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Solling-Vogler-Region – Wandermagazin 215

Autor Jarle Sänger entdeckt ein Meer von Grün, einen Hauch von Skandinavien, ein Märchen von Landschaft im Herzen des Weserberglands

Autor Jarle Sänger entdeckt ein Meer von Grün, einen Hauch von Skandinavien, ein Märchen von Landschaft im Herzen des Weserberglands

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Ein Meer von Grün,

ein Hauch von Skandinavien

ein Märchen von Landschaft

im Herzen des Weserberglands

Solling-Vogler-Region

RegioPanorama

© Ulf Salzmann, GeTour GmbH


REGIOPANORAMA SOLLING-VOGLER-REGION

Ein Meer

von

Grün

Saftige, grüne Wiesen und Weiden in den Tälern,

eingerahmt von dichten, großflächigen Wäldern in

der Höhe: Diese Landschaft ist charakteristisch für die

Solling-Vogler-Region und Heimat seltener Tiere,

wie Exmoor-Ponys oder Heckrindern.

2 WANDERMAGAZIN Sommer 2022


Glückliche Pferde streifen durch das Hellental im Solling

© Solling-Vogler-Region, J. Mitzkat

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA ERZGEBIRGE SOLLING-VOGLER-REGION

WANDERN IM UNESCO WELTERBE

Ein Hauch

von

Skandinavien

Sumpfige Moorlandschaften wie das Hochmoor

Mecklenbruch im Herzen des Hochsolling versprühen

mystisches Flair sowie nordische Kühle. Hier lässt sich

das Leben spüren: wandernd, mit federndem Boden

unter den Füßen, mit sanftem Wind im Gesicht

und der Stille im Ohr.

4 WANDERMAGAZIN Sommer 2022


Holzsteg und Aussichtsturm im Hochmoor Mecklenbruch

© Tore Straubhaar

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA SOLLING-VOGLER-REGION

Ein Märchen

von

Landschaft

Dort, wo die Hügel und äußeren Steilhänge des

Solling im malerischen Tal der Weser versinken, lässt

sich weit blicken. Über grüne Wiesen und Wälder, über

glitzerndes Wasser und die Dächer verschlafener Dörfer

hinaus in die Welt. Dem Alltag entfliehen,

Demut spüren und Kraft tanken

mit nur einem Blick.

6 WANDERMAGAZIN Sommer 2022


Sonnenuntergang über der Weser bei Gieselwerder

© Solling-Vogler-Region

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA SOLLING-VOGLER-REGION

Das Gefühl

von

Heimat

TEXTE: JARLE SÄNGER

Solling-Vogler-Region

Die Solling-Vogler-Region ist ganz im Süden von Niedersachsen,

an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen

sowie zu kleinem Teil in Nordhessen zu finden. Ein

wenig entdeckter, unscheinbarer Flecken Erde, in

dem wilde wie malerische Landschaften auf idyllische

Dörfer und lebhafte Städtchen treffen. Heimat

authentischer Menschen, spannender Geschichten

und kostbarer Kulturschätze. Eine Wanderregion mit

vielen Gesichtern im Porträt.

LAND DER HÜGEL Im Herzen des Weserberglandes gelegen,

ist die Solling-Vogler-Region von zahlreichen Hügeln, Kuppen

und Höhenzügen geprägt. So finden sich mit dem sanften

Solling und dem wilden Vogler gleich zwei in ihrem Charakter

ziemlich gegensätzliche Mittelgebirge im Namen der Region.

