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E_1931_Zeitung_Nr.022

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achten geschlossenen

achten geschlossenen Modellen der englische Stil von weitem anzusehen. Die Karosserien wie der technische Teil verraten ein« auf langjährigen Erfahrungen gegründete Tradition. Tatsächlich gehören die Singer- Werke zu den ältesten Automobilfabriken und, ihre Erzeugnisse sind über die ganze Well verbreitet. Der ausgestellte Singer-Super-Six hat einen Sechzylindermotor von 65,5 mm Bohrung, 95 mm Hub und 1920 cem Zyllnderitihalt. Die Ventile sind hängend im Zylinderkopf angeordnet und die siebenfach gelagerte Kurbelwelle ist mit einem Vibrationsdämpfer ausgerüstet. Alle Lager erhalten Oel unter Druck. Die Zündung geschieht durch Batterie und Zündspule. Das Getriebe ergibt vier Vorwärtsgänge. Die Bremswirkung wird durch einen Dewandre-Servoappa. rat verstärkt. Zur Abfederung dienen lange halbelliptische, durch Gamaschen geschützte Federn unter Mitwirkung von hydraulischen Stossdämpfern. Der Wagen erreicht mit Leichtigkeit 95 km'Std. und erfreut sich ebenso grosser Wertschätzung beim Sportsmann wie beim Touren- oder Gebrauchsfahrer. Der Sjnger-Ten, der wie der Super-Six mit einer teilweise abdeckbaren geschlossenen Karosserie gezeigt wird, hat einen Vierzylindermotor mit 65 mm Bohrung. 95 mm Hub 1261 cem Inhalt, seitlich gesteuerten Ventilen, dreifach gelagerter Kurbelwelle, Druckschmierung und Batteriezündung. Das Getriebe ergibt ebenfalls vier Gänge, wobei mit den angewandten Uebersetzungsverhältnissen eine sehr gute Ausnützung der Motorleistung möglich ist Tatsächlich übertreffen denn auch die Fahreigenschaften des Singer- Ten diejenigen manches mittelgrossen Wagens. Fiat. Diese weltbekannte Turiner Firma ist am Salon mit ihren bei uns schon gut verbreiteten Typen vertreten. Der neue Typ 514 erfreut sich dabei als Weiterentwick lung des berühmten Fiat 501 besonderer Beliebtheit. Mit seinem 1,4-Liter Vierzylin dermotor und 30 Brems-PS, der allgemein sehr neuzeitlichen Durchbildung des tech nischen Teiles und den echt italienisch geschmackvollen Karosserien stellt dieser Typ ein Gebrauchsfahrzeug dar, wie es in der gleichen Preislage sonst kaum anzutreffen ist. Der seitlich gesteuerte Motor Einfacher und zweckipässisjer TürverÄchliMs beim 10/30 PS Fiat. hat die Elastizität und Vibrationsfreiheit eines Sechszylinders. Seine Leistungsfähigkeit ist gegenüber der des früheren Mo dells 501 um 20% gesteigert, so dass nun mit Leichtigkeit eine Fahrgeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern erreicht werden kann. Wie bei allen FiatWagen besitzt das Getriebe vier Gänge und erlaubt so eine gute Ausnützung der Motorkraft in gebirgigem Gelände. Als nächstgrösserer Typ von FiaJ figuriert auf dem Stand der 2,5-Liter -Sechszylinder «521 C». Die allgemeinen Konstruktionslinien sind hier dieselben, die Ventilsteuerung geschieht ebenfalls von einer seitlich gelagerten Nockenwelle aus, während die Kurbelwelle siebenfach gelagert ist. Die Leistungsabgabe des Motors ist über einen grossen Bereich der Touren zahlen ungewöhnlich gleichmässig, was fahrtechnisch in einer entsprechend hohen Elastizität zur Geltung kommt. Bei 1500 Touren beträgt die Leistung immer noch volle 40 PS. Aus dem Produktionsprogramm sei weiter der 3,7-Liter-Sechszylinder « 525 N » erwähnt, der mit seinen 70 Brems-PS schon sehr anspruchsvolle Fahrer befriedigt. Als Modell «N 6 » hat dieser Wagen einen überkomprimierten Motor mit Doppelvergaser und eine Maximalgesohwindigkeit von etwa ,140 km.