Aufrufe
vor 6 Monaten

E_1931_Zeitung_Nr.011

E_1931_Zeitung_Nr.011

10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1931 - N° U Campbeils Wagen Der t Blae Bird III» besitzt eine grosse t Schwanzflosse », die in den hinlern Teil des Wagens eingebaut ist. Sie erleichtert äaa Lenken, indem sie Mi Abweichungen des Wagens von der Geraden, «rfort den Luftwiderstand mit ihrer Breitseite auffängt und den Wagen auf diese Weise wieder in die Gerade drängt. den heutigen erst nach 10 000 und mehr Kilometer nötig. Vorbedingung für eine derartig lange Laufzeit ist natürlich, dass stets die für den Motor passende Oelsorte verwendet wird, ferner das Vorhandensein eines guten Luftfilters, denn die vom Motor sonst angesaugten Staubteilchen bilden einen bedeutenden Prozentsatz der Verunreinigungen. Auch der richtigen Einstellung der Oelpumpe ist genügendes Augenmerk zu schenken, da durch Ueberölung die Bildung von Oelkohle stark begünstigt wird- Bei Motoren mit Druckschmierung genügt es mitunter auch, die Spannung der Feder des Oeldruckreduzierventils etwas zu verändern, um die Schmierung auf das erforderliche Mass zu bringen. Diese Regulierung nimmt aber am besten ein Fachmann vor, damit nicht Oelmangel und somit Schäden auftreten. werden, dass sie kein Oel in die Nuten dringen lassen, da sie sonst klemmen würden, statt federnd gegen die Zylinderwandung zu drücken. Da sich mit der Zeit die Kolbenringnuten ""ausschlagen, wjrd die Pumpwirkung und damit die in den Verbrennungsraum geförderte Oelmenge immer grösser. Nicht die Saugwirkung des im Kompressionsraum zeitweise entstehenden Vakuums, sondern die Pumpwirkung der Kolbenringe befördert das Oel in den Verbrennungsraum. Um den Durchtritt von Oel in den Kompressionsraum auf ein Mindestmass zu beschränken, ordnen die Konstrukteure ausser den drei normalen Kolbenringen einen vierten am unteren Ende des Kolbens an. Dieser Ring dient lediglich dafür, das an der Zylinderwandung befindliche, überschüssige Oel nach unten abzustreifen- Um dem Oel einen besseren Abfluss zu ermöglichen, versieht man dann den Kolben hinter dem Abstreifring mit schräg nach unten gebohrten Löchern, ausserdem kehlt man den Kolben unterhalb der Kolbenbolzenaugen aus und versieht diese Einschnürung mit einer Anzahl grösserer Bohrungen. Diese Konstruktion bewährt sich fast immer sehr gut und beschränkt die Bildung von Oelkohle auf ein Mindestmass. Bei ganz modernen Kolbenkonstruktionen hat man den Weg, einen vierten Kolbenring anzubringen, wieder verlassen, dafür grosse Aussparungen an den beiden nichttragenden Kolbenseiten vorgenommen, wodurch ein ähnlicher Effekt erreicht wird. Da aber trotz aller Massnahmen doch stets etwas Oel in den Verbrennungsraum gelangt, was mit der Zeit zu Oelkohleablagerung führt, so sucht man dem schnellen Ansetzen derselben dadurch zu begegnen, dass Winkel und Ecken im Kompressiönsraum vermieden und die Innenwandungen poliert werden. Wenngleich hierdurch die Notwendigkeit der Zylinder- und Kolbenreinigung erst sehr viel später vorliegt, so lässt sie sich doch auch hier nicht ganz vermeiden. E.F. T««B* Si, Dass mm überhaupt eine mehr oder minder grosse Oelmenge in den Kompressionsraum gelangt, kann verschiedene Ursachen haben. Abnutzungserscheinungen von Kolben, Zylinder und Kolbenringen spielen dabei eine grosse Rolle. Aber auch konstruktive Unvollkommenheiten, z. B. solche des Kolbens, können dazu