1803_ZESO-Digitale Beratung aA

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SKOS CSIAS COSAS

Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe

Conférence suisse des institutions d’action sociale

Conferenza svizzera delle istituzioni dell’azione sociale

Conferenza svizra da l’agid sozial

ZESO

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE

03/18

INTERVIEW

Historiker Thomas Huonker

über fürsorgerische

Zwangsmassnahmen

GESUNDHEIT

Gesundheitliche Kluft in

der Gesellschaft entlang

des Einkommens

DEBATTE

Sparentscheide im

Alleingang – auf welcher

Grundlage?

DIGITALE BERATUNG IN

DER SOZIALEN ARBEIT

Neue digitale Möglichkeiten auf dem Vormarsch


SCHWERPUNKT

Digitale

Innovationen in

der Sozialen

Arbeit

Die digitalen Innovationen bieten

auch in der Sozialen Arbeit

neue Möglichkeiten. Kommunikation

und Beratung per Chat,

Mail oder Kurznachrichten werden

von Klienten immer mehr

nachgefragt und von manchen

Institutionen auch angeboten.

Sie bieten eine Reihe von

Vorteilen, doch bergen sie auch

Risiken.

12–23

12–25

ZESO

ZEITSCHRIFT FÜR SOZIALHILFE HERAUSGEBERIN Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe SKOS, www.skos.ch REDAKTIONSADRESSE

© SKOS. Nachdruck nur mit Genehmigung der Herausgeberin.

Die ZESO erscheint viermal jährlich.

ISSN 1422-0636 / 115. Jahrgang

Erscheinungsdatum: 3. September 2018

Die nächste Ausgabe erscheint am 3. Dezember 2018

Redaktion ZESO, SKOS, Monbijoustrasse 22, Postfach, CH-3000 Bern 14, zeso@skos.ch, Tel. 031 326 19 19

REDAKTION Ingrid Hess AUTORINNEN UND AUTOREN IN DIESER AUSGABE Marie Baumann, Barbara Beringer,

Julien Cattin, Béatrice Devènes, Joël Luc Cachelin, Palma Fiacco, Patricia Flammer, Therese Frösch, Ingrid

Hess, Martina Hörmann, Oliver Hümbelin, Peter Moesch Payot, Gaby Reber, Stefan Sell, Max Spring, Peter Streckeisen,

Alexander Suter, Susanne Wenger, Felix Wolffers TITELBILD Keystone/Gaetan Bally LAYOUT Marco

Bernet, mbdesign Zürich KORREKTORAT Karin Meier DRUCK UND ABOVERWALTUNG Rub Media, Postfach,

3001 Bern, zeso@rubmedia.ch, Tel. 031 740 97 86 PREISE Jahresabonnement CHF 82.– (SKOS-Mitglieder

CHF 69.–), Jahresabonnement Ausland CHF 120.–, Einzelnummer CHF 25.–.

2 ZESO 3/18


04

05

INHALT

4 NACHRICHTEN

Co-Präsidium der SKOS kündigt Rücktritt

an für Mai 2019

5 KOMMENTAR

Verzerrte Wahrnehmung

– Kommentar von Therese Frösch

6 PRAXIS

Wie Stipendien in der Kalkulation berücksichtigen?

7 THEMA SOZIALHILFE

Schnittstelle zwischen Sozial- und Opferhilfe

– ein neues Merkblatt

8 INTERVIEW

«Im Kern ging es darum, die Armen möglichst

kostengünstig zu managen», sagt

der Historiker Thomas Huonker

08

12–25 DIGITALISIERUNG UND SOZIALE ARBEIT

14 Herausforderungen der Digitalisierung

für die Soziale Arbeit

16 Blended Counseling – flexibel und

passgenau beraten

19 #Sozialhilfe auf Social Media – Hochseilakt

mit Wirkung

22 Künstliche Intelligenz und Soziale Arbeit –

ein Blick in die Zukunft

24 «Die Erwartungen an Beratung verändern

sich», sagt der Kommunikationswissenschaftler

Reto Eugster

28 30

32

26 FACHBEITRAG

Die gesundheitliche Kluft in der Gesellschaft

beginnt ab der Geburt – eine

BFH-Studie

28 REPORTAGE

Schrebergärten für Langzeitarbeitslose

sind Orte zum Wirken und für Geselligkeit

30 FACHBEITRAG

Ausbildungspraktika und Arbeitseinsätze

unterstehen dem UVG, sagt das Bundesgericht

32 DEBATTE

Ein kritischer Blick auf eine vielzitierte

Luzerner Studie für das Seco

34 DEBATTE

Die Sozialhilfe steht unter Druck – eine

besorgniserregende Entwicklung, findet

SKOS-Co-Präsident Felix Wolffers

36 LESETIPPS UND VERANSTALTUNGEN

3/18 ZESO

3


Wie kann man das Stipendium bei

der Kalkulation berücksichtigen?

PRAXIS Familie Schuler* wartet auf den Entscheid für ein Stipendium für ihren ältesten Sohn, der

sich im ersten Ausbildungsjahr befindet. Die Familie kann sich nicht selbst versorgen und erhält

Leistungen von der Sozialhilfe. Es stellt sich nun die Frage, wie Stipendien im Sozialhilfebudget der

Familie zu berücksichtigen sind.

Die Familie Schuler hat drei unterhaltsberechtigte

Kinder, darunter einen Sohn im

Alter von 16 Jahren, der sich im ersten Ausbildungsjahr

befindet. Um finanzielle Unterstützung

für die Ausbildung ihres Sohnes

zu erhalten, beantragten die Eltern ein

Stipendium bei der kantonalen Verwaltung.

Da die Familie nicht mehr in der Lage

war, sich selbst zu versorgen, musste zusätzlich

noch Sozialhilfe beantragt werden.

FRAGEN

a) Wie sollen die Sozialhilfeleistungen

während der Zeit bemessen werden, in

welcher der Stipendienantrag geprüft

wird?

b) Wie sollen einmal ausbezahlte Stipendien

in den monatlichen Sozialhilfe-

Budgets berücksichtigt werden?

GRUNDLAGEN

Die SKOS-Richtlinien (SKOS-RL A.4) weisen

darauf hin, dass das Subsidiaritätsprinzip

zwingend zu berücksichtigen ist. Ein

Anspruch auf Sozialhilfe kann nur dann

bestehen, wenn jemand sich nicht selbst

helfen kann, und wenn Hilfe von dritter

Seite nicht oder nicht rechtzeitig erhältlich

ist. Bevor ein Anspruch auf Unterstützungsleistungen

besteht, müssen alle vorgelagerten

Möglichkeiten ausgeschöpft

sein, auch die Stipendien.

So ist es in der Regel Sache der Eltern,

die Kosten für die Erstausbildung ihres

Kindes zu finanzieren (Art. 276 ZGB).

PRAXIS

In dieser Rubrik werden exemplarische Fragen aus

der Sozialhilfe praxis an die «SKOS-Line» publiziert

und beantwortet. Die «SKOS-Line» ist ein webbasiertes

Beratungsangebot für SKOS-Mitglieder.

Der Zugang erfolgt über www.skos.ch Mitgliederbereich

(einloggen) SKOS-Line.

Ergänzend zum Einkommen der Eltern

und zu anderen Unterstützungsleistungen

kann jedoch ein Anspruch auf Sozialhilfe

bestehen, um den Lebensunterhalt während

der Ausbildung decken zu können.

Möglich ist auch, dass Sozialhilfe bevorschussend

ausbezahlt wird, damit der Lebensunterhalt

bis zur Auszahlung von Stipendien

sichergestellt werden kann.

Bei Stipendien ist zu berücksichtigen,

dass sie sich aus verschiedenen Positionen

zusammensetzen können. Einerseits sind

sie zum Bestreiten des allgemeinen Lebensunterhalts

gedacht, andererseits sind

Mittel enthalten für Kosten, die mit der

Ausbildung zusammenhängen, aber nicht

eigentlich zur materiellen Grundsicherung

gehören. Letztere sind bei der Berechnung

von Unterstützungsbudgets auszuklammern.

Es ist daher ratsam, sich bei Unklarheiten

an die zuständige Stipendienstelle

zu wenden, um zu erfahren, wie genau die

Leistungen berechnet und welche Ausgabenpositionen

berücksichtigt werden.

ANTWORT

Im Fall von Familie Schuler muss geprüft

werden, wie die Stipendien als Einkommen

in ihr Sozialhilfebudget einzubeziehen

sind. Gemäss SKOS-Richtlinien

(SKOS-RL E.1) wird das verfügbare Einkommen

bei der Berechnung der Sozialhilfeleistungen

vollständig berücksichtigt.

Explizit festgehalten wird auch, dass Stipendien

(neben anderen Einkünften wie

Arbeitserwerb oder Beiträge aus Fonds und

Stiftungen) als Einkommen einzurechnen

sind (SKOS-RL Praxishilfe H.6). Jener Teil

des Stipendiums, der für den allgemeinen

Lebensunterhalt des Kindes gedacht ist,

muss im Unterstützungsbudget der Familie

voll angerechnet werden.

In Fällen von laufend oder für die Zukunft

ausbezahlten Stipendien müssen die

Beträge auf die Monate des betreffenden

Zeitraums herruntergerechnet werden.

Die so errechneten Anteile werden in den

monatlichen Budgets berücksichtigt. Der

verbleibende, explizit für Ausbildungsauslagen

vorgesehene Teil wird nicht als Einkommen

angerechnet, sondern dem Kind

resp. seinen Eltern zur Deckung der direkt

mit der Ausbildung zusammenhängenden

Kosten belassen. Diese zusätzlichen Mittel

können dann aber bei der Frage berücksichtigt

werden, inwiefern situationsbedingte

Leistungen im Zusammenhang mit

einer Ausbildung gewährt werden (SKOS-

RL C.1.2).

