J A K O B S W E G - Evangelische Landeskirche in Baden

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J A K O B S W E G - Evangelische Landeskirche in Baden

Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

LISA BAUER UND ANGELA SINNER

J A K O B S W E G

„DER

WEG

IST

DAS

ZIEL“

1


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Vorwort

„... das Wichtigste ist der Weg, den man zurückgelegt hat, die Reise, die man

gemacht hat, wenn einem bewusst wird, dass man die Betrachtung verlängert, dann

beobachtet man nur sich selbst, oder schlimmer noch, man wartet darauf, dass man

beobachtet wird.“ José Saramago

Diese Erfahrung, die José Saramago beschreibt, machen immer mehr Menschen in

unserer heutigen Zeit. Jedes Jahr wandern viele tausend Pilger aus aller Welt zum

Wallfahrtsort nach Santiago de Compostela. Zwar unterscheiden sich alle Pilger in

Alter, Fortbewegungsmittel, Beruf und Beweggründen, dennoch haben sie alle das

gleiche Ziel: den Weg nach Galicien, zum Grab des Heiligen Jakobus.

Jeder verlässt sein Zuhause, ändert seine alltäglichen Gewohnheiten und begibt sich

auf einen unbekannten Weg, wo Fremde zu Gefährten und Freunden werden.

„Gleichgültig ob jemand aus spirituellen Motiven, aus Abenteuerlust, aus

kunstgeschichtlichem Interesse oder als sportliche Herausforderung den Jakobsweg

geht – in Santiago kommen alle als Pilger an.“ (1), ein Spruch unter Pilgern, der

zeigt, dass sich alle durch diese Erfahrung innerlich verändern. Während der Reise

kann der Pilger nur das Nötigste bei sich tragen, ist frei von den Reizen der

modernen Welt und besinnt sich so ganz auf Geist und Seele. Die mittelalterlichen

Bauten und die Eindrücke der schlichten Natur tragen zusätzlich dazu bei.

Gedanken, die einen im alltäglichen Leben beschäftigen, werden nebensächlich und

man setzt sich mit Verdrängtem und Neuem auseinander.

„Der Weg stellt jedem nur eine Frage: Wer bist du?“ (2)

Das Pilgerwesen begann bereits im 9.Jahrhundert und dauert bis heute an. Neben

Rom und Jerusalem ist Santiago de Compostela seit dem 13.Jahrhundert eine der

wichtigsten christlichen Pilgerstädte. Die Grabentdeckung des Apostels Jakobus war

der Beginn dieser Pilgerbewegung. Im Mittelalter war für die Menschen nur das Ziel

von Bedeutung. Sie strebten dem Erreichen der Heiligen Stätte, der Vergebung ihrer

Sünden und der Erlösung von Krankheit und Leid entgegen. Doch heute steht mehr

die Durchführung und das Festhalten am einmal gefassten Entschluss im

Vordergrund: „Der Weg ist das Ziel“ (3).

Auf dem Weg nach Santiago de Compostela sieht man am Straßenrand, an Pfeilern

und steinernen Leitpfosten, immer wieder eine Muschel, die als Wegweiser der

Jakobspilger dienen soll. Sie schildert alle Routen aus und ist ein einheitliches

Zeichen aller Pilger. Im Mittelalter erhielten die Menschen am Ziel ihrer Reise eine

Muschel, die ihnen bei der Rückkehr in die Heimat Anerkennung verschaffte...

Was bewegt Menschen, aus dem modernen Alltag auszubrechen, sich auf die lange

Reise zu machen um Pilger zu werden? Welcher geschichtliche Ursprung und

welche Legenden stecken hinter der Entstehung der Pilgerfahrt nach Santiago de

Compostela? Wie gestaltet sich der Alltag der Pilger und welche Probleme treten auf

der langen Reise auf? Was sind wichtige Stationen, die jeder Pilger besucht haben

sollte und wie verstehen sich unterschiedlichste Charaktere aus aller Welt?

Mit all diesen Fragen wollen wir uns auf den folgenden Seiten auseinandersetzen

und uns vor allem auch selbst im Pilgerdasein, durch einen eigene Wanderung

erproben, um praktisch zu erfahren, womit wir uns theoretisch im ersten Teil der

Dokumentation beschäftigen.

2


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

INHALTSVERZEICHNIS

1 Allgemeine Daten

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1.1 Informationen zum Jakobsweg 6

2 Geschichte

2.1 Legende des Jakobus 10

2.2 Definition des Pilgerns 12

2.3 Geschichtliche Entwicklungen seit dem Mittelalter 13

2.3.1 Reconquista 19

3 Die Wege 22

3.1 Camino Francés 23

3.1.1 Burgos 24

3.1.2 Léon 26

3.1.3 Santiago de Compostela 29

3.1.4 Kap Finisterre 32

4 Vollzug und Praxis des Pilgerns

4.1 Ausrüstung

4.1.1 Ausrüstung damals 34

4.1.2 Ausrüstung heute 35

4.2 Pilgerzeichen 38

5 Eigene Wanderung

5.1 von Schwäbisch Hall nach Murrhardt (geschrieben von Lisa) 42

5.2 von Murrhardt nach Steinbach; Winnenden (geschrieben von Angela) 53

6 Schlusswort 68

7 Anmerkungen 69

8 Quellenangabe 70


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

5


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

6

„Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen.“

Aristoteles


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

1 Allgemeine Daten

1.1 Informationen zum Jakobsweg

Geografische Lage

Das Ziel des Jakobsweges ist die Stadt Santiago de Compostela. Als die

Weltbevölkerung noch glaubte, die Erde sei eine Scheibe, reisten viele noch eine

Station weiter, bis nach Finisterre, was damals als das Ende der Welt galt.

Santiago de Compostela liegt im Norden von Spanien und ist die Hauptstadt der

Region Galicien. Die Stadt befindet sich 260 m über dem Meeresspiegel. Ähnlich wie

unsere Heimatstadt Backnang, welche 271 m über dem Meeresspiegel liegt. Dank

der beeindruckenden Kathedrale, in der, der Überlieferung nach, Reliquien des

Apostels Jakobus liegen, gehört Santiago zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der

Hauptweg, beginnend in Saint-Jean-Pied-de-Port, an welchem sich auch drei der vier

wichtigsten aus Frankreich kommenden Wege zusammenschließen, nach Santiago,

führt die Pilger über die Pyrenäen.

Die 4 Hauptwege, die sich in Puente la Reina zu einem Weg zusammenschließen

Der Pilgerweg über die Berge, ist ein sehr beschwerlicher und mühevoller Weg. Das

ständige bergauf und bergab Gehen, macht es den Pilgern schwer, den Weg nicht

frühzeitig abzubrechen. Sehr beeindruckend beschreibt Hape Kerkeling diese

Anstrengung in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ (4).

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Er selbst ist diesen Weg vom 9.Juni bis 20.Juli 2001 von Saint-Jean-Pied-de-Port bis

nach Santiago de Compostela gepilgert. Schonungslos und mit viel Humor berichtet

er von den Qualen, die er erlitten hatte, aber auch von den vielen wertvollen

Begegnungen mit Pilgern aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen, die er

erfahren durfte.

Der schwerste Teil des Jakobusweges, der „Camino Duro“, der harte Weg, befindet

sich auf der Strecke von Villafranca del Bierzo über Trabadelo nach Vega de

Valcarce. Hier wird den Pilgern angeboten, dass ein Fahrer eines Kleinbusses ihnen

ihr Gepäck abnehmen und ein steiles Stück dem Ziel näher bringen soll. Für viele

Pilger endet der Weg, nur noch wenige Kilometer vor dem Ziel, an diesem Ort. Das

zeigt sehr deutlich, wie sehr der Jakobsweg an den Kräften und Nerven jedes

Einzelnen zehrt.

(In Kapitel 6 gibt es nähere Informationen zu den Wegen, den vier aus Frankreich

kommenden Routen und den Städten und Dörfern, die an dem Hauptweg liegen.)

8

Der „Camino Duro“ (gelbe Markierung)

Es gibt zwei Wege, diese Strecke des „Camino Duro“ zu meistern. Der eine führt an

der N6, einer viel befahrenen Straße vorbei, und der andere geht durch die steilen

Berge. An der N6 ist es sehr gefährlich, da viele Auto- und LKW-Fahrer die Pilger

vom Weg abdrängen, und der Pilger oft nur noch davonrennen kann. Man darf jetzt

aber nicht denken, dass der Weg über die Berge einfacher wäre. In dem Buch von

Hape Kerkeling kann man nachlesen, dass Bullen und Kühe den Pilgern über die

Berge hinterher rennen. Egal welchen Weg man wählt, keiner von beiden ist einfach.

Wie schwer die Situation an diesem Ort wirklich ist, kann man an Passagen aus dem

Buch erkennen.

„Um den vielen Schwertransporten auszuweichen, bleiben mir manchmal nur knapp

zwanzig Zentimeter Platz und ich quetsche mich mit den Oberschenkeln gegen die

hüfthohe Blechabsperrung und blicke starr vor Schreck in das wilde, laut brodelnde

Wasser. […]

In den zahllosen unübersichtlichen Kurven wird es mörderisch gefährlich und ich

kann nur noch rennen, um einer Kollision auszuweichen.“ (5)

„ […] Das sei mit Abstand die ‚most fucking’ Wanderung auf dem ganzen Camino

gewesen, denn, so erzählt sie (eine Mitpilgerin) rot vor Wut weiter, sie sei ohne

Vorwarnung in einer Bergsprengung hineingeraten und habe sich zu Tode

erschrocken und musste danach an einer aufgescheuchten Herde junger Bullen

vorbeimarschieren, die sich einen Spaß daraus gemacht hätten, sie aufs Blut zu

ärgern, und eine dieser männlichen Kühe sei ihr im Schweinsgalopp hinterher gejagt

und sie sei nur mit Mühe entkommen.“ (6)


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

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„Erst wenn wir aus unserer Herkunft

heraustreten, können wir sie als solche

erkennen und fühlen.“

Karl Otto Hondrich


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

2 Geschichte

2.1 Legende des Jakobus

Bereits im Mittelalter verehrten viele Menschen das Grab des Apostels Jakobus.

Doch wie gelang Jakobus zu solch einer Berühmtheit? Was wissen wir über

Jakobus?

In der Bibel können wir nachlesen, dass Jakobus der älteste Sohn von Zebedäus

und Salome war. Der Name „Jakobus“ kommt aus dem Hebräischen und bedeutet

„Überlister“. Mit seinem jüngeren Bruder Johannes, dem Evangelisten, waren beide

zwei der zwölf Apostel, die Jesus gefolgt sind. Jakobus hatte den gleichen Beruf wie

sein Vater erlernt und war Fischer (Vgl. Mt 4,21; Lk 5,10). Zusammen mit seiner

Familie lebte er in Betsaida, am See Genezareth. Als Jesus ihn in seinen Dienst

gerufen hatte, gab er seinen Fischerberuf auf und war eine der Personen, die Jesus

besonders nahe standen (Vgl. Mt 17,1; 26,37; Lk 8,51). Zu diesen gehörten nur noch

Petrus und sein Bruder Johannes. Die Mutter von Jakobus war wahrscheinlich die

Schwester von Maria, der Mutter Jesu. Somit waren Jesus und Jakobus Vetter (Vgl.

Mt 27,56 mit Mk 15,40; 16,1 und Joh 19,25). Von Jesus bekamen die Brüder

Jakobus und Johannes den Beinamen „Boanerges“ („Donnersöhne“), weil beide sehr

aufbrausend und eifrig waren. Im Neuen Testament können wir nachlesen, dass

Jakobus einen Missionsauftrag bekam, dieser war jedoch nicht sehr erfolgreich,

sodass er wieder nach Jerusalem zurückkehrte. „Da er sah, dass er nichts ausrichten

konnte, […] ließ er zwei Jünger zurück […] und kehrte wieder gen Judäa.“

Jakobus, dargestellt als Pilger

In der Bibel wird berichtet, dass Agrippa Jakobus im

Jahre 44 n. Chr. hinrichten ließ (Vgl. Apg 12,1f). Es

wird auch vermutet, dass Jakobus, nach Stephanus,

der zweite Christ war, der gesteinigt wurde und den

Märtyrertod sterben musste. An der Stelle in

Jerusalem, an der Jakobus hingerichtet wurde, steht

die Jakobskirche, die heute noch eine der wichtigsten

Sehenswürdigkeiten im armenischen Teil der Stadt

ist.

Hier ist die Geschichte des Apostels Jakobus in der

Bibel zu Ende. Die Heilige Schrift berichtet uns nur

sehr wenig darüber, wo Jakobus gewirkt hat und ob

seine Missionierung Erfolg hatte. Wenn man mehr

über das Handeln des Apostels erfahren möchte,

bekommt man keine eindeutige und einzig richtige

Antwort darauf zu finden. Die Legenden um das

Wirken des Jakobus sind vielfältig und unterscheiden

sich.

Eine Legende des Jacobus de Voragine berichtet davon, dass Jakobus nach dem

Tod Jesu und dessen Auferstehung von Jerusalem nach Spanien gereist sein soll,

um dort zu missionieren.

Seine Erfolge in Spanien waren jedoch sehr karg. Er konnte nur neun oder zehn

Leute für das Christentum werben. Enttäuscht ist er wieder nach Palästina

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

zurückgekehrt. Als er wieder in Palästina ankam, gelang es ihm, den dortigen

Zauberer Hermogenes zu bekämpfen. Damit nahm er den Zorn der Einwohner und

den des Königs in Kauf. Das Volk fesselte Jakobus und führte ihn zu König Agrippa.

Dieser verurteilte ihn und ließ ihn hängen. Kurz vor der Hinrichtung heilte Jakobus

einen Lahmen, der ihn am Wegrand anflehte und um Hilfe bat. Sein Bitten wurde

erhöht und er konnte wieder laufen. Als einer der Schriftgelehrten namens Josia

dieses Wunder gesehen hatte, fiel er Jakobus zu Füßen und bat um Vergebung und

wollte Christ werden.

Dies war den anderen Schriftgelehrten und Pharisäern ein Dorn im Auge, da sie mit

allen Mitteln versuchten, die Christen zu bekämpfen.

So musste Josia mit Jakobus den gleichen Tod über sich ergehen lassen. Der Zorn

der Juden war auf Jakobus so groß, dass sie seinen Leichnam auf ein freies Feld

warfen und den Hunden und anderem Getier zum Fraß gaben. Im Schutz der Nacht

konnten die Anhänger von Jakobus jedoch seinen toten Körper bergen und ihn an

die Meeresküste bringen. Dort kam ein Schiff vorbei, dem die Jünger den Leichnam

mitgaben. Ein Engel beförderte Jakobus dann nach Galicien, wo er dann begraben

wurde und bis heute noch liegen soll.

Eine andere Legende, zu der Vera und Hellmut Hell

sehr viele Details und Thesen zusammengetragen

haben besagt, dass Jakobus zuerst am Berg Sinai

begraben wurde, was jedoch sehr schnell zu gefährlich

wurde, weil Plünderer durch das Land zogen. Deshalb

brachten fromme Mönche den Leichnam nach

Ägypten. Aber auch da gab es Unruhen und

schließlich wurde das Grab im Jahre 614 nach

Spanien verlegt, wo es dann auch blieb und in

Vergessenheit geriet. Der Legende nach soll Jakobus´

Leichnam mit Muscheln übersät an der Küste von

Galicien angekommen sein.

Zu Beginn des 9. Jahrhunderts wurde das Grab

wiederentdeckt. Ein leuchtender Stern soll Bischof

Theodomir die Stelle des Grabes gezeigt haben.

12

Ikonendarstellung des Jakobus

In späterer Zeit wurde Jakobus nicht nur von den Pilgern verehrt. Auch fand er große

Anerkennung bei den Soldaten, die gegen die Mauren kämpften. So bekam er den

Beinamen „Maurentöter“. Der Gedenktag für Jakobus ist der 25. Juli. Wenn dieser

Tag auf einen Sonntag fällt, wird dieses Jahr als das Heilige Jahr bezeichnet. Zu

Entstehung dieses „Heiligen Jahres“ werden wir später mehr dazu lesen.

Alle Überlieferungen über Jakobus und den Weg sind Legenden, keine historischen

Fakten. Emile Male hat schon in früher Zeit einen schönen Satz dazu formuliert, den

Bottineau in seinem Buch aufgegriffen hat.

"Diese Legenden, die manchmal ebenso poetisch sind wie die epischen Dichtungen

(...), bilden den Ursprung von Pilgerfahrten; sie ließen Kirchen aus dem Boden

wachsen, sie bevölkerten diese mit Kunstwerken, sie setzten Millionen Menschen in

Bewegung; sie waren zahllosen Seelen Trost und Hoffnung, erlaubten ihnen, schon

auf dieser Welt einen Blick in das Reich Gottes zu erhaschen.“ (8)


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2.2 Definition des Pilgerns

Pilgern lässt sich vom lateinischen „peregrinatio“ („Pilgerschaft“) ableiten.

„Per agrum“ bedeutet „querfeldein“. Damit soll ausgedrückt werden, dass der

Pilgerweg oft beschwerlich und hart ist.

Pilger auf dem Jakobsweg

Man kann das Pilgerwesen auch mit einem arabischen Wort übersetzen. „Hajdsch“

bedeutet „auf etwas zugehen“. Wenn man nun die lateinische und die arabische

Übersetzung zusammenmischt, dann entdeckt man, dass das anstrengende pilgern

(„per agrum“) mit einem Ziel („hajdsch“) verbunden ist. Im Mittelalter reisten viele zu

Gräbern von Märtyrern, wobei es eine Hierarchie gab. Die Gräber von Petrus und

Paulus in Rom wurden viel häufiger besucht als Gräber von weniger bekannten

Christen. Sehr beliebt war auch Jerusalem, da an diesem Ort viele biblische

Geschichten spielen.

Die Muschel ist heute wie früher das Erkennungszeichen der Jakobspilger.

Man kann sie in unserer Zeit in allen Formen und Farben auf Bildern und an

Wegrändern entlang des Jakobsweges finden.

In unseren modernen Welt, verstehen viele den Begriff „pilgern“ nicht mehr. Im

Mittelalter dagegen war den Menschen klar, dass ihnen durch eine Pilgerreise ihre

Sünden von Gott erlassen werden. Weitere Motivationen für eine Pilgerreise im

Mittelalter erklären wir im nächsten Kapitel, in dem wir auch die geschichtliche

Entwicklung des Pilgerkultes erläutern.

