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Venntrilogie Ostbelgien – Wandermagazin 216

Autor Michael Sänger zu Besuch in Ostbelgien auf dem neuen Fernwanderweg „Venntrilogie“, wo Belgien am höchsten, der deutschen Grenze am nächsten und das größte Hochmoor Europas am mächtigsten ist

Autor Michael Sänger zu Besuch in Ostbelgien auf dem neuen Fernwanderweg „Venntrilogie“, wo Belgien am höchsten, der deutschen Grenze am nächsten und das größte Hochmoor Europas am mächtigsten ist

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RegioPanorama

Venntrilogie

Ostbelgien

Venntrilogie, Ostbelgien, Hohes Venn


REGIOPANORAMA VENNTRILOGIE WEITWANDERN DURCH OSTBELGIEN

2 WANDERMAGAZIN Herbst 2022


Hecken sind lebendige Zäune.

Sie strukturieren den Blick in die Ferne,

begrenzen den Nahraum und vieles mehr.

© Wandermagazin, M. Sänger

Wo die Zäune

leben

Venntrilogie:

Weitwandern durch Ostbelgien

Der Norden von Ostbelgien ist das Land der lebenden Zäune.

Hecken begrenzen öffentliche Feldwege, frieden Wiesen und Weiden ein.

Sie geben den Blicken Halt. Sie strukturieren den mal gewellten, mal sanft

ansteigenden, grünen Naturteppich und zeichnen jede Delle, jeden Hügel nach.

Es sind Gehölzstreifen voller Leben. Heimat von Insekten und Vögeln. Lebensraum

für Igel, Marder & Co. Sie liefern sogar Früchte und Brennholz, dienen als

Eigentumsgrenzen und schützen vor rauen Westwinden. Mal sind sie nur einen

Meter, mal drei und mehr Meter hoch. Im Frühjahr ein weißer Blütensaum,

im Sommer voller überbordender Grünschattierungen und

im Herbst eine Sinfonie in Gelb-, Braun- und Rottönen.

www.wandermagazin.de

3


REGIOPANORAMA ERZGEBIRGE VENNTRILOGIE WANDERN WEITWANDERN IM UNESCO DURCH WELTERBE OSTBELGIEN

Hohes Venn

Breitwandkino

in Urzeitnatur

Das Hohe Venn ist ein gewaltiges Hochmoor. Das Massiv von Stavelot

ragt an der Grenze zu Deutschland 694 m in die Höhe. Schiefertone aus den

Tiefen einer 500 Millionen Jahre alten Erdzeit bilden ein leicht geneigtes

Flachdach. Ein Quadratmeter Moor von 20 cm Dicke saugt locker 72 kg

Wasser auf! Das Klima auf Belgiens First trägt arktische Züge, der Boden

ist wasserundurchlässig und im Weststau atlantischer Winde fällt reichlich

Regen. Hinzu kommt Spagnum, eine kleine wurzellose Sporenpflanze.

Sie entzieht dem Regenwasser die Nährstoffe und bildet riesige

Torfmoosteppiche. Das Venn ist ein 10.000 Jahre altes Urzeitkino

in dem 360 Grad-Breitwandfilmvorführungen in 3D warten.

4 WANDERMAGAZIN Herbst 2022


Was Du siehst, ist aus einer anderen Zeit.

Rund 10.000 Jahre ist das Venn im Kern nahezu

unberührt geblieben. Urzeitfeeling!

© Chris Eyre-Walker

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA VENNTRILOGIE WEITWANDERN DURCH OSTBELGIEN

6 WANDERMAGAZIN Herbst 2022


Auch das bietet die Venntrilogie:

Talsperren wie hier bei Robertville

im Tal der Warche

© Chris Eyre-Walker

Arduenna

Waldreiches

Hochland

In den Höhlen der Warche, so der Volksmund, hausen kleine bärtige Kobolde,

die Sotê. Ob die Heinzelmännchen beim Wiederaufbau von Burg Reinhardstein

nachgeholfen haben? Schon denkbar angesichts der kuriosen Geschichte des

kühnen Wächters im Warchetal. Am Nordufer der Warche endet der Naturpark

Venn-Eifel. Südlich schließen sich die Ausläufer der Ardennen an.

Die Kelten nannten sie „Arduenna“, was soviel wie Hochland bedeutet.

Interessant: die 40,4 km lange Warche entspringt als einer der wenigen Vennflüsse

nicht im Hohen Venn, sondern in 640 m Höhe bei Büllingen. Zweimal lässt sie

sich zu veritablen Talsperren aufstauen. Mal Kerbtal, mal Mäanderkönigin

Wanderspannung pur ist garantiert.

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA VENNTRILOGIE WEITWANDERN DURCH OSTBELGIEN

Was für ein Erlebnis Wandern auf Holzstegen

durch eine außergewöhnliche Landschaft

© Chris Eyre-Walker

Die Venntrilogie

Drei, drei, zwei

TEXTE: MICHAEL SÄNGER

Drei Landschaften, drei Flüsse, zwei Sprachen ein

Weg. Ganz im Osten von Belgien. Dort wo das Land

am höchsten, der deutschen Grenze am nächsten und

das größte Hochmoor Mitteleuropas am mächtigsten

ist. Hier warten bizarre Geschichten und kuriose

Geschichte auf Wandernde. Die Venntrilogie kann

ein Wanderweg spannender sein?

Straßennamen und Schilder mit Namen wie „Vierländerweg“

oder „Vierländerpunkt“ oben am Dreiländereck, dem Startort

der 108 km langen Route, irritieren vermutlich. Dahinter steckt

eine kuriose Geschichte. Die Venntrilogie startet exakt unterhalb

des 50 m hohen Baudouin-Turms in 323 m Höhe.

