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Märchengut


Märchengut


Märchengut


Märchengut


Märchengut

Für Kinder, Eltern und Großeltern

The Best Fairy Tales

For Children, Parents and Grandparents

Aus der Bücherei von

From the library of

ILLUSTRATIONEN

Illustrations by

KATJA MACKENS-HASSLER

Märchengut

BEARBEITUNG, LAYOUT & SATZ

Design, typography & production by

ANJA WEGNER

Limitierte Auflage


Märchengut


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Zum Geleit.

Introduction.

Es war einmal … schon drei kleine Wörter reichen bis zum heutigen Tag

aus, um generationsübergreifend spannungsvolle Erwartungshaltung

und Neugier auszulösen, aber auch Erinnerungen an unbeschwerte Kindheitstage

und die Menschen, mit denen sie geteilt wurden. Auch, wenn

die bekannten Märchenklassiker heute als Werkzeug für pädagogische

Zwecke keine signifikante Rolle mehr spielen, sichert ihnen doch ein oft

klar gehaltenes moralisches Koordinatensystem eine zeitlose Gültigkeit.

Gut und Böse, Angst und Mut, Gier und Gerechtigkeit – vieles lässt sich

auch heute noch in eine gesellschaftliche Verhältnismäßigkeit setzen, und

das nicht nur für Kinder.

Once upon a time ... To this day these three little words evoke a

sense of excitement and curiosity, as well as memories of carefree

childhood days and the people with whom we shared them. While

classic fairy tales no longer play the significant educational role

they once did, the moral conflicts their stories contain are timelessly

appealing. The duality of good and evil, fear and courage, greed

and justice, still retains its social validity, not only for children.

Einiges ist aber auch über die Jahre verblasst und verwittert, Details mit

den Märchenbüchern der Kindheit verlegt oder verloren und nicht selten

fehlen Zeit und Muße, sich den in Kindheitstagen bewunderten Heldinnen

und Helden erneut zu widmen. Die vorliegende Auswahl folgt keiner

geringeren Aufgabe, als das verbindende Moment der bedeutendsten

Märchen gesammelt zugänglich zu machen und zu fördern: ein gemeinsames

Zeitnehmen füreinander, für das begeisterte Wiederentdecken und

ein achtsames Weitergeben der eindrücklichen inneren Abenteuer an die

nachfolgenden Generationen.

Märchengut

Often lost or misplaced with the storybooks of childhood years, details

faded in our minds over the years… And not infrequently,

we lack moments of calm to devote to our childhood heroines and

heroes. This selection of classic fairy tales aims to put these stories


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back in our hands, so that we can take time to go on adventures

together and share our enthusiasm and wonder with coming generations.

Die 30 ausgewählten Märchenklassiker von Grimm und Andersen wurden

von zwei Märchenbegeisterten sorgsam zusammengestellt und mit

viel Liebe zum Detail lesefreundlich gestaltet. Die absatzweise verwobene

Zweisprachigkeit ermutigt zu einem einfachen Wechseln zwischen Deutsch

und Englisch. Über viele Jahre entstanden die eigens für diese streng limitierte

Prachtausgabe angefertigten Illustrationen, um auch noch in nachfolgenden

Generationen die gemeinsam entdeckten Märchenwelten der

kleinen und großen Leserinnen und Leser mit Schmunzeln, Spannung

und Leben zu füllen. Gedruckt auf edlem Papier aus nachhaltiger Produktion,

um selbst jahrelanges, eifriges Blättern zu überdauern.

Great attention to detail has gone in to this compilation of thirty

fairy-tale classics from Grimm and Andersen and its readerfriendly

design. The interweaving of English and German, allows

readers – if they wish – to easily familiarise themselves with translation

and how these stories take on a slightly different edge in

another language. The magical illustrations were specially drawn

and painted over the course many years, made to bring the

worlds of these fairy tales to life and light up the faces of young and

old readers with smiles. Printed on fine paper from sustainable

production to survive many years of eager page turning of this

limited edition.

Willkommen in Märchengut, einem märchenhaften Kulturgut: vielleicht

dem Anfang Ihrer persönlichen Geschichte. Darin ein fortwährendes

Entdecken, Bezaubern und Teilen wünschen Ihnen von Herzen

Märchengut

Welcome to the fabulous cultural gem called Märchengut!

May it spark you to tap deeper into your own personal treasure

trove. Wishing you endless discoveries and enchantment,

&


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Inhalt.

Seite 10

ROTKÄPPCHEN – LITTLE RED RIDING HOOD

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 22

HANS IM GLÜCK – HANS IN LUCK

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 38

FRAU HOLLE – MOTHER HOLLE

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 48

DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN – THE VALIANT LITTLE TAILOR

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 70

SCHNEEWITTCHEN – SNOW WHITE

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 96

DIE BREMER STADTMUSIKANTEN – THE TRAVELLING MUSICIANS

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 106

KÖNIG DROSSELBART – KING THRUSHBEARD

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 118

VOM FISCHER UND SEINER FRAU – THE FISHERMAN AND HIS WIFE

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut

Seite 142

DORNRÖSCHEN – LITTLE BRIAR ROSE

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 150

DER WOLF UND DIE SIEBEN JUNGEN GEISSLEIN –

THE WOLF AND THE SEVEN YOUNG KIDS

Jacob and Wilhelm Grimm


-- 8 --

Seite 158

HÄNSEL UND GRETEL – HANSEL AND GRETEL

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 178

DAUMESDICK – TOM THUMB

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 194

RUMPELSTILZCHEN – RUMPELSTILTSKIN

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 204

DIE PRINZESSIN AUF DER ERBSE – THE PRINCESS AND THE PEA

Hans Christian Andersen

Seite 208

DAS HÄSSLICHE ENTLEIN – THE UGLY DUCKLING

Hans Christian Andersen

Seite 232

DER GESTIEFELTE KATER – PUSS IN BOOTS

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 244

TISCHCHEN DECK DICH, GOLDESEL UND KNÜPPEL AUS DEM SACK –

THE WISHING-TABLE, THE GOLD-ASS, AND THE CUDGEL IN THE SACK

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 268

DAS LUMPENGESINDEL – THE PACK OF RAGAMUFFINS

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut

Seite 274

DIE STERNTALER – THE STAR TALERS

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 278

DER FROSCHKÖNIG ODER DER EISERNE HEINRICH –

THE FROG KING OR IRON HENRY

Jacob and Wilhelm Grimm


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Seite 288

DER HASE UND DER IGEL

THE HARE AND THE HEDGEHOG

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 300

DES KAISERS NEUE KLEIDER – THE EMPEROR’S NEW CLOTHES

Hans Christian Andersen

Seite 312

DER SÜßE BREI – SWEET PORRIDGE

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 316

ASCHENPUTTEL – ASHPUTTEL

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 334

DÄUMELINCHEN – THUMBELINA

Hans Christian Andersen

Seite 360

DIE GOLDENE GANS – THE GOLDEN GOOSE

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 370

SCHNEEWEIßCHEN UND ROSENROT

SNOW-WHITE AND ROSE-RED

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 386

DIE KLEINE SEEJUNGFRAU – THE LITTLE MERMAID

Hans Christian Andersen

Märchengut

Seite 438

RAPUNZEL – RAPUNZEL

Jacob and Wilhelm Grimm

Seite 448

DER STANDHAFTE ZINNSOLDAT – THE BRAVE TIN SOLDIER

Hans Christian Andersen


Rotkäppchen.

C

Little Red Riding Hood.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


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s war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann

lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter,

die wusste gar nicht, was sie alles dem Kinde geben

sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem

Sammet, und weil ihm das so wohl stand und es nichts anders

mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen.

Once upon a time there was a dear little girl who was loved by

everyone who looked at her, but most of all by her grandmother,

and there was nothing that she would not have given to the child.

Once she gave her a little cap of red velvet, which suited her so well

that she would never wear anything else; so she was always called

Little Red Riding Hood.

Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm: „Komm, Rotkäppchen, da hast

du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter

hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich

auf, bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch

sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das

Glas, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst,

so vergiss nicht, guten Morgen zu sagen, und guck nicht erst in alle Ecken

herum.“

One day her mother said to her, ‘Come, Little Red Riding Hood,

here is a piece of cake and a bottle of wine; take them to your

grandmother, she is ill and weak, and they will do her good. Set out

before it gets hot, and when you are going, walk nicely and quietly

and do not run off the path, or you may fall and break the bottle,

and then your grandmother will get nothing; and when you go into

her room, don’t forget to say, “Good morning”, and don’t peep into

every corner before you do it.’

Märchengut

„Ich will schon alles gut machen“, sagte Rotkäppchen zur Mutter und gab

ihr die Hand darauf. Die Großmutter aber wohnte draußen im Wald,

eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam,

begegnete ihm der Wolf. Rotkäppchen aber wusste nicht, was das für ein

böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor ihm.


-- 12 --

‘I will take great care’, said Little Red Riding Hood to her mother,

and gave her hand on it. The grandmother lived out in the wood,

half a league from the village, and just as Little Red Riding Hood

entered the wood, a wolf met her. Little Red Riding Hood did not

know what a wicked creature he was, and was not at all afraid of

him.

„Guten Tag, Rotkäppchen“, sprach er.

„Schönen Dank, Wolf.“

„Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?“

„Zur Großmutter.“

„Was trägst du unter der Schürze?“

„Kuchen und Wein: Gestern haben wir gebacken, damit soll sich die

kranke und schwache Großmutter etwas zugut tun und sich damit stärken.“

„Rotkäppchen, wo wohnt deine Großmutter?“

„Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen

Eichbäumen, da steht ihr Haus, unten sind die Nusshecken, das wirst du

ja wissen,“ sagte Rotkäppchen.

‘Good day, Little Red Riding Hood,’ said he.

‘Thank you kindly, wolf.’

‘Whither away so early, Little Red Riding Hood?’

‘To my grandmother’s.’

‘What have you got in your apron?’

‘Cake and wine; yesterday was baking-day, so poor sick

grandmother is to have something good, to make her stronger.’

‘Where does your grandmother live, Little Red Riding Hood?’

‘A good quarter of a league farther on in the wood; her house

stands under the three large oak-trees, the nut-trees are just below;

you surely must know it,’ replied Little Red Riding Hood.

Märchengut

Der Wolf dachte bei sich: „Das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen,

der wird noch besser schmecken als die Alte; du musst es listig anfangen,

damit du beide erschnappst.“ Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen


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her, dann sprach er: „Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die

ringsumher stehen, warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst

gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen. Du gehst ja für dich hin, als

wenn du zur Schule gingst, und es ist so lustig draußen in dem Wald.“

The wolf thought to himself, ‘What a tender young creature! What

a nice plump mouthful – she will be better to eat than the old

woman. I must act craftily, so as to catch both.’ So he walked for

a short time by the side of Little Red Riding Hood, and then he

said, ‘See, Little Red Riding Hood, how pretty the flowers are about

here – why do you not look round? I believe, too, that you do not

hear how sweetly the little birds are singing; you walk gravely along

as if you were going to school, while everything else out here in the

wood is merry.’

Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die Sonnen strahlen

durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll schöner Blumen stand,

dachte es: „Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe,

der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, dass ich doch zur

rechten Zeit ankomme“, lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte

Blumen. Und wenn es eine Blume gepflückt hatte, meinte es, weiter hinaus

stände eine noch schönere, und so geriet es immer tiefer in den Wald

hinein.

Little Red Riding Hood raised her eyes, and when she saw the

sunbeams dancing here and there through the trees, and pretty

flowers growing everywhere, she thought, ‘Suppose I take grandmother

a fresh nosegay; that would please her too. It is so early in

the day that I shall still get there in good time’; and so she ran from

the path into the wood to look for flowers. And whenever she had

picked one, she fancied that she saw a still prettier one farther on,

and ran after it, and so got deeper and deeper into the wood.

Märchengut

Der Wolf aber ging geradewegs zu dem Haus der Großmutter und klopfte

an die Türe. „Wer ist draußen?“

„Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf.“

„Drück nur auf die Klinke“, rief die Großmutter, „ich bin zu schwach und

kann nicht aufstehen.“


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„Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“

„Dass ich dich besser hören kann.“

„Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“

„Dass ich dich besser sehen kann.“

„Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“

„Dass ich dich besser packen kann.“

„Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“

„Dass ich dich besser fressen kann.“

Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette

und verschlang das arme Rotkäppchen.

‘Oh! Grandmother,’ she said, ‘what big ears you have!’

‘The better to hear you with, my child’, was the reply.

‘But, grandmother, what big eyes you have!’ she said.

‘The better to see you with, my dear.’

‘But, grandmother, what large hands you have!’

‘The better to hug you with.’

‘But, grandmother, what a terrible big mouth you have!’

‘The better to eat you with.’

And scarcely had the wolf said this, than with one bound he was

out of bed and swallowed up Little Red Riding Hood.

Wie der Wolf nun seinen Hunger gestillt hatte, legte er sich wieder ins

Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen. Der Jäger ging eben

an dem Haus vorbei und dachte: „Wie die alte Frau schnarcht, du musst

doch sehen, ob ihr etwas fehlt.“ Da trat er in die Stube, und wie er vor das

Bette kam, so sah er, dass der Wolf darin lag. „Finde ich dich hier, du alter

Sünder“, sagte er, „ich habe dich lange gesucht.“

When the wolf had appeased his appetite, he lay down again in

the bed, fell asleep and began to snore very loudly. The huntsman

was just passing the house, and thought to himself, ‘How the old

woman is snoring! I must just see if she wants anything.’ So he went

into the room, and when he came to the bed, he saw that the wolf

was lying in it. ‘Do I find you here, you old sinner!’ said he. ‘I have

long sought you!’

Märchengut


Märchengut


-- 18 --

Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die

Großmutter gefressen haben und sie wäre noch zu retten: schoss nicht,

sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch

aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote

Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen

heraus und rief: „Ach, wie war ich erschrocken, wie war’s so dunkel in

dem Wolf seinem Leib!“

Then just as he was going to fire at him, it occurred to him that the

wolf might have devoured the grandmother, and that she might

still be saved, so he did not fire, but took a pair of scissors, and

began to cut open the stomach of the sleeping wolf. When he had

made two snips, he saw the Little Red Riding Hood shining, and

then he made two snips more, and the little girl sprang out, crying,

‘Ah, how frightened I have been! How dark it was inside the wolf!’

Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte

kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten

sie dem Wolf den Leib. Und wie er aufwachte, wollte er fortspringen,

aber die Steine waren so schwer, dass er gleich niedersank und sich totfiel.

And after that the aged grandmother came out alive also, but

scarcely able to breathe. Little Red Riding Hood, however, quickly

fetched great stones with which they filled the wolf ’s belly, and

when he awoke, he wanted to run away, but the stones were so

heavy that he collapsed at once, and fell dead.

Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging

damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den

Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rotkäppchen aber

dachte: „Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den

Wald laufen, wenn dir’s die Mutter verboten hat.“

Märchengut


-- 19 --

Then all three were delighted. The huntsman drew off the wolf ’s

skin and went home with it; the grandmother ate the cake and

drank the wine which Little Red Riding Hood had brought, and

revived, but Little Red Riding Hood thought to herself, ‘As long as

I live, I will never by myself leave the path, to run into the wood,

when my mother has forbidden me to do so.’

Es wird auch erzählt, dass einmal, als Rotkäppchen der alten Groß mutter

wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf es angesprochen und vom

Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging gerade

fort seines Wegs und sagte der Großmutter, dass es dem Wolf begegnet

wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt

hätte: „Wenn’s nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“„Komm“,

sagte die Großmutter, „wir wollen die Türe verschließen,

dass er nicht herein kann.“

It is also related that once when Little Red Riding Hood was again

taking cakes to the old grandmother, another wolf spoke to her,

and tried to entice her from the path. Little Red Riding Hood,

however, was on her guard, and went straight forward on her way,

and told her grandmother that she had met the wolf, and that he

had said ‘good morning’ to her, but with such a wicked look in his

eyes, that if they had not been on the public road she was certain

he would have eaten her up.

‘Well,’ said the grandmother, ‘we will shut the door, that he may

not come in.’

Märchengut


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Bald danach klopfte der Wolf an und rief: „Mach auf, Großmutter, ich

bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“ Sie schwiegen aber still

und machten die Türe nicht auf. Da schlich der Graukopf etliche Male um

das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäppchen

abends nach Hause ginge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollt’s

in der Dunkelheit fressen.

Soon afterwards the wolf knocked, and cried, ‘Open the door,

grandmother, I am Little Red Riding Hood, and am bringing

you some cakes.’ But they did not speak, or open the door, so

the grey-beard stole twice or thrice round the house, and at last

jumped on the roof, intending to wait until Little Red Riding Hood

went home in the evening, and then to steal after her and devour

her in the darkness.

Aber die Großmutter merkte, was er im Sinne hatte. Nun stand vor dem

Haus ein großer Trog, da sprach sie zu dem Kind: „Nimm den Eimer,

Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin

sie gekocht sind, in den Trog.“ Rotkäppchen trug so lange, bis der große,

große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf

in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals

so lang, dass er sich nicht mehr halten konnte und anfing zu rutschen.

So rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein, und

ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und niemand tat ihm

etwas zuleide.

But the grandmother saw what was in his thoughts. In front of the

house was a great trough, so she said to the child, ‘Take the pail,

Little Red Riding Hood; I made some sausages yesterday, so carry

the water in which I boiled them to the trough.’ Little Red Riding

Hood carried until the great trough was quite full. Then the smell

of the sausages reached the wolf, and he sniffed and peeped down,

and at last stretched out his neck so far that he could no longer

keep his footing and began to slip, and slipped down from the roof

straight into the great trough, and was drowned. But Little Red

Riding Hood went joyously home, and no one ever did anything to

harm her again.

Märchengut


Das Ende.

The End.

Märchengut


Hans im Glück.

C

Hans in Luck.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 23 --

ans hatte sieben Jahre bei seinem Herrn gedient, da sprach

er zu ihm: „Herr, meine Zeit ist herum, nun möchte ich

gerne wieder heim zu meiner Mutter, gebt mir meinen

Lohn.“ Der Herr antwortete: „Du hast mir treu und ehrlich

gedient, wie der Dienst war, so soll der Lohn sein“, und gab

ihm ein Stück Gold, das so groß wie Hansens Kopf war.

Hans had served his master for seven years, so he said to him,

‘Master, my time is up, now I should be glad to go back home to

my mother, give me my wages.’ And the master answered, ‘You

have served me faithfully and honestly, as the service was so shall

the reward be.’ Then he gave him a lump of gold as a big as his

head.

Hans zog sein Tüchlein aus der Tasche, wickelte den Klumpen hinein,

setzte ihn auf die Schulter und machte sich auf den Weg nach Haus. Wie

er so dahinging und immer ein Bein vor das andere setzte, kam ihm ein

Reiter entgegen, der frisch und fröhlich auf einem munteren Pferd vorbeitrabte.

„Ach“, sprach Hans ganz laut, „was ist das Reiten ein schönes Ding! Da

sitzt einer wie auf einem Stuhl, stößt sich an keinem Stein, spart die Schuh

und kommt fort, er weiß nicht wie.“

Hans pulled his handkerchief out of his pocket, wrapped up the

lump in it, put it on his shoulder, and set out on the way home.

As he went on, always putting one foot before the other, he saw a

horseman trotting quickly and merrily by on a lively horse.

‘Ah!’ said Hans quite loud, ‘what a fine thing that riding is! There

you sit as on a chair, you stumble over no stones, you save your

shoes, and cover the ground, you don’t know how’.