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2.3 Geschichtliche Entwicklungen seit dem Mittelalter

Allgemeines

Jede Religion hat ihre Pilgerziele. Muslime zieht es nach Mekka oder Kerbale,

Hindus reisen nach Benares und Buddhisten nach Lhasa. Für die Christen gab es

früher drei heilige Stätten: Rom, Jerusalem und Santiago, die auch noch heute von

vielen Menschen aufgesucht werden. In unserer heutigen Welt werden manche

Leute zu Pilgern, weil sie auf der Suche nach sich selbst oder nach Gott sind. Andere

wagen den langen Weg aus sportlichem Ehrgeiz und wollen sich selbst und anderen

etwas beweisen. Doch welche Menschen suchten im Mittelalter die Pilgerstätten auf?

Was waren ihre Motive?

Um diese Fragen zu klären, benötigt man

Hintergrundinformationen über die gesellschaftliche

Ordnung ab dem 8. Jahrhundert nach Christus und

über die Veränderungen in den darauf folgenden

Jahrhunderten. Nach dem Untergang des Römischen

Reiches gab es viele Grundherren, denen Leibeigene

unterstellt waren. Diese Leibeigenen waren an ihre

Scholle gebunden. Somit war es ihnen auch nicht

möglich zu reisen. Das Privileg zu reisen genossen

zum Beispiel Geistliche und Händler. Als im

11. Jahrhundert die Bevölkerung stark zu wachsen

begann und immer mehr Städte entstanden, änderten

sich auch die Grundherrschaft und die Menschen

wurden mobiler und bekamen auch die Möglichkeit an

Orte zu reisen, von denen sie früher nicht einmal

gewagt zu träumen hätten.

14

Pilger, auf dem Weg nach Santiago de Compostela

Bereits im 12. Jahrhundert wurde in einem Pilgerführer niedergeschrieben, dass

Gläubige aus aller Welt und allen Schichten am Grab des Apostels Jakobus in

Santiago de Compostela beten.

Es waren nicht nur Männer, die an diesen Wallfahrten teilnahmen. 40% der

Reisenden waren Frauen und Kinder. Die Zahl der Pilger nach Santiago wird im

Spätmittelalter auf etwa 500 000 Pilger pro Jahr geschätzt.

Entwicklung

Im 8. und 9.Jahrhundert entstand auf dem europäischen Kontinent ein regelrechter

Reliquienkult. Für den Nordwesten der Iberischen Halbinsel war dies sehr

bedeutend, da dort das Grab des Apostels Jakobus gefunden worden sein soll. Laut

einer Legende, soll ein Eremit das Grab des Apostels durch eine göttliche Eingebung

entdeckt haben. Diese Nachricht breitete sich sehr schnell im lateinischen Westen

aus. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts traf diese Neuigkeit sogar auch die

Bodenseeregion.

711 wurde Spanien von Muslimen erobert und stand seitdem unter ihrer Herrschaft.

Und nur eine Region Asturien, konnten das Christentum noch beibehalten. Dort


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ließen sich die tapferen und gläubigen Bewohner nicht von den Muslimen

unterdrücken, sondern kämpften für ihr Gebiet und ihren Glauben. Diese

Bemühungen wurden auch belohnt, da die Muslime diese Region nie besetzten und

von da an der Widerstand sich auf das umliegende Land ausbreitete, welches bereits

von den Mauren, wie die Christen die Muslime auch nannten, eingenommen worden

war.

Die christliche Bevölkerung strebte nach religiöser und nach territorialer

Unabhängigkeit von den Muslimen. In diesem Zusammenhang kam auch die

Missionierung des Apostels Jakobus in Spanien zur Sprache. Bereits in der Bibel

kann man in der Apostelgeschichte nachlesen, dass die Jünger ausgeschickt

wurden, um den Heiden die Botschaft Jesu zu überbringen. Wie wir bereits wissen,

soll Jakobus der Legende nach den Auftrag bekommen haben, in Spanien zu

missionieren, wo er jedoch nicht sehr erfolgreich war. Enttäuscht soll er nach

Palästina zurückgekehrt sein, dann aber nach seinem Tod wieder nach Galicien,

genauer nach Santiago, per Schiff befördert worden sein, wo er heute noch liegen

soll. Zu Beginn pilgerten nur Interessierte und Gläubige aus der Region Galicien, zu

der Heiligen Stätte nach Santiago. Doch in den folgenden Jahrhunderten breitete

sich die Herkunft der Pilger immer weiter aus. Wie viele Pilger wirklich auf dem Weg

nach Santiago waren, wird deutlich wenn wir lesen, was der Gesandte des

Almoraviden-Emirs Ali ben Jusuf seinem Herrn zu sagen hatte: “Die Menge der

christlichen Pilger, die nach Santiago de Compostela gehen und wieder

zurückkommen, ist so groß, dass sie kaum den Weg nach Westen offenlassen.“ (9)

Im 12. Jahrhundert glaubten die Menschen, dass ihnen durch gute Taten oder durch

eine Wallfahrt die Sünden vergeben werden. Dieser Tatsache war es zu verdanken,

dass das Pilgern für viele Menschen so begehrenswert war. Heute kann man sagen,

dass im Hoch- und Spätmittelalter so gut wieder jeder, einmal in seinem Leben zu

einem Wallfahrtsort gepilgert war. Da die Kreuzzüge gescheitert waren, versprach

Papst Bonifaz VIII. im Jahr 1300 den Erlass der Sünden, wenn man den langen Weg

nach Rom auf sich nahm, um an dem Grab von Petrus und Paulus zu sein. Die Pilger

sorgten für eine bessere Infrastruktur, welche dem Papst sehr entgegenkam. Bereits

einige Jahre später begann der Jakobuskult in Santiago de Compostela. Diese

Pilgerbewegung bekam ihren Durchbruch durch die Reconquista, bei der Spanien

wieder christlich und von den Muslimen befreit wurde. Wie die Reconquista vor sich

ging und was Jakobus damit zu tun hat, werden wir im nächsten Kapitel

„Reconquista“ nachlesen.

Propaganda für das neue Pilgerziel

Doch wie wurde das Wallfahrtsziel weiterverbreitet? Die ersten Funde, die gemacht

wurde, stammten von Schriften, die man in Klöstern fand. In der damaligen Zeit

existierten bereits Kalender, in denen die Namen der Heiligen standen und wo man

diese verehren konnte. So konnte man beispielsweise herausfinden, dass das Grab

des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela sei und man sich auf den Weg

machen konnte um ihn zu verehren. Viele Pilger machen sich nicht nur auf den

langen und schweren Weg, um dem Heiligen ihre Verehrung zukommen zu lassen,

sie erhofften sich auch Heilung von seelischen und von körperlichen Leiden. Wenn

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man die Spuren der Weiterverbreitung der Pilgerstätte Santiago de Compostela

zurückverfolgen will, dann landet man im 10. Jahrhundert. Zu dieser Zeit wurden die

ersten Aufschriebe gemacht, die auch später wieder gefunden wurden. Man darf

jedoch nicht davon ausgehen, dass das meiste schriftlich überliefert wurde. Viele

Legenden und Geschichten um den heiligen Jakobus wurden von Mund zu Mund

überliefert, einige wurden auch aufgeschrieben, jedoch kann vieles davon nicht

historisch belegt und überprüft werden. Bereits in den Anfängen der Pilgergeschichte

von Santiago de Compostela sind prominente Menschen zu diesem Ort gepilgert.

Der erste namentlich bezeugte Pilger, der in den Jahren 950/51 auf der Reise nach

Santiago war, ist Godeschalk von Le Puy. Zu dieser Zeit waren es meist Kleriker

oder Adlige, die sich auf den Weg nach Santiago machten. Für das einfache Volk

war dieser Pilgerweg nicht möglich, da viele Bauern und Leibeigene waren und ihren

Hof und Herren nicht verlassen konnten, um sich auf die Reise zu einer

Wallfahrtsstätte zu machen. Was viele Menschen dazu bewegte, war die Reiselust

und das Fernweh, aber auch der Gedanke, bis an das damalige Ende der Welt, nach

Finisterre, was einige Kilometer von Santiago entfernt liegt, zu pilgern. Jedoch

spielten auch spirituelle Gründe eine Rolle, dass Menschen diese beschwerliche und

lange Reise zu Fuß, mit dem Esel oder seltener mit dem Pferd, auf sich nahmen. Im

11. und 12. Jahrhundert entstand ein weltweiter Reliquienkult. Den Reliquien eines

Heiligen wurden unermessliche Kräfte zugesagt, die angeblich Wunder vollbringen

konnten und zum Beispiel Kranke von ihren Gebrechen befreien konnten.

Maurentöter

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Die Reconquista, die „Rückeroberung“ der von

den Mauren besetzten Gebiete brachte eine

Wende in der Geschichte der Pilgerfahrt zu der

Heiligen Stätte des Apostels Jakobus. Den

Reconquista-Kämpfern wurde der Ablass

zugesagt. Die Reconquista kann als Heiliger

Krieg bezeichnet werden, da der Papst den

Kämpfern den Ablass versprach. Der heilige

Jakobus war bei diesen Kämpfen der

Schutzpatron der Kämpfer für die Iberische

Halbinsel. Jakobus wurde als „Metamoros“

(„Maurentöter“) bezeichnet. Jeder Kämpfer kam

einmal an dem Grab von Jakobus vorbei, um

ihm zu danken.

Wie bereits erwähnt, wurde die Stadt Santiago erst durch die Entdeckung des

Grabes von Jakobus bekannt und bekam mehr Ansehen. Um noch wichtiger zu

werden, wollte der dortige Bischof, Diego II. Gemírez, er lebte von 1098/99 bis 1140,

dass Santiago de Compostela eine Erhöhung zum Erzbistum bekommen sollte.

Diego erreichte dieses Ziel nicht, jedoch erreichte Kalixt II. im Jahre 1124 das

Erzbistum für Santiago.


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Durch die steigende Beliebtheit von Santiago entstanden die frühesten Reiseführer

im Mittelalter, der „Liber Sancti Jacobi“, beziehungsweise der „Codex Calixtinus“,

welche den Weg beschrieben und auch die Leute, die in den Dörfern an dem Weg

lebten, charakterisierten. Ebenso konnte man in den Reiseführern nachlesen, was

man als Pilger bei sich zu führen hat und man konnte nützliche Ratschläge

nachschlagen. Die Reiseführer wurde nun im Lauf der Zeit nicht nur für Reiche und

Geistliche wichtig, auch das einfach Volk bekam immer mehr die Möglichkeit eine

Pilgerstätte aufzusuchen, um dort den Ablass zu bekommen oder von Krankheit

geheilt zu werden. Damals schon klagten viele über unehrliche und betrügerische

Wirte, über Straßenräuber und über heuchlerische Geistliche.

Unterwegs zum Ziel

Die nächste Frage, mit der wir uns näher befassen wollen, ist die Art und Weise, wie

die Pilger im Mittelalter unterwegs waren. Bevor ein Pilger sich damals auf die Reise

machte, musste er seine persönlichen Dinge regeln. Er musste für sein seelisches

Heil sorgen, da die Pilgerfahrten im Mittelalter nicht ungefährlich waren und man

auch schnell sterben konnte, somit musste man auch sein eigenes Testament

verfassen. Auch konnten die mutigen Leute nicht einfach lospilgern, so wie man das

heute machen kann. Zuerst mussten der Priester, die Frau und andere wichtige

Personen um Erlaubnis gebeten werden. Zur Ausstattung gehörten ein Mantel, ein

Hut, der charakteristische Stab und eine Tasche. Mit dem Stab konnte der Pilger sich

gegen mögliche Gefahren durch Tiere wehren und in der Tasche verwahrte er seine

wichtigen Habseeligkeiten. Heute reisen viele Menschen alleine auf dem Jakobsweg.

Früher war dieses Vorhaben sehr gefährlich. Aus diesem Grund pilgerten meist nur

Gruppen auf diesem Weg. Die Pilger benutzten keine unbefestigten und verlassenen

Wege, sie wanderten auf den Wegen, die Handels- und Kaufleute schon zuvor

benutzten.

Der Jakobsweg ist mit vielen Riten und Traditionen verbunden. Wenn die Pilger auf

dem Puerto de Cisere an der Crux Caroli vorbeigingen, knieten sie sich nieder

Richtung Galicien, beteten und richteten ein kleines Kreuz auf, so wie es Jahre zuvor

Karl der Große getan haben soll.

Crux Caroli

Es gibt auch Mythen und Geschichten an anderen Orten des Jakobsweges, die im

Laufe der Jahre entstanden sind. Man kann es glauben oder auch nicht. Das bleibt

einem selbst überlassen. Solch ein Mythos soll sich in Santo Domingo de la Calzada

zugetragen haben. Eine Frau soll mit ihrem Sohn während ihrer Reise auf dem

Jakobsweg eine Rast in einem Wirtshaus gemacht haben. In diesem Haus soll der

Wirt dem Jungen einen goldenen Becher in das Gepäck geschmuggelt haben. Nach

den Anschuldigungen wurde der Junge gehängt und seine Mutter zog alleine weiter

bis nach Santiago. Dort begegnete sie dem Apostel Jakobus, welcher ihr die

Botschaft überbrachte, dass ihr Sohn zwar gehängt, aber nicht tot sei. Als die Mutter

zurückkehrte, fand sie ihren Sohn lebend vor.

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Eine andere Version der Legende berichtet von dem Richter, der das Urteil über den

Jungen gesprochen hat. Als die Mutter zurückgekommen war, ging sie zu dem

Richter und erzählte ihm, dass ihr Sohn leben würde. Der Richter lachte sie aus und

meinte, dass ihr Sohn genauso wenig lebe wie das tote Hühnchen, das bei ihm auf

dem Tisch lag, um verspeist zu werden. In dem Moment als er diesen Satz

ausgesprochen hatte, flog das Hühnchen von seinem Teller davon.

Wenn man als Pilger schließlich an seinem Ziel angekommen war, musste man

zuerst Buße tun und beten. Die erste Nacht verbrachte jeder Pilger in der Kathedrale,

in der Lobgesänge zu Ehren von Jakobus angestimmt wurden. In einer Predigt wird

die Stimmung beschrieben.

„Mit übermäßiger Freude bewundert man die Pilgerscharen, die beim ehrwürdigen

Altar des heiligen Jakobus Nachtwache halten: Die Deutschen weilen auf der einen

Seite, die Franken auf der anderen, die Italer schließlich auf der dritten; sie stehen in

Gruppen und halten brennende Kerzen in den Händen, so daß die ganze Kirche wie

durch die Sonnen an einem hellen Tag erstrahlt. Nur mit seinen Landsleuten vollzieht

jeder die Nachtwache. Manchen spielen Leier, Lyra, Pauke, Quer- und Blockflöte,

Posauen, Harfe, Fiedel, britische oder gallische Rotta (altes Zupfinstrument), andere

spielen Psalterien (Zither oder Griffbrett); manche singen – von verschiedenen

Musikinstrumenten begleitet – während der Nachtwache;

manche bedauern ihre Sünden, lesen Psalmen oder geben den Blinden Almosen.

Man hört dort die verschiedensten Sprachen, verschiedene Stimmen in fremden

Sprachen, Gespräche und Lieder der Deutschen, Engländer, Griechen und der

anderen Stämme und Völker auf dem gesamten Erdkreis. Es gibt weder Worte noch

Sprachen, in denen ihre Stimme nicht erschallt. Die Vigil (Nachtwache) wird auf diese

Art nachdrücklich gefeiert, manche kommen, manche gehen und opfern

verschiedene Gaben. Wer traurig herkommt, zieht froh zurück. Dort werden die

Feierlichkeiten ununterbrochen begangen, das Fest vorbereitet, die berühmten Riten

Tag und Nacht vollzogen; Lob, Jubel, Freude und Preis beständig gesungen. Alle

Tage und Nächte gleichen einem ununterbrochenen Fest in steter Freude zur Ehre

des Herrn und des Apostels. Die Türen dieser Basilika bleiben Tag und Nacht

unverriegelt, und die Dunkelheit kehrt doch niemals ein, weil sie durch das helle Licht

der Kerzen und Fackeln wie am Mittag leuchtet. Dorthin begeben sich Arme, Reiche,

Räuber, Reiter, Fußgänger, Fürsten, Blinde, Gelähmte, Wohlhabende, Adlige,

Herren, Vornehme, Bischöfe, Äbte, manche barfuß, manche mittellos, andere zur

Buße mit Ketten gefesselt.“ (10)

Wie bereits erwähnt wurde, betet der Pilger bei seiner Ankunft in Santiago und bittet

um Vergebung. Das nächste Ritual, welches vollzogen wird, ist das Küssen der

Basilika, des Schreins und des Altars in der Kathedrale. Viele Pilger brachten auch

Gaben auf den Altar. Diese bekamen größtenteils die Kanoniker der Kathedrale.

Doch nicht nur diese bereicherten sich an den Gaben. Auch die ganze Stadt

Santiago mit der Kathedrale und den Herbergen bekam einen Teil der Spenden.

Wenn man die lange Reise überstanden hat und in Santiago angekommen ist, erhielt

man eine Muschel, die man sich entweder an den Hut oder an den Mantel steckte.

Damit verdiente man sich auch die Anerkennung und den Respekt seiner

Mitmenschen.

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Pilgerfahrten und wirtschaftliche Entwicklung

Es gibt viele Eintragungen über verkaufte Pilgerutensilien, wie der Jakobsmuschel

und dem Stab. Dieser Verkauf trug zum wirtschaftlichen Fortschritt bei. Die

Kathedrale von Santiago hatte sehr viele Einnahmen durch Spenden von Pilgern.

Nicht zuletzt war es auch den Gaben dieser Leute zu verdanken, dass Santiago de

Compostela zum Erzbistum erhoben wurde. Einen Beleg für diese Annahme gibt der

Fund von unterschiedlichen Münzen aus verschiedenen Ländern und Regionen.

Münzen aus verschiedenen Ländern und Regionen

Der Jakobsweg oder der Sternenweg, wie er auch genannt wird, hat Europa, wie kein

Weg zuvor, zu einer beginnenden Einheit geformt. Zu der Pilgerstätte kamen nicht

nur Bewohner aus Frankreich und Spanien. Nein, es gab auch viele Pilger aus

Deutschland, Italien, Skandinavien, aus den Niederlanden, Griechenland und

England. Erstmals in der Geschichte Europas kamen so viele verschiede Nationen

an einem Ort friedlich zusammen.

am Jakobsweg

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2.3.1 Reconquista

„Reconquista“ lässt sich vom Spanischen ableiten und bedeutet „Rückeroberung“

und bezieht sich auf die Kämpfe auf der Iberischen Halbinsel. Jedoch nennen nur die

Christen es Rückeroberung, die Muslime bezeichnen diese Zeit als „Conquista“, was

mit „Eroberung“ übersetzt werden kann.

Im frühen 8. Jahrhundert verdrängten muslimisch-arabische Eroberer aus Nordafrika

die Christen aus ihrer Region. Die „Mauren“ übernahmen die Herrschaft auf der

ganzen Iberischen Halbinsel, bis auf das Reich Asturien, welches christliche blieb.

