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Dorothea Wendebourg (Hrsg.): Jahrbuch für Schlesische Kirchengeschichte, 101/102 (2022/2023) (Leseprobe)

Der Schwerpunkt des Jahrbuches liegt auf den Themen Reformation in Schlesien und der Herrnhuter Brüdergemeine in Schlesien. Dazu gibt es zum einen Beiträge zu »Der junge Johannes Hess und seine Bedeutung für die Breslauer Reformation« (Thomas Kaufmann), »Der Oderraum als Kernregion der Reformation?« (Andreas Stegmann) und »Innerprotestantische Auseinandersetzungen in Schlesien« (Gabriele Wąs), zum anderen zu »Die Brüdergemeine als Sammelbecken des schlesischen Pietismus und ihre Widersacher«  (Dietrich Meyer), »Die Familie Schleiermacher und die Brüdergemeine in Schlesien« (Simon Gerber), »Die schlesische Brüdergemeine als Wirtschaftsfaktor in der Weltwirtschaftskrise« (Susanne Kokel) und »Diakonissen der schlesischen Brüdergemeine in Jerusalem« (Angela Koppehl).

Der Schwerpunkt des Jahrbuches liegt auf den Themen Reformation in Schlesien und der Herrnhuter Brüdergemeine in Schlesien. Dazu gibt es zum einen Beiträge zu »Der junge Johannes Hess und seine Bedeutung für die Breslauer Reformation« (Thomas Kaufmann), »Der Oderraum als Kernregion der Reformation?« (Andreas Stegmann) und »Innerprotestantische Auseinandersetzungen in Schlesien« (Gabriele Wąs), zum anderen zu »Die Brüdergemeine als Sammelbecken des schlesischen Pietismus und ihre Widersacher«  (Dietrich Meyer), »Die Familie Schleiermacher und die Brüdergemeine in Schlesien« (Simon Gerber), »Die schlesische Brüdergemeine als Wirtschaftsfaktor in der Weltwirtschaftskrise« (Susanne Kokel) und »Diakonissen der schlesischen Brüdergemeine in Jerusalem« (Angela Koppehl).

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J A H R B U C H<br />

<strong>für</strong> <strong>Schlesische</strong><br />

<strong>Kirchengeschichte</strong><br />

<strong>101</strong>/<strong>102</strong> • <strong>2022</strong>/<strong>2023</strong>


Inhaltsverzeichnis<br />

AUFSÄTZE<br />

Andreas Stegmann<br />

Der Oderraum als Kernregion der Reformation? ................................................... 7<br />

Thomas Kaufmann<br />

Johannes Hess’ frühe theologische Entwicklung und ihre<br />

Bedeutung <strong>für</strong> die Breslauer Reformation ............................................................. 27<br />

Gabriela Wąs<br />

Innerprotestantische Auseinandersetzungen in Schlesien:<br />

Zwischen Religionsgespräch, Polemik und Verhör............................................. 111<br />

Dietrich Meyer<br />

Die Herrnhuter Brüdergemeine als Sammelbecken des schlesischen<br />

Pietismus und ihre Widersacher ........................................................................... 143<br />

Simon Gerber<br />

„Er bracht mich zur Gemein, um sicher da zu sein vor allem Übel<br />

dieser Welt bei dem Volk, das zu ihm sich hält.“ Familie Schleiermacher<br />

und die Brüdergemeine .......................................................................................... 173<br />

Susanne Kokel<br />

„Zwischen kirchlichen Lebensnotwendigkeiten und geldlichen<br />

Verantwortlichkeiten“ – die Brüdergemeine in Neusalz (Oder)<br />

in der Weltwirtschaftskrise .................................................................................... 203<br />

Angela Koppehl<br />

Von Schlesien nach Jerusalem<br />

Vergessene Schwestern des Diakonissenwerks<br />

der Brüdergemeine Emmaus in Niesky ................................................................ 219


4 INHALTSVERZEICHNIS<br />

KLEINER BEITRAG<br />

Josef B. Souček<br />

In Memoriam Prof. Dr. Werner Schmauch. Gedenkrede .................................. 269<br />

BUCHBESPRECHUNGEN<br />

Dietmar Neß: Gottesdienst-Räume. Dokumentation zum<br />

evangelischen Kirchenbau des 19. und 20. Jahrhunderts in Schlesien.<br />

Hg. v. Verein <strong>für</strong> <strong>Schlesische</strong> <strong>Kirchengeschichte</strong>.<br />

Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2021 (Heinrich Löber).......................... 289<br />

Ilse Meseberg-Haubold – Dietgard Meyer:<br />

Katharina Staritz. 1903–1953. Dokumentation Band 2: 1942–1953.<br />

Unter Mitarbeit von Hannelore Erhart †<br />

Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht <strong>2023</strong>, 629 S. (Dietrich Meyer) ....... 294<br />

NACHRUF<br />

Hans-Ulrich Minke ................................................................................................. 298<br />

MITTEILUNGEN<br />

Verein <strong>für</strong> <strong>Schlesische</strong> <strong>Kirchengeschichte</strong> <strong>2022</strong> und <strong>2023</strong> ................................ 300<br />

Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e.V. <strong>2022</strong> und <strong>2023</strong> ... 302<br />

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren ........................................................... 314<br />

REGISTER<br />

Ortsregister ............................................................................................................... 315<br />

Personenregister ....................................................................................................... 316


Vorwort<br />

Im vorliegenden Band werden vor allem – <strong>für</strong> den Druck erweiterte – Vorträge<br />

der beiden Jahrestagungen wiedergegeben, die der Verein in den Jahren <strong>2022</strong><br />

und <strong>2023</strong> abgehalten hat. Die erste Tagung, die vom 6. bis 9. September in<br />

Breslau stattfand, galt der 500 Jahre zurückliegenden Reformation in Schlesien.<br />

Von ihr stammen die Beiträge von Thomas Kaufmann, Andreas Stegmann und<br />

Gabriela Wąs. Die zweite Tagung, abgehalten vom 5. bis 8. September <strong>2023</strong> in<br />

Herrnhut, beschäftigte sich mit der Geschichte der Brüdergemeine in Schlesien.<br />

Ihr sind die Beiträge von Dietrich Meyer, Simon Gerber, Susanne Kokel und<br />

Angela Koppehl zu verdanken. Hinzu kommt ein beachtliches zeitgeschichtliches<br />

Dokument, die Gedenkrede, die der Prager Theologe Josef Bohumil<br />

Souček 1965 an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald <strong>für</strong> Werner<br />

Schmauch gehalten hat. Den Aufsätzen sind wie üblich Zusammenfassungen in<br />

polnischer Sprache beigegeben. Der Dank gilt wieder Frau Anna Zinserling.<br />

Berlin, im Oktober <strong>2023</strong> ....................................................<strong>Dorothea</strong> <strong>Wendebourg</strong>


Der Oderraum als Kernregion der Reformation?<br />

von Andreas Stegmann<br />

Der Titel dieses Beitrags scheint drei Irrtümer zu enthalten. Erstens verkennt<br />

die Rede vom ‚Oderraum‘, dass die Oder „[v]on ihren natürlichen Gegebenheiten<br />

her […] keinen kohärenten Raum [bildet]“ und „keine staatsbildende oder<br />

kulturraumbildende Achse gewesen oder geworden [ist]“. 1 Das bedeutet zweitens,<br />

dass die Reformation in den unterschiedlichen Territorien und Städten entlang<br />

des etwa 1.200 km messenden frühneuzeitlichen Flusslaufs kein zusammenhängendes<br />

Phänomen ist. Und diese vielerlei Reformationen entlang der<br />

Oder von Mähren über Schlesien, die Lausitzen und Brandenburg bis nach Pommern<br />

sind drittens ausweislich der reformationsgeschichtlichen Großerzählungen<br />

von Ranke bis Kaufmann keiner größeren Beachtung Wert. 2 Wohl nicht<br />

ohne Grund finden sich hier kaum European Cities of the Reformation 3 , gibt es<br />

hier<strong>für</strong> in der Reihe Orte der Reformation der Evangelischen Verlagsanstalt keine<br />

Hefte 4 und findet man hierzu vergleichsweise wenig wissenschaftliche Forschung.<br />

5 Das Fragezeichen im Titel scheint darum allzu berechtigt zu sein.<br />

1<br />

KARL SCHLÖGEL, Die Oder – Überlegungen zur Kulturgeschichte eines europäischen<br />

Stromes (in: Oder – Odra. Blicke auf einen europäischen Strom, hg. v. dems. u. Beata<br />

Halicka, Frankfurt a.M. 2007, 21–45), 42.<br />

2<br />

Eine Durchsicht der Darstellungen der Geschichte der Reformation in Deutschland von<br />

Leopold von Rankes Deutscher Geschichte im Zeitalter der Reformation (sechs Bände, Berlin<br />

1839–1847) bis Thomas Kaufmanns Geschichte der Reformation in Deutschland (Berlin<br />

2016) zeigt, dass einzelne reformationsgeschichtlich besonders wichtige Regionen Deutschlands<br />

in den Mittelpunkt gerückt werden, während andere, scheinbar weniger wichtige an<br />

den Rand gedrängt sind oder sogar aus dem Blick geraten.<br />

3<br />

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa verleiht im Zusammenhang des Reformationsjubiläums<br />

2017 den Titel einer ‚Reformationsstadt Europas‘ (vgl. die Internetseite<br />

www.reformation-cities.eu). Ein Sammelband stellt die wichtigsten dieser Städte vor:<br />

Europa reformata. Reformationsstädte Europas und ihre Reformatoren, hg. v. Michael Welker,<br />

Michael Beintker u. Albert de Lange, Leipzig 2016.<br />

4<br />

Die Reihe erschien in den Jahren 2011 bis 2017 und umfasst 35 Hefte. Das Heft über<br />

Zürich ist 2016 außerhalb der Reihe im Theologischen Verlag Zürich erschienen.<br />

5<br />

Auf Forschungsliteratur zur schlesischen und brandenburgischen Reformationsgeschichte<br />

wird in Anm. 16 und Anm. 20 verwiesen. Vergleicht man den Forschungsstand zur sächsischen,<br />

nürnbergischen oder württembergischen Reformationsgeschichte, so ist zu konstatieren,<br />

dass mit Blick auf die Mark Brandenburg und das Herzogtum Schlesien noch viel<br />

Forschungsbedarf besteht.


8 ANDREAS STEGMANN<br />

Abb. 1<br />

Lohnt es sich, über den Oderraum als Kernregion der Reformation nachzudenken?<br />

Zumindest über den südöstlichen Teil dieses Raums hat der Verf. dieses<br />

Beitrags geurteilt, „dass Schlesien zu den frühen und auf Dauer wichtigen<br />

Zentralregionen der Reformation gehört.“ 6 In diesem Urteil spiegelt sich die Begeisterung<br />

beim Entdecken einer weithin vergessenen Geschichte: In Schlesien<br />

begann die Reformation früh, sie hatte eindrucksvolle Wortführer und sie prägte<br />

Land und Leute. Und was die Schlesien benachbarte Mark Brandenburg angeht,<br />

so ist die kirchliche Erneuerung auch in dieser Region nach Meinung des Verf.<br />

dieses Beitrags bedeutsamer sowohl <strong>für</strong> die Region selbst als auch <strong>für</strong> die Reformation<br />

im Ganzen, als man üblicherweise zugesteht.<br />

Der folgende Beitrag hat die Aufgabe, die im Titel genannte Frage in einem<br />

ersten Anlauf zu erörtern und zugleich eine Einführung in die Geschichte der<br />

Reformation der beiden Hauptanrainer der Oder zu geben. Was im Folgenden<br />

nicht versucht wird, ist, die Geschichte der Reformation im Herzogtum Schlesien<br />

und in der Mark Brandenburg auf Querverbindungen, Beeinflussungen und<br />

Verflechtungen hin zu betrachten. Hinweise darauf gibt es genug 7 und es wäre<br />

6<br />

ANDREAS STEGMANN, Die Reformation in Schlesien (Archiv <strong>für</strong> <strong>Schlesische</strong><br />

<strong>Kirchengeschichte</strong> 75, 2017, 133–167), 155.<br />

7<br />

Zwei Indizien seien beispielhaft genannt: Die Hohenzollern und die schlesischen Piasten<br />

pflegten gute Beziehungen und versuchten im 16. Jahrhundert, durch eine Erbverbrüderung<br />

ihre Herrschaftsbereiche enger zu verbinden (COLMAR GRÜNHAGEN, Die Erbverbrüderung<br />

zwischen Hohenzollern und Piasten vom Jahre 1537, in: Zeitschrift <strong>für</strong>


DER ODERRAUM ALS KERNREGION DER REFORMATION? 9<br />

Zeit, dass die reformationsgeschichtliche Forschung den <strong>für</strong> die Geschichtswissenschaft<br />

selbstverständlich gewordenen ‚spatial turn‘ nachvollzieht und die<br />

raum- und geschichtswissenschaftliche Diskussion zu den Konzepten ‚Raum‘<br />

und ‚Region‘ <strong>für</strong> die Beschäftigung mit der <strong>Kirchengeschichte</strong> des 16. Jahrhunderts<br />

nutzbar macht. 8 Nach wie vor gilt, dass „die deutsche Landesgeschichte<br />

<strong>für</strong> die Epoche der Reformationszeit nicht, wie vielleicht <strong>für</strong> andere Zeiten, eine<br />

Zugabe [ist], die die allgemeine Reichsgeschichte illustrieren und konkretisieren<br />

kann“, sondern „vielmehr das entscheidende Feld der deutschen Reformationsgeschichte<br />

überhaupt“ ist. 9 Dass die reichsunmittelbaren Territorien und Städte<br />

aber nicht nur Teil des Reichs waren, sondern auch in regionale Zusammenhänge<br />

gehörten und dass die Reformation von diesen Zusammenhängen mitbestimmt<br />

war, da<strong>für</strong> muss das Bewusstsein geschärft werden. 10 Für die Mark Brandenburg<br />

preußische Geschichte und Landeskunde 5, 1868, 337–366; WERNER BEIN, Schlesien in<br />

der habsburgischen Politik. Ein Beitrag zur Entstehung des Dualismus im Alten Reich,<br />

