneinander ab. Nach der Katastrophe

steht Aussage gegen Aussage.

Während «Panik forscher»

Michael Schreckenberg das von ihm erstellte

Sicherheitskonzept und damit

sich selbst ve hement verteidigt, wird

ein «Katas trophenforscher» namens

Dirk Ober ha gemann zum öffentlichen

Vertreter der Anklage. Es ist kein The -

ma, dass er von einem Bundesministerium

bezahlt wird und im Dienste

der Politik stehen könnte. Laut Oberhagemann

war der Tunnel als einziger

Zu- und Ausgang für so einen Massenandrang

«zweifelsohne absolut

ungeeignet».

Eine Veranstaltung dieser Größenordnung

dürfe man nur mit einem Einbahnstraßensystem

zulassen. Zu- und

Abgang müssten auf jeden Fall von ein

ander getrennt werden. «Ein Eingang

und ein separater Ausgang – so und

nicht anders.» Ein kurzer Blick auf das

Duisburger Veranstaltungsgelände genügt

dem Wissenschaftler, um festzustellen:

«Der Tunnelbereich ist ein ganz

sensibler Punkt. Mir war schnell klar,

dass da was passieren wird.» Oberhagemann

kennt kein Pardon: «Nur völlig

Realitätsferne können ernsthaft gedacht

haben, dass an dieser Stelle

nichts passieren wird.» Deshalb kommt

er zu dem eindeutigen Schluss: «Diese

Veranstaltung hätte so nie und nimmer

stattfinden dürfen.» Man habe sich

«über sämtliche Sicherheitsbedenken

hinweggesetzt.» Seine Bedenken waren

freilich erst hinterher zu vernehmen.

Der Einzige, der auch im Vorfeld

seine Bedenken offensiv geäussert

hatte, war der frühere Duisburger

Polizeipräsident Rolf Cebin. Cebin hatte

sich bereits 2009 we gen Sicherheitsbedenken

heftig gegen die Austragung

der Love Parade gewandt. Der Kreisvorsitzende

der Duisburger CDU und

Bun destagsabgeordnete Thomas Mahlberg

hatte daraufhin in einem Schreiben

an den damaligen NRW-Innenminister

Ingo Wolf die Absetzung Cebins

gefordert.

Im Mai 2010 wurde Cebin in den Ruhe

stand befördert, Detlef von Schmeling

übernahm daraufhin den vakanten

Posten des Polizeipräsidenten kommissarisch.

Noch unter Cebins Führung

ließ die Duisburger Polizei erklären,

dass der Durchführung der Love Para -

de «eklatante Sicherheitsmängel» entgegen

stünden. Im Schreiben Mahlbergs

Duisburg: Partystimmung vor der Katastrophe

heißt es dazu: «Eine Negativ berichterstattung

in der gesamten Re publik

ist die Folge», deshalb solle In nenminister

Wolf nun einen «personellen

Neuanfang im Polizeipräsidium Duisburg»

wagen.

In Bochum war im Vorjahr die Love

Parade auf Drängen des dortigen

Polizeipräsidenten Thomas Wenner abgesagt

worden, das sollte in Duisburg

nicht passieren. Hat der örtliche CDU-

Chef Mahlberg als Parteifreund von

Oberbürgermeister Adolf Sauerland die

Strippen gezogen, um einen mäch tigen

Widersacher und potenziellen Spielverderber

des Love Parade-Spektakels

rechtzeitig aus dem Verkehr zu ziehen?

Foto: Florian Peters

Von Johannes Heckmann

erscheint im Dezember

2010 in der

Buchreihe COMPACT der

Titel LOVE PARADE –

DEATH PARADE. Ursachen

und Verantwortliche

eines töd lichen

Kesseltreibens. (115

Seiten, 8.80 Euro)

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Politik

COMPACT

Freie Wahl zwischen Gold und Papiergeld: Ein malaysisches

Bundesland sucht kleine Fluchten aus der weltweiten Krise

des Finanzsystems.

Die Dinar-Revolution von Kelantan

Von Stefan Breuer

Es erinnert ein bisschen an die alten

Asterixhefte… ganz Gallien ist besetzt,

aber ein kleines Dorf leistet noch Wider

stand. So oder so ähnlich fühlt sich

wohl zur Zeit die politische Lage in

dem kleinen malaysischen Bundesland

Kelantan an. Seit einigen Monaten

sorgt die mutige Währungspolitik der

dortigen Regierung für einiges Aufsehen.

Der mutmaßliche Siegeszug des

Kapitalismus in Asien könnte unter

den Palmbäumen Malaysias empfindlich

gestört werden.

Im Hinterland des ehemaligen

«Tiger staates» hat die erste Regierung

der Welt genug vom Papiergeld-

Tsunami. Die Ankündigung, eine Gold -

währung, den so genannten Dinar und

Dirham, als neue Barter-Währung

(Tausch währung) des Landes einzuführen,

hat schnell für weltweites Aufsehen

ge sorgt. Sogar die ehrwürdige

Financial Times bespricht staunend das

verwegene Projekt. Während Europa

noch einigermaßen gelähmt nach

einem Ausweg aus dem irratio nalen

Finanzdilemma dieser Tage sucht, de

facto aber nur immer mehr Geld

druckt, handeln die Bürger und Bürgerinnen

Kelantans bereits mit einer

echten Alternative.

Die Sensationen sind schnell erzählt:

Inmitten der historischen Finanzkrise

und der größten Papiergeldschwemme

der Menschheitsgeschichte besinnt sich

das muslimische Land mit seinen

knapp zwei Millionen Einwohnern auf

ein altes, anti-inflationäres Gegenmittel.

Die Regierung hat erstmals offiziell

wieder eine Reihe unterschiedlicher

Gewichte von Silber und Gold in Münzen

prägen lassen.

«Land des Dinar und Dirham»,

heißt es nun auf großen Tafeln zur Be -

grüßung der staunenden Gäste am

Flug hafen der Hauptstadt Kota Bharu.

Die neue Währung ist keine Kopfgeburt,

sondern hat eine lange Tradition

in der islamischen Lebens- und Wirtschaftsweise

und könnte auf Dauer in

der Region ein finanzpoli tisches Erdbeben

auslösen. Auf dem «mul tikul -

turellen» Marktplatz der Stadt wird

bereits grenzenlos gehandelt, egal ob

Chinese, Malaie oder sonst wer, das

neue Geld kommt bei allen gut an. Die

staatliche Kelantan Golden Trade Agency

konnte nach nur zwei Wochen vermel -

den, dass ihre Bestände an dem neuen

Tauschmittel bereits verkauft sind.

Die Politiker selbst sehen im Gold-

Dinar nicht nur eine Rückbindung an

die islamischen, in Europa kaum bekann -

ten Grundüberzeugungen der Öko nomie,

sondern auch ein taug liches Mittel

für die Gestaltung der wirtschaftlichen

Zukunft des Landes. Ihr Vorhaben ist

bei ihren Wählern natürlich ziemlich

populär, hat die Maßnahme doch das

erkennbar ehrliche Ziel, die eigene

Bevölkerung in Zeiten der Finanzkrise

Die neuen Dinare sind da: Feierliche Zeremonie in Kota Bharu

besser zu schützen. Die Argumente für

einen Einstieg in die Goldwirtschaft

sprechen für sich – jeder, der eine Goldmünze

besitzt, kann dies an der stetig

positiven Wertentwicklung der letzten

Jahre ablesen.

Es ist die absehbare Entwertung aller

Papiergeldwährungen der Welt, die

nun die lokalen Politiker zu noch

schnellerem Handeln drängt. Schaut

man genauer hin, wird man feststellen,

dass es bei der Finanzstrategie der

Regierung weiß Gott nicht nur um

rück wärts gewandte Romantik geht.

Auch aus der Moderne will keiner

flüchten. Im Gegenteil, endlich zeigen

Muslime auch einmal ihre innovative

Seite. Die Grundidee dabei ist nichts

Anderes als ökonomische Freiheit. Die

Strategie setzt auf die zeitlose Wirksamkeit

des originär islamischen Finanzmodells:

freier Markt und freies

Geld.

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COMPACT

Politik

Auch die politischen Ansprüche

sind nicht gerade bescheiden. Die

Befreiung der Marktkräfte soll sich am

Ende gegen Monopole und Zwangsgeld

gleichermaßen richten. Die Umsetzung

des Finanzplanes ist dabei so

revolutionär wie einfach. Ab sofort

kön nen Staatsbedienstete, wenn sie

denn wollen, ein Viertel ihres Lohnes

in Gold und Silber, also in Dinar und

Dirham, empfangen und auch ihre

monatlichen Wasser- und Stromrechnungen

damit bezahlen.

Aber auch die Zakat, eine für Musli

me verbindliche Abgabe auf das in

einem Jahr angesammelte Vermögen,

wird nun in Gold bezahlt. Der Grund

ist ziemlich einfach: Diese Abgabe kann

man nach islamischem Recht nur in

realen Werten und nicht etwa mit wertlosem

Papiergeld entrichten. Auch die -

se religiöse Pflicht birgt nebenbei ein

enormes Potenzial für die wiederbelebte

Gold-Silber-Ökonomie.

Der erste Geschäftsmann hat bereits

auf der offiziellen Vorstellung des Kelantan-Dinars

damit seine Verpflichtung

erfüllt. Man muss das diesbezügliche

Potenzial nur grob überschla -

gen, um zu ahnen, was es heißt, wenn

Millionen Muslime in Asien ihre Zakat

künftig wieder mit Gold und Silber

bezah len werden.

Der wohl wichtigste Schauplatz für

das Tauschmittel ist aber, so der spanische

Muslim und Finanzberater der

Regierung, Umar Vadillo, schlicht der

Marktplatz der Stadt. Ab sofort werden

dort die Umrechnungskurse auf

digitalen Tafeln öffentlich angezeigt.

Die Begeisterung auf dem Markt von

Kota Bharu ist riesig – beinahe 1.000

Shops haben bereits die Annahme des

Dinars angekündigt. «Es geht uns in

Kelantan nicht etwa um das Horten

von Gold, sondern um die aktive Zirkulation»,

erklärt Vadillo das Prinzip.

Mit moderner Technik steht man dabei

nicht auf Kriegsfuß. Die Dinar-Ökonomie

operiert bereits mit ausgeklügelten

technischen Hilfsmitteln wie

Debit-Karten, SMS-Funktionen oder e-

payment-Systemen und ist so absolut

zeitgemäß.

