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E_1936_Zeitung_Nr.038

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12 Automobil-Revue

12 Automobil-Revue —• N*38 schaute nicht auf Eile, sondern stand gebannt und ohne zu mucksen. Diese starren Augen bereiten heute herzliches Ergötzen. Das Ergötzlichste, wenn der Photograph die Augen einer ganzen Konfirmation oder Rekrutenschule mit Tintentüpfelchen verdeutlichte. Auf uns Kinder haben solche Gesichter mit künstlichen Kirschenaugen die Wirkung nächtlicher «Toggelis» gehabt. Angsterfüllt blätterten wir im Albwn, bis Bruder oder Schwester rief, «heissl». Dann wussten wir, dass die Grosstante mit den gestielten Augen nahte. Wir hasteten zu dem übernächsten Blatt, konnten uns aber trotzdem nicht versagen, voll Grauen einen Blick auf die Grosstante zu werfen. Dann folgte etwa ein alter Herr in Gesellschaft karierter Engländer bei einer sagenhaften Bergbesteigung. Mütter und Tanten erinnerten sich zu unserer Kinderzeit an wenig aufregende Dinge, wenn sie eigene Photos hervorsuchten. Ein Bruder und Onkel aber durfte die Welt ansehen, durfte in Sumatra Löwen jagen, in Java Kokosmilch sammeln und mit korsettierten Balkanoffizieren die Karpathen erstürmen, natürlich nur als Sonntagsausflug, denn die Schweiz Ist neutral. Und all dies wurde photographiert. Ein junonisches Frauenideal gab es um 1890 und 190Q, dazu die Wespentaille. Freundschaftsschwüre blühten, sogar Schwestern hielten sich auf Photos innig umschlungen, und jedes Freundschaftsbild sah ein wenig nach Marlitt und Samtportieren aus. Die Photographie schreibt Kulturgeschichte. Wenn sie das tut, ist es nicht nur ein Fressen für Kulturhistoriker, sondern für jeden Humoristen, der die Welt nicht in zusammenhanglose Visagen zerfallen sieht. Wie man damals eine Handtasche trug, einen Fächer hielt, einen Fuss stellte, das ist aufschlussreich und bemerkenswert. Das ist alles nicht nur Privaterinnerung. Und mehr als einmal gelangen wir zur Erkenntnis, dass die menschlichen Schwächen ewig sind. Sie tarnen sich nur so oder anders. Vor fünfunddreissig Jahren sah ein Damenhut wie ein Fastnachtskuchen aus («verhabni Chüechli»), darauf war die Trägerin stolz und fühlte sich als Dame. Heute ist sie auf den Fox im Arme stolz. Damals waren die Herren der Schöpfung auf ihre Schnurrbarte stolz, und die heutigen sind es auf den Autokühler; man kann sich «so lässig» dranlehnen. Wem der Wagen gehört, sieht man ja auf der Photo nicht. Wir besitzen Bilder, die wir wie die eigenen Augäpfel hüten, und andere mag uns der Teufel stehlen. Das kommt davon, dass die Photo nicht nur ein Stück Papier mit einem Helgen drauf ist, sondern sie ist der Mensch, den sie darstellt, für uns wenigstens. Und wir wissen von allen Nebenumständen ihres Entstehens. Man sieht die Gewitterwolken, spürt noch den klatschenden Regen von damals, als man zu viert in eine Klubhütte einbrach. Und du weisst von den Tränen, die es kostete, als Mutter befahl« «Wollene Strümpfe ziehst du an,» und die WollsJrümpfe kratzten. Mit zerkratzter Haut solltest du zum Photographen gehen, Ist die Rasierklinge, wie sie sein sollt Blauband Rotband Grün band Fr. 3.