BIBER 12_21_OLA_DIENSTAG (5)

dasbibermitscharf

Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

www.dasbiber.at

MIT SCHARF

NEWCOMER

SCHOOL

EDITION

WINTER 2021/22

+

KAHR IN ZAHLEN

+

PRADA UND GUCCI

+

ELTERN GEGEN

IMPFUNG

+

AFRO-

ÖSTERREICHER:INNEN

ÜBER IHRE FRISUREN

UNSERE HAARE

UNSER ERBE

KRISE AN DER POLNISCH-BELARUSSISCHEN GRENZE: WIR WAREN 4 TAGE DORT


Nicht

OK!

Mach

dich stark

gegen Gewalt an

Mädchen und Frauen!

3

minuten

mit

Esra Özmen

Esra Özmen hört sexistische

Rap-Songs, lässt sich aber von

ihnen nicht beeinflussen. Die

Ottakringerin, die zusammen

mit ihrem Bruder Enes das Rap-

Duo „EsRAP“ bildet, erzählt

im biber-Interview von ihrer

Heilung durch Kunst und wieso

selbst die Moscheegänger unter

ihren Freunden sie feiern.

Interview: Nada El-Azar,

Foto: Zoe Opratko

Wer ist sie?

Name: Esra Özmen

Alter: 31

Fun Fact: Wollte mit acht

Jahren nur Stöckelschuhe

und Minirock tragen.

Nein zu Gewalt!

Gewalt an Mädchen und Frauen hat viele

Gesichter – und bleibt zu oft unentdeckt.

Die neue Broschüre des Österreichischen

Integrationsfonds soll Mädchen in

ihrer Selbstbestimmung stärken und

sie ermutigen, sich Hilfe zu holen.

Denn Gewalt ist NICHT OK!

www.zusammen-oesterreich.at/nichtok

BIBER: In der Deutschrap-Szene ist

der durch Model Nika Irani ins Leben

gerufene Hashtag #DeutschrapMeToo

ein großes Thema. Wie sexistisch ist

das Business in deinen Augen?

ESRA ÖZMEN: Es wäre verleugnend

zu sagen, dass die Deutschrap-Szene

nicht sexistisch ist. Die Frage ist, wie

man mit diesem Sexismus umgeht. Ich

denke, dass der Fokus ein wenig verloren

gegangen ist. Rap war früher eine

Community, in der man das System

kritisiert hat. Heute ist alles viel persönlicher

geworden, Männer messen

sich gegenseitig und machen aus dem

Ganzen ein Macho-Ding. Trotzdem höre

ich sie alle: Samra, Capital Bra, Haftbefehl

und so weiter. Aber ich lasse mich

nicht von dem Sexismus beeindrucken

oder beeinflussen, weil ich darüber

Bescheid weiß. Sobald Jugendliche

über Feminismus aufgeklärt werden,

kann Deutschrap ruhig sexistisch sein,

und es wird an ihnen abprallen. Zu vorsichtig

und politisch korrekt sollte man

dabei nicht sein. Das ist einfach uncool

für die Kids und Coolness ist ihnen sehr

wichtig.

Die erfolgreichsten Rapperinnen Cardi

B, oder Shirin David treten alle hypersexy

auf. Spürst du einen Druck, als Frau

im Rap so auftreten zu müssen?

Ich frage mich auch, was dabei der

Hintergedanke ist. Wenn das der Weg

ist, ins Business einzusteigen, dann ist

das natürlich okay. Andererseits kann

es auch daran liegen, dass man als

Frau ohnehin schon ständig sexualisiert

wird, und Rapperinnen nutzen das

aus. Für mich persönlich ist es schade,

wenn man sich in einer eh schon männerdominierten

Szene solchen Bildern

bedienen muss.

Du bist in eine türkische Gastarbeiterfamilie

im Gemeindebau hineingeboren

worden. Wie findet deine Familie deine

Karriere in der Kunst?

Es gibt diesen Spruch: Veränderung

braucht Zeit. Aber es kann so schnell

passieren. Ich war die Erste, die in meiner

Familie maturiert hat. Meine Mutter

fragt mich täglich, was ich eigentlich

an der Uni mache, und versteht es aber

immer noch nicht. Aber meine ganze

Familie und sogar die Moscheegänger

unter meinen Freunden feiern mich.

Mein religiöser Opa hat gemeint: „Gut,

dass du studierst! Auch wenn es eben

Kunst ist.“ Ich habe ihn ins Rhiz auf ein

Konzert reingebracht, wo er mit Punker-

Typen rumgehangen hat. Anfangs

dachte ich, dass das ein Problem werden

könnte, aber das war es nicht.

Du verfasst nun sogar deine Dissertation

über Rap. Worum geht es da?

Ich möchte aufzeigen, wo in Wien

Rap eigentlich entsteht. Und welche

Einflüsse Migration und der Umgang

der Stadt mit diesem Thema auf die

KünstlerInnen hat.

Wie kann man Jugendlichen, die aus

ähnlichen Verhältnissen kommen wie

du, Kunst näherbringen?

Bühne geben! Leute wollen gesehen

werden. Mit ihnen in diesem Bereich

müssen aber auch Leute arbeiten,

die diese Jugendlichen verstehen.

Ich wusste ganz lange nicht, was ein

Tschusch ist, dass es politisch ist, dass

ich Ausländerin bin, oder was Feminismus

ist. Die Kunst hat mich aber

geheilt. Wir müssen die Diskussion

indie Parks bringen, wo die Kids sind.

/ 3 MINUTEN / 3



Liebe Leser:innen,

IMPRESSUM

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21, Musuemsplatz 1, E-1.4,

1070 Wien

HERAUSGEBER

Simon Kravagna

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH Quartier 21, Museumsplatz 1, E-1.4, 1070

Wien

Tel: +43/1/ 9577528 redaktion@dasbiber.at marketing@dasbiber.at abo@

dasbiber.at

WEBSITE: www.dasbiber.at

CHEFREDAKTEURIN:

Delna Antia-Tatić (karenziert)

POLNISCH-BELARUSSISCHE

GRENZE: BEHIND THE SCENES

Ich sag‘s, wie es ist: biber hat

für Reportagen dieses Kalibers

normalweise keine Kohle und

keine Kapazitäten. Wir haben es

geschafft, weil wir unglaublich viel

Wir waren gerade vier Tage im polnisch-belarussischen Grenzgebiet – als

bislang einziges österreichisches Medium.

Tausende Geflüchtete harren dort seit Wochen im Wald aus – ohne

Nahrung oder Dach über dem Kopf. Sie essen Blätter von den Bäumen

und trinken verseuchtes Wasser. Medizinischem Personal, NGOs und

auch Journalistinnen bleibt der Zutritt in die Sperrzone verwehrt. Wir

waren trotzdem nah dran. Über Grenzsoldaten, die an ihre psychischen

Grenzen gehen, FlüchtlingshelferInnen, die von der polnischen Regierung

wie Kriminelle behandelt werden, und den Oberarzt Arsalan Azzadin

im Spital von Bielsk Podlaski, der an seine geflüchteten Landsleute

appelliert: „Kommt nicht über diese Route nach Europa. Ich will nicht noch

mehr von euch sterben sehen.“ S 14.

Zurück nach Österreich, in die steirische Hauptstadt, um genau zu sein.

Die neue Grazer Bürgermeisterin und überzeugte Kommunistin Elke

Kahr hat uns ein Interview in Zahlen gegeben. Wie oft Kahr das Marxsche

„Kapital“ gelesen, wie viele Sprechstunden sie in den letzten 5 Jahren

gegeben hat und wie viel ihr teuerstes Kleidungsstück, rotlackierte High-

Heels, gekostet haben, könnt ihr ab S. 22 nachlesen.

Nicht so sparsam wie die Kommunistin Kahr sind die Jugendlichen, die

wir im Wiener Donauzentrum fotografiert haben. Sie gehen noch zur

Schule, tragen aber teure Marken-Klamotten. Protzige Marken-Logos

galten lange Zeit als peinlich, scheinen aber mittlerweile wieder voll

im Trend zu liegen. Die Styler-Strecke über Gucci, Louis und Prada am

Schulhof gibt‘s ab S. 40.

STV. CHEFREDAKTEURE:

Amar Rajković und Aleksandra Tulej

CHEFREPORTERIN:

Aleksandra Tulej

KOLUMNIST/IN:

Ivana Cucujkić-Panić, Jad Turjman

LEKTORAT: Florian Haderer

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Adam Bezeczky, Nada El-Azar, Zoe Opratko, Maryam Al-Mufti,

Seyda Gün, Soza Al-Mohammad

VERLAGSLEITUNG:

Aida Durić

FOTOCHEFIN:

Zoe Opratko

ART DIRECTOR:

Dieter Auracher

REDAKTIONSHUND:

Casper

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Wilfried Wiesinger

ÖAK GEPRÜFT LAUT BERICHT ÜBER DIE JAHRESPRÜFUNG IM 1. HJ 2021:

Druckauflage: 78.667

verbreitete Auflage: 75.500 Stück

Die Offenlegung gemäß §25 MedG ist unter www.dasbiber.at/impressum abrufbar

DRUCK: Druckerei Berger

Erklärung zu gendergerechter Sprache:

In welcher Form bei den Texten gegendert wird, entscheiden die jeweiligen Autoren

und Autorinnen selbst: Somit bleibt die Authentizität der Texte erhalten - wie immer

„mit scharf“.

Unterstützung von allen Seiten

hatten. Von last-minute Equipment

borgen, über Eltern, die acht

Stunden mit dem Auto fahren, um

uns aus dem Wald zu holen, bis hin

zu unseren wunderbaren RedaktionskollegInnen,

die 24/7 auf

Abruf waren und uns psychisch

den Rücken gestärkt haben:

Danke euch allen – Genau das ist

Teamwork mit scharf.“ S. 14

Aleksandra “ Tulej,

stv. Chefredakteurin

Dass nicht jeder Style jedem gebührt, wissen wir nicht seit gestern. Dass

weiße Menschen sich schwarze Hairstyles aneignen, ist ein No-Go. So

stecken hinter diesen Frisuren Geschichte, Leid, Erbe und Stolz. Die große

Black-Hair-Fotostrecke ab S. 30

Normalerweise tingeln wir durch die Schulen und halten unsere Medien-

Workshops ab. Aus bekannten Gründen geht das momentan nicht. Dank

unserer Lehrer-KollegInnen und ihren Schützlingen bekommt ihr in dieser

Ausgabe trotzdem einen Einblick in die schulischen Lebenswelten. Über

mühsames School Learning, Asperger Syndrom und Eltern, die sich nicht

impfen lassen wollen. S. 28, 48 und 56.

Wir lesen nächstes Jahr wieder voneinander,

Bussis,

die Redaktion

© Zoe Opratko

Beratung

Unterstützung

Information

Vertraulich und kostenlos in der Gleichbehandlungsanwaltschaft

• Wieso verdient mein Stell vertreter, den

ich eingeschult habe, jetzt mehr als

ich – obwohl ich Projektleiterin bin?

• Mein Vorgesetzter wünscht sich ein

junges, dynamisches Team – kann

er mich mit 50 wirklich so einfach

abservieren?

• Ich heiße „Öztürk“ – und deshalb vermieten

Sie mir Ihre Wohnung nicht?

• Ich bin in einen anderen Buben

verliebt, meine Mitschüler:innen

beschimpfen mich deshalb.

Was kann ich tun?

• Was hat mein Kopftuch mit meiner

beruflichen Qualifikation zu tun?

• Die Hände meines Chefs haben auf

meinen Hüften nichts verloren!

Sie fühlen sich diskriminiert?

Sie wollen das nicht hinnehmen?

Rufen Sie uns an oder

schicken Sie ein E-Mail!

0800 206 119

gaw@bka.gv.at

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ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG

4 / MIT SCHARF /

gleichbehandlungsanwaltschaft.gv.at



3 3 MINUTEN

mit Esra Özmen

8 IVANAS WELT

Was die schlechte Kommunikation der Regierung

mit einer zu dünnen Haube zu tun hat.

10 WAS UNS BEWEGT

Über verbotene Dickpics, die neuesten

Jugendwörter und News aus der Society-Welt.

POLITIKA

14 EUROPAS GRENZE DER

MENSCHLICHKEIT

Unser polnisch-syrisches Reporterinnenteam

war vier Tage an der Grenze zwischen Polen und

Belarus.

22 „FRAU KAHR, WIE OFT SIE

DAS KAPITAL GELESEN?“

Biber fragt in Worten, die neue Grazer

KP-Bürgermeisterin Elke Kahr antwortet in Zahlen.

24 DANKE, WIEN

Warum sich Wiens Krisenmanagent Applaus

verdient hat, kommentiert Amar Rajković.

26 WARUM ALLE MÄNNER

SEXISTEN SIND

Praktikantin Maryam Al-Mufti stellt in ihrem

Kommentar eine gewagte These auf.

RAMBAZAMBA

28 HEIMLICHE IMPFUNG

Die Schülerin Oana* (14) hat sich impfen lassen,

obwohl ihre Eltern dagegen sind.

30 UNSERE HAARE, UNSER ERBE

Von Buzzcut bis Braids: Afro-Hairstyles und was

sie ihren Trägern bedeuten.

39 WOHER KOMMST DU

WIRKLICH?

Aleksandra Tulej nahm die Frage ernst und

machte einen DNA-Test.

40 LOUIS UND PRADA IM DZ

Lokale Fashionistas zeigen ihre freshesten Fits

und verraten ihr Style-Geheimnis.

22

INTERVIEW IN ZAHLEN

Die Grazer Bürgermeisterin Elke Kahr hat

3 Bücher über Tito gelesen.

14

ZWISCHEN POLEN UND BELARUS

Aleksandra Tulej und Soza Al-Mohammad

waren vor Ort und berichten über die Situation

gestrandeter Flüchtlinge und ein zwiegespaltenes

Polen

30

VON TWISTS

BIS LOCS

Afropäer präsentieren

ihre Hairstyles und

die Geschichte(n)

dahinter.

IN HALT WINTER

2021/22

40

MARKEN-

STYLER

Warum tragen wir

Gucci, Prada und

Nike? Wer sind die

Fashionvorbilder

und wer inspiriert

Styler und Modefreaks?

Lokalaugenschein

im

Donauzentrum.

© Marija Kanižaj, Ina Aydogan, Karol Grygoruk / RATS Agency, Zoe Opratko, Cover: © Ina Aydogan

KARRIERE

44 POLYGLOTT OHNE PARA

Kolumnistin Šemsa Salioski zeigt unter anderem,

wie man günstig zum Sprachentalent wird.

46 BIBER BILDET AUS

Drei biber-Akademie-Absolventinnen über

ihre Karrieren beim Kurier, Forbes und

Bildungsministerium.

48 SCHÜLERBLOGS:

Trotz Home-Schooling sind Lisa und Tala guter

Dinge, die passende Lehrstelle zu finden. Vera

lebt seit einem halben Jahr in Wien und geht in

die Deutsch-Förderklasse.

50 DÜRFEN JUNGS ROSA

TRAGEN?

Wir haben im Rahmen unseres

Gewaltpräventionsprojekts „Ich bin kein Opfer

und auch kein Täter“ mit 14-jährigen Mädels

und Jungs über Geschlechterrollen und sexuelle

Belästigung gesprochen.

56 SCHÜLERBLOGS

Nadin möchte keine Energy-Drinks trinken

müssen und Emily erzählt uns über das Asperger-

Syndrom.

58 DANKE AN ALLE NEWCOMER-

UNTERSTÜTZERINNEN

Ohne euch würde es dieses tolle Heft nicht

geben!

TECHNIK

60 FOLGE DEM WEISSEN

KANINCHEN

Facebook heißt jetzt Meta und plant Großes,

kommentiert Adam Bezeczky.

KULTUR

62 FRISCHER WIND AUS KOREA

Aktuelle Kulturtipps, präsentiert von Nada El-Azar.

64 KUPPLERIN DER NATION

„Liebesg’schichten und Heiratssachen“-

Moderatorin Nina Horowitz warum sich kaum

Migranten bei ihrer Show bewerben.

66 „I’M A BLACK MAN IN A

WHITE WORLD.“

Jad Turjman beginnt ein Studium der

Psychotherapie und verrät, was ihm am Herzen

liegt.

6 / MIT SCHARF /

/ MIT SCHARF / 7



In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

Foto: Igor Minić

Wer hilft mir

rund um meine

Ausbildung?

2-GEH.

GEH IMPFEN ODER GEH SCHEISSN.

Es ist halt schon oarg, wenn Politiker noch nicht geimpfte Menschen quasi

als unterbelichtete Vollpfosten bezeichnen. Dass sie damit ihr eigenes

Versagen offenlegen, dämmert ihnen nicht. Lol.

Alle Jahre wieder schüttet mir irgendein beschwipster

Vollidiot seinen Glühwein über meine Uggs. Alle Jahre

wieder bereue ich den Besuch auf dem Adventmarkt

und ärgere mich über meinen romantischen Wintertraum

vom Apfelpunsch und Langoschbrösel auf den

Lippen. Dieses Jahr bereue ich nichts. Die 2-G-Regel

(Geimpft oder Genesen) macht einen Weihnachtsmarktbesuch

zum unnatürlich positiven Erlebnis, ohne

Gerangel und Rotweinflecken. Dank Lockdown Numero

vier bleibt mein Advenzauber heuer wohl ein einmaliges

Erlebnis. Und alles wegen dieser saublöden

Corona-Leugner und Bill Gates Impf-Antis!‘ Sag‘ nicht

ich. So kommunikativ tölpelhaft klang die österreichische

Regierungsspitze Wochen und Monate davor.

SPRITZEN FÜRS SCHWITZEN

Man hätte den Leuten durch mehr Aufklärung und einfache

Sprache sicher viele Ängste nehmen und damit

die Impfquote steigern können. Aber egal, machma

2-G, dann heulen sie alle.

Das menschliche Schmerzempfinden ist individuell.

Die einen wollen auf die Theatervorstellung nicht verzichten.

Die anderen werfen ihre epidemiologischen

Überzeugungen über Bord, weil ein Leben ohne Fitness-Center

und Friseur eine Tragödie ist. Und so wird

die Schlange vor dem Impfpoint im BillaPlus täglich

länger.

Wir bewegen uns, wenn es schmerzt. Wenn die Haare

Spliss bekommen und die Wampe wieder ansetzt.

Wenn es uns ins Herz trifft. Und es hat die Menschen

cucujkic@dasbiber.at, Instagram: @ivanaswelt

bisher nicht getroffen. Keine der „Geht’s impfen“-

Kampagnen.

Oder hat sich wirklich jemand aus Solidarität zum erschöpften

Personal auf den Intensivstationen ins Impfzentrum

begeben?

OIDA, SCHON WIEDER SOLIDARISIEREN!

Die Menschen hetzen zwischen Baustelle, Supermarkt

und Wickeltisch. Sie sind müde und viele offensichtlich

verunsichert. Info-Kampagnen brauchen die

Menschen. Das sagt den Praktikanten in der Marketingabteilung

der Bundesregierung aber niemand. Die

meisten wollen bloß ein sicheres Gefühl. Jemand, der

sie an die Hand nimmt und sagt: Deine Monatsblutung

wird nicht 40 Tage dauern nach der Impfung und mit

der Potenz klappt es auch weiterhin wunderbar. Oder

– man stellt sie als Trottel der Nation hin.

Mein Dreijähriger will im Winter keine Haube tragen.

Was für ein unterbelichteter Vollpfosten! Das Argument

des radikalen Haubengegners: Ihm ist nicht kalt.

Er ist nicht krank. Und now the magic happens! Praktikanten,

Leuchtstift raus: Ich gehe auf die Knie und

erkläre meinem Gegenüber respektvoll und auf Augenhöhe,

wenn er sich die Mütze nicht aufsetzt, kann

es sein, dass er in zwei Tagen erkältet ist. Vielleicht

war die Haube auch zu dünn und er muss eine wärmere

aufsetzen. So bleibt er gesund. Und ratet mal:

Das Bommelvliesding bleibt auf dem Kopf.

Und die Moral von der Geschicht‘: Wollt ihr den Stich,

go down on your knees, bitches! ●

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den Bildungsdschungel

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8 / MIT SCHARF /



AS UNS BEWEGT

Von Maryam Al-Mufti und Seyda Gün

X I N G

Die junge Wienerin mit chinesischen

Wurzeln bringt frischen Wind in

die österreichische Musikszene. Im

No vem ber hat sie ihre neue EP „Xing

EP“ gedroppt. Wir waren neugierig und

haben sie uns angehört – und wurden

nicht enttäuscht. Mit ihrer souligen

Stimme singt und rappt sie auf Hip-

Hop-Beats und verbreitet dabei auch

noch eine wichtige Message. In ihren

Texten greift sie Themen wie Rassismus

und Bodyshaming auf, spricht viel

über ihre eigenen Erfahrungen mit verschiedensten

Diskriminierungsformen.

Ihre Songs schreibt sie natürlich alle

selbst. You go, Xing!