In Malaysia hat jedenfalls ein wei -

teres, spannendes Kapitel der Währungsdebatte

begonnen. Das Thema

wird hier nicht zufällig heiß debattiert.

Seit der ehemalige Premier des Landes,

Dr. Mahathir, nach den aggres siven

Währungs spekulationen der 90er Jahre

als eine Konsequenz den «Gold-Dinar»

forderte, ist in Kuala Lumpur das The -

ma «Gold» fester Bestandteil der innenpolitischen

Debatten.

Mahathirs Plan war zunächst nur

die Einführung des Gold-Dinars für

den Aussenhandel des Landes ge wesen.

Bereits diese geplante Maßnahme

der Politik hatte aber die malaysische

Nationalbank alarmiert. Es folgte, bis

heute, ein jahrelanger Machtkampf um

die Einführung. Die Nationalbank

fürch tete schon damals, dass schon die

«theoretische» Einführung des Dinars

auf Dauer die Nationalwährung aushebeln

könnte.

Mahathir musste später kleinlaut eingestehen,

dass er in seiner Amtszeit

gegen die Nationalbank nichts ausrichten

konnte.

Politik, Banken und Parteien mögen

sich nun weiter echauffieren, aber am


Politik

COMPACT

Frauen als vorrangige Zielgruppe: Verbraucher werden ihr Papiergeld los

Ende werden es wohl die Konsumenten

selbst sein, die mit ihrer Marktmacht

den Streit ums richtige Geld

entscheiden werden. Viele Malaien

sehen längst in der freien Wahl des

Geldes ein entscheidendes Freiheitsrecht,

genauso wichtig wie beispielsweise

die Meinungsfreiheit. In zahlreichen

Inter netforen und Zeitungen

wird bereits munter diskutiert und erstaunlich

sachlich die verschiedenen

Glaubensüberzeugungen zum Thema

Dinar präsentiert.

Der Tenor der Pro-Dinar Fraktion,

natürlich in Anspielung auf die wachsende

Inflation, ist dabei so basisdemokratisch

wie entwaffnend einfach

gehalten: «Behaltet ihr doch einfach

das Papiergeld, wir behalten unser

Gold!»

Darf man aber eigentlich

einfach Münzen prägen? Offiziell dreht

sich die Debatte in Malaysia auch um

die Frage, ob das Bundesland – so argu

mentiert zumindest die Nationalbank

– seine rechtlichen Kompetenzen

überschritten hat. Die Debatte ist juris -

tisch durchaus komplex, denn Kelantan

hatte ja gar nie behauptet, dass der

Dinar eine offizielle Währung («Legal

Tender») Malaysias sei.

Es handelt sich auch um kein staatliches

Zwangsgeld, ist die Nutzung des

Dinars doch grundsätzlich freiwillig.

Im Gegensatz zum südafrikanischen

Krüger-Rand muss man auch des wegen

für den Kelantan-Dinar in weiten

Teilen der Welt Mehrwertsteuer bezahlen.

Es ist aber wohl nur eine Frage der

Zeit, bis ein islamisches Land endlich

den Di nar als «Legal Tender» akzeptiert.

Dann könnte die Goldwährung

auch in anderen Ländern einziehen

und das liberale Wirtschaftsrecht des

Islam noch bekannter machen.

Islamische Geldpolitik ist

noch immer erstaunlich zeitgemäß,

definiert aber auch «Geld» anders, als

wir es heute in Europa gewohnt sind.

Der schon im Koran erwähnte «Dinar»

ist wegen seiner eigenen Geschichte,

die bis zu Beginn des Islam zurückreicht,

für Muslime keine bloße Alter -

nativwährung oder überhaupt eine

Währung im modernen Sinne.

Der Dinar entzieht sich so ein Stück

weit der gewohnten westlichen Ter mi -

nologie. Geld wird bei den frommen

Muslimen natürlich weder angebetet,

noch sonst wie überhöht und ist damit

eine betont rationale und nüchterne

Sache. Die Münzen sind nach islamischem

Recht nur ein Gewicht und

mit anderen Gütern wie Reis vergleichbar.

Im Gegensatz zu modernen

Monopol-Währungen besteht übrigens

auf dem islamischen Markt niemals

ein Zwang, «nur» den Dinar zu

benutzen.

In Kelantan zeigt man sich von der

Kritik an der alternativen Ökonomie

unbeeindruckt. Datuk Husam Musa,

Vorsitzender des staatlichen Planungskom

mitees für Finanzen und Wirtschaft,

bleibt angesichts der anschwellenden

Debatte betont gelassen: «Ver schiedene

Berichte, wonach der Dinar zum zweiten

Zahlungsmittel Kelan tans werden

soll, sind inkorrekt und haben Verwirrung

gestiftet. Ich kann nicht erken -

nen, warum diese Frage aufgeblasen

wird, nachdem Kelantan den Gebrauch

des Dinars eingeführt hatte. Es gibt den

Dinar ja im Islam von Beginn an», sagte

er gegenüber Medienvertretern. «Warum»

so fragt Husam Musa lächelnd,

«sollte das nun gerade heute in einem

islamischen Land nicht mehr möglich

sein?»

Stefan Breuer lebt als Finanzberater in Djakarta

und Frankfurt/Main.

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010

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COMPACT

Politik

D E R A N L A G E T I P P D E S E X P E R T E N

Gold und Silber bieten Schutz

Von Walter K. Eichelburg

Wie die Leser sicher bereits gemerkt

haben, wäre der Euro im Mai 2010

wegen der Griechenland-Pleite fast

untergegangen und konnte nur durch

ein Riesen-«Rettungspaket», zu dem

man Deutschland brutal gepresst hat,

noch für einige Zeit gerettet werden.

Im September 2008 haben überall die

Bank-Runs eingesetzt, was von der

Politik mit der «Garantie aller Sparein

lagen» noch einmal abgewendet

werden konnte.

Zitat vom ehemaligen Deutschland-

Chef von Mc Kinsey, Jürgen Kluge: «Die

letzte Krise konnte gerade noch beherrscht

werden. Die nächste wird

nicht mehr beherrscht werden kön -

nen!» In den USA sieht es nicht besser

aus, dort versucht man über massives

Gelddrucken, die Wirtschaft an zukurbeln.

Das führt unweigerlich in die

Hyperinflation, die es nach dem Ers -

ten Weltkrieg in Deutschland und

Österreich bereits gegeben hat. Die

Sparer verloren alles.

Die Wertsteigerung von Gold und Silber

über die letzten 12 Monate ist beträchtlich.

Gold gewann gegenüber

dem Dollar 29,43 Prozent, gegenüber

dem Euro 37,82 Prozent. Silber legte

noch mehr zu: gegenüber dem Dollar

46,72 Prozent, gegenüber dem Euro

55,97 Prozent.

Dagegen bieten Spareinlagen derzeit

nur ein Prozent und deutsche Staatsanleihen

2,5 Prozent im Jahr!!! Kein

Wunder, dass das «Smart Money»

bereits aus Geld und Wertpapieren

flüchtet, und in Gold, Agrarland, Wald

geht. Wenn es die Masse auch versucht,

ist es zu spät. Das wird bald

kommen: mit Crash und Währungsreform

wie 1948 – und dem Verlust

der Geldanlagen für viele.

2008 konnte man einen richtigen

Crash noch verhindern, jetzt nicht

mehr. Also sorgen Sie vor.

Walter K. Eichelburg betreibt die Gold- und Krisen website

www.hartgeld.com, mit über drei Millio nen Besuchern pro

Monat die meistgelesene im deutschsprachigen Raum.


Politik

COMPACT

Das Zentralbankmonster frisst Staat und Bürger pleite: Mit der

Reform der EU-Verträge hat die Bundeskanzlerin die letzten

Sicherungen unserer Euro-Währung herausgeschraubt.

Hayek contra Merkel

Von Oliver Janich

Noch 2010 wird die vorerst letzte Währungsreform

dieses Jahres stattfinden.

Eine nahezu unglaubliche Folge an of -

enen Rechtsbrüchen wird ihren vorläufigen

Höhepunkt finden. Weil An -

ge la Merkel befürchtet, im Frühjahr 2011

das im Mai 2010 beschlossene Euro-

Rettungspaket juristisch um die Ohren

gehauen zu bekommen, setzte sie Ende

Ok tober in Brüssel eine nachträgliche

Än derung des Lissabon-Vertrags durch.

Die ande ren EU-Länder wollten das bis

2013 begrenzte Rettungspaket lediglich

verlängern. Aus Angst vor dem eigent -

lich regierungstreuen Verfassungs gericht

soll zur Sicherheit jetzt Artikel 122

geändert werden. Dieser Artikel verspricht

EU-Ländern finanziellen Beistand

bei Naturkatastrophen und au -

ßer gewöhnlichen Ereignissen. Dieser

Beistand soll künftig auch möglich

sein, wenn die «Stabilität der Währungs

union als Ganzes» bedroht ist.

Damit wird das Rettungspaket ins Unendliche

verlängert. Deutschland, das

für alle Länder einstehen muss, ist damit

de facto pleite und seine derzeitige

Währung nichts mehr wert.

Das sollten Sie sich einmal auf der

Zun ge zergehen lassen: Die EU betrach

tet jetzt die Bedrohung der Währungs

union als Naturkatastrophe, also

ein unvorhersehbares Ereignis! Ein

Gutes hat die Sache aber doch. Endlich

finden die Mahner Gehör, die sowohl

die jetzi ge als auch die 1929er Finanzkrise

vor ausgesagt haben: Die Vertreter

der Ös terreichischen Schule.

«Kennen Sie Hayek? Dann

wissen Sie doch, dass die wahre Ur sache

der Finanzkrise das planwirtschaft -

liche Geldmonopol der Zentralbanken

und die Geldschöpfung aus dem

Nichts ist, oder?» Mit dieser Frage brin -

ge ich landauf, landab, Ökonomen,

Politiker und Vertreter von Großbanken

in Verlegenheit. Auf einer Podiumsdiskussion

der Bertelsmann-Stiftung

Ende Okto ber in Berlin nickte mir

auf diese Frage hin plötzlich eine britische

Abgeordnete zu und bestätigte

später im kleinen Kreis meine Ansicht.

And guess what: Es handelte sich um

Gisela Stuart, Redakteurin des Parlamentsmagazins

und Labour-Abgeordnete!

Ähnliche Erfahrungen gab es bei

der European Business School und der

London School of Economics: Erst verschäm

tes Schweigen, im kleinem Kreis

dann Zustimmung.