OFFIZIELLE EINWEIHUNG IM FRÜHJAHR 2023

Seit einigen Jahren entwickelt Jef Schuwer, viersprachiger Projektentwickler

und studierter Touristiker bei der Tourismusagentur

Ostbelgien, einen neuen Stern am ostbelgischen Wanderhimmel.

Es ist der erste qualitätsgeprüfte Weitwanderweg durch

Ostbelgien. In diesem Herbst steht die Beschilderung, im kommenden

Frühjahr wird er offiziell eröffnet. Das Projekt wird

Begegnungen mit dem Weidevieh gehören im Land der Hecken dazu

© Chris Eyre-Walker

von der EU finanziell unterstützt. Die Wanderroute folgt drei

Flusstälern, wechselt dabei auch dreimal scheinbar mühelos die

Sprachgrenzen zwischen Deutsch und Französisch und führt

durch drei faszinierend unterschiedliche Landschaften.

DAS HECKENLAND Der nördliche Teil Ostbelgiens ist etwas

für Burgenfreunde. Einige Burgen, Wasserburgen und Schlösser

liegen direkt am Weg. Zum Beispiel die Eyne- oder Emmaburg

über der Göhl südlich von Kelmis (mehr zur Geschichte

s. S. 56). Oder die kompakte Wasserburg von Raeren mit dem

sehenswerten Töpfereimuseum. In Eynatten kann man gleich

zwei Wasserburgen bestaunen. Der Norden Ostbelgiens ist aber

insbesondere ein Hecken- und Wiesenland. Alle Dörfer und

Orte liegen eingebettet in einem von Hecken, Gehölzstreifen

und kleinen Wäldern gesäumten grünen Teppich aus Wiesen

und Weiden. Kurios ist die Geschichte von Neutral Moresnet.

Der Ministaat entstand, weil sich der Wiener Kongress 1815

um die Kelmiser Zinkmine stritt. Der Zwergstaat, kaum größer

als 3,6 km 2 , mit Esperanto als Nationalsprache, eigener Nationalhymne,

Flagge und eigenen Briefmarken, existierte von 1816

bis 1919. Das also war das vierte Land!

DER SCHWAMM IN DER HÖHE Die zweite Charakterlandschaft

der Venntrilogie ist das Hohe Venn. Das größte

Hochmoor Mitteleuropas und in seinem Kern seit seiner Entstehung

vor rund 10.000 Jahren nahezu unberührt. Die Venntrilogie

nutzt ganz geschickt das Tal der Hill als Pfadfinder. Sie

ist einer der markantesten Vennflüsse. Wandernde werden im

großen Bogen praktisch von hinten auf die leicht abgeschrägte

Hochfläche des Wallonischen Venn geführt. Eine Passage der

Superlative. Man gewinnt durch das teils tief eingekerbte Tal

der Hill auf größtenteils wunderschönen Pfaden allmählich an

Höhe, bestaunt, wie sich die Vegetation von Hochwald zur Farnund

Grasweide und zum puren Moor mit weißen Wollgrastupfern,

Heidekraut und Torfmoospulten verändert. Eine un-

8 WANDERMAGAZIN Herbst 2022


vergleichlich inspirierende und beeindruckende Annäherung.

Irgendwann verläuft sich die Hill in ungezählte Rinnsale, während

der Wanderweg auf Holzstegen Belgiens höchstem Punkt,

dem Signal de Botrange, entgegenstrebt. Das ist großes Kino!

Nicht minder spannend ist der Abstieg nach Malmedy, wenn es

gilt, den teils wilden Bachtälern verschiedener Vennbäche wie

der Bayehon, Ghaster oder des Trôs Marêts mal talwärts, mal

aufwärts zu folgen. Das ist einfach nur schön.

ZWISCHEN VENN UND ARDENNEN Und nochmals

verlässt man eine Sprach- und Kulturgrenze. Hier Malmedy

mit seinem fröhlichen Savoir-vivre zwischen ehrwürdiger

Kathedrale und den Zeugen einstiger Blüte der Lederwarenund

Papierindustrie. Dort am Ende dann das deutschsprachige

Bergdorf Bütgenbach, zwischen zwei Talsperren an der kraftvoll

strömenden Warche gelegen. Während das Hohe Venn an

das Nordufer der Warche reicht, stoßen von Süden die Ausläufer

der Ardennen an den einzigen Fluss Ostbelgiens, dessen

Ursprung nicht im Hochmoor liegt. Die beiden Talsperren sind

Zeugnisse ausgereifter Ingenieurskunst, der Weg selbst zieht

an der Kammlinie entlang, nimmt dann Reißaus ins Tal und

wechselt erst am Fuße der kühnen Burg Reinhardstein wieder

das Warcheufer. Zwergenhafte, bärtige Kobolde sollen hier in

den Höhlen und Felsnischen hausen. Von den Heinzelmännchen

gibt es einige Geschichten (s S. 63). Nach der Talsperre

von Robertville erreicht die Venntrilogie wieder Hecken- und

Weidenland. Es erinnert an den Start der Streckenwanderung

im Land der lebenden Hecken.