10

JUGENDWÖRTER DIE IHR

„SAFE“ SCHON MAL

GEHÖRT HABT

Xalas

„Xalas Bruder!“ Xalas (ausgesprochen khalas) würde auf

Deutsch übersetzt „aus, jetzt!“ bedeuten (aus dem Arabischen)

10/10

„Dein Outfit ist heute 10/10.“ Wenn du heute auf jeden on

fleek aussiehst. Sheeeesh

Baba

„Deine Frisur sieht Baba aus!“ Baba bedeutet in diesem

Zusammenhang „gut/mega“

Same

„Ja same, so geht es mir auch.“ Same verwendet man, um

Empathie mit der gegenüberstehenden Person auszudrücken

Hmdl

„Hmdl Mathe Schularbeit gut überstanden.“ Hmdl ist die

Abkürzung für den arabischen Ausdruck „Hamdulillah“ oder

„Alhamdulillah“. Auf Deutsch übersetzt: „Gott sei Dank!“

Geringverdiener

„Zur Seite mit euch Geringverdiener.“ Scherzhafte Bezeichnung

für „Verlierer“

Cringe

„Wie cringe ist das bitte?“ Cringe steht für peinlich oder

fremdschämen. Oder unangenehm.

G

„Du siehst heute gut aus G.“ G (ausgesprochen dschii) steht

für „Gangster“, ersetzt mittlerweile das Wort „bro“ oder

„Brudi“

Auge machen

„Mach doch kein Auge und gönn doch mal.“ Auge machen

heißt jemandem etwas Schlechtes wünschen, eifersüchtig

oder neidisch sein.

Sus

„Okay? sus.“ Sus ist die Abkürzung für das englische Wort

„suspect“ und bedeutet verdächtig. Z.B.: Wenn die strenge

Lehrerin plötzlich auf super nett macht.

© Hanna Fasching

© Ronald Grant / Mary Evans / picturedesk.com

HARRY POTTER KEHRT ZURÜCK

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Plattform 9¾ - der Hogwarts-Express steht für die

Rückkehr nach Hogwarts bereit. Der Traum aller

Harry-Potter-Fans geht in Erfüllung! Angesichts des

20-jährigen Jubiläums von Harry Potter gibt es ein

TV-Special mit den Stars der erfolgreichen Filmreihe.

Neben Einblicken in die ehemaligen Dreharbeiten

gibt es jede Menge an Talkrunden mit dem

Supertrio Harry Potter (Daniel Radcliffe), Hermine

(Emma Watson), Ron Weasley (Rupert Grint) und

weiteren Stars zum Ansehen. Der Countdown läuft,

die Vorfreude ist groß. Nicht nur die Fans freuen

sich auf das Harry Potter-Treffen, sondern auch

die Stars. „Return to Hogwarts“ wird als Neujahrsgeschenk

am 1. Jänner beim US-Streamingdienst

HBO Max ausgestrahlt.

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AS UNS BEWEGT

K© privat, Ot,Ibrahim / Action Press / picturedesk.com, pexels.com/Alex Green

DICKPICS

ToDo 2021

LONG-COVID

Irina Angerer erkrankt im Jahr 2019 an

einem Atemwegsinfekt, seitdem ist nichts

mehr, wie es vorher war. Seit der Infektion

leidet sie an CFS, dem chronischen

Erschöpfungssyndrom. Dauernde Erschöpfung

und Schmerzen sind nur einige der

Symptome von CFS. Alltägliche Tätigkeiten

werden zur körperlichen Belastung. 70%

der Erkrankten sind nicht mehr in der Lage

einem Job nachzugehen, 25% der Erkrankten

können ihr Bett kaum noch verlassen.

Ausgelöst wird die Krankheit durch

Virus- und Bakterieninfektionen, auch das

Coronavirus kann ein Trigger sein. Aufgrund

der Pandemie sind mehr und mehr Menschen

vom Erschöpfungssyndrom betroffen

– Stichwort Long-Covid. Denn: CFS ist eine

der Krankheiten, die unter den Sammelbegriff

Long-Covid fallen kann. Irina nutzt

ihre Plattform auf Instagram, um Menschen

über diese Erkrankung aufzuklären, denn

leider ist sie medizinisch bisher nur wenig

erforscht. Das erschwert es Betroffenen wie

Irina, die Hilfe zu bekommen, die sie benötigen.

Studien zur Covid-Impfung lassen

allerdings etwas aufatmen: wer geimpft ist,

der bleibt auch eher vor Long-Covid und

damit auch vor CFS verschont.

Mehr Infos findet ihr auf Instagram:

@irina.angerer

SOLIDARITÄT

MIT ENISSA AMANI

Frauen in der Comedy-Branche

sind eine Seltenheit, migrantische

Comedians umso mehr. Die

iranischstämmige Enissa Amani

wurde von dem bayrischen AFD-

Landtagsabgeordneten Andreas

Winhart angezeigt, nachdem sie

ihn „Bastard“ und „Idiot“ genannt

hatte. Hintergrund: Amani reagierte

auf eine Rede des Politikers,

bei der er „Alle N**** sind

krank“ ins Publikum rief. Sie wurde

daraufhin zu einer Geldstrafe

von 1800€ verurteilt. Da Amani

sich weigert, die aufgebrummte

Strafe zu bezahlen, drohen ihr

40 Tage Gefängnis. Wie krank ist

das? Du darfst nicht „Bastard“,

dafür aber den oben genannten

Satz sagen? Amani verweigert

diese Strafe und startet eine

Protestaktion. Sie möchte ein

politisches Statement setzen

und gegen diese Ungerechtigkeit

protestieren. Rassistische

Äußerungen jeglicher Art müssen

verfolgt werden.

Stay strong, Enissa!

In Deutschland mittlerweile verboten

– in Österreich kämpfen

Betroffene noch immer um ein

solches Verbot: die Rede ist

von Dickpics, also ungefragt

versendeten Penisbildern. Auf

den Sozialen Medien werden

Frauen und junge Mädchen

immer häufiger mit dieser Art

der sexuellen Belästigung konfrontiert,

sich rechtlich zu wehren

ist allerdings nicht leicht,

vor allem hierzulande nicht.

Dabei wäre es ein erster Schritt

und ein wichtiges Zeichen

gegen sexualisierte Gewalt,

wenn es auch aus staatlicher

Seite eine klare Positionierung

zum Thema Dickpics gäbe.

Momentan werden Betroffene

mit dieser Art der Übergriffigkeit

vom Gesetzgeber einfach

hängen gelassen. Daran, wie

in Österreich mit sexueller

Belästigung umgegangen wird,

muss sich noch einiges ändern.

Wir schauen da in Richtung

Justizministerium.

C

M

Y

CM

MY

CY

CMY

EU-Klimagesetz

Steuertransparenz

Corona-Wiederaufbaufonds

ToDo 2022

Faire Lieferketten

EU-Mindestlöhne

Regulierung großer

Internetkonzerne

Und Eure Vorsätze für 2022?

Wir arbeiten weiter an einem

sozialen, ökologischen und

demokratischen Europa!

12 / MIT SCHARF /

europa.spoe.at



Sie essen Blätter von den Bäumen, trinken verseuchtes

Wasser und frieren im Wald. Seit Wochen versuchen

Menschen aus Syrien und dem Irak, von Belarus nach Polen

in die EU zu kommen. Die wenigsten schaffen es. Biber war

vor Ort. Um die Sperrzone an der Grenze journalistisch zu

durchbrechen, haben wir Soldaten via Tinder kontaktiert und

Untergrund-AktivistInnen in den Wald begleitet.

Von Aleksandra Tulej und Soza Al-Mohammad, Mitarbeit: Julia Golachowska

ZWISCHEN POLEN UND BELARUS:

WIR WAREN

AN EUROPAS

GRENZE DER

MENSCHLICHKEIT

© Karol Grygoruk / RATS Agency

Für unsere Frauen, Frauen wie

dich, werde ich in den Krieg

ziehen gegen dieses Gesindel!“,

schreibt Łukasz* uns

auf Tinder. Łukasz glaubt, er schreibt

einer Kindergärtnerin aus Warschau, die

wissen will, wie es den Soldaten an der

polnisch-belarussischen Grenze geht.

Łukasz ist einer von über 25 Soldaten,

die wir an jenem Abend kontaktieren.

Was sie alle nicht wissen: Hinter diesem

Tinder-Profil verstecken sich Journalistinnen,

die nur wenige Kilometer von

ihrem Einsatzort in einer Herberge sitzen

– und auf offiziellem Weg keine Informationen

vom Grenzschutz bekommen.

„ORGANISIERTER

ANSTURM AUS MINSK UND

MOSKAU“

Auf offiziellem Wege an Informationen zu

gelangen, ist hier an der polnisch-belarussischen

Grenze gerade fast unmöglich.

Seit Wochen harren an der Grenze

im Wald mehrere tausend geflüchtete

Menschen aus. Sie kommen aus dem

Irak, Syrien oder Afghanistan. Sie hoffen

in Europa auf ein faires Asylverfahren.

„In nur vier Stunden kommt ihr von

Minsk nach Deutschland“, wurde ihnen

von Schleppern versprochen – angeblich

angestiftet durch den belarussischen

Machthaber Alexandr Lukaschenko.

(Mehr dazu: s. Infobox S. 20.)

Die polnische Regierung hat an der

Grenze eine Sperrzone eingerichtet

und den Ausnahmezustand verhängt.

Insgesamt liegen 183 Ortschaften in

dem Gebiet. Im Grenzgebiet sind 15.000

Soldaten stationiert. Um einer „Invasion

aus dem Osten“ vorzubeugen, um

„die EU-Grenzen vor einem organisierten

Ansturm aus Minsk und Moskau zu

schützen“, so Polens Ministerpräsident

Mateusz Morawiecki.

Offizielle Bilder direkt von der Grenze

kommen vom polnischen Staatsfernsehen,

das von der rechtsnationalen

Regierungspartei PiS (Prawo i

Sprawiedliwość- dt.: Partei für Recht und

Gerechtigkeit) kontrolliert wird. Diese

Bilder zeigen, was die Regierung zeigen

will. Es gibt ein klares Narrativ: Der Islam

will Polen erobern, aggressive Flüchtlinge

wollen Europa stürmen. Polen und Belarus

liefern sich einen Propagandakrieg

auf Kosten von Menschenleben: Während

wir im Grenzgebiet sind, hören wir

immer wieder, dass erneut jemand erfroren

oder verhungert ist. In die Sperrzone

auf der polnischen Seite kommen keine

Hilfsorganisationen, keine medizinische

Hilfe und keine JournalistInnen rein.

So etwas haben wir in der EU bis jetzt

noch nicht erlebt. Für die Missachtung

der Sperrzone drohen Geldstrafen und

bis zu drei Monate Freiheitsentzug. Wir

kommen nicht rein, aber wir kommen

nah ran.

POLIZEICHECKPOINTS

IM WALD

Als wir uns mit dem Auto über dunkle

und steinige Waldwege dem Grenzgebiet

nähern, fahren wir an mehreren Polizei-

Checkpoints vorbei. Wir sitzen zu viert

im Auto: Drei Polinnen mit polnischem

Personalausweis und unsere Kamerafrau,

die einen österreichischen Konventionspass

hat – sie ist in Syrien geboren

und wurde als Flüchtling in Österreich

anerkannt. Dies sorgt bei den Kontrollen

für unangenehme Fragen, während die

Polizisten uns mit den Taschenlampen

ins Gesicht leuchten. Was das für ein

Pass sei, woher sie komme, wohin des

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Am Grenzzaun zwischen Polen und Belarus : Fotografiert von der belarussischen

Seite, hier sind Medien erlaubt.

Weges? Jedes Mal, wenn wir das blaue

Licht in der Ferne sehen, stockt uns kurz

der Atem. Dabei haben wir alle gültige

Dokumente und sind in einer Zone, in

der wir gerade noch sein dürfen. Aber

wir merken schnell: Erwünscht sind wir

hier nicht. Es ist dazu noch unglaublich

kalt, um 16 Uhr ist es schon stockdunkel.

Die eisige Kälte lässt uns immer wieder

daran denken, dass 15 Kilometer weiter

Menschen frieren – und immer mehr von

ihnen sterben.

Über die App ‚Signal‘ bekommen wir

von FlüchtlingshelferInnen die Information,

dass gestern Nacht drei junge

Männer im Wald gefunden wurden – auf

der polnischen Seite. AktivistInnen haben

sie in das Krankenhaus in Bielsk Podlaski

gebracht – hier werden diese Menschen

so lang behalten, bis sie wieder aus

eigenen Kräften gehen können. Über

das weitere Schicksal entscheiden die

Behörden.

Polen hält sich nicht immer an die

Gesetze, auch nicht an die Genfer Flüchtlingskonvention.

Medienpräsenz ist hier daher besonders

wichtig – wäre niemand mit Kamera

und Aufnahmegerät vor Ort, könnten

die Grenzbeamten die Asylanträge der

Geflüchteten zerreißen und sie direkt

wieder nach Belarus pushen, wie uns

Flüchtlingshelferin Sylwia Gillis erklärt.

Wir verstecken uns gemeinsam mit

den anderen JournalistInnen hinter dem

Spital und laufen zum Eingang, sobald

die Männer herausgeführt werden.

Hinkend, ausgemagert und einen Zettel

mit der Aufschrift„ I WANT ASYLUM

IN POLAND“ hochhaltend kommt uns

ein junger Mann entgegen. Laut seinen

Angaben wurde sein Vater im Irak

umgebracht, er will nie wieder zurück.

Grenzsoldaten führen den jungen Mann

in einen Militärwagen. Angeblich wird

er vorübergehend in ein Flüchtlingslager

gebracht. Was mit ihm passiert ist,

haben wir bis Redaktionsschluss nicht

erfahren.

EINE SCHEIBE BROT FÜR

40 DOLLAR

„Dieser junge Mann, den sie gerade

gesehen haben, hat seit zehn Tagen

nichts außer Blätter gegessen und versifftes

Wasser getrunken,“ erklärt uns Dr.

Arsalan Azzadin, gebürtiger Kurde und

Oberarzt des Spitals in Bielsk Podlaski.

Dr. Azzadin hat viel zu tun – das hier ist

eigentlich ein COVID-Spital. Es stellt sich

aber heraus, dass er die Familie unserer

Kamerafrau in Kurdistan kennt. Ein Zufall,

mit dem keiner gerechnet hätte - deshalb

bekommen wir ein kurzes Interview.

Der Arzt hat vor Kurzem einen Mann

behandelt, dem belarussische Soldaten

für 40 Dollar eine Scheibe Brot verkauft

hatten. So verzweifelt sei die Lage der

Diese SMS haben unsere Reporterinnen

- wahrscheinlich wegen ihren

österreichischen Telefonnummern

- auf ihre Handys bekommen, als sie

ins Grenzgebiet hineingefahren sind.

Die Nachricht richtet sich an die

Geflüchteten an der Grenze.

Menschen dort im Wald. Er hat bis jetzt

über 50 Geflüchtete behandelt und

alle seien sie in einem katastrophalen

Zustand, wie er berichtet: Stark unterkühlt,

mit Lungenentzündung, einige von

ihnen seien geschlagen worden – durch

Soldaten, wie sie ihm erzählten. „Wir

haben hier auch eine hochschwangere

Frau. Ich hoffe, dass wir sie so lange wie

möglich hierbehalten können. Sie und

ihr Baby sind in Lebensgefahr.“ (Anm.:

drei Tage später erfahren wir, dass das

Baby eine Totgeburt war und auf dem

muslimischen tatarischen Friedhof in

Bohoniki begraben wurde.) Dr. Azzadin

warnt eindringlich: „Niemand sollte mehr

versuchen, über diese Route herzukommen.

Ich will nicht noch mehr Menschen

sterben sehen.“

HILFE IM UNTERGRUND

Die Stimmung im Grenzgebiet ist

angespannt. Wir befinden uns immerhin

in Podlasie – der Region Polens,

die den höchsten WählerInnenanteil

der rechtsnationalen polnischen PiS-

Regierungspartei hat. Die Mehrheit der

BewohnerInnen hier will keine Geflüchteten

aufnehmen, sie sind auch dagegen,

die Sperrzone zugänglich zu machen.

Sie haben Angst. Einerseits vor einem

Ansturm an MigrantInnen, andererseits

vor einem Krieg mit Belarus.

Wir müssen vorsichtig sein, mit

© Leonid Shcheglov / Tass / picturedesk.com, Screenshot

© Soza Al-Mohammad

Bei Nacht und Nebel: Chefreporterin Aleksandra Tulej ist gebürtige Polin – das

erleichterte die Kommunikation vor Ort.

wem wir sprechen. Es kann uns zwar

niemand von hier rausschmeißen, aber

wir wissen, dass einiges schieflaufen

könnte. Immer wieder gibt es hier in der

Gegend rechtsnationale Aufmärsche und

Berichte von Gewalt gegen Menschen

mit nicht-weißer Hautfarbe. Polen hat

sehr wenige MigrantInnen. Von den 38,5

Millionen EinwohnerInnen sind nur 0,9

Prozent ausländischer Herkunft. Migration

und Flüchtlinge werden in Polen im

Grundtenor abgelehnt. Dabei geht es in

dieser Causa nicht einmal primär um die

Aufnahme von Geflüchteten – es soll nur

medizinische und humanitäre Hilfeleistung

bei ihnen ankommen dürfen.

Wir erfahren jedoch, dass es entlang

der Sperrzone auch genügend Menschen

gibt, die genau das tun – sie helfen, wie

und wo es geht; heimlich, im Untergrund.

Über Signal und über Mundpropaganda

schaffen wir es, Menschen ausfindig

zu machen, die privat aktiv Hilfe leisten

– und dabei große Risiken eingehen.

Nicht wie sie heißen, nicht einmal in

welchem Dorf sie genau wohnen, dürfen

wir erwähnen. Wir treffen uns mit ihnen

im Auto, im Wald und an abgelegenen

Orten. Auch wie sie mit den Geflüchteten

in Kontakt bleiben, verraten sie uns

nicht. Sie alle agieren im Untergrund,

wie sie immer wieder betonen. Zu groß

ist die Angst, dass jemand ihre Identität

erkennen könnte. Nicht nur Behörden,

sondern auch die Nachbarn dürfen nichts

davon wissen.

ANGST VOR SPITZELN

„Niemand spricht hier öffentlich darüber,

dass er Hilfe leistet. Dazu machen VolontärInnen

doch die Arbeit, die eigentlich

vom Staat oder durch NGOs geleistet

werden sollte“, erzählt uns Alicja * . „Wir

wollen nur humanitäre Hilfe leisten. Und

was passiert: Für viele bin ich hier die

Lukaschenko-Schlampe, weil ich für die

Aufnahme von Geflüchteten bin. Ich bin

sehr vorsichtig, wem ich was erzähle.“

Wir reden mit ihr auf dem Dachboden

ihres Hauses, hier sind wir ungestört.

„Weißt du, mein Mann kommt aus dem

Nahen Osten. Ich habe kleine Kinder, die

dunkle Augen und eine dunklere Hautfarbe

haben. Meine achtjährige Tochter

hat Fotos dieser Kinder im Wald gesehen

und gefragt, ob das irgendwelche Verwandten

von uns sind.“ Sie muss immer

wieder schlucken und beginnt zu weinen.

„Sorry, ich muss jetzt eine rauchen“, sagt

sie. Sie zieht an ihrer E-Zigarette und

erzählt weiter: „Bei Gott, ob Syrien oder

Irak, wo aktive Kriege geführt wurden –

überall gab es humanitäre Hilfe. Das, was

bei uns passiert, geht einfach nicht in

meinen Kopf rein.“

„So einen Zustand, dass man Angst

vor Spitzeln hat, haben wir das letzte

Mal vor 1989, also während des sozialistischen

Regimes in Polen gespürt“,

erklärt uns Paweł * kopfschüttelnd. Er

darf aufgrund seiner Arbeit in die Sperrzone

– er hat eine Bewilligung dafür.

„Ich plaudere mit den Grenzsoldaten

über das Wetter und 50 Meter weiter

im Gebüsch verstecken sich zwei Iraker,

denen ich gerade Kleidung gebracht

habe“, erklärt er nüchtern. „Was wir

hier tun, ist grundlegende Hilfeleistung:

Wir sammeln Kleidung, Nahrung und

Medikamente und bringen sie in die Zone

hinein.“ Unter den HelferInnen vor Ort

hat sich also eine regelrechte Untergrundorganisation

gebildet. Eine wichtige

Dieser junge Iraker wurde im Spital in Bielsk Podlaski behandelt – und dann von den

Grenzbeamten wieder mitgenommen. Wohin, ist nicht bestätigt.

16 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 17



Die geflüchteten

Menschen

harren teilweise

wochenlang

versteckt in den

Wäldern aus.

Polnische Polizeibeamte an der Grenze im Wald

© Karol Grygoruk / RATS Agency

Figur spielt unter ihnen Jagoda*.

„SIE NENNEN MICH

LUKASCHENKOS

AGENTIN.“

Jagoda, eine ältere Dame, trifft sich

mit uns zu einem Spaziergang im Wald.

„Gestern hätte ich noch keine Kraft

gehabt, um mit euch zu reden. Jeden

Abend schaue ich aus dem Fenster und

frage mich, wie schlimm die Nacht für

die Menschen dort wird.“ Gleichzeitig

muss sie daran denken, wie sie möglichst

unauffällig helfen kann. „Ich habe

schon gehört, dass ich ‚Lukaschenkos

Agentin‘ genannt werde. Es herrscht so

viel Misstrauen. Hier passiert etwas, das

in einer zivilisierten Welt nicht passieren

dürfte - dass Hilfe illegal ist“, sagt sie

ruhig. Sie erzählt uns, dass die Bandbreite

der Helfenden von StudentInnen

bis hin zu PensionistInnen reicht. „Ich

koordiniere, wer wann was abholen

kommt, was gerade gebraucht wird –

jeder hilft, wie er kann.“ Wir erfahren,

dass die polnische Bevölkerung stark

desinformiert ist – auch wenn viele helfen

wollen. Sie spenden Shampoo oder

Zahnpasta – dabei haben die Menschen

im Wald nicht einmal sauberes Trinkwasser.