-Std. Sehliesslich verdient besondere Erwähnung der 3,7- Liter-Sechszylindertyp «525 N» mit 90 PS, dessen Kennzeichen die um 20 % höhere Maximalgeschwindigkeit und die Ausrüstung mit Servobremsen sind. Castrol. So wie der alljährlich belegte Stand in seiner Aufmachung konstant bleibt, so beständig ist auch die Qualität und Beliebtheit dieses Motorenöls. Nennen wir nur einige der AUTOMOBTL-Rr!VUE 1931 — N» 22 gewaltigen Kennsiege, welche mit Castro! möglich gemacht worden sind : die Weltschnelligkeitsrekorde "der Engländer Segrave und Campbell, die internationale Sechs-Tage- Fahrt für Motorräder, die berühmte Sentor- Tourist-Trophy-Race in England usw. Sir Wakefield, der Besitzer und Leiter der Castrol Raffinerien hat selbst durch eine äusserst generöse Spende die Sportsleute zu im-* mer grösseren Leistungen angespornt. Er hat bekanntlich eine jährliche Rente von mehreren Tausend Pfund ausgesetzt, welche demjenigen Fahrer so lange zu gute kommt, als er den Weltschnelligkeitsrekord innehat Zur Zeit ist natürlich Campbell der Nutzniesser. Man vergesse aber nie, dass Castrol kein ausgesprochenes Renrtöl ist, sondern sich ebenso gut für den Autotourismus eignet. Das Oel ist eine hochwertige Emulsion de" besten Minerale und Pfanzenöle, welche die hohe chemische Beständigkeit des Mineralöls mit der hohen Schmierfähigkeit des Rizinusöls verbindet. Minerva. Der Stand dieser grossen belgischen Marke bietet einen der Clous der Ausstellung, nämlich ein Minerva-Phaeton, wie es vor genau 30 Jahren gebaut wurde. Man kann sich heute eines malitiösen bis mitleidigen Lächelns nicht erwehren, wenn man daran denkt, dass dieses Wägelchen eine Gipfelleistung der damaligen Automobiltechnik darstellte. Neben seinen modernen Brüdern mutet es an wie ein Witziges Kinderspielzeug. Immerhin «rkennt VerbindmiKsleitungen zwischen dem Oelkühler und dem Motor des Minerva-Waeens. man bei näherer Betrachtung schon mit aller Deutlichkeit die angewandte Minerva-Präzisionsarbeit, und die ganze Konstruktion macht trotz ihrer Primitivität (der Antrieb vom Einzylindermotor auf die Hinterachse erfolgt beispielsweise duch zwei Ketten, der Vergaser ist unter dem Fussboden aneeordnet, die Kotflügel bestehen aus Holz usw.) schon den Eindruck grosser Zuverlässigkeit An modernen Wagen präsentiert Minerva nicht weniger als fünf Typen, nämlich drei Sechszylinder und zwei Achtzylinder. Alle sind mit dem berühmten, durch Minerva weiterentwickelten Knight - Schiebermötor ausgerüstet. Der Typ 2000 hat einen Zylinderinhalt von 2000 cem und 40 Brems-PS, der Typ 3000 3375 cem und 60 Brems-PS, der Typ 6000 6000 cem und 120 Brems-PS, der Typ 4000 4000 cem und 80 Brems-PS und der Typ 6600 6600 cem und 130 Brems-PS. Alle Motoren haben Scintilla-Zündung, und zwar die Sechszylinder mit Magnet und die Achtzylinder mit Batterie und Zündspule, bzw. mit