stadt/land/dach

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Architekturkritiker gibt es wie Sand am Meer, wahrscheinlich bin ich
selbst einer davon. Beim Gang durch die Straßen komme ich immer
wieder ins Grübeln: Warum wirkt Architektur immer monotoner,
flacher und beliebiger? Sehen die Städte der Zukunft wirklich wie
Schuhschachteln aus, oder was macht eine Stadt lebenswert, in der
wir künftig gerne wohnen? Wie wollen Sie in 50 Jahren wohnen?

stadt / land / dach

Magazin für Architektur und Raum.

Steildach Kommentar

Architekten und Steildach

eine Hassliebe?

Haus am Buddenturm in Münster:

angepasste Individualität

DACHKULT • 01/19 • BAUKULTUR


INHALT

EDITORIAL

Editorial / 03

Liebe Architekten und Planer,

Steildach / Angepasste Individualität / 04

Heftthema / Das Dach als Symbol der Baukultur / 06

StadtPortrait / Kein Dorf ohne Dach / 08

Kommentar / Architekten und Steildach – eine Hassliebe? / 10

Ausblick / 11

Architekturkritiker gibt es wie Sand am Meer, wahrscheinlich bin ich

selbst einer davon. Beim Gang durch die Straßen komme ich immer

wieder ins Grübeln: Warum wirkt Architektur immer monotoner,

flacher und beliebiger? Sehen die Städte der Zukunft wirklich wie

Schuhschachteln aus, oder was macht eine Stadt lebenswert, in der

wir künftig gerne wohnen? Wie wollen Sie in 50 Jahren wohnen?

Was wäre Venedig ohne die Varianz seiner Dächer, was wäre eine Kirche

ohne aufwendige Dachkonstruktion, wie sähen Kinderzeichnungen ohne

Satteldach aus? Auf den nächsten Seiten sind wir Zuhörer, Entdecker

und Botschafter, um ein deutliches Plädoyer für gestalterische Vielfalt

und individuelle Städte auszusprechen. Wir möchten verstehen, was Sie

am Steildach fasziniert, was Sie stört und wie wir gemeinsam den Staub

entfernen können.

HERAUSGEBER

Dachkult

Initiative Pro Steildach

Gazellenkamp 168

22527 Hamburg

Klaus H. Niemann (Sprecher)

Mob.: 0175 / 59 11 518

Mail: niemann@dachkult.de

WEBSITE & SOCIAL MEDIA

dachkult.de

facebook.com/dachkult

instagram.com/dachkult

youtube.com/dachkult

KONZEPT, DESIGN & REDAKTION

Brandrevier GmbH, Essen

www.brandrevier.com

DRUCK

Woeste Druck + Verlag GmbH & Co. KG

Druckauflage: 50.000

Unsere erste Ausgabe von stadt/land/dach widmet sich dem Thema Baukultur,

und ihr Cover ziert eins der vielen interessanten Steildächer, die

aktuell realisiert wurden. Außergewöhnlich ist daran, dass es nicht mit

Ziegeln, sondern mit Kork gedeckt wurde. Wir beleuchten, welche Bedeutung

das Steildach für ländliche Räume, aber auch für innerstädtische

Nachverdichtung hat. Als historisches Motiv kann es ebenso prägnant sein

wie in allgegenwärtiger Architektur. Dies zeigen uns zahlreiche Beispiele

früherer und zeitgenössischer Bauten, die wir als DACHKULT bezeichnen

und mit Ihnen teilen möchten. Fest steht für uns: Das Steildach ist zurück,

oder sagen wir besser, es war eigentlich nie weg.

