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Leseprobe_Fo_Christian VII.

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Roman

Christian VII

Ein Narr auf dem Thron von Dänemark


Christian VII.

Ein Narr auf dem Thron von Dänemark


Dario Fo

Christian VII.

Ein Narr auf dem Thron von Dänemark

Roman

Aus dem Italienischen von Johanna Borek

Mit einem Nachwort von Bent Holm

Mit Illustrationen entworfen und gemalt von Dario Fo

in Zusammenarbeit mit Jessica Borroni,

Michela Casiere und Sara Bellodi


Questo libro è stato tradotto grazie ad un contributo del Ministero degli Affari

Esteri e della Cooperazione Internazionale Italiano.

Dieses Buch wurde dank eines Kostenbeitrages des italienischen Ministeriums

für Auswärtige Angelegenheiten und Internationale Kooperation übersetzt.

Die Publikation erfolgt mit Unterstützung der

Kunstförderung des Bundeskanzleramtes Österreich.

Lektorat: Teresa Profanter

Umschlaggestaltung: Nikola Stevanović

Satz: Daniela Seiler

Hergestellt in der EU

Dario Fo: Christian VII. Ein Narr auf dem Thron von Dänemark

Roman

Aus dem Italienischen von Johanna Borek

Mit einem Nachwort von Bent Holm

Mit Illustrationen entworfen und gemalt von Dario Fo

in Zusammenarbeit mit Jessica Borroni, Michela Casiere und Sara Bellodi

Fotos: Luca Vittorio Toffolon

Originaltitel:

Dario Fo: C’è un re pazzo in Danimarca

© 2015 Ugo Guanda Editore S.r.l., Via Gherardini 10, Milano

Gruppo editoriale Mauri Spagnol

Alle Rechte vorbehalten

© HOLLITZER Verlag, Wien 2019

www.hollitzer.at

ISBN 978-3-99012-440-6


VORBEMERKUNG

Die Idee zu diesem Buch entstand, als mein Sohn Jacopo

eine Untersuchung über die dänischen Könige des

18. Jahrhunderts durchführte und zu seiner Verwunderung

feststellte, dass die zeitgenössischen Berichte und

Zeugnisse über Christian VII. und Friedrich VI. voller

Widersprüche stecken.

PROLOG

Erzählt, ihr Menschen, eure Geschichte.

Alberto Savinio

Etwa ab dem 15. Jahrhundert verbreitete sich in ganz

Europa unter schreibkundigen Menschen der Brauch,

ein Tagebuch zu führen. Auf diese Weise sind Zeugnisse

gewöhnlicher, aber auch historisch bedeutsamer Männer

und Frauen auf uns gekommen. Wir haben darauf zurückgegriffen,

um unsere Kenntnisse über Epochen zu

vertiefen, in denen Zeitungen rar und gedruckte Texte

nur Wohlhabenden zugänglich waren.

In die Geschichte, die wir hier erzählen wollen, ist

eine Vielzahl außergewöhnlicher Personen verstrickt.

Dank wiederaufgefundener Schriftstücke konnten wir

die tragischen und grotesken Ereignisse rekonstruieren,

die für Skandinavien vom 18. bis zur ersten Hälfte des

19. Jahrhunderts bestimmend geworden sind und uns allen

lange Zeit so gut wie unbekannt waren.

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König Christian VII.


ERSTER TEIL

Der wichtigste Verfasser dieser wiederentdeckten Aufzeichnungen

ist kein Geringerer als Christian VII., König von Dänemark

und Norwegen. Der Text, auf den wir durch einen glücklichen

Zufall gestoßen sind, beginnt folgendermaßen:

Heute Morgen erwachte ich in bester Verfassung. Mein

Kopf fühlte sich leicht und frei an, keine Spur von

Schmerzen, außerdem konnte ich mich bewegen, ohne

dass alle Gelenke knirschten und ich nach Atem ringen

musste. Kurzum, ich war blendender Laune, was schon

lange nicht mehr der Fall gewesen ist. Ich schleuderte

Decken und Laken von mir, schwang energisch die Beine

aus dem Bett und stand gleich aufrecht da, ohne im

Geringsten zu wanken oder zu zittern.

