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Grimselwelt Magazin 2020

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grimselwelt

DAS MAGAZIN 2020

Lernwelt KWO

Berufe im Zeichen

der Wasserkraft

Jörg Spicker, Swissgrid

Stromnetz – das

heikle Gleichgewicht

Dakota – Wanderung zur Absturzstelle

Ein Flugzeugwrack

schreibt Geschichte


grimselwelt3 3

editorial

Das Coronavirus brachte unseren

Alltag schlagartig

durcheinander und rüttelt an

unseren Gewohnheiten und

am wirtschaftlichen Gefüge.

Gleichzeitig gilt es die Chance

zu packen, Dinge zu hinterfragen

und neu zu ordnen. Doch

vorerst müssen wir alle einen

Gang zurückschalten. Ich

hoffe, dass Ihnen unser Magazin als Zeitvertreib

gelegen kommt und die vielseitigen

Beiträge zum Nachdenken anregen. Zum

Beispiel über die Art und Weise, wie wir die

Energieversorgung der Zukunft gestalten

wollen. Doch das Grimselwelt Magazin bietet

nicht nur mentales Kraftfutter, sondern

auch eine gute Portion analoge Wellness,

Geschichten, die das Herz öffnen und Fotos,

die zum Träumen anregen – das brauchen

wir alle mehr denn je.

2019 war für die KWO in mancher Hinsicht

ein intensives Jahr. Die bewegten Zeiten

auf dem europäischen Strommarkt

sind herausfordernd und verlangen uns

höchste Flexibilität ab. Ein besonderer

Moment war der Beginn der Bauarbeiten

für den Ersatz der Staumauer Spitallamm

am Grimselsee. Dass die erste Bausaison

erfolgreich verlief, verdanken wir all jenen

Menschen, die auf der Baustelle im Einsatz

standen und unter teilweise schwierigsten

Umständen, mit viel Können und kühlem

Kopf, arbeiteten. Ihnen gebührt grösste Anerkennung

und aufrichtigen Dank. Welche

Herausforderungen es auf einer Gebirgsbaustelle

täglich zu meistern gibt, zeigen

wir Ihnen auf einem Besucherrundgang,

der ab Juni 2020 offen ist. Die Reportage

auf den Seiten 22 bis 27 vermittelt Ihnen

einen ersten Einblick.

Gut gebildete Fachkräfte sind für eine Unternehmung

das A und O. Unsere grössten

Trümpfe diesbezüglich sind die vielfältigen

Themen im Berufsalltag, die breite Palette

an Berufen, die bei uns erlernt werden können,

wie auch die Investitionen in die Ausund

Weiterbildung unserer Mitarbeitenden.

Besonders am Herzen liegen uns die

Lernenden – einige von ihnen portraitieren

wir in der diesjährigen Titelgeschichte. Es

ist uns wichtig, die Perspektiven für junge

Mitarbeitende optimal zu gestalten. Wir

wollen ihnen ein reales Bild des Arbeitsalltags

vermitteln und sie mit viel Wissen

und Praxiserfahrung für die berufliche

Zukunft rüsten.

Nun wünsche ich Ihnen gute Gesundheit

und spannende Momente bei der Lektüre.

Ich freue mich, Sie bald wieder in der

Grimselwelt zu begrüssen.

Herzlich Ihr

Daniel Fischlin, CEO KWO

Willkommen in der Grimselwelt

Luftiger Arbeitsplatz: Leonardo Masero, Lernender Seilbahnmechatroniker, und sein

Berufsbildner Walter Schläppi hoch über dem Grimselsee.

Titelgeschichte Seite 4–7

Hoch in der Luft oder tief im Berg: Lehrberufe bei der KWO

Elf verschiedene Berufe können bei der KWO erlernt werden – und

zwar ziemlich unterschiedliche: von der Polymechanikerin bis

zum Restaurantfachmann. Vier Lernende erzählen über ihren Alltag

in der Berufsausbildung.

Sternenlauf Seite 8–9

Zwei Schwestern sammeln auf besondere Art

Der «Göttanner Stärnenloif» ist eine Erfindung von Sina und

Aina Scherling – sie motivieren jährlich Dutzende von Läuferinnen

und Läufer für einen guten Zweck.

Persönlich Seite 10–11

Portraits aus der Grimselwelt

Manche Tätigkeiten gehören untrennbar zu den Bergen: Schneefräse

fahren, Gäste beraten oder ein Hotel führen – drei kleine

Portraits.

Im Gespräch Seite 12–13

Jörg Spicker, Swissgrid

Das Stromnetz im Gleichgewicht zu halten, ist unter den aktuellen

Umständen keine leichte Aufgabe. Jörg Spicker, strategischer

Berater der Swissgrid, erklärt wieso.

Beitrag zur Energiewende Seite 16–17

Das Ausbauprojekt Trift der KWO

Der neue Stausee in der Trift ist ein wichtiges Puzzlestück für die

sichere Stromversorgung. Dazu leistet das Projekt einen bedeutenden

Beitrag zur Energiewende.

Gletscherdrama im Gauli Seite 18–19

Wanderung zum Dakota-Wrack

1946 ist auf dem Gauligletscher ein amerikanisches Flugzeug abgestürzt

– jetzt gibt der Gletscher Jahr für Jahr neue Geheimnisse

dieser dramatischen Geschichte frei.

Auf du und du mit den Geistern Seite 20–21

Altjahrswoche im Oberhasli

In den Gemeinden im Oberhasli kümmern sich jeweils Ende Jahr

Hunderte von Personen darum, die bösen Geister zu vertreiben.

Der alte Brauch ist im Aufwind.

Spitallamm Baustelle Seite 22–27

Momentaufnahmen der ersten Bausaison

2019 ging die erste Etappe der Bauarbeiten für den Ersatz der

Staumauer Spitallamm über die Bühne – Impressionen einer sehr

aussergewöhnlichen Baustelle.

Impressum

Herausgeber KWO Kommunikation, Innertkirchen

Gestaltung und Realisation Laufwerk, Bern

Konzept und Projektleitung Thomas Huber

Bilder David Birri und KWO

Texte Annette Marti und KWO

Druck Jordi AG, Belp

Auflage 20’000 Exemplare

Die Grimselwelt ist ein Engagement der

KWO, Kraftwerke Oberhasli AG

Mix

Produktgruppe aus vorbildlicher

Waldwirtschaft und

anderen kontrollierten Herkünften

Cert no. SQS-COC-023903, www.fsc.org

SQS-COC-100061

© 1996 Forest Stewardship Council


4

grimselwelt4

grimselwelt · berufsausbildung 5

Wie bist du auf die Idee gekommen, eine

Lehre als Polymechaniker zu absolvieren?

Fabian Fahner: Ich war im Rahmen der

Hasliolympiade zum ersten Mal bei der

KWO, um eine zweitätige Schnupperlehre

zu besuchen. Da hat mir das Betriebsklima

sehr gefallen. Für den Beruf Polymechaniker

habe ich mich entschieden, weil ich das

Drehen und Fräsen sehr interessant fand.

Auch das Programmieren der CNC-Maschinen

gefällt mir. Ich weiss nicht, ob ich

mit 40 Jahren immer noch als Polymechaniker

arbeiten werde, denn es gibt ja noch

viele andere Möglichkeiten. So haben auch

viele sehr gut ausgebildete Berufsleute, die

bei der KWO arbeiten, irgendwann mit einer

Lehre begonnen.

Wieso hast du entschieden, ausgerechnet

bei der KWO deine Lehre zu absolvieren?

Bei der KWO bin ich nahe an der Realität:

Jedes Stück, das ich fertige, wird im Anschluss

verkauft. Das finde ich grossartig.

Ich stelle mechanische Teile her, die an-

Es bedingt eine grosse Willensleistung, Berufslehre

und Leistungssport unter einen

Hut zu bringen. Viele ambitionierte Sportler

in meinem Alter besuchen eine Sportmittelschule;

eigentlich die allermeisten. In

einem solchen Rahmen ist der Alltag optimal

organisiert. Wir hingegen müssen unsere

Tage selber einteilen, was bedeutet,

die Präsenzzeit bei der Arbeit und dem

Training so einzurichten, dass weder die

Ausbildung noch der Sport zu kurz kommen.

Es tönt danach, als müsstest du selber viel

Verantwortung übernehmen.

Auf jeden Fall, ja. Man muss das wirklich

wollen, denn es ist anstrengend. Ich arbeite

mehr als acht Stunden am Tag und muss

davor oder danach noch mein Training absolvieren.

Da muss man sich schon reinknien.

Ich bin dankbar, dass mir die KWO

eine Sportlerlehre überhaupt ermöglicht.

Und wenn ich nicht so einen guten Berufsbildner

wie Hans Thöni hätte, dann wäre

alles viel schwieriger. Ich fehle ungefähr 20

«Die CNC-Maschinen faszinieren mich»

Rebecca van Dilst aus Schwanden beginnt im August ihre Lehre als Polymechanikerin

bei der KWO. Als junge Frau wird sie eine Exotin sein in der Werkstatt. Für

Rebecca ist das kein Hindernis, sie war schon immer technisch interessiert und

träumt vom Motorradfahren und schnellen Autos.

«Hier bin ich richtig nahe an der Realität»

Fabian Fahner aus Meiringen ist Lernender Polymechaniker bei der KWO und steht

im dritten Lehrjahr. Nebenher verfolgt er eine Karriere als Langläufer – ein Arrangement,

das ihm einiges abverlangt.

DIE FACHKRÄFTE

DER ZUKUNFT

Text: Annette Marti, Fotos: David Birri Ohne gut ausgebildete Berufsleute geht auch bei der KWO gar nichts.

Das Unternehmen legt deshalb besonderen Wert auf die Ausbildung von

Lernenden. Elf verschiedene Berufe können bei der KWO erlernt werden:

indoor, outdoor, oberirdisch, unterirdisch, in Kraftwerken, Werkstätten

und Kavernen, in Büros oder Gastronomiebetrieben und sogar frei hängend

an den Stützen verschiedener Seilbahnen mitten im Hochgebirge.