Doch auch die markant geformten Ith, Hils oder Burgberg gehören

zum außergewöhnlichen Relief der Wanderregion westlich

des Harzes, die bis zu 527 m hochgewachsen ist und im Gegensatz

zu manch einem anderen Mittelgebirge in Deutschland

nie eintönig wirkt. Während sich an einem Ort eine einzelne,

Erfrischung: Kühle Bäche durchziehen die Solling-Vogler-Region

© Solling-Vogler-Region, J. Mitzkat

8 WANDERMAGAZIN Sommer 2022


Blicke wie dieser vom Ebersnackenturm sind typisch

für die Solling-Vogler-Region

© Tore Straubhaar

Gut zu wissen

Die Solling-Vogler-Region ist in etwa deckungsgleich

mit dem gleichnamigen Naturpark, jedoch etwas größer.

Sie ist ein Zusammenschluss der zehn Urlaubsorte

Bevern, Bodenfelde, Bodenwerder-Polle, Boffzen,

Dassel, Delligsen-Grünenplan, Eschershausen-

Stadtoldendorf, Holzminden, Uslar und Wesertal.

Alles zur Region unter: www.solling-vogler-region.de

markante Erhebung kuppelförmig in die Höhe reckt, wachen

nur wenige Kilometer weiter sanfte und langgezogene Höhenzüge

über die weitläufige Ebene. Fast vollständig unverbaut und

frei von weithin sichtbaren Zeugnissen der hochtechnisierten

Zeit. Hoch über der Weser wiederum winden sich steile Pfade

mit fast schon alpinem Charakter den Berg hinauf und fallen

steile Klippen teils spektakulär hinab ins sonst so liebliche Tal.

Kein Wunder ist bei einer solch abwechslungsreichen geologischen

Gestaltung, dass Wanderer in der Solling-Vogler-Region

eine Vielzahl an grandiosen Aussichten bewundern können.

Nicht zuletzt dank der ausgesprochen hohen Dichte an Aussichtstürmen.

Dabei ist das Land großflächig mit dichten Wäldern

überzogen, während die zerstreut liegenden Ortschaften in

den Wiesentälern ihren Platz an der Sonne genießen. Im Schoße

der schattigen Waldhügel ist der Blick aufs Grün oftmals kilometerweit

frei und die Perspektive wechselt munter von Ort zu

Ort. Die Solling-Vogler-Region beheimatet eine Mittelgebirgslandschaft,

in der die unberührte Natur vielerorts ganz nah an

die Ortskerne mit ihrem mittelalterlichen Charme und romantischen

Fachwerkhäusern heranwächst und fast nahtlos übergeht

in den Lebensraum der Menschen. Wilde Heimat.

HÖCHSTE WANDERQUALITÄT Seit Anfang 2022 darf

sich die Solling-Vogler-Region voller Stolz als Qualitätsregion

Wanderbares Deutschland bezeichnen und erfüllt damit alle

Anforderungen des modernen Wandertourismus. Ein echter

Geheimtipp, wo Wanderer ein perfekt ausgeschildertes, insgesamt

über 1.000 km langes Wegenetzwerk aus 16 zertifizierten

Tagesstouren, vielen, langen und kurzen Rundwegen sowie mit

Ith-Hils-Weg und Weserbergland zwei überregional bedeutenden

Mehrtagestouren unter die Füße nehmen können. Die

perfekt ausgeschilderten, zertifizierten Tagestouren sind dabei

jeweils den Themen „wild“, „heimatlich“ oder „wild & heimatlich“

zugeordnet und setzen damit die unterschiedlichen Gesichter

der Region abwechslungsreich in Szene. Darüber hinaus

zeichnen speziell auf Wanderer eingestellte Gastgeber mit guter

Küche, die eigene Regionalmarke „Echt!“, umfassende Informationsquellen

rund ums Wandern und eine gute Infrastruktur

mit ausreichend großen Wanderparkplätzen und guter Erreichbarkeit

die vom Deutschen Wanderverband zertifizierte Qualitätswanderregion

aus.