Ich muss unbedingt diesen außergewöhnlichen Zustand

nutzen und mich sofort an den Schreibtisch setzen

und an meiner Geschichte weiterschreiben. An welcher

Geschichte? Der Geschichte meines Lebens! Es gilt keine

Sekunde zu verlieren, ich mag mich nicht einmal ankleiden,

werfe mir nur den Schlafrock über und schreibe,

durchforste mein Gedächtnis, das sich in solchen seltenen

Augenblicken bereitwillig an all das erinnert, was

bei jedem meiner Anfälle wie ausgelöscht ist, als stürzte

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jeder Gedanke in einen bodenlosen, schwarzen Abgrund.

Bei den Mächtigen, wie ich es zumindest auf dem Papier

und zum Schein bin, übernehmen diese Aufgabe gewöhnlich

Berufsschreiber, sogenannte Biografen; Leute,

die gewöhnlich einem altbekannten Schema folgen: Sie

reihen Gemeinplätze und widerwärtige Schmeicheleien

aneinander und machen jeden Herrscher zum Helden eines

Puppentheaters, der durch so grandiose wie sinnlose

Taten glänzt. Meine Geschichte soll der Wahrheit entsprechen,

es wird ihr vermutlich an Pathos fehlen, dafür

aber auch an leerer Rhetorik und schönem Schein. Deshalb

erzähle ich sie selbst.

Hier nun sind meine geheimen Aufzeichnungen. Ich

habe schon an die fünfzig Seiten geschrieben. Es kann

weitergehen! Ehe ich jedoch fortfahre, lese ich mir alles

wie immer nochmals durch, korrigiere Irrtümer

und füge den Ereignissen neue Erinnerungen hinzu, die

leicht und wie durch einen Zauber in mir auftauchen.

Wie im Märchen

Ich lese:

Ich heiße Christian, bin Lutheraner und um die dreißig

Jahre alt – genau weiß ich es nicht, habe aber keine Lust,

jemanden aus der Dienerschaft oder dem Hofstaat nach

meinem Geburtsjahr zu fragen. Zur Welt gekommen

bin ich in Kopenhagen, vermutlich im Königsschloss,

die ganze Stadt war verschneit, es war tiefer Winter …

Das war um die Mitte des 18. Jahrhunderts.

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Juliane Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel


Meine Mutter war Louise von Hannover, die erste

Ehefrau von Friedrich V., König von Dänemark, wie sich

versteht. An sie habe ich so gut wie keine Erinnerung,

weder an ihre Stimme noch an ihre Brüste, die mich gar

nicht gesäugt haben. Ich wurde nämlich sogleich einer

Amme anvertraut; ich erinnere mich an ihre weichen

Brüste, aus denen die Milch quoll, und an ihre Stimme,

mit der sie mich in den Schlaf sang. Meine Mutter starb,

als ich zwei Jahre alt war, was ich erst viel später erfuhr,

als sich mein Vater, der König, mit einer anderen Dame

verheiratete, einer sehr schönen, aber habgierigen und

herzlosen Frau, Juliane Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel;

von ihr werde ich, wenn auch höchst widerwillig,

bald ausführlicher berichten. Fürs Erste sage ich

nur, dass ich ein tiefes Unbehagen empfand, als ich diese

Frau kennenlernte. Sie schien den Mythen und Legenden

der alten skandinavischen Sänger zu entstammen

und war wie die Stiefmütter in den grausamen Märchen,

mit denen man den Kindern Angst einjagt.

Ein Jahr später, als meine Stiefmutter ihren Erstgeborenen

zur Welt brachte, bekam ich plötzlich hohes Fieber,

aber bestimmt nicht wegen dieser Geburt. Eiligst

wurde ein Arzt gerufen, der befand, dass es sich wahrscheinlich

um nichts Ernstes handelte, vielmehr um eine

normale Erscheinung der Entwicklungsjahre. Leider erwies

sich seine Diagnose als vollkommen falsch, denn

ich erholte mich erst nach Monaten, in denen ich halb

bewusstlos dahindämmerte.