beitragen, dass ein Motor zu fibermässiger Oelkohlebildung neigt. Die Konstrukteure haben sich zwar der Kolben be- Frage 7802. Dauerhafter Lack. Ich habe meinen Amerikaner-Wagen über den Winter in meiner ge- Garage «aufgeböckelU und unten alles sonders liebevoll angenommen, mit dem Er-heiztefolg, dass die modernen Konstruktionen den gründlich mit Petrol und hierauf mit Benzin gcreinijrt Nun möchte ich alles mit einer ffut bewänir Durchgang des Oels in den Verbrennungsraum nur in bescheidenstem Masse gestatten. ten schwarzen Farbe wieder anstreichen. Was soll ich hierfür verwenden, damit der Erfolg put und Dass abeT immer noch geringe Oelmengen dauerhaft ist und dem Petrol bzw. Benzin standhält? über den Kolbenboden gelangen, liegt erstens H. S. in W. an der Kapillarität des Oels selbst und zweitens an der Pumpwirkung der Kolbenringe. Fragt 7802. Spezlalketten fOr wlnterprüfungsfahrten. Ich las in Berichten über die schwedir Diese kßnnen niemals so knaon sehe Winterfahrt, die übrigens ganz bedeutende Anforderungen an den Fahrer, wie an seinen Wagen stellen soll, dass dort, den besonderen Verhältnissen entsprechend, Spezialketten zur Verwendung gelangten. Wie sehen diese aus? H. K. in B. Antwort: Es gibt eine ganze Anzahl von Ketten, die für intensive Beanspruchung bei Winterfahrten hergestellt werden. Unser Bild führt Ihnen zwei Muster vor, wie sie in Schweden tatsächlich auf die Räder montiert worden sind. Das Muster kann auf die eine oder die andere Art ausgeführt werden, es wird sich ebensogut für Winterprüfungsfahrten eignen. — Frage 7804. Klopfgeräusch im Motor. Ich erlaube mir hiemit als Abonnent, Ihnen folgendes Problem vorzulegen: Ich fahre meinen Wagen schon längere Zeit und hatte bis in letzter Zeit nicht die geringste Störung. Seitdem aber fängt der Motor an zu »klopfen», und zwar folgendermassen: Der Motor läuft vollkommen ruhig bis zu einem Tempo von zirka 60 km auf ebener Strasse; bei diesem Tempo fängt er an zu € klopfen > Ich habe den Motor abgehorcht und konnte wahrnehmen, dass das Klopfen vom 4. Zylinder kommt. (Ich Hess jemand fahren und lag an der Seite des Motors bei entfernter Haube.) Sobald nun das Tempo vermindert wird, ungefähr bei 40 km, hört auch das Klopfen allmählich auf. Zuerst untersuchte ich das Spiel der Ventile, was als richtig befunden wurde; gchliesslich Hess ich einen Mechaniker von der Vertretung aus Genf kommen, welcher den Motor untersuchte, ohne den Zylinderkopf abzunehmen. Nach Entfernung des Deckels (der Motor ist obengesteuert), untersuchte er die Federn, indem er mit einem Schraubenzieher die Federn mehr oder weniger emporhob, auch versuchte er die Ventile zu drehen, konnte aber soweit keinen Fehler entdecken. Der Mechaniker meinte nun, man müsse den Motor abheben, es müsse innen fehlen. Wir unternahmen gleich darauf nochmals eine Fahrt, und siehe, der Motor arbeitete ganz normal bei jedem Tempo, und bei jeder Steigung. Der Mechaniker meinte nun, dass irgend etwas < gesteckt > hatte und jetzt behoben sei; daraufhin reiste er wieder ab. Wo ich früher im dritten Gang einen « Stutz » im Tempo von 40—45 km nehmen konnte, komme ich,heute mit dem zweiten Gang kaum mehr herauf. Dabei zeigt der Motor ein Aussetzen an, je mehr Gas ich gebe. Ich habe folgende Probe gemacht: Ich fuhr im dritten Gang eine Strasse aufwärts, wobei der Motor heftig klopfte (immer an derselben Stelle). Auf dem ebenen Teile der Strasse