Friedrich August von Hayek ist der promi

nenteste Vertreter der so genannten

Österreichischen Schule der Ökonomie.

Bereits 1912, ein Jahr vor der

verhängnisvollen Gründung der US-

Notenbank FED, verfasste Ludwig von

Mises die Theorie des Geldes und der Umlaufmittel.

Sie enthält bereits alles, was

unsere heutige Finanzkrise erklärt:

Der ständige Versuch einer zentralen

Planstelle, den richtigen Zins und die

korrekte Geldmenge herauszufinden,

muss scheitern, weil die Planungs behörde

nicht genügend Informationen

über die vielen Millionen Markt -

teilnehmer hat. An diesem simplen

Prob lem ist schon der Kommunismus

gescheitert.

Ironischerweise wird die Finanzkrise

jetzt dem Kapitalismus angelastet, ob -

wohl der Geldmarkt durch ein staat liches

Monopol sozialistisch gesteuert

wird. Dabei spielt es keine Rolle, wie

von manch Linken angenom men, ob

die Zentralbank in privatem Besitz ist

wie in den USA oder in öffent licher

Hand wie in Europa. Entscheidend ist,

dass der Staat einer einzigen Institution

das Monopol zur Geldproduktion

überlässt.

Hinzu kommt, dass der Staat und

die Zentralbank es den Geschäftsbanken

ermöglichen, Geld aus dem Nichts

zu erschaffen. Wenn ein Kunde 100

Euro zur Bank bringt, muss das Institut

nur zehn Euro bei der Zentralbank

hinterlegen und kann 90 Euro weiter

verleihen. Ein Unternehmer bekommt

dann beispielsweise diese 90 Euro und

kauft damit Waren, beispielsweise

Stahl, beim Vorlieferanten ein. Kann

der Unternehmer die Autos, die er damit

baut, nicht verkaufen, bekommt

die Bank ihr Geld nicht zurück. Aber

sowohl der Anleger hat noch Anspruch

auf 100 Euro bei seiner Bank, wie auch

der Liefe rant berechtigt ist, 90 Euro

abzu heben. Die Geldmenge hat sich

knapp verdoppelt, obwohl dem keine

realen Ersparnisse oder die Produktion

von Waren zugrunde liegen.

Dieser Mechanismus führt zur

Inflation und zur Verarmung gerade

der Schwächsten in einer Gesellschaft.

Es findet eine Umverteilung von Unten

nach Oben statt. Die Erstempfänger des

neu geschöpften Geldes, der Staat und

die Banken, können noch zu alten Preisen

einkaufen. Deshalb ist das Mietund

Gehaltsniveau in Bankenzentren

wie New York, London oder Frankfurt

höher. Große Konzerne mit Marktmacht

profitieren auch.

Sie erhöhen erst die Preise und dann

die Gehälter. Superreiche erkennen den

Mechanismus und kaufen Sachwerte

wie Aktien, Rohstoffe und Immobilien.

Nur der kleine Mann schaut in die

Röhre. Ohne die staatlich gewollte Vermeh

rung des Papiergeldes würden

alle, vor allem Bezieher fester Einkom -

men wie Arbeitnehmer und Transferempfänger,

vom technischen Fortschritt

profitieren.

Oliver Janich machte

durch seine 9/11-Dossiers

in der Zeitschrift

Focus Money Furore –

bis seine Mitarbeit im

Oktober storniert wurde.

Er gründete 2009 die

Partei der Vernunft und

hat vor kurzem das Buch

Das Kapitalismus-Komplott.

Die geheimen Zirkel

der Macht und ihre

Methoden veröffentlicht.

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010

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COMPACT

Politik

Eine Expertise der Schweizer Großbank UBS über das mögliche

Auseinanderbrechen der Euro-Zone. Die Rückkehr zur D-Mark könnte

demnach Vorteile haben – nicht nur für die Deutschen.

O-Ton:«Das Undenkbare denken»

«Ein Auseinanderbrechen der

Euro päischen Währungsunion

(EWU) wäre zweifellos ein großer

Rückschlag. Kanz lerin Angela Merkel

sagte vor dem Bundestag: «Es ist

eine Frage des Überlebens. Der Euro

ist in Gefahr. Scheitert der Euro, dann

scheitert Europa. Wenn wir Erfolg haben,

wird Europa stärker als zuvor

sein.» Wir stimmen dieser Einschätzung

nicht zu. Die Europäische Union

bestand lange vor dem Euro, und der

Euro ist für den Erfolg der EU nicht

ausschlaggebend.

Es ist grundsätzlich noch zu früh, um

ein solches Urteil abzugeben, aber es

wäre gut möglich, dass sich der Euro

kens werte an dieser Stellungnahme ist

nicht nur, dass die deutsche Regierung

darin einen geordneten Austritt aus der

Union befürwortet, sondern auch, dass

sie andeutet, dass ein solcher Austritt

auch unfreiwillig zustande kommen

könnte, wenn ein Land bestimmte Bedingungen

nicht erfülen kann. (…)

Es wäre vorstellbar, dass ein oder

mehrere hoch verschuldete Peri pherieländer

aus der EWU ausscheiden. Die

Beweggründe hinter einem solchen

Schritt könnten unserer Meinung nach

darin bestehen, dem Zwang zur Wiederherstellung

der Wettbewerbs fä higkeit

– durch den schmerzhaften Prozess

Darüber hinaus würde die Einführung

einer neuen deutschen Währung die

Staatsverschuldung reduzieren (…).

in seiner derzeitigen Zusammen setzung

als Hindernis für die Integration

erweist. Wie eingangs festgestellt,

wurde der Euro aus politischen Grün -

den und mit einer fragwürdigen wirtschaftlichen

Begründung eingefuḧrt.

Wenn sich herausstellt, dass er nicht

funktioniert, sollte die EWU keine

Skrupel haben, die Mitgliedschaft neu

zu gestalten, um sie besser an die wirtschaftliche

Realität anzupassen. (…)

Deutschland steht im Zentrum des

Euroraumes, und wenn die deutschen

Regierungsvertreter die Zukunft des

Euro offen diskutieren, so markiert dies

eine bedeutende Wende. Der Finanzminister

erläuterte vor kurzem klar die

Haltung der deutschen Regierung bezüglich

eines Austritts aus der EWU:

«… sollte ein Mitglied der Eurozone

letztlich feststellen, dass es nicht in der

Lage ist, seinen Haushalt zu konso lidieren

oder seine Wettbewerbsfä higkeit

wiederherzustellen, könnte dieses

Land im schlimmsten Fall aus der

Währungsunion ausscheiden, aber

Mitglied der EU bleiben». Das Bemereiner

fortgesetzten realen Abwer tung

durch höhere Steuern, Kürzungen der

Staatsausgaben und niedrigere Löhne

– zu entgehen. Stattdessen würden

diese Länder danach streben, die Euro -

zone zu verlassen, um ihren Wechselkurs

abzuwerten und dadurch die

Wett bewerbsfähigkeit auf rasche und

relativ schmerzlose Weise wiederherzustellen.

(…)

Eine zweite Option wäre ein Auseinanderbrechen

der EWU infolge des

Ausscheidens eines oder mehrerer der

finanzstärkeren Länder aus der Union.

Wenn der gewählte Kurs «Sparmaßnahmen

und reale Abwertung» (…)

keinen Erfolg zeitigt, könnte dies die

fiskalische Koordinierung oder Födera

tion wieder auf die Tagesordnung

bringen und ganz allgemein die Verpflichtung

der Kernländer zur Finanzie

rung der Peripherieländer erhöhen.

Aus diesem Grund könnten sich ein

oder mehrere Kernländer für einen

Aus tritt aus der Eurozone entscheiden.

Das Land, das möglicherweise unter

solchen Umständen aus der EWU aus-

scheiden würde, wäre Deutschland.

Eine neue deutsche Währung würde

gegenüber dem verbleibenden Euro

deutlich aufwerten. Das heißt, dass die

Preiswettbewerbsfähigkeit der deutschen

Exporteure stark zurückgehen

wür de. Daher würde die deutsche

Wirt schaft zunächst unter einem solchen

Schritt vermutlich stark leiden.

Längerfristig würde dies jedoch zu einer

begrüßenswerten Umorientierung

der deutschen Wirtschaft vom bisherigen

Exportfokus auf die Binnensektoren

fuḧren. Damit könnten die Deutschen,

die bisher nur wenig von der

Exportstärke ihres Landes profitiert haben,

einen höheren Anteil dessen genießen,

was sie produzieren. Darüber

hinaus würde die Einfuḧrung einer

neuen deutschen Währung die Staatsverschuldung

reduzieren, wenn alte

Verträge weiterhin auf den wohl möglich

schwächeren, aber vermutlich sta -

bileren Euro lauten würden.

Ein Ausstieg Deutschlands hätte auch

für die anderen Länder der Eurozone

Vorteile. (…) Die Bestrebungen Deutschlands

zur Verbesserung seiner externen

Preiswettbewerbsfähigkeit zwingt den

übrigen EWU-Mitgliedsländern eine

deflationäre Tendenz auf. Sie können

entweder versuchen, das deutsche Modell

nachzuahmen oder laufen

»

Gefahr, grosse Defizite in ihren

Leistungsbilanzen anzuhäufen.

Quelle: UBS Research focus,

Die Zukunft des Euro, August

2010

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Leben

COMPACT

Wie das Ausatmen der Zeit zwischen zwei Kriegen

Unterwegs im afghanischen Oxanien. Die Sonne hat jetzt am Horizont nur noch

einen orangegrauen Schimmer hinter lassen. Die Kamele traben in den nachtschwarzen

Winkel des Himmels, der Hirte hält sich an die lichteren Zonen.

Von Roger Willemsen

Der Autor mit Kindern in Afghanistan

Jetzt kommt die Nacht mit einem Schweigen nieder, das

auch die Hunde dämpft und das Blöken der Kamele wattiert,

deren Hufe auf dem federnden Boden keinen Abdruck

und keinen Laut hinterlassen. Der Neumond kommt

heraus, und Nadia sagt:

«Am ersten Tag des Neumonds in der Steppe, da küsst

man sich die Fingerspitzen und wünscht sich was.»

Wir tun es.