DIE ETAPPENORTE Dreiländerpunkt als Startort,

Eynatten, Eupen (Bahnanschluss und künftig auch Anschluss

an den Eifelsteig), Signal de Botrange (Bushaltestelle Richtung

Eupen), Malmedy, Robertville und Zielort Bütgenbach

Venntrilogie

Vaals

S

Vaalserberg

p

325 m

Kelmis

Lontzen

Eupen

Walhorn

Kettenis

Etappenort

Einkehrmöglichkeit

Übernachtungsmöglichkeit

Haltepunkt Abholpunkt oder ÖPNV nach Malmedy

Brandenberg

p

351 m

Hauset

Eynatten

Raeren

Lichtenbusch

WESERTALSPERRE

(LAC D‘EUPEN)

Belgien

NATURPARK

HOHES VENN EIFEL

EINKEHR & ÜBERNACHTUNG Kelmis, Hauset,

Eynatten, Raeren, Eupen, Signal de Botrange (nur Einkehr),

Hotel „Mont Rigi“ (1,5 km entfernt), Sourbrodt, „Ferme

Libert“, Malmedy, Robertville, Weywertz und Bütgenbach

MARKIERUNG Die abgebildete Markierung findet man auf

allen sogenannten Knotenpunkten (diese gibt es allerdings zur

Zeit nur im deutschsprachigen Bereich) oder anderen Wegepfosten.

Etwas kleiner wird zwischen Knoten- und wichtigen

Wegpunkten mit dem Hinweis „Venntrilogie“ markiert.

AN- UND ABREISE, MOBILITÄT Mit der Bahn nach Eupen

reisen, von dort per Bus zum Dreiländereck. Alternativ mit der

Bahn bis Bf Aachen-Rothe Erde, Bus 25 bis Vaals Busstation

und mit Bus 259 zum Dreiländerpunkt. Die Abreise erfolgt per

Bus über Malmedy, Verviers nach Eupen und weiter mit der

Bahn. Zwischen Bütgenbach und Malmedy verkehren Busse.

Von Signal de Botrange per Bus nach Eupen. In den Bussen

kann man Fahrkarten kaufen.

TOUREN-APP

www.ostbelgien.eu/de/wandern/wanderroutenplaner

Ferme Libert

NATURPARK HOHES VENN

EIFEL/PARC NATUREL HAUTES

FAGNES-EIFEL

Mont Rigi

Mont

Signal de Botrange

p

694 m

Longfaye

Signal de Botrange

Sourbrodt

Robertville

Steling

p

658 m

NATURPARK

HOHES VENN EIFEL

Küchelscheid

INFO- UND KARTENMATERIAL

SOWIE EINE AUSWAHL BUCHBARER PAKETE

Tourismusagentur Ostbelgien Venntrilogie

Hauptstraße 54, B-4780 St. Vith

Tel. 0032/80/28 20 91 (Zentrale 0032/80/22 76 64)

info@ostbelgien.eu

www.ostbelgien.eu, www.venntrilogie.eu

Meiz

Malmedy

Baugnez

Burg

Reinhardstein

Waimes

Champagne

Nidrum

Bütgenbach

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA VENNTRILOGIE SCHWÄBISCHE WEITWANDERN ALB

DURCH OSTBELGIEN

GÖHL

DIE KURVENREICHE

Zwei Wandertage voller Hochgenüsse. Vom Vaalser Berg durch den ehemaligen Zwergstaat

Neutral-Moresnet mit Zeugen alten Bergbaus und wilden Pfaden. Die schöne Göhl weist den Weg

zur Emmaburg. Schloss Thor, die Hammerbrücke, Eynattens Wasserburgen und immer wieder

Hecken, Weiden und Wiesen. Vom Töpferdorf Raeren geht es durch den Hertogenwald nach

Eupen, Hauptstadt der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens.

AUF ZUR GÖHL Der Wald öffnet sich

wenig später, die Route turnt bergab und

nähert sich dem Kelmiser Ortsteil Neu-Moresnet.

Der Weg ins Tal des Tuljebaches,

vorbei an der Stauanlage Heimbach, beoben:

Typisch: Wiesenstiegel

© Chris Eyre-Walker

unten:

Gebüschstreifen sind

Lebensraum für Schmetterlinge,

Vögel und

Säugetiere

© Wandermagazin,

M. Sänger

Schnell ist der Trubel unter dem Baudouinturm

am Dreiländereck verstummt.

Der alte Limburgische Reichswald verschluckt

mich förmlich. Ich schreite beschwingt

aus. Wundervoll!

reitet mir größtes Vergnügen. Hin und her windet sich die Route

durch ein Meer blühender Weidenröschen zu einem schmiedeeisernen

Gatter. Dahinter öffnet sich eine sonnenüberflutete Wiese.

Wow! Hinter mir ein erster Blick auf Kelmis, einstige Hauptstadt

des Zwergstaates Neutral-Moresnet (mehr dazu, s. S. 62).

ERZÄHLENDE LANDSCHAFT Inzwischen hat mich die

Göhl begrüßt. Steile Kalksteinwände zeugen von ihrer Kraft.

Seltsame Steinmauern, Reste einer zerstörten Brücke und massive

Eisengitter säumen den Weg entlang der Göhl durch dunklen

Wald. Dann quert die Route die Göhl und steigt unterhalb

der Emma- oder Eyneburg (die schöne Geschichte dazu, s. S. 62)

an. Es beginnt eine sensationelle Pfadpassage. Am Ende

führen „Weidedurchlässe“ aus dem Wallheckenpfad hinein ins

lauschige Hohnbachtal. Zauberhaft, wie die Route nach dem

Oskarstollen dem mäandernden Hohnbach folgt. Umwerfend

danach die von Hecken gesäumte Wiesen- und Weidenpassage

hinauf zum Dorf Astenet.

DIE MONSTERBRÜCKE UND EIN BESCHISSENER BERG

Auffällig in Astenet sind die massiven Bauernhäuser aus Bruchstein

oder Schloss Thor aus dem 18. Jh. Wieder tanzt der Weg

über Wiesen hinunter zum Lontzener Bach. Es folgt ein wilder

Auf- und Ab-Parcours im Gehölzstreifen des Baches. Mal am

Rande von Weiden, dann wieder durch buschähnliches Gelände

mit Stegen und Handläufen. Herrlich! Da ist sie wieder, die Göhl.