angelangt, wollte ich im dritten Gang weiter Schwung geben. Ich drückte die Kupplung und gab das ganze Vollgas, mit dem Resultat, dass die Touren ganz abnahmen und der Motor stehen blieb. Ich Hess dann den Motor leer wieder laufen, wobei gar nichts besonderes wahrgenommen werden konnte. Das Klopfen kommt lediglich bei einem Tempo von 50—fiO km auf ebener Strasse; aufwärts, wo der Motor mehr leisten soll, schon bei 40 km, und bei kleinen Gängen und voll geöffneter Drosselklappe kann ein vollständiges Versagen eintreten, er « mag » dann einfach nicht mehr. In der Garage kann ich ihm äusserst hohe Touren geben, bis er anfängt zu klopfen. Der Vergaser ist vollkommen in Ordnung, ebenso die Zündung. Ich habe schon Fachleute mitfahren lassen, der eine meint das, der andere jenes. Ich selbst vermute, dass ein Auslass-Ventil «kaputt » ist, weil der Motor nicht zieht. Ich möchte noch erwähnen, dass der Wagen 10,000 km gefahren ist und bis in letzter Zeit tadellos funktioniert hat. Ich habe nun nach Möglichkeit alles genau beschrieben und gebe Ihnen nun diese Nuss zum « Knacken» Selbstverständlich muss der Motor nun auseinandergenommen werden, möchte aber vorher Ihre Meinung erfahren und danke Ihnen zum voraus bestens. J S. in Z- Antwort: Wir haben wenig Zuversicht, vom grünen Tisch aus eine Nuss knacken zu können, die Fachleuten bei einem Angriff an Ort und Stelle widerstanden hat. Aus Ihren Angaben scheint nur eines mit Sicherheit hervorzugehen: Dass das Klopfgeräusch tatsächlich durch einen sich steckenden Teil verursacht wird. Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht bedeutungsvoll, dass das Geräusch vorübergehend verschwunden war, nachdem der Mechaniker an den Ventilfodern und Ventilen herumi laboriert hatte. Wir denken dabei allerdings nicht an ein defektes Ventil, wie Sie es im Auge haben, sondern eher an ein sich in seiner Führung verklemmendes Ventil. Bei niedrigen Motortourenzahlen könnte dann eventuell die Federkraft noch genügen, um das Ventil rechtzeitig zu schliessen, während aber bei höheren Tourenzahlen das Ventil zeitweise offen bliebe und vielleicht erst durch die einsetzende Verbrennung zugeschlagen würde, vielleicht auch gar nicht. Im übrigen hat es wohl im vorliegenden Fall wenig Zweck, sich auf Spekulationen einzulassen, da diese doch allzu vage wären, und weil sich eine Demontage des Motors schliesslich doch nicht umeehon lassen wird- at Fahrten an die Rivlera! Wenn Sie Auskunft wünschen über die einzuschlagende Route, über die nötigen Formalitäten, über den Zustand der Strossen, über irgendeine touristische Frage, dann wenden Sie sich an das Touristikbureau der 'Automobil-Revue», Bern, Breitenrainstrasse 97, Telephon Bollwerk 39.84. Die Auskünfte sind unentgeltlich. LASTWAGEN OMNIBUSSE CARS-ALPINS In unübertroffener Konstruktion WOHN- und SCHLAFZIMMER in einem vereinigt nur EIN BESUCH IN UNSEREN WERKEN WIRD SIE UEBERZEUQEN D a s s e l b e in N u s s b a u m nur • • < : • • • • Fr, 9 8 5 . — ARB Oft + BASEL • MORGES * ZÜRICH Verlangen Sie die Broschüre: „Der neue Saurer-Fahrzeug-Diesel-Motor". reparieren prompt Die einzig rationellen Werkzeuge für jede nur vorkommende Innengewinde- oder Ausbohrarbeit Kirchenfeld Helvetiastrasso 17 Alfr. Giesbrecht & Co. v Bern Eduard Jfanger, Präzisionswerkzeuge, Uster Telephon Bollwerk 18.97 ORIGINAL-ERSATZTEILE CHEVROLET BUICK CADILLAC LA SALLE Etablissements ALBERT FLEURY, 30.Av.de Frontenex, GENEVE Telephone: Pleces de rechange 24630 — Bureau x: telephone 50230 Auch einzeln beziehbar: Elche Nussbaum 2tQriger Schrank « >• Fr. 260.— Fr. 290.— Schreibtisch, 135X76 Fr. 216.— Fr. 260.— Waschkommode Fr. 175.— Fr. 196 Tisch oder Servierboy • Fr. 75.— Fr. 85.— Bettchaiselongue Fr. 165.— Fr. 165.— Komplett Fr. 890. — Fr. tf85. - BÖTTLE, BASEL Mech. Möbelschreinerei Leonhardstr. 9 Nähe Barfüsserplatz

