ZESO 04/20

SkosZeso

SKOS CSIAS COSAS

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

Conférence suisse des institutions d’action sociale

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale

Conferenza svizra da l’agid sozial

ZESO

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE

04/20

ARMUT

Modell für Monitoring der

Armut in der Schweiz

FOYERSBASEL

Fluchtort für junge Frauen

in Schwierigkeiten

IV-BERICHT

Die Folgen der IV-Revisionen

auf die Sozialhilfe

SOZIALE INTEGRATION

ALS AUFTRAG

Was ist darunter zu verstehen – wie kann er umgesetzt werden?


Bieler Tagung, 11. März 2021

Persönliche Hilfe – Ansätze und

Möglichkeiten in der Praxis

Die neuen SKOS-Richtlinien geben der persönlichen Hilfe einen besonderen

Stellenwert. Persönliche Hilfe ist im Bedarfsfall auch dann zu erbringen,

wenn kein Anspruch auf wirtschaftliche Unterstützung besteht. Persönliche

Hilfe zielt darauf ab, Menschen in belastenden Lebenslagen durch indi -

vidualisierte Massnahmen zu stabilisieren und zu stärken. Die nationale

Tagung in Biel befasst sich mit dem Auftrag und der Ausgestaltung der

persönlichen Hilfe in der Sozialberatung. Welchen Stellenwert hat sie angesichts

der knappen Zeitressourcen? Wie kann ein optimales Angebot

aussehen? Die nationale Tagung in Biel bietet eine Plattform für Präsentationen

und Diskussionen. Praktikerinnen und Praktiker erhalten Inputs

und Impulse für ihre tägliche Arbeit. Die Workshops bieten die Möglichkeit

Praxisbeispiele kennenzulernen.

Anmeldung bis 22. Februar 2021

Programm und Anmeldungen unter www.skos.ch/Veranstaltungen

Soziale Arbeit

Kompetenz beginnt

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20. Januar 2021

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Ingrid Hess

Redaktionsleitung

EDITORIAL

SOZIALE INTEGRATION

ALS SCHLÜSSEL

Geselligkeit und sozialer Austausch ist im Moment nicht wirklich

angesagt. Vermutlich ist das für viele von uns eine Herausforderung,

für manche eine grosse. Tatsache ist jedoch, dass

es eine Reihe von Menschen gibt, für die das gar nichts Besonderes

ist, weil sie seit langer Zeit keine Arbeit, keinen Lohn

oder womöglich nicht mal eine Wohnung haben und in der

Folge auch kaum sozialen Anschluss (Seite 14). Die soziale Integration

ist ein zentrales Thema in der Sozialhilfe und sie ist

der Schlüssel für Befähigung und Motivation. Insbesondere für

die Menschen, die fast komplett ausserhalb der Gesellschaft

leben, ist sie ein mindestens so wichtiger Überlebensfaktor

wie ein Dach über dem Kopf und wirtschaftliche Hilfe. In Paris

engagiert sich deshalb die Organisation la Cloche mit kleinen

alltäglichen Gesten und Kontakten in der Nachbarschaft, Obdachlosen

den Weg aus der Isolation zu erleichtern (Seite 22).

Soll Armut wirksam bekämpft werden, ist eine solide Faktenlage

nötig. Das Eidg. Parlament hat sich davon überzeugen lassen.

Ein erstes Konzept, wie ein Armutsmonitoring aussehen

könnte, liegt bereits vor (Seite 6).

Die Regelung der Sozialhilfe orientiert sich weitgehend an den

SKOS-Richtlinien. Dennoch bestehen zwischen den Kantonen

erhebliche Unterschiede. Eine Dissertation an der Universität

Lausanne ging der Frage nach, ob dies nicht verfassungswidrig

sei (Seite 32).

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1


SCHWERPUNKT

Berufliche und

soziale

Integration

Die Sozialhilfe hat zwei

zentrale Aufgaben: die Existenz

finanziell zu sichern und

die soziale Integration zu

unterstützen. In der Praxis

ist vor allem Letzteres eine

schwierige Aufgabe, denn

Zeit und Ressourcen sind

in der Regel knapp. Für

junge, sozialhilfebeziehende

Erwachsene hat die

Fokussierung auf die

Arbeitsmarktintegration

ambivalente Auswirkungen.

12–23

14–25

ZESO

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE HERAUSGEBERIN Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS, www.skos.ch REDAKTIONSADRESSE

Redaktion ZESO, SKOS, Monbijoustrasse 22, Postfach, CH-3000 Bern 14, zeso@skos.ch, Tel. 031 326 19 13

© SKOS. Nachdruck nur mit Genehmigung der Herausgeberin

Die ZESO erscheint viermal jährlich

ISSN 1422-0636 / 117. Jahrgang

Erscheinungsdatum: 7. Dezember 2020

Die nächste Ausgabe erscheint am 8. März 2021

REDAKTION Ingrid Hess, Julie Bernet MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER DIESER AUSGABE Andrea Beeler,

Yann Bochsler, Palma Fiacco, Robert Fluder, Christoph Hostettler, Oliver Hümbelin, Corinne Hutmacher-Perret,

Markus Kaufmann, Christine Koradi, Raphaël Marlétaz, Iris Pulfer, Mirjam Schlup, Max Spring, Susanna Valentin

TITELBILD Palma Fiacco LAYOUT Marco Bernet, Projekt Athleten GmbH Zürich KORREKTORAT Karin Meier

DRUCK UND ABOVERWALTUNG rubmedia AG, Postfach, 3001 Bern, zeso@rubmedia.ch, Tel. 031 740 97 86

PREISE Jahresabonnement CHF 89.– (SKOS-Mitglieder CHF 74.–), Jahresabonnement Ausland CHF 125.–,

Einzelnummer CHF 25.–.

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INHALT

10

5 KOMMENTAR

Neue SKOS-Strategie als Wegweiser für die

kommenden vier Jahre

6 FACHBEITRAG

Ein Monitoring zur Erkennung und Bewältigung

der Armut

9 PRAXIS

Berücksichtigung der Hilflosenentschädigung

bei Sozialhilfebezug

10 INTERVIEW: JONAS LÜSCHER

Der renommierte Schweizer Schriftsteller über

die Corona-Krise und deren Auswirkungen auf

die Solidarität

6

26

14–25 SOZIALE INTEGRATION

16 Soziale Integration als Kernauftrag der

Sozialhilfe

18 Die individuelle Förderung zur sozialen Integration

durch die Sozialen Dienste der Stadt

Zürich

20 Der erste Schritt der langfristigen Arbeitsmarktintegration

ist die soziale Integration

22 Die Teilhabe der Obdachlosen in Paris an der

Gesellschaft

24 Roland Bänziger über die soziale Integration

durch das Arbeitsintegrationsprojekt HEKS-

Visite

30

26 REPORTAGE

Die Beobachtungsstation des FoyersBasel

unterstützt weibliche Jugendliche in der Krise

29 SCHUB FÜR DIE FÖRDERUNG VON GRUND-

KOMPETENZEN

Bildung als zentraler Faktor für eine nachhaltige

Integration in die Gesellschaft

30 IV-REVISIONEN

Der Zusammenhang des IV-Rentenrückgangs

mit der Zunahme der Sozialhilfefälle

32 HARMONISIERUNG DER SOZIALHILFE

Menschenrecht auf gleiche soziale Rechte

und die unterschiedliche Umsetzung der

kantonalen Sozialhilfegesetze

34 LESETIPPS UND VERANSTALTUNGEN

36 TÜRE AUF

Sandra Angelovic von den Sozialen Diensten

Asyl Zug wünscht sich mehr Verständnis in

der Bevölkerung und seitens der Klienten,

dass die Sozialhilfe auf Richtlinien und

Gesetzen basiert und nicht auf persönlicher

Willkür

32

36

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3


NACHRICHTEN

Neue SKOS-Richtlinien:

Umsetzung in den

Kantonen

Die neuen SKOS-Richtlinien treten Anfang

2021 in Kraft. Fast alle Kantone

werden die neuen SKOS-Richtlinien fristgerecht

umsetzen, manche wenden sie

direkt an, andere indirekt. Die Kantone

Aargau, Bern, Genf und Schaffhausen

haben eine spätere Anpassung ihrer

Rechtsgrundlagen an die Richtlinien in

Aussicht gestellt. Das Portal für die neuen

SKOS-Richtlinien 2021 ist bereits online:

https://rl.skos.ch

GBL-Anpassung für

2022 beschlossen

Nachdem der Bundesrat im Oktober die

AHV/IV-Minimalrenten um CHF 10 erhöht

hat, soll auch der Grundbedarf für

den Lebensunterhalt (GBL) in der Sozialhilfe

angepasst werden. Die SODK hat

den Antrag der SKOS im November gutgeheissen.

Demnach soll bis 1.1.2022

der GBL für einen Einpersonenhaushalt

von derzeit CHF 997 auf 1006 angehoben

werden. Dies entspricht dem in den

SKOS-Richtlinien festgehaltenen Mechanismus.

Seit 2009 ist die Anpassung des

Grundbedarfs in der Sozialhilfe an die

AHV/IV-Renten gekoppelt. Seither wurde

der Grundbedarf dreimal erhöht (2011,

2013 und 2020). Aktuell wenden 16

Kantone den von der SKOS empfohlenen

Ansatz von CHF 997 an, zwei Kantone

planen die Anpassung per 1.1.2021. Fünf

Kantone übernahmen die Anpassung

2020 nicht und bleiben bei CHF 986.

Zwei weitere Kantone haben die Anpassungen

2020 und 2013 nicht übernommen

und bleiben bei CHF 977. Ein Kanton

hat einen höheren Satz (CHF 1110) angelegt,

jedoch ohne Integrationszuslage.

ÜL ab 1. Juli 2021

Das Referendum gegen die Überbrückungsleistungen

für ältere Langzeitarbeitslose

ist nicht zustandegekommen.

Die entsprechenden Verordnungen

befinden sich bis Februar 2021 in der

Vernehmlassung. Die Inkraftsetzung

erfolgt daher nicht wie ursprünglich angekündigt

auf Anfang 2021, sondern am

1. Juli 2021. (ih)

Vorläufig kein Lockdown wegen Corona.

Corona-Krise: Stabile Zahlen – Absicherung

für Selbständigerwerbende

Seit Juni 2020 publiziert die SKOS jeden

Monat die neuen Resultate des Fallzahlen-

Monitorings. Damit werden die Auswirkungen

der Corona-Krise auf die Sozialhilfe

beobachtet. Gesamtschweizerisch war in

der Sozialhilfe zu Beginn der Corona-Krise

ein leichter Anstieg der Fallzahlen bemerkbar.

Ende September 2020 liegen die Fallzahlen

bei 99.9 Prozentpunkten (PP) und

sind damit praktisch wieder auf dem Niveau

des Durchschnittsmonats 2019. Im

Moment wirken nach wie vor die Instrumente

der Arbeitslosenversicherung und

die Corona-Erwerbsersatzentschädigung.

Die SKOS wird sich in den nächsten

Monaten insbesondere mit den Selbständigerwerbenden

befassen, die besonders

Bieler Tagung im Web

Bild: Mila Hess

stark von den wirtschaftlichen Auswirkungen

der Covid-19-Pandemie betroffen

sind. Denn sie haben keinen Anspruch auf

Leistungen der Arbeitslosenversicherung.

Mit dem Corona-Erwerbsersatz wurde diese

Lücke im Netz der sozialen Sicherheit

zwar kurzfristig geschlossen. Wie lange

und in welchem Umfang dieser Erwerbsersatz

fortgeführt wird, ist jedoch ungewiss.

Die SKOS geht in ihren Analysen davon

aus, dass sich in den kommenden Jahren

deutlich mehr Selbständigerwerbende bei

der Sozialhilfe melden werden als bisher.

Ziel ist einerseits die Erarbeitung eines

Merkblattes und andererseits die Durchführung

einer halbtägigen Veranstaltung

im Spätfrühling 2021. (ih)


Während das SKOS-Forum im September

noch vor Ort stattfinden konnte, wurde die

Bieler Tagung am 2. November als Webinar

durchgeführt. 130 Personen nahmen

an der Tagung, welche in verkürzter Form

stattfand, teil. Unter dem Titel «Der steinige

Weg in den ersten Arbeitsmarkt» präsentierte

Prof. Dr. Michelle Beyeler von der

Berner Fachhochschule die Sicht der Wissenschaft.

Thomas Michel, Leiter Abteilung

Soziales der Stadt Biel, berichtete aus

der Perspektive der Praxis in der Sozialhilfe.

In einem Streitgespräch unter dem Titel

«Was braucht es für mehr berufliche Integration?»

diskutierten Felix Wolffers, ehem.

Leiter Sozialamt Stadt Bern, Jérôme Cosandey,

Avenir Suisse, und Daniel Lampart,

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

(SGB). Die nächste Bieler Tagung befasst

sich mit dem Thema persönliche Hilfe. Sie

findet voraussichtlich im Kongresshaus

Biel am 11. März 2021 statt. Als Ausweichdatum

wurde vorsorglich der 23.

September festgelegt. (ih)


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KOMMENTAR

Eine neue Strategie in unsicheren Zeiten

Die Covid-19-Krise bestimmt weiterhin unser

Leben. Sie stellt uns vor grosse Herausforderungen

in Bezug auf unseren beruflichen

und privaten Alltag, aber auch in Bezug auf

die Planung der kommenden Monate und

Jahre. Es ist zurzeit nicht möglich abzuschätzen,

wie viele Klientinnen und Klienten

in einem Jahr betreut werden müssen und

welche Gruppen besonders betroffen sein

werden. Trotz oder gerade wegen dieser

unsicheren Situation hat die SKOS beschlossen,

eine neue Strategie für die kommenden

vier Jahre zu erarbeiten. Im Oktober trafen

sich die Geschäftsleitungsmitglieder in

Zürich zur jährlichen Retraite und luden

dazu sieben externe Experten ein, die einen

Blick von aussen auf die SKOS warfen.

Insgesamt steht die Sozialhilfe

und die SKOS

gefestigter

da als vor vier Jahren. Damals kündigten

mehrere Gemeinden ihre Mitgliedschaft, der

Kanton Zürich diskutierte einen Austritt. In

der Zwischenzeit fielen wichtige Entscheide,

die das Prinzip von national gültigen Richtlinien

stützten, allen voran der Volksentscheid

im Kanton Bern im Mai 2019. Die

SKOS gab wichtige sozialpolitische Impulse

im Bereich der Integration von Flüchtlingen,

der sozialen Absicherung von Arbeitslosen

über 55 und für die Weiterbildung. Die Richtlinien

wurden modernisiert.

Die neue Strategie will an diesen positiven

Entwicklungen anknüpfen. Sie stellt die

methodische und inhaltliche Weiterentwicklung

der Sozialhilfe und der Richtlinien

ins Zentrum. Es braucht neue Modelle zur

Unterstützung von Selbständigen, die von

der Pandemie besonders betroffen sind. Die

gesellschaftliche Entwicklung bringt bisherige

Konzepte wie den Konkubinatsbeitrag

auf den Prüfstein. Die

SKOS will auch weiterhin soziale Probleme

aufgreifen, die sich oft zuerst in der Sozialhilfe

zeigen, und dafür umsetzbare Modelle

erarbeiten. Wichtig bleibt auch der Anspruch,

den Mitgliedern qualitativ gute und praxisnahe

Dienstleistungen zu erbringen, von

der Rechtsberatung über Tagungen bis hin

zu Grundlagenpapieren. Dabei sollen die

unterschiedlichen Interessen berücksichtigt

werden, sei es der Sozialdienst einer kleinen

Gemeinde wie Eschlikon mit rund 50 Sozialhilfebeziehenden

oder das für den ganzen

Kanton Genf zuständige Hospice général

mit fast 30 000 Sozialhilfebeziehenden.

In den nächsten Monaten werden Vorstand

und Kommissionen ihre Anliegen einbringen.

Willkommen sind auch Vorschläge

der Mitglieder. Im April 2021 wird die neue

Strategie verabschiedet und publiziert. Als

Wegweiser für die nächsten vier Jahre, die

unser System der sozialen Sicherheit vor

neue und grössere Aufgaben stellen werden.

Markus Kaufmann

Geschäftsführer SKOS

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5


Mit einem Monitoring Armut

erkennen und angehen

FACHBEITRAG Globalisierung, Digitalisierung und Krisen verändern die Armutsrisiken. Um rechtzeitig

darauf reagieren zu können, ist die Armutspolitik auf eine regelmässige und solide Faktenlage

angewiesen. Als Grundlage für die Erstellung dieser Informationen hat die Berner Fachhochschule

deshalb gemeinsam mit Caritas Schweiz ein Modell entwickelt, mit dem die Armutsbeobachtung in

der Schweiz erheblich verbessert werden kann.

Armut in einem reichen Land wie der

Schweiz? Laut offiziellen Statistiken leben

in der Schweiz rund 660 000 Menschen

in Armut. Ihr Einkommen reicht nicht, um

das soziale Existenzminimum zu finanzieren.

Die Armut trägt verschiedene Gesichter:

Vom Langzeitarbeitslosen mit gesundheitlichen

Beeinträchtigungen über die

Rentnerin mit knappen Einkünften bis hin

zum Alleinerziehenden. Armut kann in allen

Lebensphasen und bei unterschiedlichen

Bevölkerungsgruppen zu einem Thema

werden. Allen gemeinsam sind die

eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten,

die ihre Alltagsbewältigung und die

gesellschaftliche Teilhabe erschweren. Um

den armutsbetroffenen Menschen mit

wirksamen Massnahmen zu helfen und Armut

möglichst präventiv zu verhindern, ist

eine systematische Beobachtung der Armutssituation

ganz entscheidend.

Lückenhafte Armutsbeobachtung in

der Schweiz

In der Schweiz gibt es bereits Instrumente

zur Beobachtung der Entwicklung der Armutsbetroffenheit.

So publiziert das Bundesamt

für Statistik regelmässig Indikatoren

zur Armut. Damit existiert ein

Monitoring auf nationaler Ebene, das mit

der EU abgestimmt ist und Vergleiche zwischen

den europäischen Ländern ermöglicht.

In der Armutspolitik der Schweiz

spielen jedoch die Kantone eine entscheidende

Rolle. Deshalb unterscheidet sich

die Politik der Armutsbekämpfung stark

von Kanton zu Kanton. Auch die Informationslage

der Kantone ist sehr unterschiedlich:

Nur einige Kantone erstellen Sozialoder

Armutsberichte, die Berichterstattung

erfolgt unregelmässig. Die betreffenden

Indikatoren sind nur beschränkt vergleichbar.

Ein Teil der Kantone fokussiert ausschliesslich

auf die gewährten Sozialleistungen

und vernachlässigt so, dass Armut

breiter gefasst werden muss. In anderen

wiederum ist die Armutssituation gänzlich

unbekannt. Diese Uneinheitlichkeit führt

zu einem fragmentierten Bild, das eine

zielgerichtete Armutspolitik erschwert. Im

Parlament wurde diese unbefriedigende

Situation erkannt. Durch die Motion

19.3953 ist der Bundesrat aufgefordert

ein regelmässiges Monitoring der Armutssituation

unter Einbezug der föderalen

Struktur der Schweiz zu etablieren.