Sigmaringen 1994, 59–84) und die Universität in Frankfurt (Oder) war ein wichtiger Studienort<br />

<strong>für</strong> Schlesier und die hier ansässigen Druckereien produzierten in erheblichem Umfang<br />

<strong>für</strong> den schlesischen Markt (GOTTFRIED KLIESCH, Der Einfluß der Universität Frankfurt<br />

(Oder) auf die schlesische Bildungsgeschichte, dargestellt an den Breslauer<br />

Immatrikulierten von 1506–1648, Würzburg 1961; CHRISTOF RÖMER, Herkunft der Studenten<br />

der Universität Frankfurt/O. 1506–1810, Karte mit Textbeilage, Nachtrag zum Historischen<br />

Handatlas von Brandenburg und Berlin, Berlin 1978; HANS-ERICH TEITGE, Der Buchdruck<br />

des 16. Jahrhunderts in Frankfurt an der Oder. Verzeichnis der Drucke, Berlin 2000).<br />

8<br />

Hilfreich <strong>für</strong> die Weitung des Blicks des Verf. waren die im Folgenden genannten Beiträge<br />

zum Themenfeld Raum/Region: BERND SCHÖNEMANN, Die Region als Konstrukt.<br />

Historiographiegeschichtliche Befunde und geschichtsdidaktische Reflexionen (Blätter <strong>für</strong><br />

deutsche Landesgeschichte 135, 1999, 153–187); AXEL GOTTHARD, Wohin führt uns der<br />

„Spatial turn“? Über mögliche Gründe, Chancen und Grenzen einer neuerdings diskutierten<br />

historiographischen Wende (in: Mikro, Meso, Makro. Regionenforschung im Aufbruch,<br />

hg. v. Wolfgang Wüst u. Werner K. Blessing, Erlangen 2005, 15–49); RICCARDO BAVA J,<br />

Was bring t der „spatial turn“ der Reg ionalg eschichte ? Ein Beitrag zur Methodendiskussion<br />

(Westfälische Forschungen 56, 2006, 457–484); GERD SCHWERHOFF, Historische<br />

Raumpflege. Der „spatial turn“ und die Praxis der Geschichtswissenschaften (in: Räume–<br />

Grenzen–Identitäten. Westfalen als Gegenstand landes- und regionalgeschichtlicher<br />

Forschung, hg. v. Wilfried Reininghaus u. Bernd Walter, Paderborn u.a. 2013, 11–27); AN-<br />

DREAS RUTZ, Doing territory. Politische Räume als Herausforderung <strong>für</strong> die Landesgeschichte<br />

nach dem ‚spatial turn‘ (in: Methoden und Wege der Landesgeschichte, hg. v.<br />

Sigrid Hirbodian, Christian Jörg u. Sabine Klapp, Ostfildern 2015, 95–110).<br />

9<br />

WALTER ZIEGLER, Territorium und Reformation. Überlegungen und Fragen (in: DERS.,<br />

Die Entscheidung deutscher Länder <strong>für</strong> oder gegen Luther. Studien zur Reformation und<br />

Konfessionalisierung im 16. und 17. Jahrhundert, Münster 2008, 33–59), 34.<br />

10<br />

Ein Beispiel <strong>für</strong> die Thematisierung der regionalen Dimension der Reformation ist das


10 ANDREAS STEGMANN<br />

und Schlesien ist etwa neben der naturräumlichen Verbindungsachse der Oder<br />

wichtig, dass beide Territorien mit dem im 15. und 16. Jahrhundert entstehenden<br />

Herrschaftsnetzwerk der Hohenzollern verbunden sind: Die brandenburgischen<br />

Hohenzollern begannen mit dem Aufbau einer regionalen Vormachtposition,<br />

indem sie weite Teile des Elbe-Oder-Raums unter ihre direkte und<br />

indirekte Kontrolle brachten und Ansprüche auf weitere Gebiete wie Pommern<br />

erhoben; die fränkischen Hohenzollern fügten ihrem ursprünglichen Herrschaftsbereich<br />

Gebiete in Oberschlesien und das Herzogtum Preußen hinzu.<br />

Der weite Raum zwischen Berlin, Nürnberg, Breslau und Königsberg wurde auf<br />

neue Weise strukturiert und die vorhandenen älteren Raumstrukturen wurden<br />

überlagert und verändert. Kirchengeschichtlich ist es interessant, dass es innerhalb<br />

dieses sich bildenden Raums zahlreiche Austauschprozesse gab und das Kirchenwesen<br />

sich ähnlich entwickelte. Von Franken über Schlesien und Brandenburg<br />

bis nach Preußen etablierte sich ein Luthertum, das hinsichtlich<br />

Bekenntnis, Kirchenorganisation und Frömmigkeitspraxis grundlegende Gemeinsamkeiten<br />

aufwies und kurz als konservativ charakterisiert werden kann. 11<br />

von Helga Schnabel-Schüle herausgegebene Historisch-kulturwissenschaftliche[] Handbuch<br />

zur Reformation (Stuttgart 2017), in dem die Herausgeberin das Deutsche Reich und Stephan<br />

Laux „Reformatorische Räume“ im Reich vorstellen (Kap. IV.A: 132–210), wobei allerdings<br />

die „[r]äumliche[n] Zuordnungen […] nach pragmatischen Erwägungen“ erfolgen<br />

und „in erster Linie geographische Nahverhältnisse den Ausschlag geben“ (153). Damit<br />

wird die Raumdimension von Reformationsgeschichte nicht angemessen gewürdigt und<br />

die gleichermaßen durch naturräumliche Gegebenheiten und historische Entwicklungen<br />

konstituierte Eigenart von Räumen unzureichend erfasst. Reformationsgeschichtliche Darstellungen<br />

<strong>für</strong> einzelne Regionen wurden rund um das Jubiläumsjahr 2017 mehrere vorgelegt,<br />

z.B. zu Westfalen (verfasst von WERNER FREITAG, Münster 2016) oder Norddeutschland<br />

(verfasst von ARND REITEMEIER, Göttingen 2017). Dass es nicht der Anregung durch<br />

den ‚spatial turn‘ bedarf, um Reformation als regionales Phänomen zu begreifen, zeigt die<br />

von MARTIN BRECHT und HERMANN EHMER verfasste Südwestdeutsche Reformationsgeschichte<br />

(Stuttgart 1984), die zwar – wie der Untertitel des Buchs zeigt – vor allem das Herzogtum<br />

Württemberg behandelt, aber wegen des anderen Zuschnitts der heutigen Evangelischen<br />

Landeskirche in Württemberg und wegen der Verflechtung der Entwicklung in den Territorien,<br />

Städten und Herrschaften des Südwestens nicht auf Württemberg enggeführt wird.<br />

11<br />

Gemeint ist damit eine Gestalt des Luthertums jenseits des Gegenübers von Gnesioluthertum<br />

und Philippismus (vgl. den Hinweis auf das „Luthertum anderer Art“ bei FRIEDRICH<br />

LOOFS, Leitfaden zum Studium der Dogmengeschichte, Halle 4 1906, 911), in der sich der „<strong>für</strong><br />

das Luthertum im Rahmen autogener Reformationsprozesse charakteristischen Konservatismus<br />

im Umgang mit liturgischen Traditionen und religiösem Brauchtum“ (THOMAS KAUF-<br />

MANN, Die Gutachtertätigkeit der Theologischen Fakultät Rostock nach der Reformation, in:<br />

DERS., Konfession und Kultur. Lutherischer Protestantismus in der zweiten Hälfte des Reformationsjahrhunderts,<br />

Tübingen 2006, 323–363, hier: 343) in besonderer Weise ausprägt. Was


DER ODERRAUM ALS KERNREGION DER REFORMATION? 11<br />

1. Der ,Oderraum‘<br />

Der Oderraum, das sind vor allem das Herzogtum Schlesien und die Mark Brandenburg.<br />

Beide frühneuzeitlichen Territorien sind benachbart und durch die<br />

Oder miteinander verbunden. Die Oder entspringt im nordmährischen Bergland,<br />

durchquert von Südosten nach Nordwesten Schlesien, wendet sich auf Höhe der<br />

Neißemündung nach Norden, durchfließt die östliche Mark Brandenburg, verläuft<br />

ein kurzes Stück durch Pommern und mündet im Stettiner Haff in die Ostsee.<br />

12 Heute misst sie 866 km, wovon etwa zwei Drittel auf die polnischen Woiwodschaften<br />

Ober- und Niederschlesiens (województwo śląskie, województwo<br />

opolskie, województwo dolnośląskie) und ein Drittel auf das deutsche Bundesland<br />

Brandenburg entfallen. An ihr und ihren größeren Nebenflüssen, etwa der<br />

Warthe, liegen zahlreiche Städte: Ostrau, Oppeln, Breslau, Liegnitz, Grünberg,<br />

Görlitz, Frankfurt oder Stettin. Die Städte bilden die Knotenpunkte eines eng<br />

gewebten Netzes, dessen Fäden die Straßen und vor allem die Flüsse sind.<br />

Die Oder ist eine naturräumliche Gegebenheit, die zugleich auch einen Sozialraum<br />

konstituiert. Oder um es vorsichtiger zu formulieren: Im Mittelalter<br />

und der Frühen Neuzeit waren die naturräumlichen Gegebenheiten ein wichtiger<br />

Faktor der Entwicklung des Herzogtums Schlesien und der Mark Brandenburg.<br />

Die Oder konstituiert den zusammenhängenden ‚Oderraum‘, in dem sich<br />

die beiden wichtigsten Anrainer miteinander vorfanden. Den naturräumlichen<br />

Gegebenheiten wohnt dabei kein Automatismus inne. Die immer engere Verbindung<br />

von Schlesien und Brandenburg, die schließlich im Königreich Preußen<br />

ihre staatliche Form fand, war nicht der einzige mögliche Entwicklungspfad.<br />

Schließlich war Schlesien lange Zeit eher nach Osten und Süden orientiert, nach<br />

Polen und Böhmen. Die Sudeten, die das Odertal zum böhmischen Becken hin<br />

abgrenzen und heute wie eine Scheidewand erscheinen, waren im späten Mittelalter<br />

und der frühen Neuzeit ein Verbindungsglied zwischen Böhmen und<br />

Schlesien; und der weite Einzugsbereich der Oder nach Nordosten hin ließ<br />

Schlesien auf Dauer mit Polen verbunden sein. Es ist kein Zufall, dass die in<br />

Schlesien einflussreiche Adelsfamilie der Piasten polnischen Ursprungs ist; genauso<br />

wenig zufällig ist aber auch, dass sich ihr schlesischer Zweig immer stärker<br />

deutsch geprägt war und schließlich von den Hohenzollern abgelöst wurde. 13<br />

das meint, ist am Beispiel Brandenburg zusammengefasst in ANDREAS STEGMANN, Charakteristika<br />

der Reformation in der Mark Brandenburg (Luther 91, 2020, 100–115, hier: 107f.).<br />

12<br />

Einen lesenswerten journalistischen Bericht über die heutige Oder bietet UWE RADA,<br />

Die Oder. Lebenslauf eines Flusses, Berlin 2005.<br />

13<br />

Die Bedeutung der frühneuzeitlichen schlesischen Piasten wird eindrücklich vor Augen


12 ANDREAS STEGMANN<br />

Das Auftreten der Hohenzollern und die Umorientierung Schlesiens in Richtung<br />

Nordwesten war eine späte, aber keine zufällige Entwicklung. Bildete die<br />

Oder seit jeher eine räumliche Verbindung zur norddeutschen Tiefebene, so gewann<br />

diese Verbindung dank des Aufstiegs Brandenburg-Preußens eine neue<br />

Qualität. Nachdem die Hohenzollern im 15. Jahrhundert Markgrafen von Brandenburg<br />

und Kur<strong>für</strong>sten geworden waren, bauten sie ihre Herrschaft in der Folgezeit<br />

zielstrebig aus. Ihr zwischen Elbe und Oder gelegenes Territorium wurde<br />

zur neuen Vormacht im Nordosten des Deutschen Reichs und vereinnahmte bis<br />

zur Mitte des 18. Jahrhunderts benachbarte Gebiete – Teile der Niederlausitz,<br />

das Erzstift Magdeburg, Vorpommern und Schlesien – und integrierte den brandenburgisch-preußisch<br />

dominierten Elbe-Oder-Raum in einen vom Niederrhein<br />

bis ins Baltikum reichenden Territorialverbund. Dieser Raum entstand zwar<br />

nicht aus den naturräumlichen Gegebenheiten; aber mit der brandenburgischpreußischen<br />

Neudefinition des Elbe-Oder-Raums wurde die Oder zur selbstverständlichen<br />

Achse, jedenfalls von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.<br />

2. ,Kernregion der Reformation‘<br />

Dieser Oderraum, also Schlesien und Brandenburg, wurde seit den 1520er Jahren<br />

von der Reformation erfasst. Im selben Jahr 1522 verbreiteten in der unter<br />

brandenburgischer Hoheit stehenden niederlausitzischen Metropole Cottbus<br />

der Wittenberger Franziskaner Johannes Briesmann die Ideen Luthers 14 und in<br />

Breslau predigte möglicherweise ein anderer Wittenberger Franziskaner, vielleicht<br />

Peter Zedlitz (gen. Fontinus/Nadus), im Sinne der Reformation 15 . Wie<br />

wichtig war der Oderraum <strong>für</strong> die Reformation? Wie wichtig war die Reformation<br />

<strong>für</strong> den Oderraum?<br />

Der Titel des Beitrags formuliert eine These: Der Oderraum sei eine ,Kernregion<br />

der Reformation‘ gewesen. Was ist damit gemeint? Wir sprechen oftmals<br />

geführt von KLAUS GARBER, Das alte Liegnitz und Brieg. Humanistisches Leben im Umkreis<br />

zweier schlesischer Piastenhöfe, Wien u.a. 2021.<br />

14<br />

Quellen zur brandenburgischen Reformationsgeschichte, bearb. v. Andreas Stegmann,<br />

Tübingen 2020, Nr. 7.<br />

15<br />

GEORG HOFFMANN, Petrus Zedlitz Fontinus, der erste evangelische Prediger an der<br />

ehemaligen Kirche zum Heiligen Geist in Breslau (Correspondenzblatt des Vereins <strong>für</strong><br />

Geschichte der evangelischen Kirche Schlesiens 19/2, 1928, 43–97).


