ZESO_4-2017_ganz

SkosZeso

SKOS CSIAS COSAS

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

Conférence suisse des institutions d’action sociale

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale

Conferenza svizra da l’agid sozial

ZeSo

Zeitschrift für Sozialhilfe

04/17

Interview

SODK-Präsident

Martin Klöti im

Gespräch

Sozialdienste

Fallbelastung senkt

Ablösequote und

erhöht Kosten

Botza

Asylbewerber lernen

zusammen mit

Sozialhilfeempfängern

Bildung statt

Beschäftigung

Keine Chance auf Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt

ohne Berufsausbildung


SKOS CSIAS COSAS

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

Conférence suisse des institutions d’action sociale

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale

Conferenza svizra da l’agid sozial

Nationale Tagung

Ermessen in der Sozialhilfe – Spielräume sinnvoll nutzen

Neue Analysen und Ansätze zum Thema Ermessen

Donnerstag, 22. März 2018, Kongresshaus Biel

Das Leitprinzip der Individualisierung verlangt, dass Hilfeleistungen jedem einzelnen Fall angepasst sind

und sowohl den Zielen der Sozialhilfe im Allgemeinen als auch den Bedürfnissen der betroffenen Person im

Besonderen entsprechen. Der Entscheid über die Hilfeleistung und über die Art der Hilfe richtet sich nach der

jeweiligen Gesetzgebung, die in der Regel einer professionellen Beurteilung einen gewissen Handlungsspielraum

einräumt. Dieses Prinzip wird im Recht «Ermessen» genannt. Die Anwendung des Handlungsspielraums

bzw. Ermessens erfordert im Alltag ein hohe Professionalität und ein berufliches Selbstverständnis.

Die nationale Tagung in Biel bietet eine Plattform zur Präsentation und Diskussion von

Handlungsmöglichkeiten sowie Best-Practice-Ansätzen.

Programm und Anmeldung unter www.skos.ch Veranstaltungen

«Wir brauchen

mehr Master-

Absolventinnen

und -Absolventen,

die Konzepte

entwickeln und

umsetzen.»

Andrea Lübberstedt

Leiterin des Amtes für Soziales,

Kanton St. Gallen

Absolventen und Arbeitgeber innen

erzählen über Arbeitsalltag und

Berufschancen. Jetzt reinklicken!

www.masterinsozialerarbeit.ch

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Regine Gerber

Redaktorin

EDITORIAL

Ohne Bildung keine

Arbeitsmarktintegration

Eine alleinerziehende Mutter holt trotz langer Abwesenheit vom

Arbeitsmarkt einen Berufsabschluss im Detailhandel nach.

Eine Sozialhilfebezügerin arbeitet sich zur Filialleiterin hoch.

Und ein Küchenangestellter fühlt sich dank Abschluss fachlich

sicherer und respektierter in seiner Tätigkeit. Diese Personen –

Beispiele aus unseren Artikeln – haben dank Weiter- und Nachholbildung

den Weg in ein erfolgreiches Berufsleben einschlagen

können. Viele Geringqualifizierten haben diese Chancen

nicht und tragen ein grosses Risiko, früher oder später in der

Sozialhilfe zu landen – und lange dort zu verbleiben. Bildung

ist daher zentral, um Armut zu verhindern. Nur: Das Prinzip

«Wer hat, dem wird gegeben» gilt leider auch hier. Es bilden

sich vorwiegend diejenigen Personen weiter, die bereits eine

gute Ausbildung haben, und nicht jene, die es am meisten nötig

hätten. Warum die Sozialhilfe umdenken und Bildung mehr

fördern muss, lesen Sie im aktuellen Schwerpunkt (ab S.12).

Umgedacht hat auch Bernhard Jungen. Als ihn seine Stelle als

Pfarrer nicht mehr befriedigte, suchte er sich hinter dem Bierzapfhahn

einer dreirädrigen Bar eine neue Aufgabe (S.36).

Auch Martin Klöti hat von der Rinderzucht bis zur Lachsräucherei

in seinem Leben schon einiges ausprobiert. Wo der seit dem

1. August 2017 amtende Präsident der SODK die grossen

sozialpolitischen Herausforderungen sieht, sagt er im Interview

(S.8). Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre!

4/17 ZeSo

1


SCHWERPUNKT

Ohne Bildung

keine Chance

Ohne Bildung haben

Sozialhilfebeziehende

kaum berufliche Chancen.

Sie benötigen eine auf den

ersten Arbeitsmarkt ausgerichtete

Qualifizierung.

50 Prozent der Sozialhilfebeziehenden

haben keinen Berufsabschluss. Der Erwerb

von Grundkompetenzen, Nachholbildung

und Weiterbildung ist für ihre Integration

zentral, denn Geringqualifizierte haben es

in der Schweiz schwer auf dem Arbeitsmarkt.

Ihre Chancen haben in den letzten

Jahren noch deutlich abgenommen. Erfolgreiche

Pilotprojekte gibt es beispielsweise

in den Kantonen Basel-Stadt und Bern. Darüber

hinaus ist aber ein Umdenken in der

Sozialhilfe und im Bildungssystem nötig.

12–23

12–25

17 23

ZESO

zeitschrift für sozialhilfe Herausgeberin Schweizerische konferenz für Sozialhilfe SKOS, www.skos.ch Redaktionsadresse

© SKOS. Nachdruck nur mit genehmigung der Herausgeberin.

Die ZESO erscheint viermal jährlich.

ISSN 1422-0636 / 114. Jahrgang

Erscheinungsdatum: 4. Dezember 2017

Die nächste Ausgabe erscheint im März 2018

Redaktion ZESO, SKOS, Monbijoustrasse 22, Postfach, CH-3000 Bern 14, zeso@skos.ch, Tel. 031 326 19 19

Redaktion Ingrid Hess, Regine Gerber Autorinnen und Autoren in dieser Ausgabe Catherine Arber,

Liliane Blurtschi, Miryam Eser Davolio, Milena Gehrig, Miriam Götz, Claudia Hänzi, Danièle Héritier, Michael

Peier, Daniel Röthlisberger, Ronald Schenkel, Bettina Seebeck, Isabelle Steiner, Rahel Strohmeier Navarro

Smith, Silvan Surber, Rebecca Widmer, Felix Wolffers, Heinrich Zwicky Titelbild Magali Girardin layout

Marco Bernet, mbdesign Zürich Korrektorat Karin Meier Druck und Aboverwaltung Rub Media,

Postfach, 3001 Bern, zeso@rubmedia.ch, Tel. 031 740 97 86 preise Jahresabonnement CHF 82.– (SKOS-

Mitglieder CHF 69.–), Jahresabonnement Ausland CHF 120.–, Einzelnummer CHF 25.–.

2 ZeSo 4/17


inhalt

8

5 Kommentar

radikalisierung – Thema für die Sozialhilfe

– Kommentar von Felix Wolffers

6 PRAXIS

ermöglicht Sozialhilfe jungen Erwachsenen

eine eigene Wohnung?

7 SKOS

regula Unteregger und Ruedi Hofstetter

– ein Blick zurück

8 INTERVIEW

«Diese wenigen Fälle kann eine Gesellschaft

mittragen», sagt SODK-Präsident

Martin Klöti

12–25 schwerpunkt

Bildung statt Beschäftigung

14 Mit Bildung die Chancen von Sozialhilfebeziehenden

erhöhen

17 Von der Sozialhilfe in die Ausbildung –

das Projekt «Enter»

27

19 Die Stanley Thomas Johnson Stiftung

verhilft zu einer zweiten Chance

20 Sozialdienst Dietikon: Bildungsmassnahmen

auf den ersten Arbeitsmarkt

ausrichten

22 «Sozialarbeitende sind wichtig in der

Grundkompetenzförderung», sagt Brigitte

Aschwanden.

24 Wie Betriebe Mitarbeitende ohne Berufsabschluss

fördern können

32

28

36

32

26 Fachbeitrag

Fallbelastung – wenn Sozialarbeitende

zu viele Fälle bearbeiten müssen, steigen

die Kosten

28 Fachbeitrag

Armutsbetroffene sind oft nicht ausreichend

mit Wohnraum versorgt

31 Plattform

Heilsarmee: Nicht nur Singen und Suppe

verteilen

32 Reportage

im Wallis sollen Flüchtlinge zusammen

mit Sozialhilfeempfängern ausgebildet

werden

34 Lesetipps und Veranstaltungen

36 Porträt

der ehemalige Pfarrer Bernhard Jungen

mit seiner Bar auf drei Rädern

4/17 ZeSo

3


www.staedteinitiative.ch

NACHRICHTEN

Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe

in Schweizer Städten

Berichtsjahr 2016,

14 Städte im Vergleich

Michelle Beyeler, Renate Salzgeber, Claudia Schuwey

Berner Fachhochschule, Fachbereich Soziale Arbeit

Kinder sind ein

Armutsrisiko

Beat Schmocker, Herausgeber

Bereichsleiter Soziales, Stadt Schaffhausen

Die Zahl der Sozialhilfefälle ist in den

Schweizer Städten 2016 durchschnittlich

um 5,2 Prozent gestiegen; das ist mehr

als in den vergangenen Jahren (Anstieg

jeweils unter 3 Prozent). Eine deutliche

Zunahme verzeichneten besonders mittelgrosse

Städte und Agglomerationen, wie

der neue Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe

in Schweizer Städten 2016 zeigt. Das

grösste Armutsrisiko haben in den Städten

junge alleinerziehende Mütter zwischen 18

und 25 Jahren. Über 80 Prozent von ihnen

beziehen Sozialhilfe. Generell bestätigt der

Bericht, dass Haushalte mit Kindern ein

grösseres Armutsrisiko tragen. Um dem

entgegenzuwirken, braucht es spezifische

Programme für Alleinerziehende, ein bezahlbares

Angebot an familienergänzender

Betreuung und Ergänzungsleistungen für

Familien.

www.staedteinitiative.ch

Neue Strategie zur beruflichen und

sozialen Integration

Immer mehr schlecht ausgebildete Menschen

finden auf dem Arbeitsmarkt keinen

Platz mehr und benötigen in der Folge Sozialhilfe.

Mit dem «Fokus Arbeitsmarkt

2025» und einer neuen Strategie zur beruflichen

und sozialen Integration reagiert

das Sozialdepartement der Stadt Zürich

auf die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt

und vollzieht einen Paradigmenwechsel

in der Sozialhilfe. «Wollen wir die

Chancen von Geringqualifizierten auf dem

ersten Arbeitsmarkt nachhaltig verbessern,

so müssen wir ihre Qualifikation verbessern

– innerhalb wie ausserhalb der Sozialhilfe.

Ansonsten laufen unsere Bemühungen

Gefahr, zum Nullsummenspiel zu verkommen»,

sagte der städtische Sozialvorsteher

Raphael Golta Ende Oktober vor

den Medien.

Der «Fokus Arbeitsmarkt 2025» bildet

das Dach, unter welchem das Sozialdepartement

all seine Massnahmen zur

Arbeitsmarktintegration bündelt. Mit der

neuen Strategie zur beruflichen und sozialen

Integration werden die für eine Arbeitsintegration

in Frage kommenden Sozialhilfebeziehenden

anhand ihrer Chancen

für eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt und

anhand ihrer Motivation, eine Stelle auf

dem ersten Arbeitsmarkt anzustreben, neu

in vier Zielgruppen eingeteilt, erklärte die

Direktorin der Sozialen Dienste, Mirjam

Schlup. Wer nahe am ersten Arbeitsmarkt

dran ist und eine hohe Motivation zeigt,

soll künftig gezielter gefördert, begleitet

und qualifiziert werden.

«Qualifikation ist nur mit Eigenmotivation

möglich», sagte Raphael Golta. Sanktionen

könnten die vorhandene Motivation

beeinträchtigen. Ebenfalls auf Freiwilligkeit

setzt das Sozialdepartement bei jenen,

die aktuell kaum eine Chance haben für

eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt und

auch eine entsprechend tiefe Motivation

zeigen, eine solche anzustreben. Bei ihnen

steht die soziale Teilhabe mittels Beschäftigung

im Vordergrund. «Wir akzeptieren,

dass nicht alle einen Platz im Arbeitsmarkt

finden. Wir geben die Betroffenen aber

nicht auf», sagte Golta.

Sanktionen bleiben möglich bei Sozialhilfebeziehenden,

die zwar gute Chancen

für den ersten Arbeitsmarkt aufweisen,

aber keine Motivation zeigen, eine Stelle

anzutreten. Rund 70 Prozent der Sozialhilfebeziehenden

kommen für eine Arbeitsintegration

gar nicht in Frage. Rund

20 Prozent der Sozialhilfebeziehenden

sind zudem Kinder unter 16 Jahren.

(MM)


Neues SKOS-

Weiterbildungsangebot

Das Weiterbildungsangebot der SKOS ist

neu gestaltet. Weiterhin bietet die SKOS

darin eine Einführung in die öffentliche

Sozialhilfe. Daneben sollen aber auch die

vielfältigen Themen stärker beleuchtet werden,

welche die SKOS und ihre Mitglieder beschäftigen.

Neu werden die Weiterbildungen

ab 2018 zweimal pro Jahr angeboten: An

der Veranstaltung im November in Olten

wird festgehalten (19. November 2018). Im

Juni wird eine zusätzliche Veranstaltung für

die Ostschweiz in Winterthur durchgeführt

(26. Juni 2018). Neu werden pro Nachmittag

nicht mehr nur drei, sondern vier Module

angeboten. Wie bisher kann man an zwei

Modulen pro Veranstaltung teilnehmen. Wer

beide Weiterbildungskurse besuchen möchte,

um dabei alle vier Module absolvieren zu

können, profitiert von einem Rabatt bei den

Teilnahmegebühren. (Red.)

Zürcher Sozialamt mit neuer Chefin

Andrea Lübberstedt heisst die neue Chefin

des Zürcher Sozialamts. Sie tritt auf Anfang

2018 die Nachfolge von Ruedi Hofstetter,

langjähriges Mitglied der SKOS-Geschäftsleitung,

an. Andrea Lübberstedt wechselt

von der St. Galler in die Zürcher Verwaltung.

Lübberstedt leitet derzeit das Amt für

Soziales des Kantons St. Gallen. Sie absolvierte

an der Universität Zürich ein Studium

der Psychologie, Psychopathologie und

Kriminologie. 2004 trat sie ins St. Galler

Amt für Soziales ein, das sie seit 2012 leitet.

Unter ihrer Leitung hat das Amt vielfältige

Reformen im Sozialwesen ausgearbeitet,

Entwicklungen angestossen und umgesetzt.

Dazu zählt insbesondere die

kinder- und jugendpolitische Strategie

2015-2020, aber auch die Integration

von Menschen mit Behinderung. •

Andrea Lübberstedt.

Bild: zvg

4 ZeSo 4/17


KOMMENTAR

Radikalisierung – Thema für die Sozialhilfe

Spätestens seit dem Fall des Nidauer

Imams, welcher mit seinen Hasspredigten

das Zusammenleben vergiftet

und zugleich in bedeutendem Umfang

Sozialhilfeleis-tungen bezogen hat, ist klar:

Radikalisierung ist auch für die Sozialhilfe

ein wichtiges Thema. Die Öffentlichkeit

reagiert zu Recht empört, wenn unterstützte

Personen mit religiös oder politisch

motivierten Kampfbotschaften Hass

schüren. So weit ist alles klar. Was aber

kann die Sozialhilfe hier tun? Wo hört das

Recht auf freie Meinungsäusserung auf, wo

liegen die Grenzen der Religionsfreiheit? Es

stellen sich in diesem Zusammenhang viele

Fragen, welche schwierig zu beantworten

sind. Hilfreich erscheint es, das Thema

von den Grundprinzipien des Staates

und der Sozialhilfe her anzugehen. Es ist

Aufgabe des liberalen Staates, Meinungen

und religiöse Überzeugungen jeder Art zu

dulden, solange sich diese nicht gegen das

geltende Recht richten. Anspruch auf Sozialhilfe

hat, wer bedürftig ist. Die politische

oder religiöse Überzeugung einer Person

spielt dabei keine Rolle und geht die Sozialdienste

grundsätzlich nichts an. Andererseits

haben unterstützte Personen aber die

Pflicht zur Integration in die Gesellschaft.

Das gilt in besonderem Masse für Flüchtlinge

und vorläufig Aufgenommene, welche

in der Schweiz Schutz suchen und erhalten

und ihre Position in der Arbeitswelt und im

sozialen Leben erst finden müssen.

Wenn radikalisierte Personen zu Gewalt

aufrufen, ist es primär Sache der Strafverfolgungsbehörden

und der Fremdenpolizei,

aktiv zu werden. Aufgabe der Sozialdienste

ist es, wachsam zu sein. Wo immer sich

Anhaltspunkte für Radikalisierung und

Aufrufe zu Gewalt ergeben, müssen die

Sozialdienste die unterstützten Personen

mit Nachdruck auf die Respektierung der

gesellschaftlichen Grundwerte und die

Pflicht zur Integration hinweisen. Nicht

zu übersehen ist aber, dass die Grenze

zwischen erlaubtem und verbotenem Verhalten

hier besonders schwer zu ziehen ist.

Sinnvoll erscheint deshalb, in Verdachtsfällen

eng mit Polizei und Justiz zusammenzuarbeiten.

Auf Bundesebene soll noch im laufenden

Jahr ein Nationaler Aktionsplan zur Verhinderung

und Bekämpfung von Radikalisierung

verabschiedet werden. Darin gibt

es verschiedene Berührungspunkte zur

Sozialhilfe. Ergänzend zum Aktionsplan auf

Bundesebene ist die SKOS aktiv geworden

und hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt,

welche Massnahmen zur Unterstützung

der Sozialdienste bei der Erkennung und

Bekämpfung von Radikalisierung erarbeiten

wird. Es braucht Antworten auf eine

Reihe von Fragen: Welche präventiven

Massnahmen gegen

Radikalisierung gilt

es zu ergreifen?

Inwieweit sollen die

Sozialdienste religiöse

Vorschriften bei

der Arbeitsintegration

berücksichtigen?

Unter welchen Bedingungen

müssen sie

sich an die Polizei

oder Fremdenpolizei

wenden und ist der

Datenaustausch mit

diesen erlaubt? Die

richtigen Antworten

auf diese Fragen zu

finden ist schwierig,

aber wichtig.

Felix Wolffers

Co-Präsident SKOS

4/17 ZeSo

5


Ermöglicht die Sozialhilfe jungen

Erwachsenen eigenes Wohnen?

PRAXIS Herr Lersch ist 21 Jahre alt und im letzten Lehrjahr. Wegen Konflikten mit seinen Eltern will

er ausziehen. Ob ihm die Sozialhilfe eine andere Wohnform ermöglicht, ist abhängig davon, ob es als

zumutbar erachtet wird, dass Herr Lersch im elterlichen Haushalt wohnen bleibt.

Der 21-jährige Joel Lersch ist nach einem

heftigen Streit mit seinen Eltern bei einem

Freund untergekommen. Er hat die obligatorische

Schule abgeschlossen und absolviert

das letzte Lehrjahr zum Spengler EFZ.

Sein Lehrlingsgehalt beträgt monatlich

1000 Franken brutto. Die Eltern sind

nicht in der Lage, gegenüber ihrem Sohn

Unterhalt zu leisten, und der Antrag auf ein

Stipendium wurde kürzlich abgelehnt.

Herr Lersch meldet sich deshalb auf dem

regionalen Sozialdienst und beantragt materielle

Unterstützung. Er möchte nicht

mehr bei seinen Eltern wohnen, weil die

Konflikte mit ihnen nicht mehr auszuhalten

seien. Er wolle erfolgreich seine Lehre

abschliessen und brauche Distanz zur

schwierigen Situation. Er erzählt von Alkoholproblemen

der Mutter und von der Gewalttätigkeit

des Vaters.

Frage

Kann von Joel Lersch verlangt werden, dass

er weiterhin bei seinen Eltern wohnt, oder

soll ihm die Sozialhilfe eine andere Wohnform

ermöglichen? Wenn ja, welche Kosten

werden übernommen?