Neue Möglichkeiten dank

Digitalisierung

Aktuell ist die Situation ungenügend. Möglichkeiten

für eine permanente Armutsbeobachtung

haben sich aber wesentlich

verbessert. Dank technologischen

Fortschritten in der Datenverarbeitung

können Administrativ- und Registerdaten

seit Kurzem für die Armutsforschung genutzt

werden. Eine wichtige Grundlage

dazu sind Steuerdaten, die mit weiteren

Administrativdaten zu den Bedarfsleistungen

sowie mit Registerdaten zur Wohnund

Haushaltssituation verknüpft werden.

Dank dieser Datenbasis kann ein detailliertes

und valides Bild der finanziellen Situation

der Bevölkerung erstellt werden. Da

Administrativdaten im Rahmen der staatlichen

Aufgaben laufend anfallen, können

diese für ein Armutsmonitoring genutzt

werden, ohne dass neue Daten erhoben

werden müssen. Dabei muss jedoch festgelegt

werden, welche Methoden und Konzepte

zur Berechnung von steuerungsrelevanten

Indikatoren verwendet werden.

Diesbezüglich bietet der Modellvorschlag

von Caritas Schweiz und der Berner Fachhochschule

Hand.

Modell Armutsmonitoring BFH/Caritas

(vgl. die interaktive Visualisierung des Modells: « Armutsmonitoring – das Instrument gegen Armut»

https://www.knoten-maschen.ch/armutsmonitoring-das-instrument-gegen-armut/)

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Modellvorschlag der Berner Fachhochschule

und von Caritas Schweiz

Unter Einbezug des nationalen und internationalen

Forschungsstandes haben die

beiden Organisationen Grundlagen erarbeitet,

die es erleichtern, ein systematisches

Armutsmonitoring zu erstellen. Damit

können wichtige Kenntnisse zur

kantonalen Situation gewonnen werden.

Das Modell zeigt auf, wie die vorhandenen

Daten genutzt werden können. Das

Monitoring besteht aus einem «Kernmodul»,

welches mittels wiederkehrender Indikatoren

die Armutsrisiken gesamthaft

und für bestimmte Bevölkerungsgruppen

ausweist.

Aus präventiver Sicht ist es wichtig, Armut

nicht nur auf etablierte Indikatoren

wie die absolute Armut oder den Bezug

von Sozialleistungen eingegrenzt zu messen.

Deshalb wird im Modell eine mehr-

Viele Haushalte leben nur knapp über der

Armutsgrenze.

Bild: Caritas


Neue Armutsstrategie für den Kanton

Basel-Landschaft

In der Schweiz haben 18 Kantone Sozialoder

Armutsberichte publiziert. Der neuste

Bericht kommt aus dem Kanton Basel-

Landschaft. Er wurde im Mai 2020

publiziert. Gleichzeitig legte der Regierungsrat

eine Armutsstrategie vor, die 46

Massnahmen zur Armutsbekämpfung

zur Diskussion stellt. Die Baselbieter Regierung

will damit die Armut im Kanton

bekämpfen. Mit einer Reihe von Massnahmen

soll die Armut innerhalb der

nächsten zehn Jahre um die Hälfte reduziert

werden, wie in der von der Schweiz

mitgetragenen Agenda 2030 der UNO

vorgesehen.

«Die Strategie soll Voraussetzungen

dafür schaffen, dass die Leute schon gar

nicht in Armut gelangen», sagte Finanzund

Kirchendirektor Anton Lauber (CVP)

anlässlich der Präsentation der Strategie

vor den Medien. Es gehe aber gleichzeitig

auch darum, Betroffene aus der Armut

herauszulösen.

Die Strategie beinhaltet die Handlungsfelder

Bildungschancen, Erwerbsintegration,

Wohnversorgung, gesellschaftliche

Teilhabe und Alltagsbewältigung

sowie soziale Existenzsicherung. Die finanzielle

Armut stehe im Vordergrund,

doch sollen laut Lauber die unterschiedlichsten

Lebensbereiche ins Urteil miteinbezogen

werden.

46 Massnahmen werden geprüft

Die Baselbieter Regierung hat insgesamt

46 zu prüfende Massnahmen verabschiedet.

Diese sind noch sehr allgemein formuliert

und reichen von der Intensivierung

der frühen Förderung von Kindern

im Bildungsbereich über die verbesserte

Arbeitsmarktintegration von arbeitslosen

Personen sowie der Sicherung der Wohnversorgung

bis zur Ausgestaltung situativer

Leistungen in der Sozialhilfe. So soll

en der Zugang zum Wohnungsmarkt

trotz Schulden und der Ausbau der Mietzinsbeiträge

für arme Familien geprüft

werden.

Koordinationsstelle für Armutsfragen

Der Kanton Basel-Landschaft prüft ferner

die Einrichtung einer Koordinationsstelle

für Armutsfragen. In den nächsten zwei

Jahren möchte die Regierung die 46

Massnahmen einer Detailprüfung unterziehen,

anschliessend soll über die Umsetzung

entschieden werden. «Die Verabschiedung

der Strategie kommt in Bezug

zu Covid-19 zu einem guten Zeitpunkt»,

sagte Lauber.

Knapp 9 Prozent der Baselbieter Bevölkerung

sind gemäss Zahlen aus dem

Jahr 2017 von Armut betroffen – rund

15 Prozent sind armutsgefährdet. Es

gebe keine Hinweise darauf, dass die Armut

im Kanton Basel-Landschaft zurückgegangen

sei, vielmehr habe sie eher zugenommen,

sagte Jörg Dittmann von

der Hochschule für Soziale Arbeit der

FHNW, der den Armutsbericht im Auftrag

des Kantons Basel-Landschaft verfasst

hat. (ih)


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7


perspektivische Betrachtung mittels fünf

Basisindikatoren vorgeschlagen:

• Absolute Armut: Umfasst Haushalte,

die mit weniger Einkommen als dem

Existenzminimum gemäss Richtlinien

der SKOS leben.

• Armutsgefährdung: Umfasst Haushalte,

deren Äquivalenzeinkommen unter

60 Prozent des Medianeinkommens

der Bevölkerung liegt. Damit werden

auch Haushalte erfasst, deren Einkommen

geringfügig über der absoluten Armutsgrenze

liegt.

• Armut unter Einbezug von finanziellen

Reserven: Hier werden neben dem Einkommen

auch finanzielle Reserven zur

zeitlich begrenzten Überbrückung von

Einkommensausfällen berücksichtigt.

• P20-Indikator: Die Einkommen der

einkommensschwächsten 20 Prozent

der Bevölkerung werden im Verhältnis

zum Durchschnittseinkommen und zu

den Topeinkommen betrachtet. Dieser

Ungleichheitsindikator zeigt auf, wo die

Schwächsten der Gesellschaft in Bezug

zu anderen Bevölkerungsschichten stehen.

• Nichtbezug von Sozialhilfe: Damit wird

abgebildet, wie gut der Zugang zum

letzten Netz der Existenzsicherung generell

und für verschiedene Bevölkerungsgruppen

ist.

Dazu kommt ein Vertiefungsmodul, das

wechselnde Indikatoren heranzieht. Diese

ermöglichen Erkenntnisse zu aktuellen

sozialpolitischen Themen. Bei der Umsetzung

ist zudem entscheidend, dass die

kantonalen wohlfahrtsstaatlichen Instrumente

sowie die regionalen Eigenheiten

der Wirtschafts- und Bevölkerungsstruktur

bei der Analyse berücksichtigt werden.

Die Analysen sollen in regelmässigen Abständen

wiederholt werden. Durch die Vereinheitlichung

der Indikatoren können die

Kantone miteinander in Austausch treten,

Entwicklungen vergleichen und besonders

erfolgreiche Massnahmen identifizieren.

Armut im Kanton Bern – Resultate der

Pilotstudie

Das entwickelte Modell wurde anhand des

Kantons Bern getestet. Die Ergebnisse des

Armutsmonitorings Bern für das Jahr

2015 zeigen auf, dass eine grosse Anzahl

Die Ergebnisse des

Armutsmonitoring

Bern für das Jahr

2015 zeigen auf,

dass eine grosse

Anzahl Haushalte

im Kanton Bern von

Armut betroffen ist.

Haushalte im Kanton Bern von Armut betroffen

ist. Gemessen an der absoluten Armutsgrenze

leben im Kanton 94 000 Personen

oder 10 Prozent der Bevölkerung in

Armut. Fasst man Armut mit der Armutsgefährdung

etwas breiter, so sind es gar

15 Prozent der Bevölkerung. Daran zeigt

sich, dass relativ viele Haushalte knapp

über der Armutsgrenze leben.

Einige Haushalte können den täglichen

Bedarf mit Reserven überbrücken. Werden

finanzielle Reserven bei der Armutsmessung

mitberücksichtigt, so beträgt die

Armutsquote 5.4 Prozent. Bei Berücksichtigung

von Reserven reduziert sich die Armutsquote

besonders bei Rentnerhaushalten

von 18.7 Prozent auf 3.4 Prozent. Bei

Rentnerinnen und Rentnern spielen Reserven

in Form von Kapitalbezügen aus der

zweiten und dritten Säule und der privaten

Selbstvorsorge eine wichtige Rolle zur Bestreitung

des Lebensunterhaltes. Bei der

Erwerbsbevölkerung ist der Unterschied

bei Berücksichtigung von Reserven wesentlich

geringer. So reduziert sich die Armutsquote

bei Personen im Alter von 16 bis 64

Jahren nur von 7.1 Prozent auf 5 Prozent.

Somit verfügt der grosse Teil dieser Haushalte

nicht über Reserven, um längere Einkommensausfälle

oder finanzielle Lücken

aufgrund von zusätzlichen Ausgaben zu

überbrücken.

Der P20-Indikator rückt die Bestandesaufnahme

in den Kontext ökonomischer

Ungleichheit. Dabei wird sichtbar, dass die

Ungleichheit beträchtlich ist. Die 20-Prozent

einkommensschwächsten Haushalte

verfügen nur über halb so viel Einkommen

wie der Durchschnittshaushalt und

nur über einen Zehntel des Einkommens

des reichsten Prozentes. Wenn auch finanzielle

Mittel in Form von Bankguthaben

und Wertschriften berücksichtigt werden,

verschärfen sich die Unterschiede weiter.

Während sich die Ressourcenlage bei den

untersten 20 Prozent dadurch kaum verbessert,

verfügen Haushalte aus dem Top-

1-Prozent der Einkommensverteilung im

Schnitt zusätzlich über CHF 3.4 Mio. flüssige

Mittel (ohne Liegenschaften und Betriebsvermögen).

Anzumerken ist, dass der

Kanton Bern im schweizerischen Vergleich

ein Kanton mit einer eher unterdurchschnittlich

ausgeprägten Einkommensungleichheit

ist.

Der Indikator zum Nichtbezug von Sozialhilfe

verweist auf den Zugang zum letzten

Netz der Existenzsicherung. Wird anhand

des Einkommens und Vermögens

sowie des Bedarfs der Haushalte die Anspruchsberechtigung

auf Sozialhilfe identifiziert,

so kann festgestellt werden, dass

36 Prozent der Anspruchsberechtigten keine

Sozialhilfeleistungen beziehen. Dabei

gibt es erhebliche Unterschiede zwischen

städtischen und ländlichen Regionen. Der

Nichtbezug von Sozialleistungen kann die

Problemsituation der betreffenden Personen

verschärfen, da es zu einer Verschuldung

oder zu einer Verschlechterung des

Gesundheitszustandes als Folge eines Verzichtes

auf Gesundheitsleistungen kommen

kann. Deswegen ist es wichtig, diese

Gruppe bei präventiven Massnahmen stärker

in den Fokus zu nehmen.

Armutsmonitoring muss der föderalen

Struktur gerecht werden

Armutspolitik muss am Puls der gesellschaftlichen

Entwicklung bleiben. Derzeit

ist die Armutsbeobachtung in der Schweiz

noch lückenhaft. Eine deutliche Verbesserung

könnte durch eine einheitliche Verwendung

bestehender Administrativdaten

erreicht werden. Mithilfe des Modells der

BFH und der Caritas kann erstmals ein flächendeckendes

Armutsmonitoring erstellt

werden, das der föderalistischen Struktur

der Schweiz Rechnung trägt. Mit einem

gutem Armutsmonitoring kann eine solide

Grundlage für eine wirksamere Armutspolitik

geschaffen werden.


Prof. Oliver Hümbelin, Prof. Robert Fluder

Berner Fachhochschule

Soziale Arbeit

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Wie ist die Hilflosenentschädigung

zu berücksichtigen?

PRAXIS Wer aufgrund einer Beeinträchtigung der Gesundheit eine Hilflosenentschädigung und

allenfalls auch einen Intensivpflegezuschlag erhält, muss diese bei gleichzeitigem Sozialhilfebezug

als Einnahme anrechnen lassen. Gesundheitsbedingte Nebenkosten können dafür als

situationsbedingte Leistungen (SIL) von der Sozialhilfe übernommen werden.

Familie Müller, ein Ehepaar und zwei Kinder,

wird mit Sozialhilfe unterstützt und

lebt gemeinsam in einem Haushalt. Eines

der Kinder ist gesundheitlich stark beeinträchtigt

und erhält dafür eine Hilflosenentschädigung

und einen Intensivpflegezuschlag

von der Invalidenversicherung

(IV). Pflege und Betreuung werden von

den Eltern erbracht.

FRAGEN

1. Wie werden Hilflosenentschädigung

und Intensivpflegezuschlag bei der Berechnung

der wirtschaftlichen Sozialhilfe

angerechnet?

2. Wie ist die Situation, nachdem das beeinträchtigte

Kind volljährig wird?

3. Wie ist in diesem Fall mit gesundheitsbedingten

Mehrkosten für das Kind

umzugehen, bspw. wenn die Eltern das

Kind zur Entlastung jedes zweite Wochenende

in einer spezialisierten Institution

pflegen und betreuen lassen?

4. Kann einem Elternteil eine Integrationszulage

(IZU) gewährt werden?

GRUNDLAGEN

Gemäss Art. 9 ATSG gilt eine Person als

hilflos, wenn sie wegen gesundheitlicher

Beeinträchtigungen für alltägliche Lebensverrichtungen

dauernd Hilfe von Dritten

oder persönliche Überwachung benötigt.

Hilflosenentschädigungen der IV und

AHV werden daher ausgerichtet, damit

sich eine unterstützte Person die für sie

notwendige Hilfe finanzieren kann. Es

PRAXIS

In dieser Rubrik werden exemplarische Fragen, die

an die «SKOS-Line»gestellt werden, beantwortet

und publiziert. Die «SKOS-Line» ist ein Beratungsangebot

für SKOS-Mitglieder.

Der Zugang erfolgt über www.skos.ch Mitgliederbereich

(einloggen) Beratungsangebot

geht dabei um Leistungen, die im Grundbedarf

für den Lebensunterhalt der Sozialhilfe

nicht vorgesehen sind.

Grundsätzlich handelt es sich bei der

Hilflosenentschädigung um eine frei verfügbare

Einnahme, die bei der Bedarfsberechnung

der Sozialhilfe zu berücksichtigen

ist (SKOS-RL D.1). Die Entschädigung

wird aber von einer Sozialversicherung mit

einer klaren Zweckbestimmung erbracht,

weshalb sie aus Gründen der Systemlogik

bei der anspruchsberechtigten Person

nicht ohne Weiteres als Einnahme angerechnet

werden darf. Die Entschädigung

darf bei der Bedarfsbemessung der Sozialhilfe

für die berechtigte Person dann nicht

berücksichtigt werden, wenn damit Hilfe

von Dritten eingekauft wird.

Wenn die Hilfe durch eine Drittperson

im selben Haushalt erbracht wird, soll

die Entschädigung grundsätzlich dieser

Person zustehen. Wenn die Person selber

bedürftig ist, ist die Entschädigung ihrer

Unterstützungseinheit als Einnahme anzurechnen.

Wenn mit der Entschädigung

andere Hilfe von Dritten eingekauft wird,

dann bestehen zwei Varianten für das weitere

Vorgehen. Entweder wird die Hilflosenentschädigung

der bedürftigen Person

als Einnahme angerechnet. In diesem

Fall muss die Hilfe von Dritten als grundversorgende

situationsbedingte Leistung

(grundversorgende SIL) übernommen

werden (SKOS-RL C.1 und C.6.1). Oder

aber die Entschädigung wird nicht angerechnet,

damit die Hilfe von Dritten direkt

damit finanziert werden kann. In diesem

Umfang besteht dann aber kein entsprechender

Anspruch auf eine grundversorgende

SIL.

Pflegenden Elternteilen kann für ihre

Bemühungen in gewissen Fällen eine Integrationszulage

(IZU) gewährt werden, obschon

sie dadurch keinen Beitrag für die

eigene soziale oder berufliche Integration

leisten (SKOS-RL C.6.7 Erläuterungen c).

ANTWORTEN

1. Die Hilflosenentschädigung und der Intensivpflegebeitrag

werden im Familienbudget

als Einnahmen angerechnet.

2. Wenn das Kind volljährig wird und im

Haushalt der Eltern wohnen bleibt,

die sich weiterhin um Pflege und Betreuung

kümmern, dann werden ihrer

Unterstützungseinheit die Hilflosenentschädigung

und der Intensivpflegezuschlag

als Einnahmen angerechnet.

Dies gilt auch dann, wenn das volljährige

Kind selber weiterhin auf Sozialhilfe

angewiesen ist.

3. Wenn trotz Pflege und Betreuung der

Eltern notwendige Leistungen Dritter

eingekauft werden, bspw. wenn die Eltern

das Kind zur Entlastung jedes zweite

Wochenende in einer spezialisierten

Institution pflegen und betreuen lassen,

dann sind diese als grundversorgende

SIL von der Sozialhilfe zu vergüten. Ein

Anspruch auf SIL besteht dann nicht,

wenn die Leistungen im Einverständnis

mit dem Sozialhilfeorgan direkt mit der

Hilflosenentschädigung oder dem Intensivpflegezuschlag

finanziert werden.

4. Weil die Eltern ihr hilfsbedürftiges Kind

pflegen, kann ihnen eine angemessene

IZU gewährt werden.


WICHTIGER HINWEIS

Christoph Hostettler

Mitglied RiP AG

Die Verweise auf die SKOS-Richtlinien

beziehen sich bereits auf die ab 2021 neu

geltende Richtlinien-Struktur.

4/20 ZESO

9


«Fortschritt bedeutet, den Kreis

der Solidarität auszuweiten»

INTERVIEW Jonas Lüscher ist einer der renommiertesten Schriftsteller der Schweiz. Der Wahl-

Münchner ist aber auch politischer Beobachter und Kommentator. Für seinen Roman «Kraft» erhielt

er 2017 den Schweizer Buchpreis. In seinem neusten Band «ins Erzählen flüchten» schreibt Lüscher

über die politische Bedeutung der Literatur. Die Corona-Krise ist für Lüscher, der selbst schwer an

Covid-19 erkrankte, ein Brennglas für die Schwächen des gesellschaftlichen Systems.

«ZESO»: Herr Lüscher, seit wir zum

ersten Mal Ende Februar miteinander

gesprochen haben, ist viel passiert. Die

Schweiz war wie viele andere Länder

auch wochenlang im Shutdown. Sie

selbst lagen sieben Wochen als Folge

Ihrer Covid-19-Erkrankung in einem

künstlichen Koma. Schön, sind Sie

wieder gesund.

Jonas Lüscher: Danke, ich hatte Glück.

Oder besser: Glück im Pech.

Corona prägt unser Leben seit Mitte

März massgeblich. Hat diese Krise die

Gesellschaft grundlegend verändert?