Der regierende Fürst Pelayo gewann eine Schlacht im Jahre 722 und sicherte

seinem Reich die Unabhängigkeit. Dieser Sieg über die Araber, gilt heute als Beginn

der Reconquista. Im gleichen Jahr wurden auch alle Juden vertrieben, die nicht zum

Christentum konvertierten.

Im Hochmittelalter (von der Mitte des 11. Jahrhunderts bis zur Mitte des

13. Jahrhundertes) wurde der Kampf gegen die Muslime als „Heiliger Krieg“

bezeichnet. Ganz Europa wurde dazu aufgefordert,

sich gegen die Muslime zu stellen und diese aus

den ehemaligen christlichen Gebieten zu vertreiben.

Von einem „Heiligen Krieg“, spricht man, wenn den

Kriegern der Ablass versprochen wird und wenn

eine amtliche Kirche, in diesem Fall der Papst, den

Krieg anerkennt und unterstützt. Somit kann die

Reconquista seit dem 11. Jahrhundert mit den

Kreuzzügen gleichgesetzt werden. Auf der

christlichen Seite entstanden unterschiedliche

Orden, die die Tempelritter als Vorbild hatten. Einer

dieser Orden war z.B. der Santiagoorden. Jakobus

galt während diesen Kämpfen als Helfer und war

jetzt der Santiago „Matamorus“ oder als

„Maurentöter“ bekannt. Eine Legende besagt, dass

Jakobus 844 in der Schlacht von Clavigo auf dem

Pferd vorangestürmt sei, um mit seinen Mitstreitern

die Mauren zu besiegen.

Ein Reconquista-Kämpfer auf einem Pferd,

der sein Land von den Mauren befreien will.

Auf der christlichen Seite gab es nicht nur Erfolge gegen die Muslime. Eine der

größten Niederlagen mussten sie ausgerechnet in Santiago einstecken, in der die

Reliquie des heiligen Jakobus lag. 997 eroberten die Muslime die Stadt und

zerstörten sie. Die Reliquie ließen sie jedoch unberührt und achteten sie. 40 Jahre

später gelang es den Reconquista-Kämpfern, Santiago wieder für sich zu gewinnen.

Dies war das eigentliche Datum, an dem die Reconquista richtig begann. Nach und

nach wurden alle Gebiete wieder christlich.

Am 2.Januar 1492 fand die letzte Schlacht statt und der Führer der Muslime

kapitulierte. Nun waren es wieder christliche Führer, die die Herrschaft hatten. Zu

Beginn wurden die Juden und die muslimischen Bürger geduldet, jedoch nicht sehr

lange. Noch im 15. Jahrhundert wurden die ersten Juden und Mauren entweder

vertrieben oder umgebracht.

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„Die Entfernung ist unwichtig. Nur der

erste Schritt ist schwierig.“

Marquise du Deffand


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3 Die Wege

Wege in Europa

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Je weiter man sich vom Pilgerziel Santiago de Compostela entfernt,

desto zahlreicher werden die Wege und ihre Abzweigungen (deutlich erkennbar in

der Grafik oben).

Sie erstrecken sich nahezu über ganz Europa und über die Seewege auch in andere

Kontinente (überwiegend Südamerika).

Am weitesten verbreitet sind die Wege in Frankreich, Italien, Deutschland, Belgien,

den Niederlanden, England, Skandinavien, Polen, Österreich und der Schweiz.

Die meisten Wege münden in die vier Hauptrouten, welche in Frankreich beginnen.

Die am westlichsten gelegene ist die Via Touronensis, dann folgen nach Osten hin

die Via Lemovicensis, die Via Podensis und die Via Tolosana.

Alle Routen, außer der Via Tolosana, treffen sich in Saint-Jean-Pied-de-Port (in

Grafik unten: 2,19 km südlich von Ostabat gelegen).

24

Hauptrouten in Frankreich und Spanien

Alle vier münden dann letztendlich, in Puente la Reina (in Grafik oben, der

Schnittpunkt östlich von Burgos), in den eigentlichen Jakobsweg, den Camino

Francés, der von den Pyrenäen bis zum Grab des heiligen Jakobus in Santiago de

Compostela reicht.

3.1 Camino Francés

Die Länge des Camino Francés beträgt von Saint-Jean-Pied-de-Port 774 km und

besteht in dieser Form seit dem 11.Jahrhundert, was auch der Codex Calixtinus, ein

mittelalterlicher Pilgerführer, bezeugt.

Namensgebungen von Kirchen und Straßen, wie z.B. „Calle del Camino“ („Straße

des Pilgerweges“) oder „Iglesia de Santiago“ („Jakobskirche“), wie auch die

Entstehung von Hospitälern und Kirchen entlang des Weges, zeigen heute immer

noch, dass der Jakobsweg schon im Mittelalter von großer Bedeutung war. Seit 1993

gehört der Camino Francés, auch der „klassische Jakobsweg“ genannt, zum

UNESCO-Weltkulturerbe.

Damals verband er die Königsstädte Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und León,

welche auch heute noch wichtige Anlaufstellen für die Jakobspilger sind.

Vor allem Burgos und León sind die Hauptstationen auf dem Weg nach Santiago.


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3.1.1 Burgos

Burgos liegt in der spanischen autonomen Region Kastilien-León und hat ca.

170 000 Einwohner. Geographisch betrachtet, befindet sich Burgos an der direkten

Verbindungslinie zwischen Madrid und Frankreich. Sowohl diese Lage, wie auch jene

am Jakobsweg lassen jedes Jahr zahlreiche Touristen die Stadt besuchen.

Burgos (Im Vordergrund: Kathedrale Santa Maria)

Burgos wurde 884 gegründet und diente als wichtiges Bollwerk im Kampf gegen die

Mauren. Im 11. Jahrhundert wurde Burgos zur Krönungsstadt der Könige von

Kastilien und wuchs daher an Bedeutung. Von 1073 bis 1492 war sie Hauptstadt des

vereinigten Königreichs Kastilien und León (danach nahm Valladolid diese Position

ein) und erlangte Wohlstand durch den Wollhandel im 15. und 16. Jahrhundert.

1937, während des Bürgerkrieges in Spanien, richtete Franco (der spätere Diktator),

in dieser Stadt das Hauptquartier seiner nationalistischen Regierung ein.

Heute gilt sie als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Region.

Aus der Gegend nördlich von Burgos stammt der spanische

Nationalheld Rodrigo Díaz de Vivar (1043-99), welcher im

Volksmund wegen seiner Heldenhaftigkeit auch El Cid (vom

arabischen „sidi“ „Herr“) genannt wird.

Zur Zeit der Reconquista kämpfte er zuerst für die Mauren

und wechselte dann die Seiten und eroberte 1094 für die

Christen Valencia.

El Cid liegt mit seiner Frau Jimena in der Kathedrale von

Burgos begraben.

Santa Maria, die Kathedrale von Burgos, (der Jungfrau Maria geweiht), ist ein

prächtiges, gotisches Kirchengebäude, welches seit 1984 zum UNESCO-

Weltkulturerbe gehört und nach Sevilla und Toledo die drittgrößte Kathedrale

Spaniens darstellt.

Die Kathedrale wurde ab 1221 unter dem Auftrag Fernando III. errichtet. Der Bau

dauerte über drei Jahrhunderte hinweg an und somit wirkten Generationen von

bedeutenden europäischen Künstlern und Baumeistern an der Entstehung des

gotischen Bauwerks mit.

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Sie hat einen kreuzförmigen Grundriss mit breiten Seitenschiffen und insgesamt

15 Kapellen (u.a. auch eine Jakobus- bzw.

Santiagokapelle).

Die schlanken Haupttürme der Kathedrale erstrecken sich

über drei Stockwerke und sind 58 Meter hoch. Sie

enthalten insgesamt 15 Glocken und dienen als

Orientierungshilfe, da man sie aufgrund ihrer Höhe von

fast jedem Ort der Stadt aus sehen kann

Auch außerhalb der Stadt gibt es lohnenswerte Sehenswürdigkeiten: die Klöster Real

Monasterio de las Huelgas und Cartuja de Miraflores.

Real Monasterio de las Huelgas

Cartuja de Miraflores

26

Real Monasterio de las Huelgas wurde 1187

von Alfonso VIII gegründet und war ein

Zisterzienserkonvent, welches von Anfang an

reich ausgestattet war und nur Nonnen aus den

höchsten Kreisen aufnahm. Dieser Status ist

auch an der Ausstattung durch zahlreiche

Königsgräber, einer Bibliothek und einem

eigenen Museum, Museo de Ricas Telas,

welches kostbare mittelalterliche Textilien

enthält, deutlich erkennbar.

Cartuja de Miraflores ist ein Kartäuserkloster,

das im 15. Jahrhundert entstand und in dessen

Kirche Juan II., Isabel von Portugal und Prinz

Alfonso beigesetzt sind. Angeblich soll in dem

Altarbild dieser Kirche das erste Gold, das

spanische Eroberer aus der Neuen Welt

mitgebracht hatten, verarbeitet sein. Auch in

diesem Kloster gibt es eine Kapelle zu Ehren

des heiligen Jakobus.

In jener befindet sich eine Holzfigur des

Apostels, welche bewegliche Arme hat und in der einen Hand ein Schwert hält, mit

welchem kastilische Prinzen zum Ritter geschlagen wurden.


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Pilgert man von Burgos aus weiter Richtung León, treten die Kulturdenkmäler eher in

den Hintergrund. Dafür wird man mit endlosen Weiten konfrontiert, ohne eine

Menschenseele zu begegnen (außer natürlich den Mitpilgern). Riesengroße Felder

mit Mohn, Sonnenblumen und Weizen, wie auch verfallene Dörfer und kahle Hügel

prägen das Landschaftsbild. Am Wegesrand sind Thymian, Wacholder und Rosmarin

so ziemlich die einzigen Zeichen der fahlen Vegetation. Auf diese Weise gestalten

sich die 220 km von Burgos nach León, mit der Ausnahme von kleinen Dörfern, die

nicht selten nur aus einer kleinen Kirche oder Kapelle und einer Herberge für die

Jakobspilger bestehen.

Doch gerade diese Gegebenheiten machen ja den Reiz für den Pilger aus. Die kahle

Landschaft, ohne jegliche Zivilisation und die Besinnung auf die Natur und vor allem

auf sich selbst. Nicht nur die Besinnung sondern auch die Entbehrung spielt eine

wichtige Rolle auf dieser Reise. Verzicht auf den alltäglichen Luxus und die meist

ungewohnten körperlichen Anstrengungen sind eine weitere Facette des

Pilgerdaseins.

3.1.2 León

Nach dieser Etappe erreichen die Pilger die nächste größere Stadt León. Sie liegt,

wie der Name schon vermuten lässt, ebenfalls noch in Kastilien-León und hat

ca. 139 000 Einwohner.

León wurde 68 n. Chr. vom römischen Kaiser Galba gegründet, der dort ein Lager für

die VII. römische Legion erbaut hatte. Daher auch der Ursprung des Namens León,

vom lateinischen „legio“ („Legion“).

Nach dem Ende der römischen Herrschaft eroberten erst die Westgoten und 712

dann die Mauren León. 856 wurde die Stadt dann unter dem König von Asturien

zurückerobert und zur Hauptstadt vom gleichnamigen Königreich ernannt, wodurch

sie eine wichtige Rolle in der Reconquista spielte. 987 wurde die Stadt durch

Almansor zerstört, jedoch kurz darauf unter Alfonso V wieder aufgebaut.

Während des Mittelalters hatte die Stadt durch Viehhandel Wohlstand erlangt, dem

jedoch zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert eine schlechte wirtschaftliche Lage mit

dadurch ausgelöstem Bevölkerungsrückgang folgte.

Erst 1960, als die ländliche Bevölkerung in die Stadt zog, erfuhr León wieder neuen

Aufschwung.

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Auch sie stand auf der Seite des Franco-Regimes während des Spanischen

Bürgerkriegs und fordert heute Selbständigkeit und Trennung von Kastilien.

Kathedrale Santa María

Hostal de San Marcos

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Die Kathedrale wurde zwischen 1255 und 1302

errichtet und drohte im 19. Jahrhundert einzustürzen.

Daraufhin wurde sie über 40 Jahre hinweg restauriert.

Sie beherbergt fünf Kapellen und ihre zwei mächtigen

Haupttürme erstrecken sich 90 Meter in die Höhe. Die

Kirche ist auch berühmt für ihre zahlreiche

Glasfenster, 125 an der Zahl, die teilweise 12 Meter

hoch sind und insgesamt eine Fläche von 1800 m²

bedecken. Heutzutage ist die Fassade durch

Umweltgifte gefährdet, welche den Stein, der bereits

sieben Jahrhunderte überstand, angreifen.

Zu deutsch bedeutet Hostal de San Marcos

„Herberge des San Marcos“ und lässt

daher schon die ursprüngliche Funktion

des Gebäudes erkennen. Es wurde im 12.

Jahrhundert erbaut und diente als

Pilgerhospiz auf dem Weg nach Santiago

de Compostela. 1513 wurde es dann neu

errichtet und zum Sitz der Ritter von

Santiago umfunktioniert. Der Bau dauerte

bis ins 18. Jahrhundert, mit dem Abschluss

der prachtvollen, mit Jakobsmuscheln

geschmückten Fassade. Heute befindet sich das Museo de León und ein Parador in

diesem Bau.

Ein Parador (spanisch „Rasthaus“) ist das alte spanische Wort für einen Ort, welcher

Reisenden von hohem Stand als Unterkunft diente. Auch heute sind Paradors noch

luxuriöse Unterkünfte, die 3-5-Sterne Hotels gleichkommen. In den 20er Jahren

wurde eine Kette von staatlich betriebenen Hotels unter diesem Namen gegründet.

Dafür wurden alte Burgen, Festungen, Schlösser, Paläste und Klöster an historisch

bedeutenden Orten umgerüstet. Mit ihrem hohem Komfort und Restaurants mit

regional üblichen Speisen sind die Paradors in Städten wie Granada, Toledo,

Salamanca, León und Santiago de Compostela attraktive Residenzen für

(gutgestellte) Touristen.

Semana Santa

Auch in León werden wie in ganz Spanien die traditionellen Prozessionen in der

Semana Santa, der Karwoche, gefeiert. Vom Palmsonntag bis zum Karfreitag finden

große Umzüge im ganzen Ort statt, an denen mehrere hundert bis zu über tausend

Personen teilnehmen. Die Prozessionen werden von Brüderschaften der einzelnen


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Kirchengemeinden organisiert und setzen sich aus Büßern, Pasos, Trägern,

Begleitern, Musikkapellen und Trommlergruppen zusammen. Die Pasos sind

tischförmige Konstruktionen, die eine Szene des Kreuzwegs mit einer Jesusstatue

oder ein Marienabbild darstellen. Sie sind mit Blumen geschmückt und die Figuren

tragen kostbare Gewänder. Die Pasos werden von vermummten Gestalten mit

festlichen, spitzhütigen Roben auf den Schultern getragen. Diese Träger, wie auch

die anderen Teilnehmer und Begleiter der Prozessionen tun auf ihrem Weg Buße

und sind aus diesem Grund verhüllt und gehen meist barfuss. Die Strecke, die für die

Umzüge festgelegt wird, soll als Weg dienen, um den Bußeakt auszuführen. Die

Prozessionen starten in der Kirche der Heimatgemeinde, führen dann in die Stadt, in

der die Feierlichkeiten stattfinden, hier oftmals in den Ortskern, über den Markt- oder

Rathausplatz, durch eine Kathedrale und dann wieder zurück zur Ausgangskirche.

Eine weitere bedeutende Sehenswürdigkeit ist die Basilica de San Isidoro.

Die Kirche wurde zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert gegründet und trägt ihren

Namen zu Ehren des heiligen Isidoro, der Erzbischof von Sevilla war und als

wichtiger Kirchenlehrer galt. Sie enthält dessen Reliquien und ist zugleich

Krönungskirche und Grabstätte von rund mehr als 20 Monarchen des ehemaligen

Königreichs Kastilien-León. Die königliche Grabkammer „Panteón Real“ ist reich

geschmückt mit kunstvollen Fresken und Malereien, welche biblische und mythische

Themen beinhalten und alltägliche Szenen des Mittelalters darstellen. Auch in dieser

Kirche sind Spuren der römischen Herrschaft deutlich zu sehen, welche man durch

die Integration eines römischen Walls in das Bauwerk erkennen kann.

Die Reise geht weiter und somit liegt das Ziel immer näher. Von León sind es jetzt

„nur“ noch 355 km bis zur heiligen Stätte. Die Landschaft verändert sich hier wieder.

Den Wegrand säumen immer mehr Maisfelder und Pappelwälder. Auch die Steigung

nimmt stark zu und gestaltet das Vorankommen ziemlich beschwerlich. Auf dieser

Etappe sieht man viele armselige Dörfer, deren Häuser nur mit Stroh bedeckte

Dächer haben und oftmals verlassen sind. Die Hügel sind mit Heidekraut bewachsen

und von einzelnen Pinien umgeben. Außer diesen Naturerscheinungen und einigen

kleinen Dörfern erblickt man nichts anderes, bis zum nächsten wichtigen Anlaufpunkt

der Pilger, dem Cruz de Ferro.

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Das Cruz de Ferro ist ein auf 1500 Höhenmeter gelegenes Eisenkreuz, das auf

einem Holzmast angebracht ist. An diesem Ort legt jeder Pilger, am Fuße des

Kreuzes, einen Stein nieder, den er von zu Hause mit gebracht hat. Dieses Ritual

trägt die Symbolik in sich, dass man ein persönliches Anliegen, welches man mit sich

gebracht hat, hier abgibt und sich dann für immer davon trennt. Die Pilger legen nicht

nur Steine ab, um sich von ihren irdischen Lasten zu befreien, sondern auch Schuhe,

Kleidungsstücke, Trinkflaschen und andere Gegenstände, die sie mit sich tragen.

Pilger aus allen Nationen treffen sich hier, um einen Moment zur Ruhe zu kommen

und um Kraft zu sammeln. Sie legen ihre Mitbringsel mit guten Wünschen und

Gebeten für Freunde und Verwandte nieder und schöpfen Hoffnung daraus.

3.1.3 Santiago de Compostela

Die letzten Kilometer sind eine ständige Berg- und Talfahrt, doch lohnen sich diese

Strapazen, denn endlich ist es soweit, das Ziel Santiago de Compostela ist erreicht.

Aufgrund der zahlreichen Überlieferungen und Legenden, dass hier der Ort sei, an

dem der Leichnam des heiligen Jakobus (span. Santiago) unter einer

Lichterscheinung (span. „compostela“ „Sternenfeld“) gestrandet sei, entstand im 10.

Jahrhundert n. Chr. genau dort eine Stadt, mit dem Namen Santiago de Compostela.