Sie weist den Weg zu einer monströsen Brücke. Auf 1,1 km Länge

10 WANDERMAGAZIN Herbst 2022


Das Vlattenhaus in Eynatten

reicht in die Anfänge des Etappenortes zurück

© Wandermagazin, M. Sänger

Tourentipp

Venntrilogie Abschnitt 1

Heckenland

Streckentour Dreiländereck Eynatten Eupen

Länge: 42,5 km • 2 Tage, ca. 11,45 Std.

Höhenmeter: p 320 m q 383 m • Schwierigkeit:

Start/Ziel: Dreiländereck/B-4700 Eupen, Fußgängerzone

(Klötzerbahn) • An- und Abreise: ÖPNV: Bf Aachen

Rothe Erde, Bus 25 Vaals, Bus 225 Dreiländereck / Bf

Eupen; PKW: NL Vaals, Viergrenzenweg oder B-4851

Gemmenich, Routes des Trois Bornes / B-4700 Eupen

überspannt ein Eisenbahnviadukt auf 22 bis zu 52 m hohen Pfeilern

die Göhl. Wie klein ich mir darunter vorkomme! Vom Göhltal

zieht ein Pfad hinauf zum „Beschissenen Berg“. „Beschissen“? Zu

gerne wüsste ich warum, denn eine hübsch positionierte Bank mit

Blick auf Weidengelände lädt sogar zur gemütlichen Rast. Und

wieder schmiegt sich der Weg an die Göhl. Der heckengesäumte

Pfad von der ehemaligen Kupfermühle führt hinauf nach Hauset,

das „Dorf an der Göhl“.

WASSERBURGEN, MÖHREN & DAS TÖPFERDORF

Der Etappenort Eynatten überrascht mit zwei Wasserburgen, die

sich bis ins 14. Jh. nachweisen lassen. Von hier führt die Route, wie

sollte es auch anders sein, von Weide zu Wiese und zur nächsten

Weide. Mal folge ich ahnungsvoll Tretspuren im Gras, mal werde

ich durch ein Heckenspalier geleitet. Im Weiler Berlotte überrascht

das klitzekleine Möhrenmuseum. In dem schmalen Backsteinturm

gibt es Wunderliches zur Möhre in Selbstbedienung zu

bestaunen. Einige Wiesen, Weiden, Hecken und Durchlässe später

erreiche ich auf einer Anhöhe Raeren. Das deutschsprachige Töpferdorf

erlangte Weltruhm u.a. durch seine Dreihenkel-, Zylinderbauch-

und Bartmannkrüge. Zu sehen ist alles im Töpfermuseum

in der Raerener Wasserburg.

Am Dreiländerpunkt startet die Venntrilogie. Sie

führt über den Vaalserberg durch den ehemaligen

Limburger Reichswald hinunter nach Neu-Moresnet

und dann auf schönen Pfaden um Kelmis herum.

Vom Tal der Göhl geht es ins Hohnbachtal (Reste des

Bergbaus), dann erst dem Hohnbach folgend später

hinauf nach Astenet. Vom Lontzener Bach geht es

wieder zur Göhl und unter dem großen Eisenbahnviadukt

hindurch auf den „Beschissenen Berg“. Der

Göhl folgend erreicht man Hauset und später Eynatten

(Etappenort). Von hier geht es über heckengesäumte

Wiesen, Weiden und durch Heckenspaliere in

das Töpferdorf Raeren mit sehenswertem Töpfermuseum

in der Wasserburg. Die folgende Wiesen- und

Weidenpassage führt durch den großen Hertogenwald

bis zum Etappenziel des 2. Wandertages

Eupen. Tipp: Kurz vor Eupen soll es demnächst einen

Zubringer zum Eifelsteig geben.

EUPEN EHRWÜRDIGE HAUPTSTADT Rasch verschluckt

mich oberhalb von Raeren der Hertogenwald. Schön

begehbare Waldwege in mit Fichten besetzten Wald bereiten

mich auf den Einzug in eine waschechte Hauptstadt vor. Vorher

lasse ich mich von dem wildromantischen Diepbachtal begeistern.

(Tipp: Hier ist ein Anschluss zum Eifelsteig bei Roetgen in

Planung.) Dann begrüßt mich die Pfarrkirche St. Nikolaus und

über die Schulstraße steige ich in die Oberstadt von Eupen ab,

Hauptsitz des Parlaments, der Regierung und des Ministeriums

der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Der Gang durch

die ehemalige Tuchmachermetropole ist eindrucksvoll. Dass ich

dann im Kloster Heidberg in einer Nonnenzelle übernachte, passt

perfekt zu der an Überraschungen reichen Venntrilogie.

www.wandermagazin.de

11


REGIOPANORAMA VENNTRILOGIE SCHWÄBISCHE WEITWANDERN ALB

DURCH OSTBELGIEN

DIE HILL

NASSE VENN-GRENZE

Zwei weitere geniale Wandertage versprochen. Aus Eupen durch das Hilltal hinauf

ins Hohe Venn. Wilde Pfade, canyonartige Passagen und Holzstege warten. Schmaler

und schmaler werdend, führt die Hill hinauf zur Signal de Botrange, Belgiens Dachfirst.

Im zweiten Teil folgt die Route wilden Vennbächen, mal bergab, mal bergauf und steigt

schließlich nach Malmedy ab, der quirligen Stadt am Ausgang des Warchetals.

oben:

Wanderpassage durchs

Tal der Trôs Marêts

unten:

Die Hill hat sich verabschiedet.