Wenn die Sozialhilfe bevorschussend

für die Zeit des laufenden Stipendienverfahrens

gezahlt wird, kann vom Sozialamt

eine direkte Auszahlung der rückwirkenden

Stipendienleistungen verlangt

werden (SKOS-RL F.2). In der Zwischenzeit

hat die Sozialhilfe für die Lebenshaltungskosten

als Teil der materiellen

Grundsicherung aufzukommen, und für

die Ausbildung relevante Auslagen sind als

situationsbedingte Leistungen (SKOS-RL

C.1.2) zu übernehmen. Nach der rückwirkenden

Auszahlung muss eine Abrechnung

erstellt werden, wobei jene Beiträge,

welche für vergangene Monate gedacht

sind, mit bereits ausbezahlter Sozialhilfe

verrechnet werden. Verbleibende, für den

laufenden Lebensunterhalt gedachte Anteile

sind in den laufenden Budgets monatlich

einzurechnen.


*Name der Redaktion bekannt

Julien Cattin

Kommission Richtlinien und Praxis der SKOS

6 ZESO 3/18


Schnittstelle von Sozialhilfe und

Opferhilfe: Neues Merkblatt

SOZIALHILFE Die Gründe für Notlagen können sehr vielfältig sein. Wenn durch Opfer von Straftaten

bei Sozialdiensten um Unterstützung ersucht wird, sind diese nicht in jedem Fall für die Existenzsicherung

zuständig. Ein neues Merkblatt hilft Zuständigkeiten und Unterstützungsansprüche in

diesen Fällen zu klären.

Um zu klären, ob ein Klient oder eine Klientin

allenfalls Anspruch auf Opferhilfe

hat, ist eine eingehende Würdigung der

Ursache der Notlage zwingend. Ein Anspruch

auf Opferhilfe kann nur dann bestehen,

wenn zwischen einer Straftat und

einem Unterstützungsbedarf ein direkter

Zusammenhang (Kausalität) besteht. In

komplexen Situationen mit verschiedenen

Einflussfaktoren ist eine eindeutige Klärung

der Zuständigkeit aber schwierig, so

beispielsweise bei der Finanzierung von

Kindesschutzmassnahmen. Straftaten sind

bei Kindesschutzmassnahmen in aller Regel

nur eine Ursache von vielen. In der Praxis

wird deren Finanzierung daher häufig

subsidiär von der Sozialhilfe zu übernehmen

sein.

Koordination von Opferhilfe und

Sozialhilfe

Möglich ist, dass sowohl ein Anspruch besteht

auf Existenzsicherung der Sozialhilfe

wie auch auf zusätzliche Hilfe und Beratung

durch die Opferhilfe. In diesen Fällen

ist es wichtig, dass die involvierten Stellen

ihre Leistungen frühzeitig koordinieren. In

Notlagen ist auch entscheidend, dass notwendige

Unterstützung rechtzeitig gewährt

wird. Dies kann in Einzelfällen bedeuten,

dass Soforthilfe unmittelbar geleistet

werden muss, selbst wenn die effektive

Zuständigkeit noch nicht abschliessend geklärt

ist. Kompetenzkonflikte dürfen nicht

auf Kosten von Betroffenen ausgetragen

werden.

Eine frühzeitige Koordination zwischen

Opferhilfe und Sozialhilfe ist auch dann

notwendig, wenn eine Notlage längerfristig

besteht und die Soforthilfe der Opferhilfe

zu einem gewissen Zeitpunkt von der

Sozialhilfe abgelöst werden muss. Dies gilt

beispielsweise bei Aufenthalten in Notunterkünften

(z.B. Frauenhäuser), nachdem

keine Gefährdungssituation mehr besteht

und eine Anschlusslösung gefunden werden

muss. Die Kosten für den Aufenthalt

in Anschlusslösungen (z.B. Übergangswohnungen,

betreute Wohnformen) werden

bei Bedürftigkeit und Notwendigkeit

von der Sozialhilfe getragen. Diese ist jedoch

frühzeitig zu involvieren, um eine angemessene,

aber möglichst kostengünstige

Lösung finden zu können.

Gewisse Personen können sich in aussergewöhnlichen

Situationen befinden,

für die weder das System der Opferhilfe

noch jenes der Sozialhilfe eine passende

Lösung bereit hält. Opfer von Menschenhandel

beispielweise haben in der Schweiz

in der Regel keinen Unterstützungswohnsitz,

weshalb kein ordentlicher Anspruch

auf Sozialhilfe begründet werden kann.

Gleichwohl können sie sich in Folge

langwieriger Verfahren jahrelang in der

Schweiz aufhalten und die Beteiligung am

Strafverfahren kann zur Folge haben, dass

ihnen nach Verfahrensende wegen Gefährdung

eine Rückkehr ins Herkunftsland

nicht zugemutet werden kann. Für diese

Fälle hat sich im Sinne einer «good practice»

bewährt, dass die Existenzsicherung

in den ersten sechs Monaten von der Opferhilfe

und im Anschluss von der Sozialhilfe

getragen wird. Der besonderen Situation

von Menschenhandel-Opfern (Traumatisierung,

soziale Isolation, psychische Belastung

durch ein Strafverfahren) ist bei der

Leistungsbemessung Rechnung zu tragen.

Kantonal unterschiedliche

Ausgangslagen

Ein besonderer Koordinationsbedarf zwischen

Opferhilfe und Sozialhilfe besteht in

jenen Kantonen, in denen die Finanzierung

von Opferhilfe und Sozialhilfe unterschiedlich

geregelt ist. Die SKOS empfiehlt

für die Finanzierung von Sozialhilfe einen

Lastenausgleich zwischen Gemeinden und

Kanton (SKOS-RL D.4). Tatsächlich werden

die Sozialhilfekosten aber in einigen

Kantonen überwiegend von den Gemeinden

getragen, während die Opferhilfe

durchgehend kantonal finanziert wird.

Aufgrund dieser unterschiedlichen

Ausgangslagen ist zu erwarten, dass das

erarbeitete Merkblatt insbesondere in jenen

Kantonen von Interesse sein wird, in

denen die Klärung der Zuständigkeit einen

starken Einfluss hat auf die Finanzierung.

Das Merkblatt mag in diesen Fällen eine

gute Grundlage bieten für Vereinbarungen

zu den Zuständigkeiten. Und in jenen Kantonen,

wo entsprechende Vereinbarungen

bereits bestehen, werden sich diese mit

Blick auf das Merkblatt kritisch überprüfen

lassen.

Das Merkblatt zum Schnittbereich der

Opferhilfe und Sozialhilfe wurde von einer

Arbeitsgruppe, bestehend aus Vertretern

der SKOS, der SODK und der Schweizerischen

Verbindungsstellen-Konferenz

Opferhilfegesetz (SVK-OHG) erarbeitet.

Darin werden die Grundlagen der beiden

Leistungssysteme gegenübergestellt und

für eine Auswahl von Schnittbereichen

werden konkrete Anwendungshinweise

gegeben und «good practices» aufgezeigt.

Merkblatt: «Opferhilfe und Sozialhilfe –

Eine Gegenüberstellung der Leistungen

mit Anwendungshinweisen für einzelne

Schnittstellenbereiche», SKOS/SODK,

September 2018. Anmerkungen und Fragen

zum Merkblatt: Dr. iur. Alexander Suter,

Leiter Fachbereich Recht und Beratung

SKOS, alexander.suter@skos.ch •

Alexander Suter

3/18 ZESO

7


Bilder: Palma Fiacco

«ZESO»: Herr Huonker, Sie haben seit

Jahren Kontakt mit Opfern fürsorgerischer

Zwangsmassnahmen. Nun

läuft die Wiedergutmachung. Wie

geht es den ehemaligen Verding- und

Heimkindern, administrativ Versorgten

und Zwangssterilisierten

heute?

Thomas Huonker: Einerseits herrscht

Erleichterung, dass erlittenes Leid und

Unrecht endlich anerkannt werden. Andererseits

ist Bitternis drin. Die Betroffenen

mussten lange warten. 1981 hob die

Schweiz die administrativen Versorgungen

auf. Dass Gemeinderäte und Fürsorgekommissionen

Menschen wegen «Arbeitsscheu»,

«Vaganterei» oder «Liederlichkeit»

per Federstrich die Freiheit entziehen und

in Zwangsarbeitsanstalten oder gar in Gefängnisse

einweisen konnten, war nicht

mit der Europäischen Menschenrechtskonvention

zu vereinbaren. Bereits damals

hätte eine Abgeltung erfolgen können.

Nun hat es fast ein halbes Jahrhundert gedauert.

Als es im Parlament einmal losging,

kam das Gesetz zur Wiedergutmachung

2017 vergleichsweise rasch

zustande.

Die Grossbanken-Rettung durch den

Bund kam 2008 per Notrecht rasch zustande.

Hingegen vergingen sechs Jahre

zwischen der Entschuldigung durch Bundesrätin

Eveline Widmer-Schlumpf bei

den ehemals administrativ Versorgten im

Jahr 2011 bis zur Verabschiedung des Gesetzes

zur Wiedergutmachung durch das

THOMAS HUONKER

Der 64-jährige Zürcher Historiker ist

Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission,

die im Auftrag des Bundesrats die

Geschichte der administrativen Versorgungen

in der Schweiz untersucht. 2013

bis 2015 nahm er am Runden Tisch für die

Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen

teil. Zudem arbeitet er im Auftrag der

Guido-Fluri-Stiftung die Geschichte der

Schweizer Kinderheime auf.