Jagoda betont, dass sie, so wie die

anderen Helfenden, in einer Blase lebe.

„Ich muss euch Mädchen schon sagen:

Die Mehrheit der Menschen hier besteht

aus alteingesessenen Katholiken, die

die PiS Partei wählen und die Hilfe für

Flüchtlinge entschieden ablehnen“, legt

Jagoda ernst dar und fährt fort: „Die

Grenzbeamten haben die BewohnerInnen

hier in der Gegend informiert, dass sie

sie anrufen sollen, wenn sie Flüchtlinge

sehen, die es zu uns nach Polen

geschafft haben. Ich kenne persönlich

einige, die angerufen haben. Als sie dann

gesehen haben, wie mit diesen Menschen

umgegangen wird, haben sie die

Seiten gewechselt und begonnen, uns zu

helfen.“

„MIR SIND DIESE

MENSCHEN IM WALD

KOMPLETT EGAL.“

Elżbieta wiederum steht für jene Polen

und Polinnen, die Hilfe strikt ablehnen.

Wir sprechen sie und ihren Mann auf

der Straße an – auf den leer gefegten

Straßen Hajnówkas, einer kleinen

Ortschaft 25 km von der Sperrzone

entfernt. Wir haben Glück – sie will mit

uns sprechen. „Mir tun diese Menschen

im Wald überhaupt nicht leid. Gar nicht.

Die sind mir komplett egal“, betont sie.

„Ich habe selbst sechs Kinder – für mich

interessiert sich niemand“, sagt sie in

einem sehr sachlichen Ton. „Unser Spital

ist voll mit Flüchtlingen. Mein Sohn hat

letztens zwei Stunden auf die Rettung

gewartet, weil die so beschäftigt damit

waren, diese Flüchtlinge zu behandeln.

Und wir, was sollen wir tun? Sollen wir

hier krepieren?“, fragt sie uns. Das sieht

eine andere ältere Frau anders. Auch sie

wohnt in Hajnówka. Sie ist tief gläubig,

wie sie uns erklärt. „Die Bibel ist die

Grundlage unserer Gesellschaft. Und

was steht in der Bibel? ‚Liebe deinen

Nächsten, wie dich selbst.‘ Das sehe ich

hier gerade gar nicht. Ich weiß, wie es

ist, Hunger zu haben. Das soll kein Kind

mehr erleben – egal ob meine Enkel, die

Kinder meiner Nachbarn und schon gar

nicht die Kinder im Wald. “ sagt sie mit

Tränen in den Augen. Die Einstellung der

Menschen im Grenzgebiet ist gespalten

– repräsentativ für das ganze Land.

Viele trauen sich auch nicht zuzuge-

© Karol Grygoruk / RATS Agency

ben, auf welcher Seite sie stehen. Das

merken wir bei der Gastwirtin, bei der

wir wohnen. Sie redet zuerst nur über

das Wetter und die schönen Radwege

mit uns. Nachdem wir ihr vorsichtig klar

machen, warum wir hier sind, erklärt sie

uns, dass auch sie jemanden kennt, der

„in den Wald fährt“. So wird die Hilfeleistung

im örtlichen Jargon beschrieben.

Wir konnten ihr Kleidung für Flüchtlinge

geben, die ihr Kontaktmann dann in die

Sperrzone schmuggeln würde. Auch ein

Taxifahrer unterhält sich mit uns zuerst

über die Bisons, die in der Gegend hier

frei herumlaufen – unsere Kamera ist

aber schwer zu verstecken. Er erzählt,

dass er schon oft von Schleppern mit

der Frage kontaktiert worden wäre, ob er

nicht für ein paar tausend Euro Flüchtlinge

aus dem Grenzgebiet fahren wolle.

Er habe aber abgelehnt – er möchte

nichts Illegales machen. „Habt ihr gehört,

dass gestern von einem Krankenwagen

(Anm.: der NGO Medycy Na Granicy),

der im Wald stand, die Reifen zerstochen

worden sind? So eine Sauerei! Man muss

sich ja nicht selber in Gefahr begeben

– aber die noch daran zu hindern? Wo

gibt’s denn sowas?“, fragt er uns. Als

wir mit ihm an einer Polizeikontrolle

vorbeifahren, sagt er nur: „Keine Sorge.

Ich kenne diese Polizisten hier in der

Gegend gut. Nicht jeder von ihnen ist so,

wie es auf den ersten Blick scheint.“ Die

Polizisten winken uns durch.

„ICH WACHE NACHTS AUF

UND SCHREIE.“

Wir wollen selbst erfahren, was „nicht

so, wie es auf den ersten Blick scheint“

heißt. Offiziell werden wir nichts

rausfinden, das ist uns klar. Deshalb

beschließen wir, uns in eine versiffte

Polizeikneipe im Ort zu setzen – den

Tipp bekommen wir von einem älteren

Aktivisten hier. Wir bestellen uns ein

kleines Bier und führen seichten Smalltalk.

Es riecht nach Alkohol. Außer uns

sind hier nur betrunkene Männer – vor

der Tür stehen rund zwanzig Polizei-

Autos. Als wir sie nach einem Feuerzeug

fragen, bekommen wir ein paar miese

Flirt-Sprüche zu hören – bis einer plötzlich

beginnt, sich bei seinem Kollegen

aufzuregen. „Kurwa!(poln. Kraftausdruck)

Dieser verfickte dreckige Flüchtling von

vorgestern, der hatte ein iPhone, hast ja

gesehen. Und wer gibt mir ein iPhone?

Wer?“ Dass die Stimmung zwischen

den Beamten genauso gespalten ist wie

in ganz Polen, merken wir, als wir über

Tinder mit einem 19-jährigen Soldaten

in der Sperrzone ins Gespräch kommen.

Bartek* glaubt genau wie Łukasz, dass

er mit einer Warschauer Kindergärtnerin

schreibt. „Weißt du, ich wache nachts

auf und schreie. Ich werde jetzt in

Krankenstand gehen. Ich bin nicht für so

etwas Soldat geworden.“

*Die Namen wurden zum Schutz der Personen

von der Redaktion geändert

18 / POLITIKA /



HARD FACTS

Der Grenzzaun zwischen

Polen und Belarus

WORUM GEHT ES IN DEM

KONFLIKT DER EU GEGEN

BELARUS?

Der belarussische Machthaber Alexandr

Lukaschenko soll Flüchtlinge mit Charterflügen

nach Minsk gelockt haben

– mit einem Touristenvisum. Die EU

wirft Lukaschenko vor, die Menschen

gezielt ins Land zu holen und an die

EU-Außengrenze zu schleusen, um den

Migrationsdruck auf Europa zu erhöhen

und sich auf diese Art für die Sanktionen

gegen sein autoritäres Regime

zu rächen. Polen lässt diese Menschen

nicht rein – es kommt zu häufigen

Pushbacks – das heißt, die Menschen

werden ohne eine Chance auf ein Asylverfahren

wieder auf die belarussische

Seite im Wald gebracht.

Die EU bietet Polen an, bei der Registrierung

von Geflüchteten zu helfen

– das müsste das Land aber selbst

ansuchen.

WARUM FLIEHEN DIESE

MENSCHEN?

Die wirtschaftliche und politische Situation

in Syrien, Irak und Afghanistan ist

katastrophal. Viele Menschen werden

in ihrer Heimat verfolgt oder erleben

Krieg, Gewalt und Hunger. Sie wollen

in Europa um Asyl ansuchen. Niemand

nimmt diese Reise einfach so auf sich.

Ein polnischer Grenzschutz-Soldat

WARUM ÜBER DIESE ROUTE?

Private Reisebüros in der Türkei, dem

Libanon und dem Irak, sowie private

und staatliche Reiseunternehmen aus

Belarus bewerben die Reise als touristisches

Angebot auf ihren Webseiten

und Sozialen Netzwerken. Das ist

scheinbar eine Strategie der belarussischen

Regierung, die im Mai angekündigt

hatte, keine MigrantInnen mehr

aufzuhalten, die in die EU einreisen

wollen. Jetzt werden übrigens immer

mehr Menschen wieder zurück in ihre

Heimatländer geflogen.

WIE VIEL KOSTET DER

FLUCHTWEG?

Gesamt kann die Flucht Schätzungen

zufolge zwischen 4000 $ - 6000 $

kosten, einschließlich Visa, Flüge und

Schleuserdienste auf dem Landweg

nach Europa.

WARUM HABEN GEFLÜCHTETE

SMARTPHONES?

Das häufige Argument von Flüchtlingsgegnern:

Wie kann es sein, dass diese

Menschen teure Smartphones besitzen?

Erstens ist ein Smartphone heutzutage

kein Luxusgegenstand mehr, vor

allem auf der Flucht. Es dient als GPS,

zur Kommunikation und allgemein zum

Überleben. Zweitens – im Nahen Osten

und in Afrika werden oft gebrauchte

Geräte (z.B. aus den USA) günstig verkauft.

Drittens: Siehe vorherige Frage.

Wer sich die Flucht leisten kann, kann

sich auch ein Smartphone leisten.

20 / POLITIKA /

WIE IST DAS IN DER

EU MÖGLICH?

Sowohl das EU-Recht als auch die

europäische Menschenrechtskonvention

verbieten Pushbacks. Das

bedeutet, jemanden ohne ein Asylverfahren

wieder zurückzuschicken, bricht

geltendes europäisches Recht. Mitte

Oktober hat das polnische Parlament

einer Gesetzesänderung zugestimmt,

laut der Grenzschutzkommandeure die

Geflüchteten nun sofort des Landes

verweisen dürfen. Wenn jemand um

Asyl bittet, darf er das zwar offiziell

nach wie vor tun. Diese Asylgesuche

werden in der Praxis von den Grenzschützern

oft „überhört“ und so können

die Menschen dennoch abgewiesen

werden. Die EU-Staaten sind selbst für

den Grenzschutz zuständig. Die EU-

Kommission hat nach eigener Aussage

Polen bereits mehrfach ermuntert, Hilfe

anzunehmen. Die EU-Grenzschutzagentur

Frontex, die Asylbehörde

EASO und die Polizeibehörde Europol

stünden bereit, bei der Registrierung

von Geflüchteten, der Bearbeitung von

Asylgesuchen und dem Kampf gegen

Schmuggel zu helfen, Polen müsse diese

Hilfe jedoch wie gesagt anfordern.

Dies ist bisher nicht erfolgt. Man hört

seitens der EU viel über Sanktionen

gegenüber Lukaschenko, in der Causa

Polen wird aber geschwiegen.

© Sergei Bobylev / Tass / picturedesk.com, JANIS LAIZANS / REUTERS / picturedesk.com

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Frau Kahr,

wie viele Bücher

über Tito haben

Sie gelesen?

Wie hoch ist

Ihr monatliches

Nettogehalt als

Grazer Bürgermeisterin?

Wie viel

spenden Sie

davon netto?

Wie viele

Stunden in

der Woche

arbeiten Sie?

Wie viele

Menschen

haben Sie in

den letzten

5 Jahren

persönlich

beraten?

Wie viele

Mitglieder hat

die KPÖ in

Graz?

Mit wie

vielen Jahren

wussten Sie,

dass Sie eine

Kommunistin

werden?

Wie oft haben

Sie „Das Kapital“

von Karl Marx

in Ihrem Leben

gelesen?

Wie viele

Bücher über

Tito haben Sie

gelesen?

Interview in Zahlen:

In der Politik wird genug geredet.

Biber fragt in Worten, Grazer

Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ)

antwortet mit einer Zahl.

7.100

4.900

90

20.000

312

17

3

3

Von Amar Rajković, Fotos: Marija Kanižaj

Die überzeugte Kommunistin hat 3 Mal in Ihrem Leben

„Das Kapital“ von Karl Marx gelesen.

Nur dem Vizekanzler Kogler und Gesundheitsminister

Mückstein bescheinigt Kahr Regierungstauglichkeit.

0 Euro monatlich gibt die Grazer Bürgermeisterin für

Bio-Produkte aus.

Kahr geht davon aus, dass wir noch einen Lockdown

erleben werden.

Wie viele Tito-

Devotionalien

haben Sie zu

Hause?

Wie viel Euro pro

Quadratmeter

dürfte die Miete

einer Gemeindewohnung

in

Graz nicht überschreiten?

Welche Schulnote

geben Sie

der Bundesregierung

in

der Pandemiebekämpfung?

Wie viele

Lockdowns

werden wir

noch erleben?

Wie viele

Minister

der jetzigen

Bundesregierung

sind

regierungstauglich?

Wie hoch schätzen

Sie die Wahrscheinlichkeit,

dass Sebastian

Kurz eines Tages

wieder Bundeskanzler

wird?

Wie viel Euro

kostet Ihr

teuerstes

Kleidungsstück?

Wie oft waren

Sie in Ihrem

Leben in einer

Moschee?

Wie oft haben

Sie in Ihrem

Leben Shisha

geraucht?

Wie viel Euro

geben Sie

monatlich für

Bio-Produkte

aus?

1

3,5

4

1

2

50%

70

100

50

0

Tito-Kalender

Vizekanzler Kogler und

Gesundheitsminister

Mückstein

22 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 23



MEINUNG

JOBS MIT ZUKUNFT

WARUM WIEN APPLAUS VERDIENT

PCR-Tests, Briefe an Ungeimpfte, strenge Maskenpflicht – Wiens Sonderweg war lange

unbeliebt, katapultierte aber Bürgermeister Ludwig zum politischen Gewinner der Krise.

Was haben wir alle in den letzten Jahren auf die SPÖ eingedroschen?

JournalistInnen, ArbeitskollegInnen, PolitikerInnen.

Alle wussten wir, dass die Sozialdemokratie doch am

Ende sei, die Roten ein riesiges Führungsproblem haben und

überhaupt nicht mehr wüssten, was der kleine Mann sich

wünscht. Vor allem der mittlerweile zurückgetretene Sebastian

Kurz und die türkise Ministerriege stimmten sich auf den

Abgesang ein – es war ein Teil ihrer DNA. Landwirtschaftsministerin

Köstinger bezeichnete in einer Aussendung Anfang

Juli die scharfen Covid-Maßnahmen in Wien als „absurd“,

weil sie nur „Verwirrung stiften“ würden. Kurz inserierte im

Sommer: „Die Pandemie gemeistert, die Krise bekämpft“, Finanzminister

Blümel verkündete am 13. Oktober in der ZIB2,

dass die „Pandemie vorbei ist.“

PARTYPUPSER LUDWIG

Ihr habt richtig gelesen und ihr habt es wahrscheinlich nicht

zum ersten Mal gelesen. Trotzdem fällt mir bei diesen Aussagen

das Gurgelröhrl aus der Hand. Ich freue mich, in Wien

zu leben, in einer Stadt, die von einer rot/pinken Koalition

durch die Krise geführt wird. Vor allem Bürgermeister Michael

Ludwig ist mit klaren Ansagen zum politischen Gewinner

der Krise aufgestiegen. Und das, obwohl er unbeliebte

Maßnahmen getroffen hatte - etwa die Testpflicht für Kids ab

sechs Jahren in Schwimmbädern oder verpflichtendes Tragen

der FFP2-Maske in den Öffis. Was haben wir da alle in

Wien gejammert.

Ludwig sollte Recht behalten: „Das Virus, insbesondere die

Delta-Variante, ist nach wie vor gefährlich. Der letzte Sommer

hat gezeigt, was passieren kann“, verkündete er Ende Juni.

Detrat immer wieder gefasst vor die Kamera. Er mimte dabei

die Spaßpolizei, die den Partygästen ins Gewissen einredete,

beim übermäßigen Alkoholkonsum auch an den Tag danach

zu denken. Er sprach am Höhepunkt der vierten Welle davon,

dass die Bundeshauptstadt „Keine Insel der Seligen“ sei – und

das, obwohl Wien trotz der höchsten Bevölkerungsdichte mit

24 / MIT SCHARF /

Abstand am besten dastand. Ludwigs Zutaten für das Erfolgsrezept:

Gratis PCR-Tests für alle. Unkompliziert, kostenlos,

niederschwellig. Seine besonnene Rhetorik im Klartext: Vorsicht

statt Selbstbeweihräucherung. Sinngemäß: „Lassen wir

uns nicht für vergangene Erfolge feiern, schauen wir doch bitte

auf den Herbst.“ Die Stadt Wien stellte nicht alle Ungeimpften

an den Pranger. Sie schickte ihnen lieber per Post einen

Impftermin – eine Taktik, die in Spanien zu einer Impfquote

von rund 80 % geführt hat – und in Wien zu viel Zuspruch für

Ludwig. Gesundheitsstadtrat Peter Hacker sollte hier nicht unerwähnt

bleiben, der sich aufgrund seiner klaren, nüchternen

Kommunikation als guter Krisenmanager hervortat.

DIE DÄNEN MACHEN ES VOR

Es gibt aber noch genug Aufholbedarf. Die Impfquote ist

noch immer zu niedrig, die Ansprache von MigrantInnen

stelle ich mir in einer Multi-Kulti-Stadt zielgerichteter vor.

Imame, Fußballtrainer, Barbiere oder Rapper muss man ins

Boot holen, um den Großteil der impfunwilligen Bevölkerung

die Ängste zu nehmen. Der Blick nach Dänemark zeigt: Es

funktioniert! Dafür braucht es möglicherweise eine Klinik für

Einwanderungsmedizin, wie die von Morten Sodenman geführte

Einrichtung am Universitätsklinikum in Odense. Die

Wiener Regierung sollte sich keinesfalls auf ihrer guten Performance

ausruhen, sonst droht ihr ein ähnliches Schicksal

wie der „Besser durch die Krise gekommen als andere Länder“

– Bundesregierung.

Als gut integrierter Wiener komme ich selten dazu, mich an

der weltweit einzigartigen Lebensqualität und dem Luxus,

der mich hier umgibt, zu erfreuen. Nach dem Motto „Ich

lasse mir mein Wien sicher nicht schönreden“, sehe ich als

Wiener grundsätzlich alles misstrauisch. Das Pandemiemanagement

der Stadt lässt mich an dieser Haltung zweifeln.

Danke (auch dafür), Wien.

Amar Rajković ist stv. Chefredakteur des biber-Magazins.

Zoe Opratko

„Jeder fängt mal klein an.

Aber hier werd’ ich groß!“

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WARUM JEDER

MANN

SEXISTISCH IST

MEINUNG

Warum Sexismus keine Frage von „Gut und Böse“ ist, und wieso sich

jeder einzelne Mann gründlich mit Sexismus auseinandersetzen sollte.

Jeder Mann ist ein Sexist, behaupte ich. Mir ist sehr

bewusst, dass mich diese Aussage samt Artikel

nicht unbedingt in die österreichischen Top Ten der

beliebtesten Menschen katapultieren wird. Ich weiß

auch, dass der Titel gewagt ist und bei den meisten von euch

wohl auf eine Abwehrhaltung stoßen wird. Aber: Ego kurz

beiseite. Lest den Text erstmal, ihr könnt ihn ja danach noch

immer scheiße finden.

JA, AUCH IN ÖSTERREICH

GIBT’S SEXISMUS

Beginnen wir bei den Basics. Wir leben in einer patriarchal

strukturierten Welt, davon ist auch Österreich nicht ausge-

nommen. Das ist ein Fakt und steht auch nicht zur Diskussion.

Erkennbar werden die patriarchalen Strukturen in allen

menschlichen Lebensbereichen. Auch heute ist es zum Beispiel

traditionell so, dass die Frau in einer Ehe ihren Namen

ablegt und den ihres Ehemanns annimmt. Die Kinder, die

aus dieser Ehe entstehen, tragen ebenfalls ganz selbstverständlich

den Namen des Vaters. Und so als ob erwachsene

Frauen auf die Erlaubnis ihrer Väter angewiesen wären, laufen

Männer trotzdem zuerst zum Vater der Frau, um dort um

deren Hand anzuhalten. In diesen Ehen und Beziehungen ist

die Rollenverteilung bis heute noch sehr klar: Frau macht den

Haushalt, Mann verdient das Geld.

Das Patriarchat ist also bis in unsere alltäglichsten Hand-

© Zoe Opratko

lungen verwurzelt und sitzt sehr tief. So tief, dass es in der

breiten Gesellschaft auf selbstverständliche Akzeptanz stößt

und kaum hinterfragt wird.

Gerade weil es so weit verbreitet ist, sind diskriminierende

Handlungen häufig unbeabsichtigt und unbewusst. Das bedeutet,

diskriminierende Aussagen und Handlungen können auch

aus einer eigentlich guten Intention heraus getätigt werden. Ich

bin überzeugt, dass Menschen tatsächlich nichts Böses im Sinn

haben, wenn sie einer migrantisch gelesenen Person sagen,

dass sie gut Deutsch spricht, obwohl sie vielleicht in Österreich

geboren ist. Genauso glaube ich, dass sich Männer oft

gar nicht bewusst sind, wie unpassend ihre „gut gemeinten“

Kommentare über das Aussehen von Frauen sind. Gut gemeint

ist nicht immer gut gemacht.