— Fr. 2.25 Fr. 1.60 lOStk. Göschenen BAHNHOF BÜFFET Umladestelle für die Autos nach und von Airolo. Kalte und warme Speisen zu jeder Tageszeit. Auskunft über Fahr- und Transportverhältnisse. Tel. 2.11. (Nicht zu verweohseln mit Hotel Bahnhof.) Höfliche Empfehlung Steiger-Gurtner. Frohes Erwachen Ach, wo war ich in den Nächten? Und wie flog ich in den Träumen, Dass ich kaum mich wiederfinde Unter Veilchen, unter Bäumen? Als ein rechter Schnitter hab ich In den Garten mich begeben, Schaue nach den jungen Trieben, Und beschneide meine Reben. Froh in allen Adern regt sich Neues Blut und neue Blüte. Aus den alten Tiefen steigt es Und verzweigt sich im Gemüte. Blaue Blumen will ich säen, Will die roten Rosen binden. Ene Laube will ich flechten Für die Stare und die Finken. In die Ruhe will ich tauchen, Mit den kleinen Echsen spielen, Will den Regenbogen bauen, Will die liebe Sonne fühlen. auch noch mit einem Leibchen angetan, und das auf dem blossen Leib. Und du wolltest die Arme von dir Wegstrecken, aber das ging natürlich nicht vor dem Photographenkasten. Und der Photograph sagte: «Dieses Kind ist nicht zum Lachen zu bringen,» und wurde etwas nervös. Man erinnert sich auch, wie das Bild der fernöstlichen Cousine empfangen wurde, die nach Aussage sämtlicher Tanten hundertmal folgsamer, ver:, nünftiger und gescheiter war als.wir. Und uns, fiel nicht einmal ein, zu fragen: Habt Ihr sie schon gesehen? Denn wir waren leider nicht logisch, aber die Photo war beweiskräftig, und die Cousine lächelte uns mit ihrem Liebreiz an, dass wir uns wirk* lieh verkrochen. Tanten sollen trotzdem nie sagen, «das ist ein lieberes Kind als du». Besser, sie lachen über sich selbst, weil sie mit zwölf Jahren auf eine Tunika versessen waren. Und als die Tunika eintraf, musste sie photographiert sein und machte die Zwölfjährige dick. Tanten und Mütter dürfen auch über unsere «Entwicklungsniederschläge» lächeln und uns die bleibenden Zeugnisse von Eifersucht, Zorn und Trotz weisen. Ach ja, wir erinnern uns doch genau, dass dieser Strohhut der Schwester ein Band mit maschinengestickten Tennisraketts hatte, und in diesem Hut kam sie, die Schwester, neben unseren seltenen Hamburger Besuch zu sitzen, nicht wir. Der Bruder trägt seine Lavaliiere. Wenn die Mädchen eine tragen wollten, so war sie, wie so viele Dinge dieser Erde, wieder nur für «Söibuben» gemacht. So gibt es namentlich für Frauen eine Serie von Kleidererinnerungen, angefangen vom Hut aus St. Galler Spitzen bis zum Wagnerschen Samtbarett in einem überspannten Backfischstadium. Unsere, alte Lehrerin trägt ein Jabot aus Frivolites. Frivolife war eine schöne Sache, aber es gab zu viele Tanten auf Weihnacht. Dann die Lieb«. Natürlich sprechen wir hier nur von den Anfangsgründen dieser Lektion. Wenn die dreijährige Eva auf einer Freitreppe sass, kamen so viele Freier, als später ausblieben. Und da war ein elegantes Kerlchen dabei, und Eva hatte schon damals guten Geschmack. Aber spröd zeigte sie sich. Als der Photograph knipste und das Kerlchen Evi küssen wollte, schlug die den Kopf herum und machte «mmmau». Wie nach paar Jahren der Stadtknabe aufs Land kam und Krausein trug und einen ge-, stärkten Kragen, wurde er wieder mit Eva photographiert. Und nach dem Photographieren holte Hugo BglL der Stadtknabe sein Markenalbum, und Eva langweilte sich; aber sie renommierte, «ich habe eine Marke aus China». Und dann folgte die schreckliche