Nun wünsche ich Ihnen viel Spaß bei der Lektüre und offene Augen bei

Ihrem nächsten Spaziergang durch die Stadt. /

Klaus H. Niemann, Sprecher von Dachkult

BILDNACHWEIS

1/11 • Gui Rebelo / rundzwei Architekten

4/5 • hehnpohl architektur bda, Münster

6 • Wolfram Reuter

7 • schachspieler / photocase.de

moreimages / Shutterstock.com

8/9 • Mark Drotsky / en.joy.it / photocase.de

10 • Waldemar Brzezinski / Felix Zimmermann


STEILDACH • 04

Angepasste Individualität

Geneigter Giebel

sich auch im Innenraum wider. Von unten

Eine klare Linienführung, präzise Giebel-

nach oben immer größer werdend, öffnet

Nahe dem historischen Buddenturm in Münster ragt der First des

linien und eine Ziegelfassade prägen den

sich das Treppenhaus zum Tageslicht, das

spitzen Satteldaches gen Himmel. Auf den ersten Blick wie selbst-

Entwurf mit der eigenwilligen horizon-

durch Öffnungen an den Traufwänden

verständlich, auf den zweiten Blick viel mehr als das. Es scheint, als

talen, fächerartigen Fassadenaufteilung.

und im First in das Haus strömt.

hehnpohl architektur bda

Münster

tanze der Baukörper aus der Reihe der sprossenbefensterten, dachüberständigen

und charakteristischen Altbauten.

Aufbauend auf den Fluchten der umgebenden

Bebauung wachsen die Geschosse

Eingeschmiegt in Baukultur

nach oben hin immer weiter über die Erd-

Durch die Prämierung mit dem „Deut-

Der Neubau ersetzt auf gleicher Grundfläche ein altes Gebäude, das

geschossmauern. Wenige großformatige

schen Ziegelpreis 2019“ hat die Aufmerk-

aufgrund seiner schlechten Bausubstanz und mehrfacher unzulänglicher

Fenster gewähren Einblick in den Baukör-

samkeit für den Bau deutlich zugenom-

Überbauungen und Ergänzungen nicht mehr sinnvoll zu erhalten war. Das

per und Ausblicke auf den Buddenturm.

men. Die Idee des Projekts, Themen wie

Büro hehnpohl architektur bda macht es sich bei all seinen Projekten zum

Innen setzt sich die klare, puristische

Anpassung und Eigenständigkeit auszulo-

Prinzip, einen Planungsansatz zu wählen, der sich aus der Aufgabe und

Gestaltung fort. Wenige Materialien, Holz-

ten und eine zeitgenössische Interpretati-

dem Ort heraus entwickelt. „Die Wahl eines Steildachs ist dabei immer

böden, Sichtbeton und puristische Wand-

on historischer Bezüge anzubieten, hat für

eine mögliche Option, aber keine Ideologie“, erläutert Christian Pohl den

oberflächen prägen die Wohnräume. Einen

eine sehr positive Resonanz gesorgt. Woh-

Entwurfsansatz des Büros. In ihrem Ansatz berücksichtigen die Planer

zweiten Blick lohnt das oberste Geschoss:

nen hinterm Giebel, angepasst und abge-

stets die baugeschichtlichen Bezüge und schätzen die Qualität tradierter

Die holzverschalten Dachschrägen verlei-

hoben, sensibel und selbstbewusst. Hier

Typologien und Konstruktionen. So auch in Münster. Der Bebauungs-

hen dem speziellen, leicht spitzwinkeligen

greift das eine ins andere: die Symbiose

plan und die Münsteraner Altstadtsatzung ließen an dieser Stelle nur ein

Raum unter dem First einen warmen,

einer strengen Gestaltungssatzung und ei-

Satteldach zu. Eine andere Dachform wäre aus Sicht der Architekten aus

wohnlichen Charakter. Die außen ables-

ner hohen architektonischen Qualität, die

städtebaulichen und gestalterischen Gründen an diesem Platz aber ohne-

bare, geschossweise Staffelung spiegelt

wie selbstverständlich harmonieren. /

hin keine Option gewesen.

Moderne Interpretation von Gestalt,

Ausdruck und Materialität.