Vier der insgesamt 23 Lernenden der KWO geben Auskunft, was sie an

ihrem Beruf fasziniert und weshalb sie sich für den entsprechenden

Beruf entschieden haben.

schliessend eingesetzt werden. So geht

man doch mit einer ganz anderen Einstellung

an die Arbeit. Es ist schön zu wissen,

dass dieses oder jenes Teilchen, welches ich

hergestellt habe, in einem Kraftwerk im

Einsatz ist. Auch das ganze Umfeld der

Wasserkraft finde ich spannend; man versteht

plötzlich gewisse Zusammenhänge

und bekommt erst noch viel vom Maschinenbau

mit.

Du machst eine Sportlerlehre, weil du aktiver

Langläufer bist. Wie ist das, Sport

und Ausbildung in dieser Art zu kombinieren?

Prozent im Betrieb und habe deshalb auch

weniger Erfahrung im Vergleich zu anderen

Drittjahrlernenden. Hans schaut sehr

gut zu mir und hat Verständnis für meinen

Sport, so komme ich trotzdem gut vorwärts.

Du hättest auch den «einfacheren» Weg wählen

können über eine Sportmittelschule…

Das wollte ich nicht, denn ich könnte mir

kaum vorstellen, im Alter von 20 Jahren

noch ohne Beruf dazustehen. Mit dieser

Berufsausbildung habe ich etwas im Rucksack,

ganz egal, ob es mit dem Spitzensport

aufgeht oder nicht.

Im Moment gehst du noch in die Schule

und im Sommer beginnst du deine Lehre

bei der KWO. Was erwartest du von diesem

Übertritt?

Rebecca van Dilst: Das wird spannend.

Natürlich bedeutet es für mich eine grosse

Umstellung, aber ich freue mich darauf.

Ich habe mich sehr intensiv mit der Berufswahl

auseinandergesetzt, war viel unterwegs

und in den Ferien oft irgendwo am

Schnuppern. Jetzt geht es endlich los…

und ich muss dann auch nicht mehr so viel

in die Schule gehen.

Du hast dich für Polymechanik entschieden,

das ist für ein Mädchen eher aussergewöhnlich.

Was fasziniert dich an diesem

technischen Beruf?

In der Werkstatt der KWO haben sie mich

schon vorgewarnt, dass es dort nur wenige

Frauen gibt. Auch in der Berufsschule gibt

es vielleicht nur ein Mädchen pro Klasse,

habe ich mir sagen lassen. Aber das stört

mich nicht. Ich war immer eher technisch

interessiert und in der Schule hier in Hofstetten

waren für mich die handwerklichen

Arbeiten immer etwas vom Besten. Zur

Zeit bauen wir ein kleines Dampfschiff mit

Motor, einmal schweissten wir einen Grill

und in meinem Freifach bauten wir eine

Seifenkiste. Zum Glück hat die Schule

auch schon vor Jahren meinen Antrag bewilligt,

dass ich häufiger ins Werken als ins

Nähen gehen kann.

Was erwartest du von der Berufslehre bei

der KWO?

Die Maschinen, beispielsweise die CNC-

Fräsen, faszinieren mich. Das sind Hightech-Geräte

und ich werde lernen, sie zu

programmieren. Ich freue mich auch,

massgeschneiderte Teile zu fertigen, die

ganz präzise hergestellt werden müssen.

Beim Schnuppern im Betrieb hat mir die

Vorstellung besonders gefallen, dass alles

im Auftrag von Kunden produziert wird.

Es geht nicht darum, irgendwelche Ersatzteile

zu fertigen, sondern hydromechanische

Komponenten zu bearbeiten, die

anschliessend in Kraftwerken eingesetzt

werden.

Hast du auch Hobbys, die mit Technik zu

tun haben?

Ja, aber nicht nur. Früher bin ich oft geritten

und heute bin ich begeisterte Rettungsschwimmerin.

Ich liebe es aber auch, mit

meinem Vater Gokart zu fahren und mit

ihm an seinem alten 125er-Motorrad herumzuschrauben.

Irgendwann möchte ich

unbedingt selber Motorrad fahren oder ein

starkes, schnelles Auto. Im Moment muss

ich noch mit meinem «Töffli» Vorlieb nehmen,

aber das ist auch schon sehr cool.


6 grimselwelt · berufsausbildung

grimselwelt · berufsausbildung 7

Beinahe wäre aus dir ein studierter Historiker

geworden, jetzt stehst du im vierten

Lehrjahr als Seilbahnmechatroniker. Was

ist passiert?

Leonardo Masero: Ich habe in England

studiert und einen Bachelor in Geschichte

gemacht. Aber irgendwie war das nicht so

mein Ding; obschon das Leben als Student

auch seine schönen Seiten hat. Während

der Sommerferien war ich jeweils bei meinen

Eltern in Luzern und hatte einen Hilfsjob

bei den Pilatusbahnen. Da kam ich viel

in Kontakt mit «Bähnlern» und dachte, mit

Seilbahnen zu arbeiten, wäre eigentlich ein

toller Beruf.

Ich bin in Malaysia aufgewachsen und danach

lebte ich in England. Die Ferien verbrachte

ich oft in den Schweizer Bergen –

aber nie im Winter! Als ich das erste Mal

vor einer grossen Schneewand stand, sind

mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen.

Da staunt man schon, wieviel Schnee liegt –

und das ist richtig cool! Vor drei Jahren

habe ich sogar mit Skifahren begonnen.

Ich kann es noch nicht sehr gut, aber es

macht richtig Spass.

Als Seilbahnmechatroniker kletterst du

unter anderem aufs Kabinendach und

turnst an Stützen herum…

«Mit der Kabine zu einer Stütze zu fahren, ist

ein Highlight.»

Leonardo Masero hat ein paar Jahre in England studiert, bevor er sich entschied,

bei der KWO eine Lehre als Seilbahnmechatroniker zu machen. Von seinem neuen

Beruf ist er begeistert.

Oft hört man, im Schweizer Gastgewerbe

würden kaum noch Einheimische arbeiten.

Du bist aber ganz offensichtlich begeistert

von diesem Beruf, weshalb?

Moritz Burkhardt: Das macht mir nicht

viel aus, für mich ist es genau die richtige

Ausbildung. Ich wusste von Anfang an, als

es um die Berufswahl ging, dass ich gerne

im direkten Kontakt bin mit Menschen.

Ausserdem mag ich die unregelmässigen

Arbeitszeiten. Es hat mich nie gereizt, von

Montag bis Freitag zu arbeiten und am

Wochenende frei zu haben. Jetzt habe ich

am Montag frei und kann dann skifahren,

wenn alle anderen arbeiten.

Es ist vielleicht komplizierter, mit Kollegen

abzumachen…

Den Winter über arbeite ich im Grimsel

Hospiz, immer von Mittwoch bis Sonntag,

Montag und Dienstag habe ich frei und so

weiss ich auch, wann ich Zeit habe zum

Abmachen. Im Sommer bin ich im Hotel

Handeck, das ist ein 7-Tage-Betrieb und da

sind die Freitage nicht immer gleich. Aber

klar, solche Arbeitszeiten liegen nicht allen.

Wenn ich vergleiche mit anderen Branchen,

dann arbeiten wir wohl auch länger als viele,

aber das stört mich nicht.

Was magst du besonders an deinem Beruf?

Mir liegt der Umgang mit Menschen und

in unserem Beruf kriegen wir immer direktes

Feedback, nicht nur von den Vorgesetzten.

Wenn man im Service arbeitet und den

Job gut macht, dann hört man das in der

Regel am gleichen Abend und das finde ich

genial. Ich denke, ich merke unterdessen

sehr gut, ob sich die Gäste wohlfühlen.

Umgekehrt merken auch sie, ob ich meinen

Job gerne mache oder ob ich ihn nur einfach

so erledige.

Im Winter bist du fünf Tage die Woche im

Grimsel Hospiz und kannst nicht kurz

nach Hause. Wie ist das Leben da oben?

Der Arbeitsort ist fantastisch, das war für

mich auch ein Grund, weshalb ich mich bei

der KWO für die Lehre beworben habe. Ich

war mit der Familie mal im Winter oben,

die Atmosphäre und die Winterwelt haben

mich völlig überwältigt. Von da an wollte

ich unbedingt dort arbeiten. Klar, an einem

solchen Ort erhält das Team einen anderen

Stellenwert. Es ist alles sehr familiär, man

spielt vielleicht zusammen ein Spiel, wenn

man frei hat, oder wenn jemand krank ist,

kümmern sich die anderen um ihn. Das ist

schon speziell. Ich bin sehr glücklich über

diese Verhältnisse. Nach einem Praktikum

in einem anderen Betrieb habe ich nämlich

festgestellt, dass es längst nicht selbstverständlich

ist, dass man Verantwortung

übernehmen darf und dass alles funktioniert

wie am Schnürchen!

DIE LERNWELT KWO

DIE KWO MIT DEN DREI MARKEN GRIMSELSTROM, GRIMSEL HYDRO UND GRIM-

SELWELT, GEHÖRT ZU DEN GRÖSSTEN ARBEITGEBERINNEN IN DER REGION

HASLITAL-BRIENZ UND BIETET EINE BREITE AUSWAHL AN LEHRBERUFEN AN.

AUTOMATIKERIN ODER

AUTOMATIKER EFZ

ANZAHL

LEHRJAHRE

KAUFFRAU ODER

KAUFMANN EFZ

ANZAHL

LEHRJAHRE

4 2

ANZAHL

LERNENDE 2020

3 4

ANZAHL

LERNENDE 2020

KONSTRUKTEURIN ODER

KONSTRUKTEUR EFZ

Das Unternehmen beteiligt sich jedes Jahr an

Berufswahl-Veranstaltungen wie dem Zukunftstag,

dem Brünig Dialog oder der Hasliolympiade. Für

Jugendliche ab der 8. Klasse sind zudem mehrtätige

Schnupperlehren möglich.