PRAXIS

In dieser Rubrik werden exemplarische Fragen aus

der Sozialhilfe praxis an die «SKOS-Line» publiziert

und beantwortet. Die «SKOS-Line» ist ein webbasiertes

Beratungsangebot für SKOS-Mitglieder.

Der Zugang erfolgt über www.skos.ch Mitgliederbereich

(einloggen) SKOS-Line.

Grundlagen

Per 1. Januar 2016 sind die SKOS-Richtlinien

angepasst worden. Seither gelten für

junge Erwachsene, also Personen zwischen

dem vollendeten 18. und dem vollendeten

25. Altersjahr, besondere Empfehlungen

bei den Wohnkosten (SKOS-Richtlinien,

Kapitel B.4).

Von jungen Erwachsenen ohne abgeschlossene

Erstausbildung wird erwartet,

dass sie bei ihren Eltern wohnen. Ist dies

nicht möglich, beispielsweise wegen Vorfällen

häuslicher Gewalt, hocheskalierten

Konflikten, psychischer Erkrankung oder

Verwahrlosung der Eltern, soll der Bezug

einer anderen günstigen Wohngelegenheit

(z.B. einer Wohngemeinschaft) ermöglicht

werden. Ein eigener Haushalt wird nur in

Ausnahmefällen gewährt. Solche sind beispielsweise

bei bestimmten psychischen

Erkrankungen (Angststörungen) gegeben

oder wenn die Betroffenen schon eigene

Kinder haben.

Liegen die Voraussetzungen für einen

eigenen Haushalt beziehungsweise das Leben

in einer Wohngemeinschaft nicht vor,

kann vor einem Auszug aus dem Elternhaus

die Übernahme der Wohnkosten verweigert

werden, womit die betroffene Person

faktisch gezwungen ist, im elterlichen

Haushalt wohnen zu bleiben.

Antwort

In der vorliegenden Situation ist zu prüfen,

ob eine Rückkehr in den elterlichen Haushalt

zumutbar ist. Der von Herrn Lersch

geschilderte Konflikt und die sich daraus

ergebende Lage sind genau zu klären und

zu beurteilen. Mit Einverständnis des Betroffenen

kann zu diesem Zweck auch ein

klärendes Gespräch mit den Eltern oder

dem Lehrbetrieb geführt werden. Falls bei

Joel Lersch Anzeichen bestehen, dass die

schwierige Situation seine Gesundheit beeinträchtigt,

kann eine ärztliche Beurteilung

(z.B. durch einen Psychiater) eingeholt

werden.

Eine Rückkehr zu den Eltern erscheint

eher unwahrscheinlich. Die Gewalttätigkeit

des Vaters und die Suchterkrankung

der Mutter belasten Herrn Lersch erheblich

und gefährden damit kurzfristig den

Lehrabschluss, langfristig aber auch seine

psychische Gesundheit. Beide Verläufe widersprechen

den Zielsetzungen der Sozialhilfe

und sind deshalb zu vermeiden.

Wird die Rückkehr zu den Eltern als

nicht zumutbar eingestuft, ist Joel Lersch

schriftlich mitzuteilen, dass die Kosten für

eine günstige Wohngelegenheit in einer

Wohngemeinschaft übernommen werden

und er eine solche suchen darf. Auch ein

Wohnheim für Lernende kommt in Frage.

Gleichzeitig ist auszuführen, welcher verbindliche

Kostenrahmen für die Wohnkosten

gilt. Es empfiehlt sich, Herrn Lersch

bei der Wohnungssuche aktiv zu unterstützen,

beispielsweise durch den Hinweis auf

passende Wohngelegenheiten. Das Ausstellen

einer Mietzinsbestätigung kann je

nach Situation hilfreich sein.

Für den vorläufigen Aufenthalt beim

Kollegen ist ein Budget zu erstellen und

zu klären, welche Kosten für die Mitbenützung

der Wohnung übernommen werden.

Der Lehrlingslohn (netto) sowie die Ausbildungszulage

sind als Einnahmen anzurechnen.


Claudia Hänzi

Präsidentin Kommission Richtlinien

und Praxis der SKOS

6 ZeSo 4/17


«Den Menschen eine Stimme geben»

SKOS Die Leiterin des Berner Sozialamts Regula Unteregger und der Leiter des Zürcher Sozialamts

Ruedi Hofstetter wurden im Mai 2004 in die Geschäftsleitung der SKOS gewählt. Nun treten sie nach

über 13 Jahren gleichzeitig zurück. Beide haben die Arbeit der SKOS und die Entwicklung der SKOS-

Richtlinien massgeblich mitgeprägt. Wir bedanken uns ganz herzlich für ihr grosses Engagement für

die Sozialhilfe.

ZESO: Sie haben beide seit vielen

Jahren die Entwicklungen in der Sozialhilfe

mitverfolgt und mitgestaltet.

Welche positive Veränderung war für

Sie die wichtigste ?

Regula Unteregger: Entscheidend für

die Finanzierung der Sozialwerke und der

Sozialhilfe ist die Integration der Erwerbsfähigen

in den Arbeitsmarkt. Die engere

Zusammenarbeit von Sozialversicherungen,

Bildung, Migration und Sozialhilfe

(IIZ) war ein Meilenstein. Im Kanton

Bern sind dank der IIZ zahlreiche Integrations-

und Bildungsangebote entstanden.

Ruedi Hofstetter: Vielleicht ist die

wichtigste Veränderung gar keine Veränderung?

Ich erachte es als grossen Erfolg,

dass die SKOS-Richtlinien trotz massiver

Angriffe weiterhin als Grundlage für die

Bemessung der wirtschaftlichen und persönlichen

Hilfe für sozial benachteiligte

Menschen gelten.

Welche war die schwierigste?

Unteregger: Die aktuelle Entwicklung

in der Sozialhilfe im Kanton Bern macht

mir Sorgen. Ich habe in den letzten Jahren

mehrere kritische Diskussionen im Kanton

erlebt. Das Ziel war aber immer – direkt

oder indirekt – innerhalb der SKOS

Veränderungen zu bewirken. Bern hat die

geltenden Richtlinien auch massgeblich

mitgeprägt. Jetzt sucht man weitgehend

den Alleingang.

Hofstetter: Die überzeugende Argumentation

auf die pauschalen und undifferenzierten

Angriffe auf die Sozialhilfe und

letztlich auf Menschen, denen es im Leben

nicht so gut geht, erachte ich als herausfordernde

und anspruchsvolle Aufgabe.

Gab es so etwas wie einen persönlichen

Leitgedanken, den Sie

verfolgten und zu realisieren versuchten?

Regula Unteregger

«Die aktuelle Entwicklung

in der Sozialhilfe im

Kanton Bern macht mir

Sorgen.»

Ruedi Hofstetter

«Ich wünsche mir eine

lebendige, aktive Schweizerische

Konferenz.»

Unteregger: Wir brauchen ein tragfähiges

unterstes soziales Netz, das von den

Betroffenen je nach Möglichkeit eine angemessene

Gegenleistung einfordert und

finanzierbar ist. Die Politik soll über die

langfristig sinnvolle Balance aufgrund von

Zahlen und Fakten sowie im Wissen um

die Lebensrealität der unter der Armutsgrenze

lebenden Menschen entscheiden.

Das war mein Ziel.

Hofstetter: Ich habe mich, wenn immer

möglich, für Menschen eingesetzt,

die am Rand oder ganz unten in der gesellschaftlichen

Hierarchie stehen. Es sind

Menschen, die wegen ihrer Einschränkungen

nicht oder nur ungenügend am

gesellschaftlichen und sozialen Leben

teilnehmen können. Es war mir immer ein

wichtiges Anliegen, diesen Menschen eine

Stimme zu geben und mit guten Rahmenbedingungen

dafür zu sorgen, dass ihnen

ein Leben in Würde und mit einem möglichst

hohen Mass an Eigenverantwortung

und Selbständigkeit möglich ist.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft

in der Sozialhilfepolitik?

Unteregger: Unsere Gesundheitskosten

sind hoch und steigen immer weiter.

Dieses Kostenrisiko ist für unsere Gesellschaft

ungleich grösser als die Entwicklung

der Sozialhilfekosten. Auch im Gesundheitswesen

berappt vieles der Steuerzahler.

Die Existenzsicherung hätte eine ebenso

starke Lobby verdient. Jeder kann eines

Tages auf Unterstützung angewiesen sein.

Hofstetter: Ich wünsche mir eine lebendige,

aktive Schweizerische Konferenz

für Sozialhilfe, die sich der Diskussion um

die Ausgestaltung der Sozialhilfe stellt und

gemeinsam mit Kantonen und Gemeinden

überzeugende Antworten für die Besserstellung

von armutsbetroffenen Menschen

findet.


4/17 ZeSo

7


«Diese wenigen Fälle kann eine

Gesellschaft mittragen.»

INTERVIEW Der St. Galler Regierungspräsident und Vorsteher des Departements des Innern Martin

Klöti ist seit 1. August Präsident der Sozialdirektoren. Bei der nächsten Reform der SKOS-Richtlinien

wird er in dieser Funktion eine wichtige Rolle spielen.

«ZESO»: Herr Klöti, Sie sind seit 1. August

Präsident der SODK. Worin sehen

Sie Ihre Hauptaufgabe der nächsten

Jahre?

Martin Klöti: Es stehen eine ganze

Reihe von Reformen an. Die Revision der

Ergänzungsleistungen, die Weiterentwicklung

der IV und die Neuaufgleisung der

Altersvorsorge. Das sind zwar Bundesgesetzgebungen,

aber mit grossen Implikationen

auf die Kantone. Und es scheint mir

auch von grosser Wichtigkeit, dass wir die

Solidarität in der Bevölkerung und zwischen

den Generationen stärken.

Die SODK repräsentiert 26 sehr

verschiedene Kantone und auch die

Sozialdirektoren vertreten politisch

ein breites Spektrum. Wie geht ein

Präsident da vor?

Es ist vor allem wichtig, dass man gut

informiert und die Prozesse zeitlich sorgfältig

plant. Man muss wissen, wann ein

Geschäft reif ist und alle Fragen beantwortet

sind. Am Schluss stimmen die 26

Sozialdirektorinnen und -direktoren in der

Plenarversammlung per Mehrheitsentscheid

ab.

Wo sehen Sie die grossen sozialpolitischen

Herausforderungen für die

SODK?

Der Spardruck darf nicht auf dem Buckel

von Personen in schwierigen Lebenslagen

erfolgen. Leistungskürzungen bei

den Sozialversicherungen können dazu

führen, dass die betroffenen Menschen

in die Sozialhilfe als letztes Auffangnetz

fallen. Dies wiederum hat für die Kantone

und Gemeinden Mehrkosten zur Folge.

Das bestehende soziale Sicherungssystem

gilt es zu bewahren. Es ist ein zentraler

Pfeiler unserer Wohlfahrt. Auch die Wirtschaft

profitiert massgeblich davon. Wir

müssen aber die demografische Entwicklung

abfedern, ohne das Leistungsniveau

im sozialen Sicherungssystem zu gefährden.

Weiter müssen wir den Kostendruck

auf die Bedarfsleistungen dämpfen. Stichworte

dazu sind: Alterung, Vereinbarkeit

von Familie und Beruf, unbezahlte Care-

Arbeit. Ein sehr wichtiges Thema bleibt

die Frage der Integration von vorläufig

Aufgenommenen und Flüchtlingen. Wir

haben also viel zu tun.

Die Ergänzungsleistungen zur AHV

und IV sind zentrale Pfeiler der sozialen

Sicherheit. Wie können diese

langfristig gesichert werden?

Dies ist ein zentrales Thema für die

SODK. Denn der Kostendruck ist für die

Kantone immens. Das vorliegende Reformpaket

muss aus unserer Sicht nun

rasch durchgebracht werden und darf

nicht zusätzlich beschwert werden. Weitere

Schritte sind sicher nötig, bedürften

aber einer eingehenden Prüfung.

Welche Schritte meinen Sie?

Zum Beispiel die Entflechtung von EL

und individueller Prämienverbilligung

oder Fragen der Langzeitpflege. Grundsätzlich

möchten wir Einsparungen erzielen,

ohne das Niveau der Leistung für die

Individuen senken zu müssen. Das ist gewiss

keine einfache Aufgabe.

Bundesrat Alain Berset hat die Diskussion

des Neuanlaufs in der Altersvorsorge

eröffnet. Welche Anliegen hat

die SODK an die nächste Vorlage?

Ich möchte unserer bevorstehenden

Diskussion nicht vorgreifen. Nur soviel:

Die SODK hatte die Vorlage Altersvorsorge

2020 im Wissen unterstützt, dass es sich

um einen Kompromiss handelt; für uns ist

die Reform der Altersvorsorge respektive

der Erhalt des Vorsorgesystems fundamental.

Und die Reform muss schnell kommen.

Es wäre fatal, jahrelang zu warten, bis

der politische Druck immens wird.

Ein wichtiges Thema der SODK ist die

Kinder- und Jugendpolitik. 2016 wurden

dazu Empfehlungen verabschiedet.

Wo werden Sie Akzente setzen?

Im Fokus steht sicher die UNO-Kinderrechtskonvention.

Den Kindern und Jugendlichen

gehört die Zukunft. Wir setzen

uns dafür ein, dass sie gute und möglichst

gleiche Startchancen bekommen und wir

ihnen, wo nötig, zielgerichtet unter die

Arme greifen.

Die Behindertenpolitik ist ein weiteres

zentrales Dossier der SODK: Welche

Herausforderungen gibt es in diesem

Bereich?

Auch hier steht die Umsetzung einer

UNO-Konvention im Vordergrund. Die

knappen Ressourcen der Kantone und

Gemeinden stellen dabei eine Herausforderung

dar. Wir haben aber in diesem

Jahr bereits Strukturen geschaffen, um die

Behindertenpolitik gemeinsam mit dem

Bund weiterzuentwickeln. Dabei geht es

vor allem darum, Möglichkeiten zu schaffen,

damit Menschen mit Behinderungen

so wohnen können, wie sie sich das wünschen.

Auch für Menschen mit Behinderung

ist meist die Arbeitsintegration vorrangiges

Ziel.

Die Integration in den ersten Arbeitsmarkt

von Menschen mit Behinderungen

bleibt eine Hauptaufgabe. Dabei beobachten

wir auch eine wachsende Zahl an Leuten

mit psychischen Beeinträchtigungen.

Sie sind zwar häufig sehr leistungsfähig,

aber nicht zu jeder Zeit. Es ist mir wichtig,

dass man für sie besondere Arbeitsbedingungen

schafft. Es gibt in einigen

Kantonen gute Projekte, die es auf andere

8 ZeSo 4/17


Martin Klöti

Der 63-jährige Martin Klöti ist seit 2012 in der

St. Galler Regierung und steht dem Departement

des Innern vor. Voraussichtlich bis 2020 wird er

die SODK präsidieren. Klöti ist ein Politiker, der

auch Tabus anpackt . Er sucht und findet dabei

Lösungen auf der Grundlage eines reichen beruflichen

und persönlichen Erfahrungsschatzes.

So will Klöti in St. Gallen das Zusammenleben

verschiedener Kulturen und Religionen stärken,

indem Religionsgemeinschaften – auch die muslimische

– eine kantonale Anerkennung erhalten.

Auf diese Art, verspricht sich der FDP-Politiker,

können diese näher an den Staat herangeholt

werden. Er erhält bisher allerdings noch wenig

politische Unterstützung.


Bilder: Palma Fiacco

Kantone zu übertragen gilt. Zentral ist eine

enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft.

Allerdings gilt dasselbe auch für Personen

aus der Sozialhilfe und oder mit Migrationshintergrund.

In Anbetracht der sinkenden

Zahl an niederschwelligen Arbeitsplätzen

akzentuiert sich hier eine gewisse

Konkurrenzsituation.

Die SODK hat sich in den letzten Jahren

mit dem Bund im Nationalen Pro-

gramm Armut engagiert. Welches sind

für Sie die wichtigsten Erkenntnisse

daraus und wie soll es weitergehen?

Dank dem Armutsprogramm konnten

neue Erkenntnisse gewonnen und zahlreiche

Hilfsinstrumente für Fachpersonen

geschaffen werden. Gewonnen ist damit

natürlich noch nicht viel, insbesondere für

die Betroffenen nicht. Die Arbeiten haben

jedoch gezeigt, dass ein grosses Engagement

auf vielen Ebenen vorhanden ist und

das Zusammenwirken der politischen Ebenen

und der Fachebenen gut funktioniert

und gewinnbringend ist. Armutsprävention

und -bekämpfung ist eine Querschnittsaufgabe

und muss eine Hauptaufgabe aller

staatlichen Ebenen bleiben.

2015 /2016 hat die SODK zum ersten

Mal die SKOS-Richtlinien formal

genehmigt. Welche Bedeutung kommt

diesem Schritt zu?

Die SKOS-Richtlinien haben einen hohen

Stellenwert für die Kantone. Mit dem

neu aufgegleisten Prozess und der Verabschiedung

der politisch relevanten Punkte

durch die SODK haben sie nochmals an

Akzeptanz und Verbindlichkeit gewonnen.

Was bedeutet es, wenn einzelne Kantone

von den Richtlinien abweichen?

Aktuelles Beispiel ist die Vorlage im

Kanton Bern.

Mit der 1. und 2. Etappe der SKOS-

Richtlinienreform hat man gezielt Verbesserungen

bzw. Kürzungen angesetzt,

dort wo sie sozialpolitisch vertretbar sind.

Die grosse Mehrheit der Kantone wendet

die SKOS-Richtlinien an und setzt auch

die beiden Revisionsschritte um, was zur

Harmonisierung des Systems beiträgt. Darüber

sind wir froh. Zur Sozialhilfegesetzgebung

oder Entwicklungen in einzelnen

Kantonen äussert sich die SODK nicht. Es

werden wohl nie alle Kantone genau das

gleiche machen.

Was würde ein Bundesrahmengesetz

in der Sozialhilfe bringen?

Die Sozialhilfe ist historisch am wenigsten

reguliert; eine höhere Regulierung

würde die Verbindlichkeit stärken und die

4/17 ZeSo

9


«Zentral ist eine frühzeitige Erfassung und Begleitung von

Personen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie keinen Zugang

zum Arbeitsmarkt finden bzw. den Anschluss verlieren.»


Harmonisierung verbessern. Es gäbe eine

einheitliche Anwendung von Minimalstandards.

Die SODK hat sich in den letzten

Jahren aber klar gegen ein Rahmengesetz

ausgesprochen. Aus politischer Sicht

kommt es für uns momentan nicht in Frage.

Denn es geht nicht, dass der Bund ohne

Mitfinanzierung neu eine Kernaufgabe der

Kantone steuern würde; es würden zudem

nur Minimalstandards festgelegt – folglich

bestünde nur eine eingeschränkte Harmonisierung.

Es bestünde die Gefahr einer

Nivellierung gegen unten. Und schliesslich

wären Anpassungen nur über einen schwerfälligen

und langwierigen Prozess möglich.

Sehen Sie bei der Sozialhilfe Reformbedarf?

Die Sozialhilfe ist ein ganz entscheidendes

Element der sozialen Sicherheit.

Längst geht sie über ihren eigentlichen

Wirkungskreis hinaus, nämlich Personen

in Notlagen vorübergehend zu unterstützen.

Dies bedingt eine stete Weiterentwicklung

und Stärkung der Sozialhilfe und

damit der SKOS-Richtlinien. Ich möchte

in der Sozialhilfe aber nicht nur über

Geld reden. Absolut zentral ist die Sozialberatung.

Das ist für mich überhaupt die

wichtigste Arbeit, die auf den Gemeinden

gemacht wird. Wir brauchen dort Leute,

die besondere Wege finden können, um

die Betroffenen zu unterstützen. Ich habe

in den Gemeinden viele Sozialarbeiter

kennengelernt, die absolut hervorragende

Arbeit leisten.

Integration ist ein allgegenwärtiges

Thema. Tun Gemeinden und Kantone

genug?

Die Integrationsbestrebungen der

Kantone und Gemeinden sind enorm.