Parlament. Und leider wird nun bei den

Solidaritätsbeiträgen gespart. Dabei leben

viele Betroffene in ärmlichen Verhältnissen.

So individuell ihre Lebensgeschichten

sind, eines scheint die Opfer fürsorgerischer

Zwangsmassnahmen zu

verbinden: Sie stammen aus der Unterschicht.

Korrekt?

Die Forschung weist das nach, ja. Vereinzelt

gerieten auch Bessergestellte in die

Maschinerie der Zwangsmassnahmen,

vor allem Frauen oder Homosexuelle, die

als lasterhaft eingestuft wurden und denen

deshalb Sterilisierung und Kastration

drohten. Sie wussten sich meist besser zu

wehren als die Mittellosen. Zum allergrössten

Teil waren Armutsbetroffene dem

Zugriff der Behörden ausgesetzt, oft über

Generationen hinweg. Schon die Grosseltern

waren als Kinder verdingt oder im

Heim platziert und kamen als Erwachsene

in Arbeitsanstalten. Gleiches widerfuhr

ihren Kindern und Enkelkindern. Das Ver-

8 ZESO 3/18


«Im Kern ging es darum,

die Armen möglichst kostengünstig

zu managen»

INTERVIEW Die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, die jetzt

aufgearbeitet wird, ist auch eine Geschichte des Umgangs mit Armutsbetroffenen

in der Schweiz, wie der Historiker Thomas Huonker darlegt. Daraus liessen sich für

die aktuelle Diskussion um die Sozialhilfe Lehren ziehen.

sorgungssystem wirft ein Schlaglicht auf

die Klassengesellschaft.

Die Massnahmen zeugen von einem

disziplinierenden Umgang mit

Armutsbetroffenen. Wann entstand

dieser?

Bevor sich die öffentliche Armenfürsorge

entwickelte, oblag es Klöstern und

kirchlich geführten Hospitälern, die missliche

Lage der Armen zu mildern. Viele

Arme lebten auf der Strasse oder im Wald

und zogen auf der Suche nach Unterkunft

und Nahrung umher. Jede lokale Agrarkrise

steigerte ihre Zahl rasch. Als Reaktion

auf Industrialisierung und Massenarmut

erliessen dann im 19. Jahrhundert viele

Kantone Armengesetze. Die Städte waren

zum Teil fortschrittlich und förderten den

sozialen Wohnungsbau. Doch in weiten

Teilen galt Armut als selbstverschuldet, oft

wurden fehlende Arbeitsmoral und unsittlicher

Lebenswandel als Ursachen ausgemacht.

Obere Schichten nahmen die alte

Armut ebenso wie die neue Armut der Fa-

brikarbeiter als Gefahr für die öffentliche

Ordnung wahr. Die Unterschichten in den

Städten erhielten die Bezeichnung «classes

dangereuses», gefährliche Klassen.

Die Armut wurde dann vor allem mit

Anstalten bekämpft?

Anstalten gehörten ab dem 19. Jahrhundert

bis weit ins 20. Jahrhundert zu

den wichtigsten und gezieltesten Institutionen

der Schweizer Armutspolitik. Wer

weiss heute noch, dass es lange fast überall

Gemeindearmenhäuser gab? Anfänglich

hausten arme Familien, Alte und Kranke

gemeinsam in den oft schitteren Gebäuden.

Wer irgend konnte, wurde an die

Arbeit gesetzt. Später differenzierte sich

das Anstaltswesen. Erziehungs-, Behinderten-

und «Irrenanstalten» entstanden,

«Rettungsanstalten» für sogenannt gefallene

Mädchen, Mütterheime, wo die jungen

Frauen durch Wegnahme der Kinder

wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert

wurden, während die Kinder zur Adoption

freigegeben oder fremdplatziert wurden.

Viele Anstalten waren gemeinnützig-kirchlich

geführt, zusätzlich errichteten viele

Kantone Zwangsarbeitsanstalten. Die Einweisungen

wurden behördlich angeordnet

und konnten mit polizeilichem Zwang

durchgesetzt werden.

Was waren die Beweggründe einer

solchen Armutspolitik?

Ein Gemisch aus ökonomischen und

erzieherisch-repressiven Überlegungen.

Wohl gab es bei einigen Akteuren auch Elemente

des guten Willens und der Philanthropie.

Im Kern ging es darum, die Armen

möglichst kostengünstig zu managen. Um

die finanzielle Unterstützung gering zu

halten, lösten Gemeindebehörden bedüftige

Familien, vor allem auch von Alleinerziehenden,

auf und platzierten die Kinder

in knapp dotierten Heimen oder bei Bauern,

wo sie ihren Aufenthalt durch Arbeit

mitfinanzieren mussten. Finanzschwache

Gemeinden waren besonders durch die

heimatliche Armenpflege überfordert.

Der Heimatort musste für die Bedürftigen

aufkommen?

Genau. Wer in der städtischen Industrie

nicht mehr gebraucht wurde oder krank

war und deshalb armengenössig wurde,

musste in den Heimatort zurück. Es kam

zu grossen Abschiebeaktionen, sie wurden

«Heimschaffungen» genannt. Für die Gemeinden

wiederum war die Einweisung

der Leute in eine Armenanstalt meist die

billigere Lösung, als ihnen Unterstützung

zu zahlen. Erst in den 1960er-Jahren hatte

sich an den meisten Orten das Prinzip

durchgesetzt, dass der Wohnort zuständig

ist. Dafür engagierte sich im übrigen auch

die Vorgängerorganisation der SKOS, die

Armenpflegerkonferenz.

Und worin gründete der erzieherischrepressive

Aspekt?

Aus der kirchlichen, besonders der protestantischen

Tradition heraus unterschieden

die Verantwortungsträger zwischen

«würdigen» und «unwürdigen» Armen.

Besonders negativ bewertet wurde die

Trunksucht. Auch ledige Mütter waren stigmatisiert,

anstatt dass sie als Nachfahrinnen

von Mutter Maria gewürdigt wurden.


3/18 ZESO

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Alleinerziehende aus den Unterschichten

wurden von ihren Kindern getrennt, an die

Arbeit gesetzt und zur Mitfinanzierung der

Fremdplatzierung ihrer Kinder gezwungen.

Moralische Konnotationen verbanden sich

mit Ausgrenzung. Ab Anfang 20. Jahrhundert

verschärfte sich, wissenschaftlich unterstützt,

der Diskurs. Es ging nicht mehr

nur um «Unwürdige», sondern auch um angeblich

«Minderwertige». Es war die Stunde

der Eugeniker und Rassenhygieniker.

Die Eugenik war auch ein sozialpolitisches

Instrument?

Ganz klar. Chefärzte in Schweizer

Kliniken ordneten Sterilisierungen und

Kastrationen an, um zu verhindern, dass

Sozialfälle und als «geistesschwach» oder

«moralisch defekt» abgestempelte Menschen

Nachwuchs bekamen. Zwangssterilisierungen

wurden bis in die 1970er-Jahre

durchgeführt. Besonders junge Frauen unter

Vormundschaft standen ihnen machtlos

gegenüber. Zwar regte sich christliche

Opposition gegen die Eingriffe in die Fortpflanzung.

Es gab aber auch Pfarrer beider

Konfessionen, die sie als human betrachteten.

Unter anderem, weil so Armut und

Elend verhindert werden könne.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden

in der Schweiz die grossen nationalen

Sozialversicherungen. Warum

dauerten die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen

dennoch bis 1981?

Sozialpolitisch hinkte die Schweiz

hinterher. Deutschland, Frankreich und

England errichteten schon im 19. Jahrhundert

eine Altersvorsorge, auch, um

den Sozialisten den Wind aus den Segeln

zu nehmen. Hierzulande blockten die regierenden

Kräfte die Forderung lange ab,

am massivsten bei der Niederwerfung des

Generalstreiks 1918. Erst 1948 kam die

AHV, 1960 die Invalidenversicherung.

Die Arbeitslosenversicherung wurde 1984

obligatorisch, die Frauen mussten bis

2005 auf eine Mutterschaftsversicherung

warten. Es war auch dieser Rückstand der

Schweiz, der dazu führte, dass im Sozialwesen

uralte Strukturen weitergeführt

wurden. Das Verdingkinderwesen stammt

aus dem Mittelalter.

Anscheinend wurden noch in den

1970er-Jahren Kinder verdingt?

«Wer weiss heute noch, dass es bis

weit ins 20. Jahrhundert fast überall in

der Schweiz Armenhäuser gab?»

Ja, dabei hätte man seit Gotthelf wissen

können, dass es ein Problem war. Auch das

Anstaltswesen wurde seit den Zwanzigerjahren

periodisch kritisiert, doch die Kritik

versandete regelmässig. Während das

Gesetz Kinderarbeit in den Fabriken seit

1877 verbot, wurden Kinder in Heimen

und auf Bauernhöfen fast hundert weitere

Jahre als billige Arbeitskräfte ausgebeutet.

Auch die Linke nahm sich des Themas

nicht mit Nachdruck an. SP-Behördenmitglieder

und -Beamte schritten bei Kindern

bedürftiger Familien genauso zu Fremdplatzierungen

wie Bürgerliche.

Sie erwähnten die Rechtlosigkeit

der Betroffenen. Auch ein Grund,

dass sich die Massnahmen so lange

hielten?

Einem grossen Teil der von Armut und

fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffenen

Menschen fehlten Rechte. Weder

bei den Anstaltseinweisungen noch

bei den Sterilisierungen war der Rechtsweg

vorgesehen. Auch bestanden in der

Schweiz bis in die jüngste Vergangenheit

Regelungen, die Fürsorgeabhängige politisch

entrechteten. Als Letzte beschloss

1979 die Glarner Landsgemeinde, den

10 ZESO 3/18


entsprechenden Artikel aus der Kantonsverfassung

zu streichen. Zuvor waren jene

vom Aktivbürgerrecht ausgeschlossen,

«welche dauernd der öffentlichen Unterstützung

anheimgefallen sind und deren

Almosengenössigkeit durch liederlichen

Lebenswandel herbeigeführt worden ist.»