KÖCHIN ODER

KOCH EFZ

3 0

ANZAHL

LEHRJAHRE

ANZAHL

LERNENDE 2020

POLYMECHANIKERIN ODER

POLYMECHANIKER EFZ

4 7

ANZAHL

LEHRJAHRE

RESTAURANTFACHFRAU ODER

RESTAURANTFACHMANN EFZ

3 1

ANZAHL

LEHRJAHRE

ANZAHL

LERNENDE 2020

ANZAHL

LERNENDE 2020

«Ich habe frei, wenn alle arbeiten, das ist

herrlich!»

Moritz Burkhardt aus Goldswil bei Interlaken wird diesen Sommer seine Lehre als

Restaurantfachmann abschliessen. Er liebt seine Ausbildung. Trotz der unregelmässigen

Arbeitszeiten sieht er auch die Vorzüge dieses Berufs.

ANZAHL

LEHRJAHRE

4 3

ANZAHL

LERNENDE 2020

INFORMATIKERIN ODER

INFORMATIKER EFZ

FACHFRAU ODER FACHMANN

BETRIEBSUNTERHALT EFZ

3 0

ANZAHL

LEHRJAHRE

ANZAHL

LERNENDE 2020

ANZAHL

LEHRJAHRE

4 2

ANZAHL

LERNENDE 2020

SEILBAHN-MECHATRONIKERIN ODER

SEILBAHN-MECHATRONIKER EFZ

Was gefällt dir besonders in der neuen

Ausbildung?

Durch die verschiedenen Bahnen, welche

die KWO hat, ist die Vielfalt gross und die

Arbeit sehr abwechslungsreich. Bei gutem

Wetter sind wir oft draussen und müssen

Tragseile putzen, Schrauben kontrollieren,

Stützen schmieren, sowie Seile filmen. Im

Winter erledigen wir Kontrollen und Revisionen.

Auch Elektrotechnik und Mechanik

sind spannende Themen. Ich bin gerne

in der Natur und es ist jedes Mal ein Highlight,

mit der Kabine zu einer Stütze zu fahren.

Besonders abenteuerlich wird es, wenn

wir im Kraftwerk in einem Druckschacht

eine mobile Winde installieren. Das ist richtig

spannend!

Wie findest du das Leben in den Bergen im

Gegensatz zu England?

Das mache ich sehr gerne. Man sieht immer

wieder Neues und kann zwischendurch das

geniale Panorama geniessen. Höhenangst

habe ich keine, was bei diesem Beruf von

Vorteil ist. Beispielsweise wenn man vom

Kabinendach auf eine Stütze klettert.

Du bist mit deinen 25 Jahren im Vergleich zu

anderen Lernenden, die gleich nach der obligatorischen

Schulzeit eine Lehre machen,

eher ein «alter Hase» – wie fühlt sich das an?

Das stört mich nicht besonders. In der Berufsschule

sind noch ein paar andere, die

nicht mehr ganz so jung sind. Ich denke, bei

uns Quereinsteigern ist die Motivation sehr

gross. Ich gehe das Ganze etwas anders

an – im Vergleich zu meinem Studentenleben

bewegen wir uns hier in einer realen

Arbeitswelt, in der andere Erwartungen

bestehen. Das schätze ich sehr.

AUTOMOBIL-MECHATRONIKERIN ODER

AUTOMOBIL-MECHATRONIKER EFZ

ANZAHL

LEHRJAHRE

LOGISTIKERIN ODER

LOGISTIKER EFZ

ANZAHL

LEHRJAHRE

4 1

ANZAHL

LERNENDE 2020

3 1

ANZAHL

LERNENDE 2020

Weitere Informationen

Ansprechperson

4 1

ANZAHL

LEHRJAHRE

ANZAHL

LERNENDE 2020

KAUFFRAU ODER KAUFMANN EFZ

IN DEN GRIMSELHOTELS

3 1

ANZAHL

LEHRJAHRE

ANZAHL

LERNENDE 2020

www.grimselstrom.ch/jobs

Barbara Tännler, Verantwortliche

Berufsbildung, personal@kwo.ch

ANZAHL LERNENDE: DIE ANGABEN ENTSPRECHEN DEM STAND APRIL 2020


8

grimselwelt · sternenlauf

grimselwelt · sternenlauf 9

«Sina (links) und ihre Schwester Aina Scherling

sind beide aktive Läuferinnen, deshalb kamen

sie auf die Idee, mit einem eigenen Lauf Geld

zu sammeln für UNICEF.»

Das gute Echo auf den Lauf freut die zwei

Schwestern sehr, denn die gesamte Summe,

die Sina und Aina über die Startgelder und

den Erlös aus der Kaffeestube einnehmen,

spenden sie im Rahmen der Sternenwoche

von Unicef an ein Kinderprojekt in Ruanda.

«Zuerst haben wir Süssigkeiten gebacken

und verkauft, um Geld zu sammeln»,

erzählt Aina. «Irgendwann fragte unsere

Mutter, wieso organisiert ihr nicht einen

Lauf?» Zuerst seien sie skeptisch gewesen,

so erinnern sich beide, ob sie so etwas hinkriegen

würden, aber unterdessen sind sie ein gut eingespieltes

Team. Während der Vorbereitungen herrscht eine leicht angespannte,

aber ruhige Geschäftigkeit. Die zwei Mädchen im Alter

von 15 und 17 Jahren überlassen nichts dem Zufall. Alles, was sie

brauchen für die Wettkämpfe, haben sie selber hergestellt: Die

Startnummern, die Signalisationen, die bunt bemalten Staffelstäbe

für die Teams, der Sieger-Blumenstrauss, die Kuchen für die

Kaffeestube und vieles mehr. Die einzig wirklich grosse Herausforderung

ist die Zeitmessung, die sie mit zwei Tablets vornehmen,

wobei sie bei zunehmender Teilnehmerzahl aufpassen müssen,

keine Verwechslung zu machen. Sina und Aina wissen, was Sportlerinnen

und Sportler schätzen. Beide sind aktive Läuferinnen und

nehmen an zahlreichen Wettkämpfen teil. Was sie unter dem Jahr

gewinnen, sammeln sie als Geschenke und geben es an ihrem eigenen

Lauf an die Teilnehmenden weiter.

Sina und Aina Scherling, zwei Schülerinnen aus

Guttannen, bringen mit ihrer Leidenschaft das halbe

Dorf auf Trab. Einmal im Jahr organisieren sie den

«Göttanner Stärnenloif» und sammeln mit dem

Laufwettkampf Geld für Kinderprojekte von Unicef.

Es ist ein sonniger Samstag im Oktober. Die Bauern von Guttannen

rumpeln mit ihren Traktoren über die Wiesen und

bringen Mist aus, letzte Motorräder schmettern ihre röhrenden

Grüsse durchs Tal. Bald schon wird die Winterruhe im Dorf

am Grimselpass einkehren. Zuerst kommt aber nochmals Spannung

auf: Das halbe Dorf ist am «Göttanner Stärnenloif» auf den

Füssen. Viele helfen mit, schnüren selber die Laufschuhe, stehen

als Fans am Strassenrand oder gönnen sich ein Stück Kuchen in

der Kaffeestube in der Turnhalle. Der von zwei Schülerinnen ins

Leben gerufene Lauf erfreut sich unterdessen

grösster Beliebtheit – gestartet haben

die Schwestern Sina und Aina Scherling

im Jahr 2014 mit 14 Teilnehmenden. Sechs

Jahre später ist ihr grösstes Problem am

frühen Morgen die Anzahl Läuferinnen

und Läufer. «Es ist alles gut», sagt Sina mit

einem breiten Lachen im Gesicht, «wir haben

nur langsam etwas viele Anmeldungen.»

102 sind es schon morgens um 9 Uhr, bis

zum Start am Mittag kommen noch vierzehn

weitere dazu – Teilnehmerrekord.

Bald rennen die jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer über

die Strecke auf einem Feldweg hinter dem Dorf. In ihrem eigenen

Lauf-Trainingsgebiet rund um Guttannen haben Sina und Aina

unterschiedlich lange Etappen für die verschiedenen Kategorien

ausgewählt. Die erwachsenen Läuferinnen und Läufer absolvieren

eine Runde von sieben Kilometern. Sie verläuft ein Stück passaufwärts

und enthält an diesem Tag sogar einen Abschnitt im Windkanal,

denn weiter oben im Tal bläst der Föhn. Der Höhepunkt

ist das Staffelrennen in Teams von je vier Teilnehmenden. Hier

wird der Grundgedanke des Sternenlaufs besonders deutlich:

Kleine und grosse Läuferinnen und Läufer geben alles, um für ihr

Team das Beste herauszuholen. Und sie alle scheinen beflügelt vom

Gedanken, für einen guten Zweck zu laufen. Am Ende des Tages

können Sina und Aina mit strahlenden Gesichtern verkünden,

dass sie insgesamt 1800 Franken für Flüchtlingskinder in Ruanda

spenden werden.

Der nächste «Göttanner

Stärnenloif» findet am

24. Oktober 2020 statt.

Weitere Informationen:

staernenloif.weebly.com/


10 grimselwelt · persönlich

grimselwelt · persönlich 11

andy luchs

schneestürme sind sein element

Ein milder Winter ist nichts für Andy Luchs. Wenn es nicht richtig

schneit, dann ist der junge Landwirt und Zimmermann aus

Gadmen unglücklich. Seit Jahren ist er im Winter mit der Schneefräse

unterwegs, um das Dorf vom Schnee zu befreien. Diesen Job

liebt er so sehr, dass es ihm nichts ausmacht, mitten in der Nacht

aufzustehen. Im Gegenteil: «Ich mag es zu arbeiten, wenn alle

noch schlafen», sagt er. Er erledigt in aller Ruhe seinen Job in der

nächtlichen Bergwelt und freut sich über alles, was er in der Natur

entdeckt. Bei Schneefall wird er um 3.30 Uhr von der Gemeinde

aufgeboten, die Gemeindestrassen von Obermad bis Schaftelen

zu räumen. Damit ermöglicht er den Bewohnerinnen und Bewohnern

von Gadmen, bis zu ihrem Haus zu- oder wegfahren zu können.

Die Kantonsstrasse wird vom Tiefbauamt des Kantons geräumt.