Die Wirtschaft braucht qualifizierte Arbeitskräfte,

die Anzahl der Arbeitsplätze

für Schlechtqualifizierte sinkt dagegen

tendenziell. Zentral ist eine frühzeitige Erfassung

und Begleitung von Personen, bei

denen die Gefahr besteht, dass sie keinen

Zugang zum Arbeitsmarkt finden bzw. den

Anschluss verlieren. Dies ist erkannt und

wird von Kantonen und Gemeinden umgesetzt.

Ohne gezielte Integrationsmassnahmen

und die dazu nötigen Mittel beispielsweise

für Nachholbildung wird dies aber

nicht gelingen. Entscheidend wird sein,

wie viel Geld für konkrete Integrationsprojekte

bereitgestellt wird. Zudem muss

man sich bewusst sein, dass nur ein Teil

der Sozialhilfebeziehenden überhaupt integriert

werden kann. Viele – zum Beispiel

ältere oder traumatisierte Personen – sind

nur partiell oder auf langwierigem Weg

integrierbar. Diese Personen können an

Beschäftigungsprogrammen teilnehmen,

um die soziale Integration zu begünstigen,

denn die Teilhabe am gesellschaftlichen

Leben ist wesentlich. Diese wenigen Fälle

kann eine Gesellschaft mittragen. Früher

waren eben manche Unternehmen bereit,

solche Angestellten mitzutragen. Heute ist

das nicht mehr so. Diese Stellen wurden

gestrichen. Eine Folge des Effizienzwahns.

10 ZeSo 4/17


Wie sieht es bei der Integration von

Migrantinnen und Migranten in den

Arbeitsmarkt aus? Werden die bisher

unternommenen Schritte ausreichen?

Das Problem ist auch hier, dass viele

niedrigqualifizierte Arbeitsplätze ins Ausland

wandern. Es braucht also Investitionen

in die Bildung. Die Integrationspauschalen

des Bundes belaufen sich zur Zeit

auf 6000 Franken. Wir verhandeln nun

mit Bundesrätin Sommaruga über die

Höhe, denn wir wollen, dass die Pauschale

auf 18000 erhöht wird. Dazu brauchen

wir zunächst eine Integrationsagenda,

denn der Bund will Klarheit darüber, wofür

die Kantone die Integrationspauschalen

einsetzen werden. Wichtig ist aber immer

auch, dass Unternehmer Unterstützung

leisten, dass Arbeitgeber ihre Angestellten

fördern und sie ermutigen, Sprachkurse zu

machen und sie dafür freistellen. Ein sehr

einfaches positives Beispiel ist für mich

Tibits. Die Angestellten aus 80 Nationen,

die bei der Restaurantkette angestellt sind,

müssen untereinander Deutsch und nicht

Englisch oder Spanisch sprechen. Solche

Ansätze finde ich interessant. Generell

lohnen sich Massnahmen zur Bildung und

Prävention immer.

Welchen Bezug haben Sie zum Thema

Armut?

Ich bin froh, nie von Armut betroffen

gewesen zu sein. Ich habe aber vor allem

ein sehr reiches Leben an Erfahrungen

und an Menschen, die ich kennengelernt

habe.

Wenn man Ihren Werdegang liest,

kommt man aus dem Staunen nicht

mehr raus. Sie sind Lehrer, studierter

Landwirtschaftsarchitekt, züchteten

Angusrinder, waren Miteigentümer einer

lukrativen Lachsräucherei, haben

ein Hotel geführt und sind Präsident

der Aidshilfe Schweiz, um nur ein paar

Stichworte zu nennen. Wie prägt dieser

vielfältige Hintergrund Ihren Blick

auf die Sozialpolitik?

Ich schätze mich glücklich, dass ich immer

die Gelegenheit und die Freiheit hatte,

Dinge zu tun, die mich interessiert und die

der Zeit entsprochen haben. In der Schweiz

ist verdächtig, wer keiner klar erkennbaren

Karriere folgt. Dabei glaubt man mit viel

Wissen und Ausbildung könne man Erfahrung

kompensieren. Das stimmt aber

nicht. Ich hatte mit Landwirten, Hotelangestellten

etc. zu tun und habe Menschen

aus aller Herren Länder kennengelernt. Als

Politiker habe ich so die Möglichkeit, näher

an die Menschen heranzukommen, nicht

um ihnen nach dem Mund zu reden, sondern

um zu hören, was sie denken.

Wie kommt man als junger Lehrer von

der Goldküste dazu, Angusrinder zu

züchten?

Das war der Traum der 70er Jahre, autonom

zu sein, zu wissen, was es braucht,

bis ein Stück Fleisch auf dem Teller liegt.

Wir kauften den Bauernhof nicht wegen

der schönen Wohnlage, sondern weil wir

es schaffen wollten, ihn erfolgreich zu bewirtschaften

mit unseren Angus-Rindern,

Freiland-Hühnern und Lämmern. Ich besorgte

morgens die Ställe und ging dann

unterrichten, an einer Mehrklassenschule.

Als Lehrer hatte ich auch Kontakt mit Familien,

denen es nicht gut ging. Wir hatten

auch auf dem Bauernhof eine Hilfskraft,

die Alkoholiker war, die keine Mittel hatte

und die wir stützen mussten. Unser Bewirtschaftungskonzept

führte aber nicht zu

einem «break even» und so sind wir in die

Lachsräucherei eingestiegen. Dabei habe

ich wieder sehr viel gelernt, gearbeitet,

wieder dazu gelernt und wieder gearbeitet.

Ich hätte mich nach dem Verkauf meiner

Anteile an der Lachsräucherei aufs Whiskeytasting

und Golfspielen beschränken

können, aber ich beschloss, mit 40 noch

Landschaftsarchitektur zu studieren. Ich

habe einfach immer wieder Lust, etwas zu

tun, auch in der Politik – und dies auch,

wenn mich meine Partei nicht immer trägt.

Sie haben mal gesagt, Sie bestellen

gerne neue Felder, Sie arbeiten hart,

bis der Erfolg sich einstellt – beides ist

in der Sozialpolitik eher schwierig. Die

Sozialpolitik ist ein sehr intensiv bearbeitetes

Feld, auf dem Erfolge eher

selten geerntet werden können.

Ich denke schon, dass man in der Sozialpolitik

etwas bewirken kann. Wenn das Klima

unter den Kantonen und mit dem Bund

gut ist, dann kann man etwas bewegen.

Und ich denke, ein gutes Klima zu schaffen,

das ist etwas, was ich gut kann. •

Das Gespräch führte

Ingrid Hess

4/17 ZeSo

11


12 ZeSo 4/17 SCHWERPUNKT

Bild: Keystone


Bildung Statt beschäftigung

Bildung statt Beschäftigung

in der Sozialhilfe

50 Prozent der Sozialhilfebeziehenden haben keinen

Berufsabschluss. Der Erwerb von Grundkompetenzen,

Nachholbildung und Weiterbildung ist für ihre Integration zentral,

denn Geringqualifizierte haben es in der Schweiz schwer auf

dem Arbeitsmarkt. Ihre Chancen haben in den letzten Jahren

noch deutlich abgenommen. Erfolgreiche Pilotprojekte gibt

es beispielsweise in den Kantonen Basel-Stadt und Bern.

Darüber hinaus ist aber ein Umdenken in der Sozialhilfe und im

Bildungssystem nötig, wie die Beiträge des Schwerpunktes zeigen.

SCHWERPUNKT

14 Mit Bildung die Chancen von Sozialhilfebeziehenden erhöhen

17 Von der Sozialhilfe in die Ausbildung

19 Zweite Chance auf Erstausbildung – unabhängig vom Alter

20 Bildungsmassnahmen auf den ersten Arbeitsmarkt ausrichten

22 Die Betroffenen finden den Weg in einen Kurs meistens nicht selbst – nachgefragt bei Brigitte Aschwanden

24 Wie Betriebe Mitarbeitende ohne Berufsabschluss fördern können

SCHWERPUNKT 4/17 ZeSo


Mit Bildung die Chancen von

Sozialhilfebeziehenden erhöhen

Bildung ist in der Schweiz der entscheidende Faktor für die berufliche Integration. Um die Chancen

von Sozialhilfebeziehenden zu erhöhen, muss daher vermehrt in ihre Bildung investiert werden.

Notwendig sind Weiterbildungsmassnahmen nahe am regulären Arbeitsmarkt sowie Anpassungen

im Bildungssystem und Stipendienwesen.

Das Ausbildungsniveau der Gesamtbevölkerung der Schweiz ist in

den letzten Jahren deutlich gestiegen und der Anteil der Personen

ohne Bildungsabschluss gesunken. Bei Personen in der Sozialhilfe

stagniert das Ausbildungsniveau jedoch auf tiefem Niveau. Insbesondere

der Anteil der Sozialhilfebeziehenden ohne Berufsbildung

verharrt bei 50 Prozent. Eine Integration von Personen mit

geringen Qualifikationen in den Arbeitsmarkt ist zunehmend problematisch.

Bereits in den 90er Jahren lag die Erwerbslosenquote

von Niedrigqualifizierten klar über dem Durchschnitt. Seit 2011

steigt sie bei Niedrigqualifizierten jedoch deutlich stärker an als

bei Personen mit Berufsbildung. 2016 war die Erwerbslosenquote

von Niedrigqualifizierten mit knapp 9 Prozent mehr als doppelt

so hoch wie die entsprechende Quote von Personen mit einem Abschluss

auf der Sekundarstufe II oder der Tertiärstufe.

Diese Entwicklung ist eine Folge des strukturellen Wandels

des Arbeitsmarktes. Durch den technischen Fortschritt und die

Tertiarisierung der Wirtschaft haben Personen mit geringen Qualifikationen

immer mehr Mühe, sich im Erwerbsleben zu behaupten

und bei einem Verlust der Arbeitsstelle innert nützlicher Frist

eine neue Anstellung zu finden. Auch wenn im Bereich der individuellen

Dienstleistungen (z.B. Pflege, Reinigung, Lieferdienste)

zusätzliche Arbeitsplätze für Personen ohne Berufsbildung entstehen,

lässt die Nachfrage nach Ungelernten insgesamt stark

nach. Zudem steigen auch in diesen Stellen die Anforderungen

bezüglich IKT-Kompetenzen und Kenntnisse der Schriftsprache.

Dies bestätigt eine Umfrage des Schweizerischen Dachverbandes

für Lesen und Schreiben. Der Anteil der Kursteilnehmenden, die

angeben, dass ihre Lese- und Schreibkompetenz im beruflichen

Alltag nicht genügen, ist zwischen 2007 und 2015 von 30 auf

62 Prozent gestiegen.

Die SKOS unterscheidet drei verschiedene Kompetenzen, die

mit Blick auf die berufliche und soziale Integration von entscheidender

Bedeutung sind:

• Grundkompetenzen umfassen das Lesen und Schreiben sowie

die mündliche Ausdrucksfähigkeit in einer lokalen Landessprache,

Alltagsmathematik und das Beherrschen von Informations-

und Kommunikationstechnologien. Grundkompetenzen

bilden die Grundlage für den Aufbau aller weiteren Kompetenzen

und sind daher eine zwingende Voraussetzung für eine

weiterführende Qualifikation.

• Alltagskompetenzen sind erforderlich für die Bewältigung des

persönlichen Alltags. Dazu zählen beispielsweise die Erledigung

administrativer Aufgaben, der Umgang mit Geld oder das

Führen eines eigenen Haushalts.

• Arbeitsmarktliche Schlüsselkompetenzen sind zentral zur Bewältigung

der allgemeinen Herausforderungen des beruflichen

Alltags. Darunter fallen beispielsweise Planungs- und Organisationsfähigkeit,

Lösungs- und Entscheidungsfähigkeit. Aus-

In drei Stufen zur berufliche Qualifizierung

Um die Arbeitsmarktchancen von Sozialhilfebeziehenden zu erhöhen

und auch um die gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern,

muss in ihre Bildung investiert werden. Die bisherigen Anstrengungen

reichen nicht aus. Eine Umfrage, die die SKOS bei 660

Sozialdiensten durchgeführt hat, zeigt, dass es heute vor allem an

Angeboten zur Förderung von Grund-, Alltags- und arbeitsmarktlichen

Schlüsselkompetenzen und solchen zur beruflichen Qualifizierung

fehlt. Diese sind jedoch Voraussetzung, um sich weitebilden

zu können.

Qualifizierung beginnt mit Grundkompetenzen.

Bild: Daniel Desborough

14 ZeSo 4/17 SCHWERPUNKT


Bildung statt Beschäftigung

dauer, Belastbarkeit, Kreativität, Konfliktfähigkeit, Höflichkeit

oder Toleranz.

Das Weiterbildungsgesetz hat eine neue Förderstruktur im Bereich

Grundkompetenzen geschaffen. Diese überlässt es jedoch

der Initiative der Kantone, ob und wie viel sie in die Förderung

der Grundkompetenzen investieren. Der Kantonsbetrag wird vom

Bund verdoppelt. Der in der Periode 2017-2020 im Rahmen des

Bundeskredits für Bildung, Forschung und Innovation vorgesehene

Betrag ist äusserst bescheiden und wird dem eigentlichen

Förderbedarf nicht gerecht.

Es ist nötig, dass Sozialhilfebeziehende, ausgehend von ihren

individuellen Kompetenzen und Möglichkeiten, fokussiert weitergebildet

werden.

Die Förderung muss auf einem dreistufigen Modell der Qualifizierung

beruhen:

1) Sozialhilfebeziehende erwerben umfassende Grund-, Schlüssel-

und Alltagskompetenzen. Damit fördern sie ihre Teilhabe

an der Gesellschaft und legen die Basis für die weitere Qualifizierung.

2) Sie erwerben niederschwellige berufliche Qualifikationen.

Damit verbessern sie ihre Chance auf dem Arbeitsmarkt und

legen die Basis für die berufliche Grundbildung.

3) Sie durchlaufen eine berufliche Grundbildung (EBA oder

EFZ). Damit erhöhen sie ihre Chance auf dem Arbeitsmarkt

erheblich und sie erlangen die Grundlage, mit Veränderungen

im Berufsleben Schritt halten zu können.

Die Bildungskosten müssen vom Bildungswesen getragen und

die Lebenshaltungskosten über Stipendien finanziert werden.

Die Sozialhilfe soll lediglich die nicht anderweitig finanzierbare

Lebenshaltung übernehmen. Dies hat auch zur Folge, dass die

betroffenen Personen auf ihrem Qualifizierungsweg nicht primär

Sozialhilfebeziehende, sondern Lernende sind. Die Sozialdienste

und Sozialämter stellen ihren Bildungsbedarf fest, suchen mit ihnen

geeignete Angebote und sind Begleiter auf dem Bildungsweg.

Die Bildungsarbeit findet jedoch im Bildungswesen statt. Dies

bedingt sowohl einen Paradigmenwechsel in der Sozialhilfe wie

auch im Bildungssystem.

Paradigmenwechsel in der Sozialhilfe

Die Sozialhilfe hat neben der Existenzsicherung den Auftrag, die

berufliche und soziale Integration bedürftiger Menschen zu gewährleisten.

Dies ist insbesondere für Menschen zentral, die über

längere Zeit auf Sozialhilfe angewiesen sind. Wenn sich die berufliche

Integration in den regulären Arbeitsmarkt als unmittelbar

schwierig erweist, werden Sozialhilfebeziehende oft in Angebote

des zweiten Arbeitsmarktes gewiesen. Theoretisch dienen diese als

Sprungbrett für den regulären Arbeitsmarkt. In Wirklichkeit erweisen

sie sich oft als langfristige Lösung ohne Perspektive, weil

die Massnahmen nicht in ein individuell zugeschnittenes Bildungsprogramm

mit entsprechender Begleitung (Coaching) eingebettet

sind.

Daher ist in der Sozialhilfe ein Paradigmenwechsel notwendig.

Mit «Bildung statt Beschäftigung» ist gemeint, dass die Sozialhilfebeziehenden

nahe am regulären Arbeitsmarkt weitergebildet

statt im zweiten Arbeitsmarkt beschäftigt werden müssen. Dies

gilt nicht erst für die berufliche Qualifizierung oder Berufsbildung,

sondern bereits für das Erlernen der Grund-, Schlüsselund

Alltagskompetenzen. Eine solch zielgerichtete und begleitete

Bildung ist die Voraussetzung für die berufliche und gesellschaftliche

Integration.

SCHWERPUNKT 4/17 ZeSo

15


Künftig soll die Stärkung der Bildung von ungenügend qualifizierten

Bezügerinnen und Bezügern in vier Schritten erfolgen:

1) Am Anfang steht eine fundierte Abklärung der individuellen

Fähigkeiten und Fertigkeiten einschliesslich der Grund-,

Schlüssel- und Alltagskompetenzen (Assessment).

Finanzierung von Aus- und Weiterbildung

durch die Sozialhilfe

Die Sozialhilfe dient der Existenzsicherung und kann daher – subsidiär

zu anderen Finanzierungsquellen – den Lebensunterhalt

während einer Aus- oder Weiterbildung sichern. Eine umfassende

Förderung ist jedoch aufgrund der aktuellen SKOS-Richtlinien nicht

vorgesehen.

Erstausbildung bei Volljährigen (H.6)

Eine Erstausbildung fällt grundsätzlich in die Unterhaltspflicht

der Eltern. Diese Unterhaltspflicht besteht auch dann, wenn eine

volljährige Person ohne angemessene Ausbildung ist (Art. 277 Abs.2

ZGB). Kann den Eltern nicht zugemutet werden, für Unterhalt und

Ausbildung ihres volljährigen Kindes aufzukommen, und reichen die

Einnahmen (Lohn, Stipendien, Beiträge aus Fonds und Stiftungen

usw.) nicht aus, um den Unterhalt und die ausbildungsspezifischen

Auslagen zu decken, kann die Sozialbehörde eine ergänzende Unterstützung

ausrichten.

Zweitausbildung und Umschulung (H.6)

Beiträge an eine Zweitausbildung oder Umschulung können nur geleistet

werden, wenn mit der Erstausbildung kein existenzsicherndes

Einkommen erzielt werden kann und wenn dieses Ziel voraussichtlich

mit der Zweitausbildung oder Umschulung erreicht wird. Ebenso

ist eine Zweitausbildung oder Umschulung zu unterstützen, sofern

damit die Vermittlungsfähigkeit der betroffenen Person steigt.

Fort- und Weiterbildung (H.6)

Die Kosten von beruflichen Fort- und Weiterbildungsmassnahmen

sowie von persönlichkeitsbildenden Kursen können im individuellen

Unterstützungsbudget berücksichtigt werden, wenn diese zur

Erhaltung bzw. zur Förderung der beruflichen Qualifikation oder der

sozialen Kompetenzen beitragen.

Situationsbedingte Leistungen (C.1.2.)

Die im Zusammenhang mit Schul-, Kurs- oder Ausbildungsbesuch

entstehenden Kosten werden nach SKOS-Richtlinien über die SIL

finanziert, soweit sie nicht im Grundbedarf enthalten sind oder über

Stipendien gedeckt werden können.

Kantonale Programme

Derzeit ist es nur in wenigen Kantonen möglich, einen Berufsabschluss

über die Sozialhilfe nachzuholen. Eine Vorreiterrolle nimmt

der Kanton Waadt mit seinen Programmen FORJAD und FORMAD

ein, die erwachsenen Sozialhilfebeziehenden ermöglichen, eine

berufliche Grundbildung zu erlangen. Dabei werden sie bei ihrer Ausbildung

jedoch nicht durch die Sozialhilfe, sondern durch Stipendien

unterstützt. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt der Kanton Basel-Stadt

mit dem Projekt «Enter» (vgl. ZESO-Artikel S.17-18).

2) Aufgrund der Abklärung bestimmen die Betroffenen, von Fachleuten

beraten und begleitet, ihr eigenes Bildungsziel. Dieses

kann über mehrere Stufen zu erreichen sein. Zielbezogen wird

so ein individueller Bildungsplan erstellt.

3) Anhand des Bildungsplans suchen die Betroffenen mit Unterstützung

von Fachpersonen das geeignete Bildungsangebot.