Am nächsten Tag erreichen wir nicht weit vor

dem Ende der Straße einen heruntergekommenen Posten,

wo ein Grenzsoldat bei einer Hütte wartet. Es ist ein Lädchen

dabei, am Geländer lehnt ein langbärtiger Verwahrloster,

vielleicht ein hängengebliebener Hippie, vielleicht

ein Sufi, oder ein Gestörter. Ringsum Kriegsschrott zwischen

den Hütten, rostiges Gerät auf den Feldern, ein blinder,

perspektivloser Flecken rund um einen Schlagbaum

mit ein paar Gestrandeten, Vergessenen.

Die Straße endet vor einem Gatter, das wir

passieren dürfen, um die Hafenanlage zu betreten, besser,

den Schrottfriedhof, der sich da ausdehnt, wo ehemals

ein aktiver Hafen gewesen sein muss. Was die Zerstörungen

des Krieges zurückgelassen haben, was aus der Gegend

an rostigem Metall eingesammelt wurde, türmt sich zwischen

Lagerhäusern, Laderampen und einer monströsen

Kran-Anlage. Über dem Brackwasser des trägen Flusses

erhebt sie sich mit der opernhaften Dramatik, die frühere

Zeiten in den ersten großen Maschinen der Industriellen

Revolution erkannten. Wie ein Bühnenbild von Visconti,

übertragen in die Welt der Maschinenpoesie, wirkt das,

wie ein erhaben seinem Verfall entgegenrostendes Sinnbild

hundertjähriger Technik. Und der Arm dieses Krans

gestikuliert so blind über den Fluss, hinüber nach Tad schikistan,

als sei er in dieser Pose erstarrt.

Der Amu-Darja ist grau von der Tonerde,

die er mitschwemmt. Er scheint sich seiner Umgebung angepasst

zu haben. Versandet sind seine Ufer, das Wasser

kommt oberflächlich behäbig, aber mit reißender Unterströmung

daher, die sich nur manchmal durch Schlieren

verrät. Vor nicht langer Zeit wollte ein Reiter auf seinem

Pferd das rettende Ufer von Tadschikistan erreichen. Sie

kämpften heroisch, sagen die Einheimischen, und ertranken

beide.

Breite Schlickstreifen bleiben liegen, wo

sich das Wasser zurückgezogen hat, durchschossen von

Prielen und brüchigen Gräben. Stromaufwärts liegt die

kleine Behelfs fähre, die nach Bedarf die Ufer wechselt.

Drüben in Transoxanien, so die Reisenden, beginne eine

andere Welt, erkennbar am Grün der Landschaft, an den

aufragenden Schornsteinen. Von russischer Seite betrieb

man hier sogar einen Raddampfer, während die Afgha-

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COMPACT

Leben

nen Segelboote nutzten, mit denen sie selbst den Aralsee

erreichen konnten.

Als wir eintreffen, hat die Fähre gerade in Tadschi -

kistan festgemacht, zwischen ein paar glanzlosen Industriehallen

und Containern, in denen sich der Geist der

afghanischen Seite fortsetzt: posthume Landschaft, Landschaft

nach dem Abzug allen Geschehens, zurückgeblieben

als Statthalter einer abwesenden Geschichte. Doch

kaum schwenkt der Blick ostwärts, ist die Steppe wieder

da, die gelbgrüne, sich in schmuckloser Weite verlaufende

Steppe.

Es bräuchte nichts, um diesen Wirrwarr aus

Dreck, Ruinen und Kriegsschrott zu beleben. Als wüsste

er das, kommt plötzlich ein Alter auf Krücken über die Hafenmauer.

Sein Kartoffelgesicht blökt witternd in den staubgrauen

Himmel. Sofort fliegen Vögel schreiend auf, schreien

Kinder gleichzeitig in der Ferne. Dann ist nichts: Nur das

Klappern eines Metallteils im Wind. Ein Luftzug trägt Stimmen

herüber, auch die Vögel, die im Kran nisten, geben

ein paar lustlose Geräusche von sich, so kratzig, dass sie

kaum mehr nach Vögeln klingen. Schritte entfernen sich

im Kies. Einer unserer Begleiter hat auf dem Schlick seinen

Gebetsteppich ausgebreitet und absolviert seine Andacht

mit nach innen gewandten Augen. Eine Feiertagsstille liegt

plötzlich über dem Ort, unwirklich, wie das Ausatmen der

Zeit zwischen zwei Kriegen.

Jetzt wandert unsere kleine Gruppe vorsich -

tig zum Wasser. Der Platz ist so verlassen und ohne Spuren,

als habe das seit Jahren niemand mehr getan. Nichts ist

schön hier, aber alles so verdichtet, als seien Steinplatten

und rostiges Gerät, Büsche und Wildkräuter, Abfall und

Hinterlassenschaften in diese ausgetüftelte Konstellation

getreten, um so vollendet fahl zu wirken.

Unter den anziehenden Unorten, die ich gese

hen habe, besitzt dieser besondere Wirkung. Geh weg,

sagt er, hier ist nichts, kehr um, sieh mich nicht, halte nichts

fest, sei nicht hier, löse dich auf. Ich tauche meine Hände

in das gelbgrau und milchig schimmernde Wasser des Flusses.

Sie greifen wie in kalt fließendes Opal, und einer wird

mir erklären, dass auf dem Grund des Flusses hellenische

und buddhistische Skulpturen liegen, die von Taliban dort

versenkt wurden, und dass Leichen hier schwammen, weshalb

das Wasser noch heute Infektionskrankheiten auslösen

könne.

Die Kaimauer ist von gelben Flechten üppig bewachsen.

Ein Ponton liegt im Wasser, aber angesteuert wurde er vielleicht

seit Jahren nicht. Nur ein blauer Plastikstuhl ist stehen

geblieben, mit Blickrichtung zur jenseitigen Steppe.

Man dreht sich um, und gleich darauf will man schon sagen:

Ich habe mir diesen Ort nur eingebildet.

Eine spitzwinklige Formation Zugvögel wechselt in

diesem Augenblick ihre Ordnung über dem Fluss. Demnächst

soll hier eine Brücke gebaut werden. Nur afgha nische

und russische Soldaten haben sich vehement

dagegen aufgelehnt, der alten Feindschaft wegen, aber

auch weil sie so gut wie die Ordnungskräfte wissen, dass

diese Brücke niemandem so gelegen kommt wie den

Drogenschmugglern.

Und wer blickt nicht nach dort, wo flussabwärts

noch karge Goldvorkommen die Wäscher anziehen

oder wo das Rohopium verarbeitet wird, das allein durch

die Überquerung des Flusses ein Mehrfaches seines Wertes

gewinnt? Dreitausend Dollar kostet ein Kilo auf dieser, der

afghanischen Seite des Amu-Darja, zehntausend auf der

dort drüben, die kaum fünfhundert Meter entfernt liegt,

und niemand soll glauben, Tadschiken und Afghanen

machten diesen Handel unter sich aus.

Einer der Einflussreichsten hier ist amerikanischer Staatsbürger.

Genaueres will keiner wissen oder sagen. Nur seinen

Spitznamen geben zwei Einheimische preis: «der weiße

Ibrahim». Einer der Afghanen, die sich uns angeschlossen

haben, erzählt mir von einem deutschen Diplomaten, der

in seinem Gepäck unentdeckt siebzehn Kilogramm Opium

schmuggelte, besprüht mit einem bestimmten, den Drogenhunden

unerträglichen Parfüm.

«Woher wissen Sie das?»

«Weil ich der Verkäufer war.»

Auf der Rückseite der Landschaft angekommen,

folgen wir ihrem Imperativ und wenden uns ab,

drehen uns um, machen kehrt. Es ist ein vielfaches Wegwenden

von einer Landschaft, die endet, die einen Strich

zieht mit dem Namen Amu-Darja. Es empfängt uns die

Steppe in all ihrer Pracht der Verödung.

Die Nacht macht sich breit. Ist das jetzt die stillste Stille?

Sie wirkt, als habe jemand eine Glasglocke von der Steppe

genommen und eine Sphäre eingelassen, die von oben

kommt und noch viel weiträumiger und feierlicher still ist.

Reine Atmosphäre mischt sich in das Schweigen. Etwas

schwingt hinein wie atemlose Erwartung. In den nach oben

geöffneten Schweigeraum dringt nun von unten ein einzelnes,

sehr fernes Hundebellen, das nur angestimmt wird,

um das Schweigen fühlbarer zu machen.

Das Schweigen der Steppe: Wenn man in der

Ferne ein Geräusch hört, ist man bei diesem Geräusch, also

in der Ferne. Steht die Steppe aber still, ist man nur noch

beim eigenen Atem, bei den eigenen Schritten. Also ist man

ganz bei sich. Dort ist man selten.

aus: Die Enden der Welt, Der Amu-Darja. An der

Grenze zu Transoxanien, Fischer Verlag,

gebundene Ausgabe und Hörbuch

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Leben

COMPACT

Gefährliche 8

Motorisierte Geheimgesellschaften: Unterwegs in märkisch Sibirien,

wo Antifanten immer noch Jagd auf braune Yetis machen.

Von Gerd Schulze-Meyer

Autofahrer sind ein gesellschaftlicher Problemfall. Nach Erkenntnissen

von Soziologen, Politologen und anderen Studienabbrechern

gibt es unter ihnen ein klandestines Netz

von Wiedergängern eines Postkartenmalers aus Braunau,

der später als Diktator und Massenmörder berühmt wurde.

Demnach grüßen sich Autofahrer untereinan -

der mit «Heil Hitler» oder «Adolf Hitler», ohne dass andere

davon Kenntnis erlangen. In der kleinen Welt der Antifanten

stehen dabei die 1 für den ersten Buchstaben des

Alphabets, also A, und die 8 für den achten, also H. In

Brandenburg sind daher bereits unter der früheren Großen

Koalition Autokennzeichen mit den Buchstaben- und Zahlenkombinationen

AH 18 und HH 88 verboten worden.

Nachdem aber vor einem Jahr eine rot-rote Koalition ans

Ruder gekommen war, musste beim antifaschistischen

Kampf auf den Kfz-Zulassungsstellen noch ein Zacken zugelegt

werden.

Eine Herausforderung für Brandenburgs Verkehrs -

minister Jörg Vogelsänger (SPD) – aber er löste die Aufgabe

brillant: Nun sind auch die Zahlenkombinationen 8888,

1888, 8818, 888 und 188 für Nummernschilder gesperrt.

Aber wird das ausreichend sein, um dem Glatzenun wesen

in den Neuen Bundesländern beizukommen?

Was ist mit dem Buchstaben G (Göring, Göbbels) und

der Zahl 7?

