21.09.2021 Aufrufe

Susanne Niemeyer: Lichtblick – Texte für mittelgute Tage (Leseprobe)

Es gibt Tage, da ist nicht alles gut. Da braucht man gute Nerven, guten Beistand oder einfach mal einen Lichtblick. Zum Beispiel, indem man dieses Buch zur Hand nimmt. Die Geschichten und Mutmachtexte lassen erahnen: Eigentlich wohnt Gott direkt im Zimmer nebenan. Nur manchmal finden wir die Tür einfach nicht. Zum Glück gibt es immer wieder Momente, in denen es hell durch den Türspalt scheint – ein Lichtblick! Ein wunderbares Mutmachbuch für Tage, an denen man nicht so tun will, als ob das Leben ein Kinderspiel ist.

Es gibt Tage, da ist nicht alles gut. Da braucht man gute Nerven, guten Beistand oder einfach mal einen Lichtblick. Zum Beispiel, indem man dieses Buch zur Hand nimmt. Die Geschichten und Mutmachtexte lassen erahnen: Eigentlich wohnt Gott direkt im Zimmer nebenan. Nur manchmal finden wir die Tür einfach nicht. Zum Glück gibt es immer wieder Momente, in denen es hell durch den Türspalt scheint – ein Lichtblick! Ein wunderbares Mutmachbuch für Tage, an denen man nicht so tun will, als ob das Leben ein Kinderspiel ist.

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Sie wollen auch ein ePaper? Erhöhen Sie die Reichweite Ihrer Titel.

YUMPU macht aus Druck-PDFs automatisch weboptimierte ePaper, die Google liebt.

AMEN

sagt man am Ende, wenn alles gesagt ist. Ich sage es am Anfang. Könnte man

ja mal versuchen: Amen zu allem, was kommt. Amen zu diesem Tag, Amen

zum Leben, das manchmal ruckelig ist. Aber es ist mein Leben, und es ist das

einzige. Ich hab es lieb, auch wenn es mich mit dunklen Augenringen ansieht.

Wenn es ausschert, nicht auf mich hört und mal wieder überhaupt nicht tut,

was ich will. Sogar dann, wenn es mir ein Bein stellt.

Es hat alles mitgemacht. Ist mit mir vom Klettergerüst gesprungen und hat

Pfandflaschen geklaut. Hat im Stroh gelegen, obwohl es pikste, hat für den

Jungen mit den Locken geschwärmt. Ist manchmal anders abgebogen als geplant.

Auf dem Seitenstreifen hat es mit mir auf den ADAC gewartet.

Hat über Wahlergebnisse geflucht, sich nach Bullerbü gesehnt und mit mir

Zimtschnecken gebacken. Hat den Alltag in Kartons gepackt, sich neue Straßennamen

gemerkt, hat Träume begraben und neue geträumt. Hat mitgespielt.

Darin ist mein Leben eine Meisterin. Es ist die treueste Seele, die ich kenne.

Mein Leben bleibt bei mir, bis zum Schluss. Was immer auch geschieht.

Es wohnt zwischen Herzkammer und Stammhirn. Es begleitet mich auf Schritt

und Tritt. Wo ich hingehe, da wird es auch hingehen. Es bietet jedem Sturm

die Stirn. Meine Stirn. Amen.

5


Neuer Tag

„Guten Morgen“, sagt der Engel. Er sitzt schon am Frühstückstisch.

Sein Hemd ist gebügelt und das Obst ist frisch geschnitten.

Ich weiß auch nicht, wie er das immer schafft.

„Dies ist ein neuer Tag, und er wird schön!“

„Woher weißt du das?“, frage ich verschlafen.

„Ich nehme es mir vor.“

Er steckt mir eine Blume ins Knopfloch meines Pyjamas und schwebt davon.

6


Sonntagsfragen

Was würdest du jetzt tun,

wenn du könntest, was du willst?