Hier herrscht

Unendlichkeit.

Fotos: © Wandermagazin,

M. Sänger

Eupen, fünf Uhr morgens. Die Glocken

schlagen zur fünften Stunde. Es dämmert

und mit acht Grad ist es reichlich frisch.

Auf geht‘s. Erst hinauf zur Kapelle Johannes

der Täufer, dann blicke ich von der

Moorenhöhe auf die Unterstadt vor mir

und auf eine graugrüne Mauer, die sich wie

mit dem Lineal gezogen über mir abhebt.

Das Hohe Venn. Da will ich hin ...

VON DER SCHWARZEN BRÜCKE INS VENN Die Stadt

der Tuchmacher verlasse ich entlang der Hill. An der Schwarzen

Brücke endet der Asphaltbelag und ein stimmenreiches Vogelkonzert

begrüßt mich. Ab hier nutzt die Route immer wieder

sensationell schöne Passagen dicht an oder über der Hill. Mal ist

es ein frisch bewachsener Schwemmfächer, mal windet sich der

Weg über Felsen auf schmalstem Pfad. Dann begleitet man wieder

nahezu ebenerdig die bernsteinfarbene Hill, die sich geräuschvoll

über unzählige Gesteinsbrocken stürzt oder zwischen rippenartig

aufgerichteten Schieferfelsen geräuschlos in moorigen Gumpen

dümpelt. Wieder wird es wild, der Weg klettert als Felssteig steil

bergauf und führt auf einer breiten Forststraße in einem großen

Rechtsbogen auf die Rückseite des Wallonischen Venns.

FARNWEIDEN, MOOSPULTE, HOLZSTEGE Ich fühle

mich an Schottlands wilden Norden erinnert doch ich bin in

Belgien. Kurz nach dem Zufluss des Spohnbaches führt die Route

über eine Holzbrücke auf die andere Seite zum Grand Bongard

(übersetzt Baumgarten). Es folgt das Sahnehäubchen. Hüfthoch

bedecken Gräser und Farne das nur noch locker mit Birken und

vereinzelten Nadelbäumen bestandene Tor ins Herz des Hohen

Venns. Links gibt die Hill, seit Jahrhunderten Eigentums-, Forst-,

Landes- und Sprachgrenze, das sichere Geleit. Erste Holzstege helfen

die dunkelbraunen Moorlöcher zu überbrücken. (Tipp: Sollte

an der zweiten Brücke die rote Fahne gehisst sein, besteht Brandgefahr.

Dann bitte die ausgezeichnete Alternativroute wählen.)

12 WANDERMAGAZIN Herbst 2022


Links die Hill, nun schon deutlich schmaler,

rechts eine Wandertrasse wie gemalt

© Wandermagazin, M. Sänger

Tourentipp

Venntrilogie Abschnitt 2

Hohes Venn

Streckentour Eupen Signal de Botrange - Malmedy

Länge: 44,3 km • Dauer: 2 Tage, ca. 12,5 Std.

Höhenmeter: p 813 m q 716 m • Schwierigkeit:

Start/Ziel: B-4700 Eupen, Fußgängerzone (Klötzerbahn)/B-4960

Malmedy, Place Albert 1er • An- und

Abreise: ÖPNV: Bf Eupen / Bus 395 nach Verviers und

per Zug oder per Bus 725 nach Eupen oder zu deutschen

Zielen PKW: B-4700 Eupen / B-4960 Malmedy,

Rue Frederic Lang

Leicht steigt die Route nun an, die Bäume weichen einer schütteren

Vegetation aus zwergwüchsigen Birken, Heidekraut und

Gräsern. Ich betrete Urzeitland! Seit fast 10.000 Jahren unberührt,

archiviert der bis zu acht Meter dicke Torfkörper akribisch, was

Wind, Pollen und Regen eintragen. Ich fühle mich soooo klein

mit Hut in dieser schier unendlichen Weite. Von einer Aussichtsplattform

kann ich die Unendlichkeit rückblickend noch einmal

„greifen“. Hinter mir liegt die Signal de Botrange, Etappenort mit

kleinem Restaurant, Parkplatz, mit Bushaltestelle Richtung Eupen

und einem Turm zur ständigen Brandwache.

WILDE TÄLER, EIN CANYON UND MALMEDY Der

vierte Wandertag startet an der Signal de Botrange und führt

zunächst zum informativen Naturparkhaus. Kurz vor dem

Venndorf Sourbrodt beginnt eine wilde Wanderpartie. Hauptdarsteller

ist der Vennbach Ghaster (wallonisch Ruisseau d`Hâste).

Links und rechts hüpft der Pfad unentwegt auf und ab. Wahnsinn.

Im Tal der Bayehon ist damit Schluss und es geht wieder bergauf.

Der breite Weg wird schmal und schmäler, führt vorbei am größten

Wasserfall des Venns und an der Eiche aller Eichen (wallonisch

Lu Tchân as Tchân). Ab hier wechseln sich Wiesen- und Forstwege

bis zur Querung der Nationalstraße 68 ab. Dann lasse ich meine

Seele wieder von ausgesucht schönen Saum- und Traumpfaden

streicheln. Kurz vor dem Frainou-Venn (die Geschichte dazu, s.

S. 63) folge ich nämlich bergab dem „Rau des Trôs Marêts“. Der

Vennbach springt quicklebendig über Stock und Stein. Talwärts

hat er eine gut 100 Meter tiefe und enge Schlucht gegraben. Die

Venntrilogie steigt natürlich in den Canyon hinein. Ich klettere an

Seilen über Geröll und vom Hochwasser angeschwemmte Baumstämme.