Bern, Dienstag, 10. Februar 1931 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 11 Licht in der Finsternis ! Der Völkerhass ist nur ein« kollektive luusion ! Ein Volk ist kein Wesen an sich, sondern eine Gruppe von einzelnen, denen man leider feindliche Gefühle gegen eine Gruppe von einzelnen suggerieren kann, die ein anderes Land bewohnen und oft auch eine andere Sprache sprechen. Wenn man so weit kommen könnte, dass man allen einzelnen verständlich machen könnte, dass der Mensch überall ein Mensch ist, und zwar ebenso hier wie hinter der Grenze, könnte man die Möglichkeit eines Krieges völlig ausschliessen. Auf dieser Idee basiert das System des französisch-deutschen Schüler-Austausches : Ein junger deutscher Schüler erhält umsonst in einer französischen Familie dieselben Bedingungen wie in der eigenen, er lebt dort in seinen Ferien wie das Kind der Familie. Dagegen bekommt die Familie des deutschen Knaben ein Kind der französischen Familie zu denselben Bedingungen auf Ferien. Der iranzösisch-deutsche Ausschuss für Schüleraustausch realisierte 40 solche Fälle im Jahre 1926, 115 im Jahre 1927, 255 im Jahre 1928, 326 im Jahre 1929 und 351 im Jahre 1930, insgesamt 1107. Dabei lernten mehr als 1000 Knaben die Sprache des Nachbarn. Alle waren begeistert und die Mehrzahl schloss freundschaftliche Beziehungen, die wertvoll sein werden für den Frieden Europas. » Mit diesen Worten wirbt in der Zeitschrift « Europe » das « Comit6 d'echanges interscolaires franco-allemand » für den Schfileraustausch im Jahre 1931. Wahrhaft: Ein Licht leuchtet in der Finsterais ! Der Appendix Von Kaspar Freuler. Wir veröffentlichen aus dem humorvollen. Buche c Veilchensalat und Besseres» (Verlag: Rascher, Zürich) die nachfolgend© köstliche Skizze. (Siehe Biichertiscb.) »Appendix?» fragt mich jemand. Ich habe keine Ahnung, was er damit meint — Appetit? — Aperitif? Aber ich nicke. Denn wenn man im selben Augenblick auf einer Bahre im Spitallift bergwärts fährt, Ist einem das gebildetste Fremdwort schnuppe. Vollständig einerlei. Fünf Minuten später komme ich mir vor, wie jener bekannte Mann, der von Jerusalem nach Jericho gehen wollte und unter die Räuber fiel. Einer strupft mir ohne weiteres die Gewandung ab; ein anderer betupft meine Finger mit etwas Kaltem — ich wittere Alkohol — und saugt mir im nächsten Moment wie ein Vampir Blut aus der Hand; ein dritter trägt, was nach diesen eiligen Prozeduren von mir noch übrig bleibt, auf den hocheebeinten Tisch, der im Volksmund «Schrägen» genannt wird. Mein Gott, so schlimm ist der !a gar nicht. Er steht mitten in einem weissen Zimmer, das glänzt wie frische Wäsche. Der schönste, blaueste Himmel leuchtet durch eine Glaswand. Man liegt freilich etwas hart, etwelcher Komfort wäre angenehm. Aber man denkt, dass auch diese Facette der Kehrseite unseres F E U I L L E T O N Ramosi Von V. Williams. JLtu dem Englischen übersetzt von Otto Element. (Fortsetzen* ans dem Hauptblatt) «Wenn es keine Fälschung ist», warf