Geschichte mit der Marke aus China, die der Stadtknabe durchaus sehen wollte. Ja, diese Photo mit ihm ist vor der Schmach entstanden. Und Frohlocken kam auch vor dem Fall. Und die Fest«. • • Auf dem lande ist's der Gemischte Chor, In der Stadt eine Gesellschaft von musikalisch Gesiebten, und beide lassen sich konterfeien; manch- ,mal auf den Trümmern Griechenlands, dann heisst es Hellasfahrt und gibt einen Eindruck von Hellas. — Als die Frau noch lang ins Haus gehörte, trat sie doch im Frauenchor auf und marschierte durchs Dorf, oder sie war «Die weisse Dame» auf der Liebhaberbühne und hängt heute lorbeergeschmückt in einem Vereinssaal. Als sie durchs Dorf zog, war die Strasse noch trocken, und die Sonne scheint auf dem Bild. Die Strasse konnte auch nass werden, und dann ging niemand hindurch, denn es war eine «Wassergrösse». Auch das wurde photographiert, weil der Mensch nun einmal Wassergrössen, Feuersbrünste und Bergstürze liebt. Der Mensch liebt Sensationen, wie er Musikkapellen und Kinderfeste lieb. Wir hören die Pauke noch im Trommelfell, wenn wir das Kinderfest auf dem Erinnerungsbild sehen. Es gab schönere Dinge als dies Instrument, man durfte sich kostümieren und tanzte. Später kam ein unvorteilhaftes Alter, für dich und mich, da waren wir zu dünn, zu dick, zu gross, zu klein, und weder Fisch noch Vogel. Und das Ganze wurde obendrein photographiert. Es sollte verboten sein, zu photographieren, wie der Bruder pflichtschuldig mit dir herumhopst und ein Gesicht schneidet, als ob er dich fressen will. Gott sei Dank sind viele andere Mädchen und Buben auf dem Bild. Einige vergisst man leichter, einige weniger leicht. Photographie: dl* fixiert« Erinnerung. Die meisten Photofreunde besitzen mehr Bilderinnerungen aus dem Erwachsenenalter, weniger aus Kinderjahren. Selten'Steht man auf Ferienbildern allein. Die Ferienphotographie hat ein geselliges Element. Rasch wird Neues vom Neuesten in den Hintergrund gedrängt. Dabei sind uns die Erinnerungen von 1930 vielleicht, lieber als die letztjährigen. Aber das Aktuelle hat die kräftigsten Ellbogen. Vergangenes dagegen verklärt sich. Gertrud Egger. Der Mai Emil Hügli Alle Poeten sind der Meinung, dass der Mai der schönste unter all den zwölf Monaten sei; und wenn es die Dichter gesagt haben and noch sagen, so wird doch am Ende auch etwas Wahres daran sein ... Was hat man nicht von jeher zu seinem Lobe zu singen und zu sagen gewusst! Und all das Schöne, Gute und Liebenswürdige, was man von ihm zu melden wusste, wurde zusammengefasst in der von Begeisterung zeugenden Titulatur: Wonnemond! Man stellt sich den Mai gerne als einen schönen Jüngling vor, welcher eine fast bruderhafte Aehnlichkeit mit einem andern schönen Knaben hat, der auf den Namen « Eros » hört. Gewiss sind die beiden irgendwie zusammen im Bunde. Denn wenn « Täler weit und Höhen » in frischem Grün prangen und sich vor unseren Blicken ein schier endloses Blütenmeer ausdehnt, da muss selbst auch einem etwas nüchternen Menschen das Herz aufgehen, so dass ihm, ehe er es denkt, auch schon das Gefühl der Liebe hineingeschlüpft ist: So arbeitet der Lenz der Liebe in die Hände. Aber auch der, den bereits eine schöne Liebe erfüllt — selbst wenn sie aus dem Winter herstammen sollte — wird den Monat Mai freudig begrüssen. Wenn