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Im Jahr 997 wurde die Stadt mit ihrer Kathedrale durch Almansor zerstört und dann

zwischen 1075 und 1078 unter Alfonso VI. wieder neu errichtet. Während dieser Zeit

wurde Santiago de Compostela zum wichtigsten christlichen Wallfahrtsort, neben

Rom und Jerusalem. Sie ist die Hauptstadt der Autonomen Gemeinschaft Galizien

und hat 93 000 Einwohner (2005).Seit 1985 gehört auch Santiago de Compostela

zum UNESCO-Welterbe.

Das Zentrum der Stadt ist die Altstadt, die mit ihren zahlreichen Klöstern und

Kirchen, ein einziges Denkmal für den heiligen Jakobus darstellt.

Die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt und das eigentliche Pilgerziel ist jedoch

die Kathedrale von Santiago de Compostela, welche auch auf der Rückseite der

spanischen 1ct- bis 5ct-Stücke zu sehen ist.

Auch die Kathedrale wurde unter

Alfonso VI. im Jahr 1977 neu errichtet.

Der Bau steht über der Grabstätte, die

dem heiligen Jakobus zugesprochen

wird.

Die Kathedrale erstreckt sich über

eine Fläche von 23 000 m 2 .

Die großen Zwillingstürme an der

Westfassade (siehe links), die erst im

18. Jahrhundert hinzu kam, überragen

mit ihren 74 Metern alle anderen

Türme der Kathedrale.

Diese Seite der Kathedrale stellt den

Haupteingang für alle Pilger und

Besucher dar und das Portal wird

auch „Obradoiro“

(„Goldschmiedewerk“) genannt, da es

so kunstvoll und detailliert von

Steinmetzen gefertigt wurde.

Ein bedeutendes Element des Obradoiro ist die steinerne Statue des heiligen

Jakobus, welche die Pilger bereits am Eingang als eine Art Türsteher empfängt.

(siehe Pfeil im oberen Bild). An jenem Pfeiler, an dem die Figur angebracht ist, legen

die Pilger ihre Hand auf und sprechen ein Gebet nach all ihren Strapazen und

Entbehrungen. Seit über 1000 Jahren legten die Menschen ihre Hand an dieselbe

Stelle und so entstand dort ein Abdruck in Form einer Hand.

Der Praza de Obradoiro ist ein

majestätischer Platz, einer der schönsten

der Welt. In ihn münden alle Wege der

Stadt und er ist der Treffpunkt für alle

ankommenden Pilger (Bild links).

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Im Inneren der Kathedrale erwartet

die Besucher der prunkvolle Altar, der

Altar Mayor, über dem ein

vergoldeter Baldachin errichtet ist. Im

Zentrum des Altars ist eine übergroße

Silberbüste des Apostels Jakobus

angebracht. Hinter dem Altar führt

eine Treppe zur Statue, welche viele

Pilger nutzen, um im Zeichen der

Ehrerbietung den heiligen Jakobus zu

küssen und zu umarmen.

Unter dem Altar befindet sich die

Krypta, welche die Grabkammer des

heiligen Jakobus und zwei weiteren

Jüngern, Athanasius und Theodorus,

darstellt. Deren Reliquien ruhen in

einer silbernen Urne, mit einem

Christusmonogramm auf dem Deckel

und Abbildungen der Apostel und

Jesu mit Symbolen der Evangelisten

auf der Vorderseite.

Die Pilger stehen lange Schlange um

das Grab zu Gesicht zu bekommen

und vor ihm zu beten. Diese Tat hat

den Status eines christlichen

Glaubensbekenntnisses.

Eine weitere Besonderheit der Kathedrale ist ein

übergroßes Weihrauchfass, das Botafumeiro.

Es ist 1,60 m groß und hängt an einem über

30 m langen Seil. Es benötigt mindestens acht

Männer, um in Bewegung gesetzt und fast bis

unter die Decke geschwungen zu werden.

Die großen Weihrauchschwaden dienten

ursprünglich dazu, die starken Körpergerüche

der Pilger, welche oftmals nächtelang betend

und wachend in der Kathedrale verbrachten, zu

überdecken.

Heutzutage wird das Fass nur noch selten

geschwenkt und stellt ein Spektakel dar,

welchem man nur mit viel Glück beiwohnen

kann.


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3.1.4 Kap Finisterre

Kap Finisterre mit Leuchtturm, neben dem ein Kilometerstein mit Entfernungsangabe steht:

0,00km ☺

Für die meisten Pilger die Reise jedoch endet nicht in Santiago de Compostela.

Das offizielle und ultimative Ende des Jakobswegs befindet sich am Kap Finisterre,

galicisch: Cabo Finisterra.

Das Kap Finisterre liegt auf einer kleinen Halbinsel, 60km von der Pilgerstadt

entfernt. Dort befindet sich das westliche Ende des spanischen Festlandes, jedoch

nicht, wie oft missverstanden wird, das westliche Ende Europas (dies befindet sich in

Portugal).

Übersetzt bedeutet der Name aus dem Lateinischen „finis terrae“ („Ende der Welt“).

Viele Jakobspilger gehen nach Santiago de Compostela weiter, um hier am Kap

Finisterre ihre Pilgerfahrt endgültig abzuschließen. Viele kommen nach der

anstrengenden Reise mit dem Bus hierher, doch nur jene, die zu Fuß, per Fahrrad

oder Pferd hier ankommen sind, erhalten einen Übernachtungsplatz in der

Pilgerherberge.

Symbolisch werden hier an einem urigen Denkmal, einem Schuh aus Bronze, alte

Kleider, die von der Reise verschlissen und kaputt waren, verbrannt.

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„Am Ziel deiner Wünsche wirst du

jedenfalls eines vermissen: dein Wandern

zum Ziel.“

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach


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4 Vollzug und Praxis des Pilgerns

4.1 Ausrüstung

4.1.1 Ausrüstung damals

Bereits im Codex Calixtinus/Calixtus, einer Sammlung mittelalterlicher Schriften aus

dem 12. Jahrhundert, welche Predigten, Wunderberichte, liturgische Texte und einen

Pilgerführer enthält, werden die Pilgerzeichen erwähnt.

Laut diesem Bericht besteht die ursprüngliche Ausstattung eines Pilgers aus einem

Stab und einer Tasche. Jedoch entwickelte sich mit der Zeit auch noch eine typische

Kleidung und viele Pilger trugen eine Pilgerflasche an ihrem Stab.

A) Der Stab

Der Pilgerstab war aus Holz, unterschiedlich lang, hatte oben

einen Knauf mit einem Haken, an dem man einen Sack

befestigen konnte und an der Spitze war eine Verkleidung aus

Eisen. Er diente zur Wehr gegen Hunde und Wölfe und als

Stütze auf bergigen Wegstrecken. Rundum sollte er zur

Erleichterung des Pilgerns dienen und wurde so im Codex

Calixtinus auch als „dritter Fuß“ bezeichnet. Des Weiteren

sollte er die Dreifaltigkeit symbolisieren, welche dem Pilger

stets im Gedächtnis bleiben sollte. Der Stab sollte auch den

Glauben stärken und vor Irreführungen des Teufels bewahren.

B) Die Tasche

Die Pilgertasche war ein Beutel, der aus Tierleder gefertigt wurde. Er war relativ klein

und eng und nach oben hin, ohne eine Schnürung, geöffnet. Dies hatte den Sinn,

dass der Pilger keine großen Schätze und Reichtümer mitführen sollte, sondern

lediglich das Nötigste - wie etwa Nahrung - bei sich tragen sollte. Die Öffnung der

Tasche sollte symbolisieren, dass der Pilger gerne gibt, sein Weniges mit den Armen

teilt, aber auch gerne von anderen etwas annimmt.

C) Kleidung

Der Pilger benötigte natürlich festes und vor allem

gemütliches Schuhwerk. Die Kleidung war zu Beginn nicht

kennzeichnend für einen Pilger. Sie musste wetterresistent

sein und sollte beim Gehen nicht behindern. Meist trugen die

Pilger eine Pelerine – einen kurzen Schulterumhang, der

Arme und Schultern bedeckte - und einen breitkrempigen

Filzhut, der vor Sonne, Regen und Kälte schützte. Der Hut

war oft mit der Jakobsmuschel geschmückt. Anstatt der

Pelerine wurden im Laufe der Zeit auch längere Mäntel

getragen.

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D) Die Flasche

Die Flasche war oftmals ein hohler Kürbis, den die Pilger an ihrem Gürtel oder an

ihrem Stab befestigten. Diese Gefäße wurden ihnen oft von Hospitälern mitgegeben

oder sie konnten sie dort und in den Herbergen auf dem Weg auffüllen, zumeist mit

Wein.

Durch all diese Utensilien entwickelte sich das „typische Erscheinungsbild“ der Pilger

und wurde zur festen Tracht. Diese diente den Pilgern auch als Geleitbrief, um

Unterkunft in Hospizen zu finden.

Vorbereitung

Vor der Abreise musste der Pilger einige Vorbereitungen treffen. Er benötigte die

Reiseerlaubnis seiner Frau und des Pfarrers, musste sein Testament verfassen und

im Falle seines Todes Vorkehrungen zur Versorgung seiner Familie treffen.

Auch konnte sich der Pilger einen Ausweis ausstellen lassen, der ihm als Geleitbrief

auf seiner Wanderschaft diente.

Durch ein kirchliches Ritual wurde der Pilger dann verabschiedet. Er musste die

Beichte ablegen und vor den Altar knien, wo er dann mit Bußpsalmen besungen

wurde und Gebete gesprochen wurden. Darauf wurden ihm Pilgerstab und

Pilgertasche unter einem Segensritus überreicht:

„Im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Nimm diese Tasche als Zeichen deiner

Pilgerschaft, damit du geläutert und befreit zum Grab des hl.Jakobus gelangen mögest, zu

dem du aufbrechen willst, und kehre nach Vollendung deines Weges unversehrt mit Freude

zu uns durch die Hilfe Gottes zurück, der lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

„Nimm diesen Stab zur Unterstützung deiner Reise und deiner Mühe für deinen Pilgerweg,

damit du alle Feindesscharen besiegen kannst, sicher zum Grab des hl.Jakobus gelangest

und nach Vollendung deiner Fahrt zu uns mit Freude zurückkehrest. Dies gewähre Gott

selbst, der lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ (11)

4.1.2 Ausrüstung heute

Vom Prinzip her sind es heutzutage immer noch dieselben Gegenstände, nur in

modernerer Ausführung. Wetterfeste Kleidung, eine Kopfbedeckung, gutes

Schuhwerk und ein großer Wanderrucksack, sind die übliche Ausstattung aller Pilger.

Auch heute gilt noch der Vorsatz, so wenig als möglich mitzunehmen, um Gewicht zu

sparen und keine Gegenstände mit sich zu führen, die einen vom Pilgern ablenken

könnten.

Hier nun ein Beispiel einer möglichen Packliste.

Diese Liste ist als Anregung, nicht als Vorschrift, gedacht. Sie muss individuell

angepasst werden. In Fachkreisen wird gesagt, dass das Gepäck nicht mehr als

10-15% des eigenen Körpergewichtes betragen sollte. Rucksackgröße ca. 35 Liter.

Wäsche kann unterwegs von Hand gewaschen werden. (12)

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Wanderschuhe, resp. feste Schuhe (leicht, wasserdicht)

Regen- und Sonnenhut

Wasserflasche (z.B. PET-Flasche 0.5 bis 1.5 Liter)

leichte Windjacke

leichter Schlafsack (evtl. Leintuchschlafsack)

Regenpelerine oder Regenkleidung oder/und kl. Schirm

Pullover / Faserpelzjacke

1 kurze Hose

1 leichte Wanderhose, evtl. mit abnehmbaren Beinstößen

2 Paar Wandersocken (Zahlen sind individuell anzupassen)

2 Garnituren Unterwäsche

2 Hemden / 1 T-Shirt

leichte Hausschuhe oder Sandalen

Sonnenbrille

Badehose

Sonnencreme

Taschenmesser

leichtes Handtuch

Taschentücher

Toilettentasche klein

Brillenputztüchlein

Reisepass oder Identitätskarte

Pilgerpass

Pilgerbuch - Reiseführer

Persönliche Medikamente und Pflaster (vor allem gutes Blasenpflaster, z.B.

compeed)

Zettelchen mit medizinischen Angaben im Portemonnaie (Blutgruppe, Telefon des

Hausarztes, notwendige Medikamente)

Europäische Krankenversicherungskarte (Kreditkartenformat)

Kredit- resp. EC-Karte (wenig Bargeld tragen)

¼ Rolle WC-Papier

Waschpulver in kleinen Briefchen (z.B. ‚Woolight Express’ in Drogerien)

3-4 Wäscheklammern oder Sicherheitsnadeln

Schnur 3-5 m (als Wäscheleine)

kleine, leichte Taschenlampe

Schreibzeug und Tagebuch, Malstifte

Plastiksack/-säcke: z.B. um Kleider im Rucksack vor Nässe zu schützen

Stein für ‚Cruz de Ferro’

Adressen und Telefonnummern, die wichtigsten

evtl. Fotoapparat

evtl. Stock/Stöcke

evtl. Pyjama

evtl. Packriemen

Zuhause lassen:

Handy, wenn möglich. Sonst auch Netzgerät mitnehmen

Discman, MP3-Player

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Vorbereitung

Auch heute ist es wichtig, einige Vorkehrungen vor der Abreise zu treffen. Vor allem

bei einer länger geplanten Wanderung, sollte man vorher noch mal einige

Arztbesuche tätigen (Zahn- & Hausarzt) und die nötigen Medikamente einpacken.

Auch genügend Geld, bzw. eine Kreditkarte, wie wichtige Dokumente und Papiere

(Reisepass, Krankenschein, etc.) sind mitzuführen. Die Wanderung sollte gut geplant

sein und ein Reiseführer mit den wichtigsten Informationen über den Weg und die

einzelnen Stationen sollten vorhanden sein.

Nicht zwingend notwendig, jedoch von großem Vorteil ist es, vor der Reise viel zu

wandern, um diese Fortbewegungsart und die Ausdauer zu trainieren.

Bei verschiedenen Jakobsgesellschaften kann man gegen einen kleinen

Unkostenbeitrag einen Pilgerausweis anfordern. Dieser ist vor allem in Frankreich

und Spanien unablässig. Er ermöglicht einem Pilger die Unterkunft in einer Herberge

(span. „refugi“), insofern er zu Fuß, per Fahrrad oder zu Pferd unterwegs ist. Dort

wird die Anwesenheit des Pilgers dann jeweils mit einem Stempel in den Ausweis

dokumentiert. Es ist ihm erlaubt, eine Nacht zu bleiben, bei Krankheit auch länger.

Dafür gibt der Pilger eine kleine Spende zwischen 1,50 € - 4 €. Private und dann

auch etwas komfortablere Herbergen kosten zwischen 5 € und 10 €. Es gibt auch

zahlreiche Pensionen und Hotels am Wegesrand, in denen man für ca. 10 € pro

Nacht ein Quartier finden kann.

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Dies ist ein Bild eines

Pilgerausweises mit

Stempeln der einzelnen

Herbergen auf dem Weg.

Der Pilger muss Name und

Anschrift eintragen, den

Tag und Ort des

Reisebeginns angeben,

wie auch sein

Fortbewegungsmittel

(siehe linke Seite des

Ausweises).

Bei Vorlage dieses Ausweises in Santiago de Compostela empfängt jeder Pilger, der

mindestens die letzten 100 km bis zu heiligen Stätte zu Fuß oder per Pferd

zurückgelegt hat (per Fahrrad die letzten 200 km), eine Urkunde, die sogenannte

„Compostela“.


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

4.2 Das Pilgerzeichen

Das Bild links zeigt die „Compostela“, der

Originaltext ist in Latein und der deutsche Text

der Pilgerurkunde lautet:

"Das Kapitel dieser Heiligen Apostolischen

Erzbischöflichen Compostelanischen Kathedrale,

Besitzer des Siegels des Altars des Apostels St.

Jakobus, bestätigt allen Gläubigen und Pilgern, die

von überall her kommend, mit Andacht oder auf

Grund eines Gelübdes vor dem Apostel Jakobus, der

ebenfalls der Schutzpatrons Spaniens ist,

niederfallen, wird beurkundet, im Beisein aller, die

diese Urkunde lesen möchten, dass:

Herr.................... mit Andacht und mit einer

christlichen Motivation (pietatis causa) diese

hochheilige Kirche besuchte.

Aus diesem Grunde überreiche ich ihm diese

Urkunde, die mit dem Siegel dieser Heiligen Kirche

bekräftigt ist.

Überreicht in Santiago de Compostela am .........

(Monat) .............. Anno Domini .........

Der Domkapitelsekretär (13)

Die berühmte Jakobsmuschel ist das Pilgerzeichen der Jakobspilger und dient

sowohl als Erkennungszeichen, wie auch als Wegweiser.

Den Ursprung hat die Jakobsmuschel wahrscheinlich in der Legende des heiligen

Jakobs. Ein portugiesischer Ritter, der auf einem Pferd am Strand stand,

beobachtete, wie der heilige Jakobus von Bord eines Schiffes ans Ufer gebracht

wurde. In diesem Moment kam es zu einer hellen Lichterscheinung, welche das

Pferd erschreckte. Daraufhin sprang es ins Meer und riss seinen Reiter mit in die

Tiefen.

Als die Jünger des Jakobus den Ritter aus dem Wasser zogen, war er mit Muscheln

übersät. So entstand die Jakobsmuschel und wurde Kult für alle Pilger.

Ab dem 12. Jahrhundert begannen die Pilger sie in Form von metallenen Güssen,

Ansteckern, Broschen, Aufnähern oder als echte Muschel bei sich zu tragen. Sie

schmückten ihre Hüte, Mäntel und Taschen mit diesem Abzeichen.

Sie trägt vielerlei Bedeutungen in sich. Zum einen ist sie die Erinnerung an die

Wallfahrt bzw. Reise, und zum anderen bringt sie zu Hause als mitgebrachte

Gegenstand, Verehrung und Anerkennung.

Andere Pilger wiederum sehen sie nicht nur als Pilgerabzeichen, sondern schreiben

der Muschel an sich heilige Eigenschaften zu. Sie glauben, dass allein durch die

Berührung einer Muschel, die in der heiligen Stätte erworben wurde, Wunder

geschehen und Menschen geheilt werden können.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Im religiösen Sinne gibt es eine weitere Symbolik:

„Im christlichen Glauben gilt die Muschel als Symbol für die Empfängnis des

Gottessohnes durch die Jungfrau Maria. Christus entsteht als Perle aus der Hochzeit

von Himmel und Erde. Die Muschel steht somit für das Verschmelzen des Pilgers mit

dem Himmlischen.“ (14)

Für den Pilger hatte die Muschel früher vor allem eine sehr praktische Bedeutung.