Nach über 10 Jahren im Dienst weiss Luchs genau, wo auf seiner

Rundtour ein tückischer Schacht lauert oder ein kleines Mäuerchen

steht, bei dem er besonders aufpassen muss, um mit seiner

Schneefräse nicht anzuhängen. Ebenso kennt er die Vorlieben der

Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner. Er achtet darauf, den

Schnee tatsächlich zu entfernen und ihn nicht vor einem Zugang

oder einer Garage aufzuschichten. Fehlgeschaufelte oder -gefräste

Schneehaufen bescheren schnell eine Menge Ärger im Dorf. «Ich

kenne die Menschen hier und arbeite deshalb sogar noch

etwas genauer, als es die Gemeinde eigentlich verlangt», sagt

Luchs und schmunzelt. Zum Spezialservice von Andy Luchs gehört

auch, notfalls ein Auto aus einer Schneeverwehung zu ziehen,

wenn jemand steckengeblieben ist oder sich sonst irgendwie nützlich

einzusetzen.

Schon als kleiner Junge war Luchs von Landmaschinen begeistert.

Zum Glück gab es auf dem Bauernhof seines Vaters das eine oder

andere Modell und auch die Gelegenheit, sie auszuprobieren. Unterdessen

hat er zusammen mit seinem Bruder und dem Vater eine

Betriebsgemeinschaft für den Hof gegründet. «Als ich sah, dass

mein jüngerer Bruder eine landwirtschaftliche Ausbildung macht,

wusste ich, auch ihm ist es ernst», erinnert sich Luchs. So war es

für ihn in Ordnung, in die Landwirtschaft einzusteigen. In der

Betriebsgemeinschaft ist er nicht so stark angebunden, wie wenn

er den Hof alleine führen würde. Das möchte er schon nur seiner

Frau und seinen drei Kindern zuliebe nicht. Die Affinität für die

Technik ist wichtig für den Nebenjob in Schnee und Dunkelheit.

Luchs kennt seinen «Reform Mounty» in- und auswendig. Es ist

eine Mischung zwischen Zweiachs-Mäher und Traktor, an dem

vorne eine Schneefräse angebracht ist. Sollte

etwas nicht funktionieren, hat er selber

Ersatzteile auf Lager und einen Mechaniker

zur Seite, der ihm das Fahrzeug nicht

nur gut wartet, sondern notfalls auch morgens

um 4 Uhr das Telefon abnimmt, falls

ein technisches Problem auftaucht. Normalerweise

geht aber alles gut und Luchs

ist je nach Schneemenge zwischen 9 und 11

Uhr mit dem Schneeräumen fertig. Dann

fährt er nach Nessental in den Holzbaubetrieb,

wo er seinen Arbeitstag als Zimmermann

beginnt.

www.alpkaeserei-steingletscher.com

tamara brog

das hotel am pass – ein familienabenteuer

brigitte leuthold

sie hat die bergwelt im blut

Der Wind reisst an den Fahnen, über dem

See tanzt das Sonnenlicht und zaubert ein

blau-silbernes Farbspiel auf die Wasseroberfläche.

«Als ich zum ersten Mal hier

oben stand, in diesem Haus direkt am See»,

erzählt Tamara Brog, «war ich sprachlos.»

In der Tat ist man auf der Grimselpasshöhe

mit Bergspitzen und See auf Augenhöhe.

Das vermittelt eine beschwingte Leichtigkeit. Gegen die Kraft der

Bergwelt ist fast niemand immun, das bestätigen jedenfalls die

Gäste im Hotel Grimsel Passhöhe. Und auch Tamara Brog konnte

dieser Faszination als frisch diplomierte Abgängerin der Hotelfachschule

Thun nicht widerstehen. Ihre Familie hatte das lange

leerstehende Hotel auf der Passhöhe erworben und sie stieg ins

Abenteuer ein. Mit der Unterstützung ihrer Mutter stemmt sie

heute den Betrieb am Pass als Geschäftsführerin, weitere Familienmitglieder

helfen tatkräftig mit, wenn es

nötig ist. Die Sommersaison ist geprägt vom

Rummel am Pass, im Winter hingegen

kehrt Ruhe ein und die Gäste geniessen ein

exklusives Angebot weit ab von aller Hektik.

«Die Gastronomie ist ein hartes Business»,

sagt Tamara Brog, «aber unglaublich

schön.» So kämpft auch sie mit den in

der Branche verbreiteten Personalproblemen

und den langen Präsenzzeiten. Wenn

sie am frühen Morgen einen Kaffee auf der

Terrasse mit dem überwältigenden Panorama

trinkt oder abends einen Blick auf den

Sternenhimmel wirft, entschädigt sie das

für Vieles. Das Beste seien aber die begeisterten

Rückmeldungen der Gäste. «Das

gibt enorme Kraft», findet Tamara Brog.

www.hotel-grimselpass.ch

Brigitte Leutholds Begeisterung ist ansteckend. Wenn sie von den

Wanderungen im Grimsel- und Sustengebiet erzählt oder Biketouren

sowie anderen Abenteuern, dann scheint es völlig unsinnig,

Zeit im Büro zu verbringen – ab nach draussen! Das ist

Leutholds Botschaft als Leiterin des Tourist Centers in Innertkirchen

und es ist auch ihr persönliches Credo. «Besser, man weiss

wovon man redet, wenn man die Begeisterung weitergeben möchte»,

meint sie. Weil sie selber praktisch jede freie Minute in der

Natur unterwegs ist, kann sie den Gästen

viele gute Tipps geben. Leuthold liebt den

Kontakt mit den Menschen. «Alle möglichen

Personen kommen bei uns im Grimseltor

vorbei», sagt sie und fügt an: «Sie

fragen uns alles mögliche.» Hin und wieder

komme sie sich vor wie die Troubleshooterin

der Region, denn die Telefonnummer

des Tourist Centers finde man immer.

Leuthold, die auf einem Bauernhof in Guttannen

gross geworden ist, absolvierte zuerst

eine Kochlehre, danach die Handelsschule,

bevor sie in verschiedenen Tourist-

Büros zu arbeiten begann. Sie ist Feuer

und Flamme für ihre Tätigkeit – es sei der

schönste Job der Welt. Und das Pünktchen

auf dem «i» ist für Brigitte Leuthold, dass

sie seit vielen Jahren jeden Winter in St.

Moritz als Skilehrerin arbeiten kann. In

der ohnehin ruhigeren Wintersaison erledigt

sie per Computer Arbeiten im Backoffice

und unterrichtet nebenbei im Schnee.

«Die Gegensätze sind riesig, aber genau

diese Kombination ist genial», sagt sie.

www.grimseltor.ch


14

grimselwelt · im gespräch

grimselwelt · im gespräch 13

VOM

GLETSCHER

ZUM

STROM

Greifen Ihre Massnahmen nicht, dann sitzt die Schweiz im Dunkeln.

Schätzen Sie eine Strommangellage auch als grosses Risiko ein?

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz stuft eine ausgedehnte

Strommangellage als das grösste Risiko ein, dem die Schweiz derzeit

ausgesetzt ist. Das ist wohl eine realistische Einschätzung.

Aus meiner Sicht denke ich, dass es in den nächsten zehn Jahren

durchaus kritisch werden könnte und wir tatsächlich irgendwann

an einem Punkt stehen, wo wir als Netzbetreiber nicht mehr dagegen

halten können.

AUF EINER ABENTEUERLICHEN

TOUR VOM WASSERSCHLOSS

ZUM KRAFTWERK

Links und rechts grün und grau schimmerndes

Granitgestein – vom Gletscher rund geschliffen,

ganz oben schroff und kantig. Dazwischen kristallklare

Bergseelein, Moorlandschaften, pfeifende

Murmeltiere. Ganz hinten die Gletscherzunge,

ein milchfarbener Stausee mit seiner

imposanten Talsperre: Im Oberaargebiet geben

sich Natur und Technik die Hand. Auf einer Tour

vom Wasserschloss Kessiturm zur Staumauer

Oberaar bis zum Kraftwerk Grimsel 2 erhalten

Sie Einblick in die Faszination der Wasserkraft.

Und unterwegs – im Spitallamm-Bistro beim

Grimsel Hospiz – steht zur Stärkung ein währschaftes

Kraftwerks-Zmittag bereit.

Programm 9.30 – 16.30 Uhr Treffpunkt beim

Hauptgebäude KWO in Innertkirchen, Besichtigung

Wasserschloss Kessiturm, Spaziergang

über die Staumauer Oberaar, Mittagessen Kraftwerksmenü

im Spitallamm-Bistro, Besichtigung

Kraftwerk Grimsel 2 und Kristallkluft Transport

ab Innertkirchen mit KWO-Shuttle Personenzahl

Gruppen ab 10 bis max. 15 Personen Daten

27. Juni bis 27. September 2020, Dienstag bis

Sonntag Dauer 7 h Preis Erwachsene CHF 98.-,

Kinder 6 - 16 Jahre CHF 66.- inkl. Mittagessen und

Transport Sprache Deutsch Wichtige Hinweise

Unsere Anlagen sind nicht kinderwagentauglich.

Das Mindestalter

beträgt 10 Jahre.

Zutritt für Tiere ist nicht erlaubt.

Annette Marti: Herr Spicker, Sie gehören

als strategischer Berater der Swissgrid sozusagen

zu den «Troubleshootern» im

Schweizer Stromnetz. Was sind die aktuellen

Herausforderungen?

Jörg Spicker: Ein Stromnetz verhält sich

nach physikalischen Gesetzen und muss in

jeder Sekunde im Gleichgewicht sein, das

heisst, Frequenz und Spannung müssen

stabil sein. Als Netzbetreiber sind wir verpflichtet,

den Händlern und den Erzeugern

ein Stromnetz mit entsprechenden Transportkapazitäten

zur Verfügung zu stellen.

Doch die Engpässe nehmen zu. Sie können

sich das vorstellen wie bei einem Stau auf

einer Autobahn. Dann sind wir gezwungen

einzugreifen, um das Netz zu stabilisieren.

Zuviel oder zuwenig Strom, beides stellt

im Stromnetz ein Probelm dar – was sind

die genauen Gründe für die Engpässe?