nun das milde Mailüfterl über alle Wege Blüten streut; wenn es ist, «als hätte der Himmel die Erde leise geküsst», wenn sie aussieht wie eine Braut im Hochzeitskleide, dann erhält das Liebesgefühl gleichsam seine lenzliche Bestätigung und Beglaubigung; darum wird auch ein jeder, der noch ein fühlendes Herz im Busen trägt, gerne « im wunderschönen Monat Mai » das Lob des Lenzes singen. Und wenn man noch ein Tröpflein Studentenblut im Leibe hat, so geht man hin, pflückt sich den süss duftenden Waldmeister, braut einen Maitrank, lädt seine Freunde dazu ein, und dann wird eins gesungen « von Lenz und Liebe, von sel'ger gold'ner Zeit, von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit...» Es gibt Menschen, die sich am ersten Tage des Monats Mai ein rotes Bändchen ans Kleid heften, einen Umzug veranstalten und verkünden, dieser Tag sei dafür da, um für neue Menschheitsideale zu kämpfen usw. Der Mai verwundert sich über diese rote Einseitigkeit; ihm sind nämlich alle bunten Farben gleich lieb and wert, und wenn gar vonHCampf die Rede ist, überkommt ihn, den liebenswürdig Friedlichen, ein leiser Schauder. In der Tat: Der Mai ist keine Kämpfernatur wie seine Vorgänger März und April. Im Vertrauen auf deren Errungenschaften verzichtet er denn auch darauf, sich irgendwie zu bewaffnen. Dagegen sind alle Taschen seiner buntfarbigen Kleider voller Blumen und singlustiger Vögel. Gänzlich machtlos ist er gegenüber den schlechten oder rohen Launen des Wettergottes, der es in unbegreiflicher Weise hin und wieder schon zugelassen hat, dass der Winter von ferne noch einen Sack voller Schnee herüberwerfen durfte — mitten in die Pracht der blühenden Maienwelt. Und er vermag sich nicht zu wehren, sondern muss solche Rücksichtslosigkeiten vielmehr hinnehmen, der arme Mai. Dann mag es wohl vorkommen, dass er, von Verzweiflung ergriffen, sogar Selbstmordgedanken hegt, das Ufer eines einsamen Flusses aufsucht, sich dort ins nasse Gras wirft und in einemfort jammert: « Oh, nun ist alles, alles verdorben, alles verwüstet ». Aber wenn er sich dann voller Enttäuschung in den Fluss stürzen will, rauschen und lachen ihm die Wellen zu: < Sollst uns nicht lange klagen, Was alles dir wehe tut, Nur frisch, nur frisch gesungen, Und alles wird wieder gut. » Die Wellen kennen ja den Lauf der Welt Und der Mai pflegt denn auch ihrem erfahrenen Rate zu gehorchen, wie die Jugend es tun soll. Und so sagt er sich: « Gut denn, nun erst recht! » Und weil er danach handelt, ist er noch immer besser weggekommen, als man selbst in schlimmen Zeiten erwarten durfte. Wer frohgemut bleiben, Lieder singen und lieben will, der darf sich eben nicht aus seiner glücklichen Stimmung bringen lassen, ansonst er ja das Beste und Schönste verpassen würde. Das lehrt uns der Mai. Für Spannungen, durch erregende Zeitgeschehnisse hervorgerufen, suchen wir Ausgleich in stillen, tiefbeglückenden Freuden. Die Beschäftigung mit den tausend kleinen Wundern des Steingartens - gerade die Kleinheit der zauberhaften, täglich aufs neue überraschenden Pflanzen und Blüten bringt uns das grosse Erlebnis - spendet Hunderttausenden wahre Erholung und Kraft. Deshalb wohl ist der Steingarten jetzt „Mode" geworden. — Kürzlich erschien das längst erwartete Werk des genialen Gartengestalters und berühmten