Und wird den Brandenburgern aus dem übrigen

Bundesgebiet nun endlich Unterstützung zuteil? Die

Augsburger (A), die Hannoveraner (H), die Hamburger

(HH) und Hagener (HA) können jetzt nicht mehr wegschauen!

Auch die Mathematiklehrer stehen in der Verantwortung:

Können wir es uns leisten mit solch problematischen

Zahlen wie 1 und 8 zu rechnen? Was wird das Ausland

sagen, wenn wir nicht schnell handeln?

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COMPACT

Leben

Über die zweitälteste

Form der menschlichen

Kommunikation und

ihre Feinde.

Lungenküsse

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Leben

COMPACT

Von Walter Wippersberg (Text) und

Simone von Maiwald (Fotos)

Was wäre der Welt alles erspart geblieben, hätte

Adolf Hitler das Rauchen nicht aufgegeben! In seiner

Jugend hat er 40 Zigaretten am Tag geraucht,

dann aber, im Jahr 1919, machte er Schluss damit und warf

sein letztes Packl Zigaretten in die Donau. Nur so, schwadronierte

er später in einem seiner «Tisch gespräche», habe

er zum Reichskanzler aufsteigen und die «Wiedergeburt

Deutschlands» einleiten können. Im Rauchen sah er nun

ein Laster der «minderen Rassen» – und die Rache des roten

Mannes dafür, dass ihm der weiße Mann den Schnaps

gebracht und ihn damit zugrunde gerichtet hätte. Am liebs

ten hätte er allen deutschen Volksgenossen das Rauchen

verboten, auch den deutschen Soldaten. Diese aber wollte

er dann lieber doch bei Laune halten, sollten sie halt bis

zum «Endsieg» weiter rauchen, danach aber musste Schluss

sein damit. Spät erkannte er, dass diese Nachgiebigkeit ein

großer Fehler gewesen war. Denn Studien belegten, wie

sehr Tabak die Kampfkraft der deutschen Soldaten

schwäch te, ihr Durchhaltevermögen beim Marschieren und

sogar ihre Fähigkeit, geradeaus zu schießen.

Dass Hitler mit dem Rauchen aufgehört hat, war also

ganz schlecht für die Welt, dass er aber seinen Kampf gegen

die Raucher nicht konsequent genug geführt hat, das war

gut für die Welt, denn sonst wären wohl die deutschen

Soldaten noch ausdauernder marschiert und hätten noch

treffsicherer geschossen und so vermutlich dem Führer die

Weltherrschaft erobert.

Der Krieg gegen die Raucher, so wie er jetzt geführt wird,

hat in Amerika begonnen, und ebendort sind auch sonst

allerhand Wahnideen beheimatet: Man könne sich ohne

einen Dollar eigenes Geld ein Haus kaufen; das Tragen von

Schusswaffen mache eigentlich erst den rechten Mann aus;

auch im 21. Jahrhundert können Recht und Ordnung ohne

Todesstrafe nicht durchgesetzt werden und dies sei mit

den Menschenrechten vereinbar. Solchen Gedanken will

kaum ein europäischer Politiker nahe treten, in den Kampf

gegen die Raucher aber lassen sich fast alle einspannen.

Warum eigentlich?

Da ist ein regelrechter kultureller Paradigmenwechsel

zu beobachten. Rauchen war einmal ganz selbstverständlicher

Teil unserer Alltagskultur, Rauchen galt zeitweise

sogar als mondän. Fotos rauchender Frauen wurden zu

Symbolbildern der beginnenden Emanzipation. Abbildungen

rauchender Menschen wurden zu Ikonen. Glamour

des Rauchens: Humphrey Bogart und Lauren Bacall.

Jean-Paul Belmondo in Ausser Atem: Der rauchende Rebell.

Jean-Paul Sartre: Der kettenrauchende Intellektuelle … Von

ihm gibt es übrigens offenbar kein brauchbares Foto ohne

Zigarette oder Pfeife. Als vor einigen Jahren in der Pariser

Nationalbibliothek eine große Ausstellung zu seinem

hundertsten Geburtstag ausgerichtet wurde, da hat man

– political correctness bis hin zur Fälschung – aus einem

berühmten Sartre-Foto von Boris Lipnitzki die Zigarette einfach

wegretuschiert.

Ausgerechnet in den Wirtshäusern, die, seit in Europa

geraucht wird, eng mit dem Tabakkonsum verbunden sind,

soll nicht mehr geraucht werden dürfen! Seit im späten 16.

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COMPACT

Leben

Jahrhundert in England das Rauchen durch Sir Walter

Raleigh zuerst in adeligen Kreisen und durch Heimkehrer

aus der Kolonie Virginia auch in bürgerlichen Schichten

populär wurde, traf man sich zum Tabakgenuss vor allen

in Wein- und Bierhäusern. Mit gutem Grund: Die Wirtshäuser

dienen der Geselligkeit, und Raucher waren und

sind gesellige Menschen. Wo man sich vorher schon getroffen

hat, um gemeinsam zu trinken, dort hat man nun

auch gemeinsam geraucht. Das ist kein Zufall. Die Genuss -

mittel Alkohol und Tabak passen nämlich gut zusammen

und ergänzen eins das andere auf eine für viele recht

genuss reiche Art; das gleiche gilt für die Genussmittel

Kaffee und Tabak. Natürlich könnte man sagen, jeder soll,

was er genießen will, für sich allein genießen, zu Hause im

sprichwörtlichen Kämmerlein, aber warum eigentlich?

Auß erdem ist das asozial gedacht.

Es gibt (auch wenn sich das etymologisch vielleicht gar

nicht beweisen lässt) eine enge Verbindung zwischen «genie

ßen» und «Genossenschaft». Nicht alle, aber bestimmte

Dinge genießt man am liebsten in Gesellschaft. Deshalb

gehören in unserer Kultur das Wirts- und das Kaffeehaus

und das Rauchen untrennbar zusammen. Und das versteht

nur der nicht, dem Genuss und Lebenslust grundsätzlich

suspekt sind, der bei Alkohol nur an Leberzirrhose und

Delirium tremens zu denken vermag, bei Tabak nur an

Lungenkrebs und Herzinfarkt, bei Kaffee nur an hohen

Blutdruck und Herzflattern.

Manche Völker haben sich, erstaunlich genug, das Rauchen

in den Lokalen einfach verbieten lassen. Bei den Iren

und bei den Italienern hat mich das sehr gewundert. Die

Iren haben in ihrer Geschichte aus geringfügigeren Gründen

Volksaufstände angezettelt, und die Italiener haben,

als man es ihnen noch erlaubt hatte, buchstäblich überall

geraucht, sogar im Kino. Und so ungeniert wie nirgends

sonst. Als ich vor Jahrzehnten einmal in einer italienischen

Bar nach einem Aschenbecher gefragt habe, da hat man

mir mit einer weit ausholenden Geste geantwortet, die

bedeuten mochte: Ist auf dem Fussboden nicht Platz genug?

Den Nichtraucher-Aktivisten ist es gelungen, dass man

das Phänomen des Tabakkonsums heute – was für eine

barbarische Sichtweise! – fast nur noch vom gesundheit lichen

Standpunkt aus beurteilt. Das ist so kulturlos, als inter -

essierte beim Essen nur der Fettgehalt der verzehrten

Speisen und bei Wein oder anderen «geistigen» Getränken

nur deren Alkoholgehalt. Tabak (von seinen Gegnern als

schweres Nervengift denunziert) stimuliert, regt das Denken

und die Phantasie an. Viele Künstler und Wissenschaftler

haben von diesem Angebot (wie von anderen

Stimulanzien auch) Gebrauch gemacht und tun es noch.

Sieht man genauer hin, dann verdanken wir – wenigstens

indirekt – einen gar nicht so kleinen Teil unserer Kultur

dem Rauchen und den Rauchern.

Walter Wippersberg (1945) ist Schriftsteller,

Regisseur und Universitätsprofessor an der

Wiener Filmakademie. Der Text ist seinem neuen

Buch Der Krieg gegen die Raucher. Zur Kuturgeschichte

der Rauchverbote (Promedia Verlag,

Wien) entlehnt. Simone von Maiwald (1984) ist

Bildbearbeiterin und lebt, fotografiert und

raucht in Leipzig.

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Leben

COMPACT

Der Klassiker auf dem Divan

Gibt es besondere Stätten, auf die sich ein Volk

in einer Identitätskrise rückbesinnen kann? Wenn ja, dann drängt sich

Weimar auch heute als die Kulturwerkstatt der Nation auf.

Von Andreas Rieger

Noch immer zieht die Stadt hunderttausende Besucher

aus Ost und West und aus aller Welt in ihren

Bann. Aber auch viele junge Studenten, die die

Bauhaus-Universität oder die Hochschule für Musik Franz

Liszt besuchen, prägen das Stadtbild. Auf nur weni gen

Quadratkilometern finden sich Bibliothek, National theater,

Schloss, Museen und die Privathäuser der wichtigsten

Repräsentanten der deutschen Klassik.

In Thüringen, zwischen dem Wissenschaftsstandort

Jena und der thüringischen Hauptstadt Erfurt gelegen, hat

die schöne, aber arme Kulturmetropole wenig zum Brutto

sozialprodukt beizutragen, fasziniert aber bis heute als

Schicksalsort deutscher Geschichte. Obwohl im Krieg stark

zerstört, sind spätestens seit der Ernennung zur Kulturhauptstadt

Europas beinahe alle wichtigen Baudenkmäler

renoviert. Goethe- und Schillerhaus sind aufwendig neu

gestaltet und der berühmte Ilmpark scheint sich jeder

Jahreszeit immer wieder neu anzupassen.

Auch wenn das Städtchen heute ein wenig den Charme

eines Freiluftmuseums verströmt, ist es noch immer der

faszinierende Anknüpfungspunkt an das Auf und Ab deutscher

Geschichte.

Hier am Flüßchen Ilm herrschte die deutsche Klassik und

wurde die Weimarer Republik tituliert. Ideologen und Ideologien

hielten in der Stadt Einzug und – auf einer Anhöhe

über dem scheinbaren Idyll gelegen – erinnert das ehemalige

Konzentrationslager Buchenwald an die Schrekkenszeit

des Nationalsozialismus. An gleichem Ort, wo

später das furchtbare Lager entstand, hatte 1827 Goethe

noch nichts ahnend Eckermann auf einem Ausflug «hier

fühlt man sich groß und frei« zugerufen.

