KONGRESSJOURNAL 2014 public

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Das Fachmagazin wurde beim Kongress für Allgemeinmedizin publiziert. Die Inhalte setzen sich aus Live-Berichten, Vorträgen und Interviews mit Referenten zusammen. Die Fachinserate werden hier nicht angezeigt, da diese nicht für die Öffentlichkeit erlaubt sind. Graz/29. November 2014

Bei Typ-2-Diabetes

KONGRESS

JOURNAL

Gut gerüstet –

einfach sicher fühlen!

AT/JEN/00021 07.11.2014

Fachkurzinformation auf Seite 28

Kongress_Journal_covercorner_10.11.14.indd 1 14.11.14 10:40

Offizielle Kongresszeitung der Steirischen Akademie für Allgemeinmedizin Graz/29. November 2014

45. Kongress für Allgemeinmedizin

Der jugendliche Patient

in der Allgemeinpraxis

Interview mit Dr. Reinhold Glehr

Viel in Bewegung

Über den Hausarzt

als zentrale Schnittstelle

wird in der

Politik schon lange

diskutiert. Ergebnisse

gibt es aber

kaum. Dennoch

sieht ÖGAM-Präsident

Dr. Reinhold

Glehr derzeit viel Bewegung in der Politik

und hofft darauf, dass die Stellung der

Allgemeinmedizin in Österreich endlich

aufgewertet wird. Seite 14

Müde Jugendliche

Die Eulen der Nacht

Ins Bett gehen die jugendlichen Nachteulen

erst nach Mitternacht. „Dies führt

zu einer verkürzten Gesamtschlafdauer

und einem Schlafdefizit“, erklärte Prim.

Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl. TV, Handy

und Social Media bzw. Internet sind

zusätzliche Schlafräuber. Seite 16

Sexualmedizin

Tanz der Hormone

Für Pubertierende sind die Eltern vernunftgesteuert,

langweilig, nicht offen

für Neues, peinlich und uncool. Letztlich

ist die Erwachsenenwelt nicht mehr die

Welt der Pubertierenden. „Neue Verhaltensmuster

müssen sich aber erst etablieren,“

so Dr. Elia Bragagna. Seite 26


KONGRESS

JOURNAL

IMPRESSUM

Medieneigentümer & Herausgeber:

Crisafulli & Stodulka

Unlimited Media GmbH

Unlimited Media

Verlag & Redaktion:

Salierigasse 26/4, 1180 Wien

Kontakt:

office@unlimitedmedia.at,

Thomas Stodulka: 0699/11 08 92 73

unlimitedmedia.at, zoe.imwebtv.at

Chefredaktion:

Thomas Stodulka, Eliana Crisafulli,

INHALT

4 Kongressleiter Dr. Walter Fiala im Interview

6 Polypharmazie: Wirkung & Wechselwirkung

6 Österreichischer Impfplan 2014: Impfen in der Praxis

8 Impressionen 2014: Kongress im Bild

10 Allergien im Jugendalter: Es liegt was in der Luft

10 Kinder- und Jugendpsychiatrie: Angst, Panik und Depression

12 Junge Allgemeinmediziner Österreich: Nachwuchs-Schwierigkeiten

13 Homöopathie bei Kindern und Jugendlichen

14 Allgemeinmedizin in Österreich: Dr. Reinhold Glehr im Interview

16 Müde Jugendliche: Wenn die Nacht zum Tag wird

17 Logotherapie & Existenzanalyse: Christoph Schlick im Interview

18 Welt-Diabetes-Tag: Dem Diabetes ins Gesicht schauen

20 Drogenmissbrauch und häufig verwendete Substanzen

21 Allergien und Intoleranzen: Wenn etwas nicht vertragen wird

22 Adipositas bei Jugendlichen: Kampf dem Obelix-Syndrom

24 Seltene Erkrankungen in der Allgemeinpraxis

26 Interview mit Dr. Elia Bragagna: Tanz der Hormone

27 Männer, Tattoos, Piercing: Haut und Körper als Symbol

30 Schulungsinitiative: Inhalieren richtig gemacht

Lektorat: Alexandra Lechner

Art Direktion & Layout:

Unlimited Media

Anzeigenberatung:

Alexandra Szczepanik, WebOwls;

franke media kg, www.frankemedia.at;

Clemens Lindinger

Druck:

Druckerei Odysseus Stavros

Vrachoritis GmbH,

Haideäckerstraße 1, 2325 Himberg

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit

wird auf eine geschlechtsspezifische

Differenzierung verzichtet.

Entsprechende Begriffe gelten im

Sinne der Gleichbehandlung für

beide Geschlechter. In den Texten

wird durchgängig die männliche

Form benutzt. Im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes

sind diese Bezeichnungen

als nicht geschlechtsspezifisch

zu betrachten.

Offizielle Kongresszeitung der

Steirischen Akademie für

Allgemeinmedizin

Graz 2014 KONGRESSJOURNAL 3


KONGRESS

JOURNAL

Kongressleiter Dr. Walter Fiala im Interview

Der Kongress boomt:

1.800 Teilnehmer

Seit 45 Jahren treffen sich Österreichs Allgemeinmediziner Ende

November in der Stadthalle Graz zur Fortbildung, zum Erfahrungs-

und zum Informationsaustausch. Auch heuer werden

insgesamt 1.800 Kongressbesucher erwartet. Während andere

Kongresse unter schwindenden Teilnehmerzahlen und leeren

Ausstellerhallen leiden, boomt Graz. Wir baten Dr. Walter Fiala

gleich am Eröffnungstag zum Gespräch. Im Interview erklärt der

Kongressleiter, was die Steirische Akademie für Allgemein- und

Familienmedizin (STAFAM) anders macht als die anderen.

Dr. Walter Fiala freute sich schon

am Eröffnungstag auf die vielen

angemeldeten Teilnehmer.

Foto: Siss Furgler

Was ist das Besondere an diesem

Kongress, dass er auch nach 45

Jahren so gut funktioniert?

Die Besonderheit besteht darin,

dass an drei Tagen ein Generalthema

in Vorträgen und Seminaren

aufbereitet wird. Die Themen und

Vortragenden werden vom Vorstand

der STAFAM nach den Bedürfnissen

der Allgemeinmedizin ausgesucht.

Wir ersuchen alle Vortragenden nur

die deutsche Sprache zu verwenden,

auch bei den Projektionen. Es behindert

die Konzentration, wenn der

Vortragende Deutsch spricht und auf

den Dias eine andere Sprache aufscheint.

Wir ersuchen auch, alle Abkürzungen

auszuschreiben. Täglich

werden neue Kürzel erfunden und es

grenzt an Hochmut vorauszusetzen,

dass jeder Teilnehmer alle kennen

muss. Und wir versuchen, Vortragende

zu ermutigen, auf Statistiken und

Studien zu verzichten. Vielmehr geht

es um deren eigene Erfahrungen.

Wie wichtig ist für den

Allgemeinmediziner Fortbildung?

Ein großer Allgemeinmediziner, Gerhart

Tutsch, hat gesagt: „Der Allgemeinmediziner

muss wissen, was

es gibt, und können, was er tut!“ Im

raschen Wechsel und der Zunahme

des Wissens ist der Allgemeinmediziner

besonders gefordert, er soll

sich in fast allen medizinischen Wissensgebieten

auskennen. Und dies

vor dem Hintergrund der enormen

Überbelastung in den Ordinationen.

Zudem sind wir die einzige Berufsgruppe

der Welt, die Fortbildung in

ihrer Freizeit – oder Dienstzeit mit

Bezahlung einer Vertretung – auf eigene

Kosten betreibt, die sich nicht

gleich in Mehrverdienst umsetzen

lässt, wie etwa Ultraschall- und Endoskopiekurse

für Internisten.

Was erwartet die Teilnehmer

heuer beim Kongress?

Freilich sind wir an neuesten Ergebnissen

aus der Forschung interessiert,

aber wichtiger sind uns die persönlichen

Erfahrungen unserer Vortragenden,

denen wir auch ohne lange

Aufzählungen von Statistiken und

Studien vertrauen. Die Pharmazeutische

Ausstellung und das Abendprogramm

geben zusätzlich Raum

und Zeit für Gedankenaustausch, der

genauso wichtig ist wie die Wissensvermittlung

im Vortragssaal.

Diesmal lautet das Thema: Jugend.

Welche Highlights gibt es?

Bei der jugendlichen Patientengruppe

ist es wichtig, das Vertrauen

zu gewinnen. Kein Jugendlicher will

krank sein, außer in akuten Situationen.