Es sind zwei Dinge passiert in den letzten

Jahren: Zum einen hat die Einspeisung erneuerbarer

Energien zugenommen. Sie unterliegt

aber Schwankungen und beeinflusst

so die Netzstabilität. Zum anderen wird viel

Energie über die Grenzen der Schweiz hinweg

gehandelt. Die Schweiz ist von der sogenannten

Marktkopplung in Europa ausgeschlossen

und so sind wir mit zahlreichen

ungeplanten Energieflüssen in unserem Netz

konfrontiert. Tatsächlich haben die Massnahmen,

die wir ergreifen müssen, in den

letzten 6 Jahren zeitweise um den Faktor

8-10 zugenommen. Wir werden häufiger

aktiv. Auch die Leistung, die wir zur Stabilisierung

aufbringen müssen, wird grösser.

Die Wasserkraft spielt in den Stabilisierungsmassnahmen eine

wichtige Rolle. Treten akute Probleme im Stromnetz auf, klingelt

nicht selten in der Zentrale der KWO das Telefon.

In der Tat bieten Wasserkraftwerke eine gute Möglichkeit, das

Netz zu stabilisieren. Bei einem sogenannten «Redispatch» wird

die KWO zum Beispiel angewiesen, sofort zusätzliche Energie zu

produzieren, indem sie Wasser aus den Stauseen einsetzt, oder im

umgekehrten Fall Energie zu vernichten, indem gepumpt wird und

damit überschüssiger Strom aus dem Netz verwertet wird. Die

Wasserkraftwerke weisen eine hohe Flexibilität auf und ihre Speicherfunktion

ist sehr wichtig, um die Fluktuationen auszugleichen.

Sie sind so etwas wie die «Batterien der Alpen». Die KWO

trifft es aufgrund ihrer geografischen zentralen Lage relativ häufig,

in solchen Fällen einzuspringen.

Welche Möglichkeiten bieten sich sonst, das Netz im Gleichgewicht

zu halten?

Es wären andere Speicher denkbar, etwa grossräumige Batterien,

aber die sind noch nicht genügend weit entwickelt. Zudem modernisiert

Swissgrid das Leitungsnetz, dazu haben wir verschiedene

Ausbauvorhaben vorgezogen. Das braucht aber viel Zeit, wegen

der Bewilligungsverfahren und Einsprachen, die oft erst vor

Bundesgericht enden. Auch der Einsatz von flexiblen Gaskraftwerken

oder Gasturbinen wäre denkbar. Man kann nicht so tun,

als hätten wir unbegrenzte Netzkapazitäten.

ZUR PERSON

Jörg Spicker ist Astrophysiker und landete

«durch Zufall» – wie er selber sagt – in der

Energiebranche. Er war in verschiedenen

Funktionen in Deutschland und in der USA

tätig und lernte dabei alle Elemente der

Wertschöpfungskette im Energiebereich

kennen: Erzeugung, Handel und Vertrieb.

Spicker war mehrere Jahre Geschäftsleitungsmitglied

der Swissgrid, bis er vor zwei

Jahren entschied, sein übergrosses Pensum

auf ein grosses Pensum zu verkleinern.

Heute ist er als Senior Strategic Advisor für

die Swissgrid tätig. Er beschäftigt sich vor

allem mit den Beziehungen zwischen der

Schweiz und der EU aus der Sicht der Netzbetreiber.

Ende 2019 wurde das Kernkraftwerk Mühleberg vom Netz genommen.

Erhöht dies das Risiko, dass ein

Blackout in der Schweiz schneller auftreten

könnte?

Mit dem Ende des Kernkraftwerks Mühleberg

sind rund 370 Megawatt Energieproduktion

weggefallen. Deswegen müssen

wir die eigene Produktion entweder

steigern oder Strom importieren. Die Veränderung

bringt uns aber nicht gleich in

die Nähe eines Blackouts. Wir hatten Anfang

Winter eine Rekordfüllmenge in den

Stauseen, das war eine gute Ausgangslage.

Was mir eher Sorge bereitet, ist die Untätigkeit

der Politik. Ich habe in meiner

Funktion häufig mit Politikerinnen und

Politikern zu tun, und was ich höre, erweckt

den Eindruck, als würden alle denken,

«die Swissgrid regelt das Problem

dann schon.»

Tut sie das nicht?

Sehen Sie, das kontinentaleuropäische

Stromsystem ist das grösste zusammenhängende

Netz der Welt. Wir sind eng vermascht

von Schweden bis in die Türkei,

von Portugal bis nach Polen. Das Problem

ist nun, dass wir aus dem europäischen

Markt in vielerlei Hinsicht ausgeschlossen

sind. Die grenzüberschreitenden Transaktionen

sind in der EU erhöht worden, das

heisst, es wird zusätzliche Energie gehandelt

und die Schweiz ist von diesem Verfahren

ausgeschlossen, weil das Stromabkommen

nicht steht. Ein Teil des gehandelten

Stroms fliesst im Transit ungewollt durch

unser Netz und belastet es, ohne dass wir

davon wissen. Wie oben erwähnt, folgt der

Strom universellen physikalischen Gesetzen

und nicht politischen Ideen. Die Strommärkte der EU und der

Schweiz driften immer weiter auseinander, das ist ein Problem.

Wir müssen uns bewusst sein, das wird so weitergehen, denn der

Binnenmarkt ist der grösste Erfolgsfaktor für die EU.

Wie erklären Sie sich die Untätigkeit der Politik?

Das ist schwer zu verstehen, vielleicht ist die Bedrohung Blackout

einfach zu abstrakt, um sie sich wirklich vorstellen zu können oder

sie ist zu weit weg. Dabei scheint es mir wirklich wichtig, dass die

Politiker das Heft in die Hand nehmen. Die Umsetzung der Energiestrategie

2050 ist schwierig. Es gilt gewisse Fakten zu behandeln,

zum Beispiel die Frage der zunehmenden Importabhängigkeit

der Schweiz. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die

Exportwilligkeit von Nachbarländern wie Deutschland oder

Frankreich unbeschränkt vorhanden ist.

Und in dieser Umsetzung der Energiestrategie kann die Wasserkraft

als Speichermedium eine wichtige Rolle spielen…

Auf jeden Fall! Die Speicherfunktion der Wasserkraft ist wichtig,

wir müssen diesen Ausgleich haben, nur alleine mit erneuerbarer

Energie aus Sonne und Wind geht es nicht. Hinsichtlich der Wasserkraft

sehe ich eine zentrale Rolle, die die Schweiz in Europa

einnehmen kann. Wenn die EU ihren «green deal» umsetzen und

ihre klimaneutralen Ziele erreichen will, dann geht das nicht ohne

die Schweiz mit ihrer flexiblen, CO2-freien Stromproduktion. Das

könnte ein strategisches Ziel sein, ja, eine grosse Chance.

Interview: Annette Marti, Fotos: David Birri

Jörg Spicker ist strategischer Berater

der Swissgrid und hat in dieser

Funktion alle Hände voll zu tun,

um das Schweizer Stromnetz im

Gleichgewicht zu halten. In der

aktuellen politischen Lage wird

diese Aufgabe immer

schwieriger.


16 grimselwelt · aussicht

grimselwelt · impressionen 15

René Berndts Aufnahme «Brücke zwischen

zwei Welten» ist im Rahmen eines

Projektes des Fotoclubs Haslital entstanden.

Verschiedene Teilnehmende befassten

sich mit dem Thema Natur und Technik in der

Grimselwelt. Hobbyfotograf René Berndt ist

dieses Thema wie auf den Leib geschnitten: Als

gelernter Flugzeugmechaniker arbeitet er als

Qualitätsmanager bei den Pilatus Flugzeugwerken

in Stans. «Früher galt meine Leidenschaft

der Restauration von Flugzeugoldtimern», erklärt

Berndt. Seit ein paar Jahren fasziniert ihn

aber auch das Fotografieren, insbesondere die

Landschaftsfotografie. Das Foto der Reichenbachfallbahn

auf der alten Brücke zeigt die Ästhetik

der alten Brückenkonstruktion, eingebettet

in einer urchigen Landschaft. Zusätzliche

Spannung ergibt sich durch die spezielle Lichtstimmung.

«Das Foto ist an einem Sonntagnachmittag

auf einem Ausflug mit meiner Familie

entstanden», sagt Berndt. Der 37-Jährige

lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern

in Meiringen.

fotoclubhaslital.ch


grimselwelt · bauprojekt trift 17

TRIFT –

PUZZLETEIL DER

ENERGIEWENDE

Eines der wichtigsten Ausbauvorhaben für die nächsten

Jahre liegt für die KWO im Triftgebiet. Es ermöglicht

nicht nur Perspektiven für die Zukunft der Unternehmung,

sondern trägt eine besondere Bedeutung für

die Umsetzung der Energiestrategie 2050.

Neubau Speichersee und

Kraftwerk Trift

Das Wassereinzugsgebiet der KWO umfasst 450 Quadratkilometer

– das entspricht einem Prozent der Fläche der

Schweiz. Jährlich fallen hier 980 Millionen Kubikmeter Wasser

an. Von diesen Wasserzuflüssen kann die KWO heute nur

gerade rund einen Viertel in ihren Seen speichern. Mit 94

Millionen Kubikmetern Wasser ist der Grimselsee der grösste

Speicher.

Fakten zum Projekt

Speichervolumen Triftsee 85 Millionen Kubikmeter/215

Gigawattstunden, Mauerhöhe 170 Meter, Bauzeit 8 Jahre,

Investitionen 387 Millionen Franken

Ausführliche Informationen zum Ausbauvorhaben

finden sie auf unserer

Webseite unter www.grimselstrom.ch/

ausbauvorhaben/zukunft/

kraftwerk-trift/

Wie ist die Energiewende

in der Schweiz zu schaffen?

Diese Frage schiebt

sich stets von neuem in den

Fokus der öffentlichen Diskussion.

Energieproduzenten

und Netzbetreiber sind

derzeit stark gefordert.

Auch die Politik dürfte

dieses Thema noch ein

Weile in Atem halten (siehe

dazu auch Interview mit

Jörg Spicker, Senior Strategic Advisor

Swissgrid, Seite 12/13). Für die Konsumentinnen

und Konsumenten würde es ungemütlich,

käme es aufgrund einer Panne im

Stromnetz zu einem längeren Ausfall. Die

Umsetzung der Energiestrategie von Bund

und Kanton ist ein wichtiger Faktor im geplanten

Ausbauprojekt der KWO im Triftgebiet.