Pflanzenzüohters Karl Foerster: Der Steingarten ÄÄS 8 *"'* Mit etwa 150 ein- und mehrfarbigen Abbildungen — Kartoniert Fr. 7.25, in Leinen gebunden Fr. 9.40 Sieben Monate hindurch, also von den ersten Vorfrühlingstagen an bis fast zum Jahresende, kann uns ein blühender Steingarten erfreuen, wenn wir uns von Foerster beraten lassen. In übersichtlichen Listen hat er die Pflanzen nach Blütezeit und Blütedauer zusammengestellt. Ein erfahrener «ärtner, gibt er uns gleichzeitig wichtige lUtschläge ru ihrer Pflege, warnt vor Ordnungssunden, merkt an, welche Pflanzen Schatten lieben oder pralle Sonne wünschen, welche selbst wenig Pflege mit üppigem Gedeihen lohnen und welche ^Aufmerksamkeit mit doppelt langer Blutezeit danken. Und dann verrat er uns, welche Pflanzen einander benachbart werden müssen, wenn sie uns durch überraschende Farbeneffekte besonders begeistern sollen. Von jeder erfahren wir ihre Herkunft und staunend stellen wir plötzlich fest, dass wir die Flora der halben Welt in unseren kleinen Steingarten eingefangen haben. — Für Freunde des Steingartens ein unentbehrliches Werk. Aber auch an gartenlose Menschen wendet es sich, die nur ausruhend und geniessend in einem schönen Buch lesen und leben wollen, einem Glüoksbuch von morgen. Verlag der Gartenschonneit, Bern und Berlin.

Antom obfl-RevuA 13 Eine alte Frau fährt mit Lenkern von Kraftfahrzeugen sei geraten, Individuen gegenüber, die Autos anhalten und fragen, ob man mitfahren dürfe, an Hartherzigkeit grenzende Zurückhaltung zu üben. Denn nicht jede Trampfahrt läuft zum besten ab. Naja, eigentlich nehme ich ja sonst niemand mit. Aber diesmal? Stopp, ausgeschaltet und die Türe auf! Ein von der Last der Jahre gekrümmtes Frauchen setzte sich zu mir herein, legte die Hand in den Schoss und dankte, von der Ueberraschung noch ^verwirrt, mit einem Blick aus erfreuten, wässerigen Augen. Ich brachte den Wagen wieder in Gang, gab Gas und flitzte auf der schnurgeraden, geteerten und in der Sonne gleissenden Landstrasse mit siebzig Kilometern dahin. Der Wind blies-herein und zerrte an ihrem nach ungelüfteten Bauernstuben riechenden Gewand. Die Greisin lächelte hilflos und verloren: in ihren Runzeln kauerte und schon sind Ihre kühnsten Traume erfüllt! Was bedeutet der Lospreis von Fr. 20.- im Vergleich zu diesen reichen Treffern, wovon Sie ein mittlerer schon Ihr Lebensziel erreichen lässt? Entschliessen Sie sich • noch heute - solch' eine Chance kehrt vielleicht nie wieder, um so mehr, weil SEVA 3 den absolut günstigsten Trefferplan bietet. Auszahlung der Treffer ohne Steuerabzug auch an Gewinner ausserhalb des»Kts. Bern. Fritz heiraten!!! Von Otto Zinniker UNDtilH m Bravo! Jetzt wird mein „Hüsli" • aebaut! • •••• .'. .' der Kummer. Ich drosselte den Motor auf sechzig, auf fünfundfünfzig und lächelte ermunternd zurück. Jetzt sank sie aus ihrer bisher steifen, ein wenig verängstigten Haltung ins weiche Polster, gewann Vertrauen und Zuversicht. Die Geborgenheit öffnete ihr den Mund: « Nein aber auch! In meinem achtundsiebzigsten Jahr die erste Autofahrt! Nein aber auch!» Des zusammengeschrumpften Frauchens bemächtigte sich eine fast kindliche Begeisterung. Einen so dankbaren Fahrgast hatte ich vorher nie in meinem Wagen gehabt, — dankbar über das leicht federnde Dahingleiten, dankbar