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E_1933_Zeitung_Nr.011

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1933 - N° 11 Dass ein Wagen noch einwandfrei läuft, stellt keinen Beweis dafür dar, dass auch wirklich alles in Ordnung ist.. Manche Wagen laufen auch dann noch einwandfrei, wenn sie sozusagen kein einziges gesundes Organ mehr in sich haben. Kommt es dann aber einmal zum Zusammenbruch, dann ist es mit der ganzen Herrlichkeit zu Ende. An allen Ecken und Enden werden dann plötzlich Reparaturen" notwendig, und die Gesamt-Ins'tandstellung kostet nicht selten fast gleich viel wie die Anschaffung eines neuen Wagens. Bei der Inspektion gehe man nicht einfach gedankenlos nach einem Schema vor. Es nützt nichts, den Oelstand im Getriebe alle 2000 km vorschriftsgemäss zu kontrollieren, wenn man unterdessen übersieht, dass sich die Ablass-Schraube unten im Getriebekasten gelöst hat. Die genaueste Einstellung der Bremsen ist überflüssig, wenn man nicht bemerkt, dass bei der nächsten Gelegenheit ein schon halb durchgeriebenes Bremskabel reissen wird. Wer sich nicht in die Funktion der einzelnen Organe hineinzudenken vermag, überlasse deshalb die Pflege des Wagens jemand anderem. Er wird so sicherer und billiger fahren. -thy- T«-»dh fp ^dh Frage 8559. Wirkungsweise eines Scheibenwischers. Woher kommt es, dass Scheibenwischer, die au den Motor angeschlossen sind, oft ganz unlegelmässig schnell laufen? Mein Vakuum-Scheibenwischer arbeitet gerade dann sehr rasch und gut, wenn 1 es am wenigsten notwendig ist, nämlich beim Langsamfahren oder wenn ich überhaupt kein Gas gebe. An Steigungen und beim Schnellfahren bleibt er aber fast stehen. G. K. in D. Antwort: Die Arbeitsweise eines Unterdruck- Scheibenwischers hängt von dem im Ansaugrohr des Motors herrschenden Unterdruck ab. Dieser ist aber ganz verschieden hoch, je nachdem die Drosselklappe steht. Bei ganz geöffneter Drosselklappe und doch noch langsam arbeitendem Motor, also beispielsweise beim Befahren einer starken Steigung, ist er am geringsten, weil die Drosselklappe nicht hemmend auf die Luft einwirkt, und weil die vom Motor angesaugten Gasmengen verhältnismässig klein sind. Schliessen. Sie aber umgekehrt- die Drosselklappe fast vollkommen ab, so dass der Motor nur noch mit dem Leerlaufgas langsam läuft, so steigt der Unterdruck auf ein Maximum, da ja von aüssen her fast keine Luft mehr nachströmen kann, der Motor aber gleichmässig weitersaugt. Nicht nur die Unterdruck-Scheibenwischer, auch alle andern mit Unterdruck arbeitenden, an die Ansaugleitung angeschlossenen Apparate, z. B. die Unterdruck-Servobremsen, sind diesen Schwankungen in der Wirkungsweise unterworfen. Bei den Unterdruck-Servobremsen kommt aber der Unterschied weniger zur Geltung, weil man ja immer nur bei geschlossener Drosselklappe, also maximalem Ansaugrohr-Unterdruck, bremsen wird. Damit der für den Scheibenreinigerbetneb notwendige Unterdruck gleichmässiger würde, wäre nur notwendig, die- Leitung des Wischers nicht direkt an das'Ansaugrohr anzuschliessen, sondern an* einer in dieses eingebauten Düse. Auch bei raschlaufendem Motor und ganz geöffneter Klappe entstände dann in dieser Düse, einem sog. Venturi-Rohr, ein hoher Unterdruck, weil bei einer solchen Anordnung dann die hohe Gasgeschwindigkeit eine Saugwirkung auf die Düsenmüdung ausüben würde. Tatsächlich hat man. solche Anordnungen auch schon versucht. Dass sie nicht allgemeinen Eingang gefunden haben, lässt aber darauf schliessen, dass