Märchengut

Der Reiter, der das gehört hatte, hielt an und rief: „Ei, Hans, warum läufst

du auch zu Fuß?“

„Ich muss ja wohl“, antwortete er, „da hab ich einen Klumpen heim zu

tragen. Es ist zwar Gold, aber ich kann den Kopf dabei nicht gerade

halten; auch drückt mir’s auf die Schulter.“

„Weißt du was“, sagte der Reiter, „wir wollen tauschen: Ich gebe dir mein

Pferd, und du gibst mir deinen Klumpen.“


-- 24 --

The rider, who had heard him, stopped and called out, ‘Hi, there,

Hans, why do you go on foot, then?’

‘I must,’ answered he, ‘for I have this lump to carry home, it is true

that it is gold, but I cannot hold my head straight for it, and it hurts

my shoulder.’

‘I will tell you what,’ said the rider, ‘we will exchange, I will give

you my horse, and you can give me your lump.’

„Von Herzen gern“, sprach Hans, „aber ich sage Euch, Ihr müßt Euch

damit schleppen.“

Der Reiter stieg ab, nahm das Gold und half dem Hans hinauf, gab ihm

die Zügel fest in die Hände und sprach: „Wenn’s nun recht geschwind soll

gehen, so musst du mit der Zunge schnalzen und hopp, hopp rufen.“

‘With all my heart,’ said Hans, ‘but I can tell you, you will have to

crawl along with it.’

The rider got down, took the gold, and helped Hans up, then gave

him the bridle tight in his hands and said, ‘If you want to go at a

really good pace, you must click your tongue and call out, jup, jup.’

Hans war seelenfroh, als er auf dem Pferde saß und so frank und frei

dahinritt. Über ein Weilchen fiel’s ihm ein, es sollte noch schneller gehen,

und er fing an mit der Zunge zu schnalzen und hopp hopp zu rufen.

Das Pferd setzte sich in starken Trab, und ehe sich’s Hans versah, war er

abgeworfen und lag in einem Graben, der die Äcker von der Landstraße

trennte.

Hans was heartily delighted as he sat upon the horse and rode

away so bold and free. After a little while he thought that it ought

to go faster, and he began to click with his tongue and call out,

jup, jup. The horse put himself into a sharp trot, and before Hans

knew where he was, he was thrown off and lying in a ditch which

separated the field from the highway.

Märchengut


Märchengut


-- 26 --

Das Pferd wäre auch durchgegangen, wenn es nicht ein Bauer aufgehalten

hätte, der des Weges kam und eine Kuh vor sich her trieb. Hans suchte

seine Glieder zusammen und machte sich wieder auf die Beine. Er war

aber verdrießlich und sprach zu dem Bauer: „Es ist ein schlechter Spaß,

das Reiten, zumal wenn man auf so eine Mähre gerät wie diese, die stößt

und einen herabwirft, dass man sich den Hals brechen kann; ich setze mich

nun und nimmermehr wieder drauf. Da lob ich mir Eure Kuh, da kann

einer mit Gemächlichkeit hinterher gehen und hat obendrein seine Milch,

Butter und Käse jeden Tag gewiss. Was gäb’ ich darum, wenn ich so eine

Kuh hätte!“

The horse would have gone off too if it had not been stopped by a

countryman, who was coming along the road and driving a cow

before him. Hans pulled himself together and stood up on his legs

again. He was vexed, and said to the countryman, ‘It is a poor

joke, this riding, especially when one gets hold of a mare like this,

that kicks and throws one off, so that one has a chance of breaking

one’s neck. Never again will I mount it. Now I like your cow, for one

can walk quietly behind her, and have, over and above, one’s milk,

butter and cheese every day without fail. What would I give to have

such a cow!’

„Nun“, sprach der Bauer, „geschieht Euch so ein großer Gefallen, so will

ich Euch wohl die Kuh gegen das Pferd eintauschen.“ Hans willigte mit

tausend Freuden ein; der Bauer schwang sich aufs Pferd und ritt eilig

davon.

‘Well,’ said the countryman, ‘if it would give you so much pleasure,

I do not mind giving the cow for the horse.’ Hans agreed with the

greatest delight, the countryman jumped upon the horse, and rode

quickly away.

Märchengut


-- 27 --

Hans trieb seine Kuh ruhig vor sich her und bedachte den glücklichen

Handel. „Hab ich nur ein Stück Brot, und daran wird mir’s doch nicht

fehlen, so kann ich, so oft mir’s beliebt, Butter und Käse dazu essen; hab

ich Durst, so melk’ ich meine Kuh und trinke Milch. Herz, was verlangst

du mehr?“

Hans drove his cow quietly before him, and thought over his lucky

bargain. ‘If only I have a morsel of bread – and that can hardly fail

me – I can eat butter and cheese with it as often as I like, if I am

thirsty, I can milk my cow and drink the milk. My goodness, what

can I wish for more?’

Als er zu einem Wirtshaus kam, machte er Halt, aß in der großen Freude

alles, was er bei sich hatte, sein Mittag- und Abendbrot, rein auf, und ließ

sich für seine letzten paar Heller ein halbes Glas Bier einschenken. Dann

trieb er seine Kuh weiter, immer nach dem Dorfe seiner Mutter zu. Die

Hitze ward drückender, je näher der Mittag kam, und Hans befand sich

in einer Heide, die wohl noch eine Stunde dauerte. Da ward es ihm ganz

heiß, so dass ihm vor Durst die Zunge am Gaumen klebte.

When he came to an inn he made a halt, and in his great joy ate

up what he had with him – his lunch and dinner – and all he had,

and with his last few pennies had half a glass of beer. Then he

drove his cow onwards along the road to his mother’s village. But

the heat grew greater as soon as noon came on, till at last, as he

found himself on a wide heath that would take him more than an

hour to cross. He felt it very hot and his tongue clave to the roof of

his mouth with thirst.

„Dem Ding ist zu helfen“, dachte Hans, „jetzt will ich meine Kuh melken

und mich an der Milch laben.“ Er band sie an einen dürren Baum und

stellte, da er keinen Eimer hatte, seine Ledermütze unter, aber so sehr er

sich auch bemühte, es kam kein Tropfen Milch zum Vorschein.

Märchengut

‘I can find a cure for this,’ thought he, ‘now I will milk my cow and

quench my thirst’. He tied her to a withered tree, and as he had no

pail he put his leather cap underneath, but try as he would, not a

drop of milk came.


Märchengut


-- 29 --

Und weil er sich ungeschickt dabei anstellte, so gab ihm das ungeduldige

Tier endlich mit einem der Hinterfüße einen solchen Schlag vor den Kopf,

dass er zu Boden taumelte und eine Zeit lang sich gar nicht besinnen

konnte, wo er war. Glücklicherweise kam gerade ein Metzger des Weges,

der auf einem Schubkarren ein junges Schwein liegen hatte.

And as he set himself to work in a clumsy way, the impatient beast

at last gave him such a blow on his head with its hind foot, that

he fell on the ground, and for a long time could not think where

he was. Luckily a butcher just then came along the road with a

wheel-barrow, in which lay a young pig.

„Was sind das für Streiche!“ rief er und half dem guten Hans auf. Hans

erzählte, was vorgefallen war. Der Metzger reichte ihm seine Flasche und

sprach: „Da trinkt einmal und erholt Euch. Die Kuh will wohl keine Milch

geben, das ist ein altes Tier, das höchstens noch zum Ziehen taugt oder

zum Schlachten.“

‘What sort of a trick is this,’ cried he, and helped the good Hans

up. Hans told him what had happened. The butcher gave him his

flask and said, ‘Take a drink and refresh yourself. The cow will

certainly give no milk, it is an old beast, at the best it is only fit for

the plough, or for the butcher.’

„Ei, ei“, sprach Hans und strich sich über die Haare. „Wer hätte das gedacht!

Es ist freilich gut, wenn man so ein Tier im Haus abschlachten

kann, was gibt’s für Fleisch! Aber ich mache mir aus dem Kuhfleisch nicht

viel, es ist mir nicht saftig genug. Ja, wer so ein junges Schwein hätte! Das

schmeckt anders, dabei noch die Würste.“

‘Well, well,’ said Hans, as he stroked his hair down on his head,

‘who would have thought it. Certainly it is a fine thing when one

can kill a beast like that at home, what meat one has. But I do

not care much for beef, it is not juicy enough for me. A young pig

like that now is the thing to have, it tastes quite different, and then

there are the sausages.’

Märchengut


„Hört, Hans“, sprach da der Metzger, „Euch zuliebe will ich tauschen und

will Euch das Schwein für die Kuh lassen.“

„Gott lohn Euch Eure Freundschaft“, sprach Hans, übergab ihm die Kuh,

ließ sich das Schweinchen vom Karren losmachen und den Strick, an den

es gebunden war, in die Hand geben.

‘Listen, Hans,’ said the butcher, ‘out of love for you I will exchange,

and will let you have the pig for the cow.’

‘Heaven repay you for your kindness,’ said Hans as he gave up the

cow, whilst the pig was unbound from the barrow, and the cord by

which it was tied was put in his hand.

Hans zog weiter und überdachte, wie ihm doch alles nach Wunsch ginge;

begegnete ihm ja eine Verdrießlichkeit, so würde sie doch gleich wieder

gut gemacht. Es gesellte sich danach ein Bursch zu ihm, der trug eine

schöne weiße Gans unter dem Arm. Sie unterhielten sich eine Weile, und

Hans fing an, von seinem Glück zu erzählen und wie er immer so vorteilhaft

getauscht hätte. Der Bursch erzählte ihm, dass er die Gans zu einem

Kindtaufschmaus brächte.

Märchengut

Hans went on, and thought to himself how everything was going

just as he wished, if he did meet with any vexation it was immediately

set right. Presently there joined him a lad who was carrying

a fine white goose under his arm. They said good morning to each

other, and Hans began to tell of his good luck, and how he had

always made such good bargains. The lad told him that he was

taking the goose to a christening-feast.


-- 31 --

„Hebt einmal“, fuhr er fort und packte sie bei den Flügeln, „wie schwer

sie ist, die ist aber auch acht Wochen lang genudelt worden. Wer in den

Braten beißt, muss sich das Fett von beiden Seiten abwischen.“

„Ja“, sprach Hans und wog sie mit der einen Hand, „die hat ihr Gewicht,

aber mein Schwein ist auch keine Sau.“

‘Just lift her,’ added he, ‘and laid hold of her by the wings, how

heavy she is – she has been fattened up for the last eight weeks.

Whosoever has a bit of her when she is roasted will have to wipe

the fat from both sides of his mouth.’

‘Yes,’ said Hans, as he weighed her in one hand, ‘she is a good

weight, but my pig is not bad either.’

Indessen sah sich der Bursch nach allen Seiten ganz bedenklich um,

schüttelte auch wohl mit dem Kopf.

„Hört“, fing er darauf an, „mit Eurem Schweine mag’s nicht so ganz

richtig sein. In dem Dorfe, durch das ich gekommen bin, ist eben dem

Schulzen eins aus dem Stall gestohlen worden. Ich fürchte, ich fürchte,

Ihr habt’s da in der Hand. Sie haben Leute ausgeschickt, und es wäre ein

schlimmer Handel, wenn sie Euch mit dem Schwein erwischten; das Geringste

ist, dass Ihr ins finstere Loch gesteckt werdet.“

Meanwhile the lad looked suspiciously from one side to the other,

and shook his head.

‘Listen!’ he said at length, ‘it may not be all right with your pig.

In the village through which I passed, the mayor himself had just

had one stolen out of its sty. I fear, I fear that you have got hold of

it there. They have sent out some people and it would be a bad

business if they caught you with the pig, at the very least, you

would be shut up in the dark hole.’

Märchengut

Dem guten Hans ward bang. „Ach Gott“, sprach er, „helft mir aus der Not,

Ihr wisst hier herum besser Bescheid, nehmt mein Schwein da und lasst

mir Eure Gans.“

The good Hans was terrified. ‘Goodness,’ he said, ’help me out of

this distress, you know more about this place than I do, take my pig

and leave me your goose.’


-- 36 --

Indessen, weil er seit Tagesanbruch auf den Beinen gewesen war, begann

er müde zu werden; auch plagte ihn der Hunger, da er allen Vorrat auf

einmal in der Freude über die erhandelte Kuh aufgezehrt hatte. Er konnte

endlich nur mit Mühe weitergehen und musste jeden Augenblick Halt

machen; dabei drückten ihn die Steine ganz erbärmlich. Da konnte er sich

des Gedankens nicht erwehren, wie gut es wäre, wenn er sie gerade jetzt

nicht zu tragen brauchte.

Meanwhile, as he had been on his legs since daybreak, he began to

feel tired. Hunger also tormented him, for in his joy at the bargain

by which he got the cow he had eaten up all his store of food

at once. At last he could only go on with great trouble, and was

forced to stop every minute, the stones, too, weighed him down

dreadfully. Then he could not help thinking how nice it would be if

he had not to carry them just then.

Wie eine Schnecke kam er zu einem Feldbrunnen geschlichen, wollte da

ruhen und sich mit einem frischen Trunk laben; damit er aber die Steine

im Niedersitzen nicht beschädigte, legte er sie bedächtig neben sich auf

den Rand des Brunnens. Darauf setzte er sich nieder und wollte sich zum

Trinken bücken, ehe er sich’s versah, stieß ein klein wenig an, und beide

Steine plumpsten hinab.

He crept like a snail to a well in a field, and there he thought that

he would rest and refresh himself with a cool draught of water, but

in order that he might not injure the stones in sitting down, he laid

them carefully by his side on the edge of the well. Then he sat down

on it, and was to stoop and drink, when he made a slip, pushed

against the stones, and both of them fell into the water.

Hans, als er sie mit seinen Augen in die Tiefe hatte versinken sehen,

sprang vor Freuden auf, kniete dann nieder und dankte Gott mit Tränen

in den Augen, dass er ihm auch diese Gnade noch erwiesen und ihn auf

eine so gute Art und ohne dass er sich einen Vorwurf zu machen brauchte,

von den schweren Steinen befreit hätte; da sie ihm als einzige noch hinderlich

gewesen wären. „So glücklich wie ich“, rief er aus, „gibt es keinen

Menschen unter der Sonne.“ Mit leichtem Herzen und frei von aller Last

sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war.

Märchengut


-- 37 --

When Hans saw them with his own eyes sinking to the bottom, he

jumped for joy, and then knelt down, and with tears in his eyes

thanked God for having shown him this favor also, and delivered

him in so good a way, and without his having any need to reproach

himself, from those heavy stones which had been the only things

that troubled him.

‘There is no man under the sun so fortunate as I!’ he cried out.

With a light heart and free from every burden he now ran on until

he was with his mother at home.

Das Ende.

The End.

Märchengut


Frau Holle.

C

Mother Holle.

Jacob and Wilhelm Grimm

Rotkäppchen.

C

Little Red Riding Hood.

Märchengut


-- 39 --

fen, der war voller ine Brot; Witwe das hatte Brot zwei aber rief: Töchter, „Ach, davon zieh mich war raus, die eine zieh schön

mich

raus, sonst verbrenn und fleißig, ich: ich die bin andere schon hässlich längst ausgebacken.“ und faul. Sie hatte Da trat aber

es

herzu und holte die mit hässliche dem Brotschieber und faule, alles weil nacheinander sie ihre rechte heraus. Tochter war,

viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und das

After that she Aschenputtel knew nothing; im Hause and when sein. she came to herself she was

in a beautiful meadow, and the sun was shining on the flowers that

Once grew round upon a her. time And there she was walked a widow on through who had the two meadow daughters; until one she

of came them to was a baker‘s beautiful oven and that industrious, was full of bread; the other and ugly the and bread lazy. called

The

mother, out to her: however, „Oh, take loved me the out, ugly take and me lazy out, one or best, I shall because burn; she I was am

her baked own enough daughter, already!“ and so Then the other, she drew who near, was and only with her stepdaughter,

peel was she took made out to all do the all loaves the work one of after the the house, other.

and was quite the

the baker‘s

Cinderella of the family.

Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und

Das rief ihm arme zu: Mädchen „Ach, schüttel musste mich, sich schüttel täglich auf mich, die wir große Äpfel Straße sind alle bei miteinander

reif.“ setzen Da schüttelte und musste es den so viel Baum, spinnen, dass die dass Äpfel ihm fielen, das Blut als regneten aus den

einem

Brunnen Fingern sie, und schüttelte, sprang. Nun bis trug keiner es mehr sich zu, oben dass war; die und Spule als es einmal alle in ganz einen blutig

Haufen

zusammengelegt da bückte es sich hatte, damit ging den es wieder Brunnen weiter. und wollte sie abwaschen; sie

war, sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab.

And she went farther on till she came to a tree weighed down with

Every apples, day and the it poor calle

girl had to sit by the well on the high road, there

to spin until she made her fingers bleed. Now it chanced one day

that some blood fell on the spindle, and as the girl stopped over the

well to wash it off, the spindle suddenly sprang out of her hand and

fell into the well.

Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück. Sie schalt

es aber so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: „Hast du die

Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.“ Da ging das

Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was es anfangen

sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um

die Spule zu holen.

Märchengut

She ran home crying to tell of her misfortune, but her stepmother

spoke harshly to her, and after giving her a violent scolding, said

unkindly, ‘As you have let the spindle fall into the well you may go

yourself and fetch it out.’ The girl went back to the well not knowing

what to do, and at last in her distress she jumped into the water

after the spindle.


Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder

zu sich kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne

schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese

ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot;

das Brot aber rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst

verbrenn ich: Ich bin schon längst ausgebacken.“ Da trat es herzu

und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus.

She remembered nothing more until she awoke and found herself

in a beautiful meadow, full of sunshine, and with countless

flowers blooming in every direction. She walked over the meadow,

and presently she came upon a baker’s oven full of bread, and the

loaves cried out to her, ‘Take us out, take us out, or alas! We shall

be burnt to a cinder; we were baked through long ago!’ So she took

the bread-shovel and drew them all out.

Märchengut

Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel

und rief ihm zu: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle

mit einander reif.“ Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als

regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in

einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter.


-- 41 --

She went on a little farther, till she came to a tree full of apples.

‘Shake me, shake me, I pray,’ cried the tree, ‘my apples, one and all,

are ripe.’ So she shook the tree, and the apples came falling down

upon her like rain; but she continued shaking until there was not

a single apple left upon it. Then she carefully gathered the apples

together in a heap and walked on again.

Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil

sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen.

Die alte Frau aber rief ihm nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib

bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dirs

gut gehn. Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es

fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt;

ich bin die Frau Holle.“

The next thing she came to was a little house, and there she saw an

old woman looking out, with such large teeth, that she was terrified,

and turned to run away. But the old woman called after her.

‘What are you afraid of, dear child? Stay with me; if you will do the

work of my house properly for me, I will make you very happy. You

must be very careful, however, to make my bed in the right way,

for I wish you always to shake it thoroughly, so that the feathers fly

about; then they say, down there in the world, that it is snowing;

for I am Mother Holle.’

Märchengut


Märchengut


-- 43 --

Weil die Alte ihm so gut zusprach, so fasste sich das Mädchen ein Herz,

willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach

ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig auf, dass

die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut

Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.

The old woman spoke so kindly, that the girl summoned up courage

and agreed to enter into her service. She took care to do everything

according to the old woman’s bidding and every time she made the

bed she shook it with all her might, so that the feathers flew about

like so many snowflakes. The old woman was as good as her word:

she never spoke angrily to her, and gave her roast and boiled meats

every day.

Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wusste

anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, dass es Heimweh

war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte

es doch ein Verlangen dahin.

So she stayed on with Mother Holle for some time, and then she

began to grow unhappy. She could not at first tell why she felt sad,

but she became conscious at last of great longing to go home; then

she knew she was homesick, although she was a thousand times

better off with Mother Holle than with her mother and sister.