Von Psyche über Sucht, Verletzungen,

Stoffwechselerkrankungen

bis hin zur Sexualität deckt der

Kongress viele Behandlungssituationen

ab. Sehr wichtig ist uns auch

der Festvortrag, der uns zeigen wird,

dass die Jugend immer ein Spiegel

unserer Gesellschaft ist. Nur durch

die Änderung unseres Verhaltens ist

die Jugend positiv beeinflussbar.

Gibt es schon ein Kongressthema

für das Jahr 2015?

Für das nächste Jahr haben wir ein

ungemein spannendes und herausforderndes

Thema gewählt: Der

Mensch zwischen Naturwissenschaft

und Heilkunst. Darauf freuen

wir uns schon heute.

Infos zum Kongress 2015

und eine komplette

Kongressnachlese finden Sie auch

im Internet: www.stafam.at

4 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

Impressionen 2014

Kongress

im Bild

Jugendliche zum Thema des

Kongresses zu machen, war keine

leichte Aufgabe. Zudem sind und

waren Jugendliche immer ein

Spiegelbild der Gesellschaft. Auch

heute sind Drogen, Pornofilme und

Lokale, die rund um die Uhr offen

haben, keine isolierten Probleme

der Jugend, sondern dienen vor

allem den Erwachsenen für deren

Gewinnmaximierung.

„Aber der Kongress ist gut gelungen,

die Themen sind vielfältig, interessant

und praxisnah“, freute sich

Kongressleiter Dr. Walter Fiala bei

der Eröffnungsrede am Donnerstag.

Zum 45. Mal treffen sich 2014

die Allgemeinmediziner in Graz,

insgesamt 60.000 teilnehmende

Besucher stellen der Steirischen

Akademie für Allgemeinmedizin ein

besonderes Zeugnis aus. Dass die

Ärztinnen und Ärzte, deren Mitarbeiter

und auch die Aussteller begeistert

waren, bezeugt nicht zuletzt

diese Fotocollage. Das Thema des

nächsten Kongresses steht auch

schon fest: Der Mensch zwischen

Naturwissenschaft und Heilkunst.

8 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

9 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

Polypharmazie

Wirkung & Wechselwirkung

Polypharmazie ist in der Allgemeinpraxis ein breiter und wichtiger

Themenkomplex. Allerdings existiert nicht einmal eine einheitliche

Definition des Begriffs. Jedes einzelne Medikament hat nicht nur Wirkung,

sondern auch Nebenwirkungen. Je mehr Medikamente ein Patient

einnimmt, umso größer ist auch die Gefahr einer Polypharmazie.

Das Gefahrenpotential steigert sich

vor allem bei älteren und multimorbiden

Patienten und solchen,

die in Behandlung mehrerer Ärzte

oder Spitäler stehen. Dr. Reinhild

Höfler, niedergelassene Ärztin für

Allgemeinmedizin in Graz, Lehrbeauftragte

für Allgemeinmedizin an

der MUG, sieht das Problem aber

nicht nur aus der Sicht der Verschreiber:

„Teilweise ist die Verordnung

mehrerer bis vieler Medikamente

unumgänglich. Oft handelt

es sich aber um zusätzliche, unbeabsichtigte

oder sogar unbemerkte

Einnahme von Medikamenten oder

pharmakologisch wirksamer Substanzen.

Hier wird die Polypharmazie

zum Problem, das nur alle gemeinsam

lösen können.“

Über das Thema „gewohnheitsmäßige

Eigenmedikation“ erfährt oftmals

die Assistentin viel mehr Details. Die

Patienten plaudern gerne über Ratschläge

von Nachbarn, alte Hausmittel

und Tipps aus Zeitschriften. Der

behandelnde Arzt muss dafür schon

sehr gezielt nachfragen. Häufig ist den

Patienten gar nicht bewusst, dass

auch pflanzliche Substanzen – zum

Beispiel in Tees – eine Arzneimittelwirkung

haben. Dadurch sind aber

auch Wechselwirkungen mit verordneten

Medikamenten möglich.

Auch viele weitere Faktoren, unter

anderem nicht gewartete Medikamentenlisten

sowie wechselnde

Betreuungspersonen und dadurch

entstehende Kommunikationsprobleme

oder Verwechslungen durch

unterschiedliche Handelsnamen von

Medikamenten bei gleichen Wirkstoffen

können ein folgenschweres aber

vermeidbares Problem darstellen.

Foto: Dr. Reinhild Höfler

Österreichischer Impfplan 2014

Impfen

in der Praxis

Jedes Jahr wird der Impfplan

in Österreich in enger Zusammenarbeit

zwischen dem BM für

Gesundheit und Experten des

Nationalen Impfgremiums überarbeitet.

In seinem Seminar gibt

Univ.-Prof. Dr. Ingomar Mutz,

einen Überblick über die wichtigsten

Fakten und Neuheiten.

Bei der heurigen Neuauflage ging es

darum, einen einfacheren Überblick

über aktuelle, zur Verfügung stehende

Impfungen zu geben. Auch wird eine

bessere Differenzierung zwischen jenen

Kernimpfungen getroffen, welche

im Rahmen des kostenlosen Kinderimpfprogramms

von der Öffentlichkeit

getragen werden, und anderen

wichtigen Impfungen, welche nicht

im öffentlichen Impfkonzept bereitgestellt,

aber dennoch für den Individualschutz

empfohlen werden.

Der Impfplan Österreich 2014 enthält

mehrere signifikante Veränderungen.

Eine davon ist etwa die Aufnahme

der HPV-Impfung in das öffentlich finanzierte

Schulkinderimpfprogramm

für Buben und Mädchen. Weiters enthält

der Plan wichtige Informationen

über die Ausweitung der kostenlosen

Masern-Mumps-Röteln-Impfung

und die Aufhebung der Altersgrenze

von 45 Jahren. Im Seminar gibt Ingomar

Mutz aber nicht nur einen umfassenden

Überblick über Impfen in der

Praxis, sondern geht auf die Themen

Impfaufklärung, Impftechnik, Nebenwirkungen,

Impfängste, Besonderheiten

in der Schwangerschaft, bei

Reisen sowie die neueren Impfungen

gegen Humane Papillomviren, Herpes

zoster und Meningokokken B ein.

Ärzteseminar: „Impfen in der Praxis“

SA 9.00 – 12.00

6 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

Allergien im Jugendalter

Es liegt was in der Luft

Allergien und Asthma sind

gerade bei Jugendlichen ein

weltweites Problem. Denn in

vielen Ländern, wie auch in

Österreich, gibt es einen Anstieg

der Erkrankungshäufigkeit

bei der allergischen Rhinitis –

Tendenz weiterhin steigend.

Prim. Priv.-Doz. Dr. Fritz Horak, Allergiezentrum

Wien West, ging in seinem

Vortrag auf den epidemiologischen

Hintergrund ein. Frühzeitiger Allergenkontakt,

Umweltschadstoffe und

mangelnde Schutzfaktoren sind die

Probleme. Er erörterte auch die Frage,

warum Kinder und Jugendliche überhaupt

Allergien bekommen. Wichtig

ist in diesem Zusammenhang das

Immunsystem, denn es kann sich

unter verschiedenen Einflussfaktoren

entweder in Richtung Allergie

oder Toleranz entwickeln. Bestehen

einmal allergieverdächtige Symptome,

ist die richtige und rechtzeitige

Diagnostik relevant. Die Anamnese

ist hier immer noch das wichtigste

Tool des Allergologen. Meist folgen

ein Haut-Allergietest und/oder die

Bestimmung spezifischer IgE im Serum

des Patienten. Bei bestimmten

Fragestellungen ist auch eine Komponentendiagnostik

hilfreich. „Auch

der Allergen-Chip kann einen guten

Einblick in das spezifische Profil eines

Allergiepatienten geben, ist aber nicht

in jedem Fall indiziert“, so Fritz Horak.

Die richtige Therapie ist bei allen

Allergien entscheidend. Neben der

Allergenkarenz, die nicht für jedes Allergen

gleich gut möglich ist, sind die

symptomatische Therapie und die

spezifische Immuntherapie wichtige

Säulen in der Behandlung. Für

die symptomatische Therapie liegen

je nach Symptomatik verschiedene

Leitlinien vor, die ein meist stufenweises

Vorgehen nahelegen. Lokale

Therapiemaßnahmen stehen hier

systemischen Ansätzen gegenüber.

Die spezifische Immuntherapie ist die

wichtige dritte Säule in der Behandlung.

Sie ist die einzige kausale Therapieform,

die das Immunsystem nachhaltig

positiv beeinflussen kann. Dabei

kommt es vor allem auf eine richtige

Patienten- und Präparate-Auswahl

Prim. Priv.-Doz. Dr. Fritz Horak:

„Frühzeitiger Allergenkontakt,

Umweltschadstoffe und mangelnde

Schutzfaktoren sind die Probleme.“

an, um einen guten Therapieerfolg zu

gewährleisten. Dadurch wird auch das

Risiko von Nebenwirkungen gering

gehalten. Fritz Horak: „Die Zukunft der

Allergologie ist aber weiterhin spannend.