Sie diente zum Wasser schöpfen, als Trink- und Essschale und mit ihrer rauen und

festen Kanten auch als Schneidemesser.

Aufgrund ihrer großen Bedeutung wurde die Jakobsmuschel auch als Wegweiser des

Pilgerwegs gewählt. Zumeist ist dieses Zeichen eine gelbe Muschel auf blauem

Hintergrund. Kleine Tafeln mit diesem Bild sind am Wegesrand an Pfeilern, Pfosten,

Bäumen und Straßenlaternen befestigt. Auch sieht man oft Schilder mit

Entfernungsangaben und Kilometersteine, die mit diesem Zeichen markiert sind. Der

Weg wird immer in Richtung Santiago de Compostela gegangen und die Bündelung

der Muschelstrahlen gibt die Richtung an. Es gibt viele unterschiedliche Varianten

der Grafik, jedoch ist bei allen deutlich, dass sie den Jakobsweg kennzeichnen.

Meistens kommen sie der ursprünglichen Jakobsmuschel im Aussehen sehr nahe.

Hier einige Beispiele:

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Dieses Zeichen sieht man meist in Spanien, aber auch in

Deutschland zwischen Rothenburg o. d. T. und Rottenburg a. N.,

Hohenzollern und Bayern.

Hier beispielsweise zeigt die Muschel nach links. Doch in Spanien

kann man sich nicht auf diese Regel verlassen, die für Deutschland

gilt (siehe oben). Dort gelten auch die Strahlen als Richtungsweiser.

Zusätzlich, oder auch ersetzend, sieht man in Spanien auch noch

einen gelben Richtungspfeil, der oftmals nur auf Steine oder Wege

gemalt ist.

Dieses Zeichen ist üblich in der Schweiz,

dieses im Kinzigtal und im Schwarzwald,

dieses in Franken

und dieses in der Pfalz.


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

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„Der Langsame sieht mehr.“

Sten Nadolny


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5 Eigene Wanderung

5.1 von Schwäbisch Hall nach Murrhardt (geschrieben von Lisa)

Vor der Reise

Nachdem wir jetzt monatelang alles rund um den Jakobsweg erfahren und etliche

Informationen gesammelt haben, ist es für uns an der Zeit, der Theorie ein Ende zu

machen.

Mit unserem Hintergrundwissen wollen wir uns nun aufmachen und selbst das

Pilgerdasein antreten. Wir entscheiden uns, eine regionale Etappe zu wählen.

Angelas Wohnort ist Steinbach und meiner Oppenweiler. So entschließen wir uns

von Schwäbisch Hall bis Steinbach zu wandern. In unserem Freundes- und

Familienkreis wird unser Vorhaben schnell bekannt und dann darauf auch

unterschiedlich reagiert. Einige begegnen dieser Unternehmung sehr verwundert und

erstaunt entgegen und geben zu, dass sie solch eine Wanderung wahrscheinlich

selbst nicht machen würden. Doch andere sind sehr interessiert und möchten

erfahren, um was für einen Weg es sich handelt, wohin er führt und warum man

pilgert. Dieses Interesse freut uns natürlich sehr und wir versuchen unseren

Freunden und Familien so gut wie möglich Auskunft zu geben. Die Reaktion unseres

Umfelds bringt uns auf die Idee, unsere Bekannten zu fragen, ob sie denn nicht auch

Lust hätten, uns auf der Pilgerreise zu begleiten. Einige sind gleich motiviert, als der

endgültige Termin jedoch feststeht, springen fast alle ab und nur unser Bekannter

Kevin aus Oppenweiler sagt sehr spontan noch zu.

Noch während der Schulzeit fangen wir an, unsere Wanderung zu planen. Wir

recherchieren im Internet nach einem geeigneten Pilgerführer und stoßen auf den

Führer „ Der Jakobsweg von Rothenburg ob der Tauber bis Rottenburg am Neckar“

von Hans-Jörg Bahmüller und Renate Florl. Unser Lehrer Herr Wenninger besorgt

uns diesen Pilgerführer, der sich als ein kleines, handliches Büchlein, mit

Wegbeschreibungen, hilfreichen Illustrationen, praktischen Hinweisen und

Auskünften als sehr geeignet herausstellt. Wir planen unsere Route und beschließen

auf halbem Weg in Murrhardt in der Jugendherberge zu übernachten. Wir erkundigen

uns dort über Öffnungszeiten und Reservierung, welche jedoch, wie wir erfahren,

nicht nötig ist. Da es auf unserem Weg auch einige Kirchen zu besichtigen geben

wird, setzen wir uns mit deren Ansprechpartner in Verbindung, um die jeweiligen

Besichtigungszeiten in Erfahrung zu bringen oder um eine Adresse zu erhalten, bei

der wir einen Schlüssel für die Kirchen bekommen können. Den Beginn unserer

Wanderung haben wir auf den ersten Ferientag in den Sommerferien festgelegt. Mit

diesem fixen Datum können wir nun noch die Zugverbindungen nach Schwäbisch

Hall heraussuchen. So sind alle Vorbereitungen getroffen und am Tag vor der

Abreise müssen wir nur noch unsere Rucksäcke packen. Mithilfe einer Packliste in

unserem Pilgerführer und eigenen Überlegungen füllen sich unsere Rucksäcke dann

mit einem Vesper, genügend zu trinken, Ersatzkleidung, Regenjacke, Sonnencreme,

Sonnenbrille, Kopfbedeckung, Taschentücher, Fotoapparat, kleinem Handtuch,

Zahnbürste, Zahnpasta und Geld.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Die Reise beginnt...

Nur das Nötigste eingepackt und mit Wanderstiefeln oder gemütlichen Turnschuhen

ausgerüstet, treffen wir uns dann in aller Frühe am nächsten Tag am Bahnhof in

Oppenweiler. Ein wenig verschlafen, aber trotzdem motiviert und gespannt begrüßen

wir uns um 6:00 Uhr auf dem Bahnsteig. Wir lösen eine Netzgruppenkarte und

steigen um 6:15 Uhr in den Regionalexpress nach Schwäbisch Hall. Die Fahrt

verläuft schweigend, da wir alle um diese Uhrzeit noch sehr müde sind. Aber auch

vielleicht weil es den anderen auch wie mir ergeht und sie sich Gedanken über die

nächsten Tage machen. Jeder von uns war schon öfters und auch über mehrere

Tage allein von zu Hause weg, auf Studienfahrten, Exkursionen, Freizeiten oder im

Urlaub mit Freunden. Auch da war man weit weg von den Eltern und mehr oder

weniger auf sich selbst gestellt. Doch meist gab es bei all diesen Unternehmungen

andere, die die Organisation und Verantwortung übernahmen. Meist Erwachsene,

Lehrer, oder zumindest ältere Jugendliche. Doch jetzt war es an uns, diese Rolle

einzunehmen. Wir müssen selbst sehen, wie wir klar kommen und wohin wir als

nächstes gehen. Das bisher Organisierte lässt mich eine gewisse Ruhe und

Gewissheit haben, aber es würde auch noch viel Unerwartetes und nicht Geplantes

auf uns zu kommen. Dies erfüllt mich doch etwas mit Angst. Aber ich weiß ja, dass

ich nicht alleine bin, sondern Freunde bei mir habe. In diesem Moment empfinde ich

hohe Achtung vor den Pilgern, die allein und auch noch im Ausland ihre Pilgerschaft

antreten.

Meine Bedenken und Ängste spreche ich auch bei Angela und Kevin an. Wir sind

uns alle einig, dass es für uns ein außergewöhnliches Vorhaben ist und wir nicht

wissen, wie alles verlaufen wird und ob wir die jeweiligen Etappen in der

eingeplanten Zeit schaffen können. Unsere größte Angst ist jedoch, dass wir heute

Abend nicht rechtzeitig in Murrhardt ankommen und vor der verschlossenen Tür der

Jugendherberge stehen. Doch dies muss schnell verworfen werden, da gerade der

Schaffner vorübergeht und unsere Fahrscheine kontrollieren möchte. Wir strecken

ihm unser zuvor gelöstes Ticket entgegen und stellen uns schon auf eine

angenehme Weiterfahrt ein, als der Schaffner fragt, wo wir denn hin möchten. Wir

entgegnen ihm, dass unser Ziel Schwäbisch Hall sei und er meint darauf, dass dieser

Fahrschein jedoch nur bis Fichtenberg gültig sei. Das Netz sei dort zu Ende.

Verärgert, dass wir im Zug keinen weiteren Fahrschein bis Schwäbisch Hall

erwerben können und wir uns nicht genügend informiert haben, wo das Netz genau

endet, müssen wir in Fichtenberg den Zug verlassen. Nur noch eine Station wäre es

bis nach Schwäbisch Hall gewesen, sehr ärgerlich, doch jetzt müssen wir uns mit der

Situation abfinden. Am Bahnhof suchen wir einen Fahrplan und stellen fest, dass der

nächste Zug erst in einer Stunde kommt. Uns ist sehr kalt, wie wir jetzt so im Freien

stehen und sind sehr frustriert jetzt noch eine Stunde warten zu müssen. Wir setzten

uns auf eine Bank in der Nähe und entdecken, dass wir uns an einer Bushaltestelle

niedergelassen haben.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Angela & Kevin an der Bushaltestelle (oben)

Lisa & Kevin an der Bushaltestelle (unten)

Dies bringt uns auf die Idee nachzusehen, ob denn nicht auch ein Bus nach

Schwäbisch Hall fährt. Gesagt, getan. Schon 15 Minuten später sitzen wir im

nächsten Bus und sind sehr erfreut und dankbar, jetzt doch nicht so lange in der

Kälte verharren zu müssen. Dass dieser nach Schwäbisch Hall dann letztendlich eine

halbe Stunde braucht und der Zug wahrscheinlich bloß zehn Minuten benötigt hätte,

ist uns dann egal. Hauptsache, wir können nun

im Warmen sitzen. Die meisten Fahrgäste sind

gerade auf dem Weg zu Arbeit. Sie sitzen mit

Anzug und Aktenkoffer still in einer Ecke oder

unterhalten sich mit Bekannten. In unserer

Aufmachung mit Wanderstiefeln und großen

Rucksäcken werden wir von vielen gemustert und

wir denken uns, dass sie sich bestimmt fragen,

wohin Jugendliche in diesem Aufzug und um

diese Uhrzeit in den Ferien wohl hinwollen.

Bestimmt würden sie nicht darauf kommen, dass

wir pilgern. Die Wärme im Bus lässt uns immer

müder werden und schließlich nicken wir ein.

Kurz vor Schwäbisch Hall raffen wir uns wieder

auf. Der Busfahrer erklärt uns noch, wie wir zum

Bahnhof gelangen, denn von dort startet in

unserem Büchlein die Etappe nach Murrhardt, die

wir heute zu bewältigen haben. Kaum aus dem

Bus ausgestiegen, entdecken wir schon das

Pilgerzeichen, die gelbe Muschel auf blauem

Hintergrund, an einer Straßenlaterne. Dieser

Anblick erfreut uns und macht uns Hoffnung,

dass wir auf dem richtigen Weg sind. Hier hat

man dann so das erste Mal das Gefühl, wirklich

ein Pilger zu sein.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Schon nach einigen Metern taucht neben uns eine große Kirche auf, die ebenfalls

auf den Jakobsweg hinweist. Vor ihr ist eine Steinmetzarbeit der Freiburger

Gewerbeschule mit den Motiven der Jakobsmuschel und dem Pilger angebracht.

Nach oben gefahren, führt eine

stählerne Brücke weiter hinüber zum Bahnhof.

46

Von der Kirche aus gehen wir weiter Richtung Bahnhof

und müssen dabei einen Treppenturm mit Aufzug

passieren.

Wir müssen schmunzeln, als wir sehen, dass das

Pilgerzeichen sogar den Weg mit dem Aufzug nach

oben weist. So steht der Pilgerweg auch im

Zusammenhang mit moderner Technik und nicht nur mit

der Natur.

Nachdem wir diesen

passiert

haben, führt eine

Fußgängerbrücke

über die Gleise in den

Wald. Nun

gehen wir ein langes

Stück durch

den Wald, der oberhalb von

Schwäbisch Hall verläuft und von

wo man einen tollen Blick über die

Stadt genießen kann.


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Schwäbisch Hall liegt im Kochertal an einer

Salzquelle. Die Stadt umfasst eine Fläche von

104,24 km² und hat 36 665 Einwohner (Stand

2006). Der Ursprung des Namens Hall kommt

wahrscheinlich aus dem Keltischen und

bedeutet Salz. Es könnte auch aus dem

Westgermanischen stammen und “unter

Hitzeeinwirkung austrocknen” heißen. Beides

stellt einen Bezug zur Salzgewinnung dar.

Die Stadt gehörte früher nicht zum Herzogtum

Schwaben, sondern zum Herzogtum (Ost-)

Franken. Sie fiel damals in den

Herrschaftsbereich der Staufer. Ein Mitglied

dieser Dynastie stammte aus dem Herzogtum

Schwaben und so könnte das „Schwäbisch“ in

die Namensgebung eingeflossen sein.

Schwäbisch Hall entstand während des

12. Jahrhunderts und war vom 13. bis ins 19. Jahrhundert eine unabhängige Stadt.

Adlige und akademisch gebildete Familien regierten im Rat über die Stadt und hatten

dort hohes Ansehen. Erst 1802 wurde sie von Württemberg besetzt und verlor so ihre

Selbstständigkeit.

Die Zeit des 30-jährigen Krieges überstand die Stadt

mehr oder weniger unbeschadet, litt jedoch stark an der

Pest, Thyphus und Hunger. Im 18. Jahrhundert brannte

ein Teil der Kern- und Vorstadt ab, unter anderem auch

die Jakobskirche, an deren Stelle heute das Rathaus

steht.

Die Salzgewinnung wurde stets in Schwäbisch Hall

betrieben und war vor allem im 19. Jahrhundert das wirtschaftliche Standbein der

Stadt. Das “weiße Gold” wurde zu Beginn durch Erhitzen von salzhaltigem Wasser in

Eisenpfannen gewonnen, später gab es natürlich technische Verbesserungen.

Trotzdem lief die Industrialisierung nicht gut an und viele Haller wanderten in die USA

aus.

Im 20. Jahrhundert vergrößerte sich die Stadt durch

Siedlungen, die übers Tal hinaus reichten. Sie wurde

Dienstleistungszentrum, Behördenstandort; eine

Diakonissenanstalt wurde gegründet und die

Bausparkasse angesiedelt. Durch die Gründung der

Freilichtspiele 1925 wurde Hall im kulturellen Bereich

noch interessanter für die Region.

1944 wurde am Bahnhof der Stadt ein

Konzentrationslager errichtet. Durch den Zweiten

Weltkrieg und durch die Besetzung von US-Truppen trug

Schwäbisch Hall keine größeren Schäden davon.

Die Stadt erfuhr 1945 Bevölkerungszuwachs durch

vertriebene Flüchtlinge, für die die “Heimbachsiedlung”

gegründet wurde.

1960 wurde Schwäbsich Hall der Status “größere

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Kreisstadt” zugeschrieben.

Unser Weg führt lange Zeit noch durch den Wald, bis es

schließlich über einen Trampelpfad steil hinuntergeht

und dieser an einer Straße endet. Wir überqueren die

Straße und entdecken hier auch schon den nächsten

Ort: Tullau

Tullau ist klein und beschaulich. Schöne alte Gebäude

und ländliche Atmosphäre prägen den Ort.

Ein uriger Gasthof, die Dorfkirche und das Tullauer Schlösschen sind die einzigen

markanten Punkte hier, doch trotzdem genießen wir diese Begebenheiten.

Durch ein Tor führt uns der Weg weiter, stets mit der Jakobsmuschel

gekennzeichnet, raus aus dem Dorf auf einen Feldweg. Mittlerweile ist von der Kälte

am Morgen nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil, die Sonne strahlt vom wolkenlosen

Himmel und bringt uns zum Schwitzen. So beschließen wir kurzer Hand, hinter ein

Gebüsch zu gehen, um uns leichtere Kleidung anzuziehen.

Danach fühlen wir uns schon gleich befreiter,

auch wenn der Rucksack nun wieder schwerer

geworden ist. Der Weg geht weiter auf eine

Anhöhe zu. Vorbei an einer Abzweigung, die zu einem

Friedhof führt, steht uns nun der Anstieg bevor. Wir

beratschlagen, ob wir schon eine Pause einlegen,

beschließen jedoch, dass wir diese erst oben auf dem

Hügel machen, als „Belohnung“ sozusagen.

Über diese Entscheidung sind wir dann auch froh. Oben

angekommen, lassen wir uns auf einer Bank nieder,

packen unser Vesper aus und genießen den Ausblick auf

die Burg Comburg. Nach dieser Stärkung gehen wir

weiter, den nächsten Stopp, Uttenhofen, im Blick. Die

Strecke bis dorthin ist Natur pur. Ewig lange

Getreidefelder und Wiesen schmücken die Landschaft.

Dieses Bild erinnert mich an die Landschaft in

Spanien, die uns durch die Recherchen bekannt

geworden ist. Endlose Felder und Weiten.

Einsamkeit. Keine Menschenseele begegnet uns.

Wenn dieser Zustand der Natur so andauern

würde, wäre man wirklich nur noch mit sich selbst

und seinen Mitpilgern konfrontiert.

Ich stelle mir dies sehr schwer, jedoch auch sehr

interessant vor. Diese Schlichtheit, fernab von jeder

Zivilisation.

Schließlich erreichen wir Uttenhofen, welches sich auch als ein sehr altes und uriges

Dörfchen herausstellt. Viele Bauernhäuser, Oldtimer und eine Gedenkstätte für die

Opfer des Zweiten Weltkriegs bekommen wir hier zu sehen.

Ein Einwohner des Dorfes spricht uns an, ob wir Jakobspilger wären und als wir ihm

dies bestätigen, meint er, es sei nicht mehr weit, nur noch 17 km bis nach Murrhardt.

Wir bedanken uns und sind sehr erfreut über ihre offene Art und diese nette

Begegnung.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

17 km von 26 km liegen jetzt noch vor uns. Mehr als

die Hälfte. Nicht gerade wenig, aber wir führen uns

vor Augen, was wir schon alles geschafft haben und

sind ein wenig stolz auf uns. Der Weg verlässt das

Dorf mal wieder über einen Feldweg. Wir Gehen

weiter, das Getreide am Wegesrand weht im Wind.

Das Gehen wird durch die Mittagshitze immer

beschwerlicher, es ist nahezu unerträglich heiß. Doch

wir sehen von weitem schon die nächste Ortschaft.

Rieden liegt vor uns.