Zwar fügt sich das Projekt eines

neuen Stausees gut in das bestehende Wasserkraftsystem

der KWO ein und eröffnet

damit neue Perspektiven für die Unternehmung.

Für Daniel Fischlin, CEO der KWO,

beinhaltet das Vorhaben aber darüber hinaus

eine wichtige Funktion für die Netzstabilität

und die Sicherheit der Stromversorgung.

Das heisst, es ist eine zusätzliche

«Versicherung» für den Winter.

«Der neue Speichersee in der Trift würde

uns erlauben, mehr Wasser zu speichern

und dann Energie zu produzieren, wenn

der Bedarf am grössten ist – nämlich im

Winter», erklärt Fischlin. Tatsächlich gebe

es im Winter je länger je mehr Lücken zwischen

Angebot und Nachfrage und diese

Strommangellage könne zu kritischen Situationen

führen. Die erhöhte Verletzlichkeit

des Systems begründet sich in der Liberalisierung

des Strommarkts wie auch

im vermehrten Einspeisen erneuerbarer

Energien. Scheint die Sonne nicht oder

fehlt der Wind, kann es zu ungeplanten Ereignissen

im Stromnetz kommen, die wiederum

gezielte Massnahmen bedingen,

um das Netz zu stützen. «Da wir bis heute

keine guten Speicher-Alternativen haben,

sind Stauseen ein sehr wichtiges Puzzleteil

im Gefüge der Energiewende», sagt Fischlin.

Mit einem neuen Speichersee könnte

die KWO ihr Speichervolumen des gesamten

Systems von heute 195 Millionen auf

280 Millionen Kubikmeter steigern. Damit

wären auch die Reserven für Notmassnahmen

grösser, beziehungsweise könnte die

KWO noch öfter einspringen, um das Netz

zu stabilisieren. Zukünftig, so ist Fischlin

überzeugt, bestehe im Sommer eine deutlich

geringere Nachfrage an Energie aus

den Speicherkraftwerken, da dann viel Solarstrom

produziert wird.

Die Perspektive, den Talkessel im Triftgebiet

für einen neuen Stausee zu nutzen,

hat sich erst mit dem rasanten Wandel der

Landschaft ergeben. Der Triftgletscher hat

sich in den letzten Jahren stark zurückgezogen,

geblieben ist ein Geländebecken mit

einem See. An der engsten Stelle beim Abfluss,

ungefähr dort, wo die Trift Hängebrücke

verläuft, würde eine neue Staumauer

gebaut. Dahinter ergibt sich ein

Stauvolumen für den neuen Speichersee

von ungefähr 85 Millionen Kubikmeter.

Umgerechnet auf den Betrieb des neuen

Kraftwerkes Trift würde dies bedeuten,

pro Jahr ungefähr 145 Gigawattstunden

Energie produzieren zu können. Bereits

heute nutzt die KWO Wasser aus dem Gadmental

für die Stromproduktion. Da aber

keine Speichermöglichkeit besteht, fliesst

das Wasser vor allem in den Sommermonaten

ab. Genau dann, wenn bereits viel

Energie im Netz vorhanden ist.

Die KWO pflegt seit Jahren einen offenen

Dialog mit Naturschutzkreisen und

hat die Umweltorganisationen in den Planungsprozess

miteinbezogen. Bevor im

September 2017 das Konzessionsgesuch

bei der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion

des Kantons Bern eingereicht worden

ist, haben sich alle Beteiligten inklusive

Naturschutzverbände auf einen Konsens

geeinigt. Dies unter anderem, weil im Konzessionsgesuch

zahlreiche Ersatz- und

Ausgleichsmassnahmen für Eingriffe in

Natur und Landschaft vorgesehen sind.

Auch wenn in den letzten Monaten einzelne

kritische Stimmen laut wurden, ist für

Daniel Fischlin diese breite Abstützung ein

positives Signal. «Ich hoffe sehr darauf»,

sagt er, «dass in den künftigen Diskussionen

Solar- und Windenergie nicht gegen

die Wasserkraft ausgespielt werden. Denn

nur mit beiden Quellen sind in meinen Augen

die Herausforderungen der Zukunft

zu stemmen.»


18 grimselwelt18

· dakota

grimselwelt · spitallamm baustelle 19

Teddy Zumstein, Bergführer und

Hüttenwart in der Gaulihütte, führt

Gäste zu den Wrackteilen des

amerikanischen Flugzeugs, das

1946 auf dem Gauligletscher abgestürzt

ist – eine spektakuläre Wanderung

auf den Spuren einer abenteuerlichen

Geschichte.

Dakota-Touren

Wer das Dakota-Wrack besichtigen möchte,

steigt am Samstag selbständig von Innertkirchen

durch das Urbachtal in die Gaulihütte

auf. Jeweils am Sonntag im Juli und August

führt Teddy Zumstein Gäste über die Gletscherzunge

zur Fundstelle. Da Auf- und

Abstieg zur Hütte lang sind, ist es angenehm,

nach der Dakota-Tour eine weitere Nacht in

der Hütte zu schlafen und erst dann abzusteigen.

Die Tour braucht Ausdauer, setzt aber

keine Bergerfahrung voraus.

Weitere Informationen und Reservation:

www.gaulihuette.ch; www.hasliguides.ch

Der Gletscher hat etwas Geheimnisvolles an sich, wie er weit

ausgebreitet zwischen den buckligen Granitfelsen liegt.

Die Oberfläche schimmert an manchen Stellen gräulich,

kleinste Steinpartikel und Sand zeichnen ihre eigenen Muster ins

Weiss. In den Gletscherspalten leuchtet das Eis in allen Nuancen

von Hellblau und verliert sich in der Tiefe im Dunkeln. Die Steigeisen

knirschen leicht beim Gehen. Teddy Zumstein vorne am

Seil deutet hangabwärts zum See unterhalb des Gletschers. Er

kennt das Gauligebiet gut. Vor 25 Jahren sei er als Jugendlicher

erstmals hierher gekommen, da habe es noch keinen See gegeben,

sagt er. Später arbeitete Teddy als Gehilfe in der Gaulihütte, heute

führt er die Hütte zusammen mit seiner Partnerin Fränzi Vontobel.

Die Veränderungen geben ihm als Bergführer zu denken,

das Eis zieht sich beinahe täglich weiter zurück. Die Gletscherschmelze

hat der Region aber eine neue Attraktion geschenkt.

2012 fanden drei junge Bergsteiger einen Propeller des amerikanischen

Flugzeuges vom Typ Dakota, das im November 1946 auf

dem Gauligletscher abgestürzt ist. Seither sind immer neue

Wrackteile aufgetaucht, obschon die Schweizer Armee mehrfach

kommunizierte, alles aufgeräumt zu haben, bringt der Gletscher

jährlich neue Fundstücke an die Oberfläche.

Teddy unternimmt jeweils an den Wochenenden mit Gästen Touren

von der Hütte zur Fundstelle. Auch diese Position verändert

sich laufend. Abgestürzt ist die Dakota, die von München nach

Marseille unterwegs war, auf rund 3350 m ü. M. Seither hat der

Gletscher die Wrackteile viele hundert Meter talwärts getragen.

An Bord der Maschine befanden sich hohe Vertreter der amerikanischen

Besatzungstruppen, Generalsgattinnen und ein elfjähriges

Mädchen. Zunächst konnte niemand das Flugzeug orten und

die Zuständigkeiten waren so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg

unklar. Erst am dritten Tag nach dem Absturz wurde das Wrack

erstmals gesichtet, alle zwölf Insassen hatten überlebt, waren aber

teilweise verletzt. Nun setzte sich eine beispiellose Rettungsaktion

in Gang. Bei Schnee, Kälte und Sturm brauchten die Retter lange,

um zum Flugzeug vorzudringen. Das Drama hatte das Interesse

Text: Annette Marti, Fotos: David Birri

der Weltöffentlichkeit auf sich gezogen. Als es dann zwei Piloten

vom Militärflugplatz Unterbach glückte, erstmals überhaupt mit

einem Flugzeug auf dem Gletscher zu landen, um die Passagiere

zu bergen, war die Sensation perfekt.

«Processed American Cheese» steht auf einem zerbeulten Deckel

einer Metalldose, die auf dem Eis liegt. Ein paar Schritte weiter

türmen sich alle möglichen Blechteile auf, grosse und kleine, zerknüllte

und angeschwärzte, ein Rad mit Gummi, Stücke von Teppichen

oder Polstern, ein Teil hat die Form eines Pedals, ein anderes

muss zu einer Hydraulik gehören – das Ganze sieht aus wie

das Rückgrat eines verendeten Wals. Obschon mehr als 70 Jahre

vergangen sind, ist die Dramatik jener Tage im November 1946

für einen Augenblick sehr nahe. Wie muss es für diese Menschen

gewesen sein, verletzt und frierend in der Kälte auszuharren?

Ohne zu wissen, ob man sie je finden würde? Auch für die Retter

dürfte es äusserst anstrengend gewesen sein, überhaupt bis zu den

Verletzten vorzudringen. Die Nähe zu diesem Schauplatz hat etwas

Beklemmendes, lässt aber auch Raum für geheimnisvolle und

lustige Anekdoten. So erzählt Teddy beispielsweise, im Hasli seien

in einigen Haushalten auch Jahre nach dem Absturz plötzlich Gegenstände

aufgetaucht, bei denen niemand so genau wusste, woher

sie stammten. Da und dort hatte ein Retter ein Souvenir mitlaufen

lassen, schliesslich fallen auch hier nicht alle Tage

Generalsgattinnen vom Himmel. Und dank dem Happy-End der

effektiven Ereignisse ist es nicht verwunderlich, bietet die Sache

Stoff für alle möglichen Gerüchte, Berichte, Bücher und Filme und

definitiv auch für unvergessliche Wanderungen.