In wenigen Jahren werden neue

Tabletten-Anwendungen der sublingualen

Immuntherapie auf den Markt

kommen. Außerdem wird an weiteren

Applikationswegen der spezifischen

Immuntherapie gearbeitet.“

Infos: www.allergiezentrum.at

Foto: privat

Kinder- und Jugendpsychiatrie

Angst, Panik und Depression

Schon die Brüder Grimm schrieben

in ihren Märchen über „Einen,

der auszog, das Fürchten zu lernen“.

Dr. Thomas Kröpfl, Graz: „Viele Kinder

und Jugendliche brauchen das

heute nicht. Leider haben rund 20

Prozent der Kinder und Jugendlichen

psychische oder psychosoziale

Probleme.“ Sie leiden an Ängsten,

Depressionen, sie werden gemobbt

oder schikaniert und schweben dabei

manchmal sogar in Suizidgefahr. Leider

sind viele Angststörungen stabil,

sind also Grundlage für psychische

Störungen im Erwachsenenalter.

Die gute Nachricht: Diese Probleme

sind behandelbar, aber sie müssen

rechtzeitig erkannt werden. Für den

Allgemeinmediziner ist wichtig, die

Ängste der kleinen Patienten ernst zu

nehmen. Auch sollte er sehr genau

auf den Zeitpunkt des Auftretens, die

Dauer und Ausprägung der Angstsymptomatik

achten. Immerhin verüben

acht bis neun Prozent der Jugendlichen

einen Suizidversuch und

einer von 1.500 Jugendlichen stirbt.

10 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

Junge Allgemeinmediziner Österreich

Nachwuchs-Schwierigkeiten

Die Allgemeinmedizin in

Österreich steckt momentan

in einer schwierigen Phase.

„Die Ausbildungsreform ist

nicht der große Wurf, den wir

uns erhofft haben“, erklärt

Dr. Maria Wendler, Ärztin in

Ausbildung zum Fach Allgemeinmedizin

in Linz, Mitglied

der JAMÖ – Junge Allgemeinmedizin

Österreich.

Infos für Jungmediziner: Angebote, Aktivitäten und Vernetzungsmöglichkeiten

Fotos: Unlimited Media

Dr. Maria Wendler

Es gibt immer noch keinen Facharzt

für Allgemeinmedizin, die Ausbildungsstellen

für Sonderfächer sind

im Vergleich zu vor wenigen Jahren

leicht zu haben und die Reform der

Primärversorgung gibt zwar Hoffnung

für die Zukunft, besteht bisher

aber nur aus schönen Worten. „Unter

solchen Umständen ist es besonders

wichtig, dass wir unsere eigenen Ressourcen

mobilisieren - als Individuen

und als Interessensgemeinschaft. Vor

allem als junge Allgemeinmediziner

müssen wir uns untereinander mehr

vernetzen“, so Dr. Maria Wendler. Es

geht darum, Erfahrungen auszutauschen

und Strategien zu entwickeln,

um den widrigen Umständen zu

trotzen. Maria Wendler: „Unser Ziel

ist es ja, gute Allgemeinmediziner zu

werden. Um das zu erreichen, müssen

wir aber aktiv die Entwicklung im

positiven Sinne mitgestalten.“

Deshalb nutzen die Mitglieder der

JAMÖ den Grazer Kongress für Allgemeinmedizin,

um am JAMÖ-

Stand über ihre Aktivitäten und

Angebote zu sprechen: etwa den

„Journal Club Primary Care“ in Wien,

ein internationales Austauschprogramm,

oder die Förderung der

Teilnahme an internationalen Kongressen.

Der Workshop beim Allgemeinmedizinkongress

diente vor

allem der Kommunikation und der

Vernetzung. In den letzten Jahren hat

er sich zu einer Plattform für den Austausch

zwischen erfahrenen Hausärzten,

jungen Allgemeinmedizinern,

Turnusärzten und sogar Studenten

entwickelt. Mittlerweile ist der JAMÖ-

Workshop ein Fixpunkt im Kongressprogramm.

Maria Wendler: „Als eine

der größten, regelmäßigen Allgemeinmedizinveranstaltungen

in Österreich

ist der Kongress eine willkommene

Gelegenheit, sich zusammenzufinden

und Neuigkeiten zu diskutieren.“

Im Zentrum standen Fragen aus

dem Bereich der postgraduellen

Ausbildung, zum Beispiel: Wie reagieren

die Krankenhäuser in den

verschiedenen Regionen auf die sinkende

Verfügbarkeit von Allgemeinmedizin-Turnusärzten?

Aber es wurde

auch über die Auswirkungen auf

die Ausbildungsqualität diskutiert.

Welche Verbesserungsbestrebungen

gibt es und wie kann man sie vielleicht

im eigenen Umfeld umsetzen?

Andere Themen waren die Visionen

der Jungmediziner, die Zukunft der

Allgemeinmedizin, Forschung, aber

auch neue Arbeitsstrukturen.

Die JAMÖ freut vor allem die Teilnahme

der unterschiedlichen Grupen.

Für Studenten war der Workshop

eine gute Gelegenheit, sich für

die zukünftigen Herausforderungen

zu wappnen, um das Bestmögliche

aus Studium und Turnus herauszuholen.

Ärzte, die den Turnus bereits

hinter sich haben, diskutierten

über Vertretungen oder die ersten

Schritte in der eigenen Niederlassung.

Aber auch erfahrene Hausärzte

nutzten die Möglichkeit, ihren

Erfahrungsschatz zur Verfügung zu

stellen und die Sichtweisen der neuen

Generationen kennen zu lernen.

WEITERE INFOS:

www.jamoe.at

www.facebook.com/jungeallgemeinmedizin

www.twitter.com/jungeAM

12 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

Homöopathie bei Kindern und Jugendlichen

Ähnliches mit Ähnlichem behandeln

Homöopathie behandelt individuell

jede Person nach ihren

Stärken und Schwächen in ihrer

Gesamtheit. Nach Hahnemann

(1755 bis 1843) gilt die Ähnlichkeitsregel,

die besagt, dass eine

Arznei das heilen kann, was sie

selber darstellt.

Dr. Holger Förster

Ärzteseminar: „Homöopathie bei

Jugendlichen“, SA 14.30 – 17.30

Foto: privat

Globuli sind vor allem bei viralen

Infekten, allergischen Problemen oder

Schlafstörungen höchst wirksam.

„Homöopathie ist ein allgemein anerkanntes

Naturheilverfahren, welches

das gesamte Spektrum körperlicher,

seelischer und geistiger

Charakteristika von Kindern und Jugendlichen,

die erkrankt sind, mit in

die Behandlung einbezieht“, erklärt

Dr. Holger Förster, Facharzt für Kinder-

und Jugendheilkunde, Salzburg.

In der homöopathischen Sprechstunde

mit Jugendlichen geht es oft

um allgemeinmedizinische Themen

wie rezidivierende Infekte, Allergien,

aber auch um spezielle Themen des

Adoleszenten wie Akne, Regelbeschwerden,

Körperwahrnehmungsstörungen

bis hin zur Anorexie. Ein

großes Thema sind auch „psychosomatische“

Beschwerden in Form

von Ticks, Kopf-Bauchschmerzen,

Stottern und die Problembereiche

Schlafen und Schule bis hin zu ADHS,

Angststörungen und Depression.

Homöopathie ist eine Regulationstherapie,

das heißt, sie kann Veränderungen

im Organismus positiv

beeinflussen, solange keine strukturellen,

materiellen Ursachen vorliegen.

Holger Förster: „Wir wählen Arzneien

aus dem pflanzlichen, tierischen, mineralischen

Bereich in potenzierter

Form üblicherweise als Globuli oder

Tropfen. Neben der Therapie von

einfachen viralen Infekten, die uns

jetzt besonders begleiten, bewährt

sich Homöopathie vor allem bei allergischen

Problemen wie Pollinose

oder Asthma und Verhaltensauffälligkeiten,

sichtbar in Schulproblemen,

Schlafstörungen oder auch im Formenkreis

des ADHS.“

Foto: Unlimited Media

Besonderes Augenmerk wird naturgemäß

auf die Anamnese gelegt,

die bei Jugendlichen meist schwierig

ist. Wichtig ist es, die Gesamtheit

des Menschen zu erfassen und somit

sind alle Eindrücke während eines

homöopathischen Gespräches

wichtig und vielleicht auch unwichtig

erscheinende Nebensächlichkeiten

zielführend bei der Wahl der Arznei.