Der zuständige Sozialdienst hilft beim Aufstellen des Budgets

und der Absprache mit der Stipendien-Stelle.

4) Die betroffene Person wird auf dem gesamten Bildungsweg begleitet,

gecoacht und gefördert. Die Verantwortung bleibt bei

der Sozialhilfe, bis das Bildungsziel erreicht ist und ein Einstieg

in die Arbeitswelt erfolgt.

Paradigmenwechsel im Bildungssystem

Das Bildungssystem ist heute auf Personen ausgerichtet, welche

die obligatorische Schule erfolgreich absolvieren, anschliessend in

jungen Jahren eine Berufsausbildung abschliessen und im Verlauf

des Berufslebens allenfalls berufsbegleitende Weiterbildungen besuchen.

Sie erwerben in der Volksschule die Grundkompetenzen,

in der beruflichen Grundbildung die nötigen Fähigkeiten und Fertigkeiten

für die Arbeitswelt und damit die Voraussetzungen, mit

deren laufenden Veränderungen Schritt zu halten.

Das Bildungssystem ist in der Sekundarstufe II und auf der

Tertiärstufe hochgradig durchlässig sowie verflochten. Es weist jedoch

zwei Mängel auf: Ohne Grund-, Schlüssel- und Alltagskompetenzen

– die in der Regel im Alter von 16 Jahren erworben sein

sollten – fehlen elementare Voraussetzungen für den Weg in die

Arbeitswelt, aber auch in weitere Bildungsbereiche. Und je älter jemand

ist, desto schwieriger wird es, offene Bildungswege zu gehen.

Für immer mehr Personen verläuft die Lern- und Erwerbsbiografie

nicht mehr linear. Diese Personen haben es im heutigen System

schwer, sich im Erwachsenenalter beruflich zu qualifizieren

oder gar einen Lehrabschluss (EFZ) nachzuholen.

Dies muss sich ändern:

• Es braucht mehr Weiterbildungsangebote zum Erwerb der

Grund-, Alltags- und arbeitsmarktlichen Schlüsselkompetenzen.

• Anerkannte Bildungsmöglichkeiten unterhalb des EBA und

EFZ-Niveaus müssen erweitert und die bestehenden Wege der

Berufsbildung durch modular aufgebaute berufsbegleitende

Qualifizierungskurse ergänzt werden.

• Die Anspruchskriterien für Stipendien müssen angepasst werden.

Auch Absolventen von Lehrgängen unterhalb des EFZund

EBA-Niveaus müssen ohne Altersgrenze Anspruch auf bedarfsgerechte

und existenzsichernde Beihilfen haben.

Wichtig ist, dass die neu aufzubauenden oder auszuweitenden

Bildungsangebote aller Art örtlich zusammengefasst, einer bestehenden

Bildungseinrichtung eingegliedert oder angeschlossen

werden und sichtbar sind. Es ist keine Strafe und keine Schande,

sich zu bilden, egal in welchem Alter und auf welchem Niveau –

es ist eine Leistung, für das Individuum, die Gesellschaft und die

Wirtschaft.


Bettina Seebeck

Fachbereich Grundlagen der SKOS

16 ZeSo 4/17 SCHWERPUNKT


Bildung statt beschäftigung

«Enter» unterstützt Erwachsene bei der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz.

Von der Sozialhilfe in die Ausbildung

Bild: Keystone

Das Projekt «Enter» verhilft Sozialhilfebeziehende im Alter von 25 bis 40 Jahren im Kanton Basel-

Stadt zu einer Berufsausbildung und führt sie zurück in den Arbeitsmarkt. Die Begleitung, Beratung

und Organisation der materiellen Sicherung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer übernimmt dabei

das Bildungssystem.

Erwachsene Menschen ohne nachobligatorischen Abschluss arbeiten

sehr oft in Tieflohnstellen und instabilen Arbeitssituationen.

Ihre Integration in den Arbeitsmarkt ist prekärer und sie werden

häufiger erwerbslos und sind deshalb auf Sozialleistungen angewiesen.

Hinzu kommt, dass Personen ohne Berufsabschluss nur

begrenzt Anschluss an Weiterbildungsmöglichkeiten haben und

deshalb oft nicht mit den sich verändernden Anforderungen des

Arbeitsmarktes Schritt halten können. Im Kanton Basel-Stadt besteht

seit längerem ein grosses Engagement, um Jugendliche und

junge Erwachsene beim Erlangen eines Berufsabschlusses zu unterstützen

und die Jugendarbeitslosigkeit zu verringern. 2013 erarbeitete

eine interdepartementale Projektgruppe mit Vertretern

der Wirtschaft ein Konzept für Erwachsene ohne Bildungsabschluss

aus, das auf eine Win-win-Strategie abzielt. Bildungspolitisch

wird das Ziel verfolgt, die Anzahl Menschen mit einer nachobligatorischen

Ausbildung im Sekundarbereich II zu erhöhen.

Sozialpolitisch wird das Paradigma «Arbeit vor Bildung» der Sozialhilfe

teilweise aufgebrochen und Menschen aus der Sozialhilfe

eine weiterführende Perspektive geboten. Der Regierungsrat des

Kantons Basel-Stadt beschloss 2014 das Pilotprojekt «Enter» umzusetzen.

Die Innovation von «Enter» besteht aus dem Transfer der Teilnehmenden

von der Sozialhilfe in das Bildungssystem. Das Projekt

fokussiert auf Menschen der Sozialhilfe im Alter zwischen 25 und

40 Jahre, die über keinen anerkannten Berufsabschluss verfügen

und motiviert sind, diesen nachzuholen. Damit sollen Sie nachhaltig

in den Arbeitsmarkt integriert werden. Es wurde ein Phasenmodell

entwickelt, das primär von der Nutzung der bestehenden

kantonalen Berufsbildungsstrukturen ausgeht. In einer ersten

Phase wird die Zielgruppe systematisch aus der Sozialhilfe selektioniert

und an die Berufsberatung zur Entwicklung einer individuellen

Berufsbildungsstrategie weitergeleitet. Danach wird mit Unterstützung

der Ausbildungsvermittlung des Gewerbeverbandes

ein entsprechender Ausbildungsplatz gesucht. Nach erfolgter Akquisition

der Lehrstellen und Beginn der Ausbildungen findet der

Transfer der Teilnehmenden vom Sozial- in das Bildungssystem

statt. Die psychosoziale Betreuung sowie die Sicherung der materiellen

Existenz werden vom Bildungssystem geführt und verantwortet.

Die Sozialhilfe trägt lediglich die Kosten für den Lebensunterhalt

subsidiär zu Stipendien und Einkommen. Im Hintergrund

des Projekts steht der Vorstoss der Schweizerischen Konferenz für

Sozialhilfe (SKOS) aus dem Jahr 2011, der den Kantonen emp-

SCHWERPUNKT 4/17 ZeSo


17


Der Zugang zur beruflichen

Grundbildung ist anspuchsvoll

und marktgesteuert.

fiehlt, das Zusammenwirken von Sozialhilfe und Stipendienwesen

zu überprüfen und den Grundsatz «Stipendien vor Sozialhilfe»

umzusetzen. Nach erfolgter Ausbildung integrieren sich die Teilnehmenden

in den Arbeitsmarkt und lösen sich von den Unterstützungsstrukturen

und den Transferzahlungen. «Enter» steuert

und unterstützt die Personen im Gesamtprozess.

Hierzu ein kurzes Fallbeispiel: Frau D. wurde im September

2014 durch die Sozialhilfe Basel-Stadt dem Projekt «Enter» zugewiesen.

Ihre familiäre Situation mit zwei Kindern im Vorschulalter,

die sie als alleinerziehende Mutter fast ausschliesslich selber

betreut, hat dazu geführt, dass sie kaum qualifizierte Arbeit fand

und bis jetzt keine Ausbildung abschliessen konnte. Mit der Begleitung

durch das Projekt «Enter» konnten wichtige Schritte organisiert

werden: Betreuung der Kinder in Tagesstrukturen, Erstellen

eines umfassenden Bewerbungsdossiers. Nach erfolgreicher

beruflicher Orientierung durch die Berufsberatung Basel-Stadt

wurde Frau D. in ihrem Bewerbungsprozess zusätzlich durch die

Partner-institutionen von «Enter», der Lehrstellenvermittlung des

Gewerbeverbands Basel-Stadt sowie der Lehraufsicht Basel-Stadt,

in ihrer Suche nach einem Praxisbetrieb unterstützt. Trotz dem

Bemühen wollte sich vorerst kein Erfolg einstellen. Dank der Beharrlichkeit

von Frau D. und den Bemühungen der Mitarbeitenden

von «Enter» gelang es, trotz ihrer langen Abwesenheit vom

Arbeitsmarkt eine geeignete Stelle im Verkauf für den Start ihrer

Nachholbildung zu finden. Nach schwierigem Beginn verbesserte

sie ihre Noten an der Berufsfachschule stetig und sie wurde sogar

zur Klassensprecherin ernannt. Knapp zwei Jahre nach der Anmeldung

bei Enter hat Frau D. ihre Abschlussprüfung als Detailhandelsfachfrau

im Sommer 2016 erfolgreich abgelegt und konnte

an ihrer Stelle direkt weiter arbeiten. Dank ihres verbesserten Einkommens

konnte sie sich von der Sozialhilfe ablösen und führt

nun ein finanziell unabhängiges und selbstbestimmtes Leben.

Vom Phasen- zum Modulsystem

Organisatorisch ist «Enter» bei Gap – Case Management Berufsbildung

im Erziehungsdepartement angesiedelt. Am Projekt beteiligt

sind zudem die Sozialhilfe, das Arbeitsintegrationszentrum

Basel, die Sozialhilfe Riehen, die Berufsberatung Basel-Stadt, die

Ausbildungsvermittlung des Gewerbeverbandes Basel-Stadt sowie

das Amt für Ausbildungsbeiträge Basel-Stadt.

Um die erste Wirkung von «Enter» zu überprüfen, hat das Büro

für Arbeits- und sozialpolitische Studien BASS AG eine Evaluation

über das Projekt erstellt. Aufgrund der positiven Ergebnisse

und den bisherigen Erfahrungen beschloss der Regierungsrat

des Kantons Basel-Stadt im Oktober 2016, «Enter» von der Pilot-

in eine fünfjährige Projektphase zu überführen. Gleichzeitig

wurden auch inhaltliche Anpassungen beschlossen sowie eine

Ausweitung der Zielgruppe ins Konzept aufgenommen. So ist es

möglich, bei ausgewiesener Zulassung und Eignung eine Ausbildung

im tertiären Bereich zu absolvieren. Zudem können auch

Personen ohne Sozialhilfebezug die Dienstleistung von «Enter»

zwecks Absolvierung einer Nachholbildung in Anspruch nehmen,

sofern eine Mehrfachproblematik vorliegt. Konzeptionell

wurde verankert, dass «Enter» das bisherige Phasenmodell in

ein Modulsystem abändert. Dies, um individueller auf die Bedürfnisse

der einzelnen Teilnehmenden eingehen zu können.

Es gibt verschiedene Wege, einen Berufsabschluss nachzuholen.

Nebst der klassischen Berufslehre mit eidgenössischem

Fähigkeitszeugnis (EFZ) und eidgenössischem Berufsattest

(EBA), gibt es auch das Validierungsverfahren nach Artikel

31 des Berufsbildungsgesetzes (BBV) sowie die Nachholbildung

nach Artikel 32 (BBV). Im Konzept sind alle

möglichen Wege vorgesehen, welche abgestimmt auf die individuelle

Situation der teilnehmenden Person ausgewählt werden.

Kein Massenprodukt

Zurzeit absolvieren 52 Personen eine Ausbildung. Bisher sind 77

Personen in eine Ausbildung eingestiegen, 13 haben diese bereits

erfolgreich abgeschlossen und 12 haben ihre Ausbildung abgebrochen.

Mehr als die Hälfte der Ausbildungsabbrechenden konnten

jedoch von der Sozialhilfe abgelöst werden konnten, da sie über

«Enter» eine Arbeitsstelle fanden. Die Mehrheit von gut zwei Dritteln

der «Enter»-Teilnehmenden in Ausbildung absolvieren eine

Lehre auf Niveau EFZ. Per Sommer 2018 suchen bereits mehr als

35 eine Lehrstelle.

Mit 48 Prozent hat der grösste Teil der angemeldeten Personen

bei «Enter» das gesamte Schulsystem in der Schweiz durchlaufen.

Die meisten von ihnen wurden in der Schweiz geboren. Die

zweitgrösste Gruppe (38 Prozent) umfassen die spät eingereisten

Personen, welche erst nach Abschluss der Schulzeit in die Schweiz

migriert sind beziehungsweise in den letzten fünf Jahren in die

Schweiz einreisten. Im Vergleich mit den übrigen Personen findet

aber auch diese Personengruppe im gleichen Masse eine Lehrstelle

wie diejenigen, welche die gesamte Schulzeit in der Schweiz

durchlaufen haben. Die übrigen sind während der obligatorischen

Schulzeit in die Schweiz gezogen.

«Enter» ist kein Massenprodukt, das belegen die Zahlen. Dies

hat verschiedene Gründe: Der Zugang in die berufliche Grundbildung

ist anspruchsvoll und marktgesteuert. Personen aus der Sozialhilfe

sind diesem Markt ausgesetzt und stehen in direkter Konkurrenz

mit Jugendlichen und weiteren Marktteilnehmenden. Sie

haben erschwerte Voraussetzungen; später Zuzug in die Schweiz,

dysfunktionale Bildungsbiografien sowie belastete psychosoziale

Lebenslagen sind nur einige Gründe dafür. Weitere Gründe sind

das fehlende Betreuungsangebot für Alleinerziehende, die fehlende

Passung zwischen Angebot und Nachfrage bei den Lehrstellen

sowie die langfristige Bindung an eine Ausbildung von bis zu

vier Jahren. Hinzu kommt, dass die mangelnde Sprachkompetenz

oftmals eine zu hohe Hürde darstellt. In diesem Kontext ist «Enter»

als äusserst erfolgreich zu werten, aber als eines von vielen Instrumenten

für eine nachhaltige Arbeitsintegration zu verstehen. •

Silvan Surber

Erziehungsdepartement Basel-Stadt, Projektleiter «Enter»

18 ZeSo 4/17 SCHWERPUNKT


Zweite Chance auf Erstausbildung –

unabhängig vom Alter

bildung statt beschäftigung

Im Januar 2018 schreibt die Stanley Thomas Johnson Stiftung zusammen mit einer breitangelegten

Trägerschaft des Kantons Bern den zweiten Durchgang des Projekts «2. Chance auf eine 1.

Ausbildung» aus. Das Projekt finanziert motivierten Personen, die nicht über genügend eigene Mittel

verfügen, einen Berufsabschluss.

In der Schweiz haben über 400 000 Menschen im Alter von 25

bis 54 Jahren keine abgeschlossene erste Berufsausbildung. Unausgebildete

Erwachsene sind häufiger arbeitslos und überdurchschnittlich

viele arbeiten in Tieflohnstellen. Die gesellschaftliche

Entwicklung und der gestiegene Anteil von Personen ausländischer

Herkunft führen zunehmend zu heterogenen Berufs- und

Bildungslaufbahnen. Die Aus- und Weiterbildung von Erwachsenen

ist deshalb aus wirtschafts-, gesellschafts- und sozialpolitischer

Sicht von immenser Bedeutung. Dies bewog die Stanley Thomas

Johnson Stiftung dazu, das Projekt «2. Chance auf eine 1. Ausbildung»

ins Leben zu rufen, das Erwachsenen ermöglicht, eine Berufsbildung

nachzuholen. Das Projekt, das als Kooperation zwischen

der Stiftung und dem Kanton Bern funktioniert, hat

schweizweit Pioniercharakter.

Auf die Ausschreibung des Pilotprojekts im Frühling 2016

bewarben sich 200 Personen. Voraussetzungen für eine Teilnahme

waren unter anderem ungenügende finanzielle Mittel gemäss

SKOS-Richtlinien, Wohnsitz im Kanton Bern und ein Mindestalter

von 25 Jahren. Die regionalen Berufs- und Informationszentren

(BIZ) wählten 130 Personen für ein Erstgespräch aus. 34

Personen schafften es ins Programm. Gut drei Viertel der selektionierten

Personen starteten diesen Herbst mit der Ausbildung. Für

die restlichen Projektteilnehmenden werden noch individuelle

Lösungen gesucht. Der meist gewählte Ausbildungsweg ist eine

Lehre auf Sekundarstufe II (eidgenössisches Fähigkeitszeugnis

EFZ oder eidgenössisches Berufsattest). In Ausnahmefällen finanziert

das Projekt den Teilnehmenden ein von der Berufsbranche

anerkannter Abschluss oder gar ein Abschluss auf Tertiärstufe. Zu

den vom Projekt übernommenen Leistungen gehören neben den

Ausbildungs- auch die Lebenshaltungskosten. Im Januar 2018

wird der zweite Durchgang des Projektes ausgeschrieben.

Coaching und Empowerment als A und O

Während der Lehrstellensuche und der Ausbildungsphase betreuen

erfahrene Coaches bei Bedarf die Projektbeteiligten. Dieses Setting

hilft den Teilnehmenden bei der Lehrstellensuche, gibt ihnen

während der Ausbildung einen Rückhalt und bietet bei allfälligen

Schwierigkeiten und Problemen eine Beratung. Das Coaching findet

meistens in Gruppen statt. Die Gruppe dient als zusätzliche

Motivationsquelle und zum Informations- und Erfahrungsaustausch.

Bei Bedarf kann auch die Arbeitgeberin mit dem Coach in

Kontakt treten. Durch die Einführung eines «2.-Chance-Vorkurses»

im Nachfolgeprojekt können künftig die Projektteilnehmenden

ihre Schulbildung und ihre Lern- und Stresskompetenz

ausbauen. Der Kurs möchte zudem die Familien der Projektteil-

Das Coaching erhöht die Erfolgschancen der Ausbildung.

nehmenden in den Prozess einbeziehen und auf die Ausbildungszeit

vorbereiten. Der Vorkurs ergänzt das Coaching-Setting und erhöht

die Chancen auf einen Ausbildungserfolg. Dieser neue Kurs

in französischer und deutscher Sprache wird von der Erziehungsdirektion

finanziert und in Partnerschaft mit einem Berufsbildungszentrum

realisiert.

Die breitangelegte kantonale Trägerschaft hat den volkswirtschaftlichen

Nutzen des Projekts erkannt und untermauert die

Einmaligkeit des Projekts. Dank der neuen finanziellen Partnerschaft

mit der Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) kann

das Nachfolgeprojekt eine grössere Teilnehmerzahl aufnehmen,

denn die GEF übernimmt die Lebenshaltungs- und Ausbildungskosten

der Hälfte der Projektteilnehmenden (d.h. von 25 der 50

Teilnehmenden). Zudem wird sich die GEF zu 50 Prozent an den

Projektkoordinations- und Betriebskosten beteiligen. Auch die

Partnerschaft mit dem BIZ ist unverzichtbar: Ohne sie hätte keine

so professionelle und effiziente Vorselektion der Teilnehmenden

stattfinden können. Im Nachfolgeprojekt wird diese Kooperation

noch ausgebaut und professionalisiert.


SCHWERPUNKT 4/17 ZeSo

Bild: Keystone

Danièle Héritier

Projektkoordination «2. Chance auf eine 1. Ausbildung»


Bildungsmassnahmen auf den ersten

Arbeitsmarkt ausrichten

Der Sozialdienst der Stadt Dietikon legt den Fokus auf die rasche Integration in den ersten

Arbeitsmarkt. Auch die Bildungs- und Beschäftigungsmassnahmen für die Klientinnen und Klienten

werden auf dieses Ziel ausgerichtet. In der 2016 geschaffenen Fachstelle Arbeitsintegration sind

dafür spezialisierte Fachkräfte angestellt.