Das wunderschöne Wesertal samt kleiner Fähre bei Polle

© Solling-Vogler-Region, J. Mitzkat

Das Barbarakreuz wacht hoch oben am Hils über das Land

© Solling-Vogler-Region, J. Mitzkat

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA SOLLING-VOGLER-REGION

SCHWÄBISCHE ALB

HEIMAT

VON AUSBLICKEN,

KLIPPEN &

SELTENEN TIEREN

IM HUTEWALD Eine der schönsten

Qualitätstouren im Solling ist der 23,4 km

lange Archotrail, der mit dem Hutewald

Nienover, malerischen Ausblicken sowie

dem Weser-Skywalk gleich mehrere Höheoben:

Der Blick vom

Bismackturm hinab auf

Bodenwerder ist gewaltig

© Solling-Vogler-Region, J. Mitzkat

Tierische Begegnung:

Die Exmoor-Ponys

im Hutewald

© Naturpark Solling-Vogler

punkte auf oftmals einsamen Pfaden miteinander verbindet. Im

über 200 Hektar großen Hutewald gehen Wanderer auf Tuchfühlung

mit ganz besonderen Tieren: Über 50 Heckrinder, einer Nachzüchtung

der ausgestorbenen Auerochsen, und 30 Exmoor-Ponys,

die lange Zeit vom Aussterben bedroht waren, streifen durch das

schöne Tal des Reiherbachs und lassen damit eine alte Tradition in

einem der größten Eichen-Hutewälder in Deutschland aufleben.

Denn früher schickten die Menschen ihre Nutztiere einfach in

den Wald, wo sie selbstständig Nahrung fanden und kalben bzw.

fohlen konnten. Und das tun diese urtümlichen Lebewesen auch

heute wieder im Hutewald unter wissenschaftlicher Begleitung

der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt der FH Lippe-Höxter

sowie der Uni Göttingen. Wie vielerorts in der wilden

Heimat lebt das Projekt vom miteinander von Mensch und Tier.

So begegnen Wanderer den majestätischen Tieren direkt in freier

Wildbahn und ganz ohne kleinräumige Abzäunung. Zum Beispiel

beim Abnagen junger Sprösslinge im Steilhang der „Neuen Hute“,

beim gemütlichen Queren der Wanderwege oder mit etwas Glück

gar beim kollektiven Baden im kleinen Reiherteich. Wo früher

dichter Fichtenwald stand, entsteht dank der vierbeinigen Landschaftspfleger

heute - neben dem urwüchsigen Eichenwald - ein

neuer Lebensraum. Und das in fast vollständig autarker Regie der

robusten Tiere, von denen einige überaus scheu dem Menschen

gegenüber und manche fast schon zutraulich sind.

10 WANDERMAGAZIN Sommer 2022


Tore Straubhaar, Naturparkranger

Nina Becker, Bundesfreiwillige

© Jarle Sänger

DRAUSSEN UNTERWEGS Nur im Winter werden die urtypischen

Landschaftspfleger auf vier Beinen ein bis zwei Mal

die Woche gefüttert, erzählen die im Rahmen des im Bundesfreiwilligendienst

für die Tierpflege zuständige Nina Becker sowie

Tore Straubhaar, der unter anderem für die Instandhaltung der

Wanderwege in der Region unterwegs ist. Während der gebürtige

Lemgoer als Naturparkranger, Wegemanager und Landschaftsarchitekt

seit nun mehr 17 Jahren durch die Solling-Vogler-Region

streift und jeden der Wanderwege kennt wie seine Westentasche,

ist die 23 Jahre alte Bundesfreiwillige aus Uslar, im Herzen des

Solling, erst seit letztem Sommer in den Wäldern unterwegs. Gemeinsam

haben beide jedoch nicht nur die Arbeit hier draußen,

sondern auch die tief verwurzelte Liebe zur Region. So schwärmen

sie im Einklang von der ansteckenden Ruhe der Exmoor-

Ponys, die es übrigens auch andernorts in der Region zu sehen gibt,

dem skandinavischen Flair der Landschaft, dem sorglosen Streifen

durch die stillen Wälder und vor allem von den abgeschiedenen

Aussichtspunkten der südniedersächsischen Hügellandschaft.