Zunächst schien es, als wäre ich von dieser schrecklichen

Krankheit gänzlich geheilt; ich durfte hinaus in

den Park und mit den übrigen Kindern des Schlosses

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spielen, umherlaufen und wieder ein normales Leben

führen. Sogar reiten durfte ich, auf einem Fohlen, das

mir mein Vater zur Feier meiner Genesung geschenkt

hatte, zugeritten von den königlichen Stallmeistern.

Außerdem bekam ich, wie es sich für einen Prinzen geziemt,

einen Lehrer, der mir Schreiben beibringen und

mich in den Künsten, der Mathematik und der Philosophie

unterweisen sollte.

Es klingt seltsam, doch das Lernen gefiel mir und

befriedigte mich außerordentlich. Ich entdeckte meine

Begeisterung fürs Lesen und dafür, mit der Feder selbst

eine Geschichte zu erzählen. Mein Lehrer war geduldig

und verfügte über großes Wissen. Er erkundete mit mir

das gesamte Anwesen. Wir fuhren auf einem Boot über

kleine Wasserläufe bis zum Hafen voller Schiffe, die in

See stachen oder mit Matrosen und Reisenden beladen

an den Kais anlegten.

Von Zeit zu Zeit wurde mir schwarz vor Augen und

ich fiel in Ohnmacht. Mein Lehrer nahm mich in die

Arme, als wäre er mein Vater – von dem ich etwas Derartiges

nie erfahren hatte.

Nach jedem Anfall erschienen neue Gehirnspezialisten

und untersuchten mich. Oft berieten sich diese gelehrten

Männer und betasteten meinen Schädel, als wäre

er eine Melone, deren Reifegrad es zu prüfen galt.

Unweigerlich gerieten sich diese Leuchten der Wissenschaft

schließlich in die Haare und beschimpften sich

gegenseitig. Am Ende der Auseinandersetzung schlug

regelmäßig einer aus der Runde eine Schädeltrepanation

vor, um die Gase entweichen zu lassen, die gewiss die Gehirnwindungen

zusammenpressten und die Krankheit

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auslösten. Darüber wurde diskutiert, als wäre ich gar

nicht vorhanden, dachten sie doch, nur weil sie lateinische

Ausdrücke verwendeten, bräuchten sie auf mich

keine Rücksicht zu nehmen – bis ich schließlich die Nase

voll hatte und schrie: „Jetzt will ich Euch etwas sagen,

meine Herren Gelehrten! Ich bin ganz Eurer Meinung,

eine Trepanation ist wirklich die einzige Lösung, setzt

ruhig Euren Bohrer an, aber nicht an meinem Schädel,

sondern an Eurem Hintern!“ Keine besonders königliche

Ausdrucksweise …

An einem der seltenen Tage, an denen es mir etwas

besser ging, ritt ich auf dem Pferd, das mein Vater mir

geschenkt hatte, durch den Schlosspark von Frederiksberg.

Das Pferd scheute vor irgendetwas zurück und

bäumte sich ausgerechnet in dem Moment auf, als eine

Mutter mit ihrem Kind an der Hand den Weg querte.

Der Kleine erschrak und wollte weglaufen, stolperte

jedoch und fiel hin. Die Mutter hingegen blieb vor

Schreck wie angewurzelt stehen. Ich stieg ab, lief zu

dem Kind und half ihm auf. Die Frau verabschiedete sich

mit den Worten „Ich danke Euch vielmals, mein Prinz“.

Im Davonreiten hörte ich, wie der Kleine fragte: „Sag,

Mutter, ist das nicht der verrückte Sohn des Königs?“

„Still, mein Junge, er kann dich hören!“, erwiderte

die Mutter.

Auf diese Weise erfuhr ich, dass ich mittlerweile für

alle zum ersten Irren auf dem Königsthron geworden war.

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Eine Fiktion ist angenehmer als die Realität

Die Tage gingen dahin, ich hatte mich in meine Gemächer

zurückgezogen, die zum Schlosspark hin ausgerichtet

waren. Eines Abends ging ich über den Korridor zum

sogenannten bronzenen Bad und sah durchs Fenster, wie

mein Vater und meine Stiefmutter das Schloss verließen.