N


HEFTTHEMA • 06

Das Dach als Symbol

der Baukultur

von 2018, Dürschinger Architekten

mit ihrer Hofstelle Stiegler,

haben es geschafft, wirtschaftlich

den Wiederaufbau des Berliner

Schlosses in aller Munde, ist damit

die Konservierung einer Baukul-

Potenzial statt provinziell

Die Herausforderung heißt zeitgenössische

Baukultur. Experi-

Baukultur ist kein Thema, das nur die Architektur betrifft. Baukultur

ist vielmehr ein gesellschaftliches Phänomen und umfasst den Umgang

der Menschheit mit ihrer gebauten Umgebung. Häuser, die entstehen,

sind der „Bau“. Unser Umgang mit der Bebauung: die „Kultur“.

funktionale Gebäude zu errichten,

die auch gestalterisch überzeugen.

Bei einem Großbrand auf der

ehemaligen Hofstelle waren alle

historischen Bestandsgebäude

tur vergangener Zeiten gemeint.

Doch ist der Wiederaufbau einer

Hülle, die technisch nicht den

heutigen Standards entspricht und

dementsprechend nur Fassade ist,

mentierfreude, kreative Entwürfe

und ausgefeilte Dachlandschaften

zieren immer häufiger die Cover

angesehener Architekturmagazine.

Die Architekten bekommen Lust

mit Ausnahme der alten Schmie-

wirklich die Lösung? Der Grund-

auf einen neuen Umgang mit dem

de vernichtet worden. Mit dem

tenor ist überall gleich: Bürger sind

Dach. Es entstehen kulturelle Son-

Wiederaufbau ist ein Hofensemble

dafür, Architekten sind dagegen.

derbauten wie die Elbphilharmonie

aus Naturstein und Holz entstan-

Fürs Dach allein wäre der reine

in Hamburg oder Wohnkomplexe

den, das es schafft, den Flair des

Wiederaufbau ein Gewinn. Als

wie das Isbjerget in Dänemark.

Vergangenen mit der Effizienz des

ursprüngliches Grundmotiv ist es

Immer häufiger orientiert sich

Modernen zu verknüpfen, ohne

seit Jahrhunderten immer auch das

die Architektur dabei auch an den

dabei zu rekonstruieren.

Erzeugnis der jeweiligen Zeit und

Baumeistern der Natur. Das Dach

des Ortes, in denen es entstanden

übernimmt neben der rein schüt-

Sackgasse Rekonstruktion?

ist. Und es ist unumstritten, dass

zenden Funktion auch hier immer

Ein vermeintlicher Weg zum Erhalt

das Steildach erst vor rund hundert

einen wichtigen Teil der Gesamt-

der Baukultur heißt heute Rekon-

Jahren durch die Gründung des

gestalt. /

struktion. Durch Projekte wie die

Bauhauses wirklich Konkurrenz

Frankfurter neue Altstadt oder

bekommen hat.

nord

Gewinner des Landbaukultur-Preises 2018 / Hofstelle Stiegler von Dürschinger Architekten.

Die Gestaltung des Daches bietet in

der heutigen Zeit die Chance, Historie

und Moderne miteinander zu

verbinden. Die bauordnungsrechtlichen

Vorschriften der einzelnen

Länder müssen hierzu als Herausforderung

statt als Zwang betrachtet

werden. „Je mehr Eigenheit und

Charakter ein Ort hat, desto eher

schafft er ein Gefühl von Heimat

und Zuhause“, sagte schon der

US-Stadtforscher Kevin A. Lynch.

Und genau darin liegt die Chance.

Es gibt schließlich nicht nur flach

oder steil und nicht nur historisch

oder modern. Es gibt Nuancen

dazwischen, die zur baukulturellen

Vielfalt beitragen und eine Stadt

lebenswert machen.