für die meisten Ansprüche der einfache, direkte Anschluss auch noch genügt. at. Frage 8560. Magnet- und Batteriezündung. Ist es möglich, bei einem Wagen mit Magnetzündung nachträglich als «weites Zündeystem noch Batteriezündung einzubauen, und zwar so, dass die Batteriezündung mit dem gleichen Unterbrecher und Verteiler arbeitet, wie die Magnetzündung? Die beiden Zündsysteme brauchten natürlich - nie gleichzeitig in Funktion zu sein. •. M. W. in G. Antwort". Eine derartige Kombination ist ohne weiteres möglich. In der beistehenden Skizze ist das Schema, das ihr zugrundegelegt werden mÜEßte, veranschaulicht. Wie Sie sehen, kommen als neue Organe nur ein Schalter G und die Spule S hinzu. Der Schalter hat zwei konzentrische Kontaktbahnen, deren innere (B. T.) die Niederspannung und deren äussere die Hochspannung führt (H. T.). Die innere Kontaktbahn ist zudem in drei Teile unterteilt, von denen jeweils je zwei durch den Kontaktarm miteinander verbunden werden können. Steht der Kontaktarm so, wie er in der Skizze eingezeichnet ist, eo verbindet er das nicht geerdete Ende der . Magnet-Primärwicklung mit der isoliert aufgebauten Kontaktschraube des Un- Frage 8563. Funkeninduktor. Ich •will mir einen terbrechers R Bei nach links umgelegtem Kon-, Funkeninduktqr bauen mit 10—15 cm Funkenstrecke. Würden Sie mich nun orientieren über taktarm dagegen wäre die Primärwicklung der Spule mit dem Unterbrecher verbunden. Die Sekundärwicklungen, sowohl des''Magneten wie der. wie über deren Drahtdicke. Der Induktor sollte an Windungszahl der Primär- und Sekundärspule, so- Spule, liegen an der gemeinsamen Kontaktbahn H. T. und haben -durch diese mit dem Verteiler D Verbindung. at. Fragt 8561. Quietschende Metallräder. Woher kommt es, dass -die Räder meines Wagens manch* mal quietschen und knarren, trotzdem sie aus Metall sin,d und deshalb...nicht einfach Schwing-« erscheinüngen aufweisen können wie HolzräSer? Die Geräusche treten dann immer regelmäßig im Rhythmus der Radumdrehungen auf. R. Z. in F. Antwort: Wenn Metallräder quietschen, so kommen dafür hauptsächlich zwei ;Ursachen in Frage: Entweder ist das Rad auf seiner Nabe nicht ganz fest aufgezogen oder die abnehmbare Felge sitzt nicht genügend fest. Im ersten Fall darf man sich nicht täuschen lassen, wenn bei der Prüfung die Befestigungsmuttern anscheinend ganz angezogen sind. Der Widerstand, den sie einem weiteren Anziehen entgegensetzen, rührt oft nur von Rost oder Schmutz her, die sich im Gewinde festgesetzt haben. Man nehme also bei einem solchen verdächtigen Quietschen das Rad ganz von der Nabe, reinige diese und die Gewinde (Sorgfältig mit Petrol und einer Mischung von Graphit und Konsißtenzfett ein und versuche erst dann das Rad stramm anzuziehen. Bei abnehmbaren Felgen ist dagegen die nachträgliche Anwendung von Rostschutzmitteln meist nicht notwendig, da die Metalle schon von der Fabrik aus einen rostsicheren Zündüberzug erhalten haben sollen. at. Frage 8562. LSrmende Stossdampfer. Die Stossdämpfer an meinem Wagen machen immer Lärm, wenn sie sich zu bewegen haben (Marke Gabriel Schnubbers), trotzdem ich den Deckel schon öfters abgenommen und den Raum, in dem die Feder ist, mit Fett aufgefüllt habe. Ebenso habe ich bei abgenommenem Deckel eine Mischung von Petrol und Oel mit Hochdruck hineinspritzen lassen unter gleichzeitiger Betätigung der Feder, d. h. die Karosserie wurde hin und her bewegt, so dass das Band am Stossdampfer laufen musete, aber alles blieb ohne Erfolg. Wenn der