Wir stecken ja noch mitten drin, deshalb

ist es noch zu früh, das jetzt schon abschliessend

zu beurteilen. Aber was sich

jetzt schon zeigt, ist, dass die Krise wie ein

Brennglas funktioniert und die Stärken

und Schwächen unser Gesellschaft und

unseres politischen Systems offen legt. Sie

zeigt, wie wichtig die Solidarität und ein

funktionierender Sozialstaat sind, denn

auch in dieser Krise sind es die Armen,

die am meisten unter den Auswirkungen

leiden. Mich beschäftigt aber auch, was es

mit uns als Gesellschaft macht, wenn jeder

Mitmensch eine potentielle Gefahr darstellt.

Das ist, finde ich, eine fast unerträgliche

Art miteinander zu leben.

Für das Retten von Leben waren wir

bereit, auf sehr vieles zu verzichten

und auch Wohlstand preiszugeben.

War oder ist das Verhalten vieler

Menschen während der Corona-Krise

ein Zeichen des Wiederauflebens des

Solidaritätsgedankens?

Es war tatsächlich erfreulich festzustellen,

dass man sich ganz sicher war, dass

es jetzt darum gehen muss, Leben zu retten,

und wirtschaftliche Interessen hintangestellt

wurden. Das zeigt, dass so etwas

möglich ist und die sonst üblichen austeritätspolitischen

Argumente Humbug sind.

Staaten – allen voran die Schweiz – haben

sehr viel Geld zur Verfügung, wenn sie wollen.

Sie sind Botschafter der Charta Sozialhilfe

Schweiz und sagten: «In der

Sozialhilfe findet der grundlegende

Gedanke einer solidarischen Gesellschaft

seinen Ausdruck. Sie ist nicht

nur ein wichtiges Instrument gegen

die Verelendung und eine Garantie für

die Teilhabe an der Gesellschaft, sie

definiert auch, welche Art von Gemeinschaft

wir sein wollen.» Was genau

meinen Sie damit?

Es sagt viel über eine Gemeinschaft aus,

ob sie einen starken Sozialstaat hat oder

eben nicht. Wir sind doch in unserem Leben

sehr von schicksalhaften Umständen

abhängig: In welche Umstände ich hineingeboren

werde, vor allem in welches

Bildungsmilieu; komme ich gesund auf

die Welt oder vielleicht mit einer Behinderung,

wurde ich mit schönen Talenten

ausgestattet, mit einem gewinnenden

Aussehen, mit Klugheit gesegnet? Das

sind Dinge, zu denen wir nichts beizutragen

haben, und die doch unser Leben so

stark definieren. In Gesellschaften, die keinen

Sozialstaat haben, bleibt das Schicksal

stark bestimmend für das eigene Leben.

In Gesellschaften mit Sozialstaat gelingt

es doch, dem Schicksal dann und wann

ein Schnippchen zu schlagen. Mit einem

Sozialstaat können wir nicht alle Schicksalsschläge

verhindern, aber ihre Auswirkungen

zumindest häufig abschwächen.

Der Sozialstaat ist eine junge Errungenschaft,

aber er ist doch heute

hierzulande nicht wirklich in Frage

gestellt.

10 ZESO 4/20


Eine Selbstverständlichkeit ist er trotzdem

nicht. Er musste hart erkämpft werden

und in vielen Ländern Europas bestehen

starke Gegenbewegungen. Schauen

Sie nach Österreich, nach Grossbritannien,

aber auch in die USA. Wir sollten uns

nicht auf der sicheren Seite fühlen.

Bilder: Palma Fiacco

«Ich glaube ehrlich

gesagt, dass schon

alleinerziehende

Schweizer Mütter

für manche ein Problem

sind.»

Personen, die auf Sozialhilfe angewiesen

sind, werden in der Öffentlichkeit

mehrheitlich negativ dargestellt. Warum?

Es ist eben eine Frage, welches Menschenbild

wir pflegen. Und die Rechtspopulisten

haben es hierzulande geschafft,

ein ganz altes Menschenbild – das vom

faulen Sozialhilfeempfänger – aus der

Mottenkiste zu holen, und dazu haben sie

noch ein neues Schreckensbild geschaffen,

das vom eben so faulen Sozialarbeiter

und Lehrer. Menschenbilder verändern

sich zum Glück durch die Geschichte. Es

gab eine Zeit, in der sowieso jeder seinen

von Gott zugedachten Platz hatte – da war

Gleichheit noch nicht einmal ein Ideal.

Erst mit der französischen Revolution hat

sich der Mensch neu erfunden, als Individuum

unter gleichen in Freiheit und Solidarität.

Dennoch hat ein konservatives

Menschenbild überdauert, in dem der

Arme an seinem Elend irgendwie selber

Schuld sein muss – nicht fleissig genug,

nicht gottesfürchtig genug, nicht brav genug.

Auch einem solchen Armen standen

ein paar Almosen zu, aber eben nur aus

Mildtätigkeit. Die Realität einer solidarischen

Gesellschaft, in der man gemeinsam

dem Schicksal trotzt, ist eine relativ

neue – und sie ist eben keinesfalls selbstverständlich

und muss immer wieder gegen

alte Narrative verteidigt werden.

Überdurchschnittlich viele Sozialhilfebeziehende

haben Migrationshintergrund.

Würde die Sozialhilfe

weniger kritisch betrachtet, wenn sie

nur Schweizerinnen und Schweizern

zugute käme?

Ich glaube ehrlich gesagt, dass schon alleinerziehende

Schweizer Mütter für manche

ein Problem sind.


4/20 ZESO

11


«Die Realität einer

solidarischen Gesellschaft,

in der man

gemeinsam dem

Schicksal trotzt, ist

relativ neu.»


Das heisst, Solidarität braucht ein

ganz spezifisches «Gegenüber»?

Ja, für manche Menschen schon. Es

gibt jene, die den Kreis der Solidarität

möglichst eng ziehen wollen, auf ihre Nation,

ihre Glaubensgemeinschaft, ihre Familie

beschränkt. Und es gibt jene, die den

Kreis der Solidarität immer mehr ausweiten

wollen – in Letzterem findet der Fortschritt

der Menschheit ihren Ausdruck.

Die Diskussionen um die Kostenentwicklung

in der Sozialhilfe oder Missbrauch

nimmt in der reichen Schweiz

einen hohen Stellenwert ein. Warum?

In der politischen Diskussion werden

Ängste bewirtschaftet. Die Philosophie unterscheidet

zwischen Angst und Furcht.

Die Angst ist immer diffus und nicht zielgerichtet.

Angst hat im politischen Diskurs

deshalb eigentlich nichts zu suchen.

Die Furcht ist konkret. Gerade in einem

Land mit direkter Demokratie wäre es die

Aufgabe eines jeden von uns, die Angst in

konkrete Furcht umzuformulieren, sie zu

konkretisieren und zu überprüfen, ob die

Furcht wirklich begründet ist. Ja, das ist

anstrengend und deshalb können die Ängste

von den rechten Parteien bewirtschaftet

werden. In meinem Essai «das Geisterhaus»

habe ich dieses Phänomen mal so

beschrieben: Ein Kind fürchtet sich eines

Nachts davor, dass unter seinem Bett ein

Gespenst ist, die Eltern sagen zu ihm, vielleicht

sind es ja sogar zwei oder drei, komm

zu uns ins Bett! Richtig wäre, das Kind an

der Hand zu nehmen und mit ihm unter

das Bett zu sehen, ob dort ein Gespenst ist.

Gerade in einer globalisierten Welt sind

viele Probleme komplex und schwer verständlich,

dennoch kann man sie verstehen,

wenn man sich anstrengt. Das kann

12 ZESO 4/20


man von den Bürgern eines demokratischen

Staates verlangen.

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung

nach die sozialen Medien in der

öffentlichen Debatte über sozialpolitische

Fragen?

Es klingt vielleicht etwas altmodisch

und kulturpessimistisch, aber mir scheint

offensichtlich, dass die sozialen Medien

den Diskurs verroht haben. Selbst in den

Schweizer Zeitungsforen, wo nur publiziert

wird, was irgendwie noch zu verant-

JONAS LÜSCHER

Jonas Lüscher wuchs in Bern auf, wo er auch

von 1994 bis 1998 das Evangelische Lehrerseminar

Muristalden besuchte. Nach einigen

Jahren als Dramaturg und Stoffentwickler in der

Münchner Filmwirtschaft studierte er an der

Hochschule für Philosophie München (2005 bis

2009). Sein Studium schloss er 2009 mit der

Erlangung eines Magistergrades ab. Anschliessend

folgten zwei Jahre als Wissenschaftlicher

Mitarbeiter am Institut TTN (Technik-Theologie-

Naturwissenschaften) an der Ludwig-Maximilians-Universität,

gleichzeitig arbeitete er als

Ethiklehrer an der Staatlichen Wirtschaftsschule

München/Pasing.

2011 wechselte Lüscher an die ETH Zürich.

Er schrieb dort an einer Dissertation über die

Bedeutung von Narrationen für die Beschreibung

sozialer Komplexität vor dem Hintergrund

von Richard Rortys Neo-Pragmatismus.

2012/2013 verbrachte er mit einem Stipendium

des Schweizerischen Nationalfonds neun

Monate als Visiting Researcher am Comparative

Literature Department der Stanford University.

Zum Jahresende 2014 verliess Lüscher die

ETH, ohne seine Dissertation abzuschliessen.

Lüscher lebt seit 2001 in München. Seine erste

Novelle «Frühling der Barbaren» wurde 2013 für

den Deutschen Buchpreis nominiert, ebenso

für den Schweizer Buchpreis. Für seinen Roman

«Kraft» wurde Lüscher 2017 der Schweizer

Buchpreis verliehen. 2020 erschien «Ins Erzählen

flüchten».

worten ist, ist der Ton heftig und das Niveau

tief. Foren wie 4chan und Gruppen

auf Telegram sind vollständig unmoderiert

und bieten gleichzeitig Anonymität.

Rechtsfreie Räume also, in denen alles gesagt

werden darf, egal wie rassistisch, misogyn,

hasserfüllt oder einfach nur unwahr

es ist.

Sie leben seit mehr als 20 Jahren in

München. Wie geht es Ihnen dort?

Es ist eine lebenswerte Stadt, vielleicht

manchmal ein bisschen langweilig. Aber

eine gute Basis. Ich bin viel auf Lesereise

und München ist gut angebunden.

Warum sind Sie ausgewandert?

Mit 23 wollte ich weg von Bern, etwas

Neues sehen. Ich bin dann erst mit einer

Gruppe Freunden – alles deutsche Filmemacher

– nach Köln. Und dann habe ich

meine Frau kennengelernt – eine Münchnerin.

Sie haben sogar die deutsche Staatsbürgerschaft

angenommen. Warum?

Wenn man lange in einem Land lebt,

soll man nach Möglichkeit die Staatsbürgerschaft

annehmen, damit man wählen

kann. Und ich fühle mich in Deutschland

sehr zu Hause. Zudem hat der deutsche

Pass den Vorteil, dass man damit auch EU-

Bürger ist. Das ist mir wichtig.

Die EU hat in der Schweiz wenig Sympathie

und ist nach wie vor vor allem

eine Wirtschaftsgemeinschaft. Warum

sind Sie gerne EU-Bürger?

Auf viele der heute wichtigen Fragen

finden die einzelnen Nationalstaaten alleine

keine Antworten. Dazu gehört die

Klimaerwärmung ebenso wie die Steuergerechtigkeit,

die Migrationsfrage, die Deregulierung

von Finanzmärkten und viele

wirtschaftspolitische Fragen, wie sie jetzt

auch durch die Konzernverantwortungsinitiative

zum Thema gemacht werden.

Und dann hat es aber auch etwas mit der

eben skizzierten Idee von Solidarität zu

tun. Dass es Fortschritt bedeutet, den Kreis

der Solidarität auszuweiten – auch wenn

die EU, was die Solidarität angeht, noch

viel Luft nach oben hat.


Das Gespräch führte

Ingrid Hess

«Es klingt vielleicht etwas altmodisch und kulturpessimistisch,

aber mir scheint offensichtlich, dass die sozialen Medien den

Diskurs verroht haben.»

4/20 ZESO

13


Bild: Palma Fiacco

14 ZESO 4/20 SCHWERPUNKT


Soziale Integration – der eigenständige

Auftrag der Sozialhilfe

Die soziale Integration gehört zum Kernauftrag der Sozialhilfe. Die SKOS-Richtlinien haben sie in

ihren Zielsetzungen festgehalten und die Kantone in ihren Sozialhilfegesetzgebungen implizit oder

explizit erwähnt. Aber was bedeutet soziale Integration für die einzelne Person und für den Auftrag,

den die Sozialarbeitenden zu erfüllen haben?

Die Begriffe Integration und soziale Integration werden auf vielfältigste

Art und Weise beschrieben, unter anderem als:

• «Teilhabe benachteiligter Personen an der Gesellschaft»,

• «Handlungsbefähigung, d.h. Verwirklichungschancen von Individuen,

die sich in der persönlichen und sozialen Wohlfahrtsproduktion

niederschlagen. Kriterium dafür ist die Nutzung

verfügbarer Ressourcen, die Überwindung von Armut und Deprivation

und die Suche nach gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten»;

• «Ausgleich von Interessen, Bewältigung von Konflikten und Befriedigung

von Bedürfnissen».

Mit Bezug auf die Sozialhilfe betrachtet, bedeutet soziale Integration

Teilhabe am sozialen Leben und die Integration in den Arbeitsmarkt.

Bei diesem Integrationsansatz wird implizit davon

ausgegangen, dass ein Mensch nicht integriert sein kann, wenn er

keinen Anschluss zur Arbeitswelt hat. Der indische Wirtschaftswissenschaftler

und Philosoph Amartya Sen verlangt demgegenüber

in seinem Ansatz der verwehrten Verwirklichungsmöglichkeiten

eine Perspektivenverschiebung: «Es gibt gute Gründe dafür, Armut

als Mangel an fundamentalen Verwirklichungschancen zu

betrachten und nicht bloss als zu niedriges Einkommen.» Auch in

wohlhabenden Gesellschaften sei diese Perspektive von Armut einzunehmen,

da das Individuum in seinen Freiheiten, Initiativen

und Begabungen behindert wird.

Soziale Integration als eigenständiger Auftrag der Sozialhilfe

Die SKOS-RL 2021 halten in ihren Zielsetzungen fest, dass die Sozialhilfe

zur Förderung der beruflichen und sozialen Integration

Angebote und Programme anzubieten hat (SKOS-RL, 2021, A.2).

Die Teilhabe am wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen

Leben ist zu garantieren. In den Erläuterungen wird präzisiert,

dass nebst der Hilfe zur Selbsthilfe auch Hilfestellungen zur

Bewältigung individueller Notlagen und zur Kompensation struktureller

Ursachen bereitzuhalten sind. Kompensierende Angebote,

welche den beruflichen Voraussetzungen, dem Alter, dem Gesundheitszustand,

den persönlichen Verhältnissen und den Fähigkeiten

der unterstützten Person entsprechen, sind bereitzustellen. Ergänzt

wird zudem die Zulassung einer selbständigen Erwerbstätigkeit

mit dem alleinigen Ziel der sozialen Integration. Fraglich ist inwieweit

die Priorisierung, welche die SKOS-RL der beruflichen Integration

vor der sozialen geben, einen Einfluss auf die Praxis hat.

Soziale und/oder berufliche Integrationsbemühungen sind mit

einer Integrationszulage zu honorieren. Die SKOS-RL empfehlen

hierbei einen Betrag zwischen 100 und 300 Franken pro Person

und Monat je nach erbrachter Leistung und deren Bedeutung.

Eng verknüpft mit dem Begriff der sozialen Integration ist in

der Sozialhilfe und in den Richtlinien der Begriff der persönlichen

Hilfe. Diese soll durch gezielte Unterstützungsangebote sowohl in

präventiver wie auch in akuter Hinsicht integrierend wirken. Persönliche

Hilfe versteht sich sowohl als integraler Bestandteil der

wirtschaftlichen Hilfe wie auch als präventiver Beratungsauftrag

ohne Sozialhilfe. Die SKOS-RL 2021 widmen neu der persönlichen

Hilfe ein ganzes Kapitel (B). Beratung, Begleitung und Vermittlung

umfassen Unterstützungen bei Arbeits- und Wohnungssuche,

administrativer Korrespondenz mit Sozialversicherungen

bis hin zu aufwändigen Abklärungen, freiwillige Einkommensverwaltung,

Schuldenberatung und -sanierungen. Im Kern ist das

kein neuer Auftrag. Diese Aufgaben können an spezialisierte Stellen

delegiert werden.

Die Umsetzung in den Kantonen

Die explizite Erwähnung des sozialen Integrationsauftrages fehlt

in vielen kantonalen Sozialhilfegesetzgebungen. Implizit kann der

Auftrag jedoch abgeleitet werden. Ausdrücke wie die Förderung

der «persönlichen Selbstständigkeit», der «Hilfe zur Selbsthilfe»,

der «gesellschaftlichen Integration», der «Verhinderung von Ausgrenzung»

sowie der «Eingliederung» werden in den jeweiligen

Rechtsnormen ausgeführt.

Interessant ist hierbei festzustellen, dass sich die Prioritätensetzung

in der Reihenfolge der Wortwahl «berufliche und soziale»

oder «soziale und berufliche» Integration durchaus im Verständnis

eines eigenständigen Auftrages zur sozialen Integration in der

Sozialhilfe niederschlägt. Eine stichprobenartige Umfrage bei

einzelnen Kantonen zeigt interessante Ansätze der sozialen Integration:

Beispiel Bern

Unter der Leistung «Soziale Integration (SI)» in seinem Detailkonzept

zu den Beschäftigungs- und Integrationsangeboten der Sozialhilfe

bietet der Kanton Bern für Sozialhilfebeziehende, die mittelfristig

kaum eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt haben,

Angebote zur sozialen Stabilisierung an. Diese beinhalten Gruppen-

oder Einzelarbeitsplätze, Projekte für stunden- oder tageweise

Aktivitäten, Dauernischenarbeitsplätze, Unterstützung in Alltagsfragen,

Hilfestellung bei der Bewältigung lebensweltlicher Fragen

und regelmässige Standortbestimmungen. Das Ziel dieser Angebote

liegt explizit darin, eine soziale Stabilisierung zu erreichen.

16 ZESO 4/20 SCHWERPUNKT


SOZIALE INTEGRATION

Freiwilligenarbeit, zum Beispiel Nachbarschaftshilfe, wird häufig nicht

als Massnahme zur sozialen Integration anerkannt. Bild: Keystone/G. Bally

Weitere Entwicklungen in Richtung einer niederschwelligen Arbeitsintegration

werden ermöglicht.

Beispiel Zürich

Die Stadt Zürich bietet zielgruppenspezifische, modular aufgebaute

Angebote. Gemeinnützige Arbeit wird explizit als Integrationsmassnahme

aufgeführt (vgl. S. 18).

Beispiel Genf

Der in Genf verwendete Begriff der sozialen Begleitung (accompagnement

social) beinhaltet Dienstleistungen sowohl im präventiven

Bereich, also ohne wirtschaftliche Hilfe, wie auch Beratung,

Begleitung und Vernetzungsarbeit als Ergänzung zur wirtschaftlichen

Hilfe. Die Angebotspalette der sozialen Begleitung ist in beiden

Bereichen dieselbe. Die soziale Begleitung hat zum Ziel, den

Nutzerinnen und Nutzern (usagers) die Wiedererlangung ihrer

Selbständigkeit zu ermöglichen. Dies ohne den Druck einer Teilnahme

an Programmen.