Was würde das Glück tun,

wenn es könnte, was es will?

Würdet ihr euch treffen?

7


Beim Aufwachen

zu lesen

Bitte gönn dir was

das Konzert der Meisen

Milchschaumminuten

eine verlorene Uhr

Plüschgedanken

Der Himmel ist

ein Gemischtwarenladen

Er hat jetzt geöffnet

für dich

12


CHUZPE

Dreistigkeit siegt, sagen sie. Das ärgert mich. Aber charmante Dreistigkeit

ist etwas ganz anderes. Manchmal muss man Tanten und Oberprediger

ignorieren. Solche, die meinen, dass man sich hintenanstellen und das eigene

Los klaglos hinnehmen möge. Manchmal muss man aufbegehren mit einem

Witz und lachen über das, was schmerzt. Wer lacht, geht den ersten Schritt

auf dem unsichtbaren Seil, das über den Abgrund führt. Chuzpe ist, sich

bei Gott zu beschweren auch ohne Termin. Weil mittwochs um halb elf das

Wasser bis zum Hals steht und sonntags um zehn die Sintflut längst Hochwasser

hätte.

Dann ist es höchste Zeit, Gott an seine Versprechen zu erinnern, von denen

Untergang keines war. Und gleichzeitig vorausschauend Sonnencreme

einzupacken, weil es gar nicht anders sein kann, als dass irgendwo in den

Fluten eine rettende Insel wartet.

15


Stubenhocker

Im Wohnzimmer sitzt ein Engel. Er sagt, er sei ein Stubenhocker.

Ohne schlechtes Gewissen. Kein Pilateskurs, kein Theater-Abo, der

Lesezirkel fällt aus, ebenso der Esperanto-Kurs für Fortgeschrittene.

Er werde, sagt er, jetzt einfach hier sitzen und vielleicht etwas lesen.

Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werde er auch nur schauen.

Draußen sei vor zwanzig Minuten eine Meise gelandet und habe

geprüft, ob der Zweig trägt. Eine Wolke habe sich in ein Schaf

verwandelt. Das Gras sei gewachsen, aber, wendet er ein, da müsse

man schon sehr genau hinschauen. Er sieht mich erst mitleidig,

dann aufmunternd an. Man kann das üben, fügt er hinzu und

fragt, ob ich mich zu ihm setzen wolle.

Warum nicht, denke ich.

Von einem Engel kann man bestimmt was lernen.


Tagwerk

Ich habe sieben Erbsen eingepflanzt

einen Käfer aus misslicher Lage befreit

dem Regen gesagt, wie gern ich ihn rieche

Ich habe eine frühe Erdbeere probiert

an einen Freund und zwei Freundinnen gedacht

und Gott gefragt, was er eigentlich

von all dem hier hält

die Antwort steht noch aus

Während ich warte

wachsen die Erbsen

45


Aufgabe

Bei Überreiztheit,

Langeweile

oder Kurzsichtigkeit.

Jeden Tag

dieselbe Runde

gehen

und jeden Tag

etwas entdecken.


Was mich berührt

Buchfinken, die beim Trinken mit den Schwänzen

wackeln. Spieluhrenmelodien. Der Tag, als Diana starb

(warum bloß?). Der Geruch eines Schaffells. Und

von Marmorkuchen. Wimpern. Symmetrische Datumsanzeigen.

Räume, die eben noch belebt waren. Rote Kissen.

Seidenpapier. Bekocht zu werden (selbst, wenn es nur

ein Spiegelei ist). Die Feierlichkeit vertrauter Worte

(Es begab sich aber zu der Zeit …). Gräser an nackten

Beinen. Kleine, handgeschriebene Botschaften.

Dinosaurierspuren.

53


Kann das weg?

Bitte fortsetzen.

Wintermantel. Misstrauen. Freundschaftsanfragen verwitweter Millionäre auf Facebook.