Heute gehen die SKOS-Richtlinien

vom sozialen Existenzminimum aus.

Sozialhilfe soll nicht nur die Existenz

sichern, sondern auch gesellschaftliche

Teilhabe ermöglichen. Doch die

Sozialhilfe ist unter Druck, einige Kan-

WIEDERGUTMACHUNG

UND AUFARBEITUNG

Versorgt, verdingt, weggesperrt, in Heimen, auf

Bauernhöfen, in Anstalten, ja Gefängnissen:

Jahrzehntelang waren Kinder, Jugendliche,

Frauen und Männer in der Schweiz von fürsorgerischen

Zwangsmassnahmen betroffen.

Viele erlitten Misshandlungen, psychisch und

physisch. Manche wurden zwangssterilisiert

oder für Medikamentenversuche missbraucht.

Sie sind teilweise noch im hohen Alter traumatisiert,

wie Studien der Universität Zürich

nachweisen. Vielen blieb eine Ausbildung

versagt. Das unrühmliche Kapitel Schweizer

Sozialgeschichte war lange tabuisiert. Doch

2011 entschuldigte sich der Bundesrat bei

ehemals administrativ Versorgten, 2013 bei

allen Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen.

2014 rehabilitierte das Parlament die

administrativ Versorgten, 2017 beschloss es

ein Gesetz zur Wiedergutmachung. Über 9000

Opfer reichten ein Gesuch für den Solidaritätsbeitrag

ein, den der Bund ausrichtet. 300

Millionen Franken stehen zur Verfügung, pro

Person sollen 25 000 Franken ausbezahlt

werden. Weil weniger Gesuche eingingen als

erwartet, wird der Betrag nicht voll ausgeschöpft.

Viele Betroffene verzichten, weil der

Erinnerungsprozess zu schmerzhaft ist oder

sie kein Geld vom Staat wollen. Das Thema

wird auch wissenschaftlich aufgearbeitet. Die

Unabhängige Expertenkommission wird ihren

Schlussbericht 2019 vorstellen. Der Nationalfonds

hat zudem das nationale Forschungsprogramm

«Fürsorge und Zwang» gestartet. Es

dauert bis 2022.

www.uek-administrative-versorgungen.ch

tone wollen den Grundbedarf kürzen.

Was sagt der Historiker dazu?

Es hat lange gedauert, bis in der

Schweiz eine moderne, säkulare, menschenrechtlich

basierte Sozialhilfe aufgebaut

wurde. Eine Sozialarbeit auch, die auf

das Empowerment der sozial Schwachen

zielt. Mit Blick auf die Vergangenheit sind

das Errungenschaften, die nicht aufs Spiel

gesetzt werden sollten.

Durch Kürzungen in der Sozialhilfe

steige der Anreiz zu arbeiten, wird argumentiert.

Die Kosten seien zu hoch.

Politik und Bevölkerung haben zum

Teil noch die Schweiz der Hochkonjunktur

im Kopf. In den 1950er- bis Mitte

1970er-Jahre ging die Armut tatsächlich

zurück. Viele, die zuvor in Armenanstalten

gelandet wären, fanden Arbeit. Es ist das

Bild einer «normalen» Schweiz: Alle haben

Einkommen, alle steigen auf. Doch diese

Phase ist längst vorbei. Die Wirtschaft

hat für immer mehr Leute keinen Bedarf

mehr, auch mit sieben Coaches und Trainings

nicht. Die Prekarisierung nimmt für

viele Gruppen zu. Ein gutes Sozialwesen,

das Armutsfallen entschärft und Armut

eingrenzt, lohnt sich. Vielleicht braucht es

neue Ideen. Die Leistungsansprüche werden

heute mit akribischem Formalismus

und viel Verwaltungsaufwand geprüft,

gleichzeitig hat das Sozialsystem Lücken.

Persönlich bin ich ein Anhänger des bedingungslosen

Grundeinkommens.

Sie waren einer der ersten Historiker

in der Schweiz, die die Geschichte der

fürsorgerischen Zwangsmassnahmen

zu erforschen begannen. Hat sich Ihr

Schweiz-Bild dadurch verändert?

Es hat sich vervollständigt. Ich hörte

1985 zum ersten Mal von einem Jenischen,

dass die Behörden ihn als 16-Jährigen

mit Mördern in die Viererzelle eines

Zuchthauses sperrten. Aus dem einzigen

Grund, weil er immer wieder aus dem

Heim zu seinen Eltern abgehauen war.

Schritt für Schritt realisierte ich dann, wie

systematisch Druck und Zwang gegenüber

nicht ganz Konformen und Unterschichtsangehörigen

angewandt wurde. Nicht in

grauer Vorzeit, sondern als ich selbst in diesem

Land aufwuchs. Dass solche Grundrechtsverletzungen

in einer Demokratie

möglich waren, die auf ihren Rechtsstaat

stolz ist, hätte ich damals nicht gedacht. Es

war eine soziale Ungleichheit, die breit akzeptiert

wurde, aber Zehntausende Leben

zerstörte. Wichtig wird die Erinnerungsarbeit

sein. So, wie die schöne Geschichte

von Wilhelm Tell immer wieder aufs Neue

erzählt wird, wird auch das düstere Kapitel

der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen

immer wieder erzählt werden müssen. •

Das Gespräch führte

Susanne Wenger

3/18 ZESO

11


Blended Counseling – flexibel und

passgenau beraten

Digitale Medien haben die Alltagskommunikation vieler Menschen verändert. Dies wirkt sich auch

auf die Soziale Arbeit als Ganzes sowie auf Beratungsangebote in der Sozialen Arbeit aus. Neben

langjährig bewährten Angebotsformen haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend

auch Onlineberatungsangebote etabliert. Noch weitgehend Neuland ist das sogenannte Blended

Counseling. Dieses weist auch für Soziale Dienste Potenzial auf.

Die Idee, das persönliche Beratungsgespräch vor Ort und die Beratung

mittels digitaler Medien mit-einander zu verknüpfen, ist

noch relativ jung. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass jedes

Medium bzw. jeder Kommunikationskanal bestimmte Vor- und

Nachteile hat. Wenn es gelingt, jeweils die Vorteile verschiedener

Medien und des persönlichen Gesprächs in einem Beratungsprozess

systematisch miteinander zu verknüpfen, so könnten dadurch

positive Effekte auf den Beratungsprozess insgesamt und die Zielerreichung

generiert werden. In Anlehnung an das Blended Learning

wird diese Form der Beratung Blended Counseling genannt.

Darunter verstehen wir die systematische, konzeptionell fundierte,

passgenaue Kombination verschiedener digitaler und analoger

Kommunikationskanäle in der Beratung.

Beratung in Sozialen Diensten

Um Blended Counseling in Sozialen Diensten zu diskutieren,

lohnt sich vorab ein Blick auf den Stellenwert von Beratung in diesem

Feld. Neben der monetären Sozialhilfe erbringen Sozialdienste

zahlreiche andere Dienstleistungen in Form von Beratung, so

unter anderem Sozialberatungen (wie zum Beispiel Erziehungsund

Jugendberatung), Budgetberatung sowie Hilfestellungen im

Strafvollzug und im Pflegekinderwesen. Nicht nur die Angebote

der Sozialen Dienste sind vielfältig, sondern auch die rechtlichen

Grundlagen und Organisationsformen dazu. Öffentliche Sozialdienste,

welche jeweils kommunal oder regional aufgestellt sind,

können ihre Angebote selber erbringen oder gewisse Aufgaben an

Dritte vergeben. Vielerorts wird ein Teil der erwähnten Angebote

im Auftrag von Kanton und/oder Gemeinden von eigenständigen

Anbietern wie Vereinen erbracht.

Öffentliche Sozialdienste nehmen zudem im Kindes- und Erwachsenenschutz

verschiedene Aufgaben wahr, welche mehr oder

weniger mit beratenden Tätigkeiten verbunden sind. Auch hier

erfahren die operative Zuständigkeit und die konkrete Umsetzung

kantonale Unterschiede. Während mancherorts die öffentlichen

Sozialdienste mit der professionellen Mandatsführung und der Abklärung

von Gefährdungsmeldungen betraut sind, hat die KESB

in gewissen Kantonen einen internen Abklärungsdienst. Verschiedentlich

wird die professionelle Mandatsführung auch von mandatierten

Drittanbietern wahrgenommen, während es in Städten teils

spezialisierte Ämter für Erwachsenen- und Kindesschutz gibt.

Diese unterschiedlichen Ausgangsbedingungen erschweren

es, die Formen von Beratung in direkt erbrachten Angeboten öffentlicher

Sozialdienste zu bestimmen. Tendenziell dürfte deren

Beratung eher formalisiert, hochschwellig und ein horizontales

Beratungsangebot sein, bei welchem Beratung nicht explizit auf

dem Türschild steht. Sie kann sowohl fach- wie auch prozessberaterische

Anteile aufweisen und mit Einzel-, aber auch Mehrpersonensystemen

erfolgen.

Nutzung und Potenzial von Blended Counseling im

Handlungsfeld Sozialer Dienste

Exemplarische Erkenntnisse zu Blended Counseling im Kontext

von Sozialdiensten wurden in der Vorstudie «Blended Counseling

in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit» gewonnen, in welcher

die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW drei Arbeitsbereiche erkundete.