Wagen eine Zeitlang gestanden ist, so ist der gleiche Lärm wieder vernehmbar. Die Bänder laufen sowieso ganz schlecht. Wenn ich z. B. in den Wagen einsteige, so merkt man kaum, dass der Wagen überhaupt Federn hat. Das kommt meiner Ansicht nach daher, dass die Stossdampfer gar nicht nachgeben. Was ist nun da zu tun? A. G. in A. Antwort: Wir vermuten, dass der Lärm nicht in den Stossdämpfern selbst entsteht, sondern von einer ungenügenden Befestigung der Stossdampfer am Chassisrahmen herrührt. Das Auftreten von Klappergeräuschen ist bei nicht ganz zuverlässig befestigten Stossdämpfern eine bekannte Erscheinung. Prüfen Sie also VOT allem sämtliche Befestigungsbolzen auf ihren festen Sitz nach. Durch Bandstossdämpfer wie die von Ihnen angegebenen kann die Federung eines Wagens nicht wesentlich härter werden. Wenn die Federung IhTes Wagens wirklich anormal hart ist, so liegen deshalb andere Gründe vor. Vielleicht sind die Federn stark verroßtet? at. das Lichtnetz von 225 Volt Wechselstrom angeschlossen werden. Da ein Funkeninduktor ja fast dasselbe ist, wie das Relais einer Batteriezündung, so glaube ich, dass Sie mir in dieser Sache Auskunft geben können. W. M. in H. Antwort: Infolge der vorkommenden hohen Spannungen ist der Bau eines solchen Funkeninduktors bedeutend komplizierter als der von Induktionsspulen, wie sie bei Batteriezündungen von Automotoren angewandt werden. Um Ueberschläge im Innern der Sekundärwicklung zu vermeiden, muss diese in einzelne flache Spulen unterteilt werden. Diese einzelnen Spulen, von denen jede Wicklungslage von der benachbarten Lage durch paraffiniertes Papier isoliert ist, werden nebeneinander über der Primärwicklung aufgereiht und hintereinander geschaltet. Je grösser die Zahl der Einzelspulen ist, je schmaler also auch die einzelnen Spulen ausgeführt werden und je grösser der Abstand zwischen den einzelnen Spulen gewählt. wird, um so geringer ist bei sonst gleichen Isolationsverhältnissen die Gefahr von Ueberschlägen. Der ganze Spulenkomplex wird schliesslich in Paraffin, Kolophonium oder einem anderen geeigneten Isolationsmaterial gekocht. Durch das Auskochen sollen alle Luftblasen aus den Spulen herausgetrieben werden, und das Isolationsmaterial soll schliesslich beim Erstarren die Spulen auch fest gegeneinander abstützen. Die Windungszahl, die zum Erreichen einer ba* stimmten Sekundärspannung notwendig ist, lässt sich nur durch Erfahrung bestimmen, da sie in starkem Masse von der allgemeinen Bauart des Induktors abhängt. Schätzungsweise dürften in Ihrem Fall insgesamt etwa 20,000 bis 30,000 Windungen erforderlich sein. Wenn Sie nicht über Erfahrung verfügen und, einen Misserfolg vermeiden möchten, raten wir Ihnen vom Selbstbau eines solchen Induktors eher ab. Auf alle Fälle empfehlen wir Ihnen, sich vorher mit einem Spezialisten in Verbindung zu setzen« s P '«©«§•* Anfrage 240. Art. 41 und 49 des neuen Verkehrsgesetzes. Nach dem neuen Bundesgesetz be-^ stimmt Art. 41: Art und Umfang des Schadenersatzes bestimmen eich nach den Grundsätzen des Obligationenrechtes über unerlaubte Handlungen usw., während Art. 49 über den unmittelbaren Anspruch eines Geschädigten sagt: Aus der für Motorfahrzeuge abgeschlossenen Haftpflichtversicherung steht dem Geschädigten im Rahmen der vertraglichen Versicherungssumme ein, Forderungsrecht unmittelbar gegen den Versicherer zu usw. Hat nun ein Geschädigter im Falle eines aossergewöhnlich hohen Einkommens das Recht, ausr ser dem Rahmen der vertraglichen Vorsicherung noch auf das Privatvermögen des Autohalters zu greifen, bzw. könnte, im Falle der Halter mit minimal Fr. 50.000.