Johannes Hess’ frühe theologische Entwicklung<br />

und ihre Bedeutung <strong>für</strong> die Breslauer Reformation*<br />

von Thomas Kaufmann<br />

Anders als bisher weithin üblich 1 soll es in diesem Beitrag darum gehen, in<br />

* Abkürzungen folgen dem Abkürzungsverzeichnis der Theologischen Realenzyklopädie<br />

(TRE), zusammengestellt von Siegfried Schwertner, Berlin, New York 3 2014. Ansonsten bedeuten:<br />

CS = Corpus Schwenckfeldianorum; DBETh= Deutsche Biographische Enzyklopädie<br />

der Theologie und der Kirchen, hg. von Bernd Moeller mit Bruno Jahn, 2 Bde., München<br />

2005; {digit.} = im Internet verfügbare digitale Ressource; KGK = Thomas Kaufmann<br />

(Hg.), Andreas Bodenstein von Karlstadt, Kritische Gesamtausgabe, Bd. Iff. [QFRG], Gütersloh<br />

2017ff., digitale Version: diglib.hab.de/edoc/ed000216/start.htm; Bd. Iff.; DH 38 =<br />

Heinrich Denzinger, Enchiridion symbolorum definitionum et declarationum de rebus fidei<br />

et morum, verb., erw. und ins Deutsche übertragen von Peter Hünermann, Freiburg/B. u.a.<br />

38<br />

1999; MBW = Melanchthons Briefwechsel. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe.<br />

Im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften hg. von HEINZ SCHEIBLE, Abt.<br />

Regesten, bearb. von Heinz Scheible und Walter Thüringer, Stuttgart – Bad Cannstatt 1977<br />

ff.; MBW.T = Melanchthon Briefwechsel, Abt. Texte, Bd. 1ff., Stuttgart – Bad Cannstatt<br />

1991ff.; MF Bibl. Pal. = Microficheserie Bibliotheca Palatina, hg. von Elmar Mittler, Katalog<br />

München 1999; MSA = Robert Stupperich (Hg.), Melanchthons Werke in Auswahl, 7 Bde.,<br />

Gütersloh 1951–1975, zum Teil in 2. Aufl. 1978–1983; Ms.HH s. Auflösung Anm. 206; VD<br />

16 = Bayerische Staatsbibliothek [München] – Herzog August Bibliothek [Wolfenbüttel]<br />

(Hg.), Verzeichnis der im deutschen Sprachgebiet erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts,<br />

Bd. 1–25, Stuttgart 1983–2000 (http://www.vd16.de).<br />

1<br />

Vgl. nur: Martin Seils, Art. Heß, Johannes, in: TRE 15, 1986, S. 260–263; Gustav Bauch,<br />

Beiträge zur Litteraturgeschichte des schlesischen Humanismus I,1: Johannes Hess, in: Zeitschrift<br />

des Vereins <strong>für</strong> Geschichte und Alterthum Schlesiens 26, 1892, S. 213–225; ders.,<br />

Analekten zur Biographie des Johannes Heß I/II, in: Correspondenzplatz des Vereins <strong>für</strong> Geschichte<br />

der evangelischen Kirche Schlesiens 8, 1902/3, S. 161–185; 9, 1904/5, S. 34–64<br />

(Edition von Briefen von und an Heß); Werner Bellardi, Johann Heß, in: <strong>Schlesische</strong> Lebensbilder<br />

Bd. 4, 1931, ( 2 1985) S. 29–39; Julius Köstlin, Johannes Heß, der Breslauer Reformator,<br />

in: Zeitschrift des Vereins <strong>für</strong> Geschichte und Alterthum Schlesiens 6, 1864/5, S.<br />

97–131; 181–265; 12, 1874/5, S. 410–421; ders., Art. Heß, Johannes, in: RE 3 , Bd. 7, 1899,<br />

S. 787–793; Carl Adolph Julius Kolde, Dr. Johann Heß, der schlesische Reformator, Breslau<br />

1846; Paul Konrad, Die Einführung der Reformation in Breslau und Schlesien [Darstellungen<br />

und Quellen zur schlesischen Geschichte 24], Breslau 1917; Felix Küntzel, Dr. Johannes<br />

Heß, der Reformator Breslaus, Breslau o.J. [1890]; ders., Beiträge zur Heßbiographie, in: Correspondenzplatz<br />

des Vereins <strong>für</strong> Geschichte der evangelischen Kirche Schlesiens 5, 1896/7,<br />

S.1–7; 123–131; 6, 1898/9, S. 213–228; mit starker antiprotestantischer Wertungstendenz:<br />

Kurt Engelbert, Die Anfänge der lutherischen Bewegung in Breslau und Schlesien, in: Jahr-


28 THOMAS KAUFMANN<br />

komparatistischen Bezügen Besonderheiten der Breslauer Reformation und<br />

ihres führenden Repräsentanten Johannes Hess in vergleichender Perspektive<br />

zu anderen städtischen Reformationsprozessen und ihrem geistlichen Führungspersonal<br />

herauszuarbeiten. Dabei wird folgende Doppelthese leitend sein:<br />

1. Der Breslauer Rat agierte im Rahmen der politischen Konstellationen, in<br />

denen er stand, konsequent zugunsten einer reformatorischen Neuordnung,<br />

die ihm einerseits einen maximalen Einfluss auf das Kirchenwesen der Stadt<br />

ermöglichte, andererseits die Konflikte mit dem böhmischen Oberherrn und<br />

dem Breslauer Bischof in engen Grenzen zu halten erlaubte.<br />

buch <strong>für</strong> schlesische <strong>Kirchengeschichte</strong> NF 18, 1960, S. 121–207 (Teil I); NF 19, 1961, S.<br />

165–232 (Teil II); NF 20, 1962, S. 291–372 (Teil III); NF 21, 1963, S. 133–214 (Teil IV);<br />

NF 22, 1964, S. 177–250 (Teil V); zu Hess’ Epitaph: Aleksandra Adamczyk, Johann Hess<br />

and Georg Bucher. The Portrait of the Pastor and his Family in Silesian Sepulchral commissions,<br />

in: Günter Frank – Maria Lucia Weigel (Hg.), Reformation und Bildnis. Glaubenspropaganda<br />

im Zeitalter der Glaubensstreitigkeiten, Regensburg 2018, S. 149–164; Jan Harasimowicz,<br />

Die Stadtbürger und Prälaten als Stifter: Kirchliche Kunst in Breslau 1520-1650,<br />

in: ders., Sichtbares Wort. Die Kunst als Medium der Konfessionalisierung und Intensivierung<br />

des Glaubens in der Frühen Neuzeit [Kunst und Konfession in der Frühen Neuzeit 1],<br />

Regensburg 2017, S. 151–224, hier: 157–163; zur Reformationsgeschichte Schlesien im Allgemeinen<br />

vgl. nur: Johannes Soffner, Geschichte der Reformation in Schlesien, Breslau 1887,<br />

S. 8–85 (zu Breslau); Gustav Bauch, Geschichte des Breslauer Schulwesens in der Zeit der<br />

Reformation [Codex Diplomaticus Silesiae 29], Breslau 1911, S. 30ff.; passim; Franz Machilek,<br />

Schlesien, in: Anton Schindling – Walter Ziegler (Hg.), Die Territorien des Reichs im<br />

Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, Bd. 2: Der Nordosten [KLK 50], Münster<br />

3 1993, S. <strong>102</strong>–139; Christian-Erdmann, Schott, Art. Schlesien I. <strong>Kirchengeschichte</strong>, in:<br />

TRE 30, 1999, S. 189–198, bes. 190f.; Jan Harasimowicz, Die Reformation in Schlesien, in:<br />

Vincenc Rajšp – Karl. W. Schwarz – Bogusław Dybaś – Christian Gastgeber (Hg.), Die Reformation<br />

in Mitteleuropa [Mitteleuropäische wissenschaftliche Bibliothek 4], Wien, Ljubliana<br />

2011, S. 173–199; ders., Die Reformation in Schlesien zwischen Adelsmacht und Bürgerwillen,<br />

in: Ulrich Andreas Wien – Mihai-D. Grigore (Hg.), Exportgut Reformation. Ihr<br />

Transfer in Kontaktzonen des 16. Jahrhunderts und die Gegenwart evangelischer Kirchen in<br />

Europa, Göttingen 2017, S. 263–285; Andreas Stegmann, Die Reformation in Schlesien, in:<br />

Archiv <strong>für</strong> schlesische <strong>Kirchengeschichte</strong> 75, 2017, S. 133–167; Arno Herzig, Das Breslauer<br />

Bekenntnis von 1529, in: ders., Aspekte der Breslauer Geschichte. Reformation – Judentum<br />

– Universität, Görlitz 2020, S. 13–24, hat den irenisch-konsensuellen, auf humanistischen<br />

Überzeugungen in der führenden Pfarrerschaft und im Rat basierenden Charakter der Breslauer<br />

Reformation hervorgehoben und anhand eines wohl bisher unbekannten Dokumentes,<br />

des von ihm so genannten „Breslauer Bekenntnisses“ (wohl aus der Feder des Moibanus, s.u.<br />

Anm. 188 u.ö.; abgedruckt a.a.O., S. 24) verdeutlicht. Besonders bemerkenswert ist besonders<br />

der folgende Punkt: „Den polenn predigk man polniß das evangelion, tauffetth und Reycht man<br />

yn das Sacrmanet in beyder gstalt polniß. Also auch den deudshen Alles deuchss.“ A.a.O., S. 24.


JOHANNES HESS’ FRÜHE THEOLOGISCHE ENTWICKLUNG 29<br />

2. Der Patriziersohn, theologische Doktor, geachtete Prediger und hoch dekorierte<br />

Kanoniker Johannes Hessius aus Nürnberg war aufgrund seines intellektuellen<br />

Habitus als gelehrter Humanist, seines Kontaktnetzwerkes, seiner<br />

theologischen und kirchenreformerischen Überzeugungen und wohl<br />

auch und vor allem seines integrativen Stils wegen, der literarischen Streit<br />

und publizistische Kontroversen vermied, jene Reformatorenpersönlichkeit,<br />

die den Bedürfnissen des Breslauer Rates kongenial entsprach. Im Falle von<br />

Hess ist evident, dass seine Autorität als reformatorischer Prediger durch die<br />

zuvor erworbene Reputation entscheidend gefördert worden ist.<br />

Die in der Doppelthese enthaltenen Implikationen erklären, warum die Breslauer<br />

Reformation relativ störungs- und tumultfrei vonstattenging, radikale Optionen<br />

in der Neuordnung des Kirchenwesens keine nennenswerte Rolle spielten,<br />

trotz aller Verbundenheit zu Wittenberg strikte konfessionelle Festlegungen<br />

im Sinne des lutherischen Bekenntnisses in der formal unter böhmischer Hoheit<br />

stehenden Handelsmetropole 2 unterblieben und auch interkonfessionelle<br />

Koexistenzformen frühzeitig und dauerhaft etabliert wurden. Im Folgenden soll<br />

der Akzent auf Hess’ Bildungsweg liegen, also I. Johannes Hess, sein gelehrtes<br />

Netzwerk und seine Karriere skizziert, II. sein Verhältnis zur Wittenberger<br />

Theologie und ihren Propagandisten erörtert und III. Hess’ Beziehung zum<br />

Breslauer Rat und die frühesten Anfänge seines reformatorischen Agierens in<br />

Umrissen konturiert werden. Am Schluss sollen IV. einige Besonderheiten der<br />

Breslauer Reformationsgeschichte im Vergleich mit Stadtreformationen im<br />

Reich angedeutet werden.<br />

2<br />

Grundlegend orientiert: Ludwig Petry, Breslau in der frühen Neuzeit – Metropole des<br />

Südostens, in: Zeitschrift <strong>für</strong> Ostforschung 33, 1984, S. 161–179.


30 THOMAS KAUFMANN<br />

I.<br />

Wie im Falle einer Reihe anderer Reformatoren hat als erstes sicheres 3 äußeres<br />

Lebensdatum auch im Falle des Johannes Hess das seiner Immatrikulation zu gelten:<br />

Zum Wintersemester 1505 schrieb sich der etwa 1490 4 geborene Nürnberger<br />

Kaufmannssohn unter Zahlung der üblichen Gebühren an der Universität<br />

Leipzig ein, wo er im Sommersemester 1507 den Grad eines Baccalaureus artium<br />

erwarb. 5 Drei Jahre später wechselte Hess an die Universität Wittenberg; hier<br />

wurde er am 17.2. 1511 zum Magister promoviert und zum Wintersemester 1512<br />

in den Senat der artistischen Fakultät aufgenommen. 6 Zu diesem Zeitpunkt wird<br />

uns Hess auch durch eine erste und wohl auch annähernd einzige Publikation<br />

greifbar: Einen Sammeldruck, der sich um einen Textabschnitt über die Vermeidung<br />

der Trunksucht (De vitanda ebrietate [hist.nat. XIV,22,28f.]) aus dem 14.<br />

Buch der Naturgeschichte des Gaius Plinius Secundus gruppierte. Plinius hatte<br />

die verheerenden, alle menschlichen Kulturen gleichermaßen betreffenden Wirkungen<br />

des schrankenlosen Konsums rauschhafter Getränke in Bezug auf andere<br />

Laster wie Verfressenheit, Spielsucht und Lüsternheit und in Hinblick auf die<br />

Gesundheit des Einzelnen und der Gesellschaft dargelegt. Hess hatte den Text<br />

mit gliedernden Randglossen drucken lassen, die ihn in Sinnabschnitte einteilten<br />

– gewiss ein didaktisches Moment im Kontext der über den Text gehaltenen Vor-<br />

3<br />

Die Nachricht eines Schulaufenthaltes in Zwickau begegnet m.W. gedruckt zuerst im frühen<br />

18. Jahrhundert bei Martin Hanke, De Silesiis alienigenis eruditis, Leipzig 1707, S.<br />

371: „Studiis a prima Pueritia consecratus et addictus, Anno 1503, ex patrio [sic? gemeint<br />

ist Nürnberg] in Zviccaviense Lyceum abiebat, cujus Moderator erat Wolfius Guldenius,<br />