20

grimselwelt · hinter den kulissen

grimselwelt · altjahrswoche 21

Text: Annette Marti, Fotos: David Birri

Die Altjahrswoche im Oberhasli ist Wissenschaft und

Mysterium zugleich. Es gibt unzählige Details und

Geschichten zu diesem Brauch, der für Aussenstehende

so gut wie nicht zu verstehen ist. In den Dörfern erlebt

die Tradition jedoch einen Höhenflug.

Jahr für Jahr, in den langen Nächten

zwischen Weihnachten und Neujahr,

ziehen die Trychelzüge durch die Dörfer

im Oberhasli. Mit lauten Schellen,

Glocken und Trommeln werden die bösen

Geister vertrieben. Der Brauch reicht weit

zurück und erlebte Höhen und Tiefen.

Derzeit scheint die Teilnahme schon fast

ein Muss zu sein: Die beiden Trychelmajore

der Dörfer Gadmen und Guttannen,

mit je einer Einwohnerzahl um die 250

Personen, zählten an ihrem Spitzenabend

70 beziehungsweise 90 Teilnehmerinnen

und Teilnehmer im Trychelzug. «In der

Altjahrswoche kommen alle zurück, die

irgendeinen Bezug zu Gadmen haben»,

sagt Remo von Weissenfluh. Das Trycheln

sei einfach ein Highlight. Er freue sich besonders,

sagt der 30-jährige Gadmer

Trychelmajor, dass auch die jüngere Generation

wieder eifrig mithilft. «Es könnte

sein, dass auch deswegen die Älteren wieder

fleissiger mitmachen», freut sich von

Weissenfluh. Reto Schläppi, Trychelmajor

des Trychelzugs Guttannen, macht ähnliche

Beobachtungen. «Der Brauch lebt»,

sagt er, «es ist weder Show noch reine Unterhaltung

für die Zuschauer, man schätzt

besonders das Zusammenkommen.»

Die Besonderheiten der Altjahrswoche,

die jeweils am 25. Dezember um Mitternacht

beginnt und bis zum Ubersitz (letzter

Arbeitstag im Jahr) dauert, sind gross. In

jedem Dorf oder in jedem Zug gibt es Eigenheiten:

so schreiten die einen anders als

die anderen, die einen trycheln schnell, andere

langsam, einige tragen Trycheln, andere

Glocken, es gibt Züge mit und ohne

Trommeln, an manchen Abenden ist man

verkleidet unterwegs, an anderen nicht. Eines

haben aber alle Trychlerinnen und

Trychler gemeinsam: die Pflege des Zusammenhalts.

Man ist gemeinsam unterwegs,

sitzt beieinander, tauscht sich aus,

geschlafen wird kaum. An einem Abend

besuchen die Züge meistens auch Meiringen,

um dort zu trycheln, wobei wieder eigene

Regeln bestehen, wer wann nach Meiringen

fährt und wie sich die Züge dort

treffen. Höhepunkt ist für alle der Ubersitz.

Auch hier feiern die Dörfer nach ihrem ganz spezifischen

Brauchtum. Am 31. Dezember jedoch, wenn der Rest der Schweiz

das Jahr ausklingen lässt und den Start ins Neue feiert, liegen die

meisten Haslerinnen und Hasler im Bett, schlafen und erholen

sich von der Altjahrswoche.

Für Aussenstehende ist es faszinierend, dem Treiben zuzusehen.

Die Kraft der geheimnisvollen Klänge in der dunkeln Nacht lässt

kaum jemanden unberührt. Das ganze Ausmass der Geschichte

bleibt zu einem gewissen Grad aber den Einheimischen vorbehalten.

Viele von ihnen haben den Klang der Trycheln schon in den

Ohren, bevor sie geboren werden. Für manche bietet das Trycheln

denn auch eine besondere Art von Stillwerden oder gar Meditation,

auf den langen Märschen durch die Nacht bleibt

Zeit für viele Gedanken. «Meine ersten Trychelklänge vernahm

ich im Bauch meiner Mutter», erzählt etwa Reto Schläppi. Als er

im Januar auf die Welt kam, gab es eine kleine Pause – sobald der

Junge selber laufen konnte, war er mit einer

eigenen Glocke wieder mit dabei. Seither hat

er keinen Ubersitz verpasst. «Undenkbar»,

sagt er dazu. «Das gemeinschaftliche Erlebnis

ist einfach gewaltig», fügt er an, «ein

ganzes Dorf ist im Einklang.» Auch Remo

von Weissenfluh hat nie gefehlt und sehnt

sich jedes Jahr nach jenem Kribbeln, das

sich in der Magengrube ausbreitet, wenn

die letzte Woche des Jahres näher rückt.

Und so schweifen die Haslerinnen und

Hasler jedes Jahr wieder aus und erledigen

ihren wichtigen Job, indem sie die bösen

Geister zurück in ihre dunkeln Winkel

treiben und für einen aufgeräumten Start

ins neue Jahr sorgen.

SAISONALER BRAUCH –

SAISONALES MUSEUM

Im Dezember, wenn bei allen Trychlerinnen und Trychlern im Oberhasli

der Puls steigt, öffnet Martha Kolodziej die Türen ihrer temporären

Ausstellung im ehemaligen Hotel Anderegg in Meiringen. Die Polin,

die in Meiringen wohnt und von Beginn weg fasziniert war vom alten

Brauch des Trychelns, realisierte auf den Dezember 2019 hin das erste

Trychler- und Ubersitzmuseum. Sie sammelte zahlreiche Gegenstände,

Raritäten und Dokumente zur Altjahrswoche, die sie der Öffentlichkeit

während eines Monats präsentierte. Ergänzt hat sie die Ausstellung

mit eigenen, ausdrucksstarken Gemälden, die Eigenheiten des Oberhasli

wie auch Motive aus dem Brauchtum zeigen. Die Künstlerin beabsichtigt,

das Trychler- und Ubersitzmuseum auch im Dezember 2020

wieder zu öffnen. www.kunsthotel.art


22 grimselwelt · spitallamm baustelle

grimselwelt · ersatz staumauer spitallamm 23

Seit dem Frühsommer 2019 laufen die Bauarbeiten für die

neue Spitallamm-Staumauer am Grimselsee. In der ersten

Bausaison wurden vor allem Vorbereitungsarbeiten getätigt,

doch auch die waren äusserst anspruchsvoll, erforderten

Geduld, gute Nerven und viel Knowhow. Und so wird es nun

noch einige Jahre weitergehen.

Ein lautes Quietschen und Kratzen tönt von der Plattform herauf.

Im Scheinwerfer des Schreitbaggers blitzt loses Geröll auf. Nebel

dimmt das Licht der starken Baulampen, die die Spitallamm-

Baustelle während der Nacht von der Staumauer aus beleuchten.

Direkt vor den Lampen leuchten die schweren Regentropfen wie

ein Vorhang aus Glasperlen. Jetzt hallt ein lautes Poltern von den

Felswänden. Der Maschinist hat mit der Baggerschaufel einen grossen

Stein gelöst und über die Felswand in die Tiefe gewuchtet.

Stück für Stück wird die Arbeitsplattform gesäubert. Bei besonders

schweren Brocken bäumt sich der kräftige Bagger auf, rüttelt,

schüttelt und zittert, kleinere Steine fegt er über die Felskante wie


24 grimselwelt · ersatz staumauer spitallamm

grimselwelt · ersatz staumauer spitallamm 25

Brotkrümelchen. Es ist Massarbeit am

Abgrund. Für den Bau der neuen Staumauer

muss der Fels für die Fundamente

seitlich abgetragen werden, Meter für Meter,

von oben nach unten. «Die oberste,

verwitterte Schicht des Gesteins muss weg,

so dass wir die neue Mauer links und

rechts im kompakten Fels verankern können»,

erklärt Christof Frutiger, einer der

vier Bauleiter der KWO. Die Besonderheit

der doppelt gekrümmten Bogenstaumauer,

die hier gebaut wird, liegt darin, dass die

Kräfte nicht primär in den Boden am Talgrund

abgeleitet werden, sondern in die

Talflanken. Frutiger, der in Innertkirchen

aufgewachsen ist, war als Bauingenieur

bereits bei jener Unternehmung tätig, die

die Mauer geplant hat, und kennt das Projekt

bestens. «Aus Sicht des Bauingenieurs

hat die Mauer eine sehr elegante Form»,

sagt er, «und sie ist obendrein interessant,

weil es für diesen Typ von Staumauer am

wenigsten Beton braucht.»

rau», räumt Kehrli ein, «und ich bin froh, habe ich gute Leute.»

Ende Oktober beginnt die Nacht früh und endet spät, so dass viele

Aufgaben im Dunkeln erledigt werden müssen. Gearbeitet wird

in zwei Schichten, die eine dauert von morgens um 5 bis um 14 Uhr,

die zweite geht von 14 bis um 23 Uhr. «Mit der Zeit gewöhnt man

sich an alles», sagt Kehrli, «ans Wetter, den knappen Platz und

die kalten Finger.»

Die anspruchsvolle Baustelle braucht nicht nur Nerven und

Geduld, sondern auch eine gut abgestimmte Zusammenarbeit.

Die verschiedenen Bereiche der Baustelle stehen in direkter Abhängigkeit

von einander und manche Arbeitsschritte haben Folgen

für andere Beteiligte. Ohne Rücksicht aufeinander wäre das

Chaos an der Spitallamm innert Stunden gross. So sind beispielsweise

die Arbeiter im Fundamentaushub auf die Seilexperten angewiesen,

die Zugänge installieren oder Sicherungsnetze anbringen,

um die Arbeitssicherheit zu gewährleisten. Unten, am Fuss

der Mauer, ist eine weitere Truppe mit Vorbereitungen für die

Betonanlage beschäftigt, die künftig dort stehen wird. Jedes Mal,

wenn oben an den Felsflanken gesprengt wird, müssen sich unten

alle in Sicherheit bringen und ihre Arbeit unterbrechen. Am

Wandfuss befindet sich auch der Eingang zur sogenannten La-

JAHRHUNDERTBAUWERK AM GRIMSELSEE

2019 war die erste Bausaison für die Erstellung der neuen Spitallamm-Staumauer

an der Grimsel. Die Bauarbeiten werden bis ins

Jahr 2025 dauern, wobei die Aktivitäten in den Wintermonaten

eingestellt bleiben. Die alte Mauer mit den charakteristischen

«Treppenstufen», die in den Jahren 1925 – 1932 errichtet wurde,

ist sanierungsbedürftig. Die neue Mauer wird direkt vor dem historischen

Bauwerk hochgezogen, somit muss die KWO die Stromproduktion

auch während der Bauarbeiten nicht unterbrechen.