mit dieser kleinen llolly heimtückisch ein. «Fälschung? Betrachte bitte diese zierliche Linienführung! Wenn das kein herrliches antikes Stück ist, so bin ich bereit, meinen Hut aufzuessen...» Unfähig, das Lachen noch länger zu unterdrücken, platzten die beiden Freundinnen heraus. «Bravo, Herr Beck!» rief Joan. Sie haben sich nicht hinters Licht führen lassen!» Und sie erzählte ihm, wie die Figur in ihren Besitz gelangte. Becks Gesicht wurde ernst. «Das Ding ist selbstverständlich gestohlen! Aber wo? Und von wem? Das beste wäre, wenn Sie mir gestatteten, dass ich es Cradock zeige. Er kommt übermorgen zurück. Im Wohnzimmer befindet sich ein Safe, in dem es bis dahin verwahrt bleiben kann. Cradock kennt die Ausgrabungen von A bis Z. Er wird uns raten, was zu tun ist!> Joan willigte gern ein. Sie grübelte über 3ic unergründlichen Prüfungen* die sie Immer Lebens ihre interessanten Seiten haben kann. Also: «Reg dich nicht auf, Moritz!» Was nur alles um dich herum hantiert wird! Auf einem Gestell stehen vier mächtige Glasballone mit Aufschriften. Nicht gerade einladende! Wasserstoffsuperoxyd, Essigsaure Tonerde, Borsäure usw. Pharmazeutische Gerüche liegen in der Luft — jenes bekannte Spitalgerüchlein, das vielen vom starken Geschlecht ein Horror ist! Eine Schwester kocht das silberglänzende Instrumentarium aus; kochende Brühe sprudelt über Zangen und Zänglein, Häkchen und Messerchen. Ein Arzt mit fidelem Gesicht massiert nun an mir herum und scheint königlich erfreut zu sein, dass, nachdem er mein Bäuchlein sanft nach rechts drückt, dieses im nächsten Augenblick mit energischem Rückschlag, der mir das Antlitz in schmerzvolle Falten legt, in die frühere Lage zuriiekschwappt. «Schön, schön,» sagt er freundlich. Aerzte scheinen merkwürdige Schönheitsbegriffe zu haben. Eine hübsche Schwester naht — jung — Zähne wie der schönste amerikanische Filmstar — also eine durchaus erfreuliche Erscheinung in diesem doch etwas miesen Raum — aber sie sticht mir — ach, wie so trügerisch! — blitzschnell eine Nadel in den Oberschenkel — das heimtückische Geschöpf. — Morphium natürlich, damit der Kerl eventuell weniger zappelt! Dann steht wieder ein Weissgemantelter da. Kontrolliert die innere Verfassung des Opfers. Blut 78.— Schön 1 Blut 9800 — gut! Die Abwehrarmee der weissen Blutkörperchen ist vorschriftsgemäss mobilisiert und marschiert Puls 70. Temperatur 37,5. Der Arzt nickt, offenbar wieder höchlich zufrieden. «Sie nehmen die Sache verflucht ruhig,» sagt er. «Hoffe ebenfalls!» sag' ich. Wir lachen beide. Ueberhaupt sind wir schon ziemlich familiär um diese verpönte Lagerstätte herum. Ein Wärter ist noch da, der mich schon von Kindsbeinen an kennt. Man macht Sprüche aller Art, nicht ausgesprochen für den Salon berechnete. Fehlt nur noch, dass mir einer eine Brissago offeriert. Nun wird's kritischer. Die Schwester glaubt, dass es für mich empfehlenswert sei, meine Beine mit einem weissroten Gurt zu umwickeln. Hat sie Angst, dass ich fortspringe? In djesem Aufzug?! Dann hält plötzlich eine Handfessel mich links fest. Rechts steht eine blonde Schwester und hält mir freundschaftlich die Hand. Des Pulses wegen! Ich habe trotzdem das Gefühl, dass der peinliche Moment in Sicht sei — Und er kommt richtig auch. Der Chef steht neben mir — nun ist der ganze Verein beisammen, denk' ich. Die Schlacht kann beginnen. Die zwei Aerzte im chirurgischen Nationalkostüm, weisse