Batterie und Magnet. An Präzision des mechanischen Teils und luxuriöser Ausführung der Karosserlen stehen die Minerva-Wagen seit jeher auf der denkbar höchsten Stufe. Seltz & Co. Die Karosseriewerke von Etnmishofen sind mit einer Leichtmetall-Allwetter-Karosserie auf dem Stand Citroen sehr vorteilhaft veTtreten. Sie haben sich deshalb auf ihrem Ausstellungsplatz damit begnügt, die wichtigsten Grundlagen ihrer patentierten Allwetter-Karosserien mit AluminJum-Spanten- Gerippe und Leichtmetallaufbau, sowie das Wesen ihrer Seitz-Kurbelverdecke zu demonstrieren. Durch die weitgehende Verwendung von Leichtmetall wird das tote Gewicht des Oberbaues auf das unbedingt notwendige beschränkt. Die Firma verwendet das bekannte Spezialmetall Anticorodal, welches grösste Beständigkeit in Verbindung mit andern Metallen aufweist und gegen Wasser absolut unempfindlich ist. Ueber das Wesentliche der Leichtmetallkarosserie hat sich jüngst ein Fachmann ausführlich fn unsern Spalten geäussert, so dass dieser kurze Hinweis genügen dürfte. Transportunternehmer werden sicher beim Besuch des Standes manchen wertvollen praktischen Wink erhalten und haben gute Gelegenheit, sich im Detail über die Konstruktionen zu orientieren. (Weitere Stände Seite 11.) Photographlen vom Kilometerrennen von Grand-Saconnex sind zum Preise von Fr. /.— das Stück {Grosse 13X18) zu beziehen bei der Redaktton der «Automobil-Revue: ir TiÄIICT IHM DIE NEUESTEN MODELLE STETS AM LAGERI BESUCHEN SIE UNSERE PERMANENTE AUSSTELLUNG MOSERSTRASSE 52 WERKSTATTE UND ERSATZTEILLAGER: STA U FF ACH ERSTR A88E 17 BUREAU: MOSERSTRASSE 52 - BREITEN RA I N PLATZ - TELEPHON BW. 73.55 SURPREND par son £L£GANCE,8onCON- FORT.sa PUISSANCE et son SALON DE GENEVE STAND 52 LASALMSONS4 LADE - GLEICHRICHTER !•!• ••••• :•!•:•• »• ••!•!• •!• FÜR IHRE AKKUMULATOREN fabriziert SIGNUM A. G. Zürich Poup votre Auto et vos meuble8 employez le POUR ARGENTER VOS SERVICES DE TABLE, PHARE8, etc. Utilisez las EXCOVY AU SALON STAND 217 Conoesslonnairas sxcluslfs: Excoffier

Bern, Donnerstag, 12. März 1931 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 22 Unverantwortliches Hallelujah. Der grosse Schneefall; Man schrieb anfangs März 1931: Der über Nacht gefallene Schnee zerrann am Tage unter den wärmenden Strahlen der blassen Frühlingssonne, dünner Rieselregen löste die hosterstarrte Erde, die Bäche rauschten und warme Winde bliesen durch die feuchten Nächte, in denen ein schwellender Hauch des kommenden Frühlings trieb... «Sieh, mein Guter,» schrieb ihm die junge Frau, «wie blau dieser Himmel heute sich über der Stadt wölbt. Noch ein paar wenige Wochen, und Du wirst von mir die ersten Blumen erhalten...» Dann ereignete sich etwas Seltsames, Neues. Aus dem Regen eines grauen Nachmittages wurde treibender Flockenfall, nasser Schnee legte sich über Strossen und Dächer, die Nacht hindurch sprühten weiter die weissen Kristalle, am Morgen lag die Stadt in hohem Schnee. Der März wurde zum tiefsten Winter. Der Schneefall vergass sein Ende, auf den Gassen wuchs die weisse Decke, es wurde Tag, es wurde Nacht, und es schneite weiter, bis über dem Lande eine Schneedecke von einer phantastischen, unglaubhaften Höhe lag. Die Städte versanken in