über den wolkenlos reinen Sommertag, dankbar über den Anblick der vorübergleitenden schönen Gegend, Nein, ich bereute nicht, der schüchtern erhobenen Hand gehorcht und den 8-Zylinder abgestellt zu haben. ZiehungsF 12ÖÖ0 ä DI E G AN Z 2O.OOO Öl «Na, wohin wollen Sie denn?» fand ich endlich an der Zeit zu fragen. « In die Stadt möchte ich. Zum Arzt. — Und Sie?» « Ich habe dasselbe Ziel. » 0, wie prächtig sich das schicke, meinte sie. Die Greisin war glücklich, sie neigte sich seitlich zu mir her und begann zu erzählen, Natürlich aus ihrem Leben, von dem, was ihr am nächsten lag. Alle alten Leute tun das. Vierzehn Kinder habe sie zur Welt gebracht; zwei seien allerdings kurz nach der Geburt gestorben, aber die zwölf übrigen, acht Söhne und vier Töchter, seien von ihr und ihrem Mann zu rechtschaffenen Menschen erzogen worden. Donnerschiessl was das für Kerle seien, ihre Buben. Alle Bauern, angesehene Bauern. Der eine, der Christen in Buren, habe es bis zum Gemeinderat gebracht. Und erst die Töchter! Alle verheiratet. Solch schaffige Frauen finde man landauf und -ab nicht mehr. Der Mann der jüngsten sei kürzlich zum Major befördert worden. Ob ich das nicht gelesen habe? Ob ich ihn nicht kenne? Ich musste gestehen, dass mir diese Ehre bis heute versagt geblieben sei. Sichtlich enttäuscht, schwieg die verhutzelte, abgerackerte Frau ein Weilchen still. Man hörte nur wieder* Potz tuusig! Jetzt mach ich einen eiaenen Laden auf! O wie fein! Jetzt kann ich mich ;:,: zur Ruhe setzen! ;.:•••'"'; Doch wenn Sie ganz sicher gehen wollen, mindestens einen Treffer zu gewinnen, dann nehmen Sie mit einigen Freunden oder Kollegen eine geschlossene Serie von 10 Losen. Eilen Sie zur Post, der Ziehungstermin rückt näher . . . raschen Schrittes, und die Lose werden vor dem 31. Juli ausverkauft seinl lLosFr.2O.-(einel0er-SerieFr.200.-) plus 40 Cts. für Porto auf Postcheck III10026 — Adr.: Seva-Lotterie Bern. (Bei Vorbestellung der Ziehungsliste 30 Cts. mehr.) .Auch in bernischen Banken erhältlich KUR Z FRISTIGE! das Summen des Motors, das sich mit dem Brausen des Windes zu einer kraftvoll-übermütigen Musik vermischte. Unversehens glitt der Geschwindigkeitszeiger wieder aufwärts, auf sechzig und fünfundsechzig. Dann legte sie von neuem los: Komisch, dass man so etwas nicht gelesen haben könne, da es doch in allen Zeitungen gestanden sei, beharrte sie. « Nein aber auch! Ein Mann für hundert! » Schliesslich kam sie wieder auf ihre eigene Person: Schwer hätte sie es in ihrem Leben gehabt, hart sei der Kampf ums Auskommen gewesen; einmal habe der Blitz sogar in ihr Anwesen geschlagen und Scheune samt Wohnhaus eingeäschert; aber sie wolle nicht klagen, immer sei das Glück mit ihr gewesen, über allem habe der Segen gewaltet. Jetzt in ihren alten Tagen möchte sie sich gerne auf ein Bänklein setzen und ausruhn. Es sei zuviel, mit achtundsiebzig Jahren noch den Haushalt einer kranken Tochter besorgen und wie früher werken zu müssen. Vielleicht wisse ihr der Doktor einen Rat, ein Asyl, wo sie den Rest der Tage verbringen dürfe. Ob denn keiner ihrer Söhne sich ihrer annehmen könne? « Oh, die brauchen sich nicht um mich zu kummern. Die haben in den heutigen Zeiten ohnedies Sorgen genug! » « Sie werden schon weiter Glück haben, * tröstete ich sie. « Ja, ja, Sie haben