Zum Zeitpunkt des Intakes sind die Antragstellenden der Sozialhilfe

oft noch nicht lange aus dem ersten Arbeitsmarkt ausgeschieden

und ihre Motivation und Chancen noch intakt. Die Situationsklärung,

die Abklärung des Anspruchs auf Sozialhilfe sowie die

Geltendmachung von subsidiären Leistungen beanspruchen jedoch

viel Zeit und Ressourcen. Das Thema Arbeitsintegration

kommt häufig zu kurz. Zudem liegen die Kernkompetenzen der

Sozialarbeitenden nicht in diesem Bereich. Bis zur Einführung einer

spezifischen Fachstelle stand die Arbeitsintegration auch im

Sozialdienst Dietikon nicht im Vordergrund. Das Thema wurde

erst in einem zweiten Schritt mit verschiedenen externen Anbietern

(meist aus dem zweiten Arbeitsmarkt) angegangen.

Der erste Arbeitsmarkt muss aber in der Sozialhilfe präsenter

werden und das oberste Ziel der Integration sein. Deshalb wurden

in Dietikon die bestehenden internen Angebote reorganisiert und

der Entscheid gefällt, dass es für das komplexe Feld der Arbeitsintegration

zwingend spezialisierte Fachkräfte braucht. Per 1.

Januar 2016 ist die Fachstelle Arbeitsintegration geschaffen und

in den Büroräumlichkeiten der Sozialhilfe eingegliedert worden.

Die Mitarbeitenden der Fachstelle stammen beruflich aus der

Personalvermittlung im ersten Arbeitsmarkt und der klassischen

Arbeitsintegration. Es sind bewusst keine Sozialarbeitenden für

diese Funktion eingestellt worden, um den Fokus auf das Thema

Arbeit zu richten.

Bildungsbedarf abklären

Heute werden alle Antragstellenden unmittelbar nach dem ersten

Kontakt im Intake mit der Fachstelle Arbeitsintegration vernetzt.

Die Fachstelle plant mit den Antragstellenden anschliessend die

notwendigen Schritte für die Arbeitsintegration. Zur Visualisierung

werden Integrationspläne eingesetzt, die das berufliche Ziel

wie auch die notwendigen Zwischenschritte aufzeigen. Es wird

eruiert, welche Weiterbildungen oder Nachholbildungen für eine

rasche und nachhaltige Integration notwendig sind. Diese Abklärung

wird unter der Berücksichtigung des Grundsatzes der Subsidiarität,

Wirtschaftlichkeit und Zweckmässigkeit durchgeführt. Es

wird darauf geachtet, dass die Personen in der Sozialhilfe nicht

besser gestellt werden als Arbeitslose auf dem freien Markt. Die

Prüfung und die Umsetzung der Massnahmen erfolgt jeweils im

Austausch mit den zuständigen Sozialarbeitenden und erfordern

oft einen regen Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern und anderen

Partnern, beispielsweise mit dem BIZ (Berufs- und Informationszentrum).

Um Doppelspurigkeiten zu vermeiden und eine

noch zeitnähere Bearbeitung zu ermöglichen, ist vorgesehen, dass

die Antragstellenden künftig bereits das erste Gespräch gemeinsam

mit einem Sozialarbeitenden und einem Mitarbeitenden der

Fachstelle Arbeitsintegration führen (vgl. Abbildung: Aktueller

Prozess & Abbildung 2: Geplanter Prozess).

Bei jungen Personen werden häufig Integrationspläne mit

einem Lehrstellenziel erarbeitet. Klienten mit ausländischen Diplomen

werden angeleitet, wie sie eine schweizerische Anerkennung

erreichen können. Weiter kann ein Bildungsbedarf entstehen,

wenn eine Klientin oder ein Klient aus gesundheitlichen

Gründen seinem erlernten oder langjährig ausgeübten Beruf nicht

mehr nachkommen kann. Im Falle eines negativen Entscheids der

IV wird eine gesundheitlich angepasste Umschulung aufgegleist.

Manchmal ist eine Beratung durch die Fachstelle zu alternativen

Jobprofilen bereits ausreichend.

Abbildung 1: Aktueller Prozess Intake und Arbeitsintegration

Intake

04.10.2017

Erster Kontakt

Intake

Antragsstellung

Schalter

Abgabe Antragsformular

Abgabe Gesprächstermin

11.10.2017 17.10.2017 27.10.2017 02.11.2017 10.11.2017 15.11.2017 15.12.2017

Zweiter Kontakt

Intake

Gespräch bei Sozialarbeitenden

Beurteilung

weiterer Verlauf

Triage Arbeitsintegration

Dritter Kontakt Intake

bei Anspruch

auf Sozialhilfe

Berücksichtigung

Erkenntnisse

Fachstelle

Erläuterung

Rechte / Pflichten,

Auszahlung

Weitere Kontakte

Intake bei Bedarf

Kontrolle Auflage /

Weisungen

Auszahlung

Unterstützung

Übergabe Beratung

Arbeitsintegration

Erster Kontakt

Fachstelle

Planung Arbeitsintegration

Lebenslauf überarbeiten

Zweiter Kontakt

Fachstelle

Weiterbearbeitung

Weitere Kontakte

Fachstelle

Weiterbearbeitung

Weitere Kontakte

Fachstelle

Weiterbearbeitung

20 ZeSo 4/17 SCHWERPUNKT


«Betroffene finden den Weg in

einen Kurs meistens nicht selbst»

NACHGEFRAGT Sozialarbeitende spielen als Vermittlerpersonen eine wichtige Rolle in der

Förderung von Grundkompetenzen, sagt Brigitte Aschwanden, Geschäftsführerin des

Vereins Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz. Oft sei es aber nicht einfach, das Problem zu

erkennen und bei den Klienten anzusprechen.

ZESO: Frau Aschwanden, in der Schweiz haben schätzungsweise

rund 800 000 Menschen eine Lese- und Schreibschwäche. Andere

haben Schwierigkeiten Rechenaufgaben zu lösen oder mit dem

Computer umgehen. Warum fehlt es so vielen Menschen an

Grundkompetenzen?

Brigitte Aschwanden: Die Ursachen dafür sind vielfältig und

reichen von zu wenig Förderung in der Schule über visuelle und

auditive Probleme und schwierige Lebensverhältnisse bis zu

genetischen Gründen.

Welche Menschen sind betroffen?

Man hört immer wieder, dass vor allem junge Leute nicht

mehr richtig lesen und schreiben können. Das Gegenteil ist

der Fall: Die grössten Lücken haben Personen zwischen 55

bis 65 Jahren oder noch ältere. Bei ihnen ist die Schulzeit und

Ausbildung lange her und sie haben viele Kompetenzen wieder

verlernt. Weiter sind eine geringe Ausbildung und ein bildungsferner

familiärer Hintergrund Risikofaktoren. Tatsache ist, dass

Lesen und Schreiben enorm komplexe Prozesse sind und die

Anforderungen im Arbeitsalltag in den letzten Jahren gestiegen

sind.

Ihr Verein führt Sensibilisierungsveranstaltungen zu

Grundkompetenzen für Fachpersonen aus Sozialen Diensten, RAV,

Bildungsinstitutionen etc. durch. Warum ist das nötig?

Personen mit mangelnden Grundkompetenzen finden den

Weg in einen Kurs meistens nicht selbst, sondern durch Unterstützung

von Drittpersonen. Sogenannte Vermittlerpersonen

spielen deshalb eine grosse Rolle in der Grundkompetenzförderung.

In den genannten Institutionen arbeiten Personen,

die regelmässig in direktem Kontakt mit Betroffenen stehen.

Unser Kernanliegen ist, Vermittlerpersonen zu informieren und

mit falschen Vorstellungen aufzuräumen: Etwa, dass Illetrismus

dasselbe sei wie Analphabetismus oder dass das Problem

nur Migranten betreffe. Die Veranstaltungen sollen die Fachpersonen

zudem befähigen, Betroffene anzusprechen und zu

unterstützen.

Brigitte Aschwanden

Brigitte Aschwanden ist seit neun Jahren Geschäftsführerin

des Vereins Lesen und Schreiben

Deutsche Schweiz. Die 53-Jährige hat einen

Abschluss lic. phil I (Slavistik, Osteuropäische

Geschichte und Völkerrecht) und unter anderem

Weiterbildungen im Bereich Projektmanagement

und Organisationsentwicklung absolviert.

Wie ist Ihre Erfahrung – wird auf Sozialdiensten erkannt, wenn einem

Klienten oder einer Klientin Grundkompetenzen fehlen?

Es ist nicht immer einfach, das Problem zu erkennen. Oft

wird es nur bei den ganz Schwachen erkannt, die beispielsweise

auf der Buchstaben-Ebene Mühe haben. Aber die Bandbreite

ist viel grösser: Es gibt Betroffene, die können relativ problemlos

Texte lesen und verstehen, jedoch nur ganz einfache Sätze

ohne Nebensätze schreiben. Es besteht aber auch nicht der

Anspruch an die Sozialberatenden, dass sie das Ausmass der

mangelnden Grundkompetenzen beurteilen müssen. Dafür

gibt es Fachleute, an die man die Klienten weitervermitteln

kann. Wichtig ist, dass bei gewissem Verhalten an ein potenzielles

Problem in diesem Bereich gedacht wird. Will ein Klient

beispielsweise die Formulare immer mit nach Hause nehmen,

um sie auszufüllen? Sagt eine Klientin wiederholt, sie habe die

Brille vergessen? Ein Anzeichen kann auch Widerstand bei administrativen

Dingen oder Bildungsangeboten sein.

Wenn man mangelnde Grundkompetenzen vermutet, was ist der

nächste Schritt?

Viele Personen haben Respekt davor, ihre Vermutung bei

den Klienten anzusprechen. Denn es ist nach wie vor ein Tabuthema,

hier zur Schule gegangen sein und mit Lesen oder

Schreiben dennoch Probleme zu haben. Die Betroffenen leiden

zum Teil massiv darunter und schämen sich dafür. Bei

manchen weiss nicht mal die Partnerin oder der Partner vom

Problem. Aber Fachleute in beratenden Funktionen haben ja

auch sonst viele schwierige und persönliche Themen, die sie

22 ZeSo 4/17 SCHWERPUNKT


ildung statt beschäftigung

Verein Lesen und Schreiben

Deutsche Schweiz

Der Verein Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz setzt sich dafür

ein, dass alle Menschen einen sicheren Umgang mit der Schriftsprache

erlangen können. Seit 2010 führt der Verein gezielte Informations-

und Sensibilisierungsveranstaltungen für die Öffentlichkeit

und Vermittlerpersonen durch. Die kostenlosen Veranstaltungen

bieten Institutionen die Möglichkeit, sich mit dem Thema Illetrismus

auseinanderzusetzen und konkrete Handlungsmöglichkeiten zu

lernen.

www.lesenschreiben-d.ch

Lücken lassen sich im Arbeitsalltag häufig verstecken. Beim

Lesen und Schreiben ist das fast unmöglich.

Bild: Béatrice Devènes

mit ihren Klientinnen und Klienten ansprechen müssen. Und

nach dem Ansprechen muss das konkrete Handeln folgen. Sozialberatende

sollen auf Kursangebote aufmerksam machen,

Kontakte vermitteln und im Idealfall die Kosten für die Bildungsangebote

übernehmen.

Sieht die Sozialhilfe die Förderung von Grundkompetenzen denn

überhaupt als ihre Aufgabe an?

Viele Sozialarbeitende sagen, dass Ihnen das Problem bewusst

ist. Aber es hängt immer vom jeweiligen Sozialdienst ab,

welches Gewicht dem Thema gegeben wird. Erstaunlich finde

ich, dass bei Migrantinnen und Migranten bei den Sprachkenntnissen

sehr genau hingeschaut wird, während eine ähnliche

Standortbestimmung bei anderen Personen oft nicht stattfindet.

Aber die Klientel der Sozialhilfe hat oft verschiedene Probleme.

Es ist verständlich, dass die Sozialarbeitenden sich zuerst

darum kümmern müssen, dass jemand eine Wohnung hat

oder psychisch stabilisiert werden kann etc. Dennoch müssen

Grundkompetenzen ein wichtiges Thema für die Sozialdienste

sein. Lücken in diesem Bereich erschweren die Arbeitsintegration

ungemein. Und dieses Problem wird sich weiter verschärfen.

Niedrigqualifizierte Personen werden zunehmend aus

dem Arbeitsmarkt verdrängt und mit mangelnden Grundkompetenzen

wird die Reintegration sehr schwierig. Anderweitige

Die Digitalisierung der Arbeitswelt verlangt auch nach anderen

Grundkompetenzen. Welche Herausforderungen ergeben sich

daraus?

Auch in einer digitalisierten Gesellschaft wird man immer

lesen und schreiben müssen. Aber in der Tendenz werden Jobs

sicher anspruchsvoller und es ist eine zusätzliche Medienkompetenz

gefragt. Bei der Definition, welche Grundkompetenzen

für die Digitalisierung notwendig sind, stehen wir noch am Anfang.

Muss man ein Smartphone anstellen können? Geht es

darum zu wissen, was ein Hypertext ist? Muss man lediglich

die Veränderungen einschätzen können?

Wo im Bereich Grundkompetenzen besteht Ihrer Meinung nach aktuell

der grösste Handlungsbedarf?

Grosse Priorität hat weiterhin die Sensibilisierung. In der

Schweiz werden bisher schätzungsweise weniger als 1 Prozent

der Betroffenen mit Angeboten erreicht. Das liegt einerseits

daran, dass viele nicht wissen, dass es diese Angebote gibt.

Andererseits gibt es diejenigen, die sich selber nicht als Betroffene

wahrnehmen oder sich dafür schämen. Um das zu ändern,

müssen wir weiterhin auf allen Ebenen und durch die verschiedensten

Kanäle für das Thema sensibilisieren. Die Angebote

müssen wir noch verstärkt auf IKT (Informations- und Kommunikationstechnologien)

ausweiten. Grundsätzlich ist nach wie

vor die Finanzierungsfrage aktuell. Der im Bundesgesetz über

Weiterbildung für die Grundkompetenzen vorgesehene Teil von

rund 25 Millionen Franken ist im Verhältnis zu den in der BFI-

Botschaft gesprochenen 26 Milliarden bescheiden, wenn man

sich vor Augen führt, wie viele Menschen betroffen sind. •

SCHWERPUNKT 4/17 ZeSo

Das Gespräch führte

Regine Gerber

23


Wie Betriebe Mitarbeitende ohne

Berufsabschluss fördern können

Wer in der Schweiz ohne Berufsabschluss arbeitet, lebt gefährlich. Doch die Situation ist nicht aussichtslos.

Die Studie «Chancengeber» des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung zeigt erfolgreiche

Beispiele der Nachholbildung und gibt Empfehlungen an die Akteure, wie sie gelingen kann.

14 Prozent der Schweizer Erwerbsbevölkerung verfügen nicht

über einen Berufsabschluss. 69 Prozent dieser Gruppe gehen jedoch

einer festen Arbeit nach. Auf dem Arbeitsmarkt sind sie benachteiligt

und tragen ein hohes Risiko, arbeitslos zu werden. Ein

Wiedereinstieg ohne Berufsabschluss ist nachweislich schwierig.

Neben den privaten Konsequenzen für die Betroffenen verursacht

diese Situation auch hohe volkswirtschaftliche und gesellschaftliche

Kosten. Die Studie «Betriebe als Chancengeber» des Schweizerischen

Verbands für Weiterbildung (SVEB) untersuchte zwischen

2015 und 2017, wie der erwerbstätige Teil der Erwachsenen ohne

Berufsabschluss über die Strukturen der Betriebe erreicht und

zu einem Abschluss geführt werden kann.

Das Ziel der Studie war es festzustellen, welche Faktoren in den

Betrieben und welche überbetrieblichen Rahmenbedingungen

dazu führen, dass dieser Bildungsweg wahrgenommen wird und

erfolgreich verläuft. Dazu wurden in zehn Betrieben aus fünf verschiedenen

Branchen und allen drei Sprachregionen Fallstudien

durchgeführt. So beschreibt die Studie den Fall eines 34-jährigen

Mitarbeiters eines Hotels mit drei Restaurants, der das Eidgenössische

Fähigkeitszeugnis (EFZ) Restaurationsfachmann absolviert

hat. Gleichzeitig stand ein 36-jähriger Mitarbeiter desselben Betriebs

zum Zeitpunkt der Befragung kurz vor dem Abschluss eines

Eidgenössischen Berufsattests (EBA) Küchenangestellter. Für

beide Mitarbeiter hat sich bisher die Arbeit durch den Abschluss

beziehungsweise den Weg dahin nicht verändert. Doch sie fühlen

sich fachlich sicherer und mehr respektiert.

Anders sieht dies bei einer Pflegeassistentin und einem Pflegeassistenten

aus, die in einer Institution aus dem Gesundheitsbereich

mit 6700 Beschäftigten aus 86 verschiedenen Ländern tätig

sind. Sie haben im Rahmen eines Ausbildungsvertrages den Abschluss

EFZ Fachfrau/-mann nachgeholt, nachdem sie bereits 13

beziehungsweise 26 Jahre bei dem Betrieb gearbeitet hatten. Beide

Mitarbeiter fühlen sich mit einem Berufsabschluss fachlich sicherer und mehr respektiert.

Bild: Keystone

24 ZeSo 4/17 SCHWERPUNKT


ildung statt beschäftigung

konnten die Ausbildung dank abnehmender familiärer Verpflichtungen

in Angriff nehmen. Ihnen stand während der Ausbildung

eine Bezugsperson zur Seite, sie konnten die Berufsfachschule

während der Arbeitszeit besuchen und teilweise auch während der

Arbeitszeit lernen. Ihr Lohn wurde vollumfänglich weiter bezahlt.

Durch den Abschluss haben sie eine höhere Lohnstufe erreicht.

Dies entsprach auch ihrer ursprünglichen Motivation genauso wie

dem Wunsch, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Betriebliche Ebene

Die Gründe für die Betriebe, Mitarbeiter ohne Berufsabschluss zu

fördern, sind durchaus verschieden. Das Hotel legt starken Wert

darauf, als einer der besten Arbeitgeber der Branche zu gelten. Entsprechend

investiert es in die Nachholbildung. Weniger entscheidend

war hier der Fachkräftemangel. Der Pflegebetrieb wiederum

lebt eine strukturierte Weiterbildungskultur. Es gibt ein Budget

für die Nachholbildung, das für Mitarbeitende reserviert ist, die

den Aufnahmeprozess dafür bestehen. Darüber werden sowohl die

Ausbildung als auch der Lohn und Schulmaterialien bezahlt. Welche

Mitarbeitenden so gefördert werden, hängt von den Mitarbeitergesprächen

mit den Vorgesetzten und deren Empfehlungen ab.

Obwohl Faktoren wie Prestige oder etablierte Strukturen für

Nachholbildung entscheidend sein können, spielen auf der betrieblichen

Ebene Arbeitsmarktengpässe eine wichtige Rolle, wenn

es um die Förderung von Personen ohne Berufsabschluss geht. Die

Studie hat gezeigt: Je ausgeprägter der Fachkräftemangel in einer

Branche ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Beschäftigte

die Chance bekommen, einen Abschluss nachzuholen.

Auch die Bildungsinfrastruktur und die betriebliche Lernkultur

sind massgeblich. Betriebe, die Lehrlinge ausbilden und über eine

entsprechende Infrastruktur verfügen, haben eine gute Basis für

die Förderung der Nachholbildung. Nur so können die Vorgesetzten

die Mitarbeiter bei allen Abläufen und Formalitäten unterstützen.

Und natürlich spielt die Beziehung zum Arbeitnehmden eine

zentrale Rolle. Langfristige Bindungen sind ein entscheidender

Faktor für eine Förderung, wie es exemplarisch im Gastrobetrieb

beobachtet werden konnte.

Zusammenspiel der Akteure

Die Berufsbildung ist gemäss Berufsbildungsgesetz eine gemeinsame

Aufgabe von Bund, Kantonen und Anbietern der Berufsbildung,

den sogenannten Organisationen der Arbeitswelt (OdA).

Den Kantonen obliegt die Umsetzung und Aufsicht über die Berufsbildung.