der weissen Bescherung. Arbeitslose rückten blaubeblust in kalter Schneemorgenfrühe aus, bahnten den Tramwagen und Autos einen engen Pfad, Pfadautos keuchten durch die frühen Gassen, tausend Besen wischten stiebend einen Zugang zu verschneiten Hauseingängen, Lastwagen schleppten gewaltige Mengen Schnee fort. Viele «Fussgänger» fuhren auf Skis an ihre Arbeitsstätten. Alle Märzenherrlichkeit war über den fernen weissen Hügeln in ein unglaubhaftes Märchenland versunken. Die Stadt hatte eine Metamorphose zauberhafter Art erlebt. Der hohe Schnee dämpfte jeden Laut ab. Alles war von einer köstlichen, niegekannten Heimlichkeit, von einer wunderbaren Verspieltheit. Der müde Ton des Stundenschlages versank in der Watte dieser weissen Welt. Die Strassen waren weich und kühl überdeckt, jede Härte wich einer Rundung, einer Ausgeglichenheit. Den ganzen grauen Tag hindurch fielen die Flocken, es blieb dunkel in den Häusern, man musste früh das Licht anzünden, und wenn es aus den Fenstern in den Schnee fiel, leuchtete köstliche Erinnerung an ferne Jagend auf. Aller menschlichen Voraussicht zum Trotz war dieser Schnee gekommen, hilflos standen sie da and wüteten gegen eine zarte, lächelnde Macht, die unaufhörlich weiter den weissen Segen über die Lande streute. War es nicht ganz wunderbar? (Trotzdem! Trotzdem furchtbares Hochwasser droht, der Verkehr stockt, das.Wild und die Vögel leiden müssen, viele Menschen Schaden leiden, es sei wie es wolle, man kann sich eines unverantwortlichen Vergnügens an diesem ausgefallenen Winterabenteuer nicht ganz entziehen, das uns über Nacht die Stadt in einem zauberischen Lichte zeigt, wie man sie nie kannte.) bo. E U I L L Ramosi T O N Von V. Williams. Aus dem Englischen fibersetzt von Otto Klement. HTortsetzunff ans dem Hant>tblatt> Beide Männer sprangen gleichzeitig auf. Entsetzt, dabei doch in wildester Spannung wankte Joän in die Fensternische zurück. Hussein, halb von Sinnen vor Zorn, stiess unartikulierte Laute hervor, indes ihn sein Gegner schweigend aber mit wachsamer Miene beobachtete. Eine fliegnde Glutwelle jagte über Joans Haut. Sie erkannte die brennenden Blauaugen und das kuperfarbene Gesicht Sie fasste wieder Mut, wenn es auch nur ein Mut der Verzweiflung war. Denn sie wusste, dass ihr nichts übrig blieb, als hier auszuhalten und den Ausgang des Kampfes abzuwarten. «Du Bestie!» knirschte jetzt der Eindring, ling — seine Stimme klang leise und drohend wie das Knurren eines gereizten Hundes. «Ich hätte nicht übel Lust, dir ein für allemal den Appetit auf weisse Frauen zu versalzen!» Beim Klang dieser unverkennbar englischen Worte stutzte der Prinz, und die arabischen Flüche erstarrten ihm im Munde. Tanzfest im Irrenhaus. Das Irrenhaus in P., von einem modernen Arzt geleitet, gab während des Faschings seinen Pfleglingen ein Tanzkränzchen. Freilich, das war ein Wagnis: jede Störung des bleiernen Alltagsablaufes ist Gefahr für alle, die das trübe Haus aneinander fesselt — für die Irren und für die Pflegepersonen. Aber der Arzt entschloss sich dennoch dazu. Seit langem war kein neuer Fall eingeliefert worden, und die alten Gäste des Hauses kannte er schon gut genug, um ihre Reaktion auf das geplante Experiment — das