Endlich sagte es zu ihr: „Ich habe den Jammer nach Haus gekriegt, und

wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht

länger bleiben, ich muss wieder hinauf zu den Meinigen.“ Die Frau Holle

sagte: „Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir

so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.“

Märchengut

After waiting awhile, she went to Mother Holle and said, ‘I am so

homesick, that I cannot stay with you any longer, for although I

am so happy here, I must return to my own people’. Then Mother

Holle said, ‘I am pleased that you should want to go back to your

own people, and as you have served me so well and faithfully, I will

take you home myself ’.


Das tapfere Schneiderlein.

C

The valiant little tailor.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 49 --

n einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem

Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften.

Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief:

„Gut Mus feil! Gut Mus feil!“ Das klang dem Schneiderlein

lieblich in die Ohren, er steckte sein zartes Haupt zum Fenster

hinaus und rief: „Hier herauf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los.“

One summer’s morning a little tailor was sitting on his table by

the window; he was in good spirits, and sewed with all his might.

Then came a peasant woman down the street crying, ‘Good jams,

cheap! Good jams, cheap!’ This rang pleasantly in the tailor’s ears;

he stretched his delicate head out of the window, and called: ‘Come

up here, dear woman; here you will get rid of your goods.’

Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider

herauf und musste die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie

alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: „Das Mus

scheint mir gut, wieg sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn’s auch ein

Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an.“ Die Frau, welche gehofft

hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm, was er verlangte, ging aber

ganz ärgerlich und brummig fort.

The woman came up the three steps to the tailor with her heavy

basket, and he made her unpack all the pots for him. He inspected

each one, lifted it up, put his nose to it, and at length said, ‘The

jam seems to me to be good, so weigh me out four ounces, dear

woman, and if it is a quarter of a pound that is of no consequence.’

The woman who had hoped to find a good sale, gave him what he

desired, but went away quite angry and grumbling.

„Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen“, rief das Schneiderlein, „und soll

mir Kraft und Stärke geben“, holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich

ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus darüber.

Märchengut

‘Now, this jam shall be blessed by God,’ cried the little tailor, ‘and

give me health and strength’; so he brought the bread out of the

cupboard, cut himself a piece right across the loaf and spread the

jam over it.


-- 50 --

„Das wird nicht bitter schmecken“, sprach er, „aber erst will ich den Wams

fertig machen, eh ich anbeiße.“ Er legte das Brot neben sich, nähte weiter

und machte vor Freude immer größere Stiche.

‘This won’t taste bitter,’ said he, ‘but I will just finish the jacket

before I take a bite.’ He laid the bread near him, sewed on, and in

his joy, made bigger and bigger stitches.

Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die

Fliegen in großer Menge saßen, so dass sie herangelockt wurden und sich

scharenweis darauf niederließen. „Ei, wer hat euch eingeladen?“ sprach

das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort.

In the meantime, the smell of the sweet jam rose to where the

flies were sitting in great numbers, and they were attracted and

descended on it in hosts. ‘Hi! Who invited you?’ said the little

tailor, and drove the unbidden guests away.

Die Fliegen aber, die kein Deutsch verstanden, ließen sich nicht ab weisen,

sondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem

Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte

nach einem Tuchlappen in einem Loch unter seinem Arbeitstisch, und

„Wart, ich will es euch geben!“ schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog

und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die

Beine.

The flies, however, who understood no English, would not be

turned away, but came back again in ever-increasing companies.

The little tailor at last lost all patience, and drew a piece of cloth

from the hole under his work-table, and saying, ‘Wait, and I will

give it to you’, struck it mercilessly on them. When he drew it away

and counted, there lay before him no fewer than seven, dead and

with legs stretched out.

Märchengut

„Bist du so ein Kerl?“ sprach er und musste selbst seine Tapferkeit bewundern.

„Das soll die ganze Stadt erfahren.“ Und in der Hast schnitt sich das

Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben

darauf „Siebene auf einen Streich!“


-- 51 --

‘Are you a fellow of that sort?’ said he, and could not help admiring

his own bravery. ‘The whole town shall know of this!’ And the little

tailor hastened to cut himself a girdle, stitched it, and embroidered

on it in large letters: ‘Seven at one stroke!’

„Ei was, Stadt!“ sprach er weiter, „die ganze Welt soll’s erfahren!“ Und

sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen. Der

Schneider band sich den Gürtel um den Leib und wollte in die Welt

hinaus, weil er meinte, die Werkstätte sei zu klein für seine Tapferkeit. Eh

er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre, was er mitnehmen

könnte. Er fand aber nichts als einen alten Käs, den steckte er ein. Vor

dem Tore bemerkte er einen Vogel, der sich im Gesträuch verfangen hatte,

der musste zu dem Käse in die Tasche.

‘What, the town!’ he continued, ‘the whole world shall hear of it!’

and his heart wagged with joy like a lamb’s tail. The tailor put

on the girdle, and resolved to go forth into the world, because he

thought his workshop was too small for his valour. Before he went

away, he sought about in the house to see if there was anything

which he could take with him; however, he found nothing but an

old cheese, and that he put in his pocket. In front of the door he

observed a bird which had caught itself in the thicket. It had to go

into his pocket with the cheese.

Nun nahm er den Weg tapfer zwischen die Beine, und weil er leicht und

behend war, fühlte er keine Müdigkeit. Der Weg führte ihn auf einen Berg,

und als er den höchsten Gipfel erreicht hatte, so saß da ein gewaltiger

Riese und schaute sich ganz gemächlich um. Das Schneiderlein ging

beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: „Guten Tag, Kamerad, gelt,

du sitzest da und besiehst dir die weitläufige Welt? Ich bin eben auf dem

Wege dahin und will mich versuchen. Hast du Lust mitzugehen?“

Märchengut


Märchengut


-- 53 --

Now he took to the road boldly, and as he was light and nimble, he

felt no fatigue. The road led him up a mountain, and when he had

reached the highest point of it, there sat a powerful giant looking

peacefully about him. The little tailor went bravely up, spoke to

him, and said, ‘Good day, comrade, so you are sitting there overlooking

the wide-spread world! I am just on my way there, and

want to try my luck. Have you any inclination to go with me?’

Der Riese sah den Schneider verächtlich an und sprach: „Du Lump! Du

miserabler Kerl!“

„Das wäre!“ antwortete das Schneiderlein, knöpfte den Rock auf und zeigte

dem Riesen den Gürtel, „Da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.“

Der Riese las: „Siebene auf einen Streich“, meinte, das wären Menschen

gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt

vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein

in die Hand und drückte ihn zusammen, dass das Wasser heraustropfte.

„Das mach mir nach“, sprach der Riese, „wenn du Stärke hast.“

The giant looked contemptuously at the tailor, and said, ‘You ragamuffin!

You miserable creature!’

‘Oh, indeed!’ answered the little tailor, and unbuttoned his coat,

and showed the giant the girdle, ‘there may you read what kind of

a man I am!’

The giant read: ‘Seven at one stroke’, and thought that they had

been men whom the tailor had killed, and began to feel a little

respect for the tiny fellow. Nevertheless, he wished to try him first,

and took a stone in his hand and squeezed it together so that

water dropped out of it. ‘Do that likewise,’ said the giant, ‘if you

have strength.’

„Ist’s weiter nichts?“ sagte das Schneiderlein. „Das ist bei unsereinem

Spielwerk“, griff in die Tasche, holte den weichen Käs und drückte ihn,

dass der Saft herauslief. „Gelt“, sprach er, „das war ein wenig besser?“

Märchengut

‘Is that all?’ said the tailor, ‘that is child’s play with us!’ and put

his hand into his pocket, brought out the soft cheese, and pressed it

until the liquid ran out of it. ‘Faith,’ said he, ‘that was a little better,

wasn’t it?’


-- 54 --

Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte, und konnte es von dem Männlein

nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf ihn so hoch,

dass man ihn mit Augen kaum noch sehen konnte: „Nun, du Erpelmännchen,

das tu mir nach.“

The giant did not know what to say, and could not believe it of the

little man. Then the giant picked up a stone and threw it so high

that the eye could scarcely follow it. ‘Now, little mite of a man, do

that likewise.’

„Gut geworfen“, sagte der Schneider, „aber der Stein hat doch wieder

zur Erde herabfallen müssen. Ich will dir einen werfen, der soll gar nicht

wiederkommen“, griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die

Luft. Der Vogel, froh über seine Freiheit, stieg auf, flog fort und kam nicht

wieder. „Wie gefällt dir das Stückchen, Kamerad?“ fragte der Schneider.

„Werfen kannst du wohl“, sagte der Riese, „aber nun wollen wir sehen, ob

du imstande bist, etwas Ordentliches zu tragen.“ Er führte das Schneiderlein

zu einem mächtigen Eichbaum, der da gefällt auf dem Boden lag, und

sagte: „Wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Walde

heraustragen.“

‘Well thrown,’ said the tailor, ‘but after all the stone came down

to earth again; I will throw you one which shall never come back

at all’, and he put his hand into his pocket, took out the bird, and

threw it into the air. The bird, delighted with its liberty, rose, flew

away and did not come back. ‘How does that shot please you, comrade?’

asked the tailor.

‘You can certainly throw,’ said the giant, ‘but now we will see if you

are able to carry anything properly.’ He took the little tailor to a

mighty oak tree which lay there felled on the ground, and said, ‘If

you are strong enough, help me to carry the tree out of the forest.’

Märchengut

„Gerne“, antwortete der kleine Mann, „nimm du nur den Stamm auf deine

Schulter, ich will die Äste mit dem Gezweig aufheben und tragen, das ist doch

das Schwerste.“ Der Riese nahm den Stamm auf die Schulter, der Schnei der

aber setzte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umsehen konnte,

musste den ganzen Baum und das Schneiderlein noch obendrein forttragen.

Es war da hinten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Liedchen


-- 55 --

„Es ritten drei Schneider zum Tore hinaus“, als wäre das Baumtragen ein

Kinderspiel. Der Riese, nachdem er ein Stück Wegs die schwere Last fortgeschleppt

hatte, konnte nicht weiter und rief: „Hör, ich muss den Baum

fallen lassen.“ Der Schneider sprang behendiglich herab, fasste den Baum

mit beiden Armen, als wenn er ihn getragen hätte, und sprach zum Riesen:

„Du bist ein so großer Kerl und kannst den Baum nicht einmal tragen.“

‘Readily,’ answered the little man, ‘take you the trunk on your

shoulders, and I will raise up the branches and twigs; after all,

they are the heaviest.’ The giant took the trunk on his shoulder,

but the tailor seated himself on a branch, and the giant, who could

not look round, had to carry away the whole tree, and the little

tailor into the bargain: he behind, was quite merry and happy,

and whistled the song: ‘Three tailors rode forth from the gate’, as if

carrying the tree were child’s play. The giant, after he had dragged

the heavy burden part of the way, could go no further, and cried,

‘Hark you, I shall have to let the tree fall!’ The tailor sprang nimbly

down, seized the tree with both arms as if he had been carrying it,

and said to the giant, ‘You are such a great fellow, and yet cannot

even carry the tree!’

Sie gingen zusammen weiter, und als sie an einem Kirschbaum vorbeikamen,

fasste der Riese die Krone des Baumes, wo die zeitigsten Früchte

hingen, bog sie herab, gab sie dem Schneider in die Hand und hieß ihn

essen. Das Schneiderlein aber war viel zu schwach, um den Baum zu

halten, und als der Riese losließ, fuhr der Baum in die Höhe, und der

Schneider ward mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne Schaden

herabgefallen war, sprach der Riese: „Was ist das, hast du nicht Kraft, die

schwache Gerte zu halten?“

They went on together, and as they passed a cherry-tree, the giant

laid hold of the top of the tree where the ripest fruit was hanging,

bent it down, gave it into the tailor’s hand, and bade him eat. But

the little tailor was much too weak to hold the tree, and when the

giant let it go, it sprang back again, and the tailor was tossed into

the air with it. When he had fallen down again without injury, the

giant said, ‘What is this? Have you not strength enough to hold the

weak twig?’

Märchengut


Märchengut


-- 57 --

„An der Kraft fehlt es nicht“, antwortete das Schneiderlein, „meinst du,

das wäre etwas für einen, der siebene mit einem Streich getroffen hat? Ich

bin über den Baum gesprungen, weil die Jäger da unten in das Gebüsch

schießen. Spring nach, wenn du’s vermagst.“ Der Riese machte den Versuch,

konnte aber nicht über den Baum kommen, sondern blieb in den

Ästen hängen, also dass das Schneiderlein auch hier die Oberhand behielt.

‘There is no lack of strength’, answered the little tailor. ‘Do you

think that could be anything to a man who has struck down seven

at one blow? I leapt over the tree because the huntsmen are shooting

down there in the thicket. Jump as I did, if you can do it.’ The

giant made the attempt, but he could not get over the tree, and

remained hanging in the branches, so that in this also the tailor

kept the upper hand.

Märchengut


Schneewittchen.

C

Snow White.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 71 --

s war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen

wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem

Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und

nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte,

stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei

Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön

aussah, dachte sie bei sich: „Hätt’ ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot

wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen.“

Once upon a time in the middle of winter, when the flakes of snow

were falling like feathers from the sky, a queen sat at a window

sew ing, and the frame of the window was made of black ebony. And

whilst she was sewing and looking out of the window at the snow,

she pricked her finger with the needle, and three drops of blood

fell upon the snow. And the red looked pretty upon the white snow,

and she thought to herself, ‘What if I had a child as white as snow,

as red as blood, and as black as the wood of the window-frame.’

Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot

wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz und ward darum Schneewittchen

genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.

Soon after that she had a little daughter, who was as white as snow,

and as red as blood, and her hair was as black as ebony, and she

was therefore called little Snow White. And when the child was

born, the queen died.

Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine

schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig und konnte nicht leiden,

dass sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Sie hatte einen

wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute,

sprach sie:

Märchengut

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?“


-- 76 --

wicked queen ate them, and thought she had eaten the lung and

liver of Snow White.

Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelenallein, und es

ward ihm so angst, dass es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht

wusste, wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief über die

spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Tiere sprangen an

ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief, solange nur die Füße noch

fortkonnten, bis es bald Abend werden wollte, da sah es ein kleines Häuschen

und ging hinein, um sich zu auszuruhen.

But now the poor child was all alone in the great forest, and so

terrified that she looked at all the leaves on the trees, and did not

know what to do. Then she began to run, and ran over sharp stones

and through thorns, and the wild beasts ran past her, but did her

no harm. She ran as long as her feet would go until it was almost

evening, then she saw a little cottage and went into it to rest herself.

In dem Häuschen war alles klein, aber so zierlich und reinlich, dass es

nicht zu sagen ist. Da stand ein weißgedecktes Tischlein mit sieben kleinen

Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner sieben Messerlein

und Gäblein und sieben Becherlein. An der Wand waren sieben Bettlein

nebeneinander aufgestellt und schneeweiße Laken darüber gedeckt.

Everything in the cottage was small, but neater and cleaner than

can be told. There was a table on which was a white cover, and

seven little plates, and on each plate a little spoon, moreover, there

were seven little knives and forks, and seven little mugs. Against

the wall stood seven little beds side by side, and covered with

snow-white sheets.

Märchengut


-- 77 --

Schneewittchen, weil es so hungrig und durstig war, aß von jedem Tellerlein

ein wenig Gemüs’ und Brot und trank aus jedem Becherlein

einen Tropfen Wein; denn es wollte nicht einem allein alles wegnehmen.

Hernach, weil es so müde war, legte es sich in ein Bettchen, aber keines

passte; das eine war zu lang, das andere zu kurz, bis endlich das siebente

recht war; und darin blieb es liegen, befahl sich Gott und schlief ein.

Little Snow White was so hungry and thirsty that she ate some

vegetables and bread from each plate and drank a drop of wine out

of each mug, for she did not wish to take all from one only. Then, as

she was so tired, she laid herself down on one of the little beds, but

none of them suited her, one was too long, another too short, but at

last she found that the seventh one was right, and so she remained

in it, said a prayer and went to sleep.

Als es ganz dunkel geworden war, kamen die Herren von dem Häuslein,

das waren die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz hackten und

gruben. Sie zündeten ihre sieben Lichtlein an, und wie es nun hell im

Häuslein ward, sahen sie, dass jemand darin gewesen war, denn es stand

nicht alles in der Ordnung, wie sie es verlassen hatten.

When it was quite dark the owners of the cottage came back. They

were seven dwarfs who dug and delved in the mountains for ore.

They lit their seven candles, and as it was now light within the

cottage they saw that someone had been there, for everything was

not in the same order in which they had left it.

Der erste sprach: „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?“ Der zweite:

„Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ Der dritte: „Wer hat von meinem

Brötchen genommen?“ Der vierte: „Wer hat von meinem Gemüschen

gegessen?“ Der fünfte: „Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?“ Der

sechste: „Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?“ Der siebente:

„Wer hat aus meinem Becherlein getrunken?“ Dann sah sich der erste um

und sah, dass auf seinem Bett eine kleine Delle war, da sprach er: „Wer hat

in mein Bettchen getreten?“ Die andern kamen gelaufen und riefen: „In

meinem hat auch jemand gelegen!“ Der siebente aber, als er in sein Bett

sah, erblickte Schneewittchen, das lag darin und schlief.

Märchengut


Märchengut


-- 79 --

The first said, ‘Who has been sitting on my chair?’ The second, ‘Who

has been eating off my plate?’ The third, ‘Who has been taking

some of my bread?’ The fourth, ‘Who has been eating my vegetables?’

The fifth, ‘Who has been using my fork?’ The sixth, ‘Who has

been cutting with my knife?’ The seventh, ‘Who has been drinking

out of my mug?’ Then the first looked round and saw that there was

a little hollow on his bed, and he said, ‘Who has been getting into

my bed?’ The others came up and each called out, ‘Somebody has

been lying in my bed too.’ But the seventh when he looked at his bed

saw little Snow White, who was lying asleep therein.

Nun rief er die andern, die kamen herbeigelaufen und schrien vor Verwunderung,

holten ihre sieben Lichtlein und beleuchteten Schneewittchen.

„Ei, du mein Gott! Ei, du mein Gott!“ riefen sie, „was ist das Kind so

schön!“ und hatten so große Freude, dass sie es nicht aufweckten, sondern

im Bettlein fortschlafen ließen. Der siebente Zwerg aber schlief bei seinen

Gesellen, bei jedem eine Stunde, da war die Nacht herum.

And he called the others, who came running up, and they cried out

with astonishment, and brought their seven little candles and let

the light fall on little Snow White. ‘Oh, heavens, oh, heavens,’ cried

they, ‘what a lovely child.’ And they were so glad that they did not

wake her up, but let her sleep on in the bed. And the seventh dwarf

slept with his companions, one hour with each, and so passed the

night.

Als es Morgen war, erwachte Schneewittchen, und wie es die sieben Zwerge

sah, erschrak es. Sie waren aber freundlich und fragten:

„Wie heißt du?“

„Ich heiße Schneewittchen“, antwortete es.

„Wie bist du in unser Haus gekommen?“, sprachen weiter die Zwerge.

Märchengut

When it was morning little Snow White awoke, and was frightened

when she saw the seven dwarfs. But they were friendly and asked,

‘What’s your name?’

‘My name is Snow White’, she answered.

‘How have you come to our house’, said the dwarfs.


Märchengut


-- 81 --

Da erzählte es ihnen, dass seine Stiefmutter es hätte wollen umbringen lassen,

der Jäger hätte ihm aber das Leben geschenkt, und da wär es gelaufen

den ganzen Tag, bis es endlich ihr Häuslein gefunden hätte. Die Zwerge

sprachen: „Willst du unsern Haushalt versehen, kochen, betten, waschen,

nähen und stricken, und willst du alles ordentlich und reinlich halten, so

kannst du bei uns bleiben, und es soll dir an nichts fehlen.“

Then she told them that her stepmother had wished to have her

killed, but that the huntsman had spared her life, and that she had

run for the whole day, until at last she had found their dwelling.