— versichert hat, eine höhere For- 1 derung durch das Gericht gutgeheissen werden? K.> A n t w o T t: Art. 41, Alinea 1, des neuen Auto^ mobilgesetzes stellt die Bestimmung auf, dass Art und Umfang des Schadenersatzes sich nach den Grundsätzen des Obligationenrechtes über unerlaubte Handlungen bestimmen. Damit wird gesagt; dass in der Bestimmung und Bedeutung des Ersatzes der Richter die Grundsätze des Obligationenrechtes anzuwenden hat, d. h. der Schadenersatz kann je noch den Umständen anstatt in Geld auch in Naturalrestitution bestehen etc. Art. 49 begrenzt, das direkte KlageTecht der Versicherungsgesellschaft gegenüber auf den Betrag der Versicherungssumme. Wenn also eine höhere Schadensersatzsumme in Betracht fällt, so haftet die Versicherungsgesellschaft nur bis zur Höhe der Versicherungssumme. Für den Rost haf-f tet deT Halter persönlich. *: KELLENBERGER Wo. 26 B HYD&AULTO Der Stabe* Fahrtrichtungsanzeiger (Schweizerfabrikat) gewährleistet Ihnen höchst zuverlässiges Funktionieren, entspricht genau den Vorschriften des neuen Eidg. Automobilgesetzes. Licht: Orange. Stets völlig zuklappender Signalarm. Durch sein elegantes Aeusseres eine Zierde für jeden Wagen. W. STAHEL, Fabrik elektrischer Apparate, BADEN Neue Zylinder-Bohr- und Honing-Maschine zum Ausbohren und Honen von Motorzylindern jeder Art, wie von Automobilmotoren, Rohölmotoren, Gasmotoren, Von Kompressoren- und Pumpenzylindern usw. L. KELLENBERGER & Co. - ST. GALLEN Werkzeugmaschinenfabriken „VULKAN"- RIPPENROHR- OFEN kann unter den Wagen gestellt oder an die Wand gehängt werden. Ist handlich und gefäll'g, senr sparsam im Strom-Verbrauch und ersetzt " die teure Garage Heizung. 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Bern, Dienstag, 7. Februar 1933 IILBlattder „Automobil-Revae" No. 11 Der ukrainische Liebesbrief Ecke des guten Beispiels 99 Sie war ein ukrainisches Dienstmädchen von 28 Jahren, hiess Marynia, hatte eine schöne, schlanke Gestalt, ein blasses, sommersprossiges Gesicht, eine spitze Nase, fahlblondes Haar, graue Augen, die an den Rändern leicht gerötet waren, und ein heisses Herz. Dieses gehörte dem Forstarbeiter Antek. Jeden Abend kam er zum nahegelegenen Teich, und dann verschwand Marynia für eine Stunde oder so, und wenn sie zurückkam, hatte sie etwas mehr Farbe als sonst, und alle Leute im Hause blickten sie scheel an. Der Hass nämlich ist in der Welt sehr beliebt, aber gegen die Liebe sind alle Menschen eingenommen. Insbesondere gilt für eine Hausgehilfin Liebe als Luxus, noch schlimmer als Seidenstrümpfe, denn es ist in anständigen Familien ein Axiom, dass es sich schickt, wenn die Köchin keinen Magen und das Stubenmädchen kein Herz hat. Marynia hatte ein Herz, was alle Hausgenossen von verschiedenen Gesichtspunkten aus übelnahmen. Nur eine sympathisierende Seele gab es: die neunjährige Tochter. Erstens hatte sie heimlich das «Käthchen von Heilbronn» und die «Jungfrau ron Orleans» gelesen und ausserdem noch cDer Schatz in der Himmelpfortgasse», einen Roman, den die Köchin in Lieferungen bezog. Zweitens liebte sie selbst mit aller Inbrunst Georg von der Sturmfeder, den Helden von Hauffs Lichtenstein. Aber obgleich sie ihre eigenen Gefühle hoch einschätzte, empfand sie doch, dass Marynias Liebe aus Seelentiefen kam, die ihr noch verschlossen waren. Ueberd,ies war sie mit Marynia eng befreundet. Mit Antek als Liebesobjekt