Die OdA verantworten Bildungsinhalte, Ausbildungsplätze

und Qualifikationsverfahren. Der Bund agiert subsidiär

und übernimmt die strategische Steuerung sowie die

Qualitätssicherung. In diesem Zusammenspiel tragen die drei Akteure

die Verantwortung für die Entwicklung erwachsenengerechter

Angebote und setzen die überbetrieblichen Rahmenbedingungen

für die Nachholbildung.

Die Unterstützung von OdA und Kantonen beim Erarbeiten

und Bereitstellen von Informationen zum Berufsabschluss für

Langfristige Bindungen

sind ein entscheidender

Faktor für eine Förderung.

Erwachsene ist eine wichtige Voraussetzung für das Engagement

der Betriebe. Sie senkt den Aufwand und erhöht so die Chancen,

dass sich Unternehmen für das Thema einsetzen. Zusätzlich können

Strukturen zur Beteiligung von Kantonen oder OdA an der

Finanzierung der Nachholbildung die Kosten für Betriebe und für

Kandidatinnen und Kandidaten abbauen und damit wichtige Anreize

schaffen. Durch das Vorhandensein erwachsenengerechter

Angebote können darüber hinaus die Motivation der Lernenden

gefördert und organisatorische Hürden abgebaut werden.

Ergänzend zu den Faktoren, die das Engagement für die Nachholbildung

fördern, wurden auch Bedingungen für deren erfolgreiche

Umsetzung festgehalten. Hier sind vor allem die Begleitung

und Beratung der Kandidatinnen und Kandidaten durch eine

Ansprechperson im Betrieb zu nennen sowie die Förderung der

Sprachkenntnisse und Grundkompetenzen als Vorbereitung für

Unterricht und Prüfungen.

Handlungsempfehlungen

Die Faktoren und Bedingungen, die aus der Praxis abgeleitet wurden,

werden in der Studie in Handlungsempfehlungen und Massnahmen

übersetzt. Sie bieten Anhaltspunkte dafür, was die zentralen

Akteure – Betriebe, OdA und Kantone – tun können, um die

Nachholbildung im Betrieb zu fördern und erfolgreich umzusetzen.

Den Betrieben wird empfohlen, ein auf sie zugeschnittenes

Konzept für die Nachholbildung zu erstellen. Anhand dessen

können sie die Mitarbeitenden informieren, begleiten und ihnen

Möglichkeiten schaffen, Lernen und Arbeiten ohne Lohneinbussen

zu verbinden. Auch die Förderung von Grundkompetenzen,

die eine Voraussetzung für den Berufsabschluss bilden, sollte dabei

berücksichtigt werden.

Den OdA und den Kantonen wird empfohlen, im Rahmen ihrer

Kompetenzen dazu beizutragen, dass erwachsenengerechte Nachholbildungsangebote

zur Verfügung stehen. Sie sind darüber hinaus

aufgefordert, nicht nur den Kandidatinnen und Kandidaten,

sondern insbesondere auch den Betrieben die nötigen Informationen

zur Verfügung zu stellen, damit sich diese möglichst effizient

engagieren können.


Ronald Schenkel

SVEB

Studie:

www.alice.ch/de/grundkompetenzen/mehr-zum-thema/


Reduktion der Falllast

verbessert Ablösequote und senkt

Unterstützungsdauer

FACHBEITRAG In einem

Pilotprojekt der Sozialberatung

Winterthur konnten die

Fallkosten gesenkt werden,

indem die Sozialarbeitenden

weniger Fälle bearbeiten. Nebst

den kurzfristigen Einsparungen

wurden höhere Ablösequoten

und eine durchschnittlich

kürzere Unterstützungsdauer

erreicht, wie eine aktuelle

Studie zeigt.

In den letzten Jahren ist die Falllast bei der

Sozialberatung der Stadt Winterthur stetig

gewachsen. Pro Vollzeitstelle in der sozialarbeiterischen

Fallführung lag die Anzahl

Fälle 2008 noch bei rund 90 Fällen, im Januar

2015 bereits bei 124 und im März

2017 bei 143 Fällen. Die durchschnittliche

Falllast von 140 und mehr Fällen pro

Vollzeitstelle in der Langzeitberatung ist

als sehr hoch einzustufen Die höheren

Fallzahlen entstehen nicht allein durch einen

verstärkten Zulauf zur Sozialhilfe, sondern

vor allem durch geringere Ablösungszahlen,

das heisst, dass Klientinnen und

Klienten länger in der Sozialhilfe verbleiben.

Um zu überprüfen, welche Auswirkungen

eine Fallreduktion auf die Fallkosten

und Ablösequote hat, wurden vom Gemeinderat

drei zusätzliche Vollzeitstellen

bewilligt. Die Sozialen Dienste der Stadt

Winterthur beauftragten das Departement

Soziale Arbeit der ZHAW, das Pilotprojekt

ab September 2015 während 18 Monaten

wissenschaftlich zu begleiten. Vor

Projektstart wurden drei bisherige Sozialarbeitende

der Sozialberatung Winterthur

ausgelost, welche die Experimentalgruppe

bildeten. Diese drei Sozialarbeitenden

hatten während der 18-monatigen Versuchsphase

eine maximale Falllast von

75 Fällen auf 100 Prozent, während die

übrigen Sozialarbeitenden mit der vollen

Falllast arbeiteten und die Kontrollgruppe

bildeten. Die Experimentalgruppe gab einen

Teil ihrer bisherigen Fälle nach Zufallsprinzip

bei Versuchsstart an die Kontrollgruppe

ab. Neue Fälle wurden ebenfalls

nach einem Zufallsverfahren zugewiesen.

Die Studie der ZHAW hat untersucht,

ob mit einer tieferen Falllast Klientinnen

und Klienten besser beraten und vermehrt

integriert werden können und sich so der

Einsatz von mehr sozialarbeiterischen

Ressourcen auszahlt. Die Studie umfasst

sowohl eine qualitative als auch eine

quantitative Analyse. In der quantitativen

Auswertung (statistische Berechnungen

bzgl. Einsparungen und Ablösequote/Aktenanalyse/Online-Befragung)

wurde die

Experimental- mit der Kontrollgruppe verglichen.

Im qualitativen Teil (regelmässige

Einzel- und Gruppeninterviews mit der

Experimentalgruppe) wurde vertieft analysiert,

wie die zusätzlichen Zeitressourcen

eingesetzt wurden.

Mehr Einnahmen, kürzere

Unterstützungsdauer

Die Ergebnisse der quantitativen Analyse

zeigen, dass die Klientinnen und Klienten

der Experimentalgruppe im Vergleich zur

Kontrollgruppe höhere Einnahmen durch

höhere Einkommen im ersten Arbeitsmarkt

sowie durch höhere Unterstützungsleistungen

Dritter (subsidiäre Leistungen

durch Unterhaltsbeiträge, Alimente, Stipendien,

Sozialversicherungen etc). erzielten.

Die Sozialhilfeausgaben bezüglich

Grundbedarf, Wohnkosten und Gesundheitskosten

lassen jedoch kaum Möglichkeiten

für Einsparungen zu. Die qualitative

Auswertung kam zum Schluss, dass insbesondere

die kontinuierliche, zielgerichtete

Fallarbeit zum positiven Resultat auf der

Einnahmeseite führte: Die drei Sozialarbeitenden

setzten die zusätzlichen Zeitres-

sourcen für den Klientenkontakt ein, um

die Betroffenen enger begleiten zu können.

Unter der hohen Falllast hingegen war weniger

Zeit pro Fall vorhanden. Dazu kamen

ständige «Notfallübungen» bei dringenden

Problemsituationen von Klientinnen und

Klienten. Gemäss den Interviews mit den

Sozialarbeitenden ging dies auf Kosten der

kontinuierlichen Fallarbeit.

Werden die durchschnittlichen Fallkosten

in den beiden Vergleichsgruppen

berechnet, wird ersichtlich, dass die Experimentalgruppe

durchschnittliche Einsparungen

von rund 1450 Franken pro Fall

und Jahr ausweisen kann. Rechnet man

diesen Betrag auf die Gesamtzahl von rund

2900 Fällen der Langzeitberatung hoch,

ergibt dies rund 4 Mio. Franken an jährlichem

Fallkosten-Einsparungspotenzial,

wenn alle Sozialarbeitenden mit maximal

75 Fällen pro 100 Stellenprozente arbeiten

könnten. Zu diesen kurzfristig realisierbaren

Einsparungen kommt noch zusätzliches

Einsparungspotenzial hinzu. Es

ist aufgrund der deutlich höheren Ablösequoten

und der kürzeren Unterstützungsdauer

zu vermuten (Experimentalgruppe:

21 Monate, Kontrollgruppe: 27 Monate),

dass die Sozialhilfequote gegenüber dem

Status quo auch längerfristig gesenkt werden

kann.

Neben diesen Einsparungen auf Ebene

der Fallkosten zeichnen sich weitere

positive Ergebnisse ab, die es in Folgeuntersuchungen

genauer zu erfassen gilt: Da

Klienten der Experimentalgruppe höhere

Erwerbseinkommen im regulären Arbeitsmarkt

erzielt haben, stellt sich die Frage,

ob sie auch längerfristig ihre Chancen in

der Arbeitswelt erhalten beziehungsweise

verbessern und sich nachhaltig von der Sozialhilfe

ablösen können.

Besserer Klientenkontakt, mehr

Berufszufriedenheit

Die drei Sozialarbeitenden des Pilotprojekts

verwendeten die zusätzlichen Zeitressourcen

insbesondere um:

26 ZeSo 4/17


Zeitnahe und passende Aktivierung sowie

allenfalls intensivere Beratung führen

zu höherer Ablösequote von Klienten der

Sozialhilfe.

Bild: Daniel Desborough

Die qualitative

Auswertung kam

zum Schluss, dass

insbesondere die

kontinuierliche,

zielgerichtete Fallarbeit

zum positiven

Resultat auf

der Einnahmeseite

führte.

• Hindernisse zu identifizieren und Interventionsmöglichkeiten

zu analysieren

• proaktiv vorzugehen und schneller zu

reagieren, beispielsweise in der Kooperation

mit involvierten Fachstellen

• gemeinsam mit Klientinnen und Klienten

sowie involvierten Fachstellen

nach passenden Lösungen zu suchen

• eine längerfristige, nachhaltig orientierte

Hilfeplanung aufzugleisen

• bei Bedarf die Fallkenntnisse durch

Hausbesuche zu vertiefen

• ältere Fälle neu zu analysieren

• laufende Integrationsprozesse (z.B.

Teillohnprogramm) zu überprüfen

Während des Pilotprojekts sprachen

die drei Sozialarbeitenden ihrer Einschätzung

nach weniger Auflagen und Sanktionen

aus, als dies zuvor der Fall war. Sie

hätten nun Zeit, die Prozesse gemeinsam

mit den Klienten auszuhandeln und diese

näher zu begleiten oder einen zweiten

Anlauf zu nehmen, wenn etwas nicht auf

Anhieb klappe. Umgekehrt vermittelten

sie ihren Klientinnen und Klienten auch,

dass sie bei Unklarheiten oder Problemen

stets auf sie zukommen können. So fühlten

sich diese besser informiert und mit ihren

Anliegen ernstgenommen. Die Sozialar-

beitenden konnten dadurch auch zeitnahe

Informationen erwarten, was die gegenseitige

Verbindlichkeit und Kooperation

deutlich verbesserte.

Insbesondere die zeitnahe, passende

Aktivierung der Ressourcen sowie die

nötigenfalls intensive Beratung und der

vermehrte Kontakt mit den Klientinnen

und Klienten führten zu einer höheren

Ablösequote. Zudem stieg die Berufszufriedenheit

der Sozialarbeitenden. Dies

nicht nur, weil sie nicht mehr ständig unter

Hochdruck standen, sondern weil sie

ihre methodischen Kompetenzen wieder

richtig nutzen sowie mehr Befriedigung

aus der zielführenden sozialarbeiterischen

Beratung ziehen konnten.


Miryam Eser Davolio, Isabelle Steiner, Rahel

Strohmeier Navarro Smith, Heinrich Zwicky,

Milena Gehrig

Institut Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe,

Departement Soziale Arbeit, ZHAW

Studie:

www.zhaw.ch/de/sozialearbeit/forschung/vielfalt-und-gesellschaftliche-teilhabe/communitydevelopment/auswirkung-der-fallbelastung-inder-sozialhilfe-auf-die-abloesequote/

4/17 ZeSo

27


Angebote zur Wohnversorgung von

sozial benachteiligten Haushalten

FACHBEITRAG Armutsbetroffene Menschen sind

durchschnittlich schlechter wohnversorgt und benötigen

Unterstützungsangebote. Die angemessene Wohnversorgung

von sozial benachteiligten Haushalten gehört deshalb zu

den Schwerpunkten des «Nationalen Programms gegen

Armut» (2014 - 2018). Zum Abschluss der Arbeiten publiziert

das Nationale Armutsprogramm im Februar 2018 eine

Hilfestellung. Die Hilfestellung soll Kantonen, Städten und

Gemeinden Anregungen zum Aufbau von Angeboten zur

Wohnversorgung von armutsbetroffenen Haushalten geben.

mässige Belastung durch zu hohe Wohnkosten.

Die Wohnkosten übersteigen 30

Prozent des Bruttoeinkommens, ein Erfahrungswert,

der sich in der Praxis als sinnvoller

Grenzwert für die Beurteilung von

Wohnkosten durchgesetzt hat.

Die Untersuchung ging auch der Frage

nach, wie hoch in den Risikogruppen der

Anteil derjenigen ist, die in ungenügenden

Wohnverhältnissen leben. Bei den Alleinstehenden

unter 65 Jahren sind 31,2

Prozent, bei den Alleinerziehenden 37,4

Prozent nicht angemessen wohnversorgt.

Ausländische Haushalte aus Drittstaaten

wiesen mit 42,8 Prozent mehr als doppelt

so oft eine ungenügende Wohnversorgung

auf wie Schweizer Haushalte (17,9): Je gut

ein Fünftel der Unterversorgten litt unter

beengten Wohnverhältnissen (23,0%)

oder hohen Wohnkosten (20,2%). Ihr

primäres Wohnversorgungsproblem liegt

somit anders als bei Schweizer und EU-

25-Haushalten nicht bei den Kosten, sondern

bei der Wohnungsgrösse.

Bedarf ist ausgewiesen

Der Bedarf an Unterstützung sozial benachteiligter

Haushalte durch Fachstellen

der Wohnhilfe oder der Sozialhilfe ist demnach

ausgewiesen, insbesondere solange

sich der Wohnungsmarkt im Bereich des

preiswerten Wohnraums nicht massgeblich

entspannt. Um allen Haushalten mit

Risikofaktoren eine (angemessene) Wohn-

Wenig Wohnraum für sozial

benachteiligte Haushalte.

Bild: Béatrice Devènes

Die Versorgung mit angemessenem Wohnraum

ist ein zentraler Aspekt der Existenzsicherung

und ein Sozialziel in der Bundesverfassung

(Art. 108 BV). Doch ist

dieses für alle Bevölkerungsgruppen erreicht?

Und was müsste getan werden, um

die Wohnsituation für Menschen in armutsbetroffenen

Haushalten und prekären

Lebenslagen zu verbessern? Zur Beantwortung

dieser Fragen wurde im Rahmen der

Studie «Wohnversorgung in der Schweiz»

ein Modell für die Beurteilung der Wohnversorgung

geschaffen, das die fünf Dimensionen

Wohnkosten, Wohnungsgrösse,

Wohnungsqualität, Wohnlage und

Wohnsicherheit berücksichtigt. Die Operationalisierung

erfolgte auf Basis der beiden

Module zu den Wohnbedingungen, die

das Bundesamt für Statistik 2007 und

2012 im Rahmen der SILC (Statistics on

Income and Living Conditions) zusätzlich

zu den jährlich erhobenen Basisdaten ermittelt.

Die Analyse der Wohnversorgung zeigt,

dass 83,5 Prozent der armutsbetroffenen

Haushalte und 57,1 Prozent der Haushalte

in prekären Lebenslagen keine angemessene

Gesamtwohnversorgung aufweisen.

Damit sind armutsbetroffene Haushalte

viermal und Haushalte in prekären Lebenslagen

fast dreimal häufiger unangemessen

wohnversorgt als der Durchschnitt

der Bevölkerung. Hauptursache der ungenügenden

Wohnversorgung ist die überversorgung

zu ermöglichen, braucht es beispielsweise

auch neue Lösungen für Haushalte

mit Betreibungen, die auf verlässliche

Mietzinsgarantien angewiesen sind, um

die Wohnkostenbelastung nicht zu erhöhen.

Das «Nationale Programm gegen Armut»

liess weitere Studien im Bereich

«Nicht monetärer Unterstützung Armutsbetroffener

im Wohnen» sowie zu «Finanzielle

Garantien zur Unterstützung beim

Zugang zu Wohnraum» realisieren:

28 ZeSo 4/17


Systematisierung des Angebotsspektrums

nicht-staatlich

staatlich

Angebotsprofil 1:

Beratung und Unterstützung

bei der Wohnungssuche

Angebotsspektrum

Angebotsprofil 2:

Wohnungsvermittlung und

Wohnraumsicherung

Angebotsprofil 3:

Begleitung und Betreuung

in eigenen/angemieteten

Liegenschaften

Casanostra Biel (Stadt Biel-Bienne)

IG Wohnen Basel (Kanton Basel-Stadt)

Fondation Apollo (Ville de Vevey, La Tour-de-Peilz, Montreux, Yverdon-les-Bains)

Stiftung Domicil (Stadt Zürich)

Wohnhilfe (Gemeinde Schlieren)

Wohnen Bern (Stadt Bern)

Unité logement, Service social (Ville de Lausanne)

Wohnen und Obdach (Stadt Zürich)

Wohncoaching (Stadt Luzern)

SAS (Città di Lugano)

SAS (Lugano)

Quelle: Althaus et.al. (2016): Nicht-monitäre Dienstleistungen im Bereich Wohnen für armutsbetroffene und -gefährdete Menschen –

Eine Untersuchung von staatlichen und nicht-staatlichen Angeboten, Bern, Beträge zur Sozialen Sicherheit, Forschungsbericht 2/16, S. 31.

Mit der systematischen Prüfung der

nicht-monetären Angebote liessen sich

drei typische Angebotsprofile bei den

derzeitigen Anbietenden herausfiltern:

Beratung und Unterstützung bei der Wohnungssuche

bzw. bei Wohnfragen (Profil

1), Wohnungsvermittlung und Wohnraumsicherung

(Profil 2), Begleitung und

Betreuung in eigenen oder angemieteten

Liegenschaften (Profil 3). Je nach Ausrichtung

erstreckt sich das spezifische Angebotsspektrum

eines Akteurs in der Praxis

über ein, zwei oder gar alle drei Profile. Der

Zugang für armutsbetroffene und -gefährdete

Menschen zum Wohnungsmarkt wird

erleichtert, wenn die Anbieter von Dienstleistungen

sich mit Akteuren aus der Immobilienbranche

vernetzen und verbindlich

mit ihnen zusammenarbeiten.

Die Studien brachten aber auch Versorgungslücken

zutage: Differenzierte Dienstleistungen

der Beratung, Vermittlung und

Sicherung von angemessenen Wohnungen

finden sich längst nicht in allen Städten

und Gemeinden mit angespannten Wohnungsmärkten.

Und bei den bestehenden

Angeboten übersteigt die Nachfrage nach

Unterstützung häufig die Kapazitätsgrenzen.

Dabei sind die Angebote in Profil 3

erfahrungsgemäss auch bei entspannten

Wohnungsmärkten notwendig, da sich armutsbetroffene

und -gefährdete Menschen

in komplexen Lebenslagen auf der Suche

oder bei der Sicherung von Wohnraum immer

mit Diskriminierung und Exklusion

konfrontiert sehen.

Die nicht-monetäre Unterstützung armutsbetroffener

und -gefährdeter Menschen

in Wohnfragen ist kommunal sehr

unterschiedlich geregelt. Während gewisse

Gemeinden spezialisierte Beratungs- und

Unterstützungsstellen eingerichtet haben,

sind solche in anderen Gemeinden nur

teilweise vorhanden oder inexistent. Wo

Angebote bestehen, kann zwischen staatlichen

und nicht-staatlichen Anbietern von

Dienstleistungen unterschieden werden.