Im zweiten Schritt muss eine Arznei

gesucht werden, die den gefundenen

Charakteristika möglichst nahe

kommt: Ähnliches mit Ähnlichem behandeln.

Dabei kann man sich diverser

Fragebögen bedienen, um schließlich

aus Lehrbüchern, Algorithmentafeln

oder Computerprogrammen eine

gute Arznei zu finden. Eingegangen

wird bei der komplexen Suche nach

der richtigen homöopathischen Arznei

aber auch auf bewährte Indikationen,

die mit guter Sicherheit schnell zum

Erfolg führen können. Holger Förster:

„Wenngleich wir noch immer nicht

die Wirkung der Homöopathie naturwissenschaftlich

erklären können, so

sehen wir doch im täglichen Umgang

mit dieser Therapieform die teilweise

verblüffende Wirksamkeit — auch an

denen, die nicht daran glauben.“

Infos: www.dr-foerster.at

HILFE BEI

DURCHSCHLAFSTÖRUNGEN:

• Belladonna:

plötzliches Auffahren aus Schlaf,

heftiges Schreien, Zähneknirschen,

rotes Gesicht, Schwitzen

• Cypripedium:

wacht munter auf und will spielen

• Jalapa: schreit stundenlang

• Zincum valerianum:

allgemeine Unruhe, schweres

Ein- und Durchschlafen

Graz 2014 KONGRESSJOURNAL 13


KONGRESS

JOURNAL

Allgemeinmedizin in Österreich: Dr. Reinhold Glehr im Interview

„Viel in Bewegung“

Über den Hausarzt als zentrale Schnittstelle wird in der Politik schon

lange diskutiert. Ergebnisse gibt es aber kaum. Dennoch sieht

Dr. Reinhold Glehr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für

Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM), derzeit viel Bewegung

und hofft auf eine Neuordnung der Arbeitsverteilung zwischen

stationärem und ambulantem Bereich.

Wie sehen Sie die Stellung der Allgemeinmedizin

in Österreich?

Im österreichischen Gesundheitssystem

ist derzeit viel in Bewegung. Mit

dem Zielsteuerungsvertrag zwischen

Bund und Ländern 2013 wurden

strategische Ziele mit Programmcharakter

für die Neuordnung der Arbeitsverteilung

zwischen stationärem

und ambulantem Bereich vereinbart.

Multiprofessionelle, interdisziplinär

organisierte Versorgungsformen unter

einem Dach sollen eine wohnortnahe,

permanent zugängliche Gesundheitsversorgung

sicherstellen.

Bestehende Ordinationen werden

verbindlicher in Netzwerken zusammenarbeiten.

An der Konkretisierung

mit einer gestärkten Allgemeinmedizin

wird intensiv gearbeitet. Wie die

Umsetzung jedoch erfolgt, ist schwer

abzusehen. Zu hoffen ist, dass Bewährtes

im Eifer der Reform nicht

zerstört und die Qualität der Versorgung

nicht verschlechtert werden.

Wird der Nachwuchs auf das Berufsleben

als „Niedergelassener“

gut vorbereitet?

In der nun im Nationalrat verabschiedeten

Ärztegesetznovelle hat sich viel

geändert. Endlich soll nun die verpflichtende

Lehrpraxis im Fach Allgemeinmedizin

Wirklichkeit werden:

im Umfang von sechs Monaten bei

freiberuflichen Ärzten. Gleichzeitig

wird der Allgemeinmedizin-Turnus

als „Approbationsausbildung für alle

Ärzte“ durch den neunmonatigen

Common-Trunc ersetzt. Danach erfolgt

die Entscheidung für die jeweilige

Fachausbildung – auch in Richtung

Allgemeinmedizin.

Vor allem die Lehrpraxis ist ja ein

Problemfall der letzten Jahre ...

Die noch nicht gesicherte Finanzierung

der Lehrpraxis ist wohl das entscheidende

Kriterium. Wichtig wird

aber auch sein, dass die Weiterbildung

zum Arzt für Allgemeinmedizin in der

vorgeschriebenen Zeit absolviert werden

kann. Da müssen sich Kammer,

Träger und niedergelassener Bereich

sinnvoll einigen. Das bereits gestartete

„Lehrpraxismodell Vorarlberg“

mit Beteiligung von Bund, Land, Ärztekammer

und Sozialversicherung

stimmt mit seinen Qualitätskriterien

und dem fugenlosen Wechsel in die

Lehrpraxis aber hoffnungsvoll.

In Deutschland fehlen schon viele

Allgemeinmediziner. Haben wir

auch in Österreich ein Problem

beim Nachwuchs?

Dr. Reinhold Glehr: „Wir haben in

Europa ja keinen absoluten Mangel an

Ärzten, sondern eher einen strukturellen,

der aus Versäumnissen der letzten

Jahre resultiert.“

Die Rahmenbedingungen werden

sich dem Bedarf rasch anpassen

müssen, sonst ist dieselbe Problematik

wie in Deutschland zu erwarten.

Wir haben in Europa ja keinen absoluten

Mangel an Ärzten, sondern eher

einen strukturellen, der aus Versäumnissen

der letzten Jahre resultiert.

Die Zusammenarbeit zwischen

Krankenhaus und niedergelassener

Praxis funktioniert nicht überall.

Gibt es Lösungen für ein besseres

Schnittstellenmanagement?

Die Ärztenetzwerke nach dem Modell

Styriamed.net stellen hier eine Entwicklung

dar, die auch den Konzepten

der Gesundheitssystem-Reform

entspricht. Gemeinsam erarbeitete

Regeln der Zusammenarbeit, bessere

Kommunikation über Dringlichkeit,

Öffnungszeiten und Urlaubszeiten,

Telefonhotline für Nachfragen, bessere

Definition des betreuenden Arztes,

gemeinsame medizinische und

organisatorische Meetings und ein

gemeinsames Fehlermanagement

können die Probleme an den Schnittstellen

vermindern.

Foto: privat

14 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

Müde Jugendliche

Wenn die Nacht zum Tag wird

Immer wieder sind auch Ärzte

mit dem Problem Müdigkeit

bei Jugendlichen konfrontiert.

Schüler fallen durch Konzentrationsprobleme

und schlechte

Schulleistungen, Lehrlinge

durch Fehlleistungen, aber

auch durch eine erhöhte

Unfallgefährdung auf.

Prinzipiell ist eine veränderte Schlafgewohnheit

in der Pubertät durchaus

natürlich, da die Jugendlichen

in relativ kurzer Zeit ihre gesamten

Verhaltensmuster ändern. Ins Bett

geht man erst nach Mitternacht. Dies

führt zu einer verkürzten Gesamtschlafdauer

und einem Schlafdefizit.

TV, Handy und Social Media bzw.

Internet sind zusätzliche Schlafräuber.

„Die Verschiebung des Schlafes

nach hinten geht auch mit hormonellen

Verschiebungen einher“, erklärt

Prim. Univ.-Prof. Dr. Reinhold

Kerbl, LKH Leoben. Verantwortlich

dafür sind in erster Linie Cortisol und

Melatonin. Wobei nicht ganz klar ist,

ob die Hormone das Schlafverhalten

beeinflussen oder umgekehrt.

An Wochenenden kommt es durch

den sozialen Gruppendruck zu einer

zusätzlichen Schlafphasenverschiebung.

Fortgehen bis in die frühen

Morgenstunden und Schlaf bis am

Nachmittag bringen das System

umso mehr aus dem Gleichgewicht.

Zwar wird das während der Schuloder

Arbeitswoche angesammelte

Schlafdefizit zum Teil kompensiert,

gleichzeitig aber rächt sich dies am

Montagmorgen, wenn die Jugendlichen

für die Schule oder die Arbeit

um 6:00 Uhr oder noch früher aufstehen

müssen. „Müdigkeit kann bei

Jugendlichen viele Ursachen haben,

Jugendliche Nachteulen: Ins Bett geht man erst nach Mitternacht. Dies führt zu

einer verkürzten Gesamtschlafdauer und einem Schlafdefizit. TV, Handy und

Social Media bzw. Internet sind zusätzliche Schlafräuber.

Prim. Univ.-Prof. Dr. Reinhold Kerbl:

„Müdigkeit kann bei Jugendlichen viele

Ursachen haben, auch organische –

und die gehören abgeklärt.“

auch organische – und die gehören

abgeklärt“, meint Reinhold Kerbl. Es

kann zum Beispiel eine Schlafapnoe

(am häufigsten), ein Hypoventilationssyndrom,

eine Anämie, ein

Chronic-fatigue-Syndrom vorliegen

oder auch eine psychische Erkrankung,

vor allem eine Depression.