Natürlich ist es aber das «goldene Zeitalter», das nachhal

tig das Bild der Weimarer Klassik bestimmt. Die seltene

Symbiose von Geist und Macht bestimmt den Mythos

dieser Zeit. Während der Regentschaft der Herzogin Anna

Amalia und unter ihrem Sohn Carl August, am Ende des 18.

und Beginn des 19. Jahrhunderts, waren geistige Größen

wie Wieland, Goethe, Herder und Schiller in dem kleinen

Städtchen mit weniger als zehntausend Einwohnern anwesend.

Vor allem das Universalgenie Goethe mischte sich

auch als Minister kräftig in die Tagespolitik des kleinen

Fürstentums ein. Die politischen Nachbeben der Französischen

Revolution beschäftigte auch am Fürs tensitz Vereh

rer und Gegner gleichermaßen. Carl August selbst galt

allerdings als tolerant und aufgeklärt und gab dem Kleinstaat

als erster deutscher Monarch 1817 eine Verfassung.

Es sind die Jahrhundertgestalten, Goethe und

Schiller, die das Bild Weimars in der Welt bis heute entscheidend

ausmachen. Hier entstand die berühmte Freundschaft

der beiden Genies, in der Nachbarschaft von Dichten

und Denken. In Weimar pflegten die Größen ihrer Zeit ihre

«Debatte» über die anstehenden Jahrhundertfragen, und

ihre hintergründigen Theaterstücke konnten jederzeit

Revolten und Aufruhr auslösen. Beeindruckend ist das

überlieferte Niveau des Gesprächs bis hin zur sensiblen

Ausgestaltung strittiger Fragen. In ihren Werken und Gesprä

chen spiegeln sich die Fragen nach der Bedeutsamkeit

der nationalen Zugehörigkeit, nach dem Weg des Säku la-

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COMPACT

Leben

rismus oder nach der Bewahrung der persönlichen Freiheit

des Individuums.

Kurios mutet dagegen der brachiale Versuch der moder -

nen Ideologen an, die beiden deutschen Vorzeigedichter

für sich zu vereinnahmen. Insbesondere die National sozialisten

pflegten einen schäbigen Kult um die Dichterstadt,

oft genug im eklatanten Widerspruch mit den

eigentlichen Überzeugungen der «Klassik». Im Jahre 1932

hielt Thomas Mann in Weimar einen Vortrag, der anschließend

im Völkischen Beobachter verrissen wurde. Mann lobte

ausdrücklich den deutschen Weltbürger Goethe, der sich

gegenüber jedem Nationalismus, so Mann, «kalt bis zur

Verachtung verhalten habe».

Einige Jahre später wurden Goethe und Schiller dennoch

von den Nazis skrupellos als «geistige Führer» vereinnahmt

und reduziert.

Die Narben dieser Zeit sind bis heute sichtbar.

Bei einem Rundgang durch die Stadt ist es das so genannte

Gauforum, zwischen Bahnhof und Innenstadt gelegen, das

«Als der berühmte Schriftsteller und Naturforscher

Johann Wolfgang von Goethe am 22.

März 1832 im Sterben lag, malte er ‘mit dem

Zeigefinger Zeichen in die Luft’, wie ein Biograf

festhält. Die Umstehenden deuteten sie als ein

‘W’, den Anfangsbuchstaben seines zweiten

Vornamens. Doch manche Muslime glauben,

dass Goethe – dahindämmernd und zu schwach

zum Sprechen – das arabische Zeichen für

Allah schrieb. Die Wahrheit ist wohl nicht mehr

zu ermitteln. Aber 175 Jahre nach Goethes

Tod wird allmählich klar, wie eng sich Deutschlands

größter Dichter dem Orient und dem

Islam verbunden fühlte.»

(von der Webseite des

deutschen Außenministeriums)

wie ein unheimlicher Fremdkörper das eigentliche Maß

der Stadt zerstört und neben dem Hotel Elephant am Marktplatz,

in dem Hitler ein und aus ging, das zweite Symbol

des politischen Einflusses der Nazi-Schergen in Weimar

ist. Im Angesicht der Machenschaften im Weimar jener Tage

liest sich Goethes geschichtliche Einsicht vielsagend, dass

«alle im Rückschreiten und in der Auflösung begriffenen

Epochen subjektiv sind, dagegen alle fortschreitenden

Epochen eine objektive Richtung haben».

Eignet sich aber das Weimar Goethes und Schillers, neben

der Tatsache, ein beliebtes und klassisches Ausflugsziel für

Schulklassen zu sein, auch heute noch als Bezugspunkt

unserer aktuellen Debatten? Zweifellos finden sich in

Weimar für jeden nachdenklichen Menschen zahllose

Anknüpfungspunkte. Denkt man an die zwei großen

Diskus sionen dieses Jahres, den Streit um die Ursachen der

Finanzkrise und die Mängel der Integration im Lande, dann

stiften die Weimarer Dichter durchaus noch «heißen»

Gesprächsstoff.

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Leben

COMPACT

Goethe, beispielsweise, der nach eigenen Worten

immerhin den Verdacht nicht ablehnte, «selbst ein Muselmann

zu sein», hatte trotz des extrem negativen Islambilds

zu seiner Zeit seine Seelenverwandtschaft zum Islam und

seinem Propheten entdeckt. Der aus seiner Sympathie

resultierende gesellschaftliche Skandal bekümmerte den

Dichterfürsten wenig. Amüsiert beobachtete Goethe das

Getu schel am Hofe, wenn er versuchte, den Koran zu entziffern.

Auch in Sachen Islam blieb der Dichter letztlich

seiner wissenschaftlichen Maxime treu, dass man eine Sache

lieben muss, um sie ganz zu verstehen. Goethe verfügte

übri gens schon zu Lebzeiten – in seinen Verfügungen be -

züg lich seiner Grabstätte – die Verbannung aller christlichen

Symbolik. Die christliche Trinitätslehre vertrug sich

nicht mit dem ganzheitlichen Denkansatz des Meisters

.

Zu den Kennern dieser spannenden Ost-West

Materie gehört neben der Autorin des bekannten Buches

Goethe und der Islam, Katharina Mommsen, auch Manfred

Weimar: Blick auf das so genannte Gauforum

Osten, ehemaliger Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Osten referiert im mer wieder über Goethes

West-Östlicher Divan und sein ungewöhnlich offenes

Islambild.

Osten bedauert dabei den vergeblichen Ver such Goethes,

«die euro zentristische Beleh rungsgesellschaft wieder in

Rich tung der Lerngesellschaft zu transformieren». Diese

Lern gesellschaft habe es, so Osten, leider nur um das 12.

Jahrhundert in Europa gegeben, als viele Grundlagen der

Wissenschaft und Philo sophie aus der islamischen Welt

nach Europa gelangten und muslimische Gelehrsamkeit

als Quelle der Inspiration galt.

Der West-Östliche Divan ist im Grunde eine

fesselnde Dialog strategie, um auch künftig zwischen Ost

und West auf dem eurasischen Kontinent zu vermitteln.

Osten wies darauf hin, dass das persische Wort Divan eine

«Versamm lung weiser Männer» bezeichne und für Menschen

in der islamischen Welt positiver besetzt sei als der

als «Streit ge spräch» verstandene Begriff «Dialog». Die kalte

Aus übung von Toleranz war für Goethe sowieso nicht gut

genug. Den Toleranzbegriff habe er vielmehr mit den Worten

«dul den heißt beleidigen» kritisiert, da echte Toleranz

in Aner kennung und Respekt übergehen müsse. Im Divan

habe Goethe jedenfalls, so Osten resümierend, die Summe

seiner tiefen Beschäftigung mit dem Islam gezogen.

In Goethes Konservativismus

wird heute eine Art

visionäre Zeitkritik gesehen,

die durchaus bis in das

heutige Internetzeitalter

nachklingt. Goethe hatte

sich, angesichts der neuen

bahnbrechenden Tech nologien,

für eine Entschleunigung

interessiert, die im

Gegensatz zur «ve lo zife ri -

schen Kultur» des Wes tens

stehen könne, in der Goethe

eine «Geschwin dig keit, die

des Teufels ist» sieht. Goethe

fürchtete an der sich im

rastlosen Aufbruch befindenden

west lichen Welt, sie könnte eine «gedächtnislose

Gesellschaft» werden, die durch Aufklärung, Reformation

und französische Revolution ihre Wurzeln vergisst und am

Ende sogar zerstört.

Im zweiten Teil des Faust verknüpft der

Wirtschaftsminister Goethe bekanntermaßen seine Zweifel

an den Möglichkeiten ewigen Fortschritts mit einer harschen,

ökonomischen Kritik an der illusionären Natur des

Papier geldes. Hier eröffnet sich der zweite große Beitrag

Goethes für die aktuelle Debatte, den das deutsche Bil dungsbürgertum

im Grunde jahrzehntelang übersehen hat. In

seinem Hauptwerk geht es um nichts Anderes, als das

Dogma der Moderne – das ökonomische Wachstum als

Maßstab für die dauerhafte Entwicklung der Menschheit –

zu entschlüsseln.

Die Loslösung des Geldes von eigentlichen

Werten eröffnet eine atemberaubende Dynamik, die schon

den alten Goethe tief beunruhigt. Der St. Galler Ökonom

Hans Christoph Binswanger widmet diesem Thema ein

brillantes Buch mit dem bezeichnenden Titel Geld und Magie.

Für den Wirtschaftsphilosophen Binswanger ist der Faust

mit seinen Beschreibungen über die Erfindungen der Notenbankpresse

sogar ein Lehrbuch der Volkswirtschaft und

«von einer kaum fassbaren» Aktualität. Spätestens bei diesen

Fragen blitzt das Genie Goethes wieder auf und damit

die alte Faszination Weimars.

Andreas Rieger ist Rechtsanwalt, Publizist und

Herausgeber der monatlich erscheinenden

Islamischen Zeitung. Er ist Autor des im Spohr

Verlag erschienenden Buches Islam in Deutschland

– Politische Notizen. Ein Tagebuch.

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COMPACT

Leben

Von der Lust, katholisch zu sein

Meine Lust, mitten in dieser Welt und mitten in dieser Kirche katholisch zu sein,

steigt fast täglich. Als aufgeklärter Mensch? Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts?

Bei diesem Papst? Mit dieser Sexualmoral? Vielleicht bin ich ja verrückt.