Städtische Sozialämter und Sozialdienste

bieten neben der gesetzlich verpflichteten

Obdachlosenhilfe (Bereitstellung von Notunterkünften)

teils auch Unterstützung


4/17 ZeSo

29


ei der Wohnungssuche oder gegen drohenden

Wohnungsverlust an und sie helfen

Sozialhilfebeziehenden zuweilen auch

bei der Stabilisierung ihrer Wohnsituation.

In vielen Städten ging die Initiative

für solche Dienstleistungen von privaten

Vereinen oder Stiftungen aus, die ihre

Aufgaben heute in der Regel im Leistungsauftrag

einer oder mehrerer Gemeinden

wahrnehmen.

Erst finanzielle Garantien geben

Sicherheit

Eine grundlegende Erkenntnis der Studien

ist, dass nicht-monetäre Dienstleistungen

die Bereitschaft, das Verständnis und

die Handlungssicherheit der Vermietenden

fördern; doch erst finanzielle Garantien

geben ihnen die letztlich entscheidende

ökonomische Sicherheit.

Gegenwärtig bestehen in der Praxis

drei finanzielle Garantiemodelle: (1) die

Verbürgung der Mietkaution, (2) die Solidarhaftung

sowie (3) die direkte Übernahme

des Mietvertrags. Alle Garantiemodelle

richten sich an einkommensschwache und

sozial benachteiligte Haushalte, unabhängig

davon, ob sie Sozialhilfe beziehen.

Indem diese Modelle auch allfällige finanzielle

Lücken überbrücken, die nach der

Ablösung von der Sozialhilfe entstehen

können, oder ein (erneutes) Abrutschen

durch eine gezielte Unterstützung verhindern,

und indem sie dazu beitragen, teure

Folgekosten aufgrund eines Wohnungsverlustes

zu vermeiden, weisen sie für Städte

und Gemeinden sowohl einen sozialen als

auch einen wirtschaftlichen Nutzen aus.

Im Unterschied zur öffentlichen Hand,

für welche die direkte Übernahme finanzieller

Garantien mit aufwändigen bürokratischen

Prozessen oder teilweise fehlenden

gesetzlichen Grundlagen einhergeht, sind

Drittanbietende von Garantiemodellen

flexibel und in der Lage, sehr rasch zu

handeln. Durch den Abschluss von Leistungsvereinbarungen

und Subventionen

an Drittanbietende können Kantone,

Städte und Gemeinden die gewünschten

Leistungen und die Zusammenarbeit klar

regeln, überprüfen und den aktuellen Entwicklungen

und Erfahrungen anpassen.

Hilfestellung zu Angeboten der Wohnhilfe

Die Arbeiten des «Nationalen Programms gegen Armut» im Bereich «Wohnen» wurden begleitet von

einer Projektgruppe aus Vertretern der SODK, des Städte- und Gemeindeverbands, der SKOS, der Immobilienbranche,

Akteuren der Wohnhilfe und dem Bundesamt für Wohnungswesen. Weitere Ergebnisse

des Programms sind verfügbar unter www.gegenarmut.ch/studien/

Angebote der Wohnhilfe für sozial

benachteiligte Haushalte

Eine Hilfestellung für Kantone, Städte und

Gemeinden

Ein Knackpunkt bei der Förderung von

erschwinglichem Wohnraum für sozial

Benachteiligte ist die Bereitschaft der Gemeinden,

die Garantiemodelle für Mieter

mit sehr tiefen Einkommen ausserhalb der

Sozialhilfe zu fördern. Auch hier bietet sich

die Kooperation mit Drittanbietenden an,

da diese teilweise mit relativ geringem Aufwand

viel erreichen können.

Basierend auf diesen Erkenntnissen

wurde jetzt eine Hilfestellung für Kantone,

Städte und Gemeinden entwickelt, um die

möglichen Angebote der Wohnhilfe aufzuzeigen

sowie konkrete Handlungsempfehlungen

zu geben. Eine Checkliste zeigt das

Vorgehen beim Aufbau solcher Angebote

auf und liefert die entsprechenden Argumentarien

für Angebote in der eigenen

Gemeinde. Die Hilfestellung informiert

über die diversen Schnittstellen zwischen

Wohn- und Sozialpolitik, Objekt- und

Subjekthilfe sowie über die möglichen Zusammenarbeitsformen

insbesondere mit

der Immobilienbranche als Hauptakteur

auf dem Wohnungsmarkt. Das Herzstück

der Hilfestellung sind die Steckbriefe der

• Wohnversorgung in der Schweiz – Bestandsaufnahme

über Haushalte von Menschen in Armut und in prekären

Lebenslagen, Bern, Beiträge zur Sozialen Sicherheit,

Forschungsbericht 15/15, Bochsler et.al. (2015)

• Nicht-monetäre Dienstleistungen im Bereich Wohnen

für armutsbetroffene und -gefährdete Menschen – Eine

Untersuchung von staatlichen und nicht-staatlichen Angeboten,

Bern, Beiträge zur Sozialen Sicherheit, Forschungsbericht

2/16, Althaus et.al. (2016)

• Sicherung und verbesserter Zugang zu Wohnraum für

sozial benachteiligte Haushalte – Finanzielle Garantiemodelle

gegenüber Vermietenden, ETH Wohnforum – ETH

CASE, Althaus et.al. (2017)

• Angebote der Wohnhilfe für sozialbenachteiligte

Haushalte – Eine Hilfestellung für Kantone, Städte und

Gemeinden; Beck et.al. (voraussichtlich Februar 2018)

Die Hilfestellung wird voraussichtlich im Februar 2018 auf Deutsch, Französisch und Italienisch

erscheinen. Bestellungen unter www.bundespublikationen.admin.ch, Bestellnummer 318.870.3

einzelnen Angebote. Abschliessend zeigen

fünf Gemeinden ihr Engagement und ihre

Erfahrungen im Bereich der Wohnhilfen

auf. Sie illustrieren, dass je nach Situation

vor Ort verschiedene Unterstützungsangebote

kombiniert werden. Die Gemeinden

machen gute Erfahrungen und stellen eine

spürbare Verbesserung für armutsbetroffene

Haushalte bei der Wohnungssuche

und einer längerfristigen Integration am

jeweiligen Wohnort fest.

Dieser Artikel stützt sich auf die Artikel

«Wohnversorgung armutsbetroffener

und -gefährdeter Haushalte – CHSS Nr.

2 ⁄ 06.2016», «Nicht monetäre Unterstützung

Armutsbetroffener im Wohnen

– CHSS Nr. 3 ⁄ 10.2016» und «Finanzielle

Garantien unterstützen beim Zugang

zu Wohnraum – CHSS Nr. 4 / 12. 2017»

der Zeitschrift «Soziale Sicherheit» CHSS

des Bundesamts für Sozialversicherungen

(BSV).


Miriam Götz

Projektleiterin Nationales Programm gegen

Armut, Bundesamt für Sozialversicherungen

30 ZeSo 4/17


Suppe ist zu wenig

PLATTFORM Die Heilsarmee, eine um 1865 gegründete christliche Bewegung, die in 128 Ländern

vertreten ist, kennt man heutzutage insbesondere durch ihre Sängerinnen und Sänger in der

Weihnachtszeit. Die Heilsarmee ist aber weit mehr. Sie ist Kirche und auch Sozialwerk. Beide arbeiten

eng zusammen und sind unter dem Dach der Stiftung Heilsarmee Schweiz zusammengefasst.

Das Sozialwerk der Heilsarmee Schweiz

beschäftigt rund 1600 Mitarbeitende

über die ganze Schweiz verteilt. Die Arbeitsbereiche

sind dabei sehr vielfältig. Es

handelt sich zum Beispiel um sozialpädagogische

Einrichtungen, die Kinder und

Jugendliche von Geburt an bis ins junge

Erwachsenenalter betreuen. Ferner gibt es

diverse Institutionen mit einem Wohnund

Arbeitsangebot. Diese richten sich

meist an Menschen mit psychischen Problemen.

Auch Notschlafstellen und begleitete

Wohnformen werden angeboten. Zusätzlich

werden Arbeitsintegrationsplätze

in den Brockenstuben und Betrieben der

Heilsarmee oder bei externen Partnern vermittelt.

Die Flüchtlingsbetreuung ist ebenfalls

ein grosser Bereich des Sozialwerks.

Spezielle Angebote wie Beratung, Bildung,

psychiatrische Spitex, Integrationsförderung,

Entlastung für Familiensysteme und

sogar ein Hotel runden den bunten Blumenstrauss

ab.

Viele dieser Angebote und Häuser blicken

auf eine lange Historie zurück und

haben sich über die Jahre den Bedürfnissen

immer wieder angepasst. In manchen

Bereichen ging und geht die Heilsarmee

auch bewusst in die Pionierarbeit hinein.

Sie versteht sich als Lückenfüller im sozialen

Markt und investiert auch dort, wo der

Bedarf schon ermittelt wurde, aber noch

kein Kostenträger bereitsteht. Hier will sie

innovativ und unbürokratisch Hilfe leisten.

Selbstverständlich sind auch die bestehenden

Angebote dem Markt unterworfen. Die

Heilsarmee hat aber klare Kriterien, wie sie

ihre Arbeit ausüben will, und sollten diese

nicht (mehr) erfüllt werden können, weist

sie einen Auftrag auch mal zurück.

Ganzheitlicher Ansatz

Die Heilsarmee leitet bei ihrer Arbeit ein

ganzheitlicher Ansatz. Sicherheit, Selbstwert

und Sinn sind Basis der Vision und somit

Kern des Ansatzes.

• Sicherheit verkörpert die existenziellen

TEILHABE

WOHNEN

Bild: zvg

Bedürfnisse des Menschen, die sich von

der Nahrung bis hin zur Unversehrtheit

erstrecken.

• Selbstwert bezeichnet die Wiederherstellung

von Würde und Achtung eines

Menschen.

• Sinn kommt als drittes Element dazu:

Woher komme ich, was mache ich hier

und wohin gehe ich? Diese universellen

Fragen beeinflussen unser Handeln genauso

wie alle anderen sozialen Handreichungen.

Die aussenstehenden Quadrate bezeichnen

die Bereiche, auf welche unsere

Angebote fokussieren. Jeder einzelne ist

für sich genommen wichtig, aber ihre volle

Wirkung entfalten sie erst zusammen.

• Teilhabe (oder auch Inklusion) fasst alle

Bemühungen zusammen, sich gegen

die Ausgrenzung von Menschen im sozialen

oder kulturellen Kontext zu stemmen.

Grundlage ist hier die UN-BRK,

aber nicht nur. Ausgrenzung geschieht

PLATTFORM

SICHERHEIT

SINN

SELBSTWERT

ARBEIT

FÖRDERUNG

Die ZESO bietet ihren Partnerorganisationen

diese Rubrik als Plattform an, auf der sie sich

und ihre Tätigkeit vorstellen können: in dieser

Ausgabe der weltweit tätigen Kirch- und Hilfsorganisation

Heilsarmee.

durch Menschen und kann sehr schnell

entstehen. Selbst innerhalb der Heilsarmee

ist man dagegen nicht gefeit. Die

Heilsarmee hat einen Inklusionsbeauftragten,

der die Standorte bezüglich

dem offenen Inklusionspotenzial berät.

• Arbeit ist ein weiteres Schlüsselelement

bei der ganzheitlichen Betrachtung

eines Lösungsansatzes. Neben den

offensichtlichen finanziellen Konsequenzen

hat Arbeit, selbst unbezahlte,

viel mit Würde und Angenommensein

zu tun.

• Förderung – man kann auch Bildung

sagen – unterstützt Teilhabe und Arbeit

direkt und indirekt. Jeder Mensch

hat Ressourcen und es gilt, diese zu fördern.

Auch kann es je nach Ausgangslage

schon ein Erfolg sein, Ressourcen zu

erhalten.

• Wohnen, auch zu verstehen als Zuhause,

war schon immer ein wichtiger Baustein

im Angebot der Heilsarmee. Hier

ist nicht nur das Dach über dem Kopf

gemeint. Von Bedeutung ist auch das

soziale Umfeld; dass jemand nachfragt,

wenn eine Person vermisst wird.

All diese Elemente werden in den einzelnen

Institutionen in irgendwelcher

Form berücksichtigt, etwa als konkrete Angebote.

Wo dies nicht gegeben ist, werden

sie von den Institutionen mithilfe interner

oder externer Partner sichergestellt. Dank

ihrer breiten Palette an Dienstleistungen

ist es der Heilsarmee möglich, vieles vor

Ort oder regional in sogenannten Dienstleistungsketten

anzubieten. Somit ist ein

übergeordnetes Casemanagement zumindest

in der Theorie möglich.

Eines ist sicher: Auch in Zukunft wird

sich die Heilsarmee nicht damit zufriedengeben,

nur zu singen und Suppe abzugeben.

Der Mensch braucht mehr! •

Daniel Röthlisberger

Direktor Sozialwerk

4/17 ZeSo

31


Flüchtlinge und Sozialhilfeempfänger

lernen gemeinsam

REPORTAGE Asylbewerber sollen sich möglichst rasch Kompetenzen aneignen, die es ihnen

ermöglichen, Arbeit zu finden. Da dasselbe auch für Sozialhilfeempfänger gilt, sollen beide

Personengruppen im Wallis Ausbildungsprogramme gemeinsam absolvieren. Ziel ist, dass die

Betroffenen ein von der Branche anerkanntes Attest erhalten. Das Projekt befindet sich im Aufbau.

In den Ateliers des Zentrums Le Botza in

Vétroz im Kanton Wallis entstehen jedes

Jahr besondere Dinge. Letztes Jahr war es

eine Holzbrücke. Dieses Jahr sind es ein

Paar Ski von fünf und ein Paar Skistöcke

von drei Metern Länge. Die Sport-Ausrüstung

war ein Geschenk an einen besonderen

Gast, der Ende September nach Genf

kam – die kleine Riesin. Die kleine Riesin

ist eine Marionette von stattlicher Grösse:

sie ist 5,5 Meter gross und 800 kg schwer

und Mitglied der Strassentheatergruppe

XXL «Royal de Luxe», deren Spaziergang

durch die Genfer Innenstadt mehrere hunderttausend

Menschen anzog.

Le Botza ist ein Ausbildungszentrum,

das mit grossem Engagement des Leiters

des Amtes für Asylwesen Roger Fontannaz

weiterentwickelt wird. Für Fontannaz

ist schon lange klar, dass die Asylsuchenden

möglichst rasch damit beginnen sollen,

sich die für eine Integration nötigen

Kenntnisse zu erwerben. Dazu gehören

zunächst Kenntnisse einer Landessprache,

aber auch soziale und berufliche Fertigkeiten.

Während es früher vor allem darum

ging, die Rückkehr der Flüchtling vorzubereiten,

versucht man heute beides: Kenntnisse

zu vermitteln, die Perspektiven für

die Rückkehr bieten, aber auch den Weg

in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft

in der Schweiz ebnen. Dies schlicht aus der

Erkenntnis heraus, dass die Mehrheit der

Flüchtlinge bleiben wird.

Sprachliche und berufliche

Basiskompetenzen

Das Ausbildungszentrum Botza sammelt

bereits seit 17 Jahren Erfahrungen mit der

beruflichen Integration von Flüchtlingen

in den Arbeitsmarkt. Es ist eines von drei

Ausbildungszentren im Kanton Wallis. Etwa

100 Asylbewerber erwerben in Botza jeweils

sprachliche und erste berufliche Basiskompetenzen.

Die Ausbildungs- und

Beschäftigungsprogramme finden in Ateliers

statt. So gibt es in Botza ein Holzatelier,

ein Bau-Atelier, ein Näh- und ein Coiffeur-Atelier,

eines für die Landwirtschaft

und den Weinbau. Im Restaurant des Zentrums

Le Botza werden Kenntnisse der

Gastronomie vermittelt. Die Ateliers sind

auch für den Unterhalt des Zentrums zuständig,

für Renovation, Reparaturen, Einrichtung

etc. «Es ist uns sehr wichtig, dass

das Zentrum gut unterhalten und bewohnbar

ist», sagt Fontannaz. Die Appartements

werden immer frisch gestrichen, wenn Bewohner

ausziehen und neue kommen.

Auch Vorhänge für die Appartements werden

hier genäht und das eine oder andere

Möbelstück gefertigt. Und sogar das neue

Gebäude des Ausbildungszentrums wurde

von den Flüchtlingen errichtet.

Tätigkeitsnachweis für Absolventen

Neu sollen die Absolventen der Programme

eine Art Tätigkeitsnachweis erhalten,

um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt

zusätzlich zu verbessern. Mit der Hotellerie

Valaisanne ist das für die Ausbildung in

der Gastronomie bereits gelungen. Zunächst

wird bei jedem Interessenten das

Ziel der Ausbildung definiert. Die Ausbildung

selbst kann einige Monate dauern

oder ein ganzes Jahr. Die Teilnehmenden

erwerben sowohl soziale und allgemeine

berufliche Kenntnisse als auch spezifische,

technische für einen bestimmten Beruf.

Am Schluss werden die Kompetenzen der

Teilnehmenden von einem Experten des

Bundes geprüft. Dem Absolventen werden

sowohl die spezifischen technischen Fähigkeiten

bescheinigt; beispielsweise die Bedienung

der Grossküchen-Spülmaschine,

der Unterhalt der Küche, die Kenntnisse

der Hygiene und Sicherheitserfordernisse,

der täglichen Abläufe im Restaurant, etc.

Bescheinigt wird aber auch Pünktlichkeit,

Erscheinung, Auftreten, Beachtung der gegebenen

Anweisungen oder kommunikative

Fähigkeiten.

Neu ist ferner, dass die Ausbildungen

auch für Sozialhilfebeziehende angeboten

32 ZeSo 4/17


werden. Ziel ist laut Fontannaz, dass in

den Gruppen je zur Hälfte Sozialhilfebeziehende

und Personen aus dem Flüchtlingsbereich

teilnehmen. Im Grunde sei

für Sozialhilfebeziehende eine Ausbildung

genauso wichtig. Es sei gleichzeitig für

In Ateliers werden

erste Kenntnisse

verschiedener Berufe

vermittelt.

Bilder: zvg

Asylbewerber eine Gelegenheit, Einheimische

kennenzulernen – und zu erfahren,

dass es auch nicht allen Bewohnern der

Schweiz gut gehe. Das Gastronomie-Team

ist jetzt bereits gemischt. In anderen Bereichen

ist man noch weniger weit. Denn

nicht jede der angebotenen Ausbildungen

betreffen Branchen, in der echter Arbeitskräfte-Bedarf

besteht. «Die niederschwelligen

Berufe herauszufinden, in denen Arbeitskräfte

gesucht sind, ist eine Aufgabe,

die wir jetzt zusammen mit dem Amt für

Berufsausbildung in Angriff nehmen», wie

Fontannaz sagt.

Nach der Ausbildung im Zentrum-

Restaurant können Interessierte anschliessend

im Restaurant «Le temps de vivre in

Les Mayens de Chamoson» praktische

Erfahrungen sammeln. Das Restaurant

zwischen der Rhône und dem Berg Haut

de Cry wird von Trip advisor als exzellent

ausgezeichnet und als das beste Restaurant

von Ovronnaz empfohlen. Donnerstag,

Freitag und am Wochenende ist das Restaurant

meist voll. Auch viele Touristen

kommen hier vorbei. Die Bedienung ist

etwas schüchtern, aber freundlich. Sie ist

Asylbewerberin und kommt aus Eritrea.

Sie arbeitet seit einem Monat zusammen

mit 18 Asylbewerbern und einigen Sozialhilfeempfangenden

hier oben in den Bergen

und wird noch fünf Monate bleiben.

Laut Roger Fontannaz bietet das Restaurant

den Teilnehmenden nicht nur die

Möglichkeit praktische Berufserfahrungen

zu sammeln, sondern ist auch eine gute

Gelegenheit, mit Einheimischen in Kontakt

zu treten und damit beidseitig Verständnis

und Akzeptanz zu fördern.