Sie trugen auffallende neue Kleider und strahlten übers

ganze Gesicht. Die neue Frau meines Vaters hatte kostbare

Ringe an den Fingern, wahrscheinlich aus dem Besitz

meiner Mutter, was mir besonders zuwider war und

wie Diebstahl vorkam. Der König war fröhlich, und

meine Stiefmutter lächelte unentwegt – eine Seltenheit

bei ihr. Ihre gute Laune weckte in mir den Wunsch, den

beiden zu folgen.

Ich bat den Kammerdiener, mir beim Anlegen des

Gala gewandes behilflich zu sein, dann nahm ich meinen

ganzen Mut zusammen und begab mich in den Empfangssaal,

gab einem Pagen den Auftrag, mir eine Kutsche zu

besorgen, worauf der jedoch erwiderte, zurzeit stehe keine

zur Verfügung. Ich aber erinnerte mich sehr genau daran,

dass sich ein zweispänniger Paradelandauer im Depot

befand. Dort traf ich auf den Oberkutscher und erfuhr

von ihm – indem ich mich eines Vorwands bediente –,

wohin mein Vater und die Königin gefahren waren. Ich

behauptete nämlich, der König habe sein Monokel vergessen,

das ich ihm unter allen Umständen bringen müsse.

Unterwegs verriet mir der Oberkutscher, dass meine

Eltern zur Eröffnung der Spielzeit ins städtische Theater

gefahren waren, das mein Vater höchstpersönlich hatte

erbauen lassen: das Königliche Theater von Kopenhagen.

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Ich betrat das Gebäude durch den Künstlereingang

und befand mich gleich auf der Hinterbühne. Maschinisten

und Beleuchtungstechniker beendeten gerade

den Bühnenaufbau; sie entzündeten die zahllosen Kerzen

auf den Lüstern, die sie anschließend emporhievten.

Dann erfuhr ich, dass eine Opera buffa im italienischen

Stil mit vielen Akrobaten, Tänzerinnen und natürlich

Sängern gegeben wurde. Ich begab mich in die Kulissenloge

des Bühnenmeisters, der mir seinen Sitz überlassen

wollte; ich jedoch bat ihn zu bleiben und mir einen

Stuhl zu besorgen. So konnte ich die Aufführung direkt

von der Bühne aus verfolgen.

Es war das erste Mal, dass ich einem Schauspiel beiwohnte,

und ich war überwältigt von den szenischen

Effekten, die aufeinanderfolgten wie auf einem Zauberkarussell.

Das Orchester spielte die Ouvertüre und

begleitete die Tanzeinlagen; es bestand aus unglaublich

vielen Musikern. Von einem Augenblick zum andern

änderte sich die Szenerie: Von oben wurden Prospekte

heruntergelassen, von den Seiten schoben sich Palastmauern

auf die Bühne, von unten stiegen Fenster und

Portale empor. Von meinem Platz aus konnte ich die

Maschinerie von allen Seiten beobachten. Sprachlos und

fasziniert entdeckte ich die technischen Tricks hinter

allen Veränderungen. Inmitten dieser Zauberwelt bewegten

sich Darsteller und Tänzer mit unglaublicher

Leichtigkeit. Mir wurde klar, dass es sich hier um ein

Gesamtkunstwerk handelte, bei dem Malerei, Maschinerie,

Musik und Tanz einer einzigen schöpferischen

Fantasie entstammten. Ich war, so viel steht fest, bis ins

Mark erschüttert.

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Ich weiß nicht, ob dieses Erlebnis oder etwas anderes für

eine weitere Krise verantwortlich waren, die volle zwei

Wochen andauerte. Als ich mich erholt hatte und wieder

klar denken konnte, erfuhr ich, dass mein Vater im Koma

lag. Wir hatten einen der strengsten Winter des Jahrhunderts,

und der König hatte bei einer Truppen parade dem

eisigen Wind nicht standgehalten. Bei seinem Tod war er

knapp über dreiundvierzig Jahre alt. Die Köni ginwitwe

brach in hemmungsloses Schluchzen aus und deutete sogar

an, sich vor Verzweiflung aus dem Fenster stürzen zu

wollen, doch wie ich genau sehen konnte, hatte sie sich

zuvor vergewissert, dass genügend Männer in der Nähe

standen, um sie allenfalls zurückzuhalten. Ich selbst empfand

vor dem Sarg meines Vaters keinen Schmerz; es gelang

mir nicht einmal, ein paar Tränen vorzutäuschen.