recht; mir ist es immer gut ergangen, immer habe ich Glück gehabt. Nun heute wieder diese Autofahrt! Nein aber auchl Wie heissen Sie eigentlich? » « Ach was, Sie kennen mich nicht? » fragte ich belustigt wie einer, der mindestens zehn Schlachten gewonnen und ein Volk vor dem Untergang gerettet hat, und kehrte dem Fahrgast spasseshalber das Antlitz zu. Der guten alten Frau, die neben mir im Polster sass, schien daraufhin wirklich, dass sie mich wohl schon einmal gesehen haben müsste. Sie schaute mich durchdringend mit ihren kleinen, ein wenig rot unterlaufenen Augen an, dachte nach, überschlug Erinnerungen; dann auf einmal kräuselte sie die Lippen und sprach mit Ehrfurcht: « Sind Sie nicht der Herr Bundesrat? Doch doch, Sie sind's, Sie waren in der Brattig abgebildet! » Ich wusste nicht, was ich antworten sollte; wusste nicht, ob ich lügen und das Abenteuer weitertreiben oder ob ich die Wahrheit sagen und ihr die Illusion zerstören sollte. Verwegen schwang der Lügner obenauf; mit ernster bündesrätlicher Miene nickte ich zweimal: « Jawohl, jawohl. » Mein Gott, wie schlug das ein! Das Frauchen sprang wie zwanzigjährig vom Sitze, packte mich in heller Verzückung am Arm, riss mir die eine Hand vom Steuer, triumphierte: « Werden die staunen im Dorf und mein Glück beneiden, — ich mit dem Bundesrat! Nein aber auch! Ist es wirklich und wahrhaftig wahr? Ich armes Frauchen im Auto mit dem Bundesrat! Schreiben Sie mir das auf, geben Sie mir die Adresse! » i « Gerne. Aber später, » lächelte ich zu ihr hin, wohl wissend, dass das undicht gewordene Gedächtnis sie im Stiche lassen würde. Wir hatten wieder Eiltempo, fünfundsiebzig Kilometer, achtzig sogar. < Sie merkte es nicht, sie sass mit verklärtem Runzelgesichtchen im Polster, während ihre Lippen sich unhörbar bewegten: « Die Leute im Dorf, — werden die horchen, werden die horchen, dass mir so Grosses widerfahren ist. » Kurz vor dem Einlenken in die,Stadt richtete sie sich wieder auf: , « Das war nun das Schönste in meinem Leben; ach, hätte ich das gedacht! Jetzt mag es getrost zu Ende gehen. » So eile es denn doch nicht, redete ich ihr zu. • Sie legte vertraulich die kleine welke Hand auf meinen bundesrätlichen Arm und sagte: «Wissen Sie, woher das kommt, all das Gute und all das Glück, das ich erleben durfte? Vom Trostbüchlein des Thomas a Kempis; Abend für Abend lese ich darin für jedes meiner Kinder ein Kapitelchen, und immer wandere ich beim Lesen in Gedanken von einem zum andern. Welch grosse Gnade ist in Thomas a Kempis!» Beim Bahnhof lud ich sie ab. Im Aussteigen wünschte sie mir und meiner Familie alle Segnungen des Himmels, suchte, als der Wagen schon wieder in Bewegung war, nach der Adresse des Bundesrates, die ich ihr nicht hatte aufschreiben dürfen, und verschwand dann in der Menge. Nutzanwendungen am Ende von Geschichten sind abgeschmackt und unmodern. Aber ich riskiere das Abgeschmackte, Unmoderne und setze doch eine hieher: Nehmen wir neunmal klugen, manchmal so mächtig auftrumpfenden Menschen, die bei jeder Unannehmlichkeit, bei jeder Kleinigkeit und wegen jeder Laus in Verzweiflung geraten, ein Beispiel an jener kleinen, verschrumpften Frau, die am Ende eines Daseins, das Arbelt, Not und Mühe war, zur Weisheit Goethes gelangte: «Wie es auch war, das Leben, es war •chön.»