Eine Brücke führt auf die andere Talseite, gibt den Blick

rückwertig auf einen Wasserfall frei, bevor es wieder aufwärts der

„Ferme Libert“ entgegen geht. Bis nach Malmedy ist es nun nicht

mehr weit. Noch ein kurzer Besuch der Eremitage Saint Antoine

und dann sehe ich schon die Doppeltürme der Kathedrale von

Malmedy, die Altstadt und das Warchetal vor mir. Was für ein

Wandertag!

Aus der Oberstadt in Eupen geht es über die Moorenhöhe

in die Unterstadt zum Zusammenfluss von

Weser und Hill. Die Hill begleitet den Weg dann nahezu

für ihren gesamten Verlauf. Ab der schwarzen

Brücke folgen wildromantische Pfade, breite Forstwege

und Steigpassagen in einem unberührten Tal.

Man gewinnt allmählich an Höhe und gelangt unterhalb

des Herzoghügels auf die andere Hillseite und

folgt einem wunderschönen, teils mit Holzstegen

versehenen Pfad bis zu einer zweiten Brücke. Achtung:

Wenn hier die rote Flagge zu sehen ist, darf

der weitere Weg durch das Venn nicht begangen

werden, dann bitte die ausgewiesene Umleitung bis

Signal de Botrange wählen. Die Signal de Botrange

markiert das heutige Etappenziel. Mit dem Bus fährt

man zurück nach Eupen. Am folgenden Tag steigt

man hier wieder ein und erlebt größten Wanderspaß

in den Tälern der Vennbäche Ghaster, Bayehon und

Trôs Marêts. Wasserfälle, ein Canyon und traumhaft

schöne Passagen führen über die Ferme Libert nach

Malmedy.

www.wandermagazin.de

13


REGIOPANORAMA VENNTRILOGIE WEITWANDERN DURCH OSTBELGIEN

WARCHE

DIE SCHNELL FLIESSENDE

Die Schlusspunkte der Venntrilogie setzen Warche und Ardennenausläufer. Aussichtsbalkone und

Saumpfade führen zur Burg Reinhardstein. Die Route klettert hinauf zum fjordähnlichen Stausee von

Robertville. Weiter geht es an und über der Warche zur einstigen Vennbahn. In Höhe Weywertz zieht

die Route durch einen Wiesenteppich mit eindrucksvoller Heckeneinfassung hinauf nach Bütgenbach.

oben:

Holzsteg über einen der

Seitenarme der Talsperre

von Robertville

unten:

Napoleonsfelsen

im Warchetal

Fotos: © Wandermagazin,

M. Sänger

Adieu Malmedy! Das Treiben auf dem

Place Albert 1er mit seinem Obelisken

von 1781 im Herzen der Altstadt ist ein

schöner Kontrast zur völligen Einsamkeit

im Venn. Steil steigt der Weg durch die

Rue Gretedar hinauf zum Kalvarienberg

auf dem Livremont. Erhaben thront die

Bruchsteinkapelle St. Agathe und Apolline

von 1728 auf dem Gipfel. Mon Dieu was

für ein Einstieg!

WASSERKRAFT UND WEITBLICKE Jählings hat die

Warche den von Süden herandrängenden Ardennen Einhalt geboten

und eine tiefe Furche in das Grundgebirge gehobelt. Die Venntrilogie

nutzt die Kammlinie, um mich mit kühnen Ausblicken zu

verwöhnen. Der braune Turm vor Chôdes ist ein wasserwirtschaftliches

Bauwerk. Von hier schießt Wasser aus der Talsperre Robertville

100 m tiefer in das Wasserkraftwerk von Bévercé. Einem Stück

der oberirdischen Pipeline folgt der Wanderweg, bevor er in der

Streusiedlung Chôdes den Kamm erreicht. Fortan tanzen, turnen

und schwingen Saumpfade, kurzzeitig auch Waldwege, knapp

unterhalb der Kammkante durch bewegte und bewegende Vegetation.

Immer wieder öffnen sich herrliche Ausblicke hinüber zum

Hohen Venn und hinunter zu den Warchemäandern.

KÜHNE FESTE, SCHÖNER FJORD Die Traumroute steigt

in Schwüngen ab zum Talboden der Warche. Unten angekommen

staune ich nicht schlecht über den Geröllteppich. Welche Kräfte

entwickelt dieser Fluss! Der Abstecher zur Burg Reinhardstein

muss sein. Trutzig erhebt sich die im 14. Jh. erbaute Burganlage mit

ihren vier Türmen auf felsigem Sporn über dem Tal. Ein Wächter

par excellence (mehr zur Geschichte, s. S. 63). Rasch gelange

ich absteigend wieder zur Warche und steige auf der anderen Seite

steil durch Hochwald auf. Wenig später liegt die 182 m lange und

52 m hohe leicht gebogene Staumauer der Talsperre Robertville

vor mir. Der Wanderpfad wählt nun den schattigen Ufersaum und

schwenkt in einen weit nach Süden hineinragenden Arm. Ich fühle

mich an norwegische Fjorde erinnert. Zurück am See erkenne

14 WANDERMAGAZIN Herbst 2022


Die Warche unterhalb der Burg Reinhardstein

über den Steg führt die Route der Venntrilogie

© Wandermagazin, M. Sänger

Tourentipp

Venntrilogie Abschnitt 3

Ardennen und

die Warche

Streckentour Malmedy Robertville - Bütgenbach

Länge: 21,8 km • Dauer: 2 Tage, ca. 7 Std.