Und wer es gut meint und ganz unbewusst Schaden

anrichtet, der rechnet nicht mit Kritik und ist wahrscheinlich

auch nicht gut darauf zu sprechen, wenn er sie doch zu hören

bekommt.

GUT UND BÖSE

Nicht zuletzt deshalb müssen wir aufhören, Diskriminierung

moralisch aufzuladen. Wenn ich sage: „Alle Männer sind sexistisch“,

sage ich nicht: „Alle Männer sind böse.“ Aber genau

das kommt bei einem Großteil der Männer an. Wie gesagt, es

geht hier nicht um gut oder schlecht, die Intention einer Person

spielt hier keinerlei Rolle.

Es braucht also dringend Änderungen in der Art, wie wir

gesellschaftlich, medial und politisch mit dem Thema Diskriminierung

umgehen. Denn wir lernen früh: Rassistisch ist jemand,

der böse ist, der Böses tut. Rassisten zum Beispiel waren die

Nazis oder der Ku-Klux-Klan. Ein Sexist ist jemand, der eine

Frau schlägt oder aus dunklen Seitengassen hervorspringt, um

sie zu ermorden oder zu vergewaltigen. Diese Erzählung vergisst

dabei allerdings auf subtilere Ausprägungen, die Diskriminierungsformen

annehmen können. Physische Gewalt, Folter

und Mord sind oft nur die Spitze eines Eisbergs, der tausende

Meter tief ist. Für viele ist er jedoch nicht sichtbar, weil ihn der

tiefschwarze Ozean verdeckt. Feminismus ist in dem Fall die

Tauchausrüstung, die dabei helfen soll, den Rest des Eisbergs

zu erkennen, so verborgen er auch sein mag. Denn nur wer

Diskriminierung als solche erkennt und das System dahinter

wahrnimmt, kann sie bekämpfen und dagegen vorgehen.

Wenn ich also einen Text verfasse und die Männer da draußen

anspreche, möchte ich euch nicht den Vorwurf

machen, ihr wärt schlechte Menschen. Ich

möchte bloß dazu anregen, euch selbst und euer

Verhalten zu hinterfragen. So nervig Feminismus

für euch auch sein mag, das Leben von Frauen,

mein Leben, hängt davon ab, dass ihr euch die

Kritik zu Herzen nehmt.

Statisch gesehen wird jede zweite Frau im

Laufe ihres Lebens Opfer von sexualisierter

Gewalt. Jede zweite Frau kann also zumindest

eine solcher Geschichten erzählen. Die Wahrscheinlichkeiten

stehen gut, liebe Männer, dass

ihr selbst als Hauptrolle in einer dieser Geschichten

vorkommt.

Maryam Al-Mufti ist 22 Jahre alt

und studiert gerade Politikwissenschaften

im Master. Sie

kommt aus dem Irak und ist

nach dem Golfkrieg mit ihrer

Familie nach Wien gekommen.

HINTERFRAGT EUCH SELBST

Bevor ihr euch also angegriffen fühlt, weil ich es wage, euch

als sexistisch zu bezeichnen, stellt euch mal folgende Frage:

Was macht euch so sicher, dass ihr NICHT sexistisch seid?

Seid ihr bereit, diejenigen zu sein, die als einzige nicht über

den sexistischen Witz lachen? Den Witz sogar zu kritisieren

und die „Spaßbremse“ zu sein? Weist ihr eure männlichen

Freunde zurecht, wenn sie sich unpassend verhalten? Habt ihr

rein freundschaftlich mit Frauen zu tun, also ohne etwas von

ihnen zu wollen? Wenn eine Frau erzählt, dass sie von jemandem,

den ihr sehr mögt, belästigt oder vergewaltigt wurde,

seid ihr bereit, ihr euren Glauben zu schenken? Wenn ihr für

euer Verhalten kritisiert werdet, wärt ihr bereit, eure Egos

beiseitezulegen und die Kritik anzunehmen? Versucht ihr euch

eurer Privilegien als Männer bewusst zu werden?

Sexismus ist etwas Erlerntes, etwas, womit wir alle aufgewachsen

sind, weil wir alle in eine patriarchale Gesellschaft

hineingeboren wurden. Erlerntes kann aber auch verlernt

werden. Es ist schwer, aber notwendig. Die Verantwortung,

sich jede Mühe zu machen, sexistische Verhaltensweisen bei

sich selbst zu erkennen, zu reflektieren und zu verlernen, liegt

bei jedem einzelnen Mann. Für euch ist es vielleicht „unangenehm“

oder „nervig“, für Personen, die von sexistischer Gewalt

betroffen sind, ist es jedoch lebensbedrohlich, wenn diese

Auseinandersetzung nicht passiert.

Es muss Männern nämlich allmählich klar werden, dass sie

unglaublich viele Vorteile genießen dürfen, die für alle anderen

nicht selbstverständlich sind. Urinieren am Straßenrand und

bei jedem Event, so als ob die Straße euer privates Klo wäre.

Nachts vom Club angstfrei und sicher zuhause anzukommen.

Oben ohne posieren, ohne gleich den Account von Instagram,

Twitter und Co gesperrt zu bekommen und belästigt zu werden.

All diese Freiheiten müssen wir uns aber noch erkämpfen.

Männer leben sie währenddessen, ohne nachzudenken, einfach

Tag für Tag aus.

Dass jemand eure mangelnde Selbstreflexion kritisiert und

eure Bemühungen hinterfragt, ist deshalb nicht nur gerechtfertigt,

sondern unheimlich wichtig. Eine Abwehrhaltung und

ein verletztes Ego bringen uns in der Debatte nicht weiter. Wir

haben nämlich keine Zeit zu verlieren. Jeden Tag erlebe ich,

wie Frauen unterrepräsentiert werden, wie sie missbraucht

werden, für selbstverständlich genommen werden, wie sie für

die gleiche Arbeit weniger bekommen, wie sie

nicht ernst genommen werden. Es ist untragbar

und ich bin nicht bereit, mir diese Ungerechtigkeit

noch länger anzusehen. Ich möchte

nicht sterben, ohne die Gerechtigkeit, die wir

alle verdienen, selbst miterleben zu dürfen. Ich

weigere mich – und doch habe ich letztendlich

keine Wahl. Mein Lebensziel hängt davon ab,

wie viele Männer bereit sind, mir und anderen

Feminist*innen zuzuhören und reflektiert zu

handeln. ●

26 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 27



Ich habe letzte Woche die Corona -Schutzimpfung

erhalten, ohne dass meine Eltern

Bescheid wussten. Meine Eltern sind Coronaleugner

und denken, dass Covid eine Lüge

ist. Im Gegensatz zu mir, ich glaube daran. Ich

glaube daran aus Respekt vor den Leuten, die

daran gestorben sind. Aus Respekt vor den

Wissenschaftler*innen, die an dem Impfstoff

gearbeitet haben und vor den Ärzt*innen und

Pflegekräften, die so hart arbeiten.

Ich habe oft versucht, ihnen zu erklären,

warum Corona keine Lüge ist, und dass die

Regierung uns damit nicht kontrollieren möchte.

Sie sagen, wenn sie sich impfen müssen,

gehen sie wieder zurück nach Rumänien. Ich

bin geschockt und wütend und ich habe Mitleid

mit ihnen, weil sie alles, was sie auf Facebook

sehen und hören, glauben. Wenn ein orthodoxer

Priester vor der Kamera steht und sagt, dass sie

keine Impfung brauchen, glauben sie das.

„DU HAST EINEN CHIP

IMPLANTIERT BEKOMMEN!“

Nicht nur meine Eltern haben so eine Denkweise,

sondern fast mein ganzer Bekanntenkreis.

Wenn ich meine Eltern darauf aufmerksam

mache, dass sie die Maske gescheit tragen oder

Abstand halten sollen, regen sie sich nur auf.

“Du bist ja so korrekt”, sagen meine Eltern dann.

Ich hole meine Infos über Instagram und TikTok

und will mich schon länger impfen lassen. Ich

habe mich aber nicht getraut, alleine zu gehen.

Ich habe meiner Klassenvorständin von

meinen Eltern erzählt. Sie meinte, dass sie es

toll findet, dass ich mich da von meinen Eltern

unterscheide. Vor Kurzem hat sie mir erzählt,

dass es die Möglichkeit gibt, sich in einer

Schule impfen zu lassen. Letzte Woche habe

MEINUNG

ICH HABE MICH IMPFEN LASSEN, OBWOHL

MEINE ELTERN DAGEGEN SIND

Kommentar von Oana* (14)

ich dann dort gemeinsam mit ein paar anderen

Schüler*innen endlich meine erste Corona-

Schutzimpfung erhalten.

Danach habe ich es meinen Eltern erzählt.

Zuerst wollten sie mir nicht glauben. Dann ist

meine Mutter ausgerastet. Ich habe ihr versucht

zu erklären, dass das gar nicht schlimm sei und

ich 14 bin und selber entscheiden kann, ob ich

mich impfen lasse. Sie wurde noch wütender.

Solange ich in ihrem Haus lebe, solle ich nichts

machen, was sie nicht wolle. Weil es mir zu viel

wurde, habe ich gesagt, dass alles nur gelogen

war und ich mich eh nicht hab impfen lassen. Ich

bin mir aber nicht sicher, ob sie mir das abgekauft

haben. Mein Vater hat mir gesagt, dass er

die Schule anrufen wird und die Person anzeigen

wird, die mich zum Impfen gebracht hat. Er sagt,

dass ich jetzt einen Chip implantiert habe und

keine Kinder mehr bekommen kann. Ich weiß,

dass das nicht stimmt und ich liebe meine Eltern

trotzdem, aber Corona sorgt bei uns daheim nur

noch für Streit.

Dieser Kommentar wurde unter dem Titel „Ich habe mich

impfen lassen, obwohl meine Eltern dagegen sind.“ ende

Oktober auf dem Instagram-Account unserer KollegInnen

von „Die Chefredaktion“ veröffentlicht.

* Die Schülerin möchte unerkannt bleiben.

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UNSERE

HAARE,

UNSER

ERBE.

Haare sind heilig. Das sollten sich weiße

Menschen hinter die Ohren schreiben.

Sechs Afropäer aus Wien geben intime

Einblicke in ihre Frisuren und die

Bedeutung dahinter. Und noch eines:

„Don’t touch our hair!“

Von: Gracia Ndona, Fotos: Ina Aydogan

ICH BIN KEIN

FREMD KÖRPER

“Jeanne Andela, 21

Style: Braids

„Man hat immer den Druck,

beweisen zu müssen, dass unsere

Haare schön aussehen“, moniert

Jeanne. Das junge Model hat

sich von den Erwartungen der

Gesellschaft nicht unterkriegen

lassen. Mit 14 schnitt sie sich ihre

Haarspitzen ab. Sie waren durch

das Relaxen kaputtgegangen und

hatten sich verfärbt.

„Es gab sehr wenig Lob dafür.

Heute beneiden mich viele für

meine gesunden, natürlichen

Afrohaare“, berichtet sie stolz.

Jeanne hat kamerunische Wurzeln

und fühlt sich nicht wohl

dabei, weißen und anderen Nicht-

Schwarzen Personen Frage und

Antwort zu stehen, wenn es um

ihre Haare geht. Das Mysterium

um ihre Haare empfindet sie als

unerwünschte Exotisierung. Das

Model ergänzt: „Man wird – von

allen – als Fremdkörper in dieser

Welt gesehen.“ Für uns hat sie

eine Ausnahme gemacht. Danke,

Jeanne!

BIBER: Welche Rolle spielen

Haare in deinem Leben?

JEANNE: Eine große, auf jeden

Fall! Die Frisuren, die ich trage,

geben mir ein Gefühl von Sicherheit

Was sind schöne Haare für dich?

Wenn ich an schöne Haare

denke, dann an langes, glattes

europäisches Haar. Es ist das

gesellschaftliche Schönheitsideal.

Das heißt nicht, dass ich unsere

Afrohaare nicht schön finde.

Wie findest du es, wenn weiße

Menschen traditionell afrikanische

Hairstyles tragen?

Wenn es keine Person des öffentlichen

Lebens ist, ist es mir egal.

Die Machtstrukturen müssen

hinterfragt werden, wenn eine

bekannte Person unsere Hairstyles

trägt. Die Frisuren werden

oft falsch benannt und dann

populär. Zum Beispiel „Kim Kardashian

Braids“ oder „Boxer Braids“.

30 / RAMBAZAMBA /

/ RAMBAZAMBA / 31



KEINE HAARE,

KEIN PROBLEM

Eliob, 26

Style: „Short Buzz Cut”

Eliob trägt seinen „Short Buzz Cut“ gerne

in bunten Farben, wie pink, blau oder

blond. Die Frage, womit das Vangardist-

Model „Haarewaschen“ verbindet, beantwortet

er knapp: „Mit Duschgel!“ (lacht).

„Ich habe kurze Haare. Weiße Menschen

fühlen sich trotzdem dazu berechtigt,

meinen Kopf einfach anzufassen. Wenn

das ungefragt passiert, ist es ein Eingriff

in meine Privatsphäre“, erklärt er.

BIBER: Welche Rolle spielen Haare in

deinem Leben?

ELIOB: Mit kurzen Haaren ist es einfach.

Ich muss nicht viel Zeit in Pflege und Look

investieren. Trotzdem denke ich, dass

Haare im Leben von Schwarzen Menschen

generell eine größere Rolle spielen als bei

weißen.

Was sind schöne Haare für dich?

Wenn ich an Menschen mit „schönen

Haaren“ denke, dann an weiße Models

mit langen, lockigen Haaren. Wie aus der

Werbung. Ich hasse das.

Wie findest du es, wenn weiße Menschen

traditionell afrikanische Hairstyles tragen?

Mein erster Gedanke ist: Oida, scheiße,

das steht dir nicht! Und mein zweiter:

Warum, kannst du die Haare tragen und

hast gleichzeitig dieselben Privilegien als

weiße Person, die ein Schwarzer Mensch

nicht hat. Du kannst diesen Hairstyle

tragen, weil du ihn cool findest. Ohne Konsequenzen

in deinem Alltag.

KEINER

TRAUT SICH

MEINE HAARE

ANZUFASSEN!

“Kevin Anthony, 24

Style: „Wash And Go“

Kevin trägt gerne Twists, Cornrows

oder wie bei unserem Shooting seine

natürlichen Haare. Es dauert 20

Minuten bis seine Locken nach dem

Waschen so aussehen, wie er es am

liebsten hätte. „Menschen kommen

auf mich zu und fassen, ohne zu fragen,

meine Haare an. Sie wissen nicht,

wie viel Arbeit dahintersteckt. Für

mich ist das ein persönlicher Angriff“,

ärgert sich Kevin über die anonymen

Fummler, die wohl jeder Schwarze

Mensch in Österreich kennt. Das Model

mit togolesischen Wurzeln findet

seine Haare besonders schön, wenn

sie „relaxt“ sind. (siehe Glossar)

BIBER: Welche Rolle spielen Haare in

deinem Leben?

KEVIN: Sie machen meinen ganzen

Look aus.

Was sind schöne Haare für dich?

Ich denke an braune, definierte

Locken. Nicht meine natürlichen

Locken. Ich finde meine Haare schöner,

wenn sie relaxt sind.

Wie findest du es, wenn weiße

Menschen traditionell afrikanische

Hairstyles tragen?

Wenn die Haare zum Style und Auftreten

der Person passen, find ich es

in Ordnung. Wenn weiße Menschen

mit diesen Haaren versuchen „afrikanischer“

zu sein als Afrikaner selbst,

verstehe ich es nicht. Mit Afrika-Kette,

Braids und Goa-Hosen. So ziehen sich

Schwarze nicht an.

32 / RAMBAZAMBA / / RAMBAZAMBA / 33



KEINE ZEIT

FÜR DRAMA

Moumi Awudu, 23

Style: „Low Puff“

Die viel beschäftigte Jus-Studentin

Moumi verbindet den

Prozess des „Haare machens“

mit Stress. Ihre Lieblingsfrisur

(„Braids“) lässt sie sich

deswegen immer von einer

professionellen Hairstylistin

zuhause machen. „Ich muss

einen Termin finden, die

Haare waschen, sie trocknen

und „detanglen“. Als ich im

Kindergarten war, hat mir eine

Betreuerin einmal gesagt, ich

solle meine Haare schneiden.

Ich würde aussehen, wie ein

Klobesen“, denkt die Studentin

mit ghanaischen Wurzeln

zurück. Das kam für die junge

Schmuckverkäuferin schon

damals nicht in Frage.

BIBER: Welche Rolle spielen

Haare in deinem Leben?

MOUMI: Meine Haare sind mir

sehr wichtig. Sie machen mich

und mein Aussehen aus. Ich

fühle mich gut, wenn sie im

Puff oder Braids sind.

Was sind schöne Haare für

dich?

Ein voller Afro. Viele Haare,

egal welche Haarstruktur.

Wie findest du es, wenn weiße

Menschen traditionell afrikanische

Hairstyles tragen?

Ich denke, dass es an Schwarzen

Menschen besser und

authentischer aussieht. Aber

ich freue mich, wenn eine

Schwester am „Haaremachen“

der weißen Person verdient

hat.

MEIN KÖRPER,

MEINE REGELN

“Mercy Mercedes, 22

Style: „Faux-Locs“

Für Mercy bedeutet „Haare machen“

Erholung vom Alltag. Die kreative

KSA-Studentin (Kultur- und Sozialanthropologie)

macht sich ihre Frisuren

nämlich selbst. „Ich nehme mir

einen ganzen Tag fürs Haaremachen

Zeit. Wenn ich mir Braids oder Locs

mache, habe ich dann dafür einen

Monat Ruhe“, sagt die selbstständige

Designerin mit österreichisch-kamerunischen

Wurzeln. Mercy erinnert

sich, wie sie als Kind lange und glatte

Haare haben wollte. Einmal färbten

sie und ihre FreundInnen ihre Haare

sogar blond. „Es sah furchtbar aus“,

erinnert sie sich. Mit 13 Jahren wusste

die selbstbewusste Wienerin, dass

sie dem westlichen Schönheitsideal

nicht entsprechen möchte.

BIBER: Welche Rolle spielen Haare in deinem Leben?

MERCY: Eine große Rolle. Die Faux-Locs, die ich auf

den Fotos trage, habe ich selbst gemacht. Ich nehme

mir Zeit für meine Haare.

Was sind schöne Haare für dich?

Meine Locken sind nach dem Waschen am schönsten.

Früher wollte ich meine Haare immer glätten, ich

habe einfach versucht dem westlichen Schönheitsideal

zu entsprechen. Meine Mom hat mir das zum

Glück verboten! Es macht die Haare kaputt. So habe

ich gelernt, meine eigenen Haare zu pflegen. Viele

Schwarze wissen leider nicht, wie sie mit ihren natürlichen

Haaren umgehen sollen, wenn sie erwachsen

sind. Das ist schade. Unsere Haare sind so schön.

Wie findest du es, wenn weiße Menschen traditionell

afrikanische Hairstyles tragen?

Ich bin meistens verwirrt. Es sieht oft nicht gut aus.

Außerdem sind ihre Haare nicht für diese Hairstyles

gemacht. Es gibt kein Verbot, das weißen Menschen

diese Frisuren verwehrt. Aber warum müsst ihr sie

tragen? Warum müsst ihr unsere Haare kopieren?

34 / / RAMBAZAMBA MIT SCHARF / / / / RAMBAZAMBA MIT SCHARF / / 35



WIE SURFER-

BOYS WIRKLICH

AUSSEHEN

Yves Jambo, 25

Style: „Afro”

Yves hat vor Kurzem einen „Black Hair

Workshop“ besucht. Erst mit 25 Jahren

hat er dort Nützliches zu seinem

Afro gelernt. Zum Beispiel, dass seine

Haare kürzer aussehen, als sie es sind.

Dieses Phänomen heißt „Shrinkage“.

Je stärker die Afrohaare beim Kämmen

in ihre ursprüngliche Form zurückgehen,

desto gesünder sind sie. Früher

hat der YouTuber nicht darauf geachtet,

welches Shampoo oder welchen Conditioner

er für seinen Afro benutzt. Heute

weiß Yves, dessen Wurzeln in Rwanda

liegen, dass seine Locken eine besondere

Behandlung und viel Aufmerksamkeit

brauchen. „Das „Haarewaschen“

bedeutet für mich, mir einen ganzen

Tag Zeit zu nehmen. Und wenn meine

Haare nass sind – vor allem nach dem

Schwimmen, sehe ich, wie Surfer-Boys

in Wirklichkeit aussehen sollten“, erzählt

Yves augenzwinkernd in Anspielung an

die stereotypisch glatten, blonden Haare

der 08/15-Surfer.

BIBER: Welche Rolle spielen Haare in

deinem Leben?

YVES: Seit ich Schauspieler bin, sind sie

mir wichtiger geworden. Ich weiß jetzt,

welche unterschiedlichen Frisuren ich für

welche Rollen machen kann.

Was sind schöne Haare für dich?

Meine Haare!

Wie findest du es, wenn weiße Menschen

traditionell afrikanische Hairstyles

tragen?

Ich finde es unnötig. Weiße Menschen

verstehen oft nicht, dass gewisse Räume

und Praktiken nicht für sie geschaffen

sind. Das gilt auch für Hairstyles.