Auch dies ist ein kleines Dorf, jedoch mit einer riesigen

Kirche, die im Verhältnis zur Größe des Ortes den

Rahmen sprengt. Im Pfarramt holen wir den Schlüssel für

die Marienkirche und ruhen einen Moment in dem kühlen

Gebäude aus. Diese Gelegenheit nutzen wir dann

natürlich auch, um Fotos vom Inneren der Kirche zu

machen. Die Marienkirche wurde im 9. Jahrhundert

gegründet und war einst eine wichtige Wallfahrtskirche.

Sie enthält einen schönen gotischen Altar und eine riesige

Christophorus-Darstellung (heutiger Schutzpatron für

Autofahrer).

Beim Verlassen von Rieden ist für uns das Feuerwehrgerätehaus noch ein

Hingucker. Kevin und auch viele andere aus unserem Freundeskreis sind selbst in

der Feuerwehr aktiv und so stellt dieses Gebäude für uns einen persönlichen Bezug

dar und der „Fachmann“ muss natürlich mal seine Kameraden bzw. zumindest deren

Geräte in Rieden begutachten.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Wir verlassen Rieden und kommen,

wie soll es auch anders sein,

wieder auf einen Feldweg. Hier

begegnet uns auch ein Pärchen,

welches nach Wanderern aussieht.

Wir vermuten, es könnten auch

Pilger sein, da sie ja denselben

Weg gehen. Wir sehen sie jedoch

nur aus der Ferne, sodass kein

Gespräch zu Stande kommen kann.

Die Hitze und das lange Gehen

nagen an unserer Kondition. Die

Beine schmerzen und wir haben etliche Blasen. Doch nun ist nicht die Zeit

aufzugeben. Murrhardt muss bis zum Abend noch erreicht werden. Vorbei an einem

Tümpel führt der Weg weiter hinein in einen Wald. In den tiefsten Wald. Kein richtiger

Pfad ist mehr zu erkennen, nur noch Gestrüpp und Dornen überall. Zum einen

müssen wir aufpassen, dass wir uns mit den kurzen Hosen nicht die Beine

aufkratzen und zum anderen müssen wir immer das Pilgerzeichen im Blick behalten,

um nicht vom Weg abzukommen. Dies ist oft nicht so einfach. Plötzlich finden wir

nirgends mehr eine gelbe Muschel auf blauem Hintergrund, die uns weiterleitet.

Daraufhin machen wir erst einmal eine Pause.

Die Stimmung ist ziemlich schlecht, wir sind

alle müde und kaputt, haben Schmerzen und

wissen nicht, wie weiter. Doch nach einer

kleinen Weile kommt das Pärchen von vorhin

vorbei. Es geht an unserem Rastplatz vorbei

und wir beschließen, ihnen nachzufolgen, in

der Hoffnung sie gehen den richtigen Weg.

Nach weiterem, uns ewig erscheinendem

Wandern durch den Wald, führt der Weg ins

Helle und wir erblicken ein kleines Bauerndorf.

Der Weg führte an die Hauptstraße, durch den

Ort und das Pilgerzeichen weißt uns den Weg

hinaus aus dem Dorf. An einem kleinen

Bauernhof am Straßenrand unterhalten sich

gerade eine Bäuerin und ein alter Mann, als

wir vorbeilaufen. Sie sehen uns an und die

Bäuerin fragt, ob wir Jakobspilger seien und

ob wir denn noch genügend zu trinken hätten.

Wir sagen, dass wir gut versorgt sind und

bedanken uns herzlich. Rückblickend bin ich

und ich denke auch die anderen beiden, sehr

dankbar für die Begegnung mit dem Pärchen und der besorgten Bäuerin. In

Momenten der Frustration wurde uns der Weg gewiesen und Wasser angeboten, als

die Sonne unerträglich schien. Kleine Stützen am Rande, möglicherweise Zeichen

und Hilfe von oben.

Weiter an der Hauptstraße entlang, gelangen wir dann an einen idyllischen Grillplatz,

der an einer alten, außer Funktion gesetzten Schleuse liegt. Ein Bach plätschert

ruhig durch das teilweise ausgetrocknete Flussbett. Alte Bote liegen darin, Bäume

sind entwurzelt. Es scheint, als ob die Zeit hier stehen geblieben ist. Ein sehr schöner

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Anblick. Wir beschließen, hier zu rasten und

klettern in das Flussbett hinunter, an einer

Stelle, an der es ausgetrocknet ist. Nicht weit

entfernt fließt der kleine Bach um die Kurve.

Wir befreien uns von Schuhwerk und

Strümpfen und kühlen unsere Füße im

eiskalten Wasser. Dies ist sehr wohltuend,

da die Sohlen heiß waren und vom vielen

Laufen pochen. Wir essen unseren letzten

Proviant und machen uns auf, das letzte

Stück durch den Wald zu gehen, bevor wie endlich Murrhardt erreichen. Mit unserer

Kraft fast am Ende müssen wir nun dem Wegverlauf folgen, welcher bergauf zur

Ebersberger Sägemühle führt.

Diese ist auch ein Ferienhaus und Gästehaus. Wie schön wäre es doch hier schon

übernachten zu können.

Stetig geht es bergauf an Feldern vorbei und lange Zeit trotten wir wieder

durch den Wald. Immer wieder erfreut es uns drei, die Jakobsmuschel am

Wegesrand zu erblicken, sie ist uns auf dem bisherigen Weg immer wichtiger

geworden. Sie stellt unsere Sicherheit dar. Vergleichbar, finde ich auch, mit dem

Glauben. Pilgerwege werden im Namen Gottes und unter seinem Schutz gegangen.

Auch er ist für Gläubige eine Sicherheit, ein Wegweiser. Und dies nicht nur für eine

Reise, sondern für das ganze Leben und auch noch danach. Ein guter Gedanke, der

für mich vielleicht auch den Sinn des Pilgerns ausmacht. Zu sich selbst und zu Gott

zu gelangen. Feststellen, wie er im eigenen Leben Mensch wird (in unseren

vorherigen Begegnungen) und uns zum Nachdenken anregt. Das Pilgern gibt mir

solche Denkanstöße, was mich fasziniert. Im Alltag sind solche Situationen sicherlich

auch vorhanden, bloß bemerkt man sie nicht. Immer abgelenkt von seiner Umwelt,

den Medien und der eigenen Ignoranz. Es wäre vielleicht ein guter Vorsatz für mich

persönlich, alle Sinne bewusster zu „öffnen“ und genauer meine Umwelt und mich

selbst zu beobachten. Auch wenn das mit Sicherheit nicht einfach ist. Denn wie

schnell verfällt man wieder in seinen alten Trott, die Bequemlichkeit...

Der Wald endet, wir treffen mal wieder das Pilgerpärchen und jetzt auch noch zwei

andere Wanderer (oder Pilger?). Seit einer Weile grüßen wir uns und lächeln, wenn

wir einander begegnen.

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Siegelsberg ist erreicht. Ein Dorf mit vielen

Fachwerkhäusern und einem Monument, das

den Limesweg kennzeichnet. Bis zum Ortsende

verläuft dieser identisch mit dem Jakobsweg.

Wir kommen an einem Haus vorbei, das mit

einem Spruchband bemalt ist. Darauf steht:

„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf

ihn. Er wird’s wohl machen“. Dieser Vers passt

genau in unsere Situation. Alles ist gut

gegangen. In Kürze erreichen wir Murrhardt, Stunden vor Herbergenschluss. Unsere

Befürchtungen und Ängste sind wie weggeblasen. „Gott sei Dank!“ bleibt uns da nur

zu sagen.

Wenige Minuten nun nur noch und wir entdecken das „errettende Schild“,

JUGENDHERBERGE.

Es zeigt den Hang nach oben hinauf. Auch das noch,

aber es wird der letzte Berg für heute sein. Wir

steigen hinauf und erreichen endlich unser Quartier

für die Nacht. Ein freundlicher Herbergsvater begrüßt

uns und wir melden uns an. Dabei stellen wir fest, dass wir einen Herbergsausweis

benötigen, um in deutschen Jugendherbergen übernachten zu können. Doch der

Herbergsvater drückt ein Auge zu als wir ihm erzählen, von wo wir kommen. Ich

denke, wir haben auf ihn auch einen sehr erschöpften Eindruck gemacht. So

beziehen wir ein Zimmer mit zwei Stockbetten und ruhen uns erst einmal für einen

Moment aus. Die Einrichtung ist bescheiden, aber genügt. Genau das Richtige für

einen Pilger und mit Sicherheit komfortabler als manche Refugios in Spanien. Unsere

Körper sind ausgelaugt und müde und Rücken und Beine schmerzen sehr. Alle

haben Blasen bekommen und wollen eigentlich heute keinen Schritt mehr gehen.

Doch unser Magen knurrt, da wir den ganzen Tag nur unser mitgenommenes Vesper

verzehrt und viel Energie benötigt hatten. So beschließen wir doch noch mal die

Herberge zu verlassen, um uns in Murrhardt noch etwas zu Essen zu kaufen. Da wir

uns nicht mehr in die Wanderschuhe zwängen können, gehen wir barfuss oder mit

leichten Schlappen in die Stadt. Mit Pizza gestärkt gehen wir noch zur Tankstelle und

kaufen uns ein Shampoo, denn wir haben alle das sehnlichste Bedürfnis nach einer

Dusche. Vor Reisebeginn hatten wir jedoch nichts, außer Zahnpasta, an

Hygieneartikeln eingepackt, da wir dachten, dass wir auch zwei Tage ohne Duschen

überstehen. Doch der Tag war sehr heiß und das Wandern anstrengend. Doch wie

gut, dass es Tankstellen gibt, die auch noch am späten Abend alles zur Verfügung

haben (wenn auch etwas überteuert, doch das spielt dann keine Rolle). Am Camino

52


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Francés hätten wir den Abend wohl ungeduscht überstehen müssen. Frisch geduscht

und gesättigt, fallen wir dann todmüde ins Bett und schlafen felsenfest. Am nächsten

Morgen erwartet uns ein reichlich gedeckter Frühstückstisch. Wir stärken uns und

verlassen die Herberge dann. Im Ortskern Murrhardts angekommen, entdecken wir,

dass gerade Wochenmarkt ist. Diese Möglichkeit ergreifen wir, um uns noch etwas

Obst und Getränke für den weiteren Weg zu kaufen.

Auch hier sorgt unser Aussehen für einige neugierige Blicke. Wir folgen weiter den

Zeichen hier in der Innenstadt und kommen schließlich zur evangelischen

Stadtkirche St. Januarius, wo Jakobspilger schon willkommen geheißen werden und

Kontakte für sie angeboten werden.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

5.2 von Murrhardt nach Steinbach; Winnenden

(geschrieben von Angela)

Lisa und ich, als wir Murrhardt gerade verlassen

54

Nachdem wir uns die schöne Kirche in Murrhardt

angeschaut haben und uns dort noch ein letztes Mal

hingesetzt haben, geht es für uns wieder aus der

Stadt Murrhardt heraus und in den Wald hinein. Bis

zum Eschelhof geht es immer bergauf. Wir sind noch

sehr erschöpft vom Vortag und beginnen in einem

gemächlichen Tempo zu laufen. Jeder von uns

jammert, was ihm alles schmerzt. Mal tut dem einen

sein Knie weh, dann dem anderen der Rücken und

wieder dem anderen die Oberschenkel. Wir

überlegten es uns sogar schon, mit dem Bus bis nach

Oppenweiler zu fahren, so sehr sind wir mit den

Kräften am Ende. Doch unser Wille ist stärker und wir

wollen es auch uns selbst und den Anderen beweisen,

dass wir ein starkes Durchhaltevermögen besitzen

und es schaffen werden. Und so beißen wir unsere

Zähne zusammen und laufen tapfer weiter.

Nach und nach laufen wir immer schneller. Wir nehmen uns auch vor, weniger

Pausen zu machen, um schneller am Ziel anzukommen. Wir schaffen es wirklich, uns

daran zu halten. Völlig erschöpft und in einer Rekordzeit, kommen wir schließlich am

Wanderheim Eschelhof an. Da gerade kein Wochenende ist, gibt es auch keine

Bewirtschaftung. Das wussten wir aber zum Glück schon vorher und haben uns ein

Vesper mitgenommen. Dieses essen wir jetzt genüsslich. Jeder einzelne von uns ist

sehr stolz auf sich selbst.

Ich habe meinen Körper noch nie in meinem Leben zuvor so sehr angestrengt.

Natürlich bin ich völlig kaputt, aber mir ging und geht es selten so gut wie auf diesem

Weg. Als wir am Tag zuvor in Murrhardt angekommen waren, da hatte ich so ein

schönes, befreiendes Gefühl und ich war stolz auf mich. Wir drei, Lisa, Kevin und ich,

haben die letzten Stunden nur in der Natur verbracht und sind eine sehr lange

Strecke mit unseren Füßen gelaufen. Dazu muss man noch sagen, dass wir alle

nicht gerade sportlich sind. In unserem Freundeskreis sind wir diejenigen, die sich

vor dem Laufen sonst immer drücken. Doch dieser Tag gestern war keine


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

gewöhnliche Wanderung. Man ist doch immer wieder mit dem Gedanken gelaufen,

dass man nicht irgendeinen Weg läuft, sondern einen Pilgerweg, den schon Leute im

12. Jahrhundert, in unserer Region, gelaufen sind.

Beim Sitzen am Eschelhof spürt man, dass es heute deutlich kühler geworden ist als

gestern. Und so ziehen wir unsere Jacken an. In der Pause unterhalten wir uns über

die zurückgelegte Strecke und was unsere Freunde und Bekannte dazu sagen

werden. Viele haben uns im Voraus schon für verrückt gehalten, zwei Etappen auf

dem Jakobsweg zu laufen. Aber davon haben wir uns nicht unterkriegen lassen.

Andere waren zunächst von der Idee begeistert und fanden es mutig, sind dann aber

doch abgesprungen.

Keiner von uns will jetzt aufstehen. So lange man läuft, tragen die Beine einen schon

fast von alleine, manchmal in einem schnelleren, manchmal in einem langsameren

Tempo. Aber sobald man sich hinsetzt, fällt es einem enorm schwer, wieder

aufzustehen. Dieses Gefühl ist sehr schwer zu beschreiben, man muss es einfach

erlebt haben, damit man es versteht.

Als jeder mindestens einmal gesagt hatte: „So, jetzt stehen wir auf!“, haben wir

diesen Satz auch wahrgenommen. In einem gemütlichen Tempo geht es dann immer

bergab, bis nach Oppenweiler.

In Oppenweiler machen wir einen kleinen Umweg,

welcher ebenfalls von den Muscheln gut ausgeschildert

ist, um an der Jakobus-Kirche (links auf dem Bild) eine

kurze Einkehr zu halten. Als die Kirche erbaut wurde,

war Gerhard Bischof von Speyer der zuständige Bischof

für die Gemeinde Oppenweiler.

Bis zum 16. Jahrhundert war die Kirche katholisch,

danach wurde sie evangelisch und ist es auch bis heute

geblieben.

Von 1973 bis 1975 wurde die Kirche schließlich erneuert

und restauriert. So wurde aus der alten Dorfkirche eine

wunderschöne Kirche, mit einer schönen Gedenkstätte

an die Freiherren von Sturmfeder, die in Oppenweiler

Geschichte geschrieben haben. Schriftliche Dokumente

besagen, dass bereits 1124 eine Pilgerherberge in Oppenweiler existierte. Somit war

Oppenweiler schon zu Beginn der Geschichte des Jakobsweges eine wichtige

Station.

Erste schriftliche Funde über die Gründung der Kirche

besagen, dass die Kirche in den Jahren 1460-1511

erbaut wurde. Das Südportal (rechts auf dem Bild) deutet

jedoch auf ein früheres Entstehen der Kirche hin, so etwa

auf das Jahr 1354. Besonders das Hochrelief weist auf

eine Entstehung im 14. Jahrhundert hin. Es wird

geschätzt, dass die Jakobuskirche bereits 1354 erbaut

wurde. Somit hätte die Kirche keinen spätgotischen,

sondern einen romanischen Ursprung gehabt.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

56

Wenn man die Kirche durch den Haupteingang betritt, sieht man

zu seiner Rechten gleich ein Steingrabmal. Insgesamt gibt es

12 Grabsteine zu betrachten. Diese ließen die Freiherren von

Sturmfeder errichten, um ihre Macht zu symbolisieren. Auf dem

Bild links sehen wir Burkhard II Sturmfeder, welcher 1365 starb.

Dieses Monument ist das Älteste, welches es in der Jakobus-

Kirche gibt.

Schaut man sich weiter in der Kirche um, dann sieht

man den beeindruckenden spätgotischen Hochaltar.

Dieser wird der Ulmer Schule zugeschrieben und ist

etwa 1470 entstanden. Die geöffneten Tafeln zeigen

die „Volkstümliche Frömmigkeit“. In der Mitte des

geöffneten Hochaltars sehen wir die Apostel und

Heiligen als Märtyrer abgebildet.

Rechts auf dem oberen Bild sehen wir den heiligen

Veit, Maria, die Mutter Jesu, den gekreuzigten

Christus, Johannes mit dem Evangeliumsbuch und

Jakobus, mit der Pilgermuschel auf dem Kopf. Einen

größeren Ausschnitt von Jakobus sehen wir unten auf

der rechten Seite.

An dieser Abbildung ist die Darstellung von der

„Schwanger-Werdung“ sehr interessant. Links auf

dem Bild kann man sehen, dass Maria einen

Heiligenschein besitzt und über ihr eine Taube als

Symbol des Heiligen Geistes fliegt. Vom Himmel

führt ein Schweif zu der Taube, wo der kleine Jesus

herkommt. Damit wird verdeutlicht, dass Maria nur

durch Gottes Heiligen Geist schwanger wurde.

Auf der geschlossenen Tafel sehen wir die

„Marienfrömmigkeit“. Hier wird die Geschichte der

Jungfrau Maria erzählt.

Das Zeichen der Freiherrn von Sturmfeder war die

Sturmfeder. Auf der Decke der Kirche, auf dem Hochalter

und auf einem der Steingrabmale ist es vorzufinden, wenn

man genau hinschaut.

In der Jakobuskirche bekommen wir eine persönliche

Führung von Herrn Pfarrer Lampadius. Er erzählt uns eine

interessante Geschichte von der Familie Sturmfeder. Oben


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

habe ich diese Familie schon erwähnt. Die Familie ist im 14. Jahrhundert, gleichzeitig

mit dem Markgrafen von Württemberg, welcher sich in Backnang ansiedelte, nach

Oppenweiler gekommen. Von da an schrieb diese Familie hier Geschichte. Eine

interessante Geschichte gibt es von einem Sohn mit seinem Vater. Eberhardt III war

der Sohn von Burkhard VIII. Als die Mutter von Eberhardt starb, hatte sein Vater eine

neue Frau. Diese Frau gefiel auch seinem Sohn. Und so kam es, dass er sie seinem

Vater ausspannte. Doch hatte der Sohn nicht viel davon, da er kurze Zeit darauf dem

Bauernkrieg zum Opfer fiel (†1525). Burkhard schenkte seinem Sohn ein

Grabdenkmal, obwohl dieser ihm seine neue Frau ausgespannt hatte. Der Vater von

Eberhardt überlebte ihn um neun Jahre und verlor sein Leben auch während des

Bauernkrieges. Die Monumente der beiden sind immer noch in der Kirche erhalten.

links:

Eberhardt III

(Sohn)

rechts:

Burkhard VIII

(Vater)

Nun verlassen wir die Kirche und laufen einige

Meter weiter, da sehen wir ein Schlösschen.