Philosophiae Magister.“ Köstlin (Heß, wie Anm. 1, S. <strong>101</strong>) verweist überdies auf Henelius,<br />

Silesia Togata; dabei handelt es sich um eine von Nikolaus Henel von Hennenfeld<br />

(1582–1656) abgefasste Handschrift, die 600 Biographien zu Adligen, Gelehrten und Humanisten<br />

Schlesiens bot, vgl. dazu: Detlev Haberland, Nikolaus Henel von Hennenfeld<br />

„Silesia Togata“. Zur Bedeutung der frühen Erforschung der schlesischen Gelehrtengeschichte,<br />

in: Ein Gedenkband zum 20. Todestag von Professor Marian Szyrocki, Dresden<br />

2012, S. 77–95, bes. 83ff.<br />

4<br />

Die einschlägigen Überlieferungen breitet Köstlin, Heß, wie Anm. 1, S. 99f., aus. Dass<br />

Hess’ Vater Hans Kaufmann war und in Handelsverbindungen zu Breslau stand, hat Bauch<br />

erwiesen, vgl. Gustav Bauch, Zur Breslauer Reformationsgeschichte I, in: Zeitschrift des<br />

Vereins <strong>für</strong> Geschichte Schlesiens 41, 1907, S. 336-352, hier: 336 Anm. 2.<br />

5<br />

Georg Erler (Hg.), Die Matrikel der Universität Leipzig 1409–1559, Bd. 1 und 2, Leipzig<br />

1895-1897, ND Nendeln 1976, Bd. I, S. 471, 28 („Iohannes Hesß de Nurinberga“); Bd.<br />

II, S. 432,35 (11.9.1507 „Iohannes Hesse Nornbergensis“); nachträglich a.R. „doctor theologiae“.<br />

Hess zahlte die volle Immatrikulationsgebühr von sechs Groschen.<br />

6<br />

S. Anm. 336f.


JOHANNES HESS’ FRÜHE THEOLOGISCHE ENTWICKLUNG 31<br />

lesung. 7 Hess wird aufgrund seines Leipziger Studiums bei dem dort als Professor<br />

<strong>für</strong> Rhetorik lehrenden Johannes Rhagius Aesticampianus 8 mit dem Pliniustext<br />

vertraut gewesen sein. 9 Aesticampianus hatte in Leipzig auch Texte der Kirchenväter<br />

ausgelegt – Briefe des Hieronymus und Augustins De doctrina christiana. 10<br />

7<br />

Dass Hess eine Vorlesung über die Texte des Sammeldruckes gehalten hat, ergibt sich aus<br />

den intensiven Glossierungen des Kolerschen Exemplares (s.u. Anhang Nr. 1, Anm. 342).<br />

8<br />

Susann El Kholi, Art. Rhagius, Johannes, in: Franz Josef Worstbrock (Hg.), Deutscher<br />

Humanismus 1480–1520, Verfasserlexikon, Bd. 2, Berlin, New York 2013, Sp. 639–656.<br />

9<br />

Dass Aesticampianus, der wegen pronounciert antischolastischer Äußerungen im Sommer<br />

1511 Leipzig zu verlassen genötigt war (El Kholi, a.a.O., Sp. 640f.), über Plinius’ Historia<br />

naturalis gelesen und die Bücher VII (De homine), X (De animalibus insectis) XII-XIII<br />

(De peregrinis arboribus) und XIV-XV (De patriis arboribus) kommentiert hatte, ergibt<br />

sich aus seiner Leipziger Abschiedsrede, der Oratio Lypsi habita coram universitate per Joannem<br />

Esticampianum Rhetorem et Poetam Laureatam …, Speyer [Konrad Hist 1512]; VD<br />

16 R 1667; Ex. LUB Darmstadt Sign. 06415/100, A 2 v . Seine Plinius-Vorlesungen und ihre<br />

bleibende Bedeutung resümierte er folgendermaßen: „Sed etiam alii qui ab his commentariola<br />

emendacionesque commodo acceperunt et descripserunt iam et intelligere et discipulis<br />

suis legere sine reprehensione aut obstaculo ullo possint. Tantumque meo ingenio et labore<br />

sunt adepti ut ex eo autore quem tota Germania ante me vix cognitum auditu nedum<br />

lectu habuerat tum lucrum tum honorem acquireret locupletissimum ac splendidissimum<br />

tametsi ingratitudinis vicio sunt obnoxi et quidem turpissimo seu viderint ipsi.“ Insofern<br />

stellt Hess’ Pliniusausgabe ein Echo auf diesen Anspruch seines Lehrers dar. Der Druck der<br />

Rede ist mit einem Widmungsbrief eines gewissen „Joannes Philomusus Roterodamus“ an<br />

einen Lübecker Antistes namens Theodor Bulau (A 1 v ) versehen. Die zweitgenannte Person<br />

war bisher nicht verifizierbar; bei der erstgenannten dürfte es sich um ein Pseudonym<br />

handeln, das auf zwei der berühmtesten Humanisten der Zeit – Johannes Locher gen. Philomusus<br />

und Erasmus von Rotterdam – anspielt. Durch diese Referenzen – ebenso wie, die<br />

gleich Aesticampianus, vertriebenen Poeten Konrad Celtis und Hermann von dem Busche<br />

(a.a.O., A [4] r ) – erhielt die ‚Relegation‘ des humanistischen Gelehrten den grundsätzlichen<br />

Charakter eines Exempels <strong>für</strong> die Auseinandersetzung zwischen bonae literae und<br />

‚Scholastik‘; vgl. auch Aesticampians Kritik an den drei höheren Fakultäten, a.a.O., A [3] v .<br />

Rhagius hatte 1508 einen Druck der an Kaiser Vespasian gerichteten Vorrede von Plinius‘<br />

Naturgeschichte anfertigen lassen und zur Grundlage einer Vorlesung gemacht (Vorlesungsdruck<br />

mit Zeilendurchschuss): Plinij Secundi Veronensis ad Titum Vespasianum, in libros<br />

naturalis hystorie Epistola … Leipzig, W. Stöckel 1508; VD 16 P 3557. In der dem Leipziger<br />

Mediziner und Ratsherrn Simon Pistor gewidmeten Vorrede wies Aesticampianus<br />

darauf hin, dass er seine Kenntnis des Plinius dem Studium bei Philippus Beroaldus in Bologna<br />

verdankte und dass die Kenntnis der Naturgeschichte <strong>für</strong> die jungen deutschen Studenten<br />

von größtem Nutzen sei, a 2 r . Dass Hess unter den Hörern dieser Vorlesung war, besitzt<br />

größte Wahrscheinlichkeit.<br />

10<br />

Aesticampianus, Oratio Lypsi habita, wie Anm. 9., A[3] r ; El Kholi, Art. Rhagius, wie<br />

Anm. 8, Sp. 651. Zum Stil der patristischen Vorlesungen Aesticampians anhand einer Mitschrift<br />

Müntzers zu Rhagius’ Wittenberger Vorlesung über Hieronymus Epistola ad Pauli-


32 THOMAS KAUFMANN<br />

Johannes Hess wuchs also in eine dezidiert humanistische Bildungswelt hinein,<br />

in der nennenswerte Spuren scholastischer Prägung kaum erkennbar sind. Alles<br />

deutet darauf hin, dass die Einwirkungen des aus der Niederlausitz stammenden<br />

Rhagius auf Hess tiefgreifend und nachhaltig waren.<br />

Hess war wohl auch <strong>für</strong> einen Wittenberger Nachdruck eines im Erstdruck<br />

bereits 1507 erschienenen Barbarahymnus 11 des Rhagius verantwortlich. Dieser<br />

nicht-firmierte Druck aus der Wittenberger Offizin Johannes Rhau-Grunenbergs<br />

12 , der den Leipziger Lehrer von Hess durchaus feierlich als Rhetor, Poeten<br />

und Theologen inszenierte und mit dessen dichterischer Verherrlichung seiner<br />

Patronin Barbara religiös exponierte, wird als eine Art Reflex auf die Relegation<br />

des gefeierten Humanisten von der Universität Leipzig zu interpretieren sein.<br />

Die religiöse Poesie unterstrich den Anspruch des sich fromm präsentierenden<br />

Poeten. 13 Der Druck des Barbarahymnus bildete wahrscheinlich die Grundlage<br />

einer kommentierenden Vorlesung des jungen Wittenberger Magisters Hess.<br />

Dass dieser mit dem Druck in Verbindung stand, geht jedenfalls eindeutig aus<br />

einem einzeiligen Vers am Schluss des Hymnus und seinem Namenszug hervor. 14<br />

num presbyterum (ep. 53; CSEL 54, S. 442-465) vgl. Ulrich Bubenheimer, Thomas Müntzer<br />

und der Humanismus, in: Siegfried Bräuer – Helmar Junghans (Hg.), Der Theologe Thomas<br />

Müntzer, Berlin 1989, S. 302–328; ders., Thomas Müntzer. Herkunft und Bildung<br />

[SMRT 46], Leiden 1989, S. 276–297 (Edition der Müntzerschen Nachschrift).<br />

11<br />

Erstdruck in: Epigrammata Johannis Aesticampiani, Leipzig, M. Lotter d.Ä. 1507; VD 16<br />

R 1664, D 3 v -[6] v ; zu dem Text vgl. Susann El Kholi, Der Barbarahymnus des Johannes<br />

Rhagius Aesticampianus, in: Archiv <strong>für</strong> mittelrheinische <strong>Kirchengeschichte</strong> 60, 2008,<br />

S. 293–312. In dem Band A: 64.16 Quod.(8) der HAB Wolfenbüttel ist dieser Druck mit<br />

einer Reihe anderer Wittenberger Drucke der Jahre 1511/2 zusammengebunden.<br />

12<br />

Hymnus Ioannis Rhagii Aesticampiani Lusacii Rhetoris Poetaeque Laureati & sacrae Theologiae<br />

M[a]g[istt]ri … in laudem Divae Barbare martyris & Virginis [Wittenberg, Johann Rhau<br />

Grunenberg um 1511]; VD 16 R 1665; Ex. HAB Wolfenbüttel A: 64.16 Quod.(8). Die reichen<br />

Glossierungen des Drucks, der mit großem Zeilenabstand und breitem Rand gedruckt<br />

wurde, lassen keinen Zweifel daran, dass der Barbarahymnus in einer Vorlesung kommentiert<br />

wurde. Der insgesamt 23 Einzelstücke umfassende Sammelband 64.16 Quod. stammt aller<br />

Wahrscheinlichkeit nach aus dem Besitz eines um 1511 in Wittenberg Studierenden.<br />

13<br />

Aesticampianus, Oratio Lypsi habita, wie Anm. 9, A [4] r : „Parcite itaque viri germani parcite<br />

dolori meo iustissimo et veritate languidissime/ parumper indulgete. Ut deus omnipotens<br />

peccatis indulgeat vestris. Amen. Valete foeliciter et pro viatore Esticampiano Deum<br />

pie et assidue orate.“<br />

14<br />

Hymnus … in laudem … Barbare, wie Anm. 12, A 4 r : Nach dem griechisch gesetzten<br />

„Telos“ folgt: „M | Casta placent superis. | Io: Hessus.“ Möglicherweise ist das M als „Magister“<br />

aufzulösen; dies entspräche seiner Selbstvorstellung in dem Widmungsschreiben an<br />

Pinder, Elegantissimum et varie erudi=|| tionis caput C. Plinij Secundi || Veronensis ex quartodecimo<br />

Natura|| lis historiae libro de vitanda || EBRIETATE. || … Wittenberg, Johannes


JOHANNES HESS’ FRÜHE THEOLOGISCHE ENTWICKLUNG 33<br />

In seinem Wittenberger Plinius-Druck nahm Hess die in dem Haupttext<br />

entfaltete These, dass Trunksucht die Wollust befördere, zum Anlass,<br />

einen weiteren Text aufzunehmen: ein aus 106 Distichen bestehendes Gedicht<br />

gegen den ‚venerischen Wahnsinn‘ (Antidotarius contra furiosam Veneris<br />

Frenesim). Es stammte von dem Humanisten Wolfgang Cyclopius 15 ;<br />

Grunenberg, Januar 1512; VD 16 ZV 12580; Ex. UB Münster {digit.}, A 1 v . Allerdings findet<br />

sich auf dem Titelblatt des Plinius-Drucks gleichfalls das Symbolum: „.M. | Casta placent<br />

superis.| I H N.“ (Elegantissimum …caput, ebd., A 1 r ). Vermutlich hatte sich Hess dies<br />

als Motto ersonnen. Vgl. zu diesem Motto: Andreas Weckwerth, Casta placent superis. Konzeptionen<br />

kultischer Reinheit in der Spätantike [ <strong>Jahrbuch</strong> <strong>für</strong> Antike und Christentum,<br />

Erg.bd. 42], Münster <strong>2022</strong> (zu den Propria des spätantiken Christentums im Unterschied<br />

zu Juden- und ‚Heiden’tum bes. S. 190–192). Der Vers stammt von Tibull, Elegie 2,1,13. Insofern<br />

läge es vielleicht näher „M“ als „Maria“ und IHN“ als [griechisch gelesen] „Jesus<br />

Nazarenus“ aufzulösen. Möglicherweise bedeutet der Vers im Druck des Barbarahymnus,<br />

sinngemäß übersetzt mit „Reines gefällt den Göttern“, eine implizite Parteinahme Hess’<br />

zugunsten des lauteren, sein Wirken in seiner Abschiedsrede transparent darlegenden Rhetorikprofessors<br />

Aesticampianus und gegen die ‚finsteren Scholastiker‘. Indem Rhagius als<br />

frommer Verehrer der Märtyrerin Barbara präsentiert wird – der Titelholzschnitt der Heiligen<br />

unterstreicht dies –, erscheinen zugleich alle Anwürfe wegen Apostasie konterkariert.<br />

Die Universität Leipzig hatte Aesticampianus nach seiner Abschiedsrede am 2.10.1511 relegiert;<br />

dieser appellierte an den Papst, reiste nach Rom und wurde dort 1512 zum Dr.<br />

theol. promoviert, vgl. El Kholi, Art. Rhagius, wie Anm. 8, Sp. 641. Vgl. Gustav Bauch, Die<br />