Es fanden zehn explorative Interviews mit Fachkräften

aus Schulsozialarbeit, Sucht-/Jugendberatung und einem Sozialdienst

statt. Das Projekt hatte zum Ziel, Erkenntnisse über die Nutzung

digitaler Medien in der Beratung zu gewinnen. Zudem interessierte,

wie hier Potenziale und potenzielle Herausforderungen

von Blended Counseling eingeschätzt werden.

Im Handlungsfeld Soziale Dienste wurden die Teamleitung Sozialhilfe

eines regionalen, öffentlichen Sozialdienstes und die fallführende

Leitung des Mandatsdienstes interviewt. Entsprechend

sind die Erkenntnisse nicht repräsentativ und beziehen sich nur

auf einige Aufgabengebiete von Sozialdiensten. Für die Sozialhilfe

wurde zudem angemerkt: «Der beraterische Anteil im Aufgabenfeld

ist nicht so hoch. (…) Es überwiegt das Administrative». Von

der Beiständin wurde die eigene Beratung als fachberatend ausgerichtet

bezeichnet.

Mediennutzung

Das persönliche Gespräch zeigte sich als der wichtigste Kommunikationskanal.

Daneben werden Telefon und E-Mail häufig genutzt,

wobei die Klientel in der Sozialhilfe das Telefon präferiert. Im

Mandatsdienst gestaltet sich die Nutzung altersabhängig. «Das Telefon

spielt bei älteren Klienten eine grosse Rolle (…). Die wissen,

dass wir telefonisch sehr gut erreichbar sind. (…) Die Jüngeren, die

telefonieren nicht». Das Telefon wird hier ansonsten nur zur Terminvereinbarung

genutzt.

E-Mail wird in beiden Bereichen eingesetzt und erfolgt über

Outlook, ohne geschützte Verbindung. Im Mandatsdienst hängt

die Nutzung stark davon ab, ob die (teils ältere) Klientel über Email

verfügt. Einer potenziellen Ausweitung in Richtung digitaler Medien

stand die Teamleitung Sozialhilfe kritisch gegenüber: «Ich weiss

nicht, ob man Onlineberatung einrichten müsste, ob es nicht zu

16 ZESO 3/18 SCHWERPUNKT


DIGITALISIERUNG IN SOZIALDIENSTEN

aus Krankheitsgründen das Telefon nicht abnehmen.» Vor allem

bei Klientengruppen, wie zum Beispiel Personen, die Schicht

arbeiten, oder Personen, die psychisch krank sind und das Haus

nicht verlassen können, werden digitale Kanäle als sinnvolle Möglichkeit

bewertet. Der Einsatz moderner Medien könne zu einer

Vereinfachung oder Konzentration in der Fallführung führen, wo

man sich heute teilweise verzettle und in der Folge viel Ressourcen

verschwende.

Kommunikationskanäle im Mix.

Bild: Gettyimages

viel ist.» Es wird befürchtet, dass die Leute dann wegen jeder Kleinigkeit

eine Frage stellen würden und dass es relativ heikel sei, auf

die Fragen schriftlich Antwort zu geben, denn diese müssten dann

anders fundiert sein. Darüber hinaus wurde die Gefahr gesehen,

dass vertrauliche Informationen weitergeleitet oder veröffentlicht

werden. Zudem sei unsicher, wer bei E-Mails letztendlich antworte.

Dies schmälere den Vorteil, auf diesem Weg unkompliziert Kontakt

zu halten. Im Falle fehlender Umgangsformen in E-Mails meinte

die Beiständin: «Wir reagieren klassisch und wechseln dann auf

das Telefon und suchen das Gespräch».

Die Nutzung von SMS zur Kommunikation erfolgt in Abhängigkeit

von der institutionellen Ausstattung. Im Team Sozialhilfe

spielt sie keine Rolle, da nur die Leitung über dienstliche Smartphones

verfügt. Im Mandatsdienst erfolgt die Kommunikation

teils über SMS, da alle ein Diensthandy erhalten. Die SMS-Nutzung

ist den Mitarbeitenden aber freigestellt. Auch bei Abgrenzungsfragen

liessen sich individuelle Unterschiede feststellen: «Es

gibt Mitarbeitende, die auch am Sonntag Antwort geben und es

gibt solche, die ganz strikt trennen». In der Regel wird eine SMS

für kurze Informationen oder Terminbestätigungen genutzt. Messagingdienste

werden nicht genutzt, allerdings bestand seitens

Teamleitung Sozialhilfe ein Interesse an einem Messenger mit

Videofunktion, da dies gegenüber E-Mails erlauben würde, die

Personen auch zu sehen.

Chancen identifiziert

Bilanzierend lässt sich sagen, dass moderne Medien in den Aufgabenbereichen

der Interviewpartner relativ wenig genutzt werden.

Jedoch ist eine grosse Offenheit da, darüber nachzudenken. Die

Antworten zeigen, dass durchaus Chancen erkannt werden:

Insbesondere wurden Vorteile darin gesehen, dass Wege verkürzt

würden und flexibleres Arbeiten möglich wäre. «Am Telefon

ist man immer darauf angewiesen, dass auf der anderen Seite auch

jemand ist.» Schliesslich könnten auch gewisse Unsicherheitsfaktoren

umgangen werden. «Es gibt Klienten, die aus Prinzip oder

... und Bedenken

Diese positive Potenzialeinschätzung von Blended Counseling

wird aber auch von gewissen Bedenken begleitet. Eine der befragten

Personen sagt zum Beispiel:

«Wir haben uns dazu im Team noch gar nie Gedanken gemacht.

Es wäre sicher spannend, das mal zu überlegen. Ich bin

nicht überzeugt davon, dass das Ergebnis besser ist. Es wäre vielleicht

schneller oder anders. (…). Wir haben immer noch das Gegenüber,

das teilweise relativ unberechenbar ist. Meiner Meinung

nach bräuchte es ein Gegenüber, das dasselbe Verständnis hat für

das Instrument wie ich auch. Und das ist ganz sicher nicht immer

der Fall.»

Damit werden technische Anforderungen für den erfolgreichen

Einsatz neuer Medien angesprochen, aber auch Bedenken im

Umgang mit Daten. Beide Aspekte werden in der Befragung auch

für die Mitarbeitenden und die Organisation als bedeutsam angesehen:

«Die Mitarbeitenden kommunizieren fast nur noch per

E-Mail und nicht mehr über den klassischen Brief», so die Feststellung

einer der Befragten. Schwierigkeiten werden daher beim Datenschutz

geortet. Dass vielfach Personalien ausgeschrieben seien,

scheint sehr problematisch. Hinzu komme, dass keine geschützten

Verbindungen vorhanden seien. Darüber sei gar nie diskutiert

worden, sagte eine Interrviewparnterin.

Um das Potenzial der neuen Beratungsmöglichkeiten auszuschöpfen,

werden Sensibilisierung und Aufklärung der Mitarbeitenden

als zentral erachtet. Grundsätzlich werden im Blended

Counseling vielfältige Potenziale gesehen, um zu einer höheren

Zufriedenheit von Klientel und Mitarbeitenden im Handlungsfeld

beizutragen.

Aktuelle Erkenntnisse und Ausblick

Bereits in einem Projekt mit den Sozialen Diensten Winterthur

(vgl. ZESO 4/2014) waren die Mediennutzung in der Beratung

analysiert und erste Leitlinien entwickelt worden. Es zeigte sich,

dass verschiedene Medien, kombiniert mit persönlichen Kontakten,

beraterisch genutzt werden, allerdings erfolgte dies zumeist

ohne konzeptionelle Grundlegung und teilweise ohne ausreichend

gesicherte Kanäle. Letzteres verweist auf das zentrale Thema Datenschutz

und Vertraulichkeit in der mediatisierten Beratung.

In einem aktuellen Projekt werden mit Suchtberatungsstellen

verschiedene Szenarien für Blended Counseling entwickelt und

erprobt. Die möglichen positiven Effekte beziehen sich dabei auf

verschiedene Phasen in der Beratung:


SCHWERPUNKT 3/18 ZESO

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DIGITALISIERUNG IN SOZIALDIENSTEN

#Sozialhilfe auf Social Media?

Hochseilakt mit Wirkung

Soziale Netzwerke wie Twitter oder Facebook gewinnen beim Medienkonsum und in der Meinungsbildung

an Bedeutung. Sie bieten Chancen, haben aber auch ihre Tücken. Drei gewiefte Nutzerinnen

und Nutzer, die zu Themen aus dem Sozialbereich twittern, über ihre Erfahrungen und Strategien.

Marie Baumann, in der Kommunikation

tätig, twittert über Sozialpolitik,

Diversity und Medien und bloggt seit

2009 unter ivinfo.wordpress.com zu

den Themen Invalidenversicherung und

Behinderung.

Fotos: im Twitter-Profil

«Mitreden heisst mitgestalten»

Der Kurznachrichtendienst Twitter bietet die Möglichkeit, Texte,

Links und Bilder in Echtzeit zu teilen. Die maximal 280 Zeichen

langen Tweets können von den «Followern» gelesen, kommentiert

und mittels «Retweet» weiterverbreitet werden. Anders als bei Facebook

steht bei Twitter nicht die Verbindung mit «Freunden» im

Vordergrund, vielmehr wird die eigene Timeline nach Interessensgebieten

zusammengestellt. Da die bunte Mischung aus Institutionen,

Politikerinnen und Politikern sowie Privatpersonen aktuelle

Themen aus verschiedenen Blickwinkeln abbildet, nutzen auch viele

Journalistinnen und Journalisten Twitter als Informationskanal.

Nachdem das Parlament diesen März im Rekordzeit eine gesetzliche

Grundlage zur Überwachung von Versicherten verabschiedet

hatte, schrieb die Schriftstellerin Sibylle Berg auf Twitter: «Referendum.