blieb es natürlich trotzdem — abschätzen zu dürfen. Das Haus nahm nur lebenslängliche Gäste auf, hoffnungslos Kranke, aber doch auch nur solche, deren Störung verhältnismässig leicht und für die Umgebung nicht bedrohlich war, solche, die also einen Rest von Gemeinschaftsleben führen konnten. Kümmerlicher Rest! Frauen und Männer wurden durch ein stählernes Netz von Einrichtungen und Verboten voneinander getrennt, und auch in den so geschiedenen zwei Abteilungen war jedes gemeinsame Essen ein nur selten versuchtes Wagnis. Und jetzt — ein Tanzfest! Drei Stunden lang sollten irre Männer und irre Frauen einander begegnen, in ihren eigenen Kleidern, — wie hätte denn Festfreude mit Anstaltskleidung vereinbart werden können? — bei Musik und bei Tanz. Abends um 7 Uhr begann es. Der Speisesaal der Männerabteilung war mit buntem Papier geschmückt, ein Klavier stand in der Ecke, auf dem Anrichtetisch waren die Limonadegläser in langen Batterien bereit. Es sah alles beinahe so aus, als wartete der «Gartensaal» eines kleinstädtischen Wirtshaues auf den traditionellen Faschingsball des ansässigen Sparvereins. Die Gäste kamen. Ohne Kragen die Männer (bei diesem Verbot musste die Anstaltsleitung bleiben), doch sonst sauber und festlich gerichtet. Und dann, durch die andere Tür, die Frauen. Keine von ihnen war jung, aber möglich auch, dass die müde Krankheit sie alle älter machte, als sie wirklich waren. In richtigen Frauenkleidern kamen sie, manche hatten Blumen am Kleid angesteckt — in das graue Zimmer fiel jetzt Farbe. Die Männer sahen zu den Frauen hinüber, sachlich und neugierig. Niemand sprach, alle hatten sich, wie auf ein Kommando, an die Wände gelehnt. In der Ecke, am Klavier, sass der Arzt, und weil die Männer den Frauen gegenüberstanden wie zu einer Quadrille gestellt, fiel ihm ein, nun auch wirklich eine Quadrille tanzen zu lassen, um so die erste Stille zu brechen. Der Arzt schlug auf dem Klavier an, erschrak zuerst selbst über die Musik in diesem Hause; dann begann er mit lustigen Worten die Quadrillenschritte zu kommandieren* wie der Tanzmeister auf alten Bällen. Und die Irren kamen aufeinander zu, im tänzerischen Takt, aber ernst und schweigend. Selbst die Füsse schwiegen, denn alle hatten die weichen Anstaltspantoffeln an, damit auch an «Cradock!» staunte er erbost. Ein hämisches Lächeln übergrinste seine bleichen Züge. Spöttisch verbeugte er sich zu Joan hinüber, die immer noch starr an der Fensterbrüstung lehnte. «Ich muss Frau Averil zu ihrem romantischen Ritter gratulieren — oder sollte ich vielleicht lieber »Freund' sagen?* Er blickte nachdenklich auf seine Nägel und höhnte: «Mein bester Cradock, ich scheine dazu bestimmt, Ihnen Ihre Weiber wegzunehmen!» Cradocks Augen flammten, aber er wahrte seine Selbstbeherrschung. «Holen Sie Ihren Mantel!» wandte er sich an Joan. «Ich werde Sie nach Hause bringen!» der Prinz. «Ich werde Sie selbst in ihr Hotel begleiten Und Sie... machen Sie, dass Sie fortkommen, sonst lasse ich Sie hinauswerfen ! Cradock rührte sich nicht, und die wieder zuversichtlicher gewordene Joan wollte eben an seine Stelle treten, als der Prinz laut in die Hände klatschte und nach Makhmud rief. Im selben Augenblick stürzte