Dieses ist schön anzusehen ist auch das

ehemalige Schlösschen, welches im Jahre

1782 ebenfalls von den Freiherren von

Sturmfeder erbaut wurde. Man kann sehr

deutlich erkennen, dass diese Familie über

Generationen hinweg sehr viel Einfluss in

Oppenweiler und der Umgebung hatte und

auch sehr bekannt war. Dieses achteckige

Wasserschloss, welches im klassizistischen

Stil erbaut worden ist, war der ehemalige Sitz dieser Familie. Heute befindet sich in

diesem wunderschönen Gebäude das Rathaus von Oppenweiler, in welchem auch

Trauungen vollzogen werden.

Umgeben ist dieser idyllische Ort von einem Park, in welchem wir uns in die Wiese

legen und uns von den Strapazen des Weges etwas erholen. Die Führung durch die

Kirche und der Anblick des Schlösschens lassen uns für einige Momente die

Anstrengungen des Weges vergessen. Längere Zeit sitzen wir nur nebeneinander

und schweigen uns an. Das Sprechen ist anstrengend geworden, so dass jeder

seine Gedanken lieber für sich behält. Jeder lässt sich noch einmal die zurückgelegte

Strecke durch den Kopf gehen.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Mir ist aufgefallen, dass es auch bei uns wunderschöne Orte und Plätze in der Natur

gibt. Aber wir nehmen sie im Alltag nicht wahr,

weil wir uns nicht bewusst Zeit dafür nehmen.

Während des Pilgerns hat man viel Zeit, sich

umzuschauen und dankbar zu sein, was wir

doch für eine schöne Welt haben und wie gut

es uns geht. Ich genieße die Einsamkeit

während des Pilgerns. Natürlich begegnen

einem Bewohner von kleinen Dörfern und

Städten, aber die meiste Zeit befindet man sich

auf Feldwegen und Waldwegen und begegnet

niemandem.

Nach der Pause laufen wir weiter Richtung Bahnhof und durchqueren nun die Dörfer

Aichelbach und Zell. In Zell wohnt die Familie Hermann, die Pilger bei sich

aufnimmt, wenn diese eine Schlafmöglichkeit benötigen. Frau Hermann hat sich dazu

bereiterklärt, für uns einen kleinen Erfahrungsbericht zu verfassen, in dem sie

erzählt, wie sie dazu kam, Pilger aufzunehmen und welche Erfahrung sie mit ihnen

geteilt hat.

Erfahrungsbericht von Annemarie Hermann aus Oppenweiler

Oppenweiler liegt an einem der unzähligen Pilgerwege nach Santiago de

Compostela. Die Jakobuskirche ist ein Anziehungspunkt und zeigt gleichzeitig, auf

welche lange Pilgertradition man hier zurückblickt.

Als ich als Quartiergeberin für Pilger von der Kirchengemeinde angefragt wurde, war

ich zunächst unschlüssig. Wie würde wohl der Rest meiner Familie wildfremde

Menschen aufnehmen? Konnte ich den Pilgern wirklich trauen?

Nach einigen Überlegungen sagte ich zu. Folgende Gründe bewogen mich zu dieser

Zusage.

Ich stellte mir vor, wie es mir wohl als Pilgerin selber ginge, nach einer

anstrengenden Etappe auf dem Pilgerweg.

Freunde von mir, die sich ihrerseits auf den Pilgerweg gemacht hatten, berichteten

so farbig und interessant, dass mir eine eigene Begegnung mit Pilgern zu einer

spannenden Angelegenheit wurde.

Die Räumlichkeiten in meinem Haus bieten sich für eine unkomplizierte und separate

Unterbringung der Pilger an.

In der Zwischenzeit sind Einzelwanderer und kleine Gruppen bei mir zu Gast

gewesen. Immer wieder ergaben sich interessante Gesprächsthemen, bis hin zu

Gegeneinladungen.

Mein Vertrauen in die Pilger wurde bisher nie enttäuscht.

Einen Unkostenbeitrag für Übernachtung und Frühstück stelle ich meistens in ihr

eigenes Ermessen, “reich“ wird man zwar dabei nicht, aber die Begegnung an sich

bereichert einen sehr.

Als „Pilgersonderservice“ biete ich unterdessen auch an, die verschwitzte Wäsche zu

waschen, wovon die Pilger gerne Gebrauch machen.

Auch meine Idee mit dem Pilgergästebuch wird gerne aufgegriffen. Der letzte Eintrag

darin ist von einem 20-jährigen der hier nächtigte und nach seinem Abitur von

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Nürnberg aus losgewandert ist: “Dem Geduldigen laufen die Dinge zu, dem Eiligen

laufen sie davon.“ (asiat. Weisheit)

Die nächste Anfrage für ein Quartier besteht schon. Diesmal von einem

Rechtsanwalt aus der Ludwigsburger Gegend.

Auch auf diese völlig andere Begegnung bin ich gespannt.

Es lohnt sich, Pilgergastgeberin zu sein.

Fortsetzung der Pilgerwanderung…

Nachdem wir Zell verlassen haben, folgen wir dem Weg entlang dem Plattenwald

Richtung Steinbach. Diese Strecke verläuft parallel zur Landstraße. Jeder von uns ist

diesen Weg selbst schon mit dem Fahrrad gefahren oder mit dem Auto auf der

Landstraße. Es ist aber etwas anderes, wenn man auf diesem Weg läuft. Alles zieht

langsamer an einem vorbei. Man nimmt die Bank am Wegrand viel bewusster wahr

und rast nicht nur an ihr vorbei. Wir haben mit dem Gedanken gespielt, wieder eine

kurze Rast zu machen, aber wir lassen es. Sich nach einer Pause zum Weiterlaufen

zu motivieren ist sehr viel schwieriger, als wenn man einfach weiter läuft, ohne sich

hinzusetzen.

Nun verläuft unser Weg, welcher sehr idyllisch ist, durch eine Wiese, entlang der

Murr. Langsam nähern wir uns dem Dorf Steinbach. Als wir in Steinbach ankommen,

machen wir einen kleinen Umweg und besuchen Petra Hohl. Sie selbst nimmt Pilger

auf, wenn diese eine Unterkunft brauchen. Sie hat uns mit offenen Armen

empfangen und hat uns über die unterschiedlichen Pilger etwas erzählt, die bei ihr

schon übernachtet haben. Sie hat es bisher nicht bereut, den Entschluss gefasst zu

haben, Pilger bei sich aufzunehmen. Nach diesem netten Besuch laufen wir weiter

auf dem Jakobsweg und betrachten uns die Kirche. Da ich sonntags den

Mesnerdienst in der Stephanuskirche in Steinbach mache, war es überhaupt kein

Problem, auch innen in die Kirche zu schauen. Hier ist der Pilgerweg für uns zu

Ende.

Kevin hat es sich nicht nehmen lassen, einen Bericht darüber zu verfassen, wie es

ihm auf dem Jakobsweg ergangen ist. Er beschreibt nicht nur den Weg, sondern

auch die Gedanken und Zweifel, die ihm auf dem Weg aufkamen.

Gedanken von Kevin

Warum? Warum laufen jedes Jahr so viele Menschen den Jakobsweg? Was suchen

sie? Und worin liegt ihr Ziel? Diese Fragen stelle ich mir nicht nur einmal, als wir

morgens so gegen 7 Uhr in Schwäbisch Hall ankommen. Dort beginnt nämlich für

uns der Jakobsweg.

Als wir morgens in Schwäbisch Hall aus dem Bus aussteigen und gleich zur

evangelischen Kirche gehen, ist uns das Ausmaß unserer Reise noch nicht bekannt.

Von dem Zwang getrieben, herauszufinden, was die anderen Jakobspilger genau auf

diesen Weg trieb, laufen wir an dem durch Jakobsmuscheln gekennzeichneten Weg

Richtung Bahnhof, entlang. Dort angekommen, verweist uns die Muschel auf einen

schon ziemlich abgelegenen Fußweg, durch einen Wald hindurch und geradewegs

auf eine Straße, die uns zum ersten kleineren Dorf führt, namens Tullau. Durch die

Schönheit der Gebäude geblendet, folgten wir weiter der Muschel, um nicht vom

Weg abzukommen. Kaum aus dem Dorf heraus, führt uns die Muschel wieder auf

eine Straße, in der Richtung eines Friedhofs. An diesem vorbei, macht der Weg eine

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Kurve in die Prärie, bzw. auf einen Feldweg, der die meiste Zeit geradeaus verläuft.

Wieder diese Fragen. Warum dieser Weg? Hilft uns der Weg, unsere Sünden zu

vergeben? Oder ist das alles umsonst? Die Antwort ist mir zu diesem Zeitpunkt noch

nicht bekannt und deshalb will ich weiter, weiter auf diesem Weg laufen, vielleicht

würde er uns die Antworten irgendwann auf dem Silbertablett servieren, vielleicht

bleiben sie auch unbeantwortet, aber das will ich nicht wahr haben. Der nächste Ort

hat sicher eine Antwort auf eine meiner Fragen, denn dort sind wir mittlerweile

angekommen. Uttenhofen, ein durch die Landwirtschaft geprägtes Dorf mit einer

kleinen Gedenkstädte für die Opfer des 2. Weltkrieges und vielen restaurierten

Oldtimern. Was ist die Aussage dieses Dorfes? Warum führte uns der Weg hierher?

Will er uns etwas zeigen? Vielleicht, ehre deine alten Freunde oder freue dich auch

über Kleinigkeiten, aber die Antwort ist dies sicher nicht. Dieses Dorf beherbergt viele

schöne Dinge, wie zum Beispiel mehrere restaurierte Transporter und Motorräder.

Die Stimmung des Dorfes ist mehr verschlafen als aufgeweckt, ok, es ist erst kurz vor

Zehn, aber wir sind ja schließlich auch schon wach.

Die Muschel führt uns aus diesem Dorf heraus, direkt, wie zu erwarten ist, auf einen

Feldweg, der uns sicher in die nächste Ortschaft lenkt. In Rieden angekommen, von

der Muschel geleitet, laufen wir direkt zur Kirche. Die Größe dieser Kirche ist

gewaltig, dass ein so kleines Örtchen wie Rieden so eine große Kirche hat, ist sehr

ungewöhnlich. Deshalb wollen wir sie besichtigen und lassen uns deshalb vom

Pfarrer die Kirche aufschließen. In der Kirche machen meine zwei Wegbegleiterinnen

etliche Fotos von den Gemälden an der Wand, vom Altar, etc..

Solche Kirchen machen mir immer Angst, weil ich nicht wahr haben will und kann,

dass dies alles nur aus Glaube entstand. Menschen haben sich dafür geopfert, nur

damit diese gewaltigen Bauwerke entstehen, um danach darin ihren Gott anbeten zu

können. Naja wieder einmal ein Beweis dafür, dass Glaube manchmal Berge

versetzen kann, in diesem Fall waren es nun mal Steine, nein, fast schon

Felsbrocken. Ist dies vielleicht eine Botschaft des Weges? Will er deinen Glauben

festigen oder sogar stärken? Eins ist sicher, die Menschen damals hatten einen

starken und festen Glauben, denn sonst würde heute diese Kirche hier nicht stehen.

Für mich leider noch zu wenig, damit der Glaube an Gott, der aus tiefstem Herzen

kommen sollte, in mir entbrennt.

Rieden hatte sonst leider nichts Interessantes mehr, außer einem kleinen

Feuerwehrgerätehaus, das kurz meine Aufmerksamkeit und die meiner Gefährtinnen

in Anspruch nimmt. Die Muschel schickt uns wieder hinaus auf einen Feldweg, der

uns an einem Spielplatz vorbei in den Schwäbischen Wald schickt.

Jetzt wird es ungemütlich, der Weg will uns auf den Arm nehmen und lenkt uns auf

einen Trampelpfad durch den tiefsten Wald. Was soll das denn jetzt? Wie soll man

hier zu sich selbst finden, wenn man die ganze Zeit aufpassen muss, dass man sich

nirgends aufschneidet? Denn überall sind Dornen, an denen man sich verletzen

kann. Der Weg wird’s schon richten, oder die Muschel?

Nach mehreren Kilometern durch den Wald verläuft der Weg durch ein kleines

Bauerndörfchen wieder auf eine Landstraße, die uns dann zu einem Grillplatz führt,

der nur über eine Brücke zu erreichen ist, weil rechts ein Fluss verläuft und links ein

ausgetrocknetes Bachbett mit einer Schleuse ist. Dieser Platz hat uns gerade dazu

eingeladen, eine Pause zu machen. Vielleicht will der Weg es so, denn alles scheint

hier eine Pause zu machen. Der Grillplatz ist leicht verwildert, die Schleuse ist

heruntergekommen und die Boote, die überall herumliegen, sind auch nicht mehr die

Neuesten.

Nach einiger Zeit der Entspannung geht für uns die Reise weiter und wie es zu

erwarten ist, kurz nachdem wir die Sägemühle Ebersberg passiert haben, wieder in

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

den Wald. Warum schon wieder Wald? Was sollen wir denn bitte hier finden? Hier ist

es zwar leise und man kann gut nachdenken, aber was soll das einem selbst

bringen, wenn man überhaupt nicht weiß, was der Weg einem sagen will? Nur eins

steht fest, dort wo wir uns zu der Zeit befinden, sind die Muscheln rar. Jede neue

Muschel bestätigt den Weg und stimmt uns alle fröhlich.

In Wolfenbrück angekommen, machen wir wieder eine Pause, denn der Weg nagt an

unseren Kräften und man fragt sich immer wieder: Wozu das alles? Welchen Sinn

haben diese Anstrengungen und Schmerzen in den Gliedern? Aber jetzt ist es zu

spät, denn den „point of no return“ haben wir schon heute Morgen hinter uns

gelassen, als wir unsere Häuser verlassen haben. Die Pause darf nicht lange

währen, weil wir nicht allzu spät in Murrhardt ankommen wollen und uns die Muschel

wieder in einen Wald schickt, der wegen seinem unwegsamen Gelände einige Zeit in

Anspruch nimmt.

Kurz nachdem wir den Wald hinter uns lassen, erblicken wir schon die Dächer von

Siegelsberg, das letzte Dorf zwischen uns und Murrhardt, dem Ende unserer Etappe.

Siegelsberg ist eine kleine Gemeinde, in der einiges auf den Jakobsweg hinweist.

Wie zum Beispiel Bilder an Hauswänden, Sprüchen auf Fachwerkhäusern, und

vielem mehr. Einer dieser Sprüche ist: “Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf

ihn. Er wird’s wohl machen.“ Hat dieser Satz Aussagekraft? Wenn ja, was will er uns

sagen? Eins ist wiederum sicher, der Weg hat uns fertig gemacht. Wir spüren jedes

Glied an unserem Körper und unsere Beine schmerzen jämmerlich. Aber die

Muschel schickt uns weiter Richtung Murrhardt, wo wir dann auch bald darauf

ankommen. Wir suchen die Jugendherberge auf und quartieren uns dort ein.

Am nächsten Tag machen wir uns wieder auf den Weg. Wir spielen morgens noch

mit dem Gedanken, nach Hause zu gehen, aber ich glaube der Wille hat gesiegt und

wir wollen uns damit auch selber etwas beweisen, deshalb müssen wir weiter dem

Weg entlang, auch wenn uns klar ist, dass wir nur ca. 1/3 der neuen Etappe laufen

werden.

Wir machen uns auf zur Kirche von Murrhardt, denn diese wollen wir auch noch

begehen. Als wir dann ein paar Bilder von Innen und Außen geschossen haben,

machen wir uns auf den Weg Richtung Eschelhof. Dies ist eine beschwerliche

Etappe, denn es geht die meiste Zeit bergauf. Warum denn dieser Weg? Was ist hier

so besonders? Ich schaue mich um und sehe keine Antwort auf meine Fragen, aber

eigentlich sollten die Antworten auf meine Fragen hier auf dem Weg liegen, aber aus

irgendwelchen unersichtlichen Gründen bleiben sie mir verwehrt. Vielleicht werden

sie an anderer Stelle beantwortet, wer weiß, wer weiß.

Am Eschelhof angekommen, geht es wieder den Berg hinab, Richtung Oppenweiler

und Steinbach, unserem Ziel. Dort angekommen bin ich zwar körperlich fertig aber

leider nicht erleuchtet, denn meine Fragen bleiben unbeantwortet und den Sinn einer

solchen Reise sehe ich zu meinem Bedauern auch nicht. Vielleicht liegt die Antwort

auf meine Fragen nicht hier auf dem Teil des Weges sondern woanders, ich werde

weiter suchen bis ich gefunden habe, was ich suche. Vielleicht werde ich irgendwann

in die Stadt am Ende des Weges gehen, Santiago de Compostela, vielleicht ist dort

die Antwort zu finden.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Fortsetzung des Pilgerweges in Winnenden…

An einem anderen Tag fahren Lisa und ich mit dem Zug nach Winnenden. Vom

Bahnhof aus folgen wir dann wieder den Muscheln.

In der Fußgängerzone des Ortskerns machen wir dann unsere Umfrage.

Überraschend viele Passanten machen dabei mit, egal ob jung oder alt. Die

Jüngsten, die die Umfrage ausgefüllt haben, sind 17 und die Ältesten über 70 Jahre.

Somit haben wir eine breite Altersspanne. Natürlich gibt es auch negative Reaktionen

auf die Umfrage, dies war jedoch zum Glück die Minderheit. Eine Frau, die bei der

Umfrage mitgemacht hat, ist den Weg von Rothenburg bis Rottenburg selbst schon

gelaufen und ist sehr begeistert davon, dass junge Menschen sich für das Pilgern

und den Jakobsweg interessieren. Die Auswertung der Umfrage wird am Ende

dieses Kapitels aufgeführt.

Da es während der Umfrage etwas nieselt und kühl ist, gönnen wir uns eine kleine

Stärkung im naheliegenden Café. Da wir nicht zusammen bei einer Person stehen,

wenn diese den Umfragebogen ausfüllt, sondern jeder alleine jemanden befragt,

können wir uns im Café über die unterschiedlichen Erfahrungen austauschen. Wir

unterhalten uns darüber, dass man schon vom äußeren optischen Eindruck

erkennen kann, ob jemand sich dazu bereit erklärt, bei der Umfrage mitzumachen

oder nicht. Und oft ist dieser Eindruck auch richtig, nur in Ausnahmefällen täuschen

wir uns.