Wenn mögliche organische Ursachen

ausgeschlossen wurden, zielt

ein erster Ansatz zur Hilfe auf eine

Verhaltensänderung ab: Schlafhygiene,

vernünftiger Gebrauch von

Handy, TV und Internet, Vermeidung

überlangen Fortgehens.

In punkto medikamentöser Behandlung

kann Melatonin in Betracht gezogen

werden. Dies kann zu einer

Vorverlagerung des Schlafbeginns

und somit zu einer Verlängerung der

Gesamtschlafdauer führen. Reinhold

Kerbl: „Melatonin ist zwar als Medikament

für Kinder nicht zugelassen,

jedoch auch als Nahrungsergänzung

erhältlich. Es ist im Grunde eine

harmlose Substanz mit so gut wie

keinen Nebenwirkungen.“ Trotzdem

ist eine medikamentöse Therapie

nicht erste Wahl und sollte auf seltene

oder mit anderen Mitteln nicht

beherrschbare Fälle beschränkt bleiben.

Das gilt ebenfalls für das Wachstumshormon,

das nur im extremen

Ausnahmefall einer pathologischen

Schlafphasenverschiebung indiziert

ist. Auch eine Lichttherapie kann hilfreich

sein. Ein vermehrter Blauanteil

in den Morgenstunden und ein erhöhter

Rotanteil in den Abendstunden

fördern den gesunden Schlaf

und tragen zu einer Normalisierung

der Melatoninproduktion bei.

Foto: privat

16 KONGRESSJOURNALGraz 2014


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JOURNAL

Logotherapie & Existenzanalyse: Christoph Schlick im Interview

Suche nach Sinn und Werten

Gerade bei Jugendlichen können Aggression und auch Depression

eine Folge von nicht gefundenem bzw. verlorenem Sinn sein.

Christoph Schlick, Leiter des Institutes für Logotherapie und

Existenzanalyse in Salzburg, verfügt über eine langjährige Erfahrung

in Forschung und Lehre, Beratung und Therapie nach Frankls

Logotherapie und Existenzanalyse. Im Interview sprach er über

sinnorientierte Psychotherapie, der Suche nach Sinn und Werten,

aber auch über Persönlichkeitsentwicklung.

Wie können Logotherapie und Existenzanalyse

helfen?

Es geht um ein Menschenbild, das

die Person in ihrer Freiheit und Verantwortung

ernst nimmt. Der Mensch

will sinnorientiert leben, er will Werte

in den vielfältigen Situationen des

Lebens finden und verwirklichen,

sagt ihr Begründer, der Wiener Arzt

und Philosoph Viktor E. Frankl. Mit

der Existenzanalyse gibt uns Frankl

Werkzeuge mit auf den Weg, um die

Möglichkeiten, Wertigkeiten und den

Sinn des eigenen Lebens zu entdecken.

Die Logotherapie ist Lebenshilfe,

um den erkannten Sinn auch

im privaten und beruflichen Alltag

ein- und umzusetzen.

Ist die Suche nach dem Sinn bei

Jugendlichen ein wichtiges Thema?

Jugendliche sind sowieso unsicher,

hinzu kommen die Pubertät und das

Überangebot an Sinn und Werten.

Daher geht es um die Frage: Wie können

sich junge Menschen orientieren?

Können sie sich überhaupt entscheiden?

Viele Jugendliche kommen aus

Familien, in denen sich die Strukturen

immer mehr auflösen und sie immer

weniger übernehmen können.

Was wollen Sie dem Arzt vermitteln?

In der sinnorientierten Psychotherapie

geht es um Menschen, denen

das Wofür fehlt. Dadurch tun sie sich

schwer in ihrer Entwicklung und beruflichen

Orientierung. Mir geht es

nicht um Gesellschaftskritik, Ärzte

sollten die Zusammenhänge kennen.

Wenn ein Jugendlicher über

körperliche Probleme spricht, steckt

vielleicht eine psychische Verunsicherung

dahinter.

Christoph Schlick: „Die Logotherapie

ist Lebenshilfe, um den erkannten

Sinn auch im privaten und beruflichen

Alltag ein- und umzusetzen.“

Welche Tipps gibt es?

Die Frage nach dem Sinn kann man

nie direkt stellen. Besser ist: Was ist

dir als Jugendlicher wichtig? Wenn

ein junger Mensch dabei zu stottern

beginnt, hat er Probleme oder keinen

Halt. Im nächsten Schritt geht es

darum, ihm zu helfen. Welche Tipps

kann man dem Jugendlichen geben?

Hat er eine Aufgabe? Wie schaut seine

Beziehungsstruktur aus? Hat er

Vertrauenspersonen? Hat er jemanden,

mit dem er wirklich gut reden

kann – nicht nur seine „oberflächlichen“,

pubertierenden Freunde, die

ähnliche Probleme haben. Hat er nur

seine Eltern, von denen er sich lösen

muss? Das wären die ersten Themen.

Mein Grundansatz auf dieser Lösungsebene

sind gut gelebte Beziehungen.

Das muss man lernen: mit

sich selbst in Bezug zu sein, zu wissen,

wie es mir geht, was ich brauche.

Welche Beziehung gibt es zu anderen

Menschen? Welche Aufgaben

habe ich? Wie ist der Bezug zur Welt,

zur Natur, zur Kultur? Interessant ist,

dass Jugendliche, die sich in irgendeiner

Form musisch betätigen – sie

müssen nicht musikalisch sein –, weniger

gefährdet sind, eine Krise zu haben.

Sie haben einen anderen Bezug

zur Welt als Jugendliche, die nur am

Konsum interessiert sind.

Der Hausarzt wird meist nur der

erste Ansprechpartner sein, nicht

der Therapeut.

Ja und es ist auch nicht notwendig,

diese Jugendlichen in Therapie zu

schicken. Der Arzt muss erkennen,

dass es nicht um rasches Verschreiben

eines Medikaments geht. Wichtig

ist die Frage nach einem intakten

Beziehungsnetz. Gerade bei jungen

Menschen herrscht hier ein Defizit,

daran sollte man immer denken.

Infos: www.sinnzentrum.at

Foto: Christian Jungwirth

Graz 2014 KONGRESSJOURNAL 17


KONGRESS

JOURNAL

Welt-Diabetes-Tag

Dem Diabetes ins Gesicht schauen

Etwa acht bis neun Prozent aller

Menschen in Österreich leiden

laut Diabetes-Bericht 2013

an Diabetes. Sechs Prozent

(430.000 Menschen) haben

einen ärztlich diagnostizierten

Diabetes, weitere 150.000 bis

200.000 sind noch nicht diagnostiziert.

Anlässlich des Welt-

Diabetes-Tags am 14.11.2014

wies die Österreichische Diabetes

Gesellschaft (ÖDG) auf die Gefahren

des Diabetes mellitus hin.

„Aufgrund des steigenden Lebensalters

wird sich die Zahl der Betroffenen

noch weiter erhöhen. Darum

möchten wir einmal mehr darauf

aufmerksam machen, was Diabetes

bedeutet. Und zwar nicht nur

für die Betroffenen – sowohl jene,

die es wissen, als auch jene, die

sich gar nicht bewusst über ihre

Erkrankung sind – und ihre Angehörigen,

sondern auch für das österreichische

Gesundheitssystem

und unsere Gesellschaft“, erklärt

Univ.-Prof. Dr. Thomas C. Wascher,

Hanuschkrankenhaus, Vorsitzender

der ÖDG. Immerhin gibt es in Österreich

rund 10.000 Todesfälle als

Folge von Diabetes, 2.500 Amputationen,

300 neue Dialysepatienten

und 200 neu erblindete Patienten.

Dieser Gefahr des Diabetes blickt

man buchstäblich ins Auge, wenn

man den Logos der ÖDG-Initiative

„Face Diabetes“ begegnet. Mit dieser

Initiative weist die ÖDG darauf hin,

dass sich einerseits die Betroffenen

täglich mit ihrer chronischen Erkrankung

und deren Management auseinandersetzen

müssen, aber auch

die österreichische Politik, die Gesellschaft

und alle Menschen. Anlässlich

Am Welt-Diabetes-Tag erstrahlen

bekannte Gebäude und Sehenswürdigkeiten

auf der ganzen Welt in

Blau. Heuer war erstmals das Wiener

Riesenrad dabei.

des Welt-Diabetes-Tags veranstaltet

die Initiative eine Reihe von Aktivitäten,

um die öffentliche Wahrnehmung

für Diabetes und seine Prävention

zu schärfen. Zum einen wird

das von einem Augenpaar getragene

Logo „Face Diabetes“ im öffentlichen

Raum projiziert, etwa in Wien, Am

Graben und an der stark befahrenen

Altmannsdorfer Straße. Außerdem

werden im November öffentliche Verkehrsmittel

in den Landeshauptstädten

Wien, Graz, Innsbruck, Salzburg

Foto: Public Health PR

und Linz mit dem „Face Diabetes“-

Logo gebrandet. Ein TV-Spot mit Dirk

Stermann, ein Quiz mit Gewinnspiel,

ein Newsletter und alle Aktivitäten der

Initiative sind auf der Website nachzulesen:

www.facediabetes.at.