Ich gestehe, dass er für mich so gut wie ein Fremder war,

der mich aus reinem Zufall gezeugt hatte.

Dem König fehlt es komplett an Verstand

Nach dem Tod meines Vaters erlitt ich einen weiteren

Anfall, doch diesmal verweigerte ich dem Königlichen

Oberarzt den Zutritt, und mit ihm der Schar der gelehrten

Doktoren, die ununterbrochen an die Tür zu meinen

Gemächern klopften. In Wirklichkeit machte mir

meine Gleichgültigkeit angesichts des Todes meines Vaters

sehr zu schaffen, und das führte zu einer so heftigen

Krise, dass ich den Begräbnisfeierlichkeiten fernbleiben

musste – und beinahe dazu, dass ich doch daran teilgenommen

hätte: als zusätzliche Leiche nämlich. Durch

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die Vorhänge meines Schlafzimmers verfolgte ich, wie

die königliche Kutsche mit einem Gespann von schwarzen

Pferden das Schloss verließ.

Obwohl ich jede Orientierung verloren hatte, erinnere

ich mich genau an die Jahreszeit. Es war Ende Januar

1766, und ich bin sicher, dass ich kurz davor siebzehn

Jahre alt geworden war. Ich wurde zum König von Dänemark

und Norwegen gekrönt. Zahllose Kanonenschüsse

begleiteten das Ereignis, die Königliche Musikkappelle

intonierte Märsche und Hymnen. Viele Untertanen, vor

allem Frauen, waren so bewegt, dass sie weinten. Doch

mich selbst berührte das Ganze nicht im Geringsten. Da

wurde mir endgültig klar, dass ich verrückt sein musste.

Hoch lebe der König!

Ein alter Ratgeber meines Vaters trat zu mir und

sprach mich sehr höflich mit „Sire“ an. Tatsächlich, mit

„Sire“, wie in einer Tragödie für das Marionettentheater!

Er fuhr fort: „Wenn Ihr erlaubt, Majestät, würde ich

Euch gerne sagen, was meiner Meinung nach in diesem

Moment das Allerwichtigste ist.“

„Und zwar?“

„Ihr müsst Euch so schnell wie möglich verheiraten!“

„Wozu die Eile? Ich bin siebzehn!“

Darauf er: „Vergesst nicht, dass Ihr Verwandte habt,

nahe und entferntere, wie Euren Stiefbruder, den Sohn

der zweiten Frau Eures Vaters; die beiden haben keinen

dringenderen Wunsch, als Euren Platz auf dem Thron

einzunehmen, und deshalb müsst Ihr so rasch wie möglich

eine adlige Dame mit Eurem Samen befruchten,

damit sie Euch schnellstens einen Erben schenkt – nach

Möglichkeit einen männlichen.“

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Da durchfuhr mich ein Gedanke: „Großer Gott, es ist

wahr, ich bin König und habe keine Frau, nicht einmal eine

Mätresse! Und wer weiß, ob mein Samen reicht, um …“

Caroline Mathilde

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An dieser Stelle unterbricht Christian plötzlich seine Eintragungen

und schreibt in Großbuchstaben einen Satz, der keinen

Zweifel zulässt:

GENUG! ICH KANN NICHT MEHR! MIR GEHT

ES EINFACH ZU SCHLECHT …

Darf das denn wahr sein? Was sollen wir jetzt machen? Dieser

unberechenbare König lässt uns ausgerechnet in dem Moment

im Stich, in dem er kurz davorsteht, Caroline Mathilde von

Hannover kennenzulernen, keine Geringere als die Lieblingsschwester

des englischen Königs, Georg III., die für Christian

auserwählt worden ist.

Und wer soll nun die Liebesgeschichte so erzählen, wie sie

sich abgespielt hat?

Zu unserem Glück sind vor etwas mehr als einem halben

Jahrhundert in der Kopenhagener Nationalbibliothek Schriftstücke

aufgetaucht, die aus einer anderen Quelle stammen und

hervorragend die Lücke in Christians Aufzeichnungen füllen.