Schnell.» «Ich wäre sofort dabei», antwortete der Student

Dimitri Rougy. Die beiden kannten sich nicht persönlich, doch der

kurze Austausch auf dem sozialen Netzwerk war der Startschuss für

das Referendum. Es wurde Anfang Juli in Bern eingereicht. Auch

die weltweit über längere Zeit hinweg geführte #MeToo-Debatte

hatte ihren Ursprung in einem Tweet. US-Schauspielerin Alyssa

Milano schlug auf Twitter vor, dass Frauen, die bereits einmal sexuelle

Belästigung oder Gewalt erlebt hatten, auf ihren Tweet mit

«Me too» antworten. Die Resonanz war gross und machte das Ausmass

sexualisierter Gewalt gegen Frauen sichtbar.

Digitale Stammtische

Die Beispiele zeigen eine besondere Stärke der sozialen Medien:

Mit ihrer Hilfe können Menschen, die Ähnliches erlebt haben oder

gleiche Interessen teilen, schnell und unkompliziert miteinander

in Kontakt treten. Diese Möglichkeit der Vernetzung nutzen allerdings

auch Akteure mit weniger hehren Absichten. Auch Falschmeldungen

– beispielsweise zum Zweck der politischen Propaganda

– können mithilfe professionell organisierter Netzwerke innert

kürzester Zeit rund um den Erdball verbreitet werden. Während

traditionelle Medien den Wahrheitsgehalt von Meldungen vor der

Publikation überprüfen und somit eine gewisse Verlässlichkeit bieten,

übertragen die sozialen Medien diese Verantwortung auf den

Nutzer oder die Nutzerin. Diese müssen selbst entscheiden, welche

Quellen sie als vertrauenswürdig einstufen. Zwar bieten verifizierte

Twitter-Accounts (mit blauen Häkchen) eine Orientierungshilfe.

Aber wie der amerikanische Präsident zeigt, heisst das nur,

dass der Urheber verifiziert ist. Die Aussagen sind es nicht.

Auch in der Schweiz nutzen Populisten die digitalen Stammtische,

um ihre Weltsicht zu verbreiten: Flüchtlinge seien alle kriminell,

die meisten IV-Bezüger seien Betrüger, mit Sozialhilfe lasse

es sich fürstlich leben. Was früher in der Beiz höchstens noch am

Nachbartisch oder von der Kellnerin gehörte wurde, erreicht heute

im Netz ein deutlich grösseres Publikum. Die oft stark zugespitzten

Aussagen erreichen das Publikum nicht nur, sie beeinflussen

auch Meinungen. Immer öfter werden nicht nur die Bezügerinnen

und Bezüger staatlicher Leistungen verunglimpft, sondern auch

die im Sozialbereich tätigen Institutionen und ihre Mitarbeitenden.

Nicht zuletzt aus diesem Grund sollten die entsprechenden

Institutionen selbst in den sozialen Medien präsent sein.

Fakten entgegensetzen

Dabei geht geht es nicht darum, sich auf kommunikative Kleinkriege

einzulassen, sondern den öffentlichen Diskurs mitzuprägen.

Das kann bedeuten, den polemischen Tweet eines Politikers,

der über eine grosse Reichweite verfügt, gezielt mit Fakten zu widerlegen.

Soziale Medien stellen eine Art öffentlichen Meinungsmarktplatz

dar, und Journalisten übernehmen heute eher ein knackiges

Zitat direkt aus Twitter, als dass sie eine Medienmitteilung

lesen. So gelangen Inhalte aus den sozialen Netzwerken in traditionelle

Medien und erreichen somit auch ein Publikum, das selbst

nicht auf den Online-Plattformen aktiv ist.

Umgekehrt wird auf Twitter auch unter dem Hashtag #srfarena

mitdiskutiert, wenn in der Fernsehsendung politische Themen

verhandelt werden. Als in der «Arena» kürzlich über die Sozialhilfe

debattiert wurde, zeigte die Caritas vorbildlich, wie eine Institution

auf Twitter die Aussagen der Politikerinnen und Politiker während

der laufenden Sendung mit Fakten und Links zu entsprechenden

Quellen untermauern, ergänzen oder widerlegen kann. Durch solche

Interventionen wird nicht nur Fachwissen in die öffentliche

Debatte eingebracht. Sie demonstrieren auch, dass Betroffene und

Institutionen nicht unwidersprochen verunglimpft werden können.

Das stärkt sowohl die Institutionen als auch die Klientinnen und Klienten

der Sozialen Arbeit. Sie sehen so, dass sich jemand öffentlich

für sie wehrt und sich für sie einsetzt.

Marie Baumann

SCHWERPUNKT 3/18 ZESO


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Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre,

Sozialpolitik und Sozialwissenschaften

an der Hochschule

Koblenz (D), ist auf Twitter aktiv und

bloggt täglich zu sozialpolitischen

Themen auf seiner Seite www.aktuellesozialpolitik.de.

«Bringschuld staatlicher Akteure»

Das, was man unter Social Media subsumiert, hat eines auf alle Fälle

geschaffen: Arbeitsplätze und neue Berufsbilder, so den «Social

Media Manager». Das sind Leute, die für das Bespielen der Kanäle

und Accounts verantwortlich sind, Kommentare moderieren und

mit technischen Tools die Resonanz der Aktivitäten im Netz verfolgen

und auswerten. Man sieht: Das geht im Regelfall nicht nebenher,

erforderlich ist Personal. Wobei im hoheitlichen Bereich, zu

dem die Sozialhilfe oder in Deutschland auch die Grundsicherung

(«Hartz IV») gehört, hinsichtlich der qualitativen Anforderungen

nicht nur das Beherrschen der technischen Voraussetzungen zu

nennen wäre, sondern an erster Stelle die fachliche Expertise. Sie

ist im doppelten Sinn zu verstehen: Zum einen muss man sich in

diesem öffentlichen Raum, um den es sich bei Twitter, Facebook

und Co. handelt, selbstverständlich an Recht und Gesetz halten.

Gleichzeitig muss man in der Lage sein, die zuweilen hyperkomplexen

Regelungen «herunterzubrechen» – sei es auf die berühmten

maximal 280 Zeichen auf Twitter und/oder auf eine Sprache,

die das Publikum zu verstehen in der Lage ist. Damit nicht genug.

Der Grundgedanke von Social Media ist das Gegenteil dessen, was

aus der behördlichen Kommunikation bekannt ist. Diese stellt eine

Ein-Kanal-Kommunikation dar. Bei Social Media geht es um offene

Kommunikation, etwa durch die Möglichkeit, Beiträge zu

kommentieren. Mit allen damit verbundenen Vorteilen (unmittelbare

Reaktion), aber auch Nachteilen: Art und Weise der Kommentierung,

der kaum vorhersehbare Verlauf der sich entwickelnden

Debatte und Manipulationsversuche einzelner Teilnehmer.

Komplexität reduzieren

Wie immer entscheidend ist die Grundsatzfrage nach den Zielgruppen

möglicher Social-Media-Aktivitäten. Sind es die Klienten

oder «Kunden», wie die Leistungsbezüger in Deutschland gerne tituliert

werden? Diese oder einen Teil davon kann man über Facebook

erreichen, über Twitter eher begrenzt bis gar nicht, und über

Blogs ziemlich sicher nicht. Oder sind es Menschen aus der eigenen

Fach-Community? Denen ist mit einem guten und regelmässig

aktualisierten Blog am ehesten geholfen. Zugleich hat man hierüber

die Möglichkeit, schnell und vor allem ohne die übliche

Platzbegrenzung bei Print-Produkten auch fachlich komplexe

Sachverhalte abzuhandeln oder Anregungen für die eigene Arbeit

zu geben. Über Twitter erreicht man eine ganz bestimmte Gruppe,

die für die Öffentlichkeitsarbeit hochrelevant ist, denn hier sind

die Journalisten überproportional vertreten (und die Politiker mit

ihren Teams).

Nun wird sich dem einen oder anderen die berechtigte Frage

stellen: Was soll überhaupt kommuniziert werden? Und warum?

Reicht nicht das, was man sowieso an klassischer, manche würden

sagen, tradierter Öffentlichkeitsarbeit macht? Man kann an dieser

Stelle mit einer Bringschuld staatlicher Akteure argumentieren,

ihren Gegenstand darzustellen und Komplexität zu reduzieren.

Wenn sich heute immer mehr in den sozialen Netzwerken abspielt,

dann sollte man dort auch vertreten sein, ob einem das nun

gefällt oder nicht. Information und auch Beratung verändern sich,

und darauf sollte man reagieren.

Zurückhaltender Stil

Nun wird man bei Fragen der Sozialhilfe einwenden können, dass

es hier um eine Materie geht, die im Regelfall weniger eine schnelle

Informationsverteilung erfordert, und die zudem gekennzeichnet

ist durch besonders heterogene, oftmals nur einen Einzelfall

betreffende Inhalte. Von daher bietet sich ein gestuftes Konzept

an: An erster Stelle wären Twitter-Aktivitäten für eine Öffentlichkeitsarbeit

2.0 zu nennen, die sich vor allem an Multiplikatoren

aus den Medien und der Politik richten. Hier hat man nach meinen

eigenen Erfahrungen die besten Erfolgsaussichten, wenn man

einen fachlich fundierten, hinsichtlich der Bewertungen zurückhaltenden

Stil verfolgt. Über diesen Kanal kann man hervorragend

Daten verteilen, aber auch Hinweise auf Neuregelungen und Änderungen

sowie auf Studien und Veröffentlichungen, die thematisch

passen.