Seit 2008 erstrahlen am Welt-Diabetes-Tag,

am 14. November, bekannte

Gebäude und Sehenswürdigkeiten

auf der ganzen Welt in Blau. Die World

Diabetes Day Monument Challenge

wurde von der International Diabetes

Federation (IDF) ins Leben gerufen.

Auf Initiative der ÖDG werden auch

2014 (bis Ende November) wieder

ausgewählte österreichische Bauwerke

in blaues Licht getaucht: das Wiener

Riesenrad, der Hochstrahlbrunnen

am Schwarzenbergplatz in Wien, das

Grazer Rathaus, das Ars Electronica

Center in Linz, das Bregenzer Festspielhaus,

Salzburg Congress und das

Stadttheater Hallein. International

sind unter anderem das Empire State

Building in New York, das London Eye

und die Bronzefigur „Die Kleine Meerjungfrau“

in Kopenhagen dabei.

Weitere Infos:

www.facediabetes.at

www.oedg.org

18 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

Verfügbar sind viele unterschiedliche und bunte Drogen, wirklich nennenswert verwendet wird aber meist Cannabis.

Drogenmissbrauch und häufig verwendete Substanzen

Über Cannabis, Opioide und Ecstasy

Aktuelle Daten des Wiener Suchtmittelmonitorings zeigen keine Veränderungen

des Drogenkonsums. Cannabis ist nach wie vor die einzige

illegale Droge mit einer nennenswerten Konsumprävalenz. Befragungen

unter Studierenden zeigen, dass in dieser Gruppe Alkohol eine

wesentlich größere Gefahr darstellt als der Konsum illegaler Drogen.

Der Konsum neuer psychoaktiver Substanzen spielt kaum eine Rolle.

Konsumerfahrungen mit illegalen

Drogen finden sich in Österreich

am häufigsten bei Cannabis mit

Prävalenzraten von etwa 30 bis 40

Prozent bei jungen Erwachsenen.

In den meisten Repräsentativstudien

finden sich Konsumerfahrungen

von zwei bis vier Prozent für „Ecstasy“,

Kokain und Amphetamine und

von ein bis zwei Prozent für Opiate.

Beim problematischen Drogenkonsum

in Österreich macht der Opioidkonsum

– meist kombiniert mit anderen

Substanzen – aktuell das Gros

aus. Problematisch bezieht sich dabei

in erster Linie auf das Konsumverhalten

und nicht auf die Substanz selbst.

Als problematisch wird Drogenkonsum

dann bezeichnet, wenn dieser

mit körperlichen, psychischen und/

oder sozialen Problemen einhergeht.

OA Dr. Rainer Schmid, Toxikologische

Intensivstation im Wilhelminenspital

Wien: „Etwa 90 Prozent aller Personen

in drogenspezifischer Betreuung

haben die Leitdroge Opioide. Aktuell

gibt es zwischen 30.000 und 34.000

Personen mit problematischem Drogenkonsum

unter Beteiligung von

Opioiden.“ Etwa die Hälfte davon lebt

in Wien. Eine Drogensucht tritt nach

wie vor in Ballungszentren häufiger

auf als in ländlichen Gebieten. Allerdings

steigen die Zahlen in den anderen

Bundesländern, während in Wien

die Prävalenzzahlen in den letzten

Jahren stagnieren.

Ein häufiges Problem stellt die Überdosierung

von Opioiden dar – hier

wiederum von Substitutionspräparaten,

welche intravenös, peroral,

aber auch geraucht oder gesnifft

appliziert werden. Besonders wegen

der Atemdepression entstehen

lebensbedrohliche Zustandsbilder.

Reine Heroinüberdosierungen sind

mittlerweile sehr selten geworden.

Kokain ist ein Alkaloid und ein starkes

Stimulans. Das geruchlose Pulver

wird meist geschnupft, gelegentlich

intravenös oder inhalativ

missbraucht. Ein Strecken mit zu viel

Strychnin kann toxische Symptome

verursachen! In erster Linie wird das

ZNS aktiviert (Euphorie, Unruhe, Tremor,

Halluzinationen, Krämpfe) aber

auch Angst, paranoide Symptome,

Suizidtendenz kommen vor. Probleme

kann es auch mit Koronarspasmen,

Palpitationen, Thoraxschmerz

oder Hypertension geben.

Cathinonderivat (Cath/Quat-Strauch)

ist ein fein- bis grobkristallines Pulver

und wird meist gesnifft, seltener

geschluckt. Es hat eine typisch aufputschende,

antriebsteigernde Wirkung,

wird von den Konsumenten

auch als bewusstseinserweiternd beschrieben.

Ecstasy ist eine Sammelbezeichnung

für eine Vielzahl von

Phenylethylaminen, meist Mischformen,

im Idealfall reines Methylendioxy-Methylamphetamin.

Crystal Meth hat als Grundstoff

Ephedrin (Ephedra-Kraut) und kann

sehr einfach chemisch synthetisiert

werden. Als Reaktionsprodukt

kommt es als hoch reine Substanz

in kristalliner Form auf den Markt.

Ephedrin und Pseudoephedrin sind

auch in frei verkäuflichen Erkältungsmitteln

zu finden.

WEITERE INFOS:

www.a-k-n.at/dokumente

www.partypack.de

www.checkyourdrugs.at

www.bmg.gv.at

20 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

Adipositas bei Jugendlichen in Österreich

Kampf dem Obelix-Syndrom

Übergewicht und Adipositas

bei Kindern und Jugendlichen

werden verursacht durch das

Zusammenspielen von Erbanlagen

und der Umwelt. OA

Dr. Daniel Weghuber, Salzburg:

„Die Erbanlagen unserer Gesellschaft

haben sich in den letzten

Jahrzehnten nicht geändert,

sehr wohl aber die Bedingungen,

unter denen wir leben.“ Auf

Lebensstil, Lebensumstände

und die Umwelt muss daher

vermehrt geachtet werden – vor

allem bei der Prävention und

der Therapie von kindlicher oder

jugendlicher Adipositas.

Übergewicht und Adipositas treten

in Österreich bei immer mehr Kindern

und Jugendlichen auf – Tendenz

weiter steigend. Für eine erfolgreiche

Therapie ist aber nicht nur der Blick

auf die Waage entscheidend, sondern

eine interdisziplinäre Betreuung im

Team. Diagnostik und Therapie müssen

auf andere medizinische Disziplinen

ausgeweitet werden. Bauch- und

Halsumfang, Haut, Bewegungsapparat

und Atmung sind ebenso wichtige

Parameter, die in Diagnostik und

Therapie einbezogen werden müssen.

Zudem führt nur eine interdisziplinäre

Zusammenarbeit im Team

zum Erfolg. Der Arzt ist dabei am

wenigsten gefragt. Wichtiger sind Experten

aus den Bereichen Ernährung,

Bewegung und Psychologie. „Darüber

hinaus ist wichtig, dass dieses

Team die Betroffenen nachhaltig und

über einen langen Zeitraum betreut“,

so Daniel Weghuber.

Das ist natürlich viel Aufwand, aber

internationale Studien zeigten deutlich,

dass andere Maßnahmen keinen

OA Dr. Daniel Weghuber: „Als Experten

und als Gesellschaft müssen wir

Methoden entwickeln, die alle Betroffenen

bestmöglich erreichen.“

dauerhaften Erfolg bringen. Ein Großteil

der Angebote führt bei den Übergewichtigen

nicht zum Ziel – eben der

Gewichtsabnahme. Diese ist heute

auch nicht mehr das primäre und alleinige

Bestreben, es geht vor allem

darum, Bewusstsein und Verständnis

zu erzeugen und in die Therapie, neben

medizinischen Werten, verstärkt

psychologische Aspekte und natürlich

Bewegung einzubeziehen.

Daniel Weghuber: „Wichtig sind

auch sportmedizinische Variablen.

Tests können zeigen, ob jemand

körperlich fit oder unfit ist – und das

ist entscheidender als das Gewicht,

Foto: privat

das die Waage anzeigt.“ Ein weiteres

Problem ist die soziale Ungerechtigkeit.

Da ausgeklügelte und wirksame

Programme viel Zeit und Geld

benötigen, werden die Teilnehmer

ganz gezielt ausgewählt – ob sie

erfolgreich sein werden oder nicht.