sich Cradock auf ihn. Er traf ihn mit der Unken Faust in das Auge, und der Aegypter warf sich zurück, um Cradocks Rechter auszuweichen, Von Stefan Kai. diesem gelockerten Abend niemand ausbrechen könne. An den Türen sassen die Pflegepersonen, auch sie heute ohne weissen Dienstmantel. Sie sassen dort, wie früher einmal Mütter, die ihre kleinen Töchter zum Kränzchen gebracht hatten und dann, von den Wänden aus, wohlwollend, aber eifrig das Treiben bewachten. Lange brauchte es, bis die unsägliche Befangenheit wich. Aber auch dann blieb die lastende Stille, nur dass manche beim Tanzen schon flüsterten; einige lachten sogar. Nach der Quadrille kam Polka, kam Walzer und dann auch moderner Tanz. Der Arzt sass nicht mehr am Klavier — ein Wärter hatte ihn dort abgelöst —, er ging jetzt zwischen den Leuten herum, plauderte mit ihnen, beobachtete sie. Ein Mann, dem der Wahn im Leibe sass, er sei der Messias, begann plötzlich seine ewige Predigt. Zwei Wärter nahmen ihn in die Arme und zogen ihn hinaus. Vor der Türe begann er zu toben. Schrie und drohte. Der Lärm war auch im Saale zu hören, und obwohl der Klavierspieler stärker anschlug, blieben die Paare alle stehen. Nichts weiter geschah, als dass sie aufmerksam hinaushörten. Um neun Uhr wurden belegte Brote von Wärtern herumgereicht. Die Männer waren galant und Hessen die Frauen zuerst nehmen. Als einer gierig und kindisch nach dem Essen schnappte, wiesen ihn die anderen erregt zurück. Schon sprachen sie alle miteinander, und nichts im Ausdruck dieser Menschen hätte den grausamen Ort des Festes ahnen lassen können, nur die trüben und die fiebernden Augen. Die Augen freilich waren irr. Aber einer war da, den hatte die Musik aufgerisen. Er tanzte mit einer kleinen Frau, die ihm unausgesetzt ins Gesicht lächelte. Da blieb er stehen, presste die Frau an sich und küsste sie. Ein scheuer und doch greifender Kuss war es. Die beiden hielten sich umfasst, hielten die Augen geschlossen. Die anderen hörten mit Tanzen auf. Einer nach dem anderen schlich zu dem Paar, stellte sich hin und starrte. In diesem Starren lag Verzweiflung und Sehnsucht und Staunen. Niemand sprach mehr. Fast genau in der Mitte des Saales stand, das Paar, unlösbar aneinander gepresst, von den anderen umgeben wie von scheuem Wild, das im Winter bis dicht an die warme Wohnung der Menschen rückt, aber sich dann doch nicht ins Haus wagt. Eine grosse Stille lag auf allem, grösser noch und unterstrichen durch das freche Klimpern des verlegenen Klaviers. Gleich darauf brach der Arzt das Fest ab. Als sie hinausgeführt wurden, in ihre Kammern, gingen die Irren ruhig und ohne Sträuben mit den Wärtern. Die Köpfe waren gesenkt, die weichen Pantoffeln schlichen über den Boden, und das klang wie eine Klage. Auch das Paar Hess sich ruhig voneinander lösen. Nur als die Frau bei der Türe war, schrie sie kurz auf. die schwingend vorwärts hieb. Ein Tisch mit einer Kupfera^lale, auf der ein metallener Weihrauchkessel stand, fiel krachend um. Durch die Wucht seines Ansturms verlor Cradock beinahe das Gleichgewicht, und als er wieder auf festen Füssen stand, hatte sich Hussein Techts von ihm wie ein geübter Boxer aufgepflanzt. Hussein zielte nach Cradock, aber der