Mantel, braune Oummischürzen, dito Handschuhe. Nur der Chef zieht un- wieder mit jenem einsamen Engländer zusammenbrachten. Der Zwischenfall mit den Kabinen. Die Begegnung im Zimmer des Kapitäns, ihr Tischgespräch mit Bastable, ihr Zusammentreffen mit Molly, auf Grund dessen sie nun nicht nur in Cradocks Haus, sondern in seinem Zimmer, ja sogar in seinem Bett landete, und jetzt wieder das Erlebnis Anubisstatue — diese Kette von merkwürdigen Zufällen bedrückte sie und schuf ihr eine merkwürdige Unruhe. Nach dem Tee unternahmen die drei einen kleinen Spaziergang ins Tal, bis sie ein Gong vom Hause her zum Abendbrot rief. Man speiste an einer langen Tafel im Wohnzimmer. Der Mond warf lange Schatten auf die Veranda und lugte zur offenen Tür herein, als wollte er mit den Purpurblumen spielen und mit den goldhalsigen Champagnerflaschen, die aus dem Eimer am Boden vorwitzig herausragten. Der Kaffee wurde auf der Veranda genommen. Sie waren alle ziemlich wortkaTg, wie wenn das blasse, runde Gesicht, das auf sie herabstrahlte, einen schweigengebietenden Finger an die Lippen gelegt hätte. Durch die silberverbrämte Dunkelheit ringsum drang fernes Hundebellen und von Zeit zu Zeit ein unheimlich schauriges Geheul. «Schakale,» sagte der Maler. «Es ist der Schrei des Anubis, des Wächters der Be- gehinderte Ellbogenfreiheit vor: in Hose und Hemd, und Gummi. Die zwei Schwestern in Grau. Der Patient — na ja — siehe Paradies! Von hinten schiebt sich etwas Braunes vor meine Nase. Aha! Man will das Gehirn um sein Bewusstsein bringen. Das braune Dings aus Kautschuk wedelt vor meiner Nase hin und her. Ein scharfes Gestänklein sticht Pfui! «Bitte, tief atmen!» «Weglaufen kannst du doch nicht mehr,» denk' ich. «Also schnaufen wir!» Brennend und stechend dringt der Aether in den Rachen. «Durch die Nase geht's besser.» Stimmt. Der Wärter giesst nach. Man spürt Kälte irgendwo. Ich schnaufe weiter, tief und ruhig. Der Verein schaut mich unentwegt an und wirft ermunternde Zurufe in meine Atemgymnastik. Schwer und still dringt das Gas in die Lunge, ins Gehirn. Immerhin — von Bewusstseinsstörungen keine Spur. «Wie geht's?» «Danke — ich pass* auf wie ein Häftlimacher, aber vorläufig bin ich noch normal!» Weiter atmen . Plötzlich — ohne jeden Uebergang — Revolution! Das Leben wehrt sich vor dem aus dem Dunkel aufsteigenden Unbekannten, das ihm auflauert. Mit elementarer Kraft —- Selbsterhaltungstrieb in Reinkultur «Ich will nicht — fort — Herrgott noch einmal — lasst mich los — nein — nein» Ich brülle. Ich bitte und bettle — und fluche — «Aber ChaschperU sagt der Wärter. «•Dängg au!» Seine braune Glatze beugt sich über mich wie ein Vollmond. Sie wirkt beruhigend. Im Nu schnauf ich wieder gehorsam. «So, jetzt ruhig einschlafen — so — soso —. Auf einmal sind die Beine weg. Dann wie durch Zauber die Hüften. Jetzt kein Oberkörper mehr — ich schwebe Das letzte, was ich spüre, ist die weiche Hand der blonden Pulsschwester — sie geleitet mich leise und gut in den dunklen Abgrund voll purpurner Finsternis, der mich nun feierlich aufnimmt • In vollkommener Zufriedenheit und in einer unaussprechlich beglückenden Heiterkeit Narkose Ausgelöschtes Leben. Ungelebte Stunden. Kein Fetzen von Erinnerung. Keine Spur irgendwelcher Vorgänge. Kein Schatten eines Traumes. Weder Schmerz, noch Lust. — Mit dem Tuschpinsel schwärzester Zensur ist das Leben übermalt. Breit und schwer. Das absolute