The dwarfs said, ‘If you will take care of our house, cook, make the

beds, wash, sew and knit, and if you will keep everything neat and

clean you can stay with us and you shall want for nothing.’

„Ja“, sagte Schneewittchen, „von Herzen gern!“, und blieb bei ihnen. Es

hielt ihnen das Haus in Ordnung: Morgens gingen sie in die Berge und

suchten Erz und Gold, abends kamen sie wieder, und da musste ihr Essen

bereit sein. Den ganzen Tag über war das Mädchen allein, da warnten es

die guten Zwerglein und sprachen: „Hüte dich vor deiner Stiefmutter, die

wird bald wissen, dass du hier bist; lass ja niemand herein.“

‘Yes,’ said Snow White, ‘with all my heart.’ And she stayed with

them. She kept the house in order for them. In the mornings they

went to the mountains and looked for copper and gold, in the evenings

they came back, and then their supper had to be ready. The

girl was alone the whole day, so the good dwarfs warned her and

said, ‘Beware of your stepmother, she will soon know that you are

here, be sure to let no one come in.’

Märchengut


Die Bremer

Stadtmusikanten.

C

The Travelling Musicians.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 97 --

s hatte ein Mann einen Esel, der schon lange Jahre die Säcke

unverdrossen zur Mühle getragen hatte, dessen Kräfte aber

nun zu Ende gingen, sodass er zur Arbeit immer untauglicher

ward. Da dachte der Herr daran, ihn aus dem Futter

zu schaffen, aber der Esel merkte, dass kein guter Wind

wehte, lief fort und machte sich auf den Weg nach Bremen.

Dort, meinte er, könnte er ja Stadtmusikant werden.

A man had once an ass that had been a faithful serv ant to him a

great many years, but was now growing old and every day more

and more unfit for work. His master therefore was tired of keeping

him and began to think of putting an end to him; but the ass, who

saw that some mischief was in the wind, took himself slyly off, and

began his journey to Bremen. For there he thought he might get an

engagement as town musician.

Als er ein Weilchen fortgegangen war, fand er einen Jagdhund auf dem

Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat.

„Nun, was jappst du so, Packan?“, fragte der Esel.

„Ach“, sagte der Hund, „weil ich alt bin und jeden Tag schwächer werde,

auch auf der Jagd nicht mehr fort kann, hat mich mein Herr totschlagen

wollen, da hab ich Reißaus genommen; aber womit soll ich nun mein Brot

verdienen?“

„Weißt du was“, sprach der Esel, „ich gehe nach Bremen und werde dort

Stadtmusikant, geh mit und lass dich auch bei der Musik annehmen. Ich

spiele die Laute, und du schlägst die Pauken.“ Der Hund war’s zufrieden,

und sie gingen weiter.

Märchengut

After he had travelled a little way, he spied a dog lying by the roadside

and panting as if he were tired.

‘What makes you pant so, my friend?’ said the ass.

‘Alas!’ said the dog, ‘my master was going to knock me on the head,

because I am old and weak, and can no longer make myself useful

to him in hunting; so I ran away; but what can I do to earn my

livelihood?’


-- 98 --

‘I’ll tell you what,’ said the ass, ‘I am going to Bremen to turn

musician: suppose you go with me, and try what you can do in the

same way? I can play the lute, and you can beat the drum.’ The dog

said he was willing, and they jogged on together.

Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und machte ein

Gesicht wie drei Tage Regenwetter.

„Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?“, sprach der

Esel.

„Wer kann da lustig sein, wenn’s einem an den Kragen geht?“, antwortete

die Katze. „Weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden,

und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen herumjage,

hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch

fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer: Wo soll ich hin?“

„Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik,

da kannst du ein Stadtmusikant werden.“ Die Katze hielt das für gut und

ging mit.

They had not gone far before they saw a cat sitting in the middle of

the road and making a most rueful face.

‘Pray, my good lady,’ said the ass, ‘what’s the matter with you? You

look quite out of spirits!’

‘Ah, me!’ said the cat, ‘how can one be in good spirits when one’s

life is in danger? Because I am beginning to grow old, and had

rather lie at my ease by the fire than run about the house after the

mice, my mistress laid hold of me, and was going to drown me; and

though I have been lucky enough to get away from her, I do not

know what I am to live upon.’

‘Oh,’ said the ass, ‘by all means go with us to Bremen; you are a

good night singer, and may make your fortune as a musician.’

The cat was pleased with the thought, and joined the party.

Märchengut

Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf

dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften.

„Du schreist einem durch Mark und Bein“, sprach der Esel, „was hast du

vor?“

„Da hab ich gut Wetter prophezeit für den Waschtag“, sprach der Hahn,

„aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch


-- 99 --

kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der

Suppe essen, und da soll ich mir heut Abend den Kopf abschneiden lassen.

Nun schrei ich aus vollem Hals, solang ich noch kann.“

„Ei was, du Rotkopf “, sagte der Esel, „zieh lieber mit uns fort, wir gehen

nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine

gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art

haben.“ Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle

viere zusammen fort.

Soon afterwards, as they were passing by a farmyard, they saw a

cock perched upon a gate, and screaming out with all his might

and main. ‘Bravo!’ said the ass; ‘upon my word, you make a famous

noise; pray what is all this about?’

‘Why,’ said the cock, ‘I was just now saying that we should have

fine weather for our washing day, and yet my mistress and the

cook don’t thank me for my pains, but threaten to cut off my head

tomorrow, and make broth of me for the guests that are coming on

Sunday!’

‘Heaven forbid!’ said the ass, ‘come with us to Bremen Master

Chanticleer; it will be better, at any rate, than staying here to have

your head cut off! Besides, who knows? If we care to sing in tune,

we may get up some kind of a concert; so come along with us.’

‘With all my heart,’ said the cock: so they all four went on cheerfully

together.

Sie konnten aber die Stadt Bremen in einem Tag nicht erreichen und

kamen abends in einen Wald, wo sie übernachten wollten. Der Esel und

der Hund legten sich unter einen großen Baum, die Katze und der Hahn

machten sich in die Äste, der Hahn aber flog bis in die Spitze, wo es am

sichersten für ihn war. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach

allen vier Winden um, da deuchte ihn, er sähe in der Ferne ein Fünkchen

brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müsste nicht gar weit ein Haus

sein, es scheine ein Licht. Sprach der Esel: „So müssen wir uns aufmachen

und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht.“

Märchengut

They could not, however, reach Bremen in one day; so when

night came on, they went into a wood to sleep. The ass and the

dog laid themselves down under a great tree, and the cat climbed


Märchengut


-- 101 --

up into the branches; while the cock, thinking that the higher he

sat the safer he should be, flew up to the very top of the tree, and

then, according to his custom, before he went to sleep, looked out

on all sides of him to see that everything was well. In doing this,

he saw afar off something bright and shining and calling to his

companions said, ‘There must be a house no great way off, for I see

a light.’

‘If that be the case,’ said the ass, ‘we had better change our quarters,

for our lodging is not the best!’

Der Hund meinte, ein paar Knochen und etwas Fleisch daran täten ihm

auch gut. Also machten sie sich auf den Weg nach der Gegend, wo das

Licht war, und sahen es bald heller schimmern, und es ward immer

größer, bis sie vor ein helles erleuchtetes Räuberhaus kamen. Der Esel, als

der Größte, näherte sich dem Fenster und schaute hinein.

„Was siehst du, Grauschimmel?“, fragte der Hahn.

„Was ich sehe?“, antwortete der Esel. „Einen gedeckten Tisch mit schönem

Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen’s sich wohl sein.“

„Das wäre was für uns“, sprach der Hahn.

„Ja, ja, ach, wären wir da!“, sagte der Esel.

Da ratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müssten, um die Räuber

hinauszujagen, und fanden endlich ein Mittel.

‘Besides,’ added the dog, ‘I should not be the worse for a bone or

two, or a bit of meat.’ So they walked off together towards the spot

where Chanticleer had seen the light, and as they drew near it

became larger and brighter, till they at last came close to a house

in which a gang of robbers lived. The ass, being the tallest of the

company, marched up to the window and peeped in. ‘Well, ass,’

said Chanticleer, ‘what do you see?’

‘What do I see?’ replied the ass.

‘Why, I see a table spread with all kinds of good things, and

robbers sitting round it making merry.’

‘That would be a noble lodging for us’, said the cock.

‘Yes,’ said the ass, ‘if we could only get in’. So they consulted together

how they should contrive to get the robbers out; and at last

they hit upon a plan.

Märchengut


Vom Fischer und seiner Frau.

C

The Fisherman and his Wife.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 119 --

saß.

s war einmal ein Fischer und seine Frau, die wohnten zusammen

in einem alten Pisspott dicht an der See, und

der Fischer ging alle Tage hin und angelte, und er angelte

und angelte. So saß er auch einmal mit seiner Angel und

schaute immer in das klare Wasser hinein, und er saß und

Once upon a time there were a fisherman and his wife who lived

together in a hovel near the sea. Every day the fisherman went

out fishing, and he fished, and he fished. Once he was sitting there

fishing and looking into the clear water, and he sat, and he sat.

Da ging die Angel auf den Grund, tief, tief hinab, und wie er sie herauf -

holte, da zog er einen großen Butt heraus. Da sagte der Butt zu ihm:

„Höre, Fischer, ich bitte dich, lass mich leben, ich bin kein richtiger Butt,

ich bin ein verwunschener Prinz. Was hilft es dir, wenn du mich tötest? Ich

würde dir doch nicht recht schmecken. Setz mich wieder ins Wasser und

lass mich schwimmen.“

Then his hook went to the bottom, deep down, and when he pulled

it out, he had caught a large flounder. Then the flounder said

to him, ‘Listen, fisherman, I beg you to let me live. I am not an

ordinary flounder, but an enchanted prince. How will it help you

to kill me? I would not taste good to you. Put me back into the

water, and let me swim.’

„Nun“, sagte der Mann, „du brauchst nicht so viele Worte zu machen, einen

Butt, der sprechen kann, werde ich doch wohl schwimmen lassen.“ Damit

setzte er ihn wieder in das klare Wasser hinein, und der Butt schwamm

zum Grund hinab und ließ einen langen Streifen Blut hinter sich.

Märchengut

‘Well,’ said the man, ‘there’s no need to say more. I can certainly

let a fish swim away who knows how to talk.’ With that he put it

back into the clear water, and the flounder disappeared to the

bottom, leaving a long trail of blood behind him.


Der Fischer aber stand auf und ging zu seiner Frau in den alten

Pisspott.

„Mann“, sagte die Frau, „hast du heute nichts gefangen?“

„Nein“, sagte der Mann, „ich habe einen Butt gefangen, der

sagte, er sei ein verwunschener Prinz, da habe ich ihn wieder

schwimmen lassen.“

„Hast du dir denn nichts gewünscht?“, sagte die Frau.

„Nein“, sagte der Mann, „was sollte ich mir denn wünschen?“

„Ach“, sagte die Frau, „es ist doch übel, hier immer in dem alten

Pisspott zu wohnen, der stinkt und ist so eklig; du hättest uns doch eine

kleine Hütte wünschen können. Geh noch einmal hin und ruf nach ihm.

Sag ihm, wir wollten eine kleine Hütte haben. Er tut das gewiss.“

„Ach“, sagte der Mann, „was soll ich da noch mal hingehen?“

„I“, sagte die Frau, „du hast ihn doch gefangen gehabt und hast ihn wieder

schwimmen lassen, er tut das gewiss. Geh nur gleich wieder hin!“ Der

Mann wollte noch nicht so recht, aber er wollte auch seiner Frau nicht

zuwiderhandeln, und so ging er denn hin an die See.

Märchengut

Then the fisherman got up and went home to his wife in the hovel.

‘Husband,’ said the woman, ‘didn’t you catch anything today?’

‘No,’ said the man. ‘I caught a flounder, but he told me that he was

an enchanted prince, so I let him swim away.’

‘Didn’t you ask for anything first?’ said the woman.

‘No,’ said the man. ‘What should I have asked for?’


-- 121 --

Oh’, said the woman. ‘It is terrible living in this old hovel. It stinks

and is filthy. You should have asked for a little cottage for us. Go

back and call him. Tell him that we want to have a little cottage. He

will surely give it to us.’

‘Oh’, said the man. ‘Why should I go back there?’

‘Look,’ said the woman, ‘you did catch him, and then you let him

swim away. He will surely do this for us. Go right now.’

The man did not want to go, but neither did he want to oppose his

wife, so he went back to the sea.

Als er da nun hinkam, war die See ganz grün und gelb und gar nicht mehr

so klar. Da stellte er sich denn hin und rief:

„Manntje, Manntje, Timpe Te,

Buttje, Buttje in der See,

meine Frau, die Ilsebill,

will nicht so, wie ich wohl will.“

Märchengut


-- 126 --

Da ging der Mann fort und dachte, er

wollte nach Hause gehen, aber als er da

ankam, stand da nun ein großer steinerner

Palast, und seine Frau stand eben auf der Treppe

und wollte hineingehen. Da nahm sie ihn bei der

Hand und sagte: „Komm nur herein!“

Then the man went his way, thinking he was going home, but when

he arrived, there was a large stone palace standing. His wife was

standing on the stairway, about to enter. Taking him by the hand,

she said, ‘Come inside.’

Darauf ging er mit ihr hinein, und in dem Schlosse war eine große

Diele mit marmelsteinernem Boden, und da waren so viele Dienstboten,

die rissen die großen Türen auf, und die Wände glänzten von schönen

Tapeten, und in den Zimmern waren lauter goldene Stühle und Tische,

und kristallene Kronenleuchter hingen an der Decke, und in allen Stuben

und Kammern lagen Teppiche. Und das Essen und der allerbeste Wein

standen auf den Tischen, als wenn sie brechen sollten.

He went inside with her. Inside the palace there was a large front

hallway with a marble floor. Numerous servants opened up the

large doors for them. The walls were all white and covered with

beautiful tapestry. In the rooms there were chairs and tables of pure

gold. Crystal chandeliers hung from the ceilings. The rooms and

chambers all had carpets. Food and the very best wine overloaded

the tables until they almost collapsed.

Und hinter dem Hause war auch ein großer Hof mit Pferdeund

Kuhstall und mit Kutschwagen auf das allerbeste, und da

war auch noch ein großer prächtiger Garten mit den schönsten

Blumen und feinen Obstbäumen und ein Lustwäldchen,

wohl eine halbe Meile lang, darin waren Hirsche und Rehe und

Hasen, alles, was man sich nur immer wünschen mag.

Märchengut

Outside the house there was a large courtyard with

the very best carriages and stalls for horses and cows.

Furthermore there was a magnificent garden with the


-- 127 --

most beautiful flowers and fine fruit trees and a

pleasure forest a good half mile long, with elk and

deer and hares and everything that anyone could

possibly want.

„Na“, sagte die Frau, „ist das nun nicht schön?“

„Ach ja“, sagte der Mann, „so soll es auch bleiben; nun wollen wir in dem

schönen Schlosse wohnen und wollen zufrieden sein.“

„Das wollen wir uns bedenken“, sagte die Frau, „und wollen es beschlafen.“

Und damit gingen sie zu Bett.

‘Now,’ said the woman, ‘isn’t this nice?’

‘Oh yes’, said the man. ‘This is quite enough. We can live in this

beautiful palace and be satisfied.’

‘We’ll think about it’, said the woman. ‘Let’s sleep on it.’ And with

that they went to bed.

Am andern Morgen wachte die Frau zuerst auf, es wollte gerade Tag werden,

und sie sah vom ihrem Bette aus das herrliche Land vor sich liegen.

Der Mann reckte sich noch, da stieß sie ihn mit dem Ellenbogen in die

Seite und sagte: „Mann, steh’ auf und guck mal aus dem Fenster! Sieh’,

könnten wir nicht König werden über all das Land? Geh hin zum Butt, wir

wollen König sein!“

Märchengut


Märchengut


-- 141 --

‘O man of the sea! Listen to me!

My wife Ilsabill

Will have her own will,

And has sent me to beg a favour of you!’

„Na, was will sie denn?“ fragte der Butt.

„Ach“, sagte er, „sie will wie der liebe Gott werden.“

„Geh nur hin, sie sitzt schon wieder in ihrem Pisspott.“

Und da sitzen sie noch bis heute und auf diesen Tag.

‘Well, what does she want, now?’ said the flounder.

‘Alas,’ said he, ‘she wants to become like God.’

‘Go to her, and you will find her back again in the hovel.’

And they are sitting there even today.

Das Ende.

The End.

Märchengut


Der Wolf und die sieben jungen Geißlein.

C

The Wolf and the Seven Young Kids.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 151 --

s war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein,

und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat.

Eines Tages wollte sie in den Wald gehen und Futter holen, da

rief sie alle sieben herbei und sprach: „Liebe Kinder, ich will

hinaus in den Wald, seid auf eurer Hut vor dem Wolf; wenn

er hereinkommt, so frißt er euch alle mit Haut und Haar. Der Bösewicht

verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen

Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.“ Die Geißlein sagten: „Liebe

Mutter, wir wollen uns schon in Acht nehmen, Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.“

Da meckerte die Alte und machte sich getrost auf den Weg.

Once upon a time there was an old goat who had seven little kids,

and loved them with all the love of a mother for her children. One

day she wanted to go into the woods and fetch some food. So she

called all seven to her and said, ‘Dear children, I have to go into

the wood, be on your guard against the wolf; if he comes in, he

will devour you all – skin, hair, and all. The wretch often disguises

himself, but you will know him at once by his rough voice and his

black feet.’ The kids said, ‘Dear mother, we will take good care of

ourselves; you may go away without any anxiety.’ Then the old one

bleated, and went on her way with an easy mind.

Es dauerte nicht lange, so klopfte jemand an die Haustür und rief: „Macht

auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas

mitgebracht!“ Aber die Geißlein hörten an der rauhen Stimme, dass es

der Wolf war. „Wir machen nicht auf “, riefen sie, „du bist unsere Mutter

nicht, die hat eine feine und liebliche Stimme, aber deine Stimme ist rauh;

du bist der Wolf.“

Märchengut

It was not long before someone knocked on the door and called,

‘Open the door, dear children; your mother is here and has brought

something for each one of you.’ But the little kids knew, that it was

the wolf, by the rough voice. ‘We will not open the door,’ cried they,

‘you are not our mother. She has a soft, pleasant voice, but your

voice is rough; you are the wolf.’


-- 154 --

aus, und es erzählte ihr, dass der Wolf gekommen wäre und die andern alle

gefressen hätte. Da könnt ihr euch denken, wie sie über ihre armen Kinder

geweint hat.

Soon afterwards the old goat came home again from the forest. Ah!

what a sight she saw there! The house-door stood wide open. The

table, chairs, and benches were thrown down, the washing-bowl

lay broken in pieces, and the quilts and pillows were pulled off the

bed. She sought her children, but they were nowhere to be found.

She called them one after another by name, but no one answered,

At last, when she came to the youngest, a soft voice cried, ‘Dear

mother, I am in the clock-case.’ She took the kid out, and it told her

that the wolf had come and had eaten all the others. Then you may

imagine how she wept over her poor children.

Endlich ging sie in ihrem Jammer hinaus, und das jüngste Geißlein lief

mit. Als sie auf die Wiese kam, so lag da der Wolf an dem Baum und

schnarchte, dass die Äste zitterten. Sie betrachtete ihn von allen Seiten

und sah, dass in seinem angefüllten Bauch sich etwas regte und zappelte.

„Ach Gott“, dachte sie, „sollten meine armen Kinder, die er zum Abendbrot

hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein?“

At length in her grief she went out, and the youngest kid ran with

her. When they came to the meadow, there lay the wolf by the tree

and snored so loud that the branches shook. She looked at him on

every side and saw that something was moving and struggling in

his gorged belly. ‘Ah, heavens,’ said she, ‘is it possible that my poor

children whom he has swallowed down for his supper, can be still

alive?’