Von Martin Lohmann

«Bist Du wirklich immer noch gerne katholisch? Gilt das

nach all den Skandalen auch heute – dass es eine Lust ist,

katholisch zu sein?» Man kennt diesen von sorgenvollem

Mitleid getragenen Ton. Geht das überhaupt?

Es geht! Und wie! Gut, ich habe Jesus Christus gewiss

nicht immer maßstabsgerecht verstanden, fühlte mich auch

schon von ihm verlassen oder habe mit ihm gehadert. Aber

irgend wann habe ich dann doch wieder begriffen – und

im Glauben «gesehen», dass er treu ist, dass er gut ist und

dass er immer zuverlässig ist. Er ist Gottes Sohn, der der

beste Grund ist und bleibt, in dieser auf ihn gegründeten

Heilsgemeinschaft zu sein. Gottes Sohn und Gott. Gott aber

macht keine Fehler. Fehler machen wir. Nicht aber Gott.

Seit meinem Bekenntnis in dem Buch Von der Lust,

katholisch zu sein vor Jahrzehnten habe ich zwar viel erlebt,

hat sich auch viel getan in unserer Kirche. Und, ehrlich

gesagt, auch ich kenne tatsächlich viele Enttäuschungen

innerhalb der Kirche, bin selbst schon enttäuscht worden

und habe wohl auch schon andere enttäuscht. Als Christ.

Als Katholik. Aber ich weiß, dass Menschen nicht unfehlbar

sind. Sie sündigen. Und leben von der Vergebung. Die

brauche auch ich, und die muss auch ich immer wieder

gewähren.

Um es ganz deutlich zu sagen: Die so genannte «political

correctness» ist nicht meine Richtschnur. Mich interessiert

viel mehr, was wahr und richtig ist. Denn pc ist nicht

selten eine reichlich hirnlose Ergebenheit in einen Mainstream,

der nicht unbedingt richtig ist. Und das geht ohne

hin immer mehr Leuten tierisch auf den Zeiger. Gut so.

Hinzu kommt, dass wohl etwas dran ist an der Warnung,

die ein gewisser Joseph Kardinal Ratzinger in seiner letzten

Predigt als Kardinal, bevor er vom Purpurrot zum Papstweiß

wechselte, ausgesprochen hat. Ich war damals im

Petersdom dabei und werde nicht vergessen, wie er vor

einer Diktatur der Relativismus warnte und das süße Gift

der Verführung beschrieb, mit dem diese – ich ergänze –

sexualisierte Diktatur des Relativismus anscheinend so

wohlschmeckend ist.

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Leben

COMPACT

Es mag also für manche pc sein, der Kirche ihre Fehler

vorzuhalten und gerade nach den vielen schrecklichen und

wahrlich widerlichen Missbrauchsfällen am so genannten

System Kirche insgesamt Zweifel anzubringen. Die

Sexualmoral sei schuld, oder gar der Zölibat. Das mag passen

und bestimmte Klischees bestätigen, ist und bleibt aber

falsch. Schuld sind und bleiben diejenigen, die etwa eindeutig

gegen die Sexuallehre der Kirche, die von Respekt

und Kostbarkeit ausgeht, verstoßen haben. Die, die schwer

gesündigt haben, bestätigen ihre eigene Sündhaftigkeit,

nicht aber, dass die Lehre der Kirche falsch sei oder gar der

Zölibat, den man ohnehin missversteht, wenn man ihn ausschließlich

auf eine Frage der gelebten Sexualität reduziert.

Und überhaupt: Es besteht kein Grund, wegen einzelner

Typen aus der Kirche auszutreten. In der bin ich vor allem

wegen Jesus Christus, weil es Seine Kirche ist. Dieser aber,

das kann ich nach mehr als einem halben Jahrhundert Erdenleben

sagen, hat mich noch nie enttäuscht, hat mich

noch nie belogen oder war noch nie unglaubwürdig.

Mutter Teresa, eine von mir sehr verehrte Heilige, soll einmal

auf die Frage, was sich in der Kirche ändern müsse,

geantwortet haben: Sie und ich. Und so will auch ich meinen

bescheidenen Teil zur ecclesia semper reformanda beitragen.

Wohl wissend, dass ich hinter meinen eigenen

Ansprüchen immer wieder zurückbleibe. Aber deswegen

resignieren? Niemals. Doch in den – nach einer kurzen

Phase des Wir-sind-Papst wiedererwachten – Chor der

deutschen Weltmeister im Selbstmitleid will ich mich nicht

einreihen. Die Mentalität der ständigen Exkulpation, nach

dem Motto: «Ja, ja, verzeihen Sie mir, ich bin tatsächlich

katholisch, aber es soll nicht wieder vorkommen», liegt mir

nicht. Ich will anstecken, will meine Freude am Glauben

teilen, ohne die Sorgen und Nöte, die auch ich hatte und

habe, zu verschweigen.

Mir ist unbegreiflich, warum sich so viele Katholiken

duc ken, wenn in unserer Gesellschaft unter dem Deckmantel

der Kritik gegen die Kirche geschossen wird. Mit

Freude ist festzustellen, dass vor allem junge Christen dieses

Spiel nicht mehr mitspielen wollen. Immerhin scheinen

sie wieder oder noch zu ahnen, dass die römische

Weltkirche die einzige greifbare Einrichtung ist, die sich

zu einer langen Geschichte bekennt und ihre Tradition

durch die Jahrhunderte hindurch bis zum heutigen Tag in

die moderne Welt trägt – und eine wunderbare menschengerechte

Botschaft treuhänderisch weiterzugeben hat.

Die Kirche ist also hierzulande die einzige Institution, die

ununterbrochen seit 2.000 Jahren das Leben der Menschen

entscheidend geprägt hat und auch heute noch beansprucht,

dieses Leben mit gestalten zu wollen.

Von der Lust, katholisch zu sein, sollte ich

damals auf Bitten von Michael Müller, dem Herausgeber,

etwas schreiben. Lust? Im Lexikon finde ich die verwandten

Begriffe: Freude, Vergnügen, Entzücken, Seligkeit, Wollust.

Genuss. Lust wird vielfach – so verklemmt ist halt unsere

Gesellschaft heute – nur noch auf den Bereich des Sexuellen

bezogen. Dabei bedeutet Lust sinnliches Erleben insgesamt,

also auch des Geistes und der Seele. Man kann also

auch Lust an der Transzendenz empfinden, Lust an der

Erkenntnis, in einer von Gott gestifteten Gemeinschaft

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COMPACT

Leben

Der Autor in der Begegnung mit Papst Benedikt XVI.

Heimat zu haben. Das klingt fast schon esoterisch. Ist es

aber nicht. Was ich mit dieser Lust, oder sagen wir besser:

Freude am Katholischsein verbinde, lässt sich gar nicht so

einfach in Worte fassen. Vielleicht helfen Begebenheiten.

Zum gelebten Glauben gehört für mich das Verwurzeltsein

in einer Pfarrei, die Treue zur sonntäglichen

Messfeier, das selbstverständliche Tischgebet und das regelmäßige

persönliche Gebet. Aufgesetztes Verhalten mag

ich nicht. Selbstverständliches Zeugnis dafür umso mehr.

Ich leugne nicht, dass es mir auch schon einmal schwer

gefallen ist, in einer öffentlichen Gaststätte vor dem Essen

ein Kreuzzeichen zu machen. Aber bereut habe ich dieses

Minimalbekenntnis noch nicht. Und ich freue mich auch,

dass das gemeinsame Tischgebet bei uns seinen Platz hat

und nicht von Grundsatzdiskussionen bedroht ist. Ich weiß

mich glücklich mit einer Frau, mit der ich den Glauben zu

Hause und in der Kirche ganz natürlich praktizieren kann.

Und wir beide sind froh, gute Freunde zu haben, denen

die Liebe zu Gott in seiner Kirche ebenfalls etwas wert ist.

Überhaupt lieben wir eine großzügige Kultur des

Feierns. Auch, weil Großzügigkeit das Herz weitet und

nichts mit Verschwendung gemein hat. Auch hat Großzü -

gigkeit, wenn ich es recht überlege, viel mit meinem katho

lischen Glauben zu tun. Nicht nur Geburtstage sind

Festtage, sondern auch Namenstage, also die Gedenktage

unserer Namenspatrone. Vom Hochzeitstag und von unse

rer Verlobung ganz zu schweigen. Der Bezug zu einem

Heiligen ist mir wichtig. Auf meinen Namenspatron, den

heiligen Martin von Tours, bin ich stolz. Er muss sich hin

und wieder gefallen lassen, von mir um Fürsprache gebe

ten zu werden. Aber nicht nur er, sondern auch andere

Wahlheilige: Caterina von Siena, Johannes, Petrus, Maria,

Philipp Neri, Ignatius von Loyola, Thomas Morus – und den

zu Lebzeiten begegneten Heiligen Johannes Paul II. Und

Mutter Teresa. Und viele andere.

Vielleicht gehört für mich deshalb die Bitte um den

Heiligen Geist zu den wertvollsten Gebetsformen, die ich

von meiner Kirche gelernt habe. Mir scheint, dass diese

häufig vernachlässigte dritte Person Gottes uns viel von

dem geben könnte, was ich einmal mit «heiliger Unruhe»

bezeichnen möchte. Und wenn wir mehr auf Ihn, der der

ganzen Kirche ja zugesichert ist, vertrauten, würden

manche Relationen in unseren Debatten wieder stimmen.

Komm Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen

und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe – das ist

doch kein hohles Gerede!

Warum bin ich heute gerne katholisch? Bringt mir das

etwas? Ich bin katholisch, weil ich glaube, dass Jesus Chris -

tus diese seine Kirche gestiftet hat und – trotz allem – in

ihr lebt. Ich bin katholisch, weil ich in der Kirche mehr sehe

als nur eine Institution oder einen Verein. Würde ich nur

diese Seite meiner Kirche sehen, und wäre ich auf mich

allein und die anderen angewiesen, müsste ich verzweifeln.

Denn die anderen scheinen dem Anspruch häufig

ebenso wenig gerecht zu werden wie ich selber. Aber zum

Glück hat Gott seine Kirche so konstruiert, dass sie nicht

nur auf Menschen angewiesen ist, auch wenn das bis weilen

so scheint und viele Christen heute vergessen haben, dass

es auch eine himmlische Seite derselben Kirche gibt. Und

da kommt es nicht nur auf menschliches Machen an – was

übrigens auch für die «irdische Seite» unserer Kirche gilt.