Nichts. Das Nirwana, wo weder Körper noch Seele mehr existieren — kein Zeitbegriff — eine Ewigkeit — vielleicht — vielleicht nur Minuten — «Heute abend mach' ich Bratwürste —> «Wer macht Bratwürste?» — Dann ist's wieder dunkel. Nach einer Weile höre ich vom Engadin reden. Dann eine Stimme: «Die alten Schweizer tranken noch eins, ehe sie gingen —» Abermals ertönte der klagende Ruf und verklang. «Colin,» schlug Molly vor, lass uns auf den Hügel dort steigen! Die Aussicht im Mondlicht muss prächtig sein.» «Abgemacht!» rief ihr Bräutigam fröhlich und sprang auf. «Kommen Sie, Frau Averil!» Verständnisvoll lächelnd schüttelte Frau Averil den Kopf. Die beiden waren jung und verliebt und würden bald ein Ehepaar sein. «Keine zehn Pferde können mich da hinaus schleppen,» erklärte sie. «Geht nur und schaut euch den Mond an, ich bleibe Heber hier!» Colin warf einen Blick ins Wohnzimmer zurück, das jetzt in Finsternis lag. «Whisky und Zigaretten finden Sie auf dem Tisch hinter Ihnen. Mohammed ist wohl schon zu Bett gegangen. Er schläft drüben im Nebenbau hinter der Küche. Soll Ich die Lampe anzünden?» «Nicht nötig! Im Mondschein ist's ja fast tageshell. Lauft nur und seid vergnügt, aber leht nicht zu weit fort!» «Nein, nein — nur bis zum Hügel,» versprach Colin. «Wenn Sie laut rufen, müssen wir Sie hören. Wir werden auch bald zurück sein. Auf Wiedersehen!» Das Liebespaar lief lachend und sich haschend den Berff hinunter und verschwand im Dunkel. Das Gesicht der Strosse Das Wort «Garage», das heute alle Strassenfoildwj der Städte als Symbol der Neuzeit beherrscht. Ich kann mir absolut nicht erklären, wo ich bin. Irgendwo unter einem zusammengefallenen Zeltdach, unter einer dicken Schicht, die überall nachgibt, wo ich durchstossen will, aber elastisch wieder sich schliesst, sobald ich mich von der vergeblichen Bemühung abwende. Wie in einem riesigen Kautschukei eingeschlossen bin ich. Ausser meiner Welt wird weiter geredet J ich verstehe durch die Schale jedes Wort: «Es gibt solche, die jodeln und singen» — «Meine Kakteen machen Fortschritte» — Die Cigaretten pRTH STAT£" ä Fr. 1.— per 20 Stück-Paket zeichnen sich aus durch ihr hochfeines, unaufdringliches Aroma und ihregrosse Milde. Joan seufzte. Warm war die Luft und herrlich die Nacht, und wiederum heulte jetzt aus der Dunkelheit irgendwo ein Schakal. «Wächter der Begräbnisstätten» hatte Colin ihn genannt. Millionen und aber Millionen von Toten lagen in den Katakomben der Berge von Theben — Joan schauerte zusammen. Ein Rascheln hatte sie aufgeschreckt. Gedämpfte Tritte schlichen über den Steinboden. Ohne den Kopf zu wenden wusstesie, dass jemand auf die Veranda gestiegen war. Mit stockendem Herzschlag blickte sie auf. Neben ihr stand eine grosse, weisse Gestalt. Der Mond beleuchtete ein stolzes Gesicht mit hellen Augen, die kühn unter dem weissen Turban hervorbrannten. Wie allen Europäern, die erst kurze Zeit im Orient weilen, schienen auch Joan alle Eingeborenen gleich auszusehen. Aber diese Züge mit dem Ausdrucke eiserner Energie, der bei den Aegyptern so selten vorkam, hatten sich ihrem Gedächtnis eingeprägt. Es war das Antlitz jenes Arabers, den sie im Durchgang bei der Moschee gesehen und der als zweiter von der Mauer herabgesprungen war. Verstört erhob sie sich, als in tiefem Englisch die Worte erklangen: «Frau Averil, nicht wahr?» Sie wandte sich verblüfft um. Bis auf den Araber war die Veranda leer.