Deswegen sage ich bei weißen Leuten

bewusst „Dreadlocks“. Bei Schwarzen

sage ich Locs. „Dreadful“ bedeutet

nämlich furchtbar. Und historisch ist

diese Bezeichnung der Haare rassistisch

geprägt.

„UNSERE FRISUREN

SIND KEIN TREND!“

Afrikanische Frisuren sind Zeugen der

Vergangenheit und eine Hommage an unsere

unterdrückten Vorfahren.

„So schauen deine Haare offen aus?“, fragte mich meine

16-jährige Cousine 2017 bei meinem Besuch in der Demokratischen

Republik Kongo. „Warum benutzt du keinen

Relaxer?“ Das ist eine weiße Creme, mit der gelockte

Afrohaare, wie ich sie an jenem Tag trug, chemisch geglättet

werden können. Das ist ein weltweites Phänomen in

Schwarzen Communities, um dem weißen Schönheitsideal

zu entsprechen. So werden lebensbedrohliche Schäden,

wie Verbrennungen, Herzkrankheiten und auch Fortpflanzungsstörungen

in Kauf genommen. Mir selbst wurden

bereits mit sieben Jahren das erste Mal die Haare relaxed.

Schon während der Kolonialzeit wurde Afrikanern und

Afrikanerinnen unter Androhung von Strafen beigebracht,

dass hellere Haut und glattes Haar schöner als Schwarze

Haut und Afrohaar seien. Dieses Wissen wurde von Generation

zu Generation weitergegeben. Viele glauben daher

bis heute, dass glatte Haare ein Zeichen für Wohlstand

und Beliebtheit seien.

Auch in Österreich kostet es Schwarze Menschen emotionale

Überwindung, ihre Haare offen zu zeigen. Während

Locs beim legendären Reggae Sänger Bob Marley cool

aussehen, wirken sie an anderen Schwarzen Männern

bedrohlich. So das gängige Vorurteil. Das bestätigten mir

Freunde, die in Einkaufszentren häufig von der Security

kontrolliert oder auf der Straße von der Polizei angehalten

werden. Die Betroffenen schneiden sich ihre Haare lieber

ab, um solche Situationen zu vermeiden.

Dabei haben die traditionellen Frisuren ein historisches

Erbe. Während des Sklavenhandels wurden Fluchtwege

und Codes zur Befreiung in Cornrows eingeflochten. Und

Essen (z.B. Reiskörner) als

Überlebensstrategie in den

Haaren versteckt. Auch königliche

Schwarze Ägypter und

Ägypterinnen trugen Braids und

Cornrows.

Doch für viele Schwarze

Menschen ist es bis heute nicht

leicht zu den eigenen Locken zu

stehen. Selbst ich trage meine

Haare in Österreich nicht offen.

Aufgrund von Ausgrenzung und

negativen Erfahrungen. Daher

betone ich: Unsere Frisuren sind

kein Trend. Sie sind Teil unserer Zur Autorin: Gracia Ndona wünscht

sich weniger unerlaubte Griffe in ihr

Identität. Unsere Haare sind unser Haar Erbe. und mehr Verständnis für das,

was sie auf ihrem Kopf trägt.

Was sind Locs,

Twists und co.?

BOX BRAIDS

Große geflochtene (Rasta-) Zöpfe mit Haarverlängerung

BRAIDS

Geflochtene (Rasta-) Zöpfe mit Haarverlängerung

CORNROWS

Frisuren, bei denen die Zöpfe direkt an den Kopf

geflochten werden

DETANGELN

Das Entwirren der natürlichen Locken

FAUX-LOCS

Haarverlängerung, ohne dabei die eigenen Haare zu

verfilzen

HIGH-PUFF

Dutt auf dem Scheitel

LOCS

Frisur, bei der die eigenen Haare (künstlich) verfilzt werden

LOW-PUFF

Dutt auf dem Hinterkopf

PROTECTIVE HAIRSTYLE

Frisuren (z.B. Braids oder Twists), die die Haare vor

Bruch und Trockenheit schützen

RELAXER

Creme, mit der lockige Haare chemisch geglättet werden

SHORT BUZZ CUT

Kurzhaarfrisur

TWISTS

Zwei Haarsträhnen, die zu einem Zopf

zusammengedreht werden

WASH AND GO

Die Haare werden gewaschen und mit Pflegeprodukten

behandelt. Meistens werden sie dann an der Luft

getrocknet.

biber Haarmonie

Don’t Touch My Hair – Solange Knowles

I Love My Hair - Mickey Guyton

I Am Not My Hair – India Arie Ft. Akon

Black Is Beautiful – E-40, Big K.r.i.t.

Peng Black Girls – Enny Ft. Jorja Smith

36 / RAMBAZAMBA / / RAMBAZAMBA / 37



LIFE & STYLE

Mache mir die Welt,

wie sie mir gefällt

Aleksandra Tulej

MEINUNG

Dealen am

Straßenstrich

Ich verfolge genau zwei Styling-Optionen:

männlicher Drogendealer und

Ostblock-Escort. Nichts dazwischen,

oder beides gemischt auf einmal. Ich

nenne meinen Kleiderschrank das

Yin und Yang der Unterwelt – eine

wunderbare, gestörte Symbiose.

Ich besitze mehr Jogginghosen als

gesellschaftstaugliche Kleidung, mehr

dreckige Sneakers als Gehirnzellen und

gleichzeitig mehr knappe Tops und

Fake-Wimpern als Tassen im Schrank.

Ich weiß eh, irgendwann sollte ich

umschwenken und mich nicht mehr

kleiden, als würde ich gleichzeitig ein

Rap-Video drehen und im Anschluss

daran horizontal mein Geld verdienen.

Aber ich beuge mich weiterhin den

Normen, die man in meinem Alter

voraussetzt: Sakkos, Blazer, Stiefel,

Hemden. Ich hasse das alles und das

alles hasst mich zurück. Wenn ich

mich für einen Anlass formell anziehen

muss, verdrehe ich innerlich die Augen

und kriege Schweißausbrüche. Ist das

kindisch, trotzig und peinlich? Ja. Zum

Glück erkennt mich aber niemand unter

den riesigen Hoodies. Ist das eine Frau

Ende zwanzig oder ein 14-jähriger Instagram-Rapper?

Geht sie gerade Nägel

machen oder Gras ticken? Man weiß es

nicht. Undercover geht auch so.

tulej@dasbiber.at

Geschenk-Tipp:

STABILES

HÄNDCHEN

Das wird nie fad: Personalisierte,

gravierte Armbänder.

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kannst du jeden beliebigen

Spruch, Namen, oder Symbol

auf ein Armband gravieren

lassen. Diese Bändchen halten

ewig – und das kommt von

jemandem, der sonst am laufenden

Band Schmuck verliert.

Gewinnspiel:

WOHER KOMMST DU

WIRKLICH?

Kennt ihr diese weißen Amerikanerinnen

auf TikTok, die damit prahlen,

dass sie in ihrem sonst super-langweiligen

Vorstadt-Genpool zu 1/10

Cherokee-Abstammung haben? Ich bin

jetzt eine von ihnen – aber ein bisschen

weniger lame. Ich bin in Polen

geboren und dachte immer, dass

meine Vorfahren wohl auch aus diesen

Sphären stammen. Aber ich habe

auch russische, tatarische, uzbekische,

kazachische und aserbaidschanische

Wurzeln – wie ich letzte Woche

herausgefunden habe. Ich durfte den

DNA-Test von MyHeritage machen

– funktioniert eigentlich wie ein

Corona-Test: Stäbchen in den

Mund, Stäbchen in den Behälter

und einschicken. In einem Labor

wird eure DNA dann anhand

eures Speichels ausgewertet und

ihr bekommt das Ergebnis über

euer Erbgut und eure ethnische

Herkunft per Mail zugeschickt –

sprich die ethnischen Gruppen

und geografischen Regionen, aus

denen ihr stammt. Wollt ihr’s auch

wissen? Wir verlosen drei DNA-

Kits von MyHeritage. Mehr zu dem

Gewinnspiel findet ihr auf Instagram:

dasBiber

© Zoe Opratko, Koni Design, My Heritage DNA

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38 / LIFESTYLE /

WIENER STADTWERKE GRUPPE



ALLES

FÜR DIE

Warum tragen wir Gucci,

Prada und Nike? Wer

sind die Fashionvorbilder

und wer inspiriert

Styler und Modefreaks?

Lokalaugenschein im

Donauzentrum.

MARKE

DER ALBANISCHE ADLER

TRÄGT NIKE AIR FORCE

Die zwei 16-jährigen Cousinen tragen

mit Stolz ihre Kette mit dem albanischen

Adler. Diese symbolisiert ihre Herkunft

und ihren Nationalstolz. Bekime imponiert

mit ihrem Lacoste Trainingsanzug und

den weißen Nike Air Force. Edita fühlt

sich im Nike-Jogginganzug, kombiniert

mit – richtig erraten – ebenfalls Nike Air

Force, am wohlsten. „Wir kaufen beide

Marken, weil sie trendy sind und jeder

um uns herum sie trägt“, erzählt Bekime.

Die zwei 16-Jährigen scrollen sich

meistens auf TikTok durch und staunen

über die neuesten Modetrends auf

der Videoplattform. Wenn ihnen etwas

gefällt, klicken sie sich durch Hashtags,

Kommentare und Verlinkungen

und gelangen somit an die Quelle ihrer

Shopping-Begierde. Die Kleidung von

Bekime und Edita wird auf den Nacken

der Eltern finanziert, aber nicht ganz

ohne Fleiß. „Eine Jogginghose von Primark

um 5 Euro kaufen mir meine Eltern

sofort. Bei teureren Sachen, wie dem

Lacoste-Trainingsanzug, musste ich ein

wenig betteln. Im Endeffekt haben sie es

mir trotzdem gekauft“, erzählt Bekime

grinsend. Manches Mal steckt auch eine

Belohnung im Spiel. „Wenn wir gute

Noten nach Hause bringen, dann kaufen

sie uns auch die Sachen, die wir wollen“,

so die 16-jährige Edita.

Von Seyda Gün, Fotos: Zoe Opratko

BAUHACKLER, SCHÜLER

UND DER ARBEITSLOSE

„Viele junge Leute tragen Markenklamotten,

um bei anderen rauszustechen

oder damit zu flexen“, verkündet Stojan

in seinem Bauhackleroutfit und Tommy

Hilfiger Haube in der Hosentasche. Der

19-Jährige zeigt uns innerhalb von zehn

Minuten drei Personen im Donauzentrum,

deren Outfit mehr als 500 Euro

kostet. „Schau, die da, ihre Tasche

kostet mindestens 300€.“ Vor allem

scheinen Schuhe bei den jungen Fashionistas

groß im Kommen zu sein. Die

ständigen Begleiter auf unseren Füßen

würden schließlich 90 % von einem gut

kombinierten Outfit ausmachen, findet

Stojan. Sein Freund Ivan lacht, was Stojan

veranlasst, ein „Ich schwör, es ist so“

in Richtung seines Freundes zu rufen,

um den Wahrheitsgehalt seiner Aussage

zu bestärken. Der 18-jährige Ivan findet

Markenklamotten für den gesamten

Auftritt nicht wichtig. Viel eher kommt es

auf die Kombination der einzelnen Teile

an, die sich Ivan über den chinesischen

Online-Händler „Shein“ ganz bequem

nach Hause liefern lässt.

Es sind vor allem YouTuber, aber auch

Plattformen wie TikTok und Instagram,

die junge Menschen zu ihren Styles inspirieren.

Der deutsche YouTuber Justin

Fuchs (auf YouTube: JustinLIVE) bewegt

mit seinen Videos die Jugend und spricht

viel über Mode, setzt Trends und bewertet

Outfits. Er hat sogar seine eigene

Marke unter dem Namen „Peso“ kreiert.

Strahlend prahlt Stojan mit seiner Peso-

Jacke. Aber auch lokale YouTuber wie

der Wiener Maximilian Weißenböck (auf

YouTube: MaxaMillion) setzen Trends.

Maximilian führt wie Justin sein eigenes

Modelabel und gibt jungen Menschen

Inspirationen zu neuen Outfits. Stojan

verdient sein eigenes Geld, Ivan ist

Schüler und David ist zurzeit arbeitslos.

Um stylemäßig mit Stojan mitzuhalten,

hilft Ivan fünf Samstage seinem Vater auf

der Baustelle aus. David lacht und zeigt

dabei seinen stilvollen Louis-Vuitton-

Gürtel, den er sich um knapp 450€ mit

seinem Arbeitslosengeld gekauft hat. Die

beiden anderen können darüber nur mit

dem Kopf schütteln.

40 / RAMBAZAMBA / / RAMBAZAMBA / 41



DIE MALL-PHILOSOPHEN

„Meine Moncler Jacke, die ich anhabe,

schaut nur teuer aus. Ich habe sie

von Willhaben um 200 Euro gebraucht

gekauft“, rechtfertigt sich der Austro-

Afghane Omid. „Ich sage immer, wer

so viel Geld für eine Jacke ausgibt, da

hat die Jacke ihn gekauft – nicht er die

Jacke!“ Oha, wir haben hier einen Hobbyphilosophen

getroffen. Cristiano sieht

die Sache ähnlich. Viele junge Menschen

würden dem Trend der Markenklamotten

nachlaufen, weil sie nach Status streben,

meint er. Der 22-Jährige betrachtet den

Markenwahnsinn unter seinesgleichen

kritisch. „Es braucht nur etwas viral

gehen und schon laufen alle dem gleichen

Trend hinterher“, sagt er empört.

Die zwei sprechen an, dass es vor allem

die Rapszene sei, die vielerlei an Trends

setzen würde, denen dann viele junge

Menschen folgen. Sogar der Deutschrapper

Haftbefehl müsste den Jungs

zugehört haben. Er kritisierte jüngst im

Podcast „Podkinski“ den Markenwahn

der heutigen Jugend. „Alle Laufen in

Marken herum. Prada, Louis oder Gucci.

Ehrlich, mit 15, Alter? Die sind doch

komplett brainwashed.“ Haftbefehl gab

sich auch selbstkritisch: „Wir Rapper sind

ein großer Grund, warum das so gekommen

ist.“

Omid verrät uns ungefragt, dass

er viele Leute kenne, die Fake-Markensachen

tragen: „Aus der Türkei.

Hauptsache Marke. Ist egal, ob original

oder nicht“, winkt der 22-Jährige ab.

Jedenfalls sind ihm Menschen bekannt,

die sich bei der App „Klarna“ zumindest

einmal schon verschuldet haben. Klarna

ist ein schwedischer Zahlungsanbieter,

der mit vielen Onlinehändlern kooperiert.

Das Gefährliche bei Klarna: Die „kaufe

jetzt, zahle später“-Aktionen verleiten

viele junge Menschen dazu, über den

Verhältnissen zu leben. Die Ratenzahlungen

erscheinen verlockend, sind aber

blöderweise der erste Schritt in den

Bankrott. Etwas, was Omid und Cristiano

garantiert nicht passieren wird, wie sie

uns versichern.

JETZT

BEWERBEN

CARRIE BRADSHAW

VOM SPANISCHEN

COLLEGE

Mit ihrer Moncler Jacke und dem

Burberry Schal ist Lina definitiv ein

Eyecatcher im Wiener Donauzentrum.

„Ich selber trage Markenkleidung

seit meiner Zeit auf einem College

in Spanien“, so die 22-Jährige. Hört,

hört. Nur ein kleiner Bruchteil ihres

Umfeldes in Wien trägt Markensachen.

Lina sieht das Thema Markenkleidung

anders. Für sie gibt es zwei

Arten an Menschen: „Diejenigen, die

Marken tragen, um sich zu beweisen

und einen Status in der Gesellschaft

zu erreichen, und die Ästheten, die

Marken tragen, weil sie die Ware

schön finden oder den Designer

mögen.“ Lina ist, wie sie sagt, von

jeher modeaffin. Dazu gehört das

Recherchieren nach den neuesten

Fashion Trends im Internet, in verschiedensten

Blogs und Magazinen.

Social Media als Inspirationsquelle?

Findet Lina überbewertet.

42 / RAMBAZAMBA /

KARRIERE.BILLA.AT



KARRIERE & KOHLE

Para gut, alles gut

Von Šemsa Salioski

BEZAHLTE ANZEIGE

WER IST „WIR“?

Mit der Unterstützung von LUKOIL geht

„SAG’S MULTI!“ in die 13. Runde

MEINUNG

Biznis-Guide für

Underdogs

Dass genug Para im Elternhaus die

Zukunfts planung massiv beeinflusst, wissen

wir Arbeiterkinder am besten. Ich bin keine

Karriereexpertin, habe jedoch trotz Startschwierigkeiten

als absolut ahnungsloses

Kind eines Reifenmonteurs und einer Schuhverkäuferin

immerhin (inshallah bald) zwei

Masterabschlüsse in der Tasche. Auch ich

hätte als Kind meine Diddl darauf verwettet,

später maximal in einem der Millennium-

City-Shops arbeiten zu dürfen. Eh nichts

Schlimmes dabei, aber aufregendere Jobs

außerhalb der Bubble wie Journalistin,

Diplomatin oder Projektleitung zog ich früher

nicht einmal in Erwägung. Arbeit bedeutete

bloß „über die Runden kommen“, nicht

Freude. Fast Forward: Ich schreibe seit 2016

für Magazine, habe nun eine Kolumne und

arbeite derzeit in Skopje an der Österreichischen

Botschaft. Ich war eine faule Schülerin,

nahm die Studienzeit aber, aus Panik vor

späteren Existenzängsten, unfassbar ernst.

Das Resultat dieser Brain-Fuckery ist immerhin

eine Ansammlung von Tipps rund um

Organisation, Förderungsmöglichkeiten und

Arbeitsrechtsfragen mit Verarsch-Potenzial,

die ich gerne mit Fellow-Arbeiterkindern

teilen würde. Rumheulen bringt nichts und

wenn das System uns nicht hilft, müssen wir

uns gegenseitig helfen. Underdogs unite!

salioski@dasbiber.at

POLYGLOTT

OHNE PARA

Du möchtest Arabisch oder Russisch

lernen, kannst dir aber keine teuren

Sprachkurse leisten? Kein Problem,

Habibi. Hier sind Alternativen, mit

denen du easy zum Polyglott wirst:

1

KOSTENLOSE APPS

WIE DUOLINGO:

Jede Lektion beinhaltet Sprech-,

Hör-, Übersetzungs- und Auswahlübungen.

Für deutschsprachige

Nutzer bietet die App Englisch,

Spanisch und Französisch an. Wer

sie auf Englisch nutzt, hat Zugriff

auf über 30 weitere Sprachen.

2

DAS GEŠEFT MIT

DER SPRACHE:

Aktives Lernen durch Sprechen ist

der beste Weg, Sprachen zu erlernen.

Auf Seiten wie Tandem oder

Sprachlernbörse braucht man keinen

Cent, sondern tauscht einfach

Sprachkenntnisse miteinander aus.

https://www.tandem.net/de

Podcast

des Monats

Einschlafen

mit Wikipedia

Vergesst Koffein und Kokain,

Schlaf ist der wahre Erfolgsbooster.

Das natürliche Reparaturprogramm

ist nämlich

wesentlich für Gedächtnisleistung,

Immunsystem und

Energiehaushalt. Wer früher

Gute-Nacht-Geschichten

gebraucht hat, wird diesen

Podcast lieben. Nur werden

hier stattdessen einfach

Wikipedia-Seiten vorgelesen.

Schneller einschlafen und

dabei etwas über Toiletten

in Japan oder Kartoffelchips

lernen? – all u need!

3

AUTONOMES

LERNEN:

Das Raiffeisen Sprachlernzentrum

besteht aus einem Selbstlernbereich,

Language Labs und

einem Seminarraum. Dort findet

man Unterlagen wie Bücher und

Filme zur freien Benutzung.

https://sprachenzentrum.univie.

ac.at/sprachlernboerse,/

© Zoe Opratko, pexels.com/Olya Kobruseva, Schønlein Media

© unsplash.com/thisisengineering raeng

ALMA

HILFT DIR AUS

DER PATSCHE

Hast du Probleme, einen Job zu finden? Hat

ein Freund von dir die Berufsschule abgebrochen

und möchte sie nachholen? Kennst

du Freunde, die gar nicht zur Schule gehen, weil sie

Probleme zu Hause haben? Schluss damit! ALMA von

der Europäischen Kommission kann helfen.

ALMA ist eine Abkürzung und steht im Englischen

für Aim, Learn, Master, Achieve (Anvisieren, Lernen,

Meistern, Ankommen). Die Präsidentin der Europäischen

Kommission Ursula von der Leyen möchte

damit „diejenigen stärker unterstützen, die durchs Netz

gefallen sind – junge Menschen, die keine Arbeit haben,

nicht zur Schule gehen oder keine Berufsausbildung

derzeit absolvieren“. Auf gut Deutsch: Jeder, der gerade

einen Hänger hat und keinen Job, soll sich melden.

Warum? Die EU zahlt dir eine allgemeine und berufliche

Bildung oder besorgt dir einen Job in deiner Stadt.

Oder, was auch sehr nice ist, ein Praktikum in einem

anderen Land. Zur Info, Europa hat 27 Länder – und

im Sommer immer nach Serbien oder Yozgat zu fahren

wird auch irgendwann mal fad.