BLICK AUFS WASSER Wandern mit Weitblick, auf dem

Archotrail gibt es das einige Kilometer nach dem Hutewald. Dort,

wo sich der sonst so zahme Solling schroff über dem Tal der Weser

erhebt und der dichte Wald seinen Vorhang öffnet. Grandios sind

die Ausblicke von den einsam im Wald gelegenen Aussichtspunkten

Lug ins Land und Sohnreyhöhe, doch

so richtig spektakulär wird es bei den

Hannoverschen Klippen, die wie steinerne

Säulen aus dem Tal der Weser ragen.

Wer es den Felsformationen gleichtun

und den Blick von hoch oben und hinab

auf die Flussdame bewundern will, unternimmt

einen kurzen Abstecher zum

Weser-Skywalk. Das ist eine eindrucksvolle

Konstruktion aus luftigem Gitterrost,

die in ca. 80 Meter Höhe über dem Tal der

Weser ragt. Wow, so einen Blick erleben

Wanderer nicht alle Tage.

oben:

Auch außerhalb des

Hutewaldes, wie

hier im idyllischen

Hellental, trifft man

mit etwas Glück auf

Heckrinder

© Tore Straubhaar

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA SOLLING-VOGLER-REGION

SCHWÄBISCHE ALB

HEIMAT

VON WÄLDERN, MOOREN

& SKANDINAVISCHER

STIMMUNG

oben:

Skandinavisches

Flair im Hochsolling

© Solling-Vogler-Region

LEBENSRAUM MOOR So manch

ein Ort in der Solling-Vogler-Region versprüht

das Flair von Südschweden. Vor

allem rund um Neuhaus i. Solling, im Herzen

des waldreichen Mittelgebirges, dessen

Namensherkunft auf eine sumpfige Waldlandschaft

hindeutet, findet man solche

Orte: karge, morastige Moorlandschaften,

versteckt schlummernde Seen aus klarem Wasser und tiefe Wälder,

in denen man oftmals keiner Menschenseele begegnet. „Hochmoorgeist“

heißt eine der Qualitätstouren, die es ganz besonders

vermag, die Wanderer mit etwas Fantasie ins weit entferne Skandinavien

zu versetzen. Grund dafür ist allen voran das Hochmoor

Mecklenbruch, dessen Entstehung mit der letzten Eiszeit begann

und das heute dank eines schmalen Holzstegs begehbar ist. Allerlei

seltene Tierarten wie Smaragdlibellen, Waldeidechse, Moorfrosch

oder Mosaikjungfer tummeln sich links und rechts des verwinkelten

Moorpfads und so ist zwischen Wollgras, Moosbeere,

Sonnentau und Moorbirken vor allem im Sommer die Hölle los.

12 WANDERMAGAZIN Sommer 2022


Axel Winter, Wildnisguide © Axel Winter

Mystisch, verlassen und kühl dagegen wirkt das klimatisch extreme

Moorgebiet während der kalten Jahreszeit. Dann, wenn unheimliche

Nebelschwaden über dem sehenswerten Kleinod mit seinen

vielen Wasserstellen und Feuchtarealen wabern und der Blick vom

hölzernen Aussichtsturm ganz besonders eindrucksvoll ist. Hochmoore

wie dieses gibt es einige im Solling, wenngleich der ewa

62 Hektar große, als Naturschutzgebiet ausgewiesene Lebensraum

nordöstlich von Silberborn das größte und vielleicht spannendste

unter ihnen ist. Still und friedlich, eingebettet in das schier endlose

Reich der Bäume.