war sie nicht einverstanden. Es war entschieden ein Missgriff. Wenn sie gewusst hätte, dass es das gibt, hätte sie sogar von Mesalliance gesprochen. Denn Antek war um einen halben Kopf kleiner als Marynia und nicht besonders gewachsen. Auch war er nur mit einem blauen Auge davongekommen, denn sein zweites war missfarben und schaute mit Vorliebe nach einwärts. Auf keinen Fall konnte er es mit Georg von der Sturmfeder aufnehmen. Aber der Ge- •chmack der Menschen war eben verschieden. Wenn man es recht überlegte, war ja Wetter vom Strahl auch ein altes, eingebildetes Ekel und Lyonel ein Zieraffe und wurden doch von Käthchen und Johanna «o sehr geliebt. Also durfte Marynia Antek auch lieben. Er hatte eben Glück. Aus allen diesen Erwägungen war das kleine Mädchen stillschweigend die Protektorin dieser Liebe, und wenn die Mutter fragte, wo Marynia sei, so wusste sie eine Menge anderer Orte zu nennen, nur der Teich fiel Ihr nie ein. Von Dr. Eugenie Schwarzwald. Eines Sommers aber fand sie nicht die Zeit, sich um die Umwelt zu kümmern. Ein eigenes grosses Erlebnis hinderte sie daran. Sie hatte im Juli zum Geburtstag den «Robinson» geschenkt bekommen. Nicht so eine dumme Kinderbearbeitung, sondern den richtigen Original-Robinson. Kaum hatte sie ihn fertig gelesen, nahm sie tagsüber Quartier in einer vom Hause fernabgelegenen Laube, um dort Robinsons Leben in Wirklichkeit umzusetzen. Vor allem handelte es sich darum, Glas zu machen, bei welcher Beschäftigung sie sich von Zeit zu Zeit mit einem Biss in eine Zitrone stärkte, die sie in der Küche gestohlen hatte. Zitrone war gut gegen Fieber, und wenn sie auch keines hatte, schaden konnte es auf keinen Fall: was Robinson» tat, nachzumachen, war ehrenvoll. Es fiel ihr nicht auf, dass sie trotz ungeheuren Salzverbrauches mit der Glasfabrikation nicht recht weiterkam und war nicht, einmal darüber enttäuscht, dass es ihr noch kein einziges Mal gelungen war, durch Aneinanderreihen von trokkenen Hölzern Feuer zu erzeugen. Versunken in die Robinsonade hatte sie also nicht einmal so viel Zeit, um Marynias Liebesgeschichte zu verfolgen. An einem heissen Augustnachmittag aber hörte sie von ihrer Laube aus heftiges Schluchzen. Sie trat heraus. Im Gras vor der Laube lag- Marynia wie abgemäht. «Was hast du?» fragte das Kind erschrocken. «Antek, Antek!» — «Ist er tot?» — «Nein, wegen Kasia, gestern abend ist er nicht gekommen ... er war mit ihr tanzen... oh, ich geh' ins Wasser!» — «Tu' das nicht», sagte das Kind ernst, «der Teich ist furchtbar schmutzig, und vielleicht liebt er diese Kasia gar nicht. Sie ist ja so diek. Wegen einem mal kannst du doch nicht so eine Geschichte machen. Weisst du was? Schreib' ihm einen Brief.» — «Ach Gott, wie du dir das vorstellst», sagte Marynia, «ich kann doch gar nicht schreiben. Das ist nur für Stadtleute.» — «Nein», sagte das Kind, «wenn man was aufschreibt, so kann es jeder lesen und dann wird alles wieder gut. Wenn du willst, ich schreibe ihm.» — Marynia hörte zu weinen auf. «Ja, das ist was anderes; du bist zwar klein, aber oho! Schreib' du nur.» Rasch wurde ein wunderschöner Briefbogen aus der Kassette der grossen Schwester geholt, und nun sass das Kind an dem weissgehobelten Tisch, der vor der Laube auf der Wiese stand. Ihr war furchtbar bang. Vor ihren Augen tanzten die gelben Malven und roten Glaskugeln des Bauerngartens, der aus der Ferne zu sehen war. Alles war schwer und gelb und rot. Entsetzlich genug, eigene Briefe zu schreiben, nun erst fremde! Das