Vertreibung des Johannes Rhagius Aesticampianus aus Leipzig , in: Archiv <strong>für</strong> Litteraturgeschichte<br />

13, 1885, S. 1–33. Ob Johannes Hess mit der anonymen Verteidigungsschrift <strong>für</strong><br />

seinen Lehrer, der als Passionskontrafaktur gestalteten Passio Esticampiani secundum Ioannem<br />

(ed. von Carl Georg Brandis, Beiträge aus der UB zu Jena zur Geschichte des Reformationsjahrhunderts,<br />

in: Zeitschrift <strong>für</strong> thüringische Geschichte und Altertumskunde NF<br />

Beih. 8, 1917, S. 1–11, hier: 2–4), in einem Zusammenhang stand? Dem Echo auf den ‚Fall<br />

Aesticampian‘ in den einschlägigen Humanistenkreisen ist es zuzuschreiben, dass er in die<br />

‚Dunkelmännnerbriefe‘ aufgenommen wurde, vgl. Epistolae obscurorum virorum, ed. Eduard<br />

Böcking (Hg.), Ulrichi Hutteni … Opera Supplementum. Epistolae Obscurorum Virorum,<br />

Bd. 1, Leipzig 1864, Nr. I,17 S. 26–28; Karl Riha (Hg.), Dunkelmännerbriefe [it<br />

1297], Frankfurt/M. 1991, S. 47–50. Dieser Brief eines „Magister Hipp“ an Ortwinus Gratius<br />

schildert den Zuspruch, den Rhagius bei seinen Hörern u.a. mit seiner Plinius-Vorlesung<br />

fand. Seine Studenten habe er gegen die Schulphilosophie aufgebracht; auch habe<br />

man ihm vorgeworfen, sich gegen die Theologie zu äußern.<br />

15<br />

Vgl. über ihn: J. Klaus Kipf, Art. Cyclopius (Kandelgießer), Wolfgang, in: Franz Josef<br />

Worstbrock (Hg.), Deutscher Humanismus 1480–1520, Verfasserlexikon, Bd. 1, Berlin,<br />

New York 2008, Sp. 537–546. Von Cyclopius’ Lebenslauf her halte ich es <strong>für</strong> das Wahrscheinlichste,<br />

dass Hess und er sich 1511 in Wittenberg, wo der gebürtige Zwickauer das<br />

Medizinstudium aufnahm, kennengelernt hatten.


34 THOMAS KAUFMANN<br />

dieser hatte es auf Hess Bitte hin aus deutschen Versen geformt; vor dem Wittenberger<br />

Druck war es bereits in einem anonymen Erfurter Druck publiziert<br />

worden. 16<br />

Dem Plinius-Druck war ein Widmungsbrief von Hess an Ulrich Pinder d.J. 17<br />

aus Nürnberg vorangestellt, dem Sohn des gleichnamigen Stadtarztes und einflussreichen<br />

Erbauungsschriftstellers. 18 Ganz im Stil einer eingängigen huma-<br />

16<br />

Antidotarius contra furiosam veneris Frenesim per Guolfum Cyclopium … de vulgari in latinum<br />

translatum [Erfurt, Hans Knappe d.Ä. 1511]; VD 16 ZV 20278. Da Hess auch in<br />

diesem mutmaßlichen Erstdruck des Antidotarius bereits als ‚Professor‘ der artistischen Fakultät<br />

angesprochen wird, halte ich dessen Magisterpromotion (17.2.1511, s.o. Anm. 6)<br />

<strong>für</strong> den terminus post quem. Ein weiterer Druck ist entgegen der Datierung von VD 16 ZV<br />

25211 auf [„um 1501“] mit Kipf, Cyclopius, wie Anm. 15, Sp. 541, auf „um 1515“ zu datieren;<br />

dieser Druck erschien in [Heidelberg] bei [ Jak. Stadelberger]. Dem Druck war auf<br />

den letzten beiden Seiten eine dichterische ‚adhortatio‘ des Conrad Celtis an die ‚deutsche<br />

Jugend‘ beigefügt, sich leidensbereit und mit Eifer den Studien zu ergeben und den Versuchungen<br />

des Bacchus und der Venus zu widerstehen.<br />

17<br />

Ulrich Pinder wird mehrfach zwischen 1518 und 1520 in Melanchthons Briefwechsel erwähnt,<br />

vgl. MBW 22; 24; 31; 39; 42–44; 76. Melanchthon empfahl den seitens seines Elternhauses<br />

knapp gehaltenen Pinder jun. gegenüber Scheurl und Pirckheimer; ersterer erwarb<br />

ihm ein Nürnberger Ratsstipendium und eine Unterstützung aus der kur<strong>für</strong>stlichen<br />

Kasse, vgl. Christoph Scheurl’s Briefbuch, hg. von J.K.F. Knaake, 2 Bde., ND Aalen 1962,<br />

Bd. 2, S. 52f.; 64; 81f. Am 17.8.1511 immatrikulierte er sich in Wittenberg (Karl Eduard<br />

Förstemann (Hg.), Album Academiae Vitebergensis, Bd. 1 (1502–1560), ND Aalen 1976,<br />

S. 37 b ); s. WABr 1, S. 100f. Anm. 1; 1525 erhielt er eine juristische Professur in Wittenberg.<br />

Hess und Pinder studierten nach Bauch (Bauch, Analekten, wie Anm. 1, II, S. 35) seit 1511<br />

gemeinsam bei ihrem Nürnberger Landsmann Scheurl Jura. Im Sommer 1517 versuchte<br />

Luther ihm über Lang eine Stelle in Erfurt verschaffen, WABr 1, S. 99f., 4ff.; er fungierte<br />

auch als Briefüberbringer nach Nürnberg (a.a.O., S. 106,28f.). Im Februar 1519 bat er<br />

Scheurl und Pirckheimer, Pinder dem Nürnberger Rat zu empfehlen, WABr 1, 346,19ff.;<br />

348,6ff. Aus Liers „Bibliotheca Hessica“ (s.u. Anhang Nr. 3) geht hervor, dass Ulrich Pinder<br />

Hess freundschaftlich verbunden war. In dem Registrum speculi intellectualis foelicitatis<br />

humane [Nürnberg, U. Pinder 1510]; VD ZV 12489 [Titelblatt mit Porträt Friedrichs<br />

von Sachsen], einem Werk des gleichnamigen Vaters in Hess’ Besitz, findet sich folgender<br />

Eintrag: „Liber iste mihi dono datus ab Ulrico Pinda. Nürmbe[rgensis] tamquam a fratre<br />

amantissimo: qui in Wittenburgis mecum oleum suum in Juresprudentia comsumpsit Anno<br />

MDX.“ (Lier, Bibliotheca Hessica, Bl. 1, Nr. 9).<br />

18<br />

Ulrich Pinder, Speculum passionis domini nostri Ihesu christi, Nürnberg, U. Pinder 1507; VD<br />

16 P 2807; Speculum intellectuale felicitatis humanae. Compendium breue de bonae valitudinis<br />

cura, Nürnberg, U. Pinder 1510; ZV 12489; zu Pinder vgl. Helmar Junghans, Ulrich Pinders<br />

„Speculum passionis domini nostri Jhesu christi“ von 1507 und die Übersetzung „Speculum<br />

Passionis …“ von 1663, in: Speculum Passionis Das ist: Spiegel des bitteren Leydens unnd Sterbens<br />

Jesu Christi …, 1663, ND Leipzig 1986, S. 3-34; Christ-Maria Dreißiger, Der Bildschmuck<br />

des „Speculum passionis domini nostri Jhesu christi“ von 1507, in: a.a.O., S. 35–56, bes. 38–42.


Innerprotestantische Auseinandersetzungen<br />

in Schlesien: Zwischen Religionsgespräch,<br />

Polemik und Verhör<br />

von Gabriela Wąs<br />

Gegenstand des Beitrags ist die Geschichte des schlesischen Protestantismus von<br />

den 1520er Jahren bis etwa zum Ende der ersten Phase des Dreißigjährigen Krieges<br />

(Ende 1620), also sein erstes Jahrhundert, im Kontext der religiösen und religiös-politischen<br />

Auseinandersetzungen in Schlesien. Genauer gesagt geht es<br />

um die Darstellung der innerprotestantischen Auseinandersetzungen als Suche<br />

der Evangelischen nach dem richtigen Verständnis des Christentums in konfessioneller<br />

Form in ausgewählten schlesischen Gebieten, vor allem in den Fürstentümern<br />

Liegnitz, Brieg und Wohlau.<br />

Die Auseinandersetzungen, die die Anhänger der Reformation in diesen drei<br />

Fürstentümern führten, sollen aus drei Gründen im Mittelpunkt der folgenden<br />

Überlegungen stehen: Erstens wurden die religiösen und kirchlichen Transformationsprozesse<br />

dort unter allen Zentren der Reformation in Schlesien am intensivsten<br />

vorangetrieben. So kam die besondere konfessionelle Reife dieser Fürstentümer<br />

auch in der Intensität jener Diskussionen zum Ausdruck. Zweitens wird in der<br />

wissenschaftlichen Literatur behauptet, dass sich schlesische Protestanten, abgesehen<br />

von den Diskussionen der Schwenckfeld-Zeit in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts,<br />

nur verzögert und in begrenztem Umfang an den Streitigkeiten beteiligt<br />

hätten. 1 Damit werden einerseits die von Schwenckfeldern geführten Diskussionen<br />

ausgeblendet und nicht als Phänomen im Zusammenhang der Auseinandersetzungen<br />

über die Ausgestaltung des religiösen Wandels in Schlesien in 16. Jahrhunderts<br />

betrachtet, und werden andererseits in der Geschichtsschreibung zu<br />

Schlesien nur solche Streitigkeiten der Reformationszeit wahrgenommen, die eine<br />

direkte Fortsetzung der Debatten im Reich und in Europa darstellten. Es scheint jedoch,<br />

dass die Schwenckfeldschen Streitigkeiten in Schlesien selbst als Suche nach<br />

dem richtigen Weg religiöser und kirchlicher Veränderungen und als Teil der innerprotestantischen<br />

Auseinandersetzungen betrachtet werden sollten. Darüber hinaus<br />

1<br />

HENNING P. JÜRGENS, Innerprotestantische Streitschriften in und über Schlesien von der<br />

Mitte des 16. Bis ins 17. Jahrhundert, in: Die Reformierten in Schlesien. Vom 16. Jahrhundert<br />

bis zur Altpreußischen Union von 1817, hg. von Joachim Bahlcke/Irene Dingel.<br />

Göttingen 2016, 115–138; hier 115–116.


112 GABRIELA WĄS<br />

lassen sich in den Territorien der genannten Fürstentümer zwei weitere umfangreiche<br />

religiöse und intellektuelle Auseinandersetzungen im 16. Jahrhundert und am<br />

Anfang des 17. Jahrhundert identifizieren, die sich hauptsächlich aus den schlesischen<br />

Verhältnissen ergaben und einen spezifisch schlesischen Charakter hatten.<br />

Und drittens ist es zwar zutreffend, daß Breslau, das in vielen historischen<br />

Studien als das Zentrum der Reformation in Schlesien betrachtet wird, sich im<br />

16. Jahrhundert nicht an den Lehrdiskussionen beteiligte. Der Grund da<strong>für</strong><br />

scheint allerdings nicht das Fehlen religiöser und konfessioneller Probleme in<br />

der Stadt gewesen zu sein, die Gegenstand solcher Verhandlungen hätten sein<br />

können. Vielmehr wurden sie gemäß dem Willen des Stadtrates nicht in den öffentlichen<br />

Raum getragen, was politische Ursachen hatte, nämlich die Situation<br />

der Stadt nach der Besteigung des böhmischen Thrones durch den entschlossen<br />

katholischen Ferdinand I. Breslau, eine Stadt im Fürstentum Breslau unter der<br />

direkten Herrschaft des böhmischen Königs, wollte keinen offenen Konflikt mit<br />

dem König, und so hielt man die Reformen geheim, die gleichwohl eingeführt<br />

wurden. Folglich lag es im Interesse des Rates, dass religiöse und kirchliche Veränderungen<br />

in der Stadt nicht öffentlich thematisiert wurden und möglichst<br />

wenig Diskussionen hervorriefen. Die letzten beiden Diskussionen, die später<br />

zu analysieren sind, betrafen jedoch auch die Stadt Breslau.<br />

Bevor die ersten hundert Jahre des schlesischen Protestantismus im Kontext<br />

religiöser und kirchlicher Auseinandersetzungen über die damit verbundenen<br />

Veränderungen dargestellt werden, sind zunächst kurz einige <strong>für</strong> den Protestantismus<br />

in Schlesien entscheidende Faktoren in Erinnerung zu rufen.<br />

1. Der politische Hintergrund<br />

Die Geschichte des schlesischen Protestantismus zwischen 1520 und 1620 war<br />

in erheblichem Umfang von der politischen Zugehörigkeit Schlesiens bestimmt.<br />

Bis 1740 gehörte fast das gesamte historische Schlesien zum Königreich Böhmen.<br />

Abgesehen von den politischen Fragen des Verhältnisses Böhmens zum<br />

Heiligen Römischen Reich sei im Rahmen der gegenwärtigen Betrachtungen<br />

nur erwähnt, dass die böhmischen Gebiete Exemption von den im Reich festgelegten<br />

Gesetzen genossen. Daraus ergeben sich zwei relevante Merkmale des<br />

schlesischen Protestantismus. Das erste betrifft seine rechtliche Situation und<br />

das zweite seine theologische Spezifität.<br />

Im Blick auf den Protestantismus war die Zugehörigkeit Schlesiens zum Königreich<br />

Böhmen aufgrund der politischen Territorialteilung von Bedeutung. In


INNERPROTESTANTISCHE AUSEINANDERSETZUNGEN IN SCHLESIEN 113<br />

seinem Gebiet gab es grundsächlich zwei Arten von Fürstentümern, deren rechtlicher<br />

und politischer Status die Einführung kirchlicher Reformen bestimmte:<br />

Fürstentümer, die von Fürstendynastien regiert wurden (sog. Lehns<strong>für</strong>stentümer;<br />

einschließlich des bischöflichen Fürstentums), und Fürstentümer, die der<br />

direkten territorialen Autorität des Königs unterstanden (sog. Erb<strong>für</strong>stentümer).<br />