Daniel Weghuber: „Das bedingt die

Tatsache, dass viele junge Menschen,

die eine Therapie benötigen,

diese nicht erhalten. Als Experten

und als Gesellschaft müssen wir

daher Methoden entwickeln, die alle

Betroffenen bestmöglich erreichen.“

Umweltfaktoren, Ernährung und

Bewegung spielen auch eine große

Rolle in der Prävention von Adipositas.

„Der Stein der Weisen wurde

dafür noch nicht gefunden“, so der

Salzburger Experte. Aber es gibt eindeutige

Hinweise, dass Prävention

möglichst früh passieren sollte – am

besten schon während der Schwangerschaft

oder im Baby-Alter.

Prävention ist aber nicht nur Thema

jedes Einzelnen, es hat immer auch

eine gesellschaftliche Dimension.

Diese reicht von politischen Maßnahmen

– wie der Kennzeichnung

und Besteuerung von Nahrungsmitteln

– bis hin zur Forderung nach täglichem

Turnunterricht in der Schule.

Weitere Informationen:

www.gewichtig.at

22 KONGRESSJOURNALGraz 2014


KONGRESS

JOURNAL

Interview mit Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna

Tanz der Hormone

Pubertät ist die Zeit, in der uns

unsere Kinder zu entgleiten

scheinen. Sie werden unberechenbarer

und sie wandeln sich.

Im Interview spricht Sexualmedizinerin

Dr. Elia Bragagna über

die Pubertät, welche Veränderungen

stattfinden und die Kluft

zwischen Jugendlichen und

Erwachsenen.

Wieso ist für Erwachsene der

Umgang mit Pubertierenden so

schwierig?

Eigentlich erwarten Erwachsene

berechenbare Reaktionen und die

Fähigkeit, selbst unter starken Emotionen

komplexe soziale Situationen

zu meistern. Für Pubertierende sind

die Eltern vernunftgesteuert, langweilig,

nicht offen für Neues, in ihrer

alten Zeit gefangen, peinlich oder

uncool. Letztlich ist die Erwachsenenwelt

nicht mehr die Welt der Pubertierenden.

Anerzogene Verhaltensmuster

gelten nicht mehr, neue

müssen sich erst etablieren.

Was bewirken die großen körperlichen

Veränderungen in dieser Zeit?

Auf der körperlichen Ebene durchlaufen

Jungendliche sichtbare und

unsichtbare Veränderungen. Zu den

sichtbaren gehören die Geschlechtsreife,

die erste Menstruation und die

erste Ejakulation. Diese Veränderungen

können das Gefühl der Zugehörigkeit

zum eigenen Geschlecht

verstärken oder verunsichern. Sehr

belastend werden deswegen in dieser

Zeit sichtbare Erkrankungen empfunden,

etwa Akne, Psoriasis, Narben,

Alopecia areata oder Adipositas.

Dazu kommen noch unsichtbare

Auswirkungen, die es den Jugendlichen

schwer machen, den neuen

Platz in der Welt der Pubertierenden

einzunehmen: Depression, Schizophrenie,

Epilepsie, Asthma oder auch

onkologische Erkrankungen.

Vor allem die Gedankenwelt scheint

neu geordnet zu werden. Die Fähigkeiten

eines Teenagers entwickeln

sich in Reihenfolge des Gehirnumbaus.

Zuerst reift die Körperbeherrschung,

dann die Sprachkompetenz

und das abstrakte Denken, als Letztes

Sozialkompetenz und Empathie.

Damit beginnt die Erprobung

neuer Fähigkeiten und das Belohnungssystem

der Eltern verliert an

Einfluss. Das ZNS-Areal für Selbstdisziplin,

Selbstkontrolle, Urteilsund

Einfühlungsvermögen, Planen,

Konzentration, Motivation, der frontale

Cortex, reift sehr spät, erst um

das 20. Lebensjahr. Bei den Mädchen

ist dieser Reifungsprozess ein

bis zwei Jahre früher abgeschlossen.

Dr. Elia Bragagna: „Jugendliche

brauchen positive Bewältigungsstrategien

und Begleitung durch

die Phase der Pubertät.“

Welche Rolle spielen die Hormone?

Das wird unterschiedlich bewertet,

aber Hormone spielen eine wichtige

Rolle. Die steigenden Hormonspiegel

bereiten das ZNS während der

Pubertät auf neue Verhaltensweisen

vor. Die hormonellen Hauptakteure,

wie Testosteron, Östrogen, Prolaktin,

Cortisol, Oxytocin, Vasopressin und

der Botenstoff Dopamin beeinflussen

einander immer gegenseitig. Die

Epiphyse schüttet das Hormon Melatonin

täglich zwei Stunden später

aus als vorher, mit der Folge, dass

die Jugendlichen erst später einschlafen

und morgens unausgeschlafen

und müde sind. Mädchen

und Burschen entwickeln einen

grundsätzlich anderen Sprachgebrauch.

Burschen reden eher über

konkrete Dinge und unpersönliche

Themen, während die Mädchen

Mitgefühl ausdrücken. Kein Wunder,

dass sie einander nicht verstehen!

Was passiert bei den männlichen

Jugendlichen konkret?

Männliche Jugendliche erleben einen

Testosteron-Tsunami. Die Schaltkreise

für sexuelles Verlangen sind

doppelt so groß wie bei Frauen. Sie

konzentrieren sich auf sexuell attraktive

Frauen. Das Paarungsverhalten

und das Bedürfnis nach Sexualität

werden stimuliert. Sie müssen sich

Themen wie Konkurrenzkampf, Dominanzstreben

und Statusdenken

stellen und sind dabei auch noch

ungeduldig und reizbar. Der Dopaminspiegel

steigt kontinuierlich und

verstärkt die sexuelle Motivation um

das Zwei- bis Zweieinhalbfache gegenüber

weiblichen Pubertierenden.

95 Prozent der männlichen Pubertierenden

masturbieren etwa drei

Mal täglich, während 71 Prozent der

weiblichen Jugendlichen es ein Mal

täglich machen.

Foto: Hergott Ricardo

26 KONGRESSJOURNALGraz 2014


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JOURNAL

Und bei den Mädchen?

Die jungen Frauen erleben mit dem

Beginn des monatlichen Zyklus

sich täglich verändernde körperliche

und emotionale Rahmenbedingungen.

Sie erleben Gefühle intensiver,

empfinden Stress stärker, machen

sich Sorgen wegen des Aussehens,

denken häufiger an Jungs, reden

mehr, pflegen engeren Kontakt zu

Gleichaltrigen und haben ein stärkeres

Bedürfnis nach sozialer Bindung.

Sie sind bestrebt, eine Beziehung

um jeden Preis aufrecht zu erhalten.

Wie kann der Erwachsene Jugendliche

unterstützen?

Jugendliche brauchen positive Bewältigungsstrategien

und Begleitung

durch die Phase der Pubertät.

Hilfreich ist, wenn Eltern, Pädagogen,

Ärzte, Erwachsene um diese

Männliche Jugendliche erleben einen Testosteron-Tsunami. Sie konzentrieren

sich auf sexuell attraktive Frauen. Das Paarungsverhalten und das Bedürfnis

nach Sexualität werden stimuliert.

neurobiologischen Vorgänge wissen,

milde sind und gleichzeitig für sie

den präfrontalen Cortex konstruktiv

ersetzen. Ärzte können durch eine

sexualmedizinische Haltung im Praxisalltag

sexual relevante Erkrankungen

erkennen, behandeln und dadurch

Sexualstörungen verhindern.

Für die sexuelle Zukunft der Betroffenen

werden hier Weichen gestellt.

Männer, Tattoos, Piercing

Haut und Körper als Symbol

Tattoos und Piercings erfreuen

sich in der westlichen Welt steigender

Beliebtheit. Etwa jeder

fünfte Österreicher trägt eine Tätowierung.

Die Diskussionen über

gesundheitliche Risiken beschäftigen

seit langem die Medizin.

Dr. Georg Pfau, Sexualmediziner und

Männerarzt in Linz: „Beim Tätowieren

werden Farbstoffe in die Haut eingebracht,

die dann von Makrophagen

‚gefressen‘ und so fixiert werden.“

Unter Piercing versteht man das Anbringen

von Schmuckstücken an den

verschiedensten Körperteilen. Es wird

geschätzt, dass in Österreich etwa

500.000 Personen ein Piercing tragen.

Tattoos und Piercings sollen vor

allem die sexuelle Attraktivität betonen.

Männer benützen die Sexualität

zur Selbstdarstellung, sie neigen dazu

ihre „Männlichkeit“ zu unterstreichen.

Die Motive sind daher Totenköpfe

oder Raubtiere. Ganz grundsätzlich

dient das Tätowieren aber auch dem

Protest gegen das Establishment,

dessen Motor das von den bürgerlichen

Schichten gepflegte Stigma

gegenüber Tätowierten ist. Andere

Motive sind die Dokumentation einer

Zusammengehörigkeit, die Institutionalisierung

einer Beziehung oder das

Symbol für die Zugehörigkeit zu einer

okkulten Vereinigung.