DAS DACH DES SOLLING Einen sehenswerten Eindruck

vom Ausmaß des Sollingwaldes, den bekommt man - unterwegs

auf dem 8,5 km langen Hochmoorgeist - spätestens auf dem eindrucksvollen,

33 Meter hohen Hochsollingturm. Der Lohn nach

180 bewältigten Stufen ist groß und der Blick am Rande des Moosberggipfels

gigantisch. Denn: Höher geht es in der Solling-Vogler-Region

fast nirgendwo. Pfeifend, sausend und rauschend fegt

der Wind über die kleine Aussichtsplattform hinweg, während die

Sicht über die Baumkronen des Solling, das gesamte Wesergebirge,

den Reinhardswald bis hin zum Eggegebirge im Westen reicht, wo

man mit geschultem Adlerauge gar das weltberühmte Hermannsdenkmal

ausmachen kann. Auch die Wildnisfarm von Silberborn

ist von hier zu sehen, etwas abgelegen, oberhalb des verborgenen

Sollingörtchens am Waldrand.

NORDISCHES GEFÜHL Seit 2021 können sich Besucher

der Wildnisfarm auf tierische Entdeckungsreise durch die Region

begeben. Wer es actionreich mag, lässt sich rasant und spielerisch

zugleich von eifrigen Huskys über die dicht

bewaldete Hochebene des Hochsolling

fahren. Aufgeregt bellend, springend und

tobend freuen sich die 13 Zughunde von

Axel Winter auf wirklich jeden Auslauf.

Entweder vor einen klassischen Winterschlitten

oder aber - im Sommer - vor einen

sogenannten. Dogscooter gespannt.

Ruhig, friedvoll und besinnlich wirken dagegen

die tierischen Wanderungen zu Fuß.

„Dogtrekking“ nennt der 38-jährige Skandinavienfreund

sein Angebot, bei dem man

zusammen mit den Huskys oder aber mit

einem der kuschelig-warmen Rentiere der

Farm wandern und dabei den Alltag für einige

Stunden vergessen kann. So bringt der

Trekkingguide und Erlebnisführer Skandinavien

für kurze Zeit nach Deutschland.

Und wer nicht genug von der Nähe zu den

liebevollen Tieren bekommen kann, findet

auf der Silberborner Wildnisfarm nicht nur

eine außergewöhnliche Übernachtungsmöglichkeit

im samischen Lavvu-Zelt samt

Lagerfeuerromantik, sondern auch eine

Wildnisschule, bei der Outdoorexperte

Axel Winter sein Survival- und Wildniswissen

weitergibt. Hier lässt es sich aushalten,

ob für einige Stunden oder mehrere Tage.

Infos unter Infos: www.wildguide.de

oben:

Der Blick vom

Hochsollingturm

über die gleichnamige

Hochebene

© Solling-Vogler-Region,

J.Mitzkat

linke Seite unten:

Einer von Axel

Winters neugierigen

Huskys auf der

Wildnisfarm Silberborn

© Jarle Sänger

Der geschwungene

Holzsteg durch das

Hochmoor Mecklenbruch

© Jarle Sänger

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA SOLLING-VOGLER-REGION

SCHWÄBISCHE ALB

HEIMAT

VON MASSIVEM STEIN

& FRAGILEM GLAS

GIGANTEN AUS STEIN Im Osten

der Solling-Vogler-Region liegt der Ith.

Ein unverwechselbar geformter, schmaler

Streifen exponierten Reliefs, der aus der

Höhe betrachtet an einen riesigen Spazierstock

erinnert. Er ist nicht nur Heimat

eines der bekanntesten Segelfluggebiete in

Niedersachsen, sondern auch Kulisse von

einem der spannendsten Klettergebiete in

Norddeutschland den Lüerdissener Klipoben:

Der Wilhelm-Raabe-

Turm auf dem Hilskamm:

Was aussieht wie ein

Sendemast, ist ein

Aussichtsturm von 1909

© Solling-Vogler-Region

Die mächtigen Felsbrocken

im Hangwald des Ith

© GeTour GmbH

pen. Eng aneinandergereihte, in den dicht bewachsenen Hangwald

modellierte Felsformationen ragen hier steil in die Höhe und

erinnern unweigerlich an die weit entfernte Sächsische Schweiz

oder das Dahner Felsenland in Rheinland-Pfalz. Insgesamt sind es

über 30 bizarre Brocken, Felstürme und kunstvoll geformte Wunderwerke

aus Gestein, die bis zu 30 m hoch sind und in all ihren

kuriosen Details mitunter an Fabelwesen erinnern. Vor allem im

Sommer sind die Felsen beliebte Spielwiese für Kletterer, die von

weit her zum Ith pilgern und das Glück in der Vertikalen suchen.

DER VERBORGENE SCHATZ Vorbei am Kletter-Eldorado

sowie den kompletten Ithkamm entlang führt der Ith-Hils-Weg,

der in Coppenbrügge ganz im Norden des Ith seinen Anfang findet.

Fast immer auf der Kammhöhe, schlängelt sich die 82 km lange

Mehrtagestour mit Qualitätssiegel auf insgesamt sieben Etappen

jedoch nicht nur über den Ith, sondern auch über den Hils

sowie Duingser und Thüster Berg. Eines haben alle gemeinsam: die

großartigen Blicke hinaus ins wellenförmige Weserbergland und

bei gutem Wetter sogar bis hin zum Brocken im Harz. Der Hils

liegt vis-à-vis des Ith. Wie eine Ohrmuschel geformt, behütet er

einen ganz besonderen Schatz in seinem Talkessel: Grünenplan.

Das historische Glasmacherdorf und 2.400-Seelen-Örtchen im

Schoße des Hils ist nicht nur Herkunftsort zahlreicher Alltagsgegenstände

aus Glas, sondern auch einzigartiger Erzeugnisse von

höchstem Weltrang. So reicht die gläserne Palette des Traditionsunternehmens

Schott AG, rückblickend bis heute, von Autospiegeln,

Brillengläsern, optischen, medizinischen und komplexen

14 WANDERMAGAZIN Sommer 2022


Hans-Joachim Bode, Hils- und Verkehrsverein Grünenplan

© Jarle Sänger

Spezialgläsern bis hin zum derzeit dünnsten Glas der Welt, um das

sich Weltkonzerne wie Samsung für die Herstellung von faltbaren

Smartphones reißen.

VOM HILS IN DIE WELT „Glas, so dünn, dass man es einfach

aufrollen könne“, veranschaulicht Hans-Joachim Bode vom

Hils- und Verkehrsverein Grünenplan begeistert, während er die

sehenswerten Fundstücke im Erich-Mäder-Glasmuseum vorführt.

Allesamt zeugen sie von der langen Tradition der Glasmacherei

in Grünenplan. Die ersten Glashütten der Region entstanden bereits

im 12. Jh., damals noch als kleine, vereinzelte Hütten mitten

im Wald. Doch spätestens mit der Errichtung der großen Spiegelglashütte

und einer der ersten, reinen Arbeitersiedlungen Deutschlands

durch den Braunschweiger Herzog Karl I. im Jahr 1744 war

der Werdegang von Grünenplan besiegelt. Vom Hils aus gelangten

allerlei Luxusgüter, wie kunstvoll verzierte

Spiegel oder prächtige Trinkgläser, in die

europäischen Herrenhäuser, ehe aus der

einstigen Arbeitersiedlung das heutige

Glasmacherdorf entstand. Seit nunmehr

über 850 Jahren entsteht hochwertiges

Glas in Grünenplan, dessen Identität und

Heimatgefühl für immer mit diesem faszinierenden

Stoff verbunden sein wird.