Beispiel Waadt

Der im Kanton Waadt verwendete Begriff der sozialen Unterstützung

(appui social) ist Teil eines 3-Säulen-Konzepts der Sozialhilfe.

Das Angebot steht sowohl Personen mit wie auch ohne wirtschaftliche

Hilfe zur Verfügung und beinhaltet eine individualisierte Beratungs-,

Begleitungs-, Informations- und Vernetzungsarbeit. Die

Dienstleistung des «appui social» ist gegliedert in zehn Lebensbereiche:

Finanzen, finanzielle Ansprüche gegenüber Dritten inklusive

administrative Abklärungen, Wohnen, Gesundheit, Arbeit, Familie,

Grundkompetenzen, Bildung, soziales Netzwerk und

Mobilität. Die soziale Integration wird dann als erfüllt bezeichnet,

wenn alle vereinbarten Bereiche gelöst sind. Die sozialen Integrationsmassnahmen

(mesures d’insertion social, MIS) ihrerseits finden

sich in einem Katalog mit 70 Angeboten zu verschiedenen

Themen: MIS socio-professionelles, MIS Familien, MIS 50+, MIS

Übergang, MIS Grundkompetenzen, MIS finanzielle Stabilität

und MIS soziale Kontakte. Diese Angebote werden in enger Zusammenarbeit

mit externen Partnerorganisationen realisiert.

Die kantonalen Beispiele zeigen, dass es verschiedene Formen

der Umsetzung des Auftrags der sozialen Integration gibt:

• Soziale Integration neben der beruflichen Integration als eigenständiges

Ziel der Eingliederungsmassnahmen.

• Soziale Integration mittels beruflicher Integrationsmassnahmen.

• Soziale Integration als Betreuung und Beratung in Abgrenzung

zur wirtschaftlichen Hilfe.

Interessant ist zudem festzustellen, dass individuelle soziale

Integrationsbemühungen wie zum Beispiel Freiwilligenarbeit,

Nachbarschaftshilfe oder Therapien nicht von allen Kantonen in

der Liste der sozialen Integration aufgeführt werden. Entsprechend

werden solche Bemühungen entweder mit einer Integrationszulage

oder gar nicht belohnt.

Soziale Integration als eigenständiger Auftrag der Sozialhilfe

Das Primat der Erwerbsarbeit prägt die moderne Gesellschaft und

den Status der einzelnen Menschen darin. Die gesellschaftlichen

und politischen Erwartungen der letzten Jahre an die Sozialhilfe

waren deshalb, die berufliche (Re-)Integration zu forcieren. Die

soziale Realität einer Mehrheit der Personen, die wirtschaftliche

Hilfe benötigen, kann diesem Anspruch nicht genügen. Das St.

Galler Handbuch beschreibt dieses Dilemma wie folgt: «Für einen

nicht unbedeutenden Teil der Hilfesuchenden sind aus gesundheitlichen

oder anderen persönlichen Gründen rein berufliche

Integrationsmassnahmen entweder nicht angezeigt oder nicht

möglich: Für sie sollen soziale Integrationsmassnahmen bereitstehen,

welche eine Alltagsstruktur vermitteln und das Selbstbewusstsein

der Betroffenen stärken» (Handbuch KOS, 2019, Kapitel

D.2, S. 81).

Neuorientierung des Integrationsauftrages

Die SKOS-RL legen zwar den Grundstein für einen sozialen Integrationsauftrag

in der Sozialhilfe. Selbstkritisch darf aber darüber

nachgedacht werden, ob komplementär zum Begriff der beruflichen

und sozialen Integration von der beruflichen oder sozialen

Integration beziehungsweise von der sozialen oder beruflichen

Integration gesprochen werden könnte. Davon ausgehend, dass

eine berufliche Integration bei nur rund einem Drittel der sozialhilfebeziehenden

Personen in Betracht gezogen werden kann, ist

beim übrigen Mehrheitsanteil die soziale Integration in den Fokus

zu stellen. Eine Neuorientierung des Integrationsauftrages wäre

also angezeigt (vgl. Seite 22), damit die «soziale Integration» der

Sozialhilfebeziehenden zu einem eigenständigen Ziel im Bereich

der öffentlichen Sozialhilfe aufsteigt.


Corinne Hutmacher-Perret

Fachbereich Grundlagen der SKOS

SCHWERPUNKT 4/20 ZESO


Befähigung und Motivation der

Sozialhilfebeziehenden

Der Schweizer Arbeitsmarkt verändert sich: Neben den bekannten Trends der Automatisierung

und Digitalisierung wird niedrigqualifizierte Arbeit ins Ausland verlagert. Menschen mit kleinem

Bildungsrucksack fällt es immer schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden. Durch verschiedene

Massnahmen je nach Arbeitsmarktfähigkeit und Motivation bieten die Sozialen Dienste Zürich

individuelle Förderung zur sozialen Integration.

Die Stadt Zürich setzt seit Juli 2018 die Strategie zur beruflichen

und sozialen Integration von Sozialhilfebeziehenden um. Deren

Kern ist ein Paradigmenwechsel weg von Verpflichtung und Sanktionierung

hin zu Befähigung und Motivation der Betroffenen. Die

Strategie teilt alle grundsätzlich arbeitsfähigen Personen, die auf

Unterstützung durch die Sozialhilfe angewiesen sind, basierend

auf ihrer Arbeitsmarktfähigkeit und Motivation in vier Zielgruppen

ein. Je nachdem, wie arbeitsmarktfähig und motiviert jemand

ist, unterscheiden sich die Ziele und Massnahmen (vgl. den Beitrag

«Von der Verpflichtung zur Motivation» von Raphael Golta in

der ZESO 01/2018).

Die Strategie richtet sich in erster Linie an Personen ab 25

Jahren, die grundsätzlich mindestens für ein 50-Prozentpensum

arbeitsfähig und verfügbar sind. Jedoch sind sie auf Unterstützung

angewiesen, um den Eintritt in den ersten Arbeitsmarkt zu

bewältigen. Für Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahre

gilt der Grundsatz «Ausbildung vor Beschäftigung», weshalb in

der Regel andere Lösungen (z.B. Ausbildungs- oder Praktikumsplatz,

berufsvorbereitende Angebote, Coaching) gesucht werden.

Teilnehmende der Strategie durchlaufen ein Grundangebot mit

sinnvoller Arbeitstätigkeit und besuchen qualifizierende Zusatzmodule

sowie gegebenenfalls die Stellenvermittlung. Dies trifft

auf ca. 20 Prozent aller erwachsenen Sozialhilfebeziehenden der

Stadt Zürich zu.

Rund 80 Prozent der erwachsenen Sozialhilfebeziehenden in

der Stadt Zürich befinden sich in einer Situation, aufgrund welcher

sie (noch) nicht zur Zielgruppe der Strategie zur beruflichen

und sozialen Integration gehören:

• Rund die Hälfte der Betroffenen ist für die Arbeitsintegration

nicht bereit oder verfügbar, weil sie an einer psychischen und/

oder körperlichen Erkrankung leidet oder Betreuungspflichten

für kleine Kinder hat.

• Weitere ca. 20 Prozent arbeiten zwar – dies aber zu einem

nicht-existenzsichernden Lohn (Tieflohn oder Mini-Pensum).

ANGEBOTE «SOZIALE INTEGRATION» UND «BERUFLICHE UND SOZIALE INTEGRATION»

Abbildung: Das durchlässige System zur sozialen und beruflichen Integration von

Sozialhilfebeziehenden in der Stadt Zürich

18 ZESO 4/20 SCHWERPUNKT


SOZIALE INTEGRATION

• Rund 10 Prozent erhalten Gelder aus anderen Sozialen Sicherungssystemen

wie beispielsweise Taggelder der Arbeitslosenkasse.

Diese Unterstützung sichert aber nicht deren Existenz.

Die Stadt Zürich ist überzeugt, dass auch Personen, die (noch)

nicht an der beruflichen und sozialen Integration teilnehmen,

nicht zurückgelassen werden dürfen. Doch welche Massnahmen

werden eingesetzt, um zu unterstützen?

Stabilisierung und soziale Teilhabe dank Mitarbeit in

Beschäftigungs- und Förderangeboten

Mit diesen nicht arbeitsfähigen Personen wird daran gearbeitet,

ihre individuelle Situation zu stabilisieren sowie eine Tagesstruktur

aufzubauen oder zu erhalten, damit sie nicht in eine Negativspirale

geraten. Klientinnen und Klienten können im Rahmen der

sozialen Integration entweder einer stundenweisen Beschäftigung

nachgehen oder sie erhalten einen Förderarbeitsplatz (vgl. Abbildung,

blauer Teil). Hauptsächliches Ziel dieser Massnahmen ist es

nicht, eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt zu finden. Vielmehr

geht es darum, soziale Teilhabe sowie ein weitgehend selbstbestimmtes

Leben zu ermöglichen.

In den Angeboten der stundenweisen Beschäftigung arbeiten

die Teilnehmenden in verschiedenen Bereichen wie Administration,

Lagerarbeiten, Reinigung und Unterhalt, Holzverarbeitung,

Reparaturen, Wäscherei, Küche oder Wald- und Gartenarbeiten.

Dies ist unbefristet möglich. Neben dem Aufbau einer Tagesstruktur

geht es insbesondere auch darum, dass die Klientinnen und

Investition in soziale Integration lohnt sich. Bild: Palma Fjacco

Klienten mehr Handlungsautonomie und Lebensqualität erlangen.

Im Vordergrund der Förderarbeitsplätze steht, dass Teilnehmende

die Voraussetzungen für einen Übertritt in die berufliche

und soziale Integration erreichen. Dafür werden sie entsprechend

ihrer Ressourcen und Fähigkeiten gezielt gefördert und so zur beruflichen

und sozialen Integration begleitet. Eine Beschäftigung

in den Förderarbeitsplätzen ist befristet. Für den Besuch eines Angebots

der sozialen Integration erhalten Klientinnen und Klienten

für ihre Arbeitstätigkeit eine Integrationszulage.

In beiden Angebotsbereichen der sozialen Integration ist zudem

vorgesehen, dass Teilnehmende Kurse zur Förderung ihrer

Grundkompetenzen besuchen. Dabei verbessern sie Deutschkenntnisse,

Fähigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen und

sie erarbeiten sich Kenntnisse in der Informations- und Kommunikationstechnologie

(z.B. Bedienung Touch-Screens, PC-Kurse,

Nutzung des Internets zur Stellensuche).

Individuell passende Angebote dank durchlässigem System

Ein grosser Vorteil des beschriebenen Systems ist seine Durchlässigkeit

(vgl. Abbildung). Je nach individuellen Voraussetzungen

und vorhandenem Potenzial wird neben der sozialen Integration

auch auf die berufliche Integration hingearbeitet. So können Klientinnen

und Klienten aus einem Angebot der stundenweisen Beschäftigung

oder einem Förderarbeitsplatz den Schritt in die Angebote

der Strategie zur beruflichen und sozialen Integration machen

– sobald sie die Kriterien für die Basisbeschäftigung erfüllen. Auch

in den niederschwelligsten Angeboten im Rahmen der stundenweisen

Beschäftigung ist eine Steigerung des Arbeitspensums

möglich. Durch regelmässige Standortbestimmungen werden die

Teilnehmenden somit individuell abgeholt. Je nach aktueller Situation

und vorhandenen Ressourcen können passende Entwicklungsschritte

eingeleitet werden.

Dank der grossen Angebotsvielfalt in der Stadt Zürich kann für

die Klientinnen und Klienten ein zum jeweiligen Zeitpunkt passendes

Angebot gefunden werden. Für viele Betroffene ist der Weg

in den ersten Arbeitsmarkt zwar lang und steinig – und teilweise

nicht realistisch. Die Stadt Zürich ist jedoch überzeugt, dass sich

die Investition nicht nur in die berufliche, sondern auch in die soziale

Integration von Sozialhilfebeziehenden lohnt. Denn einer regelmässigen

(wenn auch nur stundenweisen) Beschäftigung nachzugehen,

hat für das Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühl einen

nicht zu unterschätzenden Wert und hilft allenfalls, aus den Fugen

geratene Lebenssituationen wieder zu stabilisieren.


Mirjam Schlup

Direktorin Soziale Dienste Zürich

Christine Koradi

Geschäftsleitung Soziale Dienste Zürich

Iris Pulfer

Leiterin Fachstab Soziale Integration

SCHWERPUNKT 4/20 ZESO


«Soziale Integration» am Beispiel

der jungen Erwachsenen

Die Sozialhilfe verfolgt zwei Ziele: Existenzsicherung und Integration. Beide Ziele sind

eng miteinander verknüpft. In der Politik und Praxis haben sich die Prioritäten in den

letzten Jahrzehnten stark auf das Ziel der beruflichen Integration fokussiert. Für junge,

sozialhilfebeziehende Erwachsene hat dies ambivalente Auswirkungen: Jene mit guten Aussichten

auf dem Ausbildungsmarkt werden langfristig unterstützt und solche, die sich in sogenannten

«mehrfachkomplexen» Lebenslagen befinden und über kein Ausbildungsprojekt verfügen, werden

finanziell benachteiligt und stärker unter Druck gesetzt.

Der sozialethische Gedanke, allen Menschen unabhängig ihrer

wirtschaftlichen Situation eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

zu ermöglichen, ist in der materiellen Gewährung der Existenzsicherung

angelegt: Das soziale Existenzminimum ermöglicht

nicht nur ein knappes Überleben, sondern deckt beispielsweise

auch Ausgaben für einen Kinobesuch oder Vereinsbeiträge.

Eine gesicherte Existenz ist unabdingbare Voraussetzung für

die Integrationsarbeit in der Sozialhilfepraxis. Wenn jemandem

beispielsweise die Wohnung gekündigt wurde, wird er oder sie

grosse Mühe haben, sich um die Erwerbsintegration zu bemühen.

Gemeinsam beugen die Existenzsicherung und der Integrationsauftrag

dem gesellschaftlichem Ausschluss vor. Im Idealfall ergänzen

sie sich im Rahmen der konkreten Unterstützung der Sozialhilfebeziehenden

und werden gleichwertig angewandt.

Soziale Integration dient der Arbeitsmarktintegration

Die Realität sieht allerdings häufig anders aus. Die beiden Ziele stehen

heute in einem ambivalenten Verhältnis zueinander. Auch

wenn die Sozialhilfepraxis sehr heterogen und vielfältig bleibt, zeigt

sich ein klarer Trend. Die Sozialhilfe ist sozialpolitisch unter Druck

geraten und das auf Solidarität basierende Menschenbild hat an Gewicht

verloren. Insbesondere wirtschaftliche Rationalitäten haben

an Wichtigkeit gewonnen. Beispiele hierfür sind die Missbrauchsdebatte

in den 2000er Jahren, die fachlich kritisierte Herabsetzung

des Existenzminimums, die Einführung des Bonus-Malus-System

und die Etablierung der Aktivierungslogik.

Nachweise für die individuellen Bemühungen um die rasche

Erwerbsintegration und Ablösung aus der Sozialhilfe zählen heutzutage

mehr als die sozialethischen Zielsetzungen der gesellschaftlichen

Teilhabe, wenn es um die politische Legitimation von Sozialhilfebezug

geht. Im Fokus der öffentlichen Debatte steht die

Vermeidung von dauerhafter «Sozialhilfeabhängigkeit» und der

damit einhergehenden Kosten. Zum einen steigen aber die Ansprüche

im Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, womit die Eintrittsschwelle

immer höher ansteigt. Zum anderen haben sogenannte

«mehrfachkomplexe» Fälle, also Menschen mit Benachteiligungen

in mehreren Lebensbereichen (Gesundheit, soziales Umfeld, finanzielle

Situation, Ausbildung) zugenommen. Beide Entwicklungen

erschweren die Integrationsarbeit in der Sozialhilfepraxis

und die Verhinderung von Langzeitbezug.

Betrachtet man die konkrete Umsetzung der in den SKOS-

Richtlinien festgeschriebenen Formel «soziale und berufliche

Integration» genauer, fällt auf, dass es in der Tendenz de facto

um Arbeitsmarktintegration und wirtschaftliche Selbständigkeit

geht. Zu diesem Zweck haben die Kantone «Abklärungszentren»

kreiert, die systematisch Sozialhilfebeziehende entlang ihrer Arbeitsmarktpotenziale

evaluieren und segmentieren. Investitionen

mit dem Ziel, die «soziale Integration» der Sozialhilfebeziehenden

zu verbessern, sind nur dann sozialpolitisch legitimiert, wenn sie

mittelfristig auch der Arbeitsmarktintegration dienen.

«Ausbildung vor Arbeit» für junge Erwachsene

Diese Entwicklung lässt sich am Beispiel der sozialhilfebeziehenden

jungen Erwachsenen illustrieren. Zunächst wurde diese Zielgruppe

Opfer der erwähnten Leistungskürzungen im Bereich der

Existenzsicherung. Das Richtlinien-Monitoring 2018 der SKOS

zeigt, dass die meisten Kantone die alleinlebenden 18 bis 25-jährigen

Sozialhilfebeziehenden finanziell benachteiligen im Vergleich

zu älteren Alterskategorien (je nach Haushaltsstruktur 500

Franken bis 986 Franken). Auch in den SKOS-Richtlinien ist seit

der Revision 2018 festgehalten, dass junge Erwachsene mit eigenem

Haushalt «in jedem Fall» mit einem um 20 Prozent reduzierten

Grundbedarf leben sollen – es sei denn, sie sind erwerbstätig,

betreuen Kinder oder nehmen an einer Integrationsmassnahme

teil. Die Begründung für diese Kürzung: Zu viel Sozialhilfe könnte

die Arbeitsmoral der jungen Menschen negativ beeinflussen und

sie davon abhalten, eine Ausbildung zu machen und später wirtschaftlich

auf eigenen Beinen zu stehen. Je jünger eine Person,

desto grösser ist die Gefahr einer längeren und damit teuren «Sozialhilfeabhängigkeit».

Diese Gefahr wird allerdings nicht mit fehlenden

Möglichkeiten auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt

begründet, sondern den jungen Erwachsenen selber zugeschrieben.

Ein solches Verständnis läuft dem Ziel der «sozialen Integration»

zuwider, weil es eine Altersgruppe unter Generalverdacht stellt

und das sozialethische Fundament des Existenzminimums dadurch

relativiert wird.

Für junge, sozialhilfebeziehende Erwachsene bleibt die Realität

in den verschiedenen Sozialdiensten ambivalent, denn gleichzeitig

haben sich die meisten kantonalen Sozialämter – gemeinsam

mit ihren Partnerinnen und Partnern, den Berufsbildungs- und

20 ZESO 4/20 SCHWERPUNKT


SOZIALE INTEGRATION

Arbeitsämtern – neu ausgerichtet und verfolgen nun konsequent

die Strategie «Ausbildung vor Arbeit» (siehe SKOS-Richtlinien

B.4). Es besteht allerdings kein Recht auf Ausbildung. Vielmehr

besteht eine neue Nachweispflicht für die jungen Erwachsenen,

über ein realistisches Ausbildungsprojekt zu verfügen. Falls sie

dieser Pflicht nicht nachkommen, laufen sie Gefahr finanziell

sanktioniert zu werden. Trotzdem wird sozialpolitisch damit signalisiert,

dass die Sozialhilfe bereit ist, junge Erwachsene auch

langfristig auf dem Weg zu einer Erstausbildung zu begleiten.