Höhenmeter: p 497 m q 266 m • Schwierigkeit:

Start/Ziel: B-4960 Malmedy, Place Albert 1er/B-4750

Bütgenbach, Marktplatz • An- und Abreise: ÖPNV: Bf

Verviers oder Eupen, Bus 395 nach Malmedy oder Trois-

Ponts mit Bus 745 / Bus 394 bis Eupen Bushof, Bus 14

bis Aachen Hbf und weiter DB PKW: B -4960 Malmedy,

Rue Frederic Lang / B-4750 Bütgenbach, Marktplatz

ich gegenüber vereinzelt Stege und dann einen Campingplatz mit

Bootsanlegestelle. Kurz darauf, die Glocken von Saint-Joseph in

Robertville läuten gerade zu Mittag, „spuckt“ mich ein schmaler

Pfad in Höhe des Hotels „Des Bains“ an der Nationalstraße 676 aus

und gibt den Blick auf den Etappenort Robertville frei.

EIN FLUSS WIE EIN LIED Die Warche hat etwas Archaisches,

Kraftvolles. Auf der Passage von Robertville kommt man der

schnell eilenden Flussdame immer wieder sehr nah. Kein Wunder,

dass nach Hochwasser die Holzstege mal schief und krumm aussehen.

Also aufgepasst. Hainbuchen, Erlen und Haselnuss wölben ihr

Blätterdach über die quirlige Lebensader. Hier und da ragen moosbewachsene

Felsrippen aus dem Flussbett. Die Flussmusik wechselt

vom melodischen Piano zum eindrucksvollen Forte. Über einen

Jugendzeltplatz gelange ich in einen Bereich der Warche, der auch

als Überflutungsgebiet bei Hochwasser dient. Mannshoch stehen

hier Mädesüß, Weidenröschen, Springkraut und Bärenklau. Wieder

ist die Warche ganz nah, dann führt ein schmaler Steig über

eine Geländestufe hoch am Ufer entlang. Ich bin begeistert. Rechts

tauchen in der Höhe die ersten Häuser von Weywertz auf und der

herrliche Rastplatz „Im Himmelchen“ an der Warche lädt zum Sinnieren

ein. Himmel, wie schön.

Über den Kalvarienberg auf dem Livremont führen

Pfade zu einem Druckbehälter. Von hier wird Wasser

aus der Talsperre von Robertville in das 100 m tiefer

gelegene Kraftwerk von Bévercé gepumpt. Das Bergdorf

Chôdes ist für längere Zeit die letzte Siedlung,

die der an der Kammlinie entlang verlaufende Weg

nimmt. Dann steigt er zur Burg Reinhardstein ins

Warchetal ab. Ein Besuch mit Besichtigung lohnt auf

jeden Fall. Steil geht es dann aufwärts zur Talsperre

von Robertville. Am Seeufer entlang führen herrliche

Pfadstücke und Panoramawege dann zur Brücke

nach Robertville, dem Etappenort. Weiter geht

es an der Talsperre entlang, bis sich der Weg ganz

der schnell fließenden Warche annimmt und über

abenteuerliche Wege bis zu Füßen von Weywertz

folgt. Eine kurze Passage auf der ehemaligen

Vennbahntrasse (heute Radweg) und dann geht es

durch Wiesen, Weiden und Wald hinauf zum Zielort

Bütgenbach.

ADIEU WARCHE, HALLO BÜTGENBACH Am Rastplatz

heißt es Abschied nehmen von der Warche, die man allerdings

am Zielort der Venntrilogie mit dem Bütgenbacher Stausee

wieder trifft. Es geht noch einmal mäßig bergan zwischen Weiden,

Wiesen und einigen kleinen Wäldchen vorbei und hindurch.

Schon vor dem deutschsprachigen Weywertz, kurz hinter einem

alten Vennbahnhof auf der nun stillgelegten Bahntrasse, verlässt

die Route die Velotrasse und zieht über kleinere Erhebungen auf

Bütgenbach zu. Wieder gewinnt ein grüner und von Hecken gesäumter

Wiesenteppich die Oberhand. Wenig später gerät der

Kirchturm von Bütgenbach in den Blick. Am Hof Bütgenbach aus

dem 13. Jh. vorbei gelange ich ins Zentrum der deutschsprachigen

Gemeinde. Ich bin am Ziel meiner sechs Wandertage, genehmige

mir eine heiße Schokolade und schließe zufrieden die Augen. Was

war das denn? Traum oder Wirklichkeit?

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REGIOPANORAMA VENNTRILOGIE SCHWÄBISCHE WEITWANDERN ALB

DURCH OSTBELGIEN

WAS DIE VENNTRILOGIE

SO ALLES ERZÄHLT …

Interessante und kuriose Geschichten

sowie amüsante Erzählungen aus den drei

Landschaftsbildern der Venntrilogie.

Dr. Molly und der

Zwergstaat

Blick auf Kelmis

© Wandermagazin, M. Sänger

Die Zinkerzmine in Kelmis war es, über deren künftige Zugehörigkeit sich die „Metternichs“ dieser Welt anno 1815 nicht

einigen konnten. Es entstand der Zwergstaat Neutral-Moresnet. Dass ein gewisser Dr. Wilhelm Molly die Geschicke des

Dorfstaates maßgeblich beeinflusste, klingt alleine schon kurios. Faktenbasiert ist aber auch, dass er Esperanto als Landessprache

einführte, dem Kunststaat zu einer Nationalhymne und eigenen Briefmarken verhalf. 1919 endete der Spuk. Der

Name Kelmis erinnert an den Namen des Zinkerzes: Galmei franz. Calamine. Kalemin war der mittelhochdeutsche Name.

Daraus wurde et voilà Kelmis!