Landbaukultur

Während in städtischen Gebieten

vielerorts das Flachdach Einzug

gehalten hat und traditionelle

Baukultur eher in den Hintergrund

tritt, scheint es auf dem Land

eine andere Auseinandersetzung

mit dem Dach zu geben. Es wirkt,

als gäbe es eine andere Akzeptanz,

sogar eine Erfordernis für

das geneigte Dach. Doch wer die

Anmutung landwirtschaftlicher

Architektur für selbstverständlich

erachtet, irrt sich: Bauten werden

zunehmend zweckmäßiger, und

die Herausforderung, Gestaltung

und Effizienz miteinander

zu vereinen, wächst. Um häufig

unterschätzte Architektur auf dem

Land zu würdigen, wurde 2014 der

Deutsche Landbaukultur-Preis von

der Stiftung LV Münster ins Leben

gerufen. Vorbildliche Bauten, die

eine Bereicherung in der Kulturlandschaft

darstellen und dabei

architektonisch besonders positiv

auffallen, werden seither alle zwei

Jahre prämiert. Die Preisträger

Im Norden Deutschlands sind es weniger die Gebäudeformen

als vielmehr Materialien, die das Bild von Städten

und Gemeinden prägen. Um den rauen Wetterverhältnissen

zu trotzen, werden häufig widerstandsfähige Klinkerfassaden

und Ziegeldächer verwendet. Das hat nicht

nur funktionale, sondern auch rein praktische Vorteile.

Denn Lehm und Ton zur Produktion von Backstein und

Ziegeln stammen aus der Region.

Insbesondere für den süddeutschen Raum gilt das

Steildach mit spitzen, flachen oder verzierten Giebeln als

identitätsstiftend und traditionell. Doch auch hier gibt

es regionale Unterschiede: Während in Oberbayern und

im südlichen Teil Schwabens langgezogene Giebel mit

flachen Dächern bevorzugt werden, dominiert in Unterfranken

das Fachwerk.

süd


STADTPORTRAIT • 08

luna productions

Deitingen, Schweiz

Kein Dorf ohne Dach

Was bedeutet das Leben und Arbeiten im Dorf, und welche baukulturelle

Verantwortung wohnt dem Dach als gestalterischem Element

inne? Antworten auf diese Fragen geben uns zwei junge Architekten

aus Deitingen, einer 2.237-Seelen-Gemeinde in der Schweiz. luna

productions – ein Akronym aus Lukas und Nadja Frei – steht für

Gedankenexperimente, für Kreativität, schlicht für alles, was die

beiden privat und beruflich bewegt.

„Unser Anspruch ist es, beim Eingriff in

bestehende Strukturen nicht nur auf die

Bedürfnisse des Einzelnen zu achten,

sondern mit unserer Intervention die

Situation so zu verbessern, dass eine

lebendige Nachbarschaft entstehen kann.“

Der Baum unter dem Dach hat neben seiner Ästhetik auch eine tragende Funktion.

Raum und Zeit

Auf dem Dorf ist die Welt noch in

Ordnung. Solche oder ähnliche

Sätze hört man oft von Städtern,

die sich nach jahrelangem Leben

in der Stadt aufs Land flüchten, das

als Raumkategorie immerhin einen

Anteil von etwa 70 Prozent der

gesamten Flächenverteilung innerhalb

Deutschlands einnimmt und

das Landschaftsbild somit nachhaltig

prägt. Aber wie verhält es sich

eigentlich mit der Architektur im

ländlichen Raum? Was zeichnet sie

aus, vor welchen Herausforderungen

steht sie, und wer baut diese

Orte, die wir fast zwangsläufig mit

Ruhe, Wohlgefühl und Entspannung

verbinden? Nadja und Lukas Frei,

beruflich und auch privat ein Paar,

sind beide auf dem Land großgeworden

und haben sich bewusst für

das Leben dort entschieden.