Da musste das Geißlein nach Haus laufen und Schere, Nadel und Zwirn

holen. Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum hatte sie

einen Schnitt getan, so streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus, und

als sie weiter schnitt, so sprangen nacheinander alle sechse heraus und waren

noch alle am Leben und hatten nicht einmal Schaden gelitten, denn

das Ungetüm hatte sie in der Gier ganz hinuntergeschluckt. Das war eine

Freude! Da herzten sie ihre liebe Mutter, und hüpften wie ein Schneider,

der Hochzeit hält.

Märchengut


Märchengut


Hänsel und Gretel.

C

Hansel and Gretel.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 159 --

or einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit

seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß

Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen

und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land

kam, konnte er auch das tägliche Brot nicht mehr schaffen.

Wie er sich nun abends im Bette Gedanken machte und sich vor

Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: „Was

soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren,

da wir für uns selbst nichts mehr haben?“

Hard by a great forest dwelt a poor woodcutter with his wife and

his two children. The boy was called Hansel and the girl Gretel. He

had little to bite and to break, and once when great dearth fell on

the land, he could no longer procure even daily bread. Now when

he thought over this by night in his bed, and tossed about in his

anxiety, he groaned and said to his wife, ‘What is to become of

us? How are we to feed our poor children, when we no longer have

anything even for ourselves?’

„Weißt du was, Mann“, antwortete die Frau, „wir wollen morgen in aller

Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da

machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot,

dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg

nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.“

‘I’ll tell you what, husband,’ answered the woman, ‘early tomorrow

morning we will take the children out into the forest to where it

is the thickest; there we will light a fire for them, and give each of

them one more piece of bread, and then we will go to our work and

leave them alone. They will not find the way home again, and we

shall be rid of them.’

Märchengut

„Nein, Frau“, sagte der Mann, „das tue ich nicht; wie sollt ich’s übers Herz

bringen, meine Kinder im Walde allein zu lassen! Die wilden Tiere würden

bald kommen und sie zerreißen.“ – „Oh, du Narr“, sagte sie, „dann

müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die

Särge hobeln“, und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. „Aber die armen

Kinder dauern mich doch“, sagte der Mann.


-- 168 --

„Da wollen wir uns dran machen“, sprach Hänsel, „und eine gesegnete

Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom

Fenster essen, das schmeckt süß.“ Hänsel reichte in die Höhe und brach

sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und

Gretel stellte sich an die Scheiben und knusperte daran.

‘We will set to work on that,’ said Hansel, ‘and have a good meal.

I will eat a bit of the roof, and you Gretel, can eat some of the

window, it will taste sweet.’ Hansel reached up above, and broke

off a little of the roof to try how it tasted, and Gretel leant against

the window and nibbled at the panes.

Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus:

„Knupper, knupper, kneischen,

wer knuppert an meinem Häuschen?“

Die Kinder antworteten:

„Der Wind, der Wind,

das himmlische Kind“,

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach

sehr gut schmeckte, riss sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel

stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat

sich wohl damit.

Then a soft voice cried from the parlour:

‘Nibble, nibble, gnaw,

who is nibbling at my little house?’

The children answered:

‘The wind, the wind,

the heaven-born wind,’

Märchengut

and went on eating without disturbing themselves. Hansel, who liked the

taste of the roof, tore down a great piece of it, and Gretel pushed out the

whole of one round windowpane, sat down, and enjoyed herself with it.


Märchengut


-- 170 --

Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine

Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so

gewaltig, dass sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte

aber wackelte mit dem Kopfe und sprach: „Ei, ihr lieben Kinder, wer hat

euch hierher gebracht? Kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht

euch kein Leid.“

Suddenly the door opened, and a woman as old as the hills, who

supported herself on crutches, came creeping out. Hansel and

Gretel were so terribly frightened that they let fall what they had

in their hands. The old woman, however, nodded her head, and

said, ‘Oh, you dear children, who has brought you here? Do come

in, and stay with me. No harm shall happen to you.’

Sie fasste beide an der Hand und führte sie

in ihr Häuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen,

Milch und Pfannekuchen mit Zucker,

Äpfeln und Nüssen. Hernach wurden zwei

schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel

und Gretel legten sich hinein und meinten,

sie wären im Himmel.

She took them both by the hand, and

led them into her little house. Then

good food was set before them, milk

and pancakes, with sugar, apples,

and nuts. Afterwards two pretty

little beds were covered with clean

white linen, and Hansel and Gretel

lay down in them, and thought they

were in heaven.

Märchengut

Die Alte hatte sich nur so freundlich angestellt, sie war

aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und

hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken.

Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es

tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die

Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen,


-- 171 --

aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken’s, wenn

Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da

lachte sie boshaft und sprach höhnisch: „Die habe ich, die sollen mir nicht

wieder entwischen!“

The old woman had only pretended to be so kind; she was in reality

a wicked witch, who lay in wait for children, and had only built the

little house of bread in order to entice them there. When a child

fell into her power, she killed it, cooked and ate it, and that was a

feast day with her. Witches have red eyes, and cannot see far, but

they have a keen scent like the beasts, and are aware when human

beings draw near. When Hansel and Gretel came into her neighbourhood,

she laughed with malice, and said mockingly, ‘I have

them, they shall not escape me again!’

Früh morgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und

als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte

sie vor sich hin: „Das wird ein guter Bissen werden.“ Da packte sie

Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und

sperrte ihn mit einer Gittertüre ein. Er mochte schreien, wie er wollte, es

half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief: „Steh

auf, Faulenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der

sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn

essen.“ Gretel fing an bitterlich zu weinen; aber es war alles vergeblich, sie

musste tun, was die böse Hexe verlangte.

Early in the morning before the children were awake, she was

already up, and when she saw both of them sleeping and looking

so pretty, with their plump and rosy cheeks she muttered to herself,

‘That will be a dainty mouthful!’ Then she seized Hansel with her

shrivelled hand, carried him into a little stable, and locked him

in behind a grated door. Scream as he might, it would not help

him. Then she went to Gretel, shook her till she awoke, and cried,

‘Get up, lazy thing, fetch some water, and cook something good

for your brother, he is in the stable outside, and is to be made fat.

When he is fat, I will eat him.’ Gretel began to weep bitterly, but

it was all in vain, for she was forced to do what the wicked witch

commanded.

Märchengut


Rumpelstilzchen.

C

Rumpelstiltskin.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 195 --

s war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine

schöne Tochter. Nun traf es sich, dass er mit dem König

zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben,

sagte er zu ihm: „Ich habe eine Tochter, die kann Stroh

zu Gold spinnen.“ Der König sprach zum Müller: „Das

ist eine Kunst, die mir wohl gefällt! Wenn deine Tochter

so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie morgen in mein

Schloss. Da will ich sie auf die Probe stellen.“

Once there was a miller who was poor, but who had a

beautiful daughter. Now it happened that he got into a

conversation with the king, and to make an impression on

him he said to him, ‘I have a daughter who can spin straw

into gold.’ The king said to the miller, ‘That is an art which

pleases me well! If your daughter is as skillful as you say,

then bring her to my castle tomorrow, and I will put her

to the test.’

Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kammer,

die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach: „Jetzt mache

dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh

dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so musst du sterben.“ Darauf

schloss er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin.

And when the girl was brought to him, he led her into a chamber that

was entirely filled with straw, gave her a spinning-wheel and a reel,

and said, ‘Now get to work, and if by tomorrow morning early you

have not spun this straw into gold during the night, you must die.’

Then he himself locked up the chamber, and she was there all alone.

Da saß nun die arme Müllerstochter, und wusste um ihr Leben keinen Rat,

denn sie verstand gar nichts davon, wie das Stroh zu Gold zu spinnen war,

und ihre Angst ward immer größer, dass sie endlich zu weinen anfing. Da

ging auf einmal die Türe auf, und trat ein kleines Männchen herein und

sprach: „Guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?“

„Ach“, antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe

das nicht.“ Sprach das Männchen: „Was gibst du mir, wenn ich dir’s

spinne?“ „Mein Halsband“, sagte das Mädchen.

Märchengut


-- 196 --

So, there sat the poor miller’s daughter, and for the life of her could

not tell what to do, she had no idea how straw could be spun into

gold, and she grew more and more frightened, until at last she began

to weep. But all at once the door opened, and in came a little

man, and said, ‘Good evening, Mistress Miller, why are you crying

so?’

‘Alas,’ answered the girl, ‘I am supposed to spin straw into gold,

and I do not know how to do it.’

‘What will you give me’, said the manikin, ‘if I do it for you.’

‘My necklace’, said the girl.

Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und

schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann

steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen,

war auch die zweite voll. Und so ging’s fort bis zum Morgen, da war

alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold.

The little man took the necklace, seated himself in front of the

wheel, and whirr, whirr, whirr, three turns, and the reel was full,

then he put another on, and whirr, whirr, whirr, three times round,

and the second was full too. And so it went on until the morning,

when all the straw was spun, and all the reels were full of gold.

Bei Sonnenaufgang kam schon der König, und als er das Gold erblickte,

erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch geldgieriger.

Er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die

noch viel größer war und befahl ihr, das auch in einer Nacht zu spinnen,

wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Mädchen wusste sich nicht zu helfen

und weinte. Da ging abermals die Türe auf, und das kleine Männchen

erschien und sprach: „Was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold

spinne?“

„Meinen Ring von dem Finger“, antwortete das Mädchen.

Märchengut

By daybreak, the king was already there, and when he saw the gold

he was astonished and delighted, but his heart became only more

greedy. He had the miller’s daughter taken into another chamber

full of straw, which was much larger, and commanded her to spin

that also in one night if she valued her life. The girl knew not how


Märchengut


-- 202 --

Den zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen, wie die Leute

da genannt würden, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und

seltsamsten Namen vor: „Heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade

oder Schnürbein?“ Aber es antwortete immer: „So heiß’ ich nicht.“

On the second day she had inquiries made in the neighbourhood as

to the names of the people there, and she repeated to the manikin

the most uncommon and curious, ‘Perhaps your name is Shortribs,

or Sheepshanks, or Laceleg’, but he always answered, ‘That is not

my name.’

Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte: „Neue Namen

habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg

um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has’ sich gute Nacht sagen, so sah

ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer und um das

Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein

und schrie:

„Heute back’ ich, morgen brau’ ich,

Übermorgen hol’ ich der Königin ihr Kind;

Ach, wie gut, dass niemand weiß,

dass ich Rumpelstilzchen heiß’!“

On the third day the messenger came back again, and said,

‘I have not been able to find a single new name, but as I came to a

high mountain at the end of the forest, where the fox and the hare

bid each other good night, there I saw a little house, and before

the house a fire was burning, and round about the fire quite a

ridiculous little man was jumping, he hopped upon one leg, and

shouted:

Märchengut

‘Today I bake, tomorrow I'll brew,

The next I’ll fetch the young queen’s child.

Ha, glad am I that no one knew

That Rumpelstiltskin is my name.’

Da könnt ihr denken, wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte,

und als bald hernach das Männlein hereintrat und fragte: „Nun, Frau


-- 203 --

Königin, wie heiß’ ich?“ fragte sie erst: „Heißest du Kunz?“ – „Nein.“

„Heißest du Heinz?“ – „Nein.“

„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

You may imagine how glad the queen was when she heard the

name. And when soon afterwards the manikin came in and asked,

‘Now, mistress queen, what is my name,’ at first she asked, ‘Is your

name Kunz?’ – ‘No.’

‘Is your name Heinz?’ – ‘No.’

‘Perhaps your name is Rumpelstiltskin?’

„Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt!“, schrie das

Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass

es bis an den Leib hineinfuhr. Dann packte es in seiner Wut den linken

Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.

‘The devil has told you that! The devil has told you that!’ cried the

little man, and in his anger he plunged his right foot so deep into

the earth that his whole leg went in, and then in rage he pulled at

his left leg so hard with both hands that he tore himself in two.

Das Ende.

The End.

Märchengut


Das hässliche Entlein.

C

The Ugly Duckling.

Hans Christian Andersen

Märchengut


-- 209 --

s war herrlich draußen auf dem Lande; es war Sommer,

das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten

auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt, und

der Storch ging auf seinen langen roten Beinen und

plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von

seiner Mutter gelernt. Rings um den Acker und die

Wiese waren große Wälder und mitten in den Wäldern

tiefe Seen, ja, es war wirklich herrlich draußen auf dem

Lande!

It was beautiful out in the country; it was summer, the wheat

fields were golden, the oats were green, and down among the green

meadows the hay was stacked. The stork walking about on his long

red legs chattered in the Egyptian language, which he had learnt

from his mother. The cornfields and meadows were surrounded

by large forests, in the midst of which were deep lakes. Yes, it was,

indeed delightful out there in the country.

Mitten im Sonnenschein lag dort ein altes Landgut, von tiefen Kanälen

umgeben, und von der Mauer bis zum Wasser herunter wuchsen große

Klettenblätter, die so hoch waren, dass kleine Kinder unter den höchsten

aufrecht stehen konnten; es war darin ebenso wild wie im tiefsten Walde.

Hier saß eine Ente auf ihrem Neste, welche ihre Jungen ausbrüten musste,

aber es wurde ihr fast zu langweilig, ehe die Jungen kamen, dazu bekam

sie selten Besuch; die anderen Enten schwammen lieber in den Kanälen

umher, als dass sie hinauf liefen, sich unter ein Blatt zu setzen und mit ihr

zu schnattern.

In the midst of the sunshine there stood a pleasant old farm estate

surrounded by a deep moat, and from the walls of the house down

to the water side grew great burdock leaves, so high, that under the

tallest of them a little child could stand upright. The spot was as

wild as the centre of a thick wood. In this snug retreat sat a duck on

her nest, watching for her young brood to hatch; she was beginning

to get tired of her task, for the little ones were a long time coming

out of their shells, and she seldom had any visitors. The other ducks

would much rather swim in the moat than waddle out and squat

under the burdock leaf to gossip with her.

Märchengut


-- 210 --

Endlich barst ein Ei nach dem andern. „Piep, piep!“ sagte es und alle

Eidotter waren lebendig geworden und die jungen Entlein steckten den

Kopf heraus. „Rapp, rapp!“, sagte sie, und so rappelten sich alle, was sie

konnten, und sahen nach allen Seiten unter den grünen Blättern, und die

Mutter ließ sie sehen, soviel sie wollten, denn das Grüne ist gut für die

Augen.

At length one shell cracked, one after another. ‘Peep, peep!’ said the

little things, as they came to life and poked out their heads.‘Quack,

quack’, said the mother, and then they all quacked as well as they

could, and looked about them on every side at the large green

leaves. Their mother allowed them to look as much as they liked

because green is good for the eyes.

„Wie groß ist doch die Welt!“, sagten alle Jungen; denn nun hatten sie freilich

viel mehr Platz, als wie sie noch drinnen im Ei lagen.

„Glaubt ihr, dass dies die ganze Welt sei?“, sagte die Mutter. „Die erstreckt

sich noch weit über die andere Seite des Gartens, gerade hinein in des

Pfarrers Feld; aber da bin ich noch nie gewesen! Ihr seid doch alle beisammen?“

fuhr sie fort, und stand auf. „Nein, ich habe noch nicht alle, das

größte Ei liegt noch da. Wie lange soll das noch währen? Jetzt bin ich es

bald überdrüssig!“ Und so setzte sie sich wieder.

‘How large the world is’, said the young ducks, when they found

how much more room they now had than while they were inside

the egg-shell. ‘Do you imagine this is the whole world?’ their mother

asked. ‘It stretches far beyond the other side of the garden and

right on into the parson’s field, but I have never ventured to such a

distance. Are you all out?’ she continued and got up; ‘No, not quite

all, the largest egg still lies there. I wonder how long this is to last, I

am quite tired of it’, and she seated herself again on the nest.

Märchengut

„Nun wie geht es?“ fragte eine alte Ente, welche gekommen war, um ihr

ein Besuch abzustatten.

„Es währt so lange mit dem einen Ei!“, sagte die Ente, die da saß. „Es will

nicht entzwei gehen, doch sieh nur die andern an, sind sie nicht die niedlichsten

Entlein, die man je gesehen? Sie gleichen allesamt ihrem Vater –

der Schuft! Aber er kommt nicht, mich zu besuchen.“


-- 211 --

‘Well, how are you getting on?’ asked an old duck, who paid her a

visit.

‘One egg is not hatched yet;’ said the duck, ‘it will not break. But

just look at all the others, are they not the prettiest little ducklings

you ever saw? They are the image of their father – the wretch! He

never comes to see me.’

Märchengut


-- 212 --

„Lass mich das Ei sehen, welches nicht bersten will!“, sagte die Alte.

„Glaube mir, es ist ein Truthennenei. Ich bin auch einmal so angeführt

worden und hatte meine große Sorge und Not mit den Jungen, denn

ihnen ist bange vor dem Wasser. Ich konnte sie nicht hinein bekommen,

ich rappte und schnappte, aber es half nichts. Lass mich das Ei sehen. Ja,

das ist ein Truthennenei; nimm meinen Rat, lass es liegen und lehre lieber

die andern Kinder schwimmen.“

‘Let me see the egg that will not break’, the old duck said. ‘I have

no doubt it is a turkey’s egg. I was fooled like that once myself and

after all my care and trouble with the young ones, they were afraid

of the water. I could not get them into it; I quacked and clucked,

but all to no purpose. Let me look at the egg. Yes, that is a turkey’s

egg; take my advice, leave it where it is and teach the other children

to swim.’

„Ich will doch noch ein bisschen darauf sitzen“,

sagte die Ente, „habe ich nun so lange gesessen, so

kann ich auch noch einige Zeit sitzen.“

„Nach Belieben“, sagte die alte Ente und ging von

dannen. Endlich barst das große Ei. „Piep, piep!“

sagte das Junge und kroch heraus. Es war sehr groß

Märchengut


-- 213 --

und hässlich. Die Ente betrachtete es. „Das ist doch ein gewaltig großes

Entlein“, sagte sie, „keins von den andern sieht so aus; sollte es doch ein

Truthennenküken sein? Nun, wir wollen bald dahinter kommen; in das

Wasser muss es, ob ich es auch selbst hineinstoßen sollte.“

‘I will sit on it a little while longer,’ said the duck ‘as I have sat so

long already, a few days will be nothing.’

‘Please yourself ’, said the old duck, and she went away.

At last, the large egg broke, and a young one crept forth crying,

‘Peep, peep!’ It was very large and ugly. The duck took a look at

him. ‘That’s a frightfully big duckling’, she said.‘He doesn’t look

the least like the others. I wonder if it really is a turkey. We shall

soon find it out, however, when we go to the water. It must go in, if

I have to push it myself.’

Am nächsten Tage war schönes, herrliches Wetter; die Sonne schien auf

all die grünen Kletten. Die Entleinmutter ging mit ihrer ganzen Familie

zu dem Kanal hinunter. Platsch! Da sprang sie ins Wasser. „Rapp, rapp!“,

sagte sie, und ein Entlein plumpste nach dem andern hinein; das Wasser

schlug ihnen über dem Kopfe zusammen, aber sie kamen gleich wieder

empor und schwammen ganz prächtig; die Beine gingen von selbst, und

alle waren sie darin, selbst das hässliche, graue Junge schwamm mit.

On the next day, the weather was delightful, and the sun shone

brightly on the green burdock leaves. The mother duck took her

young brood down to the water, and jumped in with a splash.

‘Quack, quack!’ cried she, and one after another the little ducklings

jumped in. The water closed over their heads, but they came

up again in an instant, and swam about quite prettily with their

legs paddling under them as easily as possible, and they were all

there in the water, even the ugly duckling was also in the water

swimming with them.

Märchengut


-- 216 --

‘Let him alone’, said the mother; ‘he is not doing any harm.’