Emma und des

Kaisers Sekretär

Ach, ist das nicht herrlich? Einhard, Biograph Kaiser

Karl des Großen und sein Privatsekretär, hatte sich

in des Kaisers schöne Tochter Emma verliebt. Man

traf sich hier oben auf der Eyne- oder im Volksmund

Emmaburg genannten Anlage. Um verräterische

Spuren eines Mannes von Emmas Kemenate im

frisch gefallenen Schnee zur vermeiden, trug Emma

den Liebhaber huckepack über den Hof. Nicht unbemerkt.

Mehr wird hier nicht verraten.

© Chris Eyre-Walker

Wiesenstiegel-

Einmaleins

Die Weidezu- und -durchgänge sind so verschieden

wie ihre Besitzer. Selten laden schmiedeeiserne

Tore und Türe zum Ein- oder Austritt ein. Meist sind

es Drehkreuze, mal mit stummelförmigen Holzstreben,

mal mit eisernen Stangen. Dann gibt es Wippzugänge,

Schwing- und Klappgatter oder Dreiecksdurchlässe.

Wenn eine Weidefläche aktuell mit Kühen oder Schafen

beweidet wird, kann es unterwegs auch elektrische

Zäune mit isolierten Torgriffen geben.

Eupen, die Kapitale

im Venn

Blick auf die Eupener Unterstadt

© Chris Eyre-Walker

Um an den Anfang von Eupens Geschichte zu gelangen,

müssten wir die Zeitmaschine ins Jahr 1040 dirigieren.

Seither wechselten die Herren wie unsereins das Hemd.

Highlight ist sicher ihre Tuchmachergeschichte, denn

sie steht im Zusammenhang mit der Lage an den Vennflüssen

Weser und Hill. Das extrem weiche Wasser ist

wie geschaffen für das Waschen von Wolle und Garnen.

Über 200 Jahre boomte das Tuchmacherhandwerk, machte viele Kaufleute wohlhabend. Neben den Regierungsgebäuden

der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens ist die Spurensuche der einstigen Tuchmacherblütezeit sehr lohnenswert.

16 WANDERMAGAZIN Herbst 2022


© Wandermagazin, M. Sänger

Der letzte

Venn-Einsiedler

Oben im Venn Fraineu sind die Reste der Hütte des

letzten Einsiedlers im Hohen Venn noch zu sehen.

Den sonderlichen Kauz, gelernter Lehrer für Physik

und Mathematik, hatten mehrere Schicksalsschläge

getroffen. Daraufhin entschied er sich 1935, ein

Stück des Venns zu erwerben und hier fortan zu

wohnen. Allen Schicksalsschlägen zum Trotze baute

er seine kärgliche Behausung immer wieder auf. Der

Voksmund taufte ihn auf den Namen Negus die Bezeichnung

für Könige und Kaiser in Äthopien. Warum?

Vermutlich hatte er Ähnlichkeit mit dem letzten

Kaiser Äthopiens Haile Selassi.

Burg

Reinhardstein

Eigentlich wäre sie

heute eine Ruine wie

viele einst stolze Burgen.

Wäre da nicht Jean

Overloop gewesen. Der Professor

und Industrielle hatte an

dem hoch über dem Warchetal gelegenen

Gemäuer einen Narren gefressen und kaufte

1965 die Überreste. Mehr noch, mit der Hilfe

örtlicher Handwerker ließ er Burg Reinhardstein

wieder wie einst entstehen. Bis zu

seinem Tode 1994 wohnte der Burgennarr

selbst auf Burg Reinhardstein. Heute ist sie

ein Publikumsmagnet. Es gibt Gottesdienste,

Konzerte und es werden in diesem Dornröschenschloss

sogar Hochzeiten gefeiert.

Siebenstern

© Wandermagazin, K. Lechner

Siebenstern

Symbolpflanze

im Hohen Venn

Die zierliche Pflanze wächst im Halbschatten und ist

ein Relikt der letzten Eiszeit. An der zierlichen 6-8 cm

hohen Pflanze gibt es alles siebenfach. Sieben weiße

Blütenblätter, sieben grüne Kelchblätter mit sieben

Staubgefäßen in der Blüte und sieben grüne Laubblätter.

Achja, die Frucht ist eine siebenfach gezahnte Kapsel

mit sieben Samenkörnchen. Sie wächst im Venn und

schmückt alle Schilder am und im Naturschutzgebiet.

Heinzelmännchen

an der Warche

Sie waren klein von Statur, bärtig und sahen aus wie Kobolde.

Wer? Die Sotê. Die dienstbaren Geister wohnten, so der Volksmund,

in den Höhlen des Warchetals. Vielleicht unter der kühnen

Burg Reinhardstein, wo schon lange unterirdische Gänge

vermutet wurden. Aber wehe, wenn sie sich gekränkt fühlten.

Die Zwerge, so heißt es, waren nachtragend, ihre Rache konnte

sehr „süß“ sein. Mehr zu dieser Legende und anderen zur

Venntrilogie gibt es in Kürze in einem Begleitbüchlein.

Malmedy

Kind der Warche

Nepomuk bewacht die Warchebrücke

© Chris Eyre-Walker

Die Wurzeln der schönen Stadt gehen auf den heiligen Remaclus, Missionsbischof der Ardennen, zurück. Er gründete 648

das Benediktinerkloster Malmedy. Die Abteikirche St. Peter, Paul und Quirin wurde 1921 sogar zur Kathedrale erhoben.

Prägend für die Stadt ist ihre Geschichte der Leder- und Papierindustrie. Eichenwälder für die Lohgerber, das Warchewasser

und Rinder gab es zur Genüge. Leder- und Papierindustrie brachten der Stadt an der Warche Wohlstand und Arbeit.

Man sollte das Malmundarium im ehemaligen Kloster und die Kaufmannsvillen Lang, Villers und Steisel besuchen.

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