war eine Aufgabe! Um Weihnachten 1932 hemm hatte eine Wärmewelle anstatt den erhofften Schnee etwas Regen gebracht, so dass die an schattigeren Orten noch erhaltene weisse Decke sich in eine gefährliche Eisschicht verwandelte. Die Hauptdurchgangsstrassen waren aber fast ausnahmslos völlig schnee- und eisfrei, so dass in dieser Beziehung keine besondere Vorsicht am Platze schien. Ich fuhr daher sorglos (soweit ein aufmerksamer Fahrer sorglos sein kann) und bei mittlerer Geschwindigkeit, aus der Zentralschweiz kommend, gegen Winterthur. Unmittelbar ausserhalb Kemptthal deutete mir ein entgegenkommender Lastwagenführer durch Winkzeichen, ich solle das Tempo verlangsamen. Ich leistete der Aufforderung zwar sofort Folge, konnte mir aber nicht recht erklären, was die Veranlassung hierzu sein könnte. Nachdem ich etwa einen halben Kilometer gefahren war und noch nichts Ausserordentliches bemerkte, begann ich schon an ein Missverständnis oder gar an einen schlechten Scherz zu denken und war im Begriffe an Tempo etwas zuzulegen, da ich vorsichtshalber auf das Zeichen hin den zweiten Gang eingeschaltet hatte. In diesem Augenblick kreuzte ich noch einen jugendlichen Velofahrer, der mir in noch viel unmissverständlicherer Weise gleichfalls andeutete, dass grösste Vorsicht am Platze sei. Gespannt und mein Tempo auf maximal 10 km reduzierend fuhr ich weiter und kam, nachdem die Ortschaft und die bekannte Kurve hinter mir lagen, auf eine Strecke, die rechter Hand vom Bahngeleise, links von einem Waldrand eingesäumt ist. Dieses Teilstück liegt stark im Schatten und hier hatte nun der feine Regen Noch viel schwerer als das Dividieren mit Brüchen. Was sollte sie jetzt tun, damit ihr das Richtige einfiel? Vielleicht sollte man beten? Nein, das ging nicht. Sie hatte noch von der vorigen Woche her eine Differenz mit dem lieben Gott. Er hatte sie in einer wichtigen Sache im Stich gelassen. Diese Geschichte jetzt musste man eben selbst erledigen. Man hatte einfach jene Worte zu finden, die so zwingend waren, dass dieser Mensch zu Marynia zurückkehrte. Er war ja grauslich, und es musste ganz schrecklich sein, ihm einen Kuss zu geben. Aber Marynia wünschte sich ihn. Warum, konnte kein Mensch wissen. Was empfand Marynia überhaupt? Nun, wahrscheinlich das gleiche wie Johanna und Käthchen; man musste also schreiben, wie Erfreuliche Solidarität auf der Strasse. den dort noch liegenden Schnee in ein ausserst gefährliches Parkett verwandelt. Trotz der stark verlangsamten Fahrt begann mein Wagen unsicher zu werden und gehorchte nur mit Mühe der Führung. Beidseitig der Strosse standen oder lagen vielmehr verschiedene Autos in mehr oder weniger havariertem Zustande, die den sicheren Halt auf der Strassenoberfläche verloren hatten und deren Lage durch brüskes Bremsen des Fahrers vielleicht noch verschlimmert worden war. Kurzum: unmittelbar vor mir ein ordentlicher Wagensalat, zwischen dem ich mein Fahrzeug unversehrt hindurchlotsen konnte. Die Strasse war dort derart vereist, dass selbst eine Geschwindigkeit von 20—25 km gereicht hätte, um ebenfalls im Graben zu landen oder doch mit den bereits beschädigten Fahrzeugen zusammenzustossen. Die kollegiale Warnung durch Lastwagenchauffeur und Velofahrer haben mich vor diesem unerfreulichen Zwischenfall bewahrt, der am so unangenehmer empfunden worden wäre, als jede Verzögerung mich verhindert hätte, im Kreise meiner Familie Weihnachten zu feiern. Von Winterthur her waren dann Sandwagen und Abschleppauto einer