Architektur als Gemeinschaftsaufgabe

Der Maßstab auf dem Land ist viel

kleiner als in der Stadt. Gebäudeabstände

sind größer, Freiräume

grüner und Fassadenhöhen weit

geringer. Das Dach ist maßgeblich

an der Wirkung des Straßenbildes

beteiligt. Es kann und soll als fünfte

Fassade dienen, in ländlichen Gebieten

sogar identitätsstiftend sein.

„Architektur ist einfach sichtbarer

als in der Stadt“, sagt Nadja Frei

und denkt dabei an den Dialog, in

den sie mit den Dorfbewohnern

tritt. „Als Architekt im Dorf arbeitet

man weniger anonym“, ergänzt

Lukas Frei. „Insbesondere dadurch,

dass wir dort bauen, wo wir leben

und arbeiten, treten wir in einen

viel direkteren Diskurs mit der

Nachbarschaft über das, was gerade

neu entsteht.“ Auch deshalb sei ein

nachvollziehbarer Entwurf notwendig.

Dieser solle sich behutsam

in die gewachsenen Strukturen

einfügen, ohne in Konkurrenz zum

Bestand zu treten, aber auch selbstbewusst

sein, den Ort schärfen und

auszeichnen.

Gestaltungsraum Dach

Sockel, Fassade, Steildach: Das

waren die drei Gestaltungselemente,

die dem Mehrfamilienhaus

in Deitingen sofort ablesbar sein

sollten. Kein Monolith, kein schriller

Bau, einfach ein zeitloses Gebäude,

das neben gestalterischen Aspekten

auch eine möglichst lange

Lebensdauer bietet. Entgegen dem

„Null-Dachüberstand-Trend“, der in

zeitgenössischer Architektur immer

häufiger zu beobachten ist, wird er

hier zum Gestaltungsprinzip. Die

unbehandelten und rohen Materialien

werden gleichmäßig und schonend

altern, um auf natürliche Weise

Teil ihrer Umgebung zu werden.

Ihrer beider Lieblingsstadt, wenn sie an Dächer denken? Eindeutig

Siena. Die wilde, organische und gewachsene Struktur fasziniert sie

dabei am meisten. Die heterogene Dachlandschaft und die Verwendung

von ortstypischen Materialien als verbindendes Element ist prägnant.

Baukultur als Lebensaufgabe dem Boden schießen. Der Betrachtungsperimeter

Wenn Nadja und Lukas Frei an

liegt dabei auf der

Baukultur im ländlichen Raum eigenen Parzelle. Das Nebenan,

denken, schwingt Unzufriedenheit

der Straßenraum und die Qualinandersetzung

mit. Ihnen fehlt die Auseitäten

des Quartiers werden kaum

mit dem Ort, mit berücksichtigt. Und genau dort

regionalen Bautraditionen und der setzen Nadja und Lukas Frei an. Sie

Verwendung von ortstypischen übernehmen Verantwortung, wollen

Materialien. Sie beobachten eine

aufzeigen, wie die bauliche und

zunehmend wirtschaftlich orientierte

räumliche Entwicklung in ländliren

Architektur, in der Investochen

Gebieten qualitativ gestaltet

kontextlose, leblose Renditeobjekte

und damit das baukulturelle Erbe

realisieren und Ein- und bewahrt werden kann. /

Mehrfamilienhäuser wie Pilze aus


KOMMENTAR • 10

rundzwei Architekten

Berlin

Wenn wir an Steildächer denken, denken

wir an freistehende Einfamilienhäuser.

Anschließend an rechtwinklige, schwarz

glimmernde Straßen ohne Schlaglöcher,

Schottervorgärten, standardisierte Putzfassaden.

Es sind anerzogene und gleichzeitig

gewohnte Assoziationen. Städtische

Randgebiete mit ausgebreiteten Einfamilienhaussiedlungen

als Sinnbild der Monotonie.

Ein Vorurteil? Ja, ganz bestimmt.