‘Yes, but he is so big and strange,’ said the spiteful duck ‘and therefore

he must be turned out.’

‘Very pretty children’, said the old duck with the rag on her leg, ‘all

but that one; he didn’t come out so well. I wish his mother could

improve him a little.’

„Das geht nicht, Ihre Gnaden“, sagte die Entleinmutter, „es ist nicht

hübsch, aber es hat ein gutes Gemüt und schwimmt so herrlich wie eins

von den andern, ja, ich darf sagen, noch etwas besser; ich denke, es wird

hübsch heranwachsen und mit der Zeit etwas kleiner werden; es hat so

lange in dem Ei gelegen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekommen!“

Und so zupfte sie es im Nacken und glättete das Gefieder. „Es ist überdies

ein Enterich“, sagte sie; „und darum macht es nicht so viel aus. Ich denke,

er wird gute Kräfte bekommen, er schlägt sich schon durch.“

„Die andern Entlein sind niedlich“, sagte die Alte. „Tut nun, als ob ihr hier

zu Hause wäret, und findet ihr einen Aalkopf, so könnt ihr mir ihn bringen.“

Und so waren sie wie zu Hause.

‘That is impossible, your grace’, replied the mother; ‘he is not pretty;

but he has a very good disposition, and swims as well or even

better than the others. I think he will grow up pretty, and perhaps

be smaller; he has remained too long in the egg, and therefore his

figure is not properly formed!’ And then she stroked his neck and

smoothed the feathers, saying, ‘It is a drake, and therefore not of

so much consequence. I think he will grow up strong, and able to

take care of himself.’ ‘The other ducklings are graceful,’ said the

old duck. ‘Now make yourself at home, and if you can find an eel’s

head, you can bring it to me.’ And so they made themselves comfortable.

Märchengut

Aber das arme Entlein, welches zuletzt aus dem Ei gekrochen war und so

hässlich aussah, wurde gebissen, gestoßen und zum Besten gehalten, und

das sowohl von den Enten wie von den Hühnern. „Es ist zu groß!“, sagten

sie allesamt, und der Truthahn, welcher mit Sporen zur Welt gekommen

war und deshalb glaubte, dass er ein Kaiser sei, blies sich wie ein Kahn mit

vollen Segeln auf, ging gerade auf dasselbe los, und dann kollerte er und

wurde ganz rot am Kopfe. Das arme Entlein wusste nicht, wo es stehen


-- 217 --

oder gehen sollte, es war betrübt, weil es hässlich aussah und vom ganzen

Entenhofe verspottet wurde.

But the poor duckling, who had crept out of his shell last of all, and

looked so ugly, was bitten and pushed and made fun of, not only

by the ducks, but by all the poultry. ‘He is too big!’ they all said,

and the turkey cock, who had been born into the world with spurs,

and fancied himself really an emperor, puffed himself out like a

vessel in full sail, and flew at the duckling, and became quite red in

the head with passion. The poor duckling did not know where he

dared stand or where he dared walk. He was so sad because he was

so desperately ugly, and because he was the laughing stock of the

whole barnyard.

Märchengut


-- 222 --

Gegen Abend erreichte es eine kleine, armselige Bauernhütte; die war

so baufällig, dass sie selbst nicht wusste, nach welcher Seite sie fallen

wollte, und darum blieb sie stehen. Der Sturm umsauste das Entlein so,

dass es sich niedersetzen musste, um sich dagegen zu stemmen; und es

wurde schlimmer und schlimmer; da bemerkte es, dass die Türe aus der

einen Angel gesprungen war und so schief hing, dass es durch die Öffnung

in die Stube hineinschlüpfen konnte, und das tat es.

Towards evening, he reached a poor little cottage that seemed ready

to fall, and only remained standing because it could not decide on

which side to fall first. The storm struck the duckling so hard that

the poor little fellow had to sit down on his tail to with stand it. The

storm blew stronger and stronger, but he noticed that one hinge

had come loose and the door hung so crooked that he could slip

through the crack into the room, and that’s just what he did.

Hier wohnte eine alte Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Und der

Kater, welchen sie Söhnchen nannte, konnte einen Buckel machen und

schnurren, er sprühte sogar Funken, aber dann musste man ihn gegen das

Haar streicheln. Die Henne hatte ganz kleine, niedrige Beine, und deshalb

wurde sie Küken-Kurzbein genannt; sie legte gute Eier, und die Frau liebte

es wie ihr eigenes Kind. Am Morgen bemerkte man sogleich das fremde

Entlein; und der Kater begann zu schnurren und die Henne zu glucken.

„Was ist das?“, sagte die Frau und sah sich ringsum, aber sie

sah nicht gut, und so glaubte sie, dass das Entlein eine fette

Ente sei, die sich verirrt habe. „Das ist ja ein seltener Fang!“,

sagte sie. „Nun kann ich Enteneier bekommen. Wenn es nur

kein Enterich ist! Das müssen wir erproben.“

Here lived an old woman with her tomcat and her hen.

The tomcat, whom she called, ‘My little son,’ could raise

his back, and purr, and could even throw out sparks,

though for that you had to stroke his fur the wrong

way. The hen had very little short legs, so she was

called ‘Chickie Shortleg.’ She laid good eggs, and the

woman loved her as if she had been her own child. In

the morning, the strange duckling was discovered, and

the tomcat began to purr, and the hen to cluck.

Märchengut


‘What is that?’ said the old woman, looking round, but her sight

was not very good; therefore, when she saw the duckling she

thought it must be a fat duck, that had strayed from home. ‘That

was a good catch!’ she exclaimed, ‘I hope it is not a drake, for then

I shall have some duck’s eggs. I must wait and see.’

Und so wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe angenommen, aber

da kamen keine Eier. Und der Kater war Herr im Hause, und die Henne

war die Dame, und immer sagte sie: „Wir und die Welt!“, denn sie glaubte,

dass sie die Hälfte seien, und zwar die bei Weitem bessere Hälfte. Das Entlein

glaubte, dass man auch eine andere Meinung haben könne, aber das

begriff die Henne nicht.

„Kannst du Eier legen?“, fragte es.

„Nein!“ – „Nun, dann wirst du die Güte haben, zu schweigen!“

Und der Kater sagte: „Kannst du einen krummen Buckel machen,

schnurren und Funken sprühen?“

„Nein!“

„So darfst du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute

sprechen!“

Märchengut

So the duckling was allowed to remain on trial for three weeks, but

there were no eggs. Now the cat was the master of the house, and


Der gestiefelte Kater.

C

Puss in Boots.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 233 --

s war einmal ein Müller, der hatte drei Söhne, seine Mühle,

einen Esel und einen Kater. Die Söhne mussten mahlen, der

Esel Getreide holen und Mehl forttragen, die Katze dagegen

die Mäuse wegfangen. Als der Müller starb, teilten sich die drei

Söhne die Erbschaft: der älteste bekam die Mühle, der zweite

den Esel, der dritte den Kater; weiter blieb nichts für ihn übrig.

Once upon a time there was a miller who had three sons, his mill,

an ass, and a cat. The sons worked the mill, the ass fetched the

grain and carried away the flour, and the cat caught mice. When

the miller died, the three sons divided the inheritance: The oldest

received the mill, the second the ass, and the third the cat, for nothing

else was left for him.

Da war er traurig und sprach zu sich selbst: „Ich hab es doch am allerschlimmsten

gekriegt, mein ältester Bruder kann mahlen, mein zweiter

kann auf seinem Esel reiten – was kann ich mit dem Kater anfangen? Lass

ich mir ein Paar Pelzhandschuhe aus seinem Fell machen, so ist’s vorbei.“

Sadly, he said to himself, ‘I got the worst of everything. My oldest

brother can grind grain, my second one can ride his ass, but what

can I do with the cat? If I have a pair of fur gloves made from his

pelt, then there’ll be nothing left.’

„Hör“, fing der Kater an, der alles verstanden hatte, „du brauchst mich

nicht zu töten, um ein Paar schlechte Handschuhe aus meinem Pelz zu

kriegen. Lass mir nur ein Paar Stiefel machen, dass ich ausgehen und mich

unter den Leuten sehen lassen kann, dann soll dir bald geholfen sein.“

Märchengut

‘Listen’, said the cat, who had understood everything that he had

said. ‘Don’t kill me just to get a pair of inferior gloves from my pelt.

Instead, have a pair of boots made for me so that I can go out and

been seen by the people. Then I can come to your aid.’


-- 240 --

Soon he arrived at the sorcerer’s place. He stepped boldly inside

and walked up to the sorcerer, who looked at him scornfully, then

he asked him what he wanted. The cat bowed deeply and said,

’I have heard that you can transform yourself any way that you

please. I can well believe that you could transform yourself into

an animal such as a dog, a fox, or even a wolf, but it seems to me

that to transform yourself into an elephant would be quite impossible.

I have come to see if you can do so.’ The sorcerer said proudly,

‘That’s nothing for me,’ and he instantly transformed himself into

an elephant.‘That’s a lot,’ said the cat, ‘but also into a lion?’

„Das ist auch nichts“, sagte der Zauberer und stand als ein Löwe vor dem

Kater. Der Kater stellte sich erschrocken und rief: „Das ist unglaublich

und unerhört, dergleichen hätt’ ich mir nicht im Traume in die Gedanken

kommen lassen; aber noch mehr, als alles andere, wär es, wenn du dich

auch in ein so kleines Tier wie eine Maus verwandeln könntest. Du kannst

gewiss mehr als irgendein Zauberer auf der Welt, aber das wird dir doch

zu viel sein.“ Der Zauberer ward ganz freundlich von den süßen Worten

und sagte: „O ja, liebes Kätzchen, das kann ich auch“, und sprang als eine

Maus im Zimmer herum. Der Kater war hinter ihm her, fing die Maus mit

einem Satz und fraß sie auf.

‘That’s nothing either’, said the sorcerer and stood as a lion before

the cat. The cat stood there in shock and shouted: ‘This is unbelievable

and unheard of, I would not have let such things come to my

mind in my dreams; but even more difficult would be to transform

yourself into a small animal, such as a mouse. You are certainly

more powerful than any other sorcerer in the world, but that

would be too much for you.’ The sweet talk turned the sorcerer

very friendly, and he said, ‘Oh yes, my dear little cat, I can do that

too,’ then suddenly he was jumping around in the room as a mouse.

The cat ran after him, caught him with one leap, and ate him up.

Märchengut

Der König aber war mit dem Grafen und der Prinzessin weiter gefahren

und kam zu der großen Wiese. „Wem gehört das Heu?“, fragte der König.

„Dem Herrn Grafen!“, riefen alle, wie der Kater ihnen befohlen hatte.

„Ihr habt da ein schön Stück Land, Herr Graf “, sagte er. Danach kamen sie

an das große Kornfeld. „Wem gehört das Korn, ihr Leute?“


Märchengut


Der Hase und der Igel.

C

The Hare and the Hedgehog.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 289 --

iese Geschichte ist eigentlich gelogen, Kinder, aber wahr ist

sie doch, denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte

immer, wenn er sie erzählte, zu sagen: „Wahr muss sie sein,

mein Sohn, sonst könnte man sie ja nicht erzählen.“ Die

Geschichte aber hat sich so zugetragen.

This story was actually made up, young ones, but it really is true,

for my grandfather, who told it to me, always said whenever he told

it, ‘it must be true, my son, otherwise it couldn’t be told.’ Anyway,

this is how the story goes.

Es war an einem Sonntagmorgen im Herbst, gerade als der Buchweizen

blühte; die Sonne war am Himmel aufgegangen, und der Wind strich

warm über die Stoppeln, die Lerchen sangen hoch in der Luft, und die

Bienen summten im Buchweizen. Die Leute gingen in ihrem Sonntagsstaat

zur Kirche, und alle Geschöpfe waren vergnügt, auch der Igel.

It was on a Sunday morning at harvest time, just when the buckwheat

was in bloom. The sun was shining bright in the heaven, the

morning wind was blowing warmly across the stubble, the larks

were singing in the air, the bees were buzzing in the buckwheat.

The people in their Sunday best were on their way to church, and

all the creatures were happy, including the hedgehog.

Er stand vor seiner Tür, hatte die Arme verschränkt,

er guckte in den Morgen wind hinaus

und trällerte ein kleines Liedchen vor sich hin,

so gut und so schlecht wie am Sonntagmorgen

ein Igel eben zu singen pflegt. Während er nun

so vor sich hin sang, fiel ihm plötzlich ein, er

könnte doch, während seine Frau die Kinder

wusch und ankleidete, ein bißchen im Feld

spazierengehen und nachsehen, wie die Steckrüben

standen. Die Steckrüben waren ganz

nah bei seinem Haus, und er pflegte sie mit

seiner Familie zu essen, darum sah er sie auch

als die seinigen an.

Märchengut


-- 294 --

On his way home, the hedgehog thought to himself, ‘The hare is

relying on his long legs, but I’ll still beat him. He may well be a

distinguished gentleman, but he’s still a fool, and he’ll be the one

to pay.’

Arriving home, he said to his wife, ‘Wife, get dressed quickly. You’ve

got to go out to the field with me.’

‘What’s the matter?" said his wife.

‘I bet a gold ducat and a bottle of brandy with the hare that I could

beat him in a race, and you should be there too.’

‘Oh my God, man’, the hedgehog’s wife began to scream, ‘Have you

entirely lost your mind? How can you agree to run a race with the

hare?’

‘Hold your mouth, woman’, said the hedgehog. ‘This is my affair.

Don’t get mixed up in men’s business. Hurry up now, get dressed,

and come with me.’

What was the hedgehog’s wife to do? She had to obey, whether she

wanted to or not.

Als sie miteinander unterwegs waren, sprach der Igel zu seiner Frau: „Nun

paß auf, was ich dir sage. Dort auf dem langen Acker will ich unseren

Wettlauf machen. Der Hase läuft in einer Furche, und ich in der anderen,

und dort oben fangen wir an. Du hast nun weiter nichts zu tun, als dass du

dich hier unten in die Furche stellst, und wenn der Hase in seiner Furche

daherkommt, so rufst du ihm entgegen: „Ich bin schon da!“

As they walked toward the field together, the hedgehog said to his

wife, ‘Now pay attention to what I tell you. You see, we are going to

run the race down the long field. The hare will run in one furrow

and I in another one. We’ll begin running from up there. All you

have to do is to stand here in the furrow, and when the hare approaches

from the other side, just call out to him: ‘I’m already here.’

Märchengut

So kamen sie zu dem Acker, der Igel wies seiner Frau ihren Platz an und

ging den Acker hinauf. Als er oben ankam, war der Hase schon da. „Kann

es losgehen?“ fragte er.

„Jawohl“, erwiderte der Igel.

„Dann nur zu.“ Damit stellte sich jeder in seine Furche. Der Hase zählte:

„Eins, zwei, drei“, und los ging er wie ein Sturmwind den Acker hinunter.


Märchengut


-- 298 --

So lief der Hase dreiundsiebzigmal, und der Igel hielt immer mit. Und

jedesmal, wenn der Hase oben oder unten am Ziel ankam, sagten der Igel

oder seine Frau: „Ich bin schon da.“

So the hare ran seventy-three more times, and the hedgehog

always kept up with him. Each time the hare arrived at the top or

the bottom of the field, the hedgehog or his wife said: ‘I am already

here!’

Beim vierundsiebzigsten Male aber kam der Hase nicht mehr ans Ziel.

Mitten auf dem Acker fiel er zu Boden, das Blut floss ihm aus der Nase,

und er blieb tot liegen. Der Igel aber nahm seinen gewonnenen Golddukaten

und die Flasche Branntwein, rief seine Frau von ihrem Platz am

Ende der Furche, und vergnügt gingen beide nach Hause. Und wenn sie

nicht gestorben sind, leben sie heute noch.

But the hare did not complete the seventy-fourth time. In the

middle of the field, with blood flowing out of his nose, he fell dead

to the ground. But the hedgehog took the gold ducat and the bottle

of brandy he had won, called his wife from her furrow, and happily

they both went back home. And if they have not died, then they are

still alive.

So geschah es, dass auf der Buxtehuder Heide der Igel den Hasen zu Tode

gelaufen hatte, und seit jener Zeit hat kein Hase mehr gewagt, mit dem

Buxtehuder Igel um die Wette zu laufen.

Die Lehre aus dieser Geschichte aber ist erstens, dass sich keiner, und

wenn er sich auch noch so vornehm dünkt, einfallen lassen soll, sich über

einen kleinen Mann lustig zu machen, und wäre es auch nur ein Igel. Und

zweitens, dass es gut ist, wenn einer heiratet, dass er sich eine Frau von

seinem Stand nimmt, die geradeso aussieht wie er. Wer also ein Igel ist,

der muss darauf sehen, dass auch seine Frau ein Igel ist, und so weiter.

Märchengut

And so it happened that the hedgehog ran the hare to death on the

Buxtehude Heath, and since that time no hare has agreed to enter

a race with the Buxtehude hedgehog.

The moral of this story is, first, that no one, however distinguished

he thinks himself, should make fun of a lesser man, even if this


-- 299 --

man is a hedgehog. And second, when a man marries, it is recommended

that he take a wife from his own class, one who looks just

like him. In other words, a hedgehog should always take care that

his wife is also a hedgehog, and so forth.

Das Ende.

The End.

Märchengut


Des Kaisers neue Kleider.

C

The Emperor’s New Clothes.

Hans Christian Andersen

Märchengut


-- 301 --

or vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf

neue Kleider hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab, um

recht geputzt einherzugehen. Er kümmerte sich nicht um

seine Soldaten, kümmerte sich nicht um das Theater und

liebte es nur, spazieren zu fahren, um seine neuen Kleider zu

zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und wie

man von einem Könige sonst sagte, er sei im Rat, so sagte man hier

immer: „Der Kaiser ist in der Garderobe!“

Many years ago, there was an Emperor so exceedingly fond of

new clothes that he spent all his money on being well dressed. He

cared nothing about reviewing his soldiers, going to the theatre, or

going for a ride in his carriage, except to show off his new clothes.

He had a coat for every hour of the day, and as of any other ruler,

one is accustomed to say, ‘The King’s in council,’ it was always said

of him, ‘The Emperor’s in his dressing room.’

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter zu. An jedem

Tage trafen viele Fremde ein. Eines Tages kamen auch zwei Betrüger an;

sie gaben sich für Weber aus und sagten, dass sie das schönste Zeug, das

man sich denken könne, zu weben verständen. Die Farben und das Muster

wären nicht allein außergewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von

dem Zeuge genäht würden, besäßen die wunderbare Eigenschaft, dass sie

für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder

der unverzeihlich dumm sei.

In the great town where he lived, life was always merry. Every day

many strangers came to town, and among them one day came

two swindlers. They let it be known they were weavers, and they

said they could weave the most magnificent fabrics imaginable.

Not only were their colours and patterns uncommonly fine, but

clothes made of this cloth had a wonderful way of becoming

invisible to anyone who was unfit for his office, or who was unusually

stupid.

Märchengut

„Das wären ja prächtige Kleider“, dachte der Kaiser; „wenn ich die

hätte, könnte ich ja dahinter kommen, welche Männer in meinem

Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen; ich könnte die Klugen


-- 308 --

say that he couldn’t see anything. His whole retinue stared and

stared. One saw no more than another, but they all joined the

Emperor in exclaiming, ‘Oh! It’s very pretty’, and they advised

him to wear clothes made of this wonderful cloth especially for the

great procession he was soon to lead. ‘Magnificent! Excellent!

Unsurpassed!’ were bandied from mouth to mouth, and everyone

did his best to seem well pleased. The Emperor awarded each of

the swin dlers the title of ‘Sir Weaver’.

Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem die Prozession stattfinden sollte,

waren die Betrüger auf und hatten über sechzehn Lichter angezündet.