Ein Schritt auf dem Weg der

Integration

Die Beschäftigung und Tätigkeiten in den

Ateliers ist für die in Botza Anwesenden ein

wichtiges Element im Hinblick auf die Integration

in Beruf und Gesellschaft. Sie ist

aber für viele nach den oft traumatisierenden

Erlebnissen der Flucht auch eine sehr

wichtige seelische Unterstützung. Einen

selbst gefertigten Gegenstand in der Hand

zu halten, sei für sie ein Erfolgserlebnis.

«Für uns ist es sehr bewegend, traumatisierte

Menschen zu sehen, die wieder lächeln»,

sagt Frédéric Moix, Verantwortlicher

für Integration und berufliche

Entwicklung im «Le Botza». Es ist ein

Schritt auf dem Weg der Integration. Ob

diese dank den Ausbildungen auf Dauer

gelingt, wissen Fontannaz und Moix noch

nicht.


Ingrid Hess

4/17 ZeSo

33


Soziale Ungleichheit

Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt über

50 Prozent des Weltvermögens. 99 Prozent der

Weltbevölkerung diskutieren darüber, handeln

aber nicht. Soziale Ungleichheit ist für Anthony

Atkinson, den weltweit führenden Experten,

ganz oben auf der «Agenda der Weltprobleme».

Man kann fast alle tagespolitischen Konflikte,

die Flüchtlings- und Eurokrise, den Terrorismus

und die Kriege im Nahen Osten auf sie zurückführen. Gegen die

lähmende Untätigkeit legt der britische Ökonom ein Programm für den

Wandel vor und empfiehlt 15 konkrete Massnahmen für die Bereiche

Technologie, Arbeit, soziale Sicherheit sowie Kapital und Steuern.

Atkinson Anthony B., Ungleichheit, Was wir dagegen tun können, Klett-Cotta, 2017,

474 Seiten, CHF 40.−, ISBN: 978-3-608-94905-6

Familienkosten im Griff

Eltern stellen im ersten Moment kaum finanzielle

Überlegungen an, wenn sie eine Familie

gründen. Doch es lässt sich nicht wegdiskutieren,

dass Kinder eine Menge Geld kosten – je

älter sie werden, desto höher sind ihre Kosten.

Sie brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf,

Essen und Kleider. Wenn Eltern beispielsweise

ihre Berufstätigkeit reduzieren müssen, sind

das indirekte Kinderkosten. Der Beobachter-Ratgeber hilft bei Fragen

zur Finanzplanung des Familienlebens von der Schwangerschaft über

die Taschengeld-Regelungen bis zu Versicherungs- und Steuerfragen.

Döbeli Cornelia, Familienbudget richtig planen, Die Finanzen im Überblick – durch alle

Familienphasen, Beobachter Verlag, 2017, 216 Seiten, CHF 32.−,

ISBN 978-3-03875-060-4

Umgang mit Flüchtlingen

In dem Buch werden neue Anforderungen in

unterschiedlichen Handlungsfeldern beschrieben

und diskutiert, die sich im Umgang mit

Geflüchteten ergeben: Menschen mit traumatisierenden

Erfahrungen benötigen konkrete

Hilfen, minderjährige Geflüchtete müssen in Angeboten

der Kinder- und Jugendhilfe aufgenommen

werden, Rassismus und Diskriminierungen

muss gerade von professioneller Seite reflektiert begegnet werden.

Neben theoretischen Einordnungen zum Flüchtlingsdiskurs liefern die

Beiträge Antworten auf aktuelle Fragen und entwickeln praxisrelevante

Zugänge zum Thema.

Bröse Johanna, Faas Stefan, Stauber Barbara (Hrsg.), Flucht, Herausforderungen

für die Soziale Arbeit, Springer VS, 2017, 234 Seiten, CHF 44.−,

ISBN 978-3-658-17091-2

Neue Beiträge zur

Sozialgeschichte

Sozialgeschichte ist kein neues Forschungsfeld

– sondern eines, dessen weitere Existenz auch

schon mal als bedroht gilt. Zugleich ist das Soziale

unbestreitbar im Gespräch. Dass sich Geschichte

und Gegenwart der sozialen Ungleichheit

nicht in ein lineares Fortschrittsnarrativ

fügen, gehört zu den grossen politischen und

intellektuellen Herausforderungen unserer Zeit. Das Buch erkundet, was

heute als Sozialgeschichte betrieben wird, wo Traditionen und klassische

Konzepte sich als ungebrochen tragfähig erweisen und wo sich neue

Impulse und transdisziplinäre Konzepttransfers abzeichnen.

Arni Caroline, Leimgruber Matthieu, Teuscher Simon (Hrsg.), Neue Beiträge zur

Sozialgeschichte, Chronos Verlag, 2017, 176 Seiten, CHF 38.−,

ISBN 978-3-0340-1389-5

Innovative Modelle für

berufliche Integration

Der Arbeitsmarkt wandelt sich und mit ihm die

Anforderungen an die Arbeitsmarktintegration.

Gleichzeitig erleben Sozialfirmen angesichts strikter

Rahmenbedingungen einen Innovationsstau.

Was bedeutet das für die Entwicklung der Arbeitsmarktintegration?

Die Drosos-Stiftung führte das

Ausschreibungsverfahren «Neue Wege in den

Arbeitsmarkt – Innovative Modelle für berufliche

Integration» mit Unterstützung der Hochschule

für Soziale Arbeit FHNW durch. Die Abschlussveranstaltung

umfasst Projekt-Präsentationen,

Referate und Diskussionen.

Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Olten

Donnerstag, 11. Januar 2018

www.fhnw.ch

(Dis-)Kontinuitäten in der

Fremdplatzierung

Lebensläufe von fremdplatzierten Kindern und

Jugendlichen sind oft stark geprägt durch Beziehungsabbrüche

und Diskontinuitäten. Entsprechend

ist es eine grosse Herausforderung für die

Professionellen der Kinder- und Jugendhilfe, diesen

Mangel an Sicherheits- und Geborgenheitsgefühl

zu «kompensieren». Die Tagungsteilnehmer

erwarten Beiträge aus Forschung und Praxis aus

dem In- und Ausland. Der Fokus richtet sich dabei

auf den Aspekt der Kontinuität und Diskontinuität

von Lebenswegen und -verläufen.

Hotel Bern, Bern

Dienstag, 23. Januar 2018

www.integras.ch

Arbeit, Beschäftigung und Eingliederungsmanagement

Die Konferenz bietet ein internationales Forum

für die Diskussion der aktuellen Veränderungen

der Arbeitsgesellschaft und deren Folgen für

Beschäftigung und Eingliederungsmanagement.

Der Fokus liegt dabei auf den Herausforderungen,

die sich daraus für die (inter-)professionelle

Koordination und Kooperation der verschiedenen

Akteure in Unternehmen, Organisationen der

Arbeitsintegration und Sozialversicherungen

ergeben.

Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Olten

Donnerstag bis Freitag, 25./26. Januar 2018

www.fhnw.ch

34 ZeSo 4/17


ls strukturiereiständinnen

inem ersigen.

Dabei

tsführung

achsenensensbausteidie

praktische

dargestellt.

21.07.17 10:55

3

Leitfaden für Berufsbeiständinnen

und Berufsbeistände

Rosch

Daniel Rosch

Leitfaden für Berufsbeiständinnen

und Berufsbeistände

Leitfaden für Berufsbeistände

Bisher findet sich kein Leitfaden, der die

Systematik und Wissensbausteine für

die Mandatsführung

Mandatsführung als strukturierten Prozess

aufzeigt. Diese Lücke will dieser Leitfaden für

Berufsbeiständinnen und Berufsbeistände

schliessen. Er zeigt in einem ersten Teil die

Systematik der Tätigkeit eines Beistandes auf.

Band 3

Schriften zum Kindes- und Erwachsenenschutz

herausgegeben von Daniel Rosch

Dabei werden die Aufgaben der Mandatsführung

umschrieben und in den Kontext, etwa zur

und Luca Maranta

Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB), gestellt. Der zweite

Teil informiert zu Mandatsführung im Praxisalltag.

Rosch Daniel, Maranta Luca (Hrsg.), Leitfaden für Berufsbeiständinnen und Berufsbeistände,

Systematik und Wissensbausteine für die Mandatsführung, hep Verlag, 2017,

176 Seiten, CHF 48.−, ISBN 978-3-0355-0914-4

lesetipps

Zukunft des Sozialstaats

Der Sozialstaat ist bedroht: Demografischer und

kultureller Wandel, Arbeit 4.0 und die Auflösung

der Familienverhältnisse entziehen ihm

seine Grundlagen. Aus diesem Szenario heraus

entwirft der Autor Lösungen für eine Sozialpolitik

des 21. Jahrhunderts, die einem Programm

«Sozialer Nachhaltigkeit» verpflichtet ist. Er

diskutiert die Idee des Grundeinkommens im

Lichte unterschiedlicher Gerechtigkeitsprinzipien und Wohlfahrtsregimes

und zeigt die Rolle der Sozialen Arbeit und die Bedeutung von

Partizipation bei der künftigen Gestaltung des Sozialstaats auf.

Opielka Michael, Welche Zukunft hat der Sozialstaat?, Lambertus-Verlag, 2017,

64 Seiten, CHF 12.−, ISBN 978-3-7841-3001-9

Sprache in der Sozialen

Arbeit

Caritas Sozialalmanach:

Nationalismus

Die Beiträge in diesem Buch analysieren Sprache

im Rahmen des professionellen Handelns

der Sozialen Arbeit und der Gesundheit. Die

Autorinnen und Autoren machen auf die vielschichtige

Komplexität und Subtilität sprachlicher

Praktiken aufmerksam und ermitteln, in

welcher Beziehung Kommunikation zum professionellen

Können steht. Sie nehmen konkrete Handlungssequenzen

in den Blick, um das Können von Professionellen zu untersuchen, und

beschreiben Sprache als wesentliches Instrument institutioneller Aktivitäten

und damit als Werkzeug der Professionalität.

Messmer Heinz, Stroumza Kim, Sprechen und Können – Sprache als Werkzeug im

Feld der Sozialen Arbeit und Gesundheit, interact Verlag, 2017, 212 Seiten, CHF 43−,

ISBN 978-3-906036-25-0

Nationalismus: Sozialpolitische

Zugänge

Der Rückgriff auf die Nation und die eigene Volksgemeinschaft,

Autoritarismus, Abwehr gegen das

«Fremde» bis hin zu xenophoben Impulsen, all

diese Merkmale nationalistischer Positionen sind

Ausdruck des Misstrauens, dass demokratische

Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse

adäquate Antworten auf die aktuellen gesellschaftlichen

und politischen Probleme bereitstellen.

Das Forum 2018, die sozialpolitische Tagung

der Caritas Schweiz widmet sich dem Nationalismus

und seinen heutigen Erscheinungsformen.

Eventforum, Fabrikstrasse 12, Bern

Freitag, 26. Januar 2018

www.caritas.ch

«Strategien und Praxis für

bezahlbares Wohnen»

Der aktuelle Wohnungsmarkt bietet immer

weniger günstigen Wohnraum. Immer mehr

Gesellschaftsgruppen können sich angemessenes

Wohnen nicht mehr leisten. Der Kongress

in München ist die erste Veranstaltung der

Fachgruppe «Sozialplanung International» des

Vereins der Sozialplanerinnen und Sozialplaner in

dieser Form. Gemeinsam mit allen Interessierten

soll an drei Tagen der länderübergreifende Dialog

gepflegt sowie der Austausch von Know-how,

Erfahrung und Good-Practice gefördert werden.

Katholische Stiftungshochschule München

Mittwoch bis Freitag, 21.- 23. Februar 2018

www.vsop.de

Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst in der

Schweiz. Dabei verschärft sich die Lage sozial

schwacher Gruppen sowohl in finanzieller als

auch in sozialer Hinsicht. Welches sind die Folgen

der sozialen Polarisierung? Mit dieser Frage

beschäftigt der diesjährige Sozialalmanach

der Caritas im Schwerpunkt. Die Autorinnen und

Autoren untersuchen die wachsende Popularität rechtspopulistischer

Positionen aus verschiedenen Perspektiven. Ihr besonderes Augenmerk

gilt dem Zusammenhang zwischen dem Nationalismus sowie wirtschaftlichen

und sozialen Entwicklungen.

Caritas Schweiz (Hrsg.), Sozialalmanach 2018, Wir und die Anderen: Nationalismus,

Caritas-Verlag, 2017, 256 Seiten, CHF 36.−, ISBN: 978-3-85592-153-9

veranstaltungen

Ermessen in der Sozialhilfe –

Spielräume sinnvoll nutzen

Das Leitprinzip der Individualisierung verlangt,

dass Hilfsleistungen jedem einzelnen Fall angepasst

sind und sowohl den Zielen der Sozialhilfe

im Allgemeinen als auch den Bedürfnissen der

betroffenen Person im Besonderen entsprechen.

Die Anwendung des Handlungsspielraums bzw.

Ermessens erfordert im Alltag ein hohe Professionalität

und ein berufliches Selbstverständnis. Die

nationale Tagung in Biel bietet eine Plattform zur

Präsentation und Diskussion von Handlungsmöglichkeiten

sowie Best-Practice-Ansätzen.

Kongresshaus Biel

Donnerstag, 22. März 2018

www.skos.ch

4/17 ZeSo

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An der dreirädrigen «Unfassbar» vertrauen die Barbesuchenden Bernhard Jungen ihre Geschichten an. Bild: Béatrice Devènes

Von der Kanzel an die Bar

PORTRÄT Bernhard Jungen kündigte mit fast 60 Jahren seine Stelle als Pfarrer und betreibt seither

eine Bar auf drei Rädern. Beim Bierausschank an Quartierfesten und anderen Veranstaltungen kommt

es zu spontanen Gesprächen und spannenden Begegnungen.

Fast 32 Jahre lang war Bernhard Jungen

Pfarrer in der Kirchgemeinde Ittigen im

Kanton Bern. «Eine innovative Kirchgemeinde»,

betont er. Die Kirchbänke waren

meist gut besetzt, an Arbeit fehlte es ihm

nicht, er konnte mit dem neuen Wohnund

Kirchenhaus Casappella in Worblaufen

einen grossen Wurf mitrealisieren.

Doch auf einmal beschlich ihn immer häufiger

das Gefühl, abbiegen zu wollen.

Wenn er mit dem Velo auf dem Weg zu einem

Trauungs- oder Taufgespräch war,

hätte er am liebsten einen anderen Weg

eingeschlagen. Er hätte gern bei den Jugendlichen

am Strassenrand angehalten

und sich mit ihnen unterhalten oder sich in

der Dorfbeiz an den Stammtisch gesetzt.

Zwar habe er durch seine Arbeit viele Gespräche

führen können, doch seien diese

einem institutionalisierten Muster gefolgt.

Ihn aber reizte das Spontane, Begegnungen,

die sich aus dem Moment heraus ergeben.

Eines Morgens begab er sich in das

der Casappella gegenüberliegende,

14-stöckige Wohnhaus und klingelte an

verschiedenen Haustüren. «Die Menschen

reagierten total positiv. Sie sagten: Schön,

dass jemand zu uns kommt.»

Zeichen in der Stille

Bernhard Jungens innere Unruhe wuchs.

Er spürte: Etwas wird sich ändern müssen.

«Ich sagte mir: Entweder ich realisiere in

meiner Kirchgemeinde noch einmal einen

grossen Wurf – oder aber, ich wage etwas

Neues.» Im Sommer 2015 zog er sich für

eine Woche lang in die Stille zurück, meditierte.

Schon in der ersten Nacht hatte er einen

Traum, dessen Klarheit ihn verblüffte.

In dieser Woche ereilten ihn noch weitere

Signale. Alle deuteten in die eine Richtung.

Wieder zu Hause, eröffnete Jungen seiner

Frau: «Unsere Zeit in Ittigen ist abgelaufen.

Wir werden die Pfarrwohnung verlassen.»

Seine pragmatisch verlangte Frau sagte:

«Gut, denn lass uns zum Finanzberater gehen

und schauen, was das bedeutet.» Der

fast 60-jährige Pfarrer kündigte nach 32

Jahren die Stelle, um seine Idee zu verwirklichen:

die Idee der «Unfassbar», einer Bar

auf drei Rädern, mit der er dort abbiegen

kann, wo das Leben stattfindet und mit den

Menschen ins Gespräch kommen kann.

Ein Bier und ein offenes Ohr

Eines aber stellt Bernhard Jungen sofort

klar: «Ich bin kein subversiver Pfarrer.»

Ihm sei es wichtig gewesen, dass die Bernische

reformierte Kirche hinter dem Projekt

steht. Das tat sie, und sie unterstützt das

Projekt auch finanziell, zusammen mit

Kirchgemeinden und Freunden. Seit diesem

Sommer nun fahren Bernhard Jungen

und sein Pfarrkollege Tobias Rentsch mit

dem Dreirad zu Quartierfesten oder anderen

öffentlichen Veranstaltungen und

schenken ihr Bier aus, das sinnigerweise

«Pfaff» heisst. Bibeltraktate werden keine

verteilt. Vielmehr geht es den beiden Pfarrern

um die Begegnungen, die sich rund

ums Bier ergeben. «Einige erzählen von

sich, vertrauen uns ihre Geschichten an –

und sind dankbar, dass wir einfach ansprechbar

sind», beschreibt Jungen die Begegnungen

an der «Unfassbar». Er

beobachtet auch, dass viele Barbesuchende

von sich aus auf den Glauben zu sprechen

kommen. Nicht selten beschäftigen sie

Scheidungen oder Beziehungen und immer

wieder ist der Tod ein Thema. Dadurch,

dass sein Kollege und er Pfarrer seien,

vertrauen ihm viele Menschen von

Anfang an, stellt Bernhard Jungen fest. «In

unserer Gesellschaft ist ein Pfarrer auch

Garant für Verschwiegenheit.»

Auch die dreirädrige «Unfassbar» liefert

immer wieder Gesprächsstoff. So sass Jungen

diesen Sommer einmal auf einer Treppe,

neben ihm junge Männer in Arbeitskleidern

am Rauchen. «Geiles Velo», entfuhr

es einem, als er ein Dreirad erblickte. «So

eines hab ich auch», mischte sich der Pfarrer

ins Gespräch – und ein Gespräch über

Gott und die Welt entwickelte sich. •

Catherine Arber

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«Die Weiterbildungen

der FHS St.Gallen sind

sehr praxisorientiert.

Das gefällt mir.»

Weiterbildungen in

Sozialer Arbeit

Roman Bernhard

Leiter Eingliederungsteam

IV-Stelle Thurgau, Absolvent

CAS Case Management

und Supported Employment

www.fhsg.ch/weiterbildung-sozialearbeit

FHO Fachhochschule Ostschweiz

Master of Arts in Sozialer Arbeit mit Schwerpunkt Soziale Innovation

Ihr Berufsziel?

Verspüren Sie die Motivation, Angebote der Sozialen Arbeit aktiv zu gestalten, weiterzuentwickeln und

voranzutreiben?

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Wir bieten Ihnen mit unserem flexibel gestaltbaren Master-Studium die notwendige Ausbildung dafür.

Nächster Beginn

Frühlingssemester: 19. Februar 2018

www.masterstudium-sozialearbeit.ch


20 Jahre

HOCHSCHULE

LUZERN

BFH UND

HOCHSCHULE

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Kooperation für Ihre Weiterbildung im Bereich Soziale Sicherheit

Certificate of Advanced Studies

CAS Sozialberatung

CAS Sozialhilferecht

CAS Soziale Sicherheit

Fachkurs

Sozialberatung

Sozialhilfeverfahren

Fachseminare

Anrechnung von Einkommen und

Vermögen in der Sozialhilfe

Einführung Sozialhilfe

Einführung Sozialversicherungsrecht

Finanzierung von zivilrechtlichen

Kindesschutzmassnahmen

Unrechtmässiger Leistungsbezug und

Sanktionierung in der Sozialhilfe

Zuständigkeit und Unterstützungsvoraussetzungen

Weitere Informationen unter www.hslu.ch/wb-sozialesicherheit

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