Wir Architekten sind Fetischisten, wenn

es um Materialität und Haptik geht. Das,

was wir verbauen, wollen wir nicht nur

sehen, sondern auch fühlen. Das gilt auch

bei der Dacheindeckung. Wir bestellen

Produktmuster, um auch wirklich sicher

zu sein, auf das richtige Material zu

setzen. Und was dann kommt, ist oftmals

enttäuschend. Industriell gefertigte

Perfektion, jedes Teil gleicht dem anderen.

Technisch einwandfrei und dafür geschaffen,

Generationen zu überdauern, dabei

möglichst unproblematisch und für jegliche

Witterungsbedingungen gewappnet.

Und genau da offenbart sich das Missverständnis

zwischen Wunsch und Realität.

Lebenswerte Architektur gehört nicht

konserviert. Sie soll atmen, altern

und über die Jahre hinweg eine Patina

entwickeln. Was früher bedingt durch

Architekten und Steildach

eine Hassliebe?

Ein Kommentar der Berliner Architekten Andreas Reeg und

Marc Dufour-Feronce über ihr Verhältnis zum Steildach

natürliche Verfahren handwerklich gefertigt

wurde, kommt heute im perfekten

Einheitslook daher. Nur darauf ausgerichtet,

möglichst pflegeleicht und langlebig

zu sein. Ob das Klischeedenken ist? Ja,

natürlich. Aber die Dachlandschaften, die

Städte wie Kopenhagen, Rom oder Prag

ausmachen, sind alles andere als perfekt.

Weithin sichtbar ist die Individualität, die

erst durch Unregelmäßigkeiten und kleine

Makel in der Oberfläche ersichtlich wird.

Ich mache mir keine Sorgen um das

geneigte Dach, ganz im Gegenteil. Zum

Beispiel monolithisch, mit dem Dach als

fünfter Fassade, ermöglicht durch eine

Materialität, die sich wie ein Kleid um

das ganze Gebäude schmiegt. Ob aus Ton

oder Beton, aus Metall, Schiefer oder Kork,

spielt dabei keine Rolle. Heutzutage gibt

es gestalterisch und auch technisch kaum

Tabus. Durch klassische Dachformen,

die sich im Inneren verschneiden, oder

skulpturale Volumen werden spannende

Raumsituationen ermöglicht, die einen

kreativen und experimentellen Umgang

mit der Lichtführung zulassen. Wir bauen

gerne steil und sehen uns als Architekten

auch in der Verantwortung, das baukulturelle

Erbe durch die Auswahl passender

Materialien zu bewahren. /

VERANSTALTUNGEN UND TERMINE

Rooftop Talk#5 in Weimar

am 17. Juni 2019

Rooftop Talk#6 in Stuttgart

am 30. September 2019

Deutscher Architektentag in Berlin

am 27. September 2019

BUCHTIPP

Dachräume

Detail-Verlag

NÄCHSTES HEFTTHEMA

02/19 · RAUM

HERAUSGEBER

dachkult.de

PARTNER

Benders Deutschland

Creaton

Dachkeramik Meyer-Holsen

Dachziegelwerke Nelskamp

Deutsche Rockwool

Dörken

Erlus

Eternit

Fleck

Wilhelm Flender

Gebr. Laumans

Jacobi Tonwerke

Prefa

Rathscheck Schiefer und Dach-Systeme

Rheinzink

Saint-Gobain Isover

Arbeitsgemeinschaft Schiefer

Velux Deutschland

VM Building Solutions Deutschland

Wienerberger

FÖRDERMITGLIED

Bundesverband der

Deutschen Ziegelindustrie

Ausblick aus dem Dachgeschoss des Korkenzieher-Hauses von rundzwei Architekten, das auch die Titelseite

Gastkommentare in stadt/land/dach geben stets die Meinung der jeweiligen Gastautoren wieder

und nicht explizit die der Herausgeber.

dieser Ausgabe schmückt. Von außen an Dach und Fassade mit Kork überzogen, besticht es innen mit einer

klaren Linienführung und einem großzügig gefalteten Raumeindruck.

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