62

Nachdem wir uns wieder etwas aufgewärmt haben,

folgen wir nun wieder dem Jakobsweg, der uns zur

Schlosskirche St. Jakobus führte. Diese Kirche wurde im

14. Jahrhundert von dem Deutschritterorden erbaut.

Vorher gab es an diesem Ort auch schon mehrere

Kirchen, die aber immer wieder abgerissen und neu

gebaut wurden. In der Kirche befindet sich ein sehr

berühmter Jakobus-Schnitzaltar aus dem Jahre 1520.

Daran erkennt man, wie wichtig Winnenden schon in

früher Zeit für die Pilger war. Aus diesem Grund hat die

Stadt auch eine Partnerstadt in Frankreich, die auf dem

Camino Francés liegt, die Stadt Santo Domingo de la

Calzada (befindet sich zwischen den großen Städten

Logrono und Burgos).


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

Sehr schön anzusehen ist neben der

Kirche auch das Schilderkunstwerk der

„Jakobuslinde“ (rechts auf dem Bild). Hier

kann man verschiedene Entfernungen von

Winnenden bis zu einer anderen Stadt auf

dem Jakobsweg nachlesen. Von hier aus

sind es bis nach Santiago de Compostela

noch 2345 km.

Was ich erstaunlich finde, ist die Tatsache,

dass es wirklich Pilger gibt, die solch eine

lange Strecke auf sich nehmen. Natürlich

benötigt man dafür sehr viel Zeit, aber auch

viel Mut, Überwindung,

Durchhaltevermögen und Kraft. Wenn man

nicht selbst einen Teil dieses Weges

gelaufen ist, kann man die Anstrengung

und Mühe gar nicht nachvollziehen. Wir

sind nur wenige Kilometer auf dem langen

Weg gelaufen, aber diese kurze Strecke

hat uns schon sehr viel Nerven und Kraft

gekostet. Aber so spürt man am ganzen

Körper, dass wirklich noch alles daran lebt,

da jeder einzelne Muskel und jedes

einzelne Gelenk schmerzen.

Dieser Hochaltar in der Schlosskirche

erzählt die Geschichte des

Hähnchenwunders, welches zuvor

schon im Kapitel Geschichte

aufgeschrieben wurde.

Wie oben schon erwähnt wurde, haben wir unsere Umfrage in Winnenden

durchgeführt. Da wir bereits wussten, dass uns nicht viele Jugendliche über den Weg

laufen würden, die dazu bereit sind, die Umfrage mitzumachen, haben wir in unserer

Schule schon 20 Mitschüler befragt. In Winnenden haben wir dann nochmals

60 Passanten befragt, so dass wir auf eine Gesamtzahl von 80 Befragten kommen.

Zuerst einmal möchten wir die Statistik zeigen, um sie dann etwas näher zu

erläutern.

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

1

2

3

4

5

64

41,20%

52%

Geschlecht

weiblich

männlich

59,80%

Konfession

4%

2%

2%

40%

ev

kath

Muslim

andere

nichts

19,20%

25%

7,70%

Alter

9,60%

38,50%

Wie lang ist der Jakobsweg von Saint-Jean-Pied-de-Port bis zum Ziel?

10-50km 50-100km 100-200km 200-800km 800-1200km

2% 4% 2% 50% 42%

Wie viele Pilger waren 2006 auf dem Jakobsweg?

100 - 300 300 - 1 000 1 000 - 5 000 5 000 - 20 000 20 000 - 110 000

1,90% 5,60% 20,40% 40,70% 31,40%

Wo führt der Jakobsweg hin?

Rom Santiago Jerusalem

5,70% 88,60% 5,70%

Seit wann pilgern Menschen zu der heiligen Stätte?

1.Jh n. Chr. 9.Jh n .Chr. 12.Jh n. Chr. 18.Jh n .Chr.

18,80% 54,20% 20,80% 6,20%

Wer war Jakobus?

Engel Prophet Apostel Messias

2% 33,30% 58,80% 5,90%

unter 18

18-25

25-45

45-65

über 65


Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

6

7

8

9

10

11

Glauben Sie an Gott?

Ja Nein

93,60% 6,40%

Haben Sie in der Vergangenheit eine Pilgerreise unternommen? (Wenn ja, wohin?)

Ja Nein Taizé, Untermarchtal, Rothenburg, Tübingen

9,60% 90,40%

Kennen Sie den Jakobsweg? (Wenn ja, woher?)

Ja Nein Film, Literatur (Hape Kerkeling, Paulo Coelho), Kirche,

80,80% 19,20% Werbung, Religionsunterricht, Konfirmandenunterricht

Ist Pilgern heut noch zeitgemäß? (mit Begründung!)

Ja Nein Ja: Kraft, Hoffnung, zu sich selbst finden, Beziehung zu Gott

81,60% 18,40% verbessern, dient als Stütze

Nein: zu anstrengend, keine Zeit, Angst

Erlässt Gott den Menschen die Sünden durch eine Pilgerreise?

Ja Nein

11,50% 88,50%

Würden Sie es wagen, eine spirituelle Reise auf dem Jakobsweg zu starten? (Begründung)

Ja Nein Ja: Herausforderung, interessiert mich

52% 48% Nein: Angst, zu viel Leistung, sinnlos

Die Passanten, die wir befragt haben, waren vom Alter bunt zusammengemischt. Die

am stärksten vertretene Altersgruppe sind die 18- bis 25 -jährigen. Ebenfalls einen

großen Teil machen die 45- bis 65 -jährigen aus. Für uns war es sehr schwer,

Freiwillige im Alter von 25 bis 45 zu finden, da viele davon keine Zeit hatten oder bei

dem Wort „Umfrage“ sofort weggerannt sind. Wie wir alle wissen, gibt es in Nord-

Württemberg überwiegend evangelische Bürger. Das verdeutlicht die Statistik auch

sehr deutlich. Über 50% der Befragten sind evangelisch.

Die Fragen Eins bis Fünf sind Schätzungs- und Wissensfragen. Hier wollten wir

wissen, ob die Menschen den Jakobsweg überhaupt kennen oder wer Jakobus

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Wettbewerb „Christentum und Kultur“ 2006/2007 „Jakobsweg – Der Weg ist das Ziel“

überhaupt war. Die richtigen Antworten sind in der Statistik eingerahmt und farblich

hervorgehoben. Bei der zweiten Frage lagen die Passanten ziemlich falsch. Sie

haben die Zahl der Pilger sehr niedrig eingeschätzt. 40,7% dachten, dass gerade

einmal 5 000 bis 10 000 Pilger 2006 nach Santiago liefen. Dabei waren es 100 377,

wie man aus einer Statistik auf der Seite http://www.jakobus-info.de/ entnehmen

kann. Die Fragen Drei, Vier und Fünf wurden von der Mehrheit richtig gelöst. Man

muss bedenken, dass wir die Umfrage in Winnenden durchgeführt haben. Genau

durch die Innenstadt verläuft auch der Jakobsweg. An vielen Stellen findet man die

Jakobsmuschel vor. Während der Umfragen haben wir uns auch mit den Menschen

unterhalten und mit ihnen diskutiert. Ein Mann wollte zuerst gar nicht bei der Umfrage

mitmachen, da er meinte, er hätte noch nie etwas vom Jakobsweg gehört oder

gesehen. Wir haben ihm dann etwas auf die Sprünge geholfen und gefragt, ob er

denn noch nie die gelben Muscheln auf dem blauen Hintergrund gesehen hätte.

Natürlich hätte er diese gesehen, er wüsste aber nicht was sie bedeuten. So geht es

einigen Bewohnern in Winnenden. Sie kennen das Zeichen, da man es an vielen

Stellen sieht, sie können es aber nicht einordnen.

Sehr überrascht waren wir von dem Ergebnis der sechsten Frage. Man liest es in der

Zeitung, hört es in den Medien und bekommt es auch in der Schule mit, dass immer

weniger Menschen an Gott glauben und aus der Kirche austreten. Umso

erstaunlicher ist es, das über 90% der Befragten an Gott glauben. Einige davon

meinten, sie hätten aber auch Zweifel an der Existenz Gottes. Aber sind wir mal

ehrlich, wer hat diese denn nicht? Bei der achten Frage, ob die Passanten den

Jakobsweg kennen würden, kam bei einigen gleich der Satz: “Ach, das war doch der

Hape Kerkeling, der diesen Weg gelaufen ist.“ Der Jakobsweg erlebt gerade wieder

eine Renaissance. Eine Frau will selbst auch nach Santiago pilgern, erzählt sie uns,

aber im Moment sei ihr da einfach zu viel los, da es der neueste Kult sei, auf diesem

Weg zu pilgern. Sie findet es sinnvoll, wenn man dort seine Ruhe hat und nicht in

einem Strom von Pilgern laufen muss.

Den Kult vom Pilgern belegt auch die Frage Neun, da über 90% angeben, dass das

Pilgern nicht veraltet sei, sondern helfen kann, besser über die Beziehung zu Gott

nachzudenken und diese auch zu verbessern. Die Meisten gaben jedoch an, dass

das Pilgern einem helfen kann, über sich selbst nachzudenken und zu sich zu finden.

Die letzte Frage, auf die wir eingehen möchten, ist die Frage Zehn. Im Mittelalter

glaubten die Menschen daran, dass Gott ihnen die Sünden vergibt, wenn sie eine

Pilgerreise unternahmen. Selbst in unserer modernen Welt glauben fast 12%, dass

man durch das Pilgern, von seinen Sünden befreit ist.

Allgemeines, gemeinsames Fazit

Rückblickend auf unsere Wanderung, sind wir froh über den Entschluss, die Reise

angetreten zu haben. Wir haben ein Gefühl für das Pilgerdasein bekommen. Es ist

geprägt von Einsamkeit, abseits jeglicher Zivilisation, Besinnung auf die Natur, sich

selbst und Gott. Neben diesen geistigen Erfahrungen, begegnet man Mitpilgern, lebt

in Entbehrung und ohne jeglichen Luxus und besichtigt kulturelle und historische

Bauten. Wir denken, dass man diese Eindrücke nur erhalten kann, wenn man sich

vom Alltag lossagt und ins Ungewisse aufbricht. Trotz aller Schmerzen und Qualen

würden wir am liebsten morgen schon wieder unseren Rucksack packen und den

Weg bis ans Ziel, Santiago de Compostela, gehen.

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„Der Weg durch die Wüste ist kein

Umweg. Wer nicht das Leere erlitt,

bändigt auch nicht die Fülle; wer nie die

Straße verlor, würdigt den Wegweiser

nicht.“

Friedrich Schwanek


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6 Schlusswort

„Der Weg ist das Ziel.“ (15)

Während der Arbeit an unserer Dokumentation ist uns dies auch deutlich geworden.

Nicht nur das Erreichen des Wallfahrtsortes, Santiago de Compostela, ist das Ziel

der Pilger, sondern auch der Weg dorthin, auf dem man durch viele Erfahrungen

bereichert wird.

Zu Beginn hatten wir das Ziel, so viel wie möglich über den Jakobsweg

herauszufinden und die Dokumentation fertig zu stellen. Doch während der

Recherchen und vor allem während unserer eigenen Wanderung, haben wir

persönlich dazugelernt und neue Perspektiven gewonnen. Wir haben gemerkt, wie

viel Disziplin und Ausdauer es erfordert, ein Ziel konsequent zu verfolgen, sei es die

Wanderung, wie auch die Erstellung der Dokumentation. Körperliche Entbehrungen

und die „Sinn-Frage“ des Pilgerns nagten während der Wanderung an uns. Oft

spielten wir mit dem Gedanken, umzukehren, oder auf dem schnellsten Weg nach

Hause zu fahren, da wir an unsere Grenzen stießen. Doch jedes Erreichen eines

neuen Ortes erfüllte uns mit Freude und die vielen Kilometer, die schon hinter uns

lagen, mit Stolz. Daraus schöpften wir neue Kraft und es motivierte uns,

weiterzupilgern. Da wir uns fest vorgenommen hatten, unser Ziel zu erreichen,

wollten wir auch alles daran setzen, nicht aufgeben zu müssen. Wir hatten Angst vor

dem Misslingen unseres Vorhabens und leichtem Spott unseres Umfeldes. Doch im

Nachhinein haben wir es keinesfalls bereut, sondern Gefallen am Pilgern gefunden.

Wären die körperlichen Schmerzen nicht gewesen, hätten wir unseren Weg bestimmt

bis nach Winnenden noch fortgesetzt.

Auch die Dokumentation war eine hohe Anforderung für uns. Bei der

Informationssuche stießen wir auf fast zu viele Materialien und es fiel uns schwer, die

wichtigsten Informationen herauszufiltern. Auch die richtigen Formulierungen und

Illustrationen auszuwählen, erschien uns oftmals problematisch. Des Weiteren

bestätigte sich das Sprichwort „Frauen und Technik“ bei unserer Arbeit. Hierbei

standen uns die Computer- und Informatikexperten aus unserem Freundeskreis

tatkräftig zur Seite. Doch der Druck, alles in eine Form zu bringen und dem Leser die

richtige Auskunft über den Jakobsweg zu vermitteln, trieb uns das Jahr über ständig

voran. Durch die Unterstützung aus unserem Umfeld, vor allem durch Familie und

Freunde, wurden wir fortlaufend motiviert.

Der Wettbewerb „Christentum und Kultur“ stellte für uns eine gute Möglichkeit dar, im

selbstständigen Arbeiten Disziplin und Zeitdruck zu erproben. Auch wenn damit viele

Anstrengungen verbunden waren, haben wir schlussendlich unser Ziel erreicht und

auf dem Weg dahin, positive Erfahrungen gemacht.

Abschließend sind wir in der Hoffnung, dass unsere Dokumentation für Sie eine

interessante und lehrreiche Arbeit darstellt und wir eventuell auch bei Ihnen das

Interesse für das Pilgern geweckt haben.

Mit freundlichen Grüßen,

Lisa Bauer und Angela Sinner

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7 Anmerkungen

(1) Spruch unter Pilgern, unbekannte Autorenschaft aus dem Buch: Ulrich

Hagenmeyer: Der Weg ist das Ziel - Auf dem Jakobsweg nach Santiago de

Compostela, Kreuz Verlag, 2003, S. 9, ISBN 3-8289-4985-1

(2) unbekannte Autorenschaft aus dem Buch: Ulrich Hagenmeyer: Der Weg ist

das Ziel - Auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela, Kreuz Verlag,

2003, ISBN 3-8289-4985-1

(3) Konfuzius, allgemein bekanntes Sprichwort

(4) Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg,

Malik, 2006, ISBN 3890293123

(5) Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg,

Malik, 2006, S. 294, ISBN 3890293123

(6) Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg,

Malik, 2006, S. 298, ISBN 3890293123

(7) Wegner, Ulrich: Der spanische Jakobsweg, Köln 1992, S. 34.

(8) Yves Bottineau, Der Weg der Jakobspilger, 5., Lübbe, 1992,

ISBN 3404641116

(9) http://www.kath.de/quodlibe/santiago/santiago.htm; Einleitung und

zusammenfassender Überblick

(10) Klaus Herbers, Norbert Ohler, Bernhard Schimmelpfennig, Bernhard

Schneider, Peter Thorau, Pilgerwege im Mittelalter (DAMALS, Das Magazin

für Geschichte und Kultur), Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt,

2005, S. 81+82

(11) http://www.jakobus-info.de/jakobuspilger/gast.htm;Pilgerstab-Pilgertasche-

Pilgermuschel, Die Pilgerfahrt

(12) http://www.pilgern.ch/jakobsweg.htm; Josef Schönauer: Jakobsweg –

Jakobusweg – Jakobswege, Ausrüstung heute

http://www.pilgern.ch/images/pdf_dokumente/packliste.pdf

(13) http://www.jakobus-info.de/jakobuspilger/urkunde.htm; La Compostela

(14) http://www.auswander.com/Der_Jakobsweg_-

_Routen_in_Spanien___Galizien.1481.0.html; Die Jakobsmuschel

(15) Konfuzius, allgemein bekanntes Sprichwort

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8 Quellenangabe

Internetseiten

- http://www.s-line.de/homepages/jakobsweg/

- http://www.urlaub.de/jakobsweg.0.html

- http://www.jakobsweg.info/

- http://www.kath.de/quodlibe/santiago/santiago.htm

- http://www.occa.de/

- http://www.jakobus-info.de/

- http://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Jakobus_der_Aeltere_der_Grosse.htm

- http://www.geschichte.attendorn.de/pilger/pizeich-bedeutung.htm

- http://www.bautz.de/bbkl/j/Jakobus_d_ae_a.shtml

- http://www.bigoid.de/conquista/lexikon/reconquista.htm

- http://home.arcor.de/schaefer.sac/rwf/sdc/LEGENDEN.PDF

- http://www.jakobs-weg.com/tvid_die_jakobuslegende_4Pj/content.standard.html

- http://www.pilgern.ch/

- http://sungaya.de/schwarz/christen/stjuli/jakobus2507.htm

- http://www.burgen-web.de/oppenweiler.pdf

- http://www.oppenweiler.de/php/index.php

- http://www.jakobsweg-coaching.de/

- http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,242951,00.html

- http://www.avenz.de/definition_j/jakobsweg.htm

- http://www.neustadt.de/swittmann/jakobsweg.htm

- http://www.sanisidoro.de/deutsch/einfuehrung/index.html

- http://www.auswandern.com/Der_Jakobsweg_-

_Routen_in_Spanien___Galizien.1481.0.html

- http://www.focus.de/reisen/reisefuehrer/jakobsweg-spanien/route/flashgrafik_aid_22186.html

Bücher

Ulrich Hagenmeyer, Das Ziel ist der Weg. Auf dem Jakobsweg nach Santiago de

Compostela, Kreuz Verlag, 2003, ISBN 3-8289-4985-1

Berthold Burkhardt, Renate Florl, Der Jakobsweg. von Rothenburg ob der Taube bis

Rottenburg am Necker, Centa Schmid, Selbstverlag, ISBN 978-3-00-014351-9

Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg, Malik, 2006, ISBN

3890293123

Europäische Identität. Historische Wurzeln europäischer Identitätsfindung in Deutschland &

Europa. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Heft 52, 2006, S. 24-29

Klaus Herbers, Norbert Ohler, Bernhard Schimmelpfennig, Bernhard Schneider, Peter

Thorau, Pilgerwege im Mittelalter (DAMALS, Das Magazin für Geschichte und Kultur),

Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2005, S. 75-100

Club-Reiseführer Spanien, Dorling Kindersley Verlag GmbH München, 2001, S. 78-79; 85-

89; 335-337; 352-355; 534

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