In den ersten – den Lehns<strong>für</strong>stentümern – waren die schlesischen Fürsten durch<br />

Lehnseid (Lehnverhältnis) an den böhmischen König gebunden. Einerseits<br />

gaben ihnen die Lehnsakte in ihrem Gebieten das Advocatus-Recht der Kirche<br />

gegenüber, das noch im mittelalterlichen Recht wurzelte und dem der König<br />

auch zu gehorchen hatte. Andererseits zwangen dieselben Rechtsakte die Fürsten,<br />

die ablehnende Haltung des Suzeräns, also des böhmischen Königs, gegenüber<br />

der reformatorischen Bewegung und dem Protestantismus zu berücksichtigen.<br />

In den Fürstentümern der zweiten Art, in denen der König die<br />

unmittelbare territoriale Gewalt innehatte, waren die Einschränkungen bei der<br />

Einführung lutherischer Reformen in Schlesien noch grösser als in den Lehns<strong>für</strong>stentümern,<br />

was auch Städte betraf, wie z.B. Breslau. Es konnte fast keine Säkularisierung<br />

kirchlicher Institutionen und Güter realisiert werden. Der Umfang<br />

reformatorischer Änderungen wurde verschleiert. Die reformatorischen<br />

institutionellen Änderungen wurden nur in begrenztem Ausmaß durchgeführt.<br />

So gründete man bis 1609 in den protestantischen Städten kein Konsistorium,<br />

auch kein öffentliches Ehegericht. Protestantische Konsistorien gab es vor 1609<br />

nur in den beiden Fürstentümern Liegnitz und Brieg, aber selbst ihre Fürsten<br />

wagten es nicht, Kirchenbesitz und Klöster systematisch zu säkularisieren.<br />

Ein weiterer wichtiger Umstand <strong>für</strong> die Reformation in Schlesien lag darin,<br />

dass deren Situation zugleich von den kulturellen Einwirkungen des Römischen<br />

Reiches und den dort stattfindenden politischen und religiösen Ereignissen beeinflusst<br />

wurde. Die Fürsten und Stände Schlesiens fanden zum Beispiel die<br />

Möglichkeit, im 16. Jahrhundert die Regeln des Augsburger Religionsfriedens<br />

von 1555 anzuwenden, weil diese den rechtlichen Bedingungen entsprachen,<br />

die <strong>für</strong> das Amtieren der Herzöge in den Lehns<strong>für</strong>stentümern und der Stände in<br />

den königlichen Fürstentümern im Verhältnis zur königlichen Gewalt galten.<br />

Also baten sie Ferdinand I., die Augsburger Regeln anzuwenden, wo<strong>für</strong> sie 1556<br />

mündliche Zusicherungen erhielten.<br />

Die Grundsätze des Augsburger Religionsfriedens wurden in Schlesien aber<br />

eigentlich von den Protestanten selbst nicht beachtet: Sowohl in den Fürstentümern<br />

unter der Herrschaft protestantischer Fürsten als auch unter der Herrschaft<br />

des katholischen Königs, ja sogar in den bischöflichen Territorien gründeten<br />

Protestanten von sich aus Kirchengemeinden. M.a.W., der Grundsatz, dass


114 GABRIELA WĄS<br />

der Landesherr darüber entscheide, welche Religion in seinem Hoheitsgebiet<br />

legal sein solle, wurde zwar in Anspruch genommen, aber nicht angewandt.<br />

Die Tatsache, dass Schlesien Teil des Königreiches Böhmen war, hatte jedoch<br />

vor allem die Folge, dass der erste schriftliche Schutz der Rechte der Protestanten<br />

in Schlesien der Majestätsbrief Rudolfs II. von 1609 war. Er wurde auf<br />

Druck des im Juni dieses Jahres gegründeten Militärbundes der nichtkatholischen<br />

böhmischen Stände mit den protestantischen Fürsten und Ständen Schlesiens<br />

herausgegeben. Der Majestätsbrief von 1609 bedeutete nicht nur die Legalisierung<br />

des Augsburger Bekenntnisses. Vielmehr besagte dieses Dokument<br />

auch – zusammen mit einem weiteren, gut einen Monat zuvor verabschiedeten<br />

Majestätsbrief <strong>für</strong> Böhmen aus demselben Jahr – die Dreikonfessionalität (eigentlich<br />

Multikonfessionalität 2 ) Schlesiens sowie – und das <strong>für</strong> Schlesien als einziges<br />

Gebiet dieses Königreiches – die Gleichberechtigung zwischen Katholiken<br />

und Anhängern der Augsburger Konfession. In Böhmen hingegen mussten<br />

Katholiken ihren Rechtsstatus mit allen „sub-utraque-Gläubigen“, die sich unter<br />

dem Namen „böhmische Konfession“ vereinten, teilen 3 .<br />

Bis zur Niederlage der schlesisch-protestantischen Fürsten und Stände in<br />

der ersten Phase des Dreißigjährigen Krieges, also während des sogenannten<br />

Aufstandes der böhmischen Stände gegen die habsburgischen Könige (1618-<br />

1621), dem sich die protestantische Opposition der schlesischen Fürsten und<br />

Stände anschloss, 4 war das rechtlich respektierte Leitmotiv der Reformation in<br />

Schlesien, dass die Entscheidung zur Einführung der Reformation oder zum Verbleib<br />

beim Katholizismus in Schlesien nicht nur von Fürsten und König als<br />

Herrschern über die einzelnen Fürstentümer abhängig war, sondern auch von<br />

2<br />

Der <strong>für</strong> das Königreich Böhmen ausgestellte Majestätsbrief erkannte die in der böhmischen<br />

Konfession versammelten Kirchen rechtlich an, die in diesem Gesetz synonym als<br />

Konfessionen „sub utraque“ (Altutraquisten, Neoutraquisten, Lutheraner, Böhmische Brüder)<br />

definiert wurden.<br />

3<br />

WINFRIED EBERHARD, Monarchie und Widerstand. Zur ständischen Oppositionsbildung<br />

im Herrschaftssystem Ferdinands I. in Böhmen, München 1985; idem, Konfessionelle Polarisierung,<br />

Integration und Koexistenz in Böhmen vom 15. bis zum 17. Jahrhundert, in:<br />

Religion und Politik im frühneuzeitlichen Böhmen. Der Majestätsbrief Kaiser Rudolfs II<br />

von 1609, hg. von Jaroslava Hausenblasová, Jiří Mikulec, Martina Thomsen, Stuttgart 2014,<br />

25-44; David V. Zdeněk, A Cohabitation of Convenience: The Utraquists and the Lutherans<br />

under the Letter of Majesty 1609–1620, in: Bohemian Reformation and Religious<br />

Practice, Praque 2000, 3, 173-214.<br />

4<br />

JOACHIM BAHLCKE, Regionalismus und Staatintegration im Widerstreit. Die Länder der<br />

Böhmischen Krone im ersten Jahrhundert der Habsburgermonarchie (1526–1619), München<br />

1994, 400–445.


INNERPROTESTANTISCHE AUSEINANDERSETZUNGEN IN SCHLESIEN 115<br />

denen, die das Patronatsrechts über eine bestimmte Pfarrei innehatten. Das<br />

heißt, dass die Reformation in Schlesien aus mehreren institutionell getrennten<br />

Reformationen bestand. Erstens trafen die Herrscher der schlesischen Fürstentum<br />

jeweils separat die Entscheidung, kirchliche Reformen durchzuführen, und<br />

zweitens hatten dieses Recht auch die einzelnen Patronatsträger. Die infolge dieser<br />

Reformationen entstandenen Kirchen waren organisatorisch (institutionell)<br />

völlig selbstständig.<br />

Im Übrigen hatte die territoriale Zugehörigkeit Schlesiens zum böhmischen<br />

Königreich zur Folge, dass viele Phänomene des Protestantismus im weiteren<br />

Reich zwar von den schlesischen Protestanten wahrgenommen wurden, aber<br />

viele Erscheinungen im Zusammenhang mit der Reformation hier nicht immer<br />

genau mit jenen übereinstimmten. Bei schlesischen Religionsauseinandersetzungen<br />

ging es oft um spezifisch regionale Belange.<br />

Um die Arten der religiöser Auseinandersetzungen, die in Schlesien geführt<br />

werden, strukturell zu definieren, scheint Otto Scheibs 5 Vorschlag einer formalen<br />

Einteilung am geeignetsten zu sein. Danach gab es zwei Grundformen religiöser<br />

Verhandlungen: Disputationen (einschließlich Polemik, polemischer Publizistik,<br />

Verhör) und Kolloquien. Sie unterschieden sich dadurch, dass im<br />

zweiten Fall kein Richter an den Gesprächen teilnahm und dass sie keinen die<br />

Rechtmäßigkeit oder Illegalität bestimmter religiöser Überzeugungen bestimmenden<br />

Charakter, folglich auch keine Rechtswirkung besaßen. D.h., es wurden<br />

keine Repressalien gegen diejenigen angekündigt, die sich als die schwächeren<br />

Gesprächspartner herausstellten. Die <strong>für</strong> die Kolloquien verneinten<br />

Merkmale sind dagegen <strong>für</strong> die erste Art religiöser Verhandlungen, die Disputationen,<br />

relevant.<br />

Das Bekenntnis, das in den ersten 100 Jahren in vielen Territorien Schlesiens,<br />

auch in den Fürstentümern Liegnitz-Brieg-Wohlau, und in schlesischen<br />

Städten, darunter Breslau, eingeführt wurde, kann als „traditionelles Luthertum“<br />

bezeichnet werden. Dieser Begriff ist weder präzise noch in der Geschichtsschreibung<br />

etabliert. Er wird hier zur Bezeichnung der im schlesischen<br />

Luthertum vorherrschende Bekenntnisform verwendet. Gemeint ist die Gestalt,<br />

in der das Luthertum in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor allem durch<br />

die Bekenntnisschriften der beiden Wittenberger Reformatoren Luther und Me-<br />

5<br />

OTTO SCHEIB, Die Reformdiskussionen in der Hansestadt Hamburg 1522–1528. Zur<br />

Struktur und Problematik der Religionsgespräche, Münster 1976, (Reformationsgeschichte<br />

Studien und Texte 112), passim, bes. 196-199. Die methodische Grundlage basiert auf der<br />

Arbeit von Thomas Fuchs, Konfession und Gespräch. Typologie und Funktion der Religionsgespräche<br />

in der Reformationszeit, Köln-Weimar-Wien 1995, 6–16.


116 GABRIELA WĄS<br />

lanchthon geformt und nach Schlesien transferiert wurde. Nach der Mitte des<br />

Jahrhunderts war der Einfluss Melanchthons stark. Doch obwohl sein „Corpus<br />

doctrinae“ als Sammlung religiöser Lehrschriften in einigen schlesischen Fürstentümern<br />

Eingang fand, ist deren Bekenntnis nicht einfach mit dem sog. Philippismus<br />

gleichzusetzen. Es scheint, dass es in den Religionsstreitigkeiten der 2.<br />

Hälfte des 16. Jahrhunderts in den Fürstentümern der Liegnitz-Brieger Dynastie,<br />

in denen nach der Episode der von Schwenckfeld entwickelten selbständigen<br />

Reformation in den Jahren 1525–1529 jenes traditionelle Luthertum dominierte,<br />

mehr um den Schutz der bereits entwickelten Struktur der reformatorischen<br />

Kirchen als um theologische Modifikationen und Nuancen ging. Doch<br />

kollidierte dieses „traditionelle“ in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts<br />

mehrmals mit dem orthodoxen Luthertum, so dass es auch kirchliche Unruhen<br />

gab. Gleichzeitig bildeten sich in den Fürstentümern Liegnitz und Brieg in der<br />

zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts informelle und illegale – illegal nach dem<br />

Gesetz des böhmischen Staates – reformierte Milieus, die bis 1620 Ursache religiöser<br />

Gärung in Schlesien waren. Daneben entwickelte sich ein zweites Zentrum<br />

der Reformierten in Breslau. All die genannten protestantischen Strömungen<br />

– Schwenckfeldertum, traditionelles Luthertum (Brieger und<br />

Liegnitzer Luthertum), orthodoxes Luthertum und Reformiertentum – in der<br />

Literatur wie in den Quellen meist mit dem Begriff „Calvinismus“ zusammengefaßt<br />

– sorgten <strong>für</strong> reichen Stoff vieler Diskussionen in Schlesien bis 1620.<br />

Danach, d.h. nach der Niederlage König Friedrichs I. von Wittelsbach und<br />

der Konföderation im Jahr 1620, wurden in Schlesien keine innerprotestantischen<br />

Religionsgespräche mehr geführt – die militante Politik der siegreichen<br />

Habsburger bestimmte nun den Primat des Katholizismus im öffentlichen Raum<br />

des böhmischen Königreiches samt Schlesiens. Die einzige Reaktion der schlesischen<br />

Evangelischen konnte darin bestehen, sich um den Fortbestand ihrer<br />

Konfession zu bemühen, und dazu war es nötig, alle religiösen Streitigkeiten<br />

aufzugeben und sich dem wichtigsten evangelischen Bekenntnis, dem lutherischen,<br />

anzupassen, das bereits einen anerkannten rechtlichen Status besaß.<br />

2. Die Auseinandersetzung zwischen Schwenckfeldern<br />

und Lutheranern 1525–1534<br />

Die erste Auseinandersetzung im reformatorischen Lager in Schlesien war der<br />

Kampf zwischen Anhängern Schwenckfelds und des frühen Luthertums. Die<br />

Hauptursache waren unterschiedliche Auslegungen der das Sakrament des


Die Herrnhuter Brüdergemeine als Sammelbecken<br />

des schlesischen Pietismus und ihre Widersacher<br />

von Dietrich Meyer<br />

Wer sich mit der Brüdergemeine in Schlesien beschäftig t, erhält gewöhnlich die<br />

Auskunft: „Ja, natürlich, da gab es die vier Gemeinden: Gnadenfrei bei Reichenbach,<br />