Hervorragend für die Sichtbarkeit wie auch für den Austausch

sind gerade bei den komplexen sozialpolitischen Themenstellungen

Blogs, die sich beispielsweise auf Wordpress-Grundlage

einfach anlegen, gestalten und befüllen lassen. Hier hat man die

Möglichkeit, auch komplexere Sachverhalte sowie politische Diskussionen

abzubilden und einzuordnen. Überaus ambivalent und

mit Vorsicht zu geniessen sind im Sozialhilfebereich Facebook-

Aktivitäten. Hier würde ich nicht nur angesichts der vielen datenrechtlichen

Fragen eher abraten, sondern auch aufgrund der

Erfahrungen, dass es bei den Kommentaren auf Facebook eine

überaus problematische Ballung von teilweise nur noch als unterirdisch

zu bezeichnenden Kommentierungen gibt.

Comeback des Leserbriefs

Aber – das sei im Lichte eigener Erfahrungen nicht verschwiegen

– selbst wenn man ausschliesslich fachlich zu bleiben versucht,

wird man eine hohe Frustrationstoleranz mitbringen

müssen. Auch auf Twitter, wo einen viele teilweise hanebüchene

Kommentierungen erreichen, selbst wenn man nur Informationen

weitergibt. Und viele Blogs haben in der letzten Zeit die Kommentarfunktion

deaktiviert – auch der Autor hat das bei seinem

Blog machen müssen. Manche gehen sogar auf das scheinbar verstaubte

Instrument des Leserbriefs zurück, um die negative Energie

zu reduzieren. Anders gesagt: Social Media sind angekommen

in der realen Wirklichkeit.

Stefan Sell

20 ZESO 3/18 SCHWERPUNKT


DIGITALISIERUNG IN SOZIALDIENSTEN

Patrick Fassbind, Jurist, Leiter der

Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde

(Kesb) Basel-Stadt, nutzt Twitter als

Privatperson, um fachliche Informationen

zur Kesb-Thematik zu verbreiten.

«Fachlich twittern mit Bedacht»

Hashtag KESB – da geht es auf den sozialen Netzwerken ähnlich

kontrovers, emotional und oft faktenfrei zu und her wie beim Thema

Sozialhilfe. Beide Bereiche sind zudem politisch unter Druck.

Doch Patrick Fassbind, der die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde

des Kantons Basel-Stadt seit 2016 leitet und vorher die

gleiche Funktion in Bern innehatte, nutzt Twitter nicht, um sich

mit Kesb-Kritikern digitale Wortgefechte zu liefern: «Mir geht es

vielmehr darum, fachliche Informationen bereitzustellen.» Fassbind

verlinkt seriös recherchierte Medienbeiträge zur Arbeit der

Kesb oder Artikel aus Fachpublikationen. Auch leitet er Tweets von

anderen weiter, die er gut findet. Meist versieht er die Fremdbeiträge

mit einem eigenen kurzen Kommentar. «Eine sehr wichtige Recherche»,

schrieb er etwa kürzlich zu einem Artikel in der «NZZ am

Sonntag» über Kinder psychisch kranker Eltern, «diese Familien

müssen frühzeitig Hilfe und Unterstützung erhalten, die Kinder

müssen geschützt werden – dafür zuständig sind viele Akteure, gemeinsam

mit der #KESB».

Fassbind twittert seit bald vier Jahren, und das hat System. Bei

der baselstädtischen Kesb kam man bezüglich Social Media zum

Schluss, dass es ein Weg sein kann, in privater Funktion als Expertin

und Experte zum Fachgebiet zu twittern. Zusätzlich gibt es einen

Twitter-Account des Kantons, über den Medienmitteilungen

und wichtige Informationen verbreitet werden können. Offiziell

können soziale Netzwerke von der Kesb nicht bespielt werden,

auch weil es an den Ressourcen fehlt. Der Kanton erarbeitete für

seine Mitarbeitenden Social-Media-Richtlinien. An diese hält sich

Fassbind, weil sie für ihn gelten, obwohl er auf Twitter nicht als

Kesb-Chef auftritt.

Keine Polemik, keine Politik

Die Richtlinien setzen enge Grenzen. Sie mahnen zur Zurückhaltung

und dazu, alles zu unterlassen, was als polemisch oder als politische

Meinungsäusserung aufgefasst werden kann. «Es geht einzig

und allein um fachliche Information», sagt Fassbind. Mit der

Sachlichkeit will er aber durchaus ein «Gegengewicht» zu den Kesb-

Kritikern bilden. Diese nutzten die sozialen Medien sehr stark, und

ihre Äusserungen zur Kesb seien oft polemisch, einseitig und tendenziös.

Seine Legitimation, als Verwaltungsangestellter privat zu

twittern, sei, «zur öffentlichen Meinungsbildung beizutragen», sagt

Fassbind. Zudem betätige er sich auch als Wissenschaftler, was ihn

zusätzlich legitimiere, sich zu Fachthemen zu äussern.

Er twittert mindestens zwei- bis dreimal pro Woche. Zur Arbeit

der Basler Kesb oder auch zu Medienberichten darüber äussert

er sich nie, unter anderem aus Datenschutzgründen, und weil es

unangebracht wäre. Doch Themen wie Kindes- und Erwachsenenschutz

und Sozialhilfe sind sehr komplex. Gelingt es wirklich, im

Twitter-Tohuwabohu Fachinformationen zu vermitteln? Ja, glaubt

Fassbind. Bei der Anzahl Followern hat er Luft nach oben, doch

er ist gar nicht auf Massenwirkung aus. Auf Twitter seien überdurchschnittlich

viele Medienleute und Politikerinnen, Politiker

vertreten: «Man kann versuchen, diese zu erreichen, damit sie sich

direkt und einfach Fachkenntnisse zur Kesb-Thematik aneignen

können.» Fassbind verwies beispielsweise darauf, dass das Subsidiaritätsprinzip

– die Verantwortung der Familie – schon heute im

Gesetz verankert sei. Die Bedeutung von Twitter-Netzwerken dürfe

nicht unterschätzt werden, sagt er.

«Wir sind nicht Trump»

Welche Tipps gibt er Fachleuten der Sozialhilfe, die erwägen,

ebenfalls einen Twitter-Account zu eröffnen? Ein wichtiger Punkt

sei, stets in der Rolle der Fachperson zu bleiben, sagt Fassbind.

Nur in Ausnahmefällen twittert er zu anderen Themen; auf Tweets

aus dem Privatleben verzichtet er ganz: keine Sonnenuntergänge,

keine Kinder-Bonmots. Man müsse aufpassen, als Experte glaubwürdig

zu bleiben. Überhaupt könne Twitter einen gewissen Sog

entwickeln, immer mehr zu twittern. Da sei es ratsam, sich selber

zu disziplinieren. Auch gilt: mit Bedacht twittern, nie im Ärger

oder Affekt: «Ein Tweet ist schnell draussen.» Das zeige das Beispiel

des US-Präsidenten, eines fleissigen Twitterers. Dieser könne

sich offenbar alles erlauben, «doch wir sind nicht Trump». Die Gefahr,

in einen Strudel zu geraten und am Ende gar noch den eigenen

Job zu gefährden, sei nicht zu unterschätzen. Fassbind wartet

jeweils zehn Minuten, bevor er einen verfassten Tweet publiziert.

Ein weiterer Ratschlag lautet, sich bewusst zu sein, dass man

Reaktionen auslöse: «Es gibt Personen, die hartnäckig schreiben

und kritisieren.» Wird ihm eine Frage gestellt, antwortet Fassbind

einmal neutral-fachlich, in Diskussionen lässt er sich nicht verwickeln.

Manchmal brauche es Geduld, um bei Angriffen zu schweigen,

sagt er. Unter dem Strich zieht Fassbind eine positive Bilanz.

Zwar bewege man sich auf dünnem Eis, und gerade bei politisch

umstrittenen Themen könne das Twittern einem Hochseilakt gleichen.

Dennoch fände er es falsch, deswegen darauf zu verzichten.

Nicht nur aus den genannten Gründen, sondern auch, weil man

selber dort viel Interessantes finde und auf Artikel aufmerksam gemacht

werde: «Twitter ist für mich auch wie eine Bibliothek.» •

Aufgezeichnet von Susanne Wenger

SCHWERPUNKT 3/18 ZESO


Ausbildungspraktika und Arbeitseinsätze

unterstehen dem UVG

FACHBEITRAG Personen, die im Rahmen der Sozialhilfe Arbeitseinsätze ohne Lohn leisten, unterstehen

der obligatorischen Unfallversicherung. Dies hat das Bundesgericht entschieden. Die UVG-Prämien

müssen somit durch die Einsatzbetriebe geleistet werden. Offen bleibt, wer die Prämien für die

Versicherung der Nichtberufsunfälle der eingesetzten Personen bezahlt.

Bisher hatte die Sozialhilfe die Haltung,

dass das Unfallrisiko bei Beschäftigungsprogrammen

und unbezahlten Praktika im

Rahmen des KVG zu versichern sei. Das ist

jedoch mit dem Bundesgerichtsurteil vom

18. August 2017 überholt. Das Bundesgericht

stellte fest, dass ein durch die Sozialhilfe

angeordneter Arbeitseinsatz ohne

Lohn in einem Einsatzbetrieb vom UVG-

Obligatorium erfasst ist, wie es auch für

Lehrlinge, Praktikanten und Volontäre sowie

Schnupperlernende der Fall ist. Das

heisst auf der einen Seite, dass bei Unfällen

Leistungen der Unfallversicherung fliessen,

auf der anderen Seite entsprechende

UVG-Prämien durch die Einsatzbetriebe

und Arbeitsintegrationsinstitutionen geleistet

werden müssen.