wich geschickt zur Seite und versetzte dem Gegner einen spitzen Stoss in die Rippen. Der Prinz fingierte mit der Rechten einen Scheinangriff und seine Linke streifte den sich rechtsseitig duckenden Cradock an der Schläfe. Aber aus seiner Deckung heraus stiess der Engländer die Linke wuchtig in die Höhe; Hussein strauchelte mit vorquellenden Augen und seine Hände griffen ins Leere. Ehe,er sich wieder aufgerichtet hatte, fuhr ihm Cradocks Rechte mit ganzer Kraft ins verzerrte Gesicht. Hussein sank in die Knie und brach wie ein gefällter Baum zusammen. Doch schon drohte neue Gefahr: In der Tür am Ende des Zimmers tauchte Makhmud auf, des Prinzen riesenhafter Leibmameluck, einen Revolver schussbereit in der Hand. Hinter ihm gewahrte man den welssen Turban eines andern weissen Dieners. Makhmud blieb sekundenlang in der Schwelle stehen, um die Situation zu erfassen: Sein Herr lag hingestreckt am Boden, mit dem Gesicht Harlemer Neger-Nach tlied. Komm, Lass' uns die Nacht durchschwärmen Mit Gesang. Ich liebe dich. Harlems Dächer Glühn im Mondenschein. Oh, wie ist der Himmel blau. Tropft nicht golden Von den Sternen Tau? Jazzband spielt Im Kabarett. Ich liebe dich. Komm, Lass' uns die Nacht durchschwärmen Mit Gesang. Langston Hughes (Aus « Afrika singt », herausgegeben von Anna Nußbaum, F. G. Speidelsche Verlagsbuchhandlung, Wien und Leipzig.) Wie man den U-Booten beikommen wollte. Dressierte Seelöwen als Wasserdetektive. Eine geradezu phantastische Methode zur Bekämpfung der deutschen Unterseebootsgefahr während des Weltkrieges — die Dressur von Seelöwen zur Jagd auf U-Boote'— wird jetzt nach einer Meldung der «Prager Presse» durch Veröffentlichung aus den Akten des englischen Marinearchivs bekannt. So unglaubhaft es klingt, es gab während des Krieges eine eigene Marine-Dressurschule für Seelöwen auf dem Bala-See in Wales. Als im Jahre 1917 die deutschen Unterseeboote England völlig von der Aussenwelt abzuschliessen drohten, kam ein findiger Ma- nach unten, neben dem umgeworfenen Tisch. Cradock neigte sich mit geballten Fäusten über ihn, und im Hintergrund verharrte Joan unbeweglich wie eine Marmorstatue. «Bücken!» schrie Cradock. Joan sah, wie er sich niederkauerte, und tat unwillkürlich das gleiche, als sich mit hallendem Knall der Revolver entlud. Aber die Entfernung war zu gross und das Licht zu spärlich. Ehe der Schütze ein zweitesmal abdrücken konnte, stürmte Cradock, der blitzschnell etwas vom Boden aufgelesen hatte, mit zwei langen Sätzen vor, und ein glitzernder Gegenstand sauste durch das Zimmer. Er traf den überraschten Neger scharf an der Kopfseite. Im Nu war Cradock bei dem Taumelnden und packte ihn an den Armen. Der Weihrauchkessel, den der Engländer geistesgegenwärtig als Wurfgeschoss benutzt hatte, riss an Makhmuds Schläfe eine klaffende Wunde. Heiss rann das Blut über Cr?docks Hände, während er mit dem Schwarzen rang, der sich ächzend in seiner Umklammerung krümmte. Eine weisse Gestalt warf sich auf Cradock, als er den Mamelucken wie eine Puppe in die Höhe hob und mit dem Schädel auf den massiven Türbalken schleuderte. Man sah, wie Makhmuds Körper sich in kurzen Zuckungen wand und dann zur Reglosigkeit erschlaffte.' (Fortsetzunjf folgt.)