Die «sozialen» Grundkompetenzen der ausbildungslosen

jungen Erwachsenen fördern

Was bedeutet «soziale Integration» für junge Erwachsene vor diesem

sozialpolitischen Hintergrund? Einem Grossteil gelingt mit

Unterstützung der kantonalen Übergangsregimes (Case Management

Berufsbildung, Coaching, individuelle Beratung und Begleitung,

Bewerbungstrainings etc.) früher oder später der Sprung in

eine Berufsausbildung. Die Sozialhilfe finanziert dabei in der Ausbildungszeit

die Existenz dieser jungen Menschen ohne weitere

Forderungen nach Ablösung. Die SKOS setzt sich hier für existenzsichernde

Stipendien ein, unter anderem mit dem Argument,

Letztere seien weniger stigmatisierend als Sozialhilfeleistungen.

Diese Kategorie von jungen Erwachsenen ist aus sozial- und bildungspolitischer

Sicht auf Kurs.

Soziale Integration wird über Bildungsintegration und später

die Teilhabe am Arbeitsmarkt erreicht. Problematischer ist es für

jene, die ausbildungslos und gesundheitlich angeschlagen sind,

sich in vielfältigen benachteiligten Lebenslagen befinden (Kontaktabbruch

mit den Eltern, Obdachlosigkeit, Schulden), nicht

über das nötige schulische Niveau verfügen, Kinder betreuen, und

aufgrund schlechter Erfahrungen mit dem Bildungssystem (Lehrstellenabbrüche)

demotiviert sind. In solchen «mehrfachkomplexen»

Fällen arbeiten die Sozialdienste vermehrt mit externen

Anbietern zusammen, die befristete Massnahmen zur Förderung

von «sozialen» Grundkompetenzen anbieten. Beispiele hierfür

sind etwa Integrationsprogramme wie «Move On!» in Genf oder

das «Lernhaus» in Basel-Stadt. Der Fokus in diesen Programmen

liegt auf der Verbesserung von Kompetenzen wie «Teamfähigkeit»,

«Pünktlichkeit», «Belastbarkeit» oder «Selbstorganisation». Bei

diesen «sozialen» Grundkompetenzen geht es also faktisch um die

Vermittlung von Fähigkeiten, die insbesondere im aktuellen beruflichen

Kontext von Bedeutung sind. Soziale Integration ist auch

hier kein eigenständiges Ziel der Sozialhilfepraxis.

Alternative Strategien für die Sozialhilfe im Umgang mit

«mehrfachkomplexen» Fällen

Die Förderung von sozialen Grundkompetenzen mag für einen

Teil der jungen Erwachsenen eine adäquate Lösung sein, doch was

ist mit denjenigen, die zurückbleiben und auch nach einer solchen

Massnahme den Anschluss nicht finden oder gar nicht teilnehmen?

Ein innovativer Umgang könnte bedeuten, Freiräume für

diese jungen Menschen zu schaffen, indem man sie aus einer leistungsorientierten

Integrationslogik herausnimmt. Das innovative

Projekt «Scène Active» in Genf könnte dabei als Vorbild dienen.

«Scène Active» bietet bis zu 40 Plätze spezifisch für junge Erwachsene

an, die aktuell ohne berufliche Perspektive sind und auf brüchige

Laufbahnen zurückblicken. Der Fokus liegt dabei auf das

Wiedererlangen eines Selbstwertgefühls. Die Teilnahme ist freiwillig

und Ziel ist es, innerhalb eines Jahres ein öffentliches Theaterprojekt

auf die Beine zu stellen.

Die Verantwortlichen verzichten bewusst auf die Anwendung

eines klassischen, auf berufliche Integration ausgerichteten

Ansatzes, da ein solcher Ansatz für diese Kategorie von jungen

Menschen als nicht zielführend betrachtet wird. Falls die Teilnehmenden

im Anschluss im Stande sind, eine berufliche Ausbildung

anzustreben, gut, aber es ist nicht das vorrangige Ziel. Somit kann

die Angst vor dem Scheitern reduziert werden und der Erfolg wird

nicht anhand von «Ablösequoten» gemessen, sondern anhand von

qualitativen Kriterien, wie die Verbesserung der Lebenslagen der

jungen Menschen. Interessant ist dieses Projekt auch deshalb,

weil es von einer Stiftung («Accroche») initiiert wurde, die von

verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren getragen

wird (Sozialhilfe, Berufsbildung, Arbeitsamt, aufsuchende Soziale

Arbeit, Privatpersonen, Stiftungen). Sie finanzieren das Projekt

gemeinsam. Somit sind die Verantwortlichen nicht an innerkantonale,

institutionelle Abläufe gebunden. Ausserdem fördert eine

solche Struktur den Austausch mit allen involvierten Akteuren

über institutionelle Grenzen hinweg.

Auf sozialpolitischer Ebene müsste zudem die Neuorientierung

des Integrationsauftrages der Sozialhilfe diskutiert werden. Fachleute

der Sozialen Arbeit müssten sich dafür einsetzen, dass die «soziale

Integration» der Sozialhilfebeziehenden zu einem eigenständigen

Ziel im Bereich der öffentlichen Sozialhilfe aufsteigt. Damit

könnten die einseitige Arbeitsmarktorientierung und der damit

einhergehende Erfolgsdruck abgeschwächt werden, die aktuell

auf den Schultern der öffentlichen Sozialhilfe lasten. Zu diesem

Zweck müssten die kantonalen Sozialhilfegesetzgebungen nicht

geändert werden. Die aktuelle rechtliche Rahmung – beispielsweise

mit sozialgesetzgeberischen Zielsetzungen wie der persönlichen

Hilfe oder der Vorbeugung von sozialen Notlagen – erlaubt in den

meisten Kantonen eine solche Interpretation des Integrationsauftrages.

In der aktuellen sozialpolitischen Stimmungslage ist eine

solche strategische Kehrtwende allerdings unwahrscheinlich. Eine

weitere Bedingung wäre zudem, dass der Bezug von Sozialhilfe im

Sinne einer sozialen Unterstützung an sich nicht als unerwünscht

oder gar schädlich für die Entwicklung dieser jungen Menschen

interpretiert würde, sondern als ein Anrecht in einer prekären Lebenslage.


Yann Bochsler

Fachhochschule Nordwestschweiz

www.skos.ch/publikationen/monitoring-sozialhilfe

SCHWERPUNKT 4/20 ZESO


(K)ein Teil der Gesellschaft

Soziale Ausgrenzung und Isolation können schwere Folgen haben. Das trifft ganz besonders auf

obdachlose Personen zu, was ihnen die Rückkehr in die Gesellschaft zusätzlich erschwert. La

Cloche ist eine Organisation in Frankreich. Sie zeigt mit Projekten in acht Städten, dass soziale die

Integration von Obdachlosen möglich und wirksam ist.

«Die Leute haben mich anders angeschaut. Obwohl sie nicht wissen

konnten, dass ich auf der Strasse lebe, gaben sie mir das Gefühl,

nicht dazuzugehören. Als ob sie wüssten, dass ich anders bin.

Ich hatte keinen Platz in der Gesellschaft und litt unter der Last der

Blicke anderer», sagt Cédric. Er verbrachte sein halbes Leben auf

der Strasse. Er verlor sein Selbstwertgefühl und hatte Schwierigkeiten,

seinen Platz in der Gesellschaft wiederzufinden. So wie Cédric

fühlen viele. Studien zeigen, dass in Frankreich 84 Prozent der

Menschen, die kein Zuhause haben, unter der Nichtbeachtung

und Ablehnung der Passanten leiden, was ihre Wiedereingliederung

in die Gesellschaft behindert. Cédric ist heute Benevol bei der

Organisation la Cloche. Dort berichtet er von seiner Vergangenheit

auf der Strasse und teilt seine Erfahrungen und Sichtweisen mit.

Damit entsteht mehr Verständnis für das Thema der Obdachlosigkeit.

Er möchte Menschen auf der Strasse helfen, so wie ihm selbst

geholfen wurde, und ihnen das weitergeben, was er erfahren durfte

und was ihn von der Strasse holte, die soziale Integration.

Unsichtbar und ausgegrenzt

Auch in der Schweiz werden Obdachlose nicht nur auf der Strasse

beim Vorbeigehen nicht beachtet. Sie sind in offiziellen Statistiken

und Studien unsichtbar. Auch gibt es keine gesellschaftliche Diskussion

über die Thematik. Ein Grund dafür ist, dass wohnungslose

Menschen schwer zu erfassen sind, denn viele kommen in befristeten

Wohnlösungen oder bei Bekannten unter und werden

deshalb nicht als obdachlos wahrgenommen. Der erste, der verlässliche

Zahlen in der Schweiz über Obdachlosigkeit nennt, ist

FÜR LOKALE SOLIDARITÄT

Die Änderung der Sichtweise und die gesellschaftliche Integration

helfen wohnungslosen Personen, aus ihrer sozialen

Isolation auszubrechen und ihre Würde und ihr Selbstvertrauen

wiederzugewinnen. La Cloche hat zum Ziel, das tägliche

Leben von obdachlosen Personen zu erleichtern und Kontakte

im Quartier zu knüpfen.

Das gelingt mit den drei Programmen: le Carillon, les Clochettes,

la Cloche à Biscuit und den Medien (Gazette, Radio,

Podcasts), in denen die Menschen auf der Strasse das Wort

ergreifen. Mit zahlreichen Aktivitäten, Schulungen und Veranstaltungen

kann jeder, mit oder ohne Zuhause, auf seiner

Ebene dazu beitragen, die Gesellschaft und sein Umfeld

integrativer zu gestalten.

Die Überzeugung der Organisation: Soziale Bindungen und

ein Perspektivenwechsel sind im Kampf gegen die extreme

Ausgrenzung ebenso wichtig wie materielle Hilfe.

Matthias Drilling von der Fachhochschule Nordwestschweiz, der

im Januar 2020 gemeinsam mit Esther Mühlethaler und Gosalya

Iyadurai den «Ersten Länderbericht Schweiz» herausgab. Die Studie

liefert konkrete Zahlen zur Obdachlosigkeit im Raum Basel

und zeigt auf, dass Obdachlosigkeit eine nähere Beachtung erfordert.

Soziale Integration ist lebenswichtig

Wie Cédric sind obdachlose Personen meist sozial nicht integriert

und finden daher keinen Halt in der Gesellschaft. Soziale Ausgeschlossenheit

und soziale Isolation gehen mit einer markant tieferen

Lebenserwartung einher. Studien in Deutschland und Frankreich

weisen darauf hin, dass obdachlose Menschen im

Durchschnitt eine Lebenserwartung von 49 Jahren haben. Der

allgemeingesellschaftliche Durchschnitt liegt bei 83 Jahren. Auch

in der Schweiz liegt die Lebenserwartung von wohnungslosen Personen

deutlich unter dem landesweiten Durchschnitt. Eine Studie

der US-Forscherin und Psychologin Susan Pinker zeigt, dass der

wichtigste Einflussfaktor für ein langen Lebens die soziale Integration

ist. Unter sozialer Isolation leidet nicht nur die psychische,

sondern auch die physische Gesundheit. Das Immunsystem wird

geschwächt und der Level an Stresshormonen steigt. Das zweitwichtigste

Bedürfnis laut der Meta-Studie sind nahe Beziehungen.

Soziale Kontakte stimulieren die Ausschüttung von Glückshormonen,

die förderlich für eine gute Gesundheit sind. Die soziale Integration

ist also wichtig für ein langes und gesundes Leben. Das

soziale Geflecht und die Art und Weise, wie wir miteinander agieren,

sind für den Menschen als soziales Wesen entscheidend. Es

vermittelt das Gefühl, ein Teil der Gesellschaft zu sein, dazuzugehören.

Das bedeutet, dass es nicht einfach damit getan ist, obdachlosen

Menschen ein Dach über den Kopf zu geben. Ebenso zentral

ist es, die soziale Integration und die Verbindung zur Gesellschaft

wiederherzustellen.

Eine Tasse Kaffee, die Teilnahme am öffentlichen Leben

Ohne Hilfe der Obdachlosigkeit zu entkommen, ist schwierig.

Dass der Mangel an bezahlbaren Wohnungen in der Schweiz nicht

nur materielle Missstände zur Folge hat, sondern auch die Möglichkeiten

zur gesellschaftlichen Teilhabe stark einschränkt, berichtet

auch Caritas in einem Positionsbericht von 2014. Hilfsangebote

gib es in der Schweiz viele: von Gassenküchen und

Notschlafstellen bis zu begleitetem Wohnen. Meist sind es primäre

Hilfestellungen, die sicherstellen, dass Betroffene nicht mehr auf

der Strasse sein müssen. Das Projekt Housing First wurde in diversen

Ländern erfolgreich eingeführt und wird auch in der Schweiz

getestet. Das Konzept Housing First will Obdachlosen durch die

Zurverfügungstellung von Wohnraum Voraussetzungen schaffen,

22 ZESO 4/20 SCHWERPUNKT


SOZIALE INTEGRATION

Teilnehmende der Organisation la Cloche bei einem Stadtrundgang durch Paris Bild: Julie Bernet

damit sie den Weg zurück in die Gesellschaft finden. Einen anderen

Ansatz der Thematik verfolgt die französische Organisation La

Cloche. Die Organisation knüpft mit ihren Programmen an die

Erkenntnisse der Psychologin Susan Pinker an. Diese zeigten, dass

soziale Integration und soziale Einbindung wichtige Voraussetzungen

für gesundes Leben sind. Schon kleine alltägliche Gesten

in der Nachbarschaft verbessern das Leben obdachloser Menschen

und tragen entscheidend zu ihrer sozialen Integration bei. Deshalb

hat La Cloche verschiedene Programme für die Integration von

Obdachlosen in die Gesellschaft ins Leben gerufen. Die Programme

fördern die soziale Bindung zwischen Menschen mit und ohne

Zuhause. Es ist ein Miteinander um den Kampf gegen die Ausgrenzung

von Personen ohne Zuhause. Dieser «Faire ensemble»-

Ansatz ermöglichte es Cédric, Kontakte zur Nachbarschaft zu

knüpfen sowie Würde, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen in sich

selbst und Vertrauen in die Gesellschaft wiederzufinden. So gelang

es ihm schliesslich ein neues Leben zu beginnen.

Eingliederung – gegenseitige Bereicherung

Das erste Projekt der in Paris gegründeten Organisation ist «Le Carillon»,

ein lokales Solidaritätsnetz zwischen Ladenbesitzern und

Anwohnern mit oder ohne Zuhause, das darauf abzielt, das tägliche

Leben obdachloser Menschen zu verbessern und gegen ihre

Isolation anzukämpfen. 1020 solidarische Einzelhändler bieten

alltägliche Dienstleistungen an (das Benutzen der Toilette, Aufladen

des Telefons, ein Glas Wasser trinken etc.), während die Bewohner

im Voraus für Produkte (Kaffee, Gebäck, Mahlzeiten…)

bezahlen, die den Obdachlosen in Form von Gutscheinen für

Dienstleistungen in ihrer Nachbarschaft angeboten werden. La

Cloche handelt in der Überzeugung, dass Individuen eine Gesellschaft

ausmachen. Alle Menschen sollen so akzeptiert werden, wie

sie sind: in ihrer Einzigartigkeit, mit ihren Ideen und Talenten,

aber auch mit ihrer Zerbrechlichkeit und ihren diversen Hintergründen.

«Les Clochettes» ist ein Programm städtischer Initiativen, die

darauf abzielen, die Isolation von Obdachlosen durch die Förderung

des «Faire ensemble» anzugehen. In einem Netzwerk von

Gemeinschaftsgärten kommen Menschen mit und ohne Wohnsitz

in der Nachbarschaft zusammen und sind aktiv im Garten, beim

Heimwerken oder bei gemeinsamen Mahlzeiten. Cédric mag das

Anpacken im Garten, fühlt sich nützlich und lernt neue Leute kennen.

La Cloche ermöglichte Cédric, Fuss in der Gesellschaft zu fassen.

Er konnte Kontakte knüpfen, investiert in die Freiwilligenarbeit

und traut sich, mit anderen Leuten in Kontakt zu treten, ohne

sich minderwertig zu fühlen. Er fand sein Selbstvertrauen, seine

Lebensfreude und seinen Platz in der Gesellschaft wieder und

lernte, Hilfe anzunehmen. Dies sind die ersten wichtigen Schritte,

vom Leben auf der Strasse wegzukommen. Cédric hat inzwischen

eine Arbeit auf dem Bau und wohnt in einer eigenen Wohnung.

«Heute ermöglicht mir la Cloche, zurückzugeben, was mir die Organisation

gegeben hat, als ich auf der Strasse war.» •


SCHWERPUNKT 4/20 ZESO

Julie Bernet


«Die Erfahrung zeigt, dass man

nur mit Leuten arbeiten kann, die

man im Boot hat.»

NACHGEFRAGT Das Hilfswerk HEKS bietet mit seinem Projekt HEKS-Visite seit über 20 Jahren in

mehreren Kantonen Arbeitsintegrationsprojekte für Langzeitarbeitslose und Sozialhilfebezüger an.

Etwa 600 Sozialhilfebeziehende alleine in Zürich und Schaffhausen finden seither jedes Jahr eine

sinnstiftende Tätigkeit, Tagesstruktur und persönliche Kontakte. Der Gründer Roland Bänziger zieht

Bilanz.

«ZESO»: Herr Bänziger, wie kamen Sie 1998 auf die Idee, das Projekt

HEKS-Visite ins Leben zu rufen?

Roland Bänziger: In Zürich gab es damals 11 000 Sozialhilfebeziehende,

in Winterthur 3500. Viele von ihnen hatten im

Grunde keine reale Chance, eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt

zu finden. Mit Visite wollte ich erreichen, dass möglichst viele

von ihnen die Möglichkeit erhalten, via kleine Pensen dennoch

an der hohen sozialen Integrationskraft der Arbeit teilzuhaben.

Wie finden Sie die passenden Stelle für diese Menschen?

Wir hören ihnen gut zu, und so erfahren wir, wann sie bereit

sind, eine Arbeit anzunehmen, wie viele Stunden und in

welchem Bereich sie etwas machen wollen. Wenn wir gerade

in diesem Moment nicht die richtige Arbeit anbieten können,

dann machen wir uns auf die Suche nach einer geeignten Stelle.

Wir arbeiten in den Kantonen Zürich und Schaffhausen mit

über 300 Institutionen zusammen. Auch wenn wir nicht immer

auf die perfekte Stelle treffen, so gelingt es uns in der Regel

doch, etwas sehr Ähnliches zu finden. Wäre dem nicht so, würde

es nicht funktionieren. Es sind Menschen, die sich in der

Regel schon sehr oft beworben haben – ohne Erfolg, und häufig

weisen sie körperliche oder psychische Beschwerden auf

oder haben Suchtprobleme. Mein Ziel ist, dass die Betroffenen

etwas machen können und so etwas für sie Sinnvolles leisten.

Sinnstiftend wäre auch, wenn sie mit ihrer Arbeit Geld verdienen

würden. Das tun sie aber nicht.

Ja, es ist ein Wermutstropfen, dass sie keinen Lohn für ihre

Arbeit bekommen. Sie erhalten nur die Integrationszulage im

Rahmen der Sozialhilfe. Es ist doch erstaunlich, dass viele dennoch

mitmachen.

Sie arbeiten für das Projekt Visite eng mit den Sozialdiensten

zusammen. Wie und aufgrund welcher Kriterien erfolgt die Zuweisung

zu Visite?