Heimatgefühl? Für den 73-jährigen Bode,

der in der historischen Glasmachersiedlung

geboren und groß geworden ist, stehe

das aber auch für einen ganz besonderen

Ort am Ith-Hils-Weg: den Wilhelm-Raabe-Turm,

oben auf dem Hilskamm. Dieser

bereits 1909 erbaute, denkmalgeschützte

und ziemlich luftige Aussichtsturm ist

festliches Ziel der seit 1904 jährlich zum

vierten Advent stattfindenden Sohlwanderung

und dem wohl wichtigsten Schriftsteller

der Region gewidmet. Von diesem

geschichtsträchtigen Ort aus, unweit von

Eschershausen, dem Geburtsort Raabes,

reicht der Blick in alle Himmelsrichtungen

von Bodes geliebter Heimat. Wunderschön.

oben:

Ein Felsturm der

Lüerdissener Klippen

durchbricht das

Walddach und

genießt die Sonne

© Ulf Salzmann, GeTour GmbH

links:

Gute Markierungen

und Wegweiser

machen die Navigation

auf dem Ith-Hils-Weg

zum Kinderspiel

© GeTour GmbH, Ulf Salzmann

www.wandermagazin.de

15


REGIOPANORAMA SOLLING-VOGLER-REGION

SCHWÄBISCHE ALB

HEIMAT

VON MENSCHEN,

GESCHICHTEN & TRADITIONEN

IM AUENLAND Es ist faszinierend, wie

facettenreich sich die Solling-Vogler-Region

wandeln kann. So zum Beispiel auf der

7,8 km langen Qualitätstour Wilde Burschen,

deren erste Hälfte geprägt ist von

einer stillen, aber stets zivilisationsnahen

und offenen Hügellandschaft mit üppigen

Weiden und duftenden Wiesen. Sorgenfrei

grasende Rehe in der Ferne und hektisch

davonhoppelnde Hasen sind keine selteoben:

Abendlicher Ausblick vom

Ebersnackenturm über das

wilde Hügelland des Voglers

© Solling-Vogler-Region,

Jörg Mitzkat

Der „Echt!“-Präsentkorb

kann online bestellt werden

© Solling-Vogler-Region

nen Begegnungen im Grasland über Lauenberg. In etlichen Wellen,

Schwingen, Beugen, Hügeln und Buckeln erinnert das grüne

Tal des Kolgenhagengrabens mit seinen zahlreichen Gewändern

ein bisschen an das Auenland aus Tolkiens Herr der Ringe, dessen

Stille nur durch das unermüdliche, ferne Krähen eines Hahns

unterbrochen wird. Sein Schrei schallt aus dem heimeligen Dorf

der Menschen im Tal mitten hinein in das wilde Reich der Natur,

wo sich zwei so unterschiedliche Lebensräume für einen Moment

akustisch miteinander vereinen. Wandern mit allen Sinnen.

CHARME DER VERGANGENHEIT Schön sind sie gleichermaßen,

diese gegensätzlichen Lebensräume der Solling-Vogler-Region.