Gnadenberg bei Bunzlau, Neusalz und Gnadenfeld in Oberschlesien<br />

und nach 1815 natürlich noch als 5. Gemeinde Niesky, das von Sachsen an Preußen<br />

abgegeben werden musste.“ Das ist ja auch richtig, aber doch sehr verkürzt, sowohl<br />

was die Auseinandersetzung mit dem preußischen Staat und die lutherische<br />

Landeskirche wie das Entstehen weiterer Sozietäten und Gemeinden im<br />

19. Jahrhundert angeht und lässt nichts ahnen von der bewegten Geschichte des<br />

Herrnhutertums in Schlesien. Die folgenden Ausführungen wollen einen Überblick<br />

über den Einfluss Herrnhuts in Schlesien geben und in die Literatur einführen.<br />

Nur an einzelnen Stellen soll ein Hinweis auf konkrete Auseinandersetzungen<br />

und einzelne Personen gegeben werden. Da die Darstellung der Entstehung<br />

der Brüdersiedlungen in Schlesien durch den Brüderhistoriker David<br />

Cranz (1723–1777) nun im Druck vorliegt, wird immer wieder darauf verwiesen<br />

werden. 1 Auf die ursprünglich dem Referat beigegebenen Fotos und Ansichten<br />

wird weitgehend verzichtet.<br />

1. Herrnhuts Kontakte zu Schlesien<br />

Generell kann man sagen, dass der Pietismus in Schlesien bis etwa zum Jahr 1730<br />

von dem Einfluss Halles und August Hermann Franckes geprägt war. 1730 wurden<br />

dessen bedeutendste Vertreter Johann Heinrich Sommer (1675–1758) in<br />

Dirsdorf und Johann Adam Steinmetz (1689–1762) und Johann Muthmann<br />

1<br />

DAVID CRANZ, Geschichte der evangelischen Brüdergemeinen in Schlesien, insonderheit<br />

der Gemeinde zu Gnadenfrei. Eine historisch-kritische Edition, hg. von Dietrich Meyer,<br />

Wien, Köln, Weimar 2021 (im Folgenden zitiert: Cranz). Zu der Entstehung der Gemeinden<br />

Gnadenberg, Gnadenfrei und Gnadenfeld vgl. auch die siedlungsgeschichtliche<br />

Arbeit von BIRGIT A. SCHULTE, Die schlesischen Niederlassungen der Herrnhuter Brüdergemeine<br />

Gnadenberg, Gnadenfeld und Gnadenfrei. Beispiele einer religiös geprägten<br />

Siedlungsform im Wandel der Zeit, Insingen 2008.


144 DIETRICH MEYER<br />

(1685–1746) in Teschen durch die Regierung in Wien abgesetzt und vertrieben. 2<br />

Schon 1726 wurde das Waisenhaus in Ober-Glauche bei Trebnitz unter Pfarrer<br />

Johann Mischke (1679–1734) geschlossen und 1727 erfolgte ein zweites kaiserliches<br />

Mandat gegen den Pietismus, das Pfarrer zum Verlassen des Landes veranlasste<br />

wie Pfarrer Benjamin Lindner (1694–1754) in Schönbrunn. Zinzendorf<br />

selbst hatte das Pädagogium in Halle von 1710 bis 1716 besucht und<br />

verstand sich als Schüler Halles. Erst nach dem Tode von August Hermann<br />

Francke 1727 kam es zu einem Bruch und der Entstehung einer Zinzendorf<br />

feindlichen Partei in Halle und schließlich seit 1734 zu Zinzendorfs theologischer<br />

Abkehr vom halleschen Pietismus und einer eigenständigen Lutherrezeption.<br />

Schlesien stand <strong>für</strong> ihn und schon <strong>für</strong> seine Großmutter Henriette Katharina<br />

von Gersdorf (1648–1726) im Blick ihrer Aufmerksamkeit, um den dortigen<br />

Evangelischen unter dem Druck der Habsburger Regierung zu Hilfe zu kommen.<br />

Diese Fürsorge <strong>für</strong> verfolgte Adlige leitete ihn auch, als er 1724 sehr zum<br />

Ärger August Hermann Franckes ein Adelspädagogium gründete. Erich Ranzau<br />

(1719–1796) gibt in seiner handschriftlichen Geschichte der brüderischen Diaspora<br />

und Gemeinschaftspflege eine kurze Beschreibung von Zinzendorfs fast<br />

jährlichen Reisen nach Schlesien vom Sommer 1723 bis 1727. 3 Dabei wird deutlich,<br />

dass Zinzendorf die wichtigsten Vertreter des halleschen Pietismus in Schlesien<br />

wie Johann Christoph Schwedler (1672–1730) in Nieder Wiesa, Pfarrer<br />

Melchior Gottlieb Minor (1693–1748) in Landshut, Pfarrer Heinrich Sommer<br />

in Dirsdorf, Pfarrer Johann Adam Steinmetz und Johann Muthmann in Teschen<br />

besuchte, sowie die Verbindung mit pietistisch geprägten Adligen 4 wie Graf Erdmann<br />

Heinrich Henkel (1681–1752) auf Oderberg, Graf Karl Friedrich Pfeil<br />

(1695–1767) in Dirsdorf, Graf Johann Heinrich Morawitzky (1685–1775) in<br />

Boblowitz und Ernst Julius von Seidlitz (1695–1766), in dessen Haus in Schönbrunn<br />

er in einer Versammlung vor 300 Besuchern 1726 sprach, suchte. In<br />

Hirschberg hielt Zinzendorf eine Erbauungsstunde bei Familie Glafey, einem<br />

der dortigen Schleierherren, die ihren Sohn zur Ausbildung in das Seminar der<br />

Brüder in Urschkau/Orsk Kreis Wohlau unter der Leitung von Bischof Polycarp<br />

Müller gaben. Der Kaufmann schrieb 1735 an Zinzendorf eindrücklich:<br />

2<br />

Über die von Halle geprägten Pfarrer in Schlesien vgl. DIETRICH MEYER, Der Einfluß des<br />

hallischen Pietismus auf Schlesien, in: Johannes Wallmann und Udo Sträter (Hg.), Halle<br />

und Osteuropa. Zur europäischen Ausstrahlung des hallischen Pietismus, Tübingen 1998<br />

(Hallesche Forschungen 1), 211-229.<br />

3<br />

ERICH RANZAU, Historie der Brüder-Diaspora (NB I.R.3.148.b.1, S. 93–100).<br />

4<br />

Vgl. dazu GERHARD MEYER, Gnadenfrei. Eine Siedlung des schlesischen Pietismus im 18.<br />

Jahrhundert, Hamburg 1950, 25–33.


DIE HERRNHUTER BRÜDERGEMEINE 145<br />

„Ich bin zwar schon unzähligemahl inn Herrnhut gewesen, ob zwar nicht dem<br />

Leibe nach (da es nur [ein] einziges mahl vergangenes Jahr, und zwar in Ew. Excell.<br />

Abwesenheit geschehen), doch dem Geiste und Gemüthe und Willen nach<br />

mit Bethen, Singen, Seuffzen, Wünschen, Beystimmen und veneriren.“ 5<br />

Die Verbindung mit Hirschberg führte in den nächsten Jahren zu einem festen<br />

Kreis, insbesondere nachdem Zinzendorf den Theologiestudenten Ernst August<br />

Hersen (1714–1750) 6 in der Familie Hartmann als Hauslehrer installiert hatte.<br />

Zu diesem Kreis gehörten Anfang der 1740er Jahre die Pfarrer Johann Christoph<br />

Rothe 7 (1709–1764) aus Ludwigsdorf, später Dirsdorf, und Pfarrer Christoph<br />

Heinrich Feist 8 (1719–1775) aus Spiller. Hersen dokumentiert die seit<br />

Mitte der dreißiger Jahre herrschende brüderische Blut- und Wundentheologie<br />

sehr eindrücklich in seinem Diarium von 1743ff.<br />

Als ein Herr Schumann mit ihm in Gebetsgemeinschaft treten wollte,<br />

machte er ihn auf ihr unterschiedliches theologisches „System“ aufmerksam.<br />

Sein Gesprächspartner konnte nicht begreifen, schreibt Hersen, „daß mein Systema<br />

so kurtz und nur eine Wahrheit in sich faßte“, „seitdem mir Jesu Blut und<br />

Tod das Hertz genommen“. Als sein Gegenüber daran zweifelte, antwortete er<br />

ihm schlagend:<br />

„Was die Erleuchtung sey ? Ich sagte : Wenn uns der Heyland ein licht in unserm<br />

Hertzen aufgehen läßt, daß wir verlohrne und verdammte Menschen<br />

und Sein Blut zu unsrer Errettung brauchen. Was die Wiedergeburt sey? Antwort:<br />

Wenn der Heyland unsre von Natur todte und kalte Hertzen mit seinem<br />

Blut lebendig macht und wir aus dem Tode ins Leben kommen. Was die<br />

Heiligung sey? Antwort: Wenn der Heyland uns mit seinem Blut das privilegium<br />

ertheilet, nicht mehr sündigen zu dürffen. Er sagte, ob meine Antworten<br />

gleich nicht systematisch, hätte er doch nichts daran auszusetzen, er<br />

wolle denn nun seine noch übrige Lebens Zeit auch dazu widmen, in der<br />

Wahrheit vom Blute und Tode Jesu sich immer mehr gründen zu laßen.“ 9<br />

Zinzendorf war natürlich nicht der einzige Herrnhuter, der nach Schlesien reiste.<br />

Der Mähre Christian David besuchte zwischen 1718 und 1727 Mähren zwölf-<br />

5<br />

Unitätsarchiv Herrnhut R.19.B.b.1.b.14. Brief aus Hirschberg an Zinzendorf vom 27.7.1735.<br />

Alle folgenden Archivsignaturen beziehen sich auf das Unitätsarchiv in Herrnhut.<br />

6<br />

Vgl. dazu seinen Lebenslauf R.22.156.11.<br />

7<br />

Johann Christoph Rothe (1709–1764), 1742 Pfarrer in Ludwigsdorf, 1746–1764 in Dirsdorf<br />

(DIETMAR NESS (Hg.), <strong>Schlesische</strong>s Pfarrerbuch, Bd. 3, Leipzig 2014, 256).<br />

8<br />

Christoph Heinrich Feist (1719 in Nieder Wiesa – 1775) war Pfarrer in Spiller<br />

1742–1775 (Dietmar Neß (Hg.), <strong>Schlesische</strong>s Pfarrerbuch, Bd. 7, Leipzig 2016, 522).<br />

9<br />

R.19.B.b.1.a.1 Diarium von Ernst August Hersen, zum 18.10.1744.


146 DIETRICH MEYER<br />

mal und nahm seinen Weg gewöhnlich über Schlesien. Den Graf von Seidlitz<br />

hatte er schon im Winter 1721/22 in Schönbrunn kennengelernt. Leider sind<br />

seine Reisen kaum dokumentiert bis auf die Reise von 1727. 10 Gerhard Meyer<br />

schreibt dazu:<br />

„Die Reise, die Christian David und Christian Demuth vom 27. September bis<br />

7. April 1728 nach Schlesien machten, sollte Herrnhut dort überall bekannt<br />

machen und große Auswirkungen nach sich ziehen.“ 11<br />

Die beiden berichteten nach Herrnhut über ihre Ansprachen und den Zulauf,<br />

den sie in Schweidnitz, Peterswaldau, Langenbielau, Rosenbach, Habendorf,<br />

Dirsdorf, Sakrau, Landeshut, Hirschberg, Kreuzberg, Schönbrunn, Manze, Tepliwoda,<br />

Heidersdorf und in Oberschlesien Rösnitz und Branitz hatten, wobei<br />

Demut sich vor allem als guter Sänger böhmischer Lieder hervortat.<br />

David Nitschmann „Syndicus“ begleitete Zinzendorf 1727 auf der Reise<br />

nach Schlesien. Das Oderland diente also den Mähren immer wieder als Durchgangsroute<br />

auf ihren Reisen zu ihren Familien im Kuhländchen in der Gegend<br />

von Troppau, aber auch <strong>für</strong> die Besuche zu den polnischen Brüdern in Lissa. 12<br />

Der Herrnhuter Sekretär und Syndicus Johann Gottlieb Ehrenfried Böhmer<br />

(1702–1741) aus Schweinitz besuchte seine Familie und die in Reichenbach<br />

sowie in Hirschberg eingerichtete Versammlung seit 1736. 13<br />

Nun gab es in Schlesien manche unterschiedliche außerkirchliche und mystisch<br />

oder theosophisch geprägte Richtung schon vor der Entstehung des Pietismus<br />

und man müsste untersuchen, inwieweit sich der Pietismus mit diesen<br />

Strömungen verband, was hier nicht geschehen kann. Schaut man die Abhandlung<br />

von David Cranz über die Vorgeschichte zu Gnadenfrei durch, so wird deutlich,<br />

dass er Jakob Böhme und seine Nachfolger kritisch beurteilt und <strong>für</strong> separatistisch<br />

hält, nicht dagegen die Schwenckfelder, die Zinzendorf in Berthelsdorf<br />

aufgenommen hatte. Im deutlichen Unterschied zur Haltung der orthodox-lutherischen<br />

Kirche, die die Schwenckfelder verurteilte, beurteilt Cranz „die zuerst<br />

und an sich selbst gute Sache des Schwenckfeld“ viel differenzierter und schreibt:<br />

10<br />

Vgl. dazu EDITA STERIK, Christian David 1692-1751. Ein Lebensbild des Gründers von<br />

Herrnhut und Mitbegründers der erneuerten Brüderunität, Herrnhut 2012, 15 und 335–337.<br />

11<br />

Meyer, Gnadenfrei, 52–61 und THEODOR WOTSCHKE, Herrnhuts erste Arbeit in Schlesien,<br />

in: ZVGS 69, 1935, 184–238.<br />

12<br />

Cranz, 131.<br />

13<br />

Cranz, 131.