Oftmals kommt der Anstoss von den Betroffenen selber,

weil sie etwas Sinnvolles leisten wollen. Zugewiesen werden

sie dann jedoch von den Sozialdiensten. Die Stadt Zürich weist

uns jährlich etwa 300 Leute zu, Winterthur 200 und weitere

etwa 100 sind aus dem Kanton. Die Sozialdienste Zürich und

Winterthur machen den älteren Sozialhilfebeziehenden, die

über 50 Jahre alt sind, keinen Druck mehr, ein Integrationsprogramm

zu absolvieren. Wenn es aus sozialarbeiterischer Sicht

Sinn machen würde teilzunehmen, können die Betroffenen

das dennoch tun. Sie werden aber nicht dazu gezwungen. Die

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter verweisen ganz generell

Sozialhilfeempfangende an uns, weil sie etwas tun wollen.

Ganz selten spielt Zwang eine Rolle.

Was ist Ihre Erfahrung mit Leuten, die mit Druck zu Visite kommen?

Ich bin der Auffassung, dass Druck und Sanktionen in der

Sozialarbeit selten erfolgreich sind. Die Erfahrung zeigt, dass

man nur mit Leuten arbeiten kann, die man im Boot hat. Eine

Ausnahme sind für mich die jungen Erwachsenen. Hier kann

Druck die Lösung sein, etwas Neues zu erleben und damit positive

Erfahrungen zu machen. Es dürfen jedoch nicht wir sein,

die Druck ausüben, sondern Visite muss die Lösung für das

Problem sein.

Eigentlich gehören junge Erwachsene in die Ausbildung.

Das stimmt natürlich, dennoch kann es vorkommen, dass

wir in einem bestimmten Moment die Richtigen für sie sind.

Wir prüfen und setzen voraus, dass vorgängig alle Abklärungen

betreffend Ausbildung, Krankheit etc. stattgefunden haben

und ein Helfernetz vorhanden ist. Grundsätzlich bräuchten

junge Erwachsene oftmals eher eine sozialpädagogische Begleitung.

Die können wir nicht bieten, da unsere Partnerinnen

und Partner in den Einsatzbetrieben in dieser Hinsicht keine

geschulten Fachleute sind.

Verlassen viele ihre Stelle vorzeitig?

Zwischen Anmeldung, Erstgespräch, Einführungskurs und

Platzierung geht ca. eine von drei Personen verloren. Ich finde

das nicht schlimm, wenn es nicht funktioniert. Durchschnitt-

24 ZESO 4/20 SCHWERPUNKT


SOZIALE INTEGRATION

HEKS-VISITE

Das 1998 von Roland Bänziger ins Leben gerufene Projekt

HEKS-Visite existiert heute als eigenständiges Programm in

den Regionen Zürich/Schaffhausen, Solothurn/Aargau und

Ostschweiz. Es richtet sich an Menschen, die Sozialhilfe

beanspruchen und auf dem Arbeitsmarkt geringe Chancen

haben. Ohne Erwerbsarbeit sind nicht nur die finanziellen

Möglichkeiten der Betroffenen eingeschränkt, es fehlen ihnen

auch soziale Kontakte, eine Tagesstruktur und neue Impulse.

Mit einer Beschäftigung in gemeinnützigen Organisationen

erhalten sie wieder eine Struktur in ihrem Alltag und lernen

neue Menschen und Situationen kennen. Die Organisationen

profitieren, weil sie Dienstleistungen zur Verfügung stellen

können, die sie sonst nicht anbieten würden.

Visite-Gründer Roland Bänziger will Menschen, die keine Chance im

Arbeitsmarkt haben, die Möglichkeit geben, etwas Sinnvolles zu tun

und damit auch Vereinsamung und Isolation zu durchbrechen.

Bild: HEKS

lich sind diejenigen, die eine Arbeit annehmen, 18 bis 24 Monate

dabei. Es gibt aber auch Leute, die 15 oder 18 Jahre dabei

bleiben, weil sie kriegstraumatisiert sind oder andere schwerwiegende

Einschränkungen aufweisen. Das macht durchaus

Sinn, denn sie kommen so regelmässig aus dem Haus, strapazieren

unter Umständen wegen ihrer Untätigkeit ihre Familie

nicht, sehen andere Menschen und bleiben somit sozial integriert.

Visite ist ausdrücklich kein Programm zur Integration in den ersten

Arbeitsmarkt. Dennoch schaffen es manche.

Zirka 10 Prozent der austretenden Teilnehmenden schaffen

den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt. Ich finde, das ist recht

viel, wenn man bedenkt, dass die Leute zu uns kommen, weil

sie gar keine Chance hatten, sich wieder in den ersten Arbeitsmarkt

zu integrieren. Wir überprüfen die Nachhaltigkeit aber

nicht, und auch nicht, ob die Arbeit existenzsichernd ist.

Seit einigen Monaten herrschen aufgrund der Covid-19-Pandemie

erschwerte Bedingungen für solche Einsätze. Wie gehen Sie damit

um?

Die Corona-Krise hat eine einschneidende Wirkung. Wegen

einem Zuweisungsstopp hatten wir während drei Monaten fast

keine Zuweisungen, aber die normale Fluktuation. Ende Februar

hatten wir über 620 Personen im Einsatz. Im April arbeiteten

gerade noch ca. 80 Personen. Nur dank grossen Anstrengungen

meines 14-köpfigen Teams haben wir es geschafft,

dass heute wieder ca. 570 Personen einer regelmässigen Tätigkeit

nachgehen können. Visite ist ein Programm, das komplett

ohne Subventionen auskommt und keine Programmbeiträge

erhält. Wir werden ausschliesslich über geleistete Arbeit

bezahlt. Wenn die Arbeit ausbleibt – wie jetzt wegen Corona,

ergibt sich daraus direkt ein Verlust.

Was möchten Sie nach so vielen Jahren noch ändern oder

verbessern?

Visite ist ein sehr schönes Programm. Unschön ist, dass all

die Arbeit, die geleistet wird, nicht bezahlt wird. Ich wünschte

mir, dass die Betroffenen einen Lohn erhielten. Die Leute arbeiten

im Durchschnitt 7 Stunden pro Woche, manche arbeiten

nur zwei, andere 20 Stunden. Bei 20 Franken pro Stunde

und 7 Stunden pro Woche würden sie 560 Franken pro Monat

verdienen. Sie hätten also einen richtigen Lohn, und die Sozialhilfe

käme ergänzend dazu. Das wäre aus Sicht der Sozialhilfe

ein Nullsummenspiel. Dass die Leute arbeiten, obwohl sie nur

eine minimale Integrationszulage von meistens 100 Franken

pro Monat erhalten, zeigt umso mehr, wie motiviert sie sind.

Das zeigt doch, dass der oft gehörte Vorwurf in der politischen

Debatte, dass Sozialhilfebeziehende einfach nur zu faul zum

Arbeiten sind, komplett falsch ist. Die Leute wollen arbeiten,

wenn sie können. Ich finde es sehr schade, dass es das Angebot

nicht in allen Regionen der Schweiz gibt. Ich finde, solche

Angebote sollte es überall geben.


Das Gespräch führte

Ingrid Hess


26 ZESO 4/20

Bilder: Palma Fiacco


Unter Beobachtung

die Persönlichkeit stärken

REPORTAGE Auf der Beobachtungsstation der FoyersBasel finden weibliche Jugendliche in schwierigen

Umständen eine Zwischenstation, um sich eine neue Zukunft aufzubauen. Der Weg dahin ist eine

Gratwanderung.

Glitschig tropft die orange Masse vom Löffel.

Glibberige Kerne werden beim nächsten

Griff in den Kürbis mit einem schabenden

Geräusch ausgekratzt. «Wääh,

siie!», ruft Alva*, eines der sechs Mädchen,

das um den Tisch der offenen Küche im

Erdgeschoss der Beobachtungsstation der

FoyersBasel sitzt, weit vornübergebeugt,

die langen Haare zu einem Knoten gebunden.

Es ist Ferienzeit auf der Station, die

meisten Bewohnerinnen nehmen an der

geplanten Aktivität teil. «Es ist wichtig,

auch während unterrichtsfreien Zeiten

Strukturen zu bieten», sagt Karen Schröder

zum heutigen Programm, die Sozialpädagogin

ist für den Abenddienst eingeteilt.

Für weibliche Jugendliche, deren

Erfahrung es ist, durch alle Maschen zu

fallen, sollen geregelte Abläufe für engere

Maschen sorgen. Für solche, die Halt geben.

Ida* schnappt sich einen Riesenkürbis

und macht sich mit geübten Handgriffen

an die harte Schale. Hartnäckig

schnitzt sie mit dem Messer in die widerborstige

Melonenfrucht. Wie bei den betreuten

Bewohnerinnen braucht es auch

da Geduld, um an den weichen Kern heranzukommen.

«Heute ist ein ruhiger Tag», schildert Institutionsleiterin

Barbara Jenny ihren Eindruck,

die Stimmung sei verhältnismässig

entspannt. Es gibt sie auch, die anderen

Tage. Ist die Beobachtungsstation voll belegt

– was sie in der Regel ist – treffen hier

Mädchen und junge Frauen aufeinander,

die schwer an ihrem Erfahrungsrucksack

tragen. Alva murrt und verdreht die Augen,

lustlos stochert sie im Gemüse und pult

Löffel für Löffel des Inhaltes heraus. Neben

ihr steht Christina Uecker, sie studiert an

der Höheren Fachschule Soziale Arbeit und

übernimmt heute den Nachtdienst, der

sich einige Stunden mit dem Abenddienst

überschneidet. «Ich fühle mich wie im Kindergarten»,

blafft die 17-Jährige sie an, den

Strukturen zu bieten, sei wichtig, sagt

Sozialpädagogin Karen Schröder.

BEOBACHTUNGSSTATION

DER FOYERSBASEL

Die Beobachtungsstation ist neben der

Durchgangsstation, der Wohngruppe und

dem Interkulturellen Foyer Bildung und Beruf

einer der vier Bereiche der FoyersBasel. Aufgenommen

werden normalbegabte weibliche

Jugendliche von 13 – 18 Jahren mit Abklärungsbedarf

ihrer persönlichen, familiären

und schulischen Situation. Sie verfügt über

acht Abklärungsplätze und zwei Progressionsplätze.

Während des Aufenthaltes wird

die Gesamtsituation und die Persönlichkeitsstruktur

der einzelnen Jugendlichen und

die Struktur des Bezugssystems erfasst.

Das interdisziplinäre Team setzt sich aus

Fachleuten der Bereiche Pädagogik, Psychologie

und Psychiatrie zusammen. Ziel ist es,

umfassende, multidisziplinäre Gutachten

über die Bewohnerinnen zu erstellen und Lösungen

für ihre zukünftigen Möglichkeiten

zu erarbeiten.

Blick auf Uecker geheftet. Diese hält ihrem

Blick Stand, mit Widerstand scheint sie

umgehen zu können. Auf Provokationen

reagiert sie sachlich, geht aber mit Ernsthaftigkeit

auf Fragen ein, die ihr gestellt

werden. «Wir kennen ja die Geschichten

der Mädchen», erklärt Schröder, «das Verständnis

hilft, einen Zugang zu finden».

Ordnung ins Leben bringen

Später steht Alva in ihrem Zimmer, ein

Hauch von Klinik weht durch den weissen

Flur mit dem starken Deckenlicht, der

dorthin führt. Der Raum wirkt karg, Weiss

dominiert, auf den Regalen stehen einzelne

Gegenstände. Es herrscht eine Ordnung,

die im Leben der jugendlichen Bewohnerin

vor ihrem Eintritt in die

Institution weitgehend fehlte. «Am Anfang

fand ich die Regeln hier furchtbar», erzählt

sie, sie wirkt nun viel ruhiger als im Nachmittagsprogramm.

Unterdessen sehe sie

nicht mehr alles so negativ. «Zuhause habe

ich keine Grenzen gekannt, ich war immer

draussen, habe viel zu viel Alkohol konsumiert»,

erzählt sie. «Natürlich gibt es auch

das Gegenteil», sagt Institutionsleiterin

Jenny dazu, «andere Mädchen wurden mit

starker Hand geführt und hatten damit zu

kämpfen». Psychische Belastungen, kriminelle

Handlungen oder Schwierigkeiten

im Umgang mit der eigenen Sexualität,

auch das sind Ursachen, die zu einer Einweisung

in die Beobachtungsstation beigetragen

haben können. Gerade für Letzteres

sieht die Psychotherapeutin Constanze

Veigel-Maruschke einen Vorteil darin, dass

weibliche Jugendliche hier unter sich sind.

«Manchmal müssen sie gerade in Bezug

auf sexuelle Handlungen geschützt werden

– vor sich und anderen.»

Veigel-Maruschke begleitet die Jugendlichen

durch Höhen, aber auch oft und

umso intensiver durch Tiefen während

ihres Aufenthaltes. Alva besetzt einen der

4/20 ZESO

27


acht Abklärungsplätze und sieht unterdessen

wieder eine Zukunft für sich. Eine

Lehre scheint durch die enge Begleitung

hier wieder im Bereich des Möglichen, das

war nicht immer so. Auch der Kontakt zur

Mutter hat sich stark gebessert, jedes zweite

Wochenende verbringt sie bei ihr. «Ich

habe das Gefühl, mein Leben wieder besser

in den Griff zu bekommen.» Es ist ein

auf und ab, vor Kurzem ist sie wieder im

hier genutzten Phasenmodell in die «Phase

Orange» abgestiegen. Was das heisst? Weniger

Freiheiten. Es ist die zweitunterste

Stufe im sechsstufigen Phasenmodell,

nach dem auf der Beobachtungsstation gearbeitet

wird.

Gemeinsame Aktivitäten sorgen für eine

tragende Struktur.

«Konfrontation,

Provokation, Selbstreflexion,

das gehört

hier alles dazu.»

Zurück im Erdgeschoss beugt sich Ida über

eine schwarze Katze, streicht ihr über den

Kopf und stellt ihr den gefüllten Futternapf

vor die Nase. Nach sechs Monaten Abklärung

hat sie sich unterdessen weitere vier

Monate auf einem der zwei sogenannten

Progressionsplätze den eigenen Schwierigkeiten

gestellt. «Diese Plätze sind dazu da,

die Persönlichkeit weiter zu festigen, um

draussen besser klarzukommen», sagt Veigel-Maruschke

dazu. Dafür brauche es viel

Geduld, gerade wenn die Bewohnerinnen

immer wieder in ihrem Leben gescheitert

seien. Ida kann Hilfestellungen unterdes-

sen besser annehmen. «Ticke ich wieder

mal aus, kann ich selbst einen Termin abmachen»,

sagt sie, eine Möglichkeit, die sie

zu schätzen gelernt hat. Die Katze streicht

nun um ihre Beine, Ida lässt sie gewähren.

«Auch wenn sie es nicht immer selbst sieht,

hat Ida hier grosse Fortschritte gemacht»,

erklärt die Institutionsleiterin, «gerade

dass sie die Verantwortung für die Institutionskatzen

übernommen hat, zeigt, dass sie

soziale Fähigkeiten besitzt, die sie aktivieren

kann». Die Vierbeiner sind der Institution

ähnlich wie ihre Bewohnerinnen zugelaufen.

«Sie kamen, brauchten ein Dach

über dem Kopf und etwas zu essen», erzählt

Ida über deren Ankunft. «Und Liebe», fügt

sie an. Ein bisschen so, wie wir Menschen?

Sie nickt.

Konfrontation, die Nähe schafft

An den Entwicklungsmöglichkeiten der

Bewohnerinnen zweifelt auch Mitarbeiterin

Uecker nicht. Sie steht in der Küche vor

Bergen von Kürbisfleisch, das sie weiterverwenden

möchte. Unterdessen ist es später

Nachmittag geworden. Sie mag es,

wenn der Tag sich gegen Abend neigt. «Am

Abend ist die Stimmung oft sehr familiär»,

sagt sie, dann seien auch Einzelgespräche

möglich, die auf einer guten Ebene stattfinden

können. Sie schätzt die Beziehungsarbeit,

die gerade durch die nahe Begleitung

entsteht. «Konfrontation, Provokation,

Selbstreflexion, das gehört hier alles dazu»,

erklärt sie, «aber eben auch die Momente

der Nähe, in denen ersichtlich wird, was

diese Arbeit hier bewirken kann».

Im angrenzenden Wohnzimmer ist es

ruhig. Alva liegt zwischen den anderen

Bewohnerinnen auf einem der drei riesigen

rostbraunen Ledersofas und streckt

die langen Beine von sich, das Handy in

der Hand. Ida sitzt auf dem Sofa daneben,

mit wendigen Fingern tippt sie Nachrichten

in ihr Natel. Ein bisschen Freiheit, ein

bisschen Freizeit, eine Pause im geregelten

Tagesablauf. Der Weg zurück in einen

selbstbestimmten Alltag ist kräftezehrend.

Aber vielleicht rückt er durch die Zeit hier

nach und nach ein bisschen näher. •

Susanna Valentin

*Name geändert

28 ZESO 4/20


Schub für die Förderung von

Grundkompetenzen

FACHBEITRAG Bildung ist zentral für eine nachhaltige Integration in die Gesellschaft und die Arbeitswelt.

Doch viele Sozialhilfebeziehende haben ein tiefes Bildungsniveau. Fast 30 Prozent der Sozialhilfebeziehenden

haben Schwierigkeiten mit den Grundkompetenzen. Der Kanton Luzern geht im Bereich Grundkompetenzen

neue Wege.

Wer nicht genügend Grundkompetenzen

aufweist, hat oft Schwierigkeiten, sich im

Alltag zurecht zu finden. Bei Strukturveränderungen

im Berufsleben sind Personen

mit wenig Grundkompetenzen schnell von

Arbeitslosigkeit bedroht und haben wenig

Chancen, den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt

zu schaffen. Ein Mangel an

Grundkompetenzen geht häufig mit einem

tiefen Selbstwertgefühl in Bezug auf

die Arbeits- und Lernfähigkeiten und einer

schlechteren Gesundheit als der Durchschnitt

der Bevölkerung einher.

Der Kanton Luzern geht in der Förderung

der Grundkompetenzen schweizweit

neue Wege. Er stellt seit September 2020

für die Bildung im Bereich der Grundkompetenzen

Gutscheine aus. Für das laufende

Jahr stehen maximal 1000 Bildungsgutscheine

à 500 Franken zur Verfügung.

Der Kanton will damit Menschen mit Bildungsdefiziten

helfen, ihre Kompetenzen

in Lesen, Schreiben, Rechnen und Computer

zu verbessern. Für 2021 und 2022

hat der Regierungsrat je 350 000 Franken

für Bildungsgutscheine gesprochen.

Weitere 175 000 Franken finanziert der

Bund.

QUALIFIZIERUNGSMODELL

Berufsabschluss

Niederschwellige

berufliche Qualifikation

Parallel wurde das Kursangebot im

Kanton Luzern stark ausgebaut. Der Kurs

«Lesen und Schreiben für deutschsprachige

Erwachsene» wird neu kostenlos angeboten.

Zielgruppe der Fördermassnahmen

sind erwerbsfähige Erwachsene im

Alter von 18 bis 65 Jahren, die sich nicht

in einer obligatorischen Ausbildung befinden

und im Kanton Luzern wohnhaft sind.

In den ersten zwei Monaten wurden 100

Gutscheine eingelöst, darunter auch von

Sozialhilfebeziehenden.