Mögliche Komplikationen sind Entzündungen,

Infektionen, Allergien

und Tumore. Georg Pfau: „Fest steht,

dass die Beurteilung der Prävalenz

von Komplikationen schwer fällt,

weil Tattoo- und Piercingstudios außerhalb

der Medizin tätig sind.“ Die

Zusammensetzung der Farbstoffe

wird häufig als „Betriebsgeheimnis“

betrachtet. Ärzte fordern seit langem

die Standardisierung der Farbstoffzusammensetzung.

„Das Hauptproblem

liegt aber ganz woanders.

Früher oder später wollen 50 Prozent

ihre Tattoos wieder los zu werden

- möglichst ohne Narben oder

Rückstände.“ Allerdings ist es nach

Durchsicht der Datenlage bis heute

nicht möglich, Tattoos verlässlich

spur- und narbenlos zu entfernen,

auch nicht unter Zuhilfenahme modernster

Techniken wie Laser.

WEITERE INFOS:

www.maennerarzt-linz.at

www.sexualmedizin-linz.at

27 KONGRESSJOURNALGraz 2014


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JOURNAL

Seltene Erkrankungen in der Allgemeinpraxis

Der Hausarzt sieht’s ein Mal im Jahr

In der Europäischen Union werden seltene Erkrankungen über ihre Häufigkeit definiert.

Ein Krankheitsbild gilt dann als selten, wenn zu einem beliebig wählbaren Stichtag nicht

mehr als fünf von zehntausend Einwohnern in der EU an dieser Krankheit leiden. Es ist also

höchstens eine unter zweitausend Personen betroffen. Europaweit leiden Schätzungen

zufolge aber rund 36 Millionen Menschen an seltenen Erkrankungen.

Hinter dem Sammelbegriff „seltene

Erkrankungen“ verbergen sich

geschätzte 6.000 bis 8.000 unterschiedliche

Krankheitsbilder, die in

ihrer Gesamtheit sechs bis acht Prozent

der (europäischen) Gesamtbevölkerung

betreffen. Ein Großteil

davon ist chronisch, oftmals lebensbedrohlich

und nur selten heilbar –

von der European Medicines Agency

(EMA) wurden in den letzten elf

Jahren 67 Orphan Drugs für die EU

zugelassen.

„Seltene Erkrankungen stellen nicht

nur die Patienten, sondern auch die

Ärzte vor schwierige Herausforderungen“,

erklärt Dr. Erwin Rebhandl,

Arzt für Allgemeinmedizin und Präsident

der AM PLUS (Initiative für

Allgemeinmedizin und Gesundheit).

Der Allgemeinmediziner übernimmt

für Menschen mit seltenen Erkrankungen

eine wichtige Funktion, vom

ersten Verdacht über die Einleitung

der notwendigen Abklärung bis hin

EINFACHE SUCHE AUF WWW.SYMPTOMSUCHE.AT

Für die Suche nach möglichen seltenen

Erkrankungen müssen mindestens zwei

Symptome oder ein Leitsymptom eingegeben

werden. Je mehr Symptome

eingegeben werden, umso größer ist

auch die Wahrscheinlichkeit einer Verdachtsdiagnose.

Die Ergebnisse zeigen

jeweils die für die Begriffe möglicherweise

zutreffenden, im System hinterlegten

Erkrankungen an. Jede Erkrankung wird zudem ausführlich beschrieben und es

finden sich Angaben über spezialisierte Zentren für allfällige Überweisungen.

Dr. Erwin Rebhandl: „Seltene Erkrankungen

stellen nicht nur die Patienten,

sondern auch die Ärzte vor schwierige

Herausforderungen.“

zur langfristigen Begleitung. Häufig

müssen Menschen mit einer seltenen

Erkrankung einen langwierigen

Weg durch das Gesundheitswesen

auf sich nehmen, ehe schlussendlich

eine korrekte Diagnose gestellt wird.

Im Schnitt kann das drei bis vier Jahre

dauern, so der „Ergebnisbericht

Seltene Erkrankungen“, den Gesundheit

Österreich und das Bundesministerium

für Gesundheit 2012 erstellt

haben. Erwin Rebhandl: „Umso

wichtiger ist es, Wissen über diese Erkrankungen

gebündelt zu sammeln,

um Betroffenen so rasch wie möglich

Hilfe zukommen zu lassen.“

Eine Unterstützung zur rascheren

Diagnosestellung ist die Symptomdatenbank

www.symptomsuche.at.

Die Initiative AM PLUS hat dieses Tool

gemeinsam mit pharmazeutischen

Unternehmen geschaffen, um Allgemeinmedizinern

zu helfen, auf

Basis unterschiedlicher Symptome

nach möglichen seltenen Erkrankungen

zu suchen und diese schon

frühzeitig auszuschließen beziehungsweise

einzugrenzen. Zusätzlich

erhalten die Mediziner Ratschläge

zur Überweisung von Patienten

an spezialisierte Zentren.

Erwin Rebhandl: „In einer Hausarztpraxis

findet man durchschnittlich

ein bis zwei Mal im Jahr so eine Erkrankung.“

Die Symptomdatenbank

ist eine einfache Möglichkeit, bei

Verdacht auf seltene Erkrankungen

relativ rasch genauere Informationen

zu generieren und eine erste Anlaufstelle

zu finden, die eine exakte Diagnosestellung

ermöglicht. Die Datenbank

wird mit Unterstützung von

Experten laufend erweitert. Derzeit

sind etwa 24 Krankheitsbilder online

gestellt, weitere werden folgen.

Foto: Unlimited Media

24 KONGRESSJOURNALGraz 2014


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JOURNAL

„Stand der Dinge“: Alle Inhalationssysteme und Inhalationshilfen werden hier erklärt

Fotos: Unlimited Media

Schulungsinitiative Inhalationssysteme

Inhalieren richtig gemacht

Trotz modernster Medikamente ist das Management von Asthma

und COPD leider nicht optimal. Viele Patienten machen Fehler bei

der Bedienung ihrer Inhalationsgeräte. Helfen kann letztlich nur

die richtige Schulung. Die Steirische Akademie für Allgemein -

medizin und die Österreichische Gesellschaft für Pneumologie

(ÖGP) haben deshalb beim 45. Kongress für Allgemeinmedizin

eine Schulungsinitiative gestartet.

Im Foyer der Stadthalle Graz sind

alle Inhalationssysteme und Inhalationshilfen

ausgestellt und werden

erklärt. Die wissenschaftliche

Leitung liegt bei Dr. Daniel Doberer

und Priv.-Doz. Dr. Georg-Christian

Funk. Daniel Doberer: „Das Problem

ist, dass bis zu 70 Prozent

aller Patienten bei der Inhalation

ihres Asthma- oder COPD-Medikaments

Fehler machen. Dadurch

kommt das Medikament gar nicht

erst in die Lunge.“ Oft liegt dies an

der zu komplizierten Handhabung

des Inhalationsgerätes oder auch

an einer fehlenden Schulung. „In

den letzten zwei bis drei Jahren

sind sehr viele neue Geräte auf den

Markt gekommen. Bei dieser breiten

Produktpalette behält selbst ein

Pulmologe kaum den Überblick“,

erklärt der Lungenfachmann. Für

den Hausarzt oder gar den Patienten

wird die richtige Handhabung

mit den neuen Geräten natürlich

immer schwieriger. Aber gerade der

Hausarzt ist oft erster Ansprechpartner

und langjähriger Wegbegleiter

bei der Behandlung von COPD

und Asthma. Daniel Doberer: „Ob

der Patient vom Allgemeinmediziner,

vom Facharzt oder von einem

Atemtherapeuten eingeschult wird,

ist letztlich egal. Wichtig ist, dass die

Schulung am verwendeten Gerät

auch wirklich durchgeführt wird. Dafür

muss der Arzt sorgen, es sollte

nie passieren, dass nur das Medikament

verschrieben wird.“

Am Stand der Schulungsinitiative gibt

es bis Kongressende auch Videos der

ÖGP, eine unterstützende App und

jede Menge Informationsmaterial

rund um Asthma und COPD. Daniel

Doberer sieht seine Funktion vor

Ort aber nicht als Lehrer, sondern als

Teilnehmer an den Diskussionen der

Kolleginnen und Kollegen, in die „wir

als Experten unseren Beitrag einfließen

lassen werden“.

Das Schulungsteam: Ingrid Schmidt, MSc, Dr. Daniel Doberer und Jeanette Valda, MSc

30 KONGRESSJOURNALGraz 2014

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