DIE HERRNHUTER BRÜDERGEMEINE 147<br />

„Ich glaube, daß aus der Reformation <strong>für</strong>s Reich Christi in den Herzen viel mehr<br />

Gutes heraus gekommen wäre, wenn er [= Schwenckfeld] auf einer Seite in Wittenberg,<br />

wo er 1525 sich mit Luther und Bugenhagen unterredet, mit mehr<br />

Liebe gehört, das Gute von ihm angenommen und genutzet und Lutherus nach<br />

seiner Abreise ihn nicht schriftlich verkleinert hätte, auf der andern Seite aber<br />

seine gelehrten Anhänger in Liegnitz behutsamer in ihren Predigten und Schriften<br />

gewesen wären, sich nicht von den Wiedertäufern einnehmen laßen und allerley<br />

schwärmerische Dinge angegeben hätten.“ 14<br />

Die Verbindung mit Herrnhut wurde wesentlich durch die Adligen gefördert,<br />

die mit Zinzendorf Kontakt hielten und sich Informatoren <strong>für</strong> ihre Kinder aus<br />

Herrnhut kommen ließen. Unter ihnen ist Graf Ernst Julius von Seidlitz an erster<br />

Stelle zu nennen. Er besuchte Herrnhut seit 1735, wollte sogar nach Herrnhut<br />

ziehen, wo er schließlich seine Familie wegen der be<strong>für</strong>chteten Haft oder<br />

Ausweisung unterbrachte, kaufte aber 1734 ein Schloss in Ober-Peilau auf Drängen<br />

seiner Freunde 15 und holte Hans Heinrich Thiel als Informator seiner Kinder<br />

aus Herrnhut. Diesem Informator gelang es sogar, Seidlitz als Bediensteter<br />

während seiner Haft 1739/40 zu dienen. Solche Herrnhuter Informatoren stellte<br />

auch die Frau von Tschirschky <strong>für</strong> ihre Söhne an. 16 Hatte sich Seidlitz zunächst<br />

mit Versammlungen in Peilau zurückgehalten, so strömten bald aus der Umgebung<br />

und von Dirsdorf so viele Menschen zu den Treffen in seinem Hause, dass<br />

es den Behörden nicht verborgen bleiben konnte.<br />

„Einmal, am 12. Juni 1739, wurde die Zahl der Versammlungsbesucher auf fünfhundert<br />

geschätzt, darunter viele Katholiken.“ 17<br />

Am 8./9. Juli 1739 wurde er durch die Regierung nach Jauer zitiert und verhört,<br />

und im November wurden, nachdem man ihn gezwungen, Namen von befreundeten<br />

Unterstützern preiszugeben, noch einmal 40 weitere Personen teils inhaftiert,<br />

teils bloß verhört und verwarnt, darunter sein Bruder Friedrich Wilhelm (gest.<br />

1746) in Mittel-Peilau und Helene Elisabeth von Tschirschky (1701–1766). 18<br />

Als Kaiser Karl VI. am 20. Oktober starb und Friedrich II. mit seinem Heer am<br />

16. Dezember in Schlesien einmarschierte, ließ man Seidlitz am 21. Dezember<br />

1739 frei und die politische Situation änderte sich in Schlesien völlig. 19<br />

14<br />

Cranz, <strong>101</strong>.<br />

15<br />

Cranz, 128–130.<br />

16<br />

Cranz, 135.<br />

17<br />

HERMANN STEINBERG, Ernst Julius Freiherr von Seidlitz, in: <strong>Schlesische</strong> Lebensbilder,<br />

Bd. 3, Breslau 1928, 2. Aufl. Sigmaringen 1985, 144–149, hier 146.<br />

18<br />

Cranz, 132f.


148 DIETRICH MEYER<br />

2. Die Generalkonzession und Spezialkonzessionen Friedrichs II.<br />

<strong>für</strong> die Mährischen Brüder<br />

Die Bemühungen um eine Anerkennung der “mährischen Brüder“ durch den<br />

König, die vor allem von einigen Adligen und der Leitung der Herrnhuter Brüder<br />

betrieben wurde, führte am 25. Dezember 1742 zu einer ersten Generalkonzession<br />

Friedrichs II., in der er den „Deputierten der Mährischen Brüder“<br />

zusicherte, dass sie sich in Schlesien „etabliren mögen, anbey eine vollkommene<br />

Gewissens-Freyheit, nebst der Erlaubniß, ihren Gottesdienst öffentlich auszuüben“<br />

und eigene Prediger halten dürfen. 20 Die Mährischen Brüder wurden nicht<br />

dem lutherischen Konsistorium unterstellt, sondern ihrem eigenen Bischof, der<br />

allerdings seinen Wohnsitz in Schlesien nehmen musste. In allen Dingen, die<br />

nicht der Kirchenordnung unterliegen, waren sie den Landesgesetzen unterworfen.<br />

Dieses königliche Wohlwollen löste auf der Synode in Hirschberg im<br />

Vogtland Anfang Juli 1743 große Hoffnungen aus. „Ungeachtet aller Drohungen<br />

kamen die Leute wohl 299 ordentlich aufgezeichnete nach einander nach<br />

Herrnhut.“ „Wir können leicht 4000 Seelen in Schlesien herzählen, die mit uns<br />

sind.“ „Peile ist ein Ort von 2 Stunden, darinnen mehr als 6000 Menschen, davon<br />

alle Obrigkeit biß auf eine unsere Brüder sind.“ 21<br />

Die Genehmigung, sich an einem Orte anzubauen, wurde dann in Spezialkonzessionen<br />

genauer verfügt. Es gab insgesamt 7 solcher Spezialkonzessionen,<br />

und zwar <strong>für</strong> Gnadenfrei, Gnadenberg, Neusalz, Burau, Peterswaldau, Rösnitz<br />

und Gnadenfeld. Ich gehe sie im Folgenden der Reihe nach durch.<br />

In Oberpeilau hatte Seidlitz nach seiner Befreiung sofort wieder begonnen,<br />

Versammlungen in seinem Schloss abzuhalten. Er beantragte schon 1742 ein<br />

Bethaus, noch bevor eine königliche Spezial-Konzession eingegangen war, ließ<br />

am 17. August 1742 Holz <strong>für</strong> ein Bethaus fällen und ließ es nach Eingang der<br />

Generalkonzession aufbauen. Es wurde am 2. Juni 1743, dem Pfingstfest, mit<br />

Besuchern aus 26 Orten und am 4. Juni mit einem Liebesmahl mit 360 Geschwistern<br />

eingeweiht.<br />

Das Oberamt in Breslau aber, „wo man keine Freunde hatte“, verwarnte ihn<br />

und verbot ihm den öffentlichen Gottesdienst am 1. Juli, weil er noch keine Spezialkonzession<br />

empfangen habe. Nach einer erneuten Eingabe und einer Emp-<br />

19<br />

Cranz, 134.<br />

20<br />

Abgedruckt in: Büdingische Sammlung Einiger in die Kirchen-Historie Einschlagender,<br />

Sonderlich neuerer Schrifften, Büdingen 1742, Bd. 3, 122–124 unter dem Titel: Friderici<br />

II. Königs in Preussen Majestäts-Brief vor die Mährische Brüder-Kirche in Dero Landen.<br />

21<br />

R.2.A.8.1.a, 81–83.


DIE HERRNHUTER BRÜDERGEMEINE 149<br />

fehlung von Zinzendorf traf dann am 27. Juli die Spezialkonzession <strong>für</strong> Gnadenfrei<br />

ein. 22 Am 13. und 15. Januar 1743 wurde die Gemeine in einer bewegten<br />

Feier begründet, die man mit allen Mitteln auf ca. 200 Personen beschränken<br />

wollte, da sich viel mehr hinzudrängten. 23 Am 15. Januar fand die<br />

Gründungs-Abendmahlsfeier statt. Gerhard Meyer, der noch die Gnadenfreier<br />

Akten einsehen konnte, fand dort eine Liste der Anwesenden von insgesamt 225<br />

Teilnehmern. 24 Wie groß der Andrang zur Gemeine in Gnadenfrei war, zeigt die<br />

Zahl bei der Beerdigung eines Mitarbeiters am 28. April 1743, zu der „an 1000<br />

Personen“ gekommen waren und wobei der Gottesacker eingeweiht wurde. 25<br />

Ähnlich wie in Gnadenfrei stand im Hintergrund der Gemeinde Gnadenberg<br />

ein Adliger, der Rittmeister Hans Friedrich von Falckenhayn (1681–1745),<br />

der nach dem frühen Tod seiner zweiten, bewusst evangelischen Frau im Jahr<br />

1731 eine religiöse Wende erlebte, sich Herrnhut zuwandte und auf seinem Her-<br />

22<br />

Cranz, S. 179f. Da die Spezialkonzessionen kaum abgedruckt worden sind, seien sie im<br />

Folgenden eingefügt. Für Gnadenfrei/Peilau lautete sie: „Seine Königliche Majestät in Preußen<br />

etc. Unser Allergnädigster Herr, ertheilen hiedurch der Mährischen Brüderschafft die<br />

gnädigste Erlaubniß zu Peile im Fürstenthum Schweidnitz ein Beth-Hauß zu erbauen und,<br />

Ihrer Kirchen-Disciplin gemäß, nach mehrerer Maßgebung der Ihnen zu freyer Ausübung<br />

Ihres Gottes-Diensts ertheilten Königlichen Concessionen und deshalb ergangenen Verordnungen<br />

einzurichten, jedoch dem Parocho loci und anderen an Ihren wohlhergebrachten<br />

Juribus ohnabbrüchig. Signatum Berlin den 27ten Julij 1743“ (R.1.D.3.e).<br />

23<br />

Der Bericht über den „Gemein-Schluß“ findet sich bei Cranz, 160–163. Vgl. dazu Meyer<br />

(wie Anm. 4), 100-<strong>102</strong>.<br />

24<br />

Meyer, <strong>102</strong>.<br />

25<br />

Cranz, 164.<br />

Abb. 1: Betsaal der Sozietät in Breslau (Privatbesitz)


150 DIETRICH MEYER<br />

rensitz Versammlungen nach Herrnhuter Art abhielt. Da dies zu Schwierigkeiten<br />

mit der Landeskirche in Bunzlau führte, stellte er nach der Eroberung Schlesiens<br />

durch Friedrich II. den Antrag <strong>für</strong> ein Bethaus auf seinem Gut in Groß<br />

Krauschen/Kruszyn, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Am 17. Dezember<br />

1742 stellte er den Antrag, und bereits am 5. Januar erhielt er die Spezialkonzession,<br />

auf seinem Gut ein Bethaus zu bauen und darin den „Gottesdienst<br />

nach der Vorschrift der Mährischen Konfession auszuüben.“ 26 Die Grundsteinlegung<br />

<strong>für</strong> den Betsaal auf dem „Bergel“ fand am 2. Mai 1743 statt und bereits<br />

am 3. November konnte der Saal in „Gnadenberg“, wie die neu angelegte Siedlung<br />

genannt wurde, eingeweiht werden. Ein Chronist „berichtet von mehreren<br />

tausend Zuhörern, die sich im März 1743 von dem historischen Ereignis angezogen<br />

fühlten, obwohl auch hier nur 220 Personen zur Gründung der Gemeine<br />

zugelassen wurden. 27 Zwar wurden in Gnadenfrei und in Gnadenberg die Spezialkonzessionen<br />

<strong>für</strong> die Kirche der Mährischen Brüder ausgestellt, aber die Mitglieder<br />

in beiden Gemeinden waren nur zu einem winzigen Teil mährische Exulanten,<br />

sondern Erweckte aus dem pietistischen Umfeld der Gemeinden. Waren<br />

es in Gnadenfrei die Erbauungsversammlungen des Grafen Seidlitz und die Erweckten<br />

von Dirsdorf in der Nachfolge von Pfarrer Sommer, wo damals der mit<br />

Herrnhut sympathisierende Pfarrer Gottlieb Conrad (1696–1746) amtierte, so<br />

in Gnadenberg die Erweckten aus Thommendorf und Umgebung, wo die Pastoren<br />

Daniel Gottlieb Mäderjan (1691–1734) und nach dessen Tod Christian<br />

26<br />

Margrit Keßler-Lehmann, Gnadenberg. Eine Herrnhuter Brüdergemeine in Schlesien<br />

(1943–1947), Herrmhut 2002, 18f. Die Konzession lautet: „Seine Königliche Majestät in<br />

Preußen etc. Unser allergnädigster Herr, ertheilen hiedurch dem Hans Friderich von Falckenhayn<br />

auf Groß-Krausch und Koschwitz die gnädigste Erlaubniß, auf seinem Guthe<br />

Groß Krausche im Fürstenthum Jauer ein Beth-Hauß zu errichten, und darinne den Gottes-Dienst<br />

nach der Vorschrifft der Mährischen Confession öffentlich auszuüben, einen<br />

Prediger gedachter Confession dabey nach Gutfinden zu bestellen, auch im übrigen die bey<br />

denen Mährischen Brüdern hergebrachte Kirchen-Zucht und Ordnung beobachten zu<br />

laßen: Gestalt dann höchstgedachte Seine Königl. Mayestät den etc. von Falckenhayn und<br />

die Gemeinde, so sich nebst Ihm zu mehrbemeldter Confession bekennet, der Jurisdiction<br />

Ihrer Consistorien in Geistlichen und Kirchen-Sachen gäntzlich eximiren, dergestalt, daß<br />

dieselbigen in solchen Fällen unter dero höchsten Ober-Herrschafft und Protection allein<br />

Ihren Bischöffen und sonst niemand unterworffen seyn solle, nach mehrerer Ausweisung<br />

der denen gesamten Mährischen Brüdern wegen Ihrer Gewißens-Freyheit und Religions<br />

Exercitii unter dem 25ten nächstverwichenen Decembris ertheilten Königlichen Resolution:<br />

wodurch jedennoch weder dem Römisch-Catholischen Parocho noch sonst jemand<br />

an seinen wohlhergebrachten Juribus praejudiciret werden soll. Signatum Berlin, den 5ten<br />

Januarii 1743“ (R.1.D.3.a).<br />

27<br />

Keßler-Lehmann, Gnadenberg, 20f.


Herausgegeben von <strong>Dorothea</strong> <strong>Wendebourg</strong><br />

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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig<br />

Satz: Annett Schauß, Uder<br />

Druck und Binden: BELTZ Grafische Betriebe, Bad Langensalza<br />

ISBN Print 978-3-374-07594-2 // eISBN (PDF) 978-3-374-07595-9<br />

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