Weiterbildungsoffensive: erste

Resultate

Auch in der Weiterbildungsoffensive des

SVEB und der SKOS ist die Förderung der

Grundkompetenzen als erste Stufe im

Qualifizierungsmodell ein wichtiges Anliegen

(vgl. Grafik). Die teilnehmenden Sozialdienste

im Projekt haben sich unter anderem

das Ziel gesetzt, den Bedarf der

Klientinnen und Klienten im Bereich

Grundkompetenzen systematisch zu erkennen,

anzusprechen und Angebote zu

vermitteln. Im Projekt wurde deshalb eine

Checkliste erarbeitet, mit der Sozialarbeitende

niederschwellig prüfen können, ob

Ziel: Nachhaltige Arbeitsmarktintegration durch berufliche

Qualifikation

Fördergrundlage: Berufsbildungsgesetz

Ziel: Erhöhung der Arbeitsmarktchancen durch Erwerb von

beruflichen Kompetenzen

Fördergrundlage: AviG (AMM) Branchenfonds, BBG, Sozialhilfe

und was sie bereits im Rahmen der Beratungsgespräche

bezüglich Bildung und

Kompetenzen ihrer Klientinnen und Klienten

erfahren haben und welche Aspekte

noch unbekannt sind. Auch enthält die

Checkliste Hinweise, wie gewisse Kompetenzen

im Gespräch erfragt oder beobachtet

werden können. Die Checkliste ist frei

zugänglich (www.skos.ch/themen/bildung/weiterbildungsoffensive).

Der nächste

Schritt ist das Vermitteln in geeignete

Angebote. Die Projektteilnehmenden vernetzen

sich hierzu mit Bildungsanbietern

oder den Bildungsdirektionen, erstellen

Angebotslandkarten und machen bei Bedarf

auf fehlende Angebote aufmerksam.

Mehr Bundesgelder stehen bereit

Auf Bundesebene wurden in den letzten

Monaten die Grundlagen zur Förderung

der Bildung verbessert, welche die Kantone

für die Bildung im Bereich Grundkompetenzen

nutzen können. Seit Inkrafttreten

des Weiterbildungsgesetz des Bundes

2017 erhalten die Kantone Mittel, um die

Grundkompetenzen von Erwachsenen (Lesen,

Schreiben, Rechnen, Grundkenntnisse

der Anwendung von Informations- und

Kommunikationstechnologien, Verständigung

in einer Landessprache) zu fördern.

Für die Jahre 2021 bis 2024 wurde der

Kredit zur Förderung der Grundkompetenzen

in den Kantonen von 15 auf 43

Mio. Franken erhöht. Die Kantone müssen

zusätzlich zu den Bundesgeldern den gleichen

Betrag zur Verfügung stellen. Nun ist

dafür zu sorgen, dass auch Sozialhilfebeziehende

vermehrt Zugang zu Kursen für

Grundkompetenzen finden. •

Grundkompetenzen

Ziel: Verbessert Voraussetzungen für die berufliche

Integration und Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe

Fördergrundlage: Weiterbildungsgesetz

Andrea Beeler

SKOS, Fachbereich Grundlagen

4/20 ZESO

29


Von der IV in die Sozialhilfe:

Neues Eingliederungsziel ist nötig

FACHBEITRAG «Eingliederung vor Rente» und Abtragen der IV-Schulden: Diese beiden Ziele wurden mit

den letzten drei Revisionen des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) verfolgt. Verschiedene

Evaluationen zur Zielerreichung wurden bisher publiziert. Umstritten blieb lange die Frage, in

welchem Ausmass der IV-Rentenrückgang zu einer Zunahme der Fälle bei der Sozialhilfe führt. Eine Studie

im Auftrag des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) schafft endlich Klarheit.

Im August 2019 bezifferte die IV-Stellenkonferenz

die Einsparungen der IV von

2004- 2016 auf rund 10 Milliarden Franken.

Sie schloss daraus, dass sich die Investition

in die berufliche Eingliederung in

allen Belangen lohnt – gesellschaftlich, sozialpolitisch

und finanziell. In der Publikation

«IV: Zahlen und Fakten 2014» hatte

das BSV festgestellt: «Die Auswertungen

zeigen keine wesentlichen Verlagerungen

vom Leistungssystem der IV in die Sozialhilfe.»

Behindertenverbände, Psychiaterinnen

und Psychiater oder Sozialdienste hielten

entschieden dagegen und monierten, dass

die Sanierung der IV zu Lasten der Versicherten

erfolge und eine starke Verschiebung

in die Sozialhilfe zu beobachten sei.

Die Zürcher Psychiaterin Doris Brühlmeier-Rosenthal

wertete im Jahr 2016 über

400 Dossiers von Berufskolleginnen und

-kollegen aus. 60 Prozent der Patienten

mit einem negativen Rentenentscheid und

93 Prozent der Gruppe mit einer Rentenaufhebung

wurden von der Sozialhilfe

unterstützt. Beim Vergleich der Statistiken

von IV und Sozialhilfe im Zeitraum 2005-

2017 zeigte die SKOS in der Zeitschrift

für Sozialhilfe (ZESO 1/2019) auf, dass

die Zunahme der Fallzahlen bei der Sozialhilfe

parallel zur Abnahme der IV-Renten

verlief.

IV- und Sozialhilfevertreter wiesen

jeweils auf die Mängel der Studien und

Analysen der anderen Seite hin. Ob und

in welchem Masse eine Verlagerung von

der IV in die Sozialhilfe stattfindet, blieb

wissenschaftlich sowie politisch umstritten.

Der im November veröffentlichte

BSV-Forschungsbericht Nr. 8/20 mit dem

Titel «Entwicklung der Übertritte von der

Invalidenversicherung in die Sozialhilfe»

schafft nun die nötige Klarheit. Die Studie

ist methodisch sehr gut konzipiert und leistet

damit einen wesentlichen Beitrag zur

Versachlichung der Diskussion.

Erwerbstätigkeit bei IV-Anmeldung als

entscheidender Erfolgsfaktor

Seit 2005 hat sich die Zahl der jährlichen

Neurenten in der IV halbiert, die Neuanmeldungen

nahmen gleichzeitig um ein

Drittel zu. Dieser scheinbare Widerspruch

erklärt sich durch die Verdreifachung von

Eingliederungsmassnahmen. Das Ziel der

IVG-Revisionen, möglichst früh zu intervenieren,

wenn sich Probleme am Arbeitsplatz

abzeichnen, wird damit erreicht. Die

Studie zeigt den Erfolg dieser Massnahmen

bei jenen, die zum Zeitpunkt der Neu-

30 ZESO 4/20


anmeldung noch erwerbstätig waren: Hatte

2005 noch fast jede vierte Person

(23,6 %) vier Jahre nach der IV-Anmeldung

eine Rente, war es beim Anmeldejahrgang

2013 noch jeder Siebte (14,4 %).

Dafür hatten deutlich mehr Personen vier

Jahre nach dem IV-Antrag eine Arbeitsstelle

mit existenzsicherndem Lohn. Rund die

Hälfte der Kohorte 2013 schaffte diesen

Schritt. In der Kohorte 2005 waren es nur

43 Prozent. Vom Rentenrückgang lassen

sich mehrstufigen Rechnungen zufolge 70

Prozent mit einer nachhaltigen Integration

im Arbeitsmarkt erklären.

Ganz anders präsentiert sich die Situation

für die Menschen, welche bei der

IV-Anmeldung nicht erwerbstätig waren.

Auch sie bezogen deutlich seltener eine

Die heutige Generation

der gesundheitlich

Beeinträchtigten

muss die historische

Schuld der IV in 10

Jahren begleichen.

IV-Rente: 2005 erhielten 32,5 Prozent

der Personen, die sich neu anmeldeten,

eine Rente, 2013 waren es nur noch 20,5

Prozent. Doch nur ein sehr kleiner Teil davon

(13,9 %) vermochte nach vier Jahren

wieder im Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.

Viele sind auf Sozialhilfe angewiesen. Aus

der Kohorte 2005 waren es 13,4 Prozent,

2013 bereits 21,2 Prozent. «Eingliederung

vor Rente» scheint vor allem dann zu

funktionieren, wenn IV und Arbeitgeber

die Betroffenen gemeinsam unterstützen.

Wenn der Support der Arbeitgebenden

fehlt, wird das Integrationsziel zu oft verfehlt.

Es gilt dann: «Zu gesund für die IV,

aber zu krank für den Arbeitsmarkt.»

Verlagerungseffekt beträgt

4,2 Prozent

Gemäss Forschungsbericht lebt in einem

von sechs durch die Sozialhilfe unterstützten

Haushalten eine Person, die ein IV-Gesuch

gestellt hat. Familienangehörige eingerechnet,

sind rund 47 500 Personen

betroffen. 21 Prozent würden heute eine

IV-Rente statt Sozialhilfe beziehen, wenn

die IV-Revisionen nicht stattgefunden hätten.

Der Verlagerungseffekt wird auf insgesamt

4,2 Prozent beziffert. 3,1 Prozent

fallen auf nicht gesprochene Renten, 1,1

Prozent auf Rentenaufhebungen. Das entspricht

11 700 Personen (Stand 2017).

Der Anteil an den Nettokosten in der Sozialhilfe

entspricht CHF 120 Millionen.

Widerstand gegen IV-Revisionen, die in erster

Linie der Sanierung der IV-Kasse dienen.

Bild: Keystone/M.Flückiger

Neue Herausforderungen für die

Sozialhilfe

In den letzten Jahren stieg mit der beschriebenen

Verlagerung nicht nur die

Zahl der Personen, die von der Sozialhilfe

unterstützt werden, sondern diese sind gesundheitlich

auch stärker belastet. Dadurch

müssen sie länger unterstützt werden

und schaffen den Schritt in den

Arbeitsmarkt seltener. Es sind oft die komplexen

und diffusen gesundheitlichen Situationen,

in denen die IV keine Rente

spricht und Eingliederungsmassnahmen

nicht greifen. Sozialdienste im ganzen

Land sind daran, sich auf die neuen Herausforderungen

einzustellen. So hat die

Stadt Bern im Mai 2020 ihr Grundlagenpapier

«Gesundheit in der Sozialhilfe» veröffentlicht

und einen Massnahmenkatalog

präsentiert. Unter anderem sieht sie eine

Zusammenarbeit mit den Universitären

Psychiatrischen Diensten (UPD) und Gesundheitsligen

vor.

Visionäres Eingliederungsziel für IV

Die Sozialhilfe kann die Aufgaben, die sich

durch die Verlagerung ergeben, aber nicht

alleine tragen. Die IV muss Massnahmen

ergreifen, damit sie das Integrationsziel

auch bei Personen erreichen kann, die bei

der Gesucheingabe keine Anstellung mehr

haben. Für diese Gruppe braucht es spezifische

Massnahmen und eine klare Zielsetzung.

Anzustreben ist eine Erwerbsquote,

die nach vier Jahren mindestens halb so

gross ist wie jene der Gruppe, die beim IV-

Antrag noch erwerbstätig sind. Um dieses

Ziel zu erreichen, braucht es spezifische

Eingliederungsmassnahmen für Stellenlose.

Überdacht werden muss auch die Mindestgrenze

für einen Rentenanspruch von

40 Prozent Arbeitsunfähigkeit. Heute werden

damit all jene ausgeschlossen, die längere

Zeit stellenlos waren oder nur ein kleines

Arbeitspensum hatten.

Die IV verfolgt weiterhin das Ziel der

Entschuldung bis 2030. Konkret heisst

das: Die heutige Generation der gesundheitlich

Beeinträchtigten muss die historische

Schuld der IV in zehn Jahren

begleichen. Das wird ohne rigorose Sparprogramme

und noch mehr Verlagerung

in die Sozialhilfe nicht möglich sein. Es

ist deshalb an der Zeit, an einen Schuldenschnitt

zu denken.


Markus Kaufmann

Geschäftsführer SKOS

4/20 ZESO

31


Menschenrecht auf gleiche

soziale Rechte

FACHBEITRAG Die Bundesverfassung überlässt den Kantonen einen grossen Spielraum bei der Regelung

der Sozialhilfe. Es bestehen nach wie vor grosse Unterschiede sowohl zwischen den Sozialhilfegesetzen

im engeren Sinne als auch bei anderen bedarfsabhängigen Leistungen. Nicht alle in der

Schweiz lebenden Personen haben Zugang zu den gleichen Leistungen. Diese Leistungen spielen eine

wichtige Rolle im Kampf gegen Armut, von der 2018 in der Schweiz 7,9 Prozent der Bevölkerung betroffen

waren.

Die Armut hat einen bedeutenden Einfluss

auf die Verwirklichung von Menschenrechten,

zu denen sich die Schweiz mit der Ratifikation

von internationalen Konventionen

bekannt hat. Kantonale

Sozialhilfegesetze sind aber bisweilen so

ausgestaltet, dass sie den internationalen

Mindeststandards nicht genügen, obwohl

sich die Schweiz zu deren Einhaltung verpflichtet

hat. Es stellt sich daher die Frage,

ob die Einhaltung internationaler Menschenrechtsgarantien

eine Harmonisierung

der Sozialhilferechte in der Schweiz

bedingt.

Wenn es um die Harmonisierung kantonaler

Rechte auf Bundesebene geht,

wird die Debatte jedoch lebhaft. Denn die

Befürworter eines landesweit harmonisierten

Grundschutzes der Menschenrechte

scheinen gleichzeitig gegen die Abschaffung

kantonaler Kompetenzen und der Autonomie

der Kantone zu sein. Die Schweiz

steht daher vor einem grossen Dilemma:

Sie muss einerseits ihren Verpflichtungen

zur Umsetzung der internationalen Menschenrechtsverträge

nachkommen und andererseits

föderalistische Prinzipien und

kantonale Autonomien respektieren.

Leitplanken der Harmonisierung

Die Forschungsarbeit kommt anhand einer

Analyse des internationalen Menschenrechtsschutzes

zu dem Schluss, dass die

Schweiz eigentlich verpflichtet wäre, die

kantonalen Sozialhilfegesetze bis zu einem

gewissen Grad zu harmonisieren. Unter

Berücksichtigung der Autonomie der Kantone

wurde die Harmonisierungspflicht

der Schweiz anhand von drei Kriterien aufgezeigt:

• Erstens stehen Mindeststandards für

bestimmte Menschenrechte im Zentrum.

Die Analyse fokussiert dabei auf

folgende Grundrechte: die Menschenwürde,

Recht auf Nahrung und Wasser,

Recht auf Wohnung, Recht auf Gesundheit,

Recht auf soziale Sicherheit,

Recht auf Bildung und den spezifischen

Rechten für Frauen und Kinder. Die

Verpflichtung zur Umsetzung dieser

Garantie verlangt vom Bund, dass er

eine korrekte Umsetzung in den Kantonen

garantiert. Ist dies nicht der Fall,

ist der Bund verpflichtet, Massnahmen

zur Harmonisierung der kantonalen

Gesetze zu unternehmen.

• Zweitens verpflichtet auch das Diskriminierungsverbot

die Kantone zur

Harmonisierung. In der herrschenden

Lehre wird zwar abgelehnt, das Diskriminierungsverbot

im föderalen Kontext

als anwendbar zu erklären. Diese Aussa-

Armut, verschlimmert

durch die aktuelle

Lage mit einer Pandemie,

die sich nicht an

Kantonsgrenzen hält,

macht eine Harmonisierung

der Existenzsicherung

um so dringender.

ge ist in ganz konkreten Situationen zu

relativieren und damit eine völkerrechtliche

Dimension in die Verfassungsdebatte

einzubringen. Dies muss insbesondere

für jene Fälle gelten, in denen

Personen in ihrer Wahl des Wohnsitzes

eingeschränkt sind, wie z.B. Kinder

und Armutsbetroffene. Wenn eine Person

aufgrund ihres Alters oder ihrer

wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit die

Wahl des Wohnsitzes nicht ausüben

kann, dann müssen menschenrechtliche

Mindeststandards in Bezug auf

diese Person umso mehr respektiert

werden.

• Drittens haben empirische Analysen

der kantonalen Sozialhilfegesetze verschiedene

Defizite bei der Umsetzung

der Menschenrechte gezeigt. Das wiederum

bestärkte die Forderung nach

einer Harmonisierung.

In der Forschungsarbeit werden

schliesslich verschiedene Bereiche aufgezeigt,

in denen eine Harmonisierung der

kantonalen Bestimmungen zu empfehlen

ist. Diese Anforderungen wurden jedoch

nur für bestimmte wesentliche Elemente

der kantonalen Gesetze nachgewiesen.

Bei der Sozialhilfe im engeren Sinne

handelt es sich dabei um den Zugang zu

und die Höhe von Leistungen, Sonderregelungen

für junge Erwachsene, die

Übernahme von Mieten und Arztkosten,

den Umfang von Sanktionen und situationsbedingte

Leistungen. Hinsichtlich der

Ergänzungsleistungen für Familien vereinheitlicht

werden sollten der Zugang zu

den Leistungen, ihre Höhe und die Dauer

der Auszahlung. Im Bereich der Bildung

32 ZESO 4/20


Wird das Bundesgericht die kantonale Harmonisierung von bestimmten Regelungen der Sozialhilfe durchsetzen?

Bild: zVg

zu harmonisieren sind die Deckung der

Primarschulgebühren, die Fähigkeit der

kantonalen Programme zur Förderung

der Chancengleichheit im Bildungssystem

und Leistungen des Stipendienwesens. Bei

den übrigen Regelungen behalten die Kantone

ihre Autonomie.

Harmonisierung durch

Rechtsprechung

Ebenfalls untersucht wurden die Möglichkeiten

für Einzelpersonen, sich vor Gericht

auf menschenrechtliche Verpflichtungen

der Schweiz zu berufen. Die Garantie des

Rechtswegs ist ein wirksames Mittel zur

Verwirklichung von Menschenrechten in

den Kantonen. Viele internationale Verpflichtungen

im Bereich der sozialen Sicherheit

gelten in der Schweiz jedoch nicht

als direkt anwendbar, sondern als an den

Gesetzgeber gerichtet. Eine Analyse am

Beispiel der Europäischen Menschenrechtskonvention

(EMRK) zeigt jedoch

Möglichkeiten auf, dass auch solche Bestimmungen

von Gerichten direkt gewürdigt

werden können.

Die Berücksichtigung von völkerrechtlichen

Garantien durch die Rechtsprechung,

und allen voran durch das Bundesgericht,

fördert die Harmonisierung der

Sozialhilfe. Wo sich Verpflichtungen nicht

direkt einklagen lassen, stehen aber auch

noch andere Mittel zur Harmonisierung

zur Verfügung. Der Bund kann auch seine

Aufsichtsfunktion dazu gebrauchen, um

die Kantone zur Harmonisierung und Einhaltung

menschenrechtlicher Garantien

zu verpflichten. Wie in der Forschungsarbeit

gezeigt wird, ist die Harmonisierung

durch Rechtsprechung aber wirksamer

und mit Blick auf die Gewaltenteilung, die

Verfassungsgerichtsbarkeit und föderalistische

Prinzipien eher zu begrüssen.

Armut, verschlimmert durch die aktuelle

Lage mit einer Pandemie, die sich

nicht an Kantonsgrenzen hält, macht eine

Harmonisierung der Existenzsicherung

umso dringender. Die internationalen

Menschenrechte, zu deren Einhaltung sich

die Schweiz verpflichtet hat, bieten dafür

eine passende Grundlage.