Wenn ihr interessiert seid oder jemanden kennt,

der was Neues lernen möchte oder keinen Job hat –

schreibt den Leuten von der EU-Kommission eine Mail,

in der ihr euer Interesse bestätigt. Nein, keine DM auf

Instagram, sondern das, was sich ältere Menschen

hin und herschicken. EMPL-G1UNIT@ec.europa.eu. Ihr

werdet über die Einzelheiten informiert.

© Sag’s multi / ORF

(v.l.n.r.) Christoph Wiederkehr, Amtsführender StR für

Bildung, Jugend, Integration und Transparenz und

Robert Gulla, Geschäftsführer von LUKOIL International

Holding GmbH bei der diesjährigen Preisverleihung

Seit 2009 gibt der Redewettbewerb

„SAG’S MULTI!“ Jugendlichen

ab 12 Jahren die Chance,

ihr Sprachtalent zu zeigen.

In den Reden wird zwischen Deutsch und einer anderen

Fremd- oder Muttersprache gewechselt – ein international

einzigartiges Konzept, das den wirklichen Mehrwert in

der Mehrsprachigkeit zeigen soll. Auch während der Pandemie.

Im vorigen Jahr präsentieren die Teilnehmer:innen

ihre Reden digital mit selbst gemachten Videos. Diese

wurden via Youtube für ein breiteres Publikum zugänglich

gemacht. In der Finalrunde wurden unter strengen

Sicherheitsmaßnahmen Preise an 32 Schülerinnen und

Schüler aus ganz Österreich vergeben.

Für den 13. Durchlauf im Jahr 2021/22 werden die

jungen Rednerinnen und Redner zum Thema „Wer ist

Wir?“ über ihre Persönlichkeit, Zukunft und Identität ihrer

Kreativität freien Lauf lassen. „Mehrsprachigkeit und

kulturelle Vielfalt legen den Grundstein für erfolgreiche

Unternehmen. Jede Sprache, die man beherrscht, stellt

eine Schüsselqualifikation dar, die Türen öffnet, Networking

ermöglicht und ganz einfach auch die zwischenmenschliche

Kommunikation bereichert. Und was noch

viel wichtiger ist: Wir sehen hier auch die Experten und

Gestalter von morgen“, so Robert Gulla, Geschäftsführer

des langjährigen SAG’S MULTI!‘-Partners LUKOIL, der

übrigens selbst fließend zwischen der Muttersprache

Deutsch und den erlernten Sprachen Russisch und Englisch

wechseln kann.

44 / KARRIERE /



BIBER BILDET AUS!

Die biber-Akademie ist die größte Kaderschmiede für zukünftige JournalistInnen in

Österreich. Drei von ihnen erinnern sich an ihre zweimonatige Ausbildung zurück und

erzählen von ihren neuen Jobs bei „Forbes“, „Kurier“ und dem Bildungsministerium.

SPONSOREN DER

BIBER-AKADEMIE:

Co-finanziert durch:

„Die Biber Akademie ist ein Erfolgsprojekt, das

journalistische Nachwuchstalente mit Migrationshintergrund

in die heimischen Redaktionen

bringt. Dort bereichern sie mit neuen, interkulturellen

Zugängen die Berichterstattung. Von

diesem frischen Wind profitieren nicht zuletzt

alle MedienkonsumentInnen. Auf viele weitere

tolle AbsolventInnen!“

SUSANNE RAAB, Bundesministerin für Frauen,

Familie, Jugend und Integration

NAZ KÜCÜKTEKIN, 25, absolvierte im

Aug./Sep. die biber-Akademie

VOM GEMEINDEBAU ZUM KURIER

Drei Jahre hat es gedauert, bis ich mich

traute, mich für die biber-Akademie zu

bewerben. „Wieso sollten die mich überhaupt

wollen? Ich bin sicher nicht gut

genug!“ – Gedanken, die wahrscheinlich

jede JungjournalistIn kennt. Vergangenen

Sommer traute ich mich dann aber

doch und bewarb mich für die biber-Akademie.

Und so begannen zwei Monate,

die mein Leben verändern sollten. Die

biber-Akademie war hart. Doch das war

es wert.

Meine erste große Geschichte kostete

mich viele Nerven, musste ich sie doch

dreimal umschreiben, weil die Kritik kam

„da ist noch mehr“ oder „mehr aktive

Verben statt sperrigen Hauptwörtern“.

Genau diese Geschichte wurde erst

vor ein paar Wochen mit einem renommierten

Journalisten-Preis ausgezeichnet

(„Wir Kinder vom Gemeindebau“). Biber

hat mich auf den Journalismus vorbereitet,

ohne dass ich mich dafür verbiegen

musste.

Und vor allem hat mir biber so einige

Türen in die Medienbranche eröffnet.

Wie etwa zur Tageszeitung „Kurier“, wo

ich heute angestellt bin und ein neues

mehrsprachiges Portal mit aufbauen darf.

NAILA BALDWIN, 23, absolvierte im

Jan./Feb. 2019 die biber-Akademie

DER SPRUNG ZU FORBES

„Schreibt über etwas, was euch bewegt.

Wenn es gut ist, erscheint es am Nachmittag

schon online auf unserem Blog“,

sagte Akademieleiter Amar zu uns am

ersten Tag meiner zweimonatigen Ausbildung

beim Biber. Ich war überfordert,

denn ich wusste noch gar nicht, was

mich bewegt. Doch es hat nicht lange

gedauert, bis sich das geändert hat.

Amar gab uns hilfreiche Inputs, Denkanstöße,

Impulse und stellte uns vor Aufgaben,

die mich motivierten, an meinem

Journalisten-Ich zu arbeiten. Das

Folgepraktikum – vom Biber vermittelt

- absolvierte ich bei der ‚heute‘-Tageszeitung.

Amar sagte mal zu mir, er stelle

sich mich in einer repräsentativen Rolle

vor, da ich weiß, wie ich seriös aufzutreten

habe. Ich denke bei Forbes-DACH

habe ich gefunden, was zu mir passt.

Mittlerweile bin ich dort fix angestellt.

Als (Wirtschafts-)Redakteurin bei Forbes

habe ich den Ansporn, Unternehmertum

im deutschsprachigen Raum in seiner

Diversität abzubilden.

Meine Schwerpunkte dabei sind Themen

wie Under-30-Unternehmertum, Smart

Cities, Women, Tech und vieles mehr.

YASEMIN UYSAL, 28, absolvierte im

Okt./Nov. 2020 die biber-Akademie

TRAUMJOB IM

BILDUNGSMINISTERIUM

Noch vor einem Jahr hätte ich mir

niemals gedacht, dass eines Tages ein

Artikel über mich veröffentlicht wird,

durch den mich Menschen auf der Straße

erkennen und mich auf meine Story

ansprechen würden. Ein Jahr und eine

biber-Akademie später ist genau das die

Realität geworden.

Während meiner biber-Zeit habe ich

gelernt, über mich selbst hinauszuwachsen.

Bereits bei meinem allerersten

Interview wusste ich sofort: „Das hier

ist keine gewöhnliche Journalismus-

Ausbildung.“ Wo sonst kann man dem

Wiener Vizebürgermeister Christoph

Wiederkehr die Frage stellen, wie oft er

in seinem Leben schon gekifft hat? Diese

Ausbildung ist scharf. Sie ist divers. Sie

ist einzigartig!

Durch die Akademie ergatterte ich meinen

Traumjob als Referentin im Bildungsministerium.

Heute gelte ich mit allen

Knowhows aus meiner biber-Zeit als die

Ansprechperson in Sachen Diversität und

Migration in der ganzen Abteilung. Und

ich weiß, ohne die Akademie wäre ich

nicht da, wo ich jetzt bin!

© Matthias Nemmert, Zoe Opratko

@ Garima Smesnik, Erste Bank, Marko Mestrović, picturedesk.com, Andreas Jakwerth, www.richardtanzer.com, ORF, Felicitas Matern, Picasa, Wolfgang Speikner, OMV Aktiengesellschaft

„Diversität ist für eine Gesellschaft und

uns als Erste Bank Oesterreich ein wichtiger

Faktor. Seit unserer Gründung vor

mehr als 200 Jahren ist es unsere DNA,

eine Gesellschaft zu fördern, die kein

Alter, kein Geschlecht, keinen Stand und

keine Nation ausschließt. Deshalb freut

es uns besonders, die biber-Akademie

zu unterstützten, die genau das lebt. Ich

wünsche allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern

der biber-Akademie alles Gute

auf Ihrem Weg einen pluralistischen,

diversen Journalismus zu prägen!“

GERDA HOLZINGER-BURGSTALLER,

Vorstandsvorsitzende

Erste Bank Oesterreich

„Als öffentlich-rechtliches Medienunternehmen

legt der ORF hohen Wert

auf die Förderung von ambitionierten

Jungjournalist:innen. Die biber-Akademie

ist ein wichtiges journalistisches Nachwuchs-Projekt,

das auch die Diversität

und Internationalität der Medienbranche

fördert. In diesem Sinn freuen wir

uns, dass wir dieses Projekt auch heuer

unterstützen können.“

MARTIN BIEDERMANN, ORF-Kommunikationschef

„Damit Diversity und Inklusion keine

Slogans bleiben, müssen beide Begriffe

mit Leben erfüllt werden. Daher ist es

wichtig, dass engagierte JungjournalistInnen

mit migrantischen Wurzeln

ihre Fähigkeiten einbringen und die

Sichtweisen der Medien erweitern. Die

Wirtschaftskammer Wien unterstützt die

Biber-Akademie, um diese Generation

der neuen ÖsterreicherInnen auf ihrem

Weg zu stärken.“

WALTER RUCK, Wiener Wirtschaftskammer-Präsident

„Die ÖBB stehen als öffentliches Unternehmen

sehr oft im Fokus der Medien.

Das ist okay so, denn der offene

Austausch mit Journalist:innen gehört

zu unserer DNA. Uns gefällt, dass die

biber-Akademie nicht nur talentierte

Jung-Journalist:innen ausbildet, sondern

darüber hinaus gezielt die Internationalität

und Diversität der Medien- und

Kommunikationsbranche erhöht.“

ROBERT LECHNER, Leitung Konzernkommunikation,

ÖBB

„Für die OMV ist Vielfalt ein entscheidender

Wettbewerbsfaktor, denn nur wenn

wir als Unternehmen mehr Vielfalt an

Fähigkeiten, Erfahrungen, Perspektiven

und Ideen ermöglichen und andererseits

diese Vielfalt auch optimal nutzen, werden

wir nachhaltig erfolgreich bleiben.

Die biber-Akademie unterstützt diese

Vielfalt ebenso wie die Förderung junger

Journalistinnen und Journalisten - beides

ist auch für uns bedeutend.“

ANDREAS RINOFNER, Konzernsprecher

und Head of Public Relations

„Migration ist ein wichtiges Thema in den

österreichischen Medien. Die biber-Akademie

gibt jungen Menschen mit Migrationshintergrund

die Chance Journalismus

zu lernen, um die Berichterstattung mitzugestalten

– durch ihre Erfahrungen, ihr

Wissen und ihr Engagement. Wir von der

Wiener Städtischen Versicherung freuen

uns, dieses Projekt zu unterstützen.“

SABINE TOIFL, Leiterin Werbung und

Sponsoring, Wiener Städtische Versicherung

46 / AKADEMIE /

/ AKADEMIE / 47



MEINUNG

Mit ohne

Fleisch!*

DIE QUAL DER UNWAHL

Seit über einem Jahr existiert das Corona-Virus. Ein

Virus, bei dem niemand dachte, dass er so schlimm

sein und unser Leben massiv verändern würde. Letztes

Jahr war für alle Schülerinnen und Schüler das erste

Mal Homeschooling angesagt. Niemand wusste, was

wir machen sollen oder wie es mit uns weitergeht.

Anfangs freuten wir uns, weil man den Unterricht

„nachhause verlegt hatte“ und wir im Pyjama den

ganzen Tag chillen konnten - bis dann die Videokonferenzen

tagtäglich pünktlich um 8.00 Uhr in der Früh

starteten.

Es kam in Wirklichkeit anders, als wir anfangs dachten:

Für uns war es nervig, dass man die Kameras einschalten

musste. Wenn man dies nicht gemacht hat, wurde

man aus der Besprechung geworfen. Man musste auch

zeitig aufstehen. Es war schwierig, sich zu konzentrieren,

da, wenn man Geschwister hat, es natürlich laut

ist. Wir hatten dauerhaft Stress, da wir für die Aufgaben

nur sehr wenige Stunden Zeit hatten bis zum Abgabetermin.

Nun zu den Vorteilen der Homeschooling-Zeit: Man

konnte sich die eigene Zeit besser einteilen. Wir konnten

zu Hause bleiben und mussten nicht früh außer

Haus gehen. Im seltenen Fall, dass man alleine zu Hause

war, konnte man sich besser konzentrieren.

Derzeit sind wir zum Glück wieder in der Schule und

machen das letzte Pflichtschuljahr. Wir hoffen sehr,

dass es nicht nochmal zu Homeschooling kommt, da

man sonst wieder sehr wenig soziale Kontakte hat und

es mehr Spaß macht, wenn man mit seinen Freunden

gemeinsam in der Schule ist. Außerdem müssen wir

uns bald entscheiden, was wir nach der Schule machen

wollen - Lehre oder weiterführende Schule. Die Zukunft

und wie sich alles weiter entwickelt ist noch ungewiss,

aber wir hoffen (trotz aller Umstände), die passende

Lehrstelle zu finden. Wir sind jedenfalls zuversichtlich,

dass wir die richtige Wahl treffen werden.

Tala Al Badawi und Lisa Stögerer gehen in die Polytechnische

Schule/Fachmittelschule „Im Zentrum“

48 / MIT SCHARF /

DAS LEBEN ZWISCHEN

ZWEI WELTEN

Es ist schön, neue Lebenswelten kennenzulernen.

Also um neue Leute zu treffen, Freunde, eine ganz

neue Art zu leben und zu funktionieren. Die größte

Herausforderung besteht darin, eine andere Sprache

als meine Muttersprache zu lernen. Ich habe das

alles gespürt, weil ich vor weniger als einem Jahr

nach Österreich gezogen bin. Als ich im Mai 2021

aus Mazedonien nach Wien gekommen bin, fühlte

ich mich überfordert und verwirrt, aber mit der Zeit

schaffte ich es, mit der völlig neuen Umgebung

zurechtzukommen. Von Anfang an war es interessant

und aufregend, aber auch schwierig, sich im großen

Öffis-Netz in Wien zurechtzufinden. Meine Mutter gab

mir Anweisungen auf einem Zettel, ich las darauf am

Anfang nur: „U, 0, J, 40a, S-irgendwas“. In meiner

Heimatstadt sind nicht so viele Leute wie hier. Auch

fahren nicht so viele Busse und Züge durch die

Gegend. Ich kannte dort mehr Leute und hier habe

ich wenig Freunde. Diese neue Umgebung macht

mich unsicher und gibt mir das Gefühl, eingesperrt

zu sein.

Aber ich denke, dass mit der Zeit alles überwunden

wird und ich freier und selbstbewusster sein

werde. Am Anfang besuchte ich sowohl den Online-

Unterricht in meiner Schule in Wien; parallel dazu

schaffte ich meinen mazedonischen Pflichtschulabschluss

(auch online!!!).

Derzeit findet der Unterricht wieder in der Schule

statt und ich sehe meine MitschülerInnen endlich in

echt. Die Schule, die ich jetzt besuche, ist viel größer

als die Schule in meinem Heimatland. Ich vermisse

mein Haustier, meinen kleinen Hund und meine Großmutter,

bei der ich, bis ich nach Wien kam, gelebt

habe. Sie ist bestimmt stolz, wenn sie meinen Text

liest.

Vera Petrova geht in die Deutschklasse der Polytechnische

Schule/Fachmittelschule „Im Zentrum“

© privat

* Bitte sei ihm nicht böse:

Das pflanzliche Patty könnte am Grill

in Kontakt mit Fleisch gekommen sein.

Beyond Meat® and the Beyond Meat logo are registered trademarks of Beyond Meat, Inc.

In allen teilnehmenden Restaurants in Österreich. Solange der Vorrat reicht. Produkt mit Schmelzkäsezubereitung.

®

McPlant ab jetzt

fix am Start!

Der McPlant ist gekommen, um zu

bleiben. Gut für dich – denn das heißt,

du kannst unseren köstlichen Burger

mit pflanzlichem Patty von Beyond

Meat noch ganz oft genießen.



WAS

DÜRFEN

MÜSSEN

MÄNNER?

FRAUEN?

Gewaltprävention an Wiener Mittelschulen

Welche Schimpfwörter schreibt man welchem Geschlecht zu? Was ist verbale

Gewalt und wo beginnt Belästigung? Wir waren gemeinsam mit ausgebildeten

Trainerinnen an Wiener Mittelschulen (NMS) unterwegs, um mit den SchülerInnen

über Gewalt, Genderrollen, Grenzen und Selbstbewusstsein zu sprechen.

Von Aleksandra Tulej, Fotos. Zoe Opratko



Gewalt hat viele Gesichter - auch das

lernten die Jungs in dem Workshop mit

Trainer Philipp.

Niemand hat das Recht,

euch ohne eure Zustimmung

anzufassen.

„Welche Schimpfwörter sind harmlos,

welche schlimm?“ Diese Frage

beschäftigte die Jungs.

Cringe“, verzieht der

13-jährige Thomas * sein

Gesicht. „Das ist ja mal

wirklich cringe“, stimmen

seine Klassenkameraden mit ein.

Wir befinden uns in der dritten Klasse

einer Wiener NMS in Donaustadt. Die

15 Jungs der Klasse haben sich gerade

auf dem riesigen Klassen-Bildschirm

einen Kurzfilm angesehen, in dem ein

Junge ein Kleid trägt und deswegen

gemobbt wird. In dem Kurzfilm geht es

um Männlichkeit und stereotypisierte

Bilder, die wir gesellschaftlich so ziemlich

alle verinnerlicht haben. „Warum ist das

cringe?“, fragt Trainer Philipp Leeb. Philipp

ist der Gründer des Vereins „poika“

– einer Organisation, die gendersensible

Bubenarbeit betreibt. Er ist heute in die

Klasse gekommen, um mit den Jungs

über genau die Themen zu sprechen,

die in dem Alter enorm wichtig sind:

Belästigung, Flirten, Rollenbilder, Genderkonstrukte,

Körpersprache, Grenzen und

Selbstwahrnehmung.

Es entsteht innerhalb der Klasse

eine Diskussion darüber, warum die

Burschen einen Jungen, der ein Kleid

trägt, als „cringe“ ansehen. (Übrigens

ist der Begriff „cringe“ zum Jugendwort

des Jahres 2021 gewählt worden und

bedeutet, dass die Handlung einer Person

für peinlich gehalten wird, dass man

sich fremdschämt.)

Warum ist ein Junge in einem Kleid

für viele „cringe“? Weil es ungewohnt

ist? Weil es etwas Neues ist? Weil es

„unmännlich“ ist? Hasan * zuckt mit den

Schultern: „Naja schon. Aber eigentlich

sollte das auch egal sein.“ „Aber es ist

so mädchenhaft“, kontert sein Klassenkamerad

Jan * . Warum sollte aber „mädchenhaft“

etwas negativ Konnotiertes

sein, auch für Männer?

WARUM DARF MAN EINEM

MÄDCHEN NICHT AUF DIE

BRÜSTE GREIFEN?

In einem dreistündigen Workshop

bespricht Philipp mit den Schülern nicht

nur Konzepte von Männlichkeit und Genderkonstrukte,

sondern vor allem auch

das Thema der persönlichen Grenzen

und der Belästigung.

„Warum darf man einem Mädchen

nicht auf die Brüste greifen? Ich hätte

nichts dagegen, wenn mir ein Mädchen

auf den Po grapscht!“, schreit ein vorlauter

Bub aus der Menge. Trainer Philipp

kontert mit einer Frage: „Woher weißt du

denn, dass das für das Mädchen okay

ist? Nur, weil dir etwas gefällt, heißt das

noch lange nicht, dass das für die andere

Person auch in Ordnung ist.“ Daraufhin

entsteht ein Austausch über Consent

(gemeinsames Einverständnis) und

darüber, wie wichtig es ist, Grenzen einer

anderen Person zu respektieren. Auch

Gewalt ist ein Thema.

„Welche Formen von Gewalt kennt

ihr?“, fragt Philipp in die Runde. Die

Schüler schreien wild durcheinander:

„Vergewaltigung! Belästigung! Prügel!

Mobbing! Totschlag! Bestechung! Bedrohung!

Erpressung! Beleidigung! Rassismus!

Provokation! Folter!“ Die Liste ist

lang. Gewalt hat viele Gesichter und es

gilt, jede ihrer Formen ernst zu nehmen.

„Wir sprechen nicht über Gewalt. Und

wenn wir das tun, ist es oft zu spät“,

resümiert Philipp.

Genau deshalb bekommen auch die

Mädchen der Klasse ihren eigenen Workshop

im Turnsaal der Schule mit Trainerin

Renate Wenda. Renate ist Trainerin im

Verein Drehungen, dessen Ziel es ist,

Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein

bei jungen Frauen aufzubauen und

gleichzeitig Selbstverteidigungstechniken

für den äußersten Notfall beizubringen.