Weil Arbeitseinsätze im Rahmen der

Arbeitslosenversicherung durchwegs und

im Rahmen der Invalidenversicherung

fast durchwegs schon bisher einen Unfallversicherungsschutz

ohne Prämienpflicht

der Einsatzbetriebe und der Arbeitsintegrationsinstitutionen

geniessen, gerät die

Sozialhilfe durch dieses Urteil gegenüber

den Sozialversicherungen etwas in Nachteil

bei der beruflichen Eingliederung. Das

heisst, für die Sozialhilfe könnte es schwieriger

werden, Arbeitgeber für die berufliche

Eingliederung zu finden. Sie kann

einerseits an die sozialpolitische Verantwortung

der Arbeitgebenden appellieren,

oder sich überlegen, ob sie sich allenfalls in

einem bestimmten Umfang an den Mehrkosten

der Arbeitgebenden beteiligt. Hier

ist insbesondere an die Prämie für Nichtberufsunfälle

zu denken, die ja gemäss Gesetz

von den Arbeitnehmenden zu tragen

sind. Wichtig ist, dass die Sozialdienste

die Einsatzbetriebe klar informieren, die

entsprechenden Vereinbarungen über die

Arbeitseinsätze anpassen und die Sozialarbeitenden

sensibilisieren.

Berechnung der Prämien

Da bei den Beschäftigungsprogrammen

kein Lohn fliesst, stellt sich die Frage, wie

die UVG-Prämie berechnet wird und wer

sie bezahlt. Der Gesetzgeber legt für diese

Fälle einen Ver-dienst von 81.20 Franken

pro Tag fest, das entspricht 20 Prozent des

Höchstlohnes in der Unfallversicherung.

Dieser hypothetische Verdienst dient als

Grundlage für die Bestimmung der Prämie,

die vom Arbeitgeber respektive vom

Einsatzbetrieb zu entrichten ist. Im jährlich

auszufüllenden Lohndeklarationsformular

müssen die Arbeitgeber künftig die

so berechneten hypothetischen Einkommen

deklarieren. Wie hoch die Prämienbelastung

für den Einsatzbetrieb ist, kann

nicht generell beantwortet werden, weil sie

je nach Art des Betriebes und des Risikos

unterschiedlich hoch ausfällt. Die Prämie

für die obligatorische Versicherung der Berufsunfälle

und Berufskrankheiten (BU)

trägt die Arbeitgeberin. Die Prämie für die

obligatorische Versicherung der Nichtberufsunfälle

(NBU) geht grundsätzlich zulasten

der Arbeitnehmenden. Weil der Arbeitgeber

diese NBU-Prämie nicht vom

BEISPIEL

«BERECHNUNG PRÄMIEN»

Bei einer angenommenen Prämie für BU

von 1% und für NBU von 1,5% resultiert eine

Prämie von Fr. 2.05 pro Tag.

Frau B. absolviert während drei Monaten ein

Praktikum mit einem Beschäftigungsgrad

von 50%. Für die Prämienberechnung wird

der hypothetische Verdienst nicht halbiert,

sondern es wird immer der volle Betrag von

Fr. 81.20 herangezogen. Die so berechnete

Prämie beläuft sich für die Dauer des Praktikums

auf Fr. 184.50.

Lohn abziehen kann, stellt sich die Frage,

wer diese Prämie, die in der Regel höher

ausfällt als die BU-Prämie, trägt.

Sistierung der Unfalldeckung des KVG

Ist eine Person dem UVG-Obligatorium

unterstellt, dann kann die Unfalldeckung

im Rahmen des KVG sistiert werden. Damit

reduziert sich die Prämie um maximal

7 Prozent, was monat-lich eine Einsparung

von rund 30 Franken ergibt. Dieser Umstand

muss zu einer neuen Praxis in der Sozialhilfe

führen. Wurden bisher alle nichterwerbstätigen

Personen angewiesen, die

Unfalldeckung über das KVG einzuschliessen,

kann dies bei Personen, die einen Arbeitseinsatz

von mehr als acht Stunden wöchentlich

leisten, künftig unterbleiben.

Nur mit einer konsequenten Handhabung

der Sistierung können hier Mittel eingespart

werden, die allenfalls für die Tragung

der NBU-Prämien eingesetzt werden könnten.

Geht nach Abschluss des Einsatzes die

Meldung über den Einschluss der Unfalldeckung

bei der Krankenkasse vergessen,

ist bei einem Unfallereignis die Deckung

trotzdem gegeben und die Prämie wird

rückwirkend in Rechnung gestellt.

Sozialdienste sollen Unfallmeldung

sicherstellen

Bei einem Unfallereignis muss der Sozialdienst

sicherstellen, dass die sozialhilfebeziehende

Person eine Unfallmeldung, allenfalls

mit Unterstützung durch die

Sozialarbeiterin, beim Einsatzbetrieb

macht. Damit wird sichergestellt, dass der

Unfallversicherer Leistungen erbringt. Um

über die erbrachten Leistungen und Entscheide

des Unfallversicherers orientiert zu

sein, lässt sich der Sozialdienst mit Vorteil

eine Vollmacht ausstellen, damit der Daten-

und Informationsaustausch stattfinden

kann.

30 ZESO 3/18


mit den Einsatzbetrieben hervorgehoben

werden – auf den sogenannten Malus zu

verzichten. Das heisst konkret, dass der Prämiensatz

nicht erhöht (Malus) wird aufgrund

von Versicherungsleistungen im Zusammenhang

mit diesen nicht bezahlten

Arbeitseinsätzen.

Ein Unfall bei einem Beschäftigungsprogramm muss vom Arbeitgeber versichert sein.

Bild: Keystone/Gaetan Bally

Die Leistungen des Unfallversicherers

sind gegenüber den Leistungen des Krankenversicherers

weitergehend. Insbesondere

fallen keine Franchisen und Selbstbehalte

für die versicherte Person an. Zusätzlich richtet

der Unfallversicherer bei einer Arbeitsunfähigkeit

auch ein Taggeld aus.

Neue Regelung wird 2019 umgesetzt

Die Suva nimmt die Prämienerhebung

grundsätzlich rückwirkend nach dem genannten

Urteil bzw. per Anfang 2018 vor.

Sie behält sich eine Einzelfallbeurteilung mit

abweichendem Prämienbezug vor. Suva unterstellte

Betriebe haben die «Lohndeklaration»

für alle Arbeitseinsätze und Ausbildungspraktika

Ende 2018 ein erstes Mal

auszufüllen. Zur Handhabung der anderen

Unfallversicherer liegen keine Angaben vor.

Um eine einheitliche Anwendung des Bundesgesetzes

über die Unfallversicherung

(UVG) zu erreichen, wurde mit dem Inkrafttreten

des UVG im Jahre 1984 die Ad-hoc-

Kommission Schaden UVG gegründet. Sie

erlässt Richtlinien in Form von Empfehlungen.

Und sie hat im Juni 2018 auch eine

Empfehlung zur vorliegenden Fragestellung

erlassen (vgl. https://goo.gl/SSkuDy). Sie

empfiehlt neben dem oben erläuterten Vorgehen

– und das muss in der Kommunikation

BEISPIEL

«UNFALLMELDUNG»

Die Asylfürsorge setzt im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms

eine vorläufig aufgenommene

Person zwei Mal wöchentlich

für 5 Stunden für die Reinigung von Trams

ein. Die Person erleidet in der Freizeit einen

Unfall. Dieser wird dem Unfallversicherer

des Verkehrsbetriebes, der SUVA, mit einem

Formular gemeldet. Die Versicherung trägt

die Behandlungskosten vollständig. Die

versicherte Person ist während 30 Tagen

arbeitsunfähig (Deckung ab dem 3. Tag).

Dementsprechend werden 30 Taggelder à

64 Franken (80% des versicherten Verdienstes

von Fr. 81.20) von der Versicherung

ausgerichtet. Die Taggelder werden der sozialhilfebeziehenden

Person als Einnahme

angerechnet und im Sozialhilfe-budget

berücksichtigt.

Zwei Kriterien für das Versicherungsobligatorium

Sowohl das Bundesgericht wie auch die Ad-

Hoc-Kommission Schaden UVG erwähnen

zwei Kriterien, die zur Unterstellung unter

das UVG führen können: «Unter das Versicherungsobligatorium

fällt, wer um des

Erwerbs oder der Ausbildung willen für einen

Arbeitgeber, mehr oder weniger untergeordnet,

dauernd oder vorübergehend tätig

ist, ohne ein eigenes wirtschaftliches Risiko

tragen zu müssen.» Darunter fallen demnach

alle auf die berufliche Integration ausgerichteten

Arbeitseinsätze und Praktika.

Unter das Kriterium des wirtschaftlichen Interesses

der Firma respektive des Einsatzbetriebes

können auch Einsätze mit dem Ziel

der sozialen Integration fallen. Von einem

Interesse des Betriebes ist gemäss der Empfehlung

der Ad-Hoc-Kommission im Regelfall

auszugehen. Und auch das Bundesgericht

hält fest, dass nur dann keine

UVG-Unterstellung vorliege, wenn eine Person

aus blosser Gefälligkeit tätig werde. «Von

Seiten des Einsatzbetriebs bestand zweifellos

ein wirtschaftliches Interesse an der Arbeitsleistung,

handelte es sich doch um einen echten

Einsatz der Verunfallten» (Urteil vom

8. November 2011, 8C_503/2011). Ausdrücklich

von der UVG-Prämienpflicht ausgenommen

sind dagegen Betriebe, deren

Geschäftstätigkeit es ist, berufliche Abklärungen

vorzunehmen. •

Peter Moesch Payot, HSLU Soziale Arbeit

Gaby Reber, stv. Leiterin Sozialamt Stadt Bern

3/18 ZESO

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