Garage unterwegs, an denen ich mit einem recht angenehmen Gefühl der Erleichterung vorbeifuhr, meinem Bestimmungsort entgegen. Den beiden aufmerksamen Strassenkollegen hätte ich gerne auf irgendeine Art und Weise meinen Dank bekundet. Gewiss geschieht dies am besten dadurch, dass ich mich immer ihres guten Beispieles erinnern werde, um zu versuchen, ihm nach bestem Können nachzueifern. Dr. B. sie alle drei geschrieben hätten. So, jetzt hatte sie es. Jetzt konnte sie plötzlich, als ob man einen Zapfen aus der Tonne gezogen hätte. Das heisst, zuerst musste sie noch den grossen Tintenklex auflecken, der ihr, als sie energisch und tief ins Tintenfass tauchte, auf das prachtvolle hell-lila Papier gefallen war. Aber dann ging es wie Sturmwind, jeden Strich mit der herausgestreckten Zungenspitze begleitend: «Lieber Antek! Ich grüsse Dich viele tausend Male und teile Dir ergebenst mit, dass mein Herz sich verblutet, weil Du mich wegwerfen konntest für eine gewisse Kasia. Wegen dieser Kasia muss ich fort von dieser Welt ins kalte, unbarmherzige Wasser. Oh, mein hoher Herr, Du duldest ja die Nachtigall im Hag, warum duldest Du nicht die Liebe Deiner Marynia? Nie früher habe ich eines Mannes Bild in meinem reinen Busen getragen, und jetzt, und jetzt! Hast Du denn gar kein Mitleid mit Deiner bis Kaffee Hag trinken heiftt: etwas für die Gesundheit tun« — Und wer wollte das nicht 1 F E U I L L E T O N Herrn Colllns Abenteuer Roman von Frank Heller. (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) Gestern morgen schien er sich etwas besser zu fühlen. Der Neffe kam nach dem Lunch auf Deck, ganz strahlend, und erzählte, dass die Nacht gut gewesen war (ich weiss einen, für den die Nacht nicht gut war!), dass der Alte mit Appetit gegessen hatte, und behauptete, deutlich zu fühlen, wie' die Luft schon auf ihn zu wirken anfing. Ich muss nicht erst sagen, dass die Freude darüber gross war, namentlich unter den Damen. Am Nachmittag gab es eine allgemeine Wallfahrt hinunter ins Krankenzimmer — natürlich nur auf ein Viertelstiindchen oder so, und der Alte wurde mehr verhätschelt, als selbst für einen so engelguten Mann wie ihn zuträglich sein kann. Der Neffe leuchtete zur Zufriedenheit, und wer nicht weniger strahlte, war Kapitän Selby. Er stand da und sah den alten Geistlichen unverwandt an, als wäre er sein Vater, und sagte einmal ums andere: «Wenn ich nach Malta komme, dann suche ich Sie auf, Herr Pastor! Ganz bestimmt, und dann bringe ich Ihnen ein paar kleine Heiden aus Indien mit, die können Sie taufen !> «Tun Sie das, tun Sie das!» sagte der Alte und lächelte, ohne im geringsten böse zu werden. «Tun Sie das, Kapitän Selby. Sie sind immer willkommen.» «Und ich?» erklang es sofort im Chor von den Damen. «Und ihr? Meine lieben Kinder! Natürlich, alle, alle seid ihr willkommen!» Dann wendete er sich an mich. «Und Sie, werden Sie auch manchmal an Ihren armen alten Freund, den Pastor aus Malta denken? Und an unsere Schachpartien?» Ich beeilte mich, es ihm zu versichern. «Das ist nett von Ihnen,» sagte er mit seiner liebenswürdigsten Stimme und lachte. «Denn Sie wissen ja, ich habe Sie immer schachmatt gemacht!» Heute, als die Insel in Sicht kam (gleich nach dem Lunch), kam er sogar auf Deck. Die Sonne schien ja noch, und er war sehr warm eingehüllt. Aber sowie wir angelegt hatten, begann es kühler zu werden (nach zwanzig Minuten fing es an zu regnen) und der Neffe brachte den Alten in einem TragsesseJ ans Land. Vorher nahmen natürlich alle von