Auch das machen die Mädchen heute

mit Renate. Sie lernen Techniken, die

sie anwenden können, wenn jemand sie

körperlich belästigt oder angreift. Sie

lernen, wie wichtig es ist, laut „NEIN!“

zu schreien. Aber sie sprechen mit der

Trainerin auch darüber, dass Belästigung

viel früher als bei körperlichen Angriffen

anfängt. „Jede von euch bestimmt ihre

persönlichen Grenzen selbst!“, bekommen

sie zu hören. „Niemand hat das

Recht, euch ohne eure Zustimmung

anzufassen.“ Genau dieses Bewusstsein

in dem Alter zu stärken, ist enorm

wichtig.

WAS IST EIN HURENSOHN?

Währenddessen diskutiert die Jungs-

Gruppe rege darüber, welche Formen

von Gewalt eher welches Geschlecht

betreffen. Dann schwappt das Gespräch

auf das Thema Schimpfwörter und

Beschimpfungen um – also verbale

Gewalt. Auf die Frage, welche Schimpfwörter

die Burschen kennen, wird wieder

wild herausgeschrien: „Hurensohn!

Spast! Tschusch! Schlampe!“ Wieder ist

die Liste lang. Was der Begriff „Spast“

Grenzen, Selbstbehauptung und

Verteidigung: Das stand bei den

Mädchen auf dem Programm.

52 / RAMBAZAMBA /

/ RAMBAZAMBA / 53



Anmerkung: Alle Workshops wurden

unter Einhaltung jeglicher Corona-

Bestimmungen abgehalten - natürlich

vor dem Lockdown.

ÜBER DIE VEREINE:

bedeutet, weiß keiner der Jungs. Philipp

erklärt, dass der Ausdruck davon

stammt, Menschen mit einer Behinderung,

also „Spastiker“ abzuwerten. „Das

ist eigentlich voll nicht okay.“ Meldet sich

ein Schüler zu Wort. Und weiter:

„Wen beschimpfst du eigentlich,

wenn du jemanden als „Hurensohn“

bezeichnest?“, fragt Philipp nach. „Naja,

die Mutter von demjenigen“, kommt als

Antwort zurück. „Und was heißt das dann

genau?“ – „Dass die Mutter von ihm eine

Prostituierte ist, genau. Wusstet ihr, dass

Prostitution das älteste Gewerbe der

Welt ist? Und wer nimmt hauptsächlich

Dienstleistungen von Prostituierten an?“

– „Männer“, lautet die einstimmige Antwort.

Die Schüler kommen ins Grübeln

und es wird sich darauf geeinigt, dass es

auch harmlosere Schimpfwörter gibt, um

seinen Unmut auszudrücken. „Du Koffer!

zum Beispiel“, bietet Philipp an. „Hä?

Wieso ist „Koffer“ ein Schimpfwort ? Ein

Koffer ist doch was Schönes, weil er die

ganze Welt sieht“, analysiert ein Schüler.

Die Diskussion über die Ursprünge

verschiedener Beschimpfungen will kein

Ende nehmen – muss sie aber, da der

Pausen-Gong den dreistündigen Workshop

beendet. „Das waren wirklich coole

drei Stunden. Wir konnten so viel reden,

und haben auch Neues gelernt“, resümiert

ein Schüler. Auch, dass ein Junge

in einem Kleid nicht „cringe“ ist. ●

* Die Namen der SchülerInnen wurden von der

Redaktion geändert

VEREIN DREHUNGEN

Kurse für Mädchen und Frauen, um

Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen

und Selbstverteidigung zu fördern.

Prävention gegen verbale, physische

und psychische Gewalt an Frauen

und Mädchen.

www.verein-drehungen.at

POIKA

Verein für gendersensible Bubenarbeit

in Ergänzung und Zusammenarbeit

mit Mädchenarbeit. Poika

orientiert sich an emanzipatorischen

Modellen, die es den Buben ermöglichen

sollen, in reflektierter Umgebung

sich mit diversen Themen

wie Geschlechtskonstruktionen

von Weiblichkeit und Männlichkeit,

Berufsorientierung, Gewalt, Sexualität,

uvm. auseinanderzusetzen

www.poika.at

ÜBER DAS PROJEKT

„Ich bin kein Opfer!“ und „Ich bin kein Täter!“

– dieses Gefühl und Selbstverständnis stärkt

biber gemeinsam mit dem Österreichischen

Integrationsfonds mit einem gezielten „Selbstverteidigungs-

und Sensibilisierungs“-Projekt

zur Gewaltprävention schon bei Schülerinnen

und Schülern. Unter der Leitung von erfahrenen

Trainern erlernen die jungen Mädchen

neben körperlichen Verteidigungstechniken

auch psychologisch taktisches Vorgehen.

Gleichzeitig setzt das Projekt auf der Seite

der Burschen an – ohne mit dem Finger auf

sie zu zeigen. Mit Rollenspielen zum Thema

Mobbing, sexueller Orientierung und

sexuelle Belästigung soll auf Tabu-Themen

eingegangen und das Thema der „Prävention

sexualisierter Gewalt“ erlebbar gemacht

werden. So wird sensibel ein Bewusstsein

dafür geschaffen, was sexuelle Übergriffe und

Gewalt sind und wo Grenzen überschritten

werden. Im Rahmen dieser Kurse werden den

Schülern Verhaltens- und Handlungsstrategien

aufgezeigt und Gespräche auf Augenhöhe

über eigene Erfahrungen geführt. Biber

schafft mediale Aufmerksamkeit für dieses

wichtige Thema, indem wir breitenwirksam

auf den biber-Kanälen darüber berichten: Ob

in Videos, Insta-Stories auf Social Media oder

in den Newcomer-Editionen.

DIESES PROJEKT

WIRD DURCH DEN

ÖSTERREICHISCHEN

INTEGRATIONSFONDS

FINANZIERT

DIE REDAKTIONELLE

VERANTWORTUNG LIEGT

BEI BIBER.

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/ RAMBAZAMBA / 55



MEINUNG

MEINUNG

Du

willst Stories

„mit scharf“ ?

ASPERGER = BEHINDERUNG?

Viele wissen nicht, was das Asperger-Syndrom ist. Ich

könnte jetzt einen seitenlangen Ausschnitt aus Google

einfügen und das Ganze wäre geklärt, aber das wäre

halb so spannend. Außerdem darf ich nur eine bestimmte

Anzahl von Zeichen benutzten, also werde ich euch in

aller Kürze das Wichtigste zu dieser „Krankheit“ erzählen.

Und ich weiß, wovon ich spreche, ich habe das „Asperger-Syndrom“

seit meiner Geburt.

Bei jedem Menschen äußerst sich das Syndrom auf eine

andere Art und Weise. Ich brauche Lesen wie andere

Menschen Sauerstoff. Gerade lese ich „Tod und Jenseits“

von Clifford Pickover - ur spannend. Ohne ein Buch in

meiner Nähe wird mir ganz anders. Ein anderer Junge,

den ich kenne, liebt hingegen Tauben. Über alles! Er weiß

jedes Detail über sie. Zum Beispiel, dass Tauben 120

km/h schnell fliegen können. Cool. Was der alles erzählt

hat, war interessant. Auf jeden Fall ist es so, dass die

Mehrheit aller Asperger ein “Spezialgebiet“ haben, seien

es Tauben, Bücher oder das Errechnen der Quadratwurzel.

Asperger haben ein Problem, ihre Gefühle zu

erkennen und zu zeigen. Um ehrlich zu sein, ist es echt

schwierig, zu unterscheiden, ob ich jemanden umarmen

oder ihm eine reinhauen will.

Oft hört man auch, wir Asperger seien doch super schlau.

Ich sag es euch ehrlich: Nein, das stimmt nicht. Asperger

bedeutet nicht gleich hohe Intelligenz. Wir konzentrieren

uns nur auf Sachen, die logisch sind, wie Mathe oder

Physik. Die Antwort auf die Frage, ob die Krankheit eine

Behinderung im Alltag ist, heißt also: Jein. Im Job ist es

schwer, wenn man mit Menschen zu tun hat, aber wie

gesagt, es ist nicht jeder gleich. Manche haben es leichter,

andere wissen nicht mal, wie sie ihre Eltern grüßen

sollen.

Immerhin haben es folgende Promis auch geschafft, ihre

Spuren in unserer Geschichte zu hinterlassen: Albert

Einstein (Physiker/Mathematiker), Wolfgang Amadeus

Mozart (Komponist), Andy Warhol (Maler), Sheldon Cooper

(Big Bang Theory/Fiktive Person)

Emily Englbrecht geht in die MS Infomedia Rzehakgasse

BITTE KEINEN KAFFEE UND

ENERGY-DRINKS MEHR!

Ich habe die letzten neun Jahre meines Lebens in der

Schule verbracht und habe noch weitere drei vor mir. Seit

der Pandemie hat sich nach und nach Vieles verändert.

Vor allem im letzten großen Lockdown, als wir Monate

lang im Home-Schooling waren.Während dieser Zeit hat

man auf uns Oberstufenschüler vergessen. Ab 8 Uhr morgens

hatte ich täglich 6-8 Stunden Online-Unterricht und

saß danach bis spät in die Nacht an den Arbeitsaufträgen

bzw. Hausübungen. Manchmal musste ich zuerst den im

Unterricht durchgemachten Stoff nochmal durchmachen,

weil ich im Online-Unterricht nicht mitgekommen bin.

Manchmal war es das Internet, das abgestürzt ist und

manchmal waren die Lehrer zu schnell, weil sie dachten,

dass ihr Tempo so in Ordnung wäre.

Das alles hatte auf meine mentale Gesundheit und die

vieler anderer Schüler*innen sehr negative Auswirkungen.

Ich und viele meiner Freunde haben während dieser Zeit

kaum geschlafen, den Tag nur mit Kaffee oder Energy-

Drinks geschafft oder unter plötzlichen Zitterattacken

gelitten.

Trotzdem mussten wir uns von manchen Lehrern immer

wieder anhören, dass wir zuhause doch sowieso nichts zu

tun hätten und dass wir viel zu viel Freizeit hätten. Dabei

hatten wir nicht einmal Zeit für uns selber. Wir haben

unsere Gesundheit gefährdet, haben darauf vergessen

zu essen, und hatten nicht einmal Zeit, unsere Hobbys

auszuleben. Aber immerhin, es gibt doch ein paar positive

Sachen, die ich erwähnen möchte. Ich habe gelernt,

mich selbst zu organisieren; ich habe gelernt, wie ich

meine Hefte am besten übersichtlich gestalte, sodass ich

später gerne daraus lerne oder wie ich mir am besten

und schnellsten den Unterrichtsstoff ohne viel Aufwand

merke. Vor allem konnte ich meinen Alltag nach Lust

und Laune einteilen. Ich bin trotzdem froh, wenn Corona

Vergangenheit ist, wir es nur mehr aus den Geschichtsbüchern

kennen und ich und meine Freunde unser Taschengeld

für Besseres als Energy-Drinks und Kaffee ausgeben.

Nadin Khalil geht auf das Bernoulli-Gymnasium

© privatw

© privatw

LIEBESKUMMER MACHT EINEN

MENSCHEN KAPUTT

Ich möchte euch eine Geschichte über

Liebe und Leid erzählen. Sie handelt von

meiner besten Freundin, die sich dieses

Jahr zum ersten Mal verliebte – in Filip.

Sie hatte plötzlich keine Zeit mehr, um

auf meine Whatsapp-Nachrichten zu

antworten, und versetzte mich dauernd,

wenn ich mit ihr ganz normal im Park

oder im huma abhängen wollte. Und

wenn sie doch etwas Zeit für mich hatte,

schwärmte sie dauernd von diesem

Jungen. Ich habe es ihr gegönnt. Sie war

glücklich, sie fand es schön und stellte

sich vor, es wird immer so harmonisch

und romantisch ablaufen. Weit gefehlt!

Es fing alles so überraschend wie harmlos

an. Der Filip ihrer Träume meldete

sich plötzlich nicht mehr. Keine Antwort,

kein Lebenszeichen. Meine Freundin

wurde misstrauisch. Sie wurde traurig.

Sie weinte jeden Tag, sie hoffte natürlich

noch immer auf eine Antwort. Sie schrieb

ihm immer und immer wieder. Jeden

Tag. Aber er meldete sich nicht. Mochte

Filip sie einfach nicht mehr? Oder war

er vom 71er überfahren worden und

wartete unter einem Grabstein des Zentralfriedhofs

auf sie? Ich versuchte sie

abzulenken, sie auf andere Gedanken zu

bringen. Wir gingen spazieren, einkaufen,

schauten Serien zusammen.

Die Zeit verging, doch ihre Gefühle

blieben. Sie zeigte sie nur nicht so stark

wie davor. Sie hoffte aber insgeheim

darauf, dass er sich doch noch meldet.

In Anwesenheit unserer Clique sah man

sie wieder öfters lächeln. Sie versuchte,

Hanan Rmeh geht in die MS Infomedia Rzehakgasse

endlich über ihren Herzschmerz hinwegzukommen.

Ihre Schwäche für ihn

wollte sie nicht nach außen tragen. Sie

ist eine starke Person und das sollten

die anderen auch sehen. Er würde zwar

immer einen Platz in ihrem Herzen

haben, aber sie merkte langsam, dass

es weitergehen musste. Obwohl dieser

Junge der schönste Mensch war, den sie

jemals kennengelernt hatte - sie musste

ihn vergessen.

Doch dann platzte die Bombe. Der Grund,

weshalb Filip so plötzlich abgetaucht war,

war in ihrer eigenen Familie zu finden!

Ihr Bruder. Der Bruder war in Filips Clique

und wäre nie und nimmer damit einverstanden

gewesen, dass seine 13jährige

Schwester mit einem Jungen rumläuft.

Filip ging dem Konflikt mit dem Bruder

aus dem Weg. Man verliebt sich nicht in

die Schwester eines Freundes. Das ist

Vertrauensbruch, Digga. Und plötzlich

war er zu meiner Freundin wie ein anderer

Mensch, ignorierte sie, erzählte sogar,

er hätte jetzt eine Freundin, obwohl da

nie eine war. Nur damit meine Freundin

sich von ihm fernhielt.

Jetzt gehen meine Freundin und

ich wieder spazieren, einkaufen und

schauen gemeinsam Serien. Und auch

wenn es Lustigeres als das gibt, will ich

euch sagen: Gebt keine Person auf, die

ihr liebt, denn irgendwann wird diese

Person bereit sein für euch und zu euch

kommen. Und dann solltet auch ihr bereit

sein – oder ihr werdet es bereuen…

Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgese lschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

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MIT SCHARF

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NEWCOMER

MIT SCHARF

SCHOOL

EDITION

JUNI 2021

+

„ICH BIN NICHT

SO EINE“

+

AFGHANEN GEGEN

TSCHETSCHENEN

+

GRÜNES SHAMING

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MIT SCHARF

SOMMER

2021

„ER SCHLÄGT DICH. DAS

BEDEUTET, ER LIEBT DICH“

Gewalt an Frauen in Österreich: Verharmlost bis zum Tod.

„TINDER IST SO

EIN BULLSHIT!“

HERBST

VOM BAGGERN UND SWIPEN IM SOMMER 2021

2021

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KURZ IST WEG,

KURZISMUS BLEIBT

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AUF DER INTENSIVSTATION LANDEN

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Du musst uns weder deine

Seele verkaufen, noch

wollen wir dir dein letztes

Hemd rauben. Das Beste

an der ganzen Sache ist

nämlich:

DU entscheidest, wie viel

das kosten soll. Mehr auf

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56 / MIT SCHARF /



DIE PARTNER DE R „NEWCOMER“

„In Zeiten des Internets und der

Sozialen Netzwerke ist es wichtig, sich

mit Journalismus und der Qualität von

Nachrichten auseinanderzusetzen.

biber macht Schülerinnen und

Schüler zu Redakteuren.

Das unterstütze ich sehr gerne.“

Heinz Faßmann

Bildungsminister

„Durch die lebensnahe Vermittlung

von Medienkompetenz und

der Möglichkeit sich Gehör zu

verschaffen, wird das Selbstvertrauen

der Schüler:innen gestärkt – damit

ist „Newcomer“ ein besonders

nachhaltiges Projekt.“

Heinrich Himmer

Bildungsdirektor für Wien

„Die biber-Redakteur:innen

engagieren sich im Newcomer-

Projekt, um Jugendlichen aus oft

sozial benachteiligten Familien neue

Perspektiven und Selbstbewusstsein

zu geben. Das ist eine Idee, die die

ÖBB gerne unterstützen.“

Andreas Matthä

Vorstandsvorsitzender

ÖBB-Holding AG

„Wien steht für Vielfalt. SPAR steht für

Vielfalt. biber steht für Vielfalt. Es ist

schön, Partner für ein Jugendprojekt zu

sein, das diese Vielfalt auch abbildet.“

Alois Huber

SPAR-Geschäftsführer

Wenn gerade keine Pandemie herrscht, touren biber-

RedakteurInnen im Rahmen des Projekts „Newcomer“ durch

Wiener Schulen und geben im Jahr rund 100 Jugendlichen

eine Projektwoche lang die Chance, ihre Medienkompetenz

und Persönlichkeit zu stärken und neue (Job-)Perspektiven

zu sehen. Auch in Zeiten von Corona läuft das Projekt weiter

- mittels digitaler Kommunikation. Der biber-Newcomer wird

von Menschen gestaltet, die selbst aus zugewanderten Familien

kommen und daher wissen, mit welchen Schwierigkeiten

die Jugendlichen auf dem Weg ins Arbeitsleben konfrontiert

sind. Wenn wir es geschafft haben, können sie es auch!

„Das Projekt Newcomer vermittelt

die demokratiepolitische

Bedeutung des Journalismus

und fördert durch Text- und

Videoworkshops die Kreativität

der Jugendlichen. LUKOIL ist mit

Freude Partner des Newcomers. “

Robert Gulla

Geschäftsführer

LUKOIL International Holding

BMBWF/Lusser, Martin Lusser, SPAR/Johannes Brunnbauer, Georg Hochmuth, ÖBB Hauswirth

AK/Sebastian Philipp, Thomas Ramstorfer / ORF, Bildungsdirektion Wien/Zinner

Um Österreichs größte Schülerredaktion aufzubauen,

braucht es mehr als nur guten Willen. Es braucht enorm viel

Zeit, Geld und Know-how sowie verlässliche Partner, die das

Projekt begleiten. Wir danken unseren vielen Leserinnen

und Lesern, die unsere Crowdfunding-Kampagne unterstützt

haben, um das Projekt zu finanzieren.

Wir danken zudem folgenden Institutionen und Firmen für

die Unterstützung des „Newcomer“-Projekts: Bundesministerium

für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF),

Bildungsdirektion Wien, ÖBB, Arbeiterkammer, SPAR, LUKOIL

und ORF.

„Guter Journalismus schafft Verständnis:

Indem er Einblicke in das Leben anderer

vermittelt, berührt, verbindet, Probleme

und Lösungen aufzeigt und eine Basis für

die Demokratie und das Zusammenleben

bildet. Es ist super, wenn sich junge

Menschen dafür begeistern.“

Renate Anderl

AK Präsidentin

„Das Projekt ,Newcomer‘ ist für den ORF

besonders spannend. Denn für unsere

Entwicklung von starken klassischen

TV- und Radioprogrammen in Richtung

multimediale, digitale Plattform und

Social Media ist es notwendig, eine neue

Generation von jungen Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern mit digitalen Skills ins

Unternehmen zu holen.“

Alexander Wrabetz

ORF-Generaldirektor

58 / NEWCOMER /

/ NEWCOMER / 59



TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

WIR MACHEN, WAS

DEINE KOMMUNIKATION

BRAUCHT.

MEINUNG

Folge dem weißen

Kaninchen, Neo

Facebook heißt jetzt Meta und gibt

damit die neue Marschrichtung vor:

auf in die Realität 2.0. Der wahnsinnig

schnell wachsende chinesische

Videogigant TikTok muss jetzt eine

passende Antwort formulieren.

Doch die Gewinner des Wettkampfs

könnten andere sein: kleinere Plattformen,

wie Snap, die seit Jahren

auf Privacy und Augmented Reality

setzten. Denn der Zugang zu Meta

wird hardwareintensiv und damit

teuer: eigene 3D-Brillen, mit denen

man sich in die Meta-Matrix einklinkt.

Was vielleicht im Silicon

Valley an jeder Ecke

rumliegt, wird in weiten

Teilen der Welt schlichtweg

nicht verfügbar

sein – aber Facebook

plant ja günstige VR

Brillen und auch Apple

soll insgeheim daran

schon arbeiten. Jedenfalls

stehen wir - wieder

einmal – an der Schwelle

einer technologischen

und kulturellen Revolution.

bezeczky@dasbiber.at

paprikap0w3r

UNENDLICHES

FLIEGEN

Das Zephyr genannte Ultra-Leichtflugzeug

der Firma Airbus heimst

einen Rekord nach dem anderen

ein. Zuletzt blieb das Flugzeug, das

mit Solarzellen fliegt, 25 Tage ohne

Unterbrechung in der Luft. Wenn

es nach den Ingenieuren geht, ist

sogar ein halbes Jahr möglich. Das

Fluggerät soll als fliegender Router

Internetverbindungen in benachteiligten

Teilen der Welt möglich

machen.

Reparieren als

Lebenskompetenz

Das Netzwerk “Repanet” möchte

mit dem Let’sFIXit-Projekt das

Reparieren von Gegenständen

wieder als Teil der Alltagskultur

und Lebenskompetenz etablieren.