Persönliche Bereicherung auf Kosten des Allgemeinwohls. Angst vor Gender-Sternchen.

Stoffmasken (kariert, paillettenbesetzt, regenbogenfarben). Platzhirsche (d/m/w).

Idealmaße. Blaue Flüssigkeit als Menstruationsblut-Ersatz. Wollmäuse (wieso vermehren

die sich so schnell?). Neid. Bioprodukte in Dreifach-Verpackungen. Disketten in der

Könnte-man-noch-brauchen-Kiste. Sündenböcke (einfach freilassen).

58


Kleine Übung zum Durchhalten

an mittelguten Tagen

1 Zehn Sachen aufschreiben, die dich nerven.

Wirklich nerven.

2 Wähle die Sache aus, die am schlimmsten ist.

3 Stell dir vor, jemand schreibt dir einen Brief

und erklärt, warum gerade diese Sache

eigentlich als großartig zu preisen ist, ein

Geschenk, das dein Leben bereichern wird.

4 Sei dieser Jemand und schreib diesen Brief.

5 Sei dabei maßlos, übertrieben und verrückt.

6 Den Brief an den Küchenschrank hängen

und weitermachen.


Dein

Wille

Dein Wille geschehe, habe ich tausend Mal gemurmelt

Zusammen mit anderen im Chor von Ewigkeit zu Ewigkeit

Und es klingt meistens eine Spur zu resignativ

Einwilligend in das Unabänderliche

Zu vorauseilend, finde ich

Denn was ist dein Wille

Doch nicht das Unglück

Doch nicht das Leid

Vielleicht wartest du auf unseren Schrei

Der eintritt für deinen Willen,

dass die Welt ein freundlicher Ort sei

dass kein Schmerz

gottgegeben ist

dass Leben ein Freiheitsfall für alle sei

Ich und Du nur einen Atemzug getrennt

Wie im Himmel so auf Erden

79


und


für die Worte, die fehlen

115


IMPRESSUM

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 by edition chrismon in der Evangelischen Verlagsanstalt GmbH •

Leipzig und Deutsche Bibelgesellschaft • Stuttgart

Printed in EU

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes

ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt

insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen

und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.

Gestaltung: Anja Haß, Leipzig

Bildredaktion: Lena Uphoff, Frankfurt und Anja Haß, Leipzig

Druckerei: Czech News Center a. s. Czech Republic

Bildnachweis

Umschlag: Miss X/photocase.de, Seite 13:

Susanne Niemeyer, Seite 16: Helena

Sushitskaya/pixabay.com,Seite 20: Clker-

Free-Vector-Images/pixabay.com, Seite 25:

Susanne Niemeyer, Seite 26: Tatyana

Aksenova/photocase.de, Seite 31:

Pezibear/pixabay.com, Seite 34: Saimen./

photocase.de, Seite 38: pretzscheline/

photocase.de, Seite 44: Trudy Obscure/

photocase.de, Seite 52: Simon/unsplash.

com, Seite 56: Joshua Coleman/unsplash.

com, Seite 58: Susanne Niemeyer, Seite

66: ad Rian/photocase.de, Seite 69 + 73:

Susanne Niemeyer, Seite 75: Corina

Rainer/unsplash.com, Seite 78: Kleeblatt/

photocase.de, Seite 82: montecarlo/photocase.de,

Seite 87: Susanne Niemeyer,

Seite 89: Drew Farwell/unsplash.com,

Seite 93: BE2k13/photocase.de, Seite 96:

Yohann Lc/unsplash.com, Seite 98:

EdnaM/iStockphoto.com, Seite 103:

Gordon Johnson/pixabay.com, Seite 107:

JB Photografie/photocase.de, Seite 111:

style-photography/iStockphoto.com,

Seite 112: time./photocase.de

ISBN 978-3-96038-299-7 ISBN 978-3-438-06300-7

www.eva-leipzig.de

www.die-bibel.de

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!