Warum verdrängen wir so schnell, dass uns der Beistand

des Heiligen Geistes zugesichert ist? Auch bin ich katholisch,

weil ich den geistigen Reichtum, die Gebete und

Gebetsformen, die mir meine Kirche aus 20 Jahrhunderten

anbietet, schätze. Und ich bin katholisch, weil ich in dieser

Kirche erfahre, aus welcher Quelle sich der Lebenssinn

speist.

«Gott lieben heißt, sich zu Gott auf die Reise machen.

Und diese Reise ist schön.» (Johannes Paul I.). Warum bin

ich katholisch? Sicher auch, weil mir meine Kirche auf

dieser Reise eine unterhaltsame und faszinierende Reisegesellschaft

bietet. Auf jeden Fall wird es mit ihr nie langweilig,

weil vieles so menschlich zugeht.

Prüfungen gibt es im Leben immer wieder. Ich weiß es.

Ob ich die bisherigen einigermaßen ordentlich bestanden

habe, mag ein anderer beurteilen. Wann die letzte Prüfung

kommt, weiß ich nicht. Aber ich habe einen Wunsch für

diese endgültige Seelenkontrolle: dass ich sie mit Treue

überstehe. Wenn es mir gelingt, einmal so zu sterben, wie

ich es für gut halte, dann, so hoffe ich, wird sich meine Lust,

katholisch zu sein, erfüllt haben. Auf die Frage, wie ich

sterben möchte, würde ich antworten: Im Frieden mit Gott.

Darauf kommt es an. Und dabei wünsche ich mir viel Hilfe

von meiner Kirche.

Martin Lohmann war Chefredakteur der Rhein-Zeitung und stellv. Chefredakteur

des Rheinischen Merkur. Seit 2009 ist er Vorsitzender des Bundesverbandes

Lebensrecht (BVL) und hat im selben Jahr den Arbeitskreis Engagierter

Katholiken (AEK) in der CDU gegründet. Lohmann ist Verlagsleiter der J.P.

Bachem Medien GmbH in Köln. Der vorliegende Beitrag greift auf einen Text

aus dem Buch Von der Lust, katholisch zu sein (MM-Verlag Aachen, 1993)

zurück. Eine Übersicht über die zahlreichen Bücher des katholischen Publizis

ten findet sich auf www.lohmannmedia.de/martin-lohmann

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Leben

COMPACT

Für die Statistik

Dieses Mal ging es gleich ins Gesicht. Eine Faust-Nase-, Faust-Kinn-, Faust-Auge-

Kombination, drei beeindruckende oberkörperorientierte Kickboxmoves, zwei Knie

im Bauch, dann das Signal. Oder darf es noch ein bisschen mehr sein?

Von Christian von Aster

Die Jugendgewalt ist heutzutage ja ein Thema. Das

erfuhr ich jedenfalls, als ich im Berliner Institut für

Gewaltprä-, -inter- und -subvention an einer gesellschaftlich

relevanten statistischen Erhebung zum Thema

Gewalt mitwirken durfte.

Für meine Teilnahme wurde mir eine Vergütung von

30,00 Euro in Aussicht gestellt, und man versicherte mir,

dass besagter Test in keinem Fall länger als eine halb Stunde

dauern würde.

Ich füllte zunächst einen anonymen Fragebo

gen aus, dann folgte ein kurzes Aufklärungsgespräch

über Sinn und Zweck des Testes: Da nämlich Gewalt heutzutage

viele Gesichter hätte, wäre es schwer, sie zu kategorisieren

und wissenschaftlich auszuwerten. Da das jedoch

vonnöten wäre, hätte man also diesen Test entworfen, der

weltweit von zertifizierten Instituten durchgeführt wurde.

Die ersten zehn Minuten meiner halben Stunde verbrachte

ich also damit, dieser Rede zu lauschen und Formulare

auszufüllen. Blutgruppe, Allergien, ethnische Abstammung.

Das Übliche. Darüber hinaus Fragen nach Unfallversicherung,

Krankenkasse und Sportverletzungen.

Ich habe das Kleindgedruckte überflogen, dann meine

Un terschrift druntergesetzt (für Geld muss man immer irgendwo

unterschreiben), und zuletzt folgte eine kurze ärztliche

Untersuchung, die ebenfalls fünf Minuten in Anspruch

nahm, womit die ersten 15 Euro schon verdient waren.

Der untersuchende Arzt führte mich in einen weißgekachelten

Raum, fixierte mich, verband mir die Augen

und verließ den Raum.Ich fühlte mich nicht wirklich wohl,

aber lange konnte der Spaß ja nicht mehr dauern. Schließlich

war die Hälfte der Zeit schon vorüber.

Plötzlich ertönte ein Geräusch ähnlich dem Schließsignal

einer U-Bahn, und dann begann die schlimmste Viertelstunde

meines Lebens: Der erste Schlag traf mich in der

Lendengegend, gefolgt von einem beherzten Schienbeintritt,

der in ein mittelschweres Faustschlagstakkato in

Magengrubenregion überging.

Das Ganze dauerte etwa zwei Minuten.

Dann erklang ein zweites Signal und die Schläge verstummten.

Ich vernahm ein leises knisterndes Rauschen

und aus einem Lautsprecher drang die Stimme des Arztes,

der mich bat, meine Eindrücke bezüglich der Qualität

gerade der empfundenen Gewalt zu schildern und auf einer

Skala zwischen 1 und 10 einordnen. Ich antwortete ihm,

er bedankte sich und dann ertönte ein weiteres Signal.

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COMPACT

Leben

Drei Ohrfeigen in schneller Folge, ein Tritt zwischen die

Beine, dazwischen angespuckt, ausserdem gebissen und

gekratzt. Das nächste Signal. Frage nach meinen Eindrükken,

Antwort meinerseits.

In Gedanken stellte ich mir die Frage, was

ich eigentlich gerade unterschrieben hatte. Ich kam jedoch

nicht dazu, meine Phantasie spielen zu lassen, da

schon das nächste Signal ertönte. Dieses Mal ging es gleich

ins Gesicht. Eine Faust-Nase-, Faust-Kinn-, Faust-Auge-

Kombination, drei beeindruckende oberkörperorientierte

Kickboxmoves, zwei Knie im Bauch, dann das Signal.

Die übliche Frage, meine wahrheitsgemäße Antwort.

Danach folgte die Baseballschlägerrunde. Gleich darauf

noch eine schlägerlose mit mehreren Teilnehmern und

zuletzt eine Stockattacke mit weniger harten Schlägen.

Dazwischen wurden immer wieder meine persönlichen

Eindrücke abgefragt, und dann war der Test endlich vorüber.

Mit allem drum und dran hatte er exakt eine halbe Stunde

gedauert.

Der Arzt nahm mir die Augenbinde ab, ich

wurde losgeschnallt und in einem Nebenraum drei Stunden

lang medizinisch versorgt. Ich bekam eine provisorische

Schiene für mein geprelltes Bein, eine Kompresse für

linkes geschwollenes Auge und ein paar Heftpflaster für

verschiedene Platz- und Schürfwunden.

Am Ende trat der Arzt an mein Bett, um mit mir über die

Ergebnisse meines Tests zu sprechen: Innerhalb des Gewaltschlüssel

aus randalierenden Grundschülern (3.Klasse),

einer ethnisch durchmischten Mädchengang (14-17 Jahre),

betrunkenen Ausländern (2,3 Promille), Skinheads (ebenfalls

2,3 Promille), einer Gruppe Hooligans (Lok Leipzig und

BFC Dynamo) und zwei wütenden Rentnern (76 und 83

Jahre), hätte ich erwartungsgemäß Skinheads und Auslän -

der mit 9 von 10 Punkten auf den ersten Platz gewählt und

die aggressiven Rentner mit 2 Punkten am angenehms ten

gefunden.

Damit entspräche mein Ergebnis dem üblichen internationalen

Standard.

Er bedankte sich, drückte mir einen Umschlag mit 30

Euro in die Hand und fragte dann noch, ob ich vielleicht

an der erweiterten Testvariante mitwirken wollte. Springmesser

bei den Grundschülern und Gaspistolen bei den

Hooligans, aber dafür gäbe es dann auch 50 Euro.

Ich lehnte dankend ab.

Wenig später verließ ich humpelnd das Kranken

zimmer, und wollte mir, bevor ich ging, noch einen

Kaffee gönnen. Die Cafeteria war schnell gefunden. Und

dort saß ein halbes Dutzend Grundschüler, die ihre Kinderriegel

aßen, sieben halbwüchsige Mädchen, die sich ihre

Nägel feilten und zwanzig Hooligans, die selbst am Tisch

noch rauften. Ausserdem zwei ältere Herrschaften, die ihre

Gehstöcke polierten, und zuletzt je ein Dutzend Skinheads

und Türken, die bemüht waren, ihren Promillepegel zu

halten.

Ich unterhielt mich noch ein bisschen und erfuhr ganz

nebenbei das einzige, das mich an dieser Sache wirklich

sauer machte: Die bekamen für den Tag jeder 150 Euro!

Kurz darauf ertönte zwei Räume weiter ein Signal, die

Grundschüler sprangen auf um ihrer Arbeit nachzugehen

und ich humpelte heim, um meine sauer verdienten 30

Euro zu verprassen …

Wenn sie also das Bedürfnis haben, sich mal

für die Statistik vermöbeln zu lassen, empfehle ich ihnen

das deutsche Institut für Gewaltprä-, -inter- und -sub vention.

Sollten sie Grundschüler, Rentner, Gangmitglied, Skinhead,

Hooligan oder ein gewaltbereiter Ausländer sein, dann

könnte sich das sogar lohnen…

Christian von Aster ist nach Selbstauskunft

«Genregrenzsaboteur und Cascadeur du Mot»

und übt derzeit das ehrenvolle Amt des

Burgschreibers zu Querfurt aus. Seine Bücher

und DVDs samt Bestellmöglichkeiten finden

sich auf www.vonaster.de. Zuletzt erschien:

Apocalypse au chocolat. Periplaneta, Mai 2010,

Buch und CD.

COMPACT / Nullnummer / Dezember 2010


Leben

COMPACT

Affe mit Waffe

Von animue

+ + + D a s n ä c h s t e COMPACT e r s c h e i n t a m 1 . M ä r z 2 0 1 1 . + + +

+ + + A b J u n i 2 0 1 1 s t e l l e n w i r a u f m o n a t l i c h e s E r s c h e i n e n u m . + + +

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