Mit fächerübergreifendem

Unterrichtsmaterial kann so

bereits in der Schule das Thema

Umweltschutz und nachhaltige

Ressourcennutzung konkret

angegangen werden.

Weitere Infos:

https://www.repanet.at/letsfixit/

HOLZBESTECK SCHARF WIE STAHL

Teng Li vom Maryland Energy

Innovation Institute hat in einer

Studie durch ein besonderes Verfahren

den Naturstoff Holz weiterentwickelt.

Das verdichtete Holz

ist 23 Mal so hart wie das Ausgangsmaterial,

kann also geschliffen

werden und zum Beispiel als

Besteck verwendet werden. Auch

könnten aus dem Werkstoff nachhaltige

Nägel hergestellt werden,

die dazu noch rostbeständig sind.

Damit könnte eine günstige, natürliche

Alternative in die Bauwirtschaft

Einzug halten.

© Marko Mestrovic, Christian Otto, Warner Brothers, Freepik.com/vectorpuch

INNOVATIVE MATERIALIEN

VON DER NEUEN OMV.

Handy, Kopfhörer, Kabel – vieles rund um die digitale Welt verlangt nach innovativen Lösungen.

Aus diesem Grund setzt die neue OMV verstärkt auf die Herstellung von Ausgangsmaterialien für

hochwertige Kunststoffe. Diese sind im digitalen Alltag, im Beruf und in der Freizeit unverzichtbar.

So tragen wir mit unseren Innovationen in der neuen OMV zu einem besseren Leben bei.

Mehr dazu: omv.com/neue-omv

60 / TECHNIK /



MEINUNG

Altes und Neues

Spin-offs, Remakes und Reboots, wohin

das Auge reicht. Egal, ob Sex and The

City, Cruella, West Side Story oder Dune

– in den letzten Jahren scheint es lauter

Neuauflagen von alten Kassenschlagern

auf den Kinomarkt zu hageln. Dabei sind

die x-ten Marvel-Blockbuster und Star-

Wars-Seitenfilme zwar sehr erfolgreich

– doch eben nichts Neues. Zur Hilfe eilt

uns Südkorea mit originellen Inhalten

und gewagten cineastischen Stilmitteln.

Die koreanische „New Wave“ ist auf dem

Vormarsch und zeigt, dass dem Publikum

im Westen nicht nur Untertitel, sondern

auch neue Kombinationen von Horror,

Gesellschafts- und Kapitalismuskritik

kombiniert mit einer ordentlichen Portion

Humor zuzumuten sind. Der Riesenerfolg

von Filmen und Serien wie Parasite oder

Squid Game offenbart, dass das weltweite

Publikum endlich bereit ist für neuen

Stoff, auch abseits des US-amerikanischen

Monopols. Squid Game hat dabei

sogar dafür gesorgt, dass auf den Pausenhöfen

wieder ganz „old school“ mit

Murmeln gespielt wird! Wenn das nicht

eine gute Wandlung ist, trotz der Ohrfeigen

hier und da. Zu meiner Zeit gab es

doch auch das „Reingeschaut“-Spiel, das

meiner ganzen Generation blau geboxte

Schultern bescherte. Und wir sind doch

nicht daran zerbrochen, oder?

el-azar@dasbiber.at

KULTURA NEWS

Klappe zu und Vorhang auf!

Von Nada El-Azar

Ausstellungstipp

AUF LINIE.

NS-KUNSTPOLITIK IN WIEN.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März

1938 erlangte die Reichskammer der Bildenden

Künste (RdBK) die Kontrolle über das Schaffen

von KünstlerInnen in Nazi-Deutschland. Eine

neue Auswertung der Akten von insgesamt

3 000 Mitgliedern der Reichskammer gibt

im Wien-Museum

neue Einblicke in die

Machtstrukturen,

Netzwerke und Abläufe

des NS-Kunstgeschehens.

Politische

Propagandakunst,

Originaldokumente

und Originalobjekte

werden kritisch mit der

Geschichte des eigenen

Hauses verbunden.

Bis 24. April 2022 im

Wien-Museum.

DALÍ

TRIFFT

FREUD.

1938 trifft der

aus Wien geflohene

Sigmund

Freud auf den

Maler Salvador

Dalì. Die umfangreiche

Schau im

Unteren Belvedere

beleuchtet die

Verbindungen zwischen Psychoanalyse und Surrealismus

und den Einfluss der Theorien Freuds auf

das Werk Dalìs. So stehen zwei der bedeutendsten

Strömungen des 20. Jahrhunderts in Form von

über 100 Gemälden, Fotografien, Zeichnungen,

Dokumenten und Briefen im Zentrum der Ausstellung.

Kuratiert von Jaime Brihuega.

Von 28. Jänner bis 29. Mai 2022 in der Orangerie,

Unteres Belvedere.

Film-Tipp:

DER SCHEIN

TRÜGT

Stojan erhält nach

einem Kurzschluss beim

Einschrauben einer

Glühbirne einen Heiligenschein,

mit dem er

kurzerhand zur Attraktion

in seinem serbischen

Heimatdorf wird. Und

das ganz zum Leidwesen

seiner Frau Nada, die

nichts lieber möchte, als

dass der Wirbel um den

angeblichen Heiligen

ein Ende findet. Wiederholtes

Haarewaschen

hilft genauso wenig, wie

den grell leuchtenden

Heiligenschein unter

einer Mütze zu verstecken.

Die letzte Hoffnung:

Stojan muss so

lange sündigen, bis der

Schein endgültig verblasst.

Doch der vormals

unbescholtene Familienvater

findet Gefallen an

seiner neuen, moralischen

Verwerflichkeit.

Eine herrlich schwarze

Komödie von Regisseur

Srdjan Dragojević, mit

Goran Navojeć in der

Hauptrolle.

Ab 17.12.2021 in den

österreichischen Kinos.

© Christoph Liebentritt, Wien Museum, Salvador Dalí, Fundació Dalí / Bildrecht, Wien 2021, Filmladen Filmverleih

© braumüller, Netflix

3 FRAGEN AN…

MENERVA

HAMMAD

Ehemalige biber-Journalistin

und Bestseller-Autorin

Menerva Hammad hat nun ihr

zweites Buch „Vom Muttertier

zum Wunderweib“

heraus gebracht, in dem sie

kein Blatt vor den Mund

nimmt. Die selbst ernannte

„Grumpy-Cat der Mutterschaft“

im Kurzinterview.

Was ist dein Tipp Nummer 1 für alle

frischgebackenen Mütter?

Du wirst deinen Rhythmus schon finden.

Lass dir von Familie/Freunde/Gesellschaft

nicht die Art der Mutterschaft

aufzwingen, die sie für richtig halten. Du

bist die Mama und du bestimmst, was

für dein Kind gut ist. Außerdem steht

das Wohl deines Kindes deinem eige-

WAS KOSTET

EMPOWERMENT?

QAMAR, das muslimische Magazin

für Kultur und Gesellschaft, bringt

viermal im Jahr Reportagen, Essays,

Interviews, Kolumnen, Literatur, Fotografie

und Kunst aus der Perspektive von

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Raum.

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die Medienvielfalt.

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nen Wohl nicht im Weg, es sind keine

Gegensätze, sondern sogar eine gesunde

Ergänzung: Geht es dir gut, geht es auch

dem Kind gut. Keine unglückliche Person

kann glückliche Menschen heranziehen.

Es mag auch sein, dass du die Frau,

die du einmal warst, nie mehr wieder

sein wirst, aber dafür wirst du durch die

Mutterschaft aus der Komfortzone raus

gestoßen und erfindest dich komplett

neu, wenn du es zulässt.

Stößt deine offene Art, über das Tabu Sex

zu schreiben, auf Widerstand in der

muslimisch-arabischen Community?

Ich werde von meinen Leser:innen

eigentlich sehr in meinem Tun unterstützt

und auch, wenn mal Kritik - oder

eher ein Angriff - kommt, dann eher von

Rassist:innen oder Harambrudis. Denen

könnte ich es aber sowieso nie recht

machen. Die einen würden mir gerne das

Kopftuch vom Schädel reißen, die anderen

würden es mir viel lieber enger um

den Kopf binden. Es ist interessant, wie

ähnlich die sich sind, obwohl sie doch

gegensätzliche Ideologien vertreten. So

oder so, es ist mir eine Freude, sie aufzuregen,

mit meiner Arbeit Stereotype und

Tabus aufzubrechen.

Wie sieht dein idealer „Menerva-Abend“

ohne Kinder aus?

Was ich an diesen Abenden gerne

mache, variiert. Es kann gutes Essen

mit meinem Mann sein, oder ungestörte

Gespräche mit Freundinnen, ein gutes

Buch in Ruhe lesen, so etwas eben.

Aber viel wichtiger dabei ist, dass das

schlechte Gewissen keinen Platz haben

darf. So einfach das auch klingt, es ist in

der Praxis sehr schwer umzusetzen, weil

wir so sozialisiert werden, dass die Mama

für ihre Kinder immer da sein muss, auch

dann, wenn sie es physisch nicht sein

kann, so darf sie ihre Zeit ohne Kinder

nicht allzu sehr genießen. Nichts daran

ist förderlich, weder für die Mutter und

auch nicht für die Kinder.Bei mir hat es

Jahre gedauert, bis ich meine Zeit für

mich bewusst genossen habe.

Menerva Hammad,

„Vom Muttertier

zum Wunderweib“,

Braumüller Verlag.

18,99 €

62 / KULTURA /



„Ich möchte nicht,

dass Leute die

Straßenseite

wechseln, wenn

sie mich sehen.“

Nina Horowitz trat nach dem Tod der legendären Filmemacherin Elisabeth T. Spira ein

großes Erbe an: Die Datingshow „Liebesg‘schichten und Heiratssachen“ lief im Jahr

1997 erstmals an und beendete soeben die 25. Jubiläumsstaffel. In ihrem Lieblingscafé

Korb erzählt uns die neue „Kupplerin der Nation“, warum quer durch Österreich immer

noch zu wenige MigrantInnen unter den Singles sind. Interview: Nada El-Azar, Fotos: Matthias Nemmert

BIBER: Seit dem Tod von Elizabeth T.

Spira im März 2019 haben Sie erfolgreich

die „Liebesg’schichten und Heiratssachen“

übernommen. Fühlen Sie sich

mit Ihrem neuen Prädikat „Kupplerin der

Nation“ wohl?

NINA HOROWITZ: Ich finde es eigentlich

ein lustiges Prädikat. Ich muss oft

an meine Großmutter denken, die leider

schon lange verstorben ist – die würde

das sicher lustig finden. Natürlich

haben mich schon sehr viele Leute auf

die großen Fußstapfen angesprochen,

in die ich gestiegen bin. Die Toni Spira

hat die Liebesg’schichten 23 Jahre lang

gemacht. Aber die Sendung hat ja auch

nach meiner Übernahme gut funktioniert.

Der Druck ist deshalb abgefallen. Rund

ein Drittel der Singles der vergangenen

Staffel haben sich verliebt – es ist

wunderbar, Menschen, die frisch verliebt

sind, zu interviewen.

Welche der KandidatInnen oder Paare

sind Ihnen besonders im Kopf hängen

geblieben?

Mir bleiben eigentlich alle Singles im Kopf

hängen. Konkret fällt mir gerade Mirko

ein. Er hat mir erzählt, wie er als kleiner

Bub aus dem ehemaligen Jugoslawien

nach Tirol gekommen ist. Das Erste, was

er gesehen hat, waren diese imposanten

Tiroler Berge, und dazu hörte er Blasmusik

vom Frühschoppen irgendwo. Das

sind Biografien, an die ich denken muss,

wenn ich dann etwa Blasmusik höre

(lacht).

Ihr porträtiert Singles aus ganz Österreich,

seid teilweise auch in sehr kleinen,

entlegenen Gemeinden unterwegs. Und

auch altersmäßig ist die Sendung divers.

Doch wo sind die Kandidaten und Kandidatinnen

mit Migrationshintergrund?

In den vergangenen Jahren waren

etwa vier bis fünf Menschen mit Migrationshintergrund

in der Sendung zu

sehen – meiner Meinung nach sind das

zu wenige. Dabei freuen wir uns, wenn

wir Menschen mit ganz individuellen

Geschichten porträtieren können.

Warum bewerben sich Ihrer Meinung

nach nicht so viele Single-MigrantInnen?

Ich bin ja ein Mensch, der alle anquatscht

– beruflich, wie privat (lacht). Letztens

bin ich mit einem Taxifahrer aus Ägypten

gefahren und habe ihn gefragt, ob er

jemanden an seiner Seite hat. Natürlich

schauen alle anfangs ein wenig verdutzt,

wenn ich so eine Frage stelle (lacht),

aber er hat gesagt, dass er Single ist.

Deshalb habe ich ihm vorgeschlagen,

doch bei der Sendung mitzumachen. Er

hat gemeint, dass sein Deutsch nicht

gut genug sei und er sich das nicht

zutraue. All die Gründe, die gegen seine

Teilnahme sprechen, hat er mir dabei

in brillantem Deutsch vorgetragen. Also

stimmt die Selbstwahrnehmung hier, wie

so oft, nicht. Dabei spielen auch ein paar

Grammatikfehler überhaupt keine Rolle –

niemand erwartet von einem Nicht-Muttersprachler

ein perfektes Deutsch! Da

sind einige auch nach so vielen Jahren in

Österreich sehr selbstkritisch. Ich kenne

übrigens eine Frau, die vor fünfundzwanzig

Jahren nach Wien gekommen ist und

mithilfe der „Liebesg‘schichten“ Deutsch

gelernt hat. Deshalb verpasst sie bis jetzt

keine Folge. Das finde ich eine sehr nette

Geschichte.

Also scheitert es an der Sprache?

Nein, nicht unbedingt. Mir hat ein junger

Mann aus der Türkei erzählt, dass er

doch nicht blöd sei und vor allen zugeben

würde, dass er keine Frau kriegt.

Dabei machen das alle unsere Singles!

Sie geben zu, dass sie jemanden finden

möchten. Ich hab‘ ihm gesagt, dass er

sich einen Ruck geben soll. Also, wenn

er dieses Interview hier liest: Bewerben

Sie sich! (lacht)

Warum liegen euch

Singles mit Migrationshintergrund

so sehr am

Herzen?

Es ist für uns wichtig,

Österreich so darzustellen,

wie es wirklich ist.

Und deswegen würde ich

mich wahnsinnig über

mehr Bewerbungen von

Menschen freuen, die

etwas andere Biografien

haben. Das ist einfach zeitgemäß. Wenn

jemand nicht weiß, ob sein Deutsch

gut genug ist, kann man es ja trotzdem

mit der Bewerbung probieren. Es ist ja

nicht so, als ob dass man bei uns anruft

und am nächsten Tag steht schon das

ORF-Kamerateam vor der Tür! Nach

der Bewerbung per Mail oder Anruf

Auf der Suche

nach dem

Liebesglück?

Alle Singles ab

18 Jahren aufgepasst:

Bewerbt euch unter

liebesgschichten@orf.at

oder ruft an unter

0800 4430 140!

melden sich unsere Redakteurinnen

Beatrice Rössler und Stefanie Speiser

für ein Vorgespräch. Und ich telefoniere

auch nochmals mit allen Kandidatinnen

und Kandidaten, bevor wir zum Filmen

kommen. Wir kommen nur zu dritt in die

Wohnung, sind also auch ein sehr kleines

Team.

Elizabeth T. Spira hat mit ihren Reportagen

das Bild der Gesellschaft in Österreich

nachhaltig geprägt – für einige

Geschmäcker ging sie auch manchmal

zu weit mit der Direktheit. Wie gehen Sie

mit diesem Erbe um?

Für viele in meiner Generation war Toni

Spira mit ihrer Arbeit ein großes Vorbild –

ich werde ihre Arbeit hier nicht bewerten.

Mein Credo ist: Ich möchte nach

einer Geschichte nicht in die Situation

kommen, dass Leute die

Straßenseite wechseln,

wenn sie mich sehen.

Alle ProtagonistInnen

können sich so authentisch

präsentieren, wie

sie sind. Niemand muss

also herumtanzen oder

Skateboard fahren,

wenn das nicht zur

Person passt. Natürlich

interessiert mich,

wie sich jemand aus

Rumänien in Österreich eingelebt hat,

weil die eigene Biografie ja auch prägend

ist. Und wenn jemand nicht großartig

über seine Migrationsgeschichte reden

will, ist das kein Problem - bei den

„Liebesg’schichten“ wird man bestimmt

nicht darauf reduziert.

64 / KULTURA /

/ KULTURA / 65



KOLUMNE

„I‘M A BLACK MAN IN A WHITE WORLD“

Ihr dürft mir gratulieren. Ich wurde an der

Uni aufgenommen und darf nach acht

Jahren wieder studieren. Diesmal nicht

mehr Literaturwissenschaft, sondern Psychotherapie.

Dieser Schritt bedeutet mir

angesichts meiner Biografie viel. Nicht nur

weil ich 2014 aus meinem Studium rausgerissen

wurde, da ich zum Militär musste,

sondern auch, weil ich der Einzige meiner

Familie bin, der an der Uni studiert. Ich

muss aber ehrlich sagen, ich war nie ein

fleißiger Student. Ich habe damals mehr

Begeisterung für meine Arbeit im sozialen

Bereich als für mein Studium an dem

Tag gelegt. Auch als Kind hasste ich die

Schule und sie mich auch. Jeden Tag in

der Früh dachte ich mir Ausreden aus, warum ich nicht

in die Schule könnte. Oft täuschte ich vor, krank zu sein,

oder habe so getan, als würde ich in die Schule gehen.

Währenddessen versteckte ich mich aber bis zum Schulschluss

um dreizehn Uhr im Keller. Vermutlich waren die

vielen Schläge, die mir bei Fehlverhalten mit dem Holzstück

auf die Hände und anderswo gedroschen wurden,

ein Grund dafür. Oder etwas anderes. Alle Lehrer:innen

waren davon überzeugt, dass ich einfach ein fauler und

dummer Schüler war, und ich hatte ebenfalls dasselbe

Bild von mir. Noch dazu stotterte ich viel. Ich saß auf der

letzten Schulbank, der Bank der Faulen, und war in meine

Fantasiewelt versunken. Am Anfang dachte ich mir

Geschichten aus, in denen ich Astronaut und auf langen

Reisen war, um weite Galaxien zu entdecken. Oder ich

fantasierte, dass ich ein Ritter in den vorislamischen

Zeiten war und für Arme kämpfte. Später begann ich

diese Geschichten zu schreiben und habe meinen Bruder

stundenlang gezwungen, mit mir die Geschichte zu

schauspielern. Mit sechzehn entdeckte ich meine Vorliebe

zum Dichten und zur Poesie. Ich schrieb Liebesgedichte

an eine fiktive Frau, in die ich verliebt war. Einmal

erwischte mich der Mathematiklehrer beim Gedichteschreiben,

schwenkte das Papier hoch in der Luft und

Jad Turjman

ist Comedian, Buch-

Autor und Flüchtling aus

Syrien. In seiner Kolumne

schreibt er über sein

Leben in Österreich.

lachte mich vor allen Mitschülern aus.

„Haha, bist du jetzt Mahmud Darwish?“,

und seitdem nannte er mich verächtlich

Mahmud Darwish. (Das ist ein bekannter

Dichter im arabischen Raum.)

In Österreich fand ich glücklicherweise

meinen Weg in die Schule zurück. Ich

darf Workshops zu den Themen Flucht

und Zusammenleben sowie Schreibwerkstätten

leiten.

AUSSERIRDISCHER AN DER UNI

Nicht nur in die Schule bin ich zurückgekehrt,

sondern, wie schon erwähnt, auch

an die Uni. Ich muss aber sagen, dass

meine Freude ziemlich schnell geschwunden

ist. Ich fühle mich wie ein Außerirdischer an der

Uni. Die Unistrukturen, die Abläufe der Seminare und

der Prüfungen, die Abkürzungen der Begriffe und der

Kommunikationscode sind mir völlig fremd. Für meine

autochthonen Kolleg:innen wirkt dies alles offenbar

selbstverständlich. Und es liegt nicht an meiner Sprache.

Ich kann mittlerweile Deutsch unterrichten. Vielleicht

liegt es ja auch an den Lehrenden. Menschen mit

einem ähnlichen Hintergrund wie dem meinen kannst

du lange suchen, sie sind in keiner Weise repräsentiert.

Alle Referent:innen, Verantwortlichen und Bezugspersonen

sind bis jetzt weiße Personen. Der Lehrinhalt, die

Fallbeispiele und die Schwerpunkte sind von weißen

Menschen erstellt und an weiße Menschen gerichtet.

Ich habe ständig das Gefühl, nicht hierher zu gehören

und hege dauernd große Zweifel, es nicht zu schaffen.

Während ich an der Uni bin, läuft in meinem Kopf

ständig das Lied von Michael Kiwanuka „I‘m a black man

in a white world“. Es ist natürlich deprimierend, aber es

ist mir klar, wie wichtig es ist, weiterzumachen und das

Angebot für Psychotherapie vielfältiger zu machen, um

irgendwann jenen Menschen mit Migrationshintergrund

ein Helfender sein zu können, bei dem sie sich nicht

fremd fühlen.

19.–24.12.

im Hitradio Ö3

120 Stunden live dabei!

Jetzt

wünschen

& spenden!

turjman@dasbiber.at

Robert Herbe

66 / MIT SCHARF /




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