Es handelt sich um nichts Geringeres als um das unveröffentlichte

geheime Tagebuch von Prinzessin Caroline Mathilde, der

Braut Christians. Doch die Lektüre stellt uns vor ein weiteres

Problem: Die zukünftige Königin schreibt weder auf Englisch

noch in der Sprache des Hauses Hannover. Und noch dazu bedient

sie sich einer Geheimschrift, offenkundig in der Absicht,

ihre Eintragungen vor jedermann zu schützen. Doch einer Expertengruppe

gelang es, dank ihres außerordentlichen Einsatzes,

den Code zu entschlüsseln und uns den Text zugänglich zu machen.

Lest selbst.

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„Mein Christian ist unbeschreiblich schön … Schade nur, dass

er etwas sonderbar ist.“

Aufgepasst, nun spricht Caroline Mathilde von Hannover selbst:

16. Februar 1766

In Begleitung meines älteren Bruders und meiner Mutter

schiffte ich mich im Hafen von London ein, dem

größten der Welt. Das königliche Schiff, das mich nach

Dänemark bringen sollte, segelte unter einer steifen,

aber gleichmäßigen Brise, sodass ich mich mit meiner

Kammerfrau, die der kommenden Begegnung noch bei

Weitem aufgeregter entgegensah als ich selbst, auf dem

Bug aufhalten konnte.

Ich verstand es nicht. Noch auf der Leiter zur Kommandobrücke

fragte ich meine Mutter, weshalb ich gar so

eilig zu Christian geschickt wurde; vor allem wollte ich

wissen, warum er mir nicht diese Reise ersparte und selbst

nach London kam, wenn er mich kennenlernen wollte.

Meine Mutter antwortete: „Du vergisst wohl, meine

Liebe, dass es sich bei deinem voraussichtlichen

Ehemann per Zufall um den absoluten Herrscher über

Dänemark und Norwegen handelt, dass er außerdem

ein Reich mit Kolonien in Afrika, der Karibik und Indien

regiert, und eine Armee samt Marine unter seinem

Kommando stehen!“

„Allerhand … Und er ist wirklich erst achtzehn?“

„Ja, meine Liebe, zwei Jahre älter als du.“

In Wirklichkeit konnten mich die Antworten meiner

Mutter nicht überzeugen. Laut fragte ich mich nach dem

Grund für dieses übereilte Treffen. Ich werde Christian

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ein paar Stunden sehen, und dann soll ich mein ganzes

Leben mit ihm verbringen. Was soll ich in der kurzen

Zeit über seinen Charakter erfahren, was über sein Wesen?

Wie soll ich sagen können: „Er ist der Richtige! So

habe ich ihn mir immer vorgestellt!“

Wie soll das gehen? Wenn ich kaum Zeit habe, mich

mit ihm zu unterhalten, ihn kennenzulernen. „Liebling,

ist es dir lieber, dass wir die ganze Nacht im selben Bett

verbringen, oder nur, um miteinander zu schlafen, und

anschließend geht jeder in sein eigenes Bett zurück und

schnarcht alleine?“

Meine Kammerfrau, Louise von Plessen, lachte amüsiert,

dann meinte sie: „Also gut, ich werde dir sagen,

was ich weiß und dir schon aus persönlicher Hochachtung

auf keinen Fall verschweigen darf … Meine Liebe,

diese Ehe zwischen zwei jungen Leuten, die sich hoffentlich

bis über beide Ohren ineinander verlieben werden,

ist in erster Linie ein Vertrag, ein hochwichtiges

Geschäft zum Vorteil des britischen wie des dänischen

Königreichs! Aber da manche deiner Angehörigen wie

die deines Bräutigams dieses Geschäft mit aller Macht

zu vereiteln suchen und eine andere, für sie vorteilhaftere

Verbindung planen, heißt es entschlossen und rasch

zu handeln. Doch da wäre noch ein weiterer Grund für

diese Eile: Dein zukünftiger Mann ist nämlich zurzeit

nicht bei bester Gesundheit.“

„Oh Gott“, entfuhr es mir, „was fehlt ihm denn?“

„Der Verstand, meine Liebe! Oft ist er ganz normal,

manchmal jedoch wie von Sinnen!“

„Aha! Und das erzählt Ihr mir jetzt?“

„Tja, so ist das eben, les affaires sont les affaires …

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