Die Leute konnten sehen, dass sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue

Kleider fertig zu machen. Sie taten, als ob sie das Zeug von dem Webstuhle

nähmen, sie schnitten mit großen Scheren in die Luft, sie nähten mit

Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: „Nun sind die Kleider fertig!“

Before the procession, the swindlers sat up all night and burned

more than sixteen candles, to show how busy they were finishing

the Emperor’s new clothes. They pretended to take the cloth off

the loom, they made cuts in the air with huge scissors. They sewed

Märchengut


-- 309 --

with sewing needles without thread and at last they said, ‘Now the

clothes are ready!’

Der Kaiser kam mit seinen vornehmsten Edelleuten selbst dahin, und

beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade als ob sie etwas

hielten und sagten: „Seht, hier sind die Beinkleider! Hier ist der Rock!

Hier der Mantel!“ und so weiter. „Es ist so leicht wie Spinngewebe; man

sollte glauben, man habe nichts auf dem Leibe; aber das ist gerade das

Schöne daran!“

„Ja!“ sagten alle Edelleute; aber sie konnten nichts sehen; denn es war

nichts da.

Then the Emperor himself came with his noblest noblemen, and the

swindlers each raised an arm as if they were holding something.

They said, ‘These are the trousers, here’s the coat, and this is the

mantle’, naming each garment. ‘All of them are as light as a spider

web. One would almost think he had nothing on, but that’s what

makes them so fine.’

‘Exactly’, all the noblemen agreed, though they could see nothing,

for there was nothing to see.

„Belieben Eure Kaiserliche Majestät jetzt ihre Kleider allergnädigst auszuziehen“,

sagten die Betrüger, „so wollen wir Ihnen die neuen anziehen,

hier vor dem großen Spiegel!“ Der Kaiser legte alle seine Kleider ab, und

die Betrüger stellten sich, als ob sie ihm jedes Stück der neuen Kleider

anzögen; und der Kaiser wendete sich und drehte sich vor dem Spiegel.

„Ei, wie gut sie kleiden! Wie herrlich sie sitzen!“, sagten alle. „Welches

Muster, welche Farben! Das ist eine köstliche Tracht!“

‘If Your Imperial Majesty will condescend to take your clothes off,’

said the swindlers, ‘we will help you on with your new ones here in

front of the big mirror.’

The Emperor undressed, and the swindlers pretended to put his

new clothes on him, one garment after another. And the Emperor

turned round and round before the looking glass.

‘How well Your Majesty’s new clothes look! How lovely they fit!’

he heard on all sides, ‘That pattern, so perfect! Those colours, so

suitable! It is a magnificent outfit.’

Märchengut


Aschenputtel.

C

Ashputtel.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 317 --

inem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank, und

als sie fühlte, dass ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges

Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: „Liebes Kind, bleib

fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen,

und ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich

sein.“ Darauf tat sie die Augen zu und verschied. Das Mädchen ging jeden

Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte und blieb fromm und

gut. Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weißes Tüchlein auf das

Grab, und als die Sonne im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm

sich der Mann eine andere Frau.

The wife of a rich man fell sick, and when she felt that her end

was drawing near, she called her only daughter to her bedside and

said, ‘Dear child, be pious and good, and then the good God will

always protect you, and I will look down on you from heaven and

watch over you.’ Thereupon she closed her eyes and departed. Every

day the maiden went out to her mother’s grave, and wept, and she

remained pious and good. When winter came the snow spread

a white sheet over the grave, and by the time the spring sun had

drawn it off again, the man had taken another wife.

Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiß

von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da ging eine

schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. „Soll die dumme Gans bei uns in

der Stube sitzen?“, sprachen sie. „Wer Brot essen will, muss es ver dienen;

hinaus mit der Küchenmagd!“ Sie nahmen ihm seine schönen Kleider

weg, zogen ihm einen grauen alten Kittel an und gaben ihm hölzerne

Schuhe. „Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist!“, riefen

sie, lachten und führten es in die Küche. Da musste es von morgens bis

abends schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehn, Wasser tragen, Feuer

anmachen, kochen und waschen.

Märchengut

This woman had two daughters of her own that she brought

home with her; they were beautiful and fair of face, but vile and

black of heart. Now began a sorry time for the poor stepchild. ‘Is

the stupid goose to sit in the parlour with us’, they said. ‘They

who wants to eat bread must earn it. Away with the kitchen

maid.’ They took her pretty clothes away from her, put an old


-- 320 --

When the two step-sisters heard that they too were to appear

among the number, they were delighted, called Ashputtel and said,

‘Comb our hair for us, brush our shoes and fasten our buckles, for

we are going to the wedding at the king’s palace.’ Ashputtel obeyed,

but wept, because she too would have liked to go with them to

the dance, and begged her stepmother to allow her to do so. ‘You,

Ashputtel,’ said she, ‘covered in dust and dirt as you are, and would

go to the ball? You have no clothes and shoes, and yet would dance.’

Als es aber mit Bitten anhielt, sprach sie endlich: „Da habe ich dir eine

Schüssel Linsen in die Asche geschüttet, wenn du die Linsen in zwei Stunden

wieder ausgelesen hast, so sollst du mitgehen.“ Das Mädchen ging

durch die Hintertüre in den Garten und rief: „Ihr zahmen Täubchen, ihr

Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir

lesen,

die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.“

As, however, Ashputtel went on asking, the stepmother said at last,

‘I have emptied a dish of lentils into the ashes for you, if you have

picked them out again in two hours, you shall go with us.’ The

maiden went through the backdoor into the garden, and called:

‘You tame pigeons, you turtle-doves, and all you birds beneath the

sky, come and help me to pick

the good into the pot, the bad into the crop.’

Da kamen zum Küchenfenster zwei weiße Täubchen herein und danach

die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein

unter dem Himmel herein und ließen sich um die Asche nieder. Und die

Täubchen nickten mit ihren Köpfchen und fingen an pick, pick, pick, pick,

und da fingen die übrigen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten

Körner in die Schüsseln. Und eh eine halbe Stunde herum war, waren

sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Märchengut

Then two white pigeons came in by the kitchen window, and

after wards the turtle doves, and at last all the birds beneath

the sky, came whirring and crowding in, and landed among the


Märchengut


Däumelinchen.

C

Thumbelina.

Hans Christian Andersen

Märchengut


-- 335 --

s war einmal eine Frau, die sich sehr nach einem kleinen

Kinde sehnte, aber sie wusste nicht, woher sie es nehmen

sollte. Da ging sie zu einer alten Hexe und sagte zu ihr: „Ich

möchte herzlich gern ein kleines Kind haben, willst Du mir

nicht sagen, woher ich das bekommen kann?“

Once upon a time there was a woman who very much

wanted to have a little tiny child, but didn’t know

where she could get one from; so she went to an old

witch and said to her, ‘I do so want to have a little

child; will you kindly tell me where I can get one?’

„Ja, damit wollen wir schon fertig werden!“, sagte die Hexe. „Da hast Du

ein Gerstenkorn; das ist gar nicht von der Art, wie sie auf dem Felde des

Landmanns wachsen, oder wie sie die Hühner zu fressen bekommen; lege

das in einen Blumentopf, so wirst Du etwas zu sehen bekommen!“

‘Oh, we can manage that’, said the witch, ‘there’s a barleycorn for

you! It isn’t the kind that grows in the farmers’ fields or that the

chickens have to eat; just put it in a flowerpot, and you shall see

what you shall see.’

„Ich danke Dir!“, sagte die Frau und gab der Hexe zwölf Groschen, ging

dann nach Hause, pflanzte das Gerstenkorn, und sogleich wuchs da eine

herrliche, große Blume; sie sah aus wie eine Tulpe, aber die Blätter schlossen

sich fest zusammen, gerade als ob sie noch in der Knospe wären.

‘Much obliged’, said the woman, and gave the witch twelve pence,

and went home and planted the barleycorn; and very soon a fine

large flower came up which looked just like a tulip, but the petals

were closed up tight as if it were still a bud.

Märchengut

„Das ist eine niedliche Blume!“, sagte die Frau und küsste sie auf die

roten und gelben Blätter, aber gerade wie sie darauf küsste, öffnete sich

die Blume mit einem Knall. Es war eine wirkliche Tulpe, wie man nun

sehen konnte, aber mitten in der Blume saß auf dem grünen Samen griffel

ein ganz kleines Mädchen, fein und niedlich; sie war nicht über einen

Daumen breit und lang, deswegen wurde sie Däumelinchen genannt.


-- 336 --

‘That’s a charming flower’, said the woman, and gave it a kiss on

its pretty red and yellow petals. But just as she kissed it the flower

gave a loud crack and opened. You could see it was a real tulip,

only right in the middle of it, on the green stool that is there, sat

a tiny little girl, as delicate and pretty as could be. She was only a

thumb-joint long, so she was called Thumbelina.

Eine niedliche, lackierte Walnussschale bekam sie zur Wiege, blaue

Veilchenblätter waren ihre Matratze und ein Rosenblatt ihr Deckbett.

Da schlief sie bei Nacht, aber am Tage spielte sie auf dem Tisch, wo die

Frau einen Teller hingestellt, um den sie einen ganzen Kranz von Blumen

gelegt hatte, deren Stängel im Wasser standen; hier schwamm ein großes

Tulpenblatt, und auf diesem konnte Däumelinchen sitzen, und von

der einen Seite des Tellers nach der andern fahren; sie hatte zwei weiße

Pferdehaare zum Rudern. Das sah ganz allerliebst aus. Sie konnte auch

singen, und so fein und niedlich, wie man es nie gehört hatte.

She was given a splendid lacquered walnut shell for a cradle,

blue violet leaves for mattresses, and a rose leaf for a bedcover.

There she slept at night, but in the daytime she played about

on the table, where the woman had put a plate, round which

she put a whole wreath of flowers with their stalks in the water;

and on the water floated a large tulip leaf on which Thumbelina

could sit and sail from one side of the plate to the other. She had

two white horsehairs to row with. It was really beautiful to see her;

she could sing too, so delicately and prettily as no one had ever

heard.

Einmal nachts, als sie in ihrem schönen Bette lag, kam eine Kröte durch

das Fenster hereingehüpft, wo eine Scheibe entzwei war. Die Kröte war

hässlich, groß und nass, sie hüpfte gerade auf den Tisch herunter, wo

Däumelinchen lag und unter dem roten Rosenblatt schlief.

Märchengut

One night, as she lay in her pretty bed, a toad came hopping in at

the window, which had a broken pane. The toad was ugly and big

and wet, and hopped right down on to the table where Thumbelina

lay asleep under her red rose leaf.


-- 337 --

„Das wäre eine schöne Frau für meinen Sohn!“ sagte die Kröte, und

da nahm sie die Walnussschale, worin Däumelinchen schlief, und hüpfte

mit ihr durchs Fenster in den Garten hinunter. Da floss ein großer,

breiter Fluss; aber gerade am Ufer war es sumpfig und morastig; hier

wohnte die Kröte mit ihrem Sohne. Hu, der war hässlich und garstig und

glich ganz seiner Mutter. „Koax, koax, brekkekekex!“ Das war alles, was

er sagen konnte, als er das niedliche kleine Mädchen in der Walnussschale

erblickte.

‘That would make a lovely wife for my son!’ said the toad; so

she took hold of the walnut shell where Thumbelina slept and

hopped off with her through the window and down into the garden.

Through it flowed a big broad stream, but just at the edge it was

marshy and muddy, and there the toad lived with her son. Ugh!

He was ugly and horrid too, just like his mother. ‘Koeex, koeex,

brekke-ke-kex’, was all he could say when he saw the pretty little

girl in the walnut shell.

„Sprich nicht so laut, denn sonst erwacht sie!“, sagte die alte Kröte. „Sie

könnte uns noch entlaufen, denn sie ist so leicht wie ein Schwanenflaum!

Wir wollen sie auf eins der breiten Seerosenblätter in den Fluss hinaussetzen,

das ist für sie, die so leicht und klein ist, gerade wie eine Insel; da

kann sie nicht davonlaufen, während wir die Staatsstube unten unter dem

Morast, wo ihr wohnen und hausen sollt, in Stand setzen.“

‘Don’t talk so loud, you’ll wake her,’ said the old toad, ‘and she

might run away from us now, for she’s as light as a swansdown

feather. We’ll put her out in the river on one of the broad waterlily

leaves. It’ll be like an island for her, she’s so little and light. She

can’t run away from us while we get the drawing room under the

mud ready for you two to make your home in.’

Märchengut

Draußen in dem Flusse wuchsen viele Seerosen mit den breiten, grünen

Blättern, welche aussahen, als schwämmen sie oben auf dem Wasser;

das Blatt, welches am weitesten hinauslag, war auch das allergrößte;

da schwamm die alte Kröte hinaus und setzte die Walnussschale mit

Däumelinchen darauf.


-- 338 --

There were a great many waterlilies growing out in the stream,

with broad green leaves that looked as if they were floating on the

water; and the leaf that was furthest out was also the biggest of all.

To this leaf the old toad swam out and put the walnut shell with

Thumbelina on it.

Das kleine Wesen erwachte frühmorgens, und da sie sah, wo sie war, fing

sie recht bitterlich an zu weinen; denn es war Wasser zu allen Seiten des

großen, grünen Blattes, und sie konnte gar nicht an das Land kommen.

The poor little wretch woke up very early in the morning, and when

she saw where she was, she began to cry bitterly; for there was

water all round the big leaf and she couldn’t possibly get to the

shore.

Märchengut


-- 339 --

Die alte Kröte saß unten im Morast und putzte ihre Stube mit Schilf

und gelben Fischblattblumen aus; es sollte da recht hübsch für die neue

Schwiegertochter werden. Und schwamm dann mit dem hässlichen

Sohne zu dem Blatte hinaus, wo Däumelinchen stand. Sie wollten ihr

hübsches Bett holen, das sollte in das Brautgemach gestellt werden, bevor

sie es selbst betrat. Die alte Kröte verneigte sich tief im Wasser vor ihr

und sagte: „Hier siehst Du meinen Sohn; er wird Dein Mann sein, und ihr

werdet recht prächtig unten im Morast wohnen!“

„Koax, koax, brekkerekekex!“, war alles, was der Sohn sagen konnte.

The old toad stayed down in the mud and set about decorating her

room with rushes and yellow waterlily buds, so as to make it nice

and neat for her new daughter-in-law. And then she swam out with

her ugly son to the leaf where Thumbelina stood. They were going

to fetch her pretty bed and put it up in the bridal chamber before

she came there herself. The old toad curtsied low in the water

before her and said, ‘I present my son to you. He is going to be your

husband, and you will have a delightful life with him down in the

mud.’

‘Koeex, koeex, brekke-ke-kex!’ was all the son could say.

Dann nahmen sie das niedliche, kleine Bett und schwammen damit fort;

aber Däumelinchen saß ganz allein und weinte auf dem grünen Blatte,

denn sie mochte nicht bei der garstigen Kröte wohnen oder ihren hässlichen

Sohn zum Manne haben. Die kleinen Fische, welche unten im

Wasser schwammen, hatten die Kröte wohl gesehen und gehört, was sie

gesagt hatte; deshalb streckten sie die Köpfe hervor, sie wollten doch das

kleine Mädchen sehen.

Märchengut

So they took the beautiful little bed and swam off with it while

Thumbelina sat all alone on the green leaf crying, for she didn’t

want to live with the horrid toad or have her ugly son for a

husband. The little fishes, swimming beneath in the water, had

seen the toad and heard what she said, so they put their heads up;

they wanted to see the little girl.


-- 340 --

Sobald sie es erblickten, fanden sie dasselbe so niedlich, dass es ihnen leid

tat, dass es zur hässlichen Kröte hinunter sollte. Nein, das durfte nie geschehen!

Sie versammelten sich unten im Wasser rings um den grünen

Stängel, welcher das Blatt hielt, nagten mit den Zähnen den Stiel ab, und

da schwamm das Blatt den Fluss hinab mit Däumelinchen davon, weit

weg, wo die Kröte sie nicht erreichen konnte.

But as soon as they saw her, they thought her so pretty that it

grieved them very much to think that she had to go down to the

ugly toad. No, that could never be. So they swarmed together down

in the water, all round the green stalk that held the leaf she was on,

and gnawed it through with their teeth; so the leaf went floating

down the stream, and bore Thumbelina far, far away, where the

toad could not go.

Däumelinchen segelte vor vielen Städten vorbei, und die kleinen Vögel

saßen in den Büschen, sahen sie und sangen: „Welch liebliches kleines

Mädchen!“ Das Blatt schwamm mit ihr immer weiter und weiter fort; so

reiste Däumelinchen außer Landes.

Thumbelina sailed past many towns, and the little birds in the

bushes saw her and sang, ‘What a pretty little maid!’ The leaf

floated further and further away with her, and thus it was that

Thumbelina went on her travels.

Ein niedlicher, weißer Schmetterling umflatterte sie stets und ließ sich

zuletzt auf das Blatt nieder, denn Däumelinchen gefiel ihm. Diese war

sehr erfreut; denn nun konnte die Kröte sie nicht erreichen, und es war so

schön, wo sie fuhr; die Sonne schien auf das Wasser, dieses glänzte wie das

herrlichste Gold. Sie nahm ihren Gürtel, band das Ende um den Schmetterling,

das andere Ende des Bandes befestigte sie am Blatte; das glitt nun

viel schneller davon und sie mit, denn sie stand ja auf demselben.

Märchengut

A beautiful little white butterfly kept flying round her, and at last

settled on the leaf, for it took a fancy to Thumbelina, and she was

very happy, for now the toad could not get at her, and everything

was beautiful where she was sailing; the sun shone on the water

and made it glitter like gold. She took her belt and tied one end of


-- 341 --

it to the butterfly, and the other end she fastened to the leaf, and it

went along much faster with her, for of course she was standing on

the leaf.

Da kam ein großer Maikäfer angeflogen,

der erblickte sie und schlug augenblicklich

seine Klauen um ihren schlanken

Leib und flog mit ihr auf einen Baum;

das grüne Blatt schwamm den Fluss

hinab und der Schmetterling mit, denn

er war an das Blatt gebunden und konnte

nicht von demselben loskommen.

Just then a large cockchafer came flying by and

caught sight of her, and in an instant he had

grasped her slender body in his claws, and flew

up into a tree with her. But the green leaf went

floating downstream and the butterfly with it, for

he was tied to the leaf and could not get loose.

Gott, wie war das arme Däumelinchen erschrocken, als der Maikäfer mit

ihr auf den Baum flog! Aber hauptsächlich war sie des schönen, weißen

Schmetterlings wegen betrübt, den sie an das Blatt festgebunden hatte;

falls er sich nicht befreien konnte, musste er ja verhungern. Aber darum

kümmerte sich der Maikäfer gar nicht. Er setzte sich mit ihr auf das

größte, grüne Blatt des Baumes, gab ihr das Süße der Blumen zu essen und

sagte, dass sie niedlich sei, obgleich sie einem Maikäfer durchaus nicht

gleiche.

Goodness! How frightened poor Thumbelina was when the cockchafer

flew up into the tree with her. But she was most of all

grieved for the pretty white butterfly which she had tied to the leaf,

for unless it got loose it would be starved to death. However, the

cockchafer cared nothing about that. He alighted with her on the

largest green leaf on the tree, and gave her honey out of the flowers

to eat, and told her she was very pretty, though she wasn’t in the

least like a cockchafer.

Märchengut


Schneeweißchen und Rosenrot.

C

Snow–White and Rose–Red.

Jacob and Wilhelm Grimm

Märchengut


-- 371 --

ine arme Witwe, die lebte einsam in einem Hüttchen, und

vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen

zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße,

das andere rote Rosen; und sie hatte zwei Kinder, die

glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß

Schneeweißchen, das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und gut,

so arbeitsam und unverdrossen, als je zwei Kinder auf der Welt gewesen

sind: Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot

sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing

Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr

im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war.

