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Von der westeuropäischen Erinnerung an Auschwitz zur ...

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© 2013 Egbert Jahn –

© 2013 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 10 und kontrovers im Gegensatz zu den offiziellen Bemühungen um ein einheitliches nationalstaatliches, europäisches oder weltweites Geschichtsbild. Es ist fast unmöglich, Menschen, die auf der einen Seite einer politischen Barrikade oder nationalen Front im Bürger- oder Staatenkrieg standen, dasselbe Geschichtsbild zu vermitteln wie denen, die auf der anderen Seite standen. Erst im Generationenabstand kann sich der Blick für die Gedanken und Emotionen auf beiden Seiten öffnen, sofern eine Überwindung der historischen Konfrontation angestrebt wird. Dies ist oft der Grundgedanke von bilateralen (deutsch-französischen etc.) Geschichtsbuchkonferenzen oder von ähnlichen multilateralen, europaweiten Unternehmungen. Gedenkpolitik versucht, herausragende, oft symbolisch besetzte historische Ereignisse alljährlich oder in größeren Zeitabständen ins öffentliche Bewußtsein zu bringen, um bei dieser Gelegenheit das jeweils herrschende, den aktuellen politischen Bedürfnissen angepaßte Geschichtsbild in aller gebotenen Kürze und Zusammenfassung zu vermitteln. Welche zeithistorischen Tatbestände liegen nun der erwähnten gedenkpolitischen Kontroverse um den 23. August und damit auch um den 27. Januar (bzw. seine Alternativen) zugrunde? Zwar kümmern sich extrem ideologische Positionen wie die von manchen dogmatischen Kommunisten und Nationalsozialisten kaum um historische Tatbestände, die ziemlich zweifelsfrei dokumentiert und in ihrem historischen Kontext gut erforscht sind, und leugnen sie oder erfinden alternative „Tatsachen“, aber beim ernsthaften Kern der gedenkpolitischen Kontroverse geht es weniger um historische Tatbestände, sondern um ihre gedenkpolitische Auswahl und vor allem um ihre politisch-moralische Bewertung. Im folgenden werden die drei erwähnten Dimensionen des gedenkpolitischen Streits nacheinander analysiert. Genaue Zahlen zu Massenmorden liegen meist nicht vor, da die Staaten und Parteien, die sie begangen haben, oft die Tatsache des Massenmordes zu leugnen und zu verschleiern versuchen, und da manchmal die Opfer-Gruppe dazu neigt, sie zu überhöhen. Deshalb handelt es sich bei den üblichen Zahlen bestenfalls um gut begründete Schätzungen. Wissenschaftlich, ethisch und manchmal auch juristisch ist eine möglichst genaue Erfassung der Zahl der Ermordeten geboten. Gedenkpolitisch kommt es nicht auf die genaue Zahl an, wohl aber auf die Größendimensionen. Bei den Massenmorden lassen sich drei Typen unterscheiden. Das Wort Völkermord (Genozid) wurde erst 1943 von dem polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin in Hinblick auf die ittihadistische Ermordung von Armeniern im Osmanischen Reich geprägt und wurde dann von ihm auch auf die Ermordung von Polen und Juden nach der deutschen und sowjetischen Besetzung Polens angewandt. Das Wort meint ursprünglich die Ermordung einer anderen

© 2013 Egbert Jahn – Zitieren bitte nur unter Angabe der Quelle 11 ethnischen, nationalen, rassischen oder religiösen Gruppe oder von Teilen derselben. Demgegenüber läßt sich der Massenmord an tatsächlichen oder vermeintlichen politischen Gegnern als Politizid und der an einer sozialen Gruppe, Schicht oder Klasse (Klassenmord) als Soziozid bezeichnen. Die Ermordung von geistig Behinderten und Homosexuellen im Dritten Reich oder von Adeligen, Bourgeois oder wohlhabenderen Bauern („Kulaken“) war ein solcher Soziozid. Heute wird das Wort Genozid manchmal auch unpassend auf den „Massenmord am eigenen Volk“ angewandt. Eine bessere Bezeichnung dafür und ganz allgemein für Massenmord ist jedoch Demozid (Bevölkerungsmord). Der US-amerikanische Demozidforscher Rudolph J. Rummel hat versucht, die Gesamtheit aller politisch getöteten Menschen im 20. Jahrhundert (genauer: von 1900-1987) zu berechnen. Er kam dabei auf 34 Millionen Kriegstote und 169 Millionen Menschen, die Demoziden zum Opfer fielen. Von diesen rechnete er 2 Mill. demokratischen, 29 Mill. autoritären und 138 Mill. totalitären Regimen zu. Unter letzteren gehen allein 110 Mill. auf das Konto von Kommunisten. 62 Mill. Menschen wurden demnach in der Sowjetunion ermordet, 35 Mill. in der Volksrepublik China und 21 Millionen im nationalsozialistischen Deutschland. Zu den letzteren gehören nach üblicher Zählung 6 Mill. Juden, nach Rummel 5,3 Mill. Dem ittihadistischen Genozid 1915-18 fielen laut Rummel 1,4 Mill. Armenier zum Opfer. Unter allen Völker- und Massenmorden wird vielfach der Mord an den Juden, manchmal auch der an der halben Million Roma (einschließlich der Sinti), als einzigartig oder singulär hervorgehoben. Diese These der Singularität hat nichts mit der Quantität der Ermordeten zu tun, denn es wurden z. B. weit mehr Slawen als Juden unter nationalsozialistischer Herrschaft ermordet, abgesehen von den viel höheren Mordraten in der Sowjetunion und in der Volksrepublik China. Einzigartig ist viel mehr, daß den Juden als solchen, also jedem einzelnen Juden, in der nationalsozialistischen Rassenideologie jegliche Existenzberechtigung abgesprochen wurde, und daß diese Ideologie auch systematisch, bürokratisch-industriell im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich in die Praxis umgesetzt wurde. Zwischen einem solchen exterminististischen Völkermord und einem dezimatorischen Völkermord, der nur einen Teil eines Volkes ausrotten will und auch tatsächlich ausrottet, aber dem betroffenen Volk eine Regenerationschance beläßt, besteht zumindest ein politisch-kultureller Unterschied. Ob die Ermordung von 6 Millionen Juden auch ein größeres Verbrechen darstellt als die von 62 Millionen Sowjetbürgern oder 35 Millionen Chinesen, läßt sich zumindest als ethische oder rechtliche Aussage sehr bezweifeln. Im übrigen hat ein großer Teil des jüdischen Volkes die nationalsozialistische Ausrottungspolitik überlebt, weil er sich nicht unter deutscher Herrschaft befand,

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