Raphaël Marlétaz

Université de Lausanne

4/20 ZESO

33


Jean-Michel Bonvin, Pascal Maeder,

Carlo Knöpfel, Valérie Hugentobler,

Ueli Tecklenburg (Hrsg.)

Vom Arbeiterkind zur Professur

Noch immer gibt es grosse Hürden für einen

Bildungsaufstieg – nach wie vor stammt nur

eine Minderheit der Professorinnen und Professoren

aus der Arbeiterklasse. Was bedeutet es

diesen Aufsteigenden, eine Professur erreicht

zu haben? Wie erleben sie die Universität und

das Versprechen der Chancengleichheit? Und

wie haben ihre eigenen Aufstiegserfahrungen

sie als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geprägt? Professorinnen

und Professoren äussern sich zu ihrem «Klassenübergang» und

zur Verknüpfung von sozialer Herkunft und Wissenschaft.

Reuter Julia, Gamper Markus, Möller Christina, Blome Frerk (Hrsg.), Vom Arbeiterkind

zur Professur. Sozialer Aufstieg in der Wissenschaft, Transcript Verlag,

2020, 438 Seiten, CHF 39, ISBN 978-3-8376-4778-5

COVID-19: Eine sozialwissenschaftliche

Perspektive

Die Sozialwissenschaften ordnen die Herausforderungen

von COVID-19 in die Dynamiken

unserer Gesellschaft ein. Aufgrund ihrer

Geschichte und ihrer Praxis sind die Sozialwissenschaften

besonders geeignet, die sozialen,

politischen und ökonomischen Folgen einer

Krankheit zu verstehen, die für die einen die

Züge des Teufels trägt, während sie für die anderen als banale Grippe

in Erscheinung tritt. Dieses Buch entschlüsselt, wie Einzelpersonen,

Organisationen und Gemeinschaften COVID-19 begegnen, darunter

leiden und darauf reagieren. In diesem Buch teilen 27 Forschende ihre

Erkenntnisse zu COVID-19.

Fiorenza Gamba, Marco Nardone, Toni Ricciardi, Sandro Cattacin (Hrsg.),

COVID-19: Eine sozialwissenschaftliche Perspektive. Seismo Verlag, 2020, 364

Seiten, CHF 38, ISBN 978-3-03777-219-5

Integration geflüchteter Menschen

in Arbeit und Bildung

Wörterbuch der Schweizer Sozialpolitik

Wörterbuch der Schweizer

Sozialpolitik

Ein Meilenstein im Prozess einer gelingenden

gesellschaftlichen Integration geflüchteter Menschen

ist der Zugang zu Arbeit und Bildung. Das

Themenheft erklärt die komplexe Rechtslage,

benennt institutionelle und individuelle Hürden

und stellt Hilfestrukturen und konkrete Förderangebote

vor. Praxisbeispiele zeigen, welche

Unterstützung insbesondere für geflüchtete junge Menschen und Frauen

zielführend ist. Dabei wird auch betrachtet, wie Zivilgesellschaft und

Unternehmen zur Erwerbsintegration Geflüchteter beitragen können.

Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V., ARCHIV für Wissenschaft und Praxis

der sozialen Arbeit, Integration geflüchteter Menschen in Arbeit und Bildung, Heft

3/2020, 96 Seiten, Euro 16, ISBN 978-3-7841-3259-4

Die Sozialpolitik trägt massgeblich zur Wohlfahrt

der Schweiz bei. Sie prägt den gesamten

Lebenslauf und beeinflusst wesentlich

die Lebensqualität der Bevölkerung. Ihre

Ausgestaltung, Ziele und Auswirkungen hält

das neuaufgelegte und völlig überarbeitete

Wörterbuch der Schweizer Sozialpolitik ebenso

fest wie historische, wirtschaftliche, soziale und rechtliche Bezüge. Weit

über 250 ausgewählte Beiträge nehmen verschiedenste sozialpolitische

Massnahmen und Zusammenhänge kritisch in den Blick und weisen auf

Schweizer Besonderheiten, Handlungsbedürfnisse sowie aktuelle und

zukünftige Herausforderungen für Politik und Gesellschaft hin.

Hugentobler Valérie, Knöpfel Carlo, Maeder Pascal, Tecklenburg Ueli, Bonvin Jean-

Michel (Hrsg.), Wörterbuch der Schweizer Sozialpolitik, Sozialpolitik/Soziale Sicherheit,

Seismo Verlag, 2020, 620 Seiten, CHF 48, ISBN 978-3-03777-177-8

Nationale Tagung

Gesundheit und Armut

Auch in der reichen Schweiz gibt es soziale

Ungleichheiten in der Gesundheit. An der

4. Nationalen Tagung Gesundheit & Armut der

BFH wird an Fragestellungen aus sozialethischer,

ökonomischer und politischer Perspektive orientiert

und die Sicht von Betroffenen integriert.

Die Tagung will mögliche Handlungsoptionen

aufzeigen und im Dialog von Wissenschaft,

Zivilgesellschaft, Politik und Praxis Lösungsansätze

entwickeln, damit gerade armutsbetroffene

Personen als besonders vulnerable Bevölkerungsgruppe

den Weg zu Gesundheitsleistungen

(wieder) finden.

Berner Fachhochschule

Donnerstag, 21. Januar 2021, online

www.bfh.ch

Caritas-Forum

«Armut grenzt aus»

Noch nie waren Menschen so stark in Rechtsverhältnisse

und Marktbeziehungen eingebunden

– doch das damit verbundene Inklusionsversprechen

entpuppt sich als Illusion. Was sind die

Gründe dieser gegenwärtigen Krise, in der gerade

Armutsbetroffene in verschiedener Hinsicht

soziale Ausgrenzung erfahren? Das Forum, die

sozialpolitische Tagung der Caritas Schweiz,

fokussiert auf die Exklusionsmechanismen in

wohlhabenden Gesellschaften und geht der Frage

nach, wie diese erfolgreich bekämpft werden

können.

Caritas

Freitag, 29. Januar 2021, Bern

www.caritas.ch

Partizipation Betroffener bei

der Armutsbekämpfung

Wie können armutsbetroffene und -gefährdete

Personen an der Planung, Umsetzung und Evaluation

von Massnahmen der Armutsprävention

und -bekämpfung mitwirken? Die Tagung richtet

sich sowohl an Fachpersonen der Armutsprävention

und -bekämpfung wie auch an armutsbetroffene

oder -gefährdete Menschen selbst. Sie wird

zusammen mit armutsbetroffenen und -gefährdeten

Personen vorbereitet und durchgeführt.

Die Tagung der Nationalen Plattform gegen Armut

findet am 4. Februar 2021 im Stadion Wankdorf

statt.

Nationale Plattform gegen Armut

Donnerstag 4. Februar 2021, Bern

www.gegenarmut.ch

34 ZESO 4/20


LESETIPPS

Sozialpädagogische

Theoriegeschichten

Sozialpädagogische Theorien beschreiben die

Soziale Arbeit auf unterschiedliche Weise. Zu

wichtigen Fragen, etwa zur Beschaffenheit der

Gesellschaft und der Rolle der Sozialen Arbeit in

ihr, existiert kein Konsens. Der Band analysiert

deshalb am Beispiel von sieben älteren und

neueren Theorien, wie sozialpädagogische

Theorien konzipiert sind. Sie werden als Narrationen identifiziert, um zu

erschliessen, wie sich die Theorien argumentativ darstellen und wie sie

kontextuell verortet sind. Es wird gefragt, welche Welten sie entwerfen

und wie sie die Soziale Arbeit in sie einbetten.

Dollinger Bernd, Sozialpädagogische Theoriengeschichten. Eine narrative Analyse

historischer und neuerer Theorien Sozialer Arbeit, Beltz Juventa Verlag, 2020,

256 Seiten, CHF 44, ISBN 978-3-7799-6385-1

Integration im Sozialraum

Zusammenhänge von Sozialraum, Migration und

Integration werden systematisch aus theoretischen

und empirischen Perspektiven in ihren

Interdependenzen beschrieben. Fluchtmigration

und Integration werden im Kontext sozialräumlicher

Ansätze analysiert, erforderliche Theorie-

Praxis-Transfers reflektiert und theoretische

Konzepte durch empirische Studien begründet.

Die sozialräumliche Perspektive fokussiert hierbei die relevanten Handlungsfelder

der Integration: Kommunale Integrationspolitiken, Unterbringung

und Wohnen, Bildung, Erwerbsarbeit und Zivilgesellschaftliches

Engagement.

Jepkens Katja, Scholten Lisa, van Riessen, Anne (Hrsg.), Integration im Sozialraum.

Theoretische Konzepte und empirische Bewertungen. Springer VS, 2020, 454

Seiten, CHF 73, ISBN 978-3-658-28202-8

Fachkräfte! Mangel!

Die Geschichte der Sozialen Arbeit kann nach

dem sozialpädagogischen Jahrhundert nur

als Expansionsgeschichte gelesen werden. Mit

dem quantitativen Ausbau der Sozialen Arbeit

gehen auch umfassende qualitative Veränderungen

einher. Insgesamt wird aktuell vor allem

ein Fachkräftemangel in unterschiedlichen

Feldern der Sozialen Arbeit beklagt. Im Vergleich

zu anderen Professionen kann nach wie vor von einem Mangel an Anerkennung,

Wertschätzung und angemessener Bezahlung gesprochen

werden. Diese aktuellen Entwicklungen werden in diesem Sonderband

diskutiert und Perspektiven entfaltet.

Grasshoff Gunther, Fischer Jörg (Hrsg.), Fachkräfte! Mangel! Die Situation des

Personals in der Sozialen Arbeit. 3. Sonderband Sozialmagazin. Beltz Verlag,

2020, 180 Seiten, CHF 45, ISBN 978-3-7799-3540-7

Bieler Tagung: Persönliche Hilfe

in der Sozialberatung

Die Nationale Tagung der SKOS in Biel befasst

sich mit dem Auftrag und der Ausgestaltung

der persönlichen Hilfe in der Sozialberatung.

Welchen Stellenwert hat sie angesichts knapper

Zeitressourcen? Wie kann ein optimales Angebot

aussehen? Die Workshops bieten die Möglichkeit,

Praxisbeispiele und Konzepte aus der Stadt Zürich,

der Gemeinde Hochdorf, dem Kanton Waadt,

dem Kanton Genf, der Wohnhilfe Casanostra in

Biel und des Supported-Employment-Ansatzes

des Vereins maxi.mumm kennenzulernen.

Donnerstag, 11. März, Kongresshaus Biel

Verschiebungsdatum: Donnerstag, 23. Sept. 2021, Biel

www.skos.ch

Forum Nachhaltige Entwicklung:

Leave no one behind

«Leave no one behind» lautet das Thema der

Leitveranstaltung des Bundesamtes für Raumentwicklung

zur Förderung der nachhaltigen

Entwicklung in der Schweiz. Dabei stehen folgende

Fragen im Zentrum: Wie stellen wir sicher,

dass wir bei der Umsetzung der Agenda 2030

für nachhaltige Entwicklung niemanden aussen

vorlassen? Wie können soziale Belange in engem

Zusammenspiel mit den ökologischen und wirtschaftlichen

Anliegen umgesetzt werden? Und

welche Rolle übernehmen darin Kantone, Städte

und Gemeinden?

Dienstag, 18. Mai 2021, Bern

www.are.admin.ch

Gesprächsführung in der

Sozialen Arbeit

Das Buch begründet professionelle Gesprächsarbeit

als Kernmethode der Sozialen

Arbeit. Es führt theoretisch und methodisch

– spezifisch für die Soziale Arbeit – in die

Grundlagen der professionellen Gesprächsführung

ein. Es beschreibt die bedeutendsten

Gesprächsformen der Praxis Sozialer Arbeit und

gibt konkrete Hilfen zur Analyse, Planung und Gestaltung von Gesprächen.

So macht es professionelle, adressaten- und anlassgerechte

Gesprächsführung lehr- und lernbar.

Widulle Wolfgang, Gesprächsführung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und

Gestaltungshilfen, 2., durchgesehene Auflage, Springer VS, 2020, 235 Seiten, CHF

37, ISBN 978-3-658-29204-1

VERANSTALTUNGEN

SKOS-Weiterbildung:

Einführung in die Sozialhilfe

Die Weiterbildung der SKOS vermittelt Grundlagen

zur Ausgestaltung der Sozialhilfe und zur

Umsetzung der SKOS-Richtlinien, zu Verfahrensgrundsätzen

und zum Prinzip der Subsidiarität.

Insbesondere werden auch die Änderungen der

Richtlinienrevision erläutert, die 2021 in Kraft

treten. Es stehen vier Module zur Auswahl, von

denen jeweils zwei besucht werden können. Ein

Modul widmet sich Praxisfragen zu aktuellen

Themen.

Hotel Olten

Dienstag, 29. Juni 2021, Olten

www.skos.ch

4/20 ZESO

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TÜRE AUF

BEI SANDRA ANGELOVIC

Sozialdienst:

Soziale Dienste Asyl Zug

Anzahl Mitarbeitende: 68

Ausbildung/Funktion: BA Sozialarbeit & Sozialpolitik/Sozialarbeiterin

Angestellt seit: 1.8.2019

Alter:

32 Jahre

Zur Zeit einen Tag pro Woche im Homeoffice.

Bild: zVg

Was zeichnet den Sozialdienst Zug

aus?

Die Sozialen Dienste Asyl Zug legen einen

grossen Fokus auf die Integration.

Deutschkurse bis B2 werden finanziert.

Durch Potentialabklärungen werden

zusammen mit den Klientinnen und

Klienten individuelle Integrationspläne

zusammengestellt. Aber auch bei den

Kleinsten halten wir uns nicht zurück.

Neben Spielgruppen werden auch Kitas

finanziert, ohne dass die Eltern der

Kinder unbedingt einer Erwerbsarbeit

nachgehen. Das Ziel ist, das Kind so auf

die Einschulung vorzubereiten, damit

es nach der Beschulung finanziell unabhängig

wird.

Was genau ist Ihre Aufgabe?

Ich bin für die wirtschaftliche und persönliche

Sozialhilfe im Asyl-, Flüchtlings-,

Härtefall- und Nothilfebereich

zuständig.

Wieso haben Sie sich für Soziale Arbeit

als Beruf entschieden?

Während der Bachelor-Arbeit merkte

ich, dass mir die Feldarbeit am meisten

gefiel. Wir haben u.a. Migrantinnen zu

einem Integrationsprojekt interviewt.

Ich wollte mit Menschen arbeiten. Die

Theorien überlasse ich gerne anderen,

auch wenn ich sehr an Migrations- und

Flüchtlingsthemen interessiert bin.

Die Corona-Krise hat alle Sozialarbeitende

vor enorme Herausforderungen

gestellt. Was beschäftigt

Sie in diesem Zusammenhang speziell?

Als im Lockdown die Schulen geschlossen

wurden, hat mich das Wohl und das

Weiterkommen der Kinder beschäftigt.

Die meisten Kinder unserer Klienten

erfahren wenig Unterstützung zuhause

beim Lernen, hauptsächlich wegen den

sprachlichen Barrieren. Aktuell scheint

es schwierig zu sein, Arbeit ohne Ausbildung

zu finden, was die Arbeitssuche

bei der Klientel auf den Kopf stellt.

Welche Reaktionen haben Sie von

Mitarbeitenden oder Klienten erhalten?

Immer schön ist es, die Dankbarkeit

der Klientinnen und Klienten zu sehen,

wenn ich sie bei ihren Herausforderungen

unterstützen konnte. Mehrmals

haben sie mich einen Engel genannt,

bezugnehmend auf meinem Nachnamen.

Solche Erinnerungen helfen mir

auch in schwierigen Situationen durchzuhalten.

Wie gingen Sie mit einer besonders

belastenden Situation um?

Belastend empfinde ich, wenn mich die

Klienten des Lügens bezichtigen, denn

ich bezeichne mich selber als notorische

Wahrheitssagerin. Mir hilft dann

die Psychohygiene im Team. Ich bin ein

offenes Buch und glaube, dass mein gesamtes

15-köpfiges Sozialarbeitenden-

Team von meinen belastenden Situationen

Kenntnis nimmt. So verteile ich

die Last und habe das Gefühl, dass ich

sie nicht alleine tragen muss.

Was machte Ihnen in den letzten

Wochen an Ihrer Arbeit besonders

Freude?

Die Balance zwischen Klientenkontakt

und Administration schätze ich sehr.

Seit dem Lockdown im März 2020 hat

sich bei uns das Homeoffice etabliert.

Einen Tag pro Woche können wir jetzt

auch nach dem Lockdown zuhause arbeiten.

So gehe ich viel entspannter in

die Woche und kann mich an den anderen

drei Arbeitstagen auf die Gespräche

konzentrieren.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft

in Bezug auf Ihre Arbeit auf dem

Sozialdienst?

Ich wünsche mir mehr Verständnis in

der Bevölkerung und von Seiten der

Klienten, dass die wirtschaftliche Sozialhilfe

auf Richtlinien und Gesetzen

basiert und nicht auf persönlicher Willkür

der einzelnen Sozialarbeitenden. Es

passiert noch viel zu oft, dass Personen

die Sozialarbeitenden beschuldigen, ihnen

nicht genügend auszubezahlen.

» dieser

In der Schweiz gibt es Hunderte von Sozialdiensten mit unzähligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie unterstützen Kinder, Jugendliche

und Erwachsene in unterschiedlichen Lebenslagen und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. In

Serie berichten sie aus ihrem Berufsalltag, den schönen und den schwierigen Seiten ihrer Arbeit.

36 ZESO 4/20


Unsere Fachseminare im

Bereich Sozialhilfe

Örtliche Zuständigkeit

20./21. Januar 2021

Bedürftigkeit und Bemessung der persönlichen

und wirtschaftlichen Hilfe

11./12. Februar 2021

Bevorschussung, Verrechnung und Rückerstattung

22./23. Februar 2021

Zivilrechtliche Unterhaltspflichten und Finanzierung

von Kindesschutzmassnahmen

11./12. März 2021

Pflichtverletzungen

23./24. März 2021

Anrechnung von Einkommen und Vermögen

6./7. April 2021

Weitere Informationen unter hslu.ch/s164

Integration und Partizipation

Beratung und Coaching

Kinder- und Jugendhilfe

Management, Recht und Ethik

Gesundheit

Alle Weiterbildungsangebote zu diesen und vielen

weiteren interessanten Themen finden Sie online:

Neue Impulse für Ihren professionellen Berufsalltag

Die Weiterbildungen an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW in Olten und Muttenz unterstützen Sie

dabei, sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln. Sie erhalten neustes Wissen aus der Forschung

und verknüpfen dieses mit Ihren Erfahrungen aus dem Berufsalltag.

www.fhnw.ch/soziale-arbeit/weiterbildung


Weiterbildung,

die wirkt!

Fachkurs Arbeitsintegration

6 Kurstage, Februar bis März 2021

Fachkurs Potenzialabklärung bei

Migrantinnen und Migranten

6 Kurstage, März bis Mai 2021

Fachkurs Sozialberatung

In Kooperation mit der Hochschule Luzern

8 Kurstage, Mai bis Juli 2021

CAS Mediatives Handeln in transkulturellen

Kontexten

20 Studientage, März 2021 bis März 2022

Weitere Informationen und Anmeldung

bfh.ch/soziale-sicherheit und

bfh.ch/mediation

‣ Soziale Arbeit

Roman Bernhard

Absolvent CAS Case Management

Jetzt weiterbilden.

Sozialwesen

ost.ch/wb-sozialwesen

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