Vor allem dort, wo der Mensch über Jahrhunderte

hinweg prachtvolle Bauwerke hinterlassen hat. Zum Beispiel das

Weserrenaissanceschloss in Bevern, Schloss Fürstenberg oder die

Klosterkirche Lippoldsberg im hessischen Wesertal. Allesamt zeugen

sie von der wechselhaften Geschichte der Region, die etliche

Jahrhunderte in die Vergangenheit zurückreicht. Auch Uslar ist

neben Bodenwerder, Eschershausen, Dassel oder Holzminden so

ein Ort mit ganz besonders historischem Charme. Grund dafür ist

der wunderschöne Stadtkern, sind die schiefen Fachwerkhäuschen

und kleinen Sträßchen, in denen die Menschen lebhaft ihrem Alltag

nachgehen. Uslar, das ist auch die Wahlheimat von Matthias

Kreiter, der aus Osterode im Harz in den Solling zog, um in der

Privatbrauerei Bergbräu als leitender Brauer einem der traditionsreichsten

Handwerke in Deutschland nachzugehen. Auch wenn

die Bierherstellung heute nicht mehr viel mit jener zu Zeiten der

Brauereigründung im Jahr 1868 zu tun habe, meint der 33-jährige

16 WANDERMAGAZIN Sommer 2022


echts oben: Frank Meyer, Landwirt

rechts unten: Matthias Kreiter, Brauer

Beide Fotos: © Jarle Sänger

Braukünstler, der daraufhin voller Leidenschaft und Hingabe ein

Loblied auf die kleinen, aber feinen Unterschiede einzelner Malzsorten

sowie die individuellen Kniffe der Brauprozesse zum Besten

gibt. „Dein Bier von hier“, so lautet der Slogan des Uslarer Betriebes,

das den urigen Charakter einer kleinen Brauerei unterstreicht,

in der Vieles noch von Hand geht. So gehört das Bergbräu wie

mehr als 70, oftmals familiengeführte Betriebe zur Regionalmarke

„Echt!“ und verpflichtet sich unter anderem zur Verwendung von

regionalen Rohstoffen, verantwortungsbewusstem Umgang mit

hiesigen Ressourcen, der Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe

sowie der Identifikation mit den Menschen der Region und

ihrer Heimat. Logisch, dass die meisten „Echt!“-Produkte wie beispielsweise

Wurst- und Backwaren, Pesto, Öle oder Getränke bei

regionalen Gastgebern sowie in kleinen Hofläden in der ganzen

Region zu finden sind. Infos: www.echt-solling-vogler-region.de

NACHHALTIGKEIT ZUM ANFASSEN Wie regionale Authentizität,

Identität und Nachhaltigkeit unter der Regionalmarke

„Echt!“ gelebt werden, weiß auch Frank Meyer aus Holzminden.

Der 57-jährige Landwirt im Nebenerwerb züchtet und begleitet

eine Herde ganz besonderer Tiere: das Rote Höhenvieh. Um 1985

nur knapp dem Aussterben entgangen, gilt die seltene Hausrindrasse

als besonders robust und eignet sich dadurch für die ganzjährige,

extensive Weidehaltung des gelernten Bankbetriebswirts, für

den industriell hergestelltes Futter, Pestizide oder Dünger absolute

Fremdwörter sind. Angefangen habe alles mit „Röschen“, seiner

ersten Kuh. Das war 2004, mittlerweile ist auf seinen Wiesen im

Hochsolling eine stattliche Herde von Nutztieren zu finden, die

ausschließlich auf die Herstellung

von hochwertigen,

hundertprozentig regionalen

Fleischerzeugnissen zielt. Die Milch

der Mutterkühe bleibt einzig und allein

dem Nachwuchs vorbehalten. Meyers

Philosophie: Verwertet wird alles, „from

nose to tail“. Kein Teil des Tieres solle verschwendet

werden, „das ist Nachhaltigkeit

zum Anfassen“, sagt er stolz.

Angesprochen auf das, was Heimat für ihn

bedeute, beginnt die Stimme des großgewachsenen

Landwirts zu zittern. Ein, zwei

Mal reibt er seine feuchten Augen, dann

findet er eine Antwort: „Teil von etwas zu

sein, einen Beitrag zu leisten und die Vielfältigkeit

des Sollings erleben zu dürfen.“

Es ist der Moment, in dem klar wird, dass

die Solling-Vogler-Region etwas ganze Besonderes

ist. Die windigen Höhen, schattigen

Wälder und grünen Täler rund um

Solling und Vogler, sie sind Schmelztiegel

einer ganzen Region. Einer Region, in der

Mensch und Natur achtsam und respektvoll

miteinander umgehen, um zu schützen

und zu wahren, was einzigartig ist: das Gefühl

von Heimat.

oben:

Ein seltener Anblick

in Deutschland:

Das Rote Höhenvieh

© Naturpark Solling-Vogler

www.wandermagazin.de

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