A poor widow once lived in a little cottage. In front of the cottage

was a garden in which two rose trees stood; one of which bore white

and the other red roses. She had two children who were like the two

rose trees, and one was called Snow-White, and the other Rose-Red.

They were as religious and loving, busy and untiring as ever two

children in the world were. Snow-White was more quiet and

gentle, and quieter than Rose-Red. Rose-Red liked better skipping

about in the meadows and fields, seeking flowers and catching

summer birds; but Snow-White stayed at home with her mother,

either helping her in her house work, or read to her when there was

nothing to do.

Die beiden Kinder hatten einander so lieb, dass sie sich immer an den

Händen fassten, sooft sie zusammen ausgingen; und wenn Schneeweißchen

sagte: „Wir wollen uns nicht verlassen“, so antwortete Rosenrot:

„Solange wir leben nicht“, und die Mutter setzte hinzu: „Was das eine hat,

soll’s mit dem andern teilen.“

The two children were so fond of each another that they always

held each other by the hand when they went out together, and when

Snow-White said, ‘We will never separate’, Rose-Red answer ed,

‘Never so long as we live’, and their mother would add, ‘What one

has she must share with the other.’

Märchengut

Oft liefen sie im Walde allein umher und sammelten rote Beeren, aber

kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern sie kamen vertraulich herbei.


-- 374 --

One evening, as they were all sitting cosily together like this, someone

knocked at the door as if he wished to be let in. The mother said,

‘Make haste, Rose-Red, open the door, it is surely some traveller

seeking shelter.’ Rose-Red went and pulled back the bolt, expecting

to see some poor man. But it was not; it was a bear that thrust his

big, black head in the door. Rose-Red screamed and sprang back,

the lamb bleated, the dove fluttered her wings, and Snow-White

hid herself behind her mother’s bed. But the bear began speaking,

and said, ‘Do not be afraid; I will not do you any harm; I am

half-frozen and would like to warm myself a little beside you.’

„Du armer Bär“, sprach die Mutter, „leg dich ans Feuer und gib nur acht,

dass dir dein Pelz nicht brennt.“ Dann rief sie: „Schneeweißchen, Rosenrot,

kommt hervor, der Bär tut euch nichts, er meint’s ehrlich.“ Da kamen

sie beide heran, und nach und nach näherten sich auch das Lämmchen

und Täubchen und hatten keine Furcht vor ihm. Der Bär sprach: „Ihr

Kinder, klopft mir den Schnee ein wenig aus dem Pelzwerk“, und sie

holten den Besen und kehrten dem Bär das Fell rein; er aber streckte

sich ans Feuer und brummte ganz vergnügt und behaglich. Nicht lange,

so wurden sie ganz vertraut und trieben Mutwillen mit dem unbeholfenen

Gast. Sie zausten ihm das Fell mit den Händen, setzten ihre Füßchen

auf seinen Rücken und walgerten ihn hin und her, oder sie nahmen eine

Haselrute und schlugen auf ihn los, und wenn er brummte, so lachten sie.

Der Bär ließ sich’s aber gerne gefallen, nur wenn sie’s gar zu arg machten,

rief er:

„Lasst mich am Leben, ihr Kinder.

Schneeweißchen, Rosenrot,

schlägst dir den Freier tot.“

‘Poor bear!’ said the mother; ‘lie down by the fire; only be careful

that you do not burn your coat.’ Then she cried, ‘Snow-White,

Rose-Red, come out, the bear will do you no harm, he means well.’

So they both came out, and by-and-by the lamb and dove came

nearer, and were not afraid of him. The bear said, ‘Children, knock

the snow out of my coat a little’; so they brought the broom and

swept the bear’s hide clean, and he stretched himself by the fire

and growled contentedly and comfortably. Before long they were

all quite good friends, and played tricks with their clumsy guest.

Märchengut


-- 375 --

They tugged his fur with their hands, put their feet upon his back

and rolling him over and over, or they took a hazel-switch and

beat him, and when he growled they laughed. But the bear took

it all in good part, only when they were too rough he called out:

‘Leave me alive, children.

Snowy-White, Rosy-Red,

Will you beat your lover dead?’

Märchengut


-- 378 --

Er glotzte die Mädchen mit seinen roten feurigen Augen an und schrie.

„Was steht ihr da! Könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten?“

„Was hast du angefangen, kleines Männchen?“ fragte Rosenrot.

„Dumme, neugierige Gans“, antwortete der Zwerg, „den Baum habe

ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei den

dicken Klötzen verbrennt gleich das bisschen Speise, das unsereiner

braucht, der nicht so viel hinunterschlingt als ihr grobes, gieriges Volk.

Ich hatte den Keil schon glücklich hineingetrieben, und es wäre alles nach

Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und sprang

unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, dass ich

meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte; nun steckt

er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen glatten Milchgesichter!

Pfui, was seid ihr garstig!“

He stared at the children with his red, fiery eyes, and called out,

‘Why are you standing there? Can’t you come and try to help me?’

‘What were you doing, little fellow?’ asked Rose-Red.

‘Stupid, inquisitive goose!’ replied the dwarf, ‘I meant to split the

tree, so that I could chop it up for kitchen sticks; big logs would

burn up the small quantity of food we cook, for people like us do

not consume great heaps of food, as you heavy, greedy folk do. I

had just driven the wedge safely in, and everything was going as

I wished, but the wretched wood was too smooth and suddenly

sprang out and the tree closed so quickly that I could not pull out

my handsome white beard. So now it is tight in and I cannot get

away, and you stupid pale-faced creatures laugh! Ugh! How odious

you are!’

Die Kinder gaben sich alle Mühe, aber sie konnten den Bart nicht herausziehen,

er steckte zu fest. „Ich will laufen und Leute herbeiholen“, sagte

Rosenrot.

„Wahnsinnige Schafsköpfe“, schnarrte der Zwerg, „wer wird gleich Leute

herbeirufen, ihr seid mir schon um zwei zu viel; fällt euch nicht Besseres

ein?“

„Sei nur nicht ungeduldig“, sagte Schneeweißchen, „ich will schon Rat

schaffen“, holte sein Scherchen aus der Tasche und schnitt das Ende des

Bartes ab. Sobald der Zwerg sich frei fühlte, griff er nach einem Sack, der

zwischen den Wurzeln des Baums steckte und mit Gold gefüllt war, hob

Märchengut


-- 379 --

ihn heraus und brummte vor sich hin: „Ungehobeltes Volk, schneidet mir

ein Stück von meinem stolzen Barte ab! Lohn’s euch der Kuckuck!“ Damit

schwang er seinen Sack auf den Rücken und ging fort, ohne die Kinder nur

noch einmal anzusehen.

The children tried very hard, but they could not pull the beard out,

it was caught too fast.

‘I will run and get someone else’, said Rose-Red.

‘You senseless goose!’ snarled the dwarf. ‘Who would go and get

more people? Already there are two too many. Can’t you think of

something better?’

‘Don’t be so impatient’, said Snow-White. ‘I will try to think’, and

she pulled her scissors out of her pocket, and cut off the end of the

beard. Immediately the dwarf felt that he was free he seized a sack

full of gold that was hidden amongst the tree’s roots, and, lifting

it up and grumbled to himself ‘Uncouth people, to cut off a bit of

my beautiful beard, of which I am so proud! I leave the cuckoos to

pay you for what you did.’ Saying this, he swung the sack across

his shoulder, and went off, without even casting a glance at the

children.

Märchengut


Die kleine Seejungfrau.

C

The Little Mermaid.

Hans Christian Andersen

Märchengut


-- 387 --

eit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die

Blätter der schönsten Kornblume, und so klar wie das

reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer als irgendein

Ankertau reicht; viele Kirchtürme müssten aufeinander

gestellt werden, um vom Boden bis über das Wasser zu

reichen. Dort unten wohnt das Meervolk.

Far out in the sea the water is as blue as the petals of the prettiest

cornflower, and as clear as the clearest glass. But it is very deep,

deeper than any anchor-cable can reach; and many church towers

would have to be put one on the top of another to reach from the

bottom out of the water. Down there live the sea people.

Nun muss man aber nicht glauben, dass da nur der nackte weiße Sandboden

sei; nein, da wachsen die sonderbarsten Bäume und Pflanzen, die

so geschmeidig im Stiel und in den Blättern sind, dass sie sich bei der

geringsten Bewegung des Wassers rühren, gerade als ob sie lebten.

Alle Fische, kleine und große, schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch,

ebenso wie hier oben die Vögel in der Luft. An der allertiefsten

Stelle liegt des Meerkönigs Schloss; die Mauern sind von Korallen und

die langen spitzen Fenster vom allerklarsten Bernstein; aber das Dach

bilden Muschelschalen, die sich öffnen und schließen, je nachdem wie

das Wasser strömt. Es sieht herrlich aus, denn in jeder liegen strahlende

Perlen; eine einzige davon würde großen Wert in der Krone einer Königin

haben.

Now you must not think for a moment that there is only a bare

white sandy bottom there; no, there the most extraordinary trees

and plants grow, which have stems and leaves so supple that they

stir at the slightest movement of the water, as if they were alive.

All the fish, big and little, flit among the branches, like the birds in

the air up here. In the deepest place of all lies the sea king’s palace.

The walls are of coral, and the tall pointed windows of the clearest

possible amber, but the roof is of mussel-shells that open and shut

themselves as the water moves. It all looks beautiful, for in everyone

of them lie shining pearls, a single one of which would be the

principal ornament in a Queen’s crown.

Märchengut


-- 416 --

‘I know well enough what you want,’ said the sea witch, ‘and a silly

thing, too; all the same, you shall have your way, for it’ll bring you

to a bad end, my pretty Princess. You want to be rid of your fish

tail and have two props to walk on instead, like humans, so that

the young Prince may fall in love with you, and you may get him

and an immortal soul.’ With that the witch laughed so loud and

so hideously that the toad and the snakes tumbled down on to the

ground and wallowed about there.

„Du kommst gerade zur rechten Zeit,“ sagte die Hexe; „morgen, wenn die

Sonne aufgeht, könnte ich Dir nicht helfen, bis wieder ein Jahr um wäre.

Ich werde Dir einen Trank bereiten, mit dem musst Du, bevor die Sonne

aufgeht, nach dem Lande schwimmen, Dich dort an das Ufer setzen und

ihn trinken; dann verschwindet Dein Schwanz und schrumpft zu dem, was

die Menschen niedliche Beine nennen, zusammen; aber es tut weh; es ist,

als ob ein scharfes Schwert Dich durchdringe. Alle, die Dich sehen, werden

sagen, Du seiest das schönste Menschenkind, das sie gesehen hätten. Du

behältst Deinen schwebenden Gang: keine Tänzerin kann sich so leicht

bewegen wie Du; aber jeder Schritt, den Du machst, ist dir, als ob Du auf

ein scharfes Messer trätest, als ob Dein Blut fließen müsste. Willst Du dies

alles erleiden, so werde ich Dir helfen!“

‘You’ve come just in the nick of time’, said the witch; ‘tomorrow

after sunrise I couldn’t help you till another year came round. I

shall make a drink for you, and with it you must swim to the land

before the sun rises, put yourself on the beach there, and drink it

up; then your tail will disappear, and shrink up into what men call

pretty legs. But it’ll hurt, it’ll be like a sharp sword going through

you. Everybody that sees you will say you are the prettiest human

child they ever saw. You’ll keep your floating gracefulness of movement;

no dancer will be able to float along like you. But every step

you take will be as if you were treading on a sharp knife, so that

you would think your blood must gush out. If you can bear all that,

I will help you!’

Märchengut

„Ja!“, sagte die kleine Seejungfrau mit bebender Stimme und gedachte des

Prinzen und der unsterblichen Seele.

„Aber bedenke“, sagte die Hexe; „hast Du erst einmal menschliche Gestalt


Märchengut


air, and you also, by good deeds, can shape for yourself

an immortal soul in the space of three hundred years.’

Und die kleine Seejungfrau erhob ihre verklärten Augen gegen

Gottes Sonne und zum ersten Mal fühlte sie Tränen in ihren Augen.

Auf dem Schiffe war wieder Lärm und Leben; sie sah den Prinzen mit seiner

schönen Braut nach ihr suchen; wehmütig starrten sie den perlenden

Schaum an, als ob sie wüssten, dass sie sich in die Fluten gestürzt habe.

Unsichtbar küsste sie die Stirn der Braut, lächelte den Prinzen an und stieg

mit den übrigen Kindern der Luft auf die rosenrote Wolke hinauf, welche

den Äther durchschiffte.

And the little mermaid raised her bright arms towards God’s sun,

and for the first time she felt the gift of tears. On the ship there was

stir and life again. She saw the Prince with his fair bride seeking

for her; in deep sorrow they gazed down into the bubbling foam

as if they knew she had cast herself into the waves. Unseen, she

kissed the bride’s forehead, and at him she smiled and then soared

upward with the other children of the air to a rose-red cloud sailing

in the heavens.

Märchengut

„Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein!“

„Auch können wir noch früher dahin gelangen!“, flüsterte eine Tochter

der Luft.

„Unsichtbar schweben wir in die Häuser der Menschen hinein, wo Kinder

sind, und für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, welches seinen

Eltern Freude bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt Gott unsere


-- 437 --

Prüfungszeit. Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube fliegen, und

müssen wir aus Freude über dasselbe lächeln, so wird ein Jahr von den

dreihundert abgerechnet; sehen wir aber ein unartiges und böses Kind,

so müssen wir Tränen der Trauer vergießen, und jede Träne legt unserer

Prüfungszeit einen Tag zu!“

‘When three hundred years are over, we shall float into the heavenly

kingdom!’

‘And we may reach it yet sooner!’ one spirit whispered.

‘Unseen we float into the homes of humans, where children are,

and for every day on which we find a good child that makes its

parents happy and earns their love, God shortens our time of trial.

The child does not know it when we are flying through the room;

and when we smile on it in happiness, a year is taken from the

three hundred. But if we see a naughty and evil child, we have to

weep in sorrow, and every tear we shed adds a day to our time of

trial!’

Das Ende.

The End.

Märchengut


Der standhafte Zinnsoldat.

C

The Brave Tin Soldier.

Hans Christian Andersen

Märchengut


-- 449 --

s waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, sie waren

alle Brüder, denn sie waren von einem alten zinnernen

Löffel geboren. Das Gewehr hielten sie im Arme und das

Gesicht schaute geradeaus; ihre Uniform war rot und blau.

Das erste, was sie in dieser Welt hörten, als der Deckel von

der Schachtel genommen wurde, in der sie lagen, war das Wort: „Zinnsoldaten!“

Das rief ein kleiner Knabe und klatschte in die Hände; er hatte

sie bekommen, denn es war sein Geburtstag, und stellte sie nun auf dem

Tische auf. Der eine Soldat glich dem andern leibhaftig, nur ein einziger

war ein wenig anders als die anderen, er hatte nur ein Bein, denn er war

zuletzt gegossen worden und da hatte das Zinn nicht ausgereicht; doch

stand er ebenso fest auf seinem einen Beine, als die andern auf ihren

zweien, und gerade er wurde etwas Besonderes.

There were once five-and-twenty tin soldiers, who were all brothers,

for they had been made out of the same old tin spoon. They

shouldered their muskets and looked straight before them, and

wore a splendid uniform, red and blue. The first thing in the world

they ever heard were the words: ‘Tin soldiers!’ uttered by a little

boy, who clapped his hands with delight when the lid of the box, in

which they lay, was taken off. They were given him for a birthday

present, and he stood at the table to set them up. The soldiers were

all exactly alike, excepting one, who had only one leg; he had been

left to the last, and then there was not enough of the melted tin to

finish him, so they made him to stand firmly on one leg, and this

caused him to be very remarkable.

Märchengut

Auf dem Tische, auf welchem sie aufgestellt wurden, stand viel anderes

Spielzeug; aber das, was am meisten in die Augen fiel, war ein schönes

Schloss von Papier. Durch die kleinen Fenster konnte man in die Säle

hinein sehen. Vor dem Schlosse standen kleine Bäume rings um einen

kleinen Spiegel, der wie ein klarer See aussah. Schwäne aus Wachs schwammen

darauf und spiegelten sich.


konnte schon da, wo die Brücke aufhörte, den hellen Tag erblicken; allein

er hörte auch einen brausenden Ton, der wohl einen tapfern Mann

erschrecken konnte. Man denke nur: der Rinnstein mündete da, wo die

Brücke endete, in einen großen Kanal; das wäre für ihn eben so gefährlich

gewesen, als für uns, einen großen Wasserfall hinunterzufahren.

Suddenly there appeared a great water rat, who lived in the drain.

‘Have you a passport?’ asked the rat, ‘give it to me at once.’ But

the tin soldier remained silent and held his musket tighter than

ever. The boat sailed on and the rat followed it. How he did gnash

his teeth and cry out to the bits of wood and straw: ‘Stop him, stop

him; he has not paid toll, and has not shown his pass.’ But the

stream rushed on stronger and stronger. The tin soldier could

already see daylight shining where the arch ended. Then he heard

a roaring sound quite terrible enough to frighten the bravest man.

Hold on! At the end of the tunnel, the drain fell into a large canal

over a steep place, which made it as dangerous for him as a waterfall

would be to us.

Märchengut

Nun war er schon so nahe daran, dass er nicht mehr anhalten konnte.

Das Schiffchen fuhr hinaus, der arme Zinnsoldat hielt sich so steif, wie er

konnte. Niemand sollte ihm nachsagen, dass er mit den Augen blinke. Das


-- 455 --

Boot schnurrte drei, vier Mal herum, und war bis zum Rande mit Wasser

gefüllt: es musste sinken! Der Zinnsoldat stand bis an den Hals im Wasser,

und tiefer und tiefer sank das Boot, mehr und mehr löste das Papier sich

auf; nun ging das Wasser über des Soldaten Kopf. Da dachte er an die

elegante, kleine Tänzerin, die er nie mehr zu Gesicht bekommen sollte;

und es klang vor seinen Ohren:

„Fahre hin, o tapferer Krieger!

Den Tod musst Du erleiden!“

Now he was too close to it to stop, so the boat rushed on, and

the poor tin soldier could only hold himself as stiffly as possible,

and no one can say that he so much as blinked an eye. The boat

whirled round three or four times, and then filled with water to

the very edge; nothing could save it from sinking. He now stood

up to his neck in water, while deeper and deeper sank the boat,

and the paper became soft and loose with the wet, till at last the

water closed over the soldier’s head. He thought of the elegant little

dancer whom he should never see again, and the words of the song

sounded in his ears:

‘Farewell, warrior! ever brave,

drifting onward to thy grave.’

Nun löste sich das Papier auf, und der Zinnsoldat sank in die Tiefe –

wurde aber augenblicklich von einem großen Fische verschlungen.

Oh, wie dunkel war es im Fischleibe! Da war es noch finsterer als unter der

Rinnsteinbrücke; und dann war es da sehr enge. Aber der Zinnsoldat blieb

standhaft und lag, so lang er war, mit dem Gewehr im Arme.

Then the paper boat fell to pieces, and the soldier sank right

through and immediately afterwards was swallowed up by a great

fish. Oh how dark it was inside the fish! A great deal darker than

in the tunnel, and narrower too, but the tin soldier continued firm,

and lay at full length shouldering his musket.

Märchengut

Der Fisch schwamm hin und her; er machte die schrecklichsten Bewegungen;

endlich wurde er ganz still; es durchfuhr ihn wie ein Blitzstrahl;

das Licht schien klar, und eine Stimme rief laut: „Der Zinnsoldat!“ Der

Fisch war gefangen, auf den Markt gebracht, verkauft und in die Küche


Märchengut


Märchengut


Märchengut

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