ihm Abschied, Kapitän Selby zu allerletzt, und der Kapitän sagte: «Nun, nehmen Sie also Ihren Grabstein mit, Pastor?» «Meinen Grabstein? Natürlich, Kapitän Selby!» «Aber Sie fühlen sich doch besser?» «Ach, Kapitän, wer weiss heute, was morgen geschehen kann! Sie sehen ja, die Luft ist schon schlechter geworden, es regnet!» «Kommen Sie mit mir nach Alexandria, Pastor! Dort ist die Luft ausgezeichnet.» Der alte Geistliche lachte. «Diesmal nicht. Das nächste Mal, Kapitän.» Der Kapitän sah aus, als dächte er: dieses nächste Mal wird wohl nie kommen, und als wollte er es nicht zeigen. Er schüttelte dem Pastor stumm die Hand, dieser wurde in seinem Tragsessel fortgebracht, und man begann die Ausladung des Raumes, der mich so sehr interessiert hat. Es gelang mir, einen Platz zu finden, von wo ich zusehen konnte. Der Grabstein des Pastors — in einer mächtigen Kiste— wurde durch Kräne gehoben und auf den Kai placiert, und während man mit dieser Arbeit beschäftigt war, konnte ich durch die Luke auf dem Verdeck einen Blick in den Raum werfen. Es waren nicht mehr als vier oder fünf Kolli darin, und es konnte kein Zweifel bestehen, welches von ihnen das unsere war, wie G. sagt. Es stand in der einen Ecke, eine gewöhnliche braune Packkiste mit Querrippen und einigen Bleiplomben und Siegeln. Ich nahm eine Gehirnphotographie des Lastenraumes auf und ging meiner Wege, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Eine Stunde später verliessen wir bei strömendem Regen La Valette, dessen Hafen ganz leer war, bis auf einige Fischerboote und eine Jacht «Vorwärts» mit englischer Flagge. «Vorwärts» — das ist ein Wort, das jetzt meine Losung werden muss! G. wird es mir im Notfall in die Ohren tuten, — aber das wird nicht nötig sein. Vorwärts heute abend, ohne vorhergehenden Whisky! Vorwärts zu der braunen Packkiste im Kassenraum und ihrem goldenen Inhalt! Vorwärts, ohne sich um Hindernisse — oder, Gespenster! — zu kümmern! * Ein Himmel ohne Wolken, ein Meer wie Samt. Eine laue Vormittagsbrise, die auf dem Land in den dunkelgrünen Pinienhainen spielt und draussen auf dem Wasser an den Wimpeln und weissen Segeln der Jacht «Vorwärts» zerrt. Die Jacht «Vorwärts» verlässt bei einer leichten Vormittagsbrise den Hafen in Ajaccip auf Korsika. Auf iljrer kleinen Kommandobrücke steht ein gebräunter Seebär, der für ihren Kurs sorgt; und unten in der Kajüte sitzen drei Herren um eine Flasche Champagner und eine Nummer der «Daily Mail». Andere Zeitungen liegen um sie verstreut. Der eine der drei Herren — zwei von ihnen sehen einander übrigens ähnlich — sitzt stumm da, mit einem Lächeln um den Mund und blickt zum Kajütenfenster hinaus, während die beiden andern in eifrigen Ausrufen zu ihm sprechen. «Ach, Professor, Sie sind märchenhaft!» - «Aber ich bitte Sie, Graham!» «Hunderttausend Pfund, Professor, und der andere festgenommen! Nein, wirklich, wenn das...» «Lavertisse, Lavertisse! Der andre tut .mir wirklich leid. Ich glaube, es war ein ordentlicher Mensch, der nur auf Abwege gekommen ist. Homo homine lupus. Des einen Brot, des andern Tod. Und ich habe ihm doch eine Warnung zukommen lassen, unbewusst! Das geht doch aus dem Tagebuch hervor.» «Das Tagebuch, ja, das ist, by Jove, die erquickendste Lektüre, die ich seit langem gehabt habe. Diable, wie er erschrocken zu sein scheint, als er sich selbst aus dem Kassenraum treten sah.» «Armer Kerl, ja, Lavertisse, und Ihren Husten aus meinen Krankenzimmer hörte. Sie haben, auf Ehre, ausserordentlich gehustet.»