Sobald die neue Mauer fertig ist, wird die alte geflutet.

Die neue Mauer ist eine doppelt gekrümmte Bogenstaumauer

mit einer Höhe von 113 Metern. Die Kronenlänge beträgt 212

Meter. Das Volumen umfasst 220'000 Kubikmeter Beton, welche

ohne Armierung verbaut werden, da das Bauwerk nur Druckund

keinen Zuglasten ausgesetzt ist.

gerkaverne. Dort sind Männer im Untertagbau damit beschäftigt,

einen Zugang zu sprengen, der zum neuen Lift in der Staumauer

führen wird. Zwar scheint auf den ersten Blick im Dunkel des

Stollens die übrige Welt ausgeschlossen. Doch auch hier ist es

nicht unwesentlich, was die andern in der Höhe tun, denn die

Untertag-Equipe stellt beispielsweise ihre Maschinen ausserhalb

des Stollens ab und ist gut beraten, dies nicht im schlimmsten

Steinschlag zu tun. Die Untertag-Equipe wiederum muss Rücksicht

nehmen auf den laufenden Kraftwerksbetrieb. «Wir haben

hier in unmittelbarer Nähe sensible Anlagen, die erschütterungsempfindlich

sind», erklärt Andreas Baumann, Bauführer Untertagbau,

ARGE Grimsel, «das bedeutet, dass wir sehr sanft vorgehen

müssen beim Sprengen.» Es ist nicht in erster Linie die alte

Staumauer selber, der man Sorge tragen muss, vielmehr sind es

die Steuerungsanlagen in einer Regulierkammer am Wandfuss,

die einem sonst üblichen Sprengvortrieb nicht standhalten würden.

Schliesslich läuft im Untergrund der normale Kraftwerksbetrieb

weiter, Baustelle hin oder her. Nach jedem Meter, den die

Untertag-Truppe aus dem Berg sprengt, wird gemessen und neu

beurteilt. «Die Sache ist diffizil wegen des Zünd- und Ladeschemas,

die natürlich einen direkten Einfluss auf die Erschütterungen

hat», verdeutlicht Baumann. Trotz der täglichen Herausforderungen

empfindet es auch Andreas Baumann als Ehre, an

einem Jahrhundertbauwerk wie der Staumauer Spitallamm beteiligt

sein zu können.

Oben auf der Mauer machen sich die Spätschichtler auf den

Weg zum Nachtessen. Anstatt die vielen Treppen zur Kantine oben

neben dem Grimsel Hospiz hinaufzusteigen, holen sie sich jeweils

vor Arbeitsantritt ihr Essen ab und wärmen es im ehemaligen

Bootshaus mitten auf der Staumauer auf. Das Häuschen ist für die

Bauarbeiten zu Garderobe und Pausenraum umfunktioniert worden.

Für einen Augenblick kommt behagliche Gemütlichkeit auf,

während der Wind draussen über die Mauerkrone pfeift und der

Regen an die Fenster prasselt. Die Männer schälen sich aus ihren

vielen Kleiderschichten, schieben die vorbereiteten Teller in den

Mikrowellenherd und setzen sich an den Tisch. Keiner murrt, keiner

jammert; die meisten hier lassen sich nicht so leicht aus der

Ruhe bringen. «Ich bin an der Kante gross geworden und habe

nicht so schnell Höhenangst», sagt Walter Brunner und lacht. Er

lebt in Gimmelwald über den Felsen des Lauterbrunnentals. Auch

David Brand, Schreitbagger-Fahrer, pflichtet ihm bei. Angst sei ein

schlechter Ratgeber. Respekt ja, aber Angst könne man nicht brauchen

bei der Arbeit am Abgrund. Unter diesen extremen Bedingungen

kommt es auf die Erfahrung an, auf das Knowhow und

aufs Gefühl. Der einzige Aspekt, der hier tatsächlich zu etwas

Nervosität führt, ist der Gedanke an möglichen Schneefall. Auf

dieser Höhe kann es jederzeit weiss werden und dann, so sind sich

alle einig, würde es richtig anspruchsvoll,

was übersetzt aus der Berglersprache wohl

ungefähr soviel bedeutet wie «kaum machbar».

Doch für den Augenblick sind alle zufrieden,

dass der Koch heute zum Glück kein

Gericht geliefert hat mit brauner Sauce –

die mögen die Arbeiter nicht besonders,

aber sonst, so murmeln alle zustimmend,

sei es immer sehr lecker, was der Frank

oben in der Küche zubereite.

ERLEBEN SIE DIE BAUSTELLE

Der Bau einer Staumauer ist auch in der

Schweiz nicht alltäglich. Die KWO bietet Interessierten

die Gelegenheit, die Baustelle

auf 1900 m ü. M. näher anzuschauen. Ab

Juni 2020 sind eine Aussichtsplattform und

ein Baustellenrundgang offen, die es ermöglichen,

die Dimensionen dieses Baus

zu erfassen und Informationen zum Jahrhundertbauwerk

zu erhalten.

www.grimselwelt.ch/besichtigungen

Jürg Kehrli, Polier Felsabtrag, ARGE

Grimsel, schiebt sich den Helm aus der

Stirn. Er ist soeben über eine luftige Leiter

von der Plattform zur Mauerkrone hochgeklettert

und funkt nun mit dem Kranführer,

der die Materialbahn bedient. Er

könne das Bohrgerät bringen, meldet

Kehrli durch das Funkgerät. Wie im Theater

schiebt sich langsam ein dunkler

Schatten in die Szenerie, schwebt über den

Talgrund bis zur Plattform. Das Bohrgerät

ist rund sechs Tonnen schwer und muss jedes

Mal, wenn gesprengt wird, mit der

Materialseilbahn in Sicherheit gebracht

werden. Derzeit sprenge man ungefähr einmal

pro Tag, erklärt Kehrli, dessen Funkgerät

bereits wieder rauscht. Einmal am

Tag wird der Koloss also über die Schlucht

gehoben. Dazwischen bohren die Arbeiter

Löcher in den Felsen, laden nach genauem

Plan Sprengstoff ein, sichern vor der eigentlichen

Sprengung die Geräte und beginnen

danach mit dem Wegräumen des

Materials. Wenn alles gesäubert ist, beginnt

der Prozess von neuem. «Es ist schon

Informationen zum Projekt


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Lorenz Rufibach

Seilexperte

«Diese Art von Arbeit mag

ich einfach. Man ist praktisch

immer in der Luft, aber da

fühle ich mich zuhause. Und

irgendwann gewöhnt man

sich auch an das Wetter.»

Christof Frutiger

Bauleiter

«Der Bau von Staumauern ist

in der Schweiz nicht gerade

alltäglich. Dass ich als Ingenieur

mithelfen kann, ein solches

Projekt zu realisieren und dies

noch direkt vor der eigenen

Haustüre, macht viel Freude

und erfüllt mich auch mit Stolz.»

Bereits in der ersten Bauphase sind zeitweise bis zu 100

Personen auf der Spitallamm-Baustelle im Einsatz gewesen.

Für die meisten dieser Spezialisten sind Arbeiten im Hochgebirge

Routine – und doch ist der Bau einer Staumauer

kein alltägliches Unterfangen.

Johann Riesslegger

Polier Untertagbau

«Manchmal ist der Berg sehr

gnädig mit uns, manchmal

sind die Umstände schwierig

und man wird laufend

überrascht. Hier unten ist kein

Tag gleich und man kommt

immer wieder an Orte, wo

noch nie jemand war. Das

mag ich ganz besonders.»

Andreas Baumann

Bauführer Untertagbau

«Wir müssen sanft sprengen

wegen der nahen Staumauer

und den vielen sensiblen

Armaturen. Das ist diffizil,

darum müssen wir langsam

und sorgfältig vorgehen.»

Jürg Kehrli

Polier Felsabtrag

«Der Platz ist schon sehr

knapp, neben der Plattform

geht es 80 bis 100 Meter

runter bis zum Wandfuss.

Da braucht es gute Leute,

geübte Maschinisten, die auf

keinen Fall Angst haben.»

Simon Graber

Maurer

«Es sind raue Bedingungen,

denn häufig arbeiten wir im

Nebel oder Wind. Aber daran

gewöhnt man sich. Es ist einfach

so in der hochalpinen Welt.

Mir gefällt es hier, das ist meine

Heimat. Und wenn die Arbeiten

im Winter ruhen, dann

habe ich Zeit zum Skifahren.»

Jeremias Tinner

Installateur Materialseilbahn

«Ich sehe es als Privileg an,

an derart schönen Orten

arbeiten zu dürfen. Die ganze

Woche im Büro zu sitzen

wäre nichts für mich.»

Christian Willener

Schreitbagger-Fahrer

«Es ist eine raue Geschichte

hier, du machst einen kleinen

Fehler und dann bist du weg.»


LAUFWERKBERN

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BUCHBAR

www.grimselwelt.ch

Neu ab Sommer 2020

Dem Pioniergeist auf der Spur

Auf der Kraftwerksbesichtigung durch unser Stollenlabyrinth

erleben Sie drei Generationen Kraftwerke und bald 100 Jahre

Kraftwerksgeschichte. Vieles hat sich geändert – aber noch mehr

ist gleich geblieben. Die neue Kristallausstellung, in einem der

verwinkelten Stollen, zeigt einen weiteren Höhepunkt des Kraft-

werkbaus: Die schönsten «Strahlen», welche bei Sprengarbeiten

für den Ersatzbau der neuen Spitallamm Staumauer im 2019

gefunden wurden, werden hier den Kraftwerksbesuchern zugänglich

gemacht. Kommen Sie mit uns auf eine abenteuerliche

Reise in die Tiefe des Berges.

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